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Sheng #26: Sheng und der Feuerteufel

2020 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sheng und der Feuerteufel

Copyright

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Sheng und der Feuerteufel

Sheng 26

Western von Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Catherine Rathbone ist glücklich. Zum ersten Mal darf sie auf den Ball anlässlich des Erntedankfestes in Brighton, Nebraska, gehen. Die Männerherzen liegen ihr zu Füßen, doch sie hat nur Augen für den Fremden, was ihr zum Verhängnis wird.

Mit diesem Mann stürzt urplötzlich die Vergangenheit auf Cats Vater ein, denn Louis Marquez sinnt auf Rache für seinen Vater …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: nach einem Motiv von Meinard Dixon - Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Catherine Rathbone war glücklich. Sie ließ sich von dem schwarzhaarigen Tänzer im Kreis herumwirbeln. Menschen, Gesichter, Laute wehten an ihr vorbei wie Schemen. Sie sah nur das Gesicht des fremden Mannes, das lang und dunkel war, und in dem schwarze Augen glühten.

Erntedankfest in Brighton, Nebraska. Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte Catherine daran teilnehmen. Die Herzen der Männer flogen ihr zu. Es war das Fest des Jahres, - und sie war die Ballkönigin!

Die Augen des Fremden drangen in sie ein und ließen sie erschauern. Sie erwiderte seinen leidenschaftlichen Blick. Louis — wie er sich nannte — hielt sie fest an sich gepresst, während sie sich ganz dem lauten Dröhnen der Musik und dem Rhythmus des Tanzes hingab.

Cat fühlte sich frei. Ihr schweres honigfarbenes Haar wehte um ihren schön geformten Kopf. Willig ließ sie sich durch die weit geöffneten Türen ins Freie führen. Sie erschauerte, als sie den kühlen Nachtwind auf ihrem erhitzten Gesicht spürte, und dann wartete sie darauf, dass der Mann sie küsste.

Doch plötzlich lag in den Augen des Fremden ein kaltes Glitzern. Catherine sah es mit aufflackerndem Entsetzen. Ihr Körper versteife sich. Sie spürte den harten Druck einer Hand auf ihrem Mund. Dann stieß der Mann sie gegen die Wand des Gebäudes. Die glatte, seidige Stimme, die ihr vor wenigen Minuten noch verführerische Worte ins Ohr geflüstert hatte, klang scharf wie das Rasseln einer Schlange.

„Wenn du schreist, drehe ich dir den Hals um!“

 

 

2

Es duftete süß nach Heu. Die Körper der Pferde strahlten eine animalische Wärme aus. Sheng lag schläfrig im Heu. Er lauschte dem Klang der Musik, die vom Schulhaus herüber klang.

Er mochte diese manchmal harten, manchmal wehmütigen Lieder einer für ihn fremden Kultur. Das schrille Kratzen der Fiedeln, den jauchzenden Tenor des Vorsängers, und dann die lauten Stimmen der Menschen, die den Refrain aufnahmen.

Sheng hatte aus einem Stück Weidenrohr eine Flöte geschnitzt, mit der er jetzt versuchte, die Melodie aufzunehmen. Nach einigen Fehlschlägen gelang es ihm, den Klang der Fiedeln nachzuahmen, doch der stampfende Rhythmus wechselte zu schnell, deshalb bemühte er sich wieder mit Zuhören.

An einem Balken hing eine Stalllaterne, die einen kreisförmigen Lichtschein in den Gang zwischen den Boxen warf. Er sah die Rücken der Pferde, und durch das Tor hindurch konnte er den schlanken Umriss des Kirchturms erkennen.

Er hatte keinen Anteil an diesem Fest der Amerikaner. Sie wollten unter sich sein, und Sheng konnte sie verstehen. Tief atmete er den würzigen Duft des frischen Heus ein, und aus der Tasche seiner Jacke holte er einen Apfel. Er betrachtete die große, runde Frucht, die rot und grün glänzte, und er dachte an das Mädchen, das ihm den Apfel geschenkt hatte.

Catherine Rathbone.

Man nannte sie Cat, dabei hatte sie nichts Katzenhaftes an sich. Sie war ein großes, sanftes Mädchen mit einer biegsamen Figur und schimmerndem Haar von der Farbe des süßen Honigs. Ihr schmales Gesicht mit den lustigen blauen Augen fesselte jedes Mal seine Aufmerksamkeit, wenn sie in seiner Nähe war.

Cat ... Cat Rathbone ...

Sheng hob die Flöte an seine Lippen. Vom Schulgebäude wehte eine alte irische Volksweise herüber. Sheng fing die Melodie ein, und leise begleitete er sie auf seinem Instrument.

 

 

3

Die Musikanten ließen den wilden Square Dance ausklingen, und die Fiedeln stimmten eine neue Melodie an, die langsamer war und weich klang.

Adam Rathbone verneigte sich vor seiner Partnerin, einem üppigen dunkelblonden Mädchen, dessen gerötetes Gesicht zu einem erregten Lächeln verzogen war. Sie hieß Wilma Hinshaw und war die Tochter eines Farmers, der mit seiner Frau und seinen drei Töchtern westlich der Green-Gras-Hills lebte und die Rancher der Umgebung mit frischer Milch, mit Gemüse und Obst versorgte.

Adam bot dem Mädchen seinen Arm, und galant führte er es zu den langen Tischen, auf denen ein kaltes Buffet angerichtet war. Berta Palmgren, die Frau des Pastors, lächelte dem jungen Paar freundlich zu. Sie reichte Wilma ein halb volles Glas Bowle, dann neigte sie sich zu Helen Rathbone hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Helen Rathbone lächelte ebenfalls, wenn auch etwas angestrengt. Sie war Adams Mutter, und sie hielt Wilma nicht für geeignet, einmal ihre Nachfolge auf der Cross-Bone-Ranch anzutreten. Sie nickte der Pastorenfrau zu und wandte sich dann an ihren Mann. Der war in ein ernsthaftes Gespräch mit dem Town Marshal vertieft. Helen fixierte ihn, bis Julian Rathbone die Unterhaltung seufzend unterbrach und sich ihr zuneigte.

Sein breites Gesicht war gerötet, die kleinen hellen Augen glänzten. Er nahm die Zigarre aus dem Mund, weil Helen es nicht liebte, wenn er nach Tabak roch.

„Ein schönes Fest“, sagte er laut und nickte bekräftigend. Er blinzelte seinem Sohn zu, der eine Hand um Wilmas Taille gelegt hatte und das Mädchen jetzt fest an sich drückte.

Helen Rathbone ließ ihren Blick über die Versammlung schweifen. Die drei Musiker standen an der vorderen Kante des erhöhten Podiums und feuerten die Tänzer mit lauten Zurufen an. Die Frauen drehten sich im Kreis, ihre Augen leuchteten. Die Wand hinter dem Podium war mit der amerikanischen Flagge geschmückt, darunter waren die Produkte ausgestellt, die das Land hervorgebracht hatte - Obst und Gemüse, Weizen und Mais. Ein mächtiger Stierschädel mit weit ausladendem Gehörn eines Longhorn symbolisierte den bedeutendsten Teil dessen, was das Land hervorbrachte und wem er seinen Wohlstand verdankte — den hunderttausend Rindern, die auf den Prärien weideten. Fast alle trugen als Brandzeichen zwei gekreuzte Knochen, den Cross-Bone-Brand der Rathbones.

„Julian!“, sagte Helen Rathbone plötzlich, und der scharfe Unterton ihrer Stimme alarmierte Julian.

„Ja, Darling, was ist?“

„Ich kann Cat nirgendwo entdecken. Eben hat sie noch mit diesem schrecklichen Mexikaner getanzt. Julian, du musste etwas unternehmen!“

„Er ist kein schrecklicher Mexikaner! So viel ich weiß, ist er ein Viehhändler aus Arizona, der an unserem Fest teilnimmt, weil er erst morgen mit dem Zug weiterfahren kann ...“

„Trotzdem! Ich dulde es nicht, dass das Kind sich mit diesem hergelaufenen Blender draußen herumtreibt!“ Helen Rathbone fixierte ihren Mann aus kleinen, kurzsichtigen Augen.

Julian seufzte schließlich.

„Das Kind ist achtzehn“, murmelte er, doch die Worte gingen in der Musik unter. Er winkte Trapper Larsson, der sich gerade auf das Buffet zuschob. Trapper Larsson arbeitete als Zaunreiter auf der Cross Bone. Trapper Larsson wollte sich umwenden, um wieder aus der Sichtweite seines Boss’ zu verschwinden, denn immer, wenn es Sonderaufgaben zu erledigen gab, hieß es: „Trapper, das kannst du doch mal eben machen!“

„Trapper!“, rief Rathbone mit dröhnender Stimme.

Der kleine Mann mit den krummen Schultern äugte den großen Rancher an, als er sich auf ihn zuschob. Im Vorbeigehen schnappte er sich ein Sandwich mit Hühnerfleisch.

„Trapper, geh mal raus und sieh nach, was Cat macht!“

Trappers Augen leuchteten. Cat, das war sein Goldkind. Er verehrte es wie alle Mitglieder der Cross-Bone-Mannschaft. Jeder von ihnen würde sich für die Kleine in Stücke hauen und vierteilen lassen. Trapper wollte sich umgehend in das Getümmel stürzen, um das Mädchen aus den Klauen eines Ungeheuers zu befreien, doch der Rancher rief ihm noch etwas nach.

„Aber fang keine Rauferei an, Trapper!“

Trapper Larsson winkte ab. Keine Sorge, sollte die Geste heißen. Wann habe ich jemals eine Schlägerei angefangen?! Er winkte den Jungs auf dem Podium vergnügt zu, ehe er in der Nacht verschwand.

 

 

4

Noch nie in ihrem jungen Leben hatte sich Cat Rathbone der Gewalt gegenübergesehen. Natürlich hatte sie oft den Raufereien der Cowboys zugeschaut, wenn die sich gegenseitig die Köpfe blutig schlugen, doch da wusste sie, dass die Männer in Wirklichkeit Freund waren.

Louis Ortega presste sie eng gegen die Wand. Seine Hand nahm ihr den Atem. Es war seltsam, aber Cat glaubte der Drohung, die der fremde Mann ihr ins Ohr flüsterte.

„Ich dreh dir den Hals um ...“

Ihre angstvoll geweiteten Augen trafen das Gesicht des Mannes, das von einer einzelnen Kutscherlaterne, die draußen am Schulgebäude brannte, einseitig erhellt wurde. Das Gesicht hatte sich auf erschreckende Weise verändert. Es sah jetzt kantig aus, die Flügel der schmalen, geraden Nase bebten, und die Augen hatten etwas Erbarmungsloses an sich.

„Komm jetzt!“, sagte er leise. Er riss sich herum und schob sie vor sich her auf die Straße zu.

Als er die Schritte hörte, zerrte er sie schnell in den Schatten des Gebäudes zurück. Immer noch presste sich die harte Hand auf ihren Mund. Nur mit Mühe bekam Cat Luft. Ortega und Cat verschmolzen mit den Schatten, doch Cats langes, helles Kleid war selbst bei der Dunkelheit deutlich zu erkennen.

„He, Cat!“, rief Trapper Larsson. „Cat, Kleines, ich bin’s, Trapper!“

Treuer, alter Trapper, dachte Cat, jetzt wird alles gut.

Sie spürte, wie sich die Haltung des Mannes spannte. Eine Hand löste sich von ihrer Taille. Trapper, dachte sie flehend, Trapper war ein kräftiger Kerl, auch wenn er klein war. Sie hatte einmal gesehen, wie er Adam, ihren Bruder, zu Boden gezwungen hatte.

„Cat! Komm jetzt! Oder soll ich dich holen?“ Er war ganz nah heran, und er streckte schon eine Hand aus. „Cat, dein Vater schickt mich ...“

Louis Ortega bewegte sich blitzschnell. Er wirbelte herum. Seine Hand zuckte, und Trapper Larsson stöhnte dumpf auf. Louis Ortega packte das Mädchen fester, er hob es auf und rannte mit ihm davon.

Als sie den Schein der einzelnen Kutscherlaternen kreuzten, erblickte sie seine Hand, die unter ihrer Brust lag und dort einen großen hellroten Fleck hinterlassen hatte.

Das war Blut. Sie wusste es. Das war Trappers Blut. Das Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu.

 

 

5

Der Fiedler stieß einen jauchzenden Schrei aus, und die Versammlung formierte sich zu einem neuen Square Dance. Lachend führte Adam Rathbone die mollige Wilma Hinshaw auf die Tanzfläche. Seine Mutter war abgelenkt. Sie starrte unentwegt auf die Tür, als erwarte sie, dort eine Offenbarung zu sehen.

Adam missbilligte genauso wie seine Mutter und die Männer von der Cross BoneCrew, dass ein Mexikaner sich um Cat bemühte.

Für die Menschen so weit im Norden war jeder, der schwarze Haare, ein dunkles Gesicht und einen spanischen Namen trug, ein Mexikaner.

Adam verdrängte den Gedanken an seine Schwester. Er blickte tief in Wilma Hinshaws rehbraune Augen. Ihr Gesicht glänzte, und die geschminkten Lippen lächelten verheißungsvoll. Adam verneigte sich vor seiner Partnerin, als die Stimme des Vorsingers die Tänzer aufforderte, die Grundstellung einzunehmen. Adam verschränkte die Arme vor der Brust.

Die klaren Töne der Fiedeln stiegen perlend auf, und die Tänzer und die Tänzerinnen setzten sich in Bewegung. Adam lächelte. Er sah den üppigen Busen unter dem dünnen Kleid, der heftig auf und nieder wogte. Die Haut war schneeweiß und glatt, und in dem Tal zwischen den hübschen Kugeln steckte eine rosa Nelke.

Adam war ein großer Bursche mit borstigem rotblondem Haar und klaren blauen Augen, deren Blick jetzt allerdings ein wenig getrübt schien, entweder als Folge des reichlich genossenen Alkohols, oder weil ihm der Anblick des Mädchens an seiner Seite zu Kopf gestiegen war. Er deutete mit dem Kopf zur weit geöffneten Tür, und fragend hob er die Brauen. Wilma lächelte, und sie spitzte die Lippen zu einem scherzhaften Kuss, doch das Brennen ihrer Augen deutete auf verborgene Leidenschaften. Sie drehte sich, ihr Rock schwang und blähte sich um kräftige Beine.

Adam war entzückt und klatschte in die Hände.

Er klatschte immer noch, als die Musik mit einem jähen, schrillen Misston verklang. Die Menschen blieben stehen, sie starrten zu den drei Musikanten, die ihre Instrumente sinken ließen und entgeistert zur Tür starrten.

Jemand schrie gellend auf. Andere Stimmen fielen ein.

„Julian!“, schrie Helen Rathbone. „Julian! Wo bist du?“

Adams Kopf ruckte herum. Er konnte über die Köpfe der anderen Tänzer hinwegblicken. Seine Haare stellten sich auf.

Trapper Larsson klammerte sich am Türpfosten fest. Sein Mund war weit geöffnet, und die blutleeren Lippen versuchten Worte zu formen, doch kein Laut drang aus der Kehle des Weidereiters.

Adam warf sich mit der Schulter in die Menge. Rücksichtslos pflügte er sich hindurch.

„Platz!“, schrie er plötzlich ernüchtert. Er schleuderte einen jungen Burschen zur Seite, der nicht weichen wollte.

Trapper schwankte, dann glitt er langsam am Pfosten entlang zu Boden. Jeder konnte es jetzt sehen. Aus Trapper Larssons Brust ragte der lange Griff eines Messers, dessen Klinge tief in seinem Körper steckte. Adam Rathbone fing Trapper auf. Behutsam bettete er ihn auf den mit Sägemehl bestreuten Boden.

Trappers Augen trübten sich, doch sie wichen nicht vom Gesicht des jungen Mannes. Seine Hand tastete nach einem Halt. Adam ergriff die Hand, und er hielt sie fest.

„Mach keinen Unsinn, Trapper“, sagte Adam heiser. „Du altes Scheusal ...“

Trapper verzog die Lippen zu einer Grimasse, dann rollten seine Augen nach oben, der Unterkiefer klappte herab.

Adam blickte auf. Sein Vater hatte sich durch die Menge geschoben. Das breite Gesicht des Ranchers war grau.

„Er ... Cat ...“ Er reckte sich, dann schrie er: „Cat!“ Er sprang über den toten Weidereiter hinweg und rannte nach draußen.

 

 

6

Sheng ließ die Flöte sinken, als die Musik drüben an der Schule in einem hässlichen Misston verklang. Die jähe, atemlose Stille beunruhigte ihn, doch er blieb im duftenden Heu liegen. Er wartete. Die Kutsche stand vor dem Mietstall. Man würde ihm Bescheid sagen, wenn er die Pferde anspannen sollte. Er hatte Zeit. Sie hatten ihn mitgenommen, weil sie wussten, dass er keinen Alkohol trank und weil sie ihn irgendwo abstellen konnten wie einen Gegenstand, den man bei Bedarf herausholen konnte.

Sheng lehnte seinen Kopf zurück. Sein Körper befand sich in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen. Es war ein körperloses Schweben des Geistes, eine Übung, die zu völliger Versenkung führte. In diesem Zustand konnte er Zwiesprache halten mit sich selbst und mit den Menschen, die in der Vergangenheit sein Leben geprägt hatten. Doch heute wollte es ihm nicht gelingen, seinen Geist auf die Reise zu schicken. Da war etwas, das ihn beunruhigte. Er konnte es spüren, es war da, es stand vor ihm.

Er öffnete die Augen.

Er sah den Umriss eines schlanken Mannes mit schmalen Hüften. Der Mann trug einen schwarzen, eng geschnittenen Anzug mit hautengen Hosen und einer knappen Bolerojacke. Das Hemd leuchtete weiß.

„He, Schlitzauge!“, traf ihn eine Stimme. Das Gesicht lag im Schatten unter dem Rand eines flachen schwarzen Hutes. Und doch wusste Sheng, dass er diesen Mann am Nachmittag schon einmal gesehen hatte. Der Mann hieß Ortega. Er wohnte im Coachman’s Inn, wo auch die Rathbones zwei Zimmer genommen hatten, um sich von der langen Fahrt zu erholen und sich für das große Fest frisch machen zu können. Dieser Mann hatte Cat sofort den Hof gemacht, und das junge Mädchen fühlte sich geschmeichelt.

Sheng stand auf.

„Ja, Mister?“ Der Mann gefiel ihm nicht.

Ortega schnippte Sheng einen Briefumschlag zu. Das Couvert segelte durch die Luft wie einer der kleinen Papiervögel, die die Kinder zum Neujahrsfest dem Wind an vertrauen. Sheng fing den Brief aus der Luft. Es war eine schnelle Bewegung, die der andere nicht hatte erkennen können.

„Gib den Brief Mr. Rathbone, wenn er zum Stall kommt! Nicht früher, verstehst du? Erst wenn er zum Stall kommt.“

Sheng nickte, doch der andere sah die Bewegung nicht mehr. Er hatte sich umgedreht. Wie ein Schatten verschmolz er mit der Dunkelheit.

Kurz darauf erzitterte der harte, ausgetrocknete Boden unter dem Hämmern von Pferdehufen. Sheng neigte lauschend den Kopf. Er konnte den Hufschlag dreier Pferde unterscheiden.

Er setzte sich wieder in das Heu. Den Briefumschlag drehte er in der Hand. Er war zugeklebt. Als er einen eigenartigen dunklen Fleck entdeckte, stand er wieder auf und trat näher an die Lampe heran. Er rieb mit dem Daumen über den Fleck. Der Fleck war rotbraun und ließ sich verreiben. Sheng erschrak. Es war — Blut.

Blut von Louis Ortega? Oder von wem?

Er hörte plötzlich jemanden schreien.

„Cat! Cat! Wo bist du? So antworte doch!“ Das war Julian Rathbone. Sheng erkannte die Stimme. Der Rancher rannte auf den Mietstall zu, andere Menschen folgten ihm. Er trat in den Gang zwischen Boxen. Bei Shengs Anblick blieb er wie angewurzelt stehen.

„Was machst du schlitzäugiger Halunke hier?“, fragte er. Seine Augen waren blutunterlaufen, und die vollen Lippen bebten.

„Ich habe hier gewartet, Mr. Rathbone.“

Adam schob sich neben seinen Vater. Auch er starrte Sheng an, als ob er vergessen hätte, dass der schlanke Halbchinese den Auftrag hatte, sich bereitzuhalten.

Sheng streckte die Hand mit dem Brief vor.

„Ich soll Ihnen den Brief geben, Mr. Rathbone“, sagte er.

Der Rancher starrte Sheng an, der ruhig vor ihm stand, in der Hand den Umschlag. Plötzlich packte er zu. Mit seinen zitternden Händen riss er das Couvert auf und nahm den zusammengefalteten Bogen heraus. Er schnappte nach Luft, während er die wenigen Zeilen las, dann ließ er den Brief fallen, und mit einem heiseren Schrei stürzte er sich auf Sheng. Die großen Hände legten sich um den Hals des hageren Halbchinesen, die kräftigen Finger formten sich zu Klauen.

„Ich bringe dich um, du Hund, wenn du mir nicht sagst, wo sie ist“, heulte der Rancher, besinnungslos vor Zorn und Furcht.

 

 

7

Die wilde Jagd schien direkt in den finstersten Winkel der Hölle zu führen.

Cat lag vor Louis Ortega im Sattel, ihr Kopf hing nach unten. Mit einer Hand hielt der Reiter sie fest, doch wie eine Strohpuppe wurde sie hin und her geschleudert. Jeder Tritt des Pferdes erschütterte ihren Körper. Jeder Knochen in ihrem Leib schmerzte bereits und machte ihr das Atmen zur Qual. Um sie herum dröhnte trommelnder Hufschlag. Staub drang erstickend in ihren weit geöffneten Mund und in ihre Nase. Da waren noch mehr Pferde, die sie jedoch nicht sehen konnte. Zwei Reiter? Oder waren es vier? Ein Dutzend? Sie wusste es nicht.

Plötzlich zügelte Ortega das Pferd. Mit heiserer Stimme rief er jemandem etwas zu, das Cat zuerst nicht verstand.

Überall war Staub. Seit vielen Wochen hatte es nicht mehr geregnet. Wenn die Cross-Bone-Ranch nicht über zwei eigene ergiebige Brunnen verfügte, hätte es ein trauriges Erntedankfest für die Rathbones gegeben.

Hufe stampften, Stimmen schrien durcheinander. Überall waren Pferdeleiber. Ortega schrie Befehle, deren Sinn Cat nicht verstand. Sie begriff nur, dass hier draußen vor der Stadt noch mehr Reiter gewartet hatten. Sattelzeug knarrte. Jemand warf Ortega ein Gewehr und einen Revolvergurt zu. In Brighton durften für die Dauer des Festes keine Waffen getragen werden.

Ortega schob den Sattelkarabiner in den Gewehrschuh, der sich unmittelbar neben ihrem Kopf befand. Den Revolvergurt schlang er nach mexikanischer Art über seine Schulter. Dann hieb er dem Pferd erneut die Absätze seiner Stiefel in die Seite, und weiter ging die Jagd, einem ungewissen Ziel entgegen.

 

 

8

Shengs Kopf schlug gegen den Balken, an dem die Laterne hing. Der Rancher hatte mächtige Arme, und er verfügte über Bärenkräfte, die von seinem Zorn und der Sorge um das Schicksal seiner Tochter vervielfältigt wurden. Immer mehr Menschen liefen auf den Mietstall zu. Das Schreien des Ranchers lockte sie an. Sheng riss die Hände hoch. Sie fuhren zwischen Julian Rathbones Arme und fetzten sie auseinander. Der Rancher stolperte. Adam fing ihn auf. Seine blauen Augen hatten sich verdunkelt. Er presste die Lippen zusammen.

„Dieser Verbrecher!“, heulte Julian. Er senkte den mächtigen Schädel, und wie ein Stier stieß er gegen Sheng vor, der den Angriff ruhig erwartete.

Seit zwei Wochen lebte der Kung Fu-Mann auf der Cross-Bone-Ranch. Während des Herbstauftriebs hatte er Handlangerdienste für acht Dollar die Woche versehen. Der Roundup war beendet, am Montag sollte er die Ranch wieder verlassen. Er trauerte der Zeit nicht nach, die er auf der Cross Bone verbracht hatte. Nur die Arbeit und das Lächeln eines Mädchens hatten ihn auf der großen Ranch gehalten. Die Menschen waren hochmütig. Alle, bis auf Cat.

Sheng trat blitzschnell zur Seite, und der Rancher rannte an ihm vorbei. Sein Schädel drohte gegen den Balken zu krachen. Sheng packte die Schultern des Mannes und bewahrte ihn vor dem Zusammenprall, der verhängnisvolle Folgen für Rathbone hätte haben können.

Adam Rathbone verstand die Bewegung falsch. Er glaubte an eine Gefahr für seinen Vater, und er griff ein. Adam versuchte, Shengs Kinn mit einer rechten Geraden zu treffen. Sheng sah die Faust kommen, doch er war noch mit dem Rancher beschäftigt, der zu stürzen drohte, wenn er ihn losließ. So konnte er den Hieb nur mit der Schulter abblocken. Der wuchtige Schlag wirbelte ihn herum. Mit dem Rücken prallte er gegen den Balken. Die Pferde begannen unruhig gegen die Boxenwände zu schlagen.

Adam wollte nachsetzen. Sheng ließ den Rancher los, der sich aufgerichtet hatte und schwer atmend den drahtigen Halbchinesen anstarrte. Adam griff an wie ein junger Stier — wild und unbesonnen. Sheng wollte ihm nicht wehtun. Er hielt seine offenen Hände in die Höhe. Die Faustschläge des jungen Mannes klatschten in Shengs Handflächen. Niemand konnte sehen, wie Shengs Hände sich bewegten, und doch waren sie stets da, wo auch Adams Fäuste hinschlugen.

„Was geht hier vor?“, donnerte eine Stimme.

„Halt dich da raus!“, keuchte Rathbone. Er wandte sich dem gedrungenen Mann zu, der im offenen Tor des Stalles stand. An seinem sauberen blauen Hemd glänzte der Stern des Gesetzes.

Der Sternträger war Deputy Ernie Olinger. Olinger ließ sich nicht gerne Vorschriften machen. Nicht vom Town Marshal, und von den Rathbones schon gar nicht, auch wenn der Rancher der mächtigste Mann im ganzen County war.

Doch jetzt überraschte ihn die Entwicklung doch. Er sah Adam Rathbone, der wie ein Irrer auf diesen hageren Halbchinesen eindrosch, der zusammen mit den Rathbones in die Stadt gekommen war. Doch seltsamerweise schienen die Schläge des jungen Mannes nicht durchzukommen. Der schlanke Mann mit dem markanten, dunklen Gesicht bewegte sich wie ein biegsames Rohr, und die schweren Faustschläge klatschten wirkungslos in die geöffneten Handflächen.

Da wirbelte Julian Rathbone herum. Er sprang auf den Deputy zu, und ehe der eine Bewegung der Abwehr machen konnte, riss der Rancher den langläufigen Colt aus Olingers Halfter. Denn auch Julian Rathbone und seine Leute hatten ihre Waffen abgeben müssen. Gesetz war Gesetz, und die Zeiten, in denen Leute wie Rathbone machen konnten, was sie wollten, waren vorbei. Zumindest im Kimball County.

Doch jetzt spannte Rathbone den Hahn der schweren Waffe. Er packte den Kolben mit beiden Fäusten, dann streckte er die Arme aus, und er zielte auf Shengs Kopf.

„Aufhören jetzt! Aufhören!“, brüllte er. „Und du stehst still, du Hund, oder ich blase dir ein Stück Blei in deinen gottverdammten Schädel, du schlitzäugiger Teufel! Ja, verdammt, ich werde es tun!“ Die Stimme des Ranchers zitterte, und Sheng spürte, dass der Mann sich am Ende seiner Beherrschung befand. Sheng wollte sein Leben nicht wegen eines Irrtums aufs Spiel setzen. Er ließ die Arme sinken, obwohl Adam Rathbone noch zwei mörderische Hiebe abfeuerte. Einem konnte Sheng ausweichen. Der andere Schlag erwischte ihn seitlich am Schädel und schleuderte ihn gegen den Balken. Etwas zerplatzte in seinem Schädel, ein grelles Feuerwerk füllte sein Gehirn, und dann raste der Boden auf ihn zu.

 

 

9

Sie starrten ihn an wie ein Ungeheuer, das ein fahrender Schausteller einem staunenden Publikum darbot. Sheng schüttelte den Kopf, und er richtete sich ein wenig auf. Er war nicht lange bewusstlos gewesen, denn die Akteure hatten ihre Standorte kaum verändert. Nur die Zahl der Schaulustigen hatte zugenommen, und immer mehr Menschen liefen vom Schulgebäude herbei. Manche schienen der Ansicht zu sein, man habe den Mörder des Trapper Larsson bereits gefasst, denn die Blicke, die Sheng trafen, drückten Abscheu aus.

Julian Rathbone brüllte in die Nacht. Er rief die Männer der Cross-Bone-Mannschaft zusammen, die nicht alle am Fest im Schulgebäude teilgenommen hatten. Manche dieser harten Reiter zogen es vor, ihre Kehlen in der vertrauten Atmosphäre eines Saloons anzufeuchten.

Ernie Olinger bückte sich nach dem Brief, der zu Boden geflattert war.

Rathbone sah die Bewegung. Wie ein Adler stieß er herab. Er kam dem Deputy knapp zuvor. Das Papier stopfte er in die Innentasche seiner Jacke.

Sheng richtete sich langsam auf. Der Rancher wirbelte herum. Wieder hob er die Hand, und wieder richtete er die Waffe auf Sheng. Olinger stellte sich entschlossen vor die Mündung. Er war nicht nur ein energischer, sondern auch ein mutiger und gerechter Mann.

„Geben Sie mir den Revolver, Mr. Rathbone“, sagte er ruhig. „Wenn Sie etwas gegen den Mann vorzubringen haben, tun Sie es. Entweder öffentlich hier oder im Office.“ Olinger hatte breite Schultern und einen kurzen Hals. Seine Hände hingen locker herab. Die Haut im Nacken rötete sich ein wenig.

„Ich habe ganz verdammt viel gegen diesen Kerl vorzubringen“, keuchte Rathbone. „Ja, das habe ich!“

„Dann reden Sie!“

„Dazu habe ich keine Zeit“, brüllte der Rancher. „Stecken Sie ihn in eine Zelle, legen Sie ihn in Ketten, machen Sie mit ihm, was Sie wollen, nur halten Sie den Halunken fest, oder ich sorge dafür, dass Sie abgesetzt werden!“ Rathbone winkte seinen Männern. „Holt die Pferde!“, schrie er. „Reitet, Männer, reitet! Dieser verfluchte Mexikaner hat Cat geschnappt!“

Die Cowboys schrien durcheinander. Sie stürmten in den Stall. Nur der Vormann der Cross Bone blieb bei seinem Boss stehen, um genauere Anweisungen zu empfangen. Doch es gab keine Informationen. Außer einem Namen. Louis Ortega, der Mexikaner. Niemand hatte den Mann gesehen, nachdem er Cat entführt hatte.

Außer Sheng. Sheng hatte auch Hufschlag gehört. Nur er hätte den Männern sagen können, dass drei Reiter nach Südwesten geritten waren. Über die Straße, die nach Kimbal führte. Doch Sheng schwieg. Er spürte, dass blinder Eifer hier nur schaden konnte. Er konnte sich noch kein Bild machen. Auf dem Brief hatte sich ein Blutfleck befunden. Wessen Blut?

Die Cowboys warfen die Sättel über die Rücken ihrer Broncos. Mit heftigen Bewegungen zurrten sie die Riemen fest. Der Vormann teilte die Männer in zwei Gruppen ein. Er selbst wollte die Gruppe führen, die nach Westen ritt. Adam sollte die Mannschaft übernehmen, die am Lawrence-Fork-River entlang bis zum North-Plate-River vorstoßen sollte.

Rathbone entdeckte den Town Marshal. Pete Linton hatte versucht, Spuren zu sichern, die Trapper Larssons Mörder hätten entlarven können, bevor die Menge jeden Hinweis zertrampelte.

„Pete!“, schrie Rathbone. „Pete, komm her!“

Der Marshal schob sich durch die Menge, die sich jetzt teilte, um die Reiter hindurchzulassen.

„Halt!“, rief er. „Was geht hier vor? Julian, ich will wissen, was deine Männer vorhaben!“

„Pete, du musst ihnen die Waffen aushändigen!“

Pete Linton, Town Marshal von Brighton, Nebraska, war ein eher behäbiger Mann, der die Fünfzig schon vor einigen Jahren überschritten hatte. Weil ihm das Verdienst gebührte, Brighton zur friedlichsten Stadt im County gemacht zu haben, wurde er mit schöner Regelmäßigkeit wiedergewählt, zumal ihm in Ernie Olinger ein tatkräftiger Stellvertreter zur Seite stand.

„Was geht hier vor?“, wiederholte der Marshal seine Frage. „Julian, ich will erst wissen, was hier gespielt wird!“

Die beiden Männer starrten sich an. Sie waren etwa gleichaltrig. Der schwere, breitschultrige Rancher und der etwas größere, dafür jedoch hagere und knochige Marshal waren sich bei allen körperlichen Gegensätzen auf eine seltsame Art ähnlich. Keiner von den beiden rührte sich, und die Umstehenden schwiegen. Sheng stand unbeachtet zwischen dem Deputy und Adam Rathbone.

„Dieser dreckige Mexikaner hat Cat entführt“, stieß der Rancher schließlich hervor.

Ein Aufstöhnen ging durch die Menge.

„Und du meinst“, erkundigte sich der Marshal, „dass dieser Ortega Trapper Larsson ermordet hat?“

„Ja, verflucht!“

Der Marshal reckte sich.

„Ich werde ein Aufgebot zusammenstellen. Du kannst deine Männer dem Aufgebot zur Verfügung stellen“, sagte er.

„Olinger!“, rief er dann und wandte sich seinem Stellvertreter zu. Doch Rathbone schmetterte ihm seine breite Pranke auf die Schulter.

„Hör mir zu, Pete“, sagte der Rancher gepresst in Lintons Ohr. „Ich lasse nicht zu, dass die Männer aus der Stadt wie die Hummeln hinter Cat herschwirren! Ich werde meine Tochter selbst suchen ...“ Wieder starrten sich die Männer an. Als der Marshal etwas sagen wollte, kam Rathbone ihm zuvor. „Mach Adam und Jim zu Deputys“, drängte er. „Es eilt!“

Pete Linton überlegte nur kurz, dann nickte er.

Rathbone atmete auf. Er deutete auf Sheng.

„Nimm ihn mit!“

 

 

10

Trapper Larsson war tot. Sheng fühlte einen unbestimmten Schmerz in seiner Brust. Er hatte diesen zähen kleinen Kerl gemocht, dessen Blut auf dem Umschlag geklebt hatte.

Ohne Widerstand zu leisten, ließ Sheng sich in das Office des Marshals führen. Der Raum war groß und nahezu quadratisch. Eine hohe hölzerne Barriere teilte ihn in zwei ungleiche Hälften. Im größeren Teil des Raumes befanden sich zwei Schreibtische, ein Waffenregal und eine Pritsche, auf der Pete Linton zu schlafen pflegte, wenn er Nachtdienst hatte. Die beiden Haftzellen lagen hinter einer Gittertür im hinteren Teil des Gebäudes.

Linton und Olinger drängten Sheng von Rathbone und den Cowboys ab und drückten ihn auf eine schmale Holzbank. Olinger schlüpfte unter der Barriere hindurch. Er drehte die Lampen höher und öffnete den Waffenschrank. Er händigte den Cowboys von der Cross Bone die Waffen aus, die sie am frühen Abend hatten abgeben müssen. Während die Männer ihre Gewehre und Revolver prüften, vereidigte der Marshal Adam Rathbone und Jim North, den Vormann der Cross Bone, in einer kurzen Zeremonie zu Deputys.

In dem Raum vor der Barriere herrschte eine drangvolle Enge. Der Rancher, der immer noch Ernie Olingers Revolver in der Hand hielt, wich nicht von Shengs Seite.

Sheng stand auf.

„Es waren drei Reiter“, sagte er zu dem Rancher. „Ich habe ihre Pferde gehört. Sie sind in südwestlicher Richtung aus der Stadt geritten ...“

„Setz dich!“, knurrte Rathbone.

Sheng hob die Schultern. Der Rancher glaubte ihm nicht.

Innerhalb weniger Sekunden leerte sich jetzt der Raum. Die Männer warfen sich auf ihre Pferde, und jeder begab sich zu einer der beiden Gruppen. Durch die offen stehende Tür erhaschte Sheng einen letzten Blick auf Adam, der kurz den Hut schwenkte, ehe er sich an die Spitze seiner Gruppe setzte und dann in der Dunkelheit verschwand.

Dumpfer Hufschlag ließ die Straße erzittern. Die Menschenmenge starrte den Reitern nach.

Marshal Linton deutete auf Sheng.

„Was hast du gegen ihn vorzubringen?“, erkundigte er sich bei dem Rancher. Er schlug die Tür ins Schloss. Nach dem lauten Knall herrschte plötzlich Stille.

Rathbone legte den Revolver auf die hölzerne Schranke, und Olinger steckte die Waffe ein. Der Rancher griff in seine Tasche. Er holte den Brief hervor, faltete ihn auf und legte ihn dann auf die Schranke. Mit seiner breiten Hand strich er das Papier glatt. Der Marshal trat näher, doch Rathbone verdeckte den Text mit seiner Hand.

„Er hat sich bei uns eingeschlichen. Er hat uns vorgemacht, er suchte Arbeit. Dabei hat er alles ausspioniert.“

„Wer?“, fragte Olinger, obwohl er genau wusste, von wem die Rede war.

„Dieser gelbe Halunke. Er kam daher wie ein Bettler mit nichts als einer alten Decke unterm Arm und zerfledderten Stiefeln an den Füßen. Ich habe ihm Arbeit gegeben, weil ich während des Roundup eine zusätzliche Hand ganz gut brauchen konnte.“ Der Rancher verstummte, er stierte Sheng an, dann wandte er den Kopf, als ob er Shengs Anblick nicht ertragen konnte. „Er hat alles ausspioniert, und heute haben sie zugeschlagen.“

„Wer? Ortega?“

„Ortega oder Marquez, es spielt doch keine Rolle, wie er sich nennt.“ Der Rancher nahm die Hand von dem Papier, und der Marshal beugte sich darüber. Leise las er die wenigen Worte.

„Für jedes Jahr in der Hölle zahlst du meinem Sohn fünftausend Dollar! Du sollst mich nicht vergessen, Rathbone, bis wir uns wiedersehen — in der Hölle! Marquez!

Der Marshal blickte auf.

„Marquez? Wer ist das?“

„Er heißt Francisco Marquez. Ich habe ihn ins Gefängnis gebracht. Mit vollem Recht! Nach dem Krieg gehörte er einer Bande von Plünderern an. Ich war während des Krieges und in den beiden Jahren danach in Kalifornien stationiert, in Fort Yuma, an der Grenze zwischen Mexiko, Arizona und Kalifornien. Marquez führte eine große Banditenhorde an, die ihre Raubzüge bis nach Kalifornien hinein vortrug. Ich hatte ihre Spur aufgenommen. Eines Tages haben wir sie bis nach Sonora verfolgt. Wir haben sie aufgerieben. Nur Marquez haben wir zurückgebracht und ihn den Behörden des Territoriums von Arizona übergeben. Sie haben ihn zu lebenslänglichem Kerker verurteilt und ihn in Yuma ins Zuchthaus gesperrt.“ Rathbones Gesicht hatte sich verzerrt bei dem kurzen Bericht.

Marshal Linton senkte den Kopf.

„Du weißt, dass es ungesetzlich war, ihn nach Mexiko hinein zu verfolgen.“

„Zum Teufel! Es war ungesetzlich, was er getan hat. Diese Bestie! Und ist es ungesetzlich, was sein Sohn jetzt macht.“

„Sein Sohn?“

„Louis Ortega ist sein Sohn. Als ich den Brief las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es ist lange her.“

„Was soll das bedeuten — für jedes Jahr in der Hölle zahlst du meinem Sohn fünftausend Dollar? Wenn das die Handschrift dieses Banditen ist, können wir ihn zur Rechenschaft ziehen. Ernie, suchen Sie Lenny Novak! Wie ich ihn kenne, steht er irgendwo an einer Theke. Er soll ein Telegramm nach Yuma, Arizona aufgeben. Frag bei der Gefängnisverwaltung an, was mit diesem Francisco Marquez ist!“

Ernie Olinger nickte und verließ das Office.

„Er hatte mir schon damals Rache geschworen, aber ich habe es vergessen. Bis heute. Cat ... Er hat meine Tochter.“ Rathbone starrte Sheng an. „Und der da hat ihm geholfen!“

Der Zorn übermannte den Rancher von Neuem, und er stürzte sich auf Sheng. Sheng wehrte ihn ab, und der Marshal riss ihn zurück.

„Sei vernünftig, Julian! Geh’ ins Hotel rüber! Deine Frau braucht dich. Du kannst jetzt nichts tun.“

„Ich will die Wahrheit aus ihm rausprügeln. Sie verlangen Geld. Sie haben ein Versteck. Er muss es kennen.“

„Ich kenne es nicht, Mr. Rathbone“, sagte Sheng ruhig. „Sie müssen mir glauben.“ Er sah den Rancher aus dunklen, leicht geschlitzten Augen an.

Die kleinen hellen Augen des Ranchers hatten rote Ränder. Rathbone schüttelte den eckigen Schädel.

„Dieser Mann, der sich Ortega nannte, hat mir den Brief gegeben“, fuhr Sheng fort. „Dann ritt er davon. Ich habe drei Pferde gehört. Sie ritten nach Westen, über die Straße nach Kimball.“

„Er lügt!“. behauptete der Rancher dumpf. „Er lügt ...“

„Was gibt dir diese Sicherheit, Julian?“, fragte der Marshal.

„Sie sind allesamt Halunken! Alle diese braunen, schwarzen, roten oder gelben Tiere! Sie alle!“

Marshal Linton seufzte.

„Julian, du machst es dir zu einfach. Ich kann ihn nicht einsperren.“

Rathbone starrte den Marshal sprachlos an.

„Du willst ihn frei herumlaufen lassen? Willst du etwa riskieren ...“

„Ich riskiere gar nichts. Ich werde mich nach ihm erkundigen. Er muss in der Stadt bleiben, bis ich eine Antwort bekomme, aber ich kann ihn nicht einsperren, nein, Julian, das kann ich nicht.“

Der Rancher drehte sich wortlos um und stürmte hinaus.

Sheng trat an die Barriere. Der Marshal schrieb Shengs Namen auf, und er fragte ihn, wo er die letzten Wochen und Monate verbracht hatte. Nachdem Sheng alle Fragen beantwortet hatte, konnte er gehen.

 

 

11

Julian Rathbone blinzelte, als er die hell erleuchtete Halle des Hotels betrat. Er blieb einen Moment stehen.

Die Halle des Cochman’s Inn war überfüllt. Die Menschen, die eben noch laut durcheinandergesprochen hatten, schwiegen. Ihr Schweigen hatte etwas Beklemmendes für den Rancher. Es hatte sich in der Stadt herumgesprochen, dass seine Tochter entführt worden war. Niemand kannte jedoch die Zusammenhänge, und so schwirrten die wildesten Gerüchte hin und her. Die Vermutungen der Bürger konzentrierten sich dabei auf die Theorie, Cat habe sich in den feurigen Mexikaner verliebt, und weil ihre Eltern gegen die Verbindung waren, hätte der Mann sie entführt. Dass dabei ein Mensch auf der Strecke geblieben war, schien die Theorie eher zu bestätigen, denn so schätzte man die ,Mexikaner‘ eben ein. Feurig und wild waren sie, und das Messer saß ihnen locker. Ja, dachte so mancher schadenfroh, die kleine Cat Rathbone hat sich in einen Mexikaner verknallt und ist mit ihm durchgebrannt.

Rathbone eilte zur Treppe. Mit langen Sätzen sprang er die läuferbelegten Stufen hinauf. Er spürte die Blicke der Menschen in seinem Rücken, und er hasste sie für ihre Neugier und ihre Sensationslust. Seine Schritte erzeugten ein dumpf nachhallendes Geräusch trotz des tiefen Teppichs im langen Gang. Die Schritte kündeten von der kaum gebändigten Wut, die in diesem Mann tobte. Er öffnete die Tür zu dem Zimmer, das er für Helen und Cat gemietet hatte, damit die beiden einen ruhigen Platz besaßen, wenn sie sich die Nase pudern oder umziehen wollten. Er hatte ursprünglich geplant, noch in der Nacht nach dem Fest zurück zur Ranch zu reiten. Helen und Cat hätten sich entscheiden können, ob der Chinese sie gleich nach Hause fahren sollte oder ob sie die Nacht noch in der Stadt verbringen wollten. Jetzt waren alle Überlegungen dieser Art hinfällig.

Die Tür prallte gegen die Wand und schwang zurück. Rathbone blieb im Rahmen stehen. Er versetzte der Tür einen zornigen Fußtritt, der sie noch einmal gegen die Wand schlagen ließ.

„Julian“, sagte seine Frau vorwurfsvoll. Seltsamerweise klang ihre Stimme klar, obwohl sie geweint hatte. Sie tupfte mit einem Taschentuch über ihre Augen.

Helen Rathbone saß auf dem niedrigen Hocker vor der Frisierkommode. Rechts und links von ihr hatten die beiden Hinshaws Posten bezogen wie Leibwachen. Wilma Hinshaw, ihre mollige Tochter, hockte etwas verloren auf dem breiten Messingbett und zerknüllte ein Taschentuch zwischen ihren kurzen Fingern.

„Guten Abend, Mr. Rathbone“, sagte sie artig. „Ich hoffe, dass Cat nichts zustößt ...“

Rathbone starrte Mark Hinshaw an, dann dessen Frau.

„Was wollen die hier?“, fragte er. Die Frage war an Helen Rathbone gerichtet.

„Mark und Rose waren so nett und haben sich um mich gekümmert“, antwortete Helen. Sie senkte den Blick. Dann — weil sie das aufbrausende Temperament ihres Mannes kannte — stellte sie ihrerseits eine hastige Frage.

„Wo ist Cat? Julian, sag mir, wo ist sie!“

„Ich weiß es nicht.“ Rathbone trat mit wuchtigen Schritten in die Mitte des Raumes.

Mark Hinshaw war ein mittelgroßer gebeugter Mann mit grauen Haaren, der immer noch den hungrigen Ausdruck des Kleinsiedlers in den tiefliegenden Augen hatte. Rathbone verachtete die Siedler. Das waren Leute, die ein paar Kühe im Stall hielten, um ihnen die Milch aus den Eutern zu pressen. Mit ochsenbespannten Pflügen wühlten sie den Boden auf, um ihm in mühseliger Arbeit ein paar Zentner Bohnen oder Mais abzuringen.

Mark Hinshaw nahm seinen Hut an sich, den er auf den Bettpfosten gehängt hatte.

„Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, lassen Sie es mich wissen“, sagte er.

„Ich kann mir selbst helfen“, grollte Rathbone.

„Es war auch nur ein Angebot, Mr. Rathbone.“

Rose, seine Frau, trat schnell neben ihn. Sie nahm seinen Arm. Rose war eine kleine, dickliche Person mit abgearbeiteten Händen. Sie hatte ein gutmütiges Gesicht, das sich jetzt jedoch hektisch rötete.

„Komm jetzt, Mark“, sagte sie drängend. „Wilma, wir gehen. Mister und Missis Rathbone möchten allein sein.“ Sie zerrte am Arm ihres Mannes, doch Mark Hinshaw rührte sich nicht.

„Was habe ich Ihnen eigentlich getan, Rathbone?“, fragte er. „Rose und ich haben Ihre Frau ins Hotel gebracht, und wir sind bei ihr geblieben, bis Sie kamen. Was ist unredlich daran?“

„Raus!“, knurrte Rathbone.

Mark Hinshaws Gesicht verfärbte sich.

„Mark, komm!“, drängte seine Frau.

Wilma schob sich neben ihren Vater. In ihrem selbstgenähten weißen Ballkleid kam sie sich plötzlich fehl am Platz vor. Wie in einer Trauergemeinde, dachte sie. Das war ein Gedanke, der sie unvermittelt kichern ließ.

„Nehmen Sie endlich diese dumme Gans und verschwinden Sie! Oder ich vergesse mich!“ Rathbone ballte die Fäuste. Er machte einen Schritt auf den Farmer vor.

Hinshaw schüttelte die Hand seiner Frau ab. Er rammte sich den Hut auf den Schädel. Angriffslustig hob er die Fäuste.

„Mark!“, schrie Rose Hinshaw.

„Julian!“, rief Helen mit zitternder Stimme.

Rathbone konnte sich nicht mehr bremsen. Mit seinen harten Fäusten packte er Mark Hinshaw vorn am Hemd. Er wirbelte den Mann herum, um ihn gegen die Tür zu drängen. Hinshaw versuchte, sich zu wehren. Er schlug von unten gegen Rathbones Arme, um sich aus dem entwürdigenden Griff zu befreien. Da verlor der Rancher vollends die Beherrschung. Er schmetterte Hinshaw die Faust mitten ins Gesicht.

Hinshaw taumelte. Der Schmerz trieb helle Tränen in seine Augen. Er presste beide Hände vor sein Gesicht. Sein Mund füllte sich mit Blut.

„Mark!“, schrie Rose entsetzt. Wilma begann zu weinen.

Hinshaw ließ die Hände sinken. Sein Gesicht bot einen schrecklichen Anblick. Rose wimmerte, und sie rang verzweifelt die Hände.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945317
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v934475
Schlagworte
sheng feuerteufel

Autor

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Titel: Sheng #26: Sheng und der Feuerteufel