Lade Inhalt...

Der Fallstrick: N.Y.D. – New York Detectives

2020 133 Seiten

Zusammenfassung


Ein berühmter Vater, drei Söhne und eine Tochter, die alle eine andere Mutter haben. Drei Söhne, die unterschiedlicher in ihrem Wesen nicht sein können, die sich nur vom Namen her kennen. Doch eines verbindet sie: je zehn Millionen Dollar von dem Vater auf ihrem Konto.
Kieron Merivale wird aus heiterem Himmel ermordet, und so gehen seine zehn Millionen zu gleichen Teilen an seine Brüder Duncan Scott und Stanley Lamont.
Könnte einer von ihnen der Mörder sein?
Der Privatdetektiv Bount Reiniger wird es herausfinden ...

Leseprobe

Table of Contents

Der Fallstrick: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

21

22

23

24

25

26

27

Der Fallstrick: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

 

Ein berühmter Vater, drei Söhne und eine Tochter, die alle eine andere Mutter haben. Drei Söhne, die unterschiedlicher in ihrem Wesen nicht sein können, die sich nur vom Namen her kennen. Doch eines verbindet sie: je zehn Millionen Dollar von dem Vater auf ihrem Konto.

Kieron Merivale wird aus heiterem Himmel ermordet, und so gehen seine zehn Millionen zu gleichen Teilen an seine Brüder Duncan Scott und Stanley Lamont.

Könnte einer von ihnen der Mörder sein?

Der Privatdetektiv Bount Reiniger wird es herausfinden ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Greg Badel - Der Leinwand-Veteran wurde durch die Nostalgiewelle noch einmal zum Star, ehe der Katzenjammer kam.

Kieron Merivale - Er hätte sich nicht träumen lassen, dass einmal jemand Scheibenschießen auf ihn veranstalten würde.

Duncan Scott - Er war ein Bursche, den nicht einmal der eigene Vater mochte.

Stanley Lamont - Zwei große Leidenschaften beherrschten ihn: die Ägyptologie und das Schießen.

Sheba Hartford - Sie schämte sich ihrer widernatürlichen Liebe zu ihrem Halbbruder nicht.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

 

 

1

Als die MPi wieder losratterte, flogen Glaskaskaden aus dem dreckigen Fensterrahmen. Klimpernd und prasselnd verteilten sie sich über dem staubigen Boden.

Bount Reiniger zog den Kopf ein.

„Jetzt wird's ernst, Toby“, sagte er mit verbissener Miene zu Captain Rogers, der sich neben ihm in die Hocke begeben hatte.

Vor ihnen stand das schmutzig graue, endlos lange Gebilde einer aufgelassenen Fabrik. Nach dem vielen Ruß und dem übermäßigen Dreck zu schließen, waren hier Schornsteinfeger hergestellt worden, ehe sich der Pleitegeier mit mächtigen Schwingen auf dieses Gebäude herabgelassen hatte.

Bount linste hinter seinem silbergrauen Mercedes hervor.

„Wollen wir es wagen, Captain?“, fragte er dann, während er die Automatic sanft auf und ab wippen ließ. Rogers zog die Brauen missmutig zusammen.

„Wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Immerhin ist der Kerl dort drinnen ein professioneller Killer, und ich bin Polizist. Deshalb gibt es für dieses verflucht heikle Problem nur eine Lösung: Ich muss rein in diese dämliche Fabrikhalle. Koste es, was es wolle. Ich muss rein und muss Jody Brent herausholen.“

„Jody Brent ist mit einer MPi bewaffnet. Und was er sonst noch bei sich trägt, entzieht sich unserer Kenntnis“, meinte Bount Reiniger.

Rogers ließ in seinem Gesicht Gewitterwolken aufziehen.

„Ich muss ihn da herausholen!“, knurrte er. Dann richtete er sich blitzschnell auf. Brent sah ihn und zog sofort den Stecher seines Knattermanns durch. Ein mörderisch hämmerndes Stakkato hallte durch das alle Gebäude. Bount Reiniger sah die glühenden Feuerlanzen, die aus der Maschinenpistole jagten, und feuerte mehrmals danach. Auch Toby Rogers versuchte einen alles regelnden Prachtschuss anzubringen, doch Jody Brent war kein Anfänger auf diesem Gebiet. Er wechselte unverzüglich die Position. Seine Schüsse kamen nun aus einem anderen Fenster. Trotzdem setzten Rogers und Reiniger zum Sturmlauf an. Brent wollte sie vom Gelände fegen. Er bestrich die Gegend mit tödlichen Garben, die Reiniger und Rogers gefährlich knapp um die Ohren pfiffen. Doch die beiden anstürmenden Männer fanden zwischen den Kugeln immer wieder eine Lücke, durch die sie wieseln konnten. Mit weiten Sätzen jagten sie auf die Fabrikhalle zu.

Reiniger war voran.

Rogers schnaubte hinter ihm her.

Nun hielt Jody Brent seine MPi etwas tiefer. Ratternd ging sie wieder los. Bount Reiniger sah die Einschläge auf sich zurasen und federte reaktionsschnell zur Seite. Die Geschosse fegten pfeifend und zirpend an ihm vorbei.

Plötzlich ein unterdrückter Schrei. Bounts Kopfhaut zog sich schmerzhaft zusammen. Er wirbelte erschrocken herum. Rogers' Gesicht war verzerrt. Es war leichenblass geworden. Er fletschte die Zähne, wankte, fasste sich an den blutenden Oberschenkel, drehte sich unendlich langsam um die eigene Achse und knallte dann schwer auf den Boden, weil sich sein Bein störrisch weigerte, ihn weiter zu stützen.

„Toby!“, rief Bount Reiniger besorgt.

„Okay!“, stöhnte der Captain. „Ich bin okay. Lauf weiter, Bount! Sonst erwischt er dich auch noch. Lauf weiter! Kümmere dich nicht um mich! Ich komm schon allein zurecht. Hol diesen schießwütigen Kerl da raus! Hol ihn für mich raus! Bount, mach schnell! Schnell!“

Bount Reiniger fuhr mit granitharter Miene herum. Die Lippen fest aufeinandergepresst, setzte er zu einem geschmeidigen Panthersprung an. Rogers kroch ächzend zum Mercedes zurück.

Jody Brent stieß seine automatische Kanone haargenau in Reinigers Richtung. Er ließ sie erneut losbellen, doch Bount hatte bereits den toten Winkel erreicht. Vorläufig war er vor den Kugeln des Killers sicher.

Aber der Job war noch nicht zu Ende. Der schwierigste Teil kam erst.

Bount wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Herz hämmerte wie verrückt gegen die Rippen. Das Blut kochte in seinen Adern. Die Nerven vibrierten. Kerle wie Jody Brent sind so gefährlich wie eine ganze Kompanie Ledernacken, dachte er. Die haben das Töten im kleinen Finger. Sie sind in der Lage, die geringste Chance eiskalt für sich zu nutzen.

Reiniger wiegte bedenklich den Kopf.

Junge, das kann im wahrsten Sinne des Wortes verdammt ins Auge gehen.

Er kniff die Augen zusammen und starrte die halb offen stehende Eisentür an. Ein Schritt durch diese Tür konnte der Anfang vom Ende sein. Oder das Ende vom Anfang. Es kam bloß darauf an, von welcher Seile man die Sache betrachtete.

Bount holte tief Luft. Was Jody Brent dort drinnen inzwischen machte, konnte er sich gut vorstellen, obwohl er nicht den kleinsten Zipfel von ihm sehen konnte.

Brent wartete nun mit seiner MPi auf die große Chance, die Körpertemperatur von Reiniger um sechsunddreißig Grad zu senken.

Mit einem blitzschnellen Tritt beförderte Bount Reiniger die Tür zur Seite. Sie schepperte und ächzte und gab schrille Laute von sich. Jody Brent schoss schon, bevor Reiniger sich in die Halle gehechtet hatte. Die Projektile schlugen rund um die Tür ein, rissen den Putz aus der dreckigen Mauer, ratschten über Beton und sirrten als gefährliche Querschläger davon.

Bount Reiniger flog wie katapultiert in die Halle hinein. Der heiße Hauch einer Kugel versengte seine Nackenhaare. Er riss den Kopf blitzschnell nach unten, krümmte gleichzeitig den Rücken, überschlug sich mit hart aufeinandergepressten Kiefern, wurde durch den Schwung nach vorn gerissen, wobei er über den Rücken abrollte und wie ein austrainierter Akrobat sogleich wieder auf die Beine kam. Nun rannte er vier Meter weit um sein Leben, während ihm Jody Brents Waffe feindselig nachbrüllte. Mit den letzten Kraftreserven wuchtete Bount seinen Körper hinter einen riesigen Metallkessel. Vier dumpf dröhnende Einschüsse färbten ihm ein paar Haare grau, als er erkannte, wie knapp er diesen Kugeln entgangen war.

Brent fluchte über seine Pechsträhne.

Bount lehnte sich atemlos an das kalte Metall. Nun schlug sein Herz hoch oben im Hals. Er lauschte, um zu hören, was Brent nun machte, aber das Klopfen seines Herzens und das Pochen der heißen Schläfen machten es ihm nicht leicht, Geräusche von außerhalb wahrzunehmen. Sachte glitt er am Kessel entlang.

Putz knirschte unter Brents Schuhen. Jetzt wusste Reiniger genau, wo sich der Killer befand. Brent hatte die Position gewechselt. Bount hatte den Eindruck, der Verbrecher wollte sich absetzen.

„Brent!“, schrie Bount Reiniger laut. Der Klang seiner Stimme wurde vom leeren Gebäude mit einem eindrucksvollen Hall verstärkt. „Geben Sie auf, Brent! Hier kommen Sie ja doch nicht raus!“

„Abwarten, Bount Reiniger!“, schrie Brent wütend zurück. „Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen! Rogers musste bereits die Segel streichen. Und wenn ich Ihre Nasenspitze sehe, sind auch Sie dran. Möchte bloß wissen, wer mich dann noch daran hindern sollte, von hier zu verduften.“

„Sie schaffen's nicht. Brent! Nehmen Sie doch Vernunft an!“

„Wetten, dass ich ohne einen Kratzer wegkomme, Bount Reiniger? Sie hatten bisher verdammt viel Glück. Aber das hält sich nicht. Eine einzige Kugel kann alles ändern. Das wissen Sie. Ich nehme an, Sie haben bereits Schiss! Deshalb wollen Sie mich zur Aufgabe überreden, aber daraus wird nichts, mein Bester. Sie müssen schon um den Sieg kämpfen, und, verdammt, ich werde es Ihnen nicht leicht machen!“

„Ich sage Ihnen zum letzten Mal, es ist nichts mehr drin für Sie, Brent!“, rief Reiniger mit angespannten Nerven.

Brent lachte frostig.

„Ich will, dass Sie mir das beweisen!“

..Können Sie haben!“, schrie Bount und federte urplötzlich hinter der Deckung hervor.

Jody Brent stand auf einer Eisenbrücke, die gefährliche MPi im Anschlag. Als Bount auftauchte, drückte er ab. Reiniger ging blitzschnell in die Hocke. Dadurch bot er den Killerkugeln nur wenig Ziel. Er stützte die Schusshand mit der Linken und zog dreimal kurz hintereinander wie beim Scheibenschießen durch. Zwei Kugeln streiften Brent nur. Doch die dritte saß in der Brust des Verbrechers. Entsetzen weitete Jody Brents wasserhelle Augen. Sein Gesicht wurde zu einer schmerzlichen Grimasse. Ungläubig starrte er auf das Loch in seiner Brust. Seine Finger erschlafften. Die Maschinenpistole wurde ihm zu schwer. Er konnte sie nicht mehr halten. Sie entfiel seinen Händen und klapperte von der Eisenbrücke herunter. Mit zitternden Händen klammerte er sich an das Geländer. Seine Knie wurden weich. Er knickte ein, doch er fiel nicht, sondern richtete sich trotzig wieder auf. Wankend schlich er über die Brücke, auf eine Eisenleiter zu. Er schleppte die Schuhe über den Metallboden, als wären sie mit Bleiplatten besohlt.

Reiniger folgte ihm vorsichtig. Die Automatic behielt er in der Hand, denn gerade jetzt war Jody Brent am gefährlichsten.

Mit federnden Schritten strebte Bount der eisernen Brücke zu. Brent hatte inzwischen die Leiter erreicht. Mit unsagbar matten Bewegungen griff er nach den Sprossen. Er wollte sie erklimmen, doch seine Kräfte reichten dazu nicht mehr aus. Leichenblass wandte er sich um.

Bount stand nun am anderen Ende der Brücke.

Brents Mienenspiel ließ deutlich erkennen. dass er begriffen hatte, wie es um ihn stand. Er wusste, dass er in eine Sackgasse geraten war, aus der es für ihn kein Entkommen mehr gab. Er wusste, dass er dieses Hasardspiel verloren hatte. Bount Reiniger war der bessere Mann gewesen. Brent sah die Stationen im Geist, die nun vor ihm lagen: Krankenhaus, U-Haft, Gericht, Zuchthaus — und zwar lebenslänglich. Das hieß bis zum Tod.

Bis zum Tod!, dachte Jody Brent, und es erfüllte ihn mit einer unbegreiflichen Freude, dass er es noch in der Hand hatte, wann die Stunde seines Todes sein sollte. Er entschied sich für diesen Augenblick.

Ehe es Bount Reiniger verhindern konnte, riss Brent eine Handgranate aus der tiefen Innentasche seines Jacketts.

„Brent!“, schrie Bount erschrocken, als er begriff, was der Killer vorhatte.

Doch da hatte Jody Brent die Granate bereits mit einem spöttischen, geradezu triumphierenden Grinsen scharf gemacht.

„Noch drei Sekunden bis zur Ewigkeit, Reiniger“, röchelte er, während er sich die Handgranate verkrampft an den Bauch presste. „Noch zwei, noch eine ...“

Ein ohrenbetäubender Donnerschlag erschütterte das aufgelassene Fabrikgebäude.

Bount Reiniger wandte sich angewidert um. Hier war für ihn nichts mehr zu tun.

Erschüttert verließ er die trostlose Halle.

 

 

2

Es war ein nebelig grauer, unfreundlicher, kühler Tag, an dem Captain Rogers das Krankenhaus verließ. Er humpelte noch ein wenig und stützte sich deshalb auf einen braunen Holzstock mit schwarzem Gummipuffer, den er von Bount Reiniger bekommen hatte. Bount hätte den Freund gern vom Krankenhaus abgeholt und in seinem Wagen nach Hause gefahren, aber er war verhindert. Das Institut für moderne Christenverfolgung, im Volksmund auch Finanzamt genannt, hatte dem Privatdetektiv eine Vorladung zugesandt, die Bount liebend gern unbeachtet in den Papierkorb geworfen hätte. Dass er es nicht tat, war allein darauf zurückzuführen, weil Bount die Gewohnheit hatte, auch das Kleingedruckte — das sogar zuallererst — zu lesen, wo ihm unmissverständlich mit polizei- und gerichtlichen Maßnahmen gedroht wurde, wenn er auch diesen Termin, wie all die anderen, versäumen sollte. Einem solchen Säbelgerassel musste Bount Reiniger schließlich wohl oder übel Beachtung beimessen. Deshalb war er nicht zugegen, als Toby Rogers mutterseelenallein durch das breite Glasportal aus dem Krankenhaus humpelte.

Doch sobald der Captain seine behäbige Figur auf die Straße befördert hatte, war vom Alleinsein keine Rede mehr. Ein Haufen neugieriger Reporter stürmte auf ihn los und schloss ihn in seiner Mitte ein. Wohin Toby schaute, da blendete ihn ein aufflammender Elektronenblitz. Er wurde gedrängelt, geschoben und gestoßen wie ein prominenter Filmstar.

Es war dem eitlen Captain nicht unangenehm. Er gefiel sich in dieser Rolle, und es tat ihm offensichtlich gut, mal wieder im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Toby grinste in die Fotolinsen.

„Wenn ich geahnt hätte, was für einen prächtigen Empfang ihr mir bereitet, Jungs, hätte ich mich in meinen neuen Nadelstreifenanzug geworfen“, rief der Captain aufgekratzt in die Runde.

„Sie waren vier Tage im Krankenhaus, Captain Rogers. Wie fühlen Sie sich jetzt?“, fragte ein graues Mausgesicht.

„Oh, ich glaube, es würde mich nicht überfordern, jedem von euch das Genick zu brechen“, sagte Toby grinsend. „Natürlich nur, wenn ihr in euren Spalten Unsinn verzapfen solltet.“

„Was macht Ihr Bein, Captain?“, fragte ein Mädchen, dessen brandrotes Haar aus der Menge herausstach.

„Es ist noch dran“, gab Toby schmunzelnd zurück. „Und — Ihnen gesagt, mein Kind — es ist auch sonst noch alles an mir dran!“

Die Umstehenden grinsten breit. Das Mädchen wurde rot und versteckte sich hinter seinem Notizblock.

„Und der Stock?“, fragte ein bleichgesichtiger Jüngling, der den maßvollen rechten Flügel vertrat. „Was ist mit dem Stock?

Toby zog die Mundwinkel nach unten.

„Attrappe. Bloß eine Attrappe. Ich könnte auf ihn ebensogut verzichten. Aber er ist erstens ein Geschenk von einem guten Freund, und zweitens habe ich mir sagen lassen, dass Spazierstöcke wieder in sind.“

„Wann werden Sie den Stock nicht mehr brauchen, Captain?“, fragte der angriffslustige Kerl vom linken Flügel.

„Sagte ich nicht gerade, dass dieser Stock bloß Attrappe ist?“, knurrte Rogers den Mann ärgerlich an. „Sie müssen besser aufpassen, was gesprochen wird, junger Mann.“

„Wann treten Sie Ihren Dienst wieder an, Captain Rogers?“, fragte jemand, den Toby nicht sehen konnte.

„Noch heute. Ich hasse Leute, die länger krank feiern, als es nötig wäre. Und da ich mich nicht selbst hassen möchte, stürze ich mich sofort wieder mitten in die Arbeit hinein.“

„Dieser Jody Brent, Captain Rogers“, meinte ein baumlanger Typ, „dieser Brent — hat Ihnen der arg zu schaffen gemacht?

Toby blies seinen Brustkorb auf, ließ die Brauen hochschnappen und sagte protzig: „Er war ein verdammt harter Brocken. Aber ich war härter.“

„Er war ein Alptraum für die Stadt.“

Toby nickte.

„O ja, das war er. Aber er gehört bereits der Vergangenheit an. Jody Brent tut keiner Fliege mehr etwas zuleide.“

Frage um Frage prasselte auf Rogers herab. Er gab kluge Antworten, wich Fangfragen, die er nicht beantworten wollte, geschickt aus, brillierte mit Wortspielen und großartigen Versprechungen, dass die Verbrecher auch in Zukunft nichts zu lachen hätten, solange er der Leiter der Mordkommission wäre.

„Wie kamen Sie Brent auf die Schliche?“, wurde der Captain gefragt.

Toby hob die Schultern.

„Das war ganz simpel. Jeder gute Mann hat Neider. Brent war auf seinem Gebiet zweifellos eine Kanone. Er verdiente mit seinen Morden einen Haufen Geld. Das gönnte ihm einer nicht. Er gab uns einen heißen Tipp. Na ja. Und wir brauchten dann nur noch zuzufassen.“

„Wie stehen Sie zum perfekten Verbrechen, Captain Rogers?“

Toby lächelte mitleidig.

„Junger Mann, ich tue diesen Job nun schon seit vielen Jahren. Zugegeben mit wechselndem Erfolg. Trotzdem fühle ich mich ermächtigt, zu behaupten, dass es auf dieser unserer Welt nichts Perfektes gibt. Gar nichts. Deshalb gibt es auch kein perfektes Verbrechen. Und auch keine perfekten Verbrecher. Die schon gar nicht. Ich bitte Sie, das in Ihrem Bericht ganz groß herauszubringen, damit sich ein paar dämliche Jungs, die sich gerade anschicken, das große Los ziehen zu wollen, doch noch davon abbringen lassen.“ Rogers nickte in die Runde. „So, Herrschaften, ich denke, das sollte für heute reichen. Ich bin sicher, wir sprechen uns bald wieder.“

Er drängte die Reporter auseinander, bahnte sich einen Weg, den er humpelnd ging, erreichte den Straßenrand und winkte mit seinem Stock ein Taxi herbei, in das er sich erschöpft fallen ließ. Er quälte sich noch schnell ein Lächeln ab, als er sah, dass sie ihn schon wieder fotografierten. Er sagte, wohin er wollte. Dann zischte das Yellow Cab davon, und Toby sank in sich zusammen wie eine aufblasbare Puppe, in die jemand eine Nadel gepickt hatte.

„Von wegen Genick umdrehen!“, murrte er vor sich hin. „Ich muss froh sein, wenn mir keiner was tut.“

„Na, Hinkebein, geht's schon wieder?“, fragte Bount Reiniger tags darauf, nachdem er die Tür zu Rogers' Office gefühlvoll zugedrückt hatte.

„Willst du mit mir einen Hundertmeterlauf machen?“, fragte der Captain scharf geladen.

„Jederzeit“, erwiderte Bount schmunzelnd.

„Wieviel soll ich dir vorgeben?“

„Nun mach aber ’nen Punkt, du alter Angeber. Du würdest die hundert Meter doch nicht mal schaffen, wenn ich dich achtundneunzig Meter weit tragen würde.“

Rogers hob warnend den Zeigefinger.

„Sieh dich vor, Freund! Gleich kommt der Moment, wo ich mit Telefonen um mich schmeiße. Was willst du?“

„Dir guten Tag sagen.“

„Sonst nichts?“, fragte der Captain misstrauisch.

„Ich wollte mal sehen, wie’s deinem Bein geht.“

„Es geht ihm ausgezeichnet. Es bedankt sich für die rege Anteilnahme. Sonst noch was?“

„Du willst mich schon wieder draußen haben, eh?“

„Ich habe verdammt viel um die Ohren“, knurrte Rogers.

„Wer hat das nicht. Wie macht sich der Stock, den ich dir geschenkt habe?“

„Ich werde ihn als Angelrute verwenden.“

„Du benutzt ihn doch noch, oder?“

„Aber ja. Bei mir zu Hause — vielmehr über mir wohnt ein ziemlich lautes Ehepaar. Wenn es die beiden besonders bunt treiben, klopfe ich mit deinem Stock an die Decke — und Ruhe ist.“

Bount schwang sich auf die Schreibtischecke, obwohl der Besuchersessel einladend leer war.

„Du brauchst dich hier gar nicht häuslich niederzulassen“, meinte Rogers grimmig. „Ich sagte doch deutlich genug, dass ...“

Bount grub grinsend seine Chesterfields aus der Tasche.

„Wir rauchen eine Friedenszigarette zusammen, und dann verdufte ich wieder, okay?“

„Ich nehm dich beim Wort.“

„Kannst du.“

Toby bediente sich. Bount gab ihm Feuer. Sie rauchten eine Weile schweigend. Dann schlug das Telefon an. Rogers gab sich ziemlich unnahbar, beinahe feindselig. Er kanzelte den Anrufer mit scharfen Worten ab und knallte den Hörer hinterher mürrisch in die Gabel.

„Wie wär's mit einer kleinen Pokerrunde?“, erkundigte sich Bount.

Toby horchte interessiert auf. Er spielte für sein Leben gern.

„Wann?“

„Heute Abend.“

„Wo?“, fragte Toby.

„Bei mir zu Hause.“

„Um welche Zeit?“

„Sagen wir um acht.“

„Okay, jo. Ich werde da sein. Wer sind die anderen Spieler? Kenne ich sie?“

„Ich dachte, du könntest Ron mitbringen.“

„Wenn's unbedingt sein muss“, erwiderte Toby seufzend.

„Der vierte Mann wäre Mac Polter.“

„Geritzt. Wir spielen doch hoffentlich nicht um Hosenknöpfe!“

„Natürlich nicht. Wir pokern um harte Bucks, einverstanden?“

Toby sagte mit gewichtiger Miene: „Ich hoffe, du weißt, worauf du dich da einlässt, Bount. Beim Pokern kenne ich nämlich weder Freund noch Feind. Da gibt's für mich nur den Pott! Und der muss mir gehören!“

Bount lachte.

„Keine Sorge, Toby. Ich komme eben von meiner Bank. Der Direktor hat mir einen Kredit in jeder Höhe eingeräumt.“

„Ich fürchte, den wirst du in Anspruch nehmen müssen“, meinte Rogers, dann stieß er seine Zigarette in den Ascher und wies Bount Reiniger darauf hin, dass er nun nichts mehr in seinem Büro zu suchen hätte, worauf Bount sich mit einem prächtigen Keepsmiling von seinem Freund verabschiedete.

 

 

3

Captain Rogers und Lieutenant Myers waren pünktlich wie die Uhr. Schlag acht schellten sie an Bounts Haustür. Mac Potter, Reinigers Hausfaktotum, begrüßte die Männer mit ausgesuchter Höflichkeit und führte sie in die Wohnhalle. Vor dem breiten, versenkbaren Panoramafenster lag der dunkle Long Island Sound. Heute wieder einmal blank wie schwarzes Glas. Ab und zu waren ein paar kleine Lichter darauf getupft — die Beleuchtung von Booten, deren Besitzer sich ein Vergnügen daraus machten, die finsteren Fluten mit Bug, Rumpf und Heck aufzuwühlen.

Um den runden Spieltisch standen vier Stühle. Ein noch in Zellophan gehülltes, funkelnagelneues Kartenpaket lag in der Mitte. Die fahrbare Hausbar war dicht an den Tisch herangeschoben. In einem silbernen Thermosbehälter befand sich das Eis für die Drinks.

Mac servierte Johnnie Walker. Mit Eis. Ohne Eis. Mit Soda. Ohne Soda. Je nach Wunsch.

Danach setzten sich die Männer um den Tisch. Bount riss das Paket auf.

Um zwanzig Uhr fünfzehn lief die erste Runde. Noch ziemlich trocken, wie ein Versuchsspiel. Jeder schien erst mal sein Glück abtasten zu wollen. Rogers streifte einen kärglichen Gewinn ein, aber er warf mit Worten um sich, die von Optimismus nur so strotzten.

Um einundzwanzig Uhr fünfzehn sah sich Toby Rogers dann zu der Frage veranlasst, ob Mac Potter auch einen Schuldschein nehme.

„Ich meine, ich bin in diesem Haus kein Unbekannter“, sagte Toby verlegen. „Und mein Blatt ist dermaßen gut, dass ich einfach nicht aussteigen kann.“

Mac war mit dem Schuldschein einverstanden, und er gewann auch diesen.

Toby wischte sich den Schweiß von der Stirn, warf die Karten weg und meinte schief grinsend: „Gegen ein Royal Flush zu verlieren, ist gewiss keine Schande, was?“ Dann pumpte er Bount an, um weiterspielen zu können.

Mac Potter war an diesem Abend der ganz große Absahner. Er gewann den anderen buchstäblich die Hose vom Hintern.

„Unfassbar!“, rief Rogers ein wenig angeschlagen. Er schüttelte benommen den Kopf. „Dein Mac muss eine Kartoffel in der Tasche haben, Bount.“

Reiniger grinste.

„Vielleicht hätte ich dir nicht verheimlichen sollen, dass Mac mich immer zu einem Spielchen auffordert, wenn ich ihm eine Gehaltserhöhung verweigert habe.“

„Verliert er denn niemals?“, fragte Toby ungläubig.

„Natürlich verliert Mac manchmal. Schließlich ist er kein Supermann. Er verliert heute zwei Dollar. Dafür gewinnt er morgen vier. So geht das schon, seit ich ihn kenne. Eines Tages wird er der Herr dieses Bungalows sein, und ich werde den Butler zu spielen haben.“

Sie lachten. Bei Toby war es so etwas wie Galgenhumor. Bei Ron Myers war es Schadenfreude, denn er hatte weit weniger verloren als der Captain. Und bei Mac Potter war es das Gelächter eines überragenden Triumphators.

Da schlug das Telefon an.

Potter erhob sich. Er nahm das Gespräch mit der steifen Würde eines Weihbischofs entgegen. Dann nickte er Rogers zu und sagte sachlich: „Für dich, Toby.“

„Für mich?“, fragte der Captain ungläubig.

„Er sagte: ,Geben Sie mir den Alten! Der ist doch bei Ihnen!‘“

„Wer sagte das? Wer?“

„Sergeant Burnett!“

Rogers raufte sich die Haare.

„Dieser Bursche schafft das, was bis jetzt noch kein Verbrecher fertiggebracht hat. Der bringt mich ins Grab!“

Sergeant Daniel Burnett war gelinde gesagt eine Heimsuchung. Ein Schicksalsschlag, den Toby Rogers einfach nicht verkraften konnte. Das Rauschgiftdezernat hatte ihn an die Mordkommission Manhattan C/Il abgeschoben, weil es ihm am nötigen Respekt seinen Vorgesetzten gegenüber mangelte. Er musste von seinen Eltern antiautoritär erzogen worden sein. Und die anderen hatten mit dem Ergebnis einer solchen Erziehung nun ihre Schwierigkeiten. Die Kollegen von der Narcotic Squad hatten sich außerstande gesehen, Sergeant Daniel Burnett geradezubiegen. Nun sollte Captain Rogers sein Glück mit ihm versuchen. Bisher hatte er damit allerdings noch so gut wie keinen Erfolg gehabt. Und Toby fürchtete, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern würde. An Burnett biss er sich zum ersten Mal die Zähne aus.

Toby erhob sich und griff nach dem gereichten Hörer.

„Rogers!“, brüllte er feindselig in die Membrane, um den Sergeant einzuschüchtern, aber das wirkte bei Burnett nicht.

„Hallo, Chef!“, kam es leutselig durch den Draht. „Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Doch, Burnett! Doch, das tun Sie.“

„Sorry, Sir.“

„Geschenkt. Was gibt's? Ich sagte, Sie kriegen die Nummer nur für den Notfall. Wenn Ihnen der Nachtdienst zu langweilig ist, rufen Sie doch die Telefonseelsorge an. Die haben Zeit für Sie, Burnett. Jede Menge. Vielleicht können die auch gleich Ihr Problem beheben.“

Burnett lachte sorglos.

„Ich hab doch kein Problem, Chef!“

„Was für eine Katastrophe ist über Amerika hereingebrochen, Burnett? Hatte Präsident Ford eine Fehlgeburt?“

„Ich glaube, Sie kriegen Schwierigkeiten, Chef.“

„Haben Sie’s nicht ein bisschen deutlicher?“

„Da kam soeben ein Anruf herein. Die Telefonistin stellte zu mir durch, weil Sie nicht da waren ...“

„Und?“, fragte der Captain ungeduldig.

„Das gibt 'ne verflixte Scheiße, wenn Sie mich fragen, Chef.“

„Burnett!“, schrie Toby zornig. „Merken Sie sich ein für allemal, dass ein Sergeant meiner Abteilung nicht Scheiße zu sagen hat! Und zum zweiten gestatten Sie mir eine ganz kurze Zwischenfrage: Möchten Sie ab morgen Parksünder aufschreiben?“

„Nein, Chef.“

„Dann lassen Sie Ihren Hund endlich von der Leine, zum Henker!“, brüllte der Captain mit hochrotem Gesicht. Es war ja auch ein bisschen viel für einen einzigen Abend. Zuerst die Pechsträhne beim Pokern und jetzt dieses Telefonat mit Burnett, dem ausgeprägtesten Flegel, der jemals auf der Gehaltsliste der Mordkommission gestanden hatte.

„Der Kerl, Chef — dieser Anrufer, der hatte einen in der Krone, verstehen Sie? Er wollte unbedingt mit Ihnen sprechen. Nur mit Ihnen. Ich sagte ihm, dass ich ihm mit dem Chef nicht dienen könne, weil der Chef nicht da wäre. Aber er dachte, er hätte Sie bereits an der Strippe und plapperte munter darauf los.“

„Wird wohl kaum interessant gewesen sein, was der Betrunkene geplappert hat“, brummte Rogers.

„Irrtum, Chef! Es war verdammt interessant.“

„Was hat er gesagt, Burnett? Mann, spannen Sie mich nicht länger auf die Folter, sonst geraten Sie morgen früh mitten in einen Vulkanausbruch!“

„Ich hab’ das Gespräch aufgezeichnet, Chef. Soll ich es Ihnen vorspielen?“

„Natürlich! Worauf warten Sie denn noch, Burnett?“

„Der Stress, was? Der haut Sie noch mal um, Chef“, sagte Burnett, als mache er sich ernsthaft Sorgen um Rogers' Wohlbefinden.

„Burnett!“, schrie der Captain wütend.

„Schon gut, Chef. Ist ja schon gut. Hier ist das Gespräch ...“

Sergeant Burnett hatte es nicht vom Anfang an mitgeschnitten. Es begann mitten im Wort. Eine kräftige, lallende Stimme sagte: ,...abe gelesen, was Sie den Reportern beim Verlassen des Krankenhauses sagten, Captain Rogers. Es gibt kein perfektes Verbrechen, sagten Sie. Aber das stimmt nicht. Sie wissen, dass diese Behauptung verdammt kühn ist, Captain. Sie als alter Jäger wissen, dass solche Worte nur bedingt gültig sein können. Die meisten Verbrecher sind primitive Menschen. Kreaturen, die stehlen, wenn sie kein Geld haben, die morden, wenn sie hassen, die vergewaltigen, wenn sie der Trieb übermannt. Es sind Idioten, die nicht planen können, Captain Rogers. Menschen sind es, die zuerst handeln und dann denken. Auf diese Sorte von Verbrechern mag Ihr schöner Spruch zutreffen, für diese Leute kann es das perfekte Verbrechen nicht geben. Einfach deshalb nicht, weil sie sich bei allem, was sie anstellen, zu dämlich anstellen. Aber Sie begehen einen großen Fehler, wenn Sie alle Menschen in einen Topf werfen, Captain. Es gibt auch andere Verbrecher. Leute, die intelligenter sind als Sie. Ich, Rogers, ich werde Ihnen beweisen, dass es das perfekte Verbrechen doch gibt!‘

Ende.

Es knackte.

Dann hörte Toby Sergeant Burnetts Stimme: „Hallo! Hallo! He! Sie! Nun hat der verdammte Trottel doch tatsächlich aufgelegt!“ Das war noch auf dem Band. Nun meldete sich Burnett wieder live: „Na, Chef! Wichtig?“

„Hat lang gequasselt, der Bursche, was?“, knurrte Rogers.

„Ziemlich lang. Der wollte sich was von der Seele plaudern.“

„Haben Sie versucht, herauszubekommen, woher der Anruf kam?“ Betretenes Schweigen.

„Nun, Burnett?“

„Ich dachte nicht sofort daran, Chef.“

„Das sieht Ihnen ähnlich“, schrie Rogers.

„Lassen Sie mich meinen ]ob erst mal so lange machen wie Sie, dann gibt es keine Pannen mehr, Captain Rogers“, gab Burnell beleidigt zurück.

„Ich glaube kaum, dass jemand mit Ihnen so lange Geduld haben wird“, erwiderte Toby und knallte den Hörer mit elegantem Schwung auf den Apparat.

Die gute Stimmung fiel vom Spieltisch und sickerte in den Teppich. Toby Rogers hatte zwar — nachdem er den anderen erzählt hatte, was soeben auf ihn zugekommen war — die Karten wieder zur Hand genommen, aber der Missakkord, den Burnetts Anruf hervorgerufen hatte, blieb zitternd im Raum hängen und wollte nicht mehr verstummen. Der Captain war nicht mehr bei der Sache, deshalb schlug Bount Reiniger vor, das Spiel nicht fortzusetzen. Das bedauerte nur Mac Potter. Den anderen gefiel dieser Vorschlag, und sie stimmten ihm mit einem entschlossenen Kopfnicken zu.

Sie hielten sich an den Whisky.

„Es kann natürlich sein“, sagte der Captain sinnierend, „dass sich da jemand bloß einen dummen Scherz erlaubt hat.“

„Er war betrunken, nicht wahr?“, meinte Ron Myers.

„Ja. Aber nicht volltrunken. Und er redete nicht wie ein Idiot. Deshalb fällt es mir schwer, die Sache einfach als Scherz abzutun.“

Ron nippte an seinem Drink.

„Wenn du mich fragst, Toby“, sagte er, nachdem er das Glas wieder abgesetzt halte, „übergehen dürfen wir diesen Anruf nicht.“

Rogers nickte ernst.

„Die nächsten Verbrechen, die auf uns zukommen, werden wir besonders genau unter die Lupe nehmen müssen.“

Bount wies nach dem Telefon.

„Wenn der Bursche nüchtern gewesen wäre, hätte er vermutlich niemals angerufen. Aber der Alkohol hat seine Geltungssucht mobilisiert. Die Versuchung war für ihn einfach zu groß. Er musste dir um die Nase schmieren, was er vorhat, um dich zu verhöhnen, um sich selbst zu beweisen, was er sich alles getraut und wie clever er doch ist. Ich bin der Auffassung, dass dieser Mann — wer immer er sein mag — mit diesem Anruf schon vor dem Verbrechen, das er geplant hat, einen entscheidenden Fehler machte.“

 

 

4

Kieron Merivale seufzte, als Major a.D. Raymond Donen seine Praxis betrat.

Schon wieder Donen, dachte der Augenarzt, während er sein freundlichstes Lächeln hervorkehrte. Dieser verzapfte, verkalkte, eingebildete Militarist.

Merivale war für die Augen der High Society zuständig, dass auch Major Donen zu dieser Gesellschaftsschicht gehörte, fand Merivale äußerst betrüblich, und es war ihm ein Gräuel, wissen zu müssen, dass Donen ihm zugetan war wie ein Vater dem Sohn. Doch daran war nichts zu ändern. Donen war von dem jungen, gut aussehenden Augenarzt ungemein begeistert, und Merivale fragte sich zu solchen Gelegenheiten stets, womit er diese harte Strafe verdient hatte.

Der Arzt war dreißig. Er war schlank, hatte einen intelligenten Blick und in Damengesellschaft ein loses Mundwerk, ohne jedoch jemals die Grenze des guten Geschmacks zu verletzen. Die Leute mochten ihn. Sie mochten ihn gleichermaßen als Arzt wie als Privatperson. Vielleicht lag das vor allem daran, weil er sich ungemein gut verstellen konnte. In seinem Inneren konnte es die größten Unwetter geben, nach außen hin vermochte er jedermann mit einem strahlenden Lächeln zu täuschen.

Major a.D. Raymond Donen stelzte in kerzengerader Haltung auf den Augenarzt zu.

Kieron Merivale straffte sein Rückgrat, ohne es zu wollen. Er reichte dem weißhaarigen Mann, dessen Wangen von einer zarten Pfirsichhaut überzogen waren, die Hand und drückte angemessen fest zu.

„Stehen Sie bequem, mein Junge!“, sagte Donen mit einem wohlwollenden, freundschaftlichen Kopfnicken. „Stehen Sie bitte bequem.“

„Danke, Major!“, sagte Merivale und entspannte sich.

Donen steuerte „seinen“ Stuhl an. Er setzte sich rasch und schlug ein Bein unmutsvoll über das andere.

„Was führt Sie zu mir, Major?“, fragte Merivale. Der Alte hatte Augen wie ein Falke. Er brauchte keine Brille. So mancher Zwanzigjährige hätte ihn um seine Sehschärfe beneidet. Trotzdem glaubte Major Donen, stets Grund zu neuen Klagen zu haben. Er ließ ein gequältes Seufzen hören.

„Grauer Star, mein Junge“, sagte er leidend. „Eine Eintrübung der Linse. Ihr Ärzte nennt das Cataract.“

„Wann haben Sie diese Eintrübung zum ersten Mal bemerkt, Major?“, fragte Merivale. Er bemühte sich, ernst zu bleiben.

„Heute Morgen!“, sagte Donen sachlich. „Fasste sofort den Entschluss, Sie aufzusuchen. Je eher, desto besser. Scheußlicher Gedanke, blind zu werden, mein Junge. Solche Dinge darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

„Welches Auge ist es denn?“

„Das rechte. Sehen Sie es sich an, mein Junge! Und sagen Sie mir unverblümt die Wahrheit. Ein Major, selbst wenn er im Ruhestand ist, kann alles vertragen, nur keine Heuchelei. Habe mich über die Ursachen einer solchen Linsentrübung informiert, Dr. Merivale. Altersveränderungen, angeborene Entwicklungsstörung, örtliche oder allgemeine Stoffwechselstörung, Verletzung. Für mich trifft das Erste zu. Ich bin siebenundsechzig, wie Sie wissen. So viel mir bekannt ist, besteht die Behandlung des Grauen Stars in der operativen Entfernung der getrübten Linse. Was dem Auge an Brechkraft dann fehlt, wird durch Vorsetzen eines starken Sammelglases, einer sogenannten Starbrille, ersetzt. Wenn ich richtig informiert bin, dann gehört die Staroperation zu den dankbarsten Eingriffen am Auge überhaupt, weil nach der Operation wieder volle Sehschärfe erreicht werden kann. Deshalb sehe ich dieser Sache mit Gelassenheit entgegen, Dr. Merivale. Ich habe vollstes Vertrauen zu Ihnen. Sie werden das schon wieder hinkriegen.“

Kieron Merivale tat dem alten Major den Gefallen und untersuchte dessen rechtes Auge. Es war genauso gesund wie das linke. Doch das wollte der Major nicht so recht glauben. Er bat den Arzt erneut, ihm schonungslos die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern.

Als aber Merivale bei seiner Behauptung blieb, es wäre alles in Ordnung, da meinte der Weißhaarige kopfschüttelnd: „Nun ja, mein Junge. Sie sind der Arzt. Wenn Sie sagen, dass alles okay ist, dann hat alles okay zu sein. Aber ich hätte schwören können ...“

Er sprach nicht weiter, sondern verlangte von Merivale, er möge die Sehschärfe seiner Augen noch an der Leuchttafel prüfen. Kieron Merivale begab sich zum Fenster. Er ließ die Jalousie herunterrasseln, schaltete die Leuchttafel mit den von Zeile zu Zeile kleiner werdenden Buchstaben ein und wies mit einem Glimmstab auf die betreffenden Buchstaben, die Raymond Donen sogleich und absolut richtig nannte.

Daraufhin meinte Merivale: „Tja, Major. Tut mir beinahe leid, Ihnen nichts anhängen zu können. Wenn alle meine Patienten solche Augen hätten, wäre ich arbeitslos.“

Donen ließ ein enttäuschtes Murren hören. Der Augenarzt zog die Lamellenjalousie wieder hoch.

In diesem Moment splitterte das Glas mit einem singenden Laut. Merivale riss reflexartig die Arme hoch und fasste sich mit beiden Händen ächzend an den Kopf. Wie in Zeitlupe wandte er sich vom Fenster ab. Zwischen seinen zuckenden Händen quoll dunkelrotes Blut hervor. Er machte drei unsichere Schritte, ehe seine Beine von einer unüberwindbaren Lähmung erfasst wurden. Sein Oberkörper neigte sich nach vorn. Er verlor das Gleichgewicht und fiel wie ein Holzklotz um.

Nun begann das Soldatenblut des alten Majors zu revoltieren. Er hatte in seinem Leben viele Menschen sterben gesehen. So etwas vermochte ihn auch jetzt nicht zu erschüttern. Raymond Donen blieb erstaunlich kühl, beherrscht und überlegt. Er eilte sofort zum Fenster. Unter seinen Schuhen knirschten die Glassplitter. Sein Blick war auf das gegenüberliegende Flachdach gerichtet, denn von da musste der tödliche Schuss auf Kieron Merivale abgegeben worden sein.

Das Dach war leer. Der Schütze hatte sich bereits abgesetzt.

Nun beugte sich Donen über den Arzt. Er betrachtete die Verletzung und schüttelte hinterher den Kopf.

„Nichts mehr zu machen. Ein guter Schuss.“ Er sagte das jedoch nicht als Anerkennung für den Schützen. Es war eine nüchterne Feststellung.

Donen erhob sich wieder. Er eilte auf die mit weißem Leder- und Schaumgummiauflage gepolsterte Tür zu, durch die er Dr. Merivales Praxis betreten hatte. Mit energischem Schwung riss er sie auf.

Das Mädchen, das im Vorzimmer an einem schweren Mahagonischreibtisch saß, hob erstaunt den Kopf. Ihre schlanke Gestalt war in einen blütenweißen Kittel gehüllt. Sie trug das tizianrote Haar sorgfältig hochgesteckt, war eine absolut saubere Erscheinung mit langen, knallrot lackierten Fingernägeln, mit falschen Wimpern und dezenter Rougeauflage an den Wangen, die mit hohen Backenknochen versehen waren, wodurch das Mädchen den Eindruck erweckte, als könne es auf eine slawische Ahnengalerie zurückschauen.

„Major Donen ...“, sagte Sheba Hartford ein wenig verwirrt. Sie hatte diesen seltsamen Gesichtsausdruck bei Donen noch nie gesehen. Die Pfirsichhaut des Alten war straff und fahl geworden. Seine scharfen Augen hatten sich verengt und ruhten stechend auf dem hübschen Gesicht der Sprechstundenhilfe, die gleichzeitig Kieron Merivales Stiefschwester war.

„Major Donen ...“ setzte das Mädchen erneut an. Sie erhob sich. „Was ist mit Ihnen? Was ist passiert?“

Details

Seiten
133
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943801
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
fallstrick york detectives

Autor

Zurück

Titel: Der Fallstrick: N.Y.D. – New York Detectives