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Railroad-Champ

©2020 122 Seiten

Zusammenfassung


Tiger-Kelly soll den Faustkampf verlieren, doch das geht ihm gegen den Strich. So schlägt er seinen Gegner k.o.
Jim Pierce verliert dadurch eine Menge Geld und will sich nun an Dan Kelly rächen. Der flüchtet sich auf einen Zug, der Dynamit für den Bau der Strecke durch den Deadman Canyon liefert.
Und schon hat er es nicht nur mit dem Railroad-Marshal Jake Flannagan, sondern auch noch mit dem Bandenführer Bob Finlay zu tun ...

Leseprobe

Table of Contents

Railroad-Champ

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Railroad-Champ

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Tiger-Kelly soll den Faustkampf verlieren, doch das geht ihm gegen den Strich. So schlägt er seinen Gegner k.o.

Jim Pierce verliert dadurch eine Menge Geld und will sich nun an Dan Kelly rächen. Der flüchtet sich auf einen Zug, der Dynamit für den Bau der Strecke durch den Deadman Canyon liefert.

Und schon hat er es nicht nur mit dem Railroad-Marshal Jake Flannagan, sondern auch noch mit dem Bandenführer Bob Finlay zu tun ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Bob Finlay - hat sich mit seinen Schienenwölfen ein lukratives Geschäft ausgedacht.

Maureen O’Hara - fungiert nur nach außen hin als »Silverstone Queen«.

Tom Randlett - hängt fast zu lange an der Flasche.

Jake Flannagan - gibt zwar den Stern, nicht aber den Löffel ab.

Dan »Tiger« Kelly - besitzt neben harten Fäusten auch einen wachen Verstand.

 

 

1

In der achtzehnten Runde fiel Tiger-Kelly.

Stille breitete sich aus, als der Ringrichter zu zählen begann.

Bei »sechs« stand Dan Kelly wieder. Sofort griff Grizzly-Jones erneut an. Dan blockte die Hiebe ab, doch der Anprall des Hünen trieb ihn in die Seile. Mehr als vierhundert Zuschauer drängten sich auf dem Bahnhofsgelände von Gallup in New Mexico. Sie johlten und pfiffen.

»Gib’s ihm, gib’s ihm!«, gellte es, ohne dass klar wurde, welcher der beiden Preisboxer gemeint war. Sie kämpften ohne Handschuhe.

Die Anzahl der Runden war nicht begrenzt. Der Flachwaggon, der als Kampfplattform diente, stand auf einem Nebengleis. Ein Dutzend Laternen beleuchteten ihn.

Jones versuchte den Gegner in den Clinch zu nehmen. Mit einem Aufwärtshaken verschaffte Dan sich Luft. Er setzte nach, traf - da schrillte die Glocke. Die Runde war zu Ende.

Dan Kelly, genannt Tiger-Kelly, setzte sich auf die Kiste in seiner Ecke. Ben Kimbrough wischte ihm mit einem Handtuch den Schweiß vom Gesicht. Der dicke Manager schwitzte, als hätte er selbst im Ring gestanden.

»Warum, zum Teufel, bist du nicht unten geblieben?«

»Ich lass Jones nicht freiwillig gewinnen.«

»Pierce wird dich töten, wenn du nicht mitspielst. Bedenke, es geht um über zwanzigtausend Bucks.«

Dan presste die Lippen zusammen. Sein Blick erfasste die sehnige Gestalt des Revolvermannes, der auf dem Dach eines der beiden Wohnwaggons kauerte. Von dort oben konnte er den ganzen Platz überschauen und sofort eingreifen, falls jemand es auf die Kasse abgesehen hatte.

Kimbrough hatte ihn zu seinem und Dans Schutz angeheuert. Die beiden hatten Dan überreden wollen, den Fight absichtlich zu verlieren.

Die Glocke rief Tiger-Kelly wieder in die Ringmitte.

Jones machte seinem Kampfnamen alle Ehre. Er stürmte wie ein angeschossener Grizzly auf den Gegner los. Der durchschaute die Finte. Jones schluckte einen Treffer. Wütend feuerte er eine Gerade ab. Sie streifte Dan aber nur. Für die Zuschauer wirkte Jones’ Kampfkraft ungebrochen. An seinem flachen Atem und dem Flackern seiner Augen erkannte Dan jedoch, dass der Hüne keine zehn Runden mehr durchstehen würde.

»Bastard!«, knirschte Jones, als Dan wieder auswich. Er war also eingeweiht. Eine Weile umkreisten sie sich. Plötzlich probierte Jones wieder den Grizzly-Angriff. Im letzten Moment tauchte Dan weg. Da setzte Jones alles auf eine Karte, wirbelte herum und erwischte Dan auf der Gürtellinie. Wieder prallte Dan gegen die Seile. Doch Jones’ Schwinger kam eine Idee zu langsam. Dan duckte ab. Die Rechte schoss hoch. Jones taumelte, war ohne Deckung. Dan visierte das massige Kinn an. Da rettete die Glocke Jones.

In der Ecke blieb Dan allein. Kimbrough tuschelte mit Jones’ Manager. Pierce richtete sich auf dem Waggondach drohend auf. Seine Rechte lag auf dem Kolben des tiefgehalfterten Sechsschüssers. Die Silhouette der Zuni Mountains ragte hinter ihm ins sternenübersäte Firmament. Gegenüber blinkten die Lichter der Stadt.

»Pierce wird dich töten, wenn du nicht mitspielst«, dröhnte es in Dan Kellys Ohren.

Da läutete die Glocke die nächste Runde ein.

Jones hatte sich gefangen. Sein Plan war, den Gegner mit geballtem Krafteinsatz zu überrumpeln. Doch Dan blieb dauernd in Bewegung, hielt Distanz und düpierte Jones mit blitzschnellen Treffern. In den vergangenen zwei Jahren hatte Dan sich entlang der Bahnlinie als Preiskämpfer einen guten Namen gemacht. Die meisten Wetten waren auf ihn abgeschlossen.

In der dreiundzwanzigsten Runde lief Jones in seinen Schwinger. Die Bohlen dröhnten, als er fiel. Schlagartig setzte das Brüllen, Johlen und Pfeifen aus. Der Ringrichter zählte.

Mit schnellem Blick stellte Dan fest, dass Jim Pierce vom Waggondach verschwunden war. Auch Kimbrough war verschwunden. Dan wartete breitbeinig, die Arme angewinkelt.

»Acht«, zählte der Ringrichter. Jones versuchte hochzukommen, sank zurück und rührte sich nicht mehr.

Die Menge wartete das »Aus« nicht ab. Ohrenbetäubender Lärm brauste um die Kampfplattform. Hüte flogen in die Luft. Revolverschüsse krachten.

Dan winkte. Gesicht und Oberkörper waren schweißbedeckt. Er hängte sich die Schaffelljacke um, ehe er aus dem Ring kletterte. Cowboys, Holzfäller, Frachtfahrer und Städter umdrängten ihn.

»Kelly, Kelly!«, jubelten sie.

Jim Pierce bekam keine Chance, an ihn heranzukommen.

»Leute, lasst mich durch! Ich bin müde.« Dans Ziel waren die beiden Wohnwagen. Er brauchte eine Waffe, bevor Pierce etwas unternahm. Schwielige Hände klopften seine Schultern. Ringsum waren lachende Gesichter. Mühsam bahnte er sich den Weg.

Da blitzte ein Messer vor ihm. Zum Ausweichen war kein Platz. Dans Rechte schnappte zu. Er erwischte das Handgelenk des Angreifers. Die Klinge war nur mehr einen Zoll entfernt. Seine geballte Linke wirkte wie ein Schmiedehammer. Der Messerheld stürzte vor die Stiefel der Zurückweichenden. Dan kannte ihn nicht. Er wollte sich bücken und den Kerl durchsuchen.

»Hinter dir!«, gellte Kimbroughs Warnschrei.

Dan zuckte herum. Nach dreiundzwanzig Runden im Ring war er nicht mehr ganz so schnell. Das Krachen eines schwerkalibrigen Colts löschte die Schreie und das Getrampel ringsum aus. Dan sah das vom Mündungsblitz angestrahlte Gesicht eines Mexikaners. Kimbrough warf sich dazwischen. Die Kugel traf ihn auf drei Schritte Distanz.

Dan fing den Zusammenbrechenden auf. Der Mexikaner feuerte wieder und traf erneut den Manager. Dann verschwand er im Durcheinander der auseinanderstiebenden Zuschauer.

Dan bettete Kimbrough auf die Erde, schob die Jacke unter seinen Kopf. Der Dicke röchelte.

»Holt den Doc!«, schrie Dan.

»Zu spät, Amigo.« Kimbroughs Lippen verfärbten sich. »Hätt’ mich nicht mit Pierce einlassen dürfen ...«

 

 

2

Ein Maultier zog den Karren mit Kimbroughs Leichnam. Dan blickte ihm nach, bis er zwischen den Häusern verschwand. Die Laternen auf dem Bahnhofsgelände erloschen. Eine Rangierlok pfiff, Puffer knallten.

»Sheriff Harper verfolgt ’ne Rustlerbande«, hüstelte der Coroner. »Vor zwei Tagen wird er nicht zurück sein. Bleiben Sie solange in der Stadt!« Er folgte dem Karren.

Der Platz war leer. Dan hatte sich umgezogen. Er trug Levishosen, ein kariertes Hemd und Stiefel mit flachen Absätzen. Müde wandte er sich den Wohnwagen zu. Kimbrough, Pierce und er waren darin durch Kansas, Colorado und New Mexiko gezogen, von Stadt zu Stadt, von Kampf zu Kampf.

Kimbrough hatte bereits den nächsten Fight in Tucson, Arizona, organisiert, aber Dans Vertrag lief in wenigen Tagen aus. Sein Verdienst reichte, sich den Traum von der eigenen kleinen Ranch zu erfüllen.

Er betrat Kimbroughs Waggon. Die Vorhänge waren zugezogen. Trotzdem erkannte er, dass der im Wandschrank eingebaute Safe offen war. Er zündete den Docht der Petroleumlampe an und stellte sie auf den Tisch. Kimbroughs fahrbares Office war einfach, aber behaglich möbliert. Nebenan befand sich der Schlafraum. Ein metallisches Klicken kam von dort. Hastig schätzte Dan die Entfernung zum Wandbrett, auf dem Kimbroughs 44er lag.

»Das schaffst du nicht, Kelly.«

Der Teppich dämpfte Pierces Schritte. Er setzte sich in Kimbroughs Ledersessel. Sein Remington-Revolver bedrohte Dan. Der schwarze Lederanzug betonte die sehnige Figur. Eine senkrechte Narbe zeichnete die rechte Hälfte des scharfgeschnittenen Gesichts. Die Augen funkelten.

»Ich hab dich gewarnt. Wir hätten groß abgesahnt. Es war ein Fehler, mir in die Quere zu kommen.«

»Du hättest wissen müssen, dass ich mich nicht erpressen lasse.« Dan wies auf den leeren Safe. »Schätze, du hast dich auch so reichlich bedient.«

»Wenn du mich verschaukeln willst, Kelly, leg ich dich gleich um.« Pierce erhob sich. Er wirkte sprungbereit. »Wo hat Kimbrough den Zaster versteckt?«

Der Boxer war überrascht, dann grinste er kantig.

»Das also hat Ben gemeint, bevor er starb.«

»Raus mit der Sprache!«

»Ich kenn das Versteck nicht.«

»Du lügst.«

»Auch wenn ich’s wüsste, würd ich’s dir nicht verraten.«

Hufschlag pochte, Metall klirrte, dann flog die Tür auf. Der Mexikaner, dessen Schüsse Kimbrough getroffen hatten, stand auf der Schwelle. Er trug Vaquerotracht. Das dunkelbraune Gesicht war verkniffen. Ein weiterer Mann blieb vor dem Wagen im Sattel.

»Hast du die Bucks, Pierce?«

Der Revolvermann ließ Dan nicht aus den Augen.

»Kelly legt’s darauf an, dass wir ihn in die Mangel nehmen. Aber so viel Zeit haben wir nicht, Kelly. Ich zähl’ bis drei. Wenn du dann nicht ausspuckst, wo Kimbrough das Geld versteckt hat, verpass ich dir ’ne Bleibohne.«

»Die einfachste Methode, dich vor’m Teilen zu drücken, was?«, bluffte der blonde Preiskämpfer. »Wahrscheinlich hast du den Safe schon während des Kampfes ausgeräumt. Du bist einer von denen, die stets alles für sich wollen.«

Die Dampflok auf dem Rangiergleis stieß wieder einen langgezogenen Pfiff aus. Kojotengeheul antwortete aus dem Kakteen- und Dornbuschland am Fuß der Zuni Mountains.

Der Blick des Mexikaners schnellte zu Pierce.

»Wenn du vorhast, deine Partner aufs Kreuz zu legen, Compadre ...«

»Blödsinn! Kelly will doch nur ...«

Der Revolvermann war einen Augenblick abgelenkt. Dan hechtete zur Seite, erwischte den Hocker neben der Schlafraumtür und schleuderte ihn durch den Waggon. Pierces Schuss traf die Wand. Der Hocker fegte die Lampe vom Tisch. Sie zerschellte. Das auslaufende Petroleum entzündete sich. Eine Stichflamme zwang Pierce zurück.

Da krachte der Revolver des Mexikaners. Dan rollte zur Seite, sprang auf und packte den Colt auf dem Wandbrett. Schon erreichte er die Zwischentür.

Draußen wieherten die Pferde. Qualm breitete sich aus. Pierce und der Mexikaner fluchten.

»Hölle und Verdammnis, wollt ihr, dass die Kuhtreiber und Pfeffersäcke uns lynchen?«, schrie der Pferdewächter. Dan gab einen ungezielten Schuss ab, zertrümmerte mit dem Coltlauf ein Fenster und schwang sich hinaus.

Der Reiter schoss mit dem Gewehr auf ihn. Dan ließ sich fallen, kroch unter dem Waggon durch und rannte zu den Schwellenstapeln. Die Lok stampfte dahinter auf den Gleisen der Nebenstrecke. Sie zog schwer beladene Waggons. Flammen schlugen jetzt aus Kimbroughs Wagen. Der Gewehrschütze tauchte seitlich davon auf. Dan hörte ein Pfeifen. Da hechtete er in die Schwärze zwischen den Bohlenstapeln.

»Lass ihn nicht entkommen, Hank!«, schrie Pierce.

Ein zweiter Reiter jagte an den Schienen entlang. Der Mond schob sich hinter einer Wolke hervor. Dan duckte sich. Die Muskeln schmerzten noch vom Kampf. Die vierachsige Baldwin-Lok fauchte heran. Der Reiter war neben ihr.

Dans Rechte krampfte sich um den Colt. Doch wenn er schoss, wussten die anderen, wo er war.

Die Lok wischte vorbei, hinter dem Tender drei geschlossene Güterwagen, dann die Reihe mit Schienen und Schwellen beladener Flachwaggons - Nachschub für das Bahnbau-Camp in den Zuni Mountains.

Reiter erreichten die Schwellenstapel.

Dan blieb keine Wahl. Er musste über den mondbeschienenen Streifen neben den Gleisen. Schüsse peitschten. Schon waren zwei Waggons vorbei. Dan stieß sich ab. Der 44er steckte im Hosenbund. Dan erwischte die Eisenleiter neben der Schiebetür des dritten Waggons.

Der Mond verschwand. Der Zug fuhr schneller. Zwei Reiter verfolgten ihn, einer lieferte der Lok ein verbissenes Wettrennen. Rauch und Funken wirbelten über die Dächer. Die Lichter von Gallup versanken in der Dunkelheit.

Dan zog sich an den Sprossen empor. Er wollte aufs Dach. Da schwang sich von der anderen Seite eine drahtige Gestalt hinauf.

 

 

3

Der Schuss blendete Dan. Er stieß einen Schrei aus, warf einen Arm empor und verschwand. Er hoffte, dass es echt wirkte. Das Dach stand leicht über. Dan schob sich darunter an die Wand. Die Verfolger galoppierten jenseits des niedrigen Schotterdamms, und der Reiter vorn versuchte die Lok zu stoppen. Der Mond stand wieder über den schroffen Gebirgskämmen,

Dan blickte auf den Schatten des Waggons, an dem er hing. Die Gestalt über ihm richtete sich auf. Dan erkannte den Revolver in der vorgestreckten Faust. Der Mexikaner schob sich an die Dachkante. Da streckte sich Dan. Seine Rechte packte das Fußgelenk des Mexikaners. Schreiend stürzte der Mörder vom Zug.

Der Mann neben der Lok drehte sich und schoss, verfehlte aber. Dan stemmte einen Fuß gegen die Schiebetür. Tatsächlich bewegte sie sich. Der Reiter schoss wieder. Bevor er die Zügel kurz nehmen konnte, schwang Dan sich in den Waggon. Rasch schloss er die Tür und lehnte sich keuchend dagegen. Das Dröhnen der Räder erfüllte seine Ohren. Durch das schmale Gitterfenster gegenüber fiel Mondlicht auf die Kisten. Die Helligkeit genügte jedoch nicht, die Aufschrift zu entziffern. Dan fingerte ein Streichholz aus der Tasche und riss es an.

»Dynamit«, las er.

»Wenn du vorhast, den Zug in die Wolken zu blasen, Freund, wirst du nicht alt«, meldete sich eine Stimme seitlich von ihm. Dan ließ das Schwefelholz brennen und drehte den Kopf. Ein hagerer Mann in dunklem Anzug zielte mit einer Winchester auf ihn. Lässig saß er auf einer Dynamitkiste, die langen Beine ausgestreckt, ein Zigarillo zwischen den Zähnen. Der buschige Schnurrbart betonte die markanten Gesichtszüge.

Das Streichholz erlosch, die Zigarilloglut leuchtete. Dan spürte den Kolben des 44ers über dem Magen, riskierte aber nicht, die Waffe anzufassen.

»Wer sind Sie?«

»Railroad Marshal Jake Flannagan.« Wieder flammte ein Schwefelholz. Der Hagere schob die Anzugjacke zur Seite. An seiner Weste glänzte ein Abzeichen. »Jetzt erkenn’ ich Sie. Tiger-Kelly, nicht wahr? Nichts für ungut. Als Sie hier reinturnten, hielt ich Sie für einen der Schufte, die den Bau der Strecke nach Silverstone sabotieren. Die Kerle schrecken vor nichts zurück.«

Der Zug wurde langsamer. Ein Pfiff gellte, Dampf zischte, dann griffen die Bremsen.

Dans Verfolger hatten die Lok geentert, der Zug hielt, die Maschine tuckerte im Leerlauf. Hufe stampften, Stimmen schwirrten. Flannagan blieb ruhig sitzen.

»Scheint, die Burschen wollen was von Ihnen, Kelly.«

»Meinen Skalp.«

Dan dachte voller Bitterkeit an Ben Kimbrough. Das Feuer hatte wahrscheinlich seine und Kimbroughs Ersparnisse vernichtet, denn das Geld konnte nur im Wohnwagen versteckt gewesen sein. Ein schwacher Trost, dass auch Pierce und seine Kumpane mit leeren Händen dastanden. Dans gesamter Besitz bestand nur mehr aus seiner Kleidung, Kimbroughs Colt und einigen Dollars in der Hosentasche. Er spannte sich, als Pierces Stimme hereindrang.

»Gib auf, Kelly! Du gewinnst nichts, wenn du dich verschanzt.«

Ein Schuss durchs Fenster bewies, dass sie wussten, in welchem Waggon er steckte. Der Bahn-Marshal rauchte. Die Winchester 73 lag auf seinen Knien.

»Wie viele sind’s?«

»Drei.«

»Pech für Sie, Kelly.«

»Heißt das, Sie wollen zusehen, wie die Hundesöhne mich fertigmachen?«

»Was ich will oder nicht, darauf kommt’s nicht an. Mein Job ist’s, den Zug durchzubringen. Wir brauchen das Dynamit, um ’ne Trasse durch den Deadman Canyon zu sprengen. Randlett, der Boss, wäre wenig begeistert, wenn ich ’ne Kugel einfinge, weil ich mich in fremden Verdruss einmischte.«

»Das soll wohl ein Rauswurf sein.«

Draußen krachte es wieder. Die Kugel streifte einen Fensterstab und bohrte sich in die Decke.

»Niemand ist geholfen, wenn der nächste Schuss ’ne Dynamitkiste trifft«, äußerte Flannagan lakonisch.

»Die Logik ist nicht zu widerlegen.«

»Auch nicht mit sechs Unzen heißem Blei«, warnte Flannagan. Trotz der Dunkelheit sah er, dass Dans Rechte den Coltkolben umschloss. Der Ladehebel der Winchester knackte.

»Kelly, wir haben den Heizer und den Maschinisten«, schrie Jim Pierce draußen. »Wir legen sie um, wenn du nicht parierst.«

Der nächste Schuss traf die Waggontür. Vergeblich wartete Dan darauf, dass der Marshal sich erhob.

»All right, Pierce, ich komme.« Er öffnete die Tür yardbreit. »Schießt nicht, wenn ihr nicht wollt, dass wir alle in die Luft fliegen. Im Wagen liegt Dynamit.«

»Wirf deine Kanone raus!«

Dan gehorchte. Der Colt klirrte auf den Schotter. Der Mond beschien die Reiter. Einer hielt den Heizer und den Lokführer mit dem Gewehr in Schach. Sie standen neben der Baldwin, die Hände in Schulterhöhe. Die Revolver der beiden anderen Banditen zeigten auf die Waggontür. Das Pferd des Mexikaners war an Pierces Sattel festgeleint. Sträucher und Felskegel ragten neben der Trasse auf. Eine Meile vor dem Zug erhoben sich die Ausläufer der Zuni Mountains. Pierce grinste, als Dan im Türviereck erschien.

»Wird auch Zeit, Kelly. Wir haben ’nen Gaul für dich.«

Dan sprang auf den Schotterstreifen. Er bewegte sich mit jener Geschmeidigkeit, der er seinen Kämpfernamen verdankte.

»Habt ihr Angst, mich vor Zeugen zu erschießen?«

Heizer und Lokführer schwitzten. Die Banditen ahnten nicht, dass noch jemand im Waggon war.

»Wenn das Geld in Kimbroughs Wagen verbrannte, ist ’ne Kugel zu einfach«, stieß Pierce hervor. »Falls der Zaster anderswo versteckt ist, kannst du dich freikaufen.«

»Ich würde eher ’nem betrunkenen Apachen trauen als dir.«

»Schätze, du wirst es darauf ankommen lassen müssen.« Pierce grinste wieder. »Steig auf!«

»Moment noch.« Plötzlich stand Flannagan im Türspalt. Die Winchester lag lässig in seiner Armbeuge. Die Jacke war zurückgeschoben, so dass die Reiter das Abzeichen an der Weste sahen. Im Mondlicht wirkte das schnurrbärtige Gesicht wie von einer Eisschicht bedeckt. Die Stimme klang verbindlich.

»Vielleicht hat Kelly was Besseres vor, als mit euch zu reiten.«

»Verdammt ...«

»Wenn er sich zum Beispiel entschließt, mein Gehilfe zu werden, nehm ich ihn mit ins Camp.«

Die Kerle waren verblüfft, dann flackerte Zorn in ihren Augen. Pierce zischte: »Mister, ich glaub, du hast nicht alle Tassen im Schrank! Wie, zum Teufel, kommst du auf die Idee, dass Kelly für den Job als Bahn-Marshal taugt?«

»Ich hab ihn in Denver und Santa Fe kämpfen sehen, hart, aber fair. Außerdem weiß ich, dass er früher schon mal als Postkutschenbegleiter und Deputy gearbeitet hat.« Die Worte waren mehr an Dan gerichtet. Das Angebot überraschte ihn.

Pierce lachte zornig.

»Was glaubst du eigentlich, wer du bist, Mister, dass wir vor dir kneifen?«

»Railroad Marshal Jake Flannagan.«

»Der Name wird bald ’nen Grabstein zieren. Ich bin Jim Pierce und bekannt dafür, dass ich mir von niemand in die Suppe spucken lasse, auch nicht von ’nem großmäuligen Bahn-Marshal.«

»Ich glaub, du übernimmst dich, Pierce.«

Da schwang der Mann, der den Heizer und den Maschinist bewachte, das Gewehr herum und feuerte. Flannagans Kugel verließ jedoch den Bruchteil einer Sekunde eher den Lauf. Dan hatte noch keinen Mann so blitzschnell das Gewehr in Anschlag bringen, zielen und schießen sehen.

»Deckung!«, rief Flannagan.

Dan warf sich zu Boden und packte den 44er. Vor ihm blitzte Mündungsfeuer. Die Pferde stiegen. Dan zielte auf Pierce, traf aber den Braunen. Das Tier brach zusammen. Ungewollt rettete Dan dem Revolvermann damit das Leben.

Flannagans Schuss verfehlte den Stürzenden. Das Blei des dritten Gegners traf die Schiebetür. Dann peitschte wieder die Winchester. Pierce Partner Nummer zwei wurde vom durchgehenden Pferd am Schienenstrang entlanggeschleift.

Dan sprang auf und feuerte auf eine Bewegung im Gestrüpp. Pierces Schuss antwortete.

Da schob sich eine Wolke vor den Mond. Nur mehr die Umrisse des Güterzugs hoben sich vor der Ebene ab. Ein Fluch schallte, Zweige brachen. Flannagan half Dan in den Wagen.

 

 

4

Flannagan brannte sich wieder ein Zigarillo an, streckte den Kopf ins Freie und spähte nach vorn. Ein erster Lichtschimmer traf die Bergflanken. Der Zug rollte in ein weites Tal. Fettholzstauden, Dornbüsche und Kakteen wuchsen hier. Das stundenlange gleichmäßige Rattern war einschläfernd. Dan, der an der Bohlenwand kauerte, öffnete die Augen.

»Wie weit noch?«

»Zehn Meilen.« Der Blick des Marshals glitt über die Busch und Kakteenwildnis. »Würde mich wundern, wenn wir durchkommen, ohne dass die Schienenwölfe was unternehmen. Well, ich kenn Sie als Faustkämpfer, Kelly. Doch wie gut sind Sie mit dem Colt?«

»Nicht so gut, dass ich damit für die Atchison, Topeka and Santa Fe Railroad Company die Kastanien aus dem Feuer hole. Mag sein, dass ich Ihnen verpflichtet bin, aber nicht um diesen Preis.«

»Ich kämpfe hauptsächlich für meinen Freund Tom Randlett.« Flannagan überprüfte das Röhrenmagazin. »Die Fertigstellung der Strecke bedeutet für ihn die letzte Chance. Ich hab schon für Tom gearbeitet, als er noch als Ass unter den Bahnbaubossen galt. Vor drei Jahren verlor er bei ’nem Zugunglück seine Frau. Eine neugebaute Brücke stürzte ein, Toms Konstruktion. Es wurde von Sabotage gemunkelt, aber die Beweise fehlten. Tom kam ins Gerede. Er begann zu trinken. Natürlich wurde damit alles nur schlimmer. Die Bosse der Atchison, Topeka and Santa Fe waren drauf und dran, ihn abzuschieben. Drei Jahre lang musste er sich mit irgendwelchen lausigen Jobs durchschlagen, ehe er diesen Kontrakt bekam. Wenn die Silverstone-Strecke zum festgesetzten Zeitpunkt nicht fertig wird, ist er erledigt.«

»Warum erzählen Sie mir das? Ich werd mir im Bahnbaulager ein Pferd besorgen und Pierces Fährte aufnehmen.«

Flannagan rauchte. Sein kantiges Gesicht blieb ausdruckslos.

»Die wenigen Pferde im Camp gehören Tom Randlett und mir.«

»Ich lass mich nicht erpressen.«

»Es ist als Handel gedacht«, erwiderte Flannagan achselzuckend. »Ich werd Sie nicht hindern, mit dem nächsten Zug nach Gallup zurückzufahren, falls Maureen O’Haras Maskenreiter uns nicht zuvor zur Hölle blasen.«

»Wenn Sie wissen, wer hinter den Anschlägen steckt, warum schnappen Sie sich die Lady nicht?«

»Keine Beweise. Dabei liegt’s auf der Hand, dass nur Maureen dran interessiert sein kann, dass aus der Bahnlinie nichts wird.«

»Wer ist die Frau?«

»Ihre Anhänger nennen sie die >Silverstone Queen<. Die Town liegt am Südausgang des Deadman Canyon. Die Nebenstrecke soll Silverstone und die noch weiter südlich gelegenen Minenstädte mit Gallup verbinden. Es handelt sich um Silberminen. Maureen besitzt selbst eine, außerdem den Sundown Palace, den größten Saloon im Minengebiet. Ihre Haupteinnahmequelle ist jedoch das Fuhrunternehmen. Fünfzig Frachtwagen sind pausenlos im Einsatz, das Silbererz der Zuni Mountain-Minen zur Schmelze nach Gallup zu schaffen zu dem von der Queen festgesetzten Preis: einem Zehntel des gewonnenen Silbers.«

Dan pfiff.

»Das lassen die Minenbesitzer sich bieten?«

»Die Konkurrenz war schnell aus dem Geschäft gedrängt«, berichtete Flannagan. »Da brauchten sich Maureens Revolverschwinger nicht groß anzustrengen. Als dann die Minenbesitzer versuchten, das Erz auf eigene Rechnung nach Gallup zu schaffen, kamen von hundert Wagen höchstens zwanzig durch. Der Rest blieb unterwegs liegen oder musste umkehren. Überfälle waren an der Tagesordnung. Sternträger gibt’s in Silverstone nicht. Nur Maureens Schießer garantieren ein Durchkommen. Zähneknirschend überließen die Minenbesitzer ihr das große Geschäft. Niemand kann beweisen, dass die Maskenreiter in ihrem Auftrag handeln. Ein eigenes Stampf- und Schmelzwerk hätte wiederum das Risiko des Transports von reinem Silber bedeutet und am Zehntelanteil der Silverstone Queen trotzdem nichts geändert.«

»Wussten die Bahnbosse, worauf sie sich einließen?«

»Entscheidend für die Streckenplanung war, dass mehrere Minenbesitzer aus den Zuni Mountains Aktien der Company besitzen.« Flannagan spähte ins Tal. Noch verwischte die Dämmerung alle Konturen. »Nun haben wir die Maskenreiter am Hals. Bei den bisherigen Überfällen gab’s Tote und Verwundete, ohne dass wir einen Banditen erwischten. Wie ich schon sagte, die Schufte schrecken vor nichts zurück. Vergeblich fordert Tom Unterstützung. Die Bosse stellen sich taub. Für sie bedeutet die Silverstone-Strecke sowieso nur ein lästiges Anhängsel. Wir sind auf uns allein gestellt. Meine Hauptaufgabe besteht bisher darin, zu verhindern, dass sich ein Großteil der Arbeiter aus dem Staub macht.«

»Kein Job, um den ich Sie beneide. Sie werden kaum ’nen Dummen finden, der an Ihrer Seite auf verlorenem Posten kämpft.«

»Ich bekäme eine Chance, wenn’s mir gelingt, ’nen Mann bei der Gegenseite einzuschleusen.«

»Ein Himmelfahrtsjob.«

»Sobald ich ’nen Beweis hab, dass die Silverstone Queen die Schienenwölfe bezahlt, ist die Sache gelaufen. Ich würde notfalls die Army mobilisieren, sie aus ihrem Banditennest rauszuholen.«

»Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich der geeignete Mann dafür bin? Ich hab mich zwar schon in allen möglichen Berufen versucht, aber zum Spitzel taug ich nicht.«

»Niemand würde Sie dafür halten. Als ehemaliger Preisboxer auf der Suche nach ’nem gut bezahlten Job hätten Sie in Silverstone keinen schlechten Start. Außerdem ...« Ruckartig hob Flannagan das Gewehr. »Verdammt, die Bastarde haben das Dickicht angezündet!«

Der Tag brach an, aber es war nicht die Röte des Sonnenaufgangs, die das Tal erhellte. Flammen züngelten. Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Die trockenen Sträucher und Kakteen brannten wie Fackeln. Eine Feuerwoge näherte sich mit zunehmender Geschwindigkeit dem Schienenstrang. Kojoten flüchteten über die Gleise. Vögel flatterten davon. Dan spähte ebenfalls hinaus. Kein Reiter war zu sehen. Die Dampfpfeife röhrte, die Lok wurde langsamer.

»Nicht anhalten, Coburn!«, schrie Flannagan.

Schüsse krachten. Fluchend fuhr der Marshal zurück. Dan feuerte, als er die maskierten Reiter zwischen den Büschen sah. Sie beschossen die Lok. Der Fahrtwind trieb den Rauch aus dem Schlot an den Waggons vorbei. Als Dan wieder Sicht bekam, waren die Maskierten verschwunden. Die Gestänge hämmerten mühsamer.

»Coburn hat’s erwischt!«, gellte der Heizer.

Eine Flammenwalze brauste dem Zug entgegen. Rauch verhüllte die Berge. Flannagan löschte das Zigarillo.

»Ich muss auf die Lok. Geben Sie mir Feuerschutz, Kelly!«

Er schwang sich auf die Eisenleiter und kletterte mit der Winchester aufs Dach. Kein Schuss fiel.

»He, was ...«, begann Flannagan, als Dan ihm folgte. Der blonde Preiskämpfer grinste. »Vielleicht interessiert Sie’s, dass ich nicht bloß Deputy, Postkutschenbegleiter, Holzfäller und Kuhtreiber war, sondern ein halbes Jahr als Heizer auf ’ner Lok fuhr. Der Maschinist war mein Freund. Er hat mir ’ne Menge mehr als Kohlenschaufeln beigebracht.«

Der Marshal starrte ihn an, dann wandte er sich nach vorn. Die Feuerwand füllte die ganze Talbreite.

Von Dach zu Dach erreichten Dan und der Railroad Marshal den Tender und von dort die Lok. Der Heizer kniete neben dem bewusstlosen Maschinisten. Er erschrak, als er Dan sah.

»Ein Freund«, beschwichtigte Flannagan.

Dan überprüfte sofort den Druckmesser, dann legte er den Fahrthebel um.

»Wir brauchen mehr Dampf.«

»An die Arbeit, Stilwell!«, befahl Flannagan. Schwankend richtete der Heizer sich auf. Die Flammenwalze war nur mehr zweihundert Yard entfernt.

»Das Dynamit ...«

Flannagans Blick genügte. Hastig griff er zur Schaufel. Der Hebel stand auf volle Fahrt. Das Feuer würde den Zug einholen. Sie mussten durch.

Die Gestänge dröhnten, die Räder rollten schneller. Gebannt blickte Dan auf die Flammen.

Die plötzliche Hitze, als die Lok in die Feuerwand riss, raubte ihm den Atem. Flammen züngelten empor. Rauch drang in den Führerstand. Der Heizer zog die Jacke über den Kopf.

Da öffnete Dan das Ventil. Der herauszischende Dampf dämmte das Feuer zurück. Funken bissen sich an den Waggonwänden fest. Aber die dicken Bohlen schützten das Dynamit. Dan hatte, als er den Waggon verließ, die Schiebetür geschlossen. Die Sekunden, in denen die Männer auf der Lok nur Flammen und Rauch sahen, dehnten sich.

Dann lichteten sich die Schwaden. Frische Luft strömte herein. Die Talsohle war von verkohlten Buschskeletten übersät. Da und dort loderten noch Flammen. Glutreste lagen überall. Die Schwellen auf dem letzten Waggon brannten, aber es würde kein Problem sein, ihn abzukoppeln. Dan schaltete auf halbe Fahrt. Eine Weile war nur das Grollen der Räder zu hören. Flannagan wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Sie sind ein Teufelskerl, Kelly!«

Dan grinste. »Und wir sind jetzt quitt.«

 

 

5

Maureen O’Haras grüne Augen funkelten. Eine feuerrote Mähne umwallte das rassige Gesicht. Die Wangenknochen waren hoch angesetzt, der sinnliche Mund ein bisschen zu breit. Das eng anliegende Kleid betonte volle Brüste und üppige Hüften. Ausschnitt und Saum waren rüschenverziert. Ansonsten trug die »Silverstone Queen« nur eine Perlenkette als Schmuck. Ihre Stimme klirrte.

»Nur ein Narr würde das Angebot ablehnen, Randlett. Sehen Sie sich den Vertrag doch erst mal an! Sie werden feststellen, dass ich Sie mit derselben Summe an meinem Frachtgeschäft beteilige, die die Bahn Ihnen zahlt. Sie haben für immer ausgesorgt.«

»Bis sie mich mit ’ner Kugel oder ’nem Messer zwischen den Rippen in irgendeinem Winkel finden.« Tom Randlett füllte mit zittriger Hand sein Glas. Ein Netz von Schweißperlen bedeckte das fleischige Gesicht des mittelgroßen, bulligen Mannes. »Ich lass mich nicht ködern.«

Die Vormittagssonne schien in Randletts Office. An den Wänden hingen Karten, Listen und Zeichnungen. Morrison, Randletts erster Ingenieur, blickte besorgt zum Fenster. Raue Stimmen wehten herein. Die Bahnbauarbeiter versammelten sich vor dem Blockhaus, statt mit dem Baustellenzug das Camp zu verlassen. Maureen achtete nicht auf den Lärm. Ein Zug kalter Verachtung umspielte ihre Lippen.

»Sie wissen so gut wie ich, Randlett, dass Sie die Strecke durch den Deadman Canyon zum festgesetzten Termin nicht schaffen - sonst hätten Sie nicht wieder zu trinken begonnen.«

Randletts Finger pressten sich um den Drink.

»Es war ein Fehler von Ihnen herzukommen«, stieß er mit einer Kopfbewegung zum Fenster heiser hervor. »In der Nacht wurde wieder einer von meinen Arbeitern erschossen. Die Männer kommen von seiner Beerdigung.«

Die Stimmen wurden lauter. Die Pferde vor Maureens Wagen wieherten. Der Revolvermann, der die attraktive Frau begleitete, konnte sie nur mit Mühe am Durchgehen hindern.

»Zurück, verdammt noch mal!«, schrie er. »Bleibt vom Wagen weg, sonst gibt’s Zunder!«

Flüche antworteten. Das Gesicht der etwa dreißigjährigen Frau zeigte keine Unsicherheit.

»Sie würden es bedauern, Randlett, wenn mir was zustieße. Ich dräng mich nicht auf. Doch wenn Sie jetzt nicht unterschreiben, gibt’s kein zweites Angebot. Werfen Sie mir dann nicht vor, ich hätt Ihnen keine Chance geboten.«

Der Bahnbauboss zerriss den vorbereiteten Vertrag. Wie ein Verdurstender stürzte er dann den Drink hinab. Schweigend wandte Maureen sich zur Tür. Da krachte ein Schuss. Ein mehrstimmiger Wutschrei schallte. Die Pferde wieherten abermals.

»Verdammt!« Randlett wollte sich erheben, stieß das Glas um und sank schnaufend zurück.

»Verschaffen Sie ihr freie Fahrt, Morrison!«, befahl er mit schwerer Zunge. »Wir sind kein Lynchmob.«

Der grauhaarige Ingenieur folgte Maureen vor das Blockhaus. Er sah nur mehr das Leuchten ihres roten Haares, dann wurde er von stämmigen, derb gekleideten Männern an die Wand gedrängt.

»Misch dich nicht ein, Morrison!«, zischte Kilroy Brooker, der hünenhafte Vormann der Planieren. »Das Miststück hat Jerry auf dem Gewissen. Er war mein Freund. Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht Rechenschaft von ihr fordere!«

Der Schatten knorriger Steineichen lag auf den Zelten, Hütten und Waggons. Wütende Rufe schwirrten über den Platz. Hundert Bahnbauarbeiter umdrängten den leichten Ranchwagen. Schwielige Fäuste hielten die Pferde. Maureens Begleiter rappelte sich neben dem Fahrzeug auf. Sein Stetson lag am Boden. Das am Oberschenkel festgebundene Holster war leer. Ein erdverkrusteter Arbeiterstiefel stieß die Waffe unter den Wagen. Ein Stein flog aus der Menge und traf den dunkelhaarigen Revolverschwinger. Plötzlich setzte das Johlen aus. Die Blickte richteten sich auf Maureen.

»Ich hatte dich zu meinem Schutz mitgenommen, Jay, aber du kannst nicht mal auf dich selbst aufpassen.«

»Ma'am, diese verdammten ...« Der nächste Stein traf ihn. Er taumelte gegen den Buggy. Maureens Miene war starr. »Du bist entlassen, Jay. Ich will dich in Silverstone nicht mehr sehen.«

Hohngelächter brandete auf. Die Gesichter ringsum waren erhitzt. Maureen nahm die Zügel. Da umfasste Brookers behaarte Pranke ihren Arm.

»Keine Hektik, Lady!« Der Planierer-Vormann stand groß und massig vor ihr. »Ich schlag vor, dass du im Camp bleibst, bis wir die Schienen durch den Canyon verlegt haben. Vielleicht sind wir dann vor der Killerbrut sicher.«

Zustimmung erklang, Pfiffe schrillten. Der Großteil der Männer schwieg jedoch. Bedenken zeichneten die Gesichter. Jay verschwand. Niemand beachtete ihn mehr.

»Lassen Sie mich los!«, fauchte die Queen.

»Ich werd’ dich schon zum Reden bringen. Kein ...«

Brooker fluchte, als Maureen mit der freien Hand einen doppelläufigen Derringer aus der Faltentasche ihres Kleids zog.

»Loslassen!«

Der Hüne trat zurück, aber als Maureen den Buggy besteigen wollte, schnappte seine Rechte zu. Er entwand ihr die Waffe. Mit rauem Lachen fing er Maureens Fäuste ab. Seine Männer feuerten ihn an.

»Na warte, dich zähmen wir schon!«, schimpfte er, als Maureen ihn gegen das Schienbein trat. »Clem, Nat, schafft Stricke her! Wir sperren sie in den ...«

Details

Seiten
122
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943504
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
railroad-champ
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Titel: Railroad-Champ