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Ein Killer war sein größter Clou: N.Y.D. – New York Detectives

2020 116 Seiten

Zusammenfassung


Brandon Ladd hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge und großartige Talente berühmt zu machen – diesmal fiel seine Wahl auf den Maler Van der Wilde. Dass seine Vorgehen nicht immer sauber ist, stört Ladd nicht. Für ihn zählt der Erfolg.
Doch da wird bei der ersten Vernissage, bei der der junge Maler seine Bilder einer gut betuchten Gesellschaft vorstellt, auf diesen geschossen.
Der herzkranke Ladd beauftragt daraufhin den Privatdetektiv Bount Reiniger, den Schützen ausfindig zu machen ...

Leseprobe

Table of Contents

Ein Killer war sein größter Clou: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Ein Killer war sein größter Clou: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Brandon Ladd hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge und großartige Talente berühmt zu machen – diesmal fiel seine Wahl auf den Maler Van der Wilde. Dass seine Vorgehen nicht immer sauber ist, stört Ladd nicht. Für ihn zählt der Erfolg.

Doch da wird bei der ersten Vernissage, bei der der junge Maler seine Bilder einer gut betuchten Gesellschaft vorstellt, auf diesen geschossen.

Der herzkranke Ladd beauftragt daraufhin den Privatdetektiv Bount Reiniger, den Schützen ausfindig zu machen ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Lello Coccarda — Einst trat er das Gesetz mit Füßen, doch eines Tages ging eine große Wandlung mit ihm vor.

Bhakata - Der Killer ist so gefährlich wie ein bengalischer Tiger.

Brandon Ladd - Er war ein „Meister“-Macher mit unsauberen Tricks und einem furchtbar schwachen Herzen.

Von de Wilde - ein großartiges Malertalent, das schlimme Tage durchzustehen hat.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

 

1

Voll prickelnder Ungeduld wartete der Killer auf sein Opfer. Der unauffällig gekleidete Mann hockte auf der Kuppel eines Gasometers, an dem der Interstate Highway Nr. 9 vorbeiführte. Es war früher Nachmittag und wenig Verkehr, deshalb zischten die Fahrzeuge knapp unter dem Speed Limit über die mehrspurige Straße. Die Sonne stand so, dass sie den Killer bei seiner Arbeit nicht störte. Sie schien ihm aufs breite Kreuz. Er hatte eine schwarze Diplomatentasche neben sich liegen. Das Gewehr, das sich in mehreren Einzelteilen darin befunden hatte, war längst zusammengebaut.

Nun setzte der Mann die weittragende Waffe probeweise an. Er linste durch das Zielfernrohr, verfolgte einen Wagen, zielte auf den Vorderreifen und machte „Peng!“. Grinsend ließ der Killer die Waffe sinken. Genauso würde es passieren. Er schaute auf seine Uhr. In längstens fünf Minuten - wenn seine Information richtig war.

Er schob sich ein Kaugummiplättchen zwischen die gelben Pferdezähne. Sein Gesicht wirkte abstoßend. Es war von Pickeln und Pusteln mit gelben Eitertüpfelchen übersät. Sogar den Nutten lief es kalt über den Rücken, wenn er sich bei ihnen eine Umarmung kaufte.

Die fünf Minuten gingen um.

Der Killer setzte das Gewehr an, nachdem er den Kaugummi ausgespuckt hatte. Ganz Konzentration war er nun. Und da tauchte auch schon der Pontiac Firebird von Lello Coccarda auf.

Der Killer hielt den Atem an.

Lello Coccarda - das war sein Mann!

Der Firebird rollte wie auf Schienen über den Highway Nummer 9.

Obwohl Coccarda mit hoher Geschwindigkeit fuhr, lehnte er entspannt im bequemen Fahrersitz. Die Straße war trocken, von der Sonne gut beleuchtet und so gut wie leer. Da war das Fahren ein reines Vergnügen. Aus dem Autoradio tönte Nostalgie-Musik, und Coccarda dachte an die Zeit, wo er jung gewesen war. Wirtschaftswissenschaftler hatte er um jeden Preis werden wollen, und er hatte sogar einige Semester hinter sich gebracht, doch dann waren seine Eltern bei einem Hotelbrand ums Leben gekommen. Auf sich allein gestellt, verlor er alsbald die Lust am Studium. Andere Interessen ergriffen von ihm Besitz: Mädchen zum Beispiel. Keine konnte ihm schlecht genug sein. Er merkte kaum, dass er mehr und mehr abglitt. Plötzlich waren da Freunde, die sich dünnmachten, wenn ein Cop aufkreuzte, und seltsamerweise fühlte sich Coccarda zu ihnen mehr hingezogen als zu den anständigen Burschen, die er nach und nach mied. Die ersten Verbrechen blieben nicht aus.

Es folgten schwerere, doch da Coccarda klug war, gelang es ihm stets, sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen. Er fand Gefallen daran, auf diese leichte Art viel Geld zu verdienen, und er begann sich schon sehr bald Gedanken darüber zu machen, wie er mehr aus seinem Geld machen konnte. Als er fünfunddreißig war, hatte er den Dreh heraus. Er wurde zu einer ganz großen Nummer im Rauschgiftgeschäft. Direktimporteur - ohne Zwischenhändler kam das Heroin von Marseille zu ihm nach New York. Deshalb floss auch ein ungemein großer Teil des Gewinns in seine aufnahmefähigen Taschen. Doch eines Tages begann er an die Mafia Boden zu verlieren. Die Cosa Nostra machte ihm Schwierigkeiten, wo immer sie konnte, und sie hatte verdammt viele Möglichkeiten, ihm das Geschäft zu verderben. Coccarda begriff sehr bald, dass es keinen Sinn hatte, sich mit der Cosa Nostra anzulegen. Er verärgerte noch schnell ein paar Leute und zog sich dann aus dem Rauschgiftgeschäft zurück. Heute war Lello Coccarda fünfzig und saß ziemlich fest im seriösen Bankgeschäftsattel. Zwar gab es immer noch ein paar offene Rechnungen von „damals“, aber Coccarda hoffte, dass sie mit der Zeit verjähren würden.

Rechts neben dem Highway Nummer 9 tauchte das Monstrum eines Gasometers auf. Coccarda registrierte ihn kaum. Es fiel ihm nur ein, dass er, wenn er erst mal an dem Gasometer vorbei war, nicht mehr weit zu fahren hatte.

In diesem Moment krümmte der Killer auf dem Gasometer den Finger. Niemand hörte den Schuss. Coccarda spürte einen gewaltigen Ruck in der Lenkung. Da er den Volant nur mit einer Hand und mit lockerem Griff gehalten hatte, fegte er ungehindert herum. Der Pontiac Firebird spielte mit einem Mal verrückt. Er wollte von der Straße herunterspringen. Coccarda packte fest zu und versuchte das Lenkrad in die entgegengesetzte Richtung zu reißen, doch der Wagen gehorchte ihm nicht.

Blitzschnell löste sich der zerschossene Pneu von der Felge. Er flog davon. Das Fahrzeug sackte vorne ein, ratschte über den dunkelgrauen Straßenbelag, pflügte ihn mit einem singenden Laut auf. Der Firebird begann zu schlittern, drehte sich zweimal um die eigene Achse und flog dann wie katapultiert in den Straßengraben.

Coccarda wurde im Wagen herumgeschleudert. Er presste die Kiefer zusammen und krallte die Finger in größtem Schrecken um das Lenkrad, ehe der furchtbare Aufprall erfolgte, der ihn nach vorn warf, ihn zwang, die Windschutzscheibe mit dem Kopf zu durchstoßen und ihm dann augenblicklich die Besinnung raubte.

Irgendwo gluckerte Benzin aus dem verformten Wagen. Und dann sprang ein mörderisches Feuer an, das sofort Coccarda und das Wrack umhüllte.

 

 

2

Der Killer auf dem Gasometer beobachtete den Brand durch das Zielfernrohr. Ein zweiter Schuss war hier nicht mehr nötig, deshalb zerlegte er sein Gewehr mit wenigen, oft geübten Handgriffen, verstaute es und erhob sich, um zur Treppe zu laufen, die sich um den Gasometer herum nach unten wand. Unter zahlreichen Rohrsystemen hindurch fand der Mann unbemerkt seinen Weg, der zu einem hinter zwei wild wachsenden Rosenhecken abgestellten Ford Mustang führte.

Die Diplomatentasche flog in den Fond des Wagens. Der Killer schwang sich auf den Fahrersitz, zündete sich eine Zigarette an, griff sich dann den Hörer des Autotelefons und setzte sich mit seinem Auftraggeber in Verbindung.

„Wie geht es unserem gemeinsamen Freund?“, wollte der Mann am anderen Ende wissen.

„Er hat soeben seinen großen Urlaub angetreten.“

„Kommt er irgendwann mal wieder?“

„Nein, Sir. Danach sieht es eigentlich nicht aus.“

 

 

3

Van de Wilde war einer von diesen Mit-Leib-und-Seele-Menschen. Es gibt sie überall und in allen Gesellschaftsschichten Mit-Leib-und-Seele-Polizisten, Mit-Leib-und-Seele-Rennfahrer - Van de Wilde war ein Mit-Leib-und-Seele-Maler. Er war sechsundzwanzig Jahre alt - und fast genauso lang wartete er nun schon darauf, dass ihm jemand eines von seinen zahlreichen, gewiss nicht schlechten Gemälden abkaufte.

Van saß in dem Wagen, der seiner Schwester Edwina gehörte. Die beiden hatten eine Ausstellung besucht, die einer von Vans Kollegen auf die Beine gestellt hatte. Der Junge hatte gute Kritiken bekommen, und um ein paar von seinen fantastischen Bildern hatten sich die Kunden sogar gestritten. De Wilde lenkte den Klapperwagen seiner Schwester verträumt über den Highway. Nach dem Besuch einer Ausstellung dachte er immer daran, wie es wohl sein würde, wenn er mit seinen Arbeiten endlich einmal vor die Öffentlichkeit hintreten durfte.

Edwina verschränkte die Arme nervös vor der flachen Brust Sie war dreißig und begann allmählich zu verblühen, ohne jemals richtig geblüht zu haben.

„Nun sag mir mal, Van, wie du dir deine Zukunft vorstellst!“, verlangte sie, ohne den Bruder anzusehen.

Van de Wilde, ein in alte Sachen gekleideter, schlaksig wirkender Bursche mit sympathischen Augen und hohlwangigem Gesicht, hob die schmalen Schultern.

„Wie oft hast du mir diese Frage schon gestellt, Edwina.“

„Ja. Und wie oft hast du mir darauf schon keine Antwort gegeben?“

„Eben so oft“, schmunzelte de Wilde. Edwina schüttelte energisch den Kopf. „So wie es jetzt ist, kann es nicht mehr weitergehen, Van!“

Der junge Maler schaute seine rothaarige Schwester kurz an. Ein ehrliches Erschrecken schimmerte in seinen Augen.

„Was willst du damit sagen?“

„Ich kann dich einfach nicht mehr länger durchfüttern, Van.“ Edwina war Verkäuferin in einem Kürschnerladen in der Bronx. Mit der Umsatzprovision, die sie erhielt, verdiente sie überdurchschnittlich gut. Deshalb konnte Van ihre Worte nicht verstehen. Sie fuhr fort: „Warum hast du den Auftrag dieser Waschmittelfirma nicht angenommen? Der hätte dir wenigstens ein paar Dollar eingebracht.“

De Wilde zog die blonden Brauen zusammen.

„Ich bin kein billiger Werbegrafiker, Edwina!“

„So, so. Das bist du nicht.“

„Nein. Ich bin Maler! Ich habe Talent. Das hat man mir schon mehrfach bestätigt.“

„Vom Talent allein kann man nicht leben. Davon wird man nicht satt. Ein Talent hat noch keinen Bauch gefüllt, Van.“

„Irgendwann gelingt mir der Durchbruch. Ein echtes Talent setzt sich in jedem Fall durch. Das eine früher, das andere später. Ich kenne bloß nicht die richtigen Leute. Das ist mein Problem, Edwina.“

„Du wirst niemals die richtigen Leute kennenlernen, Van.“

„Nicht von heute auf morgen ...“

„Du hockst doch bloß in deinem Atelier herum und malst Bilder, die keiner haben will.“

„Das darfst du nicht sagen, Edwina. Meine Bilder sind gut. Ich weiß, dass sie gut sind.“

„Dann versuch doch endlich mal eines davon zu verkaufen. Van, du musst realistisch denken. Um dich herum gibt es eine Wirtschaftskrise, falls du das noch nicht bemerkt haben solltest. Den Leuten geht es nicht mehr so gut wie vor ein paar Jahren. Sie drehen ihren Dollar dreimal um, ehe sie ihn ausgeben. Auch der Verkauf von Pelzmänteln ist zurückgegangen. Ich kann dich beim besten Willen nicht mehr unterstützen.“

„Ich brauch doch nicht viel, Edwina.“

„Nicht viel, sagst du? Ich muss für Farbe, Pinsel und Leinwand aufkommen, und wenn du ein Modell brauchst, muss ich ebenfalls in die Tasche greifen. So kann das einfach nicht mehr weitergehen. Du musst dir einen Job suchen.“

De Wilde schluckte trocken. Einen Job suchen. Er war gewiss nicht arbeitsscheu. Aber seine Arbeit war das Malen. Sollte er Kohlen ausliefern? Heizöl zustellen? Eis verkaufen? Er war Maler! Nur Maler, sonst nichts.

„Du hast mir versprochen ...“, setzte er kleinlaut an, doch Edwina winkte ihn ab und fuhr sich nervös durch das rot gefärbte Kraushaar.

„Tut mir leid, Van!“, sagte sie scharf. Mit einem Mal kam sie ihm hässlich vor, obwohl sie seine Schwester war. Die Augen waren zu kräftig geschminkt. Ihre Zähne sprangen wie das Gebiss eines Raubtiers aus dem Mund hervor, die Lippen waren schmal, und ihre Nase war viel zu sehr gebogen, um dem Idealbild zu gleichen.

„Ich führe genau Buch über das, was ich von dir bekommen habe, Edwina“, sagte de Wilde und schaute an seiner Schwester vorbei, zu dem hohen Gasometer hinüber, der rechts neben dem Highway Nummer 9 auftauchte. „Ich habe mir alles ganz genau aufgeschrieben. Du kriegst dein Geld wieder, Edwina. Lass mich nur erst im Geschäft sein, dann zahle ich alle meine Schulden mit Zins und Zinseszinsen zurück.“

Das Mädchen steckte sich erregt eine Pall Mall an.

„Herrgott, ich wollte es dir nicht sagen. Aber nun muss es raus, sonst ersticke ich daran: Ich habe heute Morgen meinen Job verloren, Van. Kapierst du jetzt, was läuft?“

„Du findest sehr schnell einen neuen. Du bist tüchtig, Edwina.“

„Himmel noch mal, willst du mich denn nicht verstehen? Ich habe keine Lust mehr, deine Hirngespinste zu finanzieren. Du musst arbeiten wie jeder andere auch.“

„Ich arbeite ja.“

„Du malst Bilder, die keinen interessieren!“

„Eines Tages werden sich die Leute um meine Bilder reißen. Denk an Picasso, Dali und all die anderen! Sie haben alle nicht von Anfang an das große Geld gemacht.“

„Du machst doch nicht einmal das kleine Geld.“

„Was ich jetzt durchstehe, ist ein typisches Malerschicksal, Edwina. Es dauert eben seine Zeit, bis die Leute auf jemanden aufmerksam werden.“

Edwina zog an ihrer Zigarette, als wollte sie sie zerbeißen. Sie blies den Rauch gegen die Frontscheibe und sagte gepresst: „Warum bleibst du nicht auf dem Teppich, Van? Ist das denn so schwer für dich? Sollen denn meine finanziellen Zuwendungen niemals enden?“

De Wilde presste die Kiefer grimmig aufeinander und kniff die Augen wütend zusammen.

„Ich weiß genau, von wem diese Sparaktion ausgeht. Die Idee ist nicht auf deinem Mist gewachsen, Edwina. Wenn es nach dir ginge, würdest du mir dein letztes Hemd schenken.“

Das Mädchen warf die Zigarette zum Fenster hinaus und drehte die Scheibe wieder hoch.

„Dahinter steckt Mike Nelligan“, zischte Van de Wilde aggressiv. „Dieser elende Widerling! Ich gehe jede Wette ein, dass er dir aufgetragen hat, mir die paar Kröten wegzunehmen, die du mir im Monat gibst.“

Edwina schaute zum Gasometer, um ihren Bruder nicht ansehen zu müssen. Natürlich steckte Mike Nelligan dahinter. Aber was sollte sie machen? Sie wusste selbst, dass sie keine Schönheit war, und sie war froh, dass Mike sie das nicht fühlen ließ. Er war zwar nicht gerade das Ideal von einem Mann, aber er war immer noch besser als gar keiner. Er trank zu viel, schlief mit Strichmädchen und verprügelte Edwina, wenn sie sich ihm nicht hündisch unterwarf. Wahrlich, es war kein schönes Leben an seiner Seite. Aber war das Leben allein schöner? Das schon gar nicht. Deshalb nahm Edwina vieles in Kauf, um Mike Nelligan zu behalten.

„Er braucht die Moneten selbst, der gottverdammte Fixer!“, fauchte Van de Wilde erzürnt. Von Anfang an hatte er Nelligan nicht gemocht. Heute zeigte sich, dass seine Abneigung zu Recht bestand.

„Er ist kein Fixer!“, verteidigte Edwina ihren Lebensgefährten.

„Aber Haschisch raucht er.“

„Das ist nicht wahr!“

„Ich hab’s doch selbst gesehen!“

„Du darfst nicht so über Mike reden, Van! Das dulde ich nicht! Mike ist gut zu mir.“

„Blödsinn. Er nützt dich aus, und du merkst es nicht einmal!“

„Er mag dich, Van. Wirklich. Er hat dich gern.“

De Wilde nickte wütend.

„Ja! Ja! Am liebsten hat er mich, wenn ich die Tür von außen zumache.“

„Du bist nicht fair, Van ...“

Seit einer Weile schon fuhr ein Pontiac Firebird vor ihnen. Plötzlich führte der Wagen einen wilden Tanz auf. Van de Wilde trat sofort auf die Bremse.

Edwina stieß einen erschreckten Schrei aus. Sie warf die Arme nach vorn und stützte sich am Armaturenbrett ab. Der Firebird schlug Kapriolen und donnerte dann mit voller Wucht in den Straßengraben. Während de Wilde den Wagen seiner Schwester noch zwang, dicke schwarze Striche auf den Asphalt zu schmieren, sprangen um den Pontiac bereits die mörderischen Flammen hoch. Sobald Edwinas Wagen stand, sprang de Wilde heraus.

„Van!“, schrie seine Schwester mit schriller Stimme. „Van, bleib von dem Wagen weg! Dem Mann kannst du ja doch nicht mehr helfen! Van, komm zurück! Die Karre kann explodieren! Verdammt noch mal, Van, warum tust du nie, was ich sage?“

De Wilde erreichte den vom Feuer eingehüllten Wagen. Überall knisterte, knackte und prasselte es. Undeutlich nahm er die Umrisse des Fahrers wahr. Der Mann schien nicht mehr zu leben. Trotzdem wollte der junge Maler nichts unversucht lassen, um den Fahrer aus dieser sengenden Flammenhölle zu befreien. Er fasste nach dem Türgriff, verbrannte sich die Hand, ließ jedoch nicht mehr los, zerrte so lange an der Tür, bis sie mit einem Knall aufsprang. Er verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Gesäß. Blitzschnell war er wieder auf den Beinen. Mit angehaltenem Atem packte er den Mann. Die Hitze wollte ihn umbringen. Ringsherum waberte das Feuer. De Wilde wuchtete Coccarda hoch und schleppte ihn ächzend mit sich. Als seine Lungen bersten wollten, tat er einen Atemzug. Die Hitze stürzte sich in seinen Schlund und dörrte ihn inwendig aus. Wankend schaffte de Wilde den Mann vom Feuer weg. Seiner Meinung nach war der Fremde verunglückt.

Reifenplatzer.

De Wilde schauderte. Davor hatte er Schiss, seit er Auto fahren konnte.

Coccardas Kleider brannten.

„Die Decke!“, schrie de Wilde heiser. „Edwina! Bring schnell die Decke aus dem Fond!“

Das rothaarige Mädchen reagierte endlich. Sie brachte die Decke. De Wilde warf sie über den Mann und erstickte so die Flammen. Wagen bremsten. Leute liefen aufgeregt heran. Und Lello Coccarda schlug langsam die flatternden Augen auf.

De Wilde lachte seine Erleichterung heraus.

„Verdammt, das ist gerade noch mal gutgegangen, Mister ...“

 

 

4

Brandon Ladd wurde ab und zu scherzhaft „Mr. Goldfinger“ genannt. Das hatte seinen ganz bestimmten Grund, denn wenn Brandon Ladd etwas anfasste, dann passierte es häufig, dass es sich in Gold verwandelte. Trotzdem war Ladd kein Magier, sondern ein Mann mit einer guten Nase, der das Gefühl für gute Geschäfte im kleinen Finger hatte. Seiner Cleverness und seinem Einfallsreichtum verdankten viele Leute eine steil nach oben führende Karriere. „Mr. Goldfinger“ hatte eine beachtliche Anzahl von Leuten groß gemacht: Sänger, Komponisten, Tänzer und Maler. Für den Erfolg dieser Leute hatte er hart geschuftet. Er hatte eine Unmenge Geld in sie investiert, und da er kein holzköpfiger Idealist war, war er mit seinen Schützlingen reich geworden.

Eines Tages warf ihn dann der Herzinfarkt scharf an den Rand des Grabes. Zu allem Überfluss reichte zu diesem Zeitpunkt auch noch seine Frau die Scheidung ein. Sie hatte sich Hals über Kopf in einen Bettelmönch verliebt, worauf der kahlhäuptige Junge seine Kutte ins Rinnsal warf und mit Betty Ladd nach Grönland auswanderte, um bei den toleranten Eskimos ein neues Leben anzufangen. Ladd hatte seine Frau zwar schon lange nicht mehr geliebt, aber von ihr gerade in dem Augenblick im Stich gelassen zu werden, als ihn das Schicksal zum ersten Mal auf den Bauch warf, das ging ihm doch ziemlich unter die Haut, obwohl er stets damit protzte, Nerven wie Drahtseile zu haben.

Waren seine Methoden auch nicht immer die saubersten gewesen, so glaubte er doch, stets hundertprozentig richtig zu handeln, und der Erfolg gab ihm recht.

Nach dem Infarkt musste er erst mal zwanzig Kilogramm herunterhungern, dann musste er leisetreten, durfte nicht mal ans Geschäft denken, doch Ladd wäre kein richtiger Manager gewesen, wenn es ihn nicht schon sehr bald wieder heftig in den Fingern gekribbelt hätte. Er suchte ein neues Talent, das er aufbauen konnte. Diesmal ging es ihm in erster Linie darum, sich selbst zu beweisen, dass er immer noch der „Größen“-Macher von einst war.

Sein wacher Blick fiel auf einen jungen Maler namens Van de Wilde. Er holte ihn in sein Büro und sagte: „Hör mal zu, mein Junge. Das Leben ist hart, und die Menschen sind Bestien. Wir beide haben einander bitter nötig. Du brauchst mich, weil du endlich deine Bilder verkaufen willst. Und ich brauche dich, um der Meute zu zeigen, dass Brandon Ladd sein Geschäft noch lange nicht verlernt hat. Wenn wir beide uns zusammentun, wird etwas Großes daraus werden. Was ist, Van, hältst du mit?“

De Wilde hatte gedacht, was könne er schon verlieren. In einer tieferen Versenkung konnte er kaum noch verschwinden, und er hatte zu allem, was Ladd ihm vorschlug, seine Zustimmung gegeben. Brandon Ladd bereitete sich diesmal gründlicher als sonst auf den Start vor. Er lebte von Kaffee und Herzpillen in dieser Zeit und setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um den Namen Van de Wilde einigermaßen publik zu machen.

Etwa ein halbes Jahr nachdem Van de Wilde dem Ex-Gangster Lello Coccarda auf dem Interstate Highway Nr. 9 das Leben gerettet hatte, zog Brandon Ladd das erste Monsterspektakel mit dem jungen Maler auf. Ladd hatte in de Wildes Atelier eine Menge hervorragender Bilder gefunden. Dokumente eines echten Talents. Wenn Van de Wilde dieses nicht besessen hätte, hätte ihn Ladd einfach fallengelassen, um sich einen würdigeren Knaben zu suchen. Aber Van war es wert, dass man sich für ihn zerfranste, und so bombardierte Ladd die Zeitungen mit rührseligen Geschichten, die hinten und vorn nicht stimmten, aber ans Herz rührten und den jungen jungen kranken Maler allmählich zum Mitleidsobjekt der Leute machten. Ladd brachte seinen Schützling mit etablierten Malern zusammen, ließ sie diskutieren und das Ganze vom Fernsehen übertragen. Er baute seinen „Meister“ wie die Cornflakes einer unbekannten Firma auf. Das Produkt war gut. Folglich musste den Leuten eingeredet werden, dass sie Appetit darauf hatten.

Der einstweilige Höhepunkt im Reklamerummel um Van de Wilde war die Eröffnung einer Ausstellung in einer von Brandon Ladd gemieteten 12-Zimmer-Flucht.

Der Werbefeldzug hatte ein kleines Vermögen verschlungen, aber der clevere Ladd stand auf dem Standpunkt, man müsse Millionen zum Fenster hinauswerfen, damit Milliarden zur Tür hereinkommen.

Jedes der zwölf Zimmer war anders dekoriert. Es gab eine „Blaue Grotte“. Es gab einen „Birkenhain“ mit echten Birken, ein „Liebeszelt“, einen „Spanischen Salon“ und dazu selbstverständlich die jeweils dazu passenden Gemälde des „Meisters“ Van de Wilde.

Ladd schaute sich zufrieden um. Leute mit klangvollen Namen hatten sich eingefunden.

Der Blick des Managers fiel auf einen Burschen, der das vornehme Geldsamtbild mit seiner Mittelmäßigkeit störte. Er ging zu ihm, nahm ihn am Arm und führte ihn in eine stille Ecke. Der Mann im schlecht sitzenden Leihsmoking hieß Allan Bradley, von Beruf Journalist.

Bradleys Wangen waren vom Alkohol gerötet. Erst vor einer Minute hatte er sich die x-te Schale Champagner geholt, denn so billig kam er lange nicht mehr zu solch erlesenen Drinks. Bradley war mittelgroß, hatte schütteres Haar und Augenbrauen, in denen man einen Buschbrand legen konnte. Seine Finger waren schlank und verrieten, dass der Mann sein Leben lang noch keine Arbeit verrichtet hatte.

Ladd schüttelte eine von seinen winzigen orangefarbenen Herztabletten aus der Blechschachtel und warf sie sich in den Mund.

„Wie geht es Ihrer Pumpe, Mr. Ladd?“, fragte der Journalist voll Anteilnahme.

„Die geht dich nichts an“, knurrte Ladd ärgerlich. Er war nur unwesentlich größer als Bradley, war schlank, wirkte elegant, korrekt und kühl. Sein Haar war grau, modisch lang, wuchs über den Hemdkragen. Unter dem energischen Kinn trug er eine dicke schwarze Fliege. Die Art, wie Bradley, der von ihm zu einem ganz bestimmten Zweck eingeladen worden war, sich benahm, erregte seinen Unmut. Der Journalist hörte das Signal in Ladds Stimme, hob den Kopf und fragte: „Ist was?“

„Ich will nicht, dass du hier säufst wie ein Loch!“, zischte Ladd so, dass keiner außer Bradley es hören konnte.

Der Journalist setzte ein verharmlosendes Grinsen auf.

„Aber ich bitte Sie, Mr. Ladd ...“

„Vergiss nicht, du bist zum Arbeiten da!“

„Haben Sie den Eindruck, dass ich das vergessen habe?“

„Allerdings. Wo ist deine Kamera?“

„Ich habe sie im Birkenhain deponiert.“

„Hol sie! Hab ich dir nicht gesagt, du musst Fotos von unserem Goldjungen machen?“

„Habe ich doch schon gemacht.“

„Zu wenig! Du musst pausenlos fotografieren. Herrgott noch mal, ich hätte mich nicht mit einem solchen untalentierten Nichtskönner wie dir zusammentun sollen. Verdammt noch mal, du hast von mir so etwas wie die Exklusivrechte bekommen, hier deinem Beruf uneingeschränkt nachgehen zu dürfen. Ich habe absichtlich keinen von deinen Kollegen eingeladen, damit ich die Berichte über Van de Wilde besser in der Hand habe.“

Du meinst, damit du die Berichte besser steuern kannst, dachte Allan Bradley ärgerlich.

Jedes Foto, jede Zeile musste er dem Manager vorlegen, ehe er sie zur Veröffentlichung weitergeben durfte. Ladd ließ sich das einen Haufen Geld kosten, dafür zerlegte er aber jeden einzelnen Satz so sehr, dass schon nach kurzem keine einzige Silbe mehr von Allan Bradley war.

„Du hättest die Möglichkeit, dich hier voll zu entfalten“, sagte der Manager gepresst. „Und was tust du? Du stehst herum und säufst den Champagner, der nicht für dich bestimmt ist. Nicht, dass ich dir die Drinks nicht gönne. Aber ich habe dich hergebeten, damit du deinen Job tust ...“ Brandon Ladd leckte sich kurz die Lippen und wies mit seinem energischen Kinn dann quer durch den Raum. „Siehst du den Mann dort?“ Bradley folgte dem Blick des Managers. Dort stand ein Mann, 1,80 Meter groß, schlank, breitschultrig. Er wirkte durchtrainiert, hatte ein schmales, sonnengebräuntes Gesicht, helle, durchdringende Augen. Die Haarfarbe war dunkel. Nach seiner äußeren Erscheinung wirkte er wie ein eleganter, gepflegter, moderner Top-Manager. In der Rechten hielt er ein gut gefülltes Bourbonglas.

„Meinen Sie den Mann, der vor der ,Weinenden Jungfrau' steht?“, fragte Bradley sicherheitshalber.

Ladd nickte.

„Das ist der beste und bekannteste Privatdetektiv, den du für dein gutes Geld in New York aufgabeln kannst. Er heißt Bount Reiniger. Ein gerissener Spürhund als der muss erst geboren werden. Die Fälle, die er übernimmt, schließt er mit einer Erfolgsquote von 99,9 % ab.“

Bradley betrachtete den Wunderknaben beeindruckt.

„Kaum zu fassen. Ich will nicht behaupten, dass er harmlos aussieht, aber so gefährlich, wie Sie ihn schildern, wirkt er keinesfalls. Ist er beruflich hier?“

Ladd schüttelte den Kopf.

„Dazu gibt es zum Glück keinen Grund. Ich habe ihn einfach genauso eingeladen wie den Bürgermeister, den Polizeipräsidenten und all die anderen großen Tiere unserer Stadt. Damit unser ,Meister‘ einen würdigen Rahmen erhält.“ Ladd grinste und schaute sich um. „Und sie sind alle gekommen. Ganz klar. Ein bisschen Reklame kann auch ihnen nicht schaden.“ Ladd stieß den Journalisten an. „Pass auf! Ich werde den Jungen jetzt mal ein bisschen mit Bount Reiniger zusammenspannen. Du holst inzwischen deinen Schnappschussautomaten. Wenn du von den beiden genügend Fotos gemacht hast, gibst du mir ein Zeichen. Dann teile ich Van einen neuen Gesprächspartner zu. Er soll mit ihnen allen reden und mit ihnen auf einem Foto zu sehen sein. Sie sollen sehen, dass er ein netter, guter, bescheidener Junge ist. Sie sollen ihn ins Herz schließen und sich dann seine Bilder ansehen. Und ich will verdammt sein, wenn sie seine Gemälde nachher nicht mögen.“ Ladd kicherte mit glitzernden Augen. „Da staunst du, an was man alles denken muss. Ja, ja. Brandon Ladd versteht eben sein Handwerk immer noch. Man muss trommeln, wenn die Leute auf etwas aufmerksam werden sollen. Und wir trommeln nicht bloß - wir hauen gleich mal richtig auf die große Pauke!“ Bradley stellte das Champagnerglas weg. „Also“, sagte Ladd giftig, „sei von nun an auf Draht, Freundchen! Und wenn ich dich noch mal Champagner saufen sehe, schiebe ich dir meine Zigarre mit der Glut voran ins Maul. Ich hoffe, wir verstehen uns! Von jetzt an hältst du dich an Fruchtsäfte, klar?“

Ach, leck mich doch am …, dachte der Journalist im ersten aufwallenden Zorn. Doch dann nickte er dienstbeflissen und sagte heiser: „Jawohl, Mr. Ladd!“

 

 

5

Er nannte sich Bhakata.

Nur Bhakata. Es gab keinen ersten und keinen zweiten Vornamen.

Bhakata - das war im Laufe der Zeit ein Markenzeichen geworden. Der Mann stammte aus Neu Delhi. Seine Haut hatte die Farbe von Oliven. Seine Augen wirkten weich wie dunkelbrauner Samt. Er war schlank, hochgewachsen und trug einen Turban zu westlicher Kleidung.

Ursprünglich hatte Bhakata Arzt werden wollen. Er hatte eine Vorliebe für die Medizin gehabt. Aber das Schicksal hatte andere Pläne mit ihm. Da war ein hübsches Mädchen gewesen, in das Bhakata rasend verliebt gewesen war. Sita hatte sie geheißen. Ein Mädchen so sanft und so voll mit Liebe für den jungen Bhakata, dass er vor Glück vergehen wollte. Die beiden schmiedeten hochfliegende Pläne, sprachen von einer gemeinsamen Zukunft, von Ehe, von immerwährender Treue. Aber dann übernahm das Schicksal die grausame Regie. Bhakata kam eines Tages früher als gewöhnlich nach Hause. Schon in der Diele vernahm er das Stöhnen seines Mädchens, und als er das Schlafzimmer betrat, überraschte er sie in den Armen eines deutschen Ingenieurs. Es war dem jungen Bhakata, als hätte ihm jemand mit einer Keule zwischen die Augen geschlagen. Er verlor zum ersten Mal in seinem Leben die Beherrschung. Weder Sita noch der nackte Ingenieur hatten Gelegenheit, sich zu rechtfertigen. Er holte seinen Revolver aus dem Schreibtisch und erschoss die beiden gleich im Bett. Hinterher war ihm so übel, dass er sich übergeben musste. Doch das Unglück ging weiter. Sitas Bruder wollte den Tod seiner Schwester rächen. Und plötzlich stand Bhakata mit drei Morden am Hals da. Er war gezwungen, Indien zu verlassen. Ein unsauberer Geschäftsmann aus Tokio verhalf Bhakata zur Flucht, und er verwendete sein Wissen dazu, den Inder zu überreden, für Geld einen Menschen zu töten, der sich geweigert hatte, nach der Pfeife des Japaners zu tanzen. Es machte Bhakata nichts aus, einen vierten Mord zu begehen. Sitas Abgang hatte ihm jegliches Mitgefühl aus dem Leib gerissen. Er besaß kein Herz mehr. In seiner Brust gähnte eine Leere, die nichts zu empfinden imstande war. Nach dem vierten Mord kam der fünfte. Allmählich wurde für Bhakata aus dem Töten ein gutes Geschäft. Er wurde von Job zu Job weiterempfohlen, richtete Agenten als „freischaffender Mitarbeiter“ für die verschiedensten Geheimdienste hin, killte Wirtschaftsbosse in Australien, beseitigte Politiker im Ostblock, tötete Millionäre in Kanada ...

Und nun war er in New York. Er kam mit einem Yellow Cab.

„Wenn Sie dort vorn anhalten könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar“, sagte er höflich zum Fahrer. Dieser nickte und tupfte zur gegebenen Zeit weich aufs Bremspedal.

„Punktlandung, Sir“, sagte er grinsend und schob sich die speckige Mütze in den Nacken.

„Was macht das?“

Der Fahrer nannte seinen Preis. Bhakata gab reichlich Trinkgeld. Dann klemmte er sich den Geigenkasten unter den Arm und stieg aus. Der Abend war von einer verschwenderischen Lichtfülle beherrscht. Eine lange Schaufensterflucht strahlte im grellen Lichterglanz. Hinzu kamen die Straßenbeleuchtung und die Scheinwerfer der zahlreichen Autos, die unterwegs waren.

Mit blubberndem Motor fuhr das Taxi weiter. Bhakata betrat das Gebäude, vor dem er stand. Mit dem Lift fuhr er zum sechsten Stock hinauf. Oben angekommen, schritt er den stillen Korridor entlang. Vor einer hellgrauen Tür blieb er stehen. Sein Blick wanderte den Gang auf und ab. Dann fingerte er einen Schlüssel aus der Westentasche und schloss damit die Tür auf.

Die Wohnung, die er betrat, war nicht die seine. Kein einziges Möbel befand sich in ihr. Doch das störte den Inder in keiner Weise. Er war nicht hierher gekommen, um die Nacht in dieser Wohnung zu verbringen, sondern um zu arbeiten. Deshalb befand sich im Geigenkasten auch keine Violine, sondern ein kostbares Präzisionsgewehr, samt Schalldämpfer und optischer Infrarotzielhilfe.

Vier Räume hatte die Wohnung.

In jeden warf Bhakata einen kurzen Blick. Solche Vorsichtsmaßnahmen hatten sich bereits des Öfteren bezahlt gemacht. Bhakata hatte gelernt, die Gefahr bereits zu einem Zeitpunkt auszuschalten, wo sie für ihn noch keine Gefahr war.

Nachdem er alles für in Ordnung befunden hatte, trat er ans Fenster. Er stieß die beiden Flügel auf. Sechs Etagen unter ihm brummte der Abendverkehr durch die Straße.

Er öffnete den Geigenkasten und entnahm ihm das Scharfschützengewehr. Probeweise warf er einen Blick durch das Zielfernrohr. In der gegenüberliegenden 12-Zimmer-Flucht wurde eine Art Fest abgehalten. Die meisten Männer trugen Smoking. Die Frauen waren in teure Modellkleider gehüllt. Das Fadenkreuz turnte über zahlreiche bekannte Gesichter aus Politik und Wirtschaft. Und an den Wänden hingen Gemälde, die von einem gewissen Van de Wilde signiert waren ...

 

 

6

Van de Wilde war nach dem Geschmack von Brandon Ladd gekleidet. Er trug einen elegant geschnittenen, auffällig schillernden Abendanzug, dazu ein Hemd mit Rüschen und eine gebauschte Schalkrawatte im Ausschnitt. Der Junge fühlte sich nicht wohl in dieser Kleidung. Abgewetzte Jeans und ein salopper Pulli waren ihm lieber, aber Ladd hatte auf diesem Anzug bestanden, und so hatte sich Van in den schillernden Wust hineingestürzt.

Van unterhielt sich mit einem aktiven Major der US-Army. Der dicke Mann war von seiner Frau mit viel Kraftaufwand in seine Uniform hineingepresst worden. Die Jacke umschloss ihn so eng, dass er kaum mal richtig durchatmen konnte, und das Hemd schnürte seinen Hals so sehr ab, dass es den Anschein hatte, als würde der Major aus akutem Sauerstoffmangel nicht über die Runden kommen. Er trug ein blitzendes Monokel vor dem linken Auge. Die rechte Wange war von einer knallroten Narbe verunstaltet, ein Ding, das er nicht aus Vietnam nach Hause gebracht hatte, sondern sich als Heimwerker geholt hatte, als die Kreissäge brach und ihm ins Gesicht sauste.

Brandon Ladd kam mit einem Strahlemannlächeln auf Van de Wilde und den Major zu. Er schlug dem Maler auf die Schulter und sagte zum Major: „Na, sieht der Junge nicht fabelhaft aus?“

„O ja. Ich bin von Ihrem Schützling sehr angetan“, sagte der Major und nickte wohlwollend.

Ladd lachte.

„Man könnte ihn mit Elvis Presley verwechseln, was? Tut mir leid, dass ich Ihnen den Meister entführen muss, Major, aber ich möchte ihn mit einem Mann bekannt machen, der fast so wichtig ist wie Sie.“ Der Manager kniff ein Auge zu. „Das bietet Ihnen die Gelegenheit, sich die Werke des Meisters in Ruhe anzusehen. Ich bin sicher, dass Sie an dem einen oder anderen Gemälde Gefallen finden werden. Und - im Vertrauen gesagt“, fügte Ladd mit gedämpfter Stimme hinzu, „so billig wie jetzt können Sie den Malerstar von morgen nie wieder in Ihre Wohnung kriegen.“

Ladd griff nach Vans Arm und zog ihn von dem Major weg. De Wilde schaute sich scheu um. Mein Gott, dachte er. So viel Prominenz. Ich hätt's vor einem halben Jahr nicht geglaubt, wenn mir einer gesagt hätte, dass es dazu kommen würde.

Ladd blieb stehen. Er grinste den Maler breit an.

„Na, Junge, wie fühlst du dich?“

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943481
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
killer clou york detectives

Autor

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Titel: Ein Killer war sein größter Clou: N.Y.D. – New York Detectives