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Die Kansas-Queen

2020 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Kansas-Queen

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Die Kansas-Queen

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Unter einem Vorwand kommt die bekannte Kansas-Queen mit Begleitung nach Clearwater. Unterwegs treffen sie auf den den smarten Johnny Sunday, der ihnen Hilfe leistet als sie von Banditen bedroht werden. Sie erfahren, dass der ortsansässige Sheriff entführt wurde und seine Tochter gefangen gehalten wird. Dafür ist ein Banditenrancher verantwortlich, der seinen Reichtum aus Raub und Mord bekommen hat. Die Kansas-Queen versucht, wieder Ordnung herzustellen und der junge Johnny unterstützt sie dabei.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Cliff Maxwell - ist scharf auf die Sherifftochter, doch die verschmäht den Raubrancher.

Dave Laredo - geht für den Boss fast durch die Hölle, doch auch er vermag das standhafte Girl nicht umzustimmen.

Eleonor Danby - besitzt neben einem riesigen Zigarrenvorrat auch genügend Verstand, die Nichte vor einem Killer-Bräutigam zu schützen.

Johnny Sunday - unterstützt ihre Bemühungen am Piano und mit dem Colt, nicht ohne Hintergedanken.

 

 

1

Die drei Reiter stoppten die Stagecoach mit einem Warnschuss.

Der dunkelhäutige Fahrer zügelte das Gespann der rot lackierten Kutsche zwischen den hohen Sträuchern, die zu beiden Seiten des Wagenweges wucherten, bevor er auf das Grasland traf.

Der Anführer der Wegelagerer besaß die Statur eines Gorillas.

»Kehrt schon um, Leute! Das hier ist Maxwell-Weide. Und der Boss mag keinen unangemeldeten Besuch.«

Ein breitflächiges grell geschminktes Gesicht zeigte sich am Fenster der Kutsche. Darüber türmte sich rotes Haar. Zwischen kräftigen Zähnen qualmte eine dicke Brasil-Zigarre.

»Dein Boss schert uns wenig, du Gorilla. Wir sind unterwegs nach Clearwater.«

Der Anführer wurde zornrot.

»Sag dem Nigger, er soll umdrehen. Und danach schwingt ihr die Hufe, sonst schluckt ihr Bleipillen!«

»Hört ihr das, Kätzchen?« Die Frau wandte sich mit einem Nussknackergrinsen ins Innere der Kutsche. »Dieser Sattelaffe wünscht sich ’ne Lektion von der rauen Sorte.«

Ein Kichern antwortete. Dann schwang die Kutschentür auf. Zwei Zentner Weiblichkeit, eingezwängt in ein perlenbesticktes grünes Kleid, wuchteten aus dem Fahrzeug. Eine Perlenkette hing auf den mächtigen Busen. Ringe funkelten an den Fingern beider Hände.

»Ich bin die Kansas-Queen, du Gorilla. Wenn du nicht gerade aus dem Urwald kommst, hast du bestimmt von mir gehört. Ein halbes Dutzend Saloons in Dodge City und Abilene gehören mir und nun auch Jackmans Schnapsbude in Clearwater. Ich will mir mit den Kätzchen dort ein paar ruhige Tage machen. Das sind sie: Juanita und Sally-Sue. Der Gentleman auf dem Bock heißt Joshua Simpson, für dich Mister Simpson, du ungehobeltes Dschungelgespenst«

Die »Kätzchen« kicherten wieder.

Juanita war eine hübsche junge Mexikanerin mit einer Rose im pechschwarzen Haar. Sally-Sues blaue Augen strahlten aus dem von blonden Locken eingerahmten Gesicht. Beide trugen tief ausgeschnittene Flitterkleider. Ihre Kurven konnten sich sehen lassen.

Die Grenzwächter gafften. Der Anführer blaffte: »Glaubst du vielleicht, ich hab meine Kanone mit Kürbiskernen geladen? Ich zähle bis zehn. Wenn ihr danach nicht verschwunden seid, leg ich dir Mister Simpson mit ’ner Bleibohne im Kopf vor die Füße. Kapiert?«

Die Girls stießen sich an, als hätte der Gorilla einen Witz gemacht. Der Kutscher verzog keine Miene.

Die Kansas-Queen rauchte. Tabakqualm hüllte sie ein.

Die Waffe wies jetzt auf den Fahrer. Der Hammer knackte.

»Eins...«

»Keine Angst, Josh.«

»Schon gut, Queen.«

»Zwei... Verdammt noch mal, glaub nur nicht, ich bluffe! Drei... vier...«

»Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein, Ma’am?«

Der Reiter war unbemerkt zwischen den Sträuchern hinter der Stagecoach herangekommen. Er war jung, schlank und sah aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Der Staub eines langen Rittes bedeckte die einfache Weidereitertracht.

Den 44er trug er mit dem Kolben nach vorn hoch an der linken Hüfte. Die Waffe schien ihm hauptsächlich zum Nägel klopfen und Kaffeebohnen zerkleinern zu dienen. Prompt zielten die Revolver der Maxwell-Reiter auf ihn. Nur die Waffe des Anführers blieb auf den stämmigen Schwarzen gerichtet

»Noch ein Verrückter.«

Die Hände des Ankömmlings ruhten auf dem Sattelhorn. Der braune Wallach besaß Stirnblesse und weiße »Strümpfe«. Lasso, Sattelflasche und Deckenrolle gehörten zur Ausrüstung.

Bedächtig nahm die Kansas-Queen die Zigarre aus dem Mund.

»Sehr freundlich von Ihnen, Mister.«

»Meine Freunde nennen mich Johnny, Ma’am.«

»Wenn du dich einmischst, fressen dich die Geier!«, drohte Maxwells Grenzwächter. »Auf ’ne Kugel mehr kommt’s mir nicht an. Also: fünf... sechs...«

»Er meint’s ernst, Ma’am.« Ein freundliches Lächeln umspielte Johnnys Mund. »Er gehört zu denen, die nicht weiter denken, als eine Revolverkugel fliegt«

»Ich weiß, Johnny. Nur keine Aufregung. Meine Kätzchen und ich kommen schon mit diesem Affenverein zurecht.«

»Sieben...«

»Pass auf, Ed, die Alte hat ’ne Kanone!«, brachte einer der Männer noch heraus.

Der eben noch im Ärmel verborgene Derringer lag nun wie ein Spielzeug in der Hand der Kansas-Queen. Dann krachte er auch schon.

Gleichzeitig stieß die Rothaarige einen durchdringenden Schrei aus. So kreischte, für gewöhnlich ein angeschossener Puma. Die Pferde steilten.

Nur Johnnys Brauner schüttelte allein den Kopf. Johnny tätschelte ihn.

Die Maxwell-Reiter landeten im Gras. Die Queen half nach, indem sie einen gekonnt aus dem Sattel hebelte und ihm den Derringer auf der Schläfe platzierte. Den anderen kitzelte die hübsche Mexikanerin mit dem Messer.

Sally-Sue bückte sich indessen nach dem Colt des Gorillas. Ed hielt die blutende Revolverhand. Der Kutscher hatte sich nicht gerührt. Die Schrotflinte steckte noch in der Halterung am Joch. Die Kansas-Queen drehte sich dem jungen Reiter zu.

»Was hab ich gesagt, Amigo?«

»Klasse, Ma’am.«

»Ihr werdet euch noch wünschen, in der Hölle zu braten, statt in Clearwater«, knirschte Ed.

Johnny horchte auf. »Das ist auch mein Ziel.«

Die Queen grinste. »Dann lad ich dich zu ’nem Drink in meinem Saloon ein zum Dank für dein freundliches Angebot«

 

 

2

»Jackman’s Palace« verkündete das Schild über dem Eingang.

Johnny Sunday war bereits abgesessen. Staub aufwirbelnd rollte die Kutsche heran. Ein Köter kläffte. Neugierige blieben stehen.

Die Town unterschied sich nicht von den übrigen einsamen Kansasstädten abseits der großen Eracht und Rindertrails. Zwei Dutzend Brettergebäude entlang der breiten Main Street, etliche Korrals, kümmerliche Gemüsegärten, ein Windbrunnengerüst und ringsherum ein Meer von sonnenversengtem Büffelgras.

Der Clearwater River wand sich unweit der hölzernen Methodistenkirche am Stadtrand vorbei. Eine Bohlenbrücke überspannte ihn.

»Maxwell-Ranch twelve Miles« stand auf dem schiefen Wegweiser. Am nördlichen Horizont wölbten sich die blauen Buckel der Smokey Hills.

Johnny öffnete der Queen den Wagenschlag. Sie stand gleichgroß, aber mehr als doppelt so breit neben ihm.

»Danke, Cowboy. Es gibt also doch noch Kavaliere.«

Skeptisch musterte sie die Saloonfassade. Die Farbe blätterte ab. Die Stützpfosten, die das Vordach trugen, mussten dringend erneuert werden.

»Da wartet ’ne Menge Arbeit«

Die »Kätzchen« stiegen aus, jedes mit einem Seil in der Hand, dessen Ende um den Hals eines Maxwell Grenzwächters geknüpft war. Die beiden waren gefesselt, die Revolverholster leer.

Ed fehlte. Die verletzte Hand brachte ihn aus dem Spiel. Gönnerhaft hatte die Kansas-Queen ihn verabschiedet. Den Gaffern auf den Gehsteigen und Vorbauten blieb die Spucke weg.

»Packen wir’s!«

Die Queen stapfte voran, Juanita und Sally-Sue zogen die Gefangenen mit, Johnny Sunday folgte.

Mister Simpson lenkte inzwischen das Gespann auf den Hinterhof zu Stall und Remise. Die Passanten verharrten gebannt. Sie schienen auf eine zumindest mittlere Katastrophe zu warten, nachdem sich die Schwingtüren hinter den Ankömmlingen schlossen.

Statt dessen sahen sich die Queen und ihr Gefolge vier eifrig werkelnden Burschen gegenüber.

Sie waren damit beschäftigt, bunte Papiergirlanden an Wänden und Decke zu befestigen. Die tief an den Oberschenkeln befestigten Revolver störten sie offenbar nicht Nur einer war unbewaffnet. Er stand auf einem Stuhl und hämmerte Nägel in die Bretterwand.

»Nett von euch, Jungs, dass ihr meinen Empfang vorbereitet. Allerdings wäre es gescheiter gewesen, erst den Fußboden zu schrubben und die Tischplatten zu scheuern. Das stinkt ja hier wie in einem Schweinestall. Wahrscheinlich habt ihr mich nicht so früh erwartet. Stimmt’s?«

»Wieso erwartet?« Der Hammerschwinger stieg vom Stuhl. Durchdringende Augen und eine gebogene Nase beherrschten das fahle Gesicht. Er war groß und hager. Seine Kleidung bestand aus schwarzer Röhrenhose, schwarzen Stiefeln, schwarzer Seidenweste und weißem Hemd. »Wir schmücken den Saloon für Mister Maxwells Hochzeit. Wer, zum Teufel, sind Sie? Was wollen Sie?«

»Mein Eigentum in Besitz nehmen.« Die Queen grinste. Ihre grünen Augen blickten wachsam. »Jackman’s Palace heißt ab sofort Kansas-Palace. Ich bin die Kansas-Queen. Schon von mir gehört?«

»In Dodge City.«

»Ich hab dort drei Whiskytränken, in Abilene ebenfalls. Da sieben ’ne Glückszahl ist, entschloss ich mich, Jackmans Schnapsburg zu kaufen. Der gute alte Sam hat mich aber, scheint’s, übers Ohr gehauen und fünfhundert Bucks zu viel verlangt. Was soll’s! Da bin ich nun mal und werde, so wahr ich Eleonor Danby heiße, den Laden in Schwung bringen. Macht ruhig weiter, Leute. Ich bezahle euch.«

Sie dachten nicht daran. Die drei mit den tiefgeschnallten Sechsschüssern standen sprungbereit, der raubvogeläugige legte den Hammer weg. Die Gefangenen der Queen duckten sich unwillkürlich. Draußen blieb alles still.

»Jackman hat Sie um mehr als fünfhundert Dollar geleimt, Lady. Der Saloon gehört seit drei Wochen Mister Maxwell wie alle übrigen Geschäfte in der Stadt. Ich bin der Salooner und in allen Belangen, die nicht die Ranch betreffen, Mister Maxwells rechte Hand. Mein Name ist Ben Sanderson.« Ein hämisches Grinsen verzog die Mundwinkel. »Tut mir leid für Sie.«

»Stecken Sie sich Ihr Bedauern sonst wohin.« Der Bass der Kansas Queen füllte den Raum. Dann fischte sie ein zusammengefaltetes Papier aus dem Ausschnitt »Der angesehenste Notar in Dodge hat den Vertrag beglaubigt. Er trägt Jackmans Unterschrift.«

Sanderson zündete sich lässig eine Zigarette an.

»Auch Mister Maxwell besitzt einen ordnungsgemäß beglaubigten Kaufvertrag mit Jackmans Unterschrift.«

»Was es nicht alles gibt.«

Das kam vom Klavier.

Johnny Sunday saß auf dem runden Drehstuhl und betätigte versuchsweise ein paar Tasten. Die Queen und Maxwells Saloonkeeper ließen einander nicht aus den Augen.

»Hol den Sheriff, Sally-Sue!«, befahl die Queen.

Sanderson blies einen Rauchring zur Decke. »Wir haben keinen.«

»Ich sah das Office.«

Sanderson hob die Schultern.

»Sheriff Flint verfolgte eine Bande Viehdiebe in die Smokey Hills. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört. Bedauerlicherweise ritt er allein.«

Die drei Revolvermänner grinsten. Die Miene der Kansas-Queen spannte sich.

»Das war vor drei Wochen, nehme ich an.«

»Könnte hinkommen. Sobald die Hochzeit vorüber ist, wird Mister Maxwell ’nen Nachfolger für Bob Flint bestimmen. Wenden Sie sich an den, wenn Sie dann noch immer Ansprüche auf den Saloon anmelden. Ansonsten rate ich Ihnen, halten Sie sich an Sam Jackman, falls Sie noch ’ne Spur von ihm in Dodge City finden.«

»Ich glaube nicht, dass irgendwer Sam Jackman je wieder zu Gesicht bekommt«, murmelte die Queen. »Ich hab das komische Gefühl, dass ich einen Ihrer Helfer zusammen mit ihm in Dodge sah, als Sam den Verkauf noch spät in der Nacht begoss.«

»Das muss ein Irrtum sein, Lady. Die Jungs sind in den letzten Wochen nicht über die Grenzen von Mister Maxwells Weide hinausgekommen. Es gibt Zeugen dafür.«

»Zum Beispiel Sie.« Johnny Sunday lächelte.

»Richtig.« Ben Sanderson drehte sich steif. Seine Raubvogelaugen funkelten. »Was geht dich das an?«

»Die Kansas-Queen hat mich zu ’nem Drink eingeladen. Ich sitze aber immer noch auf dem trockenen.«

»Gut, dass du mich erinnerst, Cowboy.« Die Queen wollte an Sanderson vorbei zur Theke. Der Hagere überholte sie.

»Es wäre gesünder, wenn Sie verschwinden.«

»Gesünder für wen?«

Zähnebleckend hielt die Queen Sandersons Blick stand. Dabei zog sie Zigarre und Streichholz aus der Rüschentasche ihres Kleides. Sanderson flankte über die Theke. Im nächsten Moment hielt er eine Parkerflinte mit verkürzten Läufen.

»Werft sie raus, Jungs!«

»Nicht aus meinem Saloon!«

Die rasch angezündete Brasil landete vor den Stiefeln der Revolverhelden. Es blitzte und knallte. Rote, grüne und blaue Funkengarben schossen durch den Raum.

Erschrocken fuhren die Kerle zurück. Als sie kapierten, dass es nur ein harmloser Feuerwerkskörper war, schwang die Zwei-Zentner-Amazone bereits einen Stuhl.

Krachend löste sich dieser auf dem Kopf des Rechtsaußen in seine Bestandteile auf. Der Typ fiel seufzend um. Sein Nebenmann starrte gleichzeitig verdattert auf das Wurfmesser, das seinen rechten Ärmel gegen den Stützpfeiler nagelte.

Juanita hielt schon die zweite blitzende Klinge. Das hübsche Gesicht mit den vollen Lippen und feurigen Kohleaugen strahlte.

»Wetten, dass ich dein Herz treffe, Muchacho?«

Das mochte der Maxwell-Mann lieber nicht ausprobieren. Sein Colt polterte auf die Dielen. Den dritten setzte Johnny mit einem Schnappschuss außer Gefecht. Er blieb dabei sitzen. Mit der Linken klimperte er ein paar Takte aus »Auf in den Kampf, Torero«.

Der Getroffene taumelte zur Wand. Sanderson war mit der Parker Gun ans Flaschenregal zurückgewichen.

»Fahrt zur Hölle!«

»Du zuerst.«

Der stämmige Kutscher stand in der Hintertür, gleichfalls eine doppelläufige Parkerflinte im Anschlag. Sanderson zuckte.

»Darf ich die Gentlemen miteinander bekannt machen?«, lärmte die Queen. »Mister Ben Sanderson Mister Joshua Simpson.«

Sie hielt noch ein Stuhlbein. Sally Sue und Juanita kicherten.

Jäh duckte Sanderson sich hinter die Theke. Bevor er jedoch abdrücken konnte, hämmerte Johnnys Colt. Kein Abstand war zwischen den Schüssen herauszuhören. Im Regal barsten Flaschen. Scherben und Whisky spritzten auf Sanderson. Joshua sprang hinter einen Pfosten.

»Gib auf, Sanderson!«

Langsam kam der Saloonkeeper hoch ohne die Parker. Schnapsrinnsale flossen über sein verkniffenes Gesicht. Die Frauen blickten zu dem noch von Pulverdampf umwogten jungen Klavierspieler. Die einschmeichelnden Klänge von »Home in the Range« ertönten.

Juanita summte mit. Andächtig klimperte Sally-Sue mit den blonden Wimpern.

Die Queen gab sich einen Ruck. Gleich darauf stellte sie ein leeres Glas vor Sanderson.

»Gieß ein!«

Sandersons Augen loderten. Dröhnend baute sich Joshua neben der Saloonbesitzerin auf. Da entkorkte Sanderson eine heil gebliebene Flasche. Die Queen brachte den Drink zum Klavier.

»Danke, Ma’am.«

»Meine Freunde nennen mich Queen.«

»In Ordnung, Queen.«

»Seit wann spielst du Klavier, .Cowboy?«

Johnny grinste. »Seit dem achten Lebensjahr.«

»Du bist engagiert«

 

 

3

Nach den Schüssen im Palace schien die Stadt ausgestorben. Die Strahlen der mittlerweile tiefstehenden Sonne vergoldeten die Dächer.

Whisky tropfte noch vom Regal. Sandersons Kumpane trugen wieder ihre Colts. Keiner zeigte jedoch Appetit auf eine weitere Kostprobe von Johnnys Schießfertigkeit und Juanitas Messerkünsten. Die Queen band die Halsseile der Gefangenen an den mittleren Saloonpfosten.

»Die beiden bleiben, bis die Bude wieder einigermaßen in Ordnung gebracht ist. Maxwell wird ja kaum Sehnsucht nach ihnen haben. Bestellt ihm, er soll tüchtigere Leute mitbringen, wenn es ihm einfällt, mir den Palace abzujagen.«

»Das versprech ich dir.«

»Ich hab dich nicht nach deiner Meinung gefragt, Sanderson.« Die Queen klemmte eine Brasil zwischen die Zähne. Das Streichholz brannte schon, als Sally-Sue rief: »Pass auf, Queen, dass du nicht einen von deinen Knallfröschen erwischst!«

»Tatsächlich.« Kopfschüttelnd vertauschte die Queen die falsche Zigarre mit einer echten. »Dieser Geierkopf geht mir allmählich auf den Geist. Worauf wartest du eigentlich noch, Sanderson?«

Der Hagere sah zur Treppe, die ins Obergeschoss schwang.

Johnny, das Glas an den Lippen, verschluckte sich und hustete. Dann stellte er wie in Trance den Drink aufs Klavier und erhob sich.

Im seitlich hereinflutenden Licht glich das Mädchen oder die junge Frau auf den obersten Stufen einer Erscheinung. Sie war mittelgroß und schlank. Auch in dem hochgeschlossenen schwarzen Kleid, das besser zu einer Beerdigung als in den Saloon passte, kamen ihre runden Brüste, die geschwungenen Hüften und festen Schenkel voll zur Geltung. Das ovale Gesicht war bleich, die Augen umschattet, der Mund zusammengepresst.

Ein Knoten hielt das honigfarbene Haar.

Sie verharrte reglos, eine Hand auf dem Geländer. Etwas Rührendes ging von ihr aus.

»Tut mir leid, Kindchen, wenn wir Sie gestört haben«, röhrte die Kansas Queen. »Ich wusste nicht, dass Sanderson Gästezimmer vermietet. War ein bisschen laut hier, was?«

»Kümmern Sie sich nicht um diese Leute, Miss Amy.« Sanderson eilte zur Treppe. Die Queen zuckte leicht zusammen, als der Name fiel. »Der Boss wird ihnen schon den nötigen Respekt beibringen. Kommen Sie nur. Wir bringen Sie bis übermorgen in Harper’s Hotel unter.«

Es klang eher drohend denn besorgt. Zögernd kam die junge Frau herab. Die Kansas-Queen fragte rau: »Wer sind Sie?«

»Amy Flint, die Tochter von Bob Flint.«

»Die Tochter des Sheriffs, der vor einigen Wochen spurlos in den Smokey Hills verschwand?«

»Und Mister Maxwells Braut, wenn Sie nichts dagegen haben!« Sanderson fasste Amys Arm. Sie verkrampfte sich, machte aber keinen Versuch, sich ihm zu entziehen. Die Queen brannte die Zigarre an. Ihre Hände zitterten unmerklich.

»Was sollte ich dagegen haben?«

»Eben.« Sanderson grinste schief. »Gehen wir.«

Der Verwundete hatte bereits den Palace verlassen. Die beiden Kumpane flankierten Sanderson und die Sheriffstochter. Johnny rief:

»Niemand kann Sie zwingen, das Haus zu verlassen, wenn Sie nicht wollen, Miss Amy!«

Sein jungenhaftes Gesicht wirkte jetzt hart. Die Rechte lag am Kolben des 44ers. Amy Flints Wangen röteten sich.

»Danke, Mister...«

»Johnny Sunday stets zu Ihren Diensten, Miss Amy.« Er verbeugte sich knapp. Die Hand blieb an der Waffe. In Amys Augen leuchtete ein Hoffnungsschimmer auf, dann wurde ihr Blick wieder leer. Die schmalen Schultern strafften sich.

»Gehen wir«, wiederholte sie.

Triumphierend sah Sanderson in die Runde. »Bis bald.«

Zigarrenqualm umhüllte die Queen.

»Eins verstehe ich nicht, Kindchen: Wenn ihr zukünftiger Gemahl tatsächlich der große Bulle in diesem Korral namens Clearwater ist, weshalb ließ er dann Ihren Vater allein auf der Spur von Viehdieben reiten?«

Amy stockte. Wütend wollte Sanderson sie weiterziehen.

Da hallte Hufschlag die Main Street herab. Eine Staubfahne wehte vor den Fenstern.

Der Reiter hielt vor dem Saloon. Johnnys Brauner empfing ihn mit einem trompetenden Wiehern.

Schon dröhnten Stiefel auf dem Vorbau. Die Türflügel klafften auf. Ein breitschultriger Mann stolperte herein und klammerte sich keuchend an den nächsten Stützpfeiler. Blutunterlaufene Augen glühten im bärtigen Gesicht. Die Jacke war zerrissen, ein Verband um den Kopf gewickelt.

»Sam Jackman.«

Die Queen stand da, als hätte ein Blitz sie gestreift Die Zigarre rollte über den Boden. Geistesgegenwärtig stellte Juanita den zierlichen Schuh drauf.

Mühsam hob der Bärtige den Kopf. Es dauerte einige Sekunden, bis er die massige Saloonbesitzerin erkannte. Seine Stimme war ein Krächzen.

»Ich fürchtete schon, ich komme zu spät, dich zu warnen.« Er torkelte zur Theke. »Ich brauch erst ’nen Drink.«

Er packte die Flasche, aus der Sanderson Johnnys Drink eingegossen hatte. Mit der anderen Hand hielt er sich an der Thekenleiste fest. Der halbe Flascheninhalt lief in den staub- und schweißverkrusteten Bart

»Sam, was ist geschehen?«

Schwerfällig drehte Jackman sich. Jetzt erst sah er, zumindest verschwommen, auch die anderen. Er stutzte, als er Sanderson und die Sheriffstochter erkannte.

»Queen, lass dich nicht...«

Der Kerl rechts von Sanderson bewegte sich.

»Sieh an, Curly Callahan!«, stieß der Bärtige hervor. »Das hast du nicht erwartet, du Lump, dass wir uns so bald Wiedersehen. Ich bin kein Gespenst. Du hast neulich in Dodge City nur nicht gut genug gezielt.«

»Nicht, Sani!«, schrie die Kansas Queen.

Bevor Jackman seinen altmodischen Whitneyville Walker Colt auch nur halb aus dem Holster brachte, stieß Callahans Blei ihn um.

Johnny Sunday zog ebenfalls. Gleichzeitig erwischte Sanderson die Waffe des zweiten neben ihm Stehenden.

»Curly, du verdammter Narr!«

Sein Schrei zwang Callahan herum. Seine Augen weiteten sich, als er Sandersons Colt auf sich gerichtet sah. Der Salooner schoss.

Er ließ Amy Flint dabei nicht los. Callahan prallte gegen das Treppengeländer, dann fiel er.

»Kanone weg!«

Johnny hielt den Sechsschüsser mit beiden ausgestreckten Händen. Ruhig schob Sanderson den Revolver wieder in das Holster des Nebenmannes.

Amys Augen waren geschlossen. Sie schien einer Ohnmacht nahe. Doch Sandersons Griff hielt sie aufrecht.

Die Kansas-Queen war sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Nun schluckte sie schwer.

»Das war kaltblütiger Mord.«

Sanderson verstand sie absichtlich falsch.

»Curly bekam dafür, was er verdiente. Niemand soll behaupten, dass Mister Maxwell schießwütige Killer bezahlt. Also, bis bald.« Er schob die scheinbar willenlose junge Frau zur Tür. »Die Kosten für den Totengräber übernehme ich.«

 

 

4

Die Läden waren geschlossen, Petroleumlampen brannten.

Joshua stand mit der Parkerflinte an der Tür. In der Town rührte sich nichts. Der Himmel hatte sich bewölkt. Nur dann und wann hob die Mondsichel die Umrisse der Nachbargebäude aus der Dunkelheit.

Im Saloon war es still bis auf das Schaben der Wurzelbürste, mit der einer der Gefangenen schwitzend den Fußboden bearbeitete.

Sally-Sue bewachte ihn. Sie saß breitbeinig auf einem Stuhl, die Arme auf die Lehne gestützt Die Mexikanerin ließ die netzbestrumpften Beine von der Theke baumeln.

Neben ihr polierte der zweite Maxwell-Grenzwächter eine Batterie Gläser. Zwischendurch schielte er nach dem Wurfmesser der schwarzhaarigen Schönen.

Seit der Totengräber Jackman und Callahan auf seinen Eselskarren geladen hatte, stapfte die Queen wie ein eingesperrtes Nilpferd an den girlandenbehangenen Wänden entlang. Dabei paffte sie heftig. Zigarrenasche markierte ihren »Trail«. Plötzlich blieb sie stehen. Die Glutspitze der Brasil deutete auf Johnny Sunday.

»Dich hat’s ganz schön erwischt, Cowboy. Hab ich Recht?«

Der junge Mann lehnte am Klavier. Gedankenversunken drehte er das halbvolle Whiskyglas. Nun stellte er es ab.

»Ich will keinen Drink mehr anrühren, wenn Amy sich auf die Hochzeit freut.«

»Die Sache stinkt, da gibt’s keinen Zweifel. Doch wenn du der Mann bist, für den ich dich halte, werden wir diesem Gestank nachgehen, bis...«

Das Kratzen der Bürste verstummte. Die Queen fuhr herum. »Was glotzt du? Pass lieber auf, dass Sally-Sue dir nicht das Stuhlbein überzieht. Solche schiefmäuligen Bastarde wie du einer bist, bügelt sie ganz besonders gern. Nein, warte noch, Kätzchen, gib ihm ’ne Chance. Vielleicht will er uns was über seinen Boss, den verschwundenen Sheriff und des Sheriffs hübsches Töchterlein erzählen.«

Der Kerl kniete, in der einen Hand die Bürste, in der anderen den nassen Scheuerlappen. Obendrein hatte ihn die Queen mit einer Küchenschürze ausgerüstet »Ich weiß von nichts.«

»So siehst du aus.« Die Queen näherte sich drohend. »Gib mir mal das Stuhlbein, Sally-Sue.«

Der Schiefmäulige duckte sich.

»Jack und ich arbeiten erst seit kurzem für Mister Maxwell. Wir hatten Befehl, keine Fremden auf sein Land und in die Stadt zu lassen. Das ist alles. Verdammt, Jack, sag doch auch mal was!«

Der Gläserputzer gurgelte. Die Spitze des Wurfmessers berührte seinen Hals. Die Mexikanerin lächelte.

»Hab keine Angst. Du brauchst nur die Wahrheit auszuspucken, Amigo.«

»Es stimmt, was Tom sagt.«

»Was hat euer Boss gegen Fremde?«

»Weiß nicht«

»Fürchtet er, dass ihm jemand die Hochzeit verpatzt?«

»Kann sein.«

»Wann findet sie statt?«

»Übermorgen.«

»Na also, das ist ja schon mal was. Nun erzähl uns auch noch, wie das mit Bob Flint war, als er auf der Fährte einer Viehräuberbande allein in die Smokey Hills ritt.«

»Das war vor drei Wochen. Da saßen Tom und ich noch in Bat Mastersons Jail in Abilene.«

»Feines Alibi«, knurrte die Kansas Queen. »Jetzt erinnere ich mich auch an eure Steckbriefe. Ihr seid ausgebüxt, bevor es zur Gerichtsverhandlung kam. Das wirft kein gutes Licht auf den ehrenwerten Mister Maxwell, wenn er Galgenvögeln euren Schlags Unterschlupf gewährt«

»Der Boss weiß von nichts.«

»Noch ein Ahnungsloser. Ihr könnt einem fast schon leid tun. Johnny Cowboy, was meinst du dazu?«

»Ich werd Miss Amy fragen.«

Die Queen wuchtete ihre zwei Zentner mit erstaunlicher Behändigkeit herum.

»Sag das noch mal!«

»Ich werd Miss Amy fragen noch heute Nacht.«

»Was möchtest du für Blumen aufs Grab, Cowboy?«

»Dunkelrote Rosen, einen Zwanzig-Dollar-Strauß.«

Die Augen der Queen begannen zu funkeln.

»Ich glaub, ich hab mich nicht in dir getäuscht Cowboy.«

Sie betonte das letzte Wort. Mit ausdrucksloser Miene genehmigte sich Johnny den Rest von seinem Drink. Währenddessen näherte Hufgetrappel sich dem Stadtrand. Mehrere Reiter überquerten die Brücke.

Ein Hund bellte, dann blieb es eine Weile still. Joshua warf der Queen einen fragenden Blick zu. Als sie nickte, huschte er hinaus. Straßenabwärts erklangen Stimmen. Harper’s Hotel lag dort.

»Wir kriegen Besuch«, meldete Joshua kurz darauf.

Sporenklirrende Schritte kamen über die Fahrbahn. Kokett raffte Juanita das Kleid, damit ihre hübschen Beine besser zu sehen waren.

»Nun werden wir Mister Maxwell kennenlernen.«

»Kein Grund zum Faulenzen!«, fuhr die Queen die Gefangenen an. »Verpfeift ja nicht, was hier gesprochen wurde, sonst fällt euch, die Decke auf den Kopf!«

Sally-Sue schulterte das Stuhlbein. Die neue Besitzerin des Palace postierte sich hinter der Theke. Zur Stärkung goss sie sich einen Doppelstöckigen ein. Schon hielt Sanderson seinem Boss die Tür auf.

Maxwell war kaum älter als die beiden »Kätzchen« der Kansas-Queen. Verschlagene Augen glühten im schmalen, bereits vom Laster gezeichneten Gesicht. Das rabenschwarze Haar glänzte. Der Rancher trug ein weißes Rüschenhemd und enge Chivarra-Hosen, an deren Seitennähten goldene Zierknöpfe funkelten. Auch die Sporen waren vergoldet.

»Ich hoffe, wir stören nicht.« Maxwells Zähne schimmerten. »Sanderson kennt ihr ja schon. Ich bin Cliff Maxwell und der Schnauzbart da nennt sich Dave Laredo, mein Vormann.«

Der Schnurrbärtige verharrte neben der Tür. Er war groß und breitschultrig, das knochige Gesicht wie mit zerknittertem Pergament bespannt. Die beiden schwerkalibrigen Colts am Kreuzgurt passten wenig zur Weidereitertracht. Kälte strömte von ihm aus.

Maxwell ging zur Theke. Seine Bewegungen waren katzenhaft. Mit steinerner Miene stellte die Rothaarige ihm einen Drink hin. Maxwell grinste sie an.

»Sie sind also die Kansas-Queen. Ich hab viel von Ihnen gehört.«

»Dann weißt du auch, was dir blüht Kleiner, wenn du mir den Saloon streitig machst«

»Ich wüsste nicht, was uns hindern sollte, die Angelegenheit gütlich beizulegen.«

»Sam Jackmans Unterschrift auf meinem Kaufvertrag und die Kugel, die ihn traf.«

Maxwell lachte.

»Weiß der Henker, welcher Teufel Curly Callahan ritt. Ben hat mir alles berichtet. Jackman muss sich getäuscht haben, als er annahm, Callahan wäre ihm nach Dodge gefolgt und hätte da auf ihn geschossen.«

»Nun kann ja Callahan nichts mehr dazu sagen. Schade, was?« Grimmig stützte die Queen die Fäuste auf.

»Friede seiner schwarzen Seele.« Maxwell prostete ihr zu. »Kommen wir zum Geschäft. Weil Sie’s sind, Queen, bin ich bereit, die Kaufsumme für den Palace nochmals zu berappen.«

»Geld wie Heu?«

»Kann nicht klagen.« Maxwells Zähne blitzten wieder. »Pa hat mir die größte Ranch im Umkreis von hundert Meilen hinterlassen. Die Rinder vermehren sich jedes Jahr. Wie viel haben Sie Jackman bezahlt? Ich leg fünfhundert Bucks für die Unkosten dazu.«

»Ich bin an deinen Moneten nicht interessiert, Kleiner.«

»Das könnte sich als Fehler erweisen, Queen. Seit Sheriff Flint nicht mehr aus den Smokey Hills zurückkam, geschehen in Clearwater allerlei merkwürdige Dinge. Wenn Sie hierbleiben, kann ich nicht für Ihre Sicherheit garantieren.«

»Sie hat Mister Joshua Simpson und mich.«

»Ah, der Klavierkünstler, von dem Ben mir berichtete«, freute sich der junge Rancher. »Ich spiele selber. Wir sollten uns zusammentun, Freund. Ich mag Musik.«

»Der Teufel , ist Ihr Freund, Maxwell.«

Laredos Hände krochen zu den Sechsschüssern. Sandersons Rechte verschwand unter der Anzugjacke. Der Boss lachte.

»Noch ein Spaßvogel. Ihr seid wirklich ein lustiger Verein.« Mit einem Augenzwinkern wandte er sich an Sally-Sue. »Du gefällst mir, Mädchen. Ich fliege auf Blondinen. Wie heißt du?«

»Ich bin Sally-Sue, die Keulenschwingerin.«

Das Stuhlbein wirbelte. Blitzschnell packte Maxwell zu. Sally-Sue stieß einen Schrei aus. Die »Keule« rutschte unter einen Tisch. Maxwells Hände waren wie Stahlklammern.

»Wenn ich nicht schon ’ne Braut hätte, würde ich dich mit auf die Ranch nehmen.«

»Lass sie los!«, befahl Johnny.

»Wir scheinen denselben Geschmack zu haben, Klavierkünstler. Dave, wenn er sich einmischt, leg ihn um!«

Es klang beiläufig, aber allen war klar, dass der Schnurrbärtige nicht zögern würde, den Befehl auszuführen.

Trotzdem umfasste Johnny den 44er Kolben.

»Lass dich nicht heraus fordern, Cowboy«, warnte die Queen. »Vor wenigen Jahren galt Dave Laredo in Texas als berüchtigter Revolverschwinger.«

»Es gab da auch ’nen Ranger namens Sunday.«

Laredos Stimme klang rostig. »Ich hab ihn leider nie kennengelernt.«

»Möglicherweise hast du Glück gehabt«, lächelte Johnny.

»Wir sind hier im nördlichen Kansas«, erinnerte Maxwell scharf. »Kein verdammter Texas Ranger besitzt hier irgendwelche Befugnisse.« Plötzlich hatte er kein Interesse mehr an Sally Sue. Unsanft schob er sie weg. »Mein Angebot lautet auf zweitausend Dollar, Queen.«

»Putz dir die Nase damit.«

»Well, Ben.« Der Rancher nickte Sanderson zu. »Du warst dabei, als Jackman mir den Palace verkaufte. Du weißt, was du zu tun hast, sobald du den Sheriffstern trägst. He, Klavierkünstler, wenn du Arbeit brauchst, dann besuch mich. Auf der Ranch gibt’s auch ein Klavier.«

»Wenn ich dich besuche, Maxwell, halte deinen Colt bereit.«

»Du wirst dich wundern, Cowboy, wie gut ich damit bin.«

 

 

5

Mitternacht war vorüber, als Johnny Sunday den Palace über das Anbaudach verließ. Er hatte sich nicht getäuscht: An der Ecke bei der Hintertür bewegte sich ein Schatten.

Gewiss beobachtete ein weiterer Posten die Vorderfront. Türen und Fenster waren verrammelt. Kein Lichtstrahl drang heraus. Drinnen hämmerte das Klavier. Die »Kätzchen« hatten sich als gelehrige Schülerinnen entpuppt.

»Wechselt euch ab«, hatte Johnny ihnen eingeschärft. »Solange sie das Klavier hören, rechnen sie nicht damit, dass ich auf Pirsch bin.«

Lautlos glitt er nun vom Anbau.

Im Stall rührte sich nichts. Johnnys Wallach war mit den Gespannpferden darin untergebracht.

Johnny hoffte, dass der Wächter seinen Platz nicht verließ. Doch als er entgegengesetzt um den Stall herumschlich, stieß er mit einem zweiten Mann zusammen.

Johnny reagierte blitzschnell. Bevor der andere einen Ton herausbrachte, lag er bewusstlos im Sand.

Johnny kauerte mit dem Sechsschüsser in der Faust neben ihm. Der Eckensteher hatte nichts bemerkt. Das konnte sich allerdings ändern, wenn er nachsah, wo die Ablösung blieb.

Rasch fesselte und knebelte Johnny den Bewusstlosen. Dann ging er mit festen Schritten auf den Posten zu.

»Dachte schon, du hast verschlafen«, brummte der.

Johnny war noch fünf Schritt hinter ihm, da riss die Wolkendecke auf. Bleiche Helligkeit umfloss ihn. Doch der Maxwell-Schießer hatte sich wieder dem Saloon zugewandt. Sein Stetson dämpfte Johnnys Hieb mit dem Coltlauf.

Johnny fing den Zusammensackenden auf, fesselte und knebelte ihn ebenfalls.

Der Mond leuchtete noch immer auf die Town, als er die Main Street erreichte. Das Hotel, in dem Amy Flint untergebracht war, ragte gegenüber auf. Die Tür zur Eingangshalle stand halb offen. Drinnen brannte Licht.

Johnny sah die verwaiste Rezeption und einen Teil der Treppe mit dem roten Läufer.

Das Ganze wirkte viel zu einladend, als dass Johnny die Deckung verließ. Die Fenster im Obergeschoss waren dunkel. Hinter einem glaubte Johnny das flüchtige Aufblinken von mondbeschienenem Metall zu erkennen.

Nur mehr leise drang das Klaviergeklimper vom Palace herüber. Ein struppiger Hund umschnüffelte Johnny, gab aber keinen Laut. Johnny streichelte ihn. Kein Tier war ihm jemals gefährlich geworden. Der Köter leckte seine Hand, ehe er sich entfernte. Dann versteckte die Mondsichel sich.

Nicht nur Johnnys Augen mussten sich erst wieder an die Finsternis gewöhnen. Geduckt lief er über die Straße, nicht direkt zum Hotel. Er tauchte in die Gasse zwei Häuser entfernt davon. Von dort gelangte er durch eine Zaunlücke auf Harpers Hinterhof. Die Schwärze schien hier noch dichter.

Johnny duckte sich neben dem Holzstoß am Zaun. Undeutlich sah er die Konturen der Nebengebäude. Auch das Hotel besaß einen eigenen Stall. Kein Schnauben war zu hören, statt dessen ein leises metallisches Knacken. Behutsam wurde dort ein Gewehr durchgeladen.

Sofort deutete Johnnys Colt in die Richtung, doch nichts geschah.

Johnny atmete flach. Ein Rascheln folgte, dann ein zorniges »Pst!«.

Sie waren also mindestens zu zweit. Das hieß, dass Harper’s Hotel wie der Palace unter Bewachung stand.

Die Nacht verbarg Johnny Sundays kantiges Grinsen. Maxwell schätzte ihn genau richtig ein. Seine Schießer warteten auf ihn. Die Sheriffstochter war der Köder.

Johnnys Gedanken wirkten wie ein Signal. Im mittleren Obergeschossfenster flammte Licht. Die Vorhänge waren geschlossen. Der Schatten einer schlanken Gestalt mit im Nacken verknotetem Haar fiel auf sie.

»Amy«, flüsterte der junge Mann.

Der Schatten verschwand. Johnny überlegte. Das Hotel besaß nur den Vordereingang. Bestimmt waren da noch mehr von Maxwells Revolverschwingern. Der Rancher besaß genug Geld für eine kleine Privatarmee.

Er selbst hatte die Town, wohl um Johnny zu täuschen, nach dem Besuch im Palace wieder verlassen. Johnny hatte ihn und Laredo an der Spitze eines staubumwogten Trupps vorbeireiten sehen. Oder war das auch nur wieder ein Trick?

Der Schatten kam wieder ans Fenster, näher, deutlicher, unverkennbar die Umrisse einer jungen Frau, die ein hochgeschlossenes Kleid trug. Für einen Moment zeichnete sich ihr Profil auf dem geblümten Vorhangstoff ab.

Gleichzeitig hörte Johnny ein halb unterdrücktes Lachen von dort, wo zuvor das Gewehrschloss geknackt hatte. Sofort meldete sich wieder der zornige Warner.

»Sanderson zieht dir die Haut ab, wenn du die Sache verpatzt!«

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass der Bursche...«

»Halt die Klappe, verdammt!«

Die Lampe hinter dem Vorhang brannte schwächer, die Silhouette zerfloss. Johnnys Hand presste sich um den Revolver. Die Frau war nicht allein im Zimmer und sie war nicht Amy Flint. Die Figur stimmte, das Kleid, aber nicht das Profil. Die Nase war eine Idee zu groß, das Kinn zu ausgeprägt.

Johnny ließ einige Minuten verstreichen, dann zielte er auf eins der dunklen Fenster. Der Schuss dröhnte, Glas splitterte, dann erklang ein Fluch. Gleich darauf blitzte Mündungsfeuer durch die zerschossene Scheibe.

Johnny verriet sich mit keinem weiteren Schuss. Sein Tritt brachte den Holzstoß zum Einstürzen. Es polterte.

Rechts von Johnny schmetterte das Gewehr, schräg vor ihm ein Revolver.

»Er flieht! Er ist beim Holzstoß über den Zaun gesprungen. Ich hab ihn gesehen.«

Das war übertrieben, denn Johnny lag nicht weit von der Stelle, wo er geschossen hatte, flach am Boden. Wieder blitzte es. Stiefel trampelten vorbei. Auch im Haus rumorte es. Türen schlugen, Scherben klirrten.

»Gib auf die Lampe acht!« Das war Ben Sanderson. Also führte doch nicht Maxwell das Kommando. »Lasst ihn nicht zum Saloon! Und bewacht die Ställe! Ohne Pferd kommt er nicht weit.«

Laternenschein flammte auf, glücklicherweise nicht in Johnnys Nähe. Er kroch näher zum Zaun. Auf der anderen Seite hasteten Schritte. Vorn auf der Straße wurde wieder geschossen. Ein Hund kläffte, Pferde wieherten.

Johnny ersetzte die abgeschossene Patrone, dann sprang er auf und rannte zur Hotelrückwand. Droben brannte die Lampe noch immer. Der Vorhang blieb geschlossen.

Der Lärm entfernte sich Richtung Saloon. Das Klavier war verstummt. Entschlossen sprintete Johnny um das Gebäude. Jetzt war die Eingangshalle tatsächlich leer.

Der junge Mann hetzte die Treppe hinauf. Vor ihm lag ein halbdunkler Korridor. Unter der mittleren Tür rechts schimmerte Licht

Johnny stieß sie auf, schnellte hinein und glitt, den Finger am Abzug, seitwärts an die Wand.

Die junge Frau, deren Schatten er am Fenster gesehen hatte, lag gefesselt auf dem Bett. Der Haarknoten hatte sich gelöst, dunkle Strähnen umrahmten das hübsche, nur ein bisschen zu knochige Gesicht. Angstvoll starrte sie den Eindringling an.

»Wer sind Sie?«

»Johnny Sunday, der Mann, für den Maxwells Revolverhelden Sie als Köder benutzten. Wohin haben die Kerle Amy Flint gebracht?«

»Zur Ranch.«

»Ich nehme an, dass sie nicht freiwillig mitkam.«

»Gehen Sie, bevor Sanderson zurückkommt! Ich kann Ihnen nicht mehr sagen.«

»Aber ich.«

Johnny ließ den Colt sinken. Ein untersetzter, grauhaariger Mann hinkte ins Zimmer. Sein rechtes Bein war steif.

»Pa!«, rief die Gefesselte.

Mit zittrigen Händen befreite der Grauhaarige sie. Dabei blickte er Johnny an. Schweiß glänzte auf der zerfurchten Stirn.

»Ich bin Lew Harper. Das Hotel gehört mir nur mehr dem Namen nach. Cliff Maxwell kassiert jeden Monat ab.« Er lauschte. »Die Schufte warten beim Saloon auf Sie.«

»Da sind sie gut aufgehoben.«

»Eine Schande, dass Bob Flint der einzige Mann in der Town war, der es wagte, dem jungen Maxwell die Stirn zu bieten.«

»Kam er deswegen nicht aus den Smokey Hills zurück?«

»Darauf können Sie Gift nehmen.« Harper schleuderte die Riemen zur Seite und kniff forschend die Augen zusammen. »Wer sind Sie?«

»Die Kansas-Queen hat mich als Klavierspieler angeheuert.«

»Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen, junger Mann.«

»Pa, schick ihn fort! Wenn du...«

Die Stimmen beim Palace wurden mehr und mehr von einem rasch anschwellenden Grollen überlagert. Es klang wie ein heraufziehendes Gewitter. Johnny horchte gespannt. Er kannte dieses Geräusch. Harper knurrte: »Das sind sie wieder.«

»Wer?«

»Gehen Sie doch endlich!« Harpers Tochter sprang auf. »Sie bringen Pa sonst in Teufels Küche.«

Das Grollen wurde lauter.

»Da treibt jemand mitten in der Nacht ’ne Rinderherde nach Norden«, stellte Johnny fest. »Liegt dort nicht die Maxwell Ranch?«

»Komm, Pa!« Die junge Frau wollte den Hotelier aus dem Zimmer ziehen. Er wehrte jedoch ab.

»Die Burschen werden immer dreister. Seit wir keinen Sheriff mehr haben, kommen sie sogar gelegentlich offen in die Stadt. Die letzte Herde trieben sie erst vor fünf Tagen vorbei.«

»Gestohlene Rinder?«

»Mit Blei bezahlt. Nach Maxwells blühendem Umsatz zu schließen, steht er mit mindestens ’nem halben Dutzend Viehräuberbanden in Verbindung, die die Trails zur Kansas Bahnlinie unsicher machen. Fast alle diese Herden kommen von Texas herauf. Maxwells Weide dient als Sammelplatz. Da werden die Tiere umgebrändet und, wenn sie erst wieder genug Fleisch auf den Rippen haben, zu den Goldfeldern von Montana hinauf getrieben. Kein Wunder, dass Maxwell in Geld schwimmt«

»Du redest dich um Kopf und Kragen, Pa.«

»Gibt’s Beweise?«, fragte Johnny.

»Genug, wenn jemand es schafft, auf Maxwells Weide vorzudringen. Bob Flint wagte es. Nur kam er nicht zurück. Die wenigen anderen Männer, die nach Cliff Maxwells Machtübernahme gegen ihn aufmuckten, liegen längst auf dem Boothill. Weshalb interessiert Sie das alles?«

»Amy Flint interessiert mich.«

»Keine Chance.«

Johnny öffnete das Fenster. Der Mond lugte durch die Wolken. Auf der Ebene wallte Staub. Eine schwarze wogende Masse bewegte sich darin. Johnny halfterte den 44er.

»Ich brauch ein Pferd.«

Harper kratzte sich am Kinn.

»Die Ställe werden bewacht«

Hufschlag pochte auf der Brücke über den Clearwater River. Er klang unregelmäßig, das Pferd lahmte. Obwohl das Fenster an der Rückseite lag, drehte Harper rasch den Lampendocht niedriger.

»Das kann nur einer von den verdammten Rustlern sein. Wenn...«

Johnny war schon auf der Treppe.

 

 

6

Ein langer Staubmantel umhüllte den hageren Reiter. Das Gesicht war unter dem breitkrempigen Stetson nur ein Schattenfleck. Das Pferd trat mit dem rechten Hinterhuf nicht richtig auf. Ein Gewehr steckte im Sattelfutteral. Daneben hing die zusammengerollte Treiberpeitsche.

Johnny löschte die Lampe in der Halle. Dann stellte er sich neben den Türpfosten. Der Viehdieb zügelte das Pferd bei den Männern vor Jackman’s Palace. Laternenschein umgab ihn. Sanderson sprach mit ihm. Sie kannten sich offenbar.

Tür und Fensterläden des Saloons blieben zu. Der Rustler stieg ab. Einer der Umstehenden führte das lahmende Tier hinter das Gebäude. Es dauerte eine Weile, bis er mit einem anderen zurückkam, Johnnys Wallach. Er trug den Sattel des Viehräubers samt Gewehrfutteral, Deckenrolle und Peitsche.

Johnny Sundays Augen funkelten. Das Dröhnen der mehr als tausend Rinderklauen war schon weit entfernt. Der Bandit musste am Hotel vorbei, wenn er die Herde einholen wollte. Johnny huschte über die Veranda. Die Dunkelheit verschluckte ihn.

Vor dem Palace schwang der Hagere sich aufs Pferd. Es stampfte und tänzelte. Straffe Zügel und scharfe Sporen brachten es zur Räson. Rau auflachend galoppierte der Viehräuber die Straße hinab. Sein Mantel flatterte. Staub umwehte die Zurückbleibenden.

Am Ortsausgang wich der Reiter einem verfallenen Ziehbrunnen aus. Eine dunkle Gestalt schnellte hervor.

Katzenhaft landete Johnny hinter dem Rustler. Ein Colthieb ließ den Mann nach vorn sinken. Der Braune blieb stehen, drehte den Kopf und wieherte leise.

Johnny grinste. »Klar doch, ich bin’s.«

Er saß ab, lud sich den Bewusstlosen auf die Schulter und deponierte ihn bei der Brunnenmauer. Als er gleich darauf wieder im Sattel saß, trug er Stetson, Mantel und Halstuch des nunmehr gefesselten und geknebelten Mannes. Keine Müdigkeit war ihm anzumerken. Er tätschelte den Wallach.

»Dann wollen wir mal, Amigo.«

Fünf Minuten später ritt er auf der Herdenfährte. Die Mondsichel verschwand nun mehr ab und zu hinter einer Wolke. Sterne blinkten. Auch im Finstern hätte Johnny die Richtung nicht verfehlt. Das wieder lauter werdende Grollen und der noch in der Luft hängende Staub wiesen sie ihm. Nicht lange, dann sah er in der fahlen Nacht das Gewoge der Rinderrücken und hörnerbewehrten Schädel vor sich. Peitschen knallten. Mindestens acht Reiter trieben die Herde.

Johnny holte auf, den Stetson tief in der Stirn, die Bandana zum Schutz gegen den Staub über Mund und Nase geschoben. In der Linken hielt er die Zügel, in der Rechten die Rinderpeitsche. Der Mantel erschwerte es, schnell genug an den Sechsschüsser zu kommen. Doch der Staub, den die Longhorns aus dem trockenen Prärieboden stampften, verwischte alle Konturen.

Johnny schwang die Peitsche, als die Herdennachzügler vor ihm auftauchten.

»Da bist du ja wieder, Clem! Kein schlechter Gaul, den du da eingetauscht hast.«

»Stimmt« Das Staubtuch dämpfte Johnnys Stimme. Er nutzte die Gelegenheit und jagte einem plötzlich ausbrechenden Jungtier nach. Der Braune reagierte auf Knie und Schenkeldruck.

»Hast du deine Sporen mit dran gegeben, Clem?«

Der Kerl war ihm gefolgt Johnny wendete halb. Dabei deutete er mit dem Peitschenstiel auf die Satteltasche. Auch der andere trug ein Halstuch vorm Gesicht. Sein Lachen klang rissig.

»Verträgt der Kamerad sie nicht?«

Johnny hustete. Der Stier wollte wieder davon. Geschickt drängte Johnny ihn ab. Der andere bekam Arbeit mit einem zurückbleibenden Rudel bockiger Kühe. Die übrigen Treiber kümmerten sich nicht um Johnny. Sie hätten es nun nicht mehr eilig.

Johnny vermutete, dass die Grenze von Maxwells Ranchgebiet schon hinter ihnen lag. Er hielt sich nah an der Herde, möglichst im dichten Staub.

Die Longhorns trotteten mit gesenkten Schädeln. Die Rippen zeichneten sich unter dem Fell ab. Es würde einige Zeit dauern, bis sie sich vom langen Trail erholten. Johnny kannte das Brandzeichen, einen Kreis mit Querstrich. Es gehörte einem bekannten Rancher in der Gegend um San Antonio, Texas.

Die Mondsichel sank zum Horizont. Plötzlich preschte ein Reitertrupp über eine Bodenwelle. Gewehrläufe glänzten. Johnnys Hand fuhr unter den Staubmantel.

»Maxwells Grenzreiter«, verstand er.

Die Herde zog weiter. Der Rustlerboss ritt der Kavalkade entgegen. Nach kurzem Gespräch kehrte er wieder an die Spitze der Rinderflut zurück. Es waren etwa sechshundert Tiere. Auf den Goldfeldern war jedes fünfzig Dollar wert. Die Maxwell-Reiter begutachteten sie. Johnny hätte gern die Seite gewechselt. Er musste so nahe an den Kerlen vorbei, dass er trotz der schwachen Helligkeit die Bartstoppeln auf ihren Gesichtern sah. Plötzlich rissen sie die Gäule herum und stoben davon.

»Angeber!«, schnaubte Johnnys Vordermann.

Der Himmel im Osten färbte sich rosig. Johnny fragte sich, wie nahe die Rustler wohl die Herde an Maxwells Ranch heranbringen würden. Da entdeckte er die Umrisse klotziger Gebäude im flachen Grasland.

Ein Windbrunnengerüst überragte sie. Pferde tummelten sich in den weitläufigen Korrals. Die Kuppen der Smokey Hills waren noch zehn Meilen entfernt.

Johnnys Kehle wurde trocken. Nun gab’s kein Zurück mehr. Die Helligkeit nahm zu.

Eine Meile vor der Ranch schwenkten die Treiber zum Clearwater River. Er beschrieb hier einen Bogen. Seine Oberfläche glitzerte. Die Sonne ging auf. Durstig drängten die Longhorns zum Wasser. Der stämmige Viehräuberboss zog die Bandana herab. Ein dunkler Bart umrahmte das kantige Gesicht.

»Hank, Slim, ihr begleitet mich zu Maxwell! Wollen mal hören, wie viel er diesmal ausspuckt« Den anderen versprach er: »Ich schick euch Maxwells Koch mit dem Frühstück.«

»Er soll ein paar Flaschen Feuerwasser mitbringen, und zwar von Maxwells bestem.«

Alle lachten. Sie entledigten sich ebenfalls der Staubtücher. Nur Johnny »vergaß« es. Unauffällig hielt er Abstand. Sein Wallach stand zwischen den Rindern im Fluss und soff. Johnny knöpfte den Mantel auf. Der Kolben des 44ers an seiner linken Hüfte lugte hervor. Mit brennenden Augen sah er den Davonreitenden nach.

 

 

7

Der Sheriffstern blinkte an Sandersons schwarzer Anzugjacke. Ruhig betrat er den Saloon. Tür und Läden waren offen, das Schild über dem Eingang ausgewechselt.

»Kansas-Palace« hieß es darauf. Kein Staub lag mehr auf dem Boden. Tische und Theke glänzten. An den Wänden prangten die Papierblumengirlanden.

Großzügig hatte die Queen die beiden fleißigen Helfer mit je einer Zigarre fortgeschickt. Nun thronte sie am Tisch neben der Treppe, gepudert und geschminkt und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, dass sie die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte.

Gähnend stand Sally-Sue hinter der Theke. Juanita übte mit den Wurfmessern. Zwei steckten in der an einen Pfosten gehefteten Spielkarte.

Sandersons Begleiter prallten zurück, als sich das dritte neben ihnen in den Türrahmen bohrte. Kichernd zog die Mexikanerin ein weiteres aus dem Ärmel. Joshuas dunkles Gesicht und die Doppelmündung der Parker zeigten sich in der Küchentür.

»Bleibt, draußen!«

Sanderson durchquerte den Raum. Joshua hantierte wieder in der Küche. Kaffeeduft breitete sich aus. Die Queen brummte: »Komm nach dem Frühstück wieder, wenn du was von mir willst.«

Sanderson setzte sich trotzdem ihr gegenüber.

»Die Lage hat sich geändert, nachdem Sunday floh.«

»Das bezweifle ich, du bestimmt auch.« Sie schob das Kinn vor. »Außerdem kann ich recht gut selbst auf mich aufpassen.«

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738945300
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v934474
Schlagworte
kansas-queen

Autor

Zurück

Titel: Die Kansas-Queen