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Ein Mann ganz allein

2020 168 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Mann ganz allein

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Ein Mann ganz allein

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 168 Taschenbuchseiten.

 

Die Stadt war dunkel und still. Der schwarz gekleidete Bandit stand breitbeinig mitten in der Mainstreet. Er ließ die Schwingtür des Hotels nicht aus den Augen.

„Komm heraus, Red!“, schrie er heiser. „Komm heraus, sonst nehme ich die Town auseinander!“

Seine Rechte bewegte sich. Der Mann war unheimlich schnell. Eine Kugel flog in den Fensterrahmen.

In dem Augenblick sagte eine Stimme: „Lass fallen und heb die Hände!“

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach einen Motiv von H. Dunton, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Reiter und Pferd waren staubbedeckt. Wochenlang war Jed Hunt durch die Wüste getrailt. Jetzt musste er schwer schlucken. Seit Wochen hatte er von grünen Wäldern und blühenden Prärien geträumt, von den farbenprächtigen Sonnenuntergängen in seiner Heimat im südlichen Texas. Und nun lagen kahle, graue Hänge vor ihm, von halb verbranntem Gestrüpp und schwarzen Baumstümpfen durchzogen. Hier musste ein großer Waldbrand gewütet haben. Nicht ein grüner Baum wuchs mehr auf den Hängen.

Unten im Tal sah Jed Hunt die Reste einer Hütte und die verkohlten Mauern eines Stalles. Ein angesengter Wagen stand wie zur Abfahrt bereit. Es war ein trostloser Anblick.

Auf seinen Ritten hatte Jed Hunt schon viele verlassene Anwesen gesehen, doch dieses hier berührte ihn besonders stark. In einer der verkohlten Wände steckte ein indianischer Tomahawk. Jed ritt nahe heran und zügelte sein Pferd, um die Waffe zu betrachten. Sekundenlang grübelte er, dann ließ er sich langsam aus dem Sattel gleiten. Er war vom langen Reiten steifbeinig geworden und vertrat sich ein wenig die Füße. Danach führte er sein Pferd zum Brunnen. Jed ließ den Eimer hinunter und holte ihn voll Wasser wieder aus der Tiefe. Er trank einige Schlucke, füllte seine Feldflasche, und gab dann seinem Braunen zu trinken. Danach ließ sich das Pferd geduldig den Futtersack umbinden.

Es ist gleichgültig, wohin ich reite, dachte Jed. Auf viele Meilen gibt es sicherlich nicht eine grüne Insel in diesem verbrannten Land. Seit Wochen bin ich allein, und bald beginnt der Herbst. Kein Rancher stellt jetzt noch Leute ein. Ich bin zu lange krank gewesen, und jetzt wird es schwer sein, noch einen Job zu finden.

Die Rindergeschäfte gingen sowieso nicht gut. Der Norden wurde mit Rindern aus Texas geradezu überschwemmt. Während der Kriegszeit hatten sich die Rinderherden stark vermehrt. Selbst ein Land wie Nevada litt unter den aus Texas kommenden Viehmassen. New Mexico, Colorado und Utah waren Stationen von Jeds Ritt gewesen. Es zog ihn nach Nordwesten, nach Oregon. Von diesem Land sagte man, dass man dort neu beginnen und seine Vergangenheit vergessen könne. Aber bis nach Oregon war noch ein weiter Weg, und der Winter stand vor der Tür.

„Wo ich den Winter verbringe, ist ganz gleich“, murmelte Jed. „Nur wenn er mich unterwegs überrascht, wird es bitter. Je weiter man nach Norden kommt, um so härter und rauer sind die Wintermonate. Ich könnte nach Kalifornien reiten, in ein Land, in dem ständig die Sonne scheint. Dort könnte ich das Frühjahr abwarten. Nichts treibt mich vorwärts, niemand erwartet mich.“

Jed Hunt hatte bereits mit vierzehn Jahren auf eigenen Füßen stehen müssen. Seine Eltern waren bei einem Apachenüberfall ums Leben gekommen. Geschwister oder Verwandte besaß Jed nicht. Früh spürte er die Bitternis des Lebens, nichts wurde ihm geschenkt. Er lernte, wie gierig, hart und unerbittlich die Menschen waren. Wer leben wollte, musste sich durchsetzen, musste die Ellbogen gebrauchen, musste kämpfen oder untergehen.

Jed dachte an die Wochen, die er als Tramp verbracht hatte. Er war in der Gesellschaft finsterer Kerle gewesen. Er dachte auch an die Einzelgänger unter den Tramps, an jene harten und rauen Burschen, die sich ihre eigenen Gesetze gemacht hatten. Von diesen Männern sprach man mit Achtung, sie waren die Könige des Trails.

Jed Hunt wollte jedoch kein Leben führen, das rast- und ziellos war und nur die Hoffnungslosigkeit als Begleiter hatte. Solange er noch ein Pferd hatte, wollte er versuchen, einen Job als Cowboy zu bekommen, ungeachtet dessen, dass der Winter kam und dass viele Rancher Cowboys entließen. Diese Rancher machten sich keine Gedanken darüber, was aus den entlassenen Cowboys wurde. Meistens wurden die älteren entlassen, die es bei der Suche nach einer neuen Stellung noch schwerer hatten. Überall gab es hartgesottene Rancher, denen das Schicksal anderer gleichgültig war, die nur daran dachten, ihren Reichtum zu vermehren.

By Gosh, es war besser, wenn man nicht nachdachte, wenn man nicht in die Vergangenheit zurückschaute.

Die Sonne brannte herab, und es gab nur wenig Schatten. Der Schweiß stand Jed auf der Stirn.

Ich habe die Krankheit noch nicht ganz überwunden, dachte er. Aber es geht bergauf, niemand sieht mir noch etwas an.

Sein Gesicht war aber noch hohlwangig, und die braunen Augen lagen tief in den Höhlen. Bartstoppeln gaben Jed ein wildes, wenig vertrauenerweckendes Aussehen. Die geflickte, staubige Kleidung und der tief geschnallte Colt unterstrichen diesen Eindruck noch. Der Colt war besonders zurechtgemacht und hatte weder Kimme noch Korn noch Abzugsbügel. Er wurde nur mit dem Hammer bedient. Diese Waffe wies Jed als einen schnellen Revolvermann aus, sonst hätte er nicht auf einen Abzugsbügel verzichten können.

Wenn Jed in die Nähe einer Ranch kam, veränderte er den Sitz seines Colts. Kein Rancher stellte gern einen Cowboy ein, der seinen Colt so tief geschnallt trug, und viele Cowboys blickten schief. Das alles wusste Jed, und er wollte sich einen Job nicht dadurch entgehen lassen.

Jetzt schob Jed Hunt seinen grauen Stetson in den Nacken, nahm sich einige Biskuits aus der

Satteltasche und ließ sich auf dem Brunnenrand nieder.

Die Stille ringsum war bedrückend. Nur das mahlende Geräusch war zu hören, das sein Brauner beim Fressen des Maisfutters verursachte. Kein Lüftchen regte sich. Ein Vogelschwarm überflog das schwarze Gebiet, ohne sich niederzulassen.

Nach dem Essen richtete sich Jed im Schatten einen Platz ein, um die heiße Tageszeit zu verschlafen. Er hatte jedoch kaum seinen Kopf auf die Sattelrolle gelegt und die Augen geschlossen, als ihn Hufschlag hellwach werden ließ. Er sprang auf, schnallte die Sattelrolle und den Futtersack auf und führte seinen Braunen in die Deckung der Mauern. Das alles geschah mit der Routine eines Mannes, der es gewohnt war, auf seine Sicherheit zu achten. Er handelte nicht erst, wenn er erkannte, was auf ihn zukam, denn er hatte schon zu böse Erfahrungen gemacht. Ein Mann, der auf sich allein gestellt war, musste sich selbst helfen können, und es gab eine Menge Tricks, mit denen Jed aufwarten konnte.

Er fand noch Zeit, um seine Spuren zu verwischen, bevor er sich selbst in Deckung begab.

Dann brauchte er allerdings nicht mehr lange zu warten. Auf dem Hang zur linken Hand tauchte ein Reiter auf. Er hielt den Falben mit einem scharfen Zügelruck an, als er ins Tal blicken konnte. Der Falbe ging auf die Hinterhand und keilte mit den Vorderhufen durch die Luft. Es war ein prächtiges Pferd, das der schlanke Reiter unter dem Sattel hatte. Bei schärferem Hinsehen entdeckte Jed, dass es eine Frau war, die den Falben ritt. Sie trug ihr Haar unter einem breitrandigen Stetson verborgen.

Jed trat aus seiner Deckung heraus und sah zu der Frau hinüber. Sein Anblick schien sie kaum zu erschrecken oder zu beunruhigen. Sie stützte beide Hände auf das Sattelhorn und richtete ihren Blick fest auf ihn.

Jetzt wird sie ihr Pferd herumreißen und fliehen, dachte Jed. Was hat eine Frau hier zu suchen? Sie ist allein in einer Gegend, die lichtscheues Gesindel anzieht. Ich habe einen Fehler gemacht. Sie wird davonreiten und dann in der Begleitung von Männern zurückkommen. Vielleicht wird sie sich selbst auch nicht mehr sehen lassen, sondern mir ein Rudel harter Burschen senden, das mir auf den Zahn fühlen soll.

Jetzt war es zu spät, den Fehler zu korrigieren. Aus einem inneren Impuls heraus hatte Jed die Deckung verlassen. Wie so oft hatte er sich wieder einmal von seinem Gefühl leiten lassen. War er von der weiblichen Erscheinung fasziniert worden, hatte er dadurch eine Riesendummheit begangen? Seit Monaten war er allein und hatte keinen Menschen zu sehen bekommen, außer dem alten Navajo-Indianer, der ihn gefunden, verbunden und gesundgepflegt hatte.

Auf dem Falben würde die Reiterin Jed jederzeit davonreiten können, das war sicher. Der Falbe war ein Vollblutpferd, mit langen Beinen, einem geäderten Fell und einem trockenen Kopf. So ein edles Tier war eine Seltenheit.

Die Frau zögerte und richtete sich gerade im Sattel auf. Ihre mexikanische Tracht, mit Silberborten, Silberknöpfen und einem roten Hüftschal, verlieh ihr ein zauberhaftes Aussehen.

Jetzt setzte die Reiterin ihren Falben in Bewegung und ritt den Hang hinunter. Sie floh nicht, wie Jed es erwartet hatte, sondern kam auf Jed zugeritten, ohne eine Spur von Verlegenheit oder Angst. Sie ritt sehr selbstsicher, stolz und unnahbar, wie eine Frau, die zu befehlen gewöhnt ist.

Je näher die Reiterin kam, desto mehr musste Jed Hunt staunen. Nie zuvor hatte er eine so schöne Frau gesehen.

Die Reiterin schien mit ihren grünen Augen durch Jed hindurchzublicken.

„Sie kommen von weit her?“, fragte sie, hielt ihren Falben an und strich das silberblonde Haar zurück, das unter dem Sombrero hervorquoll.

„Ja, Madam“, antwortete Jed mit belegter Stimme, „von sehr weit her.“

„Sie haben sich einen sehr schlechten Platz zum Campieren ausgesucht“, sagte sie. „Sie hätten nur zehn Meilen weiterreiten sollen, dann wären Sie in ein grünes Land gekommen.“

„Nur zehn Meilen, Madam?“, staunte Jed. „Diesen Eindruck kann man nicht haben, wenn man sieht, was hier geschehen ist.“

„Der Schein trügt. Holen Sie Ihr Pferd und steigen Sie auf. Auf meiner Ranch wurde noch nicht zu Mittag gegessen, und Sie sind eingeladen, Mister …“

Jetzt fragte sie ihn offen nach seinem Namen, und Jed hatte keinen Grund ihn zu verschweigen. Die Reiterin nickte, gab aber selbst ihren Namen nicht preis.

„Holen Sie Ihr Pferd, und folgen Sie mir dann, Hunt!“, forderte sie ihn auf. „Sie haben doch nichts Besseres vor, oder?“

Jed lächelte verlegen. Nicht einmal im Traum würde er daran gedacht haben, einer solchen Frau zu begegnen und von ihr zum Essen eingeladen zu werden. Etwas Besseres konnte ihm nicht geschehen. Dies musste ein Glückstag sein.

„Ich komme“, murmelte er. „Ich danke Ihnen, Madam!“

„Wofür?“, fragte sie, als sie ihren Falben herumnahm.

Jed konnte ihr Gesicht nicht mehr sehen.

„Es ist die erste Einladung seit Jahren, Madam“, erwiderte er mit wieder ruhig gewordener und fester Stimme. „Man wird nicht oft eingeladen.“

„In dieser Gegend herrschen noch die alten Gesetze aus der Pionierzeit. Wo gekocht wird, kann sich jeder Fremde niederlassen und mithalten. Hier ist eine Einladung zum Essen also nichts Ungewöhnliches. – Sie haben wohl lange allein gelebt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte sie ihren Falben in Trab.

Jed Hunt ritt hinter der Frau. Sie drehte sich nicht im Sattel um und sprach auch nicht mehr. Als sich wenig später der Weg verbreiterte und Jed seinen Braunen neben ihren Falben zu setzen versuchte, ritt sie sofort schärfer, so dass der alte Abstand gewahrt blieb.

Sie brauchte Jed Hunt nicht erst zu sagen, dass sie das so wünschte. Jed hatte begriffen und fühlte deutlich ihren Hochmut. Er wusste nicht, ob er sich darüber ärgern oder ob er lachen sollte.

Nach einer Meile ging es talwärts und dann an einem Bach entlang, der so langsam floss, dass Jed sein eigenes Spiegelbild auf der Wasserfläche sehen konnte. Seit Wochen hatte er es nicht mehr gesehen, und so erschrak er jetzt über sein Aussehen.

„Nach einem Gentleman sehe ich nicht aus, eher nach einem Sattelstrolch. Ein Wunder, dass sie mich überhaupt anzusprechen wagte. Dieses Mädchen ist sicherlich die Tochter eines schwer reichen Ranchers, verwöhnt und verhätschelt, der Liebling und die Augenweide aller Cowboys. Ich wäre der größte Narr, wollte ich mir einreden, dass ich ihm gefallen könnte. By Gosh, mein tiefhängendes Eisen hat ihm so wenig imponiert wie mein Aussehen“, murmelte Jed vor sich hin.

„Wer hat nach Ihnen geschickt?“, fragte sie plötzlich.

„Nach mir geschickt?“, entfuhr es Jed, dann lachte er und fuhr fort: „Diese Ehre wurde mir nicht zuteil, Madam. Man sieht mich lieber davonreiten als kommen.“

„Das hätte ich mir selbst denken können, Hunt“, erwiderte sie, ohne sich im Sattel umzudrehen. „Sie wollen es mir also nicht sagen?“

„Madam, ich sage die Wahrheit.“

„Sie sind noch cleverer, als ich glaubte. – Ihren Namen haben Sie nicht geändert?“

„Nein, Madam, ich pflege meinen Namen nicht zu ändern. Sicherlich verwechseln Sie mich mit irgendeinem anderen Mann. Das würde mir leid tun, aber Sie brauchen in diesem Fall Ihre Einladung zum Essen nicht aufrechtzuerhalten. Unsere Wege können sich trennen.“

Jed wandte sein Pferd nach links, da drehte sie sich schnell im Sattel um. In ihrer Hand lag ein Colt. Wie das geschehen war, hatte Jed nicht einmal bemerkt.

„Sie kommen mit“, sagte sie sanft. „Sie werden nicht allein weiterreiten.“

Jed Hunt schaute in die dunkle Mündung der Waffe und blickte dann das Mädchen an. Die junge Reiterin machte einen entschlossenen Eindruck, und man sah ihr an, dass sie die gefährliche Waffe nicht zum Bluff oder als Spielzeug benutzte. Sie schien eine Menge von Waffen und dem Umgang mit ihnen zu verstehen. Es passte nur nicht zu ihrer zarten Erscheinung.

„Man hat Sie mir genau beschrieben, Mister John Canova“, sagte sie. „Geben Sie zu, dass Sie so heißen, dass Billy Lederer und Lee Speaks Sie hierher bestellten. Für fünfzig Dollar im Monat sollen Sie für gewisse Leute die Karre aus dem Dreck ziehen, oder?“

„Nicht ich, Madam.“ Jed lächelte sie an. „Ich bin nicht John Canova, aber ich habe von ihm gehört. Es ist für mich keine Ehre, wenn Sie mich mit ihm verwechseln. Ich möchte nicht für einen Revolvermann angesehen werden, der sein Eisen verkauft und keine Fragen stellt. Ich stelle Fragen, Madam, und ich verkaufe mein Eisen nicht.“

Sie hörte zu und unterbrach ihn nicht, behielt aber die Waffe schussbereit in der Hand.

„Ein Mann aus meiner Crew kennt Canova. Erst wenn dieser Mann Sie in Augenschein genommen und bestätigt hat, dass Sie nicht Canova sind, können Sie weiterreiten. Jetzt reiten Sie erst einmal vor mir her. Versuchen Sie nicht auszubrechen. Wer hier leben will, der kennt alle Tricks.“

„Eine wenig freundliche Gegend, Madam“, sagte Jed rau. „Als ich Sie sah, nahm ich an, dass in diesem Land von morgens bis abends die Sonne scheint. Ich habe mich sehr getäuscht.“

„Sie werden unverschämt!“, erwiderte sie. „Los, vorwärts!“

„Ich tue das nur ungern, Madam. Im Hinterkopf habe ich keine Augen, und Ihren Anblick möchte ich mir nicht gern entgehen lassen.“ Jed Hunt schien der vorgehaltene Revolver wenig zu interessieren. Ihm gefiel jedoch nicht, mit einem berüchtigten Revolvermann verwechselt zu werden. Verwechslungen mahnten immer zur besonderen Vorsicht. Oder wandte das Mädchen nur einen Trick an, um ihn am Davonreiten zu hindern?

„Madam, Sie hätten nur einfach weiterzureiten brauchen, ich wäre Ihnen bestimmt gefolgt. Dann und wann kommt es vor, dass man sich einmal in die Büsche schlagen muss.“

Jetzt war die Reiterin es, die nicht sofort eine Antwort bereit hatte. Eine Blutwelle verdunkelte ihr Gesicht, und sie schien sichtlich verwirrt zu sein.

„Sind Sie wirklich nicht Canova?“

„Sie haben den Falschen erwischt, Madam. Wenn ich Canova wäre, hätte mich auch Ihr Anblick nicht bezaubert. Canova hasst Frauen, er ist ein Frauenfeind.“

„Das Gegenteil ist der Fall“, erwiderte sie mit funkelndem Blick. „Nur eine Frau kann ihn auf eine Ranch bringen, um die er sonst einen Bogen machen würde. Also los! Versuchen Sie nicht zu fliehen.“

„Vor Ihnen fliehen? Das könnte ich nicht, Madam.“

„Sie sind der unverschämteste Mensch, der mir je begegnete.“

„Dann haben Sie bisher nicht viele Männer kennengelernt, Madam“, sagte Jed und ritt an ihr vorbei an die Spitze.

„Keine falsche Bewegung!“

„Sie haben mich so in Ihren Bann geschlagen, dass sich das von selbst versteht“, erwiderte Jed trocken. „Ein Gentleman weiß genau, wie er sich verhalten muss.“

„Sie und ein Gentleman!“

Das sagte sie sehr höhnisch, aber es berührte Jed nicht.

„Sie werden es mir bestätigen, sobald ich umgekleidet und rasiert bin“, erwiderte er lässig und wandte sich nicht nach ihr um. „In allen Saloons machte ich bisher die beste Figur.“

„Ja, das nehme ich Ihnen ab, das ganz bestimmt. Sie sind ein Saloonlöwe, Canova, ein Kartenhai, Langreiter und noch mehr in dieser Richtung. Dabei haben Sie sich so viel auf Ihr Gewissen geladen, dass es zum Himmel schreit. Es ist überhaupt ein Wunder, dass Sie noch leben, dass sich niemand fand, der Ihnen eine Kugel schickte. Jetzt glaube ich allerdings, dass Ihr Glück vorbei ist.“

„Das von Canova, das mag sein, Madam. Ich aber bin Jed Hunt. Nennen Sie mich nicht mit

einem Namen, der mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt.“

Jed bekam keine Antwort. Sie ritten weiter an einem Bach entlang und dann über eine Hügelkette. Grünes Land dehnte sich dahinter aus. Im Vordergrund wuchsen Espen und Rotbuchen, danach folgte Tannenwald. Nach einer Weile kamen sie an einen Weg, dem man ansah, dass er oft befahren wurde. Räderfurchen hatten sich tief in den dunklen Humusboden eingekerbt. Der Weg führte über einen weiteren Höhenrücken, hinter dem prächtiges Weideland lag. In der Ferne stieg grauer Holzrauch auf, doch es waren keine Feuerstellen zu sehen. Aus Erfahrung wusste Jed, dass dort im Tal eine Stadt liegen musste. Er war verwundert, denn er hatte in den Butle Mountains eine so herrliche Landschaft nicht erwartet. Es war schwer zu glauben, dass dieser schöne Erdenfleck mitten in Nevada liegen sollte. Vom Hügelrücken aus konnte er zwei Bäche sehen, die nach Norden flossen und dort irgendwo in den Humboldt River münden mussten. In der Ferne hoben sich die Hügelketten der S. Rosa Mountains gegen den leuchtend blauen Himmel ab. Zur rechten Hand lagen die Shoshonen-, Cortez- und Diamond-Berge, die von Einöden und Steppen durchzogen wurden.

Jetzt lag ein Gebiet vor Jed, das gar nicht nach Nevada passte. Es versetzte Jed Hunt in ein gewisses Hochgefühl und ließ ihn fast die Waffe im Rücken vergessen.

„Dort liegt unsere Ranch“, sagte das Mädchen hinter Jed.

„Das habe ich mir gedacht“, erwiderte Jed über die Schulter. „In meinem Heimatland Texas würde man sie eine Ein-Kuh-Ranch nennen.“

„Hören Sie, wir sind hier in Nevada. Unsere Ranch ist eine der größten und schönsten in der Gegend.“

„Sie sagen unsere Ranch, Madam. Ich nahm an, die Ranch gehöre Ihnen?“

„Habe ich das angedeutet? Nun, meine Mutter lebt nicht mehr, mein Vater und meine Brüder kümmern sich um die Rinder und ich mich um das Haus. Sie werden nicht nur meine Angehörigen, sondern auch unsere Crew kennenlernen. Heute ist Sonntag, da sind sie alle zum Mittagessen auf der Ranch. Die Boys werden herausbekommen, wer Sie sind.“

Jed Hunt antwortete nicht. Er empfand es als kränkend, dass sie ihn immer noch für den Kartenhai und Revolvermann Canova hielt. Jed hatte vor Jahren Canova mit seiner Bande gesehen, als er in einer Town die Bank überfiel und ausplünderte. Nach der Plünderung schoss Canova einige Menschen nieder, die völlig unbeteiligt waren und ihm lediglich im Weg standen, als er seine Beute in Sicherheit bringen wollte. Jed hatte gehört, dass Canova in bestimmten Zeitabständen seine alte Bande auflöste und eine neue gründete. Zum Teufel auch, für einen solchen Halunken wollte Jed nicht gehalten werden!

Beim Näherreiten betrachtete Jed die Ranch. Die Gebäude und Corrals waren gut hergerichtet, die ganze Ranch machte einen ordentlichen Eindruck. Das alles passte zu seiner Begleiterin. In einer solchen Umgebung konnte man sich das Mädchen gut vorstellen. Jed drehte sich zu ihm um und staunte. Es ritt ohne Waffe in der Hand. Als er ihm in die Augen blickte, lächelte es. Es war das erste Mal seit dem Zusammentreffen mit ihm, dass er es lächeln sah. Es wurde ihm dabei warm ums Herz. Doch war dieses Lächeln nicht Berechnung? Sollte es seine Wachsamkeit einschläfern?

Was für Gedanken schießen mir durch den Kopf, dachte Jed. Der lange Aufenthalt bei dem alten Navajo ist mir tatsächlich nicht gut bekommen. Ich werde noch närrisch. Aber was ist das?

Jed hatte einen langen Tisch erblickt, der mitten auf dem Ranchhof stand. Eine reichhaltige Mahlzeit war aufgetischt worden. Der Wind trug den köstlichen Geruch warmer Speisen herüber. Dieser Duft ließ Jed das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Es war schon Monate her, seit er solche Speisedüfte wahrgenommen und einen so reich gedeckten Tisch gesehen hatte. Das Essen bei dem alten Navajo, der ihn gesundpflegte, war nicht üppig gewesen.

Wie mochte sich der etwas schwerfällige Mann am Kopfende des Tisches fühlen, der eine Truthahnkeule in der Hand hielt? Wie die anderen Männer, die bei Jeds Anblick zu essen aufhörten und ihn anstarrten?

Fünf Männer saßen am Tisch, ein Platz war frei. Vermutlich war es der, an dem Jeds Begleiterin sonst zu sitzen pflegte.

Der vierschrötige Mann am Kopfende legte die Truthahnkeule nicht aus der Hand, als er sich erhob. Mit der Keule deutete er auf Jed, wobei er mit seltsam knarrender Stimme sagte: „Was für einen Vogel bringst du uns da, Darling?“

Am Tisch saßen zwei Männer, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Jeds Begleiterin hatten. Ihre Gesichter waren rot gebrannt und von Sommersprossen übersät, aber die beiden hatten das gleiche Silberhaar wie das Mädchen.

Sie betrachteten Jed Hunt von oben herab. Die beiden anderen Männer an der Tafel waren schon ziemlich alt, mit grauem Haar und verwitterten Gesichtern. Man sah ihnen an, dass sie Rindermänner waren. Sie mussten bei der Herde schon eine Menge Staub geschluckt haben. Ihre Hände waren voll Lassonarben.

„Den Vogel habe ich gefangen, Dad. Du hast es dir doch so gewünscht. Es ist Canova!“, sagte das Mädchen triumphierend.

Der Name Canova wirkte wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die beiden blonden Männer sprangen mit einem Schrei hoch. Die Stühle kippten hinter ihnen um. Der massige Mann am Tischende schwang die Truthahnkeule, als wollte er sie Jed über den Kopf schlagen. Einer der alten Rindermänner zog einen rostigen, alten Armeerevolver aus der Tasche und richtete ihn auf Jed. Es sah aus, als wollten sich die vier Männer gegen Jed werfen.

Der fünfte Mann verhielt sich ruhig. Als sich die Aufregung der vier anderen nicht legte, lehnte er sich zurück, schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: „Wenn das Canova sein soll, dann bin ich der Präsident der Vereinigten Staaten! Der Mann dort, Freunde, ist nichts anderes als ein gewöhnlicher Satteltramp!“

 

 

2.

Jed Hunt warf dem alten Cowboy zu dessen Verwunderung einen dankbaren Blick zu.

„Ich habe es ihr gleich gesagt“, erklärte er. „Ich bin nicht Canova.“

„Das erleichtert uns keineswegs“, sagte der vierschrötige Mann und ließ seine Truthahnkeule sinken. „Aber wir sind nicht unfreundlich, Fremder. Steig ab und nimm Platz. – Dir, Nana, möchte ich sagen, dass du es in Zukunft unterlässt, allein in der Gegend umherzureiten, um Canova zu finden.“

Das Mädchen war sichtlich verlegen. Es gab seinem Vater kein Widerwort, schwang sich von seinem Falben und führte das Tier fort. Seine Brüder, das mussten die beiden Männer neben dem Altan sein, halfen ihm weder aus dem Sattel, noch nahmen sie sich des Pferdes an. Ungeniert betrachteten sie Jed, der sich langsam aus dem Sattel gleiten ließ.

„Ich glaube nicht, dass Canova tatsächlich in der Gegend ist“, sagte der alte Cowboy, der Jed davor bewahrt hatte, für den Revolvermann gehalten zu werden. „Man sagt, dass Canova wieder eine neue Bande zusammen hat, die größer ist als zuvor. Speaks und Lederer haben wieder einmal geblufft. Wir sind darauf hereingefallen. Die Schufte wollten uns nur Angst einjagen. – Komm und lang zu, Fremder! Auf der Women-Ranch ist noch jeder Reiter satt geworden.“

Niemand sprach mehr von Canova. Der Blick des Ranchers schien zu genügen, um die Männer über dieses Thema verstummen zu lassen. Mit einer einladenden Geste bat er Jed zu Tisch. Niemand stellte Fragen nach dem Woher und Wohin. Man betrachtete Jed und sein Pferd, dann beschäftigte sich jeder wieder mit seinem Essen.

Jed Hunt stillte seinen Hunger. Manchmal blickte er auf, doch seine Blicke suchten vergeblich nach der Tochter des Ranchers.

„Du bist wohl durch die Wüste geritten?“, fragte einer der beiden alten Cowboys Jed.

„Das ganze Land ist eine gewaltige Wüste“, sagte Jed und nahm dankbar eine Zigarette an, die der Cowboy ihm reichte.

„Das stimmt“, bestätigte der Cowboy. „Nur am Trukee und Humboldt River gibt es prächtige Ranches und Farmen. Eine der schönsten Ranches ist unsere hier. Es könnte wie ein Paradies sein, ist es aber leider nicht.“

Der Cowboy verstummte und zog an seiner Zigarette. Seine altershellen Augen sahen zum Ranchboss hin, der sich immer noch mit seiner Truthahnkeule beschäftigte.

„Das alles geht aber nur uns etwas an“, sagte der Cowboy nach einer Weile.

„Es gibt überall Schwierigkeiten, Oldman“, erwiderte Jed. „Leben heißt kämpfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einem nirgendwo etwas geschenkt wird.“

„Wenn es nur das wäre! Du bist weit geritten, Stranger?“

„Zu weit und zu lange schon. Gerne würde ich irgendwo bleiben und einen Job annehmen, egal was für einen. Ich machte jede Arbeit.“

„So abgebrannt?“

„Ich war lange krank“, sagte Jed wahrheitsgemäß.

„Der Winter steht vor der Tür, Stranger. Du kannst dir vorstellen, dass jetzt eine Menge Leute unterwegs sind, die Arbeit suchen. Mit dem Rindergeschäft geht es nicht besonders, und jeder Rancher wird es sich überlegen, ob er noch einen zusätzlichen Mann einstellen kann. Wo der Rindermarkt so schlecht ist, gibt es auch keine andere Arbeit, es sei denn …“

„Was?“, fragte Jed.

Der alte Cowboy winkte ab und sah seinen Boss an. Der schien nicht einmal zugehört zu haben.

„Ich wünsche dir viel Glück“, antwortete der Alte. „Du reitest doch sicher heute am Sonntag nicht weiter? Morgen ist auch noch ein Tag. Du hast doch nichts zu versäumen.“

„Wahrhaftig nicht“, bekannte Jed.

Leise sagte der Alte: „Ich will mit dem Boss unter vier Augen sprechen. Vielleicht bekommst du einen Job. Danke mir noch nicht, ich kann dir nicht versprechen, dass er dich einstellt, doch ich will es versuchen.“

„Du willst dich für mich, einen Fremden, einsetzen?“, staunte Jed.

„Du könntest mein Sohn sein, du erinnerst mich an ihn. Vor zwei Jahren wurde er von Canova erschossen.“

„Du kennst John Canova gut?“

„Ich habe mir sein Gesicht eingeprägt. In jeder Verkleidung würde ich ihn erkennen. Seine Bewegungen und seine Art zu sprechen, das alles habe ich studiert“, erwiderte der Alte und betrachtete die Rancherssöhne fast abweisend. „Mein Sohn vertrug sich nicht mit Jube und Tim

Women, den beiden da. Er ritt fort, um sich irgendwo anders eine neue Existenz aufzubauen. John Canova hieß der Mann, der sein Leben beendete und alles zerschlug. Mein Sohn hatte ein gutes Mädchen gefunden und konnte in eine große Ranch einheiraten. Der arme Junge hat Canova weder herausgefordert, noch wollte er sich mit ihm messen. Dem Schuft gefiel das Mädchen meines Jungen, und er belästigte es. Was dann kam, brachte meinem Sohn den Tod.“ Der Alte sprach ohne Bitternis, aber seine Augen waren dunkel geworden. „Mein Sohn hieß wie ich, Reg Snap. Mir ist, als wäre mit seinem Tod auch mein eigener Lebensfaden gerissen. Du kannst meinen Platz auf dieser Ranch haben.“

„Ich will niemandem den Job nehmen, Oldman“, erwiderte Jed.

„Du brauchst ihn dringender als ich. Lange Jahre habe ich gespart, und mein Geld ist sicher aufgehoben. Für den Rest meines Lebens könnte ich es mir gut gehen lassen. Ich war mein ganzes Leben nur Rinderhirt und habe gewusst, dass ich für das Alter vorsorgen musste.“

„Stimmt, und darin hat er mir viel voraus“, meldete sich der zweite alte Cowboy. „Ich habe meine Berufe wie meine Hemden gewechselt und verlor alles – als ich mich als Fallensteller betätigte – bei dem großen Brand vor einem Jahr. Wenn mich Red Women, der Ranchboss, nicht aufgenommen hätte, wer weiß, was aus mir geworden wäre. Die verteufelten Shoshonen hatten meine Hütte umlagert und hätten auch meinen Skalp bekommen, wenn nicht Red Women gekommen wäre.“

Der Alte warf dem vierschrötigen Red Women, der noch immer an seiner Keule knabberte, einen dankbaren Blick zu.

„Sprich nicht von deinem Skalp, Jesse Andrun“, mischte sich jetzt der Boss ins Gespräch. „Mit deinen drei Haaren hätte kein Shoshonen-Krieger viel Ehre einlegen können. Sie hatten es auf deine Felle und deine Gewehre abgesehen, nicht auf deine Glatze. Allein hätte ich die Burschen aber nicht vertreiben können. Du hast mächtig dazwischen gehalten, Jesse. Ich bin froh, dass ich dich auf meiner Ranch habe. – Jube und Tim, spannt den Einspänner an, ich fahre zur Stadt“, wandte er sich an seine Söhne.

Jube war der älteste der beiden Brüder. Seine grünen Augen waren kalt wie Gletschereis. Er stand langsam auf und schien von der Anordnung seines Vaters nicht begeistert zu sein. Mürrisch warf er – wie sein Bruder Tim – dem Vater einen bösen Blick zu, den dieser nicht zu bemerken schien.

Die zwei Burschen sind glatt wie Schlangen, dachte Jed. Sie sind zu jung, um mit Männern an einem Tisch zu sitzen, und zu aufsässig, um für voll genommen zu werden. In ihrem Alter sind Dummheiten an der Tagesordnung. Beide scheinen noch ungezähmt zu sein.

„Du hast doch nichts dagegen, wenn wir auch zur Stadt reiten, Dad?“, fragte Jube.

Red Women sah seine beiden Söhne mit einem seltsam wachen Blick an.

„Nein, ich erlaube es nicht!“, sagte er streng. „Das letzte Mal habe ich zu viele Klagen hören müssen. Solange ihr euch wie die wilden Shoshonen-Krieger aufführt, bleibt ihr aus der Stadt. Ich will euretwegen keine weiteren Schwierigkeiten haben. Ihr bleibt hier!“

„Aber wir können doch ein wenig durch die Gegend reiten?“

„Ja, zur Weide hinaus und nach den Rindern sehen, das ist richtig. – He, was hast du Reg?“, wandte er sich fragend an Reg Snap.

„Bevor du zur Stadt fährst, möchte ich dich noch sprechen.“

„Nicht nötig, denn obwohl ihr leise gesprochen habt, ist mir eure Unterhaltung nicht entgangen.“

„Das erspart mir eine Erklärung, Boss.“

„Ich brauche keine Erklärung und lasse nicht zu, dass du deinen Job aufgibst, Reg. Wenn es dir zu schwer wird, kannst du auch in einem Schaukelstuhl auf der Ranch im Sonnenschein sitzen. Du sollst dein sauer erworbenes Geld nicht vergeuden.“

Nach diesen Worten ergriff Red Women den abgenagten Truthahnknochen, warf ihn in die Luft und rief Jed Hunt zu: „Zerteile ihn.“

Was jetzt kam, war wie Zauberei. Jeds Colt krachte zweimal, und der Knochen zersplitterte in der Luft in drei Teile. Noch bevor die Knochenstückchen den Boden berührten, war Jeds Waffe wieder im Holster.

Jube und Tim Women sahen sich verdutzt an. Der alte Red Women lachte, kam auf Jed zu und

schlug ihm freudestrahlend auf die Schulter. Jesse Andrun klatschte in die Hände, als wollte er Beifall spenden.

„Ausgezeichnet!“, sagte der Ranchboss. „Du bist eingestellt. Komm in mein Büro, damit ich deinen Namen in meine Lohnliste eintragen kann. – Ich glaube, wir haben da einen guten Mann eingestellt, Reg“, wandte er sich an den alten Cowboy, der Jed zuliebe seine Stellung hatte aufgeben wollen.

„Bestimmt!“, versicherte Reg Snap. „Aber ich glaube nicht, dass er bleiben wird. Du kannst keinen Revolvermann bezahlen, Boss.“

„Freunde, es liegt an ihm, ob er in meiner Lohnliste stehen will oder nicht. Aber es stimmt, ich habe eine Menge Schulden und bin nicht in der Lage, einen Penny Sonderlohn zu zahlen. Du, Freund, kannst bei deinen Leistungen im ganzen Land eine Stellung bekommen. Für Leute, die so schießen können, ist es nicht schwer, eingestellt zu werden. Für einen gewöhnlichen Cowboy ist das in dieser Jahreszeit kaum möglich, dir aber stehen alle Türen offen.“

„Ich möchte in deiner Lohnliste stehen, Rancher“, sagte Jed Hunt geradeheraus.

„Dann muss ich dich noch darauf hinweisen, dass es bei uns Schwierigkeiten gibt. – Bist du jetzt immer noch bereit, dich eintragen zu lassen?“

„Ich möchte gern wissen, welche Schwierigkeiten mich erwarten.“

„Willst du es sofort hören?“

„Nein, das hat Zeit. Trag zuerst meinen Namen ein, Rancher. Später kannst du mir erzählen, was es hier gibt. Ich möchte nur nicht unvorbereitet in eine Sache hineingeraten, in der ich vielleicht Kopf und Kragen riskiere.“

Alle sahen Jed an, keiner sprach mehr. Ein leichter Schritt näherte sich; es war Nana Women.

Was hat sie nur für Augen, dachte Jed. Es sind grün leuchtende Flammen, die mir bis ins Herz sengen. Ich würde für Nana alles tun, aber sie scheint mich nicht einmal zu beachten. Sie sieht nur ihre beiden unreifen Brüder an.

„Es kann tatsächlich Kopf und Kragen kosten, Stranger“, sagte der rothaarige Rancher mit seiner knarrenden Stimme. „Einige haben es bereits erfahren müssen und liegen jetzt auf dem Stiefelhügel der Stadt. Ich sehe ein, dass du mehr wissen musst, mehr als deine Vorgänger. Dazu möchte ich dich bitten, mich in die Stadt zu begleiten.“

„Erst wenn mein Name in der Lohnliste steht.“

„Das ist für mich ganz neu, Stranger. Die anderen wollten zuerst alles wissen und dann sofort einen Vorschuss. Immer verlangten sie gleich einen Monatslohn. Ich bin dadurch soweit gekommen, dass ich fast am Ende bin. Ihre Beerdigungen haben mich auch eine Menge Geld gekostet. Du aber willst vorerst nur in die Lohnliste eingetragen werden?“

„Ja“, sagte Jed und sah Nana dabei an.

Das Mädchen erwiderte den Blick und lächelte.

„Du bist also gewarnt. Doch ich weiß nicht einmal, wann ich dich wie einen gewöhnlichen Cowboy bezahlen kann“, fuhr Red Women fort. „Essen, Trinken und eine Schlafstelle, das alles kann ich bieten.“

„Und die Möglichkeit, zur Hölle zu fahren“, mischte sich Jesse Andrun ein. „Kein Wunder, dass Reg Snap aussteigen und sich sonnen will. So großzügig ist das nicht von Reg gedacht. Wir spielen hier alle ein wenig mit verdeckten Karten. Das sollten wir lieber lassen, da du uns eine Kostprobe deiner Schießkunst gegeben hast. – Nana, verschwende dein Lächeln nicht an einen Todeskandidaten. Du gehst großzügig damit um. Den armen Teufeln, die für uns ritten, hat es nicht helfen können.“

Nana Women machte kehrt und lief zum Haus, als würde sie gehetzt. Jesse Andruns Gesicht zeigte tiefe Falten.

„Die Sache ist so, Freund“, fuhr Andrun fort. „Der Boss besitzt auf seinem Land in den Bergen Goldminen, die er vor Jahren schon von einem Digger kaufte. Es ist eingetragenes Land. Leider fanden wir die Minen nicht, aber wir wissen, dass sie da sind. Sie werden Zug um Zug von zwei Männern ausgebeutet. Der eine dieser Männer heißt Lederer, der andere Speaks. Finde die Goldminen, Freund, überführe die Kerle, die sich an Womens Gold bereichern.“

„Wenn das so ist, dann wundert es mich doch sehr, dass die Stadt nicht leer ist, dass die Ranches noch Leute haben, dass nicht alles stehen und liegenblieb und die Menschen nicht in die Berge strömten.“

„Speaks und Lederer werden sich hüten, ihr Geheimnis preiszugeben“, mischte sich Red Women ein. „Die beiden haben meine Kundschafter alle aus der Welt gefegt. Folglich muss etwas Wahres an dem sein, was mir der alte Digger sagte, als ich ihm das Land abkaufte. An gewissen Stellen muss es Goldadern geben. Lederer und Speaks sind mit allen Wassern gewaschen und scheuen nicht zurück, selbst Canova einzuweihen. – Verstehst du jetzt, was für einen Job du angenommen hast?“

„Den interessantesten seit Monaten“, erwiderte Jed Hunt gleichmütig. „Kein Land kann so beschaffen sein, dass die Minen nicht zu finden wären.“

„Doch. Nach allem, was ich bis jetzt erlebte, ist dieses Land so unübersichtlich und schwierig, Freund.“

Sie beendeten das Gespräch. Die beiden Söhne Womens machten den Einspänner fertig. Währenddessen trug der Rancher Jed in die Lohnliste ein und zeigte ihm die Ranch.

Jed hatte schon bei seiner Ankunft bemerkt, wie sauber und ordentlich die Ranch war. Red Women war stolz auf das, was er geschaffen hatte.

„Unsere Herde besteht aus Hereford-Rindern“, erklärte er. „Mit den Longhorns ist es vorbei. Niemand wird die halbwilden Longhorns in Zukunft noch ziehen. Sie kommen zu langsam in Fleisch, und wer auf dem Rindermarkt mitreden will, der muss andere Rassen haben. Die Weidegründe hier wurden meinen Vorgängern zum Verhängnis. Der letzte Besitzer war am Rande der Verzweiflung, und so konnte ich die Ranch billig erwerben. Meine Vorgänger wussten nicht, warum ihnen die Rinder dutzendweise eingingen. Ich habe bald herausgefunden, woran es lag. Ich erkannte, dass es die Blumen waren, die zwar wunderschön aussahen, aber für die Rinder nicht taugten. Ich rottete den Rittersporn aus und achtete darauf, dass er sich nicht wieder ausbreiten konnte. Seit der Zeit ging es aufwärts, die Ranch wurde rentabel. – Komm jetzt, Hunt, ich zeige dir deine neue Behausung.“

Jed besah sich das Bunkhouse. Es war ein solider, großer Bau und hatte noch leere Zimmer.

„Von nun an bist du hier zu Hause“, sagte Red Women gönnerhaft. „Mach es dir bequem und bring dein Gepäck herein.“

 

*

 

„Ich gebe zu, dass einem die Ruhe lieber ist, wenn man alt wird. Jeden Tag neue Aufregung, das ist mir manchmal zu viel. – Nimm dich vor den beiden in Acht, sie scheinen dir nicht grün zu sein,“ warnte Reg Snap.

„Ich bin ihnen doch nicht in die Quere gekommen?“

„Das brauchst du bei den beiden auch nicht. Ihnen genügt es, dass du von ihrem Vater eingestellt wurdest und damit abhängig bist. Sie werden dich das bald fühlen lassen.“

„Ich möchte es ihnen nicht raten, Oldman. In manchen Dingen verstehe ich keinen Spaß.“

„Um so besser. Es wird Zeit, dass die Jungens einmal auf Granit beißen. Niemand wünscht den beiden eine baldige Abfuhr mehr als ich. – Da, der Boss winkt, die Reise zur Stadt soll losgehen. Einen Rat möchte ich dir noch geben, Hunt: In der Stadt wimmelt es von Menschen, die gern auf Red Women losgehen möchten. Gib gut Acht!“

„Nur keine Sorge, Oldman, ich fürchte mich nicht.“

„Das brauchst du auch nicht. Ein Mann, der so mit dem Schießeisen umzugehen versteht, kann aufrecht gehen und einen weiten Schatten werfen. Seine Gegner werden sich beizeiten melden.“

„Vielleicht feuern sie aber aus dem Hinterhalt, und dagegen ist kein Kraut gewachsen, Oldman.“

„Warum bleibst du dann hier und nimmst diesen Job überhaupt an, Jed?“, erkundigte sich der Alte erstaunt.

„Nanas wegen“, sagte Jed und grinste. „Ich konnte ihrem verführerischen Lächeln nicht widerstehen. Ihr Anblick hat mich umgeworfen. Ich würde für sie in die Hölle gehen.“

„Sag ihr das nur nicht, Jed!“

„Doch, das werde ich eines Tages. Und dann möchte ich wissen, wie sie es aufnimmt, Oldman“, versicherte Jed. „Das setzt allerdings voraus, dass ich lebend aus den Bergen zurückkomme.“

Jed wandte sich zum Gehen. Reg Snap blickte ihm nach, wie er zum Einspänner schritt. Er hörte, wie Women auf seine davongerittenen Jungen schimpfte.

„Sie können einfach nicht hören! Ich glaube nicht, dass sie zur Herde reiten. Aber sollten sie in der Stadt sein, dann können sie etwas erleben! Ich will sie lehren …“ Er brach ab und wandte sich Jed zu.

„Hunt“, sagte er, „vor morgen früh werden wir nicht zurück sein. Wir werden in der Stadt übernachten. Du kannst dich sozusagen als meinen Leibwächter betrachten.“

„In Ordnung, Boss. Was weiter?“

„Das wirst du schon noch rechtzeitig sehen und erleben“, grinste Women.

Der Rancher machte auf dem Bock des Fahrersitzes etwas Platz, so dass sich Jed neben ihn setzen konnte.

Vergeblich suchten Jeds Augen nach Nana. Er sagte sich, dass sie bestimmt irgendwo am Fenster stehen würde, nahm seinen Stetson ab und winkte zum Haus hin.

Verwundert sah Women ihn an und fragte: „Wen grüßt du, Hunt?“

„Die Ranch, Boss. Ich tue das aus alter Gewohnheit. Ein Mann, der sein Eisen trägt wie ich, muss damit rechnen, dass er nicht mehr lebend zurückkehrt.“

„Das ist ja schon beinahe romantisch, Hunt. So etwas sieht man dir nicht an“, staunte Women. „Wie man sich doch täuschen kann. Ich habe dich für einen besonders hartgesottenen Mann gehalten.“

„Nenn mich beim Vornamen, Boss. Die Verständigung ist dann leichter“, erwiderte Jed und ging nicht auf Womens Bemerkung ein.

„All right, das ist mir auch lieber so. – He, alte Tante, heb die Hufe!“, feuerte der Rancher die Fuchsstute an, die den Einspänner zog. Es war ein prächtiges Tier mit einem glänzenden roten Fell. Doch kein Cowboy würde das Tier reiten. Cowboys ritten Wallache und nur ganz selten Hengste. Stuten lehnten sie ab, um sich nicht lächerlich zu machen. Für einen Wagen konnte man jedoch Stuten benutzen.

Wie schnell sich doch alles im Leben ändert, fuhr es Jed durch den Kopf. Jetzt bin ich nicht mehr einsam, ich habe einen Job und brauche den Winter nicht zu fürchten. Man sollte sich nie Sorgen machen. Je sorgloser man lebt, desto leichter ist das Leben zu ertragen. Meine Vorgänger hat es erwischt, und auch von mir scheint man etwas Ähnliches zu erwarten.

Jed musste laut lachen.

„Was gibt es?“, erkundigte sich Women.

„Ich habe mir gerade selbst einen Witz erzählt, Boss.“

„So? Nun, das ist auch nicht schlecht. Ich muss mir das merken. Vielleicht bessert das meine miserable Stimmung. Hölle, was bist du nur für ein Mensch, Jed?“

„Um ganz ehrlich zu sein, ich bin einer, der für dich die Kastanien aus dem Feuer holt“, grinste Jed seinen neuen Arbeitgeber an.

Red Women rümpfte die Nase und verzog das Gesicht.

„Mach dir keine Sorgen, Boss“, fuhr Jed fort, als der Rancher keine Antwort gab. „Du brauchst keinen Angehörigen zu benachrichtigen, wenn mir etwas zustößt. Aber so dumm, wie du mich vielleicht einschätzt, bin ich nicht. Auch ich habe einen Preis.“

„He – was sind das für Töne?“

„Warum so verwundert, Boss?“

„Offen gestanden, ich bin erstaunt“, bekannte Women. „Es scheint alles in bester Ordnung zu sein. Ich habe dich doch in meine Lohnliste eingetragen.“

„Richtig, Boss. Aber was bedeutet das schon? Jeder hat seinen besonderen Preis, und meinen habe ich noch nicht genannt.“

„Teufel, du bringst mich in arge Verlegenheit, Jed!“, murmelte Women. „Also, was willst du? Prozentanteile an den Minen? Prämien für jeden Skalp oder was sonst?“

„Nichts dergleichen“, erwiderte Jed. „Das alles und noch mehr wird mir zustehen.“

„Was du nicht sagst! Du bist unverschämter als alle deine Vorgänger zusammen!“, keuchte Red Women.

„Sie alle zahlten einen verteufelt hohen Preis, Boss“, sagte Jed, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. „Du willst kassieren, und das nicht zu knapp. Damit hast du etwas mit vielen Zeitgenossen gemein. Du denkst nämlich nur daran, deinen Reichtum zu mehren. Man sagt, dass das beste Pferd im Futter knapp gehalten wird und dass andere, die es nicht verdienen, um so reichlicher gefüttert werden. Es ist ein altes Sprichwort, aber es hat einen tiefen Sinn.“

„Lass endlich die Katze aus dem Sack und rede nicht in Sprichwörtern, Jed!“

„Bevor ich es tue, Boss, muss ich noch sagen, dass du das Herumgehen um den heißen Brei noch besser verstehst als viele andere, sonst würdest du dich anders verhalten.“

„Hölle, du nutzt es weidlich aus, Hunt!“, keuchte Women und starrte Jed an. „Du bist ein ziemlich unverschämter Bursche!“

„Halt, rede so nicht weiter, Women! Selbst von meinem Boss kann ich mir so etwas nicht sagen lassen. Bevor du mich weiter beleidigst, sollst du meinen Preis hören.“

„Und?“, begehrte Women auf. „Willst du mich zu deinem Cowboy machen?“

„Nein, das nicht, aber zu meinem Schwiegervater“, erwiderte Jed ruhig. Women ächzte und sah Jed wie irr an.

„Es ist dir doch recht, Boss?“, erkundigte sich Jed, als der Mann neben ihm noch immer nach Luft rang und keiner Antwort fähig war. „Hast du höher gehende Pläne? Bin ich dir als Schwiegersohn nicht gut genug?“

Red Women schluckte. Der Luftmangel machte ihm schwer zu schaffen, und die Augen schienen ihm aus den Höhlen zu fallen. Er hob die Peitsche, doch nicht, um sie Jed über den Kopf zu schlagen, wonach ihm sicherlich zumute war, sondern um das Lederende der Peitschenschnur der Fuchsstute über den Rücken zu jagen.

„Nun, Boss?“, fragte Jed sanft. „Du kannst mir glauben, ich werde deine Tochter so erziehen, dass sie als meine Frau in der besten Gesellschaft verkehren kann. Ich muss gestehen, dass ihr noch eine Menge fehlt, aber sie ist intelligent genug, um rasch zu begreifen. Sie wird noch stolz sein, meinen Namen tragen zu dürfen.“

„Ich könnte dich erwürgen!“, keuchte Women. Sein rot angelaufenes Gesicht zeigte deutlich, dass er einem Erstickungsanfall nahe war. „Noch nie hatte ich so mörderische Empfindungen wie jetzt.“

„Später werden wir uns desto besser verstehen, Boss“, erwiderte Jed noch immer ruhig. „Ich schätze es nicht besonders, dass man sich am Anfang in den Himmel hebt. Alles braucht seine Zeit, und ich bin überzeugt, dass wir uns noch gut verstehen werden.“

Womens wildes Gelächter übertönte den Hufschlag des Pferdes. Es schien ihn zu entspannen und seine Wut zu mildem.

„Jed, wenn Nana dich haben will, dann nur zu! Du kannst meinetwegen mein Schwiegersohn werden, aber Nana wird dir einen Korb geben. Sie wird dich auslachen, wenn du ihr einen Heiratsantrag machen solltest.“

„Das wollen wir abwarten, Boss“, erwiderte Jed. „Sollen wir eine Wette machen?“

„Wetten?“, staunte Women. „Ich wette nie! Ich kann Leute nicht ausstehen, die das tun. Jede Wette birgt einen kleinen Betrug in sich, und ich lasse mich nicht betrügen.“

„Wie du willst, Boss“, lenkte Jed ein. „Reden wir nicht mehr darüber und auch nicht mehr über deine Tochter.“

„Doch, ich werde Nana vor dir warnen!“

„Ausgezeichnet, genau darum wollte ich dich bitten, Boss“, erwiderte Jed. „Einen größeren Gefallen kannst du mir nicht erweisen. Frauen tun immer das Gegenteil von dem, was man von ihnen erwartet. Je schlechter du mich also bei ihr machst, um so interessanter werde ich für sie sein.“

„Es ist eine Schande, dass Nana dich auf die Ranch brachte“, murmelte Women. „Dich kann wohl nichts erschüttern?“

„Irrtum, Boss! Das wäre zu vermessen. Jeder Mensch hat seine weichen Stellen, und wer die kennt, der kann anderen den Boden unter den Füßen wegziehen.“

„Ich werde nach weichen Stellen bei dir suchen, Jed“, versicherte Women. „Darauf kannst du dich verlassen.“

„Für so gehässig habe ich dich nicht gehalten, Boss! Du solltest deinen eigenen Leibwächter nicht vorzeitig aus dem Spiel bringen. Kein Schachspieler verzichtet gern auf die Hauptfigur, oder?“

„Jed, du bist nicht nur frech, du bist mir auch langsam unheimlich“, gestand Red Women. „Durch welche Höllen bist du geritten, um so clever zu werden?“

„Ich habe nur die Hölle des Lebens durchritten“, kam es leise über Jeds Lippen.

Red Women brauchte einige Zeit, um dann ruhig zu antworten: „Ich glaubte fast, dass Nana gefühlt hat, wie du bist. Also gut, wenn sie dich will, habe ich nichts dagegen. Aber da sind noch meine beiden Söhne, mit denen musst du rechnen.“

„Ich weiß, Jube und Tim sind zwei wilde, ungezügelte Burschen. Sie sind zu alt geworden, als dass man sie jetzt noch übers Knie legen könnte.“

„Wie sprichst du von meinen Söhnen?“

„Deine Söhne werden dir noch viel Kummer machen. Und wenn sich nicht bald jemand findet, der sie gehörig zurechtstutzt, werden sie dich davonjagen und die Ranch auseinandernehmen. Sie sind so ungebärdig, dass sie zu jeder Untat fähig sind.“

„Soll das ein Vorwurf gegen mich sein, Jed?“

„Legst du es so aus?“

„Nun, ich gebe zu, dass ich sie gewähren ließ und dass sie mir eine Menge Kummer bereiteten. Doch so, wie du sie hinstellst, so sind sie nicht.“

„Ich kann mir nicht helfen, Boss, ich erwarte von ihnen nichts Gutes!“

 

 

3.

Auf der Fahrt zur Stadt lernte Jed Hunt das Land besser kennen. Überall gab es weidende Rinder. Mittelgroße Ranches lagen am Weg. Wenn Cowboys auftauchten, winkten sie den beiden Männern zu.

Kurz vor der Stadt tauchten schwerbeladene Frachtwagen auf, denen eine Maultierherde folgte. Dann rollte die Stagecoach in einer Staubwolke heran. Von vier Pferden gezogen stob sie an dem Einspänner vorbei in die Stadt, als würde sie von allen Teufeln gehetzt.

„Diese unverschämten Stagecoachfahrer!“, wütete der Rancher. „Sie drängen einen einfach ab und fast auf den Gehsteig hinauf. Es wird immer gefährlicher in der Stadt. Letzten Monat wurde ein Mann angefahren und brach sich einen Arm.“

Red Women schüttelte den Kopf und zog die Augenlider schmal, als er einen Reitertrupp erblickte, der aus einer Nebenstraße kam und in die Mainstreet von Sterling einbog.

„Schau dir die Reiter genau an, Jed“, sagte Red Women. „Dort kommt Billy Lederer geritten. Es ist der Mann, der an der Spitze der kleinen Kavalkade reitet.“

Jed Hunt zuckte zusammen. Auf vieles war er vorbereitet gewesen, nur nicht darauf, hier einen Mann zu finden, der ihn beinahe umgebracht hatte, als er ihm aus dem Hinterhalt in den Rücken schoss. Nach dem heimtückischen Anschlag hatte ihn dieser Mann für tot liegengelassen. Wenn ihn nicht nach Stunden der Navajo-Indianer gefunden hätte, wäre er gestorben. Jed konnte sich noch deutlich daran erinnern, wie Lederei nach dem Anschlag herangekommen war, ihn mit der Stiefelspitze auf den Rücken drehte und dabei sagte: „Ich kann mir eine weitere Kugel sparen. Du kommst nicht davon, Freund. Du wirst nicht verraten, was du auf deinem Weg gefunden hast. Keinem Menschen wirst du noch ein Sterbenswörtchen sagen können, und das ist gut so. – Fahr zur Hölle!“

Das waren Lederers Worte gewesen. Lange hatte Jed während seines Krankseins über diesen Mann nachgedacht, den er nie zuvor im Leben gesehen hatte. Doch er war nicht dahintergekommen, was Lederer mit seinen Worten gemeint haben konnte. Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Jed begriff, dass er etwas Wichtiges übersehen haben musste, von dem der mörderische Schuft annahm, dass es ihm großen Schaden bringen würde.

Als sich Lederer jetzt im Sattel umdrehte, wandte Jed sein Gesicht ab, um nicht erkannt zu werden. Er atmete auf, als Red Women sagte: „Verdammt! Was hat es Lederer heute eilig, zu seinem Hauptquartier im Büffel-Saloon zu kommen. Der Saloon gehört allerdings Lee Speaks. Lederer ist mächtig zusammengefahren, als er dich sah, Jed. Kennst du ihn etwa?“

Das war eine direkte Frage, auf die Jed antworten musste.

„Seine Kugelnarben habe ich im Rücken“, erwiderte er.

„Sie stammen von Lederer? Weißt du das sicher? Kugelnarben im Rücken bedeuten, dass man hinterrücks überfallen wurde. Ein Mann aber, der aus dem Hinterhalt schießt, zeigt sich nicht.“

„Er hat sich aber gezeigt. Es war Lederer.“

„Was für ein Zufall! Dann haben wir die gleichen Feinde.“

„Es gibt keine Zufälle“, erwiderte Jed. „Ich glaube nicht daran. – Halte an, Boss!“

„Anhalten?“

„Yeah, es ist besser für mich. Ich möchte nicht noch einmal in einen Hinterhalt geraten. Es ist

doch wohl gleichgültig, wo du deinen Einspänner abstellst?“

„Gewiss, er steht hier genauso gut wie anderswo.“ Red Women griff nach seinem Colt und sah Jed an. „Mir ist es recht, dass der Tanz jetzt beginnt, Jed. Vorher möchte ich allerdings beim Storehalter meine Bestellungen aufgeben. Es fehlt mir an Lebensmitteln, und notfalls kann der Storehalter die Fuhre selbst zur Ranch hinausbringen. Jetzt komm mit, Jed.“

Der Rancher schien es jetzt wissen zu wollen, und Jed hatte keinen Grund, ihm eine Auskunft vorzuenthalten.

„Wenn der Überfall auf dich am Kegel-Lava-Grund geschah, dann war es in der Nähe der Minen!“, stieß Women hervor, als Jed seinen Bericht beendet hatte. „By Gosh, beinahe hätte ich dich verloren, ehe ich dich einsetzen konnte. Beinahe wärst du wie deine Vorgänger in die ewigen Jagdgründe eingegangen.“

Red Women hielt den Einspänner an. Über die Radnabe sprang er vom Wagen und band das Pferd an einen Holm, der den Gehsteig gegen die Fahrbahn abgrenzte. Befriedigt sah er zu, wie Jed seine Waffe weiter nach vorn schob. Das Auftreten seines neuen Mannes gefiel ihm, er wusste, dass sich etwas vorbereitete. Nur zu gut wusste er, dass sich in der Stadt Sterling das friedliche Bild schnell ändern konnte. Er bewunderte insgeheim Jeds kalte Ruhe und die Lässigkeit, mit der er die Stadt betrachtete. Er schien nichts Besonderes zu entdecken. Sterling war für Jed eine Rinderstadt, wie es viele im Westen gab.

„Lederer muss annehmen, dass du von den Toten auferstanden bist. Das wird ihn auf die Palme bringen, Jed. Ich wundere mich nach deinem Bericht nur, dass er uns nicht sofort mit seinen Kumpanen angriff.“

„Der Schreck, mich zu sehen, wird ihn aus dem Gleichgewicht gebracht haben, Boss.“

„Das wird bei Lederer nicht lange anhalten. Der Kerl ist gemein genug, einen neuen Hinterhalt zu legen.“

Jed Hunt war davon auch überzeugt. Er wunderte sich, dass keine Rachegedanken in ihm aufstiegen. Er spürte auch nicht das Verlangen, nach Art der Revolvermänner zum Büffel-Saloon zu gehen und Lederer herauszurufen. Solche Methoden, sich öffentlich für ein tödliches Spiel zu stellen, lagen ihm nicht. Mochte Red Women denken, was er wollte, Jed würde sich nicht dazu hinreißen lassen, für die ganze Stadt ein Schauspiel zu geben.

Red Women stellte keine Fragen. Er setzte sich in Bewegung und ging stolz und aufrecht wie ein Mann, der sich seines Wertes bewusst ist. Jed ging neben seinem Boss. Er überragte ihn um Haupteslänge.

Jed Hunt hatte bisher immer schnell herausgefunden, zu welcher Sorte von Menschen diejenigen gehörten, denen er begegnete. Red Women schien ein Mann zu sein, der vor einem Kampf zurückscheute. Das war auch gut so, mit einem solchen Boss konnte man durch dick und dünn gehen. In seinen grünen Augen lag etwas, was viele Leute veranlasste, ihm auszuweichen.

Die beiden Männer bemerkten die Blicke nicht, die man ihnen nachschickte. Sie sahen nicht, dass viele Leute die Köpfe zusammensteckten und miteinander tuschelten. Aber selbst, wenn sie es gespürt hätten, würde es keinen von ihnen berührt haben.

Bevor Women und Hunt den Store erreichten, der in einer kleinen Seitenstraße lag, blieb Women plötzlich stehen.

„Die verteufelten Burschen!“, stieß er hervor. „Was sagst du dazu, die Pferde von Tim und Jube sind dort an den Halteringen angebunden. Meine beiden Jungen treiben sich also in der Stadt herum.“

Red Women zeigte auf die beiden Pferde, die das Women-Brandzeichen auf den Flanken trugen. Danach deutete er auf eine schmale Schwingtür, die zu einer der vielen Whiskyquellen führte. Die Adern schwollen an Red Womens Hals an. Er schien Lederer und Speaks vergessen zu haben. Das zeigte deutlich, wie gering er von seinen Gegnern dachte.

„Komm, Jed!“, forderte er seinen Begleiter erregt auf. „Ich werde meinen Söhnen den Aufenthalt in dieser wenig gesegneten Stadt versalzen. Sie sind beide noch viel zu jung, um sich mit Whisky und Brandy volllaufen zu lassen. Jube ist neunzehn und Tim erst achtzehn Jahre alt. Der Teufel soll die beiden holen!“

Jed Hunt hörte Frauenlachen und Gesang aus dem kleinen Saloon dringen. Kein Wunder, dass sich junge Burschen zu Stätten hingezogen fühlten, wo es Mädchen gab, wo gesungen, gelacht und getrunken wurde.

Jed nahm sich vor, bei dem zu erwartenden Familienkrach sich herauszuhalten. Er folgte dem Boss, der mit einem Stiefeltritt die Schwingtür aufstieß, dass mehrere Bretter dabei zu Bruch gingen.

Eine Frau schrie hysterisch auf. Women stampfte in den Raum hinein, der den Ausdruck Saloon eigentlich nicht verdiente. Der Raum war ziemlich schmal, wie geschaffen für eine intime Gesellschaft. Jed stellte mit einem Blick fest, dass hier eine solche Gesellschaft zusammen war.

Die Mädchen gehörten zu der Sorte, die in Flitterkleidchen und mit viel Schminke herumläuft. Die beiden Ladies hockten zwitschernd auf den Knien von Red Womens Söhnen. Als Jube und Tim Women den Vater auftauchen sahen, schoben sie die beiden von den Knien. Erschrocken fuhren die Mädchen hoch, und das eine landete unsanft auf den Dielenbrettern.

„Raus!“, schrie Red Women. „Raus, ihr beiden!“

Die jungen Männer standen geduckt da und schauten ihren Vater böse an. Sie warfen einen schnellen Blick auf den Keeper und dessen Gehilfen, einen ungeschlachten Burschen. Mit diesem Blick schienen sie sich zu verständigen. Noch bevor Jed Hunt handeln konnte, griffen Womens Söhne ihn zusammen mit dem Keeper und seinem Gehilfen an.

Ihre Trunkenheit mochte Jube und Tim Women zu dieser Tat verleiten. Fäuste wurden geschwungen, Tische und Stühle flogen durch die Luft. Die beiden Ladies schrien auf, doch sie liefen nicht davon. Sie sprangen auf einen Ecktisch, um den Kampf besser beobachten zu können.

Eine Faust streifte unversehens Jeds Kinn. Der baumlange Keeper war es, der ihn angriff. Jetzt zeigte es sich, dass Jed das Familiendrama doch etwas anging und dass er mitmachen musste, ob er wollte oder nicht.

Wenn es schon sein muss, dann soll es auch Spaß machen, dachte Jed und nahm Maß. Seine Rechte krachte gegen die Kinnspitze des Keepers. Der schien sich zu recken, dann krachte er gegen die Theke. Was Jed nicht erwartet hatte, traf ein. Der Keeper schnellte sich von der Theke ab. Jed ließ den anstürmenden Gegner leerlaufen, schnellte herum und setzte einen Handkantenschlag an, der genau dort saß, wo er ihn haben wollte. Der Keeper brach zusammen und blieb ausgestreckt liegen.

Jetzt ging es gegen die restlichen drei. Red Women tauchte aus dem Getümmel auf. Er hatte ein Stuhlbein in der Hand und rief Jed zu: „Freund Jed, jetzt nehmen wir diese lausige Bude völlig auseinander!“

Jed nickte, denn antworten konnte er nicht. Er stieß Jube Women seine Faust in die Magengrube und beförderte Tim Women mit einem Fußtritt hinaus. Die Schwingtür verlor dabei wieder ein paar Bretter.

Red Women, der es jetzt nur mit dem bärenstarken Helfer des Keepers zu tun hatte, schlug diesen über die Theke. Der bullige Mann kippte mit einem Regal um und wurde darunter begraben. Das war der Zeitpunkt, zu dem die beiden Ladies es für angebracht hielten, kreischend das Feld zu räumen. Sie überstürzten sich förmlich bei ihrer Flucht. Die Nebentür, durch die sie gerannt waren, schlug krachend hinter ihnen zu.

Jube Women rannte heulend nach draußen. Er hastete seinem Bruder Tim nach, der zu den Pferden lief.

„Diese Sache ging viel zu schnell zu Ende“, sagte der Rancher und warf das Stuhlbein, mit dem er sich freigekämpft hatte, in einen Spiegel, der klirrend zerbarst. „Wo sind meine Söhne?“

„Auf und davon, Boss.“

„Nach dieser Abfuhr werden sie die ersten zehn Tage von der Ranch fernbleiben, Jed“, sagte Women mit deutlicher Bitterkeit in der Stimme. „Sie werden sich irgendwo verstecken.“

„Haben sie das schon öfter gemacht?“

„Ja“, gab Women zu. „Diesmal werden sie ganz besonders beleidigt sein.“

„Sie werden schon nicht umkommen, Boss. Ihre Abreibung haben sie weg. Sie werden eine Zeitlang brauchen, bis sie wieder richtig gehen können. Mach dir nur keine unnützen Sorgen, Boss. Sie werden kommen, wenn sie glauben, dass die Luft wieder rein ist.“

„Ich befürchte, dass sie das nicht tun werden“, erwiderte Women und warf einen verächtlichen Blick auf den Keeper, der sich stöhnend am Boden wälzte. Die beiden Mädchen spähten jetzt, da es wieder ruhig geworden war, vorsichtig herein. „Meine Söhne werden nicht wiederkommen, das war zu viel für sie.“

„Wenn es so ist, weine ihnen keine Träne nach, Boss; sie haben es nicht besser verdient. Sie sollen sich ruhig den Wind des Lebens um die Nase wehen lassen, dann werden sie bald einsehen, wer unrecht hatte.“

„Ja, es wäre tatsächlich das Beste. Ich befürchte aber, dass sie in schlechte Gesellschaft geraten“, murmelte Women. „Ich habe kein gutes Gefühl, Jed. Vielleicht habe ich mich doch zu sehr hinreißen lassen. Ich hätte sie nicht öffentlich blamieren dürfen.“

„Hol dich der Teufel, Women! Du bist bei Weitem nicht so hart, wie du dich gibst.“

„Das stimmt, wenn es sich um meine Söhne handelt“, erwiderte Women und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Gehen wir!“

Draußen standen einige Neugierige, die scheu zur Seite traten. Ein alter Mann sagte: „Women, das wirst du bezahlen müssen. Du hast meinem Sohn die ganze Einrichtung demoliert.“

Details

Seiten
168
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945782
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v935808
Schlagworte
mann

Autor

Zurück

Titel: Ein Mann ganz allein