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Redlight Street #143: Typen, die das große Geld bringen

©2020 114 Seiten

Zusammenfassung


Max ist nicht schwul, trotzdem arbeitet er als Strichjunge. Irgendwie muss man ja Geld zum Leben haben und eine geregelte Arbeit ist nichts, womit Max sich anfreunden mag. Eines Abends bittet ihn ein Fremder an seinen Tisch. Fred will reden, und schon bald erkennt Max, dass er einen der großen Luden vor sich hat. Fred sucht einen Nachfolger für sein Unternehmen und will Max in die Lehre nehmen. Dieser stellt sich nicht dumm an, aber er ist gierig, und ungeduldig. Als Fred ihm vertraut und Max einen tieferen Einblick in die Machenschaften von Max erhält, glaubt er, dass seine Stunde geschlagen hat.

Leseprobe

Table of Contents

Typen, die das große Geld bringen

Copyright

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Typen, die das große Geld bringen

Redlight Street #143

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

 

Max ist nicht schwul, trotzdem arbeitet er als Strichjunge. Irgendwie muss man ja Geld zum Leben haben und eine geregelte Arbeit ist nichts, womit Max sich anfreunden mag. Eines Abends bittet ihn ein Fremder an seinen Tisch. Fred will reden, und schon bald erkennt Max, dass er einen der großen Luden vor sich hat. Fred sucht einen Nachfolger für sein Unternehmen und will Max in die Lehre nehmen. Dieser stellt sich nicht dumm an, aber er ist gierig, und ungeduldig. Als Fred ihm vertraut und Max einen tieferen Einblick in die Machenschaften von Max erhält, glaubt er, dass seine Stunde geschlagen hat.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Der Zuhälter Max war ein ausgekochter Bursche, hart, gemein und brutal. Sein Lebenslauf war einmalig. Schon früh war er von dem Wahn besessen, reich zu werden, sehr reich sogar. Und er versuchte erst gar nicht, diesen Traum durch redliche Arbeit zu verwirklichen. Das war viel zu anstrengend. Er ließ sich nicht bluffen. Alle seine Vorbilder arbeiteten nicht und warfen nur das Geld zum Fenster hinaus.

Diese Ideale waren Zuhälter von Hamburg, Berlin, Bremen, München und anderen Städten. Am Anfang seiner Laufbahn war er getingelt, hatte sich sozusagen den frischen Wind um die Nase wehen lassen. Sogar in Paris war er gewesen. Aber dort hatte man ihn krankenhausreif geschlagen, als er versucht hatte, einem Zuhälter eine Dirne abzuwerben, ohne diesem Bescheid zu geben. In Paris durfte er sich nicht mehr blicken lassen.

Zu Anfang seiner Laufbahn hatte er ganz klein anfangen müssen. Wie so viele vor ihm, war er zunächst als Strichjunge losgezogen. Jeder, der nicht reich geboren war, musste klein anfangen. Als Strichjunge war er nicht schlecht, aber kalt und gemein gewesen; und die Männer fürchteten ihn bald. Er musste sich immer neue Kunden suchen. Dabei war er auf Fred gestoßen. Fred war Zuhälter. In einer Kneipe in Hamburg lernten sich die beiden kennen. Obwohl dieser Fred jetzt reich war, konnte er sich nicht aus seinem alten Milieu lösen. Er kam immer wieder hierher, obwohl er eine luxuriöse Wohnung besaß und ein Superauto.

Max war auf Werbung ausgewesen, denn er hatte nur noch ganze zwei Mark in der Tasche, und sein Magen knurrte. In Fred hatte er einen zahlungskräftigen Kunden gesehen. Also sprach er ihn an. Fred hob müde die Augen und sagte: »Setz dich, erst will ich dich mal beschnuppern.« Fred hatte gar nicht die Absicht, mit ihm zu gehen. Er war kein Homosexueller; er ekelte sich davor. Außerdem konnte er sich mit Mädchen vergnügen, so oft und so lange er wollte.

Max fühlte sein Barometer schon sinken. Wenn man vorher erst lange reden musste, ging das von der Zeit ab. Dann musste man oft bis zum frühen Morgen Geld ranschaffen. Vielleicht sollte er in eine dieser Homobars gehen. Aber die Leute dort zahlten meistens nicht; sie sagten, es wäre echte Liebe. Aber im Augenblick hatte er keinen anderen Fisch an der Angel, also setzte er sich.

Max wusste nicht, dass Fred ein Zuhälter war. Noch war er nicht direkt mit den großen Bossen in Berührung gekommen. Dass dieser Mann ein großer Boss war, glaubte er schon gar nicht. Denn er wusste, die führten sich ganz anders auf.

»Hast du Hunger?«, fragte Fred.

Max schluckte. Er hatte es nicht gern, wenn andere ihn gönnerhaft behandelten. Am liebsten wäre er jetzt aufgesprungen und fortgegangen. Aber der Magen knurrte mörderisch, und er hatte schon schwarze Ringe vor den Augen.

»Ja«, presste er zwischen den Lippen hervor. »Kannst es ja abziehen.«

Fred runzelte die Stirn. »Wovon abziehen?«

»Gehen wir denn nicht beide?«

»Ach so«, grinste Fred, schnippte nach dem Kellner und bestellte das Tagesgericht. »Aber dalli. Und Bier und die Schnapsflasche bring auch gleich mit.«

Der Kellner schlurfte davon. Wenig später standen zwei Flaschen Bier, eine mit billigem Fusel und die Gläser dafür auf dem Tisch. Gierig griff Max zum Bier, goss es in ein Glas und wollte trinken.

»He, nicht so eilig! Hier, dein Schnaps.«

Fred sah ihn verblüfft an.

»Wieso das denn nicht?«

»Ich kann ihn nicht vertragen. Außerdem, wer damit anfängt, der kommt zu nix.«

»So«, grinste Fred und kippte das erste Gläschen hinunter. »Du willst also zu was kommen?«

»Ja«, sagte Max wütend. Der Mann ging ihm langsam auf die Nerven.

»Als Strichjüngling?«

Unwillkürlich ballten sich die Hände des jungen Mannes. Fred sah es, grinste herablassend und meinte gönnerhaft: »Ich will dir mal was sagen, Früchtchen: So darfst du schon mal gar nicht anfangen. Ja, lass deine Pfoten gefälligst ruhig auf dem Tisch liegen, sonst bist du vielleicht schneller hinüber als du denkst, kapiert?«

»Wieso?«, fragte Max unsicher.

»Das verträgt nicht jeder. So manch einer von uns ist schnell mit dem Ballermann, verstanden? Er fühlt sich angegriffen, baff, baff, und du hast ein paar Löcher mehr im Bauch als es für dich gesund ist.

Max schluckte.

»Du musst dir eines merken«, belehrte der Lude ihn weiter. »Wenn man so jung ist wie du, und dazu noch ganz unten herumkriecht, dann darf man keine großen Töne spucken. Du gefällst mir, vielleicht nehme ich dich in die Lehre. So einen wie dich kann ich immer gebrauchen.«

Max rang nach Luft und war sprachlos.

»Für eine Lehre bin ich zu alt. Ich bin zwanzig.«

»Hab dich für neunzehn gehalten. Aber warum willst du nicht lernen? Ich denke, du willst reich werden?«

»Ja!«

Fred begann die Unterhaltung Spaß zu machen. »Hör zu, Jüngelchen, jetzt kapier ich. Du meinst, ich würde dir eine richtige Lehre anbieten?« Er kicherte. »Seh ich wirklich so aus?«

Das Essen kam, und der ausgehungerte Max stürzte sich darüber.

»Ich bin Lude«, sagte Fred. »Wenn du willst, kannst du mein Gehilfe sein. Dreitausend für den Anfang; dafür musst du aber auch alles tun, was ich dir sage.«

Max hatte eine Kartoffel aufgespießt und schaute seinen zukünftigen Brötchengeber über die Gabel hinweg an.

»Hilu?«, fragte er gedehnt

»Hast du vielleicht gedacht, man wird gleich Lude? Nee, mein Lieber, das schlag dir mal aus dem Kopf. Was glaubst du, wie viele Hilus hier in Hamburg rumlaufen, und wie viele wirkliche Zuhälter es gibt. Von den miesen kleinen Typen, die nur eine Puppe laufen haben, gar nicht zu sprechen. Wenn ich mich nicht irre, dann willst du ganz groß ins Geschäft steigen.«

»In Paris gibt es einen, der hat hundertfünfzig laufen«, sagte Max.

»Schau an, da bist du auch schon gewesen.«

»Ha, und ich hab gedacht, der hätte die Übersicht verloren und wollte mir eine von denen an Land ziehen.«

Fred lachte. »Du bist wirklich noch ein naives Früchtchen. Ich sehe schon, dich muss man erst einmal in die Mangel nehmen.«

»Ich kann sehr wohl auf mich aufpassen.«

»Natürlich«, sagte Fred sanft. »Natürlich, aber wenn du ein großer Lude werden willst, da gehört ne ganze Menge dazu. Oder bist du lieber Strichling? Brauchst es mir nur zu sagen. Aber mach dir keine Hoffnungen. Ich bin kein Kunde, damit wir uns verstehen. Aber die Zeche bezahle ich selbstverständlich.«

Max starrte in das leere Bierglas. Dreitausend im Monat hatte er gesagt. Dafür brauchte er nicht zu arbeiten, nicht hinter jedem Mann herzulaufen, brauchte sich nicht mehr anschimpfen zu lassen. Er bekam pünktlich sein Geld und hatte sein gutes Auskommen für den Anfang.

Max dachte weiter: Wenn er mich wirklich als Hilu einstellt, dann kann ich in der Tat eine ganze Menge lernen. Dann weiß ich, wie es die großen Bosse machen und seh genau hin. Und wenn meine Stunde geschlagen hat, dann bin ich einer von ihnen. Die werden sich wundern!

»Viele versuchen, groß zu werden, fallen aber immer wieder hin. Es ist nicht einfach, und ich warne dich.«

Max presste die Zähne zusammen.

»Ich werde es schaffen«, sagte er verbissen.

»Ich glaube tatsächlich, du hast das Zeug in dir. Du bist ein ganz Eisenharter, wie?«

»Ja«, antwortete er.

Fred sagte: »So sind wir uns also einig?«

»Gut, ich bin einverstanden.«

»Fein. Ich werde dich ausbilden, suche schon lange einen prima Burschen, auf den ich mich verlassen kann. Aber das sage ich dir gleich: Wenn du versuchst, mich zu hintergehen, schieß ich dich über den Haufen. Hast du mich verstanden?« Freds Stimme war jetzt kalt und hart.

Für einen Augenblick fühlte Max einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Die großen Zuhälter erlaubten sich alles. So mancher ungeklärte Mord kam auf ihre Kappe. Er wusste, er würde es wirklich tun, nicht er selbst, sondern seine Leute.

»Ich werde dich nicht hintergehen; ich will ja was lernen.«

»Gut, dann komm mit. Das heißt, wenn du noch Hunger hast, dann bestell ich noch mehr.«

»Ich bin satt.«

Fred warf einen Schein auf den Tisch.

Zuhälter waren immer großzügig. So leicht wie sie das Geld verdienten, so leicht gaben sie es auch aus. Der Kellner katzbuckelte, bis sie an der Tür waren. Max dachte: Eines Tages werden sie vor mir den Rücken krumm machen, das schwöre ich.

Draußen stand Freds Auto, unscheinbar. Schon wollte Max glauben, dass dieser nur angegeben hatte, gar nicht so betucht war, wie er vorgegeben hatte. Dann sah er den Fahrer. Also, einen Fahrer hatte er. Naja, man konnte es sich ja mal ansehen. Ich kann ja noch immer aussteigen, wenn es mir nicht passt, dachte der Strichjunge.

Sie fuhren kreuz und quer durch die Stadt. Er wusste bald gar nicht mehr, wo sie sich befanden. Endlich hielten sie vor einem großen Gebäude. Er sah hinauf und konnte in der Dunkelheit das Dach nicht erkennen.

Später erfuhr er, dass Fred ein Penthouse auf einem Hochhaus besaß. Und was für ein Kasten das war, mit allen Schikanen versehen! Wie der eingerichtet war! Max ging wie im Traum durch die weiten Räume, sah dabei immer wieder Fred an und fragte sich: Wieso hält er sich in diesen schmierigen Kneipen auf, wenn er so vornehm lebt?

Fred schien seine Gedanken erraten zu können. Er sagte kichernd: »Weißte, das ist so eine Art Geburtsfehler bei mir. Meine Alte war versoffen. Als Junge hab ich sie immer in solchen Kaschemmen suchen müssen. Ich kann mich einfach nicht davon lösen. Das war damals mein Zuhause, kapiert? Es zieht mich immer wieder hin.«

Nee, dachte Max, wenn ich mal reich bin, dann wird mich nichts mehr an meine miese Jugend erinnern. Dann werd ich nur so vor Geld stinken und auf vornehm tun. Nee, so dumm wie der Fred werd ich nicht.

»Wenn du willst, kannst du bei mir wohnen. Das ist praktischer, dann hab ich dich immer zur Hand.«

»Hast du noch mehr für dich laufen?«

»Was denkst du denn! Aber die haben kein Hirn im Kopf, kapiert. Die können nicht denken, sind wie Automaten. Man wirft ihnen ein paar Knochen hin, darüber raufen sie sich und geben dann wieder Ruh. Aber ich brauch einen, auf den ich mich wirklich verlassen kann, der mitdenkt, verstanden? Ich kann ja nicht überall sein.«

»Gut, dann zeig mir deine Garde.«

Fred drückte auf einen Knopf, und seine vier Schläger erschienen. Sie waren hochrot im Gesicht und glotzten Max an. Fred sagte verächtlich: »Das ist Max. Er gehört jetzt zu uns. Wenn er etwas sagt, dann ist es so viel, als wenn ich das sage, verstanden.«

»Aber Boss«, sagte der Zweimetermann.

Max schauderte. Die konnten einen Mann mit einer Hand umbringen. Er hatte sich wirklich eine imposante Schlägertruppe aufgebaut. Max überschlug blitzschnell, was die den Fred wohl kosten mochten. Und er sagte sich: Wenn ich mal so hoch gestiegen bin, dann mach ich das alles anders. Ich hab Köpfchen und brauch mich nicht mit solchen Figuren abzugeben. Dazu wird es bei mir nie kommen. Aber er hütete sich, Fred in dieser Richtung etwas zu sagen.

»Ich hab gesagt, es ist so, als wenn ich es gesagt hätte, verstanden! Ich kann nicht überall sein. Ich brauche jemanden, der fixer ist!«

»In Ordnung«, sagten die vier, starrten Max feindselig an, schwiegen aber.

»Trollt euch wieder, ich brauch euch nicht mehr!«

Dann waren sie wieder allein.

Max suchte sich ein schönes Gästezimmer aus und war mit seinem Leben im Augenblick sehr zufrieden. Die dreitausend Mark brauchte er nicht einmal für Miete und Essen anzulegen. Das bekam er gratis. Fred schwamm in Geld. In vielen Dingen war er nicht kleinlich; in einigen anderen schon, das sollte er mit der Zeit noch erkennen.

 

 

2

Am nächsten Abend.

»Hör zu, du wirst heute meine Miezen kassieren, verstanden? Bisher haben die vier Typen das immer gemacht, aber die sind wie Elefanten im Porzellanladen. Sie werden dich begleiten, damit man im Viertel Bescheid weiß, dass du für mich arbeitest. Später kannst du dann allein gehen. Verstanden? Sie werden dir auch meine Pferdchen zeigen.«

»Wie viele hast du denn?«

»Fünfzehn«, sagte Fred. »Aber es wird Zeit, dass ich meine Ware wieder auffrische. Drei stehen auf der Abschussliste. Ich muss mal sehen ...«

»Gut«, sagte Max, »hole ich also die Einnahmen.«

»Jetzt kannst du gehen und die Tagschicht abkassieren; so um vier Uhr dann die Nachtschicht.«

Er klingelte nach den vier Schlägern. Max protestierte. »Das ist ja die reinste Prozession! Kann mich denn nicht nur einer begleiten?«

»Hast auch recht«

Max suchte sich den dümmsten aus. Er hieß Günter und wirkte wie ein Mondkalb. Als sie unterwegs waren, fiel Max ein, dass er seinen Boss gar nicht gefragt hatte, um wieviel Geld er die Pferdchen erleichtern musste. Günter wusste das auch nicht, weil das immer der Klaus gemacht hatte. Also schon der erste Fehler, dachte er bei sich.

Wenn ich dem Alten jetzt zu wenig gebe, dann ist die Hölle los. Dann ist der gute Job zum Teufel.

Als sie im Strichviertel eintrafen, stand die Nachtschicht schon träge herum. Max witterte die Luft und sog sie gierig ein. Ja, das war sein Milieu! Hier würde er eines Tages seine eigenen Pferdchen ablöhnen. Schönes großes Geld holen, und das jede Nacht.

Günter führte ihn brav zu den Häusern. Die Tagschicht lag schon in den Betten und war nur schwer wachzukriegen. Aber Max war hart und kümmerte sich nicht um das Geschrei der »Lustschwalben«.

»He, was willst du denn hier? Lass deine dreckigen Pfoten von dem Zaster, oder ich schlag dir ein paar aus!«, schrie eine alte Dirne.

»Halts Maul, Fred schickt mich. Also her mit den Flöhen!«

Sie steckte ihm zweihundertfünfzig Mark zu.

Er starrte sie an.

»Ist das vielleicht alles?«, fragte er sanft.

»Ja!«, kreischte sie. »Was glaubst du, wie schwer das ist. Ich hab nicht mehr!«

»Hör zu«, sagte er sanft, »damit geh ich nicht weg. Du gibst mir auch noch den Rest, und wir vergessen es. Verstanden, du Schreckschraube!«

»Ich hab nicht mehr!«, schrie sie los.

»Nein?«

Seine Stimme war seidenglatt. Blitzschnell hatte er sich nämlich überlegt: Fred hat sie sicher nicht auf krumme Summen gesetzt. Diese Dirne musste garantiert dreihundert abliefern. Und jetzt wollte sie ihn reinlegen, weil er neu war.

Sie schrie und tobte wie ein Stier. Langsam löste Max seinen ledernen Gürtel von der Hose. Als die Dirne das sah, wurde sie schneeweiß; und plötzlich lag noch ein Fünfziger auf dem Tisch.

»Warum nicht gleich«, sagte er.

Sie schluchzte. »Ich brauch auch Geld. Sieh mal, wie ich ausseh. Ich muss zum Friseur und mir neue Klamotten kaufen. Ich seh scheußlich aus.«

»Dann verdiene mehr! Andere stehen so lange, um sich das alles leisten zu können. Niemand sagt dir, dass du nur so kurz stehen sollst! Und ich geb dir noch einen Rat gratis: Wenn du dich nicht bald änderst, dann fliegst du!«

Entsetzt starrte sie ihn an.

Für die Biene hieß das dann, sie landete in der Gosse. Jetzt hatte sie noch ein Zimmer und bekam Essen und Trinken. Das alles bezahlte Fred, der Zuhälter. Aber wenn sie rausgeworfen wurde, dann war sie am Ende. Das wusste sie genau.

»Jetzt werd ich alles tun.« Sie klammerte sich an Max fest. »Du sagst es auch Fred, ja? Ich steh jetzt immer so lange, bis ich die Flöhe zusammen hab.«

Verächtlich sah er die alte Dirne an. »Deine Zeit ist bald rum, und das hast du selbst verschuldet.«

Jammernd brach sie zusammen.

So suchte er die sieben Tagschichten auf. Sieben Mädchen arbeiteten am Tage. Also waren sie nicht mehr so gut wie die »Starpferdchen«. Die übrigen sechs standen auf vierhundert Mark, und somit hatte er in gut einer Stunde 2.700, DM kassiert. Max leckte sich über die Lippen. Dann kam ja auch noch die Nachtschicht an die Reihe; aber die stand ja jetzt erst draußen. Er fragte Günter, was die anderen in der Zwischenzeit gemacht hätten.

»Wir sind immer saufen gegangen«, sagte er großartig. »Dabei vergeht die Zeit ziemlich schnell.«

»Und wo seid ihr hingegangen?«

»An der Ecke, das ist eine prima Kneipe, ehrlich. Da ist immer was los.«

»Gehen wir also hin.«

Max sollte sehr schnell herausfinden, dass es eine ziemlich üble Kneipe war. Dort hielten sich die kleinen miesen Strichjungen, deren Freier, sowie kleine Möchtegernluden auf. Und sie machten ziemlich viel Krawall. Zwischenzeitlich kam auch mal ein Nüttchen herein, wärmte sich an Kaffee und Schnaps auf und verschwand wieder, weil sie den Kolleginnen das Feld nicht allein überlassen wollte.

Je später die Nacht wurde, um so mehr andere Luden kamen; die mit den feinen Anzügen, den wertvollen Kettchen und den großen Ringen. Ein Zuhälter, der etwas auf sich hielt, kam immer piekfein angezogen. Das hatten die Mädchen gern. Je toller der Lude, um so mehr Ansehen hatte sein »Pferdchen« im Viertel. Dass die Dirnen sich zum Teil dafür kaputt machten, daran dachten sie immer erst, wenn es zu spät war; wenn der Lude alles aus ihr herauspressen wollte und sie nicht mehr so konnte. Dann spätestens merkte sie, was für einen Parasiten sie sich da an Land gezogen hatte.

Max trank nur sein Bier, hielt sich im Hintergrund auf und hörte schweigend den Gesprächen zu. Er beteiligte sich nicht, dazu war er zu klug. Aber es dauerte nicht lange, bis er trotzdem auffiel. Diese blasierten Jünglinge, die ein, höchstens zwei Mädchen laufen hatten, drehten sich zum Wirt um und fragte ihn:

»Wer ist denn die Flasche da hinten in der Ecke? Vielleicht ein Spitzel der Bullen?«

Schon sah Max, wie sich die Augen verengten, und ein paar von ihnen griff, wie zufällig, unter die Jacke. Er wusste, jeder von ihnen hatte eine Kanone, nach den Papieren durfte man sie aber nicht fragen.

Der Wirt zuckte die Schultern und sagte nur: »Ich hab ihn hier noch nicht gesehen. Aber wenn er wirklich ein Bulle ist, dann lasst ihn in Frieden; ich will keinen Ärger, verstanden, sonst fliegt ihr!«

»In Ordnung, sehen wir ein. Aber wir müssen trotzdem wissen, was der Kerl hier will.«

Sie kamen auf ihn zu, zu fünft. Er dachte: Allein haben sie keinen Mut. Aber er vergaß dabei, dass er selbst genauso ein Feigling war, und sich nur sicher fühlte, wenn er ein Messer oder ein Schießeisen in der Tasche hatte.

Alle Zuhälter waren Feiglinge; auf einen echten Kampf ließen sie es nie kommen. Deswegen hielten sich die meisten Luden ja auch eine Schutzgarde. Sie mussten ja jederzeit mit einem Angriff rechnen.

Max fühlte seine Zunge pelzig werden. Er hatte das Geld in der Tasche. Wenn sie ihn jetzt filzten, dann würde Fred möglicherweise nicht glauben, wie es wirklich gewesen war. Seine Augen suchten den Ausgang, aber den hatten sie ihm wohlweislich versperrt. Er saß also in der Falle!

Da schob sich etwas näher, brach eine Gasse zwischen den Zuhältern.

»Was geht hier vor, Max?«

Er war wirklich erleichtert, Günter vor sich zu sehen. Im ersten Schrecken hatte er ihn völlig vergessen. Gleich beim Eintritt in die Kneipe war dieser zu den Spielautomaten gegangen.

»Misch du dich nicht ein!«, sagten die Luden. Es war nicht unfreundlich gemeint, sondern ausgesucht höflich, denn sie kannten Günter, und zweitens wussten sie, dass seine Kumpel sich meistens in der Nähe aufhielten. Und die waren als Schläger gefürchtet. Und drittens wollten sie sich nicht mit Fred an legen.

»Lasst mir den Burschen in Ruh!«, warnte Günter. »Oder ich erzähl dem Boss mal ein Märchen.«

Sie runzelten die Stirn. »Kennst du ihn?«

»Klar doch. Ich begleite ihn, er ist jetzt unser Abkassierer, kapiert.«

Sie starrten Günter an. Max bemerkte, dass sie irgendwie enttäuscht waren. Sie hatten sich wohl schon darauf gefreut, ein wehrloses Opfer gefunden zu haben. Einer von ihnen sprach mit kühlem Kopf und beschwörenden Gesten: »Freut euch, dass er kein Bulle ist; also lassen wir ihn. Mit Fred ist nicht gut Kirschen essen.«

Zwei von ihnen wandten sich ab. Die übrigen drei sahen Max missmutig an und meinten: »Kannst dich freuen.«

Der Eiskloß in Maxens Hals löste sich. Eine unbändige Wut erfüllte ihn. Das dürfen die nicht noch einmal tun, dachte er zornig, dann bin ich schneller.

»Das ist mir ja ein schöner Saftladen!«, sagte er verächtlich. »Hier kann man noch nicht mal in Ruhe sein Bier trinken!« Und wütend warf er dem Wirt das Geld hin.

Dieser wollte ihn beschwichtigen.

»Ich werde Fred davon Mitteilung machen.«

Der Wirt starrte ihn ängstlich an.

Als er auf der Straße stand, atmete er tief durch. Diese Kerle, dachte er wütend, denen werde ich irgendwann zeigen, wo es langgeht.

Noch war es zu früh, um die Mädchen abzukassieren. Also was tun? Günter war ärgerlich, dass er nicht mehr zurückgehen konnte. Max schlug einen Gang in die nächste Bar vor.

»Das ist verdammt teuer«, maulte der Leibwächter.

»Los, komm schon! Sollst dich da ja auch nicht volllaufen lassen.«

In der Bar wurde gerade ein Striptease gezeigt. Max besah sich das Mädchen und dachte: Die ist wirklich nicht übel. Mit so etwas muss man anfangen, ganz groß ins Geschäft steigen. Wenn ich erst einmal Geld habe, dann werden sie mich schon fürchten, wenn sie nur meinen Namen hören.

Gegen Morgen ging er, den übrigen acht Dirnen das Geld abzunehmen. Ihr Soll stand auf fünfhundert Mark, und er hatte mit einem Schlag viertausend Mark zusammen. Mit den zweitausendsiebenhundert der Tagschicht ergab das eine Summe von sechstausendsiebenhundert Mark. Er leckte sich schnell über die Lippen. In einer Nacht hatte er so viel Geld kassiert! Das war einfach umwerfend! Erregung erfasste ihn. Ihm wurde richtig schlecht, wenn er daran dachte, welche Summe das in einem Monat ergab. Unfassbar! Das in einem einzigen Monat? Das war einfach ungeheuerlich.

 

 

3

Er zählte Fred das Geld vor, auf Heller und Pfennig. Dabei versäumte er nicht, von der faulen Dirne zu berichten, die ihn um fünfzig Mark hatte betrügen wollen. Fred sollte sehen, wie gut er war. Auch den Zwischenfall in der Kneipe ließ er nicht unerwähnt.

Fred saß träge in seinem Sessel und sah ihn müde an.

»Hör zu«, sagte er nur, »wenn du einen Privatkrieg haben willst, ist das deine Sache. Ich misch mich da nicht ein.«

»Aber sie wollten mich angreifen! Sie hätten mir das Geld abgenommen!«

»Nicht, wenn du gleich gesagt hättest, dass du mein Diplomat bist. Also merk dir das. Es ist eine Art Freibrief. Wenn du das gesagt hast und sie dich dann trotzdem angreifen, wird das gerächt.

Doch normalerweise halte dich aus solchen Sachen heraus. Das sieht dumm aus und zieht uns außerdem die Bullen auf den Hals, kapiert?«

Er hatte so fest damit gerechnet, dass Fred sich rächen, den anderen zumindest ein klein wenig die Meinung geigen würde. Das passte ihm gar nicht.

»Liesa hast du also die fünfzig Eier aus der Nase gezogen?«

»Ich hab gespürt, dass sie mehr hatte.«

»Natürlich«, sagte Fred. »Sie alle haben mehr. Über Soll, kapiert? Aber das brauchen sie auch für sich. Wie soll sie jetzt den Friseur bezahlen?«

Max starrte ihn sprachlos an. »Bist du nicht mit mir zufrieden?«

Fred sagte: »Eine Dirne muss immer proper aussehen, sonst beißt keiner an. Wenn ich sage: Ich putze sie vom Fenster, dann putze ich sie, verstanden? Solange wird gemacht, was ich sage. Ich hab noch kein frisches Mädchen, also wird sie bleiben. Ich zahl nicht umsonst.«

»Bezahlen?«

Fred grinste ihn höhnisch an. »Du hast dir also Gedanken gemacht über das viele Geld. Ist es nicht so? Jetzt denkst du, das nehme ich mir alles, ja? Aber dass ich auch Ausgaben habe, daran hast du wohl noch nicht gedacht, wie?«

»Zimmermiete«, sagte Max schnell.

»Merke dir: Wenn ein Mädchen im Haus untergebracht ist, dann musst du pro Nacht zahlen; und wenn es dort auch noch verpflegt wird, wie meine Mädchen, dann bezahl ich täglich dafür hundert Eier pro Nase. Also, die gehen schon mal ab. Dazu kommen die Krankenhauskosten. Es wird immer mal wieder eine zusammengeschlagen von Freiern, oder wird auch mal anders krank. Wenn sie eine gute Nutte ist, bezahl ich das und das Zimmer weiterhin.

Ich muss das tun, sonst nimmt man mir das Zimmer weg. Darauf warten die anderen Luden ja nur. Wenn ihre Mädchen drin sind, dann können sie doch mehr verlangen, als wenn sie unter der Laterne stehen. Für die Miete allein zahle ich im Monat 45.000. Dann die Kosten für Krankenausfall, das macht im Monat so um die fünftausend Mark. Dann die Gehälter nicht zu vergessen, die Schmiergelder, die Wagen und vieles mehr. Dann muss ich ja auch Steuern zahlen. Du hörst nicht falsch; so ist es, mein Lieber. Natürlich bleibt noch ein hübsches Sümmchen übrig. Schließlich muss ich ja auch an mein Alter denken, Freundchen. Aber ich sage dir, wenn man dieses Geschäft mit den Nutten im großen Stil betreibt, dann muss man wie ein Geschäftsmann denken.«

Max war sprachlos.

Er hatte wirklich angenommen, das ganze Geld könnte er so einstecken. Er rechnete durch, was er gehört hatte und kam jetzt auf einen Rest von fünfzigtausend Mark im Monat. Das ist auch was, dachte er und biss die Zähne zusammen. Und ich krieg nur dreitausend.

Neid erfasste ihn. Schon jetzt wusste er, dass er nicht sehr lange Freds Laufbursche sein würde. Aufpassen, lernen, würde er. Wenn ich es dann kann, mach ich mich selbständig, schwor er sich.

»So, dann wollen wir jetzt erst einmal pennen. Nachher reden wir dann weiter.«

Fred ging aus dem Zimmer und war für ein paar Stunden nicht mehr zu sehen.

Max warf sich auf sein Bett und schlief gleich ein.

 

 

4

Am späten Nachmittag nahmen sie das Frühstück zu sich.

»Ein Lude ist ein Nachtmensch, also muss er sich auch umstellen. Wir sind eine andere Sorte Mensch, und außerdem von allen gehasst.«

Max dachte: Wenn man Fred reden hört, dann muss man denken, er würde eine Fabrik und keine Puffmädchen leiten. Wieso soll man ihn hassen? Der sieht doch aus, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun.

Nachdem er die Brötchen mit viel Kaffee hinuntergespült hatte, seine Leibwächter aßen für sich, denn sie hatten in seinen Augen keine Tischsitten, rief er Günter herein.

»Holt mir den schönen Alfons«, sagte er.

Günter sagte: »Wird gemacht, Boss.«

Max sagte: »Noch ein Angestellter?«

»Der ist nebenberuflich für mich tätig. Wird von Fall zu Fall bezahlt, verstanden.«

»Ach so. Und was muss er tun?«

»Er ist mein Lockvogel. Hast doch selbst gesagt, ich brauch frische Ware. Also kümmern wir uns mal darum. Dann kannst du gleich lernen, wie man vorgeht.«

Eine halbe Stunde später stand der »schöne Alfons« vor Fred. Er war ein Adonis, wie aus dem Bilderbuch. Wirklich eine Pracht von einem Menschen, und dazu wirkte er wie aus dem Ei gepellt und hatte hervorragende Manieren. Einfach eine Wucht.

»Mal wieder in Nöten?«, fragte er amüsiert.

»Du weißt, was ich haben will?«

»Was ganz junges?«

Fred sagte: »Ja, die lassen sich besser abrichten. Außerdem halten sie länger.«

Alfons sagte: »Im Augenblick wird meine Wohnung renoviert, ich kann sie bei mir nicht aufnehmen.«

»Dann bring sie hierher.«

Der Adonis sah auf die Uhr.

»Hmhm, sagen wir mal, in vier Stunden bin ich wieder zurück.«

»Gut«, sagte Fred.

»Damit wir uns verstehen, zwanzigtausend, klar?«

Fred fuhr auf: »Du bist wohl verrückt!«

»Ich hab dir bis jetzt immer frische und ausgezeichnete Ware geliefert. Ich muss mehr investieren, also muss ich auch meine Preise erhöhen.«

»Du bist ein ausgekochter Lude!«, schnauzte Fred ihn an.

Alfons zog die Augenbrauen hoch. »Ich kann sie ja auch Atte anbieten. Gestern noch hat er mich gefragt, ob ich nicht für ihn arbeiten wolle.«

»Du Schlange, das wirst du nicht tun!«

»Zwanzigtausend?«

»Wir reden darüber, wenn du die Ware geliefert hast«, sagte Fred.

Alfons verschwand mit einem Lächeln auf den Lippen.

Max sagte: »Ich hab kein Wort verstanden. Was soll er denn liefern?«

»Ein frisches, junges, knuspriges Mädchen.

Details

Seiten
114
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738944877
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
redlight street typen geld
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Titel: Redlight Street #143: Typen, die das große Geld bringen