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Grauen in der blauen Stadt

2020 130 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Grauen in der blauen Stadt

Von Art Norman

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Zwischen blauen Steinen kam das Erwachen. Der Impuls raste durch die Ruinen und erweckte die seit Jahrtausenden schlafenden Geister. Es war, als streiche eine riesige Hand über die Stadt, berühre hier und da mit zuckenden, unsichtbaren Blitzen etwas und reiße es aus seiner Ruhe. Wie der Wind, der durch leere Fensterhöhlen gleitet...

Und etwas begann sich zu formen, stellvertretend für vieles andere. Es nahm Gestalt an. Staub festigte sich, wurde hart wie der blaue Stein ringsum, doch in seiner Färbung noch dunkler. Dann erhob sich die Gestalt. Kaum merklich glomm es in tiefen Augenhöhlen. Unsichtbare Fühler griffen nach fremden Seelen und maßen sie aus. Der Impuls war von einem der Fremden gekommen, die die Ruinenstadt betraten.

Ein Name: Moronthor! Er hatte das Erwachen durch das ausgelöst, was unsichtbar an ihm haftete.

Der Schatten des Dämons Pluto...

*

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Kaum merklich war das gleichzeitige Zusammenzucken der Zwillinge. Die beiden Mädchen sahen sich an.

»War da etwas?« fragte Monica Peters.

Uschi, ihre Zwillingsschwester, hob die schmalen Schultern. »Ich glaube, etwas gefühlt zu haben... aber jetzt ist es weg! Sollen wir danach suchen?«

Monica nickte. Für eine halbe Minute versanken die beiden Mädchen in Konzentration, dann war es vorbei.

»Nichts. Vielleicht eine Überreizung, weil wir einfach erwarteten, etwas zu empfinden«, vermutete Monica.

Die beiden blonden, langbeinigen Schönheiten waren eineiige Zwillinge mit einer eigenartigen wie auch fantastischen Fähigkeit: Gemeinsam vermochten sie die Gedanken anderer Menschen zu lesen oder ihre eigenen zu übermitteln. Trennte man sie jedoch, besaß jede einzelne von ihnen diese Fähigkeit nicht.

Und ihr telepathisches Talent hatten sie gerade benutzt, um nach etwas zu forschen, das sie beim Erreichen der Ruinenstadt wie einen kurzen Nadelstich gefühlt zu haben glaubten.

Aber da war nichts...

Nur die Ruinen funkelten im Sonnenlicht in einem eigenartigen Blauton.

***

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»Ein bißchen klein ist unsere Expedition ja schon«, brummte Bill Relokin im Schatten des großen Laborzeltes. »Aber dafür haben wir wenigstens mehr Zeit zur Verfügung als damals, und vielleicht auch nicht gerade solche Trolle von Experten, die den Wald nicht vor Bäumen sehen.«

Er schraubte eine Cola-Flasche auf, nahm einen kräftigen Schluck und reichte sie dann weiter. Aus der Brusttasche seines offenstehenden Hemdes fischte er einen Kaugummistreifen, wickelte ihn aus dem Stanniolpapier und begann dann hingebungsvoll zu kauen.

»Wie eine Kuh«, flachste Nicandra Darrell.

»Laß ihn«, brummte Professor Moronthor. »Das ist gesünder als der Qualm von links.« Dabei warf er einen mißbilligenden Blick auf Susan Prescott, die Archäologin mit dem zweifachen Doktortitel, die genußvoll eine tiefschwarze Zigarre abbrannte. Ohne den Kriegstorpedo aus dem Mund zu nehmen, behauptete sie: »Ist aber gut gegen Stechmücken.«

»Wie wahr«, seufzte Bill Relokin.

Die blaue Stadt hatte ihn wieder.

Vor einiger Zeit hatte er sie von einem tieffliegenden Flugzeug aus verborgen im tiefsten Dschungel Zentralafrikas entdeckt - eine Ruinenstadt, deren Mauern blau waren! Er hatte eine Forschungexpedition auf die Beine gestellt, die diese Stadt untersuchte und zu dem Ergebnis gekommen war, daß sie aus jener Epoche stammte, in der im fernen Europa die Steinzeit ein Ende fand. Aber in der Steinzeit hatte doch niemand mit säuberlich und kunstfertig behauenen Steinen Städte mit drei- bis vierstöckigen Häusern gebaut!

Aber die Kohlenstoff-Analysen gaben immer wieder dieses Alter an, das der Historiker Bill Relokin nicht begreifen wollte.

Es kam zu einem Zwischenfall. Durch unglückliche Umstände erwachte ein bösartiger Zauberer aus seinem Tiefschlaf. Ein Teil der Stadt zerfiel zu Staub, der die Wissenschaftler zum Abbruch der Expedition zwang. Moronthor, der damals nicht dabei war, gelang es dann erst in Europa, den Magier zu stellen und zu besiegen.

Lange hatte es gedauert, bis Bill die Genehmigung zu einer zweiten Expedition erhielt, und noch länger, bis er die Leute zusammenbekam, die er dafür haben wollte. Das zur Verfügung stehende Geld war weniger als damals, und so konnte er nur eine kleine Gruppe zusammenstellen. Selbst auf eingeborene Träger und Helfer wurde verzichtet; die waren damals ohnehin angsterfüllt davongelaufen, als der Stauborkan einsetzte.

Diesmal war Professor Moronthor mit seiner Sekretärin und hauptberuflichen Lebensgefährtin Nicandra Darrell mit von der Partie, weil er sich brennend für die Geheimnisse dieser blauen Stadt interessierte. Und Moronthor hatte ein Weiteres getan. Aus einer vagen Ahnung heraus lud der Parapsychologe die beiden telepathischen Zwillinge Monica und Uschi Peters ein, einen Urlaub in der blauen Stadt zu verbringen.

Warum er diese Ahnung empfand, konnte er sich nicht erklären, aber da war das unterschwellige Gefühl, daß er der Fähigkeit der Mädchen möglicherweise bedurfte. Und aus vergangenen Erfahrungen heraus ging er gern auf Nummer Sicher.

Das mit viel zu unzureichenden Mitteln durchgeführte Unternehmen, einen Materiesender in den Tiefen der australischen See zu blockieren, wäre fast des Personalmangels wegen fehlgeschlagen. Mehr durch Zufall als durch Moronthors Können waren die beiden Dämonen Pluton und Rubber vernichtet worden. Moronthor konnte es immer noch nicht fassen, daß er dem drohenden Tod entgangen war.

Diesmal glaubte er zwar nicht an eine Gefahr, aber da war trotzdem diese seltsame Ahnung. Dieses Gefühl, daß da vielleicht doch etwas war. Und deshalb hatte er die Peters-Zwillinge mitgenommen, was Nicandra mit erhöhter Wachsamkeit quittierte. Immerhin waren die Telepathinnen jung, sehr hübsch und sich ihrer Schönheit voll bewußt, die sie gern und frei zur Schau stellten. Und Moronthor war Franzose...

Aber Nicandras eifersüchtige Wachsamkeit war eigentlich doch nur Spiel. Sie wußte, daß Moronthor ihr treu war und nur sie liebte. Mochte er auch anderen schönen Mädchen nachblicken und heiß mit ihnen flirten, so gab es doch immer wieder nur Nicandra, der sein Herz gehörte.

Bill Relokin, der blonde Amerikaner, der an der Harvard-Universität Geschichte lehrte, wenn er sich nicht gerade allein oder mit Moronthor in der Welt herumtrieb, um Altertümer zu studieren oder Dämonen zu jagen, hatte zwei weitere Wissenschaftler mitgebracht. Einmal die fünfunddreißigjährige Susan Prescott, schwarzhaarige Archäologin mit der Vorliebe für stechmückenvernichtende Zigarren, und ihr bereits weißhaariger Kollege William P. Davies.

Sie schlugen ihre Zelte in der Nähe des kleinen Flüßchens auf, das unter den mächtigen Baumkronen des Dschungels und an der blauen Stadt vorbei plätscherte und zumindest an dieser Stelle frei von Krokodilen war. Hier war damals ein Teil der Häuser zu Staub zerfallen. Den heimtückischen, feinen Staub, der sich auf die Schleimhäute legte und in den Lungen festsetzte, gab es nicht mehr. Er war im Laufe der Monate vom Wind verweht worden. Somit gab es hier eine größere, freie Fläche. Dahinter begannen die Häuser der nicht gerade kleinen Stadt, und hinter ihr, am jenseitigen Rand, ragte eine Felswand empor, die vielfach zerklüftet war und Vorsprünge, kleinere Plateaus und Höhlen aufwies.

Dort war damals der Magier Buuga-Buuga aus seinem Todesschlaf erwacht...

»Wie stellen Sie sich unser Vorgehen vor, Bill?« fragte Susan Prescott und blies eine dichte Qualmwolke in seine Richtung. Bill hüstelte krampfhaft.

Er schnipste mit den Fingern.

»Ich denke, wir werden heute abend, wenn es etwas kühler wird, eine Begehung machen. Morgen früh auch noch mal, und dann, schätze ich, haben wir einen Überblick, um welche Dinge wir uns vordringlich kümmern müssen.«

»Haben Sie nicht noch von der letzten Expedition Kartenmaterial und Fotos?« fragte Dr. Davies hüstelnd.

Bill lächelte ihm zu und schob den Kaugummi von rechts nach links. »Schon, aber ich traue der Sache nicht. Vielleicht hat sich in der Zwischenzeit einiges getan. Was glauben Sie wohl, warum ich einen Parapsychologen und zwei Gedankenleser mitgenommen habe?«

Davies hüstelte wieder. Sowohl er als auch Prescott waren in die damaligen Ereignisse eingeweiht worden. Davies hatte ein Drittel seines langen Lebens in Afrika zugebracht und wußte, daß es hier viele Dinge gibt, über die andere Leute nur den Kopf schütteln. Er akzeptierte alles, ohne dabei leichtgläubig zu wirken. Susan Prescott dagegen zeigte leichte Skepsis. Offen gab sie zu, daß die beiden Mädchen ihr ein wenig unheimlich waren, aber an die Geschichte mit dem Dämon glaubte sie nun doch nicht.

Nicandra hob plötzlich den Kopf.

»Bill«, sagte sie. »War der Dschungel schon damals so lautlos wie jetzt?«

»Wie meinst du das?« fragte der Historiker überrascht.

»Dschungel«, sagte Nicandra. »Das ist nicht nur tropische Hitze, menschenfressende Eingeborene und Stechmücken. Das sind auch kreischende Affen und ähnliches Kleingetier, das sich von Ast zu Ast schwingt.«

»Hallo, Tarzan«, bemerkte Susan.

»Es stimmt«, warf William Davies ein. »Jetzt fällt es mir auch auf. Es ist unheimlich still.«

Totenstill...

***

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Die blaue, dunkle Gestalt kauerte im Schatten. Klackende und schabende Geräusche ertönten bei jeder Bewegung, als der Unheimliche sich leicht vorbeugte und einen Finger vorstreckte. Er zeichnete ein Pentagramm in den Sand. Ringsum erschienen eigenartige Symbole, sorgfältig nach Norden ausgerichtet.

Ein blasses Flimmern entstand über dem Pentagramm. Dann öffnete sich dort der Boden.

Es war, als habe jemand in eine feste Fläche ein kreisrundes Loch gestanzt. Da gab es keinen lockeren Sand, der nachrieselte. Der Rand blieb fest und genau abgezirkelt!

Und aus dem Boden, aus diesem Loch, schob sich etwas heraus. Unterarmlang, graubraun, mit spitzem Kopf und einem langen, dürren Schwanz. Dem ersten Exemplar folgte einen Vielzahl anderer.

Wieder das klappernde Geräusch, als Zähne aufeinanderschlugen. Der Unheimliche lachte!

Dann entfernte er sich wie ein Schatten, der in anderen Schatten verschwindet. Nach einer Weile schloß sich auch das Loch im Boden und unterbrach den Strom der heraufkriechenden, leise fiependen Riesenratten.

***

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Bill Relokin brach das Schweigen. »Damals war auch alles so still«, sagte er. »Ich kann darin also nichts Außergewöhnliches sehen, wenn man nicht die blaue Stadt an sich als außergewöhnlich betrachten soll.«

Unwillkürlich griff Moronthor nach seinem Amulett, das am Silberkettchen um seinen Hals hing. Susan Prescott und William P. Davies kannten die Bedeutung dieser handtellergroßen Scheibe mit den merkwürdigen Symbolen und Zeichen darauf nicht, aber die anderen wußten, daß Moronthor jetzt mit der magischen Kraft des Amuletts nach etwas Verdächtigem suchte.

»Nichts... nichts Außergewöhnliches«, sagte er zögernd. Es war, als wiederhole er Bills Worte, und doch war es eine Antwort auf unausgesprochene Fragen.

»Wohin sind unsere Schönheiten eigentlich verschwunden?« fragte Bill zusammenhanglos und sah sich um.

»Zum Fluß«, erwiderte Nicandra. »Ich weiß nicht, ob sie Fische fangen oder ein Bad nehmen wollen... soll ich mal nachsehen?«

»Ich komme mit«, sagte Moronthor und erhob sich. Er legte einen Arm um Nicandras schlanke Taille, trat mit ihr in das Sonnenlicht hinaus und schlug den Weg zu dem kleinen Fluß ein, der am Hand der Freifläche Stadt und Urwald voneinander trennte. Zwischen den Ruinen-Fundamenten, die nach der Zerstäubung übrig geblieben waren, wuchs schon üppige Vegetation. Innerhalb weniger Monate waren Büsche und Sträucher aus dem Boden geschossen, wuchs das Gras hoch und begann alles zu überwuchern. Nur hier und da gab es noch freie Sandflächen oder ein wenig Stein, der blau schimmerte.

»Wow, ist das ein Sommer hier«, murmelte Moronthor. »Davon kannst du in Europa nur träumen... wenn’s bei uns doch auch mal so viel Sonnenschein gäbe statt nur Regen, Regen und nochmals Regen!«

»Na, so schlimm ist es doch auch nicht«, versuchte Nicoe abzuschwächen. »Und hier, nahe dem Äquator, ist es nun mal von Natur aus so heiß.«

Moronthor riß sich förmlich das luftige Hemd vom Körper und wickelte es sich turbanartig um den Kopf. »Jetzt bloß keinen Sonnenstich«, murmelte er.

»Du solltest dir einen Hut zulegen«, lachte Nicandra. Etwas neidvoll sah Moronthor sie an, während sie den Fluß erreichten. Nicandra kombinierte weiße Western-Stiefel mit einem ebenfalls weißen Cowboy-Hut, begnügte sich dazu aber trotz der ètwas mißfälligen Blicke Susan Prescotts mit einem knappen Tanga-Höschen, das vorwiegend aus schmalen Bändern bestand.

Die Zwillinge hielten die Hitze offenbar sogar darin nicht mehr aus und verzichteten auf das, was ihnen überflüssig schien. Monica - oder war es Uschi - ließ sich von der leichten Strömung treiben, während ihre Schwester am Uferrand saß und aus Zweigen und Blumen eine Art Kopfbedeckung flocht.

»Süß«, behauptete Moronthor. »Wenn ihr so herumlauft, solltet ihr euch aber wenigstens irgendwie kenntlich machen, damit man euch auch unterscheiden kann.«

Die Flechtende sprang auf. »Rate doch mal, wer ich bin«, rief sie Moronthor zu.

Der Meister des Übersinnlichen zuckte mit den Schultern.

»Du bist Uschi«, stellte Nicandra fest. Das Mädchen mit dem schulterlangen Blondhaar nickte.

»Wie hast du das denn herausgefunden?« fragte Moronthor verblüfft. »Ich kann die zwei einfach nicht unterscheiden, beim besten Willen nicht.«

»Mein Geheimnis«, behauptete Nicandra, die in Wirklichkeit geraten hatte. »Wie wäre es wieder mal mit einer Blume im Haar, wie damals in der Stadt der toten Seelen?«

»Okay«, sagte Uschi einfach. »Mache ich.«

Moronthor verzog leicht das Gesicht. »Hoffentlich passiert uns nicht das gleiche oder Ähnliches wie damals«, sagte er. »Immer, wenn ihr zwei hüllenlos in der Gegend herumspaziert, passiert- irgend etwas Schwarzmagisches, gerade als ob das eine mit dem anderen zusammen hinge...«

Uschi schwieg überrascht.

Aus dem Wasser tauchte ihre Schwester auf, krampfhaft etwas Silbriges, Zappelndes festhaltend. »Hier gibt’s Fische in Hülle und Fülle«, sagte sie. »Wenn wir also Abwechslung von den Konserven haben wollen, braucht ihr es nur zu sagen. Ich fange euch ein paar.«

Sie ließ den Fisch wieder ins Wasser zurückgleiten und spritzte nach Moronthor und Nicandra. »Ist schon ein Entschluß bei den Eierköpfen gefallen?«

»Die Herren und Dame Wissenschaftler geruhten eine Stadtbegehung zu beschließen«, sagte Moronthor und sah zum Himmel. »Wenn die Sonne etwas tiefer steht, also in zwei oder zweieinhalb Stunden.«

»Dann haben wir ja noch Zeit«, sagte Monica und kam aus dem Wasser. Die Tropfen verliehen ihrem sonnenbraunen Körper einen schimmernden Glanz. »Kommt ihr mit ins Wasser? Es ist herrlich kühl.«

Moronthor schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht«, sagte er. »Aber mal ernsthaft. Ihr wißt, wir haben euch aus einem ganz bestimmten Grund mitgenommen.«

Monica nickte. »Sicher. Aber das bedeutet doch nicht, daß wir unentwegt neben den Eierköpfen hocken und uns das trockene Gelaber anhören müssen! Wir können auch von hier aus gefährliche Gedanken aufspüren.«

»Und?«

»Die Luft ist rein«, erwiderte das schlanke Mädchen. »Wenn es einen zauberischen Bösewicht gibt, dann muß er sich schon sehr gut abgeschirmt haben.«

Moronthor nickte bedächtig. »Auch das Amulett schlägt nicht an. Aber trotzdem habe ich irgendwie das Gefühl, daß diese Ruhe nicht echt ist.«

Nicandra schmiegte sich eng an ihn und küßte seine Wange.

»Die Zwillinge spüren nichts, das Amulett spürt nichts... wo soll diese Gefahr denn lauem?« fragte sie. »Diesmal siehst du wirklich Gespenster, Chef!«

»Laß uns noch ein paar Fische ärgern«, rief Monica. »Ihr zwei wollt wirklich nicht? Das Wasser ist herrlich!«

Wieder schüttelte Moronthor den Kopf und sah den beiden Mädchen nach, die wieder in den Fluß liefen.

Nicandra stemmte die Fäuste gegen die Hüften.

»Du hast schon wieder deinen komischen Blick drauf«, sagte sie. »Haben die zwei etwa einen hübscheren Po als ich, daß du mich wie Luft behandelst?«

»Die Frage werden wir gleich klären«, murmelte Moronthor. »Diese rechts und links geknoteten Tangas sind eigentlich ungeheuer praktisch.«

Ehe Nicandra ahnte, woher der Angriff kam, hatte Moronthor mit vielgeübtem Griff rechts und links eine Schleife geöffnet, und im nächsten Moment stand Nicandra endgültig im Freien.

»He!« fuhr sie herum, während ein kleines Stoffdreieck zu Boden flatterte. »Was soll das?«

»Siehst du das nicht?« fragte er, hob sie mit beiden Armen hoch und trug seine häftig strampelnde süße Beute seitwärts in die Büsche, um sich zärtlich und eingehend mit ihr zu befassen.

***

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Hin und wieder fühlte der Unheimliche die fremden Gedanken, die nach ihm tasteten, aber immer wieder gelang es ihm, ihnen auszuweichen. Die Eindringlinge waren mißtrauisch und wachsam! Vermuteten sie etwas?

Aus seinen Augenhöhlen kam wieder das kaum wahrnehmbare, düstere Glühen, das noch dunkler war als das Blau, in dem er erschien. Und deutlicher denn je fühlte er Plutons Schatten, der einem der Eindringlinge anhaftete.

Dem Eindringling Moronthor! Und dieser Schatten sollte noch einmal wirken.

Der Dunkelblaue wollte es. Er ahnte, daß er allein den Tastversuchen der fremden Gehirne hilfloser gegenüberstand, als wenn es noch mehrere seiner Art gab.

Was anfangs der Schatten des Dämons allein bewirkt hatte, tat jetzt der Blaue. Er griff in den Staub, begann ihn zu formen, und unter seinen steinharten Fingern wurde auch der bis dahin lose Staub zu fester Masse.

Etwas wuchs, das ihm glich und doch anders war, wie ein Mensch sich vom anderen unterscheidet. Es brauchte seine Zeit, und doch wurde es endlich perfekt.

Ein anderer der seit Jahrtausenden schlafenden Geister beseelte es.

Zwei dunkelblaue Wesen ihrer Art gab es nun, und beide waren furchtbar und erschreckend in ihrem Aussehen.

In den Ruinen der blauen Stadt wartete das Grauen!

***

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Das dritte und auch das vierte Zelt standen. Bill Relokin, William Davis und Susan Prescott packten zu und bauten ihr kleines Dorf rund um die beiden großen Geländewagen auf, mit denen sie gekommen waren und in denen Funk, Lebensmittel, Treibstoff und die Instrumente untergebracht waren, die die Wissenschaftler für ihre Arbeit benötigten. Zum Schluß wurde eine große Zeltplane über die beiden Wagen gespannt, damit sie sich in der Tageshitze nicht zu sehr aufheizten.

»Die anderen haben es wohl nicht nötig, anzupacken«, mokierte sich Susan Presott einmal.

»Kein Wunder, wenn Sie mit Ihrem schwarzen Zeppelin die Luft verpesten! Da hätte ich mich auch gern abgesetzt...«

Susan Prescott lachte auf. »Aber einen anderen Vorteil hat mein Rauchen schon: wenn wir uns entschließen, eine Straße durch die Stadt zu asphaltieren, brauchen Sie mich nur zu fragen. Ich huste dann den Teer aus...«

Bill fiel in das Lachen ein. Davies schaute etwas verblüfft; entweder war er geistig abwesend gewesen, oder er gehörte zu den Spätzündern mit Echo-Effekt. Jetzt wischte er sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn.

»Wenn ich nicht wüßte, daß die Mädchen am Fluß sind, würde ich jetzt ein Bad nehmen«, seufzte er. »Aber ich kann ja nicht so einfach...«

Er verstummte und sah in eine bestimmte Richtung. Seine Augen wurden schmal.

»Was ist?« fragte Susan polterig. »Sie haben doch wohl nicht Angst vor den beiden? Wenn...«

Jetzt aber brach auch sie ab, weil sie entdeckt hatte, was die überaus scharfen Augen des Sechzigjährigen bereits vor ihr erblickten. Sie stieß einen spitzen Schrei aus.

»Was um Himmels willen ist das?«

Bill kratzte sich im Nacken. »Ratten, möchte ich annehmen«, sagte er. »Ein ganzes Rudel, vielleicht hundert oder mehr, im direkten Angriff! Das darf doch nicht wahr sein!«

»Ratten?« stöhnte Susan erschrocken auf. »Wie sollen in diese Hitze Ratten kommen...?«

»Fragen Sie die lieben Tierchen doch«, riet Bill. »Die siñd gleich nämlich da!«

Mit einem Satz war er am Wagen, riß ihn auf und griff hinein. Zwei, drei Gewehre riß er aus den Halterungen, warf sie Davies und Prescott zu.

»Was soll ich denn damit?« fragte Susan erschrocken.

»Schießen, Frau! Was sonst?« brüllte Bill, ging neben dem Wagen in die Knie und zielte in die heranwogende graue Flut hinein.

Davies überlegte nicht lange. Er legte an und schoß ebenfalls in das wimmelnde Heer hinein.

Eine Minute Jang krachte es aus allen Rohren, dann waren die Magazine leer. Aber es schien, als komme die graue Flut ins Stocken, die eine lange und dichte Staubwolke hinter sich her zog. Die Ratten fielen über ihre toten oder verletzten Artgenossen her und zerfetzten sie binnen weniger Augenblicke. Zeit genug für Bill Relokin, nach den Ersatzmagazinen zu suchen und einige den Kollegen zuzuwerfen.

Aber da brandeten die Ratten wieder vorwärts! Es mußten weit mehr als hundert sein. Fünfhundert mindestens, schätzte Bill. Er begriff es nicht. Wo kamen diese Bestien her? Damals hatte es sie doch nicht gegeben!

Und vor allem: weshalb griffen sie an? Noch war kein Mensch in ihren Bereich vorgedrungen, und hier war helles Licht und offenes Gelände!

Wieder knallten Schüsse, doch diesmal hielten sie die Ratten nicht mehr auf. Sie kamen in breiter Front.

»Weg hier!« schrie Bill auf. »Zum Fluß!«

Es war die einzige Möglichkeit, den rasenden Tieren mit ihren messerscharfen Reißzähnen zu entgehen!

***

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Beim ersten und zweiten Schuß zuckte Moronthor zusammen. »Was zum Teufel...«

»Bill ist auf Jagd gegangen«, sagte Nicandra. Aber dann krachte das Dauerfeuer aus drei Gewehren.

»Das stimmt was nicht!« sagte Moronthor und war froh, daß das erregende Spiel im Schatten der Büsche und Sträucher noch nicht zuweit fortgeschritten war. So konnte er keine Zeit verlieren, weil er sich erst wieder hätte um seine Kleidung kümmern müssen. »Schnell«, rief er Nicandra zu, die mit den Bändern ihres Tangas kämpfte und einen Weltrekord im Schleifenbinden aufstellte. Als sie fertig war, war Moronthor bereits am Lager.

Auch die beiden Zwillinge, durch das andauernde Gewehrfeuer aufgeschreckt, kamen heran.

»Ratten«, stieß Moronthor betroffen hervor und blieb neben dem letzten Zelt stehen. Nicandra tauchte neben ihm auf und berührte ihn.

»Das gibt’s doch gar nicht... der Angriff widerspricht ihrer Art! Das muß gesteuert sein!«

Aber sein Amulett schwieg!

Da waren die Zwillinge neben ihm. Sein Kopf flog herum. »Fühit ihr etwas?«

»Nichts«, stieß Uschi verstört hervor.

»Weg hier!« hörten sie Bill schreien. »Zum Fluß!«

William Davis bewies, daß er mit seinen sechzig Jahren noch lange nicht zum alten Eisen zählte. Er war schneller als die anderen. Gemeinsam zogen sie sich fluchtartig zum Fluß zurück und sahen, wie die Ratten das Zeltlager erstürmten.

»Verdammt, dafür haben wir uns die ganze Arbeit in dieser Hitze gemacht!« keuchte Susan und feuerte wieder in das Getümmel hinein. Die ersten Zeltstangen wankten. Die Rattenarmee breitete sich blitzartig aus und verschwand hier und da.

»Sie sind etwas größer, als es Ratten für gewöhnlich sind«, sagte Davis nachdenklich. »Da stimmt etwas nicht... sie verhalten sich, als würden sie von etwas zum Angriff gezwungen!«

»Oder von jemanden«, sagte Moronthor hart. »Da, sie fressen die Autoreifen an!«

Bill gab einige gezielte Schüsse ab, konnte damit aber nichts mehr verhindern. In ohnmächtiger Wut mußten sie zusehen, wie die Reifen zerbissen wurden. Ein Zelt nach dem anderen sank um.

»Wenn wir uns damit nicht selbst die einzige Chance nähmen, jemals wieder aus dem Dschungel zu kommen«, sagte Bill bitter, »würde ich eine Kugel in den Tank des Chevy jagen und da drüben alles zur Riesenfackel machen! Wer mag uns diese Bestien auf den Hals geschickt haben?« Er sah von Moronthor zu den beiden Telepathinnen.

»Nichts«, sagte Moronthor. »Ich kann nichts erkennen. Das sind Ratten, sonst nichts!«

»Ratten, die aus der Hölle kommen«, knurrte Bill und schoß wieder. Dann war das Magazin leer, und er schob das nächste in die Waffe. Die beiden anderen hatten sich bereits verschossen. Drei Magazine hätten neu gefüllt werden müssen, aber die Munition lag bei den Wagen.

»Da, sie kommen wieder«, sagte Susan gepreßt. »Hierher! Lieber Himmel, die wollen uns wirklich an den Kragen!«

»Wir müssen zurück«, sagte Moronthor. »Ins Wasser und auf die andere Seite.«

»Ratten können schwimmen, mein Lieber«, murmelte Bill. »Und auf Bäume klettern sie manchmal auch, falls du denkst, wir könnten Äffchen spielen und sie von oben mit Bananen und Kokosnüssen totschmeißen.«

»Ich habe etwas anderes vor«, sagte Moronthor. »Los, bewegt euch!«

In rasender Eile durchquerten sie dén Fluß. Als sie drüben ankamen, hatten die Ratten bereits das Ufer erreicht.

Sie zögerten etwas, aber dann erwies sich der Drang, der ihnen den Angriff befahl, als stärker. Die ersten Ratten glitten ins Wasser und arbeiteten gegen die schwache Strömung an.

Moronthor kniete an seinem Ufer nieder und nahm das Amulett ab. Nicandra beobachtete, daß er behutsam zwei der unentzifferbaren Hieroglyphen, die auf einem Silberband den Rand der Scheibe zierten, gegeneinander verschob; eine der Möglichkeiten, die im Amulett schlafende magische Kraft zu aktivieren.

Der Meister des Übersinnlichen wartete ab.

»Was haben Sie vor?« fragte Davies. »Wir sollten versuchen, flußaufwärts zu laufen und...«

»Warten Sie noch«, bat Nicandra.

Als fast alle Ratten im Wasser waren und die ersten nur noch einen Meter von diesem Ufer entfernt, handelte Moronthor. Er senkte das aktivierte Amulett ins Wasser.

***

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Der neu entstandene Blaue begann sofort, das Werk des anderen fortzusetzen und ein drittes Unwesen seiner Art zu erschaffen. Der erste aber bewegte sich durch die Schatten der blauen Ruinenstadt vorwärts zum Fluß.

Er besaß keine Trommelfelle, aber die benötigte er auch nicht. -Er nahm den Schall des Kampfes direkt auf. Der Schädel fing die Schwingungen auf und verarbeitete sie ohne Umwege.

Die Eindringlinge, unter ihnen der mit Plutons Schatten, zogen sich zum Fluß zurück und überquerten ihn. Die Ratten setzten ihnen nach.

Das abschirmende Geistfeld war stärker geworden. Der Dunkelblaue brauchte jetzt nicht mehr so vorsichtig zu sein wie zuvor. Man würde seine Existenz jetzt nur noch mit viel Glück aufspüren können.

Und wenn der dritte seiner Art, und der vierte und fünfte, geformt und beseelt waren, waren sie überhaupt nicht mehr festzustellen...

Er beobachtete, verborgen hinter Buschwerk und der Flußkrümmung. Er wurde nicht gesehen, aber selbst sah er gut. Er sah, wie der Mann, der Moronthor hieß, eine silberne Scheibe ins Wasser zu den Ratten senkte.

Zähne knirschten in höhnischem Lachen aufeinander. Der Dunkelblaue senkte seine Hand ebenfalls ins Wasser.

Er horte den Schrei und wußte, daß die erste Episode beendet war. Dann rief er mit seiner Magie die großen, grünen Räuber...

***

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Ein irisierendes Leuchten ging von dem Amulett aus, als es das Wasser berührte, und breitete sich blitzschnell aus. Wo es die Ratten traf, sprühten Funken auf, und die kleinen Bestien lösten sich schlagartig auf!

Niemand sah den Arm und die Hand, die hinter der Flußbiegung in das kühle Naß tauchten.

Aber Moronthor fühlte es.

Eine Art elektrischer Schlag durchzuckte ihn. Er bäumte sich auf, schrie und wurde von einer unheimlichen Kraft erfaßt. Er stürzte ins Wasser, in dem gerade die letzten Ratten zerglühten, und blieb bewegungslos mit dem Kopf unter Wasser liegen.

Bill und Nicandra überwanden ihren Schrecken zuert. Sie sprangen vor und zogen ihn aus dem Wasser. Bill fühlte nach dem Pulsschlag.

»Nichts!« stieß er entsetzt hervor.

Er hatte keinen Blick mehr für das Wasser, in welchem es keine einzige Ratte mehr gab. Auch die letzte war im magischen Feuer vergangen. Auch Nicandra hatte nur noch Augen für Moronthor.

»Tot...?«

Bill kniete schon über ihm und begann mit künstlicher Beatmung. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Nicandra warf sich herum, preschte durch das Wasser und schwamm hinüber zum anderen Ufer, wo es auch keine Ratten mehr gab. In einem der Wagen stand der Notkoffer mit der medizinischen Ausrüstung.

Im Schwimmen sah sie etwas silbern blitzend auf dem Wasser treiben und mit der Strömung flußabwärts gleiten.

»Das Amulett!« schrie sie. »Es treibt davon!«

Es schwamm auf dem Wasser, obgleich es eigentlich schwerer war! Und es wurde dabei allmählich schneller!

Sekundenlang fühlte sie sich hin- und hergerissen. Das Amulett war unglaublich wichtig; bester Schutz und stärkste Waffe gegen die Kräfte des Dämonenreichs überhaupt. Aber für Moronthor war der Notkoffer wichtiger!

Uschi Peters nahm ihr die Entscheidung ab. »Ich hole es«, schrie sie. In einem weiten Sprung verschwand ihr gestreckter Körper im Fluß. Die Telepathin arbeitete sich auf das Amulett zu, das schneller wurde.

Und am Ufer kämpfte Bill weiter um Moronthors Leben. Er wollte nicht aufgeben. Was immer es auch war, das Moronthors Herz zum Stillstand gebracht hatte - es durfte nicht siegen.

Fassungslos sahen die anderen zu. Davies kam die Idee, nach den Seiten hin zu sichern.

»Nicandra kommt zurück«, sagte Monica leise.

Die Französin eilte mit dem Arztkoffer heran, so schnell sie konnte.

Einen kurzen Blick warf sie dann flußabwärts, wo Uschi nur noch wenige Meter von dem Amulett entfernt war.

Da erblaßte sie. Ein entsetzter Aufschrei entrang sich ihrer Kehle.

Sie hatte die dunkelgrün geschuppten Überbleibsel der Saurierzeit entdeckt!

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Der Dunkelblaue, unterhalb der Flußbiegung, die ihn von Moronthor und seinen Begleitern trennte, malte magische Zeichen in die Luft. Wo sein Finger sich bewegte, entstand eine flimmernde Spur. Ein Pentagramm flirrte in der Luft und schwebte dann zum Wasser, um sich auf die Oberfläche zu senken, rund fünfzig Meter von dem herantreibenden Amulett entfernt.

Kurz begann das Wasser zu brodeln, dann erlosch das Pentagramm wieder. Aber aus dem Brodeln, das jetzt auch verging, erschienen die riesigen, gut sechs bis sieben Meter langen Körper gewaltiger Panzerechsen.

Der Dunkelblaue kicherte wieder zähneknirschend und zog sich zurück, um nicht doch zufällig gesehen zu werden. Bedächtig schwammen die fünf Krokodile dem Amulett und dem sich ebenfalls nähernden nackten Mädchen entgegen...

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»Krokodile!« schrie Nicandra entsetzt. »Da! Seht!«

Es riß alle herum. Erschrocken sahen sie dorthin, wo Krokodile und Mädchen aufeinander zu schwammen. Hatte Uschi die Raubechsen noch nicht bemerkt?

»Verdammt, hier gibt es keine Krokodile!« brüllte Bill.

»Raus aus dem Wasser!« schrie Davies und lief am Ufer entlang, Bills Gewehr in der Hand. »Raus, schnell!«

Jetzt mußte auch Uschi die ihr drohende Gefahr erkannt haben. Ihre Schwimmbewegungen erstarrten sekundenlang.

Davies zielte und schoß. Die Kugel traf präzise und ging durch ein Auge ins kleine Krokodilhirn. Die vorderste Bestie zuckte, bäumte sich auf und schlug peitschend und wirbelnd um sich. Die Wellenbewegung stoppte das Amulett. Uschi Peters brauchte jetzt nur noch zuzugreifen, und sie tat es geistesgegenwärtig.

»Raus!« schrie Davies weiterhin. Jetzt endlich warf sich Uschi herum und versuchte, das diesseitige Ufer zu erreichen. Zwei Krokodile fielen über ihren getöteten Artgenossen her und begannen ihn zu zerreißen. Das Wasser kochte auf. Aber die beiden anderen bewegten sich unbeirrt weiter und versuchten mit ungeahnter Schnelligkeit, Uschi den Weg abzuschneiden.

Davies schoß erneut. Aber diesmal prallte die Kugel von einer Homplatte ab. Und dann schlug der Hammer auf eine leere Kammer. Das Magazin war leer!

Bill Relokin sprang auf. »Weitermachen«, schrie er Monica und Susan zu und spurtete zu der Stelle hinüber. Seine Hand glitt zum Messer, das er am Gürtel trug, aber er wußte auch so, daß er kaum mit zwei Krokodilen zugleich fertig werden konnte...

Uschi bekam Boden unter die Füße, richtete sich auf und begann zu laufen. Das erste der Krokodile erreichte sie und riß den Rachen weit auf. Es konnte hier noch schwimmen, und im Wasser erreichen die Raubechsen, deren Vorfahren Saurier waren, ein beachtliches Tempo.

»Zur Seite!« schrie Davies.

Uschi begriff, was er plante. Vielleicht hatte sie in diesem Moment, verstärkt durch ihre Schwester, seine Gedanken gelesen. Sie machte einen Sprung zur Seite. Der Krokodilrachen schnappte zu - und die Kiefer mit den vielen messerscharfen Zähnen schlossen sich knirschend um das Gewehr, das der Wissenschaftler der Bestie in den Rachen schleuderte.

Es knirschte und krachte.

Schon war Bill heran, bekam Uschis Arm zu fassen und riß sie mit ungestümer Kraft zu sich. Das zweite Krokodil packte ins Leere.

»Weg vom Ufer«, zischte der blonde Historiker. »Die Biester, sind auch an Land ziemlich schnell!«

Die erste Echse hatte gerade das Gewehr unbrauchbar gemacht. Die beiden anderen waren im Fluß davontreibend noch immer mit ihrem erschossenen Artgenossen beschäftigt. Aber zwei Krokodile waren immer noch genau zwei zuviel. Und sie schickten sich jetzt àn, den Menschen aufs Land zu folgen.

Bill zog langsam das Messer. Die anderen wichen langsam zurück.

Mit geradezu provozierender Langsamkeit kletterten die Krokodile die niedrige Uferböschung hinauf und watschelten näher.

Bill wandte sich um. Er sah, daß Nicandra herübergekommen war. Sie öffnete den Arztkoffer und zog eine Spritze auf. Susan setzte die Wiederbelebungsversuche fort.

»Moni!« schrie Bill. »Zum Wagen! da sind noch zwei geladene Gewehre und Munition! Schnell!«

Er, Davies und die vor Schreck noch zitternde Uschi zogen sich in Richtung der anderen zurück. Die Krokodile folgten ihnen unaufhaltsam.

»Wir müssen sie trennen«, murmelte Davies. »Sie rechts, ich links, Bill! Dann ist die Gefahr nur noch halb so groß!«

»Aber für den einzelnen noch größer«, widersprach Bill, dem dieser Vorschlag gar nicht gefallen wollte.

Er ging langsam rückwärts, ließ die beiden Bestien nicht aus den Augen.

Fauchend kündigte sich die nächste Gefahr an.

***

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Der Dunkelblaue beobachtete. Interessiert studierte er die Verhaltensweise der Eindringlinge. Als die direkte Gefahr, der Schrecken, nachließ, handelte er wieder.

Erneut setzte er seine Magie ein. Erneut entstand das flimmernde Pentagramm in der Luft, schwebte unbeobachtet über den Fluß und heftete sich in einen Baum. Funken sprühten auf, aber der Baum brannte nicht. Dafür geschah etwas anderes.

Gestreiftes Fell schimmerte. Fangzähne blitzten auf. Dann glitten drei Raubkatzen aus dem Baum auf den Boden und hetzten in weiten Sprüngen auf die Menschen zu.

Doch diesmal wartete der Unheimliche nicht mehr ab. Er zog sich zurück in die Schatten der Ruinen. Es würde sich zeigen, was nun geschah. Er hatte vorläufig genug gesehen.

***

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Bill kreiselte herum. Im gleichen Augenblick sprangen ihn gute zwei Zentner Tiger an. Er wollte sich seitwärts fallen lassen, aber das klappte nicht mehr so ganz. Der Tiger schleuderte ihn mit sich nieder. Mit seinem ganzen Gewicht kam er auf den Amerikaner zu liegen. Bill kam nicht mehr dazu, sein Messer zu benutzen.

Uschi Peters handelte instinktiv. Sie hielt noch immer Moronthors Amulett umklammert. Damit schlug sie einfach zu!

Normalerweise ein irrwitziger Versucht, einen ausgewachsenen Tiger mit einer handtellergroßen Silberscheibe zu erschlagen. Um so verblüffender war die Wirkung.

Die Raubkatze bäumte sich auf, ging blitzschnell und funkensprühend in Flammen auf und löste sich auf!

Zwei andere Tiger verhielten, kauerten zum Sprung geduckt da.

Bill lag immer noch starr da. Er konnte es einfach nicht glauben, daß sein Angreifer verschwunden war.

»Die Krokodile!« stieß Davies hervor.

Uschi sah abwechselnd das Amulett an, dann wieder die Stelle, wo der Tiger sich aufgelöst hatte. »Das gibt’s doch nicht«, murmelte sie.

Jetzt kam Bill langsam wieder auf die Beine. »Warst du das?« fragte er die Telepathin.

Sie nickte.

»Gib her!« verlangte der Historiker. Er begriff, was geschehen war. Dasselbe, was Moronthor vorhin am Fluß versucht hatte, nur in etwas anderer Form!

Aber obwohl ein Raubtier vernichtet worden war, war die Gefahr nicht geringer geworden. Vor ihnen zwei Tiger, deren Sprungmuskeln verdächtig zuckten, hinter ihnen die Krokodile, die gemächlich heranwatschelten, als wüßten sie genau, daß ihre Opfer ihnen nicht mehr entgehen konnten.

Bill faßte das Amulett fest wie einen steinzeitlichen Faustkeil. Dann schnellte er sich mit einem wilden Kampfschrei vorwärts.

Damit unterschritt er die kritische Distanz zu den Tigern, die bis jetzt nur die Scheu vor der Vernichtung ihres Artgenossen zurückgehalten hatte. Die vorderste der Raubkatzen sprang!

Aber Bill ließ sich noch im Sprung fallen. Haarscharf flog der massige Tigerkörper über ihn hinweg - direkt vor die vorderste Krododilschnauze. Bill landete neben dem zweiten Raubtier und schlug mit dem Amulett zu.

Wieder sprühten Funken. Fauchend flammte die gestreifte Großkatze auf und verschwand.

»Da!« schrie Uschi.

Die beiden Krokodile waren über den anderen Tiger hergefallen. Ein wirres Knäuel aus zuckenden, wirbelnden und brüllenden Tierkörpem entstand.

Bill brauchte nur mit dem Amulett zuzuschlagen. Auch diese Raubtiere lösten sich in Funken und Rauch auf.

»Magie«, murmelte der Historiker schwer atmend. »Blendwerk der Hölle! Sie existierten nicht wirklich, sondern sind von irgend einem Zauberer magisch erschaffen worden. Die Weiße Magie des Amuletts hat sie vernichtet.«

Details

Seiten
130
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945539
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Dezember)
Schlagworte
grauen stadt

Autor

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Titel: Grauen in der blauen Stadt