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Die Welt der 1000 Reiche #5: Der Magnetfels

©2020 120 Seiten

Zusammenfassung

Goyan, der Tischlermeister, muss vor den Soldaten des Königs von Sibornien fliehen, die ihn wegen seiner Überfälle auf Warentransporte für Adrian Hemida, einem sehr einflussreichen Händler, suchen und stößt dabei auf die Hüter des Magnetfelses, die ihn bereits erwartet haben. Er soll für sie eine wichtige Aufgabe erfüllen, nämlich den „Eisenmann“, wie sie Henry den Roboter nennen, dessen weitreichende Körperstrahlung einen unheimlichen und zudem schädlichen Einfluss auf die Hüter und den Magnetfels hat, aus ihrem Einflussbereich bringen, da er selbst dazu nicht in der Lage ist.
Jovana kann ihn schließlich überzeugen, diese Aufgabe zu übernehmen. Doch wird ihr gemeinsamer Weg von Heimtücken und Hinterhalten überschattet und droht dadurch, kläglich zu scheitern …

Leseprobe

Table of Contents

Band 5: Der Magnetfels

Prolog

1

2

3

4

5

6

Die Welt der 1000 Reiche

Band 5: Der Magnetfels

 

 

 

Ein Science Fantasy Roman

von

Roland Heller

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Steve Meyer, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext

 

 

Goyan, der Tischlermeister, muss vor den Soldaten des Königs von Sibornien fliehen, die ihn wegen seiner Überfälle auf Warentransporte für Adrian Hemida, einem sehr einflussreichen Händler, suchen und stößt dabei auf die Hüter des Magnetfelses, die ihn bereits erwartet haben. Er soll für sie eine wichtige Aufgabe erfüllen, nämlich den „Eisenmann“, wie sie Henry den Roboter nennen, dessen weitreichende Körperstrahlung einen unheimlichen und zudem schädlichen Einfluss auf die Hüter und den Magnetfels hat, aus ihrem Einflussbereich bringen, da er selbst dazu nicht in der Lage ist.

Jovana kann ihn schließlich überzeugen, diese Aufgabe zu übernehmen. Doch wird ihr gemeinsamer Weg von Heimtücken und Hinterhalten überschattet und droht dadurch, kläglich zu scheitern …

 

 

***

 

 

Personen:

Weltraumbasis der Raumüberwachung

Hurdy Gowan – Basis Kommandant der Raumüberwachung

Harold McCormick – Er soll Sharon Belinda finden

Goyan Osir – ein junger Handwerker, der hoch hinaus will

Jovana Zuljko – sie ist gleich alt wie Goyan, seine Nachbarin und in ihn verliebt

Duran Zuljko – ihr Vater

Iris Sams – eine blonde Schönheit, in die Goyan verliebt ist

Adrian Hemida – ein zwielichtiger Geschäftsmann. Er hat sich Iris als Gespielin erwählt

Henry – Er such das Land Gondrond.

Arbokast – ein Hüter des Magnetfelses

Isabella – die Königin der Hüter

Chiili – König von Sibornien

Sibornien nördlich des Namenlosen Landes gelegen

 

 

***

 

 

Prolog

 

Hurdy Gowan hatte schon ruhigere Tage erlebt.

An diesem Morgen erwartete ihn eine Nachricht, die er neben all den anderen Aufgaben, die er zu erledigen hatte, gerne einfach ignoriert hätte. Sein Ehrgeiz, sein Pflichtbewusstsein vor allem, ließ dies jedoch nicht zu.

Als Basiskommandant dieses Sektors war er oberste Behörde der terranischen Regierung und hatte sich um alles zu kümmern, was in seinen Verwaltungsbereich fiel.

Die militärische Lage war ruhig und stabil, Gott sei Dank, die kleineren Scharmützel mit den regionalen Herrschern liefen ohne viel Waffeneinsatz ab. Die Flotte konnte sich ohne sein Zutun darum kümmern.

Lediglich die Piraten bereiteten ihm wieder einmal Kummer. Sie verstärkten ihre Aktivitäten in einem bestimmten Bereich, der in seinem Sektor lag. Er musste sich also darum kümmern. Vielleicht konnte er hier sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn genau aus diesem Bereich war von Sharon Belinda das letzte Mal eine Nachricht eingetroffen.

Sharon Belinda arbeitete als freier Scout und war Schiffseignerin. In gewisser Hinsicht war sie selbstständig und eigenverantwortlich für ihr Tun. Sie musste sich allerdings ebenfalls an die Gesetze des Reiches halten und war damit ihm unterstellt. So einfach, wie sie wollte, konnte sie innerhalb des Reiches nicht herumkurven. Erst wenn sie das offizielle Hoheitsgebiet verließ, besaß sie Narrenfreiheit. In diesem Fall musste sie sich jedoch offiziell abmelden. Bislang hatte Sharon sämtliche Auflagen gewissenhaft erfüllt. Nun gab es allerdings seit Wochen keinen Kontakt mehr zu ihr. Dies war umso tragischer, als er ihr erlaubt hatte, ja ihr geradezu den Befehl erteilt hatte, nach ihrem verschwundenen Roboter zu forschen.

Während einer Fahrt bemerkte Sharon Belinda plötzlich das Fehlen ihres Roboters. Das Raumschiff befand sich im All und fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf den nächsten Eintauchpunkt in den Hyperraum zu. Leider hatte Sharon nicht sofort das Verschwinden bemerkt, denn die Automatik führte das Schiff und deshalb bestand für sie kein Grund, ständig in der Zentrale anwesend zu sein. Wie viele Hyperraumeintritte das Schiff in der Zeit vom Verschwinden Henrys – so hieß der Roboter – bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sein Verschwinden bemerkte, zurückgelegt hatte, wusste sie nicht.

An und für sich war das Verschwinden eine Unmöglichkeit. Tatsache blieb lediglich, dass der Roboter verschwunden war, auch wenn sich niemand erklären konnte, wie dies vor sich gegangen sein konnte.

Nicht nur Belinda ließ dies keine Ruhe.

Nach ihrer Rückkehr in die Basis drängte sie ziemlich bald darauf, den entsprechenden Raumabschnitt erneut nach ihrem Roboter abzusuchen.

Hurdy Gowan hatte ihr dies genehmigt.

Eine Meldung, dass sie ihr Zielgebiet erreicht hatte, kam von ihr noch. Seither galt auch sie als verschollen.

Hurdy stieß einen tiefen Seufzer aus. Jetzt hielt er eine Nachricht in der Hand, die von einem erneuten Übergriff der Piraten sprach. Das Schiff war zwar nach Entrichtung einer beträchtlichen Summe Lösegeldes wieder ungeschoren freigelassen worden, aber trotzdem konnte er dies in seinem Bereich nicht tolerieren.

Es wurde Zeit, einen Mann in diesen Sektor zu entsenden, der das Piratenunwesen untersuchen sollte.

 

*

Harold McCormick war jener Mann, der Hurdy Gowan als Erster über den Weg lief, als er aus seinem Büro trat. Weil er ohne lange zu überlegen den erstbesten Mann mit dieser Situation betrauen wollte, denn schließlich arbeiteten für ihn nur die besten Kräfte, war es unnötig, nach einem besser geeigneten Mitarbeiter zu forschen.

„Ah, wie gut, dass ich dich treffe“, sagte Gowan in geschäftlichem Ton. „Du kannst gleich mit mir in mein Büro kommen.“

„Das klingt nach harter Arbeit“, versuche McCormick noch zu scherzen, folgte aber seinem Chef widerspruchslos.

„Du fliegst den Aufklärer Nummer drei?“, vergewisserte sich Gowan und blickte McCormick an, als wüsste er es nicht sicher, dabei wusste jeder, dass Hurdy Gowan jedes Detail der Basis sehr wohl kannte – und dazu gehörte auch, wer welche Maschine flog.

Gleich nach diesen Worten bat er den Piloten, Platz zu nehmen.

McCormick brauchte gar nicht zu antworten, denn er kannte die psychologischen Spielchen seines Chefs. Das war dessen Art, ihn auf eine unangenehme Aufgabe vorzubereiten. McCormick befürchtete bereits das Schlimmste.

„Die Piraten werden wieder aktiv!“, sagte Gowan dann endlich nach einer Weile, in der die Spannung immer mehr gestiegen war.

„Ein Kampfeinsatz?“, fragte McCormick gleich.

Hurdy Gowan konnte ihn beschwichtigen. „Vorerst geht es um reine Aufklärung. Einen Mann allein kann ich nicht in einen Kampfeinsatz schicken. Nein, es geht darum …“

Zuerst berichtete Hurdy Gowan von der Nachricht, die er heute Morgen vorgefunden hatte, und anschließend erzählte er die Geschichte von dem verloren gegangenen Roboter, obwohl die schon allgemein die Runde gemacht hatte, aber aus dem Mund des Chefs bekam sie natürlich einen anderen Stellenwert. Schließlich endete er mit dem Verschwinden von Sharon Belinda.

„Irgendetwas tut sich da draußen“, sagte Hurdy Gowan. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Piraten die eigentlich Verantwortlichen dafür sind, aber so ganz unbeteiligt sind sie sicherlich nicht.“

„Das soll ich also herausfinden?“

McCormick überlegte, wie er das in der Enge der Kanzel eines Aufklärers bewerkstelligen sollte. So einfach, wie es sich zu Beginn anhörte, dürfte der Flug doch nicht werden.

„Ich soll wohl das Wunder vollbringen und die Piraten finden, nach denen wir seit Jahren Ausschau halten?“, vermutete er.

„In der Tat. Nach dem Motto: Wenn wir es nicht versuchen, finden wir sie nie. Du suchst den gesamten Raumabschnitt ein weiteres Mal ab und vielleicht wirst du diesmal fündig.“

 

*

 

McCormick begründete seine Hoffnung natürlich darauf, weil er überraschend in diesem Raumabschnitt erscheinen würde und ein Aufklärer zu den kleinsten Schiffstypen zählte, die interstellare Entfernungen zurücklegen konnten. Als Aufklärer musste das Schiff sowohl All- wie auch Atmosphärentauglich konstruiert sein. Im Prinzip glich das Schiff einer spitz zulaufenden Pyramide. Für den Atmosphärenflug konnten auf zwei Schenkelseiten bei Bedarf Flügel ausgefahren werden. An der Spitze waren die Waffensysteme untergebracht. Die stärkste Waffe, eine starr eingebaute Laserkanone, war mit der Steuerung des Piloten gekoppelt. Die restlichen Waffen konnten individuell gesteuert werden. Dafür begleitete bei einem Kampfeinsatz ein zweiter Mann den Piloten.

Harold McCormick flog diesmal allein.

Als er aus dem Hyperraum kam, schlug seine Ortung bereits nach drei Sekunden Alarm.

McCormick richtete die Nase seines Schiffes aus, bis sie auf den georteten Gegenstand zielte.

Ein kleines Schiff, das scheinbar bewegungslos im All hing.

Drei weitere Sekunden dauerte es, bis die Funkanlage ansprach.

„Die haben wohl ein schlechtes Gewissen“, sagte sich McCormick und blickte mehrere Sekunden auf die aufblinkenden Leuchtanzeigen, ehe er das Gerät aktivierte.

„Aufklärer drei auf Kontrollflug. Ich hoffe, Sie können sich ausweisen!“

McCormicks Stimme klang befehlsbetont und ließ von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, wer hier das Sagen hatte.

„Nicht gleich so aggressiv“, kam postwendend die Antwort zurück. „Wir haben dich weder mit unseren Kanonen empfangen noch hast du uns bei einer kriegerischen Handlung erwischt. Wir sind ein privates Raumschiff und untersuchen hier ein interessantes Phänomen, das die Flotte durchaus ebenfalls interessieren könnte. Also verscherz es nicht gleich in der ersten Sekunde mit uns. Noch haben wir uns ja nicht einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen.“

„Wenn ich mich überzeugt habe, wer ihr seid, können wir uns gerne freundlich weiter unterhalten. Also, mit wem habe ich es tun?“

„Mister Unbekannt, bevor du weiter in dein Unglück rast: Stopp die Maschinen des Schiffes. Mit gleichbleibender Geschwindigkeit gerätst du in etwa vier Minuten in den Einflussbereich eines Planeten, den deine Sensoren vermutlich erst zu spät entdecken würden. Dieser Planet besitzt die unangenehme Angewohnheit, sämtliche auf Energiebasis laufenden Maschinen unbrauchbar zu machen.“

Die Worte klangen so bestimmt, dass McCormick ein eigenartiges Gefühl ergriff.

Wie sollte er sich entscheiden.

Wenn er den Worten glaubte und sie stellten sich im Nachhinein als Falle heraus, war er der Geleimte, wenn sie allerdings der Wahrheit entsprachen …

„Die Zeit läuft“, klang die Stimme aus dem Funkgerät.

McCormick entschied sich zuerst, eine Schleife zu fliegen. Das gab ihm immerhin Zeit. In der Zwischenzeit liefen sämtliche Erfassungsgeräte auf Hochtouren, doch alle Ergebnisse, welche sie brachten, lagen in einem prächtigen Mittelwert.

„Ich kann keinen Beweis liefern“, sagte da unvermittelt wieder die Stimme. „Wenn es allerdings zu spät ist, kannst du dich über die Richtigkeit meiner Warnung – ärgern. Verdammt, Mann, ich meine es ernst.

Wir versuchen die Welt dort unten seit Jahren zu ergründen, und jetzt kommst du daher geprescht und glaubst, jahrelange Arbeit einfach ignorieren zu müssen. Nur zu, flieg die Welt an! Gib uns allerdings deine Daten weiter. Wir können sie gebrauchen.“

„Wer sind Sie?“, rief McCormick. Diesmal hatte er eigentlich damit gerechnet, den Namen eines Instituts oder einer bekannten Firma zu hören, doch dass er stattdessen den Namen eines der Oberpiraten zu hören bekam, verblüffte ihn.

„Ich bin Sigi Murnau. Genügt das als Legitimation?“

Diesmal schaltete McCormick schnell. Er bremste mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

Den genannten Namen kannte er.

Sigi Murnau war dem Vernehmen nach die Nummer Zwei in der Hierarchie der Piraten. In seinem Interesse hätte es eigentlich liegen müssen, ihn in den Tod zu schicken und nicht, ihn davor zu bewahren.

„Du bist ein Pirat!“, stieß McCormick hervor.

„Ja, aber ich bin nicht ständig mit Überfällen auf fremde Schiffe beschäftigt. Es gibt auch andere Phänomene, die mich interessieren, und eines davon ist diese Welt. Verdammt, es muss doch möglich sein, einmal ein Rätsel gemeinsam zu lösen, ohne sich gleich gegenseitig erschießen zu wollen.“

McCormick ließ sich mit der Antwort Zeit, währenddessen manövrierte er seinen Aufklärer nahe an das Boot der Piraten. So ganz traute er dem Frieden nicht. Er rechnete immer noch mit einem heimtückischen Angriff und flog mit der Spitze voran auf das Schiff zu. Die Piraten wussten vermutlich genau, dass sich seine stärkste Waffe direkt auf sie richtete.

„Gibt es hier eine Welt, auf der wir uns treffen können?“

„Negativ“, antwortete Sigi Murnau. „Wir müssen uns weiterhin über die Kommunikationsanlage unterhalten, doch es könnte schlimmer sein. Auf dieser Welt können wir nicht landen, es sei denn, wir wollen unser Leben dort beschließen.“

„Wie das?“

„Es gibt keine Rückkehr von dieser Welt. Zumindest bis jetzt noch nicht. Landen ist kein Problem, starten jedoch sehr wohl.“

„Woher weißt du das?“

„Man erfährt so manches, wenn man eine Welt jahrelang beobachtet. Okay, weshalb wir hier sind, haben wir erklärt. Wie steht es mit dir?“

„Ich bin auf der Suche nach verschwundenen Angehörigen der Flotte.“

„Ist schon wieder ein Roboter abhandengekommen?“

„Was wisst ihr darüber.“

„Wir sind nicht blind. Zuerst sucht der weibliche Pilot verzweifelt nach einem Roboter, und jetzt kommst du, vermutlich auf der Suche nach dem Roboter und der Pilotin.“

„Was habt ihr mit der Frau gemacht?“

„Wir sind keine Unmenschen, Mann. Der Frau geht es, soweit wir es einschätzen können, gut. Tatsächlich warten wir hier auf eine weitere Nachricht von ihr.“

„Wo ist sie?“

Am liebsten hätte Sigi mit dem Daumen nach unten gezeigt, aber diese Geste konnte McCormick nicht sehen, denn auf die Bildverbindung hatten beide bislang verzichtet. „Sie war ja auf der Suche nach ihrem Roboter und der kann sich nur auf diesem Planeten aufhalten. Wir haben Sie vor der Gefahr gewarnt. Aber wie Frauen nun einmal sind, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, sind sie schwer davon abzubringen.“

McCormick konnte sich vorstellen, mit welcher Intensität Sharon Belinda ihr Ziel verfolgt hatte – und dass sie sich dabei durch nichts abbringen ließ. Dass Sigi in diesem Fall die Wahrheit etwas gebeugt hatte, ahnte McCormick, dass er sie aber in das Gegenteil verkehrt hatte, würde sich erst nach der Rückkehr von Sharon Belinda beweisen lassen. Bis dahin – falls es überhaupt jemals so weit kam – sollte noch viel Zeit vergehen.

Immerhin war nun so etwas wie eine Vertrauensbasis hergestellt und die beiden konnten daran gehen, in aller Ruhe die weiteren Einzelheiten zu besprechen.

Die nun feststehende Tatsache, dass sich sowohl der Roboter Henry wie auch Sharon Belinda auf dieser Welt, die von ihren Bewohnern Welt der 1000 Reiche genannt wurde, aufhielten, machte die beiden verfeindeten Gruppen in dieser Angelegenheit zu natürlichen Verbündeten.

 

 

1

 

Der Himmel färbte sich plötzlich rosafarben, als die ersten Sonnenstrahlen ihr Licht über die Ortschaft Oberthal sandten. In der frühen Stunde lag üblicherweise die morgendliche Beschaulichkeit über der Landschaft, aber dennoch war etwas Undefinierbares anders. Selbst das Vogelgezwitscher, das normalerweise um die Zeit die Geräuschkulisse beherrschte, klang heute irgendwie verhalten.

Waren die Soldaten schuld, die immer noch durch die Straßen streiften?

Im Hause der Zuljkos herrschte um diese frühe Zeit ohnehin keine Ruhe mehr.

Duran Zuljko als Bäcker war es gewohnt, früh auf den Beinen zu sein und seine Arbeit zu erledigen. Seine Tochter Jovana hatte er von Kindesbeinen an, als ihm klar geworden war, dass er keinen männlichen Erben mehr zeugen konnte, weil seine Frau ihm viel zu früh verstorben war, zu seiner Nachfolgerin erzogen.

Duran war ein gestrenger Mann, ein prinzipientreuer Mann und Vater. Letzteres bekam seine Tochter öfters zu spüren, wenn es darum ging, wie sie ihre Freizeit verbringen sollte – und vor allem mit wem sie diese verbrachte.

Zu dieser Stunde war die Hauptarbeit bereits erledigt und die Brote befanden sich im Ofen. Auf ihr Fertigwerden mussten sie warten. Duran beschäftigte sich üblicherweise während dieser Zeit mit der Reinigung der zahlreichen Schüssel und Tabletts, die für seine Arbeit erforderlich waren. Jovana ging ihm regelmäßig zur Hand, doch an diesem Morgen schien in ihrem Hirn etwas anderes die Oberhand gewonnen zu haben, denn sie wirkte seltsam abwesend. Ständig horchte sie nach draußen und achtete auf die Bewegungen der Soldaten.

Duran beobachtete seine Tochter. Die Soldaten suchten nach Goyan. Da fiel es ihm nicht schwer, zwei und zwei zusammenzuzählen. Er wusste ja, wie sie zu ihm stand und er befürchtete, dass sie eine Dummheit begangen haben könnte.

Tatsächlich drang, bevor die Backzeit noch um war, eine ganze Schar von Soldaten in die Backstube. Aber sie kamen nicht allein. In ihrer Mitte führten sie eine zitternde alte Frau. Katri Coello hieß sie. Sie war eine weitere Nachbarin der Zuljkos.

Die Soldaten stellten die Frau so auf, dass sie Jovana in das Gesicht sehen musste.

„So, Katri, jetzt kannst du wiederholen, was du gesehen hast.“

Im Angesicht von Jovana verließ die Alte zusehends der Mut und sie wand sich um eine Antwort herum.

„Antworte, sonst prügle ich dir deine Aussage heraus!“, schrie der Hauptmann der Soldaten und hob gleich seine Hand, als wollte er damit jederzeit zuschlagen.

„Ich habe Goyan gestern Nacht in ihrem Zimmer gesehen!“

Jetzt war es gesagt.

Jovana war von Anfang an klar, dass Katri sie gesehen haben musste. Sie hing ja den ganzen Tag am Fenster und beobachtete die Nachbarschaft. Dass die Soldaten sie in die Backstube schleppten, konnte ja nichts anderes zu bedeuten haben, als dass sie eine Aussage gemacht hatte.

Zwei der Soldaten liefen gleich in das erste Stockwerk hinauf und strebten Jovanas Zimmer zu. Sie kannten sich hier aus. Vermutlich waren sie gestern Nacht ebenfalls dabei gewesen, als sie das Zimmer bereits einmal durchsucht hatten.

Der Hauptmann selbst griff jetzt nach Jovana.

„Leugnest du es?“

„Dass ich Goyan, liebe? Ja, das gebe ich zu, und dass er gestern bei mir war, ebenfalls.“ Wild entschlossen befreite sie sich aus seiner Hand. „Vor seiner Flucht hat er sich von mir verabschiedet.“

„Wann war das?“, fuhr der Hauptmann sie wieder grob an und wollte erneut nach ihrer Hand greifen, doch diesmal stellte sich Duran dazwischen.

„Meine Tochter hat kein Verbrechen begangen“, stellte er fest. „Es ist nicht verboten, dass sich zwei jungen Menschen des Nachts sehen.“

„Wenn sie verheiratet sind, spricht nichts dagegen, aber was hat Goyan in ihrem Zimmer zu suchen, wenn sie sich noch nicht gebunden haben?“

„Wir haben uns bereits gebunden!“, behauptete Jovana und blickte stolz zu ihrem Vater. Sie dachte an die Nacht, die sie gemeinsam verbracht hatten. Lediglich sie bemerkte das kurze Zucken im Gesicht ihres Vaters, dann hatte sich Duran gleich wieder in der Gewalt und blickte streng wie immer zu ihr.

„Wir werden das genau überprüfen!“, drohte der Hauptmann. „Wann hat Goyan dich verlassen?“

Ihr Vater musterte sie skeptisch. Sie war sich nicht sicher, ob er bis zum Ende mitspielen würde, aber sie hoffte doch, dass er, zumindest solange die Soldaten hier weilten, zu ihr stehen würde.

„Gleich nachdem die Soldaten das Haus durchsucht hatten, kletterte er über die Außenfassade in mein Zimmer. Und eine halbe Stunde später ist er gegangen.“

Der Hauptmann blickte die Alte an. „Kann das stimmen?“, erkundigte er sich.

Eingeschüchtert nickte die Alte und schielte auf den Ausgang.

Der Hauptmann gab ihr einen Stoß Richtung Ausgang, sodass sie fast das Gleichgewicht verlor und zu stürzen drohte. „Du kannst verschwinden!“ Eilig verließ sie das Haus des Bäckers, ohne sich noch einmal umzudrehen. Anschließend wandte er sich wieder Jovana zu.

„Du hast gewusst, dass wir Goyan suchen! Du hättest ihn uns melden müssen!“

„Wenn sie verbunden sind, entfällt diese Pflicht“, belehrte der Vater ihn, „und ich glaube meiner Tochter, wenn sie das behauptet!“

„Ich kenne das Gesetz, aber man muss sich nicht immer sklavisch daran halten.“

„Solange es Zeugen gibt …“ Duran beendete seinen Satz nicht, denn einerseits war der Inhalt allen Beteiligten klar, andererseits kamen die beiden Soldaten aus dem oberen Stockwerk zurück. „Oben ist niemand.“

Grimmig sagte der Hauptmann nach dieser Belehrung: „Wohin ist er geflohen? Die Richtung wirst du uns ja wohl sagen können?“

„Im Süden liegt das Namenlose Land, dorthin wird er kaum geflohen sein, denn dieses Land ist verflucht. Im Norden liegt der Grenzwald. Dort hat er gute Chancen, sich zu verstecken!“

„Wir sprechen uns noch!“, drohte der Hauptmann und hob warnend seinen Zeigefinger, ehe er seinen Männern aus dem Haus folgte.

Nahezu eine Minute herrschte eisiges Schweigen in der Backstube, in der jeder der Anwesenden seinen eigenen Gedanken nachhing.

„So, und jetzt zu uns!“, sagte Duran schließlich streng und blickte seine Tochter an.

„Wir haben eine Nacht zusammen verbracht“, gestand Jovana, „dabei haben wir uns versprochen.“ Sie strahlte regelrecht vor Selbstbewusstsein und Freude.

Ihrem Vater stand jedoch alles andere als Freude im Gesicht geschrieben.

„Wie konntest du mich nur so hintergehen?“, fragte er verärgert. „Solange die Soldaten hier waren, habe ich natürlich zu dir gehalten. Doch jetzt – ich bin enttäuscht von dir!“

„Diese Verbindung ist das, was ich schon immer wollte!“

„Ich weiß, dass du davon träumst, doch nicht jeder Traum muss in Erfüllung gehen.“

„Was willst du damit sagen, Vater?“

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943825
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
welt reiche magnetfels
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Titel: Die Welt der 1000 Reiche #5: Der Magnetfels