Lade Inhalt...

Der Glanz des Blutes: Antonia Berg ermittelt

2020 160 Seiten

Zusammenfassung

Als eines Abends kurz nach Ladenschluss zwei Männer bei Simon Goldmann, einem erfolgreichen und angesehenen Juwelier aus Berlin, auftauchen, kann er nicht ahnen, dass nach diesem Besuch nichts mehr ist, wie es war. Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse und veranlassen das BKA Kriminalhauptkommissarin Antonia Berg auf diesen Fall anzusetzen.

Schnell findet sie heraus, dass hier gewissenlose Killer illegale Geschäfte mit Diamanten machen, weil jede Spur, die sie verfolgt, bei einem Toten endet. Sie räumen gnadenlos jeden aus dem Weg, der ihnen in die Quere kommt. Und es dauert nicht lange, da macht auch Antonia Berg die Bekanntschaft mit diesen Killern …

Leseprobe

Der Glanz des Blutes

- Antonia Berg ermittelt -



von Hans-Jürgen Raben



ein Berlin-Thriller




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kathrin Peschel nach verschiedenen Motiven, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen im Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Als eines Abends kurz nach Ladenschluss zwei Männer bei Simon Goldmann, einem erfolgreichen und angesehenen Juwelier aus Berlin, auftauchen, kann er nicht ahnen, dass nach diesem Besuch nichts mehr ist, wie es war. Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse und veranlassen das BKA Kriminalhauptkommissarin Antonia Berg auf diesen Fall anzusetzen.

Schnell findet sie heraus, dass hier gewissenlose Killer illegale Geschäfte mit Diamanten machen, weil jede Spur, die sie verfolgt, bei einem Toten endet. Sie räumen gnadenlos jeden aus dem Weg, der ihnen in die Quere kommt. Und es dauert nicht lange, da macht auch Antonia Berg die Bekanntschaft mit diesen Killern …



***



Alle Namen, Personen und Taten, Firmen und Unternehmen, sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.



***



Wer glaubt, mit Antonia Berg ein leichtes Spiel zu haben, nur weil sie als Frau in der von Männern dominierten Welt der international agierenden Ermittler tätig ist, sollte sich „warm anziehen“ und wer sie dennoch unterschätzt, wird die Konsequenzen tragen müssen …

(Egbert Vossler – Kriminaldirektor und Antonias Chef)



***



Prolog


Warten Sie hier!“

Pedro Oliveira blieb stehen, hinter ihm seine beiden Leibwächter, die sich unruhig umblickten, als witterten sie eine unsichtbare Gefahr. Ihre Hände befanden sich in der Nähe der Revolverholster an der Hüfte, ihre Unsicherheit war deutlich zu spüren.

Eigentlich sind es doch Profis, dachte Oliveira. Sie sollten mit solchen Situationen fertig werden. Dafür habe ich sie schließlich engagiert.

Ihre Begleiter müssen hierbleiben“, erklärte ihm der hoch gewachsene Schwarze in recht passablem Englisch. „Tragen Sie eine Waffe?“

Oliveira schüttelte den Kopf.

Das muss ich trotzdem überprüfen. Der Chief duldet keine Waffen in seiner Umgebung.“

Während er abgetastet wurde, musterte Oliveira den Mann. Der Schwarze trug eine Art Khaki-Uniform, auf deren Brust sich ein Aufnäher befand, auf dem ein unbeholfen gestickter Löwenkopf zu sehen war. Er hatte sich als Hassan vorgestellt und war offensichtlich die rechte Hand des Chiefs und dessen bunter Truppe. Er verfügte über schlanke, gepflegte Hände und machte einen durchaus gebildeten und intelligenten Eindruck. Ein gepflegter Bart ließ ihn älter aussehen, als er eigentlich war – vielleicht Mitte dreißig.

Es wäre wohl ratsam, Hassan nicht zu unterschätzen. Vor allem, weil an seinem Gürtel eine lederne Scheide mit einer Machete darin befestigt war. Der Griff sah aus, als wäre er schon häufig in einer Hand gehalten worden. Das ließ darauf schließen, dass die Waffe auch benutzt worden war.

Pedro Oliveira ließ die Untersuchung über sich ergehen, ohne sich zu rühren. Dabei hatte er Gelegenheit, sich die Umgebung einzuprägen.

Es sah ganz und gar nicht so aus, wie man sich dieses Land vielleicht vorstellte. Bei dem Wort Kongo entstand doch eher das Bild eines undurchdringlichen Dschungels, feucht-schwüler Luft und einer tief hängenden Wolkendecke, aus der immer wieder heftiger Regen prasselte.

Eine sanfte Hügellandschaft erstreckte sich hier jedoch nach allen Seiten, bewachsen mit zahllosen Büschen und unterschiedlich hohen Bäumen. Dazwischen waren tiefe schlammige Gruben zu sehen, in denen man Diamanten oder andere Bodenschätze gesucht hatte. Sie waren schon vor längerer Zeit aufgegeben worden, nachdem man alles umgegraben hatte.

Es war heiß, aber nicht unerträglich, der Himmel war leicht bewölkt.

Pedro Oliveira war schon mehrmals in der Demokratischen Republik Kongo gewesen, aber nur in der Hauptstadt Kinshasa, nicht jedoch hier im Nordosten des Landes, in dem es unermessliche Bodenschätze gab.

Die Zufahrt zu dem Gelände war mit einem Dornenverhau gesichert und schwer bewacht. Jugendliche in uniformähnlichen Anzügen trugen stolz ihre Kalaschnikows um den Hals und Patronengurte über der Brust.

Öffnen Sie jetzt bitte Ihren Koffer“, befahl Hassan.

Nach kurzem Zögern hob Oliveira den Pilotenkoffer hoch, der zwischen seinen Beinen stand. Die Schlösser klickten, und der Deckel klappte hoch. Der Portugiese bemerkte das kurze Aufleuchten in den Augen seines Gegenübers, als der Inhalt des Koffers sichtbar wurde.

Hassan wollte schon hineinfassen, überlegte es sich jedoch anders, und seine Hand zuckte zurück, als hätte er im letzten Moment eine Schlange entdeckt.

Das ist für den Chief“, sagte Oliveira warnend.

Er schloss den Koffer und stellte ihn wieder zwischen seine Beine.

Da er in der prallen Sonne stand, spürte er die Hitze durchaus. Die Luftfeuchtigkeit war jedoch nicht sehr hoch, und er hatte keine Schwierigkeit mit dem Atmen. Der bewölkte Himmel war wie immer trügerisch. Oliveira wusste, dass man an das Wetter in dieser Gegend der Welt besser keine Erwartungen stellen sollte: Es schlug sehr schnell um. Aus dem Mischwald stiegen an einigen Stellen Nebelfetzen. Falls es ein Gewitter gab, wäre es wie ein Weltuntergang, das wusste er aus eigener Erfahrung.

Oliveiras Eltern waren in Afrika geboren, in Angola, als das Land noch eine portugiesische Kolonie war. Nach der Unabhängigkeit waren sie in die alte Heimat Portugal zurückgekehrt und hatten sich in der Nähe von Lissabon mehr schlecht als recht mit einem kleinen Laden über Wasser gehalten. Als Pedro alt genug war, hielt es ihn nicht mehr in dem Land, in dem er keine Perspektive sah, und es zog ihn nach Afrika, wenn auch nicht nach Angola, sondern zunächst nach Südafrika.

Dort hatte er seine erste Berührung mit der Welt der Diamanten, und er lernte alles über die Förderung der wertvollen Steine und wie der Handel damit funktionierte. Die Faszination ihres Glanzes hatte ihn nicht mehr losgelassen.

Dies hier war jedoch der Kongo, das dunkle Herz Afrikas. Ein reiches Land, heruntergewirtschaftet von ewigen Bürgerkriegen und gierigen Warlords, genau das Richtige für jemanden, der schnell zu Geld kommen wollte.

Sprechen Sie ihn mit Admiral an“, riet Hassan.

Admiral? Hat er Schiffe unter seinem Kommando? Hier gibt es doch weit und breit kein Meer.“

Hassan lächelte nicht. „Er mag die englische Admiralsuniform am liebsten, er trägt sie heute, also machen Sie keinen Fehler. Folgen Sie mir!“

Sie schritten zwischen hohen Bäumen um eine Biegung des schmalen Weges und standen plötzlich auf einem Platz aus festgestampftem Lehmboden, der von zahlreichen Hütten im Halbrund umgeben wurde. Genau in der Mitte befand sich eine große Hütte, eher schon ein Haus, mit einer breiten Veranda an der Vorderfront, zu der einige Stufen hinaufführten.

Der Platz war von Einheimischen bevölkert, Männer, Frauen, und auch einige Kinder, die mit verschiedenen Tätigkeiten beschäftigt waren. Sie gingen durch die bunt gekleidete Menge, bis sie vor dem Gebäude standen.

So etwas hatte Pedro Oliveira in Afrika noch nie gesehen.

In der Mitte der Veranda erhob sich eine Art Thronsessel, geschmückt mit Leopardenfellen und Straußenfedern, Stoßzähne von Elefanten dienten als Armlehnen. Links und rechts standen zwei junge Männer mit Palmwedeln in den Händen, mit denen sie dem Mann auf dem Thron Luft zufächelten. An der Dachkante über dem Thron war ein handgemaltes Schild befestigt, das einen etwas verunglückten Löwenkopf zeigte, ähnlich dem, den Hassan an seinem Hemd trug. Eine Szene wie aus einem schlechten Hollywoodfilm, war Oliveiras erster Eindruck.

In einer Ecke der Veranda hockte ein Rudel Halbwüchsiger mit automatischen Waffen in den Händen. Sie beobachteten den Neuankömmling neugierig.

Der Mann auf dem Thron war sehr groß. Obwohl er saß, war das gut zu erkennen. Auf dem massigen Körper saß ein kugelrunder Kopf ohne einen sichtbaren Hals fast direkt auf den Schultern, bedeckt von einer Art Barett, das rundum mit seltsamen kleinen Gegenständen geschmückt war, die Oliveira aus der Entfernung nicht identifizieren konnte. In seinem schwarzen Gesicht blitzten weiße Zähne. Sein Blick richtete sich auf seinen Besucher, und Oliveira spürte trotz der Wärme ein leichtes Frösteln.

Der Mann mochte zwischen dreißig und vierzig Jahren alt sein, das war schwer zu schätzen. Das Bemerkenswerteste an ihm war die prächtige Uniform mit ihren goldenen Knöpfen und bestickten Epauletten – tatsächlich glich sie einer Marineuniform. Ob Englisch oder nicht, konnte der Portugiese nicht beurteilen. Jedenfalls war die Brust über und über mit Orden und Medaillen aller Art bestückt, die aussahen, als hätte sie jemand auf einem Flohmarkt zusammengekauft.

Was hat er da an seiner Mütze?“, fragte Oliveira seinen Begleiter im Flüsterton.

Hassan warf ihm einen Blick zu, der schwer zu deuten war.

Das sind Ohren. Mumifizierte menschliche Ohren. Er behauptet, alles in seiner Umgebung hören zu können, wenn er diese Kopfbedeckung trägt.“

Glaubt das jemand?“

Oh, ja.“ Hassan nickte. „Seine Anhänger glauben es. Deshalb haben sie auch Angst vor ihm.“

Das war also Jean Tsibanga vom Volk der Bantu. Ehemaliger Sergeant der kongolesischen Armee, und jetzt Anführer einer Miliz von nicht mehr als hundert Leuten. Wie Oliveira gesehen hatte, handelte es sich dabei meist um Halbwüchsige, fast noch Kinder. Im Ernstfall waren das keine ernst zu nehmenden Gegner, auch wenn sie mit Drogen vollgepumpt waren und moderne Waffen trugen.

Der einzige Grund, weshalb der Portugiese diese verlassene Gegend in der Provinz Kivu aufgesucht hatte, war die Mine, über die Tsibanga verfügte. Eine Diamantenmine, um genau zu sein. Er ließ die wertvollen Steine fördern, wusste aber nicht, wie er weiter damit verfahren sollte. Die ursprünglichen Anlagen, die es hier seit den Zeiten der belgischen Kolonialherrschaft gab, waren schon lange verfallen und unbrauchbar geworden. Wie man sie reparierte, wusste hier kein Mensch, ganz davon abgesehen, wie man an die notwendigen Ersatzteile gelangen konnte.

Also saß Jean Tsibanga, selbst ernannter Admiral, auf einem Haufen Diamanten, die er dringend verkaufen wollte.

Deshalb war Pedro Oliveira hier.

Kommen Sie näher!“ Tsibanga beugte sich vor, seine Augen glitzerten. „Sie haben mir etwas mitgebracht?“

Seine englische Aussprache war schauerlich. Hassan schaute betont geradeaus.

Oliveira hob seinen Koffer vor die Brust.

Lassen Sie sehen, was Sie haben!“

Der Admiralsdarsteller winkte einer jungen Frau, die bisher im Hintergrund gestanden hatte. Sie trug einen Stoffbeutel in der Hand, den sie jetzt vor Tsibanga auf den Boden legte. Vorsichtig schlug sie den Stoff zur Seite.

Oliveira machte zwei Schritte nach vorn. Er hatte in seinem Leben genügend Rohdiamanten gesehen und wusste mit einem Blick, dass er den Jackpot gewonnen hatte.

Er legte seinen Koffer neben die Steine und klappte den Deckel hoch.

Tsibanga beugte sich so weit vor, dass er fast von seinem Thron gefallen wäre. Seine Augen leuchteten, er leckte sich über die Lippen und griff nach einem der Dollarbündel. Genießerisch blätterte er durch die Scheine.

Oliveira knotete das Tuch wieder zusammen und nahm es hoch. Er spürte schon am Gewicht, dass er einen verdammt guten Tausch gemacht hatte, auch wenn die Steine nur von kleiner bis mittlerer Größe waren und ihr wahrer Wert erst nach dem Schliff sichtbar wurde. Darum würden sich die einheimischen Fachleute kümmern. Es war in diesem Fall kaum möglich, die Arbeiten in Antwerpen oder in einem anderen Zentrum der Edelsteinschleiferei durchführen zu lassen. Dafür hätte man einen einwandfreien Herkunftsnachweis gebraucht, und den bekam er für diese Steine nicht.

Der Kongolese beachtete ihn nicht weiter. Sein Interesse galt nur noch den grünen Scheinen.

Gehen wir“, sagte Hassan leise. „So lange noch Zeit ist.“

Oliveira folgte ihm rasch.

Wie meinen Sie das?“

Ich bin sicher, dass Sie nicht verstehen müsse, was ich meine. Sehen Sie zu, dass Sie schnell wegkommen.“

Als sie seine beiden Leibwächter erreichten, drehte sich der Portugiese noch einmal zu Hassan um.

Falls Sie eigene Pläne haben …“

Sein Blick schweifte zu dem jetzt hinter Bäumen verborgenen Dorf. „Ich kann Ihnen helfen.“

Warum?“

Ach, wissen Sie, Geschäfte mit psychopathischen Irren sind nicht so unser Ding!“

Hassan blickte dem wegfahrenden Wagen lange nach.



1. Kapitel


Die beiden Männer wirkten wie Zwillinge. Sie trugen beide leichte Baumwollhosen und darüber bunte Buschhemden. Fast gleichmäßig mahlten ihre Kiefer, in denen sie den Kaugummi von einer Ecke in die andere wälzten. Sie besaßen südafrikanische Pässe, mit denen sie aber nicht in ihr Heimatland einreisen konnten, da man sie sofort verhaften würde. Die Liste der Straftaten, die man ihnen dort zur Last legt, war ziemlich lang, und Mord stand ganz oben.

Einer wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war heiß, und kein Lüftchen brachte Abkühlung. „Dieses Land bringt mich noch um“, murmelte er.

Sein Kumpan nickte, während seine Augen sorgfältig die Umgebung musterten. In einer halben Stunde würde es dunkel sein. In diesen Breiten wurde es schnell Nacht.

Der Saum des Waldes auf der anderen Seite des Maniokfeldes wirkte wie eine undurchdringliche grüne Wand, wie der Beginn eines riesigen Waldes. In Wirklichkeit begann kurz dahinter eine Mondlandschaft aus kahlen Hügeln, Wasserlöchern und verschlammten Wegen. Hier arbeiteten Dutzende von Kindern und Jugendlichen mit Schaufeln, Sieben und Spitzhacken daran, dem bereits durchwühlten Boden noch ein paar wertvolle Steine zu entreißen. Für diese harte Arbeit bekamen sie keine zwei Dollar am Tag. Doch es war die einzige Arbeit, die es hier gab.

Plötzlich hob einer der Männer den Arm. „Dort ist er.“

Gleichzeitig griffen sie unter ihre Hemden und zogen schwere Revolver hervor. Ohne sich zu verständigen, setzten sie sich in Bewegung. Die weiche rote Erde unter ihren Füßen gab schmatzende Geräusche von sich.

Zwischen einer Gruppe Mangobäume gab es eine Bewegung, ein dünner, sehr dunkelhäutiger Mann erhob sich aus seiner Kauerstellung und rannte quer über das Feld. Er trug nur Shorts und ein T-Shirt. Unter seinen nackten Füßen spritzte das Wasser aus den Pfützen, die vom letzten Regen übrig geblieben waren. Sein Ziel war eine Art Hütte am Rande des Waldes, gebaut aus Baumstämmen und Palmblättern.

Vermutlich erhoffte er sich dort Deckung zu finden, um anschließend den schützenden Waldrand zu erreichen. Er sah sich nicht um, nachdem er die beiden Männer entdeckt hatte, denn er wusste, was er von ihnen zu erwarten hatte. Sein Lauf wurde schneller, was auf dem Feld allerdings nicht sehr leicht war. Sie hörten sein Keuchen und das Trappeln seiner Schritte.

Die Südafrikaner hoben in einer fließenden, oft geübten Bewegung ihre Waffen. Die Schüsse krachten wie ein einziger Abschuss. Während das Echo sich an der grünen Pflanzenmauer brach, wurde der kleine Mann nach vorn geschleudert und fiel zwischen die sorgfältig gesetzten Pflanzen des Maniokfeldes.

Ohne Eile gingen die Männer auf den Niedergeschossenen zu. Sie wussten, dass sie ihr Ziel nicht verfehlt hatten. Sie besaßen Übung, und sie wurden dafür bezahlt. Über ihren Job, den sie hier noch nicht allzu lange ausübten, machten sie sich keine Gedanken. Man hatte sie angeheuert, um die Sicherheitslage in der Mine zu verbessern – so hatte man sich ausgedrückt. Sie wussten genau, was damit gemeint war. Es war nicht ihr erster Job dieser Art.

Unser Informant hat recht gehabt“, sagte der Größere von ihnen befriedigt. „Sie versuchen immer wieder, einige Steine beiseitezuschaffen. Doch damit ist jetzt Schluss.“

Mister Oliveira bezahlt uns auch gut“, entgegnete der andere. „Ich muss sagen, ich habe für einen so einfachen Job noch nie so viel verdient.“

Er hat aber nicht gesagt, dass wir die Diebe umlegen sollen.“

Wenn er mehr aus der Mine holen will als dieser Hohlkopf Tsibanga mit seinen vertrockneten Ohren am Hut, dann muss er auch Zeichen setzen und dafür hat er uns.“

Der Größere lachte. „Ich bin mir sicher, dass Tsibanga auch mit den zusätzlichen Ohren meinen Schuss nicht hören wird, wenn ich ihm eines Tages das bisschen Hirn rausblase.“

Der Tag wird vielleicht schneller kommen als du denkst. Oliveira und dieser Hassan tuscheln für meinen Geschmack etwas zu oft miteinander. Ich sage dir, da ist was im Busch.“

Der kleine dünne Mann lebte noch, als sie ihn erreichten. Die beiden Südafrikaner sahen ungerührt zu, wie er versuchte, sich vorwärtszuziehen.

Machen wir Schluss“, sagte der rechts stehende, spuckte seinen Kaugummi aus und feuerte einen einzelnen Schuss ab.

Danach lag der Mann still. Eine kleine, verkrümmte Gestalt im Grün und Schwarz des Feldes. Im Wald schrie ein unbekannter Vogel. Auch die anderen Geräusche, die bei dem letzten Schuss schlagartig verstummt waren, setzten wieder ein.

Der größere Mann bückte sich und zerrte ein schmutziges Tuch aus der zusammengeballten Hand des Toten. Er schlug den Fetzen auseinander und ließ den Inhalt auf seine Handfläche rollen. In den kleinen Steinen brach sich das Licht der untergehenden Sonne.

Er nickte befriedigt. „Das wird die Kerle lehren, uns zu beklauen.“ Er stieß den Toten mit der Fußspitze an.

Der nächste wird es sich zweimal überlegen, ob er ein paar unserer Steine mitgehen lässt.“

Lassen wir ihn hier liegen?“

Der andere nickte schweigend, und sie machten sich auf den Rückmarsch. Am Rand eines staubigen Weges parkte ein schwarzer Range Rover. Als die Türen aufgingen, zeigte die Innenbeleuchtung einen hageren Schwarzen auf dem Rücksitz, der eine Art Turban um den Kopf geschlungen hatte.

Wir haben ihn erwischt, Hassan“, sagte der Größere und schwang sich hinter das Steuer.

Diese kleine Ratte wollte uns doch glatt übers Ohr hauen.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Sie sollten Ihre Leute besser unter Kontrolle halten, Hassan. Schließlich haben Sie die Verantwortung für die Mine. Wir helfen Ihnen gern dabei, aber unser Chef heißt Pedro Oliveira, und der schätzt es nicht, wenn die Mine nicht perfekt läuft.“

Hat Oliveira Ihnen befohlen, meine Leute zu erschießen?“, fragte Hassan.

Das entscheiden wir schon selbst. Oliveira ist schließlich nicht hier.“

Der zweite Südafrikaner hatte sich auf den Beifahrersitz geschwungen und drehte sich jetzt um.

Sie sind nicht aus dieser Gegend, Hassan?“

Der Angesprochenen schüttelte den Kopf. „Nein, ich stamme ursprünglich aus dem Sudan, doch meine Familie ist schon vor langer Zeit in den Kongo eingewandert.“

Und wie sind Sie an diesen Irren geraten, der sich für Simba hält, den Löwen persönlich?“

Hassans Miene wurde abweisend. „Das ist eine lange Geschichte.“

Schweigend fuhren sie weiter.

Sie sollten die Wachmannschaft verstärken“, sagte der größere Südafrikaner nach einer Weile.

Wir haben keine Lust, uns immer selbst um diese Angelegenheiten zu kümmern. Schließlich bezahlen wir euch gut für die Ausbeute der Mine.“

Die Leute im Kongo sind arm“, sagte Hassan. „So ein Arbeiter verdient nicht viel am Tag.“

Dann müsst ihr sie eben besser bezahlen“, sagte der Fahrer und legte einen höheren Gang ein, als der Weg besser wurde.

Der Sudanese schwieg und blickte aus dem Fenster. Seine Gedanken waren in diesem Augenblick nicht gerade freundlich. Er mochte diese Leute nicht, auch wenn sie gute Geschäftspartner waren. Hassan wusste schließlich, dass er es mit Gangstern zu tun hatte, die eigentlich noch schlimmer waren als sein Chef Tsibanga. Er selbst hatte sich immer schon am Rande der Legalität bewegt. Dass man gerade einen seiner Arbeiter erschossen hatte, berührte ihn auch nicht sonderlich. Wenn der Kerl sich erwischen ließ, war er selber schuld! Er ärgerte sich jedoch, dass sich diese Kerle aufführten, als würde ihnen die Mine gehören.

Der Beifahrer drehte den Kopf, sein Gesicht lag nun im Schatten. Die Sonne war fast untergegangen, daher fuhren sie bereits mit Licht. Nur wenige Fahrzeuge kamen ihnen entgegen.

Wann ist die nächste Lieferung bereit?“, fragte der Mann.

Hassan zuckte mit den Schultern. „In vier, fünf Tagen. Wer weiß? Niemand kann sagen, wie hoch die Ausbeute sein wird. Wir haben in den letzten Wochen zwei neue Schächte gegraben, aber bis jetzt hält sich die Förderung in Grenzen. Unsere Gruben sind schon von den Belgiern ausgebeutet worden. Wir finden nur die kümmerlichen Reste.“

Der Fahrer lachte hämisch. „Unsere Kunden wissen noch nichts von ihrem Glück. Wir müssen ihnen noch beibringen, dass sie möglichst viele unserer schönen Steine kaufen. Wir haben erst mal genug beisammen, um die neuen Vertriebswege zu erschließen.“

Hassan antwortete nichts darauf, und es war ihm auch völlig egal, was weiter mit den Edelsteinen geschah, die diese Leute von ihnen kauften. Natürlich wurden sie illegal nach Europa oder in die Vereinigten Staaten gebracht, das war ihm klar, aber wie sie weiter verkauft wurden, wusste er nicht – jedenfalls nicht über die offiziellen Wege der legalen Händler.

Hassan sah zu dem vorbeigleitenden Dschungel. An das heiße und oft feuchte Klima war er schon lange gewöhnt. Die Südamerikaner schienen ziemlich darunter zu leiden. Dicke Schweißtropfen perlten über ihre Nacken, in ihrem Heimatland herrschte ein ganz anderes Klima.

Der Wagen besaß keine Klimaanlage, und trotz der heruntergedrehten Fenster herrschte im Innenraum eine stickige Hitze wie in einem Treibhaus, die Wolken hingen tief am dunklen Himmel.

Hassan seufzte, manchmal fragte er sich, ob es richtig von Tsibanga gewesen war, sich mit diesen Leuten einzulassen. Aber die Verlockung des großen Geldes war einfach zu groß gewesen. Oliveira hatte ihm garantiert, jede Menge abzunehmen, die sie liefern konnten. Hassan konnte den undurchsichtigen Portugiesen nicht einschätzen, aber er zahlte gut.

Er hatte Tsibanga gewarnt, Oliveira nicht zu sehr zu vertrauen, doch den Chief interessierten nur die schönen grünen Scheine.

Das Geschäft mit den Edelsteinen war ein wichtiger Wirtschaftszweig des Kongo. Das riesige Land verfügte über zahlreiche wertvolle Bodenschätze, doch Korruption, die Gier der zahllosen Warlords und ausländische Interessen sorgten dafür, dass die Bevölkerung davon kaum etwas abbekam.

Wie lange werden wir noch bis zu unserem Ziel brauchen?“, erkundigte sich der Fahrer.

Hassan blickte auf seine wertvolle Uhr, die ihm Oliveira geschenkt hatte. „Nicht länger als zwei Stunden.“



2. Kapitel


Der Laden gehörte vielleicht nicht zur allerersten Garnitur, aber es gab ihn schon seit drei Generationen, und er besaß einen hervorragenden Ruf sowie eine kaufkräftige Kundschaft. Dafür sprach auch die Adresse am Kurfürstendamm in Berlin.

Das Juweliergeschäft besaß zwei Schaufenster, die mit schusssicherem Glas und einer hochwertigen Alarmanlage ausgestattet waren. Das Gleiche galt auch für die Tür in der Mitte. Das Messing der Beschläge war poliert und glänzte in der Sonne. Der Laden strahlte Eleganz aus.

Noch mehr galt das für den Inhalt seiner Schaufenster. Die dort ausgestellten Dinge waren zwar ziemlich klein, aber ausgesprochen teuer. Auf dem blauen Samt kam das Glitzern edlen Metalls und wertvoller Steine besonders zur Geltung.

Das Geschäft gehörte einem gewissen Simon Goldmann, einem Juwelier, der diesen Beruf von seinem Vater und seinem Großvater gelernt hatte. Sein untrügliches Auge war in Fachkreisen geschätzt, wenn es darum ging, eine eventuelle Fälschung zu entlarven; einen unechten oder künstlich erzeugten Stein oder ein angeblich antikes Schmuckstück. Wie oft hatte der Juwelier nach einem kurzen missbilligenden Blick den Kopf geschüttelt, und das hieß: Man hat Ihnen eine Fälschung angedreht.

Vor dem Haus bremste ein Wagen, in dem zwei Männer saßen. Sie stiegen aus und schlenderten auf das Juweliergeschäft zu. Es schien sie nicht zu stören, dass der Wagen genau vor einer Ausfahrt parkte. Vielleicht rechneten sie damit, dass der Besuch nicht lange dauern würde.

Die Männer betraten den Laden und sahen sich aufmerksam um. Es herrschte gedämpfte Geschäftigkeit. Die Einrichtung war gediegen und strahlte Vertrauen aus. Das war bei einem Juwelier auch wichtig.

Die beiden Männer trugen Maßanzüge dazu teure Hemden und Seidenkrawatten. Man hätte sie für erfolgreiche Geschäftsleute aus der Finanzwelt halten können, wenn ihre Augen nicht gewesen wären. Sie waren hart und erbarmungslos. Nicht ein Funken Humor schimmerte darin.

Ein Verkäufer kam auf sie zugeeilt. „Was kann ich für Sie tun, meine Herren?“ Er hatte ein geschäftsmäßiges Lächeln aufgesetzt.

Die beiden betrachteten ihn abschätzend. Dann bequemte sich der etwas Größere zu einer Antwort. „Wir hätten gern mit Herrn Goldmann gesprochen. Es handelt sich um eine ziemlich wichtige Angelegenheit.“

Er sprach deutsch mit ausgeprägtem Berliner Akzent. Nicht gerade ungewöhnlich in dieser Stadt.

Der Verkäufer verbeugte sich leicht. Er vermutete sofort, dass es sich möglicherweise um ein gutes Geschäft handeln könnte, so wie die beiden Besucher aussahen. Damit hatte er auch recht, aber anders, als er sich das vorgestellt hatte.

Die beiden nahmen an einem der kleinen Verkaufstische Platz, die locker im Raum verteilt standen. Sie wirkten völlig entspannt und rührten auch keinen Muskel, als wenige Minuten später ein hochgewachsener, älterer Mann vor ihnen stand. Er trug eine dicke Hornbrille. „Sie wollten mich persönlich sprechen, meine Herren?“

Der Größere nickte nur und übernahm dann das Gespräch. Sein kleiner und schlanker Partner sagte kein einziges Wort, ließ aber ständig seinen Blick kreisen, als rechnete er jeden Augenblick mit einer unangenehmen Überraschung.

Herr Goldmann, wir sind Edelsteinlieferanten und haben in Erwägung gezogen, dass Sie ab sofort bei uns kaufen dürfen.“

Der Juwelier lächelte ungläubig. „Das muss sicher eine besondere Ehre für mich sein, aber ich brauche keine weiteren Lieferanten. Ich werde in dieser Hinsicht bestens bedient. Es tut mir leid, aber wir brauchen in diesem Fall das Gespräch nicht fortzusetzen, denn ich sehe keine Möglichkeit, mit Ihnen ins Geschäft zu kommen.“

Der andere zog die Augenbrauen zusammen.

Herr Goldmann, ich fürchte, Sie missverstehen mich. Da wir beschlossen haben, dass Sie in Zukunft bei uns kaufen, werden Sie Ihre bisherigen Lieferanten vergessen. Unsere Preise sind durchaus akzeptabel. Sie können bei uns ab sofort Ihre Diamanten beziehen, geschliffen oder im Rohzustand, ganz wie Sie wünschen. Selbstverständlich haben wir auch einige weitere Edelsteine in unserem Sortiment, zum Beispiel Turmaline.“

Das Gesicht des Juweliers war immer verblüffter geworden. „Das klingt sicher sehr beeindruckend, meine Herren, aber Sie müssen einsehen, dass ich keinen Bedarf für Ihr Angebot habe. Ich bin mit Diamanten bestens versorgt. Es tut mir leid, aber ich glaube, dass wir unser Gespräch an dieser Stelle beenden können.“

Die Diamanten werden Sie ab sofort bei uns kaufen. Andere Steine können Sie wie bisher bei Ihren früheren Lieferanten beziehen. Unser Verkäufer wird direkt zu Ihnen liefern. Die Bezahlung erfolgt in bar. Kreditkarten oder Schecks werden nicht akzeptiert.“

Der Juwelier sah aus, als hätte er es mit zwei Verrückten zu tun, und das schien er auch zu glauben. „Sie gehen jetzt besser ohne Aufsehen, bevor ich mein Personal hole“, sagte er leise.

Das werden Sie nicht tun.“ Der Mann drehte den Kopf zu seinem schweigsamen Begleiter. „Zeig es ihm!“

Der Angesprochene schlug mit einer raschen Bewegung sein Jackett zur Seite, und Simon Goldmann wurde blass. An der Hüfte sah er den Kolben eines massigen Revolvers. Die beiden sahen ihn an, ohne das Gesicht zu verziehen.

Goldmann fuhr sich über die Lippen. „Wenn das ein Überfall sein soll …“

Was denken Sie von uns!“, fuhr der Sprecher hoch. „Wir reden mit Ihnen über ein Geschäft. Ich wollte Ihnen nur klarmachen, dass wir keine Verrückten sind, und dass wir es ernst meinen. Um es kurz zu machen: Sie werden bei uns kaufen oder Sie werden es bereuen.“

Was heißt das?“

Der andere grinste. „Es wäre möglich, dass der Schaden, den Sie erleiden, viel größer ist als der, wenn Sie Ihren Lieferanten wechseln.“

Der Juwelier fuhr zurück. „Das ist Erpressung!“ Er blickte sich hilfesuchend im Laden um.

Keine Dummheiten, Herr Goldmann“, warnte der andere. „Und nehmen Sie bitte nicht so hässliche Worte in den Mund. Ich denke, dass wir dann alles geregelt haben. Unser Mann wird in der nächsten Woche vorbeikommen und Ihnen die erste Lieferung bringen. Bitte denken Sie daran, dass wir Barzahlung vereinbart haben. Der Mann kommt von der Tsibanga Trading Company. Merken Sie sich diesen Namen.“

Goldmann zitterte. „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Ich werde diesen Mann vor die Tür setzen oder die Polizei holen.“

Das würde ich Ihnen nicht raten. In diesem Falle müssten wir zu entschieden härteren Methoden greifen. Und die Polizei wird Ihnen auch nicht helfen können. Wollen Sie jemanden anzeigen, der Ihnen Diamanten zu einem vernünftigen Preis anbietet?“

Der Mann grinste wieder, doch seine Augen wirkten wie kalter Stahl.

Verlassen Sie jetzt meinen Laden! Ihre Unverschämtheit habe ich mir lange genug angehört. Ich denke nicht daran, mich von Gangstermethoden einschüchtern zu lassen.“

Ist das Ihr letztes Wort?“

Verschwinden Sie endlich!“

Die beiden standen auf. „Wir geben Ihnen genau vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, Herr Goldmann. Dann kommen wir wieder, und wir sind sicher, dass Sie sich die Sache bis dahin anders überlegt haben. Eventuell erlauben wir uns, die erste Lieferung schon mitzubringen. Sie werden ja genügend Bargeld im Hause haben.“

Ohne ein weiteres Wort marschierten die beiden Männer aus dem Laden. Zitternd vor Wut sah der Juwelier ihnen nach. Er beschloss, seinen Angestellten zunächst nichts von dem Zwischenfall zu sagen, um sie nicht zu beunruhigen. Als dann eine Dame in einem echten Pelzmantel hereinkam und sich bei ihm nach einem Brillantcollier erkundigte, hatte er die unangenehme Episode fast vergessen.



3. Kapitel


Genau einen Tag später; der letzte Käufer war gegangen, und die Angestellten räumten auf. Simon Goldmann hatte seine Augen überall, denn wie leicht konnte durch eine Achtlosigkeit irgendetwas liegenbleiben. Er war stolz darauf, noch nie überfallen worden zu sein, aber das führte er nicht zuletzt auf sein Sicherheitsbedürfnis zurück.

Die teuren Steine verschwanden in den Tresoren. Der billigere Schmuck kam in die Vitrinen. Auch der Inhalt der Schaufenster wurde ausgewechselt. Nur einige wenige Stücke blieben liegen, damit es nicht allzu kahl aussah.

Einige seiner Leute waren bereits fertig und wandten sich zum Gehen. In diesem Augenblick krachte es draußen. Metall schepperte und Glas splitterte. Aufgeschreckt rannten alle zur Tür, da sie einen Unfall befürchteten.

Doch ehe Simon Goldmann die Tür erreichte, wurde sie auch schon aufgerissen, und zwei Männer stürmten herein. Sie trugen Wollmasken, die das ganze Gesicht bedeckten und nur die Augen freiließen. In den Händen hielten sie Pistolen, und einer hatte ein Brecheisen im Gürtel stecken.

Ein Raubüberfall!, dachte Goldmann, und der Schreck ließ sein Herz zusammenkrampfen. Sofort dachte er an die beiden merkwürdigen Typen.

Als Zweites dachte er an die Alarmanlage. Aber er sah sofort, dass er im Augenblick keine Chance hatte, an den Knopf heranzukommen.

Einer der Gangster schwenkte seine Waffe und hielt alle in Schach. Er trieb sie in eine Ecke des Raumes, während der andere langsam sein Brecheisen aus dem Gürtel nahm und mit einer fast spielerischen Bewegung die erste Vitrine zertrümmerte.

Goldmann stöhnte auf, als das Glas splitternd zerbrach und die Schmuckstücke über den Boden kollerten.

Der Gangster machte jedoch keine Anstalten, sich irgendetwas zu nehmen. Im Gegenteil, er ging zur nächsten Vitrine und hieb erneut mit der schweren Eisenstange zu. Ein Regen von silbernen Ringen und Armbändern ergoss sich auf den Boden. Der Mann ging weiter und trat achtlos auf die Kostbarkeiten.

Hören Sie auf!“, schrie Goldmann und drängte nach vorn, aber die Mündung der Pistole stoppte ihn. Der zweite Mann sagte mit tonloser Stimme: „Noch einen Schritt, und du hast eine Ladung Blei im Bauch. Bleib stehen und nimm die Hände über den Kopf.“

Simon Goldmann stiegen die Tränen in die Augen, aber er wusste, dass er nichts tun konnte, dass niemand ihm helfen konnte. Er war in der Gewalt von Gangstern, und sie würden sich nicht davon abhalten lassen, das zu tun, was man ihnen aufgetragen hatte.

Der andere setzte seine Zerstörungswut fort. Er zertrümmerte Vitrinen und das Mobiliar, stieß die wertvollen Lampen von den Tischen und riss Vorhänge herunter. Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Endlich schien der Kerl genug Zerstörung angerichtet zu haben. Er schob die Brechstange wieder hinter den Gürtel und nickte seinem Kumpan zu. Er hatte nicht ein einziges Stück eingesteckt. Goldmann begriff immer noch nicht, was das Ganze sollte.

Die beiden zogen sich zum Ausgang zurück. Dann hoben sie ihre Waffen und jagten ein paar Schüsse in die Decke. Die Angestellten warfen sich schreiend zu Boden, aber die Gangster hatten es nicht darauf abgesehen, jemand zu verletzen. Als Goldmann wieder hochsah, waren sie bereits verschwunden, und der Motor eines Wagens heulte auf. Dann war Ruhe.

Goldmann sah auf seine Uhr und schüttelte den Kopf. Der ganze Zwischenfall hatte nicht einmal zwei Minuten gedauert. Es war ihm viel länger vorgekommen.

Seine Angestellten starrten ihn mit bleichen Gesichtern an. Goldmann sah mit leeren Augen auf seinen demolierten Laden. „Räumen Sie bitte auf, so gut es geht, ich benachrichtige die Polizei.“



4. Kapitel


Es war präzise wiederum vierundzwanzig Stunden später, als die Tür aufging und die beiden Männer hereinkamen, mit denen alles begonnen hatte.

Simon Goldmann hatte mit ihrem Besuch gerechnet. Er erwartete sie.

Die beiden sahen sich erst aufmerksam um, als befürchteten sie eine Falle. Aber es war kein Polizist in der Nähe. Sie gingen auf Goldmann zu, der wortlos vor ihnen her nach hinten in sein Büro ging.

Als sie vor seinem Schreibtisch saßen, ergriff der Größere wieder als Erster das Wort. „Ich nehme an, Sie haben sich unseren Vorschlag reiflich überlegt und sind zu dem Entschluss gekommen, darauf einzugehen.“

Der Typ schien eine Vorliebe dafür zu haben, sich gedrechselt auszudrücken.

Goldmann war blass. Er nickte langsam. „Sie haben ja bewiesen, dass Sie derzeit am längeren Hebel sitzen. Ich beuge mich der Gewalt, aber ich werde mich nie damit abfinden.“

Das brauchen Sie auch nicht. Sie brauchen nur unsere schönen Steine zu kaufen, und wir sind hochzufrieden.“

Der Mann deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Ihr Laden sieht aus, als sei eine Herde Elefanten durchgetobt.“

Verspotten Sie mich nicht noch. Sie wissen doch genau, wer dafür verantwortlich ist.“

Die beiden grinsten, dann sagte der Größere: „So etwas wird in Zukunft natürlich nicht mehr vorkommen. Das Geschäft mit uns beinhaltet auch den Schutz vor solchen Überfällen. Die Gebühr für diese Dienstleistung ist äußerst gering. Es handelt sich um einen geringen Aufschlag von fünf Prozent auf die von uns gelieferte Ware.“

Goldmann schluckte. „Eines Tages werde ich am längeren Hebel sitzen, verlassen Sie sich darauf.“

Bitte keine Drohungen, Herr Goldmann. Haben Sie übrigens die Polizei aus dem Spiel gelassen, wie wir Ihnen geraten haben? Wir wissen, dass die Polizei kürzlich bei Ihnen war.“

Der Juwelier nickte. „Das konnte ich nicht verhindern, da meine Angestellten alles mitbekommen haben, aber kein Mensch weiß, dass ich Sie mit diesem Überfall in Verbindung bringe. Niemand weiß, dass Sie mit mir ins Geschäft kommen wollen. Das werde ich auch keinem auf die Nase binden, denn ich will mich nicht zum Gespött der Kollegen machen. Die Polizei glaubt an einen missglückten Überfall. Die Beschreibungen der Täter sind recht vage.“

Es gibt einige Ihrer Kollegen, die mit uns bereits Geschäfte machen“, entgegnete der Besucher. „Sie würden sich wundern, welche Namen darunter sind. Aber wir sind natürlich diskret. Unsere Geschäfte vertragen nicht, dass man darüber quatscht. Ich denke, in dieser Beziehung sind wir uns einig.“

Goldmann nickte. „Ich habe kein Interesse daran. Und wie geht es nun weiter?“

Der andere klappte einen kleinen schwarzen Diplomatenkoffer auf, den er auf den Knien hielt. Er nahm einen Bogen Papier und mehrere kleine Lederbeutel hervor. „Hier ist der Lieferschein und in diesen Beuteln ist die erste Lieferung.“

Goldmann öffnete den ersten Beutel und ließ den Inhalt auf ein dunkelblaues Tuch rollen, das sich auf seinem Schreibtisch befand. Anschließend klemmte er sich eine Lupe in das rechte Auge und betrachtete sorgfältig die geschliffenen Steine verschiedener Größe.

Sie waren von weißer Farbe, und das Licht brach sich vielfältig in den geschliffenen Facetten. Bei einer bestimmten Lichtbrechung glühten sie von innen heraus wie blaues Feuer.

Echte Diamanten mit leichten Einschlüssen“, gab Goldmann bekannt, nachdem er die Steine minutenlang geprüft hatte.

Das hätten wir Ihnen auch sagen können“, sagte der Wortführer gedehnt.

Sie gehören nicht gerade zur besten Qualitätsstufe.“

Wenn Sie glauben, dass Sie mit uns handeln können, haben Sie sich geirrt. Das ist doch ein alter Trick, zu behaupten, dass die Qualität der Ware nicht ausreicht. Wir haben einen Preis festgesetzt, und den bekommen wir auch. Gehandelt wird bei uns nicht.“

An welchen Preis haben Sie denn gedacht?“

Sehen Sie sich erst die anderen Steine an. Sie bekommen einen Gesamtpreis für die komplette Lieferung.“

Goldmann schüttelte auch den Inhalt der beiden anderen Beutel auf seinen Schreibtisch. Sie glitzerten in verschiedenen Farben. Er prüfte sie ebenfalls sorgfältig. „Die Steine in diesem Beutel sind Turmaline“, sagte er schließlich. „Im anderen befinden sich recht kleine Rohdiamanten.“

Richtig. Ich habe mir doch gleich gedacht, dass wir es mit einem Fachmann zu tun haben. Dieses erste Mal geben wir Ihnen noch die Zeit, alles genau zu prüfen, damit Sie Vertrauen zu uns gewinnen. Beim nächsten Mal können Sie unseren Angaben trauen, ohne vorher jeden Stein unter die Lupe zu nehmen.“

Goldmann legte die Steine auf eine elektronische Waage, die hinter ihm stand. Die Leuchtziffern pendelten sich schwankend ein.

Das brauchen Sie nicht. Wir haben die Klunker schon gewogen.“ Der Mann reichte die Liste über den Tisch.

Goldmann studierte sie und ließ sie sinken. „Die Karatpreise sind zu hoch. Sie können mir doch nicht mehr abverlangen als meine bisherigen Lieferanten.“

Sie müssen an die Schutzgebühr denken. Im Übrigen liefern wir Ihnen die beste Qualität.“

Goldmann lachte auf. „Es sind minderwertige Steine darunter. Wie soll ich die verkaufen? Der Schliff taugt ebenfalls nichts!“

Das kann mit einer geschickt gearbeiteten Fassung ausgeglichen werden. Ihnen wird schon etwas einfallen. Soweit wir wissen, beschäftigen Sie doch auch Diamantenschleifer. Die können die Steine nacharbeiten.“

Und die Zertifikate? Was ist, wenn ich überprüft werde?“

Der andere lachte hämisch. „Diese Zertifikate sind doch ein Witz! Doch wenn es Sie beruhigt, wir liefern die Papiere dazu. Damit können Sie jederzeit beweisen, dass die Steine aus legalen Quellen stammen. Wir arbeiten schließlich professionell.“

Aber was werden meine Kunden sagen, deren Vertrauen ich nun schon seit vielen Jahren genieße.“

Sein Gegenüber winkte ab. „Ihre Käufer werden überhaupt nichts merken. Sie haben doch keine Ahnung vom Wert eines Steines. Sie glauben, was man ihnen sagt. Es geht alles weiter wie bisher. Nur, dass Sie ab sofort bei der Tsibanga Trading Company kaufen.“

Der Mann streckte seine Hand aus. „Ich darf dann um das Geld bitten.“ Goldmann biss sich auf die Lippen und zog seine Schreibtischschublade auf. Er entnahm ihr eine Kassette, in der ein dickes Bündel Euronoten lag. Sorgfältig zählte er die Scheine vor, bis der verlangte Betrag erreicht war. Seine Besucher nickten befriedigt. Gleich darauf verschwand das Geld, und sie erhoben sich.

Beim nächsten Mal wird nur einer von uns kommen. Ich erwarte, dass Sie uns weiter so behandeln wie jetzt. Wenn Sie uns keinen Ärger machen, werden wir ein angenehmes Geschäftsverhältnis haben. Wenn nicht …“ Seine Stimme wurde drohend. „… dann bekommen Sie wieder unerwarteten Besuch. Ich denke, wir haben uns verstanden.“

Sie gingen grußlos, und Simon Goldmann starrte unschlüssig auf die Steine, die in geheimnisvollem Feuer leuchteten.

Dieses Geschäft hatte schon so viele schwierige Situationen überstehen müssen. Doch so etwas war noch nie vorgekommen.

Was sollte er nur tun?

Wie konnte er sich von diesen Gangstern befreien?



5. Kapitel


Kriminaldirektor Egbert Vossler hielt das Glas gegen das Licht. Der Rotwein funkelte wie ein Rubin. „Sie haben in letzter Zeit einige anstrengende Jobs gehabt, liebe Antonia“, stellte er fest.

Der Abteilungsleiter im Bundeskriminalamt war dafür bekannt, dass er mit Lobeshymnen an seine Untergebenen sehr sparsam umging. Innerhalb des Bereiches mit dem harmlos klingenden Namen Zentrales Informationsmanagement war er für einige sehr spezielle Mitarbeiter verantwortlich, die als Zielfahnder auf der ganzen Welt nach Kriminellen, suchten, die untergetaucht waren.

Kriminalhauptkommissarin Antonia Berg lächelte. „Wenn Sie so anfangen, haben Sie meistens etwas ganz Leichtes für mich, das sich anschließend als etwas ganz Heißes entpuppt. Ich höre zu.“

Egbert Vossler schob seinen Teller zur Seite und wartete, bis der Kellner abgeräumt hatte. Er hatte sein Hauptquartier in Wiesbaden verlassen, um Antonia in ein teures Restaurant in München einzuladen, wo sie an einem schwierigen Fall gearbeitet hatte.

Nun, ja. Sein eigentlicher Grund für die Reise nach München war ein wichtiges Gespräch im bayerischen Landeskriminalamt gewesen. Doch das musste seine Mitarbeiterin ja nicht wissen. Er war ohnehin ein Anhänger des need-to-know-Prinzips. Jeder musste nur das wissen, was unbedingt nötig war. Das galt selbst für seine Spitzenleute, und sie wussten das und fragten nicht.

Machen Sie sich keine Gedanken über die Spesen. Ab und zu muss das mal drin sein. Heute habe ich wirklich eine Sache, die bis jetzt ziemlich harmlos ist, aber immerhin merkwürdig. Ich dachte mir, dass Sie die Geschichte vielleicht interessiert.“

Schießen Sie los.“ Antonia hörte zu.

Vor einigen Wochen wurde ein Juwelier am Kurfürstendamm in Berlin überfallen. Das wäre weiter nicht ungewöhnlich. Bemerkenswert aber ist, dass kein einziges Stück gestohlen wurde, obwohl die Gangster den Laden ziemlich verwüsteten. Der Besitzer, ein gewisser Simon Goldmann, schiebt das Ganze auf einen Dummejungenstreich, wie er sich ausdrückte. Seine Angestellten sprachen von zwei maskierten Banditen, die mit Pistolen bewaffnet waren und mit einer Brechstange alles kurz und klein schlugen. Und sie bückten sich nicht einmal, um ein teures Schmuckstück aufzulesen.“

In der Tat, merkwürdig“, sagte Antonia sinnend. „Aber was hat das BKA mit der Sache zu tun?“

Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden hatte eine Vielzahl von Aufgaben. Das reichte vom Schutz von Politikern bis zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der organisierten Kriminalität. Ein Raubüberfall auf ein Ladengeschäft gehörte nicht zu diesen Aufgaben, sondern war ein Fall für die örtliche Polizei.

Antonia Berg war eine der besten Zielfahnderinnen der speziellen Abteilung, die von Kriminaldirektor Egbert Vossler geleitet wurde, und sie konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals mit einer Aufgabe betraut worden war, die eigentlich ein Fall für die normale Polizei war.

Sie wissen, dass viele merkwürdige Vorgänge auf unseren Schreibtischen landen, mit denen die Polizei nicht viel anfangen kann. Für die Berliner Kripo ist der Fall mehr oder weniger abgeschlossen. Die Fahndung nach den Tätern war ergebnislos. Da niemand verletzt wurde, hat man sich auch keine große Mühe gegeben, sie zu finden. Im Übrigen war der Inhaber nicht sonderlich hilfsbereit. Den Sachschaden hat er mit seiner Versicherung geregelt.“

Die Sache stinkt gewaltig, da gebe ich Ihnen recht“, warf Antonia ein.

Ein Überfall, bei dem nichts geraubt wurde, schreit geradezu nach Schutzgelderpressung. Und das ist eines der klassischen Verbrechen der organisierten Kriminalität. Ich dachte nur, dass diese Methode ein wenig aus der Mode gekommen ist. Die modernen Ganoven haben doch ganz andere Bereiche, in denen sie sich tummeln. Sie brauchen sich doch nicht mit dem Kleingeld solcher Erpressungen abzugeben.“

Kann ich mir auch nicht vorstellen. Hinzu kommt, dass die Geschichte auf dem Kurfürstendamm passiert ist. Das scheint nicht die richtige Adresse für eine Schutzgelderpressung zu sein. Es sei denn …“

Egbert Vossler überlegte kurz und setzte den Satz fort. „… es sei denn, es steckt etwas ganz anderes dahinter. Ich fürchte, wir sehen hier nur das winzige Stück einer viel größeren Sache Ich habe jedoch keinen blassen Schimmer, in welcher Weise hier ein krummes Ding gedreht wird.“

Aber Sie würden es gern herausbekommen?“

Vossler nickte. „Ich mag keine ungelösten Fälle, und ich weiß ganz genau, dass der Juwelier nicht die volle Wahrheit gesagt hat. Zwar habe ich nur die Akten gelesen, aber schon daraus ging hervor, dass Goldmann ziemlich unvollständige Aussagen gemacht hat. Ich nehme an, dass man mit dieser Zerstörungsorgie seinen Widerstand brechen wollte. Ich frage mich nur, wogegen hat er Widerstand geleistet. Die Berliner Polizei war bei meiner Nachfrage nicht sonderlich hilfsbereit oder überhaupt interessiert. Nein, hier ist etwas Neues im Gange, und ich möchte wissen, was es ist.“

Die Hauptkommissarin musterte ihren Chef. „Sie glauben, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, richtig?“

Vossler lächelte. „Richtig.“

Ich werde ein paar Worte mit diesem Juwelier reden“, sagte Antonia. „Vielleicht erfahre ich etwas mehr. Möglicherweise hilft auch eine Beschattung. Wie viel Zeit habe ich?“

Fangen Sie an, dann sehen wir weiter.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich werde mir zunächst einen Überblick verschaffen. Soll ich auch mit der Polizei reden?“

Das wird nicht viel bringen, Wenn Sie irgendeine Hilfe brauchen, wenden Sie sich an unsere eigene Dienststelle am Treptower Park. Ich werde den Kollegen dort informieren.“

Er zog aus einer Mappe, die neben ihm lag, eine dünne Akte und schob sie über den Tisch.

Hier ist alles drin, was wir an Erkenntnissen haben.“

Aber Sie glauben, dass dieser Fall ziemlich ungefährlich und harmlos ist? Das wäre wirklich mal was Neues.“

Egbert Vossler verzog keine Miene. „Das habe ich nicht gesagt. Aber ich glaube, dass hier keine unmittelbare Gefahr besteht. Es geht zunächst um einen Juwelier und nicht um ein Drogenkartell.“

Antonia Berg trank ihr Weinglas aus. „Ich erinnere mich an ähnliche Fälle, bei denen ich nach solchen Worten mitten in den dicksten Schlamassel geriet. Ich werde wie immer auf mich aufpassen. Wie sagen Sie immer selbst? Einfache Fälle …“

„… gibt es nicht“, ergänzte Vossler grinsend.



6. Kapitel


Antonia Berg blieb vor der Scheibe des Juweliergeschäftes stehen und betrachtete die teuren Auslagen. Hochwertige Uhren, Gold und wertvolle Steine, die an Armbändern oder Halsketten funkelten. Ihr Glanz zog den Blick fast magisch an.

In der Schaufensterscheibe vor dem dunklen Hintergrund sah sie ihr eigenes Spiegelbild. Sie sah eine schlanke, durchtrainierte Frau von zweiunddreißig Jahren mit kurzem und leicht asymmetrisch geschnittenem dunkelblonden Haar, darunter zwei scharf blickende graue Augen über einer leichten Stupsnase und einem kleinen, kaum geschminkten Mund. Sie war keine Schönheit, aber sie fand sich durchaus attraktiv. Die winzige Narbe am Kinn war die Erinnerung an einen Messerangriff. Daraus hatte sie gelernt, dass man einen Gegner nicht zu dicht an sich heranlassen sollte.

Außerdem war es der Grund für ihren Entschluss, sich systematisch und ernsthaft mit den asiatischen Kampfkünsten zu beschäftigen.

Ihre sportliche Kleidung unterschied sich vermutlich von den teuren Klamotten, die von der normalen Kundschaft des Juweliers getragen wurden, doch eigentlich war das heutzutage nicht mehr von großer Bedeutung. Also hatte sie keine Hemmungen, die Tür zu öffnen.

Sie betrat den Laden mit dem Gesichtsausdruck einer Schaulustigen, die sich vor dem Kauf erst einen Überblick verschaffen will. Es waren nicht viele Personen anwesend. Simon Goldmann entdeckte sie sofort. Das Bild in der Polizeiakte war recht genau gewesen. Es war ein Foto, auf dem der Juwelier inmitten seines zerstörten Ladens zu sehen war, wie er traurig auf eine zertrümmerte Vitrine starrte.

Antonia schlenderte an den ausgestellten Stücken vorbei. Einem Verkäufer, der auf sie zukam, sagte sie, dass sie sich zunächst umsehen wolle. Schließlich stand sie wie zufällig vor dem Juwelier.

Sie haben sehr schönen Schmuck“, sagte Antonia bewundernd und zeigte auf eine Kollektion Halsbänder in verschiedenen Größen, die vor ihr in einer Vitrine lagen.

Goldmann verzog leicht den Mund. „Interessieren Sie sich für ein bestimmtes Stück?“

Antonia schüttelte den Kopf. „Nein, ich sehe mich um. Wenn mir etwas gefällt, kaufe ich es. Ich interessiere mich aber für alles, was mit Diamanten und anderen wertvollen Steinen zusammenhängt. Ich weiß, dass Ihr Haus viele Objekte selbst herstellt. Das habe ich zumindest auf Ihrer Website gelesen. Die meisten Juweliere beziehen heute ihre Ware ja hauptsächlich über Großhändler. Deshalb sind natürlich individuelle Schmuckstücke von großem Interesse für mich. Woher beziehen Sie eigentlich Ihr Material? Das hat mich schon immer interessiert. Sie werden doch nicht selbst in den Diamantenminen von Kimberley herumsuchen!“

Sie lachte laut über ihren albernen Scherz.

Der Juwelier stimmte ein. Vermutlich dachte er sich, dass der Kunde immer Recht hat.

Ich kaufe von Importeuren und zum Teil direkt von Gesellschaften, die eigene Minen besitzen.“

Antonia zog eine verschwörerische Miene. „Diamanten vor allem, oder? Ich habe schon gehört, dass der gesamte Welthandel praktisch in einer Hand ist. Die Preise werden von Südafrika diktiert. Oder in London, wie ich mal gelesen habe.“

Goldmann bekam einen verschlossenen Ausdruck im Gesicht. „Das wird immer stark übertrieben dargestellt. Der Markt diktiert die Preise und nicht der Produzent.“

Aber wenn man das Angebot knapp hält, steigen die Preise. Das ist doch eine alte Weisheit, und sie gilt ganz besonders für Diamanten.“

Der Juwelier wand sich. „Nun ja. Aber Sie brauchen nicht unbedingt Diamanten zu kaufen, da sie ohnehin zu den teuersten Steinen gehören. Es gibt auch noch andere schöne und edle Steine, die sich hervorragend zu wertvollen Schmuckstücken verarbeiten lassen.“

Er deutete auf eine andere Vitrine. „Sehen Sie hier: Rubine, Saphire oder Aquamarine.“

Wo kommen die her? Das möchte ich bei allen schönen Dingen wissen.“

Teilweise von der Tsibanga Trading Comp… ach, was weiß ich – aus Afrika oder aus Ostasien.“

Antonia tat so, als hätte sie nicht hingehört, aber sie hatte sehr wohl den Namen registriert, der dem Juwelier aus Versehen über die Lippen gekommen war.

Können Sie auch bestimmte Steine auf Bestellung beschaffen, wenn sie nicht vorrätig sind?“

Goldmann zögerte. „Ich bin nicht sicher. Denn ich weiß nicht unbedingt vorher, was mein Lieferant mir bringt. Das ist von vielen Zufällen abhängig. Die Ausbeute der Edelsteinminen ist sehr unterschiedlich. Manchmal gibt es sehr gute Lieferungen, dann wieder schlechtere.“

Das wird sich doch von Lieferant zu Lieferant ausgleichen.“

Der Juwelier zögerte wieder. „Sicher“, brummte er schließlich, aber es klang nicht sehr überzeugt.

Antonia fühlte mehr denn je, dass hier in der Tat etwas faul war. Aber noch war sie nicht auf der richtigen Spur. Es musste natürlich mit Edelsteinen zusammenhängen. Sie wusste zu wenig von diesem Geschäft, um jetzt schon Schlüsse ziehen zu können. Es war dringend notwendig, dass sie sich mit einem Fachmann unterhielt.

Sie entschuldigen mich“, sagte Goldmann. „Dort möchte ein Kunde bedient werden.“ Er eilte davon. Vielleicht hatte er auch genug von der Ausfragerei. Sie hatte gemerkt, dass ihm ihre Fragen unangenehm waren.

Antonia studierte die Auslagen in den Vitrinen. Unauffällig sah sie sich dabei um. Von den Verkäufern achtete niemand auf sie.

Sie hatten sicher registriert, dass sie mit dem Chef sprach. Goldmann selbst stand am anderen Ende des Ladens mit einem Ehepaar, das sich Perlenketten ansah.

Nur ein paar Schritte entfernt befand sich das Büro. Der rote Samtvorhang war nicht ganz geschlossen, und die massive Tür dahinter stand offen. Antonia sah einen wuchtigen Schreibtisch und einen modernen mannshohen Tresor, der allerdings verschlossen war. Antonia fasste einen raschen Entschluss, denn die Gelegenheit kam nicht so schnell wieder.

Ein letzter prüfender Rundblick, und sie huschte durch den Vorhang. Es war einer dieser Momente, in denen sie völlig instinktiv handelte, ohne sich um eventuelle Folgen zu kümmern. Wenn man sie erwischte, würde ihr schon eine Ausrede einfallen. In diesem Job musste eben auch mal was riskiert werden.

Antonia wusste selbst nicht genau, weshalb dieses Büro ihr Interesse weckte. Vielleicht war es nur ihre angeborene Neugier.

Der Schreibtisch war mit Papieren bedeckt. Sie ließ rasch ihren Blick darüber gleiten, ohne etwas anzurühren. Ein halb verdeckter Briefbogen erweckte ihr Interesse. Denn den Namen im Briefkopf hatte sie vor wenigen Minuten erst gehört: Tsibanga Trading Company. Kein weiterer Zusatz, um welche Art von Gesellschaft es sich handelte.

Details

Seiten
160
Jahr
2020
ISBN (ePUB)
9783738944310
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
glanz blutes

Autor

Zurück

Titel: Der Glanz des Blutes: Antonia Berg ermittelt