Lade Inhalt...

Die Gier war größer als die Ehre

©2020 134 Seiten

Zusammenfassung


Als Evalinde Talbach starb, stand sie in der Blüte ihres Lebens. Jung, hübsch und lebensfroh.
Aber sie starb keines natürlichen Todes. Sie erlitt auch keinen Unfall.
Sie wurde ermordet.
Mein Name ist Janik Cramer und ich bin seit zwei Jahren Ermittler beim LKA in Hamburg.
Ich habe mich von der Spree an die Elbe versetzen lassen - denn gemordet wird überall.

Leseprobe

Table of Contents

Die Gier war größer als die Ehre

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

Die Gier war größer als die Ehre

Ein Hamburg-Krimi

von Lynda Lys und Guy Brant

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 134 Taschenbuchseiten.

Als Evalinde Talbach starb, stand sie in der Blüte ihres Lebens. Jung, hübsch und lebensfroh.
Aber sie starb keines natürlichen Todes. Sie erlitt auch keinen Unfall.

Sie wurde ermordet.

Mein Name ist Janik Cramer und ich bin seit zwei Jahren Ermittler beim LKA in Hamburg.

Ich habe mich von der Spree an die Elbe versetzen lassen - denn gemordet wird überall.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Pixabay, Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Mein Name ist Janik Cramer und ich bin seit zwei Jahren Ermittler beim LKA in Hamburg. Ursprünglich komme ich aus Berlin, doch private Umstände haben mich dazu veranlasst, meine berufliche Laufbahn in Hamburg weiterzuführen, und deshalb habe ich mich versetzen lassen. Meine Vergangenheit in Berlin war schön, aber auch sehr schmerzlich wenn ich daran zurückdachte. Ich hatte einen gut bezahlten Job beim LKA, war glücklich verheiratet und wohnte mit meiner Frau Beatrice im Grünen am nördlichen Rand von Berlin. Alles schien perfekt zu sein, doch es braute sich ein Gewitter über unsere Ehe zusammen, und ich hatte das Aufziehen der dunklen Wolken nicht bemerkt. Beatrice arbeitete als Anwältin als Partnerin in einer großen Kanzlei und war sehr erfolgreich.

Kinder war in unserer Ehe nie ein großes Thema gewesen, nur soviel, dass wir uns einig waren, irgendwann welche zu bekommen. Unsere beiden Karrieren nahmen ziemlich viel Zeit in Anspruch und so verging ein Jahr nach dem anderen.

Eines Abends im Bett kuschelte sich Beatrice an mich heran und flüsterte: “Ich glaube, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass wir es mit Nachwuchs versuchen sollten.“ Erstaunt zog ich die Augenbrauen nach oben und fragte: “Wie kommst du so plötzlich darauf?“

„Ach weißt du, Janik, Herr Ditschler aus unserer Kanzlei ist gestern zum dritten Mal Vater geworden, und er war überglücklich, als er uns im Büro stolz die Bilder seiner kleinen Prinzessin gezeigt hat. Sie war so süß, die kleine Maus. Ich habe schon etwas neidvoll die Bilder betrachtet und dachte mir, jetzt wäre es an der Zeit, auch ein Kind zu bekommen, und jünger werde ich auch nicht“, lachte sie.

Ich legte mich auf den Rücken und starrte die Decke an. Beatrice war dreißig Jahre alt und ich verstand, dass sie nicht ewig warten wollte mit den Kinderkriegen. Eigentlich sprach nichts dagegen, die Familie komplett zu machen, wenn nicht jetzt, wann dann, sinnierte ich. Schwungvoll drehte mich zurück, nahm Bea zärtlich in die Arme, küsste sie heiß und innig und flüsterte ihr ins Ohr: „Dann lass uns einfach damit beginnen.“

Die Monate schlichen unaufhaltsam vor sich hin, ohne das Beatrice schwanger wurde. Die Stimmung in unserer Ehe war eher angespannt als harmonisch, und unser Liebesleben verlief auch nur noch nach Plan. Wir rannten von Arzt zu Arzt, nahmen die vielen Sprechstunden in einer Kinderwunschklinik wahr, doch nichts brachte den gewünschten Erfolg. Obwohl wir beide gesund waren, wollte sich keine Schwangerschaft bei ihr einstellen, was dazu führte, dass nach anderthalb Jahren unsere Ehe daran zerbrach.

Aber das war alles Vergangenheit. Die Kollegen hier in Hamburg haben mich schnell als einen der ihren angenommen. Als Partner wurde mir ein alter Hase zugeteilt, der sich rasch als taffer Kerl entpuppte. Pascal Dambach redete nicht viel, aber wenn er etwas sagte, dann hatte es Hand und Fuß. Und: Er kannte sich verdammt gut aus in Hamburg.

Trotzdem beschlich mich manchmal Wehmut nach unserer Hauptstadt, doch jetzt galt es sich um den aktuellen Fall zu kümmern.

 

 

2

Irgendjemand hatte offenbar meinen Kopf leergepumpt und eine Bleikugel hineingeworfen. Sobald ich mich bewegte, begann sie darin herumzurollen. Es schmerzte, wenn sie gegen meine Stirn oder gegen die Schläfe bumste. Mein Mund und meine Kehle fühlten sich an, als seien sie mit trockenem Filz ausgefüttert.

Das Telefon klingelte. Ich verkniff die Augen. Nein, bloß das nicht! Keinen Anruf, bitte. Nicht jetzt! Alles, was ich brauchte, waren Ruhe und ein weiteres Glas Alka Seltzer, um meinen Kater zu vernichten.

Das Klingeln meines Handys gab der Bleikugel neuen Auftrieb. Es scheuchte sie in alle Ecken meines Schädels. Ich griff nach meinem Telefon, um die Qual zu beenden.

„Cramer“, krächzte ich.

„Dorn“, meldete sich eine klare, männliche Stimme am anderen Leitungsende.

„Ah, Oberkommissar Dorn von der Mordkommission“, schabte ich in die Sprechmuschel. „Sie haben sich eindeutig verwählt. Ich bin zu Hause und habe meinen freien Tag. Der Kalender befindet sich in meinem Blickfeld. Es ist Sonnabend!“

Zu viele Worte! Sie machten die Bleikugel ganz verrückt. Erschöpft hielt ich den Mund.

„Ich bezweifle, dass Ihnen dieses Wochenende viel Freude bringen wird“, sagte der Oberkommissar.

„Machen Sie’s nicht so spannend, Dorn“, sagte ich. „Was ist geschehen?“

„Ihre Puppe ist tot, Janik“, erwiderte er.

Ich griff nach dem Glas mit dem milchig weißen Alka Seltzer. Ich trank daraus einen Schluck und schüttelte mich.

„Schön langsam, Dorn“, sagte ich. „Noch einmal von vorn, bitte.“

„Was ist los mit Ihnen, Janik? Ihre Stimme hört sich an, als hätten Sie Glasscherben gefrühstückt.“

„Es muss feuchter Sand gewesen sein“, korrigierte ich ihn. „Von welcher Puppe sprechen Sie?“

„Von Evalinde Talbach.“

„Nie gehört.“

Er machte eine kurze Pause. „Sie haben Sie gestern nach Hause gebracht“, erklärte er dann. „Dafür gibt es Zeugen.“

Ich strich mir mit der Hand über die Stirn. „Ach so“, sagte ich. „Sie meinen, die Blonde mit der aufregenden Fassade? Sie nannte sich nur Eva ...“

Mein Herz machte einen jähen Sprung. Die Bleikugel stand auf einmal still, aber mir war es zumute, als müsste ich im nächsten Augenblick explodieren.

„Eva ist tot?“, stieß ich hervor.

„Ja, tot“, bestätigte Dorn.

Ich schluckte. Der gestrige Abend drängte sich in meine Erinnerung. Das Gläserklirren, die Fröhlichkeit, die Musik und das Tanzen. Vor allem das Tanzen!

Eva hatte eine ziemlich anschmiegsame herausfordernde Art gehabt, sich dabei zu bewegen. Sie hatte an diesem Abend nicht nur meine Nähe gesucht. Ich hatte nichts dagegen gehabt. Seit der Trennung von Beatrice hatte ich, bis auf ein paar One-Night-Stands, nichts mit Frauen am Hut gehabt. Eva war die Schönste auf der Feier gewesen, die absolute Krönung.

Dabei war es nicht einmal um sie gegangen, sondern um einen Kollegen, der sich verlobt hatte. Hoch die Tassen! Pascal und ich hatten eine Menge getrunken. Zum Kuckuck, warum auch nicht? Wir hatten die letzten Wochen verdammt hart gearbeitet. Vor dem freien Wochenende hatten wir es uns leisten können, einmal richtig zu feiern. Zugegeben, wir hatten dabei einen über den Durst getrunken, aber wir wären Spielverderber gewesen, wenn wir uns auf der Verlobungsparty wie Abstinenzler benommen hätten.

„He, sind Sie noch dran?“, fragte Dorn.

„Ich habe einen dicken fetten Kater, verstehen Sie? Den schlimmsten, den man sich in dieser Stadt vorstellen kann. Meine Erinnerung hat Lücken. Ich verstehe nur, dass Eva tot sein soll. Wissen Sie schon, wer es getan hat?“

„Das wollte ich von Ihnen hören, Janik.“

„Von mir? Sie gehen ganz schön ran. Ja, ich war mit der Kleinen zusammen. Wir haben zusammen getanzt und gelacht. Dann habe ich sie in ein Taxi geladen, und ich brachte sie nach Hause. Wirklich, so war es.“

„Moment“, unterbrach mich der Oberkommissar. „Wann war das?“

„So gegen drei Uhr morgens.“

„Das ist die ungefähre Tatzeit“, sagte Dorn.

„Wie ist es passiert?“, fragte ich. „Ich meine — wie musste sie sterben? Wurde sie erschossen oder erstochen?“

„Erstickt“, antwortete Dorn. „Mit einem Kissen.“

„Im Bett?“

„Ja, im Bett.“

„Keine Spuren?“

„Keine konkreten Hinweise“, sagte er. „Sie waren der letzte, der mit ihr zusammen war.“

„Der letzte“, stellte ich richtig, „war der Mörder.“

„Sie sind nicht mit in die Wohnung gegangen?“

„Nein.“

„Der Taxifahrer behauptet das Gegenteil.“

„Was für ein Taxifahrer?“

„Was ist mit Ihrer Schaltzentrale los, Janik? Werden Sie endlich munter! Ich spreche von dem Fahrer, der Evalinde Talbach und Sie zur Osterfeldstraße brachte. Wir haben ihn längst ausfindig gemacht. Er heißt Ralf Bauer und macht einen seriösen, zuverlässigen Eindruck.“

„Wieso kann er erklären, ich sei mit Eva in ihre Wohnung gegangen? Das stimmt einfach nicht!“

„Er sagte, Sie wären ganz schön voll gewesen.“

„War ich“, gab ich zu.

„Sie haben das Mädchen beim Aussteigen geküsst.“

„Sie war es wert.“

Na, bitte!“, meinte der Oberkommissar triumphierend. „Sie geben zu, mit dem Mädchen ausgestiegen zu sein.“

„Das habe ich niemals bestritten. Ich möchte nur klarstellen, dass ich sie nicht in ihre Wohnung begleitete. Ich verabschiedete sie vor der Haustür. Ich denke, das wird ungefähr fünf oder zehn Minuten gedauert haben. Dann ging sie nach oben und ich marschierte die Straße hinab, um erst mal ein bisschen frische Luft zu schnappen. Gegen drei Uhr zwanzig stoppte ich ein Taxi in Höhe der Frickestraße. Der Fahrer brachte mich nach Hause.“

„Ich hoffe, wir finden ihn.“

„Glauben Sie mir denn nicht?“, fragte ich verdutzt.

„Aber ja, Janik“, versicherte er um eine Spur zu hastig. „Klar, ich glaube Ihnen! Aber Sie sind vom LKA und wissen, dass das allein nicht genügt. Die Angaben müssen durch Beweise und Daten belegt werden. Es genügt einfach nicht, nur den Betroffenen zu fragen. Da ist noch ein Punkt, Janik. Warum haben Sie dem Mädchen das Bild geschenkt?“

„Welches Bild?“, wollte ich wissen und runzelte die Stirn, als die Bleikugel ihre Tätigkeit wieder aufnahm. Glücklicherweise war sie etwas langsamer geworden.

„Na, Ihr Foto!“

„Ich habe Eva kein Bild geschenkt“, sagte ich.

Mir fielen die Augen des Mädchens ein: groß und veilchenblau. Die Wimpern waren lang, dicht und seidig gewesen, fast so lang wie künstliche und um vieles aufregender. Mich fröstelte bei dem Gedanken, dass sich diese Wimpern für immer gesenkt hatten.

Dorn schwieg, ich wusste nicht, warum.

„Ich bin doch kein Promi“, fuhr ich fort. „Ich schleppe nicht dutzendweise meine Fotos herum, um damit Verehrerinnen erfreuen zu können.“

„Ich spreche nicht von einem Dutzend, ich spreche von einem einzelnen Bild. Von Ihrem Bild! Wir fanden es in der Handtasche der Toten. In dem Abendtäschchen, um genau zu sein. Sie hatte es auf der Party bei sich.“

„Ich erinnere mich. Die Tasche war mit Strasssteinchen besetzt.“

„Genau“, sagte Dorn.

Ich nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas. „Dadurch sind Sie auf mich gekommen. Warum haben Sie mich nicht früher angerufen?“

„Die Tote wurde erst vor zwei Stunden entdeckt.“

„Von wem?“

„Von ihrer Schwester. Die hat einen Schlüssel für die Wohnung.“

„Trotzdem haben Sie es bereits geschafft, den Taxifahrer ausfindig zu machen, der Eva und mich zur Osterfeldstraße brachte?“, erkundigte ich mich verblüfft.

„Wir hatten Glück, dass ein Anwohner, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnt, genau zur gleichen Zeit wie Sie und Eva nach Hause kam. Ihm ist das Taxi aufgefallen, das vor Evas Haustür hielt. Er hatte sich als Zeuge gemeldet als er heute morgen die Polizei in seiner Straße gesehen hatte und hat es gemeldet. Der Rest war ein Kinderspiel. Wir riefen die Taxizentrale an und schon hatten wir den Fahrer.“

„Haben Sie schon mit anderen Leuten gesprochen, die auf der Party waren?“

„Klar“, sagte der Oberkommissar. „Wir haben uns zuerst den Gastgeber, Frank König, vorgeknöpft. Mit ihm war kaum zu reden, so verkatert war er noch. Aber er erinnerte sich daran, dass Sie Eva Talbach mitgebracht hatten.“

„Dann wird es Zeit, dass jemand sein Erinnerungsvermögen korrigiert“, sagte ich. „Ich bin mit Pascal gekommen. Wir hatten kein Mädchen dabei.“

„Komisch“, meinte Dorn, „die Gäste, die wir inzwischen befragen konnten, vertreten übereinstimmend die Meinung, dass Sie das Mädel mitgebracht hatten.“

„Dafür gibt es eine Erklärung“, erwiderte ich. „Eva und ich waren fast den ganzen Abend zusammen. Auf diese Weise entstand vermutlich der Eindruck, dass das Mädchen zu mir gehörte."

„Soll das heißen, dass Sie sie gestern zum ersten mal gesehen haben?“

„So ist es, Dorn. Ich bedauere, dass ich sie nicht früher kennenlernen konnte. Sie war ein ungewöhnlich attraktives Mädchen. Anschmiegsam, aufgeweckt — sogar witzig. Es machte Spaß, sich mit ihr zu unterhalten.“

„Jetzt frage ich mich, wer sie mitgebracht hat und was sie auf Königs Verlobungsparty wollte.“

„Was ist das für ein Bild von mir, das Sie bei dem Mädchen fanden?“, wollte ich wissen.

„Ein Brustbild, nicht ganz scharf, offenbar eine Amateuraufnahme. Sie tragen darauf eine Jeans und ein Poloshirt“, erwiderte der Oberkommissar.

„Ich weiß nichts von der Existenz eines solchen Bildes“, sagte ich.

„Es ist besser, wir setzen unsere Unterhaltung in zwei, drei Stunden fort“, meinte Dorn. „Sie sind noch immer nicht ganz da. Das ist bedauerlich, Janik. Ich muss es in meinem Bericht vermerken. Diese Notiz wird notwendigerweise gegen Sie sprechen. Sie werden wohl oder übel auf's Revier kommen müssen, um Ihre Aussage zu machen.“

Es klickte in der Leitung. Dorn hatte aufgelegt. Ich erhob mich wütend. Der plötzliche Ruck ließ die Bleikugel erneut rotieren. Ich ging ins Badezimmer und betrachtete mich im Spiegel. Was ich sah, gefiel mir nicht. Ich hatte Ringe unter den Augen und machte einen ziemlich verkaterten Eindruck. Aber meine Denkzentrale funktionierte noch gut genug, um mir zu sagen, dass ich in eine hübsche kleine Falle getappt war. Das Mädchen hatte den Auftrag gehabt, mit mir zu sprechen. Vielleicht hatte sie es sogar darauf angelegt, dass ich sie nach Hause brachte. Das Bild von mir hatte offenbar nur dem Zweck gedient, unter den vielen Partygästen den Richtigen herauszupicken. Es warf auch keine Fragen auf, dass Eva Talbach es überhaupt geschafft hatte, ungeladen auf Königs Verlobungsparty zu erscheinen. Hamburg ist eine Stadt der offenen Partys.

Ich versuchte mich an die Worte zu erinnern, die Eva und ich gewechselt hatten. Es war dabei um das junge Paar gegangen, um Bilder, Filme und politische Fragen. Das Gespräch war zu keinem Zeitpunkt ernst geworden, es hatte sich stets am Rande leichter Blödeleien bewegt. Über das LKA oder meine Arbeit war nicht gesprochen worden.

Rückblickend fiel mir auf, dass Eva nicht nach meinem Beruf gefragt hatte. Das wäre schließlich eine Frage gewesen, die nahegelegen hätte.

Sie hatte also den Auftrag bekommen, sich an mich heranzumachen. So sah es jedenfalls aus. Aber wer hatte ihr den Auftrag erteilt — und welche Absichten und Ziele verbargen sich dahinter?

Wie kam es, dass Eva Talbach, nachdem sie mit mir einen amüsanten Abend verbracht hatte, in ihrer Wohnung ermordet worden war? Und weshalb hatte der Täter es versäumt, mein Foto aus Evas Handtasche zu nehmen? Hoffte er, dass man mich als Eva Talbachs Mörder verdächtigen würde?

Ich hielt den Kopf unter das kalte Wasser, obwohl ich wusste, dass das Abfrottieren des Haares die verdammte Bleikugel aktivieren würde. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Da war das Dunkel des Hausflurs gewesen, der Duft und die elastische Anschmiegsamkeit des Mädchens. Ihre vollen warmen Lippen, ihre Arme, ihr Flüstern.

Ja, sie hatte mich dazu aufgefordert, mit ihr nach oben zu gehen.

„Ich mache uns einen Kaffee ...“, hatte sie gesagt. Ihre Stimme hatte seltsam belegt geklungen. Sie hatte ganz dicht an meinem Ohr gesprochen.

Doch der Alkohol in meinem Körper machte mir einen dicken Strich durch die Rechnung. Mir war auf einmal ziemlich übel geworden. Ich hatte gemerkt, dass mit meinem Magen etwas nicht stimmte und veranlasste mich dazu, mich rasch von ihr zu verabschieden. Ich glaube, Eva hatte den Grund meiner plötzlichen Eile erahnt. Jedenfalls hatte sie nichts unternommen, um mich aufzuhalten.

Dummerweise gab es keine Zeugen für diese Szene. Der Taxifahrer hatte nur gesehen, wie ich mit dem Mädel im Dunkel des Hauseingangs verschwunden war.

Eva Talbach. Wer war sie? Ich musste es herausfinden, und zwar rasch. Immerhin hatte ich zwei Tage Zeit, um den Fall zu klären. Adieu, geruhsames Wochenende!

Ich zuckte zusammen, als es an der Wohnungstür klingelte. Ich fuhr mir einige Male mit dem Handtuch über den Kopf und schlurfte dann durch die kleine Diele. Ich öffnete die Wohnungstür und trat einen halben Schritt zurück.

Das Mädchen, das mir gegenüber stand, richtete eine Pistole auf mich. Aber das war es nicht, was die vermeintliche Bleikugel hinter meiner Stirn zu einer letzten Höchstleistung anspornte.

„Eva!“, stieß ich hervor. „Ich dachte, Sie seien tot!“

 

 

3

Noch während ich die Worte äußerte, wurde mir klar, wie unsinnig sie waren. Mir fiel ein, dass Oberkommissar Dorn eine Schwester der Ermordeten erwähnt hatte.

Die Besucherin mit der Pistole sah Eva Talbach verblüffend ähnlich, aber bei einem zweiten, und genaueren Blick war zu erkennen, dass sie mindestens zwei oder drei Jahre jünger als die Tote sein musste. Die veilchenblauen Augen hatten einen Stich ins Violette, und das dunkelblonde Haar war im Nacken zu einem lustigen kleinen Pferdeschwanz zusammengefasst. Er war das einzige Lustige an dem Mädchen. Die Augen zeigten Hass, Verachtung und kalte Entschlossenheit.

„Warum haben Sie es getan?“, stieß Evas Schwester hervor.

Ich streckte die Hand aus und nahm ihr die Pistole ab. Sie ließ es widerstandslos geschehen.

„Mit Spielzeugpistolen können Sie keinen Experten bluffen“, sagte ich und trat zur Seite, um sie einzulassen. „Ich bin froh, dass Sie gekommen sind.“

Der volle weiche Mund des Mädchens begann zu beben. Ich hoffte fast, dass sie sich mit ein paar Tränen erleichtern würde, aber sie hatte sich schon in der nächsten Sekunde wieder voll in der Gewalt. Immerhin befolgte sie meine Aufforderung. Wir setzten uns ins Wohnzimmer. Sie schaute sich kurz um. Ihr Blick blieb an dem fast leeren Glas mit Alka Seltzer hängen, dann wandte sie sich erneut mir zu.

„Sie haben es getan“, sagte sie mit tonloser Stimme. „Sie werden dafür büßen!“

„Was getan?“

„Sie haben Eva ermordet!“

„Sehe ich aus wie ein Mörder?“

„Ja!“, stieß sie hervor. „Sie sind ein Polizist. Sie sind an Brutalität und Gewalt gewöhnt. Es ist ein Teil Ihres Lebens geworden. Kein Wunder, dass Sie ein Opfer dieses Lebens wurden!“ Ruhig, Janik, dachte ich. Ganz ruhig! Dieses Mädchen hat seine Schwester verloren. Die Nachricht und der Anblick der Toten müssen ein Schock für sie gewesen sein. Er wirkt jetzt noch in ihr nach. Man hat ihr gesagt, dass ich zuletzt mit Eva zusammen war. Daraus zieht sie ihre falschen, für sie aber scheinbar logischen Rückschlüsse.

„Warum hätte ich es tun sollen?“, fragte ich.

„Eva hat sich Ihnen verweigert“, meinte das Mädchen. „Sie wollten sie mit Gewalt nehmen, was sie Ihnen vorenthielt. Es kam zu einem Kampf, der mit Evas Tod endete.“

„Es steht mir nicht zu, Ihrer Schwester Leichtlebigkeit zu unterstellen“, sagte ich, „aber ich bin sicher, dass sie nicht sonderlich prüde war. Sie liebte das Leben und sie liebte die Menschen.“

„Sie wollen damit sagen, dass sie die Männer liebte, nicht wahr?“, unterbrach das Mädchen mich heftig.

„Ich kannte Ihre Schwester zu kurz, um mir darüber ein Urteil bilden zu können.“

„Wie können Sie es wagen, eine Tote zu beleidigen?“, fragte die Besucherin wütend.

„Sie legen es offenbar darauf an, mich falsch zu interpretieren“, sagte ich. „Ich nehme Ihnen das nicht übel. Sie sind schockiert, verletzt und aufgebracht. Sie suchen nach einem Schuldigen, um sich abzureagieren. Aber Sie sind an der falschen Adresse, wenn Sie sich dabei auf mich konzentrieren. Ich wäre nicht mit Eva nach Hause gefahren, wenn ich sie nicht ungemein attraktiv und unterhaltsam gefunden hätte. Sie war mir sympathisch. Ich redete mir ein, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte.“

Das junge Mädchen lehnte sich zurück und schloss die Augen. Ich sah, wie unter ihren langen seidigen Wimpern einige Tränen hervor tropften. Ich erhob mich, trat an das Fester und blickte hinaus.

„Wie heißen Sie?“, fragte ich unvermittelt.

„Janine“, erwiderte sie. „Janine Talbach.“

„Sie wohnten mit Ihrer Schwester zusammen?“

„Nein — aber ich habe ein Zimmer in ihrer Wohnung“, erwiderte Janine. „Ich benutze es monatlich nur einmal. Häufiger komme ich nicht nach Hamburg.“

„Wo wohnen Sie?“

„In Berlin. Ich arbeite dort als Sekretärin in einem Anwaltsbüro.“

„Eva war Ihre einzige Schwester?“

„Ja.“

Janine Talbach antwortete gehorsam und mit leiser Stimme. Es schien fast so, als empfände sie Erleichterung darüber, auf diese Weise gefordert zu werden. Die verhörähnliche Unterhaltung schenkte ihr die Illusion des Vergessenkönnens.

Ich wandte mich um und setzte mich wieder. Janine Talbach hatte ihre Augen geöffnet. Sie trug ein gelbes und sehr kurzes Hemdblusenkleid, dem durch seinen raffiniert einfachen Schnitt die gehobene Preisklasse anzusehen war.

„Wenn Sie bereit sind, mir zu glauben, verspreche ich Ihnen, den Mörder Ihrer Schwester zu finden“, sagte ich. „Es ist klar, dass ich dabei auf Ihre Mitarbeit angewiesen bin.“

„Wieso sollte ich Ihnen glauben?“

„Weil ich Evas Tod als zutiefst schmerzlich empfinde und weil ich weiß, dass ich daran keine Schuld habe!“

„Worte, nichts als Worte!“, stieß Janine Talbach hervor. „Geben Sie doch zu, dass Sie sturzbetrunken waren und gar nicht mehr wissen, was Sie taten. Ihr Aussehen und das Alka Seltzer auf Ihrem Tisch beweisen doch, was für einen Kater Sie haben.“

„Er ist inzwischen verflogen“, erwiderte ich.

„Wenn er keinem seelischen Katzenjammer Platz gemacht hat, beweist das nur, wie skrupellos Sie sind“, erklärte das Mädchen. „Warum haben Sie nicht den Mumm, zu Ihrer Tat zu stehen?“

„Diese Art von Mut wäre dem Mörder sehr recht“, sagte ich. „Es würde ihn entlasten.“

Das Handy klingelte.

„Pardon“, sagte ich zu dem Mädchen und ging ran.

„Dorn“, meldete sich der Oberkommissar. Ich fand, dass seine Stimme diesmal spröde und ziemlich barsch klang.

„Hallo, Herr Dorn“, sagte ich. „Mit Ihren Zeitbegriffen muss etwas nicht stimmen. Sie wollten erst in zwei oder drei Stunden wieder anrufen.“

„Ich habe soeben den Obduktionsbefund erhalten“, sagte er schroff.

„Lassen Sie hören.“

„Spuren von Sperma und andere, detailliert aufgeführte Hinweise lassen klar erkennen, dass Evalinde Talbach vor ihrem Tod einen Mann bei sich hatte. Vergewaltigung kann nicht völlig ausgeschlossen werden.“

„Ich war betrunken. Ich war verrückt nach dem Mädchen. Ich wollte es haben, um jeden Preis“, sagte ich mit harter, scharfer Stimme. „Ich folgte ihr in die Wohnung, nachdem ich sie dazu überredet hatte, mir einen Kaffee zuzubereiten. Dann nahm ich mir, was ich haben wollte — gegen den erbitterten Widerstand des Mädchens. Als alles vorüber war, drohte es, die Polizei anzurufen. Ich wurde kopflos, weil ich um meinen Job fürchtete. Ein Kommissar, der ein unschuldiges Mädchen vergewaltigt! Also versuchte ich, Eva zum Schweigen zu bringen. Ich presste ihr das Kopfkissen auf den Mund. Leider tat ich es zu intensiv und um einige Sekunden zu lange. Als ich das Kissen wegzog, war das Mädchen erstickt.“

„Ich habe nicht gesagt, dass es so war“, sagte Dorn.

„Aber gedacht.“

„Ich weiß nur, dass andere so denken werden. Die Zeitungen, die Zuschauer im Fernsehen — alle.“

„Und Sie?“

„Ich gebe zu, dass Sie in keiner beneidenswerten Lage sind, Janik“, sagte er. „Wenn ich ...“

„Sparen Sie sich die Worte“, unterbrach ich ihn scharf. „Sagen Sie mir klipp und klar, was Sie denken.“

„Ich kenne Sie, Janik. Ich halte es schlechthin für ausgeschlossen, dass Sie das Mädchen getötet haben. Ich werde das jedem sagen, der es hören will — aber es wird eine Menge Leute geben, die mir nicht werden glauben wollen. Es gibt zu viele Punkte, die gegen Sie sprechen. Man wird erklären, dass Sie Eva gar nicht hätten töten wollen — dass es aber als ein Ergebnis von Trunkenheit und Lust schließlich dazu gekommen sei.“

„Reizende Aussichten, was?“

„Es gibt vieles, was für Sie spricht“, sagte Dorn.

„Sie machen mir Hoffnung!“, spottete ich bitter.

„Zum Beispiel das Foto in der Handtasche. Wären Sie der Mörder, hätten Sie es nach der Tat an sich genommen.“

„Sie übersehen, dass ich in einem halb unzurechnungsfähigen Zustand war und nur noch an Flucht dachte.“

„Sie haben schon so viele harte Fälle gelöst und dabei einen kühlen Kopf bewiesen“, sagte Oberkommissar Dorn. „Warum hätten Sie einen so gravierenden Fehler machen sollen, wenn es um Ihren eigenen Kopf ging?“

„Es ist leicht, die Ruhe zu bewahren, wenn man anderen auf der Spur ist“, sagte ich. „Sobald man selbst in der Patsche sitzt, sehen die Dinge ein wenig anders aus.“

„Verdammt noch mal, was wollen Sie mir eigentlich damit beweisen?“

„Ich zähle nur auf, was Sie bereits gedacht haben“, sagte ich. „Und was Sie noch immer denken. Ich will Sie nicht beeinflussen Herr Dorn. Sie müssen Ihren eigenen Weg zur Wahrheit finden.“

Als ich auflegte, fiel mir ein, dass ich Dorn gegenüber nicht den Besuch von Janine Talbach erwähnt hatte. Es war klar, dass er davon erfahren und sich fragen würde, weshalb ich ihm den Besuch verschwiegen hatte.

„Ärger?“, fragte mich das Mädchen.

Ich blickte sie an. Der Hass und die Verachtung waren aus ihren großen Augen verschwunden. Ich entdeckte darin nur noch Neugierde und sogar einen Schuss Anteilnahme.

„Das meiste haben Sie mitgehört“, sagte ich. „Es wird eine Menge Leute geben, die wie Sie denken und mich für den Mörder halten.“

„Ich glaube nicht, dass Sie es getan haben“, meinte Janine Talbach. „Nicht mehr.“

„Was hat Ihre plötzliche Sinnesänderung bewirkt?“

„Ich kann es nicht genau sagen. Es ist nichts konkret Greifbares. Ich verlasse mich dabei ganz auf mein Gefühl.“

„Gefühle“, sagte ich bitter, „haben noch keinen vor dem Henker bewahrt.“

„Wirft man Ihnen jetzt auch vor, Eva vergewaltigt zu haben?“, erkundigte sich Janine Talbach.

„Ja, Vergewaltigung wird dabei nicht ausgeschlossen. Fest steht nur, dass Eva vor ihrem Tod einen Mann bei sich hatte. Er muss in der Wohnung gewesen sein, als sie nach Hause kam.“

„Ich wünschte, ich wäre einen Tag früher nach Hamburg gekommen“, sagte Janine. „Dann hätte Eva nicht zu sterben brauchen.“

„Wann waren Sie das letzte Mal bei ihr?“

„Vor vierzehn Tagen.“

„Sagten Sie nicht, dass Sie nur einmal im Monat nach Hamburg kommen?“

„Das ist richtig und trifft auch ganz allgemein zu. Mein Chef musste plötzlich nach Hamburg und nahm mich mit. Das ist die Erklärung für mein unerwartetes Auftauchen.“

„Wusste Eva, dass Sie kommen würden?“

„Nein, ich wollte sie überraschen.“

„Wer außer Eva und Ihnen besaß noch einen Schlüssel für die Wohnung?“

„Ich wüsste niemanden“, erwiderte Janine Talbach.

„Kennen Sie Evas Freunde?“

„Sie hatte keinen festen, falls Sie das meinen.“

„War sie mit vielen Männern befreundet?“

„Ja“, sagte Janine Talbach zögernd und leicht gedehnt. „Eva war lebenshungrig und lustig. Sie hatte niemals Mühe, den Männern zu gefallen, und sie genoss es, immer neue Eroberungen zu machen. Ich glaube, dass sie das zu ihrer Selbstbestätigung brauchte. Ich will nicht behaupten, dass sie deshalb gleich mit jedem intim wurde, aber fraglos liebte sie den Flirt.“

„Wovon lebte sie?“

„Das — das weiß ich nicht“, meinte Janine Talbach und schlug plötzlich die Augen nieder.

„Arbeitete sie denn nicht?“

„Nur sehr unregelmäßig — als Fotomodell.“

„Für eine bestimmte Agentur?“

„Ja, hauptsächlich für Pix and Model.“

Ich notierte mir den Namen. „Sie sollten mir nichts verschweigen, Janine“, sagte ich. „Offenbar sind Evas Verdienstquellen ein Punkt gewesen, der Sie verwirrte.“

„Das ist richtig“, gab Janine Talbach zu. „Ich weiß, was Eva für diese oder jene Aufnahme bekam. Es waren selten mehr als hundert Euro. Obwohl sie häufig fotografiert wurde, ließen sich nicht alle Aufnahmen verkaufen. Ich habe mich zuweilen gefragt, woher sie das Geld nahm, um auf so großem Fuß leben zu können. Sie bezahlte allein siebenhundert Euro für die Wohnung und weigerte sich, von mir einen Anteil für mein Zimmer zu nehmen. Sie fuhr einen teuren ausländischen Wagen, sie besaß viel Schmuck, und sie hatte eine modern eingerichtete Wohnung.“

„Haben Sie sie nicht danach gefragt, wie sie das alles finanzieren konnte?“

„Es lag mir oft genug auf der Zunge, aber ich wollte Eva nicht brüskieren. Ich hatte sie in Verdacht, dass sie eine Menge Schulden abtragen musste, aber natürlich steht keineswegs fest, dass das auch zutrifft.“

„Wie gut kannten Sie Ihre Schwester?“

„Ich habe mir diese Frage nach Evas Tod gestellt“, sagte Janine Talbach leise, „und muss zu meiner Schande gestehen, dass ich so gut wie nichts über sie weiß. Ich habe Eva immer bewundert. Ich fand sie schillernd und nachahmenswert. Wenn wir zusammen waren, betreute und bemutterte sie mich, aber im Grunde kam keiner so recht dahinter, wie das Leben des anderen beschaffen war. Ich bildete mir früher immer ein, dass Eva meine beste Freundin sei, aber heute weiß ich, dass sie doch nur meine Schwester war. Zwischen Schwestern gibt es gewisse Barrieren, man spricht nicht so offen miteinander, wenn es um Männer oder Gefühle geht. Ich glaube, dass dabei ein gewisses Schamgefühl mitspielt, eine Scheu, die man einer Freundin gegenüber nicht aufbringt.“

„Sie wissen, dass man mein Foto in Evas Handtasche fand“, sagte ich. „Das Bild hat sie nicht von mir bekommen. Es muss ohne mein Wissen von mir gemacht worden sein. Die Unschärfe der Aufnahme spricht dafür, dass es sich um eine Ausschnittvergrößerung handelt. Alles weist darauf hin, dass Eva den Auftrag hatte, auf Frank Königs Verlobungsparty Verbindung zu mir aufzunehmen. Wer kann ihr diesen Auftrag erteilt haben?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Janine verwirrt.

„Erinnern Sie sich an irgendwelche Männer, mit denen Eva in der letzten Zeit verkehrte?“

„Sie wurde hin und wieder von den Auftraggebern eines Reklamestudios eingeladen“, erinnerte sich Janine. „Da Eva gern teure Lokale besuchte und ebenso gern gut aß, ließ sie sich viel ausführen. Sie erzählte mir oft lachend von den Anstrengungen, die die Männer machten, um sie zu erobern. Eva fand das schrecklich komisch. Ich habe sie kein einziges Mal wirklich verliebt gesehen.“

„Wie war Eva, als Sie sie vor vierzehn Tagen zuletzt sahen?“, wollte ich wissen.

„Heiter und aufgeschlossen wie immer.“

„Empfing sie irgendwelche Anrufe?“

„Nein.“

„Entdeckten Sie in der Wohnung etwas Ungewöhnliches? Eine Ansichtskarte meinetwegen, den Werbeflyer eines Lokals oder irgendeinen anderen Hinweis auf die Lebensgewohnheiten Ihrer Schwester?“

„Nein.“

Ich rieb mir nachdenklich das Kinn. „Ich frage mich, wie Eva von der Verlobung meines Kollegen Frank König Kenntnis bekommen hat“, sagte ich. „Franks Verlobte heißt übrigens Laura Meissner. Ein nettes Mädchen. Haben Sie den Namen schon einmal gehört?“

„Nein.“

„Werden Sie in Hamburg bleiben, bis Ihre Schwester beerdigt wird?“

„Ja. Ich ziehe in ein Hotel. Mein Chef hat mir eine Woche Sonderurlaub gegeben. Ich kann nicht in der Wohnung schlafen, wo meine Schwester Eva...“

Janine Talbachs Stimme brach. Sie blickte aus dem Fenster. Ich erhob mich und griff nach dem Alka Seltzer Glas, um es in die Küche zu bringen. Als ich die Küche verließ, stand Janine in der Diele. Sie streckte mir ihre schmale Hand entgegen.

„Ich habe mich töricht benommen“, entschuldigte sie sich. „Ich hielt Sie für ein Ungeheuer. Deshalb kaufte ich die Spielzeugpistole. Ich glaubte, Sie damit einschüchtern zu können. Ich muss jetzt an die frische Luft. Ich muss nachdenken können. Wenn mir etwas einfällt, was für Sie von Bedeutung sein könnte, werde ich Sie anrufen.“

„Wo kann ich Sie erreichen?“

„Ich wohne im ,Marine-Hotel‘ in Hamburg-Mitte“, antwortete sie.

 

 

4

Nachdem das Mädchen gegangen war, wählte ich die Privatnummer meines Chefs. Thomas Hartmann meldete sich mit frischer, ausgeruht klingender Stimme.

„Was gibt’s, Janik?“, fragte er.

„Nichts Gutes. Ich war mit Pascal auf Frank Königs Verlobungsparty und habe heute Morgen gegen drei Uhr ein Mädchen nach Hause gebracht, das ich für eine persönliche Bekannte von König oder seiner Verlobten hielt. Das Mädchen wurde ermordet, nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte.“

„Ach du meine Güte! Wer bearbeitet den Fall?“

„Oberkommissar Dorn. Er hat mir unmissverständlich klargemacht, dass es Ärger für mich geben wird. Ärger für mich bedeutet einen Schatten auf den Namen des LKA. Das macht mich daran so wütend. Der Taxifahrer kann bezeugen, dass ich mit dem Mädchen vor ihrem Haus ausgestiegen bin. Er sah, wie ich mit ihr in dem dunklen Hausgang verschwand. Natürlich schloss er daraus, dass ich Eva Talbach in ihre Wohnung begleitete, aber das ist falsch. Ich fürchte, ich war ziemlich blau. Ich mache mir deshalb die heftigsten Vorwürfe.“

„Hatten Sie die Kontrolle über sich verloren?“, fragte Hartmann. „Gibt es in Ihrer Erinnerung Lücken?“

„Nein“, antwortete ich.

„Dann würde ich Ihnen raten, sich nicht selbst zu zerfleischen“, sagte Hartmann. „Es war Freitagabend. Man hatte Sie zu einer Party gebeten. Sie wären ein Spießer gewesen, wenn Sie sich dabei zurückgehalten hätten. Es war ein fröhlicher Anlass zu einem fröhlichen Umtrunk. Sie haben weder silberne Löffel gestohlen noch auf dem Tisch getanzt. Sie hatten getrunken — wie alle auf der Feier, nehme ich an. Dass Sie trotzdem noch verantwortungsbewusst handelten, beweist die Tatsache, dass Sie Ihren Wagen stehenließen und die Frau mit einem Taxi nach Hause brachten.“

„In der Handtasche der Toten fand man mein Bild. Es stammt nicht von mir. Es gibt keinen Zweifel, dass irgend jemand das Mädchen auf mich angesetzt hatte.“

„Sie glauben, dass jemand daran interessiert ist, Sie zu Eva Talbachs Mörder zu stempeln?“

„Wenn das der Fall sein sollte, kann Eva Talbach nicht gewusst haben, wozu sie benutzt wurde.“

„Haben Sie schon mit Pascal gesprochen?“

„Ich bin noch nicht dazu gekommen. Nach Dorns erstem Anruf kreuzte plötzlich die Schwester der Ermordeten hier auf. Ein sehr hübsches und sympathisches Mädchen. Sie war sehr aufgeregt und wurde von der wirren Vorstellung getrieben, den Tod ihrer Schwester an mir, dem vermeintlichen Mörder, rächen zu müssen. Sie ist erst vor wenigen Minuten gegangen — bekehrt, wie ich hoffe.“

„Wie fühlen Sie sich jetzt?“

„Ich fasse allmählich wieder Tritt, aber es wäre übertrieben, wenn ich behauptete, schon wieder topfit zu sein. Ich weiß nur, dass ich diesen Mord aufklären muss, und zwar schnell. Es geht dabei nicht nur um mich. Es geht auch um den Ruf unseres Präsidium.“

„Stimmt genau“, pflichtete Hartmann mir bei. „Wer Sie angreift, greift auch uns an. Sie haben meine volle Unterstützung bei der Bearbeitung des Falles. Wir sind es unserem Ruf schuldig, einen ungerechtfertigten Verdacht dieses Kalibers schnellstens zu entkräften. Sie kennen mich, Janik. Ich hasse Vereinsmeierei. Ich stelle mich nur dann vor einen Mitarbeiter, wenn ich davon überzeugt sein kann, dass er die Wahrheit sagt.“

„Von mir werden Sie nie etwas anderes hören“, erklärte ich.

„Das weiß ich, Janik.“

Ich klappte das Handy zu und gleich wieder auf, um meinen Freund und Kollegen Pascal Dambach anzurufen. Ich ließ es fast eine halbe Minute klingeln, weil ich annahm, dass Pascal nach der harten Nacht noch im Bett lag und schlief.

Niemand antwortete.

Mein Freund Pascal ging nicht ans Handy.

 

 

5

Als ich mein Handy zuklappte, klingelte es an der Wohnungstür.

Pascal!, dachte ich. Er hat sicher mit Oberkommissar Dorn telefoniert und ist prompt zu mir gekommen, um mir aus der Patsche zu helfen. Ich durchquerte die Diele und öffnete.

„Hei, Killer“, sagte der schwitzende grinsende Mann, der vor mir stand.

Es war Ferdi Ringbein. Ferdi war sein Spitzname. Alle Welt nannte ihn so. Seinen richtigen Vornamen kannte ich nicht. Ferdi Ringbein war freischaffender Reporter beim Hamburger Abendblatt. Jedenfalls nannte er sich so. Er gehörte zu den Skandalschmarotzern, denen jedes menschliches Drama recht war, wenn sich daraus nur eine knallige Schlagzeile und ein aufregender Artikel formen ließen.

Fremdes Leid war das Material, das ihn beschäftigte und glücklich machte.

Er war bekannt dafür, dass er die Tatsachen gern entstellte, um sie, wie er zu sagen pflegte, für den einfachen Mann aufzupolieren. Ich kannte niemanden, der Ferdi Ringbein schätzte.

„Sagten Sie Killer?“, fragte ich.

Sein Grinsen wurde breit, aber nicht schöner. An ihm war überhaupt nichts schön. Er war dick und stiernackig. Obwohl er sich mit deodorierenden Mitteln pflegte, wurde er niemals seinen Schweißgeruch los. Er hatte fleischige Lippen, eine wulstige Nase und kleine, weit auseinander stehende Augen, denen nur wenig entging.

„Diesmal schnappt die Falle zu, Cramer“, sagte er. „Aber nicht für die anderen, sondern für Sie.“

Er drängte sich unaufgefordert an mir vorbei in die Wohnung. Neugierig schaute er sich im Wohnzimmer um.

Dann sagte er: „Geben Sie mir ein paar Details, Cramer. Vielleicht kann ich etwas für Sie tun.“

„Hauen Sie ab!“, sagte ich.

Ferdi Ringbein ließ sich in einen Sessel fallen. Sein verschwitztes Gesicht war hochrot. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.

„Wie war die Kleine? Los, sagen Sie es mir! Die Leute sind verrückt nach solchen Dingen. Erst Vergewaltigung und dann Mord. Wenn Sie wollen, mache ich für Sie einen Totschlag daraus.“

„Verschwinden Sie!“

Er lachte kurz. „Ich kann verstehen, dass Sie sauer sind. Wie fühlt man sich denn, wenn man plötzlich auf der anderen Seite steht? Bis jetzt konnten Sie den Mann des Gesetzes spielen, und die armen Würstchen, die Sie jagten, mussten vor Ihnen kuschen. Auf einmal sind Sie der Gejagte! Nette Abwechslung, was?“

„Wenn Sie nicht sofort gehen, setze ich Sie eigenhändig vor die Tür.“

„Aber, aber!“, machte er und spielte den Gekränkten. „Behandelt man so einen Mann, der nur seine Pflicht tut und die Öffentlichkeit informieren will? Wenn Sie mich anfassen, hauen Sie sich selber in die Pfanne!“

„Würden Sie eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch vorziehen?“, fragte ich und zwang mich zur Ruhe. Ich war kurz davor ihm eine reinzuhauen. Es war klar, dass Ferdi Ringbein mich nur provozieren wollte. Er hoffte, dass ich in einem Anfall von Wut etwas tun oder sagen würde, was ich später bereuen musste.

„Nun regen Sie sich mal ab, Cramer“, meinte er. „Ich bin Reporter. Wenn ich es richtig anpacke, wird das hier der Fall meines Lebens. Der große Kommissar, das vielgepriesene Vorbild des LKA, lässt seine Maske fallen. Und was kommt dabei zum Vorschein? Ein kleiner eitler Schürzenjäger, der sich Mut antrinken musste, um ein Mädchen zu bekommen, und der dann durchdrehte, als dieses Mädchen ihn anzuzeigen drohte. So war es doch, nicht wahr?“

Er stand auf und ging zur Tür. Ich folgte ihm in die Diele. Plötzlich öffnete er mit einem Ruck die Badezimmertür. Es schien fast so, als vermutete er dahinter ein dunkles Geheimnis. Er trat auf die Schwelle, dann machte er einen Schritt vorwärts, um sein Gesicht im Spiegel zu betrachten. Mir schien es so, als würde er schwanken.

Details

Seiten
134
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738944525
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (September)
Schlagworte
gier ehre
Zurück

Titel: Die Gier war größer als die Ehre