Lade Inhalt...

Redlight Street #147: Die unersättliche Renate

©2020 111 Seiten

Zusammenfassung


Renate war als Kind nicht wirklich in ihrer Familie erwünscht, aber sie macht das Beste daraus. Sie geht täglich ins Büro, macht ihre Arbeit, bekommt ihren Lohn und lebt vor sich hin, ohne große Höhen und Tiefen. Als sie sich eines Tages bei der Arbeit richtig ärgert, geht sie das erste Mal in ihrem Leben in eine Kneipe, um etwas zu trinken. Sie ahnt nicht, dass hier die Huren und Luden ihre Freizeit verbringen und als Heiko sich zu ihr setzt, spricht sie mit ihm über ihren Kummer und lässt sich von ihm einladen. Renate ist kein schönes Mädchen und wurde in ihrem Leben nicht mit Liebe überschüttet, und so ist es leicht für Heiko, sie für sich einzunehmen. Bereitwillig geht sie für ihn auf Anschaffe und übertrifft alle seine Erwartungen, allerdings nicht nur auf dem Strich. Renates Liebeshunger ist einfach nicht zu stillen. Andauernd ist sie hinter Heiko her, will Liebe und Zärtlichkeit und lässt ihm keine Ruhe. Es dauert nicht lange, bis Heiko, völlig erschöpft, darüber nachdenkt, wie er Renate wieder los wird.

Leseprobe

Table of Contents

Die unersättliche Renate

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

Die unersättliche Renate

Redlight Street #147

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Renate war als Kind nicht wirklich in ihrer Familie erwünscht, aber sie macht das Beste daraus. Sie geht täglich ins Büro, macht ihre Arbeit, bekommt ihren Lohn und lebt vor sich hin, ohne große Höhen und Tiefen. Als sie sich eines Tages bei der Arbeit richtig ärgert, geht sie das erste Mal in ihrem Leben in eine Kneipe, um etwas zu trinken. Sie ahnt nicht, dass hier die Huren und Luden ihre Freizeit verbringen und als Heiko sich zu ihr setzt, spricht sie mit ihm über ihren Kummer und lässt sich von ihm einladen. Renate ist kein schönes Mädchen und wurde in ihrem Leben nicht mit Liebe überschüttet, und so ist es leicht für Heiko, sie für sich einzunehmen. Bereitwillig geht sie für ihn auf Anschaffe und übertrifft alle seine Erwartungen, allerdings nicht nur auf dem Strich. Renates Liebeshunger ist einfach nicht zu stillen. Andauernd ist sie hinter Heiko her, will Liebe und Zärtlichkeit und lässt ihm keine Ruhe. Es dauert nicht lange, bis Heiko, völlig erschöpft, darüber nachdenkt, wie er Renate wieder los wird.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Es gibt Frauen, bei denen fragt man sich: ist sie nun schon als Dirne geboren worden oder wurde sie erst eine. Sicher, das ist purer Unsinn! Man weiß schließlich, dass jeder Säugling mit einem taufrischen, reinen Gewissen auf die Welt kommt. Er muss sich sozusagen erst alles aneignen, auch die Untugenden, wie etwa das Dirnentum. Aber wie gesagt, da sind dann doch ein paar Schicksale, da ist man verdammt nahe daran zu sagen: »Die ist ja schon als Hure geboren worden. An der Wiege hat man ihr schon gesungen, dass sie lauter miese Typen kennenlernen wird. Die soll sich doch nicht so anstellen und jetzt auf fromm machen! Wir wissen es besser! Jawohl!«

Wie gesagt, das ist wirklich sehr schwer zu sagen, besonders wenn man auch noch die ganze Geschichte kennt.

Zum Beispiel diese Renate Piepenbrink!

Das ist ja auch so ein Früchtchen!

Wieso die Tülle geworden ist, obschon sie eigentlich gar nicht danach aussieht und auch nicht die entsprechende Figur besitzt, das weiß nur der Teufel. Aber sie ist eine, mit allem, was dazugehört.

Also, beginnen wir mit dem Anfang!

Wie immer!

Renate wurde als fünftes Kind geboren. Papa Piepenbrink war verdutzt, dass er in seinem Alter noch dazu in der Lage war, grinste nicht schlecht und hielt sich für einen Superkerl. Mama Piepenbrink hatte ihm unmissverständlich erklärt, dass sie demnächst auf dem Speicher schlafen würde.

»Aber warum denn das? Ist es in unserem Schlafzimmer denn nicht hübsch gemütlich?«

Sie begann wie ein Nilpferd zu schnaufen und sagte empört: »Ich mache mich doch nicht zum Gespött der Stadt! Nee, nicht mit mir. Mit diesem Wurm ist es genug, basta! Mensch, andere werden in meinem Alter schon Oma, und ich kann jetzt die Windeln schwenken, also, ich sag dir Mann, nicht mit mir!«

Danach war das Eheleben der Familie Piepenbrink erheblich gestört. Und das hatte man diesem mickerigen Wurm zu verdanken, der krebsrot in der Wiege lag und jetzt schon an die zwölf Pfund auf die Waage brachte!

Mama Piepenbrink war ja keine schlechte Frau, nein wirklich nicht, sie genierte sich nur sehr mit dem Kind, das war alles. Und so wurde Renate, wie man den Nachkömmling getauft hatte, lange Zeit versteckt gehalten. Die Geschwister nannten sie roter Runkelrübenkopf.

Renate ließ sich das ja auch eine Weile hübsch gefallen. Schließlich muss man ja auch als Säugling erst einmal die Lage sondieren, aber als es ihr in der hintersten Schlafstubenecke einfach zu langweilig wurde, und hier zog es obendrein, übte sie ihre Stimme. Und das nicht zu knapp. Mit diesem Konzert fing sie ausgerechnet an, als der Herr Pfarrer auf Hausbesuch war. Er wollte ja nun auch den neuen Erdenbürger kennenlernen und fragte naiv: »Ist das Ihr Enkeltöchterchen?«

Mama Piepenbrink machte es nichts aus, sogar dem Schwarzrock was vorzulügen.

»Ja«, sagte sie düster.

Der Pfarrer kitzelte Renate erst einmal unter dem Kinn, und damit hatte es sich.

Als man sie wieder verstecken wollte, wehrte sie sich so gründlich, dass sie mit dem Wiegenkorb umfiel. Mama Piepenbrink begriff, dass man das Wachstum leider nicht verhindern konnte, klaubte sie seufzend vom Boden auf und holte sie in die Wohnküche.

Hier war das Leben viel lustiger. Soweit sich Renate zurückerinnern konnte, gab es daheim viel Krach und Streit bei den Brüdern. Sie stellten auch alle Augenblicke etwas an. Eines lernte sie sehr fix, man zählte nur und kam im Leben nur zurecht, wenn man ein Mann war. Weiber, also mit denen war wirklich nicht viel los.

Von dem Augenblick an, in dem sie selbständig denken konnte, nahm sich Renate vor, ein Mann zu werden. Mit Weibern, wie sie später die Schulkameradinnen verächtlich nannte, hatte sie nichts im Sinn, sie schlug sich auf die Seite der Buben. Dort war sie beliebt. Für ihr Alter war sie kräftig und groß und gab einen herrlichen Tormann ab. Die Buben wollten nämlich alle Fußball spielen, aber keiner wollte im Tor sein. Also machte Renate das. Sie tat es mit einer solchen Hingabe, dass sie abends Prügel bezog, weil sie wieder ihre Kleider zerrissen hatte.

Mama Piepenbrink bekam noch ein paar graue Haare dazu, Papa Piepenbrink hatte von der Prügelei schon ein schwaches Handgelenk, und Renate hatte bereits Schwielen auf dem Allerwertesten.

Sie war kräftig gebaut, man fürchtete sie mächtig, und sie freute sich darüber.

Doch dann kam der Tag, an dem auch sie begriff, dass sie ein Mädchen war. Auch wenn sie sich brennend wünschte, ein Junge zu sein.

Sie kam in das flügge Alter. Ihre Arme und Beine waren zu lang, und sie fand es einfach zu blöde, mit den kichernden Gänsen an der Ecke zu stehen. Also stiefelte sie wieder zu den Jungens herüber. Diese wollten sie aber jetzt gar nicht mehr.

»Hau ab, zieh Leine, Mensch, wir wollen dich nicht, kapiert.«

Renate war so sprachlos, dass sie nicht mal Worte fand.

Schön konnte man sie nun wirklich nicht nennen, und dazu gab sie sich auch noch so grob, dass man wirklich keine Lust hatte, sich mit ihr zu zeigen, obschon, na ja, als Junge war man ja schließlich neugierig, und vielleicht war die Renate gerade das richtige Opfer?

Also spuckte man Flötentöne wie noch nie, und richtig, sie ging mit. Als man in der Scheune von Schulzens' zur Sache kam und der Renate an die Wäsche ging, da war leider kein Kirschen essen mit der Zimtzicke. Zwei hatten einen Zahn eingebüßt, und einer eine Schramme an der Backe. Der Rest war schon geflüchtet.

Renate hatte gar nicht so richtig verstanden, worum es eigentlich ging. Nur als man sie von allen Seiten einkreiste, hatte sie einfach rot gesehen, das war alles.

Mama Piepenbrink stöhnte, seufzte und sagte zu ihr: »Mach du nur so weiter, dann landest du noch im Erziehungsheim.«

»Warum?«

Mama Piepenbrink errötete und wollte mit der Sprache nicht heraus. Damals nahm man die Aufklärung der jungen Menschen noch nicht wichtig, und so musste jeder für sich sehen, wie er damit zu Rande kam.

Dann kam der Augenblick, wo Renate die Schule verließ und eine Lehrstelle antreten musste.

Sie hatte ein breites Kreuz, einen tollen Busen und stämmige Beine. Mit einem Wort, man konnte sie nicht so schnell umwerfen, und so kleine Lebensstürme, die schüttelte sie kurz ab und stapfte dann zügig weiter auf ihr Ziel zu, das sich in weiter Ferne befand. Sie wusste zwar noch nicht, wie dieses Ziel aussah, aber das spielte ja auch keine Rolle.

Mama Piepenbrink hatte ihr eine Lehrstelle in einem Büro besorgt, und glaubte nun, endlich alle Sorgen los zu sein und in Ruhe alt werden zu können.

Wenn sie auch ein wenig dämlich aussah, damals, als sie noch unerfahren und unfertig war, so hieß das noch lange nicht, dass sie es auch war. Im Gegenteil, sie besaß eine Portion Bauernschläue, und was man ihr einmal sagte, das vergaß sie nicht mehr so schnell. Im Betrieb war sie 'beliebt, denn sie arbeitete gut und sie merkte nicht mal, dass man ihr immer mehr Arbeit zuschob, als den anderen.

Renate machte es riesigen Spaß, denn am Ende erhielt sie ja immer den Lohn, und darauf war sie ganz besonders stolz. Einen Teil gab sie als Kostgeld daheim ab, den anderen verjuxte sie ziemlich schnell. Klamotten kaufte sie sich auch mal davon. Aber sie passten ihr meistens nie so richtig. Sie besaß noch keinen eigenen Geschmack. Renate wurschtelte sich so durch das Leben.

 

 

2

»Und hiermit ist Ihre Lehrzeit beendet. Sie sind jetzt Angestellte unseres, Hauses, liebes Fräulein Piepenbrink!«

Renate strahlte den Chef an.

Sie erhielt einen Schreibtisch und eine Schreibmaschine, war jetzt Angestellte und konnte ihrerseits die Lehrlinge scheuchen. In den drei Jahren war sie in allen Abteilungen gewesen, also nie wirklich sesshaft. Jetzt war sie jemand.

Renate war sehr stolz auf sich.

Doch das Gefühl sollte nicht lange anhalten.

In den letzten drei Jahren war sie voll ausgewachsen, und auch ihr prachtvoller Busen hatte noch zugenommen. Sie war noch immer Jungfrau und wunderte sich manchmal, warum die Kerle sie immer so angrienten und vor allen Dingen manchmal, wie zufällig, ihren Busen betatschten. Sie konnte dann ganz schön ärgerlich werden und schob sie wütend zur Seite. Als mal einer besonders dreist wurde und sie im Fahrstuhl küssen wollte, holte sie einmal kurz aus.

Drei Tage lang hatte der arme Mann eine schiefe Wange!

Sie war Angestellte, wenn auch nicht die tollste, aber sie war eine und warf sich mit einem wahren Feuereifer auf die Arbeit. Sie musste jetzt auch sehr viel mit der Maschine schreiben.

Gleich zu Anfang stellte sich der Ärger ein.

Sie konnte noch so aufpassen, wie wild auf die Tasten starren, immer kam eine Leertaste dazwischen, wenn sie es gar nicht wollte. Je schneller sie schrieb, um so mehr Freiräume bekamen die Worte. Es war zum Verrücktwerden.

Der Abteilungsleiter besah sich das Übel und meinte dann nur kurz: »Die Maschine ist nicht in Ordnung.«

Sie wurde zur Reparatur gebracht. Nach ein paar Tagen war sie wieder da.

Renate stürzte sich voller Eifer an die Arbeit. Mit der Maschine schreiben das tat sie recht gern. In der Schule hatten sie an langen Tischen gesessen und um die Wette geschrieben. Doch kaum fing sie an, war es schon wieder soweit. Die Freiräume tauchten auf. Der Abteilungsleiter reklamierte bei der Reparaturfirma, diese keifte zurück und erklärte, die Maschine sei in Ordnung.

»Dann kommen Sie her und sehen Sie sich das einmal an!«

»Und ob ich kommen werde«, sagte der Meister.

Wenig später war er oben.

Renate sollte schreiben. Sie tat es.

Und siehe da, es war genauso wie vorher. Der Meister sah genau zu und entdeckte dann den Fehler. Er grinste den Abteilungsleiter an.

»Ihr Busen«, sagte er lachend.

»Wie bitte?«

»Ihr Busen ist schuld daran, sehen Sie doch selbst. Er tippt an die Leertaste und betätigt sie dann.«

Richtig, das war der Fehler!

Renate war verwirrt.

»Aber was soll ich denn machen«

Der Meister wusste eine Lösung.

»Der Drehstuhl, er wird einfach höhergeschraubt, dann kann er nicht mehr mitschreiben, hahahahahaaaa . . «

Renate sprang vom Stuhl, man veränderte diesen in der Höhe und jetzt sollte sie wieder probeschreiben. Aber diesmal konnte sie erst gar nicht anfangen. Ihre kräftigen Beine passten jetzt nicht mehr unter den Tisch.

Der Meister zuckte mit den Schultern.

»Also, das ist nicht mehr mein Problem.«

Der Abteilungsleiter brachte die Sache beim Chef vor. Dieser fand, man könne ihr deswegen keine neuen Möbel besorgen. Das sei einfach zu teuer. Und außerdem seien Büromöbel nun mal genormt.

»Und was machen wir jetzt?«

»Sie mssß irgendwo im Haus eingeteilt werden, wo sie nicht sitzen muss, ganz einfach.«

Als man es Renate erzählte, war sie todunglücklich.

Zum ersten Male hatte sie das Bedürfnis, ihren Kummer in Alkohol zu ertränken. Sie hatte ja keine Freundin, mit der sie sich aussprechen konnte.

Nach Geschäftsschluss wanderte sie erst eine ganze Weile in der Stadt umher, dann fand sie eine Eckkneipe, schlenderte hinein und verlangte einen Drink.

Der Wirt starrte verdutzt das Mädchen an. Bei ihm verkehrten sonst nur Leute aus der Unterwelt. Sozusagen der letzte Dreck der Straße. Sie bezahlten gut, denn sie waren froh, dass sie ungestört trinken und essen konnten. In vielen Kneipen wurden sie rausgeworfen. Der Wirt erkannte die Marktlücke und hatte sich eben darauf eingestellt. Und das schon vor Jahren. Er war inzwischen ein reicher Mann geworden. Eigentlich hätte er sich schon längst zur Ruhe setzen können, aber er konnte nun mal nicht ohne Arbeit leben.

Jetzt tauchte also dieses fremde Mädchen hier auf.

»Was wollen Sie denn trinken?«

Das »Sie« kam ihm schwer über die Lippen. Die anderen Gäste wurden ja nur mit Vornamen angesprochen.

Renate hob unglücklich den Blick zum Wirt und meinte: »Das ist mir egal, ich muss meinen Kummer ertränken.«

Für die Straßenwanzen war es noch zu früh. Renate war im Augenblick also noch alleine in der Kneipe. Mit dem Wirt, wohlverstanden. Dieser sah sie stumm an, stellte ihr ein volles Glas hin und nickte ihr zu.

Er bemerkte gleich, dass sie keine Gewohnheitstrinkerin war.

Der Wirt dachte, ich muss sehen, dass ich sie mir vom Hals schaffe, bevor der Rummel hier losgeht. Wenn ein Lude sie sieht, dann gibt es gleich Ärger.

Renate klebte an ihrem Stuhl und fand sich schon gar nicht mehr so unglücklich. Der Alkohol hatte ihr die Zunge gelöst, und sie plapperte munter darauf los.

Der Wirt sagte: »Jetzt ist aber Schluss, Fräulein, jetzt müssen Sie aber gehen!«

Renate schüttelte den Kopf.

»Nee, hier gefällt es mir, warum soll ich gehen?«

Er rieb die Gläser blank und schielte immer wieder zur Tür.

Dies ist keine Kneipe für Sie, Fräulein! Lassen Sie es sich gesagt sein.«

»Schenken Sie das Glas noch einmal voll, ja?«

Sie war ihm zu kräftig, sonst hätte er per Hand den Rausschmiss versucht. Nach drei weiteren Gläsern wusste er, sie war wie festgenagelt. Und dann sagte der Wirt: Ich habe jetzt alles getan, was in meiner Macht lag. Außerdem ist sie alt genug um zu wissen, was sie tut. Ich bin doch nicht ihr Kindermädchen. Das wäre wirklich zuviel verlangt, wenn ich jetzt auch noch auf meine Gäste aufpassen müsste.

Schlag acht Uhr öffnete sich die Tür.

Die ersten Tippelschicksen kamen herein und wollten ihren Anschaffetrunk. Bevor sie die Kurve zur Strichstraße kratzten, kamen sie erst in die Kneipe und kippten einen. Ohne Öl, wie sie sich ausdrückten, läuft nun mal keine Maschine flüssig. Zwischendurch kamen sie auch mal kurz rein, steckten dem Luden das noch handwarme Freiergeld zu, nahmen einen zur Brust und zuckelten dann wieder los.

Es waren drei Tüllen, nichts Besonderes dran, normale Straßenware, die schon lange ihrem Gewerbe nachgingen und von denen man auch nicht mehr viel erwarten konnte. Sie waren kalt und abgebrüht. Das Leben hatte sie schon arg mitgenommen. Obschon sie erst um die fünfundzwanzig waren, konnte man ihnen nichts mehr vormachen.

Als sie jetzt das fremde Girl dort sitzen sahen, blieben sie perplex stehen.

»He, Charly, wer ist denn die Spinatwachtel?«

Der Wirt sagte sofort: »Keinen Stunk, verstanden?«

Sie trippelten zum Tresen, beäugten Renate mit schrägen Blicken.

»Man kann doch wohl noch mal fragen, oder?«

»Ist das deine Privattülle?«

Sie kicherten.

»Haltet euer Lästermaul, das ist ein anständiges Mädchen. Wenn ihr überhaupt noch wisst, was dieses Wort bedeutet.«

Sie kreischten verzückt auf.

»Mensch, ich fress einen Besen mit Stiel! Anständig, hat er gesagt, haha haaaa!«

»Tag«, sagte Renate und grinste sie fröhlich an. Inzwischen hatte sie mächtig einen in der Krone.

Die Dirnen bekamen schmale Augen.

»Sag,mal, kriegen wir auch einen?«

Renate hatte Mühe, sie nicht doppelt zu sehen.

»Was?«

»Nun, so ein Trösterchen?«

Wenn es etwas für lau gab, waren sie immer von der flinken Tour.

Renate sah sie treuherzig an und versuchte ein Lächeln.

»Hab nicht mehr soviel Geld.« Mit den Worten: »Zeig mal!«, wollte die rote Tülle ihr schon die Geldbörse fortnehmen.

Charly war schneller.

»Au, schlag mir nicht die Finger kaputt!«

»Langfinger haben bei mir nichts zu suchen«, sagte er grob.

»Ich wollte doch nur mal nachsehen, mehr nicht.«

»Das kennen wir, denn deine Freier beklaust du doch auch nach Strich und Faden! Ich sage dir, wenn sich noch einmal einer bei mir über dich beschwert, dann kriegen die Bullen einen Wink!«

Die rote Hure ließ sich nicht beirren.

»Kannste ruhig machen, die Freier machen sich lieber in die Hose, als dass sie den Bullen sagen, dass ich sie beklaut habe, dann erfährt es nämlich die Alte, verstehst du?«

»Und wenn du an einen gerätst, dem es egal ist?«

Die Dirne zog einen Flunsch.

»Hör mal, auf wessen Seite stehst du eigentlich? Seit wann magst du die Bullen?«

»Ich mag die Bullen nicht, aber ich habe etwas gegen Langfinger, und wenn mich nicht alles täuscht, dein Lude auch.«

Sofort zog sie den Kopf ein.

»Musst du so schreien.«

Charly grinste verächtlich.

»Also habe ich es mal wieder richtig getroffen! Mensch Mädchen mach dich doch nicht unglücklich. Oder hast du schon die letzte Abreibung vergessen, die dir dein Lude verpasst hat?«

Sie wirkte schon gar nicht mehr so draufgängerisch, im Gegenteil eher wie ein kleines Häufchen Elend.

»Was soll ich denn machen?«, maulte sie los. »Mensch, ich muss doch mein Soll beisammen haben. Und wenn sie mal nicht so kommen, du kennst doch die Nächte. Da ist es einfach zum Verrücktwerden, da kann man sich die Beine in den Bauch stehen, und kein Aas kommt, und am Morgen soll man aber sein Geld abliefern.«

Charly wandte sich von der Dirne wieder zu Renate. »Klauen ist doch auch keine Lösung.«

»Jetzt ist wirklich Schluss, jetzt kriegst du keinen mehr, verstanden?«

»Das »Sie« mochte er jetzt nicht mehr anwenden, weil er glaubte, sich lächerlich zu machen.

Die drei Nutten blickten Renate interessiert an. »Wo kommst du her?«

»Ich? Von der Arbeit, alles Mist, jawohl, ich kann doch nichts dafür, ne, wirklich nicht! Und jetzt, jetzt haben sie mir alles wieder geklaut.«

»Und das haste dir gefallen lassen?«, wollten die Nutten wissen. »Du siehst aber gar nicht danach aus, als würdest du dir die Butter vom Brot nehmen lassen«, sagte die blonde Celia.

»Tu ich auch nicht«, lachte Renate zurück. »Wer das mal versuchte, der kriegt es mit mir zu tun.«

»Aber eben haste noch geflennt!«

Renate musste jetzt unbedingt ihre Geschichte erzählen, wenn das auch nicht mehr so flüssig ging, weil sie schon angetrunken war. Die Dirnen hatten ihren Spaß dran und lachten sich krank. Und Renate fühlte sich pudelwohl. Endlich war sie mal an Menschen geraten, die sie vollkommen verstanden und auch noch nett zu ihr waren.

»Du bist schon eine ulkige Nudel, alles was recht ist.«

Die schwarze Ethel gab ihr sogar einen aus, und das sollte etwas heißen.

»Du bist ein Original«, lachte Meggi sie an. »Mensch, so Typen wie du, die sind richtig erfrischend, ehrlich. Du bist schwer in Ordnung.«

Renate in ihrem Suff konnte ja nicht ahnen, dass sie für die Dirnen so eine Art Wunder darstellte. Bis jetzt hatten diese nur Ablehnung von den anderen Frauen erfahren. Man schimpfte über sie und rannte zur Polizei mit der Begründung, sie würden die Moral in der Stadt untergraben, was natürlich nicht stimmte. Sie hatten immer Ärger und deswegen waren sie auch so selig, dass sie in Renate eine vernünftige Vertreterin ihres eigenen Geschlechts trafen. Sie konnten ja nicht ahnen, dass Renate viel zu beschickert war, um zu begreifen, wo sie sich eigentlich befand, und Dirnen hatte sie in ihrem Leben auch noch nicht kennengelernt. Jetzt war sie zu glücklich und zu besoffen!

Vielleicht hätte der Spaß noch eine ganze Weile angehalten.

Selbst der Wirt musste über ihre ulkigen Äußerungen schallend lachen. Er hing über dem Tresen und lachte mit den Dirnen. Darüber vergaßen die vier Zeit und Stunde.

Plötzlich ging die Tür auf und Lude Heiko, gefolgt von Stanis und Serge trat ein. Sie blieben abrupt auf der Schwelle des Hauses stehen, als sie das Gelächter hörten.

Heiko kam wie ein Bulle angeschnauft.

»Könnt ihr mir mal sagen, warum ihr nicht draußen seid?«

Schlagartig wurde es totenstill in der Kneipe. Ängstlich plinkerten die Dirnen ihre Luden an.

»Ist es denn schon so spät? Mensch, wir sind doch grad erst eingetroffen.«

»Die erste Runde von Kunden ist schon vergeben. Wir dachten, ihr seid auf Anschaffe, und dann hörten wir euch hier. Raus, aber dalli, und lasst euch vor zwölf nicht mehr blicken, verstanden?«

Sie gerieten fast in Panik, rafften ihre Täschchen zusammen und fegten davon. Übrig blieb jetzt nur noch die betrunkene Renate.

Heiko beäugte sie von der Seite.

»Was ist das denn für ein Suppenhuhn?«

»Ist hier reingeschneit, wird wohl Kummer haben. Die ist nicht von der Szene.«

Was der Wirt die ganze Zeit gefürchtet hatte, war jetzt eingetroffen. Die Luden hatten dieses Mädchen entdeckt. Renate prostete ihnen auch noch fröhlich zu, als die drei Luden sich an ihren Tisch setzten. Und wieder erzählte sie ihre rührende Geschichte. Die Luden grinsten sich nur an.

Heiko besah sich das Mädchen sehr gründlich. Gewiss, mit der konnte man keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, das war mal klar, das sah sogar ein Blinder mit Krückstock, aber sie war gute deutsche Wertarbeit, und damit konnte man eine ganze Menge anfangen. Sie testeten also zuerst einmal ihren Verstand und wunderten sich ein wenig, dass sie gar nicht so blöde war.

Renate fühlte sich wie auf Wolken.

Heiko überrumpelte seine Kumpels.

»Also, ich werde mich mal ein wenig mit der Kleinen beschäftigen, ist das klar?«

»Mensch, Heiko, verbrenn dir doch nicht die Finger! Haste denn nicht gehört, die hat Eltern. Nee, ich weiß nicht. Das ist mir zu heiß.«

»Nun, man muss das Ding sehr vorsichtig angehen, das ist erst einmal wichtig.«

Mit vorsichtig meinte Heiko selbstverständlich, man konnte sie nicht sofort auf den Strich schicken, man musste die Kleine sozusagen abhängig machen. Dann war in der Regel die Sache schon gelaufen.

An diesem Abend sorgte Heiko dafür, dass Renate noch eine Menge zu trinken bekam. Durch den Alkoholschleier wirkte die Welt auf einmal so schön. Hin und wieder tauchten auch wieder die lustigen Mädchen auf, aber sie verschwanden immer wieder in der Versenkung und nur die Männer waren noch da.

Irgendwann saß Renate auch in einem Auto. Sie hörte Menschen reden, aber vor ihren Augen begann sich alles zu drehen. Heiko nahm die Neue mit in die Wohnung. Da es ja Freitagnacht war, hatte man sehr viel Zeit.

Er hatte Mühe, den Berg die Treppe hinaufzuwuchten. Sie kippte ihm immer wieder um, und er bekam fast ein blaulila Gesicht vor Anstrengung. Das hatte Heiko in dieser Nacht sehr schnell gelernt, man durfte sie nicht zu sehr vollpumpen, sonst war sie zu nichts mehr fähig.

Endlich war man oben in der Wohnung. Heiko warf sie mit Karacho auf das Bett und sagte sich, dann wollen wir mal gleich zur Sache kommen, Mädchen. Ist immer wichtig, wenn du nicht weißt, was alles gelaufen ist.

Der Zuhälter brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass er es mit einer Jungfrau zu tun hatte und fluchte anschließend nicht schlecht. Dafür hätte er eine ganze Menge kassieren können. Er kannte nämlich Kunden, die warteten nur auf solche Mädchen, und die zu beschaffen war wirklich nicht einfach. Jetzt hatte er eine im eigenen Bett und vernaschte sie so nebenbei! Da sollte man nicht die Wut kriegen!

»Konntest du mir das nicht sagen?«, fuhr er Renate an und gab ihr eine Ohrfeige.

»Lass mich«, sagte sie und schob ihn resolut von sich. Heiko verlor das Gleichgewicht und landete neben dem Bett. Renate derweil rollte sich zurecht und war nach wenigen Sekunden tief und fest eingeschlafen.

Was der Zuhälter nicht ahnen konnte, wenn Renate einmal schlief, dann schlief sie gründlich. Alles machte sie gründlich, egal, was es auch war.

 

 

3

Die Sonne suchte sich einen Weg durch die Gardinen, fand ihn endlich und Renate wurde wach. Sie riss die verquollenen Augen auf und war bass erstaunt, als sie feststellte, dass sie sich in einem ihr völlig unbekannten Zimmer befand. Dann sah sie einen Berg zu ihrer Linken. Sie rüttelte daran, und fluchend tauchte der Kopf des Luden aus den Kissen auf.

»Bist du verrückt, mich so früh zu wecken?«

»Ich will wissen, wo ich bin, und wer du bist?«

Heiko fiel wieder ein, dass er ja ein neues Früchtchen bei sich hatte, das man sich noch erziehen musste, also war es wohl angebracht, dass er noch ein wenig höflich war.

»Hei, bist ja endlich wach! Mensch, du warst besoffen!«

Renate sah an sich herunter und stellte fest, dass sie nackt war. Verdutzt blickte sie den Mann an.

»Sag jetzt bloß nicht, du hast mit mir geschlafen!«

»Und wenn es so wäre?«

»Verflucht, verflucht!«

»Ist das so schlimm?«

»Schlimm, verdammt noch mal, jetzt habe ich mit einem Mann geschlafen, und weiß noch nicht mal, wie das ist, und da sagt dieser Kerl, das sei nicht schlimm!«

»Und ich dachte, du flennst deiner Jungfräulichkeit nach.«

»Das würde mir nicht einfallen.«

Heiko wälzte sich herum.

»Nun, das kann man ändern, also willst du es wissen.«

»Na klärchen! Biste auch gut?«

Der Zuhälter hatte schon nach ihr greifen wollen, jetzt fiel er in die Kissen zurück.

»Wieso kannst du Vergleiche ziehen, wenn du noch nicht mal weißt, wie es ist?«

»Bei uns im Betrieb, kannst dir vorstellen, wie die Weiber da am Montag reden? Also, das will ich jetzt auch alles erleben, verstanden? Du musst einfach Spitze sein! Wie oft sollen wir es machen Heiko?«

Ihm fiel der Unterkiefer herunter.

»Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank, Mädchen!«

»Warum?«, fragte sie glucksend.

»Weil du gleich ganz schön geschafft sein wirst, darum!« Renate warf sich auf den verdutzten Luden und legte los, sie hatte ja ein großes Nachholbedürfnis nach Liebe, war sie doch schon achtzehn und hatte noch nie geliebt. Also legte sie los. Dass sie es zum ersten Male tat, gereichte ihr wirklich nicht zum Nachteil.

Nach gut zwei Stunden musste sie zum ersten Male Wiederbelebungsversuche bei ihrem Luden machen.

Mit Mühe kam sein Geist wieder ans Licht der Welt.

»Du bist ja eine Weltmeisterin!«

»Ehrlich?«

»Du bist wie ein Vulkan! So etwas wie dich, also, das müsste man ja direkt ausstellen. Renate du bist eine Wucht!«

Das hätte er lieber nicht sagen sollen. Renate war von diesem Lob so entzückt, dass sie es gleich noch einmal versuchen musste. Mit der Begründung: »Damit ich es nicht verlerne, und es macht wirklich dollen Spaß, ehrlich. Bin ich gut?«

Heiko verdrehte abermals die Augen und verschwand fürs erste im Reich der Träume. Renate hockte auf seinem Bauch und sah in das eingefallene Gesicht. Sie dachte laut: »Vielleicht hat der arme Junge nur Hunger? Sicher wird es das sein. Mensch, ist ja auch gleich schon zwölf Uhr. Also wollen wir ihm mal was zu essen holen und dann ...«

Sie sprang aus dem Bett und fand auch auf Anhieb die Küche. Mama Piepenbrink hatte scharf darauf gesehen, dass ihre Kinder sich im Leben gut auskannten. Damit war auch Kochen und Hauswirtschaften verbunden. Renate aß für ihr Leben gern, und deswegen konnte sie auch wirklich gut kochen.

Jetzt gab sie erst einmal Speck und Schinken in die Pfanne und schlug zehn Eier darauf. Hatte nicht mal eine Kollegin davon gesprochen, dass Eier gut für den Mann seien? Sie lächelte stillvergnügt vor sich hin. Dann braute sie Kaffee, der war so stark, dass er Tote zum Leben erwecken konnte. Brot fand sie auch, und dann kam sie mit dem Tablett ins Schlafzimmer.

Der Zuhälter war langsam wieder zum Verstand gekommen und röchelte leicht vor sich hin. Sein Unterleib wirkte wie zersägt. Aber weiter kam er nicht mit seiner Betrachtung, da kam die Walküre auch schon wieder ins Schlafzimmer. Er wollte sich schon schreiend unter dem Bett verkriechen, als er in letzter Sekunde das Tablett sah.

Ein Leuchten ging über sein Gesicht.

»Mein Gott, du bist ja ein Engel!«

»Hab mir gedacht, dass du das gut verknusen kannst, oder etwa nicht? Ich meine, wir können es auch warmstellen!«

Er riss ihr buchstäblich das Tablett aus der Hand. Renate hockte sich zu ihm, und so schmausten sie einträchtig und lagen wenig später gesättigt im Bett.

»Das ist wirklich eine feine Sache, und gut, dass ich nicht zur Arbeit muss, nicht?«

Heiko sah sie vorsichtig an.

»Wie meinst du das?«

»Na, da haben wir doch gleich wieder eine Menge Zeit, nicht?«

»Renate, ich ...«

Sie blickte ihn mütterlich an.

»Sag mal, du siehst so grün um die Nase herum aus, hast du ein Magengeschwür?«

»Ja«, log er inbrünstig.

»Oje, dann hättest du das alles aber gar nicht essen dürfen.«

Heiko kroch aus dem Bett. Er fühlte sich wie gerädert.

»Kommst du gleich wieder?«

»Ich will aufstehen.«

»Aber ich dachte ...«

»Hör zu, wir ziehen uns jetzt an, und dann fahren wir raus und machen irgendwas. Und gegen Abend treffen wir dann wieder die anderen. Verstanden?«

»Auch gut«, sagte Renate gutmütig. »Rausfahren ist immer gut. Ehrlich!«

Heiko war erst ganz sicher, als er die Ische in seinem Wagen sitzen hatte. Er entkrampfte sich langsam. Doch als er an einem Waldstück halten wollte, fiel ihm rechtzeitig ein, dass sie ihn dort vielleicht wieder überfallen würde, und das konnte er nicht mehr verkraften. Er konnte ihr aber auch nicht grob sagen, er könne nicht mehr. Wie er sie mittlerweile kannte, würde sie das allen erzählen, und vielleicht war sie dann auch restlos enttäuscht von ihm. Wie konnte er sie auf den Strich schicken, wenn er ihrer noch nicht mal Herr wurde?

Also fuhr er durch die Gegend und bejammerte sich, dass man so viel Sprit ausgab. Doch dann kam endlich der Augenblick, wo Charly seine Kneipe geöffnet hatte. Wie ein Ertrinkender stürzte er sich auf die Kneipe.

Renate stieg lässig aus.

Sie hatte ein seltsames Glitzern in den Augen und war glücklich. Sie war so restlos und total glücklich, dass sie bis zu diesem Augenblick nicht mal an Mama und Papa Piepenbrink dachte. Ob die sich Sorgen machten und so weiter. Sie sah nur Heiko und dachte nur an die Liebe!

Sie leckte sich die Lippen und kam in die Kneipe geschlendert.

Charly erkannte sie sogleich wieder.

»Warst du die ganze Zeit mit dem zusammen.«

Renate nickte strahlend.

»Er hat mir die Liebe gezeigt! Stell dir mal vor, ich blöde Kuh habe es vorher noch nie getan. Aber jetzt weiß ich auch Bescheid, und es macht mir Spaß.«

Serge und Stanis saßen in ihrer Ecke und grienten. Heiko machte ein muffiges Gesicht.

»Na, was ist?«

Er ließ sich erschlagen nieder. Renate wollte etwas trinken, bekam es von Charly und erzählte diesem nun ausführlich ohne sich zu genieren ihr Liebesleben mit Heiko. Natürlich so laut, dass es auch Serge und Stanis hörten, und die bogen sich vor Lachen und besaßen außerdem die Schadenfreude, den Freund auch noch damit aufzuziehen.

»Man wird älter, ja ja!«

Heiko, der Zuhälter regte sich höllisch auf.

»Die ist ja nicht normal, also ich sag dir Serge, die schafft dich auch.«

»Höhö, mich hat noch nie eine geschafft, also, die müsste erst noch geboren werden.«

Heiko hatte plötzlich ein satanisches Grinsen im Gesicht.

»Die Wette gilt.«

»Welche Wette?«

»Tausend Eifer kriegst du von mir, wenn du sie schaffst.«

Stanis schlug gleich ein. »Also ich darf sie so lange, bis sie um Gnade bettelt?«

»Klar, aber umgekehrt, krieg ich dann die tausend Eier, verstanden?«

Stanis lachte überlegen. »Die Wette hast du schon so gut wie verloren, geh schon mal zur Bank und hol das Geld! Oder nehmen deine Pferdchen heute so viel ein?«

Heiko lächelte hintergründig.

»Wie ich das Geld beschaffe, soll doch wohl meine Sorge sein, oder?«

»Du hältst dich immer für superschlau, aber diesmal bist du mit deiner Wette zu weit gegangen.«

Für die Luden war das Leben manchmal recht langweilig, und so verfielen sie oft auf die unmöglichsten Wetten und verloren natürlich dabei auch eine Menge Geld. Das Geld der Dirnen wohlverstanden. Und da Wettschulden auch bei den Luden Ehrenschulden waren, mussten sie ziemlich schnell bezahlt werden. Also musste sich die Dirne für den Luden noch mehr anstrengen. Wenn sie das mitunter nicht so recht schaffte, bezog sie dann auch noch Prügel.

Während der ganzen Zeit hatte Renate mit Charly geredet und gar nicht darauf geachtet, was »ihr« Heiko dort anzettelte. Dieser sagte jetzt zu Stanis: »Also, dann werde ich jetzt mal zu ihr gehen.«

Heiko fühlte sich zwar siegesgewiss, aber Renate war ja immerhin ein neues Mädchen, und man musste da mit Vorsicht drangehen. Aber für tausend Eier tut man schon eine ganze Menge, und was ja noch viel amüsanter war: dem Großmaul Stanis eins überzubraten.

Renate lächelte ihn an.

»Gehen wir bald wieder?«

Der helle Glanz war noch in ihren Augen.

Heiko sagte lächelnd: »Sag mal, hast du etwas dagegen, dir hundert Eier zu verdienen?«

»Was soll ich denn mit hundert Eiern?«, staunte Renate. »Ehrlich, auf Eier bin ich nicht so scharf.«

»Pardon, ich meine hundert Mark.«

Sie riss Mund und Augen auf.

»Ehrlich? Was muss ich denn dafür tun?«

»Nur eine Wette gewinnen, das ist alles. Der Stanis bildet sich nämlich ein, du wärst nicht gut in der Liebe. Ich hab natürlich das Gegenteil behauptet. Also, du kriegst hundert Mark, wenn du ihn fertigmachst, Mädchen.«

Er blickte sie starr an. War sein Einfluss schon groß genug? Begriff Renate was sie hier tun sollte?

Sie drehte sich auf dem Hocker um und blieb nachdenklich sitzen.

Details

Seiten
111
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945775
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
redlight street renate
Zurück

Titel: Redlight Street #147: Die unersättliche Renate