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Einer war entkommen

2020 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Einer war entkommen

Copyright

1

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Einer war entkommen

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Bill Farragut ist ein gewissenloser Verbrecher, der auch nicht davor zurückschreckt, Frauen und Kinder zu erschießen. Bisher ist es niemandem gelungen, ihn vor Gericht zu stellen, weil er immer wieder entfliehen konnte. Cliff Tucker, Marshal von Tucson, verfolgt den Mörder unbeirrt, doch die Spur führt nach Mexico, wo der Marshal keine Befugnisse mehr hat. Trotzdem ist er entschlossen, den Verbrecher lebend zurückzubringen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Hütte wirkte zerfallen und unbewohnt. Um sie herum wucherten Unkraut und wilde Sträucher. An den wenigen Grasbüscheln, die dazwischen wie junges Getreide mit dicken Halmen gen Himmel sprossen, zupfte die Stute. Sie war gesattelt, trug einen breiten Zaum mit Kavallerietrense. Die rotbraune Stute graste dort schon seit einer halben Stunde. Genau die Zeit, die Cliff Tucker oben zu Füßen mächtiger Organ-Pipe-Kakteen kniete und durch sein Fernglas in die Tiefe spähte.

Es war später Nachmittag. Die Sonne stand schon westlich und sandte ihre Hitzewellen auf ein dürres und ödes Land. Kakteen, da und dort Gestrüpp, wenig Gras, in den Senken Josuabäume, die wie riesige Liliendolden aussahen. Und die Hütte mit dem Pferd. Das Tier war staubig, verschwitzt und erschöpft. Die Spur, der Cliff schon seit zwei Tagen folgte, zeigte noch mehr. Das Tier lahmte seit dem Morgen. Seitdem hatte Cliff so viel aufholen können, dass er vor einer guten halben Stunde von hier aus den Mann belauern konnte, dem er gefolgt war. Den Mann selbst hatte er noch nicht gesehen. Nur das Pferd verriet, wo er auch den Mann zu suchen hatte.

Cliff war vorhin einmal etwas im Bogen um die Hütte geschlichen, hatte auch die andere Seite mit dem Fernglas nach Spuren abgesucht, aber es gab nur eine einzige Spur, und sie endete dort, wo das Pferd nun graste.

„Ich habe ihn“, murmelte Cliff und rieb sich mit dem Ärmel über sein Marshalabzeichen auf der rechten Brustseite, als wolle er im Unterbewusstsein ausdrücken, wieso er diesen Mann dort verfolgte.

Seine Gedanken, wie er ungesehen in die Nähe der Hütte kommen könnte, wurden jäh unterbrochen. Unten wurde die Tür mit einem Fußtritt geöffnet, dann tauchte der Mann im grellen Sonnenlicht auf. Die Sonne blendete ihn, und er hielt die rechte Hand schirmend über die Augen.

Der Mann war groß, sehnig und kräftig. Seine Kleidung ließ zunächst auf einen Cowboy schließen, denn er trug breite Beinschützer. Doch diese Chaps waren kein Beweis, dass er ein Rinderhirt sein musste. Viele, die durch das Brushland ritten, trugen zu ihrem Schutz Chaparrals wegen der Dornen.

Jetzt setzte der Mann seinen breiten und spitzkronigen Texanerhut ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und streifte sich das dunkle Haar zurück. Dann stülpte er den Hut wieder auf. Aber die Hände hatten dabei sein Gesicht verdeckt, so dass Cliff auch durch das Fernglas nichts Genaues davon sehen konnte.

Cliff ließ ihn noch ein Stück vom Haus weggehen. Als der Mann etwa vier Schritt von der Hüttentür entfernt war und noch gut zehn Schritt bis zu seinem Pferd zu gehen hatte, legte Cliff das Fernglas weg und zog den bereitliegenden Winchester Karabiner an die Schulter.

Der Schuss peitschte dicht vor dem Mann den Sand auf. Erschrocken sprang der Mann einen Schritt zurück, und da brüllte Cliff schon zu ihm herab: „Steh ganz still! Keine Bewegung!“

Der Mann unten hob unaufgefordert die Arme. Cliff erhob sich und hielt den

Karabiner schussbereit an die Hüfte gepresst. Der Mann unten blickte zu ihm herauf, aber er war einfach noch zu weit entfernt, um ohne Fernglas die Gesichtszüge genau erkennen zu können.

Langsam stieg Cliff den sandigen Hang hinab und näherte sich seinem Gegner. Als er auf etwa zwanzig Schritt herangekommen war, kniff Cliff verblüfft die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Das Gesicht! Nein, dieses Gesicht gehörte nicht dem Manne, den er suchte. Der dort war ein Fremder. Ein Fremder? Aber er war doch auf Farraguts Spur geritten.

Der Fremde stand immer noch gleichmütig da und hielt die Arme erhoben. Er lächelte sogar. „Marshal, Sie werden mich doch nicht für Pretty-Bill halten. Kann ich jetzt die Arme senken?“

„Nichts da! Wer sind Sie?“, fragte Cliff barsch.

„Mein Name ist Bird, James Macdonald Bird. Seit elf Jahren bei Wells Fargo beschäftigt. Ich dachte erst, es wäre Farragut, der mich da überrascht hat. Doch seit Sie aufgestanden sind, so dass ich Ihren Stern sah, wusste ich, wer Sie sind. Sie sind Marshal Tucker aus Tucson, nicht wahr?“

„Drehen Sie sich um, gehen Sie zur Hauswand und legen Sie die Hände dagegen!“

Bird gehorchte sofort. Er stellte auch ohne besondere Aufforderung die Beine zurück und spreizte sie. Cliff durchsuchte ihn, nahm ihm den Revolver und ein Bowiemesser ab und warf es hinter sich.

„Mein Abzeichen steckt im rechten Stiefelschaft.“

Cliff trat etwas zurück und richtete die Winchester auf Bird. „Ziehen Sie es selbst heraus! Sollte ein Derringer zum Vorschein kommen, knalle ich Sie ab, bevor Sie den Lauf der kleinen Pistole überhaupt angehoben haben.“

„Sie sind reichlich nervös, Marshal“, meinte Bird.

„Ich bin nicht lebensmüde, das ist alles. Voran, das Abzeichen!“

Bird bückte sich, griff in den rechten Stiefelschaft und zog einen silbernen Stern heraus. Auf ihm stand eingeprägt WELLS FARGO ROADMARSHAL. Darunter befand sich die Nummer 137.

„Und der Ausweis dazu?“, fragte Cliff.

Bird langte in seine Gesäßtasche. Cliff verfolgte jede seiner Bewegungen. Aber auch das war kein Trick. Bird ließ die Lederhülle des Ausweises fallen, und Cliff hob sie vorsichtig auf, zog das gelbe Papier mit dem roten Querstreifen heraus. Name und sonstige Angaben, die Bird gemacht hatte, stimmten. Das Papier war von der Direktion der Wells Fargo Bank ausgestellt.

„In Ordnung. Und das alles, obgleich es Wells Fargo verboten wurde, in Arizona ohne Genehmigung des Provost Marshals etwas zu unternehmen. – Drehen Sie sich um, Bird!“

Bird ließ die Hände von der Wand sinken und wandte sich Cliff zu. Er lächelte. Aber dieses Lächeln täuschte Cliff nicht darüber hinweg, dass Bird nicht nur ein eisenharter Bursche war, sondern auch schon einiges an Erfahrung gesammelt zu haben schien.

Dieser Bird, sagte sich Cliff, ist der Typ, der nie aufgibt, solange er atmet. Diesmal hatte er in Cliff einen Marshal erkannt. Sonst wäre das nicht so glatt über die Bühne gegangen.

Bird zog seinen Tabakbeutel aus der Brusttasche, rollte sich eine Zigarette und fragte: „Sie auch eine, Tucker?“

Cliff schüttelte den Kopf. Er hatte Durst und wollte erst etwas trinken. „Ich habe Ihnen eine Frage gestellt, Bird! Was hat Wells Fargo hier zu suchen?“

„Dasselbe wie Sie, Tucker. Wir suchen Farragut, wir suchen die Hälfte der Goldbeute, die er noch bei sich haben muss, und außerdem gibt es da noch eine Rechnung. Farragut hat einen von uns erschossen, der ihn nach Phoenix bringen sollte.“

„Ich weiß. Aber Sie haben da eine Kleinigkeit ausgelassen, Bird: Ihre Wells-Fargo-Marshals Starek und Genossen, die hinter Farraguts Komplicen Bronson hergejagt sind, haben sich wie die Axt im Walde benommen. Zufällig betraf das gerade meinen eigenen Vater und meinen Bruder. Der Provost Marshal hat aus diesem Grunde der Wells Fargo jede Aktion in Arizona untersagt. Wir haben die Unterlagen von Wells Fargo übernommen und werden Farragut fassen, und wenn er bis nach Kap Horn flieht.“

„Wells Fargo verlässt sich nicht gerne auf andere. Die Rechnung wegen unseres Kollegen Smith, den Farragut umbrachte, als Smith ihn nach Phoenix schaffen wollte, steht offen. Nur einer von uns wird sie Farragut präsentieren.“ Bird lehnte sich an die Hüttenwand. „Und schneller als ihr sind wir auch. Ich hatte Farragut bis Helenapoint dicht vor der Nase. Er kam diesmal auch nicht dazu, ein frisches Pferd zu ergattern. Ich habe ihn schon von Weitem unter Beschuss genommen: Trotzdem hatte er Glück. Er ist losgeritten, als ein Sturm gestern morgen den Sand hochtrieb. Ich wollte nicht in seine Falle laufen und habe gewartet. So ist er mir entkommen. Seitdem suche ich seine Spur.“

„Und?“, fragte Cliff.

Bird lächelte bitter. „Nichts, bis jetzt nichts. Immerhin hat er vierzig Meilen vor sich und kann in dieser Gegend kein frisches Pferd bekommen. Er wird über die Grenze gehen. Wenn er stetig Südkurs hält, ist er morgen Abend drüben. Und dort, Tucker, gilt Ihr Stern soviel wie meiner, nämlich nichts. Oder machen Sie an der Grenze kehrt?“

„Diesmal nicht“, erwiderte Cliff.

Bird nickte. „Ja, diesmal hat ein Mann zu viel Blut an den Händen. So eine Fährte habe ich auch selten verfolgt. Erst fassen sie ihn nach dem Überfall auf die Kutsche. Bronson entkommt. Farragut hat ein verletztes Pferd und gerät unseren Jungs in die Fänge. Leichte Sache, haben wir damals gedacht. Smith soll Farragut nach Phoenix bringen, aber er kommt nicht damit an. Und die ganze Zeit dachten wir alle, dass Bronson, der entkam, die ganze Beute hat. Dann, als Ihr Vater uns das Gold zurückgebracht hat, stellen unsere Fachleute fest, dass es nur die Hälfte ist, ein wenig davon fehlte allerdings, aber das hat der Verräter Brunside ausgegeben.“

„Feiner Wells-Fargo-Marshal, der die Beute kassieren wollte. Ohne meinen Vater wäre es ihm gelungen.“

„Es gibt überall Versager“, sagte Bird. „Auf alle Fälle wäre auch Farragut längst über alle Berge. Ich denke mir, er ist erst geflohen, hat den von ihm umgebrachten Smith mitgeschleppt und dann auf dem Ranchgebiet der Wagenrad-Ranch zurückgelassen, kehrte nach dieser Scheinspur aber um und holte die von ihm versteckte Beute, die sich ganz sicher in der Nähe der Stelle befand, wo wir Farragut nach dem Überfall geschnappt hatten.“

„Das mag stimmen“, gab Cliff zu. „Immerhin wurde Zeit genug vertrödelt von euch. Er konnte ungestört noch zwei Farmen ausrauben, drei Menschen erschießen und sich abermals nach Süden absetzen.“

„Unsere Schuld? Die Zankerei in der Territorialverwaltung, wer nun zuständig ist, wir oder der Provost Marshal, das ist die wirkliche Ursache, Tucker. – Als der Befehl kam, dass wir zurückreiten sollten, habe ich ihn missachtet. Ich weiß nichts von diesem Befehl, Tucker, verstehen Sie? Ich würde es sogar beschwören, dass ich davon nichts weiß. Und wenn Sie behaupten, ich hätte es Ihnen selbst gesagt, steht Aussage gegen Aussage. Denn ich pfeife auf Befehle. Smith, das sage ich Ihnen ganz klar, Smith war ein feiner Kerl. Jung, nicht so ausgekocht wie wir anderen. Aber ein feiner Kerl. Und er war gerade vierzehn Tage verheiratet. Sein Mädchen erwartet ein Baby. Verstehen Sie jetzt, warum auch Sie mich nicht hindern werden, Pretty-Bill Farragut zu fassen? Ich brauche ihn nicht zurück in die Staaten zu schleppen, wenn er in Mexiko sein sollte. Ich brauche keinen Auftrag. Ich hole ihn mir, weil er Smith umgebracht hat. Und die anderen fünf, die er auf seiner Flucht erschoss, verdienen auch, gerächt zu werden.“

Cliff zuckte die Schultern. Ihm war völlig klar, was in Bird vorging. Er selbst würde vielleicht nicht anders gehandelt haben. Aber auch Bird hatte einen Eid geschworen. Die Wells Fargo mochte die wildesten Burschen als Marshals beschäftigen, Gesetzlosigkeiten duldete sie dennoch nicht. Trotzdem nahmen es die Wells-Fargo-Marshals nicht sehr genau mit den Vorschriften. Sie wurden von Banditen gefürchtet wegen ihrer Härte, und einige waren wie dieser Starek weiter nichts als brutale Schießer, die nur rein zufällig auf der Seite des Gesetzes standen und noch einen Stern trugen.

Bird machte auf Cliff nicht diesen Eindruck. Bird wirkte intelligent, er war auch kein Sadist und erst recht kein schießwütiger Teufel. Aber er schien ein Fanatiker zu sein, wenn es um die Sühne für den Mord an einem Kameraden ging.

Als habe Bird Cliffs Gedanken erraten, sagte er: „Es ist noch mehr, Tucker, unter den Opfern waren auch zwei Frauen. Für mich ist ein Mann, der eine Frau erschießt, kein Mensch mehr. Für

mich ist dieser Pretty-Bill ein wildes, reißendes Vieh, das ich nicht mehr wie einen Menschen behandeln kann. Und wenn das Gesetz solche Bestien schützt, ist es nicht mehr mein Gesetz, selbst wenn ich darauf geschworen habe. Ich werde Pretty-Bill suchen und zusammenschießen, das verspreche ich Ihnen. Und Sie werden das nicht ändern.“ Er warf seine Zigarettenkippe weg und fragte: „Haben Sie kein Pferd?“

Cliff nickte. „Doch. Und es hat Durst wie ich.“ Er steckte zwei Finger in den Mund, und stieß einen schrillen Pfiff aus, dann noch einen.

Wenig später tauchte der Falbe auf. Er kam im Galopp auf die Hütte zu, fegte vor einer Staubwolke her den Hang herab und machte noch ein paar Sätze, ehe er dann wie scharf pariert vor Cliff stehenblieb. Er blähte die Nüstern zu der Stute hin, die nervös wieherte, während der Hengst triumphierend schnaubte. Der Falbe trug das Brandzeichen CCR auf der linken Hinterhand. Das gleiche Zeichen befand sich auf dem Sattel, und jetzt entdeckte es Bird auch auf dem Kolben von Cliff Tuckers Winchester.

„Ein prächtiger Bursche. Ich glaube, Sie sollten ihn nicht für den Staat verschleißen, Tucker“, meinte Bird.

Cliff rieb dem Hengst anerkennend die Nüstern und schnallte dann den Wassersack los. Er goss etwas in seinen Hut und ließ den Hengst daraus saufen, dann füllte er den Hut erneut.

Als der Hengst soff, sagte Bird, der Mann und Pferd beobachtete: „Komisch, Tucker, wenn ich Sie so sehe, muss ich wieder an Smith denken. Er war auch der Sohn eines Ranchers. Der tüchtigste Sohn übrigens. Sein Vater hätte ihn gut auf der Ranch gebrauchen können, aber es war wie selbstverständlich, dass ein Mann wie der alte Smith einen Sohn dafür hergab, dass Ordnung und Sicherheit auf den Poststrecken herrschte. Und Sie sind auch der Sohn eines großen Ranchers. Sicherlich hätten Sie zu Hause mehr als genug Arbeit. Trotzdem sind Sie Marshal.“

„Wenn Sie den Vater von Smith verstehen, werden Sie auch wissen, wie mein Vater und ich denken.“ Cliff lächelte. „Man kann nicht nur ernten, Bird. Man muss auch etwas tun, dass alles seine Ordnung hat.“

„Eben, aber ich für meinen Teil denke anders. Natürlich haben Sie recht. Ich jedoch tue es für Geld. Eines Tages werde ich so viele Narben haben, so zusammengeschossen sein, dass ich nicht mehr als Marshal reiten kann. Die Wells Fargo wird mich als Agenten in ein Büro setzen, wo ich alt und grau werde. Und kann ich das auch nicht mehr, werden sie mich das Pferdefutter ausgeben lassen. Und Sie, Tucker? Sie werden entweder wie O'Hagan, Ihr Vorgänger, einen Saloon aufmachen oder von Ihrem jüngeren Bruder das Gnadenbrot bekommen.“

Cliff hatte den Hengst abgesattelt. Er zog ihm jetzt den Zaum vom Kopf und ließ ihn laufen. „Sie sind gut informiert, Bird“, erwiderte er auf Birds Bemerkung, während der Hengst zu der Stute lief und sie beschnupperte. Die Stute warf nervös den Kopf hoch und drehte sich im Kreise.

„Warum nehmen Sie ihr den Sattel nicht ab?“, fragte Cliff. „Wir können erst morgen früh weiter. Bei Nacht finden wir ohnehin keine Spuren.“

Bird lachte. „Also reiten wir zusammen?“

„Wenn Sie garantieren, dass Sie versuchen werden, Farragut lebend zu erwischen.“

Bird wurde ernst. „Nein. Das kann ich nicht versprechen, Tucker. Ich sehe mir nicht an, wie ein verkalkter Territoriumsrichter von einem raffinierten Anwalt überfahren wird und diesem Hundesohn Farragut womöglich gerade drei oder fünf Jahre Zwangsarbeit verpasst. Nein, Tucker, ich erledige das so, wie wir immer mit Burschen verfahren sind, die einen von uns umgebracht haben.“

„In Ordnung, Bird, dann trennen wir uns hier und jetzt!“

„Und wie wollen Sie mich zwingen, Tucker?“ Bird hatte die Daumen in den Gürtel gehakt und stand wie auf der Lauer.

Cliff sagte: „So!“ Und dann zuckte seine Rechte so schnell zum Revolver, wie es Bird noch nie gesehen hatte, selbst nicht bei den schnellsten der Wells Fargo. Der Revolver war bereits auf Bird gerichtet, als der gerade die Hand über seiner eigenen Waffe hielt.

„Versuchen Sie nichts, Bird! Sie sehen, dass Sie nicht mitkommen.“

„Würden Sie auch schießen? Auf mich schießen?“

„Wenn es Notwehr wäre, jederzeit, Bird. Und wenn ich Sie von einem Mord zurückhalten müsste, ebenfalls.“

Es war etwas in Cliffs Augen, das Bird warnte. So ließ er die Hand sinken und sagte: „Gut, mit dem Revolver sind Sie große Klasse. Aber ich habe auch meine Spezialität. Die werden Sie noch kennenlernen.“

 

 

2

Ihre Pferde verstanden sich. Die rotbraune Stute keilte zwar aus, wenn sich der Falbhengst ihr näherte, doch danach duldete sie es, wenn er sie mit seinen riesigen Zähnen am Hals kraulte und sich die Unterlippe kosend auf ihrem Widerrist rieb. Während sie aber sich am Abend noch störrisch zeigte, änderte sich das gegen Morgen. Die Stute wurde rossig. Sie wieherte dumpf, schnaubte röhrend, und dann kam er, der König dieser Stunde. Im Morgengrauen begannen sie in dieser trostlosen Landschaft ihr Liebesspiel. Sie stand angebunden, der Hengst, den sein Herr gut erzogen hatte, war frei. Die Stute presste den Schwanz zwischen die Hinterbeine, stand etwas verkrümmt und sah sich nach dem gelben Pascha um, der zunächst nur hinter und neben ihr herumtänzelte. Dabei blähte er die Nüstern, warf den Kopf siegesgewiss zurück, peitschte mit dem Schweif seine Flanken und trommelte mit den Vorderhufen den Boden. Er bleckte die Zähne, als wolle er die Stute beißen, sie versuchte nach ihm zu schnappen, aber als er ihren Hals liebkoste, ihr wieder liebevoll in den Widerrist zwickte, erwiderte sie diese Liebesbezeigung und streifte mit ihren Nüstern über seinen Hals.

Der löwengelbe Pascha liebkoste sie an den Flanken und an den Weichen. Sie wieherte vor Wollust und hob den Schwanz an. Ihre Hinterbeine spreizten sich. In angstvoller Erregung schnarchte sie laut.

Und dann erhob er sich auf die Hinterbeine. Sein Glied glich einem Weidepfahl, alle Muskeln waren gespannt, und sein herrliches Fell schimmerte wie Gold in der Morgenhelligkeit. Die Stute wieherte schrill, dann kam er über sie. Wieder biss er nach ihrem Hals, während sich ihre Geschlechtsteile vereinigten.

Es währte nicht lange, dann ließ er sich von ihr gleiten, und sie begnügten sich damit, einander mit den Mäulern zu liebkosen, verliebt die Nüstern aneinanderzureiben und sich gegenseitig über die nächsten fünfzehn Minuten derart in neue Erregung zu bringen, dass der Hengst seinen Liebesakt wiederholte.

Cliff hatte seine Deckenrolle schon zusammen, als es begann. Er sah den beiden zu, ohne sie zu stören. Bird, der die vorletzte Wache gehalten hatte, schlief noch. Als er erwachte und sich gähnend aufrichtete, fragte er: „Was passiert?“

Cliff grinste. „Vielleicht, aber sie ist ja gerade erst rossig geworden. Erfahrungsgemäß kommen sie erst zusammen, wenn die Rosse schon etwas länger besteht. Aber möglich ist alles …“

Bird zuckte hoch wie von der Tarantel gestochen. „Verflucht, haben Sie denn etwa Ihr gelb-gezähntes Mistvieh auf meine Stute gelassen?“

Cliff lachte. „Ich habe nichts getan, Bird, rein gar nichts. Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass Ihre Stute Jungfrau bleiben soll, wie?“

„Zum Teufel mit Ihrem gelben Bastard! Ich brauche die Stute noch länger.“

„Die nächsten drei Monate merken Sie ja gar keinen Unterschied.“

„Blödsinn, sie wird nachlassen. Und das hat mir gerade gefehlt.“ Bird spie wütend aus. „Ich habe es ja schon geahnt, als sie mit diesem Krüppel aufgetaucht sind.“

„Gestern hat Ihnen der Hengst noch gefallen“, meinte Cliff. „Am besten ist, Sie kehren mit Ihrem unberührbaren Schmuckstück wieder um.“ Belustigt sah Cliff auf den wütenden Wells-Fargo-Marshal. Der war nun aufgestanden und aus der alten Hütte hinausgerannt. Dort stand seine Stute noch immer angebunden. aber ihr Fell war zerzaust, vom Speichel des Hengstes am Widerrist nass und verklebt; die Mähne hing verworren herab, und in den Augen des Tieres war ein seltsamer Glanz.

Der Hengst stand hoch erhobenen Hauptes in absoluter Siegerpose neben ihr. Als er Bird sah, schnaubte er drohend und legte die Ohren an.

Bird näherte sich seinem Pferd bis auf fünf Schritte. Weiter kam er nicht. Der Hengst tänzelte heran, noch immer die Ohren angelegt, die Zähne gebleckt und in so deutlich feindlicher Haltung, dass Bird stehenblieb.

„Du verdammtes Mistvieh scherst dich weg, oder du bekommst es!“, knurrte Bird und schnallte die Peitsche vom Sattel, der an der Hüttenwand lag.

Cliff war Bird gefolgt. „Ich würde das nicht tun. Sie schlagen ihn bestimmt nur ein einziges Mal damit.“

„Aha, und dann zeigen Sie sich als sein Beschützer, was?“, fragte Bird zornig, und sein Gesicht war krebsrot vor Wut.

„Nein, das macht er allein mit Ihnen aus, Bird. Ich möchte Sie da nur warnen. Wissen Sie, ich hatte ihn schon, als er ein halbes Jahr alt war. Er ist wie ein Indianermustang aufgezogen worden, nicht eingebrochen, nicht mühsam dressiert. Er hat das alles, was er kann, von dem Fuchswallach gelernt, mit dem er bis vor zwei Jahren mitgelaufen ist. – Tja, und ich habe ihm natürlich auch einiges beigebracht. Zum Beispiel einen Mann abzuwehren, der mit Lasso oder Peitsche auf ihn zukommt.“

Bird warf die Peitsche wütend zu Boden und fauchte: „Zugegeben, diese Krücke ist ganz in Ordnung, aber nur für Sie! Wie stehe ich denn nun da mit einer gedeckten Stute, die von jetzt an jeden Tag mehr Mucken bekommt, bald schon nach ein paar Meilen ins Schwitzen gerät und …“

„Ich habe Ihnen ja gesagt, Bird, am besten kehren Sie um. Es wird für Sie sowieso das beste Rezept sein. – Ich muss jetzt satteln, lieber Freund.“

„Das sehe ich mir aber an. Dieser Löwenkater wird es sich im Augenblick aber ganz anders gedacht haben.“

Cliff lächelte. Er kannte Pascha besser. „Komm zu mir, Pascha! Komm!“

Pascha, der Hengst, warf der Stute einen Blick zu, dann sah er Bird an, zögerte noch, aber schließlich setzte er sich in Cliffs Richtung in Bewegung. Als er nicht ganz zufrieden vor Cliff stand, rieb ihm der die Nüstern, tätschelte ihm den Hals und sagte: „So, gefressen und geliebt hast du, jetzt bekommst du noch zu saufen, dann geht es weiter. Komm mit, Pascha!“

Und der große Hengst kam, ohne dass ihn Cliff überhaupt anfassen musste.

 

 

3

Bird kniete sich in den Sand und breitete eine abgegriffene Karte aus. Sie war eine der von Wells Fargo herausgegebenen Dienstkarten, die auf einem besseren Stand waren als die der Armee.

Cliff war ebenfalls abgesessen und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Es war Mittag, und die Sonne knallte mit aller Macht auf die ausgedorrte Kakteenlandschaft. Sand, Kakteen, Rollkies, sonst nichts. Über all dem wölbte sich tiefblauer Himmel. Keine zehn Meilen von hier nach Süden lag schon Mexiko. Dunst hing über den Bergen in der Gila Wüste, in deren Ausläufern sich die beiden Reiter schon befanden.

„Es kann doch gar nicht sein, Tucker, er muss hier irgendwo stecken. Er kommt doch mit einem abgehetzten Pferd gar nicht mehr so weit. Nirgendwo unterwegs ist Wasser, und er hat in Helenapoint kein frisches Wasser mitnehmen können. Was meinen Sie?“

„Die Karte nach, die Sie dort haben, gibt es hier weit und breit kein Haus. Aber ich kenne zwei Das eine ist ein Rancho, der allerdings verlassen wurde, weil der Brunnen versandete. Das andere Haus ist bewohnt. Eine mexikanische Familie, die ganz sicher vom Schmuggel lebt, wohnt dort.“

„Schmuggel? Hier fragt doch kein Aas danach, was einer über die Grenze bringt.“ Bird sah Cliff verblüfft an.

„Waffenschmuggel, Bird. Waffen für Mexiko. Die Rurales passen schon sehr genau auf, was in ihr Land kommt. Aber in der Wüste sind sie auch nicht immer und überall. Also suchen wir zuerst dort.“

„Gut, wie weit ist das? Zeigen Sie mir auf der Karte, wo das Haus stehen müsste.“

Cliff zeigte ihm die Stelle.

„Das ist ja mitten in der Wüste!“

„Irrtum, Sie werden staunen, Bird. Dort kann man es sogar aushalten. Wüste ist da nur auf der Karte. Es ist eine Oase mit Wasser. Und wenn Farragut nur die leiseste Ahnung von diesem Fleck hatte, dann konnte er nur dahin reiten. Vielleicht erwischen wir ihn noch dort.“

„Das sind gut vier Stunden Ritt“, rechnete sich Bird aus.

„Wieder falsch, Bird. Wir können froh sein, wenn wir noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen. Wir müssen Treibsandfeldern ausweichen. Hier, dort sind die. Und wenn wir die umgangen haben, sind schon gut und gerne fünf Stunden um. – Also, geben wir den Pferden zu saufen und reiten weiter.“

Bird blickte auf seine Stute, die schon Anzeichen von Erschöpfung zeigte. Von Rossigkeit keine Spur mehr.

„Auf eine kurze Pause würde es sicher nicht ankommen“, meinte Bird nachdenklich.

„Die kurze Pause könnte uns alles vermasseln, Bird. Dann kommen wir in die Nacht, und in der Dunkelheit möchte ich die Hütten des Mexikaners nicht suchen. Eine Gefahr, die man nicht sieht, ist doppelt so groß.“

Bird nickte. „Ich habe die Akten gelesen. Farraguts Akten. Er ist ja schon mehrfach vorbestraft. Aber das meine ich nicht. In diesen Akten steht etwas von einer Schwester, die in Durango lebt. Wenn er nach Mexiko gehen sollte oder schon gegangen ist, wird er sicher zu ihr reiten.“

Cliff kannte die Akten nicht. Wells Fargo arbeitete da offensichtlich koordinierter als die Territorialbehörden, die sich mit Zuständigkeitsfragen zersplitterten. „Wenn er diese Schwester dort hat, ist das ein Fingerzeig. Warum haben Sie es nicht früher gesagt?“

Bird zuckte die Schultern. „Weil ich eben überlegt habe, ob wir nicht direkt dahin reiten sollten.“

„Bis Durango? Das ist eine kleine Weltreise, Mann.“

„Eben, aber wir wären dann vielleicht noch vor ihm da.“

Cliff lachte scharf. „Und Sie glauben, er kommt unbedingt dahin? Wenn er sich nicht mehr gehetzt fühlt, bleibt er in den Staaten. Kennen Sie Mexiko?“

„Nicht sehr gut.“

„Ich kenne es. Meine Verlobte ist Mexikanerin. In Mexiko ist die Armut so groß, Bird, dass Farragut alles gegen sich und sein Gold hat, sobald das einer wittert. In einem Land, wo ein Paar Stiefel ein Vermögen wert sind für die meisten, die nicht einmal das Geld dafür haben, sind Goldbarren im Werte von sechseinhalbtausend geradezu die Aufforderung, koste es, was es wolle, den Mann unter die Erde zu bringen, der sie besitzt. Und mit oder ohne Geld, für die meisten Mexikaner sind wir verhasste Gringos. Seit Juarez gegen die Franzosen und Kaiserlichen gekämpft hat, sind Ausländer für das Gemüt fast aller Mexikaner so etwas wie für uns eine Krankheit unter unseren Rindern. Sie hassen uns wie die Pest.“

„Wir haben Juarez unterstützt. Er war amerikafreundlich, habe ich gehört.“

„Juarez ist tot. Die nach ihm gekommen sind, haben bald begriffen, was der Preis für unsere Unterstützung gewesen ist, Bird. Amerikaner sind nach Mexiko geströmt wie die Heuschrecken, haben gerade unten in der Durangogegend Goldminen errichtet und so getan, als wäre das Land dort ein Stück Kolonie von uns. Überall haben unsere Landsleute die Finger drin. Überall schöpfen sie die Sahne von der Milch, und überall reden sie den Mexikanern in deren Dinge hinein. Das Schönste ist, dass sich alle Amerikaner wie Missionare vorkommen, die ihre Mitmenschen beglücken wollen, ob denen das nun passt oder nicht. Und will man die Amerikaner nicht, nennt man sie Gringo, dann soll am liebsten ein heiliger Krieg gegen die Ungläubigen geführt werden. – Bird, wenn Farragut Mexiko kennt, wird er mit seinem Gold versuchen, in den Staaten zu bleiben. Wenn er aber eine Schwester in Durango hat, könnte er vielleicht auf andere Ideen kommen. Was treibt diese Schwester?“

„Sie ist die Frau eines gewissen Sam Kitchener. Der treibt dort irgendwelchen Handel.“

„Auch so ein Rahmabschöpfer. – Also, reiten wir!“

Sie saßen auf und hielten in Südwestrichtung. Vor ihnen lag die Wüste. Über dem öden Gebiet zitterte die Luft und gaukelte Wasserflächen infolge der Hitzespiegelung vor. Die Sonne stand jetzt ganz oben am Himmel, und die Schatten neben den Kakteen wirkten winzig. Bei jedem Auftritt wirbelte feiner, alkalihaltiger Sand auf, den der stete Südwind in Schleiern vertrieb.

Pascha, der Hengst, äugte immer wieder auf die Stute, doch die hatte nicht die Ausdauer ihres männlichen Artgenossen und war offenbar viel zu erschöpft, um noch Gefühle zu zeigen.

Auch die Reiter sprachen kaum. Cliff Tucker hatte wie selbstverständlich die Führung übernommen und schien den Weg zu kennen, als sei er in der Wüste zu Hause.

Als sie dann nach zwei Stunden eine Verschnaufpause einlegten und den Pferden zu saufen gaben, selbst etwas tranken und sich in den Schatten hockten, den die Pferde warfen, meinte Bird: „Was geschieht, wenn wir ihn in diesem Rancho an treffen?“

„Es ist kein Rancho, Bird. Nur eine Hütte aus Felsstein und Adobe. – Wir werden ihn festnehmen, und die Art, wie es geschieht, bestimmt er selbst auch mit. Ich möchte ihn lebend, damit er vor ein Gericht kommen kann.“

„Und warum muss er unbedingt vor ein Gericht? Damit die etwas zu tun bekommen?“, fragte Bird spöttisch.

„Ahnen Sie den Grund nicht? Sie sind doch so gut informiert, Bird.“

Bird zuckte die Schultern. „Welchen Grund soll ich kennen?“

„Sie haben mir selbst von seinen Bluttaten erzählt. Zwei davon sind aber zur gleichen Zeit an zwei Stellen verübt worden, die ungefähr dreißig Meilen auseinander liegen. Ich bezweifle, dass er sie beide begangen hat, weil das gar nicht möglich gewesen ist. Man hat – genauer gesagt war es US-Marshal Jarinski – einen Mann verhaftet, der wenigstens für die eine Tat in Frage kommt. Das Gericht wird den Mann freisprechen, solange nicht bewiesen ist, dass die Behauptung seines Anwalts falsch ist, dass nämlich Farragut der Mörder ist. Also müssen wir Farragut vor ein Gericht bringen, damit er dort die Wahrheit sagt. Denn für ihn kommt es nicht darauf an, unnötig zu lügen.“

„Glauben Sie?“

„Ja, glaube ich.“

„Das sollen die Gerichte ausknobeln. Ich kann Ihnen jedenfalls versprechen, Tucker, dass Pretty-Bill ein toter Mann ist, sobald ich ihn vor dem Gewehr oder dem Revolver habe.“

„Das würde ich mir an Ihrer Stelle aber sehr genau überlegen. Für mich sind Sie in dem Augenblick ein Verbrecher, in dem sie sich nicht an die Regeln halten, auch dann denke ich so, wenn wir mitten in Mexiko sein sollten.“

Bird sah ihn nachdenklich an und sagte leise:. „Und wenn wir die Sache schon vorher unter uns ausgemacht haben?“

„Aha, darauf habe ich eigentlich schon lange gewartet. Ein Duell wird für Sie aber ein ziemlich schlechtes Ende nehmen, Bird.“ Cliff lächelte hart und fuhr fort: „Also kein Duell?“

Bird musterte ihn ernst. „Überziehen Sie den Bogen nicht, Tucker. Vielleicht errechnen Sie sich einfach zu viel.“

„Ich errechne mir nichts, Bird. Ich handle nur nach meinem Eid. Und ich werde auch nach meinem Gewissen handeln, ganz bestimmt aber dann, wenn Sie auf Ideen kommen sollten, die mir nicht gefallen.“

„Abwarten, Tucker, immer abwarten. Beim Poker wird am Ende des Spieles abgerechnet. Wenn die Karten gezeigt werden müssen, Tucker. Ihre Karten kenne ich mittlerweile. Aber kennen Sie meine?“

 

 

4

Es begann zu dunkeln, als sie die beiden Hütten des Mexikaners sehen konnten. Und nicht nur die Hütten, sondern auch die Büsche, das Gras, das Windrad auf dem wackligen Turm. Und den Rauch, den sahen sie auch.

Er quoll aus den Fensteröffnungen der einen Hütte, und er stieg dort auf, wo einmal ein Dach gewesen war. Jetzt bestand die eine Hütte nur noch aus den Felssteinmauern.

„Ausgebrannt“, sagte Bird und trieb die erschöpfte Stute an. „Los, lauf, Nelly!“

„Vorsicht, Bird, der Vogel könnte noch im Nest sitzen!“, warnte Cliff.

Bird hörte nicht. Er ließ die Stute im Galopp gehen.

Pascha wollte ihr nach, aber Cliff hielt ihn zurück und folgte im Schritt. „Ruhig, mein Junge, ganz ruhig! Wir sind zu spät gekommen, auch wenn es Bird nicht einsieht und deiner Nelly die letzte Energie aus der Lunge presst.“

Bird erreichte die Gebäude, parierte sein Pferd, sprang ab und lief zu dem noch rauchenden Haus hin. Als er an einem der Fenster stand, wurde sein Gesicht rot angeleuchtet. Cliff sah es von Weitem und wusste damit, dass im Haus noch Glut schwelte.

Als Cliff dann dort anlangte, beugte sich Bird gerade über eine Leiche, von der Cliff zunächst nur die Arme sehen konnte. Dann aber erkannte er, dass es eine Frau war. Sie lag verdreht am Boden, und ihr Bauch war blutbesudelt.

„Sehen Sie es sich an, Tucker! Sehen Sie genau hin! Und diesen Hundesohn wollen Sie lebend zu einem Gericht schleppen, das ihn womöglich am Leben lässt?“

Cliff schwieg. Er hatte jetzt noch einen Toten gesehen, der direkt vor dem Stallgebäude lag. Es war der Mexikaner, den Cliff von früher her kannte. Das Gesicht des Mannes sah zerschlagen aus. Auch er war tot. Ihn musste ein Schuss in die Brust getroffen haben. Aber vorher hatte ihn Farragut noch mit den Fäusten bearbeitet.

„Wofür hat er das nur getan?“, rief Bird, der sich über diesen Vorfall trotz aller Abgebrühtheit furchtbar zu erregen schien.

Cliff blickte auf die Hufspuren am Boden. „Er hat die beiden Maultiere des Mexikaners mitgenommen. Deshalb wahrscheinlich.“

Sie führten ihre Pferde zum Brunnen. Erst fürchtete Cliff, der Brunnen könnte unbrauchbar gemacht worden sein, doch soviel Mühe hatte sich Farragut offenbar nicht gemacht.

Während Cliff den Stall durchsuchte, dort aber außer Gerümpel und etwas Heu nichts fand, suchte Bird die Spuren ab und kam dann zu Cliff in den Stall. „Vierzehn Stunden Vorsprung.“

„Vierzehn? Wie kommen Sie darauf?“, fragte Cliff verblüfft.

„Weil es vierzehn Stunden her ist, seitdem der Wind heftiger wehte. Die Spuren sind noch etwas davon zugeweht. Wie Sie wissen, herrschte heute morgen beinahe Windstille …“

„Da, wo wir gewiesen sind, ja, aber hier? Ich glaube, er ist später weg.“ Cliff ging nach draußen und deutete auf das Gras, das hier infolge des nahen Brunnens wuchs. Er bückte sich und wies auf ein niedergetretenes Büschel. „Wenn es in der Nacht niedergetreten worden wäre, hätte die Nachtfeuchtigkeit ausgereicht, dass es sich dann am Morgen wieder aufrichtet. Aber es liegt noch platt am Boden. Also war schon Sonnenschein, als sein Pferd oder einer der Esel es niedertraten. Und das Feuer, Bird, das brennt auch noch nicht so schrecklich lange. Ich glaube nicht einmal, dass er es absichtlich entfacht hat. Wir werden die Wassersäcke füllen und am Morgen weiterreiten. In wenigen Minuten ist es dunkel.“

Bird sagte nichts. Er ging zu seiner Stute und sattelte sie ab, nahm ihr die Trense vom Zaum und ließ das Tier grasen.

Cliff mache es mit Pascha ebenso, und sofort tänzelte der Hengst trotz eines harten Ritts auf die Stute zu.

„Fängt dieser Mistkäfer wieder damit an?“, knurrte Bird.

„Nur die Ruhe! Sie haben die Nacht genug Zeit zum Ausruhen, und was ihnen Spaß macht, wollen wir ihnen nicht verderben. Kommen Sie, Bird, morgen geht es via Mexiko, möchte ich wetten. Jetzt sind wir ziemlich dicht an ihm dran, und die Spur ist auch klar und deutlich.“

„Also doch noch bis Durango, wenn wir ihn nicht vorher fassen“, meinte Bird müde.

 

 

5

Pretty-Bill Farragut ließ sich aus dem Sattel gleiten, schob sich den Hut ins Genick und blickte nachdenklich auf das linke Hinterbein seines braunen Wallachs. Das völlig mit Staub bedeckte und verschwitzte Tier hielt den Huf angehoben, als wolle es damit nicht auftreten. Die beiden Maultiere, die mit Stricken an das Sattelhorn des Braunen gebunden waren, begann die Gelegenheit der ungeplanten Rast sofort dafür zu nutzen, die harten Blätter eines Strauches zu knabbern.

Farragut bückte sich, hob das linke Hinterbein des Wallachs an, aber das Tier schnaubte nervös, weil es dabei Schmerzen fühlte. Vorsichtig tastete Farragut die Fessel ab, untersuchte den Huf und ließ dann das Bein wieder sinken.

„Tja, mein Alter, damit kommst du keine zwei Meilen weit. Wir müssen aber weiter. Also Endstation für dich.“

Farraguts tief gebräuntes Gesicht verzog sich säuerlich. „Und das gerade jetzt, wo wir zwei liebe Freunde hinter uns haben, die ganz bestimmt meinen Skalp wollen. Also, viele Möglichkeiten haben wir nicht. Die Kerle sind zu nahe. Dich hier stehen zu lassen, würde dich sowieso umbringen. Also trennen wir uns.“

Farragut begann abzusatteln. Seine verstaubte Khakikleidung war am Rücken dunkel vom Schweiß. Auch unter den Armen befanden sich dunkelbraune Stellen. Die Hosen waren an einer Stelle zerrissen, so dass man den behaarten Oberschenkel erkennen konnte. Dennoch wirkte Farragut, auch unrasiert und schmutzig, wie ein Mann, der sich sehen lassen konnte. Er hatte dunkles Haar, einen sehnigen, schlanken Körper und ein scharf profiliertes Gesicht. Rasiert und gewaschen hätte er ganz sicher auf die meisten Frauen großen Eindruck gemacht.

Im Augenblick hatte Farragut andere Sorgen, als an Frauen zu denken. Er sattelte ab, zog dem Wallach den Zaum vom Kopf und tätschelte dann dem Tier den Hals. „Schade, Alter, aber du bist verloren. Ich hätte dich gerne behalten. Wenn ich dich hier stehenlasse, wirst du verdursten. Die beiden, die da hinter uns kommen, können dir ebenso wenig helfen. Wir sind in der Wüste, mein Alter. Mach es gut in deinem Pferdehimmel!“

Farragut zog seinen Revolver, setzte dem Wallach die Mündung hinters Ohr, und das Tier schien nichts zu ahnen. Als Farragut abdrückte, ging ein Zucken durch den ganzen Tierkörper, dann fiel der Wallach um. Seine Beine knickten ein, und er kippte auf die Seite. Noch einmal verursachten die Nerven ein Zucken auf Fell und an den Beinen, doch dann lag das Tier still.

Erschrocken vom Schuss hatten die beiden Maultiere die Köpfe hochgeworfen, aber dann blickten sie nur kurz auf das tote Pferd und fraßen weiter die harten Blätter.

Farragut sattelte das größte der beiden Maultiere auf, lud dessen Last auf das zweite Tier, streifte den etwas zu großen Zaum des Pferdes über und schnallte ihn enger. Dann stieg er in den Sattel, drehte sich um, doch von den beiden Verfolgern war noch nichts zu sehen. Dass sie kommen würden, wusste Farragut seit dem Morgen. Um dem schon gestern lahmenden Wallach eine Erholung zu gönnen, die sein Bein vielleicht kurierte, hatte Farragut seit gestern Mittag gerastet. Aber am Morgen entdeckte er dann die Verfolger. Sie waren noch sehr weit zurück, außerdem stand ihnen noch der Aufstieg zur Hochwüste bevor, die Farragut schon erreicht hatte. So wurde sein Vorsprung trotz des lahmenden Pferdes wieder größer.

Jetzt aber wollte er die Maultiere prüfen. Sie waren zäh und ausdauernd. Vielleicht, so sagte er sich, hänge ich sie nun endgültig ab.

Das Land vor ihm war wellig, öde und gefährlich. Es war zu allem Überfluss auch noch absolutes Apachenareal, als ob die Gefahr der Wüste selbst nicht schon ausreichte. Immer öfter tauchten Felsformationen auf, und außer den hartlaubigen, ausgedörrten Sträuchern wuchsen hier nur Kakteen, selbst die recht spärlich. Alles andere war Steinschotter, Sand und Felsen. Ein Gebirge fiel hier von Jahr zu Jahr mehr in sich zusammen, wurde zu Kies und Staub. Die Wüste fraß sich selber auf.

Die Maultiere waren langsam, und der große Graue, auf dem Farragut saß, schien gar kein Freund eines Sattels zu sein. Vielleicht, so sagte sich Farragut, war er den Sattel auch nicht gewohnt. Das Tier machte Trippelschritte, zeigte sich störrisch und versuchte immer wieder kurze Bocksprünge, die Farragut zwangen, das Tier hart zu parieren.

Wütend knurrte Farragut: „Verdammtes Stück Dreck, ausgerechnet jetzt willst du hier ein Rodeo veranstalten!“ Er zog dem Maultier einen heftigen Schlag mit dem Lassoende über. Daraufhin begann das Maultier zu galoppieren, und dies wiederum gefiel dem anderen Maultier nicht. Es stemmte sich dagegen, so dass fast der Strick riss.

Farragut begriff, dass er so nicht mehr weiterkommen würde. So brachte er die Tiere an eine Stelle, wo rotgraue Felsen wie Türme aus der Wüste ragten. Er ließ die Maultiere jetzt in Ruhe, und sie zockelten wieder im Schritt auf diese Felsen zu. Ihre Hufe tappten durch grobes Geröll, und weil diese Hufe unbeschlagen waren, traten die Maultiere sehr vorsichtig auf, wodurch sie noch langsamer wurden.

Endlich hatte Farragut eine Stelle erreicht, die ihm für seinen Plan geeignet schien. Er brachte die Maultiere zwischen zwei Felsen, so dass man sie nicht sehen konnte, wenn man nicht gerade unmittelbar in dieser Felsengasse stand. Er sattelte die Packlast mit den beiden Leinenpaketen ab, in denen für knapp sechstausend Dollar Goldbarren waren. Schließlich hob er die beiden Wassersäcke und die drei Feldflaschen vom Packpferd. Dem anderen Maultier ließ er den Reitsattel oben, band dann aber beide Tiere an. Seinen Spencer Karabiner in der Rechten, ging er zu Fuß um den Felsen herum, sah sich um und entdeckte ein Stück weiter noch einen Felsenturm, der allerdings wesentlich niedriger, dafür aber breiter war. Um keine Spur zu hinterlassen, trat er nur auf Felsbrocken und Geröll und erreichte nach einem kleinen Umweg jenen Felsen, der etwa die Höhe eines größeren Hauses hatte und in seiner Form einem riesigen Schweinekopf ähnelte. Was Farragut nicht wusste: unter den Kennern der Wüste hieß dieser Felsen deshalb auch Pig-Head-Rock, und die beiden größeren und schlankeren wurden Hunter Towers, also Jägertürme, genannt. Die ganze Gruppe hieß Hunter-Rocks; sie befanden sich genau auf der Grenzlinie von den USA und Mexiko.

Farragut kletterte ein Stück auf den Felsen und hatte hier einen ausgezeichneten Rundblick. Er war in der Lage, seine Maultiere zu beobachten, aber noch mehr die Strecke, die er gekommen war. Und dort würden seiner Meinung nach auch die Verfolger auftauchen.

Er drehte sich eine Zigarette und legte sein Gewehr auf den heißen Felsen. Als die Zigarette brannte, legte er sich Munition griffbereit auf den grauen Stein und trank einen Schluck aus der mitgenommenen Feldflasche.

Die Sonne stach heiß auf ihn herab, aber er nahm es gelassen hin. Denn schon in einer halben Stunde würde er im Schatten liegen, wenn die Sonne den höchsten Stand überwunden hatte.

Angestrengt beobachtete er den Norden. Die Luft flimmerte in der Gluthitze, Schweiß rann Farragut über die Stirn, tröpfelte ihm in die Augen und brannte wie Salz. Er wischte sich die Augen aus, stierte wieder nach Norden, und dann sah er sie plötzlich.

Sie wirkten wie zwei winzige Punkte, die infolge der flimmernden Luft wie Marionetten auf und nieder zu hüpfen schienen. Und diese Punkte wurden größer und größer. Ein Schleier von gelb-weißem Staub stand hinter diesen Punkten, die ganz allmählich feste Konturen bekamen.

Farragut hielt Selbstgespräche. „Eine Stunde, dann sind sie hier. Vielleicht sind es Marshals. Bestimmt sind es welche. Wells Fargo! Haha, dieser eine Hundesohn hätte mich bald in Helenapoint erwischt. Jetzt sind sie zu zweit. Nicht mehr lange. Pferde haben sie, diese Bullen, und ich brauche Pferde. Mit diesen Maultieren bin ich zu langsam. Man braucht Pferde, wenn man weiterkommen will. Jawohl, Bill, du musst dir diese beiden Gäule anlachen. Und die Hundesöhne, die jetzt noch darauf sitzen, die wirst du in den Sand pusten. Lass sie nur schön ruhig bis zu deinen Maultieren reiten. Sie sollen sich die Biester ordentlich genau ansehen. Und dann kriegen die Bullen eine verpasst! Ja, ja, ihr habt Bronson erwischt, aber mich, mich bekommt ihr nicht.“

Er geriet mit der Hand an den glühend heißen Stahl seines Gewehrlaufes, fluchte und blies sich an den verbrannten Finger. Dann rutschte er etwas zu dem größer werdenden Schattenkegel, auf den er schon vorhin spekuliert hatte.

Und vorn wurden die beiden Reiter immer deutlicher erkenntlich. Aber weil sie im Schritt ritten, würde es noch eine Weile dauern, ehe sie hier sein konnten.

„Weiter rechts“, sagte Cliff.

Bird sah ihn verständnislos an. „Warum? Dort ist Schatten.“

„Bird, denken Sie nach!“, mahnte Cliff. „Er hat das Pferd verloren. Sehen Sie sich die Spuren der Maultiere an!“

„Ich habe längst gesehen, dass die ungleichmäßig sind.“

„Er ist nicht vorangekommen. Ich wette mit Ihnen, dass er in den Hunter-Towers sitzt.“

„Nein. Auf meiner Karte ist da schon Mexiko.“

„Eben. Er braucht auch in Mexiko ein Pferd. Und er weiß nicht, ob wir hier umkehren oder nicht.“

„Er wird damit rechnen. Immer kehren die Marshals an der Grenze um. Darauf spekuliert er.“

Cliff war nicht dieser Meinung. Er ritt jetzt nach rechts. Bird blieb auf der Spur der Maultiere.

„Bird, Sie sind ein Idiot! Wir umreiten erst den Felsen und können dann immer noch von Süden her an ihn heran, falls dort Spuren nach Mexiko hineinführen.“

„Ich wünschte, er wäre in den Felsen, und ich hole ihn mir. Reiten Sie ruhig weiter im Bogen, Tucker“, erwiderte Bird krächzend.

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738944532
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v931234
Schlagworte
einer

Autor

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Titel: Einer war entkommen