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Ein Jack Braden Thriller #24: Henkersmahlzeit mit Zyankali

2020 131 Seiten

Zusammenfassung


Ein Privatdetektiv wird ermordet, während er mit Jack Braden telefoniert. Jack will der Sache nachgehen und stößt auf eine Unzahl an Spuren und weitere Leichen. Hängen die Morde mit dem Konkurrenzkampf zweier Seifenfirmen zusammen, oder gibt es noch einen weiteren Grund, aus dem die Menschen sterben mussten?

Leseprobe

Table of Contents

Henkersmahlzeit mit Zyankali

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Henkersmahlzeit mit Zyankali

Ein Jack Braden Thriller #24

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

Ein Privatdetektiv wird ermordet, während er mit Jack Braden telefoniert. Jack will der Sache nachgehen und stößt auf eine Unzahl an Spuren und weitere Leichen. Hängen die Morde mit dem Konkurrenzkampf zweier Seifenfirmen zusammen, oder gibt es noch einen weiteren Grund, aus dem die Menschen sterben mussten?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Mark Coyle – lebt gefährlich und stirbt ziemlich schnell.

Fred Seeley – fabriziert Seife und gerät in eine schmutzige Sache.

Gloria – ist seine Frau, in die er noch immer verliebt ist. Aber Liebe macht blind.

Jonathan Smith – lebt vom Flüstern, aber das ist nicht alles.

Lill Mark – kann äußerst wirkungsvoll schreien.

Rutgers – macht Reklame für Seife und stirbt daran.

Dakin – TV-Star, hat immer zwei Bierflaschen in der karierten Jacke, aber einmal ist die eine davon anscheinend zu viel.

Jack Braden und sein Team – verdienen sauer das Honorar, das sie dann nicht bekommen.

 

 

1

„Wird gemacht, Boss, verlassen Sie sich auf uns!“, sagte der kleine, elegante Mann und schob seinen breitrandigen Stetson ins Genick.

„Wird gemacht“, wiederholte sein Kumpan, der ihn um Haupteslänge überragte, und grinste vergnügt.

Kein Mensch, der dieses kurze Gespräch in der Kneipe ZUR BLAUEN MAUS, nicht weit von der Delancey Street im East End von New York, zufällig mit angehört hätte, würde geglaubt haben, dass soeben ein Todesurteil gefällt worden war.

Der Privatdetektiv Mark Coyle fühlte Dinge auf sich zukommen, denen er nicht mehr gewachsen sein könnte. Er wusste, dass es in seinem Beruf Männer gab, gegen die er selbst eben doch nur ein kleiner Pinscher war.

Er saß in seiner Wohnung in der 44. Straße West und überlegte. Ich muss einen Entschluss fassen!, dachte er und fragte sich, wie viel Zeit ihm noch bliebe. Dann nahm er kurz entschlossen den Telefonhörer von der Gabel und wählte.

Das Klingeln schreckte Jack Braden vom Studium einiger Akten auf. Er nahm ab und meldete sich.

„Hier Mark Coyle. Sie kennen mich doch, Mister Braden? Ich würde Sie nicht belästigen, wenn nicht … Kurz, haben Sie morgen Vormittag eine halbe Stunde Zeit für mich?“

Jack fragte nicht weiter. Die Stimme des Kollegen sagte genug. Sie sprach von Sorge, vielleicht gar von Furcht. „Aber gewiss, Mister Coyle“, antwortete Braden in beiläufigem Ton. „Wenn nichts besonderes dazwischenkommt bin ich zwischen zehn und elf in meinem Office zu erreichen.“

„Das ist …“ Coyle stockte. „Einen Augenblick. Jemand klingelt an meiner Tür.“

Jack Braden behielt den Hörer am Ohr und wartete. Er hörte Schritte und das Klappen einer Tür. Fast unmittelbar danach vernahm er ein Geräusch, das er im ersten Augenblick nicht unterzubringen wusste. Dann folgte ein unterdrückter Schrei und dasselbe dumpfe Geräusch noch einmal.

Jetzt wusste er es. Es war das Puffen, das entsteht, wenn eine Pistole mit Schalldämpfer abgefeuert wird.

„Coyle!“, rief er entsetzt.

Aber er bekam keine Antwort. Er hörte nur, wie der Hörer aufgelegt wurde.

Jack Braden sprang auf, riss im Laufen den Hut vom Kleiderständer, rannte durch die Diele und ließ sich nicht die Zeit, den Lift herauf zu holen. Er sprang, immer eine Stufe überschlagend, die Treppe hinunter. Vor der Tür stand sein grauer Porsche Carrera. Er flog förmlich hinters Steuer und brauste die Third Avenue hinunter und bog dann in die 44te ein.

Coyles Wohnung lag im sechsten Stockwerk. Mit dem Selbstbedienungslift fuhr Braden nach oben.

Auf sein Klingeln meldete sich niemand. Aber als er gegen die Tür drückte, gab diese nach. Jack Braden griff in die Hüfttasche. Aber er merkte, dass er in der Eile versäumt hatte, seine kleine belgische Pistole einzustecken.

Er lauschte, konnte aber nichts hören. Er stieß eine andere, nur halb geschlossene Tür auf und befand sich in Coyles Wohnzimmer.

Auf dem Teppich lag der Privatdetektiv. Braden brauchte nicht zweimal hinzusehen, um zu wissen, dass Coyle tot war. Zwei Schüsse hatten ihn in die Brust getroffen. Seine Augen waren geöffnet, und das Gesicht trug einen fast erstaunten Ausdruck.

Neben ihm am Boden lag seine Brieftasche. Sie war ausgeleert und die Papiere verstreut. Auch die Schreibtischschubladen waren herausgezogen und durchwühlt. Jack Braden hütete sich, etwas anzufassen.

Er warf einen Blick auf den Fernsprecher, schüttelte den Kopf, ging wieder nach draußen und suchte nach dem Hausverwalter. Von dessen Wohnung aus rief er das Polizeihauptquartier in der Center Street an. Er ließ sich mit Detektiv Leutnant Bob Temper, dem Leiter der Mordkommission II, verbinden.

„Hello, Bob! Ich bin hier in Mark Coyles Wohnung. Coyle wurde vor einer Viertelstunde ermordet. Bitte kommen Sie sofort.“

„Okay“, sagte der Leutnant.

„Wissen Sie, wer in der letzten halben Stunde zu Mister Coyle gekommen ist?“, fragte Braden den Hausmeister.

„Ja. Es waren zwei Herren, ein großer und ein kleiner. Der eine hatte einen braunen Stetson auf und einen Trenchcoat an. Der andere trug einen hellgrauen Hut und hellgrauen Mantel. Ich habe ihnen noch den Aufzug herunter geholt.“

„Und wie sahen die Gesichter aus?“

„Ich kann sie nicht beschreiben. Wenn ich sie sehe, könnte ich sie wiedererkennen. Aber …“ Er zuckte die Achseln.

Dann kam die Mordkommission. Leutnant Bob Temper war einer der fähigsten Polizeioffiziere von Manhattan. Man sah ihm das nicht gerade an. Er war kaum mittelgroß, untersetzt und hatte das rosige Gesicht eines neugeborenen Kindes. Wenn aber jemand glaubte, er könne Leutnant Temper für dumm verkaufen, so hatte er sich geirrt.

„Es sieht aus wie eine Racheakt“, meinte der Leutnant. „Vielleicht hängt es mit einem der Fälle zusammen, die Coyle zur Zeit bearbeitet. Er hat doch, so viel ich weiß, eine Sekretärin?!“

Das stimmte, aber niemand kannte ihren Namen oder ihre Wohnung. Während die Polizei auch Coyles Büroraum untersuchte, verabschiedete sich Jack Braden.

„Ich kann Ihnen hier doch nichts mehr helfen, Leutnant“, sagte er. „Solche Untersuchungen macht die Polizei besser als wir. Ich muss bei der Arbeit andere Wege gehen. Aber schließlich habe ich in diesem Fall noch keinen Auftrag.“

„Dann gehen Sie meinetwegen“, erlaubte Temper. „Kommen Sie aber morgen Vormittag zu mir, damit wir Ihre Aussage protokollieren.“

 

 

2

Es war halb zwei. Die Luft war herrlich und der Himmel voller Sterne. Jack Braden war mit seiner blonden Sekretärin Dawn Barris in der Metropolitan gewesen. Danach hatten sie noch ein spätes Supper gehabt. Er hatte sich seine Sorgen nicht anmerken lassen – sie endlich beinahe selber vergessen.

Braden bog in die 57te Straße ein. Gerade war er an der Ecke des Central Park vorüber, als die beschauliche Ruhe aufgestört wurde.

Hätten sie diesen Laut in der Nähe der Schlachthöfe vernommen, so wäre er ihnen nicht aufgefallen, aber es war wohl nicht anzunehmen, dass in dieser Gegend zu nächtlicher Stunde ein Schwein geschlachtet würde.

Dann ging das merkwürdige Quietschen in ein gellendes Geschrei über. Es schien aus einem der benachbarten Häuser zu kommen. Unwillkürlich trat der Detektiv auf die Bremse.

„Man könnte meinen, da würde jemand totgeschlagen“, sagte Sunny und bemühte sich, eine gleichgültige Miene zu machen. Aber sie war sehr blass geworden.

Das Geschrei war in ein stoßweises Heulen übergegangen. Es konnte nur aus dem Maus Nr. 63 kommen. Das war eine Villa, die etwas abseits in einem Garten lag.

Jack Braden rannte darauf zu, und Dawn Barris folgte. Vor der Haustür parkte ein großer Cadillac. Die Tür war nur angelehnt, in der Halle kein Mensch zu sehen.

Braden stieß die Tür zur Linken auf und blieb wie angewurzelt stehen. Nur zwei Personen befanden sich in dem elegant eingerichteten Zimmer. Es war ein älterer Herr im Smoking, der sich verzweifelt bemühte, einer wild um sich schlagenden Frau die Hand auf den Mund zu pressen und ihr Geschrei zu ersticken.

Diese Frau war tizianrot und mochte recht hübsch sein. Jetzt war ihr Gesicht verzerrt und ihre weiße Nylonbluse über der rechten Schulter zerfetzt.

Die Situation war eindeutig.

Als der Mann im Smoking die ungebetenen Besucher sah, ließ er sein Opfer los, taumelte in einen Sessel und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Was geht hier vor?“

„Er hat mich hierher gelockt und wurde zudringlich. Sie sind gerade noch zur rechten Zeit gekommen!“, wimmerte sie.

„Er hat Ihnen also Gewalt antun wollen?“, fragte Braden.

„Reden Sie nicht so dämlich“, keifte sie. „Holen Sie lieber die Polizei.“

Jetzt, da sie sich sicher fühlte, spuckte sie plötzlich Gift und Galle.

In nächster Nähe heulte eine Sirene. Sicher hatte einer der Nachbarn Alarm geschlagen.

Draußen quietschten Bremsen, stampften schwere Schritte. Drei Cops, die Gummiknüppel am Handgelenk, kamen herein.

„Es wurde uns gemeldet, in diesem Haus werde ein Mord begangen“, sagte der Sergeant.

„Nicht gerade ein Mord“, sagte der Detektiv grinsend. „Die zwei hatten eine Auseinandersetzung. Wir hörten im Vorbeifahren das Geschrei, kamen herein und trennten sie. Am besten fragen Sie sie selbst.“

Jack Braden warf noch einen schnellen Blick auf das rothaarige Mädchen, das sich schnell von seinem Schreck erholt hatte, und einen zweiten auf den Mann, der sich auf so dumme Manier in die Nesseln gesetzt hatte. Dann fasste er seine Sekretärin leise am Ellbogen und dirigierte sie nach draußen.

Im Gehen sah er sich das Namensschild neben der Klingel an. Fred Seeley stand darauf. Das sagte ihm absolut nichts.

„So ein Dummkopf!“ Dawn schüttelte den Kopf. „Der Mann ist doch bestimmt fünfzig Jahre alt. Wie kann er so etwas tun, und auch noch in seinem eigenen Haus!“

„Und außerdem ist er verheiratet. Er trägt einen Trauring, und auf dem Tisch steht das in Silber gerahmte Bild einer Dame. Ich glaube, die Kleine hat sich an ihn herangemacht, um ihn zu erpressen.“

„Das ist aber immer noch kein Grund, so mit ihr umzugehen“, widersprach Bradens Sekretärin entrüstet.

„Davon verstehen Sie unschuldiges kleines Mädchen nichts“, beschwichtigte er. „Dieses Risiko nimmt eine derartige Goldgräberin eben auf sich.“

Am Morgen um neun Uhr war Jack Braden wieder in seinem Office. Er hatte es leicht, pünktlich zu sein, denn er wohnte im selben Haus, 241 East, 74te Street.

Dawn Barris saß bereits an ihrem Schreibtisch und studierte mit großem Interesse eine Zeitung.

„Haben Sie das schon gelesen, Jack?“, fragte sie.

„Nur die Nachrichten über den armen Mark Coyle. Gibt es sonst noch etwas?“

„Das müssen Sie selbst sehen.“

Es war die FANFARE, ein sogenanntes Boulevardblatt. Auf dem Titelblatt stand in roten, großen Buchstaben: MILLIONENSCHWERER GROSSINDUSTRIELLER VERGREIFT SICH AN UNSCHULDIGEM MÄDCHEN!

Dann folgte eine eingehende Beschreibung der „ungeheuerlichen Brutalität“, mit der „der alte Wüstling“ die tizianrote Maid überfallen hatte. Der Name des Mädchens wurde mit Lill Mark angegeben. Bei Mr. Fred Seeley war man nicht so diskret. Die FANFARE schrieb, er sei Direktor der DELICATE COSMETICS Inc., die die bekannte LOLITA-Seife herstellten. Der Redakteur des berüchtigten Schmierenblatts regte sich gewaltig darüber auf, dass der „Verbrecher“ gegen eine Kaution von 20 000 Dollars freigelassen worden war.

Auch der TORCH hieb in dieselbe Kerbe. Alle beide berichteten erstaunliche Einzelheiten, während DAILY MIRROR, NEW YORK HERALD und DAILY NEWS zwar einen kurzen Polizeibericht brachten, aber ohne Namen, und sich jeden Kommentars enthielten.

„Warum machen Sie ein so nachdenkliches Gesicht, Jack?“, fragte Dawn Barris.

„Ich begreife da etwas nicht, Sunny. Die Information kann nur vom Vice Squad, der Sittenpolizei, stammen. Das scheint mir aber reichlich unwahrscheinlich zu sein.“

Jack Braden griff nach dem Telefon und ließ sich mit Captain Broonswick verbinden.

„Hello, Captain! Haben Sie die FANFARE über den Fall Seeley informiert?“

„Den Teufel habe ich“, schimpfte der. „Sowohl die FANFARE als auch der TORCH haben nur die gleiche Notiz bekommen wie die anderen. Warum interessiert Sie das übrigens, Mister Braden?“

„Ich hatte gestern Abend das Vergnügen, genau im richtigen Moment zu kommen, um den Höhepunkt des Melodramas zu erleben. Der Sergeant des Streifenwagens hat Miss Barris und mich als Zeugen notiert.“

„Im Protokoll steht nichts davon“, sagte Captain Broonswick. „Aber die Situation war ja schließlich so klar, dass man auf Zeugen verzichten könnte.“

„Und was sagt der Beschuldigte dazu?“

„Nichts. Sein Anwalt hat den District Attorney beschwatzt, so dass er ihn gegen Kaution losließ. Das wird ihm aber wenig nutzen. Die Aussage des Mädchens wird ihm das Genick brechen.“

„Und wo ist sie?“

„Sie liegt mit einem Nervenschock im Bellevue Hospital.“

„Konnten Sie sie denn überhaupt vernehmen?“

„Ja. Der Arzt hatte nichts dagegen.“

„Hat sie im Krankenhaus noch anderen Besuch gehabt?“

„Ich weiß es nicht. Wir haben auf ihre Bitte hin ihre Schlummermutter benachrichtigt. Vielleicht war die da.“

„Dann geben Sie mir doch bitte die Adresse.“

„Hat Seeley Sie etwa engagiert, um ihn herauszupauken?“, fragte Captain Broonswick misstrauisch.

„Durchaus nicht. Ich interessiere mich rein privat dafür.“

„Na, dann meinetwegen. Sie heißt Lill Mark und wohnt in der Henry Street dreiundzwanzig bei Mistress Warren.“

„Keine sehr vornehme Gegend“, meinte Braden.

„Na ja, es kann nicht jeder in Richmond wohnen.“

Jack Braden grunzte etwas und legte auf.

Eigentlich ging ihn die Sache nichts an. Aber er hatte das Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmte.

Nun, man würde ja sehen. Seeley hatte einen tüchtigen Anwalt, der ihn schon irgendwie herauspauken würde.

Es waren erst wenige Minuten vergangen, als Dawn Barris in sein Privatbüro kam.

„Ich weiß nicht, Jack, die Sache mit diesem Seeley geht mir nicht aus dem Kopf. Je mehr ich darüber nachdenke, um so unklarer erscheint sie mir. Ich bin sicher, die Polizei ist so überzeugt von seiner Schuld, dass sie sich noch nicht über das Mädchen erkundigt hat.“

„Wollen Sie sich etwa darum kümmern, Sunny? Ich kann Sie aber unmöglich in die Henry Street im finstersten East End schicken“, wandte Jack Braden ein.

„Nein, aber Sie könnten George darum bitten. Der wäre gerade der richtige Mann dafür.“

„Wenn Sie meinen, Sunny“, sagte Braden.

Es war doch nicht so leicht, diese Sache gewaltsam beiseite zu schieben. Vielleicht war Dawns Verdacht derselbe, der auch ihm durch den Kopf geschossen war, richtig. Dann war zweifellos George Patterson, wie Sunny gesagt hatte, der richtige Mann, um diesen Verdacht zu verstärken oder zu entkräften.

George Patterson, jetzt fünfzig Jahre alt, war früher Sergeant der Stadtpolizei gewesen. Jetzt war er Besitzer eines kleinen Waffengeschäftes in der 21ten West 473. Waffen, besonders antike Waffen, waren Bradens Hobby. Daher rührte seine Bekanntschaft mit Patterson, bei dem er manchmal etwas für seine Antiquitätensammlung erstanden hatte.

Aber George Patterson war im tiefsten Grund seines Herzens Polizist geblieben und jederzeit bereit, einen Auftrag für Braden auszuführen. Also schlug Jack seiner Sekretärin vor:

„Rufen Sie George an und bitten Sie ihn, sich die Schlummermutter des Rotkopfs anzusehen und etwas herumzuhören. Wenn Sie das tun, Sunny, wird er bestimmt nicht Nein sagen.“

„Danke, Jack. Ich hätte sonst auch keine Ruhe gehabt.“ Damit wischte sie hinaus.

Es dauerte gar nicht lange, bis sie zurückkam.

„George wird sich Mühe geben“, sagte sie.

Dann klingelte das Telefon. „Ein munterer Beruf“, sagte Braden, hob ab und nannte seinen Namen – nicht eben in freundlichem Ton.

„Sie wollten wegen des Mordes an Coyle zu mir kommen, Mister Braden“, sagte Detektiv Leutnant Temper. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, es ist ja noch früh am Tage. Aber Sie werden nichts dagegen haben, bei der genauen Durchsuchung von Coyles Office und bei der Vernehmung seiner Sekretärin dabei zu sein. Wir haben das Mädchen inzwischen aufgetrieben.“

„Gewiss. Ich kann im Augenblick doch nichts anderes tun.“

„Dann kommen Sie bitte in einer halben Stunde zur vierundvierzigsten Straße.“

„In Ordnung.“

Jack Braden sagte Sunny Bescheid und eilte davon.

Leutnant Temper war bereits angekommen. Die Tür zum Office des ermordeten Privatdetektivs war weit geöffnet. In der Ecke stand ein kleiner Kassenschrank, in der Mitte der Schreibtisch und um diesen Schreibtisch herum eine kleine Gruppe: Leutnant Temper, sein Sergeant Al Brown und ein junges, schwarzlockiges Mädchen.

„Hello, Mister Braden!“, grüßte der Leutnant. „Wir fangen gerade an. Dies ist Miss Helen O'Dwier, die seit fast einem Jahr bei Coyle arbeitete. Wissen Sie, Miss O'Dwier, mit was für Fällen Ihr Chef sich zur Zeit beschäftigte?“

„Da war erstens eine Ehescheidungssache. Eine Mistress Exsom hatte Auftrag gegeben, die Freundin ihres Mannes ausfindig zu machen. Mister Coyle ermittelte die Frau und fand heraus, wo sich der Ehemann mit ihr traf. Wer sie ist, weiß ich allerdings nicht. Ganz gegen seine Gewohnheit trug Mister Coyle die Unterlagen bei sich. Er sagte nur, die Sache sei aufgeklärt, und schrieb einen Brief, den er wohl selbst eingeworfen hat.

Vor drei Tagen passierte nun etwas, worüber Mister Coyle sehr ärgerlich war. Ein Mann besuchte ihn und bot ihm einen großen Betrag, wenn er sich verpflichte, in der Sache Exsom nichts zu unternehmen. Mister Coyle sagte nur, er habe dieses Ansinnen abgelehnt.“

„Gibt es eine Kopie dieses Briefes, den Coyle schrieb“, fragte der Leutnant.

„Ich habe keine gesehen.“

„Haben Sie diesen Exsom jemals gesehen?“

„Nein. Soviel ich aus Mister Coyles Bemerkungen entnahm, ist er sehr viel jünger als seine Frau. Er soll gut aussehen, aber nicht gerade der Klügste sein. Er führt irgendein gutgehendes Geschäft, das jedoch der Frau gehört. Sie machte ihm das Leben zur Hölle, und darum suchte er sich eine andere.“

„Die Sache scheidet als Motiv wohl aus“, sagte Leutnant Temper. „Was gibt es sonst noch?“

„Nichts von großer Bedeutung. Da ist noch eine Diebstahlaffäre in einer der Filialen von Woolworth, ein Schmuckdiebstahl und eine Alimentensache.“

„Sonst nichts?“

„Das ist alles, wenigstens alles, wovon ich weiß. Ich hatte allerdings den Eindruck, als ob der Chef noch einen anderen Fall bearbeite, über den er nicht sprach. Er führte Telefongespräche und schickte mich vorher weg. Er war unterwegs, ohne mir zu sagen, wohin und warum.“

„Wo werden die Akten über die laufenden Fälle aufbewahrt?“

„Im Kassenschrank, aber Sie werden darin nichts fanden, worüber ich nicht orientiert bin. Ich habe einen Schlüssel und sorge dafür, dass alles in Ordnung bleibt.“

„Trotzdem! Brown, Sie können das später mit Miss O'Dwier erledigen.“

Dann machte sich der Leutnant über den Schreibtisch her. Während Temper den Terminkalender und den Telefonblock studierte, zog Braden die mittlere Schreibtischschublade auf. Sie enthielt nur Büroklammern, Heftzwecken und derartige Kleinigkeiten. Als der Detektiv sie wieder schließen wollte, klemmte sie.

„Lassen Sie mich das machen“, sagte die Sekretärin. „Man muss den Kniff nur heraushaben.“

Aber Braden war dickköpfig. Er riss an der Lade mit dem Erfolg, dass sie ganz herausglitt und ihm mit der Kante schmerzhaft auf den großen Zeh fiel. Für einen Augenblick vergaß Jack Braden seine gute Erziehung und schimpfte. Dann aber verflog sein Zorn so schnell, wie er gekommen war.

Der Inhalt der Lade hatte sich über den Boden verstreut. Und dabei kam etwas zu Tage, das jetzt seine Aufmerksamkeit fesselte.

Es waren zwei Kartons, die ohne Zweifel Seife enthielten. Auf dem einen stand INDIAN FLOWERS und auf dem anderen LOLITA.

Jeder der Kartons hatte ursprünglich drei Stück Seife enthalten. Jetzt waren nur noch je zwei da. Statt des fehlenden Stücks lagen je ein zusammengefalteter Briefbogen darin. Beide Bögen trugen den Kopf der Chemical Research Cy. und enthielten eine Beurteilung der beiden Fabrikate.

Wie Braden beim Überfliegen feststellte, kam dabei INDIAN FLOWERS schlecht weg. Der Bericht sagte, die Seife sei nicht fachgerecht zusammengestellt und keineswegs so gut wie die der Konkurrenz.

„Was haben Sie denn, Mister Braden?“, fragte der Leutnant. „Man könnte meinen, Sie hätten etwas entdeckt.“

„Ja, eine ungeheure Schweinerei. Zwar weiß ich deshalb noch nicht, wer Coyle ermordet hat, aber ich weiß, warum. Haben Sie, Miss O'Dwier eine Ahnung, was das zu bedeuten hat?“ Er hielt Coyles Sekretärin die Schachteln unter die Nase.

„Es ist das erste Mal, dass ich diese Kartons sehe. Mister Coyle hat sie mir niemals gezeigt.“

Braden nahm Leutnant Temper am Arm und führte ihn nach draußen. Dann berichtete er von der, wie er glaubte, nur gemimten Vergewaltigung durch einen Boss der Lolita-Fabrik.

Irgendwie gehörten diese beide Fälle zusammen! Jack Braden roch das geradezu. Aber eine gute Nase ist noch kein Beweis.

 

 

3

Kaum war der Privatdetektiv wieder in seinem eigenen Büro, da trudelte George Patterson ein. Seine mächtige Gestalt schob sich wie ein Panzerwagen durch die Tür, und sein gewöhnlich grimmiges Gesicht verzog sich zu einem freundlichen Lächeln. Er nahm die schwarze, übelriechende Zigarre aus dem Mund, setzte sich und meinte: „In einen netten Laden haben Sie mich da geschickt! Ich war in der Henry Street und habe der Dame Warren einen Besuch abgestattet.“

„Na und?“, fragte Jack Braden. „War es der Mühe wert?“

„Jedenfalls amüsant. Wenn dieser Rotkopf ein zahmes Schäfchen ist, das sich wehrt, sobald ein Mann ihm zu nahe kommt, dann bin ich der Kommandeur der Heilsarmee. In der Gegend ist sie als ausgekochter Golddigger bekannt. Sie feiert die Feste, wie sie fallen, und lässt sich mit jedem Mann ein, der etwas in der Brieftasche hat, und das dürfte ja für Mister Seeley zutreffen.“

„So ähnlich hatte ich es mir schon gedacht“, sagte Braden nachdenklich.

„Die rote Lill, wie sie in der Umgegend heißt, hat neuerdings eine Nebenbeschäftigung, und diese Nebenbeschäftigung muss recht einträglich sein. Sie geht jeden Tag ein paar Stunden spazieren und verdient damit zwanzig Dollar.“

„Die meisten Mädchen dieser Sorte verdienen ihr Geld beim Spazierengehen“, lächelte Braden.

Aber da schüttelte Patterson energisch den Kopf. „Das war natürlich auch mein erster Gedanke, aber die Alte behauptete, sie verdiene auf eine solide Tour.“

„Glauben Sie das?“

„Es gibt auch solide Touren, die link sind. Ich möchte nur wissen, was sie treibt.“

„Gehen Sie hin und fragen Sie!“, schlug Braden vor.

„Vielleicht hatte sie es auf Erpressung abgesehen.“

„Ausgeschlossen!“, erwiderte der Detektiv. „Dann hätte sie nicht die ganze Nachbarschaft zusammengeschrien. Sie hätte einfach gedroht. Ich habe den Eindruck, sie hat es darauf angelegt, Seeley unmöglich zu machen.“

„Ich habe keine Ahnung“, brummte George Patterson. „Aber wir werden es erfahren. Ich gehe einmal zu meinen alten Freunden von der Sittenpolizei.“

Patterson ging, und natürlich wollte Sunny von ihrem Chef wissen, was George entdeckt hatte. Braden erzählte es ihr.

„Sieht verdammt nach einer abgekarteten Gemeinheit aus!“, war ihre Ansicht.

 

 

4

Auch Sunny war nicht untätig gewesen. Sie benützte zwar keine LOLITA-Seife, aber irgendwie kam ihr dieser Name bekannter vor, als wenn sie nur die Reklame mitgekriegt hätte. Richtig, Gwen Highland, ihre ehemalige Schulkameradin, war als Stenotypistin bei der Reklamefirma gelandet, die unter anderem die Werbung für LOLITA besorgte. Ein Anruf …

Und eine höchst interessante Auskunft! Dann kam wenig später ein Bote. Und Sunny erschien vor ihrem Chef, zwinkerte bedeutungsvoll und sagte: „Ich habe zufällig zwei Karten für den Sendesaal der Television Cy. WABD für heute Abend bekommen. Ich dachte, Sie würden sich darüber freuen. Es ist eine der berühmtesten Interviewshows, zu der einige prominente Mitbürger erscheinen werden.“

„Und wer stellt die Fragen?“, fragte Braden, als glaube er an Sunnys „Zufall“.

„Roger Dakin. Ich glaube, wir werden Spaß haben!“

„Wir schon!“, lachte Jack Braden. „Nicht aber die Lämmer, die er zur Schlachtbank führt. Ist etwa einer dabei, der uns interessiert?“

Sunny nickte, nannte aber keinen Namen. „Es fängt um neun Uhr an.“

„Also gut, Sunny. Gehen wir hin.“

Roger Dakin war einer der beliebtesten Quizmaster und Interviewer. Allerdings gründete sich seine Beliebtheit auf die unverschämte Art, in der er mit seinen Opfern umsprang.

Braden wusste genau, wie Dakin das machte. Er bat prominente Leute, Politiker, Industrielle oder Künstler, sich ihm für ein Interview zur Verfügung zu stellen. Er betonte dabei, dass sie dadurch zu einer kostenlosen Publicity kommen würden, und in den meisten Fällen fielen die Leute darauf hinein. Obwohl sie alle Dakin kannten, hielten sie sich für gewitzt genug, um mit ihm fertig zu werden.

Die armen Lämmer! Sie mussten im Licht der Scheinwerfer stehen, während Dakin mit allen Taschen voller Munition darauf lauerte, sie abzuschießen. Sie wussten auch nicht, dass Schwärme von Rechercheuren ihr Leben bis ins Säuglingsalter zurückverfolgt und jeden dunklen Punkt, den sie hatten und an den sie sich gar nicht mehr erinnerten, herausgefunden hatten.

Dakin holte dann mit lächelnder Miene die Skelette aus dem Wandschrank und konfrontierte sie zusammen mit dem verblüfften Gesicht seines Opfers den Millionen, die vor dem Fernsehschirm saßen.

Als Dawn Barris und Jack Braden im TV Studio ankamen, war der große Saal bis zum letzten Stuhl besetzt und erfüllt von erwartungsvollem Gemurmel. Pünktlich um neun Uhr ging das Licht aus, und die Scheinwerfer flammten auf. Roger Dakin erschien strahlend lächelnd, angetan mit seiner zebragestreiften Jacke und den traditionellen Bierflaschen in den Jackentaschen.

Es fing recht harmlos an. Als erste kam Miss Marjorie Small, die Mitarbeiterin der LADIES SUNDAY POST, an die Reihe. Es ging um ein Rezept, das die Zeitschrift veröffentlicht hatte, und das Interview verlief ohne Zwischenfall.

Dann trat Dakin drei Schritte zurück, zog eine der Flaschen heraus und setzte sie an den Hals. Danach leckte er sich die Lippen und musterte sein Opfer, als ob er es zum ersten Male sehe.

„Sie heißen Small?“, grinste er diabolisch.

„Wie viel wiegen Sie eigentlich … Miss Small?“

Die Dame erblasste und wurde dann rot wie eine Tomate. Das Publikum brüllte vor Vergnügen. Wenn man bedenkt, dass Small klein und zierlich bedeutet und in Betracht zieht, dass diese Frau bei einer Größe von höchstens fünfeinhalb Fuß mindestens hundertneunzig Pfund wog, so ist die Heiterkeit des Publikums und die Gemeinheit der Frage zu verstehen.

„Ich danke Ihnen schön, Miss Small“, lächelte Dakin, und die Blamierte beeilte sich, zu verschwinden.

Dann ging es weiter. Inzwischen hatte Dakin die zweite Bierflasche geöffnet und sich gestärkt.

„Mister Rutgers!“, rief er.

Ein gewichtiger, glatzköpfiger Herr in der ersten Reihe erhob sich und stieg, scheinbar zögernd, die paar Stufen hinauf. Er hatte wohl Angst vor der eigenen Courage bekommen.

„Mister Rutgers, wollen Sie uns sagen, welches Ihr Fach ist?“

„Ich bin Direktor der NEW YORK ADVERTISING Cy.“

„Dies also, meine Herrschaften, ist der Mann, der Ihnen erzählt, welche Automarke Sie fahren sollen und welche Brotsorte Sie essen dürfen, damit Sie Ihre schlanke Linie behalten. Stimmt doch, Mister Rutgers?“

Der Gefragte lächelte geschmeichelt. „Ungefähr. Wir machen Reklame für Markenartikel und sind selbstverständlich davon überzeugt, dass die empfohlene Ware erstklassig ist.“

„Und sicherlich benutzen Sie auch selbst, was Sie dem Publikum empfehlen.“

„Selbstverständlich. Ich ziehe die Produkte der Firmen, die uns Aufträge erteilen, vor.“

„Welche Automarke bevorzugen Sie, Mister Rutgers?“

„Wir haben zweiundzwanzig Wagen, sämtliche von General Motors.“

„Aha! Und nun zu den kleinen Dingen des täglichen Bedarfs. Welche Marke trägt Ihr Rasierapparat?“

„Remington.“

„Mit welcher Seife wuschen Sie sich heute morgen?“

Der Gefragte zauderte einen Augenblick und zog die Brauen zusammen.

„Im Allgemeinen benutze ich …“

„Ich will wissen, was Sie heute gebrauchten!“, unterbrach Dakin kategorisch.

„Tja, heute morgen … ja, heute benutzte ich INDIAN FLOWERS, aber …“ Rutgers konnte nicht ausreden, denn Dakin unterbrach ihn.

„Soso, Mister Rutgers! Sie benutzen INDIAN FLOWERS, aber soviel mir bekannt ist, machen Sie Reklame für LOLITA. Wenn Sie also statt dieser Marke INDIAN FLOWERS benutzen, so muss diese doch viel besser sein.“

Direktor Rutgers wurde rot und blass. Er hob die Hand und begann aufgeregt zu reden.

Aber Dakin übertönte ihn. Es hatte nur eines kleinen Drucks auf den Hebel des Mikrophons bedurft, um dieses auf volle Lautstärke zu bringen.

„Ich danke Ihnen, Mister Rutgers. Ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.“

Eine Handbewegung. Die Musikkapelle schmetterte einen Marsch. Rutgers machte eine hilflose Gebärde und stieg die Stufen vom Podium hinab. Plötzlich fuhr er mit der Hand nach dem Herzen, rang nach Luft und brach zusammen.

Ein Herr kniete neben dem scheinbar Ohnmächtigen und prüfte den Puls. Dann zog er das Lid über dem linken Auge empor.

„Herzschlag! Der Mann ist tot“, sagte er lakonisch.

Roger Dakin war verschwunden, die Scheinwerfer erloschen. Nur die Kapelle dröhnte weiter.

„Das war nichts anderes als Mord!“, stieß Dawn heraus, als die beiden nach draußen gingen. „Es war gemeiner, vorbedachter Mord. Der Mann starb an der Aufregung über Dakins Gemeinheit.“

„Dakin legte es darauf an, ihm das Geständnis zu entlocken, dass er nicht die Marke benutzte, für die er die Reklame macht, sondern die der Konkurrenz“, sagte Jack Braden. „Ich möchte nur wissen, woher Dakin das wusste und warum Rutgers gerade heute diese Marke gebrauchte. Dass er es sonst nicht tat, konnte man aus den halben Sätzen erkennen, die Dakin ihm abschnitt. Er wollte ihn eben reinlegen.“

„Und damit hat er ihn getötet“, beharrte Dawn Barris.

„Ich bezweifele, dass er das beabsichtigte“, sagte Braden und schloss den Wagen auf. „Mir gibt etwas ganz anderes ein Rätsel auf. Hören Sie gut zu, Sunny. Gestern wurde Direktor Seeley, der die LOLITA-Seife herstellt, durch einen gemeinen Streich unmöglich gemacht. Heute passiert das gleiche auf andere Manier mit Rutgers, der für LOLITA-Seife und damit für Seeley Reklame macht.

Wenn man beides addiert, so sieht es verdammt nach einem Konkurrenzmanöver aus. Noch ein paar solcher Vorfälle, und niemand wird sich mehr mit LOLITA-Seife waschen.“

„Aber das fällt Ihnen doch nicht erst jetzt ein, Chef!“, sagte Sunny. „Nachdem bei der Durchsuchung von Coyles Büro herausgekommen ist, dass …“

„Sie werden noch eine Konkurrenz-Detektei aufmachen, Sunny. Sie haben doch gewusst, dass bei diesem Quiz ein LOLITA-Mann an die Reihe kommen sollte?“

Sunny nickte und machte in Abendröte, was zu ihrem Vornamen Dawn passte.

Sie fuhren in den BLUE ANGEL in der 55ten Straße, ein ziemlich biederes Lokal. Braden studierte die Getränkekarte und bestellte Flips.

Die Drinks kamen, und Dawn kostete vorsichtig durch den Strohhalm, als Braden sie leise anstieß und mit einem Blick auf den Nebentisch wies. Dort saß eine kleine Gesellschaft typischer Spießbürger. Nur ein Wort war an sein Ohr gedrungen. „Lolita.“

Beide lauschten sie.

„Wie kommst du auf diese Idee, Ellen?“, fragte eine dicke, geschmacklos gekleidete Frau das neben ihr sitzende junge Mädchen.

„Ich habe es beim Friseur gehört. Zwei Frauen unterhielten sich darüber. Sie waren sich einig, dass LOLITA-Seife schlecht für den Teint ist. Die eine hatte sogar von ihrem Arzt den Rat bekommen, sie nicht mehr zu benutzen.“

„Unbegreiflich!“ Die Alte schüttelte den Kopf. „Ich gebrauche LOLITA schon seit Jahren. Aber wenn es der Arzt sagt …“

Das Gespräch wandte sich anderen Dingen zu.

„Glauben Sie mir jetzt, Sunny?“, fragte Braden. „Es ist doch ganz klar, was da gespielt wird. Man will LOLITA mit allen Mitteln fertig machen.“

„Aber die PHARMACEUTICAL CY ist doch eine seriöse Firma. Die können doch nicht riskieren, zu solchen Mitteln zu greifen, um ihre INDIAN FLOWERS-Seife an den Mann zu bringen.“

„Natürlich nicht!“, entgegnete Braden. „Aber man kann einer auf Reklame spezialisierten Firma den Auftrag erteilen, dafür zu sorgen, dass der eigene Umsatz auf Kosten der Konkurrenz steigt. Wie diese Firma das macht, fragt niemand.“

„Und was für Leute sind das?“

„Man nennt sie Whispering Merchants, Händler in Gerüchten oder auch Rufmörder. Sie werden durch besondere Agenturen eingesetzt. Dass es solche Unternehmen gibt, ist mir bekannt. Ich wusste nur nicht, dass sie sich auch in New York etabliert haben.“

„Dagegen muss man doch etwas tun!“, ereiferte sich Dawn Barris. „Soll ich morgen einen Bericht an die Stadtpolizei machen?“

„Die würden uns auslachen. Es ist zwar unlauterer Wettbewerb, aber sehr schwer nachweisbar. Ich werde etwas anderes tun. Ich werde Tony um Rat fragen, der muss es ja wissen.“

Tony hieß genau genommen Anthony Gilford, war 45 Jahre alt, hatte graumeliertes, welliges Haar und ein kleines Schnurrbärtchen. Man sah und hörte ihm an, dass er in England, und zwar in Oxford studiert hatte. Er war in jeder Hinsicht ein Gentleman. Trotz dieser unwahrscheinlichen Eigenschaften war Anthony Gilford First Agent bei der New Yorker Zentrale des Federal Bureau of Investigation. Außerdem war er Jack Bradens Freund.

„Tun Sie das, Jack. Ich bin neugierig, was er dazu sagen wird.“

 

 

5

Am neuen Morgen setzte sich Braden aber erst mit Bob Temper in Verbindung und berichtete ihm schon am Telefon, was sich alles ereignet hatte.

Besonders interessiert zeigte sich der Leutnant an den Berichten, die Patterson über den Rotkopf gegeben hatte. „Ich möchte Sie bitten, Braden“, sagte Temper, „mich jetzt bei Captain Broonswick zu treffen. Es ist besser, wenn ich zugegen bin. Sie kennen ja Broonswick.“

Natürlich kannte Braden diesen Beamten und wusste, dass Broonswick einen kleinen Pick auf Privatdetektive hatte, die er für ein Übel hielt.

„Es geht um den Fall des Direktors Fred Seeley“, sagte Temper. „Wie weit ist die Sache gediehen?“

„Die Untersuchung ist abgeschlossen“, erwiderte der Captain formell. „Um elf Uhr fünfzehn ist die Verhandlung vor dem Municipal Court, der aber bestimmt keine Entscheidung treffen, sondern den Fall an das Schwurgericht weitergeben wird.“

„Wären Sie trotzdem so freundlich, uns einige Auskünfte zu geben?“, fragte er.

„Die Akten liegen beim Gericht. Wenn Sie sich beeilen, kommen Sie noch gerade recht zur Verhandlung.“

„Danke, Captain.“

 

 

6

Der Gerichtssaal bot das übliche Bild. Der Zuschauerraum war gut besetzt. Der Richter thronte auf seinem Podium. Gerade als Braden eintrat, wurde der „Fall Seeley“ aufgerufen.

Der Direktor der Cosmetics Inc. erschien mit seinem Anwalt. Seeley war bleich und unsicher. Der Anwalt redete leise auf ihn ein. Die Anklage lautete auf versuchte Vergewaltigung, Körperverletzung und Bedrohung. Der Angeklagte plädierte auf „nicht schuldig“.

Dann kamen die Zeugen, als erste die rothaarige Lill Mark. Sie würdigte den Angeklagten keines Blicks. Dann erzählte sie.

Ihre Version war, dass Seeley sich in einem Drugstore in Fourch Avenue neben sie an die Bar gesetzt und eine Unterhaltung begonnen hatte. Sie sagte, sie habe dabei nichts gefunden, als er aber zudringlich wurde und sie zu sich nach Hause einlud, habe sie das Gespräch abgebrochen. Sie sei gegangen, ohne sich umzusehen.

Details

Seiten
131
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945836
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
jack braden thriller henkersmahlzeit zyankali

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #24: Henkersmahlzeit mit Zyankali