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Wo das Nordlicht leuchtet

2020 191 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wo das Nordlicht leuchtet

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

Wo das Nordlicht leuchtet

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 191 Taschenbuchseiten.

 

Als Jeff Mohnes als Zeuge eines Postkutschenüberfalles vor dem Richter steht, um gegen den bekannten und berüchtigten Banditen Jed Hegg auszusagen, da widerruft er seine erste Aussage, obwohl er weiß, wer der Täter ist, wer für den Tod seiner Frau verantwortlich ist. Er muss schweigen, denn diese Banditen haben ihn in der Hand. Erst als ein Fremder in die Stadt kommt, ein Revolvermann von besonderen Graden, der alles andere als ein Freund des Banditenanführers und seiner rauen Horde ist, schöpft Jeff Mohnes neue Hoffnung. In einer Verfolgungsjagd ohnegleichen hetzen sie beide, getrennt zwar, doch unentwegt, das Banditengesindel bis hinauf in den hohen Norden. In Eis und Schnee, im Lande der Mitternachtssonne, vollendet sich das Schicksal von Jägern und Gejagten.

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Hugo Kastner

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

„Wollen Sie nun aussagen oder nicht?“

Gewichtig fielen diese Worte, gleich Hammerschlägen. Die knisternde Spannung im Raum erhöhte sich. Niemand sprach mehr. Das Schweigen lastete über den Menschen, die der Verhandlung beiwohnten. Sie schienen alle nur darauf zu warten, dass der Mann, der jetzt in den Zeugenstand trat, ihnen eine Sensation verkünden würde. Jeder schwieg, um ja kein Wort des Zeugen zu überhören.

Tabakrauch wallte zur verräucherten Decke, die von braunschwarzen Balken getragen wurde. Niemanden störte es, dass Pfeifen und Zigaretten weiter glimmten, dass die Luft dicker wurde und der Richter bereits hustete.

Nun, vielleicht räusperte sich der Richter nur, um ihn, Jeff Mohnes, erneut aufzufordern, endlich den Mund aufzumachen. Dessen hellgraue Augen bewegten sich, sein Blick huschte über die Zuhörer, die Geschworenen und den Richter, um dann endlich auf dem Mann haften zu bleiben, der selbstsicher und gelassen auf der Anklagebank saß.

Jeder kannte Jed Hegg, kannte sein herausforderndes Lächeln, das er gerade jetzt dem Zeugen zeigte. Die Ruhe und Gelassenheit waren nicht geschauspielert. Ihm schien es nichts auszumachen, dass er auf der Anklagebank saß. Schuldbewusstsein und Reue waren wohl Begriffe, die er nur vom Hörensagen kannte.

„Wenn man das Ganze so betrachtet, könnte man glauben, dass Mohnes der Angeklagte und er der Zeuge ist, der den Mordbuben identifizieren soll“, hörte man die leise Stimme eines Mannes aus der Zuschauermenge in den Raum dringen. „Worauf wartet Mohnes eigentlich?“

Ja, worauf wartete Mohnes? Diese Frage war sehr berechtigt und beschäftigte nicht nur die Menschen, die die Jury bildeten, sondern auch alle anderen, die gekommen waren, um endlich zu erleben, dass ein Augenzeuge jenen Mann identifizierte, der zusammen mit einigen Komplicen als der Schrecken Montanas galt. Vier Postkutschenüberfälle sagte man den Banditen nach. Viermal war ihnen nicht nur viel Geld als Beute in die Finger gefallen, sondern viermal war auch der Tod aus diesen Verbrecherhänden gerast und hatte fast alle, Fahrer, Beifahrer und Passagiere geholt. Am Tatort blieben nur die Toten und die Trümmer der Stagecoach zurück. Viermal waren Aufgebote und Spurenleser unterwegs gewesen, um die Mordbande zu stellen und einzufangen und dem Gesetz zu übergeben, doch immer umsonst. Die Spuren verwehten, und die Aufgebote mussten unverrichteter Dinge umkehren. Die Spurenleser hatten versagt.

Viermal hatten die Mordbanditen zugeschlagen, doch beim vierten Mal hatte man Jeff Mohnes, den die Banditen für tot gehalten und unter den Trümmern der Stagecoach liegengelassen hatten, hervorgezogen und kaum begreifen können, dass er der einzige Passagier war, der auf wundersame Art den Sturz der Stagecoach in den Abgrund lebend überstanden hatte. Sollte das ein Wink des Schicksals sein?

Jeff Mohnes hatte nur ein paar Quetschungen, eine leichte Gehirnerschütterung, doch außer einem nicht sehr großen Schock weiter nichts abbekommen. Drei Kerzen hatte er später der Madonna in der kleinen Stadtkirche geopfert. Eine Stunde lang hatte er nach seiner Befreiung aus den Trümmern der Stagecoach auf alle Fragen der Aufgebotsmannschaft, die ihn gefunden hatte, nichts zu antworten gewusst, hatte die toten Gespannpferde angestarrt, die oben am Schluchtrand liegengeblieben waren, nachdem die Banditen sie von dem Geschirr losgeschnitten und erschossen hatten. Ganz hart am Schluchtrand lagen sie, so dass die Läufe der Tiere sogar über ihn hinausragten.

Jeff Mohnes hatte dem Stagecoachfahrer dabei geholfen, sie anzuschirren. Nun waren sie tot. Der Fahrer, der Wachbegleiter und die Passagiere, ein Toter nach dem anderen wurde von den Männern des Aufgebots aus den Trümmern in der Schlucht geborgen. Es war schrecklich, sie anzuschauen. Mancher war nicht mehr wiederzuerkennen. Decken verhüllten bald die Toten.

Als man Jeff Mohnes’ Frau unter den Trümmern hervorzog, schrie er von Grauen gepeinigt wie ein Tier in höchster Not auf, um dann jedoch gleich wieder zu verstummen. Er hatte die Tote an sich gerissen, so als wollte er sie nimmermehr hergeben, als könnte er nicht begreifen, dass das Leben aus ihr gewichen war, dass ihr weiches, strahlendes Lächeln mit dem Glanz ihrer Augen für immer erloschen war und ihr Mund nie mehr küssen würde. Nur sein Schluchzen war zu hören gewesen, und die Nahestehenden hörten ihn immer und immer wieder ihren Namen flüstern. Man hatte ihm die Tote schließlich mit sanfter Gewalt aus den Armen nehmen müssen. Doch wer glaubte, dass er zusammenbrechen, schluchzend in sich zusammenfallen würde, musste die Haltung dieses Mannes bewundern: Er blieb aufrecht stehen, in seinem bleichen Gesicht zuckte es, aber keine Träne schaffte Erleichterung. Verschlossen war sein Gesicht, von tiefen Linien zerfurcht. Es zeigte sich ein Mann, der nach dem grausigen Geschehen um Jahre gealtert schien. Man konnte kaum noch glauben, dass dieser Mann Jeff Mohnes war, fünfundzwanzig Jahre alt, ein Bürger der Stadt, den sie alle kannten und der nach einigen Jahren Fernsein mit seiner jungen Frau zurückgekommen war, um sie seinem Vater vorzustellen. In der alten Heimat wollte er mit seiner jungen Frau eine Existenz aufbauen. Doch dieses Vorhaben scheiterte, bevor es recht begann.

Was mochte hinter seiner hohen Stirn, die wie gemeißelt wirkte, vorgehen? Nur der Himmel mochte es wissen. Wer konnte sich auch schon in seine Lage hineinfühlen?

Würde er jetzt aussagen? Würde er das bestätigen, was er in der ersten Vernehmung gesagt hatte, dass er Jed Hegg als Anführer der Mordbande erkannt habe? Jed Hegg, von dem man das am wenigsten erwartete. Jed Hegg, der ein geachteter Bürger der Stadt war, zwar ein wenig arrogant, überheblich, ein wenig kalt und dessen herausforderndes Lächeln nicht jedermann behagte, doch der ansonsten eine Menge Freunde hatte. Jed Hegg, den man nach der ersten Aussage von Mohnes in seinem Büro gestellt und festgenommen hatte.

Würde Jeff Mohnes seine Aussage aufrecht erhalten? Schwere Lasten schienen auf seinen Schultern zu liegen. Der Tod seiner Frau, ihre Beerdigung, die schlimme Krankheit seines alten Vaters, all das waren Belastungen, die auch einen sonst starken Mann niederdrücken konnten.

„Denken Sie daran, dass Ihre Aussagen unter Eid stehen“, hörte man den Richter sagen.

„Uns ist bekannt, dass Sie früher schon einen Streit mit Jed Hegg hatten. Ich mache Sie darauf aufmerksam, Mohnes, dass der gegnerische Anwalt betonte, dass billige Rachegedanken Sie dazu verleiten könnten, eine Schuld dem Manne aufzubürden, der Ihnen immer schon im Wege stand. Haben Sie Jed Hegg eindeutig erkannt? Sind Sie ganz sicher, dass er der Anführer war? Denken Sie daran, Mohnes, dass sich das schreckliche Geschehen in wenigen Augenblicken abspielte, dass ein Mensch gerade in solchen Augenblicken irren kann. Wie sehr Sie Hegg belasten, ist Ihre eigene Sache, und Sie wissen selbst, dass eine einzige Zeugenaussage nicht genügt, um einen Mann zu überführen“, meldete sich Heggs Anwalt. „Sie sollten sich daran erinnern, dass Hegg ein angesehener Bürger unserer Stadt ist, der es nicht nötig hat, seinen Lebensunterhalt durch Raubüberfälle zu verdienen. Hegg hat ein gutgehendes Maklergeschäft, er besitzt zwei Saloons und einen Mietstall und beschäftigt mehr als ein Dutzend Angestellte. Denken Sie daran, Mohnes, wie lächerlich Ihre Beschuldigung ist. Es liegt der Verdacht nahe, dass Sie ihn nur verdächtigen, weil Ihnen jetzt die Möglichkeit gegeben ist, sich an ihm zu rächen!“

Mohnes zuckte mit keiner Wimper. Er hatte weder den Richter noch den gegnerischen Anwalt unterbrochen. Sein Schweigen war wie eine Mauer, die er vor sich selbst aufgerichtet hatte, und an der alles abzuprallen schien. Seine Lippen waren rissig und aufgesprungen. Er befeuchtete sie und sog daran, aber er verharrte immer noch in seinem düsteren Schweigen, wobei sein Blick nicht von Hegg loskam.

„Hegg lebt über seine Verhältnisse“, meldete sich Mohnes’ Anwalt, indem er sich von seinem Platz erhob. „Man braucht sich nur in der Stadt umzusehen und herumzuhören, um allerlei gewahr zu werden. Mister Hegg gibt mehr aus, als seine Betriebe einbringen können. Er schuldet vielen seiner Angestellten einige Monatslöhne. Man weiß, dass er viel auf Reisen ist, dass er einen Hang zum Spielen besitzt, ja, dass er geradezu besessen ist, an gewagten Spielen teilzunehmen. Hinzu kommt die Tatsache, dass er mit dem Postofficehalter eng befreundet ist und von ihm also immer in Erfahrung bringen konnte, wann wertvolle Geldtransporte mit der Stagecoach durchgeführt wurden. Der Verlust bei allen vier Geldtransporten ist bekannt. Dreißigtausend Dollar sind kein Pappenstiel, und selbst ein angeblich wohlhabender Mann kann bei einer solchen Summe sehr wohl weich werden. Mister Mohnes, Sie müssen aussagen! Die reine Wahrheit muss ans Tageslicht kommen. Denken Sie auch an die Geschädigten, an die Toten, das Leid und den Kummer, der über die Bevölkerung kam. Denken Sie daran, dass solchen Mordschuften keine Gnade zukommt und jeder sich gegen das Gesetz stellt, jeder der menschlichen Gemeinschaft Schaden zufügt, der solchen Schurken das Wort redet, sie deckt und schützt!“

„Ich habe meine Frau verloren, Sir“, erhob nun Mohnes seine Stimme, in der ein bitterer Klang lag. „Ich wüsste nicht, warum ich Schufte schützen sollte.“

„Dann sagen Sie, was Sie zu sagen haben, sagen Sie es frei heraus! War Hegg der Anführer?“, forderte Mohnes’ Anwalt.

Die Spannung hatte sich bis ins Unerträgliche gesteigert. Es knisterte förmlich in der Luft. Die Menschen von Hobson wagten kaum noch zu atmen. Sie alle blickten auf Mohnes. Sicherlich hatten sie schon lange nicht mehr ein so aufregendes Schauspiel erlebt. Sie genossen es, wie es Menschen tun, die im Trott beim täglichen Einerlei wenig Abwechslung haben. Die große Zeit von Hobson, der kleinen Stadt an den Big-Belt-Mountains-Ausläufern, war längst schon vorbei. Es wurden kaum noch Saphire in den Hügeln gefunden. Die blau leuchtenden Edelsteine kamen kaum mehr ans Tageslicht, und wenn auch immer noch Edelsteinsucher die Hügel umwühlten, die Ausbeute war kaum nennenswert. Der große Saphirrausch war längst vorbei. Der gleichförmige Trott des Alltags hatte auch Hobson in sein ewiges Einerlei eingeschlossen, bis die Hiobsbotschaften der dreisten Raubüberfälle die Bevölkerung erschütterten.

Ja, man wartete. Die Blicke der Menge saugten sich fest an dem bleichen Mann, auf dessen Stirn kalter Schweiß sichtbar war. Man sah, wie sich Mohnes straffte und noch höher im Zeugenstand aufrichtete. Dann hörte man ihn sagen: „Ich muss mich geirrt haben. Der Anführer der Bande hatte wohl eine gewisse Ähnlichkeit mit Jed Hegg.“

Seine Stimme brach ab, und ein böses Raunen ging durch den Raum. Empört ließ sich eine Stimme vernehmen: „Himmel und Hölle, das soll die reine Wahrheit sein, Mohnes? Schlottern dir die Knie, dass du uns zum Narren halten willst?“

Ein anderer Sprecher rief zornentbrannt: „Wie viel hat dir Hegg für die Berichtigung deiner ersten Aussage gezahlt, Mohnes? Versuch dich zu erinnern, wie viel Leid dir zugefügt wurde! Denke auch an deine Frau!“

„Seine Frau ist tot“, kam die Erwiderung aus der Zuschauermenge. „Mohnes, wie hoch ist die Summe? Jeder Mann ist käuflich, sagte mir einmal mein Freund Red Penn. Er hat sich nicht geirrt. Pfui Teufel, Mohnes, jetzt hast du Hegg den Freispruch gegeben. Besinn dich wieder. Wir kennen den Schuft doch alle!“

Mohnes gab keine Antwort. Er hatte seinen Blick gesenkt und stand ganz still im Zeugenstand. Das triumphierende Lächeln in Heggs Gesicht verstärkte sich. „Das ist die Wahrheit, Gents“, sagte er mit seiner tiefen, rollenden Bassstimme zur Jury gewandt. „Der gute Mohnes hat sich geirrt.“ Mit einer lässigen Bewegung strich er sich über sein rotes, krauses Haar. Sein Blick wanderte von Mohnes über die Menge zu einem am Eingang des Raumes, nahe der Schwingtür stehenden Mann, der mit dem Rücken zur Wand lehnte.

„Dass ich unschuldig bin wird vor allem dir, Dan Bailey, nicht gefallen!“, rief er in den Raum hinein, so dass niemand den Hohn in seiner Stimme überhörte. „Du hättest dir den Weg von Texas hinauf nach Montana ersparen können, Dan Bailey. Der heutige Tag hat es wieder einmal bewiesen, dass mein Grab noch nicht geschaufelt ist. Kehre um, Bailey!“

Der Mann an der Schwingtür regte sich nicht und gab keine Antwort. Er stand in einer düsteren Gelassenheit da, als wäre er in seinen Gedanken weit fern und in eine andere Welt versunken. Er tat so, als wäre er nicht gemeint. Er blickte Hegg an, doch er schien durch ihn wie durch Glas hindurchzusehen. Er sah Hegg nicht, obwohl er in seinem Blickfeld stand. Die meisten Menschen hatten diesen Mann noch nicht in Hobson gesehen. Nur wenigen war bekannt, dass er vor zwei Tagen auf einem Rappen in die Stadt geritten kam, um sich gegenüber Heggs Büro in einer schäbigen Hütte einzuquartieren.

Der ganz in Schwarz gekleidete Fremde trug den breitkrempigen hohen Stetson, wie er auf texanischen Weiden von den Cowboys getragen wurde. Eine gefärbte Schlangenhaut hatte die Stetsonkordel ersetzt. Doch das war nicht das Auffälligste an diesem Mann. Nein, auffällig waren seine 45er Colts, die, an den Kolben gekerbt, in offenen Halftern steckten und so tief getragen wurden, wie nur Revolvermänner es sich erlauben konnten. Die erstaunten Blicke der Menschen schienen Dan Bailey nicht im mindesten zu beeindrucken. Sie konnten ihn nicht aus seiner Versunkenheit aufscheuchen. Seine dunklen, fast schwarzen Augen behielten ihren weltfernen Blick.

„Ein Träumer! Wozu Hegg nur mit dem Kerl redet! Kennt ihn etwa jemand?“, vernahm man eine Stimme aus dem Zuhörerkreis. Während einige Männer die Köpfe schüttelten und die Schultern zuckten, zog sich die Jury bereits in ein Nebenzimmer zurück. Das Gericht würde beraten und dann den Freispruch verkünden. In wenigen Minuten würde Hegg wieder auf freiem Fuß sein. Die Hoffnung der Bevölkerung war dann zerschlagen, dass ein Zeuge der entsetzlichen Überfälle endlich Licht in diese schlimme Sache bringen konnte. Das Schreckliche lag weiter im Dunkeln, gleich einem Ungeheuer, das aus dem Hinterhalt wieder hervorbrechen und neue Opfer zur Strecke bringen würde. Der einzige Zeuge hatte versagt. Was würde nun weiter geschehen?

Die Enttäuschung war viel zu groß, als dass man sich den Fremden noch länger ansah. Nur ein alter, grauhaariger Mann schaute aufmerksam zur Schwingtür hinüber und betrachtete sich Bailey genau. Dann sagte er leise zu seinem Nebenmann: „Wenn das Dan Bailey, der Revolvermann ist, hat man ihn auf eine heiße Fährte gesetzt. Er kam nicht ohne Grund von Texas nach Montana.“

„Du siehst zu schwarz, mein Freund.“

„Lass uns gehen“, sagte der Alte mit der Geiernase noch leiser, als fürchtete er sich vor einem Lauscher in der Nähe. „Hegg war vor vier Jahren einmal in Texas. Er erwähnte es beiläufig.“

„Nate, was ist mit dir los? Du bist so blass geworden.“

„Höre, Brad, ich habe genug von Bailey gehört und kann mir einen Vers machen. Hegg scheint ihn zu unterschätzen. Vielleicht war sein Gastspiel in Texas nicht lang genug, und er sammelte zu wenig Erfahrung. Vielleicht musste er Texas zu schnell verlassen. Irgendeiner hat Bailey auf Heggs Fährte gesetzt, das ist für mich so sicher wie die Tatsache, dass die Nacht dem Tage folgt.“

„Bailey ist ein Einzelgänger?“

„Gewiss.“

„Dann wird er uns wenig Sorgen machen. Die Kugel für ihn steckt in meinem Revolver bereit.“

„Brad, mach nicht den gleichen Fehler wie Hegg, nämlich Bailey zu unterschätzen. Der Mann ist mit allen Wassern gewaschen. Lenk seine Aufmerksamkeit nicht auf uns. Der kleinste Anhaltspunkt bringt diesen Mann auf unsere Fährte. Ich warne dich, Brad!“

„Kennt er dich etwa?“

„Nein, in Texas war ich nicht mit Hegg zusammen.“

„Um so besser! Dann verliere nicht den Kopf. Du wirst langsam alt und sonderlich.“

„Kann schon sein, Brad, kann schon sein. Hegg ist frei und aus der Schlinge heraus. Solange er mit diesen Spießbürgern zu tun hat, kann man nur lachen, doch bei Baileys Anblick ist mir das Lachen vergangen. Bailey ist aus ganz anderem Holz geschnitzt, Brad.“

„Er wirkt wie ein Cowboy.“

„Das war er auch einmal, Brad“, sagte Nate, der Mann mit der Geiernase. „Ich habe einmal gehört, dass er zur Geteilten-H-Mannschaft gehörte und die Treibherden nach Kansas brachte. Es gab keine verwegenere, entschlossenere Mannschaft als diese Treibherdenboys, die auf eigene Rechnung arbeiteten. Es gab auch keinen Rancher, der gezögert hätte, dieser Mannschaft seine Herde anzuvertrauen. Er konnte dann sicher sein, dass sie mit sehr geringen Verlusten ans Ziel, zu den Absatzmärkten nach Abilene und Dodge gebracht wurde. Der Boss der Treibherdenmannschaft aber war Dan Bailey.“

„Um so schlimmer für ihn“, erwiderte der Mann mit dem Vornamen Brad. „Mein Bruder ritt für Jeremias Mose in der Vierstaatenbande. Man sagt, dass die Vierstaatenbande durch eine Treibherdenmannschaft bis auf den letzten Mann von der Welt gefegt wurde.“

„Und?“

„Was heißt und? Natürlich weiß ich nicht, welcher Treibherdenmannschaft ich den Tod meines Bruders zur Last legen kann, aber das macht auch nichts aus. Treibherdenboys sind alle irgendwie aufgeblasene, ruppige Burschen, und ihre Anführer ebenfalls. Dieser Bailey soll sich in Acht nehmen!“

Brad Mundt wurde von dem alten geiernasigen Mann auf die Schulter geklopft, und im gleichen Augenblick hörte er ihn sagen: „Bailey ist fort. Eben stand er noch neben der Schwingtür, und jetzt ist er wie weggeblasen. Ich will nicht hoffen, dass er unsere Witterung aufgenommen hat. Der Kerl gleicht einem einsamen Wolf, der die Gefahr auf einige Meilen gegen den Wind wittert. Ah, jetzt kommt der Boss, sie haben ihn freigesprochen.“

Das war in der Tat so. Hegg war freigesprochen. Die Jury war zurückgekommen und hatte es ohne viel Aufhebens verkündet.

Hegg kam auf die beiden Männer zu. „Erspart euch die Gratulation“, sagte er zu ihnen, „sagt mir gleich, wo dieser Bailey geblieben ist.“

„Er hat das Ende der Verhandlung nicht abgewartet.“

„Ist Mohnes gegangen?“

„Wir haben nicht darauf geachtet, Boss“, wurde ihm von Brad Mundt, dem Fahlgesichtigen geantwortet. „Mohnes hat schwer eingesteckt und ist wie ein Coyote davongegangen.“

„Um zu fliehen“, sagte Hegg leise, so dass nur seine Komplicen ihn verstehen konnten. „Der Druck, den wir auf seinen Vater ausübten, wirkte Wunder, doch auf Wunder verlasse ich mich nicht. Wir werden nachhelfen müssen. Solange er lebt, sind wir in ständiger Gefahr, und das kann ich mir nicht leisten und noch weniger, dass Bailey sich mit Mohnes in Verbindung setzt.“

„Das wird Bailey bestimmt versuchen“, entgegnete Nate Harring. „Bailey aber würde nicht den Mund halten. Bailey fürchtet sich vor Tod und Teufel nicht!“

„Kommt!“, unterbrach Hegg den Alten mit verzogenem Gesicht. „Mag Bailey keine Furcht haben, uns aber wird er fürchten lernen. Kommt nur, wir haben keine Zeit zu verlieren!“

 

2.

Inzwischen hatte Bailey vor dem Saloon gewartet, bis Jeff Mohnes herausgekommen war. Mohnes hatte sich nicht umgesehen. Sein verstört wirkendes Gesicht, die nervöse Hast, mit der er sein Pferd bestieg, die Zügel ergriff und davongaloppierte, zeigte nur zu deutlich, in welch großer Erregung er sich befand. Es hielt ihn nicht länger in der Stadt, in der er seine erste Aussage vor Gericht zurückgezogen und eine neue gemacht hatte. Er jagte auf seinem schnellen Pferd, und Bailey, der ihn davonjagen sah, zog die Augenlider schmal. Er wartete nicht erst, bis der andere mit seinem Pferd aus dem Blickfeld verschwand, sondern setzte sich sofort in Bewegung. Auffallend war, dass er danach trachtete, aus dem Blickfeld der Mainstreet zu kommen. Hinter den Häusern bewegte er sich bald weiter. Kleine Hecken und Zäune, die einzelne Grundstücke begrenzten, übersprang er. Einem schwarzen Wolfshund, der ihm entgegenkam, gestattete er, ihn zu beschnüffeln und setzte seinen Weg weiter fort, ohne von dem Tier belästigt zu werden. Wenig später war er an seinem Quartier angekommen, stand vor dem Hause, in dem er Unterkunft bekommen hatte. Der Besitzer des Hauses, ein weißhaariger alter Mann mit hell blitzenden Augen, saß auf einer Bank und besserte einen alten Sattel aus. „Mister Metting!“

Der Alte sah sogleich von seiner Arbeit auf. Er hatte den Sprecher, der lautlos herangekommen war, nicht gehört und schien ein wenig überrascht zu sein.

„Haben Sie mich erschreckt, Bailey“, sagte er. „Ein Indianer hätte es nicht besser machen können. Sie sind doch nicht auf dem Kriegspfad? Das ist doch alles längst vorbei. Sie hätten Rücksicht auf meine strapazierten Nerven nehmen müssen. Wenn ich mich erschrecke, klopft mein Herz so sehr, dass ich es in der Kehle schlagen fühle.“

„Schlechte Erfahrungen gesammelt, Metting?“

„Ich kann es nicht leugnen. Damals …“ Sicherlich hätte der Alte jetzt eine lange Geschichte erzählt, doch Bailey hatte allen Grund, sie nicht anzuhören, nicht aus Unhöflichkeit oder Taktlosigkeit, sondern weil er es sehr eilig hatte.

„Als ich hierherkam, gefiel Ihnen mein Rappe, und Sie äußerten, dass Sie ihn haben möchten. Haben Sie immer noch diesen Wunsch?“

„Aber gewiss, sicher! Das Tier ist zwar völlig ausgepumpt und müde, und es braucht lange Zeit, um wieder voll einsatzfähig zu sein.“

„Weil es so ist, schlage ich Ihnen einen Tausch vor: Für den Rappen Ihren brandroten Wallach, Metting. Einverstanden?“

„Bailey, es ist kein guter Tausch für Sie. Nehmen Sie die Falbstute oder den Apfelschimmelhengst. Beide sind besser.“

„Nicht für meinen Zweck, für einen Mann, der einen langen Ritt vor sich hat, Metting.“

„Oh, verstehe! Bei einer Stute und einem Hengst muss man mit Überraschungen rechnen. Manchmal zeigt sich, dass die Natur bei ihnen stärker ist als der Wille des Reiters. Doch, wollen Sie uns verlassen, Bailey? Hat der Pferdehandel etwa einen Haken?“

„So ist es, nämlich den, dass es für den Mann, der nach meinem Rappen schauen wird, eine Überraschung geben wird, dass er noch hier ist. Dieser Mann wird Sie fragen, ob ich in der Stadt bin, und Sie werden mit ja antworten, Metting, und dann sagen Sie dem Mann, er soll sich den Sattel des Rappen genau anschauen!“

„Bailey, steckt auch nicht etwas Besonderes dahinter?“

„Nichts Schlimmes für Sie, doch für einen anderen Mann, Oldman. Das wäre alles. Ist der Tausch perfekt?“

„So eilig?“

„Tut mir leid, Metting. Habe mich bei Ihnen sehr wohl gefühlt, und es tut mir aufrichtig leid, dass ich nicht einmal Zeit habe, mich bei Ihrer Frau zu verabschieden, aber die Zeit drängt.“

„Sie haben bei Ihrer Ankunft bereits damit gerechnet, dass die Zeit für Sie einmal knapp werden würde, Bailey. Haben Sie aus diesem Grund Sattelrolle und Packen im Stall gelassen?“

„Genau so ist es, Metting.“

Metting hatte sich erhoben. Er hatte von seiner Arbeit abgelassen und kam jetzt, um Dan Bailey in den Stall zu begleiten. Sicherlich hatte Metting schon allerlei erlebt und war in einem Alter, in dem man einen Gast nicht mit unnützen Fragen belästigt und sich auch nicht mehr über die Verschiedenheit der Menschen wundert.

Er half Bailey beim Aufsatteln und Aufzäumen des roten Wallachs. Dabei sagte er: „Wenn Sie wiederkommen sollten, ganz gleich wann, wird wieder getauscht, und ich nehme den Rotfuchs zurück. Ich kann nicht zulassen, dass ein Gast dermaßen übers Ohr gehauen wird, Bailey. Der Rappe hat den dreifachen Wert.“ Als Bailey nicht antwortete, fuhr er weiter fort: „Was Sie auch davontreibt, meine Frau und ich wissen Ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit zu schätzen. Wir können nur hoffen, dass Sie eines Tages wieder zurückkommen, und dass Sie eines Tages zur Ruhe kommen. Sie sind zu schade dafür, einen Beruf ausüben zu müssen, der eines Tages furchtbar enden muss. Verbrecher zu jagen ist nicht einfach. Mit einem Bein steht man stets im Grabe. Ich will nicht wissen, wem Sie diesmal an den Kragen wollen, Bailey, doch ist solch eine Haltung eines Menschen würdig, der Geist und Gemüt besitzt?“

„Das ist ganz und gar meine Sache!“

„Ich wollte Sie nicht kränken, Bailey. Sicher, Sie haben die Verantwortung dem Gesetz gegenüber. Bevor ich Sie persönlich kennenlernte, machte ich mir ein ganz anderes Bild von dem berühmten und gefürchteten Verbrecherjäger Dan Bailey und hielt ihn für eine Art Menschenfresser. Doch das sind Sie ganz und gar nicht; oder haben Sie zwei Seelen in Ihrer Brust, Bailey, eine freundliche und gütige und eine, die hart wie Stahl ist und keine Kompromisse kennt?“

„Wir alle haben zwei Seiten, Metting, wir alle tragen Gut und Böse in uns, und es kommt nur auf uns selbst an, auf unsere Einstellung, was wir tun, wie wir handeln. Kein Mensch ist nur gut, kein Mensch nur böse. Das wäre zu einfach und würde nur zwei Lager auf der Welt schaffen.“

Der rote Fuchswallach war nun aufgezäumt und aufgesattelt. Er trug den Packen und die Deckenrollen, im Sattelschuh die Winchester. Der alte Mann hatte das Tier aus der Box ins Freie gezogen, und nun schwang sich Dan Bailey auf. Sein Blick glitt zum Stall, dorthin, wo sein alter treuer Gefährte, der hochbeinige Rappe zurückbleiben würde.

„Grüße Blacky von mir, Oldman, und sei gut zu ihm!“, sagte Bailey mit heiserer Stimme und nach einer kleinen Pause sehr kurz und rau: „So long!“ Er tippte mit der Hand an seine Stetsonkrempe und ritt davon, nicht, wie der alte Mann erwartet hatte, in Richtung der Mainstreet, sondern an einem Maisfeld vorbei, an den Schafstallungen entlang, wo er wenig später die Hügel erreichte und in einer Talmulde verschwand.

By Gosh, kaum war er verschwunden, da näherte sich auch schon der Hufschlag eines Pferdes, das von der Mainstreet abbog und geradewegs auf die alte, morsche Hütte zukam. Metting sah den Reiter einen Augenblick später und zwar, als er um die Stallecke bog.

„Nate Harring?“

„Auf ein Wort, Metting“, sagte der Reiter, wobei er sein Pferd vor Metting anhielt. „Ist dein Gast zu sprechen?“

„Dan Bailey?“

„Genau der, Metting!“

„Tut mir leid!“

„Das heißt, dass er davongeritten ist“, schnappte Nate Harring, der Geiernasige.

„Davongeritten?“, sagte Metting. „Das habe ich nicht gesagt. Vor wem sollte er davonreiten, Nate? Wenn es so wäre, hätte ich es doch sehen müssen. Seit einer Stunde repariere ich das Sattelzeug, aber mein Gast war nicht hier …“ Er brach ab. Harrings misstrauischer Blick zeigte ihm deutlich, dass der andere ihm nicht recht glaubte. Harring schwang sich vom Pferd und ging zur Stalltür. Er öffnete sie und spähte hinein.

„Es scheint, als ob ich mich täuschte. Sein Rappe steht noch in der Box. Nichts für ungut, Metting!“

„Nicht der Rede wert, Harring. Wenn du schon da bist, schau dir den Rappen genauer an, vor allem den Sattel seines Herrn. Ich habe einen solchen fein gearbeiteten Texassattel selbst noch nie zu sehen bekommen. Feinste Arbeit, sag’ ich dir.“

„Ich möchte nicht mit Bailey zusammentreffen, er könnte jeden Augenblick zurückkommen und meine Neugier etwas aufdringlich finden.“

„Ich denke, du wolltest etwas von ihm?“

„Das schon, aber wer kennt sich bei Bailey aus, Metting? Der Kerl soll gefährlich sein.“

„Davon habe ich nichts bemerkt, Harring. Er ist die Freundlichkeit in Person.“

„Mag sein, solange man ihm nicht in die Quere kommt.“ Unruhig schaute sich Nate Harring nach allen Seiten um. Er konnte seine Nervosität nicht verbergen. „Sag ihm nichts davon, dass ich hier war und ihn sprechen wollte“, bat Harring. „Meine Zeit ist knapp bemessen, ich muss fort.“

„Ohne dir den Sattel angesehen zu haben? Stimmt etwas nicht?“

Harring schluckte. Man sah deutlich, dass er Furcht hatte und sie nur schwer überwinden konnte. „Nun gut, zeige mir den Sattel. Mit Bailey kann ich später sprechen.“

„Deine Sache, Harring, es interessiert mich nicht, was du von meinem Gast willst. Bailey ist für jedermann zu sprechen, und wenn du etwas weißt, was mit den Postkutschenraubüberfällen

zusammenhängt, und du mit Bailey zusammenarbeiten willst, dann ist das deine Sache. Ich denke, dass Bailey nicht kleinlich ist, und sicher wird er dir bei der Ergreifung der Schufte ein guter Partner sein. Du bist doch wegen einer besonderen Sache hier, Harring?“

Jetzt schluckte Harring noch stärker, wie an einem unsichtbaren Knäuel. Zuerst zogen sich seine Augenlider ganz schmal und zuckten, doch dann musste er wohl erkannt haben, dass Metting nur das sagte, was jeder andere ebenfalls hätte annehmen können.

„Ganz recht, ich habe Bailey etwas Wichtiges mitzuteilen, Metting“, erwiderte Harring. „Doch wie sollte ausgerechnet ich etwas von den Postkutschenüberfällen wissen? Wenn ich etwas wüsste, so hätte ich die große Belohnung, die man aussetzte, nicht übersehen können. Ich hätte vor der Jury ausgesagt; ich hätte wer weiß was unternommen, Freund. Tut mir leid, dass ich Bailey bei dieser Sache nicht helfen kann!“

„Es hätte doch sein können, Harring“, sagte Metting, wobei er mit dem Besucher den Stall betrat. Vor der Box des Rappen blieben beide Männer stehen. „Das ist der Sattel, Harring“, erklärte Metting, indem er auf den Texassattel zeigte, den Bailey absichtlich zurückgelassen hatte. „So einen Sattel sieht man nicht alle Tage!“

Interessiert betrachtete sich Harring den Sattel, dessen Nähte Ornamenten glichen, der mit Silber beschlagen war und auf dem, in Silber gefasst, der Name Loretta Daims stand.

„Ein Männersattel mit dem Namen einer Frau, das sieht man nicht alle Tage. Sicherlich wurde Bailey dieser Sattel von einer Verehrerin geschenkt? In der Tat ein recht prachtvoller Sattel. Einen solchen hätte ich mir auch gern schenken lassen“, sagte Harring grinsend, wobei er noch einmal den Namen las, nur um ihn sich fest einzuprägen.

„War das etwa Dan Baileys Absicht?“, fragte sich Metting. „War der Name der Frau der Schlüssel zu einem Geheimnis, von dem ein bestimmter Mann erfahren sollte. Wenn das so war, warum tat es Bailey? Warum brachte er sich selbst um die Chance, unerkannt an den Mann zu kommen?“ Diese und ähnliche Fragen stellte sich Metting. Ungewollt betrachtete er den Besucher schärfer. Was hatte Nate Harring damit zu tun?

Nate war in einem der Hegg-Betriebe beschäftigt. Er war ein Bürger dieser Stadt, ein sehr zurückhaltender Mensch, der kaum auffiel und keine bedeutende Rolle spielte. – Die Unruhe trieb ihn aus dem Stall hinaus zurück zu seinem Pferde, auf welches er sich sofort schwang.

„Es ist schade, dass ich Bailey nicht antraf“, sagte er vom Sattel her. „Vielleicht komme ich wieder.“

„Soll ich es ihm ausrichten?“

„Nicht nötig, Freund! Ich möchte mich nicht festlegen. So long!“

Harring bemerkte das Kopfschütteln des alten Metting nicht. Sein Weg führte ihn in Richtung Mainstreet. Vor dem Gentlemen Saloon traf er auf die rittbereite Gruppe, die Hegg in die Sättel gebracht hatte. Brad Mundt, Tim Morgan, Bill Billman und John Boissin waren dabei, alles Männer von der rauen und harten Sorte, die in den Betrieben Heggs mit harter Hand regierten. Es war für Harring eindeutig klar, dass Hegg die härtesten aus seiner Mannschaft ausgesucht hatte, weil er irgendwie tief versteckt die große Furcht in sich gespürt hatte. Jeder dieser Begleiter war ein Revolvermann und gehörte zu der Sorte jener Männer, denen man kaum am Tage und schon gar nicht des Nachts begegnen möchte.

Jed Hegg bildete Harring, der sein Pferd vor der rittbereiten Gruppe anhielt, fragend an. „Nun?“ Nur das eine Wort sagte er, aber in diesem Wort lag eine lauernde Bereitschaft.

„Er ist in der Stadt, Boss.“

„Bist du sicher?“

„Seinen Rappen, seinen Sattel, beides sah ich mit eigenen Augen. Deine Befürchtung trifft nicht zu.“

„Um so besser! Wir haben bereits erfahren, dass er nicht mit Mohnes gesprochen hat. Ich hatte recht, der Mann ist halb so gefährlich wie sein Ruf. Man übertreibt immer, wenn es um den Ruhm eines Mannes geht.“

„Abwarten, Boss!“, entgegnete ihm Harring. „Glaubst du? Nun, das ist nicht mehr nötig. Es fand sich bereits ein Dummer, der meine Betriebe kaufte. Für uns ist in dieser Stadt alles erledigt. Vielleicht kommen wir zurück, vielleicht auch nicht. Wir haben auf alle Fälle vorgebeugt.“

„Das Verkaufen war vielleicht ein Fehler, Boss. Es riecht nämlich nach Flucht.“

„Der Verkauf war lange vorbereitet. Zu vielen Leuten war unsere schlechte finanzielle Lage klar. Der Verkauf war richtig“, widersprach Hegg, „doch wir haben nicht die Absicht, außer Landes zu gehen, und darum muss Mohnes für immer schweigen. Reiten wir also!“

Die sechs Mann starke Reitergruppe setzte sich in Bewegung. Die Männer schienen, in düsterem Schweigen versunken, kaum die Umgebung wahrzunehmen. Doch das täuschte.

„Schade um die guten Beziehungen zum Postofficehalter“, wandte sich einer von ihnen an Hegg. „Geben wir damit nicht zu viel auf?“

„Kaum, diese Beziehungen bleiben erhalten. Zur rechten Zeit nutzen wir sie wieder. Im Augenblick ist es gut, wenn etwas Gras über die letzten Vorfälle wächst. Wir reiten nicht sehr weit, Great Falls, Lewiston oder Havre sind Städte, in denen man gut leben kann. Sie sind allerdings nicht weit genug, als dass man Mohnes leben lassen könnte. Der Mann weiß entschieden zu viel.“

„Wer ist mehr zu beachten, Mohnes oder dieser Bailey?“, wollte John Boissin wissen.

Hegg gab zu verstehen: „Mohnes’ Grab ist bald geschaufelt, und mit Bailey werden wir nicht lange fackeln. Es ist sicher, dass er irgendwann hinter uns herkommt; Zeit genug, um eine Falle zu stellen. Heh, was druckst du herum, Harring? Hast du noch etwas zu sagen?“

„Ja“, sagte Harring, „nur eine Frage, Boss. Sagt dir der Name Loretta Daims etwas?“

Es war, als hätte ein Unsichtbarer Hegg mit der Peitsche übers Gesicht gefahren. Er schnellte in den Steigbügeln hoch, wobei sein Gesicht zuerst rot und dann blutleer wurde. Ein Pfeiflaut, gleich einem Stöhnen, kam über seine Lippen. Seine Hände streckten sich aus, seine Finger krallten sich in Harrings Reithemd fest, so dass der Stoff riss und der Wind Harring auf die nackte Haut blies. So schnell, unverhofft wurde Harring gepackt und aus dem Sattel geschleudert, dass er die Zügel nicht mehr festhalten konnte und auch die Steigbügel verlor. Seine Arme bewegten sich, wie nach einem Halt suchend, rudernd durch die Luft. Im nächsten Augenblick stürzte er schwer von seinem erschreckt zur Seite springenden Pferd. Benommen lag er am Boden. Der ganze Trupp war zum Halten gekommen. Überraschung zeigte sich auf den Gesichtern der Raureiter. Mundt hatte mit einem raschen Griff Harrings Pferd eingefangen und hielt das widerstrebende Pferd am Zügel fest. Einige Passanten waren aufmerksam geworden und stehengeblieben. Tim Morgan wischte sich über seinen schwarzen Bart, nahm sein Pferd herum und zog seinen Revolver, den er auf die neugierigen Passanten richtete.

„Geht weiter!“, fuhr er sie an. „Macht, dass ihr verschwindet!“

Mit Tim Morgan hatte Bill Billman ebenfalls sofort begriffen, dass hier etwas den Boss aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, das nicht für fremde Ohren bestimmt war, und auch er trieb die Passanten mit seinem Revolver weiter. Hegg schien das gar nicht wahrzunehmen. Er starrte auf den am Boden Liegenden hinunter und legte seine Hand auf seinen Revolver, dass sich die Knöchel auf dem Rücken der Revolverhand weiß abzeichneten. Der Schock, den der Name Loretta Daims in ihm ausgelöst hatte, war so tief und schwer, dass Hegg die Besinnung und das klare Denken verloren zu haben schien. In solcher Verfassung hatte ihn noch keiner seiner Männer je gesehen. Jedem fiel die schreckliche Entstellung Heggs auf.

„Woher weißt du ihren Namen?“, kam es rau und heiser über seine Lippen. Gelbe Lichter tanzten in seinen Augen. Nur mühsam schien er sich noch beherrschen zu können.

Langsam hob Harring den Kopf aus dem Staub. Angst und Furcht flackerte in seinen Augen. Er nahm kaum die Schmerzen wahr, die nach dem Sturz in ihm waren, denn seine Angst und seine Furcht vor Hegg waren größer, steigerten sich noch, als er in die glitzernden Augen seines Bosses sah, der im Sattel zurückgefallen war und sich nun niederbeugte, bereit zu ziehen, den Colt herauszureißen, zu töten. Eine kalte unheimliche Furcht packte Harring, zwang ihn dazu, fast hysterisch aufzubegehren: „Was kann ich dafür, dass dieser Frauenname auf Dan Baileys Sattel steht, Boss?“

„Was sagst du, auf Dan Baileys Sattel?“, unterbrach ihn Hegg, mit schier sich überschlagender Stimme, in der die ungeheure Erregung des Mannes mitschwang, in dem es wie in einem Vulkan toben musste. Schweißperlen traten auf seine Stirn. Sein Mund hatte sich geöffnet und bewegte sich, als ob er Worte flüsterte. Worte, die indes von niemandem verstanden wurden, denn kein Laut kam über seine Lippen. Zwei steile Falten kerbten Heggs Stirn. Seine Brauen schoben sich zusammen, und in seinen wie irr flackernden Blick kam etwas Ruhe, sehr zu Harrings Erleichterung. Jetzt wagte er es, sich aus dem Straßenstaub zu erheben.

„Es stimmt, Boss, der Name stand auf Baileys Sattel. Wenn du es nicht glauben willst, reite hin und prüfe die Wahrheit meiner Worte nach!“ Harring schlug den Staub aus seiner Kleidung und tastete über sein aufgerissenes Hemd, dann über seine Stirn, auf der die Hautschrammen Blutspuren hinterlassen hatten.

„Wie konnte ich ahnen, dass dich der Name einer Frau so sehr in einen wilden Wolf verwandeln kann, Boss! Ich hätte ihn wahrscheinlich nie ausgesprochen.“

„Boss, was sagt dir der Frauenname?“, wollte Billman wissen.

Die Antwort kam nicht sogleich. Man sah deutlich, dass Hegg Zeit brauchte, um seinen Schrecken, seine Panikstimmung abzuschütteln. Dann aber sagte er vom Sattel her: „Eine lange Geschichte, Boys, die ich euch später einmal erzählen werde. Vier Mann haben mir wegen dieser Lady nachgestellt, und alle vier habe ich auf meinem langsamen Trail nach Norden abschütteln und in ein Grab legen können. Ich dachte, dass ich nun Ruhe haben würde. Vier Brüder waren es, ihre Brüder, die aus dem Leben gingen, und sie machten es mir nicht leicht, denn es waren verwegene Burschen und harte Kämpfer. Ich konnte ihnen nur nach Norden, immer weiter nach Norden ausweichen.“

Er atmete schwer und schaute seinen Reitern der Reihe nach in die Augen. „Zweimal erwischten sie mich so schwer, dass ich glaubte, meine letzte Stunde sei gekommen, doch ich blieb am Leben, und, kaum genesen, ging die Jagd auf mich weiter. Wie gut ich mich auch versteckte, meine Fährte löschte, wann auch immer ich glaubte, sie endlich von meiner Spur abgebracht zu haben, ich irrte mich. Sie waren schlimmer als die Wölfe.“

„Du musst etwas sehr Schlimmes getan haben, dass sie dich so jagten“, stellte Tim Morgan fest, „dennoch war es nicht fair von ihnen, einer gegen vier. Wir hätten sie kennenlernen müssen, Boss.“

„Ich hatte immer Freunde“, sagte Hegg, wobei er sich den kalten Schweiß mit dem Handrücken

von der Stirn wischte und den Stetson in den Nacken stieß, so dass er von der Halsschnur gehalten wurde. „Alle glaubten, spielend mit den vier Brüdern fertig werden zu können. Alle glaubten sie, Warnungen in den Wind schlagen zu können, indem sie sich größer dünkten und sich für bessere Kämpfer hielten. Ich habe dabei eins feststellen können, nämlich, dass die Sucht, sich für größer und besser zu halten, bei den meisten Menschen nichts weiter ist als Angabe.“

„Sprich nicht weiter so, Boss“, unterbrach Bill man mit kehliger Stimme. „Wir, jeder von uns, wäre mit diesen deinen Gegnern fertig geworden. Du kennst uns doch, du weißt, wie wir mit den Colts umgehen können, und dass wir wenig danach fragen, ob einer mehr oder weniger dieser Welt so long sagt!“

„Sicher, ich weiß es, und dennoch – wer jetzt bei mir bleiben will, muss sich entscheiden, denn er muss ein ganzer Kerl sein.“

„Soll das heißen, dass der Name der Lady dich so erschreckte, dass du so schlimme Dinge erwartest, Boss?“, fragte Brad Mundt. „Wenn es so ist, warum bleiben wir nicht und langen uns erst diesen Bailey, bevor wir mit Mohnes abrechnen? Erledigen wir doch erst, was dir wichtiger erscheint!“

„Wichtig ist beides“, erwiderte der Gefragte rau. „Wenn Bailey im Auftrag der Lady reitet, dann, Boys, wird er sich nicht so einfach stellen und aus der Welt bringen lassen, dann gehört er zur Elite, und es ist anzunehmen, dass er den Saloon nur aus dem Grunde verließ, um sich vorläufig zu verstecken. Wir würden ihn vergeblich suchen. Die Tatsache, dass er darauf verzichtete, sein Pferd mitzunehmen, sagt doch deutlich genug, dass er es nicht wagte, zu seinem Quartier zurückzukehren. Reiten wir also weiter!“

Er winkte Harring zu. Dieser schwang sich auf sein Pferd und übernahm wieder die Zügel seines Reittieres.

„Du hast mir einen Dienst erwiesen, Nate, und ich entschuldige mich“, wandte sich Hegg an den Alten mit der Geiernase. „Die Nerven gingen mit mir durch, als ich den Namen dieser Frau hörte, die ich längst aus meinem Leben gestrichen hatte.“

„Es macht nichts, Boss.“

„Dann ist ja alles in Ordnung.“

„Nicht alles, Boss! Wo sind die Beutel mit den Saphiren und dem Geld?“, wollte Brad Mundt wissen.

„An einem Ort, wo beides in Sicherheit ist“, antwortete Hegg, dem Fragenden zugewandt. „Jeder bekommt seinen Anteil, doch erst muss einige Zeit verstrichen sein, bis Gras über die alten Geschichten gewachsen ist. Ich habe euch lang und breit meine Gründe genannt, und ihr wart damit einverstanden.“

„Versuche nicht, uns hinters Licht zu führen, Jed“, meldete sich John Boissin. „Es könnte sehr kitzlig werden.“

„Wir haben noch nicht genug. Für einen mag es reichen. Wir müssen weitermachen, in anderen Städten, so lange, bis jeder auf eine ansehnliche Summe kommt und sich die Arbeit gelohnt hat.“

Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. Der Trupp ritt aus der Stadt hinaus, sechs Raureiter, sechs böse Wölfe, Ausschuss der menschlichen Gesellschaft, sechs hartgesottene Männer. Jeder hatte eine rauchige Fährte gezeichnet, bevor er nach Hobson und in die Gesellschaft von Jed Hegg kam. Ihre Steckbriefe waren in den Sheriff-Offices und an den Hauswänden von Rinderstädten zu sehen, und einer war übler als der andere. Der schlimmste jedoch war ohne Zweifel Jed Hegg, ein erbarmungsloser Schurke, ein Teufel in Menschengestalt, der vor nichts und niemandem zurückschreckte. Seine Opfer waren zahlreich, doch bisher war es ihm immer wieder geglückt, dem Gesetz zu entkommen, seine blutige Spur zu verwischen.

Wie verrucht und scharfsinnig dieser Mensch war, zeigte die Tatsache, dass er von langer Hand den Verkauf seines Besitzes in der Stadt vorbereitet hatte und nur wenig Zeit brauchte, alle Brücken abzubrechen. Nur der Himmel mochte wissen, was in ihm vorging. Nur der Himmel wusste, dass er seinen Komplicen nur die halbe Wahrheit über Loretta Daims gesagt hatte. Der Himmel hätte ob seiner Lügen einstürzen müssen; der Himmel stürzte nicht ein. Er blieb blau und hochgewölbt und ließ unter sich sechs Banditen reiten, Kerle, die kein Herz in der Brust hatten und kein Erbarmen kannten. Ihr Anführer aber ließ seine Komplicen in dem Glauben, dass Loretta Daims eine lebende Person sei. Was ging es die anderen an, dass Loretta tot war – getötet von ihm, Jed Hegg!

 

 

3.

„Auf mich brauchst du keine Rücksicht zu nehmen, Jeff.“ Der alte Mann, der diese Worte sagte, richtete sich mühsam von seinem recht primitiven Lager auf. Sein faltiges, bleiches Gesicht war von schwerer Krankheit gezeichnet, die sein Gesicht hohlwangig gemacht hatte. Allzu hager war sein Körper geworden. Weißgraue Bartstoppeln bedeckten Kinn und Wangen.

„Meine Tage sind gezählt“, fuhr der Alte nach einer kleinen Atempause fort. „Du hättest vor Gericht der Jury die Wahrheit sagen sollen, Jeff! Deine Lüge schützt einen gemeinen Schuft und wird ihn weiter dazu ermutigen, Untaten zu vollbringen. Oder glaubst du etwa, dass deine Lüge ihn davon abhalten wird, krumme Pfade zu beschreiten?“

„Nein, Dad“, erwiderte Jeff Mohnes mit heiserer Stimme. „Im Gegenteil, jetzt hat er allen Grund, einen noch lebenden Zeugen für immer zum Schweigen zu bringen. Wir beide müssen fort!“

„Fort?“ Der Oldtimer verzog den Mund, so dass sein Gesicht einen spöttischen Ausdruck annahm. „Wohin, mein Sohn? Wohin mit einem alten Mann, der nicht mehr lange zu leben hat?

Meine Tage sind gezählt, ich fühle es deutlich; und ich habe meine Furcht überwunden. Im Anfang hatte ich Angst. Ich glaube, dass jeder Mensch, wenn er krank ist, Angst vor dem Ende hat, dass in ihm aber ein Rest von Hoffnung ist, der das Weiterleben ermöglicht. Ich kann nicht fort, mein Sohn, ich bleibe auf meiner Heimstätte bis zum letzten Atemzug. Hier habe ich gelebt, gearbeitet und mit deiner Mutter einst das Glück gefunden. Hier hast du deine Jugend verbracht, hier habe ich auf deine Heimkehr gewartet und mich darauf gefreut, dass du mit deiner jungen Frau hier leben wirst. Ich habe mich auf Enkel gefreut, die einen alten Mann wie mich mit ihren Spielen und ihrem Toben erfreut und wieder jung gemacht hätten.“

„Rede nicht weiter, Dad!“

„Ich weiß, dass es dich schmerzt, wenn du an deine Frau erinnert wirst, mein Sohn, an deine junge Frau, die durch Mörderhände ums Leben kam. Beiße die Zähne zusammen, Jeff! Man muss den Dingen ins Auge sehen und darf nicht versuchen, den Kopf in den Sand zu stecken. Es war falsch, dass du deine erste Aussage vor Gericht nicht wiederholt hast.“

„Sie drohten, dich umzubringen, Dad.“

„Mich? Lieber Gott, was hätten sie damit gewonnen? Sie würden meinem natürlichen Ende damit nur ein paar Tage zuvorkommen. Warum hast du dich nicht an den Sheriff gewandt, Jeff?“

Jeff antwortete nicht sogleich. Er stand an einem der schießschartenähnlichen Fenster und spähte angestrengt nach draußen. Die Unruhe, die von ihm ausging, zeigte sich deutlich in der Art, wie er seine Winchester hielt und sich hin und her bewegte.

„Es hätte mir und auch dir keine Hilfe gebracht, Dad“, erwiderte er seinem Vater über die Schulter. „Noch glaubt der Sheriff an Hegg. Sie sind gute Freunde, und beide gehören zu den sogenannten guten Bürgern der Stadt. Als ich das einsah, Dad, war mir klar, dass es besser ist zu lügen und die Wahrheit zu verschweigen.“

„Jeff, du hast einen Fehler begangen, der nur zu häufig gemacht wird, so dass man sich für die Menschen schämen möchte, die zu wenig Mark in den Knochen haben und sich aus Angst und falsch verstandener Rücksicht ducken und lügen. Das habe ich nicht gewollt, mein Junge, und so habe ich dich auch nicht erzogen. Deine Rücksicht war falsch! Man kann eine Entscheidung wohl aufschieben, nicht aber sie aufhalten.“

„Du hast recht, Dad. Die Entscheidung kommt jetzt auf uns zu. Fliehen wir! Noch ist es Zeit!“

„Nein, zum letzten Mal nein! Und du weißt selbst, dass wir bei meinem jetzigen Zustand nicht

sehr weit kommen würden. Dein Pferd ist gesattelt, dein Packen aufgeschnallt, sage mir so long und bring dich in Sicherheit. Wenn du fort bist, werden sie mir schon nichts antun.“

„Du kennst diese Schufte nicht, Dad. Ich brauche nur daran zu denken, wie die Toten aussahen, als man mich aus den Trümmern der Postkutsche barg. Menschenleben zählen bei diesen Schurken nicht.“

„Geh, sag mir Lebwohl und reite, mein Junge“, forderte der alte, kranke Mann mit bewegter, heiserer Stimme.

„Fliehen, mit der Gewissheit, dass wir uns nie wiedersehen, Dad, mit dem Schuldgefühl, dich in der Not allein gelassen zu haben … nein, Dad, das ist zu viel verlangt!“

„Wir müssen alle sterben, mein Junge, das ist unser aller gemeinsames Los. Eines Tages tritt jeder von dieser Bühne ab, die sich Leben nennt und auf der jeder eine andere Rolle spielt. In hundert Jahren bist du auch nicht mehr und alle, die uns das Leben schwer machten, ebenfalls nicht.“

„Dad, ich kam aus der Fremde zurück, um daheim zu sein.“

„Der Mensch ist in Wirklichkeit nirgends daheim, mein Sohn, er ist überall nur Gast“, widersprach der Kranke. „Um das zu erkennen, muss man wohl erst alt sein, muss man über den Sinn des Lebens erhaben sein. – Himmel, wir bekommen Besuch!“

Er hatte allen Grund zu dieser Feststellung, denn auch er hatte den Hufschlag, der sich ständig näherte, gehört. Jeff stand angespannt am Fenster. Er hob die Winchester und lugte über den Lauf der Winchester hinweg durch das Fenster.

„Jetzt ist es zu spät“, kam es über Jeffs Lippen. „Sie sind da, um mich zum Schweigen zu bringen. Sie haben es verteufelt eilig.“ Er verstummte. Vom Krankenlager sah der Vater deutlich die Kinnmuskeln seines Sohnes zucken. Mühsam stemmte sich der Alte höher auf und saß fast aufrecht im Bett. Er lauschte. Der Hufschlag wurde immer deutlicher, um dann plötzlich zu verstummen. Nun konnte Jeff den Reiter sehen, der seitwärts der Büsche angehalten hatte und aufrecht im Sattel saß und nun zum Hause herüberrief: „Es kommt ein Freund, Mohnes!“

„Ich habe keine Freunde“, erwiderte Jeff, in dessen Stimme der bittere Groll eines Mannes mitschwang, der im Leben zutiefst enttäuscht wurde und kaum noch Gutes von einem Menschen erwartete. „Wer bist du, Fremder, und was willst du? Wenn Hegg dich schickt, dann Gnade dir Gott!“

„Du solltest nicht so misstrauisch sein!“, entgegnete der schwarzgekleidete Reiter auf dem rostroten Wallach. „Gottes Hilfe werden wir alle drei nötig haben.“

„Wer bist du?“, wiederholte Jeff. Seine Augenlider hatten sich vor Verblüffung schmal gezogen.

„Einer, der aus dem Schatten kommt“, antwortete der schwarze Reiter, „einer, der sich auf Heggs Fährte gesetzt hat und sie bis zum Ende reiten wird und dir Hilfe bringen möchte. Es kämpft sich besser zu zweit, Freund.“

„Das kann eine Falle sein. So leicht lasse ich mich nicht hereinlegen“, erwiderte Jeff. Doch bevor er weiter fortfahren konnte, unterbrach ihn sein Vater vom Krankenlager her: „Sohn, lass den Fremden eintreten! Schenke ihm dein Vertrauen!“

„Das sagst du, Dad?“

„Ich höre seine Stimme, Sohn“, antwortete der Vater. „Ich kann ihn zwar nicht sehen, aber seine Stimme ist gut. Sie flößt Vertrauen ein und gibt mir neue Hoffnung.“

„Eine Stimme kann täuschen, Dad.“

„Wenn man zu sehr verbittert ist, überhört und übersieht man das Gute, mein Sohn. Lass ihn kommen! Wenn jemand Hilfe braucht, sind wir es. Diesen Mann schickte uns der Himmel.“

„Oder die Hölle! Und dieser Mann allein genügt, uns von der Welt zu bringen!“

„Tu, was ich dir sage, Sohn!“, unterbrach ihn der alte Mohnes.

Erstaunt stellte Jeff fest, dass in der Stimme des Kranken der alte befehlsgewohnte Ton zu hören war, dass diese Stimme nicht mehr den zittrigen Klang hatte, den er zu hören gewohnt war. In dieser Art hatte sein Vater gesprochen, als er noch gesund und stark, als er noch ein Mann war, der allen Stürmen des Lebens trotzte. Noch mehr aber erstaunte Jeff die Tatsache, dass der Fremde jetzt langsam näher heran ritt, ohne erst seine Einwilligung abzuwarten, so als hätte jener Schwarzgekleidete den Willen des Kranken gespürt und würde davon mit magnetischer Gewalt angezogen.

„Wir werden gleich sehen, wer von uns beiden recht hatte, Dad“, sagte Jeff, indem er vom Fenster aus beobachtete, wie sich der Fremde vom Pferd schwang, das Tier beim Zügelende nahm und es durch die Tür des am Hause angebauten Stalles führte. Einen Augenblick später tauchte der Fremde aus dem Stall auf und kam rasch näher. Jeff Mohnes glitt zur Tür und schob den Riegel zurück. Der eintretende Fremde tat so, als sähe er die auf ihn gerichtete Winchestermündung nicht. Sein Blick galt dem alten Mann auf der Krankenlagerstatt.

„Sie werden bald hier sein, Oldman“, wandte sich Dan Bailey – er war es – an den alten Mohnes. „Dass es so sein würde, wurde mir klar, als ich Ihren Sohn vor Gericht die Unwahrheit sagen hörte und ihn dann fluchtartig die Stadt verlassen sah.“

„Ein schwerer Fehler, diese Lüge, Fremder.“

„Nein, eine verzeihliche Schwäche, wenn man Heggs Methoden und Machenschaften kennt. Es gibt wohl kaum jemanden, der wie er, kalt und grausam, alle Spuren löscht, die zu seiner Ergreifung führen könnten. Stets hat er es verstanden, einflussreiche Freunde zu finden. Wo er auch war, es fiel ihm leicht, Freundschaften mit Sheriffs, Postofficehaltern und sonstigen nützlichen Menschen anzubahnen, die in seine Pläne hineinpassten. Überall fand er Kerle, die er für seine Zwecke einspannen konnte. Das Böse hat eine so starke Macht in ihm, dass dunkle Elemente von ihm angezogen werden; seine Verstellungskunst wirkt vortrefflich. Wer ihn kennt, weiß, dass er den Kameraden spielt, seine Freundschaft so gefällig machen kann, dass kleine Geschenke und Opfer den wahren Kern seines Ichs verschleiern. Es gibt wohl kaum einen gefährlicheren Mann als Jed Hegg.“

„Du kennst ihn, Fremder?“

„Mehr als mir lieb ist, Oldman“, erwiderte Dan dem alten Mann wahrheitsgemäß, wobei er am Lager stehenblieb und dem Alten seine Hand hinstreckte. Der nahm sie, ohne zu zögern, und sagte zu seinem Sohn: „Nimm endlich die Winchester herunter, ein Freund kam zu uns!“

„So kann man es nennen, Oldman“, erwiderte Dan ruhig. „Ich dränge mich sonst nicht auf, aber als ich sah, wie verloren Jeff war, wie einsam und verlassen er im Zeugenstand stand, wurde mir klar, dass auch ich mich überwinden müsse.“

„Es klingt so, als hättest du sehr genau gewusst, dass bei deiner Ankunft eine Winchester auf dich gerichtet sein würde?“

„Ich bin kein Narr, Jeff Mohnes“, erwiderte Dan, und zum ersten Mal zeigte sich die Andeutung eines Lächelns auf seinem scharf geschnittenen Gesicht.

„Wie aber kommst du an Mettings rostroten Wallach?“, wollte Jeff wissen, dessen Misstrauen immer noch sehr stark war.

„Metting hatte für mein schnelles Fortreiten Verständnis und sah ein, dass ich mit meinem eigenen Pferd nicht sehr weit kommen würde. Genügt diese Erklärung?“

„Ich bin nicht sicher, Mister.“

„Dan Bailey ist mein Name, es genügt, wenn du mich Dan nennst, Jeff Mohnes. Meine Freunde nennen mich so.“

„Ich bin nicht dein Freund, Bailey!“

„Ich kann es dir nicht verübeln.“

„Je länger ich dir zuhöre, um so klarer wird mir, dass du die Gerichtsverhandlung und die Absichten meiner Gegner kennst. Hast du das Pferd nur aus dem Grunde gewechselt, weil es frischer war?“

„Es wäre eine Lüge, wenn ich das bestätigen würde, Jeff. Ich habe das Pferd vor allem gewechselt, damit Hegg und seine Bande glauben soll, dass ich mich noch in der Stadt aufhalte, und diese Tatsache wird ihn zu einem dreisten Angriff auf diese Heimstätte verleiten.“

„Mit anderen Worten: Sie fürchten dich, Bailey?“

„Darauf kann ich keine Antwort geben, das muss sich erst noch herausstellen, Jeff. Wir sollten keinen Augenblick versäumen, die Umgebung weiter zu beobachten, denn sie werden ganz sicher kommen.“

Die Ruhe, die Dan ausstrahlte, schien Jeff Mohnes zu gefallen, und sein Misstrauen schwand nun langsam. „Ich bin nicht neugierig“, sagte er, „aber es ist doch gewiss kein Zufall, dass du so dahergeritten kommst, um mit uns gegen die Bande anzukämpfen!“

„Es ist kein Zufall“, entgegnete Dan. Aus seinen Worten war deutlich herauszuhören, dass er nicht willens war, weiter über diese Sache zu sprechen. Er hatte seine Winchester mit hereingebracht und hielt sie unter den Arm geklemmt. Er spürte, wie der Kranke und der Sohn des Kranken ihn beobachteten, wie ihre Blicke auf seinen Waffen, vor allem aber auf seinen tief geschnallten Halftern haften blieben.

„Nun gut, es ist deine Sache, darüber zu reden oder nicht“, gab Jeff Mohnes zur Antwort. „Wie kamst du dahinter, dass ich eine falsche Aussage machte?“

„Nun, weil du nicht der erste bist, der so handelte. In Texas war es ähnlich. Damals kam ich zu spät, um dem Mann zu helfen, der von Hegg unter Druck gesetzt worden war. Er war bereits tot, als …“

„Soll das heißen, dass du vom Gesetz kommst, dass du mich zwingen willst, das Gerichtsverfahren nochmals aufzunehmen und nochmals auszusagen?“

„Das ist Sache des Sheriffs“, erwiderte der Gast. „Mir ist es gleichgültig, ob du dich zu einer solchen Handlung entschließt oder nicht. Wie ich die Sache sehe, hat sich der Sheriff zufrieden gegeben und scheint glücklich zu sein, dass deine erste Aussage falsch war. Die Blamage wäre für ihn zu groß gewesen. Der Sheriff hat keinen Verdacht gegen Hegg, für ihn ist alles in Ordnung, und für manchen gutsituierten Bürger der Stadt ebenfalls. Wir dürfen nicht vergessen, dass Hegg zu den ersten Bürgern der Stadt zählt. Ohne Zweifel kommen seine gute Ausbildung und seine guten Manieren ihm zustatten. Durch sein schauspielerisches Talent hat er viele Bürger auf seiner Seite, und manch einer ist darunter, der für Hegg durchs Feuer gehen würde.“

„Genau so ist es, und dabei ist er der größte Schuft unter der Sonne“, meldete sich der Kranke von seinem Lager. Schweißperlen standen dem Oldtimer auf der Stirn. Er saß immer noch auf recht im Bett und ließ nicht zu, dass sein Sohn ihn zurückbetten, bequemer aufs Lager legen wollte.

„Bleib du nur auf deinem Posten“, riet er Jeff. „Ich spüre es, die Gefahr kommt auf uns zu. Wenn man so alt geworden ist und das Leben nur noch nach Tagen zählt, ist man ganz besonders

empfindlich. Ich würde vorschlagen, dass ihr beide euch im Stall verbergt.“

„Genau das wollte ich sagen“, erwiderte Dan. „Dein Vater hat recht, die Schufte müssen getäuscht werden. Wenn man ihnen vorgaukelt, dass du geflüchtet bist, dass du deinen Vater allein gelassen hast, bekommen wir sie zu fassen.“

„Aber das kann man dir nicht zumuten, Dad.“

„Doch, Jeff!“, unterbrach der Alte mit kehliger Stimme. „In einem Kampf auf Leben und Tod ist jeder Trick erlaubt. Es wäre Dummheit, wenn wir uns in einen offenen Kampf einlassen würden. Wie ich Hegg einschätze, bringt er genügend Verstärkung mit. Gib mir meinen Revolver, Jeff, ich lade ihn und werde ihn unter der Decke verbergen!“

„Du willst tatsächlich kämpfen, Dad?“

„Das tut ein Mann, solange er lebt, und ich will es bis zum letzten Atemzug tun“, sprach der Kranke ohne jedes Pathos. „Die Kraft, einen Revolver im rechten Augenblick abzudrücken, ist noch in mir. Mach dir keine Sorgen um mich, tu, was ich dir geraten habe. Du bist nicht allein. Dan Bailey ist bei dir. Geht, damit ich mich auf den letzten Empfang ungebetener Gäste vorbereiten kann!“

Jeff Mohnes sah seinen Vater, dann seinen Gast an, dann trat er vom Fenster zurück und holte aus einer alten Truhe den gewünschten Revolver, eine Waffe, die vor vielen Jahren bei der US Army getragen wurde. Diesen Revolver hatte sein Vater nach seiner Dienstzeit bei der Army mitgebracht. Drei Kerben waren in seinem braunen Walnussholzgriff eingeschnitten. Als Jeff ihn hochhielt, sah man den langen Lauf und auch, dass die Waffe, obwohl sie alt war, sehr gepflegt aussah. Neben der Waffe lag auch die dazugehörige Munition in einem Schächtelchen. Beides, Waffe und Munition, reichte Jeff seinem Vater. Der Oldman begann sogleich, die Waffe zu laden. Zwar zitterten seine Finger, und man sah, wie sehr ihn diese leichte Arbeit anstrengte, doch er ließ sich nicht stören und sagte nochmals: „Geht jetzt! Es wird Zeit!“

 

4.

Er blickte nicht einmal auf, als Dan und sein Sohn sich entfernten. Er lud die Waffe und hob sie in Augenhöhe, um sie sich noch einmal richtig zu betrachten.

„Dass du noch einmal aus der alten Truhe in meine Hände kommen würdest, hätte ich nicht mehr gedacht“, sagte der alte Mann zu sich selbst. „Es ist Zeit zum Sterben.“

Er sagte es ohne Erregung, wie ein Mann, der sich mit seinem Schicksal abgefunden hat und weiß, dass die Krankheit in ihm keine Wahl mehr lässt.

„Mary, du hast sehr lange auf mich warten müssen. Wenn du noch etwas für uns tun willst, schütze Jeff und den Fremden. Lass beide davonkommen! – Was sagst du? Ich hätte darauf bestehen müssen, dass Jeff flieht? – Hoh, ich könnte nicht ruhig sterben, wenn mein Sohn feige wäre. – Nicht jeder Mensch kann ein Kämpfer sein, sagst du, und ich soll mich daran erinnern, dass ich es auch nicht immer war? – Mary, deine Vorwürfe sind berechtigt, ich gebe zu, dass ich oft Furcht hatte, dass mich die Furcht mein Leben lang begleitet hat, und dass ich mich immer erst im letzten Augenblick darauf besann, dass ein Mann sich nicht ducken darf. Ja, es wurde mir schwer zu kämpfen, und ich habe mich überwinden müssen, bis ich merkte, dass die Entschlossenheit, die man zeigt, andere Menschen furchtsam macht. Ich weiß, dass du Anteil daran hast und ich durch dich meine Selbstachtung wiedergefunden habe. Jeff zog es freiwillig vor zu bleiben. – Warum höre ich deine Stimme nicht mehr, Mary? Warum antwortest du nicht mehr?“

Der alte Mann lauschte. Seine Stirn war mit kaltem Schweiß bedeckt. Wieder betrachtete er den Revolver, langsam schob er ihn unter die Bettdecke, dann lag er ganz still mit weit offenen Augen, die auf die verräucherte Decke gerichtet waren. Der Kranke entspannte sich. Nur der Himmel allein wusste, was er dachte und empfand.

Lange lag er so da. Leise ging sein Atem, dann sagte er fast lautlos, so als wäre wieder jemand unsichtbar im Raum: „Du hast recht, Mary, die Menschen sind unvollkommen. Frieden gibt es nicht, so sehr man sich auch danach sehnt. Den wirklichen Frieden findet man nicht auf dieser Welt, auf der das Unrecht, die Not, die Habsucht und die Gemeinheit triumphieren. Es gibt Menschen, die sich das Recht herausnehmen zu töten. Es ist bitter, Mary, dass man sich wehren, sich vor dem Unrecht bewahren muss. Es ist bitter, dass man zum Töten gezwungen wird. Du sagst, ich hätte nicht den Revolver, sondern die Bibel in die Hand nehmen sollen. Ganz recht, Mary, aber ich habe die letzten Tage in dem heiligen Buch gelesen; du hast es nicht übersehen können. Zürne mir nicht, Mary, nenne mich ruhig einen alten Sünder, für den jede Läuterung zwecklos ist! Ich behalte den Revolver bei mir.“

Seine Stimme brach ab. Der Hufschlag schnell näherkommender Pferde war von ihm nicht überhört worden. Das eingefallene, kranke Gesicht bekam einen gespannten Ausdruck. Glanzlichter zeigten sich in den Augen des alten Mannes. Es gelang ihm, sich aufzurichten und sich so im Bett hinzuhocken, dass er im Sitzen die ungebetenen Gäste empfangen konnte.

„Sie sind sehr vorsichtig, Mary“, sagte er leise zu der Unsichtbaren, die nur für ihn da war und nur in seiner Einbildung existierte, zu jener Frau, mit der er immerzu auch nach ihrem Tode gesprochen hatte, denn das hatte ihm geholfen, seine Einsamkeit zu ertragen.

„Jetzt sind sie da, menschliche Wölfe, Mary, die unserem Sohn nach dem Leben trachten!“ Er schlug die Bettdecke weiter zurück, ließ die Beine aus dem Bett und setzte sie fest auf den lehmgestampften Fußboden auf. Der kalte Schweiß auf seiner Stirn verstärkte sich. Der Wille in diesem alten Mann stemmte sich gegen die Krankheit, gegen den Schwächezustand, gegen die Ohnmacht. Langsam schob er sich aus dem Bett und stemmte sich hoch. Seinen Revolver nahm er an sich. Einen Augenblick lang stand er neben dem Bett aufrecht mit bebenden Knien, die unter ihm nachzugeben drohten. Ein kleiner Schwächeanfall drohte ihn wieder ans Bett zu fesseln, doch er überwand den Zustand. Er blieb stehen und wankte dann zu einem der schießschartenähnlichen Fenster, wo er schwer atmend stehenblieb und hinausspähte. Sein Herz schlug in schnellen Schlägen, vor seinen Augen wogten dunkle Schleier, ausgelöst durch die Anstrengung.

Als sich die Schleier teilten und er wieder gut und klar sehen konnte, bemerkte er auch die kleine Reitergruppe, die außer Schussweite an dem kleinen Waldrand halt gemacht hatte und sich aus den Sätteln schwang.

Betont langsam und lässig taten sie es, so als wären sie sich ihrer Sache völlig sicher. Die mächtige Gestalt von Jed Hegg war deutlich zu erkennen. Er überragte die anderen um Haupteslänge. Seine fünf Begleiter schauten zu der Heimstätte herüber. Einer der Männer warf eine brennende Zigarette fort, und trat die Glut mit der Stiefelsohle aus.

„Das ist Nate Harring“, sagte der Kranke leise. „Er hat vergessen, dass wir einmal zusammen eine Stagecoach fuhren. Er denkt nicht mehr daran, dass wir wie Pech und Schwefel zusammenhielten und uns gegen räuberische Banditen und Indianerüberfälle behaupten mussten. Er tut so, als ob es die Kameradschaft vor zwanzig Jahren nie gegeben hätte. Die Erinnerung hat er gestrichen und sich selbst so grundlegend gewandelt, dass von dem alten Nate Harring nichts mehr geblieben ist als ein Lump, der keine Hemmungen kennt. Komm nur, Freund, zur letzten Begegnung!“

Steile Falten kerbten die Stirn des Kranken. Der Glanz in seinen Augen verstärkte sich. Seine innere Erregung war so stark, dass sie die körperliche Schwäche zu überwinden schien. Jeden der Reiter kannte er, und von jedem sagte man, dass er zu den guten Bürgern der Stadt gehöre. Nur wenige wussten, dass es nur Masken waren, die sie wie ihr Boss Hegg zur Schau stellten. Fester umklammerte seine Rechte die Waffe. Er sah, wie Mundt bei den Pferden zurückblieb und sich die anderen fünf nach kurzem Zaudern in Bewegung setzten. Die Gruppe blieb nicht zusammen, schon nach wenigen Schritten löste sich Harring und verschwand in einer strauchbewachsenen Bodenwelle.

„Dieser Schuft denkt auch an alles“, sagte der Kranke. „Ich möchte wetten, dass er es, genau wie seine Komplicen, unterlassen wird, seine Ankunft kundzutun. Jetzt zeigen sie sich, wie sie wirklich sind. Es sind Wölfe, die ein Opfer gestellt zu haben glauben.“

Es stimmte. Die vier übrigen Kerle kamen nicht auf dem Weg näher. Sie zogen es vor, in der Deckung von Büschen und Bäumen zu bleiben, so dass sie bald völlig aus dem Gesichtskreis verschwanden.

„Gleich werden sie wieder auftauchen und den Tanz beginnen“, murmelte der Kranke, der sich mit dem Handrücken über die schweißige Stirn fuhr. Seine tiefe Erregung wuchs. Sie erreichte ihren Höhepunkt, als er in der Tat einige Minuten später bemerkte, wie sich John Boissin aus dem hohen Gras neben dem Stangencorral aufrichtete. Boissin stand geduckt und spähte angestrengt zur Heimstätte herüber.

„Kommt nur, ihr Wölfe, ihr habt euch durch die Ruhe täuschen lassen! Kommt nur, wir können kämpfen! Wir sind nicht so wehrlos, wie ihr euch einbildet. Und wenn ihr hundertmal glaubt, meinen Sohn eingeschüchtert zu haben, ihr kennt Jeff nicht, und ihr wisst nicht, wer an seiner Seite steht!“

Seine Stimme erlöschte vor Erregung, denn Hegg tauchte, wie aus dem Erdboden gewachsen, vor der Hütte auf, um in langen Sprüngen über den Hof zu schnellen. Niemand hielt ihn auf, kein Schuss wurde aus dem Stall abgefeuert. Mit Hegg hatte auch Morgan seine Deckung verlassen und kam mit angeschlagener Waffe über den Hof gelaufen. Die schussbereiten Waffen der beiden Männer zeigten nur allzu deutlich, dass sie nicht gerade zu einem Freundschaftsbesuch gekommen waren. Kein Schuss dröhnte ihnen entgegen, kein heißes Blei fegte den einen oder den anderen aus dem Leben, stoppte seinen Angriff und hielt die mörderischen Schufte endgültig und für immer auf.

Die Erregung über diese Tatsache war so stark in dem Oldtimer, dass er seinen Revolver hochriss und auf Hegg feuerte. Es dröhnte und krachte. Eine kaum merkliche Rauchfahne schlug gegen ihn, und er sah, dass Hegg nicht getroffen war. Hegg rannte weiter und schwang seinen Colt hoch. Ein Feuerstrahl schoss aus der Coltmündung. Eine Kugel schlug gefährlich in des Oldtimers Nähe ein. Er duckte sich nicht einmal. Wieder spürte er mit ohnmächtigem Grimm, dass die Krankheit ihm die sichere Hand und das richtige Reaktionsvermögen genommen hatte. Zum zweiten Male feuerte er und verfehlte abermals sein Ziel. Hegg hatte bereits den toten Winkel des Hauses erreicht, ebenso sein Kumpan Morgan. Die beiden in der Deckung verbliebenen aber schossen wie wild auf das kleine Fenster, durch das der Kranke seine Kugeln hinausgejagt hatte. Die Kugeln klatschten so beängstigend nahe, dass er gezwungen war, die Deckung der Bohlenwand zu benutzen und das Schießen einzustellen. Sekundenlang stand der Kranke still da, dann war die Sorge in ihm so groß geworden, dass er es nicht mehr aushielt.

Warum waren sein Sohn und der Fremde noch nicht in Aktion getreten? Diese Frage konnte er nicht beantworten, denn nach seinem Ermessen hätten Jeff und der Gast bereits aus allen Rohren auf die Angreifer schießen müssen. Dass der Fremde einen Plan hatte, der von Jeff anerkannt und durchgeführt werden sollte, davon wusste er nichts. In ihm war nur die Sorge, die sich zur Panik gesteigert hatte, die Angst, die kein klares Denken mehr zuließ. Wie konnte er auch ahnen, dass weder Jeff noch Dan mit seinem eigenmächtigen Eingreifen rechneten, damit, dass er sein Lager verließ und den Kampf aufnahm? Weder Jeff noch der Fremde konnten eine solche Handlungsweise vorausschauen. Ja, wie sollte der Oldtimer ahnen, dass er durch sein voreiliges Handeln den Plan gefährdet, eine Situation heraufbeschworen hatte, die keineswegs günstig zu nennen war. Er war davon überzeugt, dass er richtig gehandelt hatte, dass man nicht ungestraft einen Angriff auf die Heimstätte machen durfte.

Jetzt war die panikartige Angst so groß in ihm, dass er die eigene Schwäche kaum noch spürte und nicht mehr darauf achtete, dass sein Herz wie rasend schlug. Er verließ den Raum, wankte in die kleine Vorratskammer und durch die Kammer zu der kleinen Tür hin, die zur Hinterfront des Hauses führte. Ohne zu zögern, schob er den Riegel zurück, und noch während er es tat, hörte er den Kolbenschlag gegen die Eingangstür.

„Ihr findet das Nest leer“, murmelte er mit heiserer Stimme, „kommt nur, kommt nur!“ Ein gespenstisch aussehendes Lächeln machte sein Gesicht zur Maske, aber das sah niemand.

All seine Kraft war fast verbraucht, und dennoch hielt er sich aufrecht, fiel nicht um, sank nicht ohnmächtig zusammen, sondern bewegte sich, nachdem er die kleine Tür hinter sich geschlossen hatte, an der Hauswand weiter. Schussgedröhn sagte ihm, dass die beiden Partner im Schuppen

jetzt endlich mit den Angreifern auf der Vorderseite des Hauses ihr Blei wechselten. Ein Aufschrei und ein Stöhnen drang nun aus dem Schuppen. „Mich hat es erwischt“, hörte er Jeffs Stimme. Sie klang dumpf und hohl, wie aus einem offenen Grabe.

„Kannst du die Hintertür noch bewachen?“, fragte der Gast, und Jeff antwortete: „Mir wird es schwarz vor den Augen, Freund, ich …“

Mehr hörte der alte Mann nicht, dafür sah er aber um so deutlicher Nate Harring. Nate musste jedes Wort mitgehört haben. Er stand geduckt in der Nähe des Schuppens und warf sich jetzt, da er die Schritte des Alten hörte, mit pantherhafter Geschwindigkeit herum. Nur der Himmel mochte wissen, warum der Kranke nicht seine Chance genutzt hatte, solange ihm Harring noch den Rücken zuwandte. Das wäre seine Chance gewesen. Doch es widerstrebte ihm auch in solch einer höllischen Situation, auf den Rücken eines Mannes zu schießen. Es wäre zu einfach, zu glatt, aber auch eines Kämpfers unwürdig gewesen, den Schuft Nate Harring, der im Begriffe war, die Falle für den Fremden und Jeff zu schließen, in den Rücken zu fallen. Nur der Himmel wusste, was für Gedanken sich in Sekundenschnelle hinter der Stirn des Kranken abrollten. Die Tatsache, dass er wartete, bis der Gegner die Körperdrehung ausgeführt hatte und den Revolver hochschwang, zeigte allzu deutlich, von welcher Gesinnungsart der alte Mohnes war: ein Mann, der bis zum letzten Atemzug fair bleiben, keine Last mit in die andere Welt nehmen wollte.

Allzu langsam kam sein Colt hoch. Der Schuss des Gegners fiel schneller. Eine Kugel schlug in die Brust des alten Mannes und krümmte ihn ein wenig zusammen, doch er schoss, ja, er schoss auf Harring, schoss noch, als er in die Knie sank. Doch dann entglitt ihm der Revolver, und er fiel vornüber. Himmel, er war nicht tot! Er hatte noch die Kraft, sich aufzustemmen und den Kopf zu heben. Nate Harring schoss nicht mehr. Nate Harring stand noch mit hochgezogenen Schultern dort, wo er gestanden hatte. Er fluchte und presste die Rechte gegen die linke Schulter. Vergeblich versuchte der alte Mohnes, den ihm entfallenen Revolver mit der linken Hand zu erreichen. Es gelang nicht, zu wenig Gefühl war in den Händen, und der Schmerz in der Brust nahm ständig zu.

Details

Seiten
191
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943498
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v921445
Schlagworte
nordlicht

Autor

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Titel: Wo das Nordlicht leuchtet