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Sheng #25: Sheng und der Gelbe Tod

2020 135 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sheng und der Gelbe Tod

Copyright

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Sheng und der Gelbe Tod

Sheng 25

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 135 Taschenbuchseiten.

 

Gerade ist Sheng in Hanksville eingetroffen, da muss er mit ansehen, wie der steckbrieflich gesuchte Killer und Revolverschwinger Tate Spencer sechzigtausend Dollar erbeutet. Weil der junge Kung Fu-Kämpfer Kwei Sung einen wichtigen Part bei diesem Überfall übernommen hat, wird Sheng von den Bewohnern beschuldigt, ebenfalls zu den Banditen zu gehören. Der Town-Marshal will keine Zeit verlieren und seinen Gefangenen hängen.

Rettung naht in letzter Sekunde, doch die hat einen Preis …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach einem Motiv von Meinard Dixon - Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Geh aus dem Weg, Schlitzauge!“

Sheng blickte auf. Der Mann, der ihn angerufen hatte, war ein hochgewachsener, schlanker Weißer. In dem schwarzen Anzug wirkte er wie ein Berufsspieler. Ein flachkroniger schwarzer Hut beschattete sein gebräuntes, kantiges Gesicht. Ein Gesicht, das Sheng kannte. Von einem Steckbrief, den er in Kansas gesehen hatte. Tate Spencer. Ehemaliger Boss einer Bankräuberbande. Kaltblütiger Killer und Revolvermann. Nun musste er im Sold des Schwarzen Drachen stehen, wie Sheng mit einem Blick auf den Begleiter Spencers feststellte.

Schweigend und unberührt von der Schärfe des Anrufs trat Sheng unter das schattige Vordach des Stores zurück. Die beiden Reiter, die aus der sonnenverbrannten, grasbedeckten Ebene in die kleine Stadt kamen, trabten dicht an Sheng vorbei. So nahe, dass er das tätowierte Bild des Schwarzen Drachen auf dem rechten Unterarm des jungen einfachen Chinesen erkennen konnte, der neben dem Killer ritt.

Der Chinese war unbewaffnet. Sein Gesicht starr und ausdruckslos. Nie hatte der Mann vom Weißen Lotus so kalte und leere Augen gesehen. Augen, die alles in sich aufzusaugen und doch nichts wahrzunehmen schienen.

Nichts verriet, dass die beiden Männer Shengs wegen hier auftauchten. Und doch hatte die heiße, träge Stille über Hanksville plötzlich jeden Hauch des Friedens verloren.

Ein kalter, geringschätziger Blick Spencers streifte den großen Halbchinesen unter dem Vordach, dessen einziger Besitz das leichte Deckenbündel am Riemen auf seinem Rücken war. Im Weiterreiten zog der Schwarzgekleidete eine versilberte Taschenuhr unter der Anzugsjacke hervor und ließ den Deckel aufschnappen.

Auf der Veranda des gegenüberliegenden Dusty Dollar Saloons tauchten zwei Kerle auf, von denen einer ebenfalls wie zufällig auf die Uhr blickte. Ein hagerer, weißblonder Typ in Cowboykleidung, aber mit einem Colt, der tiefer hing als bei einem gewöhnlichen Weidereiter. Der andere, ein Bulle von Mann, sah in seiner speckigen, vom Rauch vieler Lagerfeuer gebeizten Kleidung und den bis zu den Oberschenkeln reichenden Stiefeln wie ein Flößer oder Holzfäller aus. Auch er trug seinen Revolver wie ein berufsmäßiger Schießer.

Ohne dass die Kerle mehr als einen Blick mit den Reitern wechselten, fühlte Sheng, dass sie zusammengehörten. Straßenabwärts führte ein junger schwarzhaariger Mann sein Pferd aus dem Eingang der dämmrigen Schmiede. Er pfiff ein paar Takte von 'Streets of Laredo'. Eine Spur zu schrill, zu gekünstelt, zu angespannt für das wache Ohr eines Mannes wie Sheng, der bei seiner Ausbildung zum zweifachen Meister des Kung Fu gelernt hatte, jede Kleinigkeit zu deuten.

Sheng spürte die Gefahr, die mit diesen Fremden nach Hanksville gekommen war, auch wenn ringsum noch alles im gewohnten Gang blieb.

Da war ein hemdsärmliger alter Mann, der den Gehsteig vor Sally Lintocks Restaurant fegte. Da waren Frauen mit Einkaufstaschen in einer offenen Haustür. Ein schwer beladenes, von Maultieren gezogenes Fuhrwerk rumpelte vorbei. Das Klappern von Geschirr aus offenen Fenstern. Bratenduft, der Shengs Nase kitzelte. Vor dem Office der Wells-Fargo-Company stand eine hochrädrige, rotlackierte Concord Kutsche.

Tate Spencer und der junge Chinese stiegen vor dem Palace Hotel von den Pferden.

„Du weißt, was du zu tun hast, Kwei Sung!“

Der gleiche scharfe Ton, in dem Spencer zuvor Sheng angerufen hatte. Während der Schwarzgekleidete in der Eingangshalle des Hotels verschwand, blieb der junge Chinese wie teilnahmslos in der grellen, stechenden Sonne.

Die Kerle auf der Saloonveranda brannten gleichmütig ihre Zigaretten an. Straßenabwärts führte der junge Schwarzhaarige seinen Pinto zum Tränketrog neben der Schmiede.

Sheng spürte mit jeder Faser, wie sich die Gefahr verdichtete, wie diese Männer auf etwas Bestimmtes warteten. Dann, als die Standuhr im Store hinter Sheng zwölf Uhr mittags schlug, war die Straße wie leergefegt. Vier Männer mit blinkenden Abzeichen an den Hemden kamen aus dem Office der Wells-Fargo-Company. Zwei hielten Winchestergewehre in den Fäusten. Die beiden anderen schleppten eine eisenbeschlagene Geldkiste zwischen sich. Da wusste Sheng, warum Tate Spencer mit seinen Kumpanen nach Hanksville gekommen war ...

 

 

2

Sheng streifte den Riemen, an dem das Deckenbündel hing, von der Schulter. Er spürte das glatte versiegelte Lederfutteral an der Schnur um den Hals. Hier bewahrte er seinen Teil jener Schriftrolle, die das Geheimnis zur Erringung der größten Kraft und Energie der Welt enthielt. Der Schutz dieses Geheimnisses vor den Mördern des Schwarzen Drachen war der letzte und größte Auftrag, den ihm sein sterbender väterlicher Lehrmeister Li Kwan erteilt hatte. Nichts hinderte ihn jetzt daran, lautlos und unbemerkt in der Weite des einsamen heißen Landes unterzutauchen, ehe die Schergen des Schwarzen Drachen auf ihn aufmerksam wurden.

Doch Li Kwan hatte ihm immer wieder noch eine andere Ermahnung eingeschärft: „Geh den Weg des Friedens, aber bekämpfe das Unrecht, wo du es triffst!“

Sheng wartete darauf, dass der Weißblonde und der Bullige die Saloonveranda verlassen und der schmale Schwarzhaarige sich auf seinen Pinto schwingen würde. Doch die Männer schienen sich um die Kutsche und die Sternträger nicht zu kümmern.

Sheng runzelte die Stirn. Sollte er sich so getäuscht haben?

Da kamen Schritte vom Palace Hotel. Spencer lehnte lässig, eine Zigarette im Mundwinkel, im Hoteleingang. Er hatte die Jackenschöße zurückgeschlagen und die Daumen hinter den Patronengurt gehakt. Es war der Chinese Kwei Sung, der mit steifen, mechanischen Schritten auf die Stagecoach zuging. Seine Arme hingen locker herab. Sein Gesicht war eine gelbliche, mit einer dünnen Staubschicht bedeckte Maske.

Die Winchestergewehre der Wells-Fargo-Marshals flogen hoch.

„He, zum Teufel, wo willst du hin, Mann? Bleib stehen! Wir schießen auf jeden, der näher als zehn Schritte an die Kutsche rankommt!“

Eine Drohung, die an dem jungen Chinesen wie an einem Felsen abprallte. Kwei Sung starrte die Männer mit den Gewehren an, als würde er die Härte und Entschlossenheit auf ihren Mienen und die schussbereiten Waffen nicht sehen. In der hitzegesättigten Stille gab es nur das gleichmäßige Malmen des Sandes unter seinen Bastsohlen. Dann das Klirren eines Gewehrschlosses.

„Warte, Jack!“, rief einer der Well-Fargo-Marshals. „Der Kerl ist entweder betrunken oder verrückt. He, Chink, hau ab! Du hast hier nichts verloren! Hörst du denn nichts?“

Der breitschultrige Mann stiefelte dem unbeirrt Näherkommenden mit der Winchester in den Fäusten entgegen. Spencer und die drei anderen beobachteten die Szene jetzt mit gespannter Wachsamkeit.

Sheng wollte auf die Straße. Da knackte ein Colthammer hinter ihm.

„Bleib, wo du bist, Freundchen! Da drüben werden sechzigtausend Dollar verladen. Wenn hier irgendwas passiert, bist du der Erste, den es erwischt. Deine Geschichte, dass du zu Fuß aus Colorado herübergekommen bist, ist mir sowieso gleich verdächtig vorgekommen.“

Die raue Stimme des Storekeepers. Sheng wandte den Kopf. Der gedrungene, schnurrbärtige Mann, der vor ein paar Minuten noch hinter der Ladentheke gestanden war, trug jetzt einen versilberten Blechstern am linken Hosenträger. ,Town Marshal‘ war darauf eingraviert. Die hellblauen Augen in dem wettergegerbten Gesicht funkelten feindselig und entschlossen. Die Mündung eines alten Navy Colts deutete auf Shengs Bauch.

Sheng hörte die Schritte auf der Straße. Er dachte an die schreckliche glasige Leere in Kwei Sungs Augen. Aber seine Stimme klang beherrscht und ruhig.

„Sie irren sich, Mr. McNally. Ich bin kein ...“

Ein Schrei auf der Mainstreet riss ihn herum. Der Schrei eines Kung Fu-Kämpfers in dem Augenblick, in dem sich alle angestaute Kraft und Konzentration entluden. Der breitschultrige Wells-Fargo-Marshal stürzte unter der wie ein Schwert durch die Luft sausenden flachen Hand des jungen Chinesen zu Boden. Das Gewehr wirbelte davon. Ein Killerschlag! Ein Hieb, der einem wahren Kung Fu-Kämpfer nur erlaubt war, wenn es sonst keine andere Möglichkeit mehr gab, das eigene Leben zu retten.

Es war ein Augenblick, in dem sich eisiges Entsetzen über Hanksville ausbreitete.

Nach einem Moment der Lähmung flog die zweite Winchester hoch. Ein Feuerstrahl, ein peitschender Knall. Trotz der kurzen Entfernung pfiff die Kugel daneben. Eine Fensterscheibe zersprang. Eine Frauenstimme kreischte.

Bevor der Sternträger nochmals feuern konnte, schnellte Kwei Sung wie ein Panther auf ihn zu. Eine zuckende, leicht gekrümmte Hand, die sich im Moment des Aufpralls zur Faust schloss. Ein Stoß wie mit einem Rammpflock, der den Marshal gegen die Stagecoach schmetterte. Das Gewehr fiel in den Staub. Der Mann krümmte sich nach vorn, wurde wieder getroffen und stürzte aufs Gesicht.

„Schießt ihn nieder!“, brüllte McNally voller Wut und fassungslosem Entsetzen.

Die zwei anderen Wells-Fargo-Marshals hatten die Geldkiste in die Kutsche gewuchtet. Sie tauchten mit den Colts in den Fäusten neben dem Fahrzeug auf. McNallys Schrei versank im Krachen der Sechsschüsser. Die Kugeln stießen Kwei Sung gegen die Kutsche. Blut lief aus zwei Löchern in seinem Hemd.

Ganz Hanksville wartete darauf, dass der junge Chinese haltlos zusammensacken würde. Auch Sheng. Aber Kwei Sung brauchte nur einen Moment, um sich lautlos, mit zusammengebissenen Zähnen von der Kutsche abzustoßen. Sein Gesicht war vor Anstrengung verkrampft. Aber die dunklen Augen zeigten noch immer jene starre, abwesende Leere. Ein gespenstischer Anblick. Ein einziger blitzschneller Hieb mit der flachen Hand streckte einen der beiden Coltschützen nieder.

„Das gibt’s doch nicht!“, keuchte McNally. Dann, als Sheng einen Schritt von ihm weg machte: „Rühr dich nicht! Ich leg dich sonst um!“

Ein heißes Aufwallen von Verzweiflung erfüllte Sheng. Blut floss, Männer starben, ohne dass er es verhindern konnte. Es blieb keine Zeit für Worte, für Erklärungen. Hufe donnerten die Straße herab. Staub wehte. Es waren Tate Spencer und der schlanke Schwarzhaarige, die im Galopp auf die Kutsche zusprengten. Ihre Revolver blitzten. Sie feuerten ohne Rücksicht auf Kwei Sung, der noch immer auf den Beinen war, schwankend jetzt, doch die flachen, angewinkelten Hände wie zum nächsten Angriff bereit, von einer geradezu übermenschlichen Energie erfüllt. Der vierte Wells-Fargo-Mann brach im Dröhnen der Banditencolts zusammen. Beim Dusty-Dollar-Saloon spornten der Weißblonde und der Bullige mit ebenfalls rauchenden Schießeisen in den Fäusten ihre Gäule an.

„Verfluchte Mörder!“, krächzte der Storekeeper und Town Marshal. Er riss seinen Navy Colt hoch, um Sheng niederzuschlagen und dann auf die Verbrecher zu feuern.

Katzenhaft duckte sich der Mann vom Weißen Lotus weg. Der eigene Schwung riss McNally nach vorn, gegen Shengs hochzuckende Hand. Zwei stahlharte gespreizte Finger trafen McNally an einer Stelle, von der sich blitzartig eine Lähmung durch den ganzen Körper ausbreitete. Der Gedrungene starrte Sheng aus aufgerissenen, entsetzten Augen an. Dann kippte er nach vorn.

Sheng fing ihn auf, ließ ihn zu Boden gleiten. McNallys Colt lag neben seinem Fuß. Sheng rührte ihn nicht an. Er brauchte so wenig eine Waffe wie Kwei Sung, der das Zeichen des Schwarzen Drachen trug, der mit zwei Kugeln im Leib noch einen Gegner niedergestreckt hatte. Kwei Sung, der die wichtigsten Gebote des Kung Fu gebrochen hatte.

Kämpfe nur, um dich zu verteidigen oder Unrecht zu verhindern!

Töte niemals, es sei denn, es gibt keinen anderen Weg, um dein eigenes Leben zu retten!

Sheng sprang auf die Straße. Da hatten die Verbrecher die Kutsche schon erreicht. Der junge Schwarzhaarige schwang sich geschmeidig vom Sattel auf den Bock. Schreiend trieb er die Gäule an. Spencer und die beiden anderen jagten in einer Staubwolke neben der Kutsche her. Mündungsfeuer zuckten nach allen Richtungen. Kugeln zerhieben Fenster und Vordachlaternen. Holz knirschte und splitterte. Nichts und niemand konnte die Verbrecher jetzt noch aufhalten.

Sheng warf sich zu Boden. Sechzigtausend Dollar in der Kutsche! Aber keine Summe der Welt war ein ausreichender Grund, um das Leben dafür zu riskieren, ebenso wie es nichts Schlimmeres gab, als für Geld zu töten.

In rasender Fahrt brauste die Stagecoach zur Stadt hinaus. Der Staub hing noch zwischen den Häusern, als Sheng sich erhob. Ringsum klappten Türen und Fenster, Tritte hämmerten, raue, aufgeregte Stimmen schwirrten durcheinander.

„Dieser gelbe Teufel hat Jefferson das Genick gebrochen“, schrie ein Mann. „Bringt Stanfield zum Doc, sonst verblutet er! Nehmt auch Harper und Bennet mit!“

Nur Sheng kniete bei dem jungen Kung Fu-Kämpfer nieder, der mitten auf der heißen Straße lag.

Ein Mann des Schwarzen Drachen, ein Todfeind.

Nein! Ein Mensch, der seine Hilfe brauchte. Das allein zählte.

Hastig knöpfte Sheng das blutbesudelte Hemd auf. Seine Hände erstarrten. Keine Macht der Welt konnte Kwei Sung mehr retten. Hatten Spencer und seine Kumpane deshalb keinen Versuch gemacht, ihn mitzunehmen? Sheng ließ den Kopf sinken. Kwei Sung war von Anfang an zum Tode verurteilt gewesen. Ein willenloses, gefährliches Werkzeug in der Hand skrupelloser Verbrecher. Ein Toter, an den sie keinen Gedenken verschwenden würden.

Noch lebte Kwei Sung. Der starre Ausdruck seiner Augen verflüchtigte sich, so wie Sheng es bei Männern gesehen hatte, die aus einem langen Opiumrausch erwachten. Es waren nicht mehr die Augen eines unheimlichen, tödlichen Kämpfers, sondern eines jungen, verzweifelten, irregeleiteten Mannes, der hilfesuchend Shengs Hand ergriff.

Kwei Sungs Lippen bewegten sich. Eine Stimme wie ein verlöschender Windhauch. Sheng musste sich tief über ihn neigen, um das letzte geflüsterte Wort zu verstehen.

„Tseng Ho!“

Der Name traf Sheng wie ein Keulenhieb. Er starrte in das junge, staubbedeckte Gesicht, und für einen Moment war ihm, als würde da nicht Kwei Sung vor ihm liegen, reglos, mit plötzlich blicklosen Augen, sondern ein anderer junger Mann, der vor langer Zeit, damals im Kloster vom Weißen Lotus, Shengs Freund gewesen war. Tseng Ho ...

Sheng spürte das kalte, drohende Schweigen erst, als er langsam aufstand. Seine Gedanken kamen wie von weit her. Sein Blick glitt über eine Mauer finster starrender Männer. Sie hatten ihn eingekreist. Derbe Fäuste umklammerten Gewehre und Revolver.

Ein bärtiger, vierschrötiger Mann knurrte erbittert: „Ein Toter und drei Verletzte, von denen einer vielleicht bald sterben wird! Ich denke, das genügt, um diesen Bastard am nächsten Balken aufzuknüpfen, ohne dass wir dazu einen Richter oder Henker brauchen.“

Beifälliges, raues Gemurmel.

Immer mehr Männer rotteten sich auf der heißen Mainstreet zusammen. Auf den hölzernen Gehsteigen standen Frauen und Kinder. Von der Kutsche war nur mehr eine hauchdünne Staubfahne über den sonnenverbannten Hügeln im Süden zu sehen, hinter denen sich die zerklüftete Mauer der Henry Mountains in den wolkenlosen Himmel des südlichen Utah erhob. Alle dachten an Vergeltung, niemand jedoch an die Verfolgung der eiskalten, gefährlichen Verbrecher.

Sheng bewegte sich nicht, als der Bärtige und noch zwei Männer mit schussbereiten Revolvern auf ihn zutraten. Doch etwas in seinem Blick, seiner Haltung zwang sie, stehenzubleiben. Etwas Unerklärliches, Unfassbares umgab diesen dunkelhaarigen Fremden, der zu Fuß, nur mit der Wasserflasche am Gürtel und dem Deckenbünden auf dem Rücken aus der sonnenversengten Ebene nach Hanksville gekommen war.

Shengs Ruhe war nicht gespielt. Es war die Ruhe eines Mannes, der gelernt hatte, eins mit der Natur zu sein, zu der Tod und Vergänglichkeit gehörten wie die fallenden Blätter im Herbst, der flammende Sonnenuntergang und der Fluss, der nach einem langen Weg im Meer mündet. Die Ruhe eines Mannes, über den der Tod keine Macht hatte, weil er ihn nicht fürchtete.

„Wartet! Ich habe bereits McNally zu erklären versucht, dass ich nicht zu den Banditen gehöre. Es ist Zufall, dass ich kaum eine halbe Stunde vor ihnen in die Stadt kam.“

„Du lügst, Schlitzauge!“, schrie ein Mann im Hintergrund. „Ich habe gesehen, wie du McNally niedergeschlagen hast, auf dieselbe Weise wie dein Freund mit den Marshals fertig geworden ist. Weiß der Henker, wo ihr Chinks so zu kämpfen gelernt habt!“

„Er war nicht mein Freund. Ich habe ihn nie zuvor gesehen. Außerdem ließ mir McNally keine andere Wahl.“

„Hör auf damit!“, knurrte der Bärtige. „Das sieht ja ’n Blinder, dass ihr Gelbgesichter zusammengehört. Du bist nur seinetwegen nicht rechtzeitig abgehauen. Los, Freunde, worauf wartet ihr? Einen Strick her! Fesselt ihn! Bringt ihn zu meiner Schmiede! Wir knüpfen ihn am Firstbalken auf!“

Murrend schob sich die Menge von allen Seiten näher, aber noch wagte keiner die Hand an den reglos verharrenden Halbchinesen zu legen.

Sheng blickte dem bärtigen Schmied fest in die Augen.

„Niemand hat ein Recht, über Leben und Tod eines anderen Menschen zu bestimmen. Was ihr vorhabt, ist Mord!“

„Und was ist mit Bill Jefferson passiert?“, keuchte der Schmied. „Du verdammter Kerl wirst dafür bezahlen! Du wirst ...“

Die Männer vor Sheng duckten sich, packten ihre Revolver fester, als der große, schlanke Fremde ruhig und entschlossen auf sie zuging. Kein Flackern von Unsicherheit oder gar Panik in seinen dunklen, leicht geschlitzten Augen.

„Ich werde hierbleiben, bis ihr einen Richter verständigt und eine Jury gewählt habt. Ich werde bei McNally warten.“

Sie starrten ihn ungläubig und fassungslos an. Jeder Laut ringsum erstarb, bis auf das Knirschen des Sandes unter Shengs Weichlederstiefeln. Unwillkürlich, ohne dass sie selber begriffen warum, traten der Schmied und seine Freunde zur Seite. Da stand McNally breit und klotzig, mit seinem alten Navy Colt in der Faust vor Sheng. Sein schnurrbärtiges, eckiges Gesicht war dunkel vor Zorn.

„Glaub nur nicht, Freundchen, du kannst uns aufs Kreuz legen! Von wegen Richter, von wegen Jury! Du gerissener Hundesohn weißt sicherlich ganz genau, dass Richter Dunhill erst wieder in zwei Wochen aus Moab herüberkommt. Aber denk ja nicht, wir sperren dich bis dahin ein und warten darauf, dass deine Freunde zurückkommen und dich befreien! Du hast mich einmal reingelegt, Schlitzauge, wenn du’s nochmals versuchst, bekommst du meine Kugel. Hier weint dir keiner eine Träne nach. Hier wartet jeder darauf, dass du doch noch am Dachbalken von Baxters Schmiede baumelst. Genau dorthin werden wir dich jetzt bringen.“

Sheng blieb stehen. Sein schmales Gesicht wirkte wie aus Stein gehauen.

„Sie vergessen, dass Sie in Hanksville das Gesetz vertreten, McNally.“

„Zur Hölle mit dem Gesetz, wenn es Burschen wie dich beschützt und ihnen Gelegenheit zur Flucht bietet!“ Mit einem wütenden Ruck riss der Storekeeper den Fünfzack von seinem Hosenträger und schleuderte ihn in den Staub. „Jefferson war mein bester Freund. Ich weiß, was ich ihm schuldig bin. Ihr, Freunde, hoffentlich auch! Ihr habt mich zum Town Marshal gewählt, aber ich pfeife auf den Stern und auf alle Buchstaben des Gesetzes, wenn sie mich daran hindern, das zu tun, was getan werden muss!“

Heisere Beifallsrufe erklangen. Ein drohendes Scharren und Stampfen von vielen Stiefeln war hinter Sheng. Er spürte Trauer und Bitterkeit darüber, dass die Menschen, die dieses weite, prachtvolle Land besiedelt und der Wildnis abgerungen hatten, immer wieder dem uralten verhängnisvollen Gesetz der Gewalt verfielen. Es war wie ein Fluch. Wie konnten Menschen glauben, jemals wirklich frei zu sein, wenn die Symbole ihrer Freiheit die geballte Faust, die erhobene Waffe waren?

Sheng bückte sich und hob den Stern auf.

„Das Gesetz ist mehr als ein Stück Blech, das man in den Staub treten kann, McNally. Es ist ...“

Er spürte die Nähe eines Menschen dicht hinter sich. Ein Aufblitzen in McNallys Augen. Heißer Atem, der sein Genick streifte. Sheng fuhr herum. Doch der Hieb mit dem Coltlauf war schneller. Schmerz explodierte in seinem Kopf. Dann löschte Dunkelheit alles aus. Eine Dunkelheit, aus der wie von weit her eine Stimme zu ihm drang. Die Stimme jenes jungen Klosterschülers, der einmal sein Freund gewesen war. Tseng Ho ...

War es nicht die Stimme eines Verzweifelten, die um Hilfe schrie? Eines der vielen Opfer des Schwarzen Drachen, dessen Spur sich vor langer Zeit verloren hatte?

Als die Dunkelheit sich allmählich lichtete, glaubte Sheng Tseng Hos schmales, ernstes Gesicht mit den begeisterungsfähig funkelnden dunklen Augen über sich zu sehen. Er wollte die Hände nach ihm ausstrecken, ihn fest halten, um ihn nicht wieder zu verlieren wie damals ...

Im selben Moment spürte er die Riemen, mit denen seine Handgelenke zusammengeschnürt waren. Jäh rissen die dunklen Schleier vor seinen Augen auf. Es war nicht Tseng Ho, der vor langer Zeit Verschollene, sondern McNally, der ihm unerbittlich ins Gesicht starrte. Sheng sah das baumelnde Seil an dem vorspringenden Dachbalken mit der fachgerecht geknoteten Henkerschlinge.

Männer standen schweigend um ihn herum. Schweißglänzende, düster entschlossene Gesichter. Totenstille über der ganzen Stadt. Kein Lufthauch in den Kronen der alten Bäume, deren Laub mit einer graugelben Staubschicht bedeckt war. Seit Wochen hatte es nicht mehr in dieser Gegend geregnet. Seit Wochen verbrannte die Sonne die Erde, das Gras, die Sträucher, vielleicht auch die Herzen und Gedanken jener Männer, die nun hier waren,, um ihn, den Fremden, den Unschuldigen, aber Andersartigen zu lynchen. Sheng spannte unmerklich seine Muskeln. Noch ahnten die Hanksviller nicht, wozu ein Mann fähig war, der sein Leben der Lehre des Tao Chi, der Kunst des Kung Fu geweiht hatte. Aber was würde er gewinnen, wenn er die Fesseln sprengte? Welche Chancen besaß ein einzelner Mann gegen eine zwanzig- bis dreißigfache Übermacht?

McNallys Worte waren wie ein Echo auf seine Gedanken.

„Du hast nur noch eine Chance, wenn du redest, Chink! Wenn du uns sagst, wohin diese verdammten Kerle mit dem geraubten Geld fliehen. Wenn du uns hilfst, sie zu schnappen. Dann überlegen wir uns die Sache vielleicht nochmals. Dann lassen wir dich vielleicht sogar laufen. Also, heraus mit der Sprache!“

Sheng brauchte nur in McNallys glitzernde Augen zu sehen, um zu wissen, dass dieser Mann nicht daran dachte, ihn am Leben zu lassen. Der Stern war für McNally wirklich nichts weiter als ein Stück Blech gewesen. Ein Mann voller Hass, voller Gewalttätigkeit. Sheng schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nichts, außer, dass der Anführer der Banditen Tate Spencer heißt. Ich habe seinen Steckbrief in Kansas gesehen.“

McNally lachte rau.

„Erst Colorado, jetzt Kansas. Du scheinst ja weit herumzukommen, Schlitzauge.“

„So ist es!“

Ein Fußtritt traf den Gefangenen.

„Du verdammter Lügner!“

Sheng hielt dem mitleidlosen Blick des Storekeepers gelassen stand.

„Wenn ich der Mann wäre, für den ihr mich haltet, würde ich da nicht alles tun, um am Leben zu bleiben? Würde ich da nicht reden?“

„Wenn du ein Weißer wärst, ja! Aber der Teufel weiß, was im Kopf eines Gelben vorgeht. Leute, vielleicht sollten wir mal die Chinesensiedlungen in den Coyote Breaks, im Sunset Canyon und am Lonesome Man ’nen Besuch abstatten. Vielleicht finden wir da irgendwo die Halunken mit der Wells-Fargo-Geldkiste. Was meinst du, Chink?“ Wieder ein Fußtritt. Doch Sheng spürte keinen Schmerz. Sein Chi, die innere Kraft, die ihm die Lehre des Tao Chi vermittelte, war stärker.

„Ich bin fremd in diesem Land. Ich weiß nichts von jenen Siedlungen. Ich komme aus Colorado.“

„Der Kerl ist bockig wie ein Muli!“, schnaubte McNally. „Colorado! Noch dazu zu Fuß! Dass ich nicht lache! Ich wette, er ist einer von den verdammten ehemaligen Bahnbaukulis der Central Pacific, die sich in den Ausläufern der Henry Mountains ansiedelten. Mir hat diese Nachbarschaft noch nie gepasst. Wehe, wenn ich einen Anhaltspunkt dafür finde, dass diese Schlitzaugen mit den Geldräubern unter einer Decke stecken! Dann werd’ ich alle Hebel in Bewegung setzen, um die gelben Ratten, die da draußen in den Hügeln hausen, zum Teufel zu jagen. Dann werden von ihren Farmen und Dörfern nur verkohlte Trümmerhaufen übrigbleiben!“ McNallys Hände krallten sich in Shengs Hemd, zerrten den Gefangenen hoch. „Zum letzten Mal: Rede oder du baumelst!“

„Ich habe alles gesagt. Ich bin unschuldig.“

Keuchend trat der Storekeeper zurück.

„Okay, er will es nicht anders! Packt ihn, Leute! Zieht ihn hoch!“

Sie stießen Sheng zu der Kiste unter dem Lynchstrick. Seine Gedanken wirbelten. Da war sein Siebtel der Schriftrolle des Tao Chi, das für immer verloren sein würde, wenn er hier starb. Da war Tseng Ho, der vor vielen Jahren dem Schwarzen Drachen in die Hände gefallen war und der vielleicht doch noch lebte und seine Hilfe brauchte. Panik regte sich in ihm. Er rief sein Chi.

„Los, zum Teufel, hinauf mit ihm!“ Sie zerrten ihn auf die Kiste. McNally griff nach dem Seil, das vor seinem starren, schweißbedeckten Gesicht hing.

„Lasst ihn los!“, rief eine helle energische Stimme. „Wenn ihr ihn tötet, werdet ihr alle mit ihm sterben!“ Die Stimme einer Frau.

Hufe stampften. McNally fuhr herum. Die übrigen Männer drängten plötzlich so hastig auseinander, als wäre eine Klapperschlange zwischen sie geworfen worden. McNally blieb der Fluch in der Kehle stecken, als er die junge, schlanke Chinesin sah, die zwei gesattelte Pferde hinter sich herzog.

Sie trug knapp sitzende, für sie zurechtgeschneiderte Männerkleidung, in der ihre mädchenhafte Figur hinreißend zur Geltung kam. Das rabenschwarze, seidig schimmernde Haar war im Nacken verknotet. Ein breitrandiger Hut hing an der Windschnur auf ihrem schmalen Rücken. Das hübsche gelbliche Gesicht mit den leicht vorspringenden dunklen mandelförmigen Augen funkelte eine Art furchtloser Besessenheit.

Shengs Kehle trocknete aus. Er blickte einen Moment genauso gebannt wie die anderen auf die Dynamitstange in der rechten Hand der jungen Fremden. Die Zündschnur brannte. Der sprühende, zischende Funke fraß sich unaufhaltsam und viel zu schnell auf die tödliche Sprengladung zu.

Die Frau bewegte sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit und so sicher, als gäbe es weit und breit keinen Revolver, kein Gewehr, die ihr gefährlich werden konnten. Ihr funkelnder Blick heftete sich auf den gefesselten Mann unter dem Henkerseil.

„Komm!“ Nur dieses eine Wort. Keine Freundschaft, keine Wärme, keine Angst in ihrer Stimme. Aber sie war da, um ihn zu retten. Sie riskierte ihr Leben für ihn. Er sprang von der Kiste.

Da riss McNally seinen Navy Colt hoch.

„Bleib! Verdammt noch mal, das wäre ja gelacht, wenn wir uns so ins Bockshorn jagen ließen!“

„In spätestens sechzig Sekunden wird das Dynamit explodieren“, drohte die junge Chinesin kalt. „Wollt ihr mit ihm sterben?“

McNally lachte wütend. Dicke Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn.

„Geht es nicht vielmehr darum, ob du es willst?“

„Ich wäre bestimmt nicht hier, wenn ich Angst davor hätte“, antwortete sie in einem Ton, der die Hanksviller frösteln ließ. Sie starrten sie wie eine Verrückte an. Sie wandte sich an Sheng.

„Steig auf! Niemand wird uns halten.“

Er trat zu dem braunen Pferd, an dessen Sattel sein Deckenbündel hing.

„Wer bist du?"

„Mein Name ist Lin Yan. Alles andere erfährst du früh genug. Noch fünfzig Sekunden. Das Dynamit wird uns alle zerfetzen, wenn du dich nicht beeilst!“

„Sie wagt es nicht!“, keuchte McNally. „Sie blufft nur! Lasst sie nicht weg! Sie gehört zu Spencers Bande.“

Aber niemand rührte sich, als Sheng sich , mit den vorne zusammengebundenen Händen aufs Pferd zog. Alles war so unwirklich für ihn wie ein Traum.

Lin Yan ... Ein Name, ein fremdes, faszinierendes, wie unter einer Eisschicht erstarrtes Gesicht. Die Art, wie sie sich in den Sattel schwang, verriet die geübte Reiterin. Mit unbewegter Miene schaute sie auf McNally hinab. Die Lunte an der Sprengladung war bis auf wenige Handbreit geschrumpft.

„Noch dreißig Sekunden. Sagen Sie Ihren Freunden, sie sollen uns den Weg freigeben!“

Alles an ihr strahlte eisige Entschlossenheit aus. McNally ließ schweratmend den Colt sinken. „Das wirst du noch büßen, du verdammte gelbe Katze! Wir erwischen euch ja doch!“

„Jetzt sind es nur noch zwanzig Sekunden ...“

McNally schluckte, halfterte den Colt.

„Lasst sie reiten, Jungs!“

Sie traten rasch zur Seite. Ihre Blicke hingen gebannt und entsetzt an der Dynamitstange in der Hand der jungen Frau. Ein kurzes wildes Lächeln huschte über Lin Yans Gesicht.

„Los!“, rief sie Sheng zu.

Die Hufe dröhnten. Staub wallte. Die Dynamitstange landete vor McNallys Füßen. Ein heiserer Aufschrei aus der Schar der Bürger. Doch der Storekeeper bückte sich blitzschnell und riss geistesgegenwärtig die Zündschnur herab. Seine wütende Stimme durchdrang das Hämmern der Hufe.

„Eine Attrappe! Dieses Biest hat also doch geblufft! Schießt sie aus den Sätteln!“

Die Pferde schienen über die breite staubige Mainstreet dahinzufliegen. Sheng duckte sich tief auf die flatternde Mähne. Lin Yans schmale Gestalt war mit dem Pferd wie verwachsen. Schüsse peitschten hinter ihnen. Geschrei gellte.

Aus einer schmalen, schattigen Seitengasse tauchte plötzlich ein hagerer, schnurrbärtiger Reiter mit einem Karabiner in den Fäusten auf. Sheng wollte seinen Braunen zur Seite reißen, doch die Frau schrie: „Es ist Bruce Rankin. Er gehört zu mir.“

Das Gewehr des Hageren blitzte. Kugeln pfiffen die Straße hinab. Wieder Schreie und Flüche. Wieder hatte sich Hanksville in einen tobenden Hexenkessel verwandelt.

Dann, als die letzten Häuser hinter den Flüchtenden zurückblieben, verstummte das ohrenbetäubende Krachen. Nur mehr das Donnern der Hufe füllte den Raum zwischen sonnenverbrannter Erde und glühendem Firmament.

Rankin schloss zu ihnen auf. Bügel an Bügel galoppierten sie südwärts in die gelbbraunen Hügel hinein, hinter denen die Henry Mountains wie eine rötliche, unüberwindliche Mauer standen.

 

 

3

Sheng hob den Kopf, als der Schatten der jungen Frau ihn berührte. Ein kühler, abschätzender Blick ruhte auf ihm. Trotz der anstrengenden heißen Meilen, die hinter ihnen lagen, war Lin Yan keine Müdigkeit anzumerken. Schweigend reichte sie Sheng die lederüberzogene Wasserflasche. Er nahm sie mit den immer noch gefesselten Händen, trank jedoch nur wenige Schluck und gab sie mit einem ruhigen „Danke“ zurück.

Sein Blick schweifte über die mit verdorrtem Salbei bewachsenen Hänge. Bruce Rankin kam sporenklirrend den Hügel hinter ihnen herab. Jeder Schritt wirbelte eine kleine Staubwolke hoch. Staub wie Asche. An der rechten Seite des hageren Mannes schaukelte ein langläufiger Smith & Wesson in einem tief geschnallten Halfter. Kerben bedeckten den rotbraunen Walnussholzkolben. Die Waffe eines Revolvermannes. Ein mürrischer Ausdruck auf Rankins schnurrbärtigem, wie von einer langen Krankheit ausgezehrtem Gesicht.

„Keine Verfolger. Entweder haben sie unsere Spur verloren oder sie wagen sich nicht aus der Stadt.“

Er stiefelte zu den Pferden, die lustlos an den vertrockneten Blättern eines Cottonwoodbusches knabberten, nahm eine Flasche aus der Satteltasche und trank gierig mit zurückgelegtem Kopf. Lin Yan drehte sich mit blitzenden Augen um.

„Hören Sie auf damit! Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass ich Sie nicht dafür bezahle, dass Sie sich tagtäglich mit Whisky volllaufen lassen!“

Rankin setzte die Flasche ab, wischte mit dem Handrücken über den schmalen Mund, grinste schief.

„Schätze, ’s ist meine Sache, was ich mit dem bisschen Geld anfange, das ich von Ihnen bekomme, solange ich meine Arbeit tue. Sehen Sie lieber zu, dass Sie den Kerl da zum Reden bringen! Sagen Sie’s nur, wenn Sie mich brauchen. Für so was bin ich Spezialist.“ Nochmals ein grimassenhaftes Grinsen, nochmals ein tiefer Schluck. Sheng spürte eine jähe Anspannung, rührte sich aber nicht. Wachsam wanderte sein Blick zwischen den beiden. Eine junge, hübsche Chinesin. Ein alternder, dem Alkohol verfallener Revolverschwinger.

Lin Yans Frage war leise, aber peitschenscharf.

„Wo ist Kiang Liao?“

Sheng zuckte die Achseln.

„Ich habe diesen Namen noch nie gehört. Ich fürchte, Ma’am, Sie haben für den falschen Mann Ihr Leben riskiert.“

Sie atmete tief. Sheng spürte, wie sie alle Kraft aufbieten musste, um ruhig zu bleiben. Ihre Stimme war kalt wie zuvor.

„Ich habe nicht erwartet, dass du gleich die Wahrheit sagen wirst. Aber glaube mir, ich lasse dir keine andere Wahl. Ich bin zu allem entschlossen, genauso wie ich in Hanksville alles gewagt habe, um dich vor dem Strick zu retten. Ich habe es getan, um Kiang Liao zu finden und ihn aus eurer Gewalt zu befreien, wenn er noch lebt. Er ist mein Bruder.“

„Es tut mir leid, Lin Yan, ich kenne ihn nicht“, entgegnete Sheng leise.

Rankin kam mit der Flasche in der Hand von den Pferden herüber.

„Sieht ganz so aus, als würde ich wieder mal gebraucht.“ Er musterte Sheng, trank wieder und spuckte aus. „An deiner Stelle würde ich reden, Hombre. Ich mag nämlich keine Kerle, die so verdammt bockig sind und keine Dankbarkeit kennen. Miss Lin Yan hat sich nun mal in den Kopf gesetzt, ihren jungen Bruder zu finden, und, weiß der Henker, welcher Teufel mich geritten hat, als ich versprach, ihr dabei zu helfen.“ Er lachte rissig. Die Chinesin warf ihm einen kalten Blick zu.

„Sie brauchten Geld, Rankin. Sie waren abgebrannt und fanden sonst nirgends mehr einen Job.“

Rankin grinste verkniffen, aber Sheng sah, wie er die Flasche fester umklammerte.

„Merkst du, Hombre, wie schlecht mit ihr Kirschen zu essen ist? Verlass dich drauf, sie ist glatt imstande, dich nach Hanksville zurückzubringen, wenn du nicht redest.“

„Ihr haltet mich also genau wie McNally und seine Freunde für einen Verbündeten der Banditen.“

„Du gehörst zu ihnen“, sagte Lin Yan schneidend. „Du weißt, wo Kiang Liao ist, den deine Kumpane aus Chinahill verschleppt haben. Ich werde alles tun, um zu verhindern, dass ihr ihn ebenso in den Tod schickt, wie ihr es mit Kwei Sung gemacht habt.“

„Sie kannten Kwei Sung?“

„Er war der Freund meines Bruders. Ihr habt ihn zu einem Killer gemacht - ich weiß nicht, wie. Aber ich weiß, dass ich dich eher töte, als zulasse, dass mit Kiang Liao das Gleiche geschieht.“ Sheng hörte die Verzweiflung aus ihrer Stimme. Er erhob sich. Sofort hielt Rankin seinen Smith & Wesson in der knochigen Faust.

„Immer mit der Ruhe, Freundchen! Glaub ja nicht, ich bin zu alt und zu versoffen, dass ich mit dir nicht fertig würde! Miss Lin Yan hat recht, ihr Job war meine letzte Chance, mich über Wasser zu halten, nachdem niemand mehr was vom alten Bruce Rankin wissen wollte.“ Ein erneutes krächzendes Auflachen. Seine Revolvermündung wackelte vor Shengs Gesicht. „Grund genug für mich, dich so oder so zum Sprechen zu bringen, Muchacho. Also, wo ist ihr Bruder? Was habt ihr mit den jungen Chinks aus den Siedlungen am Fuß der Henry Mountains gemacht?“

„Ich weiß nichts davon. Ich bin zufällig zum Zeitpunkt des Überfalls nach Hanksville gekommen. Ich habe mit Tate Spencer und seiner Bande nichts zu tun.“

„Du lügst!“

Rankin stieß mit dem Revolverlauf wie mit einer Lanze gegen Shengs Bauch. Er traf nicht. Plötzlich, wie durch Zauberei, waren Shengs Hände frei. Nur mehr die Riemen baumelten an seinen Gelenken. Bevor Rankin begriff, was passierte, lag der Sechsschüsser nicht mehr in seiner, sondern in Shengs Faust. Lin Yan hielt den Atem an. Rankin prallte erschrocken zurück. Einen Moment zielte der Smith & Wesson auf seine Brust, dann reichte Sheng dem hageren Revolvermann lässig die Waffe zurück.

„Gewalt ist kein Weg, der zum Ziel führt. Gewalt wird immer nur neue Gewalt erzeugen.“

Rankin starrte abwechselnd auf seinen Revolver und in Shengs unbewegtes Gesicht.

Ein unmerkliches Zittern in Lin Yans Stimme.

„Wer bist du?“

Details

Seiten
135
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945805
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
sheng gelbe

Autor

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Titel: Sheng #25: Sheng und der Gelbe Tod