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Sattelgefährten bis in den Tod

2020 137 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sattelgefährten bis in den Tod

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Sattelgefährten bis in den Tod

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

 

Sie waren unzertrennliche Partner, als sie gemeinsam aus Texas ihre Herde forttrieben, und sie ahnten, dass es nicht leicht sein würde, das Ziel zu erreichen, da die Fletcher-Bande in Colbey ihr Unwesen trieb.

Aber es ging nicht nur darum, die Rinder nach Colbey zu trailen. Es galt auch, ein Mädel zu gewinnen, das sich noch entscheiden musste, wem es seine Gunst schenken sollte.

Werden sie dennoch Partner bleiben?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Katalinks/123RF und W.Dunton - Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Weich stand die Purpurdämmerung der Nacht über den Bergen, die von den letzten Strahlen der im blutroten Wolkenmeer schwimmenden Sonne angehaucht wurden. Dunkel schoben sich die leise hin und her wiegenden Wipfel der Wälder gegen den Himmel, und von der Prärie her, die sich an die Schroffen und Hänge anschloss, drang der Geruch der Wildnis.

John Boone hielt seinen altersschwachen Braunen auf der Anhöhe an und blickte weit ins Land hinein.

Seine hellen Grauaugen bekamen Glanz und Feuer, seine Lippen öffneten sich leicht.

Und seine Rechte strich über die kantige, wie aus Basalt gehauene Stirn, sackte dann auf das Sattelhorn herab und krallte sich daran fest.

Männer seiner Art liebten die Bewegung, das Leben in der Freiheit, fühlten sich nur unter dem freien Himmel wohl.

Boone gehörte zu diesen Männern. Zwar verriet sein Äußeres nichts. Er war wie alle anderen, die in diesem rauen Land lebten, gekleidet, trug ein Hirschlederhemd mit Fransen verziert, Lederhosen, die rauchschwarz die Spuren vieler Campfeuer verrieten, und einen Stetson, der ausgelaugt und verwaschen war. Dazu hatte er Schuhe an den Füßen, die dringend repariert werden mussten.

Er zeigte dieselbe tiefbraune Hautfarbe, die Wind und Wetter, Sonne und Eis in die Haut der Männer gerbten, die das Land durchzogen. Seine hellen Augen saßen tief in den Höhlen. Falten kerbten die Augenwinkel. Seine gerade Nase und sein schmallippiger Mund verrieten nichts Außergewöhnliches.

Mit einem leisen Schnalzlaut trieb er den müden Braunen vorwärts, den langgestreckten Hang hinunter in die Richtung, aus der Rauch aufstieg. Schon bald sah er die Trittsiegel einer Rinderherde; sie waren so deutlich, dass selbst das rasch nachlassende Tageslicht sie klar zeigte.

Der von den Hufen aufgerissene Boden machte es unmöglich, die Zahl der Rinder zu bestimmen. John versuchte es erst gar nicht, sondern ritt auf dem Rindertrail weiter. Jeder andere Mann hätte diese Gelegenheit, seine Spuren zu verwischen, genauso genutzt.

Im Reiten prüfte er seine Waffen. Eine Eigenart, die jedem Langreiter anhaftete, wenn er sich in einer Gegend befand, in der er allein auf sich angewiesen war, und wo es darauf ankam, wie schnell man sie in die Höhe bekam und die Kugel aus dem Lauf feuerte.

Er blickte auf die schwarzgebrannten Läufe, strich mit den Fingerspitzen darüber hin und ließ die Waffen glatt in den Holstern verschwinden.

Boone sog den scharfen Rauchgeruch ein und trieb den Braunen unbeirrt weiter durch die Schatten der Nacht, die mehr und mehr den letzten Purpurglanz der Sonne verdeckten.

Er hielt dann plötzlich an, als sich vor ihm aus dem hüfthohen Gras die schlanke Gestalt eines Mannes erhob, der laut und deutlich sagte: „War es nicht etwas leichtsinnig von dir, dich auf dem Hügelkamm zu zeigen, John?“

Johns raue Stimme klang auf: „Hinter uns ist es ruhig, Burt, keine Sorge, ich bin schon vorsichtig.“

„Und vor uns?“, fragte Burt Lonesome leise, wobei er schnell näher kam.

„… ist es nicht so, wie es wünschenswert wäre. Vielleicht bekommen wir noch heute Besuch; ich habe ein Campfeuer gesehen.“

„Verdammt leichtsinnig von denen, die es entfachten. Hast du herausbekommen, wer sich daran niedergelassen hat?“

„Nein, es war zu weit fort, und mein Gaul war zu müde. Wenn man mich entdeckt hätte, wäre ich auf ihm nicht weit gekommen.“

„Und wenn nun an meiner Stelle ein anderer dich hier erwartet hätte, John?“, fragte Burt grimmig.

John fiel ihm mit einer raschen Handbewegung ins Wort. Er richtete sich fast steil im Sattel auf und entgegnete dann ruhig: „Nur du wirst es fertigbringen, mich zu überraschen. Es muss schon Burt Lonesome, der Tiger aus Texas, kommen, um das zu schaffen.“

Diese Behauptung war keineswegs übertrieben. Der Mann, der jetzt neben ihm stehenblieb, überragte John um ein ganzes Stück. Wild flatterte ihm das schwarze Haar unter dem randlosen Stetson. Sein scharf geschnittenes Gesicht erinnerte irgendwie an einen spanischen Granden. Dunkle Augen brannten in seinem Gesicht. Augen, die man nicht wieder vergaß.

Ja, Lonesome wurde der Tiger aus Texas genannt. Irgendwie war dieser Name einmal aufgekommen, und er blieb an ihm haften für alle Zeiten.

Man wusste nur, dass er aus Texas kam. Er war immer einsam seinen Trail geritten, bis John zu ihm stieß. Er war ein Außenseiter, der seine eigenen Wege ritt, dessen düsteres Schweigen ihn von allen isolierte. Ein Mann der schnellen Eisen! Sein Ruf schuf überall da, wo er auftauchte, Unruhe und Bewegung unter den Möchtegernen, den tollwütigen Schießern, Raufbolden und Killern.

John glitt aus dem Sattel und warf die Zügel über das Sattelhorn.

„Es gibt wohl heute kalten Kaffee, wie?“

„Oh, du großmäuliger Sohn des Sattels, du hast mein kleines Feuerchen gerochen“, lachte Burt Lonesome überrascht auf. „Wahrhaftig, kein anderer hat eine solche Spürnase wie du. Doch komm schon her und trink. Der Kaffee ist so heiß, wie du ihn zu trinken wünschst. Außerdem habe ich ein halbes Truthähnchen bereit, vielleicht wünschst du dazu Röstkartoffeln und Schmorkohl?“

„Gern, wenn mir nur die Zeit zur Mahlzeit bleibt, Buddy. Hölle, es sieht ganz danach aus, als wolle man unsere kleine Herde ausgesuchter Zuchtrinder näher in Augenschein nehmen. Löschen wir das Feuer, solange der Wind noch günstig steht.“

Für einen Moment verharrte Lonesome geduckt. Er schaute John aus verkniffenen Augen an und rasselte dann: „Noch vier Tage, und wir sind in Colbey. Jeder wird sich darum reißen, uns die Rinder zu Höchstpreisen abzukaufen. Wir treiben ein Vermögen.“

„Auf das andere Kerle besonders scharf sind“, unterbrach John bissig.

„Nun, schieß schon los, spuck deinen Song heraus. Ich bin ganz Ohr.“

Doch John sattelte seinen Gaul ab, trat rasch zum schwach glimmenden Feuer und löschte es, indem er die Glutreste mit der Stiefelspitze auseinander fegte und die Funken mit den Sohlen erstickte.

Dann warf er nach getaner Arbeit einen schnellen Blick zu den Rindern hinüber, die sich widerkäuend in einer Senke niedergelassen hatten und in die Nacht hineinduselten.

Die dunklen Tierleiber bildeten eine große Gemeinschaft, deren stechender Dunst bis zum Camp drang. Diese Tiere trugen nicht die langen, dolchartigen Hörner der hier in der Gegend ansässigen Rinderrassen. Ihr kurzes Gehörn, ihr dichter Haarpelz, ihr Gewicht und ihre Unempfindlichkeit gegen Zecken und gegen das Texasfieber machte sie jedem Züchter begehrenswert.

Johns Brust dehnte sich bei dem Anblick der Rinder. Sie gehörten ihm und seinem Partner zu gleichen Teilen. Gemeinsam hatten sie die Tiere weit aus Texas heraus über Hunderte von Meilen getrieben, Meile um Meile, durch Dreck und Staub, über Berge, Prärien und Ebenen.

Nun, beide hatten den Wunsch, rasch so viel Geld zu verdienen, dass sie auf eigene Füße kommen konnten, bald eine eigene Ranch besitzen würden. Und um dieses Ziel zu erreichen, war ihnen keine Strapaze zu groß, keine Arbeit zu schwer.

Aber die Ranch war nicht das alleinige Ziel; ein Mädchen war es, das sie anspornte.

Ein Mädchen, schwarzhaarig, schlank, mit großen, dunklen Glutaugen, in denen das helle Sternenlicht eingefangen schien. Ein Mädchen, dessen bloßer Anblick genügte, um das Herz eines Mannes höher schlagen zu lassen, Hoffnungen und Wünsche wachzurufen.

Und beide liebten dieses Mädchen, beide sehnten sich danach, sie in die Arme zu schließen.

Auf ihrem bisherigen Trail war kein Wort darüber gefallen. Wozu auch? Jeder wusste vom anderen, dass er sie liebte. Das hatte an ihrer Freundschaft wenig geändert. Es würde auch nichts daran ändern, wenn Bessie sich für einen von ihnen entschied.

Wenn sie Colbey erreichten, würde man ihr die entscheidende Frage stellen und sich ihrer Wahl fügen. In vier Tagen würde man wissen, wer von ihnen beiden das Mädchen heimführen durfte, wem Bessie Rangone die Hand fürs Leben reichte.

„Sie wird unseren Brief erhalten haben und uns erwarten“, sagte Burt Lonesome plötzlich aus seinen Gedanken heraus. „Und nun, Buddy, verdirb uns nicht die Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihr. Was hast du also außer dem Lagerfeuer gesehen?“

„Genug, um höllisch wachsam zu sein“, murmelte John. „Es ist ein Glück, dass du den Einfall hattest, der Herde einen Tag Zeit zum Fressen zu lassen, und dass wir Zeit hatten, ein wenig zu kundschaften. Ich denke dabei vor allem an meinen letzten Ritt.“

„Dass du keinen Spaziergang in die Gegend gemacht hast, sehe ich an deinem Braunen. Was ist also los?“, forderte Burt.

„Die Zecke“, sagte John mit sonderbarer Bedeutung.

Der heiße Atemzug Burt Lonesomes streifte seine Wange, und dann kam es krächzend über Burts Lippen: „Ist ein Irrtum ausgeschlossen?“

John hob den Blick und sah sein Gegenüber fest an. Eine volle Minute starrten sich die beiden Männer, die äußerlich so grundverschieden waren, in die Augen. Langsam schüttelte John den Kopf.

„Die krepierten Rinder, die ich sah, redeten eine deutliche Sprache. Wieder einmal wütet die Texaszecke in diesem Land. Soweit ich es beurteilen kann, schlimmer als jemals zuvor. Ich habe Hunderte von Tieren, die davon befallen waren, mit hängenden Köpfen gesehen. Ah, Partner, ich sah die heftigen Bemühungen der Cowboys, zu retten, was zu retten ist. Es dürfte jedoch nicht allzu viel sein, was dem Massensterben entrinnt. Oh, Hölle, man hätte schon viel früher Rinder aus Texas hierherbringen sollen.“

„Man hat es nicht getan“, unterbrach Burt dumpf, „und somit ist unsere Herde kaum mit Gold zu bezahlen.“

Wieder sahen sie sich an. Jetzt begriff auch Burt Lonesome. Mit einem Schlag hatte die Herde, die sie von Texas aus hierher gebracht hatten, eine neue Bedeutung. Für jeden Rancher musste sie notgedrungen etwas sein, was man unter allen Umständen bekommen musste.

Aber auch die Rustler würden sich für ihre kleine Herde interessieren.

Jedes Rind aus Texas bedeutet Geld, jedes seuchenunempfindliche Tier konnte dazu beitragen, die gefürchtete Seuche auszuschalten, denn nicht der Biss der Zecke war von ausschlaggebender Bedeutung, sondern die Tatsache, dass sie Trägerin des Texasfiebers war, einer Krankheit, der in kurzer Zeit Tausende von Rindern zum Opfer fallen konnten.

John löste seinen Blick aus Burts Augen, ergriff den gefüllten Becher mit dem dampfenden Kaffee und trank hastig. Er stellte den Becher dann auf einen Stein, wischte sich über den Mund und sagte: „Genügt‘s, Partner?“

„Klar, jetzt sehe auch ich das Campfeuer mit anderen Augen.“

„Genau das habe ich mir auch gedacht“, gestand John einsilbig. „Wir werden wohl kaum noch zum Schlafen kommen. Es wird wohl besser sein, wenn wir unsere Augen offenhalten und nachsehen, wer sich dort, einige Meilen von uns entfernt, ein Camp bereitet hat. Reiten wir?“

„Ich denke, wir werden in Richtung Colbey reiten müssen“, erklärte Burt.

John nickte.

 

2.

Bügel an Bügel ritten sie los. Zwei schweigsame Männer, die ihre Tiere nur mit den Schenkeln antrieben, die Hände frei hielten, um sie zu einer blitzschnellen Aktion bereitzuhalten.

Sie ließen die Herde allein. Zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch aus Texas wagten sie dieses Risiko, obwohl mit jedem Yard, den sie sich weiter von der Herde entfernten, die Besorgnis in ihnen wuchs.

Vielleicht war das Campfeuer ein Lockmittel. Sie wurden den verteufelten Gedanken nicht los, dass man sie nur von der Herde fortlocken wollte, damit versteckt lauernde Kerle sich in Ruhe der Tiere bemächtigen konnten.

Doch keiner sprach seine Befürchtungen aus. Verbissen ritten sie weiter, an den Buschinseln entlang, in denen der Wind seine geheimnisvollen Melodien spielte. Sie ritten in die Nacht hinein, bis John durch ein Zeichen zu verstehen gab, dass sie anhalten und absitzen wollten.

Sie führten die Tiere zu einer Weißpappelgruppe und banden sie dort fest.

„Hinter dem nächsten Hügel siehst du das Campfeuer“, flüsterte John.

Es war nicht weit bis zum nächsten Hügelkamm. Sie pirschten vorsichtig näher, und dann sahen sie das halb erloschene Feuer bei einem kleinen Eichenwäldchen, tief unten am Hang.

Sie beobachteten die hin und her zuckenden Flammen und starrten wieder in die Dunkelheit.

Nichts rührte und regte sich dort.

„Ich gehe von rechts und du von links heran. Gib auf die Pferde Acht, Sonny“, flüsterte Burt, „und halte deine Kanonen bereit. Für einen Mann allein ist es nämlich kein Vergnügen, die Herde

nach Colbey zu bringen. Außerdem hat Bessie sich noch nicht entschieden. Würde ich allein bei ihr aufkreuzen, würde sie wahrscheinlich annehmen, ich sei kein guter Beschützer und würde mir ihr Leben nicht anvertrauen. Vielleicht wäre sie mir sogar ernstlich böse. Also halte die Hand am Drücker!“

Bevor John noch etwas entgegnen konnte, wandte Burt sich rasch um und tauchte zwischen den Büschen unter, die sich am Hang entlang bis zum Eichenhain hinunterzogen.

Sein Schatten huschte lautlos, tigerhaft davon.

John wartete einige Sekunden, dann setzte auch er sich in Bewegung. Er vermied es sorgsam, auf ausgedörrtes Laubwerk zu treten. Nur langsam kam er vorwärts und war immer darauf bedacht, in Deckung zu bleiben, blieb immer wieder lauschend stehen, um sich zu vergewissern, was sich ringsum in der Nacht bewegte.

Über ihm leuchteten die Sterne, tiefliegende Silberwolken verdeckten ab und zu das Licht, und

während der Mond finstere Schatten zur Erde warf, huschte John im Schutz der Dunkelheit über freie Flächen. Er bewegte sich eilig über Stellen, die offen lagen, und so kam er näher zum Lagerfeuer.

Dort rührte sich noch immer nichts. Wer es auch immer angezündet haben mochte, es war ein vorsichtiger Mann, der vielleicht irgendwo außerhalb des Feuers im Dunkeln lauerte.

John wischte sich über die Stirn. Er drang weiter vor, blieb sichernd stehen, verhielt hinter einem Baumstamm und spähte scharf in die Runde.

Nein, es war weder etwas zu hören noch zu sehen.

Doch da!

Ein Pferd schnaubte. Dann kam ein Stöhnen auf, ein seltsames Ächzen, ein Röcheln folgte, und dann schallte Burts sonore Stimme zu ihm hin: „Komm nur aus der Deckung, Sonny, ich habe ihn!“

Ein seltsamer Anblick bot sich John Boone. Burt kauerte im Schatten neben dem Lagerfeuer und hielt einen Kerl an der Gurgel, der friedlich in seiner Decke geschlafen hatte und dessen hervorquellende Augen verständnislos auf Burt gerichtet waren.

Er hatte aufgehört zu röcheln. Er sagte auch nichts, als Burt die Hände von seinem Hals nahm und seine Schlafdecke zurückschlug.

„Wollen uns den Vogel ansehen, Sonny“, brachte Burt hervor. „Verdammt!“

Der Fluch erstickte ihm in der Kehle. Und nun sah auch Boone das Abzeichen des Sheriffs, das plötzlich auf dem Rockaufschlag des Fremden sichtbar wurde.

„Ein seltsamer Vogel“, knurrte John aufgebracht. „In der Tat, ich habe seit Monaten keinen Mann mit einem Orden gesehen. Wir kommen wohl in zivilisierte Gefilde. Ich wusste nicht, dass man in Colbey einen Sheriff gewählt hat.“

Er grinste den Fremden herausfordernd an und fragte: „Fellow, du hast wohl die Sprache verloren, wie?“

„Nicht ganz“, sagte der so Angeredete grimmig, wobei er Burt einen bösen Blick zuschoss und knurrte: „Ich bin Kummer und Verdruss gewohnt.“

„Nun, dafür trägst du auch einen Orden“, unterbrach ihn Burt Lonesome heiter.

Doch der Mann mit dem Orden ließ sich nicht aufhalten und fuhr fort: „Man hat ihn mir auf den Rockaufschlag genagelt, man hat mir diesen höllischen Posten übertragen, weil sich kein anderer dafür interessierte und niemand Sehnsucht danach hat, sein Fell spicken zu lassen. Colbey ist eine verdammte Stadt, genauso verseucht wie das Weideland ringsumher“, knurrte er.

Burt unterbrach ihn schneidend: „Darum hast du wohl Luftveränderung nötig gehabt und bist ausgerissen?“

„Ausgerissen? Ich?“, schnaubte er wütend.

„Mann Gottes, und wenn ich das wollte, könnte ich es nicht. Ich bin an Händen und Füßen gebunden, trage unsichtbare Fesseln. Aber das werdet ihr wohl kaum verstehen, Gents. Ich sage euch, was auf der Weide die Zecken besorgen, das schaffen in der Stadt die Männer der Fletcher-Bande. Sie saugen allen guten Bürgern das Leben aus den Adern.“

„Ah, und um uns das zu erzählen, hast du hier dein Camp aufgeschlagen, wie?“

Der Sheriff schaute Burt verwundert an. „Zuerst werde ich in meinem eigenen Camp überfallen, und nun will man mich auch noch verhöhnen“, zischte er, wobei er wiederum beide Männer eigenartig musterte. „Ich weiß nicht einmal, warum man mir meine Ruhe genommen hat.“

„Du hast wahrscheinlich auch keine blasse Ahnung, dass nur wenige Meilen von hier entfernt gute Zuchtrinder in einer Senke stehen?“, warf Burt ein.

„Zuchtrinder“, höhnte der Sheriff. „Wer will die schon haben? Das Land ist mit Rinderkadavern übersät; wohin man auch blickt, die Weiden sind voll davon.“

„Aber nicht von Rindern, die gegen die Seuche unempfindlich sind“, stellte Burt Lonesome heraus, wobei er den Sheriff scharf betrachtete.

Es entging beiden nicht, wie sich der Mann verfärbte, nach Luft rang, wie er mit seinem Oberkörper zurückwich, als hätte ihn ein Fausthieb getroffen.

„Selbst einem Sheriff dürfte diese Tatsache einleuchten“, grinste Burt. „Du bist nahe genug bei der Herde und hast dir wahrscheinlich deine Gedanken darüber gemacht.“

„Herr im Himmel, ich habe die Herde nicht einmal gesehen“, schnitt der Sheriff ihm das Wort ab.

Nun, das konnte die Wahrheit sein, denn wenn man es richtig sah, hätte er sich niemals ruhig in eine Decke gerollt und ein offenes Feuer entfacht. Er hätte auch wohl kaum seinem Pferd Sattel und Zaumzeug abgenommen und das Tier angehobbelt.

Jetzt presste er die Lippen zusammen und schaute giftig die Freunde an.

Yeah, und irgend etwas stimmte trotzdem nicht. Er hatte einen Proviantbeutel und einen Futtersack neben sich liegen. Noch bevor John seine Gedanken geordnet zum Ausdruck bringen konnte, zog Burt den Fremden an den Rockaufschlägen in die Höhe und brüllte ihn an: „Man kann sich auch einen Orden annageln, damit man schneller davonkommt. Hören Sie zu, Mann: Ich will Ihnen genau sagen, was Sie hier treiben. Sie sind nur die Vorhut einiger Kerle, die sich ein tolles Geschäft ausgerechnet haben. Unsere fünfhundert Rinder stehen jetzt höher im Kurs als tausend der hiesigen Longhorns. Mehr noch – sie zählen das Dreifache.“

„Das mag stimmen“, sagte der Sheriff wütend, wobei er sich mit einem plötzlichen Ruck von Burts Hand frei machte und zur Seite wich.

Seltsam, man sah es ihm an, dass er weder feige noch ängstlich war. Trotzig schaute er seine Gegner an, stemmte die Hände in die Hüften und grollte böse: „Wir werden niemals übereinkommen.“

„Nun, wir haben auch nicht die Absicht“, trumpfte Burt auf. „Für Kerle deines Schlages haben wir eine besondere Art.“

Er machte eine unmissverständliche Bewegung des Hängens und sah von dem Fremden fort zu John Boone hin.

„Das dürfte euch später verdammt leid tun“, grinste der Sheriff verbittert. „Ich komme aus Colbey, aus einer Stadt, die von Henry Fletchers Bande terrorisiert wird, und suche zwei Männer.“

„Heraus mit ihren Namen“, sagte Burt.

„Ich suche John Boone und Burt Lonesome.“

Nun war es an den beiden, den Atem anzuhalten. Sie rissen die Augen auf und musterten den Sheriff, als könnten sie ihren Ohren nicht trauen.

„Ausgerechnet diese beiden suchst du?“, zischte Burt durch die Zähne.

„Ja, und wenn ich nicht die feste Zuversicht hätte, die beiden Gesuchten vor mir zu haben, hätte ich ihre Namen niemals erwähnt, denn außer mir weiß nur noch ein einziger Mensch, dass ihr auf dem Trail mit gutem Zuchtvieh nach Colbey seid. Doch das kann sich schon in den nächsten Stunden ändern. Fletchers Banditen haben überall im Land ihre Spione.“

„Setz dich, Mann!“, knurrte Burt ihn heiser an. „Und spuck deinen Song heraus, aber gib Acht, dass du keine falschen Töne dabei durch die Gurgel quetschst.“

Der Sheriff nickte.

„Gut, ich bin Jack Reyne“, erklärte er düster.

„Reyne aus Colbey?“

„Genau der, Gents.“

„Wer schickt dich?“

„Bessie Rangone, Gents“, gab er, ohne zu zögern, zu verstehen.

„Bessie? He, ich finde das recht eigenartig. Ein Sheriff führt den Befehl einer Frau aus?“, kam es eisig über Burts Lippen.

Abwehrend hob Reyne die Hände und erklärte: „Es handelt sich um keinen Befehl, sondern um einen Dienst, Gents, um eine Gefälligkeit, wenn man es so nennen will. Wen hätte Bessie denn sonst schicken sollen? In Colbey wimmelt es von Schurken. Bessie setzt ihre ganze Hoffnung in euch.“

Der Name des Mädchens war doch nicht ohne Eindruck geblieben. Man sah es deutlich, ihre Abneigung gegen Reyne verlor sich.

„Warum sollte Bessie ausgerechnet dich hierherschicken?“, forschte John.

„Weil meine Frau Bessies Freundin ist“, gab Jack Reyne Auskunft.

„Das leuchtet mir nicht ausreichend ein, lass dir einen besseren Vorwand einfallen.“

„Der ist gegeben, Burt Lonesome“, unterbrach ihn Reyne ohne Zögern. „Bessies Vater ist erschossen worden.“

„Erschossen?“, ließ sich John Boone vernehmen, und in seinen hellen grauen Augen kamen gelbe Lichter auf. „Sie steht also allein auf der Welt?“

„Wenn es nur das wäre, würde sie sich nicht an meine Frau gewandt haben“, brachte Reyne hervor. „Aber es spricht sich besser im Sitzen, Gents. Setzt euch. Boone, dein Partner hat bessere Nerven.“

Er wartete, bis Boone Platz genommen hatte, und fuhr dann fort: „In Colbey hat sich manches geändert, Gents.“

„Das wissen wir bereits, die Fletcher-Bande haust jetzt dort.“

„Zum Teufel, das muss ich als Sheriff besonders gut beurteilen können, denn ich spiele in dem Reigen der Stadt keine oder nur eine unbedeutende Rolle. Es ist eine Schande, aber es ist nun einmal so. Ich kann es nicht ändern, denn sonst wäre ich bereits unter der Erde.“

„Warum hast du den Orden nicht abgelegt?“, brummte Burt grimmig.

Reyne öffnete wortlos seine Weste, zog das Hemd hoch und zeigte seine grausigen, vernarbten Kugelwunden auf der Haut.

„Das ist meine Antwort. Ich bin zu schwach, um mich allein gegen sie zu stellen. Zweimal habe ich es versucht und bin wie durch ein Wunder am Leben geblieben. Aber wir kommen vom Thema ab. Bessie hat die Stadt verlassen.“

„Verlassen?“, schrien beide zur gleichen Zeit auf.

„Sie ist zu reich, um dort bleiben zu können, wo Fletcher seine Macht ausbreitet; sie hat sich in Sicherheit gebracht.“

„Wo?“, knirschte Burt.

„Ich weiß es nicht.“

„Hat sie dir einen Brief mitgegeben?“, entfuhr es John.

„Nein, das wäre zu gefährlich. Sie lässt nur durch mich bestellen, dass sie in Not ist, dass sie dringend Hilfe braucht und ohne euch kaum eine Chance hat, Fletcher zu entkommen. Er stellt ihr nach und würde sie sogar mit Gewalt zu seiner Frau machen, nur damit er ihr Geld bekommt.“

„Fletcher? Ich kenne ihn nicht, und seine Bande ist noch wenig bekannt“, grollte John.

„Oh, sie wird bald einen Namen haben“, brachte Reyne wütend hervor. „Außerdem weiß man, dass Fletcher in Wirklichkeit der Red Lofer ist, der in Montana und Dakota und anderen Staaten wie ein reißender Wolf in eine Schafherde einfiel.“

„Red Lofer?“, kam es von Burt Lonesomes Lippen. „Oh, ist er groß, ein Riese, und hat er eine Messernarbe im Gesicht und flammend rote Haare?“

„Genau der. Du kennst ihn?“, forschte Reyne.

„Besser als jeder andere“, sagte Burt mit seltsamer Schärfe. „Ich suche ihn schon von Texas her. In Carlsbad gab es einmal einen Brand, der fast die halbe Stadt vernichtete und in dessen Flammen meine jüngeren Brüder und meine Mutter ums Leben kamen. Wenn der rote Lofer hinter Bessie her ist, dann …“ Burts Stimme riss ab. Fahrig wischte er sich die schweißnasse Stirn, riss sich wie verzweifelt das Halstuch auf. Seine flammenden Augen zuckten hin und her.

„Ich kann es nicht fassen“, knirschte er leise und abgehackt. „Fünf Jahre bin ich hinter diesem Schurken her, und jetzt, da ich es aufgegeben hatte, da ich nicht mehr daran glaubte, ihn jemals vor meine Eisen zu bekommen, taucht er aus der Versenkung auf.“

„Was hast du vor, Burt?“, unterbrach ihn John plötzlich seltsam scharf.

„Ich reite“, brach es wild und leidenschaftlich aus Burt hervor.

„Du vergisst die Herde“, stellte John Boone kalt heraus. „Wenn du jetzt gehst, wird sie der Teufel oder sonst wer holen“, sagte John bissig. „Allein kann ich sie unmöglich treiben.“

„Bessie ist wichtiger“, erwiderte Lonesome.

„Nun, das gleiche denke auch ich, aber sie ist ein Mädchen, und sie wird sich so lange versteckt halten, bis wir eintreffen. Überstürze nichts, Partner.“

„Den Teufel werde ich“, fauchte Burt Lonesome bissig. Er lachte rau und hieb beide Fäuste durch die Luft, als wolle er einen unsichtbaren Gegner zerschmettern, mit den Fäusten in den Boden rammen.

„Ich habe schon viel zu lange gewartet“, erklärte er hart. „Viel zu lange. Jetzt will ich nicht mehr, ich lasse mich nicht aufhalten, Sonny! Bleibe du bei der Herde. Vielleicht bringe ich unterwegs einige Reiter in den Sattel, die dir beim Treiben helfen können. Ich lasse mich durch nichts mehr aufhalten. Die Herde gehört nun dir, Partner.“

Das war eine unumstößliche Entscheidung.

„Du willst auf alles verzichten?“, stammelte John. „Jetzt, da wir sie monatelang getrieben und unser Ziel beinahe erreicht haben. Die Herde, in die wir all unser Geld und unsere Hoffnungen auf eine bessere Zukunft gesetzt haben? Soviel ist dir deine Rache wert?“

„Nicht die Rache“, fuhr Burt ihn an. „Bessie ist es wert, dass ich alles aufgebe. Ich liebe sie!“

„Du verteufelter Narr! Auch ich liebe Bessie“, schrie ihm John Boone ins Gesicht. „Aber zuerst

kommt die Pflicht. Du kannst nicht einfach alles aufgeben.“

„Ich schenke dir die Herde, und damit sind wir quitt“, trumpfte Lonesome auf.

„Burt, wir haben ausgemacht, dass wir sie zusammen nach Colbey bringen und dort Bessie selber entscheiden lassen wollen.“

„Da lagen die Dinge noch anders“, winkte Burt Lonesome herrisch ab.

„Ja, die Dinge lagen anders“, höhnte John grimmig. „Jetzt bist du sicher, dass sie dich nehmen wird und dir ihr Reichtum in den Schoss fällt. Hölle, was ist in dich gefahren, Partner?“

Er brach ab, wirbelte zur Seite und riss weit die Augen auf. Burt Lonesome stand ihm gegenüber, weit vornübergeneigt mit verzerrtem, bleichem Gesicht und hart blickenden Augen.

„Du bist ein Schuft, John“, stieß er heiser hervor. „Ein Schuft, hörst du? Ich würde Bessie heiraten, auch wenn sie nichts als sich selber hätte, verstanden?“

„Das lässt sich einfach sagen, wenn‘s anders ist“, erwiderte John leise.

Beide standen sich gegenüber, beide waren bereit, zu den Eisen zu greifen. Beide schienen mit einem Schlag andere Menschen geworden zu sein. Die Freundschaftsbande schienen sich gelöst zu haben.

Jack Reyne stöhnte leise vor sich hin. Niemals würde die Freundschaft dieser beiden Männer wieder aufblühen. Sie hatte hier, vor seinen Augen, ihr Ende gefunden. Das uralte Gesetz, das zwei Männer trennen musste, wenn sie in ein und dieselbe Frau verliebt waren, hatte auch hier gesiegt.

„Wir sind fertig miteinander“, kam es leise von John Boones Lippen.

„Ja, wir sitzen nicht mehr im gleichen Sattel, Freund“, bestätigte Burt Lonesome mit rauer Stimme.

„Ich werde Colbey erreichen, und dann tragen wir es aus. Derjenige, der lebend davonkommt, kann Bessie seinen Antrag machen, hörst du?“

John Boone drehte sich scharf auf dem Absatz um. Er störte sich nicht daran, dass Lonesome, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, in der Nacht untertauchte.

„Er ist aus dem Süden, Cowboy“, hörte er Jack Reynes Stimme dumpf neben sich. „Er gehört zu den Unduldsamen, zu den Männern, die alle Brücken ohne Bedenken hinter sich abbrechen können. Diese Texaner lieben mit einer Leidenschaft, die beinahe unheimlich ist. Er hat recht, man soll ihn nicht aufhalten, aber ich stelle mich für das Treiben der Herde zur Verfügung, Cowboy.“

„Du?“, sagte John überrascht, indem er den Mann nochmals scharf, fast ungläubig musterte.

„Mein Gaul ist abgekämpft“, erklärte Jack Reyne, hob dabei seinen Proviantbeutel und den Futtersack hoch, trug beides zu seinem Grauschimmel, schnallte auf und kam zurück, um die Decke einzurollen.

In diesem Moment ertönte der schnelle Hufschlag eines sich entfernenden Pferdes vom Kamm her.

Der Sheriff hob ruckartig den Kopf.

„Boone, Ihr Partner hat sich nicht einmal Zeit genommen, einen Proviantpacken mitzunehmen. Er hat es verteufelt eilig. Der Himmel weiß es – auch ich wollte ihn zum Bleiben bewegen.“

Er schwieg. Auf seinem hageren, faltigen Ledergesicht lag das blasse Mondlicht. Langsam wandte er John das Gesicht zu.

By Gosh, es stand auf seiner Stirn geschrieben, was er dachte, und seine Worte bestätigten es: „Es tut mir verdammt leid, dass es zwischen euch beiden so kommen musste, Boone. Aber in dieser verrückten Welt kann jeden Moment etwas Höllisches geschehen. Nie nimmt es ein Ende.“

„Reyne, du willst ernsthaft mit mir treiben?“

„Ich habe es gesagt.“

„Nun, es sind vier Tage bis Colbey!“

„Ich weiß, aber ich kann es wagen, denn in Colbey werde ich, seitdem die Fletcher-Bande dort öffentlich regiert, kaum noch gebraucht“, grollte Reyne bitter.

In seinen Mundwinkeln zuckte es verräterisch bei diesem Bekenntnis. „Es ist wahrhaftig gleich, wann ich in Colbey auftauche. Man wird mich nicht vermissen.“

„Doch um so überraschter sein …“

„Ja, und ich werde die Überraschung vollkommen machen“, erklärte er dumpf, wobei sich seine Rechte auf die Coltkolben senkte.

„Gehen wir?“

„Mein Pferd steht dort hinter dem Kamm.“

„Holen wir‘s und reiten zum Camp. Es wäre angebracht, sich dort noch ein wenig auszuruhen. Morgen werden wir wohl alle Hände voll zu tun haben.“

Er warf die Decke über das Sattelhorn, fasste nach der Kandare und zog den Grauschimmel hinter sich her.

Wenig später löste John Boone seinen Bronco von den Zweigen des Verstecks, schwang sich gleich Reyne in den Sattel und setzte sein Tier neben dem Grauschimmel in Trab.

„Jetzt kann ich es ja sagen“, grinste ihn Jack Reyne an. „Noch vor zwanzig Minuten hatte ich das verdammte Gefühl, als ob Flammenbilder sich kreuzen und ein oder zwei Gruben ausgehoben werden müssten. Es sah verdammt nach einem Kampf aus …“

„… dem wir nicht ausweichen können“, erklärte John heiser. „Einer ist zu viel.“

„Und was soll mit der Fletcher-Bande passieren? Ihr habt doch beide die gleichen Feinde, und sie schießen ausnahmslos eine gute Kugel. He, was ist das?“

Er riss bei diesen Worten scharf an der Kandare und stellte sich in den Steigbügeln auf.

Unwillkürlich hielt auch John seinen Bronco an. Er richtete sich ebenfalls kerzengerade im Sattel auf.

Ein dumpfes Grollen war zu vernehmen.

„Die Herde“, keuchte John.

„Allmächtiger“, sagte der Sheriff, „wie ist das möglich?“

Die Antwort darauf gaben wilde Schussdetonationen, die das dumpfe Gebrüll der Herde übertönten.

Jack Reynes Lippen wurden zu schmalen Strichen. Sein Blick huschte zu John Boone hin, und er fauchte: „Sie haben die Herde in Stampede gebracht, Boone.“

„So ist es“, klang es rau und gepresst. „Sie treiben sie in Richtung Colbey. Mehr können wir im Augenblick nicht verlangen. Komm zur Seite, Fellow, lassen wir die Herde passieren.“

Bevor Jack noch etwas entgegnen konnte, lenkte John bereits sein Pferd zu einer dornigen Gebüschinsel hin. Reyne tat es ihm nach, trieb den Grauschimmel eilig an, und kaum waren sie in der Deckung, als auch schon die wilde Jagd der Stampede sichtbar wurde. Staub und Dreck wallten unter den trommelnden Hufen der Tiere auf. Eine Welle Tierleiber brandete auf sie zu und teilte sich nur wenige Yards vor ihrem Versteck am Dornbusch.

Staubschleier breiteten sich über das Land. Sie hielten nebeneinander die bebenden Tiere mit fester Hand zurück und zwangen sie zum Stand.

Gleich einem grausigen Spuk verwischten die Konturen der Rinder und Reiter. Zurück blieb die Staubwolke, der von Hufen zerstampfte, aufgerissene Boden und zwei Männer, die sich den Dreck aus dem Gesicht wischten und ihre Pferde aus dem Versteck trieben.

„Der Tanz beginnt!“, fetzte es von Johns Lippen. „Lass uns zum Camp zurückreiten.“

„Ich schätze, sie werden nichts davon übriggelassen haben, Fellow“, stellte John ruhig heraus. „Unseren Proviant, die Pferderemuda und unsere Ausrüstung können wir abschreiben. Jetzt brauche ich mich nicht mehr um Reiter zu kümmern, die unser Vieh nach Colbey bringen.“

„Boone, du willst doch nicht aufgeben?“, entfuhr es dem Sheriff ungläubig.

„Ich denke nicht daran“, antwortete John. „Solange noch ein Funken Leben in mir ist, werde ich

hinter den Schuften herreiten, und wenn es sein muss, bis in den Tod!“

„Sag das nicht so laut. Schau nur zum Kamm hin.“

Boone riss den Kopf herum.

Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass sie die Schlussreiter der Desperados vor sich hatten, die die Herde forttrieben. Sieben Reiter jagten auf sie zu und trieben den Pferden die Sporen in die Weichen, so dass unter den laut rumorenden Hufen der Pferde der Staub hochwallte und im schimmernden Mondlicht gleich Silberfontänen aufquoll.

Noch bevor sie ihre Pferde herumreißen konnten, zündeten die Feuerlichter auf, summten ihnen die Kugeln um die Ohren, krachten die teuflischen Gürtelkanonen der Angreifer und vereinten sich zum Kettendonner, der die Nacht mit berstendem Lärm erfüllte.

Reynes schwerer Colt wummerte, eine orangefarbene Feuerzunge leckte aus der hochgerissenen Mündung zu den Gegnern hin.

Johns Colts flogen mit Zauberschnelle aus den Holstern. Hoch aufgerichtet stand er in den Steigbügeln, einem Turm aus Basalt gleich, an dem sich die Wellen brachen.

Die kalten Todeslichter rasten aus seinen Mündungen, hieben einen Sattel frei, brachten ein Pferd mitten im Galopp zum Sturz, so dass der Reiter über den Hals des Tieres hinweg einen Salto ins Gras machte.

Im gleichen Moment sackten seinem Bronco die Vorderhufe ein. Mit rauchenden Eisen glitt er aus dem Sattel und kam hinter seinen Gaul zu liegen. Von hier aus feuerte er über den warmen Kadaver hinweg, jagte drei schnelle Schüsse hinaus, die allesamt jedoch ihr Ziel verfehlten. In das Donnern der Colts hinein brach Reynes verzweifeltes Stöhnen.

Aus den Augenwinkeln heraus sah John, wie der Sheriff sich zur Seite neigte, aus dem Sattel kippte und dumpf in das hüfthohe Gras sank. Der Grauschimmel stieg empor, krümmte sich wie eine Katze und flog mit hochgerecktem Kopf und flatternden Mähnen den Angreifern entgegen, als wolle das Tier mit seinem Körper die Gegner zur Umkehr bewegen.

In John zerriss etwas und jagte ihn gleichzeitig hoch. Und so kam es, dass er geduckt dastand, tief von den Hüften her sein Blei herausjagte.

Johns Hämmer schlugen leer auf, und in diesem Augenblick blitzte der Colt eines Desperados auf, dessen Pferd seitlich durchbrach.

Die Kugel raste auf John zu. Heiß sengte es durch sein Haar, pflügte über seine Kopfhaut. Der Schmerz war so gewaltig, dass er die Hände hochwarf und vergebens gegen die Schatten ankämpfte, die ihn mit ungestümer Gewalt zu Boden rissen. Im Niedersinken spürte er das Blut, das warm und klebrig über seine Stirn rann. Er registrierte noch, wie ihm die Waffen entfielen und irgendwo im Gras liegenblieben.

Er hätte im Schmerz aufbrüllen mögen, doch kein Wort kam über seine Lippen. Er lag in einem Starrkrampf und war nicht fähig, sich zu rühren.

So lag er noch, als die Reiter auf ihn zukamen.

Er sah sie recht deutlich. Sie hielten an und saßen ab. Ein riesiger Kerl, dessen breitflächiges Gesicht mit wochenalten Bartstoppeln bedeckt war, beugte sich zu ihm nieder. Deutlich erkannte John das rote Haar des Burschen, das fleckige Gesicht mit der Messernarbe.

Es musste Fletcher sein.

„Was ist mit ihm, Henry?“, fragte eine Stimme aus dem Hintergrund.

„Ich glaube, er hat das Zeitliche gesegnet“, erwiderte Fletcher kalt.

„Um so besser, er hat es uns tatsächlich schwer genug gemacht. Wer ist es?“

„Ah, es wird John Boone sein, denke ich. Mit Sicherheit kann ich‘s jedoch nicht sagen.“

„Was soll das heißen?“

„Nun, dass du ihn vorher säubern müsstest, Tom“, grollte Fletcher bissig, wobei er sich so tief beugte, dass sein heißer Atem über Johns Wange strich.

„Bist du davon überzeugt, dass er wirklich tot ist?“, klang es mürrisch.

„Ich glaube schon“, murmelte Fletcher. „In der Hölle wird er sich darüber beklagen, dass er uns eine Herde Zuchtrinder aus Texas hierhergetrieben hat.“

Er richtete sich bei diesen Worten auf und stieß John die Stiefelspitze in die Seite. Er wandte sich ab und verschwand aus dem Gesichtswinkel Johns.

„Wer ist der andere?“, fragte die Stimme aus dem Hintergrund erneut.

„Du wirst es nicht glauben, aber es ist Jack Reyne, der Sheriff aus Colbey.“

„Nicht möglich!“

„Komm her und schau ihn dir an. Er trägt noch seinen Orden an der Weste.“

„Hölle, dem hätte ich nicht so viel Mut zugetraut.“

„Oh, in Colbey stand dieser Bursche allein gegen uns. Du glaubst, wir hätten ihn eingebrochen. Ich war nicht so ganz davon überzeugt und hatte recht, als ich den Befehl gab, hinter ihm herzureiten. Irgend jemand hat ihn Boone entgegengeschickt.“

„Boone sagst du? John Boone?“, sagte eine andere Stimme. „Dann ist auch der Tiger aus Texas in der Nähe, Lonesome. Die beiden sind unzertrennlich, und beide sind Freunde von Bessie Rangone.“

„Ich werde ihr die Krallen beschneiden“, klang es grimmig, „Sie wird weder Boone noch Lonesome jemals sehen. Reiten wir weiter und suchen Lonesome.“

„Und die Leichen?“

„Lass die Arbeit den Wölfen und Coyoten“, klang es zurück. „Wir müssen sofort zuschlagen und dürfen Lonesome keine Chance geben. He, Stew, jetzt wirst du wieder einmal beweisen müssen, ob deine Fährtenlesekunst wirklich so großartig ist, wie du sie uns immer hinstellst. Reiten wir zum zerstörten Camp der beiden Kerle zurück, dann kannst du herumschnüffeln und Lonesomes Fährte herausfinden. Streng dich an, Stew Lancaster. Tausend Dollar ist mir Lonesome wert.“

„Gut, ich werde alles daransetzen, um sie mir zu verdienen, Boss“, gab eine frische, jugendliche Stimme zur Antwort. „Obwohl es verteufelt schwer sein wird, am Camp die richtigen Spuren herauszulesen. Wir hätten die Pferderemuda nicht sprengen dürfen. Jede Hufspur verzögert das Unternehmen beträchtlich.“

„Du wirst es trotzdem versuchen“, fauchte der Riese heftig. „Ich kann es mir jetzt nicht leisten, einen Mann wie Lonesome auf den Fersen zu haben.“

„Das klingt beinahe so, als ob du ihn fürchtest, Boss“, schnappte Tom Graser. „Ist er ein alter Bekannter aus Texas von dir?“

„Ja, aus Texas“, stieß Fletcher heftig durch die Zähne.

„Dann kann es nur aus Carlsbad sein, wo du deinen ersten Job gestartet und die halbe Stadt in Asche legtest.“

„So ist es. Ich konnte nicht wissen, dass Lonesomes Angehörige dabei ums Leben kamen. Noch viel weniger ahnte ich, dass dieser verrückte Bursche dahinterkommen würde, wem er es zu verdanken hat. Steigt auf, wir reiten.“

John hörte Sattelleder knirschen, Pferdeschnauben, hörte den dumpfen Hufschlag und die Stimmen der Kerle, die langsam in der Nacht verebbten.

Über ihm standen die Sterne; kalt, weit, ungreifbar. Mit aller Macht versuchte er, wieder auf die Beine zu kommen. Vergebens, er schaffte es einfach nicht. Die Schmerzen in seinem Schädel ließen nach. Eine dicke Blutkruste bildete sich dort, wo die Kugel die Haut aufgerissen hatte.

Ein unheimlicher Durst marterte ihn und war heftiger und drängender als seine Gedanken, die ihn quälten, peinigten und mit Entsetzen erfüllten.

Niemand würde Lonesome warnen. Es war kaum anzunehmen, dass er etwas von der Stampede gehört hatte. Er schwebte in höchster Gefahr.

 

*

 

Es hämmerte in Johns Gehirn. Er wollte schreien, brüllen, sich von dem seltsamen Bann befreien, der ihn starr und steif machte. Es ging nicht. Regungslos lag er im Gras – und die Stunden verstrichen. Mitternacht nahte; heller wurde der Sternenglanz, dunkler die Schatten, die ringsum geisterten. Schatten von Wolken, die der Wind flüchtig vor sich hertrieb. Schatten, die wie Geister im Kampf gefallener Männer noch einmal zu dem Ort eilen wollten, an dem das Leben erlosch.

Ruhe breitete sich aus, in der nur das Wispern der Gräser und John Boones laut pochendes Herz standen.

Wahrhaftig, rings um Colbey hatte sich alles verändert. Der Tod stand nicht nur auf den Weiden, um Rinder in Massen niederzuwerfen, er hielt auch bei den Menschen reiche Ernte. Bessies Vater hatte sterben müssen, damit der Schuft Fletcher seine Dreckhände auf das Mädchen legen konnte, um ihre Schönheit und ihren Reichtum zu gewinnen. Recht und Gesetz mussten weichen. Reyne

hatte sein Leben lassen müssen, nachdem er schon einmal den Banditen die Stirn geboten hatte.

„Nein!“

Der Schrei löste ihn aus der Erstarrung. Er fühlte, wie er plötzlich wieder seine Glieder bewegen konnte. Ein Schauer durchbebte ihn. Langsam stemmte er sich hoch und tastete nach seinen Eisen. Er fand sie nach kurzem Suchen im Gras. Nach dieser Anstrengung musste er zwei Minuten still im Gras hocken. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn, als er vorsichtig nach der Streifschusswunde tastete. Die Haut war nur abgeschürft, der Knochen nicht verletzt. Das Blut hatte die Haare aneinandergeklebt. Der Blutverlust machte ihn durstig und schwach, so dass es dem Zustand eines schweren Rausches ähnlich war. Wankend richtete er sich auf und stieß die Eisen in die Holster zurück. Er taumelte zu seinem niedergeschossenen Pferd hin. Schwankend richtete er sich auf.

Der Inhalt der Feldflasche und einige Biskuits, die er den Satteltaschen entnahm, stillten den nagenden Hunger und löschten den Durst, so dass er klarer denken konnte und die Nebel vor seinen Augen wichen.

Obwohl sich eine lähmende Müdigkeit in ihm ausbreitete, zwang er sich dazu, Reyne anzuschauen und ihn zu untersuchen.

Er drückte dem Toten die Augen zu und schaufelte ihm eine Grube.

„Jack, wir sind Partner geworden“, stammelte John, wobei er den Orden, den er dem Toten abgenommen hatte, in seine Westentasche steckte.

„Auf Wiedersehen!“

 

*

 

Die Sonne ging auf. John Boone marschierte. Er hieb sich die hohen Absätze von den Stiefeln und verstaute die Sporen. Während des Gehens lud er die leer geschossenen Coltkammern auf.

Der Vormittag verging. Johns Füße brannten heftig. Gegen Mittag erreichte er einen Bach, stillte seinen Durst und füllte die Feldflasche auf. Er verkroch sich in einem Weidendickicht und schlief, auf weiches Moos und Laub gebettet, sofort ein.

Das monotone Rauschen der Schnellen im flachen Flussbett weckte ihn, als die Sonne im Westen die Zinnen und Grate der Valdevils Mountains aufleuchten ließ.

Der Schlaf hatte ihn erfrischt. Er ging zum Ufer und wusch sich die erstarrte, schreckliche Blutmaske ab. Er betrachtete sein Spiegelbild im stillstehenden Wasser einer kleinen Ufermulde und erschrak.

War das ihm entgegenleuchtende Antlitz wirklich seines? John konnte es kaum glauben und blickte nochmals hin. Er schaute in die tief in den Höhlen liegenden Augen, in das blasse Gesicht, in dem die Lippen wie Geißelschnüre lagen.

Ein hässliches, abgehacktes Lachen folgte, das plötzlich abbrach. Sein Magen knurrte, und er setzte seinen Weg fort. Er hoffte auf Rinder zu stoßen, die bei der Stampede zu Tode gekommen

waren, um sich aus dem Fleisch einige Stücke herausschneiden zu können.

Aber so sehr er auch Ausschau hielt, nicht einmal ein Kalb schien ums Leben gekommen zu sein. Das war eine Tatsache, die wirklich einmalig dastand.

Er konnte den Trail der Rinder auch in der einsetzenden Nacht nicht verlieren und schritt los. Nach einigen Meilen zog er die Stiefel aus, hängte sie sich über die Schulter und marschierte auf Strümpfen weiter.

Es war kurz vor Mitternacht, als er ein weites Buschgelände durchquerte und plötzlich Hufschlag hinter sich aufkommen hörte. Er suchte eilig eine Deckung auf, blieb still liegen und wartete.

Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt. Vier Reiter trieben ihre Pferde querab. An ihrer Spitze ritt ein riesiger Mann, dessen scharfe Silhouette sich gegen den helleren Nachthimmel abzeichnete. Der massige Reiter schien zu schwer für das hochgebaute Pferd unter seinem Sattel zu sein.

„Fletcher!“, stöhnte John erbittert.

Der Bandenboss ritt außerhalb der Revolverreichweite in schnellem Tempo, als hätte er es besonders eilig, vorwärts zu kommen.

Gewiss hatte sein Fährtensucher Stew Lancaster herausgefunden, dass sich Burt Lonesome von John Boone getrennt hatte.

Vielleicht hatten sie auch bereits herausgefunden, dass John noch lebte, und ritten so eilig, um ihm den Rest zu geben.

Johns Hände zuckten zu den Colts und verkrallten sich. Mit weit aufgerissenen Augen sah er den Reitern nach, die wie Schemen in der Nacht verschwanden.

Müde setzte er seinen Weg weiter fort. Deutlicher als zuvor spürte er jeden Stein, jede Scharte und scharfe Kante. Er atmete auf, als er das steinige Gelände hinter sich gelassen hatte und das Grasland der Senke ihn aufnahm.

Er war völlig erschöpft, ausgepumpt und vom Hunger gefoltert. Er hätte ohne Bedenken das

nächstbeste Pferd aus einer Koppel eingefangen und bestiegen. Doch er schaute vergebens danach aus, und als er noch einige Meilen zurückgelegt hatte, ließ ihn der Anblick eines Heuschobers fast zurückprallen.

John näherte sich behutsam dem Schober und sah die langgestreckten Gebäude eines kleinen Anwesens und dahinter die Lichter einer Ortschaft.

Jetzt dachte er nicht mehr daran, sich zur Ruhe zu legen. Nein, jetzt hatte er ein Ziel vor den Augen. Jetzt wusste er auch, warum die Rinderfährte vor der Bodenerhebung nach links abgeschwenkt war. Sicherlich würde der Rindertrail auf der anderen Seite der Stadt wieder sichtbar werden. Fletchers Treiber waren der Stadt ausgewichen.

Er selbst jedoch würde bestimmt in der Stadt sein und mit ihm einige tollwütige Schießer.

Fletcher hatte also die Herde nicht schon hier in diesem Nest an den Mann bringen wollen. Er ließ sie weiter in Richtung Colbey treiben. Nun gut, solange er die Herde treiben ließ, war sie noch

nicht verloren. Rinder konnten nur zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen am Tag getrieben werden. Für einen Reiter blieb immer noch Zeit genug, die Desperados einzuholen.

Das Anwesen vor ihm lag in tiefster Dunkelheit da. Ein Hund kläffte den Mond an. Schweine rumorten und grunzten im Schlaf. Hühner gackerten auf ihren Schlafstangen. John lief das Wasser im Mund zusammen. Er sah vor seinem geistigen Auge Steaks und gebratene Hühner, Kompott und Eier in der Pfanne.

Seine Geschmackssinne wurden noch stärker berührt, als er am Backofen vorbeischlich, wo ihm der Duft von frischem Brot entgegenschlug.

Der Hund kläffte stärker und gebärdete sich wie toll an der Kette. Er musste seine Witterung aufgenommen haben und sauste wie von Sinnen im Halbkreis hin und her. John gab es nun auf, sich versteckt zu halten, und trat um die Schuppenecke herum. Sofort beruhigte sich das Tier.

Es war ein prächtiger Bluthund mit einem mächtigen Fang und Reißern, die gefährlich aufblitzten.

John spielte mit dem Gedanken, eine Kugel zu opfern; der Lärm des Hundes machte ihn nervös.

„Wenn du dich bewegst, Freund, knallt es“, hörte er auch schon die wenig freundliche Stimme eines Mannes in seinem Rücken. „Für Satteltramps habe ich eine verdammt gute Nase, und du scheinst mir mehr als ein Strolch zu sein, gerade das richtige Frühstück für meinen Cäsar!“

John hielt es für angebracht, sich nicht zu bewegen, und blieb ruhig stehen.

„An meinen Knochen könnte sich der Hund vergiften“, bemerkte er spöttisch.

„Ah, Fletcher hat nicht zu viel gesagt, du scheinst wirklich eine verteufelte Nummer zu sein“, höhnte es hinter ihm. „Ich muss mich wohl später bei ihm bedanken, dass er mir einen Tipp gab, oder soll ich ihm nur deinen Tod mitteilen?“

„Fletcher hat mich also angekündigt?“

„Ja, er sprach davon, dass vermutlich ein wüster Tramp meine Vorratskammer plündern und meine Maultiere stehlen würde, und gab mir den guten Rat, diese Nacht nicht zu schlafen.“

„Ich falle vor Hunger um, alles andere ist von Fletcher erfunden“, gab John zu verstehen.

„Du kannst alles bekommen, wenn du zahlen kannst“, unterbrach der Kerl in seinem Rücken seine Erklärung. „Aber danach siehst du eigentlich nicht aus.“

„Oh, ich kannte Burschen, die erschienen noch abgerissener als ich und trugen dennoch ein Vermögen mit sich herum“, erklärte John. „Ich möchte dabei nur an die Kerle erinnern, die aus den Goldfeldern Kaliforniens kamen.“

„Lass deine Barschaft sehen.“

Mehr hatte John nicht gewollt. Er kannte diese habgierigen Typen, diese Gierhälse, die aus jedem Dreck ein Geschäft machen wollten.

Die Worte des Mannes bestätigten sein Denken. „Wenn du nicht genug bietest, um das Angebot

Fletchers zu übertreffen, werde ich Cäsar von der Leine lassen.“

„Gut, eine Frage: Wie viel bot Fletcher?“

Details

Seiten
137
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945799
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v935811
Schlagworte
sattelgefährten

Autor

Zurück

Titel: Sattelgefährten bis in den Tod