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Sheng #28: Sheng stürmt die Killer-Ranch

2020 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sheng stürmt die Killer-Ranch

Copyright

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Sheng stürmt die Killer-Ranch

Sheng 28

Western von Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Linda French lebt seit dem Tod ihres Mannes allein. Plötzlich tauchen zwei Kerle auf, die nach Yank fragen. Sheng kann es nicht verhindern, dass einer von ihnen Linda als Geisel nimmt. In ihrem Haus verbarrikadiert Butch sich mit ihr, um auf Yank zu warten, den er und sein Komplize Jim im Auftrag der Munro-Brüder töten sollen. Doch die Brüder handeln ebenfalls nach einem Befehl, denn der Vormann Leo Warnock hat das Ruder an sich gerissen, seit sie Malcolm Munro - ziemlich eilig - unter die Erde gebracht haben …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach einem Motiv von Meinard Dixon - Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Dumpfer Hufschlag lockte die Frau vor die Tür des kleinen Farmhauses.

Zwei Reiter trieben ihre schweißnassen Pferde durch das hohe Büffelgras. Sie kamen den Weg zur Farm herauf, ritten an dem Kartoffelfeld vorbei und zügelten unmittelbar vor der schmalen Veranda ihre Pferde. Ihre Gesichter waren unter der dicken grauen Staubschicht kaum zu erkennen, doch Linda war sicher, dass sie diese Männer noch nie gesehen hatte.

Sie gefielen ihr nicht. Sie waren böse. Linda sah es an den kalten Augen, die ihre schlanke Gestalt ungeniert abtasteten. Die Männer grüßten nicht einmal.

„Sie können uns ruhig ’nen Schluck zu trinken anbieten, Ma’am, solange wir auf Yank warten“, sagte einer der Männer, ein vierschrötiger Kerl mit großen Schaufelhänden, die ruhig auf den breiten Oberschenkeln lagen.

„Mr. Munro kommt heute nicht“, sagte Linda French fest.

Der Vierschrötige zog die vollen Lippen auseinander, dann kicherte er und sah den anderen Reiter an, der jünger und schlanker war als er.

„Er wird kommen, Ma’am“, versicherte er, „ganz bestimmt!“

Jetzt kicherte auch der Jüngere.

„Yeah, Schwester, Ihr Freund Yank kommt ganz bestimmt. Wir wollen ihn nämlich umlegen!“

Linda French versuchte, das Schwindelgefühl niederzukämpfen, ohne sich ihre jähe Schwäche anmerken zu lassen.

Das kleine Farmhaus machte einen leicht verkommenen Eindruck, denn seit dem Tode ihres Mannes lebte Linda allein in der Hütte, die einmal ein richtiges Farmhaus hatte werden sollen. Joe French war jedoch gestorben, bevor er den ersten Weizen in den Boden der Prärie hatte bringen können.

Linda fiel auf, dass die Hammerschläge verstummt waren, die sie seit Sonnenaufgang vernommen hatte. Sie dachte an den Fremden, der vor ein paar Tagen dahergekommen war und einfach begonnen hatte, die dringend notwendigen Arbeiten zu erledigen, die auf einer Farm immer anfielen und eben nur von einem Mann getan werden konnten.

Zuerst war er ihr ja ein wenig unheimlich vorgekommen, dieser hochgewachsene, asketisch wirkende Mann mit dem dunklen hageren Gesicht und den leicht geschlitzten Augen, doch dann hatte sie in diesen Augen und in dem dunklen Gesicht zu lesen begonnen, und sie hatte den menschlichen Ausdruck darin entdeckt, der sie jede Furcht hatte vergessen lassen. Er war sehr bescheiden, und sie sah ihn nur, wenn sie ihn zu den Mahlzeiten rief oder ihn am Abend aufforderte, eine Weile neben ihr auf der Bank neben dem Haus zu sitzen. Er schlief draußen, irgendwo hinter dem Haus.

Sheng nannte er sich, und er war in China geboren, dort in einem Kloster aufgewachsen. Das hatte er ihr jedenfalls erzählt, als sie einmal zusammen unter dem sternenübersäten Himmel der Prärie gesessen hatten.

Auch er fühlt sich einsam, hatte sie da mitleidig gedacht, doch ganz sicher war sie ihrer Sache nicht mehr, seit sie ihn einmal oben am Hang gesehen hatte, wo er völlig in sich versunken dasaß und sie nicht einmal hörte, als sie neben ihm stand und ihn ansprach. Da war sie leise und irgendwie seltsam berührt zum Haus zurückgegangen.

Heute in aller Frühe hatte Sheng damit begonnen, das Gatter hinter dem Haus in Ordnung zu bringen, wo Linda einige Pferde hielt, mit denen sie nach Joes Tod eine Zucht begonnen hatte. Sieben Fohlen tummelten sich bereits auf der Weide — ein vielversprechender Anfang!

Doch jetzt herrschte Stille in dem langgestreckten Tal. Die Hammerschläge waren verstummt. Sheng versteckt sich jetzt, dachte sie, ohne ihm deswegen gram sein zu können. Die Männer auf den Pferden waren schwer bewaffnet, und sie sahen gemein aus.

Plötzlich konnte sie die Reiter nicht mehr richtig erkennen. Die Morgensonne brannte in Lindas Augen. Aber es lag nicht allein an der blendenden Sonne, stellte Linda fest. Schwindel und Angst erfassten sie.

Sie wollten Yank töten. Warum?

„Warum?“, schrie sie die Männer an.

Die beiden ließen sich aus den Sätteln gleiten, und der Jüngere nahm die Zügel, um die Pferde zum Trog neben dem Brunnen zu führen. Der Vierschrötige baute sich breitbeinig vor Linda auf. Er stemmte die Fäuste in die Hüften, und mit der Zunge befeuchtete er seine staubigen Lippen.

„Er ist überflüssig“, sagte der Mann hämisch und wollte grinsen. Doch das Grinsen erstarrte in den Mundwinkeln, als sein Blick über die Schulter der Frau fiel und auf einer großen Gestalt hängenblieb, die plötzlich an der Ecke des Hauses erschien.

„Ich dachte, Sie sind allein“, knurrte er. Er streckte eine Hand aus, um die Frau zur Seite zu schieben. Seine Rechte fiel auf den Kolben des schweren Frontier Colts, der in dem tiefgeschnallten Holster steckte. Es gab ein klatschendes Geräusch, als der Handteller den glatten Walnussgriff berührte.

Sheng sah den Mann ruhig an. Er spürte das Böse, das von ihm ausging.

„Lassen Sie die Waffe stecken!“, sagte er. „Wir sind friedliebende Leute.“

Der Vierschrötige lachte befreit auf. Er schüttelte die Lähmung ab, die von diesen dunklen Augen auszugehen schien, und er riss den Revolver heraus.

 

 

2

Sie brachten den alten Malcolm Munro so schnell unter die Erde, als ob er an der Pest oder einer ähnlich scheußlichen Krankheit gestorben war.

Weder George noch Graham hatten es für nötig gehalten, jemanden nach Englewood zu schicken, um den Pfarrer zu holen. Yank Munro hätte ihn geholt, doch er war in der Nacht, als der alte Mann starb, auf der Westweide gewesen, und als er am Morgen auf die Ranch zurückgekommen war, hatten sie alle schon am offenen Grab gestanden — George, Graham, Thea, Malcolm Munros leibliche Kinder, und Leo Warnock, der sich immer noch Vormann nannte, obwohl es auf der Double M schon längst keine Cowboys mehr gab. Nur ein paar Strolche, die für richtige Cowboyarbeit nicht zu erwärmen waren, und die doch ihren Lohn aus der Kasse der Double M bekamen.

Sie gingen zurück zum Haus, aus dessen Kamin eine dünne graue Rauchfahne in den klaren Morgenhimmel stieg.

Thea weinte. Yank trat neben sie und legte einen Arm um ihre zuckende Schulter, obwohl ihr Weinen ihn verlegen machte. Thea hatte den Alten auf ihre stille Weise geliebt, und sie war die einzige, die wirklich um ihn trauerte.

Und wie stand es um ihn, Yank, den sie den Indianer nannten? Es war schon achtzehn Jahre her, seit der alte Munro ihn den Cheyennes abgekauft hatte. Für zwei Büffelhäute, weil die Rothäute sie dringend brauchten, denn die Medizinmänner hatten einen grausamen Winter vorhergesagt. Und außer dem mageren blonden Jungen hatten sie nichts für die Felle anzubieten.

Was empfand er jetzt, nachdem der alte Mann tot war? Malcolm Munro hatte ihn gemocht, das wusste Yank, aber der Alte hatte es ihm nie richtig gezeigt. Er war hart zu ihm gewesen, und Yank hatte einmal gehört, wie er zu dem alten Pfarrer aus Englewood über ihn sprach.

„Er ist ein guter Kerl, und ich wünschte, ich hätte ihn gezeugt. Aber zum Teufel, wer weiß, wer ihn gezeugt hat! Ich muss ihn mit dem Knüppel erziehen, damit keine schlechte Erbmasse durchkommt ...“

Er wollte Thea fragen, wie es gekommen war. So plötzlich. Der alte Mann hatte zwar seit einem Jahr das Bett nicht mehr verlassen, seit er bei einem nächtlichen Ritt von Englewood zurück sich das Rückgrat gebrochen hatte. Yank hatte ihn damals gesucht und gefunden. Er hatte ihn zurückgebracht, war fast besinnungslos vor Furcht gewesen, der alte Mann könnte in seinen Armen sterben.

Was war geschehen?

Gestern war der Alte doch noch ganz munter gewesen ...

Nein, jetzt konnte er Thea nicht fragen. Vielleicht später.

Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, die bei dem alten Mann weilten, den sie eben in die Erde von Kansas gebettet hatten.

„Lass sie los, Indianer!“

Yank drehte sich um. Er blickte in Grahams blaugraue Augen, und er verstand nicht, was der Mann meinte, den er als seinen Bruder betrachtet hatte, so lange er denken konnte.

Graham und George waren stehengeblieben. Sie ähnelten einander sehr. Beide hatten das hellblonde Haar ihres Vaters geerbt, beide hatten längliche, hagere Gesichter mit eingefallenen Wangen, und auch die feinen Fältchen um die Augen glichen einander wie die Spuren der Hühner, die hinter dem Ranchhaus gackerten und den trockenen Boden der Prärie nach Würmern aufscharrten.

Thea hielt Yanks Arm fest, doch er schüttelte die Hand ab. Graham war fast dreißig Jahre alt, George zwei oder drei Jahre jünger, und Thea zählte zweiundzwanzig Lenze. Er, Yank, musste nach der gemeinsamen Rechnung des alten Ranchers und seines Freundes, des Pfarrers von Englewood, etwas älter als Thea sein. Sie hatten sich alle Mühe gegeben, so etwas wie eine Erinnerung in ihm zu wecken, als er noch klein war. Yank dachte an endlose Sitzungen und Befragungen, die sie mit ihm abgehalten hatten, doch er erinnerte sich nicht einmal mehr an die Cheyenne Squaw, in deren Tipi er geschlafen hatte, bevor Malcolm Munro den schmutzigen, grunzenden kleinen Burschen mitgenommen und ihm ein Zuhause gegeben hatte.

„Du fasst sie nicht mehr an, Indianer“, sagte Graham. Seine Stimme klang glatt und geschmeidig. Er trug seinen guten grauen Anzug, den er nach dem Unfall seines Vaters hatte anfertigen lassen. Über seinem Bauch spannte sich eine goldene Uhrkette, die Yank noch nie bei ihm gesehen hatte.

Yank rang nach Atem. Er brauchte Zeit, um das alles zu verarbeiten.

Leo Warnock grinste über das zerklüftete Gesicht. Er hatte den Hut wieder über das drahtige rötliche Haar gestülpt, und unter der herabgezogenen Krempe starrte er Yank lauernd an. Ausnahmsweise, wohl aus einem Rest von Anstandsgefühl heraus, trug er heute keine Waffe. Yank hätte nicht übel Lust, seine Faust in das grinsende Gesicht zu schlagen.

„Er ist doch mein Bruder!“, rief Thea. Ihr schmales Gesicht war blass, die Augen vom Weinen geschwollen.

„Du hältst dich da raus“, knurrte George. Er drängte sich zwischen Thea und Yank und schob sie auf das Haus zu. Auch Graham und Leo setzten sich in Bewegung.

„Was soll das?“, schrie Yank wütend. Er wurde schnell zornig. Der alte Munro hatte versucht, ihm den Jähzorn auf seine Weise auszutreiben — mit dem Knüppel. Doch alle derartigen Versuche waren erfolglos verlaufen.

Während George die widerstrebende Thea ins Haus schob, sprang Graham auf die Veranda, wo er am Geländer stehenblieb und auf Yank hinabstarrte. Leo stand hinter der Haltestange, an der Yank sein Pferd, eine kräftige, rostrote Morganstute mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif, angebunden hatte. Die Stute liebte Yank über alles. Das Winchester steckte im Sattelschuh, der schwere Gürtel mit dem 44er Colt hing über dem Sattelhorn. Vor einer halben Stunde war er von der Westweide zurückgekommen, wo er nach den Resten einer längst verlorengegangenen Herde gesucht hatte. Als die anderen ihm vom Tod Malcolm Munros berichteten, war er zum Grabhügel gelaufen, um dem alten Mann die letzte Ehre zu erweisen.

Graham lächelte mit dünnen farblosen Lippen. Yank stand zwischen Leo und der Stute. Er spürte die plötzliche Eiseskälte, die von den Männern ausging.

„Ach ja“, sagte Graham dann. „Die Stute kannst du natürlich behalten.“

„Wie großzügig!“, höhnte Yank. „Sonst noch etwas?“

„Nein. Das ist alles. Verschwinde!“

 

 

3

Sheng rührte sich nicht. Er stand im Schatten des überhängenden Daches, während der Vierschrötige von der hellen Morgensonne übergossen wurde.

Die Frau wandte sich um, sie sah Sheng an, und ihre klaren porzellanblauen Augen in dem ebenmäßigen Gesicht weiteten sich.

„Sheng! Gehen Sie! Dieses hier ist ...“ Sie verstummte, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

„Es ist schon gut, Mrs. French“, sagte Sheng beruhigend.

Der Vierschrötige legte seine derbe Pranke auf ihre Schulter und schob sie zur Seite. Sheng sah den schweren Revolver in der Faust. Der Lauf hob sich, und die große hässliche Mündung wies auf seine Brust.

Das Glitzern der geschlitzten dunklen Augen schien zu erlöschen wie eine Kerzenflamme im Wind, und doch war ihr Blick weiterhin ruhig auf den fremden Mann gerichtet, der gekommen war, um einen Menschen zu töten. Wenn er seine Absicht hier vor der Frau kundtat, konnte das nur bedeuten, dass er auch sie zu töten beabsichtigte, wenn es so weit war. Ihn, Sheng, den Fremden, den Gelben, konnte er sofort beseitigen.

Sheng wollte wissen, ob dieser Mann mit dem breiten Gesicht, den stämmigen Schenkeln und der großen Kanone wirklich gekommen war, um zu töten.

Der Hammer rastete klickend ein. Der Zeigefinger des Mannes berührte bereits den Stecher. Ruhig lag die Waffe in der breiten Faust.

„Gute Reise, Chinamann“, höhnte der Vierschrötige, dann drückte er ab.

Der Hammer fiel auf die Patrone, die Waffe brüllte auf, grauer Pulverdampf quoll aus dem Lauf.

Linda French schluchzte auf und hielt die Hände vor das Gesicht. Der jüngere der beiden Banditen, der gerade die Pferde an die Haltestange neben dem Trog festband, fuhr herum.

Der Schütze ließ die Hand sinken. Ein zufriedenes Lächeln umspielte die wulstigen Lippen, und die Wangen glühten unter der Staubschicht. Doch jäh breitete sich Betroffenheit in dem Gesicht des Mannes aus, der Sheng hatte töten wollen. Er öffnete weit die Augen, als ob er den Anblick nicht glauben könne, der sich ihm bot.

Der Pulverdampf verwehte. Es gab keinen Zweifel. Sheng stand immer noch unversehrt an der Ecke des Hauses.

Der Bandit hatte die schnelle Bewegung nicht sehen können, mit der Sheng seinen Oberkörper zur Seite geneigt hatte, als die Kugel aus dem Lauf fuhr. Sheng hatte ihr helles Pfeifen gehört, als sie an seiner Schulter vorbeigeflogen war.

Der Schütze stöhnte auf, dann riss er die Hand wieder hoch.

Linda French nahm die Hände vom Gesicht. Auch sie glaubte im ersten Moment an ein Trugbild, das die Augen ihr vorgaukelten, um ihr den Anblick des toten Mannes zu ersparen, der so gut zu ihr gewesen war und ihr geholfen hatte, dem Leben wieder etwas abzugewinnen, was sie verloren zu haben glaubte. Nicht einmal Yank, dem sie sich hingegeben hatte, konnte ihr dieses Gefühl vermitteln.

 

 

4

Der vierschrötige Halunke glaubte an die Macht seiner Waffe. Er versuchte es noch einmal.

Er starrte über den Lauf seines schweren Revolvers in Shengs Gesicht. Langsam zog er den Hammer zurück. Er wartete, bis der Lauf sich in seiner Hand beruhigte, denn er hatte Zeit. Das Opfer bewegte sich nicht. Ein Selbstmörder, dachte er verwundert, der Bursche kann sich die Kanone doch gleich selbst an die Schläfe setzen.

Der Revolver ruckte in der Faust, Pulverdampf stieg auf und versperrte dem Schützen wieder den Blick. Doch dieses Mal war es anders als beim ersten Schuss.

Wie der gestreckte Schatten des Tigers flog Sheng auf den Mann zu, der versucht hatte, ihn zu töten.

Niemand kann den Kung Fu-Tiger töten!

Der Vierschrötige schrie erschreckt auf.

„Jim!“, brüllte er.

Dann knallte etwas Kantiges, unglaubliches Hartes von unten her gegen seine Rippen und presste ihm die Luft explosionsartig aus den Lungen. Die Wucht von Shengs Fußstoß schleuderte den Banditen wie eine Strohpuppe in den Staub.

Jim, wie der Jüngere und Schlankere genannt worden war, versteckte sich zwischen den Pferden, bis auch er erkannte, dass der Mann, der seinen Partner zu Boden geworfen hatte, unbewaffnet war.

Mit flinker Hand riss er seinen Revolver aus dem tiefgeschnallten Holster. Geduckt sprang er zwischen den Pferden hervor, er ließ sich auf das rechte Knie fallen und hob die Revolverhand.

Es war unglaublich, was er sah. Ein tanzender Schatten wie der zuckende Widerschein des Lagerfeuers, das sich im Lauf einer Eiche fängt. Ein starres Gesicht mit Augen, die einen Menschen erschauern lassen konnten. Die huschende Gestalt bot kein Ziel, war blitzartig über Jim, den ein kurzer Fußstoß von großer Heftigkeit an der Schulter traf.

Jim wirbelte herum wie, ein Kreisel. Ein Schuss löste sich aus der Waffe, das Blei stieg wirkungslos in den Himmel hinauf. Ein zweiter harter Schlag mit dem Spann des ausgestellten Fußes stoppte die Kreisbewegung des Banditen - er kippte auf die Seite, wo er benommen liegenblieb. Sheng stieß den Revolver mit der Stiefelspitze von sich. Der Stahl segelte durch die Luft und landete schließlich im Kartoffelfeld.

Da ließ ein Schrei den Kung Fu-Mann herumfahren. Er hob die Hände und schloss die Finger zu Klauen, bereit zuzustoßen wie der zuckende Kopf der Schlange, deren Brandmal er auf dem linken Unterarm trug.

Er hielt inne, schloss die Augen zu schmalen, kaum mehr sichtbaren Schlitzen. Der Vierschrötige war schneller und gewandter, als Sheng es von diesem schweren, schwerfällig wirkenden Körper erwartet hatte. Der Bandit war aufgesprungen und hatte die Frau mit einem muskulösen Arm umklammert und sie an sich gerissen. Sheng konnte den großen dunklen Schweißfleck erkennen, der den Stoff der Achselhöhle färbte.

Lindas Augen waren weit geöffnet, in dem blonden Haar fing sich das Sonnenlicht und ließ goldene Funken aufblitzen. Sie schrie nicht mehr. Sie sah Sheng nur an. Traurig, wie es ihm schien. Sie hatte gesehen, wie er versuchte, sie zu retten. Einige Augenblicke glaubte sie, dass es ihm auch gelingen würde - umsonst. Ein Mann konnte nicht ohne Waffen gegen zwei Verbrecher kämpfen, dachte sie.

Der Vierschrötige zeigte Sheng kurz den Revolver, dann presste er ihn wieder in Linda Frenchs Seite. Die Lippen des Banditen glänzten feucht, und die Augen blitzten triumphierend, als er seine Beute rückwärts zum Haus zerrte.

„Wenn ich dich Teufel auch nicht mit dem Blei erwische“, stieß er hasserfüllt hervor, „sie kriegt bestimmt etwas ab!“

Er schleppte Linda durch den Eingang ins Haus, dann hob er einen Fuß, und laut krachend schlug die Tür in den Rahmen. Der schwere hölzerne Riegel polterte laut. Gleich würde der Vierschrötige die massiven Schlagläden von innen vor die kleinen Fenster legen und sie ebenfalls verriegeln.

Ich habe versagt, dachte Sheng bitter. Ich habe einen Gegner unterschätzt.

Jim richtete sich auf. Er kroch auf Händen und Füßen zu den Pferden.

Sheng rannte hinter ihm her, er holte ihn ein und sprang über ihn hinweg. Die beiden Pferde fuhren auseinander. Sheng riss die Sattelkarabiner aus den Scabbards. Er zerschmetterte die Waffen, indem er sie gegen den dickwandigen Trog schlug. Die verbogenen Überreste schleuderte er weit in die Prärie hinaus.

„Du gelber Hund!“, heulte Jim. Wütend sprang er Sheng an. Er schien die Lektion nicht begriffen zu haben, die er eben bekommen hatte. Ein einziger Schlag warf seinen Kopf in den Nacken, und Jim stürzte bewusstlos zu Boden.

 

 

5

Yank spürte das Zittern, das seinen Körper wie ein Fieberschauer überfiel. Er kannte dieses Gefühl sehr genau. Ganz plötzlich war es da. Und mit der Glut des Fiebers kam der alles verzehrende Zorn, der die Sinne ausschaltete.

Er zwang sich, tief und langsam zu atmen, bis die blutroten Schleier von seinen Augen fielen und er seine Umgebung wieder scharf erkennen konnte.

Da standen sie und starrten ihn an. Reglos, als sei er der Fotograf, der sie für das Familienfoto auf die Platte bannen würde. Als Erinnerung an den Tod des Ranchers Malcolm Munro. Ja, da standen sie und glotzten ihn an. Graham in seinem neuen grauen Anzug, der auch nicht verdecken konnte, was sein Träger war — ein gemeiner, hinterhältiger Schurke. George, der alles tat, was sein älterer Bruder ihm sagte. Leo Warnock, verschlagen und grausam, der Graham ergeben war.

Und Thea? George hatte sie ins Haus gebracht, und jetzt stand er wieder da. Yank wollte nach ihr fragen, doch Graham kam ihm zuvor.

„Ich sage es kein zweites Mal, Indianer. Verschwinde! Wenn ich dich auf unserem Land noch einmal sehe, schieße ich dich ab.“

Yank konnte es nicht glauben. Dieses Haus, das Land, die welligen Hügel rings herum, sie waren doch seine Heimat! Nie in seinem Leben hat er etwas anderes gesehen als wogendes Gras und kräftige Longhorns, und nie hatte er das Verlangen gespürt, seine Heimat auch nur für einen einzigen Tag zu verlassen.

Heiser sagte er: „Das kann doch nicht euer Ernst sein!“

Es war ihr Ernst. Graham hatte die Daumen in die Ärmellöcher der schwarzroten Brokatweste gehakt. Breitbeinig stand er da, der Herr über eine Ranch ohne Rinder.

Auf dem leichten Bambustisch, an dem der alte Mann so gern vor der Tür seines Hauses gesessen hatte, als er noch gesund gewesen war, lagen die Waffengürtel, die die Männer während der Beerdigung abgelegt hatten. Ein schmaler Gurt aus schwarzem Leder mit einem vernickelten Remington, der besser zu der eleganten Kleidung passte, die er neuerdings bevorzugte, gehörte Graham Munro. Er hatte den dunkelbraunen, vom Alter fast geschwärzten Gürtel mit dem langläufigen Navy-Colt seinem jüngeren Bruder überlassen.

Das schönste Stück der Waffensammlung auf dem Bambustisch stellte jedoch Leo Warnocks Waffengürtel dar. Er hatte den Gurt aus Texas mitgebracht, wo er viele Jahre lang als Trailboss arbeitete, bevor er in Kansas hängen geblieben und von Graham als Vormann eingestellt worden war. Das Leder des Gürtels und die beiden gefetteten Holster waren mit massiven Silbernägeln beschlagen. Die ebenfalls silberne Gürtelschnalle zeigte einen Stierschädel. Die Griffschalen der Waffen bestanden aus altem dunkelgelbem Elfenbein. Yank wusste, dass die Schlagbolzen der Revolver nadelscharf zugefeilt und die Federn so genau eingestellt waren, dass bei gespanntem Hammer der leichteste Druck auf den Abzug genügte, um den Schuss auszulösen.

Leo sprach nicht von seiner Vergangenheit, außer, dass er behauptete, als Treiber gearbeitet zu haben, doch Yank war der Ansicht, dass Leo eher ein Revolvermann gewesen war. In diesem Punkt teilte der alte Mann Yanks Meinung, so wie er sich überhaupt gut verstanden hatte mit ihm, seinem ...

Yanks Gedankengang stockte. Bisher hatte er sich stets als Malcolm Munros Sohn betrachtet.

Doch was war er wirklich?

Ein Waisenkind. Ein Findling? Ein angenommenen Sohn?

Das war eine Frage, die unvermittelt akut wurde.

Ein Adoptivsohn des alten Malcolm Munro war er jedenfalls nicht. Der Rancher hatte es als selbstverständlich betrachtet, dass Yank wie ein Sohn in seinem Haus lebte. Er war aber nie auf die Idee gekommen, den Weg nach Dodge City anzutreten, wo er die entsprechende Urkunde hätte ausfertigen lassen müssen. Malcolm Munro hatte geglaubt, es genüge, wenn er dem Jungen seinen Namen verlieh. Die Zeiten hatten sich jedoch geändert. Das Gesetz war in den Westen vorgedrungen.

Glühend heiß rauschte das Blut durch Yanks Adern. Sollte er jetzt ein Heimatloser sein?

Lieber ließ er sich in Stücke schießen.

Er bewegte die Schultern, er leckte mit der Zunge über die spröden Lippen, und er wartete darauf, dass der böse Traum sich auflöste.

Graham ließ die Arme herabfallen. Er schickte sich an, ins Haus zu gehen. Seine rechte Hand strich beiläufig über die Waffen, die auf dem kleinen Tisch lagen.

„Deine Zeit ist abgelaufen“, sagte er über die Schulter. „Leo, jag ihn von der Ranch!“

Grahams Hand riss einen der Revolver mit den elfenbeinernen Griffschalen aus dem Holster.

Yank begriff. Jäh wurde ihm klar, dass es nicht nur um seine Heimat, sondern um sein Leben ging. Sie wollten ihn nicht nur von der Double M vertreiben, nein, sie wollten ihn töten, und dafür suchten sie einen Vorwand. Sie konnten keinen Mann am Leben lassen, der nach dem Verbleib der Rinder forschte und sich Gedanken um den Tod des alten Mannes machte.

Yank wirbelte herum und rannte zu seinem Pferd. Er streckte seine Hand aus. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Graham Leo den Revolver zuwarf.

Er will es nicht selbst tun. Seine Hände sollen sauber bleiben, dachte Yank verächtlich. Er riss den Colt aus dem Holster und fuhr herum, als der erste Schuss die trügerische Stille zerriss.

Er spürte einen Schlag an der Hüfte, der ihn gegen die Stute prallen ließ. Das Tier wieherte und warf den schönen Kopf in die Höhe.

Yank schoss aus der Hüfte auf den Vormann der Double M, und er empfand ein wildes Gefühl der Freude, als die Kugeln den Mann in den Staub vor der Veranda schleuderten, wo er reglos liegenblieb.

 

 

6

Sheng sah zu dem kleinen Haus hinüber. Es war aus ausrangierten Bahnschwellen errichtet und mit Grassoden gedeckt. Der Mann, der es errichtet, hatte, musste ein geschickter Handwerker gewesen sein. Das Haus war stabil, und es würde selbst bei einem Angriff bewaffneter Männer gut zu verteidigen sein.

Der Vierschrötige hatte die Fenster von innen verschlossen und verriegelt. Hinter den schmalen Schlitzen herrschte Finsternis.

Sheng bemerkte den Lauf eines Revolvers, der durch die Schießscharte im Fenster neben der Tür geschoben wurde, und er sprang zur Seite, noch ehe der erste Schuss den Lauf verließ und die Kugel jaulend an ihm vorbeistrich.

Sheng presste sich an die Hauswand. Er hatte einen Mann unterschätzt, und jetzt musste er seinen Fehler wieder gutmachen.

Wir alle machen Fehler, weil wir Menschen sind!

Sheng hörte die Stimme seines alten Lehrers Li Kwan. Fehler sind in uns selbst begründet, ohne sie wären wir keine Menschen. Wir wären Puppen.

Sheng atmete langsam, und bedächtig ließ er seinen Blick über die endlose Weite der Prärie gleiten. Er sah das breite Tal, das von flachen Hügeln begrenzt wurde. Eine schmale Straße zog hindurch, doch diese Straße wurde selten benutzt, sie lag abseits der großen Verkehrswege.

Die Postkutschenlinie von Clayton in New Mexiko nach Dodge City verlief weiter im Süden, wo sie an der Grenze des Oklahoma-Territoriums den Cimarron kreuzte und parallel zum Western Trail nach Dodge City schwenkte. Jenseits des Hügelrückens im Osten gab es noch eine alte Wagenstraße, die über einen Ort namens Barron nach Englewood führte.

Barron war eine gesetzlose Stadt im Einzugsbereich des großen Cattle-Trails, die letzte Ansiedlung vor Dodge City, wo die meisten Viehherden hingetrieben wurden und wo es dann für die Männer der Treibermannschaften noch einmal Knochenarbeit gab, wenn sie einhunderttausend Rinder in die Eisenbahnwaggons verladen mussten. Viele Cowboys nahmen sich deshalb in Barron bereits einen Vorgeschmack auf die erwarteten Freuden von Dodge City. Sie stahlen sich von den Herden weg, die gerade den Cimarron überquert hatten.

„He, Chinamann!“, schrie der Vierschrötige. Seine Stimme drang gedämpft durch die dicken Holzwände der Hütte. „Chinamann, zeig dich mal!“ Die Stimme brach in fettes Lachen aus, und dann hörte Sheng einen leisen Aufschrei, der schnell erstickte — unter einer großen schmutzigen Hand wahrscheinlich.

„Was wollen Sie?“, rief Sheng zurück.

Es war richtig. Er musste mit dem Mann sprechen. Er musste ihn kennen, wenn er die Frau aus seinen Armen befreien wollte.

„Wie geht es Jim?“, fragte der Vierschrötige.

Jim kroch hinter den Trog. Sheng sah seinen Rücken. Dann zog der Junge sich an der Kante des Wasserbehälters in die Höhe und tauchte seinen Kopf hinein. Jim hatte glattes schwarzes Haar wie ein Mexikaner, doch seine Gesichtszüge deuteten eher auf eine europäische Abstammung hin. Graue, wache Augen blitzten über einer kleinen geraden Nase und einem blasslippigen Mund.

„Es geht ihm gut“, antwortete Sheng.

„Er soll herkommen!“

Sheng blickte zu dem jungen Burschen hinüber, der immer wieder seinen Kopf in das Wasser tauchte. Sheng duckte sich, und schnell wie eine Gazelle rannte er zu dem Wassertrog hinüber. Die Pferde an der Haltestange ließen die Köpfe hängen. Sie hatten einen langen Ritt hinter sich.

Sheng flog gestreckt über den Trog. Hinter dem jungen Banditen landete er federnd auf seinen Füßen. Er warf sich herum und ging hinter dem Tränkbecken in Deckung. Jetzt erst peitschte ein Schuss vom Haus her. Die Kugel bohrte sich in das dicke Holz des Trogs, ohne Schaden anzurichten. Nur die Pferde stampften unruhig.

Der Junge fuhr herum. Aus angstgeweiteten Augen starrte er Sheng an, und er wollte vor diesem drahtigen Mann zurückweichen, als Sheng ihm die Finger einer Hand in die Schulter grub und ihn festhielt wie in einem Schraubstock.

„Bleib hier!“, sagte Sheng. Die dunklen Augen in dem markanten Gesicht blickten zwingend. „Ich habe dir etwas zu sagen.“

Der Junge starrte Sheng an. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. Wasser rann über das gebräunte Gesicht, tropfte über das vorspringende Kinn und nässte das Hemd. Er sagte nichts.

„Der Mann da drin“, Sheng deutete mit dem Kopf zur Hütte, „will dich sprechen. Willst du zu ihm gehen?“

„Warum nicht?“ Jim wollte sich aufrichten, doch Shengs Hand zwang ihn nieder. Der Junge öffnete die Augen noch weiter, als er feststellen musste, dass er sich unter dem Druck dieser schmalen, sehnigen Hand nicht bewegen konnte.

„Vielleicht tötet er dich“, antwortete Sheng ernst.

Der Junge lachte auf, dann verzerrte sich sein Gesicht.

„Warum sollte er das tun? Butch und ich sind Freunde!“

Butch wurde der Vierschrötige also genannt. Butch, der Schlächter. Der Name sagte genug.

„Es kann sein, dass er sich in die Enge getrieben fühlt. Was ihr hier wolltet, läuft nicht so, wie er es sich ausgerechnet hat. Vielleicht kann er dich nicht mehr brauchen.“

„Er hat die Frau. Und er wird Yank kriegen. Da gibt es nichts.“ Der junge Strolch lächelte, und diesmal war es ein selbstsicheres Lächeln ohne Furcht. Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und rollte probeweise die Schulter, auf der immer noch Shengs Hand wie ein Bleiklotz lag. „Lass mich los, ja?“

Sheng und Jim hörten undeutlich, wie Butch nach dem Jungen schrie. Sheng achtete nicht auf die Rufe.

„Geh zu ihm und sag ihm etwas! Sag ihm, er soll die Frau freigeben!“

Der Junge lachte.

„Warum soll ich ihm so etwas Verrücktes sagen?“

Sheng blickte dem Jungen in die Augen, und er erkannte, dass dieser Bandit sich nicht durch Worte von seinem Vorhaben würde abbringen lassen. Er war gekommen, um zu töten. Er und Butch. Sheng versuchte es trotzdem.

„Ihr kommt nicht davon. Lass es deshalb! Geh! Ich werde dich nicht aufhalten. Und Butch auch nicht.“

Wieder lachte der Junge.

„Warum sollten wir wieder abziehen, ohne ...“

„Sprich es aus!“, forderte Sheng den Banditen auf.

„… ohne sie und ihren Freund umzubringen?“, vollendete er trotzig den begonnenen Satz. „Niemand kann uns etwas anhaben. In Barron gibt es keinen Sheriff!“

Das Tal gehörte zu Barron. Sheng hatte gehört, dass der Sheriff dort vor einigen Monaten bei einer Schießerei zwischen Spielern und Cowboys umgekommen war und dass sich bisher kein neuer Kandidat für den Posten gefunden hatte.

„Es gibt die Gerechtigkeit, mein Junge“, versicherte Sheng ernsthaft, und er löste seine Finger aus den Schultermuskeln des Jungen. „Denk an meine Worte, Jim! Du darfst nicht töten!“

Der Junge hob den Hut auf, den er verloren hatte, dann stand er auf und wandte Sheng den Rücken zu. Mit eckigen Bewegungen ging er auf das Haus zu. Sheng blieb bei der Tränke zurück.

„Butch! Hier bin ich!“, rief der Junge.

Sheng konnte Teile des Dialogs verstehen. Butch erkundigte sich bei seinem jungen Komplizen, wo Sheng sei und ob er an die Gewehre herankäme.

„Er hat die Gewehre zerbrochen!“, schrie Jim mit schriller Stimme. „Und meinen Revolver hat er auch weggeschmissen! Butch, komm 'raus mit ihr und lass uns abhauen! Für Yank Munro bauen wir irgendwo draußen einen Hinterhalt auf.“ Er warf einen schnellen Blick zur Tränke hinüber, wo er Shengs Kopf über dem Trog erkennen konnte. Vor dem bohrenden Blick wandte er sich schnell ab. Butch lehnte den Vorschlag schroff ab.

„Ich bleibe hier drin, bis Yank kommt! Ich unterhalte mich prächtig mit der Puppe. Wenn er kommt, dann wird er sich genau vor meiner Kanone aufbauen.“

„Ja, Butch! Aber was mache ich? He, Butch, was mache ich?“

Sheng spitzte die Ohren, um zu verstehen, was der Bandit dem jungen Kerl sagte.

„Reite zur Ranch und sag Leo Bescheid!“

„Klar! Leo ... muss kommen ...“ Der Junge lachte. Dann kam er zu den Pferden herüber. Sein Schritt war ein wenig unsicher, und er rückte nervös am Waffengurt, dessen leeres Holster gegen seinen Schenkel klatschte.

Sheng erhob sich zu seiner vollen Größe. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht glich einer Bronzemaske und drückte die Entschlossenheit aus, den Plan des Banditen zu stören. Der Körper des Jungen deckte ihn vor Butchs Waffe. Der Junge blieb stehen. Mit dem Kopf deutete er auf die Pferde.

„Ich will weg“, sagte er.

Sheng wollte ihn nicht gehen lassen. Der Junge sollte Verstärkung holen, die der Frau und einem Mann namens Yank zum Verhängnis werden würde.

Da hörte er die laute fette Stimme des Vierschrötigen, der seinen Mund nah an einen Schießschartenschlitz gebracht haben musste.

„He, Chinamann! Lass meinen Freund reiten! Oder ich schneide dem Goldengel hier ein Ohr ab!“ Butch lachte laut.

Jim grinste beifällig.

„Er tut’s“, versicherte er. Er ging zu den Pferden und band die Buckskin-Stute los, auf der er hergekommen war. Er blickte über den Sattel in Shengs Gesicht. „Mach dir nichts draus, Mann! Was geht dich die Frau an? Hau ab! Du hast eine Chance, Mann!“

Sheng sah dem Jungen zu, der sich in den Sattel schwang und dem Tier entschlossen die Absätze seiner Stiefel in die Seiten hieb.

 

 

7

Die Schüsse vor dem Ranchhaus, die den Vormann zu Boden geworfen hatten, waren noch nicht verhallt, als Yank sich bereits in den Sattel zog. Er spürte einen stechenden Schmerz in der linken Seite, der sich rasend schnell über den ganzen Körper ausbreitete. Vor Yanks Augen wogten dunkle Schleier. Er musste weg hier, bevor die anderen ihn in Stücke schossen. Der Wille zum Leben und zum Kämpfen war in Yank erwacht.

Mit einem Ruck riss er die Schlaufe des Zügels auf, mit dem die Stute an der Stange angebunden war, und er zwang das Tier auf der Hinterhand herum. Yank schwankte im Sattel, und hastig klammerte er sich fest.

Leo Warnock wälzte sich vor der Veranda. Graham und George standen wie erstarrt, doch dann, als Yank sein Pferd herumriss, erwachte Graham zum Leben. Er fetzte den schwarzen Waffengürtel vom Tisch und schnappte nach dem vernickelten Revolver, dessen Griff aus dem Holster ragte. Sicher lag die kleine Waffe in der schmalen Hand.

Yank hatte die schnelle Bewegung gesehen, und er wusste, dass Graham gut war mit einem Revolver. Er selbst hielt noch seinen 44er in der Faust, und obwohl er sich kaum im Sattel halten konnte, legte er auf den Mann an, den er bisher seinen Bruder genannt hatte.

Das Gesicht des anderen gefror, die Hand mit dem glänzenden Revolver blieb halb erhoben in der Luft hängen.

„Yank!“, rief George unsicher. „Yank! Tu’s nicht!“

George stand unten an der Treppe. Er konnte an seinen Revolver so schnell nicht herankommen. In den Augen des jüngeren Munro-Bruders entdeckte Yank einen hündischen Ausdruck, der ihn zum Lachen reizte. Doch das Lachen blieb tief in Yanks Kehle stecken.

„Wenn der alte Mann euch so sähe, würde er euch mit der Bullpeitsche von der Ranch jagen!“, stieß er hervor.

Hinter Graham erschien ein Gesicht in der Tür des Hauses. Ein dumpfer Schmerz begann in Yanks Brust zu wühlen, es war ein Schmerz, der nichts mit der Verletzung zu tun hatte, die Leo ihm beigebracht hatte.

„Yank!“, rief Thea entsetzt. „Yank! Graham! Was geht hier vor?“

Yank senkte den Lauf der Waffe. Er musste sich am Sattelhorn festhalten. An seinen Beinen und an den Schultern zerrten Bleigewichte, die ihn aus dem Sattel zu ziehen drohten.

„Kümmere dich um Leo!“, brachte er hervor. „Von mir aus kann er verrecken, dieser Höllenhund, aber ich will nicht als Killer dastehen.“

Yanks Stimme wurde leiser. Ungläubig starrte er auf Leo hinab, der jetzt seinen Oberkörper hob. Leo ist so verflucht schnell gewesen, dachte Yank. Er hatte ihn zuerst getroffen, und Yank hatte dann nicht mehr genau genug zielen können.

Aus blutunterlaufenen Augen starrte Leo seinen Widersacher an, und die blutleeren Lippen murmelten eine Verwünschung.

Yanks Kräfte schwanden. Er spürte die hasserfüllten Blicke der anderen, die ihn nur deshalb nicht hier und gleich aus dem Sattel schossen, weil Thea dabei war. Yank gab der Stute zu verstehen, dass sie laufen sollte. Laufen, laufen.

„Mach’s gut, Schwesterchen!“, rief er ihr mit einem bitteren Unterton in der Stimme zu, dann trug ihn das Pferd davon, den Hügeln im Südwesten zu, wo er Schutz und Trost zu finden hoffte.

Bei Linda French.

Die Staubfahne entfernte sich in nordöstlicher Richtung. Dort irgendwo lag also die Ranch, auf der Jim Hilfe zu finden hoffte.

 

 

8

Sheng kannte sich in der Gegend nicht genug aus, um zu wissen, welche Ranches dort lagen. Er war erst vor vier Tagen aus dem Süden gekommen, wo er Spuren hinterlassen hatte. Man erzählte von einem Tigermann, der sich unsichtbar machen konnte und der kämpfte, ohne andere Waffen zu benutzen als seine Hände.

Sheng musste weiterziehen, und er suchte einen Platz, wo er sich aufhalten konnte, ohne den tausend Augen des Schwarzen Drachen zu verraten, wo er war.

Die kleine Farm war ihm ideal vorgekommen. Sie lag abseits der großen Straßen, und die blonde Frau schien Hilfe dringend gebrauchen können. So war er einfach geblieben, ohne mehr zu verlangen als etwas zu essen. Die Frau baute Kartoffeln und verschiedene Gemüsesorten an, und Sheng war zufrieden.

Die Häscher vom Geheimbund des Schwarzen Drachen, die ihn dringend suchten, würden ihn hier nicht finden. Sie wollten von ihm seinen Teil der Schriftrolle, auf denen seine Brüder vom Kloster des Weißen Lotus die Geheimlehren des Tao Chi festgehalten hatten, mit deren Hilfe der Schwarze Drache die Herrschaft über die Welt zu erlangen hoffte. Deshalb hetzen sie jeden, der ein Stück dieser Schriftrolle besaß, durch die fernsten Winkel der Erde. Sheng war einer von den sieben.

Jetzt war das Böse in das Tal gekommen. Sheng würde sich stellen müssen, und wieder würden die Leute von einem Mann erzählen, der wie der Tiger kämpfte. Danach musste Sheng weiterziehen, um seine Spuren zu verwischen. Doch erst wollte er die Frau befreien und die Drohung von dem Mann namens Yank nehmen.

Yank ... komisch, dass die Frau ihm nichts von ihm erzählt hatte.

Sie erzählte nur, wie Joe French, ihr Mann, gestorben war. Das war im letzten Winter gewesen. Er hatte Besorgungen in Englewood gemacht, und bei der Rückfahrt mit dem leichten Farmwagen war er in der Nähe von Barron in einen dieser verheerenden Präriestürme geraten, die von Zeit zu Zeit wie aus dem Nichts entstehen und alles, was nicht fest mit dem Erdboden verbunden ist, in ihren gewaltigen Sog aufnehmen. Den Wagen und die toten Pferde hatte man am nächsten Tag, nachdem der verheerende Tornado weitergezogen war, im schlammigen Ufer des Cimbarron gefunden, zusammen mit den Kadavern zahlreicher Mustangs und Kälber.

Joe Frenchs Leiche hatte der Fluss abgetrieben. Die sterblichen Überreste des jungen Farmers, der das südwestliche Kansas in ein goldenes Kornfeld hatte verwandeln wollen, wurden erst zwei Wochen später in der Nähe der Furt entdeckt, durch die im Herbst die großen Treibherden aus dem texanischen Panhandle heraufkamen.

Das alles hatte die junge Frau dem Fremden erzählt, und Sheng spürte, dass sie lange Zeit mit niemandem mehr über ihren Mann gesprochen hatte, dessen Leichnam unter einem Hügel hinter dem Haus ruhte. Bunte Blumen blühten auf dem Grab.

Jetzt wusste Sheng, dass es wieder einen Mann in ihrem Leben gab. Yank hieß er, und Butch und Jim waren gekommen, ihn zu töten.

Sheng lag hinter dem Trog. Die Sonne stand jetzt hoch an einem metallisch blauen Himmel. In dem Corral hinter dem Haus, dessen Gatter er am frühen Morgen repariert hatte, wieherte schrill ein Pferd. Andere Tiere fielen ein. Ihre Tränke war leer, und die Mutterstuten sorgten sich um ihre Fohlen.

Die Staubfahne stand immer noch als feiner grauer Schleier in der hitzeflimmernden Luft über der Prärie, doch selbst Shengs Adleraugen vermochten den Reiter nicht mehr auszumachen.

Sheng lag ruhig da. Er wartete. Ungeduld und Übereifer können zerstören.

Das Haus glich einer Festung. Würde er schnell genug ins Haus kommen, schneller als der Bandit die Gefangene zu töten vermochte? Butch hatte bewiesen, dass er ohne zu zögern auf einen Menschen schoss. Doch Linda French brauchte er noch als Geisel oder als Lockvogel für den Mann namens Yank. Butch schien sicher, dass Yank heute kommen würde.

Wieder spähte Sheng über das wellige Land. Sorgsam tastete er die Hügelrücken und die wenigen Mulden ab, und seine Augen wanderten an dem schmalen Einschnitt des Pfades entlang nach Norden und nach Süden, wo sich die feine Linie im Grasozean verlor. Nicht das geringste Anzeichen deutete darauf hin, dass sich ein Mensch durch die Prärie bewegte, um sich der Farm zu nähern.

Sheng dachte auch an die Angst, die die Frau empfinden musste, er konnte sie förmlich spüren, diese Furcht. Sie war zusammen mit einem gemeinen Verbrecher in der engen Hütte eingeschlossen und mit seinem Schicksal verbunden.

Sheng stand auf. Tödliche Entschlossenheit strahlte aus seinen Augen, deren Blick sich jetzt auf den Schlitz in dem festen hölzernen Laden konzentrierte, der das Fenster neben der Tür von innen sicherte.

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945324
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v934476
Schlagworte
sheng killer-ranch

Autor

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Titel: Sheng #28: Sheng stürmt die Killer-Ranch