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Carringo auf der Jagd

2020 122 Seiten

Leseprobe

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Carringo auf der Jagd

Copyright

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Carringo auf der Jagd

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Der Wildpferdefänger Carringo soll im Auftrag von Tom Garfield einen ganz besonderen Hengst fangen, Gun, den Anführer einer Herde. Doch dann wird ein US-Marshal erschossen, und Garfield steht unter Verdacht. Der behauptet, dass er nichts damit zu tun hat. Auf Bitten von Garfields Frau May geht Carringo der Sache nach, wobei er die Herde nicht außer Acht lässt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER EDWARD MARTIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Echo des Schusses rollte in den Felsen, verstärkt und verzerrt dröhnte es in Carringos Ohren. Der rostrote Wallach zuckte kaum merklich zusammen und blieb von allein stehen.

Vor Carringo lag das weite Plateau, dahinter, vom Dunst des Morgens verhüllt, zeichneten sich schwach sichtbar die Felsmassen der Rockys ab. Aber der Schuss war weiter vorn gefallen, vielleicht eine Viertelmeile weit. Da, gleich hinter den verwitterten Felsbrocken musste es gewesen sein.

Vergebens suchte Carringo die Umgebung nach dem Schützen ab. Plötzlich aber hörte er klappernde Hufe auf hartem Stein. Es musste rechts sein, rechts unten im Canyon.

Er trieb Red, den Wallach, an, galoppierte mit ihm hinüber zum Rande des Canyons. Deutlicher hörte er den Hufschlag, aber der Reiter war seiner Sicht durch einen Knick des Canyons entzogen. Und dann hörte er ein zweites Pferd.

Etwas weiter zurück sah er den Rappen. Er lag am Boden, neben seinen Vorderbeinen klaffte ein Loch im Sande des Canyongrundes. Der Rappe musste in dieses Loch getreten und gestürzt sein.

Der Reiter lag ein Stück weiter. Sein Fuß war im Steigbügel hängengeblieben und hatte den Gurt abgerissen, leblos lag der Mann mit dem Oberkörper in stachligem Mesquite.

Carringo saß ab, nahm das Lasso vom Sattelhorn und befestigte das Ende an einem Felsvorsprung. Dann kletterte er am Seil hinab in den Canyon. Er brauchte fast fünf Minuten, ehe er unten war. Dann ging er hinüber zu Mann und Pferd. Beide schienen noch am Leben zu sein. Der Rappe hatte die Vorderbeine gebrochen, musste sich aber auch am Rückgrat verletzt haben. Er versuchte den Kopf zu heben, als Carringo näher trat. Der Schmerz war aber größer als die Kraft zum Aufstehen.

Zuerst kniete sich Carringo neben dem Manne nieder. Da sah er auch die Verletzung. Wenn jetzt ein Arzt sehr nahe gewesen wäre, wenn der Verletzte sofort operiert werden könnte, vielleicht hätte er dann eine geringe Chance gehabt. Vielleicht. So aber war er dreißig Meilen von Ledway entfernt verloren.

„Joyne, wie ist es passiert? Wer …“ Carringo dröhnten seine eigenen Worte in den Ohren. Und der Verletzte versuchte unter Schmerzen etwas zu sagen, aber es wurde nur ein gepresstes Flüstern.

„Carringo … sie waren zwei … aus dem Hinterhalt … einer sah aus wie … wie Tom … Vielleicht ein Irrtum, Carringo ich …“ Er bäumte sich auf und krümmte sich vor Schmerz zusammen. „Gib … was zu trinken … ich verbrenne … ah, die Schmerzen!“

Bei Bauchschuss hätte er eigentlich nicht trinken dürfen. Aber Carringo sah, dass dieser Mann, der US-Marshal Joyne, bestimmt nicht zu retten war. Nicht in der Wildnis. Und so schnallte er seine Wasserflasche vom Gürtel und hob sie Joyne an die Lippen.

Joyne trank nicht aus. Nach dem zweiten Schluck sank er zurück. Als Carringo an Joynes Puls griff, war der schwach, und auf einmal regte sich nichts mehr. Joyne war innerlich verblutet.

Carringo erhob sich, zog den Revolver und hielt ihn dem Rappen hinters rechte Ohr. Dann drückte er ab. Das Tier war erlöst von seinem Schmerz.

Eine Weile stand Carringo neben dem Toten und dachte an dessen letzte Worte. Und er erinnerte sich recht genau an all das, was er in den letzten Tagen erlebt hätte, wie er Marshal Joyne kennengelernt hatte. Joyne, Tom Garfield und die anderen. Sollte es wirklich Tom gewesen sein, der diesen Mordschuss abgegeben hatte? Carringo musste an May denken, und er entsann sich auch der Worte Tom Garfields, die der drohend ausgesprochen hatte. Vor fünf Tagen war das gewesen. Vor fünf Tagen, als es so furchtbar geregnet hatte …

 

 

2

Manche Sache fängt recht harmlos an. So wie die Leidenschaft Tom Garfields für den Falbhengst „Gun“. Doch mitunter entwickelt sich daraus ein Gespinst von Intrigen, das zum bitteren Ende fuhren kann.

Als Carringo durchnässt und bespritzt mit Alkalischmutz auf der North-A-Ranch anlangte, ahnte er nicht, was ihn dort erwartete. Er und sein rostroter Wallach waren müde und sehnten sich nach etwas Wärme und einem Dach über dem Kopf. Patschend stapften die Hufe des Wallachs Red durch den knietiefen Morast auf das Ranchhaus zu. Es goss seit Tagen in Strömen, und alles auf dieser Erde schien sich in Auflösung zu befinden. Die Äste der auslaufenden Sykomoren bogen sich tief herab, und von den Dächern rann es klatschend herunter. Die kleine Jungviehherde im Ranchcorral stand mit hängenden Köpfen, das Fell klatschnass, der Blick trübe und trostlos. Vom Himmel kein Sonnenstrahl, alles grau in grau.

Niemand kam aus dem Haus, als Carringo absaß und das Wasser ihm von der Hutkrempe über die Jacke rann. Red schüttelte den Kopf wie ein Hund, und wie von einer Brause sprühte es nach allen Seiten.

Endlich tauchte ein krummbeiniger junger Bursche auf. Er kam aus einem Nebengebäude, hielt sich eine Ölhaut über Kopf und Schultern und patschte durch den Schlamm auf Carringo zu.

„Hallo!“, rief er und lugte neugierig unter der Ölhaut hervor. „Sind Sie Carringo?“

Als Carringo nickte, meinte der rotgesichtige junge Bursche weiter: „Ich bringe das Tier in den Stall und sattle ab. Gehen Sie drüben rein, Mr. Carringo. Der Boss wartet auf Sie. Verdammt, Carringo, er hat noch nie auf etwas so gewartet wie auf Sie!“

Carringo überließ es dem Jungen nicht, den Wallach abzusatteln und zu füttern. Er hatte da eigene Vorstellungen. Er ließ sich den Stall zeigen, sattelte ab und rieb den Wallach mit Stroh trocken. Der Junge stand indessen dabei und rollte sich eine Zigarette. Bewundernd meinte er: „Wenn das der Boss sehen würde, Mister, dem würden Sie gefallen. Der ist auch so ein Pferdenarr.“

Carringo verzichtete auf eine Antwort. Für ihn war es selbstverständlich, dass ein Mann sein Pferd ordentlich versorgte. Und dazu gehörte auch das Abreiben des nassen und erhitzten Tieres. Er fütterte Red auch selbst und ging dann hinüber. Der Junge schaute nachdenklich hinter ihm her und brummte dann: „So ein Holzbock. Könnte ja auch mal ein Wort sagen.“

Das Haus war solide gebaut. So wie es da stand aus Felsensteinen errichtet, würde es Jahrhunderte überdauern. Carringo öffnete die schwere Dielentür und klopfte sich die Nässe von der Kleidung, schwenkte den Hut und schlug den Lehm von den Stiefeln. Dann trat er ein und sah den Mann, der hinten im langen Gang stand und dort wohl schon einige Zeit gewartet zu haben schien. Ein großer, breitschultriger Mensch war er, dessen Gesicht Carringo im Halbdunkel nicht erkennen konnte.

„Na endlich, Carringo, ich dachte schon, Sie wären abgesoffen. Rein mit Ihnen!“, kam es poltrig von dem Hünen. Eine Tür wurde aufgestoßen, und Carringo trat näher. Wohlige Wärme strömte ihm entgegen, und es roch anheimelnd nach frischem Apfelkuchen. Er ertappte sich dabei, dass er schluckte, und darüber musste er lächeln. Jetzt sah er auch den Mann deutlicher. Der Lichtschein einer Lampe erhellte das Gesicht eines Hünen. Ein volles Gesicht mit hellen Augen, sympathisch und doch nach Carringos Dafürhalten etwas hart. Nach seiner Schätzung mochte Tom Garfield fünfunddreißig Jahre alt sein. Dennoch hatte er eine breite Stirnglatze, in der sich der Lampenschein spiegelte. Was Carringo noch auffiel, waren die buschigen Augenbrauen.

Sie gaben sich die Hand, es war ein fester Händedruck. Dann trat Carringo ins Zimmer. In diesem Augenblick spürte Carringo die gespannte Atmosphäre im Haus. Er sah nämlich die Frau. Sie stand an einer Anrichte und schnitt einen viereckigen Kuchen in handliche Stücke. Als Carringo eintrat, sah sie nur kurz auf und erwiderte Carringos Gruß mit einem flüchtigen Nicken. Dann wandte sie ihm wieder den Rücken zu.

Tom Garfield sagte mit wuchtiger Stimme: „Das ist Carringo, May, er wird ihn fangen!“

Die Frau reagierte überhaupt nicht. Sie schnitt weiter Kuchen, als hätte ihr diese Erklärung gar nicht gegolten. Carringo sah, wie der Hüne die Schultern zuckte und auf die schweren Stühle wies.

„Setzen wir uns, Mr. Carringo. Tja, einen Whisky vor dem Kuchen?“

Ohne sich umzudrehen, sagte die Frau leicht gereizt: „Mr. Carringo würde sich vermutlich lieber erst einmal trockene und saubere Sachen anziehen. Das wird ihm wichtiger sein als dein Hengst.“

Carringo blickte zu ihr hinüber und bemerkte erst jetzt, dass sie eigentlich trotz ihrer offensichtlich schlechten Stimmung eine hübsche Frau war. Er sah ihr Profil, Und es erinnerte ihn irgendwie an seine Schwester, die zu Hause immer das schönste Mädchen genannt worden war. Im Lichtschein wirkte das Haar der Frau wie Gold, ihr Gesicht war leicht gerötet. Jetzt sah sie sich um, und Carringos Blick traf den ihren. Er sah, wie sie plötzlich lächelte. Entschuldigend sagte sie: „Mein Mann denkt nur an den Hengst, nur, Mr. Carringo.“

Garfield erhob sich schwerfällig und knurrte: „Sie hat sogar recht, Carringo, tut mir leid, kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. Ziehen Sie sich erst um.“

Als Carringo sich in einem Holzbottich wusch und dann abtrocknete, hörte er unten den Streit der beiden. Was sie sagten, konnte und wollte er nicht verstehen. Er war gerade fertig angezogen, da sah er durchs Fenster, wie ein Reiter ankam. Ein stattlicher Mann auf einem pechschwarzen Pferd, dessen Fell vor Nässe glänzte wie Seide. Der Mann saß ab, und wieder tauchte der Junge auf, Kopf und Schultern von der Ölhaut verborgen. Der Mann übergab ihm das Pferd und stapfte steifbeinig auf das Haus zu. Erst da sah Carringo den Stern. Ein Marshal-Abzeichen. Es erinnerte ihn an seinen Freund John Rocktown, mit dem er eine Zeit zusammen geritten war, der aber jetzt irgendwo im Süden einen Auftrag durchführte, der US-Marshal Rocktown. Vor Wochen waren sie gemeinsam in Mackay gewesen und hatten eine schlimme Sache zu einem guten Ende gebracht.

Daran musste Carringo denken, als er diesen US-Marshal gesehen hatte. Der Mann war inzwischen längst im Haus, unten erscholl seine Stimme. Tief, sonor. Und dann das poltrige Organ Garfields.

Carringo kämmte sich und legte seine Satteltasche über den Stuhl. Dann ging er aus dem Zimmer. Schwere Schritte kamen die Treppe herauf. Triefend vor Nässe trat ihm der Marshal entgegen.

Er war so alt wie Carringo, nämlich Ende der Zwanzig. In seinem Gesicht ließen Kratzspuren vermuten, dass er sich durch Dornengesträuch gearbeitet zu haben schien.

„Hallo“, rief der Marshal und streckte die Hand aus, „Tom hat mir von Ihnen erzählt. Und so unbekannt sind Sie mir nicht. Ich bin übrigens Joyne, Jeff Joyne. Vor zwei Wochen habe ich mit Rocktown gesprochen. Von ihm weiß ich ‘ne Menge über Sie, Carringo!“

Carringo schüttelte ihm die Hand und hatte sofort das Gefühl, einen aufrichtigen Mann vor sich zu haben. „John Rocktown ist ein feiner Kamerad, Joyne“, sagte er.

Joyne nickte. „Er ist jetzt in Arizona unten. Na, wenigstens warm da! Und hier werden wir einfach innen und außen von allen Sünden gewaschen. Gehen Sie runter, Carringo, May hat den besten Kuchen von Idaho, Sie sollten ihn nicht kalt essen. Warm ist er ein Götterfraß. Wir sehen uns gleich.“

„Es ist noch warmes Wasser übrig, drinnen in der Kanne“, erwiderte Carringo und ging. Er hörte kurz darauf wieder den schweren Schritt des Marshals oben, aber da war er schon unten und ging ins Zimmer.

Die Frau war nicht da. Garfield saß am Tisch und hielt den Kopf in den Händen vergraben. „Setzen Sie sich, Carringo. Gleich kommt noch Tee.“ Er schaute kaum auf während dieser Worte.

Und dann kam May durch die vordere Tür mit einem Tablett. Sie sah verweint aus und zwang sich mit Mühe zu einem Lächeln. Als sie den Tee und den Kuchen servierte, vermied sie es, Carringo anzusehen. Carringo war die Situation etwas peinlich, und er war froh, als Garfield ihn ansprach.

„Sie haben Joyne sicher getroffen, wie? Kennen Sie ihn?“, fragte Garfield und warf seiner Frau einen kurzen Blick zu. Die Frau nahm das leere Tablett und ging zur Anrichte.

Als Carringo dann sprach, beobachtete sie ihn. Er konnte das nur aus den Augenwinkeln heraus feststellen. „Ich kannte ihn nicht, bis eben. Aber er kennt einen guten Freund von mir. Was tut Joyne hier?“

Garfield lachte abfällig. „Das fragen sich noch mehr Leute, Carringo. Vor vier Wochen tauchte er auf. Ein Sträfling war ausgebrochen, und Joyne jagte den Knaben. Er jagt ihn noch immer, aber“, Garfield lachte rau, „der scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.“

Carringo blickte kurz zu May hin, die ihren Mann wütend ansah, die Lippen zusammenpresste, als musste sie ihre Zunge hüten. „Er wird nicht ohne Grund noch hier sein“, erwiderte Carringo.

Tom Garfield machte eine wegwerfende Handbewegung. ,,Natürlich hat er einen Grund. Es muss nicht gerade ein Sträfling sein, der ausgebrochen ist.“ Wieder dieses poltrige Lachen, bei dem die Frau an der Anrichte zusammenzuckte. Dann ging sie zur Tür und sagte im Vorbeigehen zu Carringo: „Mein Mann übertreibt! Mr. Joyne weiß genau, dass der Sträfling in der Gegend ist.“ Das klang entschieden und unmissverständlich. Bevor Tom Garfield etwas erwidern konnte, war sie aus dem Zimmer.

„Diese Weiber“, knurrte Garfield und griff nach dem warmen Kuchen. „Essen Sie, Carringo. Kuchen backen ist das Vernünftigste, was May kann.“

 

 

3

Nach dem Tee gingen sie in Tom Garfields Büroraum, einem kleinen Zimmer mit einem stabilen Tisch, klobigen Stühlen und einem stattlichen Waffenschrank. Auf dem Tisch lagen mehrere Pfeifen herum, ein ausgestopfter Adler thronte auf einem Sockel und erhob seine Schwingen über den verstaubten Tisch. Überall lagen bekritzelte Zettel herum.

Tom Garfield wischte sie zur Seite und schob Carringo einen Stuhl hin. „Setzen Sie sich, ich werde Ihnen alles erklären, wo wir Gun finden.“

Carringo hielt nichts von Skizzen, wenn man Pferde fangen wollte. Er hatte schon Hunderte von Broncos eingefangen, ohne dafür eine Skizze angelegt zu haben. Er musste das Gelände sehen, um eine Falle zu bauen, er wollte die Wechsel der Herde beobachten, aber mit einer Skizze war ihm nicht gedient. Und noch etwas bohrte in ihm, nämlich der Gedanke, dass alles ganz anders kommen würde. Er hätte nicht sagen können, wieso er dieses Gefühl hatte. Aber eine große Unruhe lenkte ihn immer wieder davon ab, was Tom Garfield erzählte. Nur mit halbem Ohr hörte Carringo zu.

Soviel aber bekam er dennoch mit: Tom Garfield hatte vor Monaten schon Gun gesehen. Und Gun war ein Falbhengst, der eine relativ große Wildpferdeherde führte. Ein prächtiger Bursche von etwa acht Jahren. Tom erzählte Wunderdinge von diesem Hengst. Carringo, der im Pferdefang entschieden mehr Erfahrung hatte als Tom, wusste zu gut, wie sinnlos es war, Leittiere zu fangen. Es hörte sich nur gut an, aber sonst diente es keinem Zweck. Ein Leithengst war meistens im sogenannten „Mittelalter“, also im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte, ausgereift und kaum noch als Haustier zu gewöhnen. Solche Pferde zu fangen, könnte nur dem Stolz oder der Gier der Menschen dienen, ein Tier zu unterwerfen. Der Hengst würde ewig halbwild bleiben. Ein Reitpferd oder gar ein abgerichtetes Cowpony aus ihm zu machen, war einfach märchenhaft, und nur im Märchen wurde so etwas verwirklicht. Tom Garfield wollte den Hengst brechen, wie ein englischer Offizier in Indien einen gefährlichen Tiger jagt, um ihn zu töten. Gun zu brechen, hieße den Falbhengst zu vernichten.

Immerhin hatte Carringo, als Pferdefänger und Zureiter im Lande bekannt, den Auftrag angenommen, weil er sich weniger für Gun als für dessen jüngeren Nachwuchs interessierte. Ein prächtiger Leithengst zeugte gute Nachkömmlinge in seiner Remuda. Und auf die war Carringo scharf. Junge, zwei- und dreijährige Broncos, aus denen sich noch etwas machen ließ. Vielleicht ein paar junge Stuten dazu, aber den Hengst Gun, den wollte Carringo nicht. Doch Tom Garfield wollte ihn, nur ihn.

Er berichtete Carringo, wie er es schon mit seinen Männern versucht hatte, aber immer wieder war ihnen Gun ausgebrochen oder erst gar nicht in die Falle gelaufen.

Während sie noch darüber sprachen, dröhnte im Nebenzimmer der Bass von Marshal Joyne. Und für kurze Zeit herrschte Schweigen in Tom Garfields Büro.

In diese Stille hinein sagte Tom bissig: „Diesen Kerl bringe ich noch mal um. Immer ist er hinter meiner Frau her, zum Teufel, und ihr scheint das noch verflucht zu gefallen.“

Carringo sah die dicke Zornesader an Toms Stirn und ahnte, wie jähzornig der Rancher werden konnte. Um ihn abzulenken, sagte Carringo: „Wir sollten uns das Terrain ansehen. Mit Zettelchen kommen wir keinen Schritt weiter.“

Tom nickte. „Gut, reiten wir morgen in aller Frühe hinaus. Melling und Stone können uns begleiten. Die beiden haben Erfahrung mit Gun.‘‘

Carringo ging nicht darauf ein. „Ich will Ihnen etwas sagen, Garfield: Wenn ich für Sie diese Herde fange, dann geschieht das so, wie ich es will, und was im Camp getan werden muss, bestimme ich, ist Ihnen das klar?“

Garfield blickte Carringo leicht verwirrt an, dann erwiderte er aber zustimmend: „Na schön, ich will Gun, und ohne Sie bekomme ich ihn wohl nie. Sie sind der Boss beim fangen.“

Carringo nickte zufrieden und erhob sich. „Wir sehen uns dann morgen.“

Er trat zur Tür, aber Tom winkte ihm und sagte leise: „Schicken Sie Joyne weg!“ Er sah Carringo flehend an. „Schicken Sie ihn weg, bevor es ein Unglück gibt. Ich kann bald für nichts mehr garantieren. Eines Tages erschieße ich ihn.“

Er stand hastig atmend an seinem Tisch, das Gesicht mit einem Male bleich. Carringo wusste und sah genug. Er würde tatsächlich etwas zu Joyne sagen müssen, obgleich ihn das alles nichts anging. Aber aus Tom Garfields Gesicht sprach die Verzweiflung. So wie Carringo den Mann einschätzte, war er einer Affekthandlung fähig.

„Ich rede mit ihm“, erwiderte Carringo und ging.

Er traf Joyne aber nicht bei May, die in der Küche hantierte und mit ihrem Küchenmädchen sprach, sondern im Stall, wo er sein Pferd striegelte. Er schwitzte vor Anstrengung und schnaufte, als er sich aufrichtete, um Carringo anzusehen, der vor ihn getreten war.

„Ein schönes Pferd“, sagte Carringo und klatschte dem Rappen liebevoll den Hals.

Joyne lehnte sich an die Wand der Box und meinte lächelnd: „Sie sind nicht gekommen, Carringo, um mir das zu sagen. Ich wette, Tom hat Sie geschickt.“ Er griff nach einem Heugrashalm und schob ihn sich in den Mundwinkel. Abschätzend blickte er Carringo an. „Na?“

„Gut getippt, Marshal. Ich finde nur, Sie sollten vielleicht über die Ursache nachdenken.“ Carringo sah ihm in die dunklen, schmalen Augen. „Er erinnert mich an einen Vulkan, den gerade noch die einzöllige Erdkrume vor der Explosion bewahrt. Vielleicht können Sie das vermeiden?“

Der Grashalm in Joynes Mund wanderte von einem Mundwinkel in den anderen. „Hmm, Sie meinen May?“

„Man muss kein Hellseher sein, um das herauszufinden, Joyne. Vielleicht fragt sich Tom, ob Sie May für den entsprungenen Sträfling halten.“

Joyne begann plötzlich herzhaft zu lachen, und es war ein donnerndes basstiefes Lachen, bei dem die Pferde erschrocken in den Boxen tänzelten. „Mensch, Carringo“, rief Joyne, noch immer vom Lachen geschüttelt, „Sie Witzbold! Hat er das wirklich gesagt?“

„Ich sage es!“

Joyne beruhigte sich und meinte trocken: „So originell ist er ja auch gar nicht.“ Er wurde schließlich wieder ernst und erklärte: „Es ist anders, Carringo. Der Bursche, den ich suche, ist drüben in den Felsen. Es ist nicht ganz einfach für mich, verstehen Sie … nein, Sie verstehen nicht. Hmm, schwer zu sagen. Aber vielleicht sollte ich es doch tun. Tragen Sie noch den Stern?“

Carringo schüttelte den Kopf. „Nein, es war nur in Mackay. Ich bin kein US-Marshal von Geblüt, Joyne. Hat Ihnen das mein Freund Rocktown nicht gesagt?“

Joyne nahm den Grashalm aus dem Mund und trat ans vergitterte Stallfenster. Er blickte durch die trüben Scheiben hinaus auf den regnerischen Hof und meinte, ohne sich umzudrehen: „Carringo, es ist eine böse Geschichte. Ich liebe die Frau. Und ich bin sicher, dass sie mich auch leiden kann, verdammt gut sogar.“

Er schwieg, wartete aber eine Entgegnung nicht ab und drehte sich spontan um, hob die Hände abwehrend und sagte scharf: „Ja, ja, ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber kann ich dafür? Sie zeigt es mir, dass sie mich liebt. Zum Teufel, ich bin ein Mensch. Auch ein US-Marshal ist ein Mensch. Ich verstehe nur nicht“, setzte er grübelnd hinzu und blickte nachdenklich auf den Stallboden, „warum sie mich oft geradezu daran hindern möchte, Pepe Gallows Fährte zu verfolgen. Und ich weiß genau, dass er in den Bergen steckt“ Er sah auf. „Carringo, es gibt einen Punkt, der sehr dunkel ist. Es gibt eine Verbindung von Pepe Gallow, dem entsprungenen Häftling, zu dieser Ranch. Er war letzte Nacht hier. Jawohl, hier auf dieser Ranch. Das habe ich heute herausgefunden.“

„Es ist Ihre Sache, Joyne. Ich bin hier, um Pferde zu fangen.“

„Um ein Pferd zu fangen“, entgegnete Joyne. „Diesen idiotischen Klaps von Tom zu realisieren. Wie oft habe ich Tom schon mit seinen beiden anderen Narren in den Felsen beobachtet. Vielleicht jagt er gar nicht den Hengst, wie?“ Seine Augen hatten sich zu schmalen Spalten geschlossen. Das Gesicht wurde hart, wie gemeißelt „Er sucht vielleicht nicht das Pferd, daran habe ich schon öfters gedacht. Vielleicht ist alles nur ein Bluff. Und er konspiriert mit Pepe Gallow. Übrigens, Pepe Gallow ist nicht allein. Ein Bursche namens Dan Jenkins ist bei ihm. In zwei Staaten suchen sie ihn. Einer von der Sorte, die sogar auf Frauen schießen. Viehzeug. Aber dieser Pepe Gallow war letzte Nacht hier. Ich täusche mich nicht. Es war mir immer klar, dass Pepe Gallow irgendwo jemanden haben muss, der ihn und seinen Komplicen unterstützt. Mit Munition, mit Lebensmitteln … und mit Pferden. Er hat ein frisches Pferd. Seit letzter Nacht. Vorher hat es noch in diesem Stall gestanden. Verstehen Sie, Carringo, das alles sind Fragen. Und ich bleibe hier, bis ich es genau weiß. Ich werde nachher fragen, wo dieses braune Pferd, die Stute, geblieben ist die Pepe Gallow jetzt reitet und die noch gestern hier gestanden hat, wo jetzt Ihr Wallach steht. Niemand weiß etwas, nicht der grüne Junge, der die Pferde versorgt; nicht May, die ich vorhin gefragt habe. Niemand, aber vielleicht kann mir Tom eine Antwort geben.“

Er blickte Carringo grimmig an und sagte rau: „Es wird eine Menge geschehen, wenn ich Tom solche Fragen stelle. Aber ich werde sie stellen, Carringo. Und nicht einmal Melling und Stone können mich daran hindern. Sehen Sie auf den Hof, dann begreifen Sie es besser!“

Carringo trat ans Fenster und sah zwei Männer neben der Tür des Ranchhauses stehen. Ein kleiner breitschultriger Mann mit faltigem Gesicht und einem krausen Bart auf Oberlippe und Kinn. Der andere war ein wenig größer, schlank und wirkte drahtig. Jetzt kam er mit federnden Schritten auf den Stall zu. Schwerfällig folgte ihm der Untersetzte.

„Der vorn, das ist Melling. Er war früher Zureiter auf der Doppel-C-Ranch. Ein hitziger Bursche. Stone ist ein Dummkopf. Sie werden das gleich selbst beurteilen können.“

„Befürchten Sie Schwierigkeiten?“, fragte Carringo und sah Joyne aufmerksam an.

Joyne zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, ob Tom noch darauf warten will, von mir die Fragen gestellt zu bekommen. Es könnte sein, dass er es nicht möchte.“

Melling betrat den Stall. Er war offenbar überrascht, den Marshal zu sehen. Verwirrt blickte er auf ihn und wandte sich dann Carringo zu. „Ich wollte mit Ihnen reden, Carringo. Ich bin Steve Melling.“

Das zerknitterte Gesicht Stones tauchte neben Mellings Schulter auf. „Hallo, Carringo, ich bin Stone, können mich Wake nennen.“

„Hallo, Wake“, sagte Carringo amüsiert.

Melling maß den Marshal mit missbilligendem Blick. „Wir würden uns mit Mr. Carringo unterhalten, auch wenn Sie nicht dabei sind, Joyne.“

„Ich bin aber dabei, tut‘s was?“, fragte Joyne bissig.

Melling lehnte sich an den Pfeiler im Gang und begann sich eine Zigarette zu drehen. Als er das Papier beleckte, blinzelte er zu Stone hin, der neben ihm stand, steckte die fertige Zigarette in den Mund und meinte: „Joyne, Sie beginnen sich langsam aber sicher unbeliebt zu machen. Es gibt Leute, die im richtigen Augenblick gar nicht mehr daran denken, dass Sie einen Stern tragen. Es könnte Ihr schlechter Stern sein, Joyne.“

Joyne beeindruckte das offenbar wenig. „Hmm, dann hast du wohl nicht an meinen Stern gedacht, Melling, als du heute Nacht den Braunen an Pepe Gallow verliehen hast, wie?“

Carringo beobachtete den drahtigen Melling mindestens ebenso scharf, wie Joyne es tat. Aber ihm schien, Melling reagierte nicht wie ein Mann, der jemals etwas mit Pepe Gallow zu tun gehabt hätte.

Verblüfft sah Melling den Marshal an. „Ich glaube, Joyne, jetzt hat es bei Ihnen restlos ausgehakt. Wovon sprechen Sie?“

Da mischte sich Stone ein. Näselnd sagte er: „Er hat recht, Steve. Ich hab mich heute früh schon gefragt, wo der Braune abgeblieben ist. Und der Junge weiß es auch nicht. Hast du den Boss gefragt?“

Melling blickte von einem zum anderen. „Zum Teufel, wovon sprecht ihr nur?“

„Von Lucky, dem Braunen“, erwiderte Stone mit einfältigem Grinsen.

„Von Lucky? Aber, was habe ich …“ Jetzt ging ihm ein Licht auf. Er schlug sich an die Stirn, musterte Joyne finster und meinte zerknirscht: „Aha, und das wollen Sie mir anhängen, Joyne. Na, dann schönen Dank! Sie verfluchter Bulle! Wenn Sie einen nicht mögen, ist das ein Bandit, wie? Weil Sie zu blöd sind, Pepe Gallow zu fangen, da …“

„Halt‘s Maul!“, schrie Joyne. Er war dicht davor, sich auf Melling zu stürzen.

Unbemerkt war Tom Garfield eingetreten. „Wer hier das Maul hält, bestimme ich, Joyne, nur ich allein!“

Es fiel Carringo sofort auf, dass Garfield schwankte. Seine Augen waren gerötet. Er hatte getrunken, und das nicht zu knapp. Aber Joyne schien das nicht zu bemerken. Und als er es bemerkte, war es zu spät.

„Dann sagen Sie mir, Tom, wo der Braune geblieben ist? Ich habe trotz Regen und Schlamm Spuren gefunden, viele Spuren. Und ich weiß, dass Pepe Gallow letzte Nacht hier gewesen ist. Tom, wo ist der Braune, der vorher in dieser Box dort gestanden hat?“

Tom Garfield hätte nüchtern eine andere Antwort gegeben. So aber sagte er angriffslustig; „Na und? Geht dich das was an, du verdammter Schürzenjäger? He, du Lump, dafür dass du dich an meiner Frau …“ Er stürzte sich auf Joyne. Aber es war trotz seiner Bärenkraft ein aussichtsloses Unterfangen. Er stolperte, seiner Schritte, nicht sicher, direkt in einen Haken von Joynes Linke, und die fällte ihn, bevor der Kampf überhaupt angefangen hatte.

Als er wieder zu Bewusstsein kam, blickte er aus glasigen Augen um sich, schien sich dann zu entsinnen und sagte mit schwerer Zunge: „Joyne, dafür erschieße ich dich! Das zahle ich dir heim, du Weiberheld!“

Joyne ging an ihm vorbei und schenkte sich die Antwort. Melling, der seinen Boss auf die Beine stellte, knurrte drohend: „Dafür peitsche ich ihn vom Hof. Sag nur ein Wort, Boss, und ich tue es! Sag ein Wort!“

Carringo sah ihm an, mit welcher Gier er diesen Befehl ausgeführt hätte. Hass und wilde Wut kennzeichneten sein Gesicht

Und Stone brummte wie ein Echo: „Wir tun es, Boss, nur ein Wort!“

Aber Tom Garfield schüttelte nur matt den Kopf und brummte: „Ach lass doch! Der kommt mir ein andermal, wenn ich nüchtern bin. Und dann versammeln sich seine Zähne sonstwo!“

 

 

4

Am nächsten Morgen, hatte der Regen nachgelassen, doch das ganze Land glich einem riesigen Sumpf. Nur in den Bergen wurde es besser, als die Hufe der Pferde auf felsigem Untergrund gingen. Tom Garfield, Steve Melling und Wake Stone ritten hintereinander. Weiter zurück als Nachfolger folgte Carringo. Stone und Melling führten Packpferde mit, die das Gerät für den Fang zu tragen hatten. Tom Garfield glaubte wohl, man könne sofort mit den Vorbereitungen zum Fang beginnen. Carringo sah das alles anders. Aus langer Erfahrung wusste er zu gut, dass es am wichtigsten sein würde, zuerst einmal die Herde zu beobachten. Wildpferde sind scheuer als Hirsche. Man musste ihre Gewohnheiten genau kennen, bevor man Fallen aufbaute, womit sie womöglich noch verscheucht werden konnten. Carringo musste wissen, wie dieser Hengst Gun sein Rudel führte.

Über den Felskuppen lag ein dichter Wolkenschleier. Und kein Sonnenstrahl drang in die graugrünen Täler. Aus den Matten stieg Nebeldunst auf, es war feucht, kalt, und es herrschte schlechte Sicht.

Sie erreichten einen langen Canyon, in dem ein breiter Creek floss. Tom Garfield zügelte sein Pferd und wandte sich um. Er wartete, bis Carringo nahe genug war, und rief: „Hier kommen sie frühzeitig zum Saufen. Sollen wir den Wechsel verfolgen?“

Carringo schüttelte den Kopf. „Bleibt hier, ich sehe es mir allein an. Und dann suchen wir uns einen Platz fürs Camp, etwas weiter weg von hier.“

Tom Garfield nickte. Er gab sich Mühe, gelassen zu wirken, aber er war es nicht. Carringo sah ihm an, wie gespannt und hasserfüllt er war. Die Sache mit Joyne schien ihn die ganze Nacht beschäftigt zu haben. Tom sah übermüdet und abgespannt aus. Vielleicht, so sagte sich Carringo, würde ihm das Camp hier draußen eine Abwechslung sein und ihn auf andere Gedanken bringen. Wenn nur Joyne nicht in der Nähe auftauchte. Aber gerade das befürchtete Carringo.

Carringo ritt allein weiter und erreichte die gewohnte Tränke der Pferdeherde. Es wimmelte von unzähligen Huftritten im Morast neben dem Creek. Die Tränke zog sich über eine Strecke von etwa fünfhundert Schritt am Bach entlang. Demnach schätzte Carringo die Zahl der Pferde auf etwa sechzig bis achtzig. Und das fand er bestätigt, als er den Wechsel entlangritt, den die Herde benutzte.

Es war ein breiter zertrampelter Pfad durch die Schlucht, entlang einer kerzengerade aufragenden Felswand und dann durch einen Engpass, vor dem sich die Herde wohl jedes Mal staute. Hier hatte Tom Garfield schon einmal eine Falle anbringen lassen, wie er erzählt hatte. Aber die Remuda war ihm nach der anderen Seite hin über den Schotterhang entkommen;

Carringo sah, dass die Spuren nicht mehr frisch waren, das konnte er trotz des Regens erkennen. Heute jedenfalls war die Herde noch nicht hier gewesen, vielleicht würde sie nie mehr kommen, weil sie von Garfields Falle verscheucht worden war. Es hätte frischer Pferdedung herumliegen müssen, doch der, den Carringo fand, war alt, mindestens seit vor dem Regen.

Der Wechsel führte auf die Hochebene hinauf. Dann ging es direkt weiter zum Gebirge. Pferde, die wild leben, vermögen wie Bergschafe zu klettern und fühlen sich oben in den Bergen am sichersten.

In Carringo wuchs der Verdacht, dass die Herde sich eine andere Tränke gesucht hatte. Jetzt mussten sie den Wechsel verfolgen.

Er kehrte um und winkte den anderen. Dann ritten sie auf die Berge zu. Als sie nach einer Stunde ständigem Berganritt rasteten, setzte sich Carringo neben Tom Garfield, während Stone und Melling die vorgekochten Bohnen über dem Feuer wärmten.

„Sagen Sie, Garfield, was war mit dem Braunen?“, fragte Carringo leise. „Ich weiß, es geht mich nichts an, aber merkwürdig ist es doch.“

Tom Garfield zuckte die Schultern. „Carringo, ich war gestern verrückt. Betrunken und wütend auf Joyne. Er hatte recht mit seiner Frage. Wenn er sie mir jetzt gestellt hätte, würde ich ihm eine anständige Antwort geben. Ich weiß nicht, wie der Braune verschwunden ist. Ich weiß es wirklich nicht.“

Es klang nicht glaubwürdig. Carringo nahm es ihm einfach nicht ab, aber er sagte nichts, um die Spannung nicht zu verschärfen. Zweifellos wusste Tom Garfield, wie die Stute Lucky weggebracht worden war.

„Glauben Sie es etwa nicht?“, fragte Garfield und beugte sich vor, um Carringo ins Gesicht sehen zu können.

„Wir sollten ein andermal weiter davon sprechen“, erwiderte Carringo knapp.

„Carringo, glauben Sie mir, ich habe es nicht getan. Ich würde diesen Pepe Gallow sofort dem Sheriff oder Joyne übergeben, wenn er mir in die Quere käme. Sofort, Carringo!“

Das klang schon eher wahrhaftig. Sollte vielleicht doch May etwas damit zu tun haben? So ähnlich sagte doch Joyne. Sie wollte den Marshal doch immer daran hindern, Pepe Gallow zu jagen. So ähnlich, hatte er sich doch ausgedrückt.

„Kennen Sie denn Pepe Gallow nicht?“, fragte Carringo.

„Doch, ich habe ihn einmal gesehen, ein einziges Mal“, behauptete Garfield. Und während er das sagte, blickte er versonnen zu den weißen Bergspitzen hinauf. Nachdenklich murmelte er: „Wenn es noch kälter wird, kommt der Schnee bis auf tausend Meter. Dann wird es hart für uns.“

Carringo lachte. „Im Gegenteil. Ich habe bisher im Winter mehr Pferde gefangen als im Sommer. Im Schnee ist es einfacher.“

„Verdammte Nässe, ich friere schon den ganzen Tag“, knurrte Garfield und schlug sich die Arme um die Schultern.

Da sahen sie Joyne am Waldrand auftauchen. Er ritt seinen Rappen und kam im Schritttempo näher.

„Der hat mir noch gefehlt, dieser Cabron!“, fauchte Garfield.

„Versuchen Sie, sich zu beherrschen, Garfield. Mit wilden Worten kommen Sie nicht weiter. Er hat schließlich Grund genug, misstrauisch zu sein.“

Tom Garfield fuhr herum. „Ich etwa nicht? Wenn er dauernd mit May…“

„Geschenkt, Garfield“, sagte Carringo scharf.

Joyne hielt vor dem Feuer an, warf einen Blick auf Melling, der ihn gar nicht beachtete. Hingegen glotzte Stone den Marshal böse an.

Jetzt wandte sich Joyne an Carringo, nickte ihm zu und sah dann Tom Garfield an. „Ich habe die braune Stute gefunden“, sagte er und lehnte sich mit den Unterarmen aufs Sattelhorn.

Garfield blickte ihn hasserfüllt an, schwieg aber.

Ungerührt fuhr Joyne fort: „Die braune Stute liegt tot ein paar hundert Yard weiter von hier.“ Er zeigte auf die Berge zu. „Dort hinten. Sie ist gestürzt. Der Reiter hat sie erschossen. Aber leider hatte er noch ein zweites Pferd. Auf ihm ist er weitergeritten.“

„Und warum hat er sie erschossen? Beinbruch?“, fragte Carringo.

Joyne schüttelte den Kopf. „Das ist es ja. Eben nicht. Sie war verletzt. Jemand hat sie oberhalb des Sprunggelenks angeschossen. Die Wunde war nicht frisch. Hatte sogar schon deutliche Entzündungserscheinungen. Ich habe an der Spur gesehen, dass die Braune schon längere Zeit stark gelahmt hat. Leider fand ich die Spur erst weiter entfernt. Vorher ist Pepe Gallow, falls er der Reiter war, auf dem Wildpferdewechsel geritten. Da sieht man keine Spuren im einzelnen.“

„Doch, man müsste sie sehen“, erwiderte Carringo. „Die Wildpferdtritte sind alt. Stammen noch von vor dem Regen. Frische Hüftritte habe ich nicht entdeckt, jedenfalls nicht weiter unten.“

„Dann ist er später darauf gestoßen“, erklärte Joyne und blickte wieder Tom Garfield ah. „Tom, jetzt würde ich doch gerne wissen, wer auf die Stute geschossen hat. Übrigens, hier ist das Geschoss.“ Er zog es aus der Jackentasche und hielt es zwischen Zeigefinger und Daumen. „Stone, sieh es dir an. Du weißt sicher, aus welcher Waffe es stammt.“

Zusammenfassung


Der Wildpferdefänger Carringo soll im Auftrag von Tom Garfield einen ganz besonderen Hengst fangen, Gun, den Anführer einer Herde. Doch dann wird ein US-Marshal erschossen, und Garfield steht unter Verdacht. Der behauptet, dass er nichts damit zu tun hat. Auf Bitten von Garfields Frau May geht Carringo der Sache nach, wobei er die Herde nicht außer Acht lässt.

Details

Seiten
122
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945812
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
carringo jagd

Autor

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Titel: Carringo auf der Jagd