Lade Inhalt...

Squawfänger

2020 124 Seiten

Zusammenfassung


Junge Indianerinnen und Mexikanerinnen sind die bevorzugte Beute um die Murphy-Bande. Verkauft werden die Frauen an den gewissenlosen Schiffskapitän Morrison. Bill Kirby, der von Morrison in den Dienst gepresst wurde, konnte fliehen und macht es sich zur Aufgabe, die Frauen vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Shaca, die Comanchenfrau, nimmt den Kampf auf ihre Weise auf.

Leseprobe

Table of Contents

Squawfänger

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

Squawfänger

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Junge Indianerinnen und Mexikanerinnen sind die bevorzugte Beute um die Murphy-Bande. Verkauft werden die Frauen an den gewissenlosen Schiffskapitän Morrison. Bill Kirby, der von Morrison in den Dienst gepresst wurde, konnte fliehen und macht es sich zur Aufgabe, die Frauen vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Shaca, die Comanchenfrau, nimmt den Kampf auf ihre Weise auf.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Silas Morrison – betreibt einen schwunghaften Handel mit Mexikanermädchen und Comanchensquaws.

Indianer-Tom Murphy – besorgt ihm den Nachschub.

Rance Laredo – wechselt einmal zu oft die Seite.

Bill »Bullhead« Kirby – findet den Job zum Dreinschlagen und setzt dazu vorzugsweise seine Harpune ein.

Shaca – ist als »Tochter des Falken« und Nemene-Frau mit erstaunlich vielen Tricks bei der Hand.

 

1

Zweige peitschten Ninteh. Ihr fransenverziertes Lederkleid verfing sich an einem Busch. Sie stürzte, richtete sich schwankend auf und hetzte weiter. Feuerschein glühte zwischen den Bäumen hinter ihr. Die Zelte am Clearwater Creek brannten. Die Schreie der Überfallenen gellten noch in den Ohren der jungen Comanchensquaw.

»Lasst sie nicht entkommen!«

Kugeln fetzten durchs Gestrüpp. Die Verfolger hielten absichtlich hoch. Sie wollten Ninteh lebend.

»Shaca!«, schrie Ninteh. Sie erhielt kein Lebenszeichen von der Schwester. Das Brechen der Zweige trieb sie weiter.

Der Waldstreifen am Creek lichtete sich. Wellige Prärie dehnte sich zum Horizont. Nebelschleier hingen über dem Grasmeer.

Drei Reiter jagten auf den Waldrand zu. Ninteh erkannte nur Umrisse. Zwei trugen Lederkleidung und Federschmuck, einer eine Büffelhornhaube. »Walking Buffalo «

Ihr Bruder war der Anführer der kleinen Schar, die vor zwei Wochen heimlich das Reservat verließen und ins einstige Stammesgebiet zurückkehrte. Mit zwei Kriegern war er auf die Jagd geritten. Am Abend zuvor hatten sie zurück sein wollen. Die Schüsse und der Feuerschein spornten sie zur Eile. Noch bemerkten Nintehs Verfolger sie nicht.

»Schwärmt aus!«, befahl der Anführer. »Raff, Colby, bleibt bei den Gefangenen!«

Dann tauchte ein bulliger, in Leder gekleideter Reiter seitlich von Ninteh auf. Sein Colt krachte.

»Da ist sie!«

Er sprang ab. Ninteh wandte sich nach rechts, durchbrach ein Dickicht und lief den Heimkehrenden entgegen.

Verzweifelt hoffte sie, dass auch Shaca entkam. Die Tritte und das Keuchen des Bulligen waren dicht hinter ihr. Sie schnellte über einen Graben und erreichte den Waldsaum. Die Reiter waren abgesessen. Lanze, Messer und Gewehr funkelten. Die Gestalten verschwammen vor den Augen der Squaw. Der Bullige im Lederanzug und mit der Fellmütze packte sie am Arm.

»Verdammtes Biest! Beinahe hätt‘ sie‘s geschafft.«

»Kaum.« Die vermeintlichen Indianer ließen die Waffen sinken. Grinsend nahmen sie die Perücken mit dem Federschmuck ab. Die Büffelhornhaube landete im Gras. Die Nebelschwaden rissen auf, die Sonne schien auf hartlinige Gesichter von Weißen. Kalte Augen musterten die zusammengesunkene Comanchin.

»Nicht übel, die Kleine. Morrison, der alte Halsabschneider, dürfte ruhig mal ‘ne Extraprämie hinblättern. Habt ihr alle?«

Weitere Reiter tauchten unter den Bäumen auf. Der Scout der Bande war ein dunkelhäutiger Mestize. Er trug Mexikanertracht.

»Ich sah fünf Squaws im Camp. Eine fehlt.«

»Sucht sie!«

»Ich bin hier.«

 

 

2

Der Mann, der die Büffelhornhaube weggeschleudert hatte, stand reglos neben dem Pferd.

Shaca bedrohte ihn mit seinem eigenen Colt. Sie war mittelgroß und schlank. Ein dünnes Stirnband hielt das blauschwarze Haar. Nicht sehr große, aber feste Brüste zeichneten sich unter dem Lederkleid ab. Das Gesicht mit den hohen Wangenknochen und funkelnden Augen war ausgesprochen hübsch.

Der breitschultrige Bandit verdeckte sie halb.

»Flieh, Schwester!«, rief Ninteh. Der Bullige umklammerte noch ihren Arm. Der Mestize duckte sich. Es sah aus, als würde er gleich schießen. Doch das Knacken des Colthammers bannte ihn.

»Gebt Ninteh frei, sonst stirbt er!«, forderte die Indianerin in fehlerlosem Englisch. Der Bullige fluchte. Dann wandten sich die verkniffenen Gesichter dem Anführer zu, der langsam heranritt.

Er war so groß und breitschultrig wie Shacas Gefangener. Sein Schädel war bis auf das von einer Lederschnur umwickelte Haarbüschel in der Mitte glattrasiert. Buschige Brauen, eine klobige Nase und breite Lippen beherrschten das Gesicht. Er trug ein rotes Hemd, Ledermanschetten mit Silbernieten, eine Wildlederhose, deren Seitennähte mit Indianerhaaren gesäumt waren, dazu kniehohe Mokassins. Der flachkronige Stetson mit dem Klapperschlangenhautband baumelte auf dem Rücken. Am Gürtel steckten Colt und Bowieknife. Der Kolben einer Winchester 73 ragte aus dem Scabbard. Das Pferd war ein stämmiger Rotfuchs. Narben bedeckten das Fell.

Der Atem von Gewalt umgab den Reiter. Die halb unter den Brauenwülsten versteckten Augen richteten sich abschätzend auf Shaca.

»Was willst du?«

»Du hast es gehört. Versuch nicht, mich abzulenken.«

Es klang furchtlos. Die 45er Mündung berührte den Rücken des Banditen. Der Anführer beugte sich vor. Die großen Hände ruhten auf dem Sattelhorn.

»Du übernimmst dich, Rothaut. Ich lass mir keine Gefangene abjagen, für die ich je dreihundert Bucks kassiere – dreimal soviel wie früher für den Skalp eines Kriegers. Die Zeiten sind leider vorbei, seit die Army euch rotes Pack in die Reservate verfrachtete. Wette, du hast schon von mir gehört. Ich bin Tom Murphy, besser als Indianer-Tom bekannt, der ehedem gefürchtetste Skalpjäger in Texas und New Mexico.«

»Ich höre einen Kojoten kläffen.«

»Gib nicht an, Rothaut. Wenn du Payle erledigst, bist du ebenfalls dran. Wäre schade um dein hübsches Dreihundert-Dollar-Fell.« Murphy lachte polternd. Die Rechte näherte sich dem Colt.

Shaca nahm mit der freien Hand die Zügel von Payles Braunem.

»Ich reite nicht ohne meine Schwester. Ich zähl bis drei, Squawfänger, dann schieße ich. Eins …«

Payle schwitzte. »Boss, die meint‘s ernst.«

»Ich auch.« Murphy grinste. »Pech für dich. Hättest dich nicht von ihr überrumpeln lassen dürfen. Glaubst du etwa, ich verzichte deinetwegen auf dreihundert Bucks?«

»Boss, ich …«

Der Colt lag plötzlich in Indianer-Toms Faust.

Shaca stieß den Breitschultrigen zur Seite. Murphys Kugel verfehlte sie, ebenso der zweite sofort hinterher gejagte Schuss. Sie tauchte unter dem Pferdebauch hindurch und feuerte zurück. Der Rückstoß prellte ihr fast die ungewohnte Waffe aus der Hand.

Der Braune stieg. Schon saß die drahtige Indianerin auf seinem Rücken. Murphy fluchte, als sie das Tier herumriss und das Blei erneut daneben hieb.

Gleichzeitig riss Ninteh sich los. Doch der Faustschlag des Bulligen warf sie ins Gras.

Shacas Kriegsschrei wurde vom Schmettern der Colts und Gewehre übertönt. Sie warf die Arme hoch und kippte seitwärts vom davongaloppierenden Pferd. Wütend hebelte der Scout die nächste Patrone in den Karabinerlauf.

»Lasst euch nicht täuschen!«

Sein Schuss pfiff knapp an dem Braunen vorbei. Shaca hing an der Flanke, eine Hand am Sattelhorn, einen Fuß im Steigbügel. Die Hufe schienen über den Grasteppich dahinzufliegen. Als die nächste Salve krachte, verschwand sie hinter einer Bodenwelle. Wütend stieß Indianer-Tom den Sechsschüsser in das Holster.

»Vasco, Kellond, Flynn, Stonley, bringt sie zurück!«

 

 

3

Die Zügel von Walking Buffalos Mustang hatten sich in einem Rotdornbusch verfangen. Das Gewehr und der mit magischen Zeichen bemalte Büffelhautschild hingen am hochbordigen Sattel.

Das Pferd begrüßte Shaca mit lautem Wiehern. Sie leinte es an Payles Braunem fest. Mit dem erbeuteten Sechsschüsser in der Hand folgte sie den Hufabdrücken durchs Arroyo. Die Sonne stand hoch über den grasbewachsenen Kämmen der Comanchen-Prärie. Der Sand im ausgetrockneten Flussbett glühte.

Shacas bronzefarbenes Gesicht wirkte angespannt. Das dumpfe Schaufeln der Hufe war das einzige Geräusch.

Dann verengte das Arroyo sich. Felsen und Dornengestrüpp bedeckten die Hänge. Geier stiegen mit schwerem Flügelschlag vor der Reiterin auf. Mit einem Ruck brachte sie die Pferde zum Stehen. Ihr Herz pochte heftig. Zwei leblose Gestalten lagen zehn Schritte vor ihr, daneben die von Kugeln gefällten Pferde. Ein Zittern überlief die junge Squaw, dann überwand sie sich und ritt zu ihnen.

»Yellow Hand, Lancebreaker«, flüsterte sie.

Von Walking Buffalo gab es keine Spur. Die Krieger hielten keine Waffen. Ahnungslos waren sie in die Falle der als Indianer verkleideten Banditen geritten. Shaca dachte an die Verfolger. Die Stille und Hitze um sie schienen sich zu verdichten.

»Walking Buffalo!«

Ihr Ruf verhallte. Der Schatten eines der Geier glitt über sie. Die Ungewissheit trieb sie zur nächsten Biegung. Wieder nichts. Trotz der Verfolger wollte sie umkehren und die Toten mit Steinen bedecken. Da begann weiter voraus eine kehlige Stimme einen gleichförmig an- und abschwellenden Gesang. Damit wurden die Geister im Jenseits beschworen und von den Taten eines großen Kriegers und Häuptlings berichtet: Walking Buffalos Sterbegesang.

Der Chief saß im Schatten an einem Felsblock. Seine Rechte umfasste das breitklingige Jagdmesser, die einzige Waffe, die er besaß. Die linke Schläfe war blutverkrustet. Ein großer, dunkler Fleck zeichnete sich auf dem Wildlederhemd ab.

Für einen Comanchen war er ungewöhnlich groß und athletisch. Er schien darauf gefasst, dass einer der Mörder zurückkam. Sein Gesang brach erst ab, als Shaca die Pferde vor ihm zügelte. Die Augen weiteten sich.

»Schwester!«

»Bruder!« Mit einem Satz war sie aus dem Sattel.

Seine Hand löste sich vom Messergriff und berührte ihr Gesicht. Ein mühsames Lächeln erhellte sein Gesicht.

»Es ist gut, dich noch einmal zu sehen, Falkentochter.«

Rasch löste Shaca die Canteen-Flasche vom Sattel und gab ihm zu trinken. Er atmete stoßweise.

»Wo sind die Krieger und Squaws?«

»Weiße überfielen uns, ehemalige Skalpjäger. Sie töteten Running Elk, Red Arrow und Old Ironheart. Die Squaws nahmen sie gefangen, auch Ninteh. Nur ich entkam. Ihr Anführer …«

Sie lauschte. Hufschlag erklang im Arroyo. Die Geier krächzten. Shaca sprang auf.

»Sie kommen. Wir müssen fort.«

Sie stützte Walking Buffalo. Er hielt sich am Sattel seines Grauschimmels fest.

»Die Geister der Schattenwelt rufen mich. Mir bleibt nur, wie ein Krieger zu sterben.«

Mühsam zog er sich aufs Pferd. Shaca presste die Lippen zusammen. Jeder Widerspruch wäre einer Kränkung gleichgekommen. Der Chief schwankte. Die Schusswunde in der Brust brach wieder auf, aber ein eiserner Wille erfüllte ihn.

Schweigend gab Shaca ihm das Gewehr, eine siebenschüssige Spencer. Er straffte sich.

»Ich halte sie auf.«

Das Hufgetrappel kam auf Shacas Spur. Die Verfolger ritten nun langsamer. Shaca griff nach dem am Sattel befestigten Colt. Fünf Kammern der schwerkalibrigen Waffe waren noch geladen.

»Die Tochter des Falken wird an deiner Seite kämpfen.«

»Reite!«, befahl Walking Buffalo jedoch. »Du musst am Leben bleiben, um Ninteh, Young Antelope, Oak Woman und Little Cloud zu befreien. Niemand sonst kann ihnen helfen. – Nimm das. Vielleicht nützt es dir.« Er zog einen mit Nuggets gefüllten Lederbeutel unter dem blutgetränkten Hemd hervor.

Shaca legte die daran befestigte Lederschnur um den Hals. Die Worte des Bruders bedeuteten ein Vermächtnis. Er saß jetzt aufrecht im Sattel. Das Funkeln seiner Augen verschloss Shaca den Mund. Das stetige Pochen der Hufe war nur mehr zwei Biegungen entfernt.

Walking Buffalo hob die Hand.

»Die Geister des Falken-Clans mögen dich beschützen.«

Stumm neigte Shaca den Kopf. Ihre Linke berührte Herz und Stirn. Walking Buffalo stieß dem Grauschimmel die Fersen gegen die Flanken.

»Vorwärts, Pferd! Dies ist ein guter Tag zum Sterben.«

 

 

4

Vasco, der Mestize, ritt eine Pferdelänge woraus, die Winchester schussbereit, den Blick auf den Sandboden gerichtet. Die Trittsiegel von Shacas Pferd verliefen deutlich vor ihm. Grinsend schaute er sich nach den Kumpanen um.

»Bald haben wir sie.«

Jäher Hufschlag riss seinen Kopf wieder nach vorn. Er traute den Augen nicht, als er Walking Buffalo an der Biegung sah.

»Yiiiheee!«, gellte der Kriegsschrei der Penateka-Comanchen. Die Hufe trommelten, das Gewehr blitzte.

Der Scout duckte sich fluchend, als er das Pfeifen der Kugel vernahm.

Kellond, Flynn und Stonley rissen die Pferde zur Seite. Staub und Pulverrauch umwehten den Chief. Die Zügel waren ums linke Handgelenk gewickelt, der Kolben der Spencer lag an der Schulter. Wieder spuckte die Waffe einen Feuerstrahl. Die Kugel streifte Kellonds Pferd. Der bärtige Bandit hatte Mühe, es am Durchgehen zu hindern. Da dröhnten die Waffen der Kumpane.

In dem nur acht Yard breiten Einschnitt krachte die Salve, als würde eine Kanone abgefeuert. Das Pferd überschlug sich. Nur die Hufe zuckten noch. Mühsam wälzte sich der Verwundete zur Seite. Krampfhaft hielt er das Gewehr. Vasco repetierte.

»Überlasst ihn mir!«

Ein grausamer Zug spannte seine Mundwinkel, als er auf den im Sand Liegenden zuritt. Keuchend hob Walking Buffalo die Waffe, besaß aber nicht mehr die Kraft, den Ladehebel zu betätigen. Furchtlos blickte er dem Reiter entgegen. Dann fiel Vascos Schatten auf ihn. Der Winchesterlauf glänzte.

»Ich werd‘ mir deinen Skalp an den Gürtel hängen, Chief.«

Es war das Schlimmste, was einem Krieger widerfahren konnte. Ohne Skalp blieb ihm der Zugang in die Ewigen Jagdgründe verwehrt.

Walking Buffalo lachte jedoch, dann spuckte er aus. Da schoss Murphys Scout. Seine Gefährten jagten heran.

Vasco wollte sich aus dem Sättel schwingen und den Comanchen skalpieren.

»Verdammt, das Girl!«, schrie Stonley. Ein Schuss krachte an der Biegung. Das Blei ritzte den Arm des Mestizen. Dann hämmerten Hufe. Staub wallte an der Böschung empor.

»Der Boss macht uns fertig, wenn sie entkommt!«, schrie Kellond. Sie preschten los. An der Biegung sahen sie Shacas schlanke, wie mit dem Pferd verwachsene Gestalt über der Böschung. Halb im Sattel gedreht, feuerte die Indianerin. Dann verschwand sie. Die Waffen der Banditen krachten zu spät.

Mit klatschenden Zügelenden und Kolbenstoßen trieben sie die Gäule voran. Grasbewachsene Hügel reihten sich im Westen. Vor dem Horizont ragten sonnenbeglänzte Klippen auf.

Die Banditen feuerten abermals, als die Indianerin in eine Hügelkerbe galoppierte.

»Sie flieht zu den Coyote Bluffs«, erkannte Vasco.

Stundenlang schien die Felsenwildnis am Oberlauf des Guadalupe River gleich weit entfernt. Shacas Fährte führte darauf zu. Die Senken wurden tiefer, der Boden steiniger. An den Hängen sprossen halb verdorrte Grasbüschel und Dornsträucher.

Vasco blieb an der Spitze des Verfolgertrupps. Ein verbissener Ausdruck lag auf dem scharf geschnittenen, dunkelbraunen Gesicht. Das Hämmern der Hufe war das einzige Geräusch. Schweiß dunkelte das Fell der Tiere, als sie schließlich die Felsen erreichten.

Die Spur schlängelte sich um mehrere Biegungen, dann verschwand sie auf hartem Fels. An einer Gabelung hielten die Squawfänger. Das Rauschen des Flusses drang zu ihnen. Die Pferde schnaubten durstig. Fluchend wischte Kellond den Schweiß von der Stirn.

»Das Miststück hat uns reingelegt.«

»Sie ist dicht vor uns.«

Vasco lauschte, dann schüttelte er den Kopf.

»Wenn der Fluss nicht rauschte, könnten wir sie hören. Verteilt euch. Wer die Spur wiederfindet, feuert zwei Schüsse ab. Seid vorsichtig.« Er grinste wölfisch. »Viele Nem-Frauen stehen im Kampf den Kriegern nicht nach.«

Nemene nannten die Comanchen sich selbst. Vasco war ein Tonkawa-Halbblut. Die Tonkawas galten als Todfeinde der Comanchen. Die Reiter trennten sich. Es dauerte nur wenige Minuten, bis das zweimalige Peitschen von Vascos Winchester die Kumpane zum Fuß einer steil aufragenden Mesa rief. Der Mestize deutete auf den schmalen Pfad am felsbedeckten Hang.

»Sie ist da rauf. Ihr Pferd lahmt.«

Die Banditen mussten die Gäule führen. Irgendwo über ihnen rollten Steine. Dann entdeckte Flynn eine Bewegung unter der Plateaukante. Er riss das Gewehr hoch und feuerte. Ein vielfältiges Echo antwortete. Die Pferde wieherten erschreckt.

»Spar dein Blei!«, rief Vasco. »Ich war früher schon mal hier. Sie kann das Plateau nur wieder auf diesem Pfad verlassen.«

»Dann pass auf, dass sie dich nicht mit der Kanone begrüßt.«

Aber kein Schuss fiel mehr. Die Sonne stand schon tief, als die Banditen die Hochfläche erreichten. Röte umbrandete sie. Der Fluss rauschte lauter. Das Plateau war kahl. Risse durchzogen es. Aber nirgends gab‘s eine Möglichkeit, sich zu verstecken. Trotzdem waren Shaca und der Braune nicht zu sehen.

Stonley spuckte aus.

»Wenn ihr Klepper nicht plötzlich Flügel bekam, gibt‘s doch ‘nen zweiten Pfad.«

Mit dem Finger am Abzug näherte Vasco sich der Abbruchkante. Drunten brauste der Guadalupe River.

Der Scout winkte. Die anderen traten zu ihm. Eine steile Geröllhalde senkte sich zum Fluss. Shacas Brauner lag zerschmettert auf den gischtumtosten Uferfelsen, Kopf und Vorderbeine im Wasser. Die Rutschspur am Hang war deutlich erkennbar. Drüben ragte eine senkrechte Felsmauer empor. Der Fluss war hier tief und reißend. Schaumkronen tanzten auf ihm.

Von Shaca keine Spur. Grinsend ließ Stonley das Gewehr sinken.

»Erledigt.«

»Ich trau‘ ihr nicht«, murmelte der Mestize.

»Kein Mensch kommt da heil runter, Amigo. Sieh dir bloß das Pferd an.«

Trotzdem folgten sie ihm. Die Sonne vergoldete nur mehr die höchsten Felsränder, als sie die Pferde auf dem schmalen Uferstreifen entlang führten.

Hinter den Felsbrocken und kümmerlichen Sträuchern hätte sich vielleicht ein Kojote verbergen können, aber kein Mensch. Nicht weit von dem toten Pferd hing ein mit buntgefärbten Stachelschweinborsten verzierter Mokassin an einem Zweig, der vom Fluss umspült wurde.

»Das war‘s«, brummte Kellond. »Wenn wir bis morgen früh nicht zurück sind, streicht der Boss uns von der Liste.«

Misstrauisch spähte Vasco am Ufer entlang, dann schwang er sich wieder auf den Schecken.

»Ich komm nach.« Mit schussbereitem Gewehr ritt er zur Biegung. Kopfschüttelnd entfernten die Kumpane sich. Eine Felsenge zwang den Mestizen zur Umkehr. Der beste Schwimmer war verloren, wenn er hier in den Fluss stürzte. Dämmerung senkte sich herab.

Vasco ritt zu dem Kadaver zurück. Er wollte erst noch ein Stück flussaufwärts kundschaften, bevor er den Kumpanen folgte.

Plötzlich richtete sich eine schlanke Gestalt neben dem toten Pferd auf. Der Reiter erstarrte.

Ein 45er zielte auf ihn.

Shaca hielt die Waffe mit beiden Händen. Sie trug nur einen winzigen Lendenschurz. Das schwarze Haar klebte am Kopf. Nässe perlte am geschmeidigen Körper. Die Brüste waren nicht besonders groß, aber wohlgeformt, die Hüften rund, die Schenkel kräftig, die Beine schlank.

Vasco sah jedoch nur die funkelnden Augen und den Colt.

»Ich brauch dein Pferd, Compadre.«

Shaca benutzte das unter den Angehörigen verschiedener Stämme gebräuchliche Gemisch aus indianischen, mexikanischen und englischen Brocken. Die Hände des Reiters pressten sich um das Gewehr.

»Wo hast du dich versteckt?«

Die Indianerin deutete auf den Braunen. Der Bauch war aufgeschlitzt. Der Fluss hatte die Eingeweide fortgespült.

Eine Kugel, nicht der Sturz, hatte das Pferd getötet. Shacas Kleid lag in einer Mulde unter dem Kadaver. Das Messer hatte sie in der Satteltasche gefunden.

Vasco wartete, bis der Colt einen Augenblick aus der Richtung kam. Die Winchester flog hoch.

Da warf Shacas Treffer ihn vom Pferderücken.

 

 

5

Der schwarzgekleidete Revolvermann lehnte sich zurück. Ein Rauchfaden kräuselte sich vor seinem Zigarillo. Mit unbewegter Miene schaute er seinem Gegenüber beim Kartenmischen zu. Die rötlich behaarten Pranken hantierten mit artistischer Geschicklichkeit. Die Karten schwirrten, wölbten sich in einem Bogen und klatschten gleich darauf wieder zu einem kompakten Päckchen zusammen. Dann waren es plötzlich zwei Päckchen, zwei schwirrende und sich überkreuzende Bogen.

Rance Laredo blies einen Rauchring über den Saloontisch.

»Genug mit den Faxen, Kirby.«

Lachend tätschelte der Hüne die dralle Mexikanerin, die neben ihm saß. Er genehmigte sich einen Schluck und schob die Karten zusammen. Er war mit ärmelloser Lederweste, gestreifter Hose und halbhohen Seemannsstiefeln bekleidet. Ein Goldring funkelte am linken Ohr. Als Kopfbedeckung trug er ein schwarzes Tuch. Der muskulöse Oberkörper war mit einem Durcheinander von Seeschlangen, Drachen, Meerjungfrauen, Vogelwesen, Blumen und sonstigen Fantasiegebilden tätowiert. Am Gürtel hing ein Messer. Eine Walfängerharpune mit armlanger Stahlspitze lehnte neben ihm. Die blauen Augen im breitflächigen Gesicht funkelten vergnügt.

»Du verlierst deine letzten Bucks früh genug, Laredo.«

»Wart‘s ab.«

Bill Kirby gab. Münzen und Geldscheine lagen vor ihm. Aus dem Ausschnitt des kichernden Saloongirls lugte ein zusammengeknüllter Zwanziger. Die beiden anderen Mitspieler hatten längst gepasst.

Der Saloon war leer bis auf den dicken Keeper, der hinter der Kistenbretter-Theke schnarchte.

Sonnenschein glänzte auf den Dächern von Sandy Hill. Die Town bestand aus einem Dutzend verwitterter Bretterbuden mit den dazugehörigen Anbauten, Schuppen und Corrals. Einmal in der Woche kam die Postkutsche durch. Sonst lebten die Bewohner mehr schlecht als recht von den wenigen Ranches in der Umgebung.

Grinsend fächerte der Hüne sein Blatt auf.

»Fünfzig Dollar.«

»Und die Fünfzig dazu.«

Jeder tauschte zwei Karten. Sie belauerten sich. Laredos hageres Gesicht mit den beiden messerscharfen Falten blieb ausdruckslos. Er schob einen weiteren Schein über den Tisch.

»Nochmal fünfzig.«

Kirby blinzelte der Mexikanerin zu.

»Er will mich ausbluffen, Querida, aber ich wette, er hat nicht mehr als ‘nen lumpigen Dreierpasch. Stimmt‘s, Laredo?«

»Kannst es gern ‘rausfinden.«

Der Seemann stärkte sich wieder mit einem Schluck.

»Das werde ich, Compañero. Deine fünfzig und hundert drauf. Na, Señor, geht dir die Puste aus?«

Laredo blickte an ihm vorbei. »Du bekommst Besuch.«

Kirbys Kopf ruckte. Sein whiskyseliges Grinsen war wie weggewischt. Er wollte aufspringen, aber die Gewehre der beiden Ankömmlinge bannten ihn. Sie waren mit ihren gestreiften Hemden, dunklen Hosen und derben Stiefeln ebenfalls als Seeleute einzuordnen. Der Knochige trug eine Schirmmütze, der Aufgedunsene einen flachkrempigen Hut. Die Mienen waren düster.

Kirby blickte zur Harpune.

Die Gegner brauchten nur die Finger zu krümmen.

Die Mexikanerin sprang auf und floh zur Wand. Das Schnarchen des Keepers brach ab.

»He, was …« Er verschluckte sich, als er die auf den Hünen zielenden Karabiner sah.

»Spiel aus!«

Laredo brachte den Einsatz, dann deckte er das Blatt auf. Er besaß zwei Paare, Buben und Neuner, dazu die Karo Sieben. Da drehte auch Kirby die Karten um.

»Full House.« Es zeigte drei Damen und zwei Zehner.

Er zog den Gewinn über den Tisch. Sein Grinsen wirkte angestrengt. Die Gewehrbesitzer traten näher.

»Du brauchst den Zaster nicht mehr, Bill«, knurrte der Knochige. »Käpt‘n Morrison ist verdammt sauer, weil du dich heimlich verdrücktest.«

»Morrison kann mich mal.«

»Wir werden‘s ihm bestellen. Doch da liegst du längst auf dem Boothill.«

Bill Kirby legte die rechte Hand auf das gewonnene Geld. Es waren über tausend Dollar.

»All right, ihr habt mich erwischt. Wie viel verlangt ihr? Ich kauf mich frei.«

»Nichts zu machen, Bill. Du hast gewusst, dass es kein Zurück gibt, als du auf der Whitebird anheuertest.«

»Ich war voll wie ‘ne Haubitze. Wenn ich geahnt hätte, welche Geschäfte der alte Teufel Morrison …«

Das Schnappen des Repetierbügels ließ ihn schweigen. Eine Patrone rollte über die Dielen. Die Gesichter der beiden waren verkniffen. Bills Rechte rutschte von der Tischkante. Auch mit dem Messer besaß er keine Chance.

»Komm jetzt! Wir haben ein Pferd für dich dabei.«

»Wozu? Sobald wir aus der Stadt sind, pumpt ihr mich ja doch voll Blei. Alles, was …«

»Moment, Kirby, du schuldest mir Revanche.«

Der Hüne sah Laredo starr an.

»Dachte, du bist pleite.«

»Und ich dachte, ich hab bei dir Kredit.«

Der Knochige zischte: »Halt dich da raus, Mister! Auf ‘ne Kugel mehr kommt‘s McLean und mir nicht an. Wir haben uns umgesehen und wissen, dass es keinen Sternträger in dem lausigen Kaff gibt, der uns Schwierigkeiten machen könnte.«

»Ich brauch‘ keinen Sternträger, damit ich den Skalp behalte.« Der Schwarzgekleidete nahm das Zigarillo aus dem Mund – mit der Linken. »Hab ‘ne Menge Geld an euren Freund Bill verloren. Das will ich zurückgewinnen. Ansonsten geht mich sein Verdruss nichts an. Ich kämpfe nur, wenn ich angegriffen werde«, Laredos Mundwinkel deuteten ein Grinsen an, »oder gut bezahlt werde.«

Ein kurzes Aufblitzen erschien in Kirbys Augen. »Wie viel?«

»Tausend.« Laredo ließ die Kerle nicht aus den Augen. Seine nervige Rechte schob die Anzugjacke hinter den Revolver.

»Das ist Wucher!«, knirschte Kirby.

Der Revolvermann hob die Schultern. Die Männer von der »Whitebird« warteten unschlüssig. Der Knochige zielte jetzt auf Laredo, der Aufgedunsene hielt Kirby in Schach. Der Hüne nahm die Karten und mischte wieder.

»Einverstanden«, erklärte er.

Im nächsten Moment prallte Laredo samt Stuhl auf die Bretter. Der Remington lag wie hingezaubert in seiner Rechten. Die Kugel des Knochigen traf den Stützpfosten. Laredos Schuss verwundete den Gegner. Das Mexikanergirl flüchtete in die Küche.

Bill Kirby sprang auf und packte die Harpune. Doch das neuerliche Dröhnen von Laredos Waffe kam ihm zuvor. Auch der Aufgedunsene sank verwundet zu Boden.

»Verdammt will ich sein, wenn Käpt‘n Morrison nur die beiden geschickt hat.« Kirby stellte den umgeworfenen Tisch auf und raffte die Münzen und Geldscheine zusammen. Als er sich aufrichtete, deutete Laredos Revolver auf ihn. »Tausend.«

Kirby zählte das Geld ab. Der Revolvermann rauchte gelassen.

»All right, den Rest kannst du behalten. Ist zu wenig, ein zweites Mal mein Eisen zu kaufen. Übrigens hattest du recht.« Er wies mit einer Kopfbewegung zum Fenster. »Da draußen warten noch zwei.«

 

 

6

Die beiden saßen auf den Pferden, als Rückendeckung für die Kumpane im Saloon. Der eine trug Seemannskleidung. Eine Narbe und der buschige Schnurrbart betonten den finsteren Gesichtsausdruck. Die Bügel waren kurz geschnallt, die Haltung verkrampft. Vom Reiten verstand er offenbar nicht viel.

Der ledergekleidete Mexikaner schien dagegen im Sattel zu Hause. Ein breitrandiger Sombrero beschattete das verkniffene Gesicht. An den hochhackigen Vaquerostiefeln glänzten Chihuahua-Sporen. Außer dem Gewehr im Sattelfutteral besaß er drei Wurfmesser, die nebeneinander im Gürtel steckten. Ein rotes Halstuch vervollständigte sein Äußeres.

Kirbys Verfolger hatten ihn als Scout angeheuert.

Die Sonne brannte, der Himmel war wolkenlos. Die Town wirkte verlassen. Aber hinter den Fenstern entlang der Main Street funkelten neugierige Augenpaare. Als die Schüsse im Saloon krachten, zogen die Reiter die Karabiner aus den Scabbards. Stille folgte. Die Augen des Mexikaners funkelten.

»Das war ein Revolver.«

»Greer! McLean!«, rief der Schnurrbärtige. Die Pferde am Zügelholm stampften. »Verdammt, da ist was faul!«

»Allerdings.«

Kirbys massige Gestalt füllte plötzlich die Saloontür. Die Harpune lag wie ein Spielzeug in den schaufelgroßen Händen. Die Zähne blitzten im gebräunten Gesicht.

Die Reiter schossen sofort. Mit einer Schnelligkeit, die man ihm nicht zutraute, verschwand der Hüne. Die Schützen repetierten, sprangen ab und zielten wieder auf den Eingang.

»Gib auf!«, schrie der Seemann.

Ein Fenster barst. In einem Scherbenwirbel, die Füße voran, sauste der Hüne heraus.

»Ich komme!« Er benutzte die Harpune als Keule. Die Gegner kamen nicht mehr zum Schuss. Gleich darauf zappelte der Schnurrbärtige im Pferdetrog. Der Mexikaner lag auf den Vorbaustufen. Die Pferde wieherten.

Kirby band eins los. Es war ein stämmiger Brauner, der einen hochbordigen Mexikanersattel trug. Ein Geräusch riss den Hünen herum.

Laredo lehnte am Türpfosten, das Zigarillo zwischen den Zähnen, die Daumen hinterm Büffelledergurt.

»Nicht schlecht.«

Kirby kniff ein Auge zu. »Es geht auch ohne Revolver.«

»Ich spendier‘ dir ‘nen Drink.«

Misstrauisch spähte Kirby die Straße hinab, dann schwang er sich aufs Pferd. »Ich komm darauf zurück.«

 

 

7

Die Reiter und Wagenspur war einen halben Tag alt.

Shaca holte den Vorsprung auf, indem sie bis nach Mitternacht im Sattel blieb. Zwischendurch gönnte sie dem Schecken kurze Pausen. Sie war mit Pferden aufgewachsen und hatte, wie viele Comanchen, eher reiten als laufen gelernt.

Das Tier gewöhnte sich bald an sie. Außerdem war die junge Squaw leichter als ein Mann, so dass der Schecke nicht so rasch ermüdete. Vier Stunden Schlaf genügten Shaca. Im ersten Frühlicht war sie wieder unterwegs. Deutlich verlief die Fährte der Entführer vor ihr. Offenbar rechneten sie nicht damit, dass sie verfolgt wurden. Wenn doch, fühlten sie sich stark genug, es mit möglichen Befreiern aufzunehmen.

Der Tag wurde heiß. In dem Meer von Büffelgras lagen weit verstreute Buschgruppen. Shaca blieb drauf gefasst, dass plötzlich Reiter vor ihr auftauchten, die den verschollenen Scout suchten. Aber bis zum Spätnachmittag sah sie nur ein in der Ferne äsendes Rudel Pronghorn Antilopen. Die Sonne stand schon weit im Westen, als sie das Fahrzeug in einer Hügelkerbe entdeckte. Das Gelände wurde rauer.

Shaca fand eine Abkürzung. Schließlich rollte der Planwagen nur zwanzig Yard an ihr vorbei.

Die Indianerin verbarg sich zwischen Felskegeln und Manzanitasträuchern. Eine Hand lag auf den Nüstern des Schecken, damit er sie nicht mit einem Schnauben verriet, die andere umspannte Vascos Winchester.

Den ganzen Tag hatte sie nur das vom Grasteppich gedämpfte Pochen der Hufe vernommen. Nun wirkten die Wagengeräusche und rauen Stimmen überlaut. Sechs Reiter flankierten den Conestoga-Schoner. Sie hielten Gewehre.

Murphy, Kellond und Flynn ritten voran. Stonley kutschierte. Payle und der Bullige mit der Fellmütze bildeten die Nachhut. Unter der Wagenplane blieb es still. Trotzdem war Shaca überzeugt, dass die gefangenen Stammesgenossinnen sich auf dem Fahrzeug befanden.

Ihr Herz klopfte heftig. Die Geräusche und Stimmen wurde leiser. Sie folgte den Banditen in sicherem Abstand. Der Wagen rollte nach Südwesten, zum Guadalupe River. Die Nacht kam mit der in diesen Breiten üblichen Schnelligkeit. Von einem Hügelkamm sah Shaca das Lagerfeuer. Sie brachte das Pferd zu einem von Sträuchern geschützten Platz, versorgte es und aß etwas vom Proviant, den sie in den Satteltaschen fand.

Ehe der Mond aufging, schlich sie zum Camp der Entführer. Sie nahm nur Messer und Colt mit. Drei Kammern der Waffe waren geladen. Das Feuer brannte am Fuß eines grasbewachsenen Hügels. Murphy teilte die Wachen ein. Mit dem Haarbüschel auf dem sonst kahlen Schädel, den Skalphaaren an der Wildlederhose und den Mokassins sah er im Flammenschein fast selbst wie ein Indianer aus. Stonley, der Hagere, briet Speckscheiben. Ein Entführer lud das Reisig ab, das sie unterwegs aufsammelten. Die Pferde standen im Seilcorral.

Die Wagenplane war an der dem Feuer zugewandten Seite hochgerollt. Der Aufbau bestand aus einem großen Holzkäfig. Außer den vier Comanchen-Squaws waren noch fünf Mexikanerinnen darin eingesperrt. Sie kauerten in gegenüberliegenden Ecken. Ninteh, Shacas zwei Jahre jüngere Schwester, stand am Gitter. Der Bullige reichte ihr einen Becher.

»Trink, Honey. Du wirst mir nachher Gesellschaft leisten. Das ist kein Fusel, sondern bester Bourbon.«

Ninteh nahm das Gefäß. Der Inhalt klatschte dem Mann ins Gesicht. Fluchend fuhr er zurück. Dann lachte er.

»Möchtest wohl gern, dass ich dir die Krallen stutze, eh? Kannst du haben, Baby. Ich bin Spezialist für Wildkatzen.«

»Warte, bis wir in Cuero sind und Morrisons Leute den Transport übernehmen!«, befahl der Anführer. »Ich will unterwegs keinen zusätzlichen Ärger mit den verdammten Weibern.«

 

 

8

Mondlicht glänzte auf Shacas Gesicht. Sie fand keinen Schlaf. Das Pferd schnaubte. Aus der Ferne wehte Kojotengeheul.

Es war Vollmond, von den Comanchen seit Generationen für die Kriegs- und Beutezüge bevorzugt. Bilder, Namen, Gesichter bedrängten sie.

Walking Buffalo hatte mit seinen engsten Freunden und Verwandten das Reservat verlassen, um noch einmal im einstigen Stammesgebiet die alten Riten zu erfüllen. Nun weilte seine Seele in Mahatopa, dem Schattenreich.

Shaca erhob sich. Mehrere Hügelkämme befanden sich zwischen ihr und dem Camp der Squawfänger. Der Schein des Comanchen-Mondes verzauberte die Prärie. Es war hell genug, bestimmte Kräuter zu sammeln, die den Nemene heilig waren.

Bald kniete Shaca an einem kleinen Feuer, zerrieb die Kräuter zwischen den Handflächen und streute sie in die leise knisternde Flammen.

»Großer Falke, ich rufe dich!«, beschwor sie den Schutzgeist ihres Clans. »Leih mir die Schärfe deiner Augen, die Schnelligkeit deiner Schwingen, die Kraft deiner Krallen, Großer Falke.«

Dann hielt sie die Winchester in den blaugrünen Rauch, der sie einhüllte. Mit geschlossenen Augen wiegte sie den Oberkörper. Leise sang sie dazu die uralten heiligen Worte. Vor Jahren hatte ein weißer Jäger bei ihrem Stamm gelebt und einigen der Heranwachsenden Lesen und Schreiben beigebracht. Shaca hatte gelernt, vieles mit den Augen des Weißen Mannes zu sehen, aber jetzt war sie wieder eine Nem-Frau.

Ein plötzliches Rauschen ließ sie erschauern. Ihr Gesang verstummte. Der Flügelschlag des Großen Falken brauste über sie.

Als sie die Augen öffnete, waren Stunden verstrichen, das Feuer erloschen. Ihre Hände umklammerten das Gewehr. Der Schecke beäugte sie. Sie tauchte die Finger in die Asche und schwärzte das Gesicht mit der Farbe des Todes. Stärke durchpulste sie. Von nun an befand sie sich auf dem Kriegspfad, entschlossen, Walking Buffalos Vermächtnis zu erfüllen. Dann wickelte sie sich, bevor es Tag wurde, nochmals in die Decke. Ihr Schlaf war kurz und tief.

Ehe die Sonne aufging, weckte sie Hufgetrappel. Heiserer Gesang mischte sich damit. Rasch überzeugte sie sich, dass der Schecke gut angebunden war. Dann eilte sie mit dem Gewehr auf die nächste Bodenwelle. Ein Reiter näherte sich, eine hünenhafte, unwirkliche Erscheinung im grauen Dunst. Auf seinem Rücken hing ein klobiges Wurfholz, an dem eine armlange Stahlspitze befestigt war. Den Kopf bedeckte ein seitlich verknotetes Tuch. Der Nebel verwischte die Konturen.

»What shall we do with the drunken sailor«, schallte es.

Eine leere Flasche zerklirrte an einem im Gras verborgenen Stein. Dann weiter entfernt: »Early in the morning …«

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738944853
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
squawfänger

Autor

Zurück

Titel: Squawfänger