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Ein Jack Braden Thriller #21: Selbstmord GmbH

2020 122 Seiten

Zusammenfassung


Larry Temple will sich umbringen, weil er sein Leben für verpfuscht hält. Doch da macht ihm jemand ein unglaubliches Angebot, wenn er für weitere drei Jahre am Leben bleibt. Zu spät merkt er, dass er sich dem Teufel verschrieben hat. Sein letzter Ausweg scheint Privatdetektiv Jack Braden zu sein, doch bevor er Einzelheiten sagen kann, ist Temple tot.

Leseprobe

Table of Contents

Selbstmord GmbH

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Selbstmord GmbH

Ein Jack Braden Thriller #21

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

Larry Temple will sich umbringen, weil er sein Leben für verpfuscht hält. Doch da macht ihm jemand ein unglaubliches Angebot, wenn er für weitere drei Jahre am Leben bleibt. Zu spät merkt er, dass er sich dem Teufel verschrieben hat. Sein letzter Ausweg scheint Privatdetektiv Jack Braden zu sein, doch bevor er Einzelheiten sagen kann, ist Temple tot.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© by Author

© Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Lawrence Temple – ein verhinderter Selbstmörder

Elma Sands – bei der Temple sich ausweint

Omar Sattler – macht ein Pokergesicht

Jeff Tobler – sitzt in Sing Sing und hat nichts damit zu tun

Andrew Tobler – sitzt nicht und hat viel damit zu tun

George Patterson – hält zur Stange

Dawn „Sunny“ Barris – ist nicht nur charmant, sondern auch gescheit

Anthony Gilford – zieht mit

Jack Braden – schaukelt die Sache mal wieder

Ein Pfarrer – versteht sich auf Menschen

Ein Kaplan – entwickelt detektivische Fähigkeiten

Joe, Mac und allerlei Gelichter

 

 

1

Lawrence Temple sehnte sich danach, tot zu sein. Aber er hatte Angst vor dem Sterben.

Er setzte den Revolver zum vierten Mal gegen die Schläfe, tat einen zitternden Atemzug und schloss die Augen.

Jetzt!, dachte er.

Doch der Finger am Abzug rührte sich nicht, verweigerte die kleine Bewegung, die den Übergang in die Ewigkeit bedeuten würde.

Jetzt!

Und noch einmal: Jetzt!

Aber der Finger am Abzug gehorchte dem Befehl des Gehirns nicht.

Temple öffnete die Augen wieder. Sein Hemd war von Schweiß durchgeweicht, sein Stoppelbart drei Tage alt.

Seit drei Tagen hatte er sein Zimmer nur verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Vor vierundzwanzig Stunden hatte er die letzte Mahlzeit eingenommen: Brot, Cornedbeef und Wasser. Und eine weitere Mahlzeit würde es nicht geben.

Er besaß noch fünf Cent. Das, was er auf dem Leib trug, und fünf Cent in bar. Die fünf Cent waren der Rest von den zwanzig Dollar, die ihm der Trödler für seine letzten Habseligkeiten gegeben hatte: für einen Karton voll getragener Wäsche.

Alles, was irgend verkäuflich war, hatte Lawrence Temple verkauft oder versetzt; um noch einen Tag länger zu essen zu haben – um das Unausweichliche noch einen Monat, eine Woche, einen Tag hinauszögern zu können.

Nun war es soweit.

Und er konnte es nicht.

Er versagte auch jetzt, wie er immer wieder versagt hatte.

Namenlose Verzweiflung, namenloses Selbstmitleid höhlten ihn aus. Er ließ den Revolver fallen, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte.

Eine Turmuhr schlug Mitternacht. Damit begann der Tag, an dem er das Zimmer räumen musste. Weil er die Miete schuldig geblieben war.

Temple erhob sich und trat ans Fenster. Er riss es auf. Die Kälte fuhr ihm schneidend in die Lungen. Feiner Schnee rieselte durch den Lichtblock, der durch das Fenster nach draußen fiel. Parkende Wagen waren unter Schneehügeln vergraben. Aus der Kneipe gegenüber dudelte die Musikbox.

Für einen wahnwitzigen Augenblick kam Temple der Einfall, hinüberzugehen und sein Problem mit dem Revolver zu lösen.

„Geld her – oder es knallt!“

Aber er würde auch das nicht können. Das schon gar nicht. Nicht er. Dann schon eher das andere.

Außerdem war sein Problem ja nicht, dass er kein Geld hatte. Das war nur die Konsequenz, das Resultat seines Problems.

Vor der Kneipe stand, halb verschneit, die Telefonzelle.

Wenn man ein Fünfcentstück in den Schlitz warf, konnte man jeden der zwei oder drei Millionen Fernsprechteilnehmer der großen Stadt anrufen.

Nur einmal mit einem Menschen sprechen. Mit irgendeinem. Lawrence Temple spürte ein wildes, ein geradezu schmerzhaftes Verlangen danach.

Aber wer würde ihn schon anhören wollen. Wer würde sich schon …

Temple richtete sich auf, als ihm eine Erinnerung kam.

Gleich darauf hastete er die Treppe hinab.

 

 

2

Die Nummer war DO 5000.

Temple hatte sie behalten. Sie war ja leicht zu behalten, musste leicht zu behalten sein, das war ja gerade der Sinn der Sache.

Seit einigen Jahren erschien diese Nummer immer wieder in den Anzeigenteilen der Zeitungen:

„Wenn Sie einsam und verzweifelt sind, rufen Sie DO 5000 an.“

So lauteten die Texte.

Telefonische Seelsorge oder so etwas Ähnliches.

Temple warf seinen Nickel ein. Ob überhaupt jetzt – mitten in der Nacht – jemand da war?

Lawrence Temple zitierte. Und das nicht nur vor Kälte.

Der Weckruf tutete nur einmal aus der Membran.

„DO 5000!“, meldete sich dann eine ruhige Männerstimme.

Temple wusste nicht, wie er anfangen sollte.

„Ich werde mich erschießen!“, platzte er heraus. Mit dem naiven Trotz eines Kindes. Er schrie fast „Ich werde mich erschießen! Und kommen Sie mir bloß nicht mit dem lieben Gott und der Ewigkeit und der Bibel und frommen Sprüchen. Darauf pfeife ich, verdammt! Darauf pfeife ich! Verstehen Sie mich?“

„Ich verstehe Sie sehr gut“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung gelassen und sachlich. Sonst nichts. Denn er war nicht nur ein Samariter, sondern auch ein glänzender Psychologe. Und er hatte sehr viel Erfahrung.

Temple, der erwartet hatte, dass der andere ihn bei Gott und Gottes Wort beschwören würde, die Sünde des Selbstmordes nicht auf sich zu laden, würde ihn mit Worten und Bibelzitaten zu chloroformieren versuchen – Lawrence Temple schluckte verblüfft.

„Hallo, sind Sie noch da?“

„Natürlich bin ich noch da. Sie wollen sich erschießen, und Sie haben sicher Ihre Gründe dafür.“

„Tausend Gründe!“, stieß Temple bitter hervor.

„Nun gut. Schildern Sie mir Ihre Situation.“

Nur das. Immer noch kein Wort von Gott und der Bibel.

„Sind Sie – sind Sie denn kein Geistlicher?“, fragte Temple verwundert, wobei ihm nicht klar wurde, dass der andere zumindest schon eines erreicht hatte – nämlich dass er, Temple, bereits aufgehört hatte, sich ausschließlich mit sich selber zu beschäftigen.

„Doch!“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung so ruhig wie vorher. „Doch, ich bin Geistlicher!“

„Bitte, welcher Konfession gehören Sie an?“

„Ist das denn so wichtig? Sie sind in Not. Und ich will Ihnen helfen, wenn ich kann. Bitte, schildern Sie mir Ihre Situation.“

„Ich – ich kann nicht mehr weiter, Ehrwürden!“

Lawrence Temple war zuletzt in der Kirche gewesen, als er dreizehn oder vierzehn gewesen war. Er glaubte an ein höheres Wesen, das den Kosmos „im Gange hielt – damit erschöpfte sich seine Religion. Die Anrede „Ehrwürden“ kam ihm nur über die Lippen.

„Ich kann nicht mehr weiter!“, wiederholte er.

„Sie wissen nicht weiter. Das ist ein Unterschied. Vielleicht weiß ich weiter. Sagen Sie mir alles.“

„Ich habe gestohlen!“ Laut platzte Lawrence Temple es heraus.

„Ja“, sagte der Geistliche einfach. „Ich nehme an, Sie hatten auch dafür Gründe.“

Temple schluckte wieder. „Und sonst sagen Sie nichts dazu. Nicht, dass das eine Sünde ist, ein Verbrechen, ein …“

„Warum sollte ich es sagen, da Sie es doch ohnehin wissen.“

„Ich – ich war Buchhalter. Ich habe dreißigtausend Dollar aus der Kasse genommen. Nicht mit einem Mal, sondern nach und nach. Es war … Meine Frau wollte … Wir hatten Schulden. Das Haus und der Wagen und all das andere. Ich verdiente nicht besonders gut. Allen Nachbarn ging es besser als uns. Und meine Frau … Sie machte mich wahnsinnig. Du bist ein Versager. Ein erbärmlicher Versager! Da nahm ich eben das Geld, und … Ich verstehe es heute selber nicht mehr.“

„Ich schon!“, sagte der Geistliche. „Ich weiß, wie Ihnen zumute war.“

„Ich liebte sie. Sie kommt aus einer guten Familie.“

„Aus einer Familie mit Geld. Auch das ist ein Unterschied, kann jedenfalls ein Unterschied sein.“

„Ich hatte kein Recht, sie zu heiraten. Ich wusste ja, dass ich ihr den Rahmen nicht bieten konnte, den sie gewohnt war. Aber sie baute auf mich: Du wirst deinen Weg schon machen! Aber ich blieb, was ich war – der kleine Buchhalter mit 120 pro Woche. Sie quälte mich bis aufs Blut, aber ich liebte sie. Und so sagte ich ihr dann eines Tages, ich sei befördert worden, und nahm Monat für Monat Geld aus der Kasse. Es ging lange gut. Als es endlich entdeckt wurde, flog ich natürlich. Mein Chef informierte meinen Schwiegervater. Der schickte einen Scheck, um den Skandal zu vermeiden. Und meine Frau – sie verließ mich. Alles andere hätte ich ertragen können. Die Schande, und … Es sickerte nämlich trotzdem durch, trotz des Schecks meines Schwiegervaters. Nach ein paar Tagen wussten alle Nachbarn Bescheid. Es war ein einziges Spießrutenlaufen, doch das hätte ich ertragen können. Nicht aber, dass meine Frau …“

Temple war im Begriff, sich wieder in hemmungsloses Selbstmitleid zu verlieren. Der Geistliche spürte es. „Verzeihen Sie – wie alt sind Sie?“

„Zweiundvierzig. “

„Und Sie haben keine Beschäftigung?“

„Nein.“

„Wissen Sie, wir brauchen hier viele Helfer. Viele Verzweifelte wenden sich an uns …“

„I c h brauche Hilfe! Was gehen mich die anderen an!“

„Ich versuche ja gerade, Ihnen zu helfen. ich könnte Ihnen eine Arbeitsstelle vermitteln, und …“

„Ich habe vor drei Monaten beschlossen, mich umzubringen. Von meinem letzten Geld habe ich mir einen Revolver gekauft. Das war vor zwei Monaten. Seither habe ich es hinausgezögert. Aus Feigheit. Ich habe alles zu Geld gemacht, was ich … Alles. Jetzt bin ich fertig. Meinen letzten Nickel habe ich hier in das Telefon gesteckt. Morgen früh muss ich mein Zimmer räumen. Ich habe nichts mehr zu beißen, und ich besitze nicht einmal mehr einen Mantel. Es ist kalt draußen! Ich bin fertig. Es ist aus mit mir!“

„Ich verstehe, Sie brauchen zunächst einmal Geld. Nun, wir haben hier einen Fonds für derartiges. Würden Sie mir bitte Ihren Namen und Ihre Adresse nennen. Ich werde dann gleich morgen früh jemanden zu Ihnen schicken, der Ihnen über die erste materielle Not hinweghilft.“

Temple murmelte seinen Namen und seine Adresse. Aber dann brach es doch wieder aus ihm heraus: „Sie haben überhaupt nichts begriffen. überhaupt nichts. Ich brauche kein Geld, und … Nicht mal ‘ne Million könnte mich retten. Reißen Sie mir die Erinnerung an meine Frau aus dem Schädel, dann vielleicht könnte ich weiterleben. Löschen Sie die Brandmale in meiner Seele, vernichten Sie den Hass in meinem Herzen. Dann vielleicht …“

„Bleiben Sie am Apparat. Hängen Sie nicht auf.“ Über dreißig Minuten stand Temple noch in der Zelle. Zeitweilig wurde er ruhiger und gefasster. Und dann doch wieder hektisch-verzweifelt.

In einem Stadium der Verzweiflung kreischte er: „Ich werde es tun! Ich werde es tun!“

Und er hängte auf.

Es tat ihm sofort leid. Aber nun hatte er keinen Nickel mehr.

Er weinte wieder. Ließ die Tränen rinnen und trat auf die verschneite Straße.

Wenige Yards neben der Zelle stand ein dunkler Chrysler, der vorher nicht dort gestanden hatte.

Und unmittelbar bei der Zelle – direkt an den schneeverkrusteten Scheiben – stand seit drei oder vier Minuten ein Mann.

Lawrence Temple, der für seine Umgebung weder Augen noch Ohren gehabt hatte, schrak zusammen, als dieser Mann neben ihn trat.

„Guten Abend, Mr. Temple! Mein Name ist Smith. Ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu machen, ein Angebot, wenn Sie so wollen. Es ist lausig kalt. Dort steht mein Wagen. Bitte, steigen Sie ein!“

Temple wurde energisch am Arm gefasst. Er war derart verblüfft, dass er willenlos mitging.

Der Fremde nötigte ihn in den Fond und stieg von derselben Seite her ein.

„Okay!“, sagte er zu dem Mann am Steuer.

Und der Chrysler setzte sich in Bewegung.

Knapp eine Minute später rollte ein Plymouth heran. Ein schon ziemlich betagter Plymouth. Dieser Wagen wurde von einem Mann gesteuert, der den schwarzen Anzug eines Geistlichen trug.

Der Geistliche – er war noch verhältnismäßig jung, keinesfalls älter als dreißig – stieg aus. Er betrachtete die frischen Spuren im Schnee, betrat dann die Zelle, fasste den Hörer an.

Dann warf er einen Nickel ein, wählte eine Nummer. Es war der „normale“ Anschluss der Telefonseelsorge DO 5000.

„Bis wann haben Sie mit Mr. Temple gesprochen, Ehrwürden?“

„Bis eben jetzt.“

„Dann bin ich zu spät gekommen. Die Telefonzelle steht dem Haus, in dem er wohnt, genau gegenüber. Der Hörer ist noch warm.“

„Dann ist er wohl in seine Wohnung gegangen.“

„Nein, Ehrwürden. Es sind frische Spuren im Schnee. Er hat die Zelle verlassen und ist, gemeinsam mit einem anderen Mann in einen Wagen gestiegen. Jener andere Mann ist ausgestiegen und hat Temple wohl abgeholt.“

„An Ihnen ist ja ein Detektiv verlorengegangen, Kaplan.“

„Man braucht ja nur hinzusehen, die Spuren sind ganz eindeutig. Wahrscheinlich wollte der andere auch telefonieren, er hat jedenfalls eine Weile vor der Zelle gestanden. Ich vermute, dass er ein Bekannter Temples ist. Vielleicht hat er einiges verstanden und hat Temple eingeladen, um ihm zu helfen.“

„So wird es sein. Bitte, bleiben Sie auf jeden Fall dort. Einmal muss Temple ja zurückkommen.“

Aber Lawrence Temple kehrte nicht in sein Zimmer zurück. Nicht an diesem Tag. Nicht am nächsten. Überhaupt nicht.

 

 

3

DO 5000 war im Gemeindehaus von St. Petri untergebracht. Der Telefonverteiler befand sich außen am Haus, im Garten.

Es war gegen zwei Uhr morgens, als in diesem Garten eine vermummte Gestalt auftauchte und sich am Verteiler zu schaffen machte.

Zwei Kontakte wurden gelockert und wieder angezogen. Dann bewegte sich die Gestalt quer durch den Garten und wickelte dabei ein Gummikabel auf, das unter dem Schnee im Erdreich gelegen hatte. Nur ein Zoll tief in der Erde.

Der gefrorene Boden brach dabei in kleinen Schollen auf, es entstand eine dunkle Bahn durch den Schnee.

Aber es schneite jetzt stärker. Spätestens in einer halben Stunde würde nichts mehr zu sehen sein. Nichts von der dunklen Bahn und nichts von den Fußspuren, die die vermummte Gestalt hinterließ.

Die Gestalt zwängte sich durch die Hecke auf das Nachbargrundstück. Auch dort befand sich der Verteiler außen am Haus. Dort löste die Gestalt das andere Ende des Kabels.

 

 

4

„Hat der Geistliche Sie geschickt?“, fragte Temple, noch immer verdattert.

„Nicht direkt“, sagte der Mann neben ihm ausweichend. Dieser Mann trug einen schwarzen Ulster und einen dunklen Hut mit sehr breiter Krempe. Der Kragen des Ulsters war hochgeklappt.

„Dann verstehe ich nicht …“

„Sie werden gleich verstehen. Jedenfalls einiges. Alles kaum, aber das erwartet auch niemand von Ihnen. – Sie waren im Begriff, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen.“

„Also schickt Sie doch …“

„Nein. Ich vertrete eine private Firma, aber unsere Verbindungen reichen ziemlich weit. Ich kenne Ihr Problem. Das muss Ihnen genügen. Sie brauchen Hilfe, und wir wollen Ihnen helfen. Alles andere ist doch wohl nebensächlich.“

„Hilfe? Mir kann niemand helfen.“

„Sie haben also nach wie vor die Absicht, sich zu töten?“

„Ja!“, behauptete Temple.

In seinem Hirn ging alles durcheinander. Er war einfach überfordert.

„Okay! Das ist die Basis des Geschäfts, das ich Ihnen anbieten möchte. Sie wollen sich umbringen, das ist Ihre Angelegenheit, ich mische mich da nicht ein. Mein Vorschlag geht lediglich dahin, dass Sie das noch ein bisschen verschieben.“

„Verschieben?“

„Ganz recht. Zwei oder drei Jahre verschieben. Das ist alles, was wir von Ihnen möchten. Als Gegenleistung bieten wir Ihnen hundert Dollar per Tag. Hundert Dollar täglich. Von heute an bis zu dem Tag, an dem Sie endgültig Schluss machen. Das sind 36 500 Dollar per Anno. Ich weiß, das klingt absonderlich, wenn nicht absurd oder gar verrückt. Es ist nichts von alledem, sondern nur ein ganz reales Geschäft. Sie verdienen, und wir verdienen. Alle sind zufrieden.“

„Das verstehe ich nicht. Ich begreife überhaupt nichts. Wieso verdienen Sie, wenn Sie doch nur …“

„Diese Seite der Aktion interessiert doch wohl nur unsere Firma. Für Sie sind doch nur unsere Leistungen interessant. Und um die zu präzisieren: Sobald Sie sich einverstanden erklären, werden Sie von uns zunächst einmal ausstaffiert: Garderobe, Leibwäsche und so weiter und so fort. Alles gediegen und bestens. Wir richten Ihnen eine Wohnung ein, drei Zimmer oder auch vier, wir sind nicht kleinlich. Wo Sie wohnen wollen, auch das überlassen wir Ihnen, wir bestehen nur darauf, dass es eine Großstadt ist, aber es ist uns gleichgültig, welche. Die Stadt muss allerdings in den USA liegen. Sie dürfen die USA nicht verlassen. Das sind so ziemlich unsere einzigen Bedingungen. Und wir zahlen Ihnen, über alle Sachleistungen hinaus, wie gesagt, hundert Dollar pro Tag.“

„Und was hätte ich dafür zu tun?“

„Nichts. Außer am Leben zu bleiben. Im Übrigen können Sie tun und lassen, was Ihnen beliebt.“

„Das ist doch ‘n fauler Witz. Kein Mensch ist so verrückt …“

„Wir ja.“

„Jetzt verstehe ich. Sie wollen mich mit diesen Verrücktheiten von dem Gedanken an Selbstmord abbringen.“

„O nein. Das wollen wir nicht. Ganz im Gegenteil. Wir bestehen darauf, dass Sie eines Tages … Aber daran wollen wir jetzt nicht denken, das liegt noch in weiter Ferne. Sie wollen sich umbringen. Das ist ein Punkt. Gut. Wir bieten Ihnen die Chance, vorher noch ein paar Jährchen in Müßiggang und Wohlstand zu verbringen. Das ist der andere Punkt. Auch gut.“

„Verrückt. Ich glaube Ihnen kein Wort.“

„Auch gut. Aber gehen wir mal davon aus, dass es so wäre, wie ich sage: Würden Sie unser Angebot akzeptieren?“

„Ich weiß nicht. Mein Schädel ist ein Karussell.“

„Würden Sie – ja oder nein?“

„Ich brauche Zeit.“

„Erschießen können Sie sich doch immer noch, Mann. Das läuft Ihnen doch nicht weg. Und besser als das ist doch alles. Oder?“

„Ich weiß nicht, was in meiner Lage das Beste ist.“

„Was glauben Sie, wie viele Lebensmüde es gibt, und was glauben Sie wohl, wie viele Kunden ich bekommen kann? Wir können diese Chance aber nur einigen wenigen bieten. Wenn Sie nicht wollen – bitte. Niemand zwingt Sie. Ich finde an jeder Straßenecke einen anderen Anwärter. Also entscheiden Sie sich schon: Ja oder nein.“

Der Mann am Steuer schaltete sich ein.

„An Ihrer Stelle würde ich annehmen, Temple. ‘nen Hunderter per Tag und jede Menge Zeit, sich zu amüsieren. So gut möcht ich‘s auch mal haben!“

„Ja oder nein, Temple?“, drängte der andere.

„Ja“, sagte Lawrence Temple. Er konnte das alles nicht fassen, war wie in Trance.

„Okay!“, sagte der Mann neben ihm. „Ich bin allerdings nur ein Angestellter. Die Entscheidung darüber, ob die Firma Sie akzeptiert oder nicht, liegt beim Chef. Aber ich glaube, dass Sie gute Aussichten haben.“

„Wie heißt Ihre Firma?“

„Sie hat keinen offiziellen Namen. Wir – im internen Kreis – nennen sie Selbstmord GmbH. Haben Sie irgendwelche Kleckerschulden hier in Chicago?“

„Die Miete für die letzten vier Wochen. Achtzig Dollar.“

„Okay. Die achtzig Silbermänner nehme ich auf meine eigene Kappe. Fahr beim General Post Office vorbei, Mac!“

Das Hauptpostamt hat Tag und Nacht geöffnet. Der Mann im Fond drückte Temple vier Zwanziger in die Hand. Und eine Eindollarnote für das Porto.

„Gehen Sie rein und schicken Sie‘s per Postanweisung an Ihren Hauswirt. Schreiben Sie ein paar Zeilen auf den Empfängerabschnitt. Ganz knapp. Etwa: Hier die rückständige Miete. Ich komme nicht wieder. Ich werde Ihnen schreiben, wohin Sie meine Sachen schicken sollen.“

„Da ist nichts zu schicken.“

„Das vereinfacht die Angelegenheit. Gehen Sie jetzt. Und vergessen Sie die Quittung nicht!“

Lawrence Temple war immer noch wie in Trance, als er mit der Quittung in der Hand wieder einstieg. Der Mann im Fond nahm den Abschnitt entgegen und steckte ihn ein.

„Los, Mac!“

„Wohin fahren wir?“

„Nach New York. Um Sie dem Chef vorzustellen.“

„Vorausgesetzt, dass wir nicht unterwegs im Schnee stecken bleiben!“, brummte der Mann im Volant.

„Nach dem letzten Straßenzustandsbericht ist der Highway ab Fort Wayne schnee- und eisfrei!“, antwortete der andere. „Sind Sie übrigens hungrig, Temple?“

„Gar kein Ausdruck.“

„Dann reich mal den Picknickkoffer her, Mac! Und halt bei der nächsten Telefonzelle an.“

„Gut, Joe.“

Das Gespräch, das „Joe Smith“ dann führte, war nur kurz.

„Es hat geklappt. Du kannst abhauen.“

Was zur Folge hatte, dass jene vermummte Gestalt im Garten des Gemeindehauses von St. Petri auftauchte.

 

 

5

Der freundliche ältere Herr, der seit einigen Wochen im Nachbarhaus gewohnt hatte – angeblich ein Rentier aus Cincinnati, grüßte ehrerbietig über die Hecke, als er seinen Koffer zur Straße trug.

„Sie wollen uns schon wieder verlassen, Mr. Brown?“, stellte der geistliche Herr fest. Nicht ohne Bedauern, denn Mr. Brown war ein sehr angenehmer Gesprächspartner und ein hervorragender Schachspieler gewesen.

„Mich zieht‘s nach dem Süden, Ehrwürden! Hier ist mir‘s zu ungemütlich!“

„Recht haben Sie!“

„Leben Sie wohl, Herr Pfarrer. Es war eine schöne Zeit!“

„Es war eine schöne Zeit. Leben Sie wohl, Harry! Und: Gott befohlen!“

Das Taxi wartete schon. Der geistliche Herr hob die Hand zu einem letzten Gruß.

„Midway Airport!“, wies „Mr. Brown“ den Cabbie laut und vernehmlich an.

Dann stieg er ein.

Seine Aufgabe war gelöst. Die „Selbstmord GmbH“ hatte einen neuen Klienten gefunden.

 

 

6

Hinter Fort Wayne war der Highway tatsächlich frei. Joe schlief. Und Mac war nicht gesprächig.

„Ich bin nur der Fahrer, Temple! Ich weiß überhaupt nichts. Schlafen Sie doch auch ’n bisschen.“

Natürlich konnte Lawrence Temple nicht schlafen.

Stunde um Stunde verrann.

„Joe!“, sagte Mac plötzlich laut. „Wach auf, Joe! Gleich kommt die Abzweigung Pittsburgh.“

Joe war verdächtig schnell wach. Vielleicht hatte er sich nur schlafend gestellt?

„Okay, Mac. Fahr in die Stadt rein. Hören Sie zu, Temple … Wie heißen Sie eigentlich mit Vornamen?“

„Lawrence.“

„Also Larry. Hören Sie zu, Larry. Der Chef wohnt zur Zeit im Sheraton Astor, also ziemlich feudal, in Ihren Lumpen können Sie sich dort nicht sehen lassen. Ich werde Ihnen jetzt also erst mal ‘nen anständigen Anzug verpassen lassen. Nebst Pipapo. Das nehme ich auch auf meine eigene Kappe, es verpflichtet Sie zu nichts. All right?“

„All right. Ich kann nur nicht begreifen …“

„Es hat keinen Sinn, dass Sie Fragen stellen, Larry. Ich bin nur ‘n Angestellter, und Mac ist nur der Fahrer. Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich Ihnen sagen konnte. Mehr ist nicht. – Frag dich zum nächsten Warenhaus durch, Mac. Larry! Mac wird Sie begleiten. Ins Warenhaus, meine ich. Ich werde inzwischen mit dem Chef telefonieren. Sie kaufen sich ‘nen Anzug, ‘n Oberhemd, ‘ne Krawatte, Schuhe, ‘nen Hut und ‘nen Mantel. Das genügt fürs erste. Nehmen Sie nicht gerade das Allerteuerste, aber knausern Sie auch nicht. Mac wird alles bezahlen. – Sie wollen ja schon wieder ‘ne Frage stellen! Ich sagte Ihnen doch, das hat keinen Sinn! Lang den Rasierapparat mal rüber, Mac!“

Joe rief tatsächlich das Sheraton Astor an. Und er nannte sich auch am Telefon Joe Smith.

„Verbinden Sie mich mit Appartement 37. Mein Name ist Joe Smith.“

„Ich verbinde.“

„Ja, bitte?“, meldete sich gleich darauf eine weibliche Stimme.

„Wir sind jetzt in Cincinnati, wir lassen ihn einkleiden. Sie sind informiert?“

„Natürlich. Brown rief schon während der Nacht an.“

„Eben um Brown handelt es sich, Ich bin nicht sicher, ob er rechtzeitig in New York sein kann. Ich meine, vor uns. In Chicago herrscht Schneetreiben. Vielleicht ist der Flugbetrieb eingestellt …“

„Er ist nicht eingestellt. Brown ist schon in der Luft. Seit einer halben Stunde. Er wird rechtzeitig hier sein. Ruf mich noch einmal an, sobald ihr in New York seid.“

„Mach ich. Ende!“

Temple hatte das Warenhaus als heruntergekommener Schnorrer betreten. Und er verließ es wie aus dem Ei gepellt.

„Wir wollen irgendwo frühstücken“, sagte Joe aufgeräumt. „Gut und reichlich.“

Sie besorgten das im nächsten Rasthaus.

„Wie wär‘s mit ‘nem guten Kognak zum Schluss, Larry?“

Temple nickte.

Der Kognak durchwärmte ihn angenehm. Er sah nicht, dass Joe Mac einen Wink mit den Augen gab.

Mac erhob sich.

„Entschuldigt mich mal ‘ne Sekunde.“

Als Joe mit Temple allein war, legte er ihm vertraulich die Hand auf den Arm.

„Ich will Ihnen mal ‘nen Tipp geben, Larry. Rein privat und unter vier Augen. Fragen Sie mich nicht, warum ich jetzt quatsche; wenn‘s rauskommt, dann bin ich meinen Job los, und es ist ‘n verdammt guter Job, was den Zaster anbetrifft. Ich war auch nicht immer auf Rosen gebettet, und ich bin froh, dass ich ihn habe. Den Job. Ich sollte das Maul hallen, aber vielleicht hab ich ‘ne Schwäche für Sie. – Sie werden mich doch nicht verpfeifen, Larry?“

Temple begriff nicht, dass das alles ein abgekartetes, ein sorgfältig ausgetüfteltes Spiel war. Ein Spiel, das Joe und Mac nicht zum ersten Mal durchexerzierten.

Er schüttelte den Kopf.

„Das alles muss Ihnen reichlich merkwürdig vorkommen, Larry. Und es wird Ihnen vielleicht noch merkwürdiger vorkommen, nachdem Sie mit dem Chef gesprochen haben – beziehungsweise der Chef mit Ihnen. Im Prinzip läuft es darauf hinaus, dass der Chef Sie dafür bezahlt, dass Sie Ihren Selbstmord um mindestens drei Jahre verschieben. Es ist natürlich die Frage, ob Sie nach drei Jahren Fettlebe noch Lust dazu haben werden. Wahrscheinlich nicht, das ist der Haken dabei. Und nun kommt mein Tipp, Larry! Drei Jahre sind ‘ne lange Zeit. Gesetzt den Fall, Sie überlegen sich eines Tages, dass Sie doch ganz gern weiterleben möchten: dann verschwinden Sie eben einfach. Kann der Chef Flöhe hüten? Kann er Hasen mit der Hand fangen? Das kann er nicht, und ebenso wenig kann er drei Jahre lang, Tag und Nacht, auf Sie aufpassen, respektive auf Sie aufpassen lassen. Ich weiß, dass er es nicht kann. Er wird das vielleicht behaupten, aber Ihr Grips sollte Ihnen sagen, dass er es nicht kann. Denken Sie an meine Worte, wenn Sie … Pst, Mac kommt zurück! Kein Wort mehr!“

Dieser Speak, im vertraulich-raunenden Tonfall vorgebracht und mit gekonnter Mimik untermauert, verfehlte seine Wirkung nicht.

Der Köder zog. Die Falle schnappte zu. Lawrence Temple saß drin, aber das wusste er noch nicht.

Er war drin und würde nie mehr herauskommen.

 

 

7

Der „freundliche ältere Herr“, der in dieser Aktion der Selbstmord GmbH unter dem Namen Harry Brown operierte, betrat das Hotel Sheraton Astor am Times Square am frühen Nachmittag. Obwohl er sein Äußeres nur geringfügig verändert hatte, sah er nun allerdings gut und gern zwanzig Jahre jünger aus als vor wenigen Stunden.

Er schritt zielbewusst durch die Halle zu den Aufzügen, ließ sich in die zweite Etage hinauftragen, öffnete dort die äußere Tür des Appartements 27 und klopfte in einem bestimmten Rhythmus.

Nach einer kleinen Weile wurde der Schlüssel von innen gedreht.

„Hello!“, sagte „Brown“ zu dem Mann und zu der Frau.

„Hello!“, antworteten beide.

„Du bist ziemlich spät dran!“, nörgelte der Mann.

„Ja, ich weiß“, sagte „Brown“. „Hatte allerlei Pech. Die Maschine landete schon nicht pünktlich. Dann musste ich ja erst nach Hause. Ich wollte das Taxi nur einmal wechseln, aber das zweite blieb mit Motorschaden liegen, und das in der Gegend, wo ich nicht gleich ‘n anderes finden konnte. Und dann sprang mein eigener Wagen nicht an. Er hat immerhin ’n paar Wochen im Stall gestanden. Die Batterie tat es nicht. Jedenfalls bin ich ja noch rechtzeitig da. Oder sind sie schon in New York?“

„Nein. Aber lange kann es nicht mehr dauern. “

Das war im Saloon des Appartements.

Während Brown sprach, war er zum Schreibtisch gegangen, hatte den Kassettenkoffer, den er mitgebracht hatte, geöffnet. Drinnen lag ein flaches Lederetui.

Brown ließ das Etui in dem Koffer, öffnete nur den Reißverschluss.

Ein Bandgerät kam zum Vorschein.

„Das Telefonat dauerte einundvierzig Minuten!“, erklärte Brown. „Etwa in der Mitte fehlt eine kurze Passage: Ich musste das Band wechseln.“

„Mach schon!“, sagte die Frau.

Sie hörte mit geschlossenen Augen zu. Der Mann ging auf und ab, während er auf die Stimmen des Geistlichen und Lawrence Temples lauschte. Brown setzte sich mit einem Schenkel auf den Schreibtisch. Als das Band abgelaufen war, wechselte er es. Und in diese Pause hinein läutete das Telefon.

Der Mann ging hin und hob ab.

„Ja“, sagte er nur. Und dann: „Augenblick, Joe! Wir sind noch nicht ganz soweit.“

Er deckte die Muschel mit der Hand ab, zeigte mit dem Kinn auf das Bandgerät und wendete sich an die Frau.

„Was meinst du?“

„Scheint in Ordnung zu sein.“

„Das ist auch meine Meinung. – Hello, Joe? – Es ist gut! Bring ihn her.“

Das zweite Band spulte ab.

„Ja!“, murmelte der Mann dann. „Das ist wirklich okay. Der Kerl ist labil genug.“

„Alle Selbstmörder sind labil!“, behauptete die Frau. „Auf dieser Tatsache beruht unser ganzes Geschäft.“

„Dann hau ich jetzt ab!“, sagte Brown.

„Ja“, sagte sie. „Du weißt, was du zu tun hast, wenn er nicht spuren sollte?“

„Klar.“

„Aber er wird spuren. Verlass dich drauf.“

„Wer zweifelt denn daran? Ich doch nicht!“

Brown packte seinen Kram zusammen. Er verließ das Hotel unangefochten. Sein Wagen stand auf dem Parkplatz in der 46. Straße. Er verstaute den Kassettenkoffer darin und ging dann zum Times Square zurück. Vor Jack Dempseys – des ehemaligen Boxweltmeisters aller Klassen – Restaurant blieb er stehen, um die Ankunft Joes, Macs und Temples zu beobachten.

Er hoffte sehr, es werde ihm erspart bleiben, Lawrence Temple noch an diesem Tag von der Welt bringen zu müssen. Er hoffte das nicht etwa, weil er Hemmungen hatte oder gar Mitleid.

Ganz und gar nicht.

Es war einfach nicht der Sinn der Sache, dass Temple schon heute ins Gras biss.

Der Sinn der Sache war, dass er den „Vertrag“ unterschrieb. Und ihn einhielt. Dass er „spurte“.

Aber er würde schon spuren. Bisher hatte jeder gespurt,

Wenn allerdings nicht, dann würde das Konsequenzen haben. Laufen lassen konnten sie Temple nicht mehr, dazu wusste er nun schon zu viel.

Sie würden ihn nach Chicago zurückbringen, und dort würde seine Leiche gefunden werden. Die Zeitungen würden darüber berichten, und ein geistlicher Herr, dessen Ruf unantastbar war, würde bezeugen, dass Mr. Lawrence Temple seinem Leben eigenhändig ein Ende gesetzt hatte.

Brown brauchte nicht lange zu warten.

„Da wären wir also!“, sagte Joe munter zu Temple. „Raus mit Ihnen, alter Junge!“

Mac fuhr den Packard weiter.

„Kommen Sie, Larry! Keine Hemmungen! Es ist alles okay!“

Temple war immer noch durchgedreht, wusste immer noch nicht r echt, wie ihm geschah.

Er war übernächtigt. Seine Nerven waren überfordert, er konnte es nicht verhindern, dass seine Hände zitterten.

Joe merkte das. Und er hängte sich bei Temple ein, als sie durch die Halle gingen.

„Seien Sie doch nicht so durchgedreht, Larry. Es ist ‘n rundes und glattes Geschäft. Ungewöhnlich, aber in keiner Weise kriminell. Glauben Sie, der Chef würde ausgerechnet in diesem Palast wohnen – sozusagen auf dem Präsentierteller –, wenn irgend etwas ungesetzlich wäre? – Na also!“

Der Aufzug trug sie empor.

„So. Und da sind wir endgültig!“

Die Doppeltür tat sich vor Temple auf. Er wurde über die Schwelle geschoben.

Niemals zuvor hatte er einen Raum von derart erlesener Eleganz gesehen.

Hinter einem großen Schreibtisch saß eine außerordentlich attraktive Blondine, eine Frau von schlechthin klassischer Schönheit.

Joe zog ihn vorwärts. Es war ziemlich weit bis zum Schreibtisch.

Als sie nahe genug heran waren, sah Temple, dass die Frau in einem Rollstuhl saß. Ihre Beine steckten in eisernen Schienen.

Joe machte bekannt.

„Mr. Lawrence Temple! – Mein Chef!“

„Nehmen Sie Platz, Mr. Temple!“, sagte die Frau mit einer sanften und warmen Stimme.

Rund zwei Stunden später setzte Mr. Lawrence Temple seinen Namenszug unter den Kontrakt. Unter diesen makabren und absonderlichen Vertrag.

Wie es dazu gekommen war, wie sie ihn dazu gebracht hatten, diese Frage sollte er sich noch oft und oft vorlegen – solange er noch Gelegenheit dazu hatte.

Er fand nie eine überzeugende Antwort.

Zu viel war auf ihn eingestürmt. Er war wie betrunken gewesen, wie unter einem hypnotischen Zwang.

Er verließ das Hotel gemeinsam mit Joe.

Auf die Frage, wo er zu wohnen wünsche, hatte er sich für New York entschieden.

„Wir bleiben jetzt ein paar Tage zusammen“, sagte Joe. „Bis alles geregelt ist.“

Sie zogen für zwei Tage ins Hotel Taft in der 7th. Avenue. Dann siedelte Temple in die Wohnung um, die die „Firma“ ihm besorgt hatte.

„Zufrieden, Larry?“

„O ja. Sehr!“

„Morgen früh gehen wir zum Arzt!“

Der Arzt untersuchte Temple lange und gründlich. Das Gutachten, das er dann ausstellte, besagte dem Sinne nach: „Der Mann ist so gesund, wie ein Mann seines Alters nur sein kann. Keine Bedenken!“

Drei Tage später unterzeichnete Temple ein weiteres Schriftstück, und damit war der Kontrakt endgültig in Kraft getreten.

Und rund achtzehn Monate später entschloss sich Lawrence Temple, aus dem Kontrakt auszubrechen.

Das hatten schon andere Klienten der „Selbstmord GmbH.“ versucht. Gelungen war es noch keinem.

Details

Seiten
122
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943818
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
jack braden thriller selbstmord gmbh

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #21: Selbstmord GmbH