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Verschwinde oder stirb

2020 124 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Verschwinde oder stirb

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Verschwinde oder stirb

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

Pat Lewill kann dem Rancher Howard Foster einen Gefallen erweisen und bekommt ein Stück gutes Weideland zum Kauf angeboten. Aber das gefällt nicht jedem. Besonders der Rancher Sullivan schreckt auch vor Mord nicht zurück, um den Kauf zu verhindern. Als der Rancher erschossen wird, steht Pat Lewill unter Verdacht.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Pat Lewill – Er ist auf der Suche nach einem Ort, wo er sich niederlassen und seine Vergangenheit vergessen kann.

Howard Foster – Er glaubt, in Pat den Mann gefunden zu hoben, der in seine Pläne passt.

Sullivan – Der Rancher will mit allen Mitteln verhindern, dass ein anderer den Buckaroo-Streifen in Besitz nimmt.

Jesse Edzark – Er erkennt in Pat Lewill den stahlharten Mann und achtet ihn, obwohl er auf der anderen Seite steht.

Cory Foster – Sie hat sich in einen Panzer aus Hochmut und Stolz gehüllt.

 

 

1

Die Rauchsäule stieg steil zum roten Abendhimmel empor. Pat Lewill hatte sie schon vor einer Viertelstunde entdeckt gehabt, aber es schien, als ob er noch weit davon entfernt wäre. In der endlosen Weite der Hochfläche konnte sich selbst ein erfahrener Mann verschätzen.

Indianer sind das nicht, dachte Pat und blickte auf sein müdes Pferd. Eigentlich hatte er längst rasten wollen. Vorhin wäre da ein guter Platz nahe der roten Felsen gewesen. Aber nun lagen die schon weit hinter ihm. Rauchzeichen wie dieses da vorn bedeuteten im Süden Arizonas ein Notsignal.

Vielleicht, so überlegte Pat, war es hier nicht anders. Ein Mensch in Not etwa? Das Land schien hier unendlich in seiner Ebene. Hartes strohgelbes Gras, das bis über die Steigbügel reichte und in Büscheln zwischen rötlichem Sand stand. Mitunter ein paar Kreosotbüsche, deren blaugrüne Farbe im rötlichen Einerlei der Hochfläche belebend wirkte. Und weit rechts von Pat im Osten die roten Felsen. Verwittert, zerbröckelt und angenagt von Hitze und Kälte, von Wind und Witterung.

Irgendwann würden auch diese Felsen zu Sand werden. Sie waren jetzt schon nur noch Reste eines gewaltigen Gebirgszuges, der hier wohl vor Millionen Jahren gestanden haben mochte.

Es beschäftigte Pat Lewill im Augenblick weniger als die Rauchsäule. Die Frage, was sie bedeutete, wollte Pat beantwortet wissen.

Der Falbe schnaubte unwillig. Er wurde langsamer und wollte am liebsten stehenbleiben. Aber Pat war ungeduldig und trieb ihn weiter.

Pat wirkte jetzt, als ihn die tiefstehende Sonne von links anstrahlte, wie aus Bronze gegossen. Sein kantiges, scharf geschnittenes Gesicht mit den buschigen Brauen und dem ein wenig vorstehenden Kinn und der von Faustkämpfen gezeichneten Nase, wies ihn als einen Mann aus, dem ein beschauliches, friedliches Dasein nie vergönnt gewesen war. Bei oberflächlicher Betrachtung wirkte er wie ein Cowboy, aber obgleich er das wirklich einmal gewesen war, gab es doch auch Zeichen dafür, dass er so etwas wie ein Scout sein konnte.

Er trug einen zweiten Patronengurt mit Gewehrmunition, hatte einen matt glänzenden Peacemaker in der Halfter stecken und besaß vier Wassersäcke, wie das nur Wüstenreiter und Scouts tun, die lange durch wasserloses Gebiet reiten. Pat Lewills Gewehr im Scabbard war eine Winchester 73, im Augenblick das beste Gewehr im Westen. Die Waffe wirkte weit besser gepflegt, als dies bei Cowboys der Fall war. Auch dass Pat nur Rohlederlassos am Sattelhorn statt eines der neumodischen Seillassos hängen hatte, verriet ihn als einen Mann, der nicht nur Rinder zu hüten verstand.

Sein Pferd, der Schwarzfalbe, war ein untersetzter Hengst, in dem mindestens zu Zweidrittel Warmblut pulsierte. Ein Bronco, wie man sie wild in den Canyons von Mittel und Südarizona sehen konnte. Genau daher stammte der Hengst auch, aber Pat Lewill hatte ihn als Einjährigen eingefangen. Seit fünf Jahren war Lion in seinem Besitz, und der Hengst hatte eine Menge bei Pat gelernt, weit mehr als Cowponys im Allgemeinen beigebracht bekamen.

Der Mann und das Pferd waren staubbedeckt und müde. Aber jetzt schien auch Lion zu ahnen, dass er seinen Herrn noch bis zum Rauch tragen musste. Er ging wieder flotter, und wenn es auch schien, als sei das Feuer noch immer endlos weit, konnte Pat schließlich doch sehen, dass es neben dem Wagenweg brannte. Dicht beim Feuer stand etwas, das wie ein Wagen aussah. Aber er konnte keine Pferde entdecken.

Pat und der Hengst brauchten noch fast eine Stunde, ehe sie das Feuer erreicht hatten. Ein Mann mit weißem Haar, staubigen Hosen und einer olivgrünen Weste über dem weißen Hemd stand daneben. Zehn Schritt weiter befand sich ein Wagen, und direkt davor lag ein totes Pferd. Die Gabeldeichsel war hochgeklappt; das Geschirr des Pferdes hing auf dem Wagenbock des Buggys.

Mit einem Blick hatte Pat die Situation erfasst. Das Pferd schien gestolpert zu sein, hatte sich offenbar das Kronbein gebrochen und musste erschossen werden.

Es dämmerte schon, als Pat vor dem Weißhaarigen anhielt und ihn anblickte. Er sah in ein breites, von der Sonnenhitze gerötetes Gesicht mit fast wasserhellen Augen. Das weiße Haar täuschte. Der Mann war etwa fünfzig Jahre alt. Irgendwie erinnerte er Pat an einen jener stämmigen, erdverbundenen Farmer in Kentucky, den er vor vielen Jahren kennengelernt hatte.

Der Mann nickte Pat zu. „Ich habe Kaffee, Sie können mit mir trinken.“

„Mein Pferd ist ziemlich müde“, sagte Pat und saß ab. „Vor dem Morgen kann ich Sie nicht mitnehmen. Vor dem Wagen wird es auch nicht gehen. Das ist es nicht gewohnt. Sie müssten hinter mir sitzen.“ Während er diesen Vorschlag machte, bedauerte Pat schon den Hengst, denn dieser Mann dort wog bestimmt seine zwei Zentner.

„Es genügt, wenn Sie mir morgen aus Cantara jemanden schicken.“ Der Mann ging zum Feuer und wandte Pat den Rücken zu. Da bemerkte Pat, dass dieser Fremde als junger Mensch ein ziemlicher Brocken gewesen sein musste. Noch jetzt hoben sich Muskelberge unter dem gespannten Hemd.

Der Mann drehte sich um und hielt Pat eine Blechtasse entgegen. „Kaffee!“ Er sah, dass sich Pat erst um das Pferd kümmern wollte, und fuhr fort: „Übrigens, ich bin Howard Foster – mir gehört die Dreieck-Ranch.“

Pat stellte sich auch vor. „Ich wollte nach Norden. Es soll dort noch freie Parzellen geben.“

Fosters von Falten übersätes Gesicht entspannte sich. „Rancher?“

„Hmm, im kleinen Stil“, erwiderte Pat grinsend. „Man kommt nicht mit einer Million auf die Welt.“

„Nein, aber man kann sie verdienen. Es dauert nur meist verflucht lange.“ Foster half Pat beim Absatteln, und Pat bemerkte an der Art, wie lässig der Rancher mit dem Sattel umging, dass er noch immer eine Menge Kraft hatte.

„Es gibt auch hier noch Land“, sagte Foster, als er den Sattel abgesetzt hatte. „Freies Land für tüchtige Männer. Wenn Sie wollen, können wir darüber noch reden.“

„Deshalb, weil ich Ihnen helfen werde? Das ist für mich selbstverständlich, Mr. Foster.“

„Für mich auch“, erwiderte der Rancher. „Aber Sie sehen aus wie ein Bursche, der jetzt am Ziel ist.“

„Sie reden etwas merkwürdig, Mister. Am Ziel?“, fragte Pat und gab Lion zu saufen.

Foster sah ihn an. In seinem breiten Farmergesicht erwachte ein Lächeln. An der Art, wie das geschah, glaubte Pat zu sehen, dass dieser Mann oft und gerne lachte und Sinn für Humor hatte.

„Ich bin ein Bursche wie Sie gewesen, Pat. Ruhelos, immer auf der Suche nach einem Zipfel vom Glück. Bis ich es eines Tages satt hatte. Bis ich dachte, hier wirfst du jetzt deine verdammte Decke hin und bist zu Hause. Das habe ich gemacht, Freund. Und seitdem gibt es die Dreieck-Ranch. Denn meine Decke war dreieckig. – Nehmen Sie den Kaffee, Pat. Ich habe auch noch etwas Brot, aber für große Bankette bin ich nicht eingerichtet. Ich war auf dem Wege von meiner Ranch nach Cantara, und hier ist meine Stute in ein Loch getreten und gestürzt, nun ja, ich musste sie erschießen. Schneiden Sie sich ruhig mehr ab. Cantara ist keine sechs Meilen weit. Wir werden nicht verhungern, wenn wir alles aufessen.“

„Ich habe auch Proviant, Mr. Foster.“

„Sagen Sie Howard zu mir, Pat“, brummte Foster und beobachtete Pat aus seinen hellen Augen. „Kommen Sie aus Mexiko?“

Pat sah ihn fragend an. „Wieso?“

Foster deutete auf den Staubrand an Pats Sattel, der älter zu sein schien als ein paar Tage. „Weißgelber Dreck, wie in der Gila.“

„Genau von dort ist er auch“, erwiderte Pat. Er zog den Futterbeutel hinter der Sattelrolle los und ging zu seinem Hengst. Lion steckte sofort den Kopf hinein und begann, den Hafer zu fressen. In aller Ruhe hängte ihm Pat den Henkel über den Kopf und klatschte dem Hengst freundschaftlich auf den Hals.

„Ein prächtiger Bursche, leider nicht sehr schnell, wie?“, fragte Foster.

„Für mich schnell genug.“

„Ein Bergpferd. Hier auf der Hochfläche kommt er mit den langbeinigen Rennern nicht mit. Das werden Sie noch erleben.“

Pat zuckte mit den Schultern. „Ich hatte nicht vor, jemandem davonzureiten.“

„Nein“, brummte Foster und beobachtete Pat genau, „das hat niemand vor, aber es ist immer möglich. – Tabak?“

„Ich werde noch etwas essen. Sie sollten mithalten, Howard. Ich habe noch Pemmikan.“

„Das erinnert mich an meine Jugend. Seitdem habe ich nie mehr Pemmikan gegessen. Hah, die würden zuhause Augen machen, wenn sie wüssten, dass ich Pemmikan esse!“ Er schlug sich auf den Schenkel und griff zu, als ihm Pat ein Stück von der Indianerwurst abschnitt.

Er biss hinein, verzog etwas das Gesicht und kaute dann offenbar mit großem Appetit. Schließlich sagte er: „Man ist verwöhnt, richtig sattgefressen. Erst habe ich gedacht, ich beiße in Huffett. Zum Teufel, aber nun schmeckt mir das verdammte Indianerzeug. Wohin wollten Sie, Pat?“

„Ich sagte ja, weiter im Norden gibt es Parzellen.“

„Drüben, dort rechts, wo die Berge sind. Jetzt sieht man sie im Halbdunkel nicht gut. Morgen, wenn es wieder hell ist, zeige ich es Ihnen. Da sind noch herrliche Weiden.“

„Und warum nimmt sie keiner?“, fragte Pat skeptisch.

„Es gibt hier nur zwei Ranches. Sullivans Arroyo Grande und meine Dreieck. Sullivan, der alte Bandit, hat doppelt so viel wie ich. Aber wenn er das Land dort vor den Bergen will, muss er über meine Weide. Ich liege dazwischen.“

„Und Sie, warum nehmen Sie das Land nicht?“

Foster stand auf, ging bis zum Wagen und lehnte sich ans Hinterrad. „Ich will es nicht, Pat. Ich nicht.“ Er blickte in die Weite des Landes hinaus, obgleich es jetzt schon so dunkel war, dass man kaum noch etwas sehen konnte. Die Flammen des Feuers beleuchteten Fosters breiten Rücken.

Plötzlich drehte er sich um, und sein Gesicht wirkte im zuckenden Lichtschein wie gemeißelt. „Dort drüben, Pat, ist mein ältester Junge umgekommen. Klapperschlangenbiss. Ich habe dann alles abbrennen lassen, alles, jeden Busch, jeden Grashalm. Danach ist dort gutes Gras gewachsen, gedüngt von der Asche. Aber ich will das Land nicht. John war meine ganze Hoffnung.“

„Ihr einziges Kind?“

Ohne zu Pat zu sehen, sagte Foster: „Nein, ich habe noch eine Tochter von vierundzwanzig Jahren und einen Jungen von neunzehn. Aber John war anders. Er war ein Rancher wie ich. Cory macht nur Männer verrückt, und Tim – ach, der Junge wird vielleicht noch, aber bis jetzt …“

Er seufzte und schien mehr mit sich selbst als zu Pat zu sprechen. „Tim hätte eine harte Hand gebraucht. Aber wir haben ihn verwöhnt, als das mit John passiert war. John war damals siebzehn und Tim gerade zehn. Ja, seitdem haben wir Tim verdorben. Ich bin selbst schuld. Er ist ein Waschlappen und dazu ein verdammter Angeber. Ah, warum erzähle ich Ihnen das eigentlich?“, schnauzte er, als habe er jetzt erst wieder bemerkt, dass Pat zugehört hatte. Er blickte Pat an. „Verdammt, ich weiß wirklich nicht, warum ich mich wie ein Waschweib benehme.“

„Manchmal“, sagte Pat, „ist ein Mann zu lange einsam gewesen.“

Foster nickte und senkte den Kopf. In seinem schneeweißen Haar spiegelten sich die Flammen, so dass es nun rötlich aussah. „Ja, einsam. Ein Mann ist in diesem Lande oft einsam, wenn er ein Mann ist.“

„Und Sie würden dieses Land dort vor den Bergen abtreten?“, fragte Pat.

Foster schrak aus seinen Gedanken. „Abtreten? Es gehört dem, der seine Rinder darauf weiden lässt.“

„Und Wasser?“

„Genug für etwa fünfzehnhundert Rinder. Drüben, direkt an den Felsen. Gutes Wasser. Die Quelle entspringt im Berg. Ich würde an Ihrer Stelle das Quellgebiet fest eintragen lassen und kaufen.“

„Hmm, ich werde darüber nach denken, wenn ich alles gesehen habe.“

„Reiten Sie morgen hin. Aber reden Sie mit keinem darüber. Verdammt, ich glaube, ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Aber jetzt würden wir besser eine Runde schlafen, was?“

 

 

2

Lion hatte noch nie einen Wagen gezogen, aber jetzt tat er es, und es ging besser, als Pat gedacht hatte. Um das Pferd nicht unnötig im ungewohnten Anspann aufzuregen, ließ Pat es im Schritt gehen. So brauchten sie fast eineinhalb Stunden. bis sie Cantara erreicht hatten.

Die Stadt lag in einer flachen Mulde, der einzigen Vertiefung auf der Hochfläche. Hier sammelte sich ein von den Bergen kommender Creek zu einem See, und der war der Anlass der Ansiedlung geworden. Von diesem See lebte die Stadt.

Sie war nicht sehr groß, etwa vierzig Häuser, die alte spanische Missionskirche stand noch an der Plaza, ringsherum ein paar Gebäude, die an mexikanische Zeiten erinnerten und auch noch von damals stammten. Die übrigen Gebäude waren ausnahmslos aus Adobe gebaut, schmucklos, nüchtern, hässlich.

„Das ist Cantara“, sagte Foster, und es klang ein wenig stolz. „Als ich hier anfing, gab es nur die paar Mexikanerhütten um die Kirche. Jetzt haben wir nur noch ein halbes Dutzend Mexikaner, und die leben auf den Ranches. Der gelbe Bau der Kirche gegenüber, dort, wo der einzige Baum des Ortes steht, der gehört mir. Meine Tochter wohnt meist da, manchmal auch meine Frau. Ich bin selten drin. Später, wenn wir alt sind, wollen meine Frau und ich immer da wohnen.“

Pat nickte. Ihm sagte das nichts. Er dachte an das Land, von dem Foster gestern Abend gesprochen hatte. Auch an Fosters Behauptung, Pat sei ein Mann, der am Ziel sei, musste er denken.

Die kleine Glocke der alten Missionskirche läutete. Es klang hell und aufgeregt, fast wie das Läutwerk einer Santa-Fe-Lokomotive.

Es war noch früh am Morgen, aber die Sonne stach glühend von Osten und verursachte lange und tiefe Schatten von den Häusern.

In der Stadt herrschte lebhaftes Treiben. Zwei Fuhrwerke mit je vier Maultieren davor überquerten die Plaza. Eine Gruppe alter Frauen ging langsam auf die Kirche zu, und vor einigen Häusern bepackten Frauen Esel oder Pferde mit Wäschebündeln.

„Ah, heute ist Waschtag am See“, sagte Foster, bevor Pat dazu eine Frage stellen konnte. „Da sollten Sie dabei sein. Sie singen, schnattern und zanken sich, aber ich glaube, es ist trotzdem ihr schönster Tag im Monat. Ah, sehen Sie den Mann zu Pferde? Das ist Webley, unser Marshal hier. Die Territoriumsverwaltung hat ihn als Marshal und Land Commissioner eingesetzt. Bei ihm müssen Sie sich die Quelle eintragen lassen, wenn Sie wollen, Pat.“

„Ich habe mich noch nicht entschlossen. Erst möchte ich mir das Land ansehen.“

„Hah, dann kenne ich Ihren Entschluss schon jetzt. Kommen Sie, wir fahren bis zu meinem Haus. Heute sind Sie mein Gast.“

Pat hatte nichts weiter vor, fand es aber übertrieben, die Gastfreundschaft Fosters wegen dieser geringen Gefälligkeit in Anspruch zu nehmen.

„Danke, Howard, aber ich muss mich erst einmal umsehen in der Stadt.“

Foster zuckte nur mit den Schultern. Doch plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht. Er blickte auf ein großes Gebäude im spanischen Stil, das direkt neben der Kirche lag, dem seinen gegenüber. Dort waren von zwei Burschen vier Pferde vor die Tür geführt worden. Jetzt kamen vier Männer aus dem Gebäude und stiegen in die Sättel.

„Es ist Sullivan, dieser Halunke“, knurrte Foster. „Dass er gerade heute in der Stadt sein muss …“

„Ihr Feind?“, fragte Pat so nebenher.

„Einer, der den Hals nie voll kriegt. Schlau wie ein Kojote, gefährlich wie eine Klapperschlange, und unersättlich wie ein Wolf. Der Teufel soll ihn holen.“

Die vier Reiter kamen gerade auf Pat und den Wagen zu. Fosters Gesicht wurde immer finsterer und härter. Pat musste an einen Kapitän denken, der auf die Klippen starrt, auf die sein Schiff zutreibt. Er hatte da einmal ein Bild gesehen, wo eben dieser Kapitän genau so ausgesehen hatte wie jetzt Foster.

Interessiert blickte Pat auf die vier Reiter. Und irgendwie ahnte er, dass sie auch für ihn bedeutungsvoll waren.

Voran ritt ein großer, schwerer Mann mit massigem Gesicht, einem pechschwarzen Schnurrbart und ungemein buschigen Brauen über den dunklen Augen. Das Gesicht war wie ein Symbol für Macht, Strenge und Überlegenheit. So hatte Pat große Rancher aus Texas in Erinnerung, Slaughter zum Beispiel. Irgendwie waren sich diese Könige der Prärie alle ähnlich. In gewisser Beziehung stimmte das auch von Foster, wenn er auch nicht so ein martialisch wirkendes Gesicht machte wie dieser Sullivan.

Alles an Sullivan verriet den Wohlstand. Das Pferd war groß, kräftig und von bestem Blut. Das Sattelzeug hätte einen reichen mexikanischen Haziendero vor Neid erblassen lassen. Und die Kleidung Sullivans, feingestreifte englische Hosen und Prince-Albert-Rock aus bestem Stoff, hatte garantiert ein Vermögen gekostet. Die Krönung war der Hut. Kalabreser mit riesiger Krempe, weißgrau und trotz schlichtem schwarzen Band ein Kapitalstück, das mindestens fünf erstklassige Pferde wert war. Der Hut allein wies Sullivan als einen Mann aus, vor dem der Bankier in die Kniebeuge ging.

Drei Männer ritten hinter dem Rancher in einer Reihe. Zwei trugen Cowboykleidung, aber Pat identifizierte sie auf Anhieb als raubeinige Revolvermänner. Beide waren etwa Ende der Zwanzig, beide hatten den verkniffenen Zug, den Menschen zeigen, die immerzu auf der Jagd und auf der Suche sind. Der dritte Reiter hingegen wirkte blasiert, grün und affig. Er war höchstens zwanzig Jahre alt und glich seiner Kleidung nach einem Modefatzken.

„Das Greenhorn hinten ist sein Sohn“, murmelte Foster. „Er hat ihn erst seit einer Woche wieder hier. Der Junge steckte auf einer Schule im Osten. Er wollte zur Armee, aber sie haben ihn nicht genommen.“

Pat konnte sich das vorstellen. Der Junge sah blass und schwächlich aus. Daran änderten auch die Wattepolster in seinem affigen Wallstreetanzug nichts.

Jetzt waren sich Reiter und Wagen so nahe gekommen, dass Foster schwieg. Die Reiter, eben noch im Gespräch, schwiegen ebenfalls, und vorn zügelte der Rancher Sullivan sein Pferd. Er tippte an die Hutkrempe. Foster machte dasselbe.

„Hallo, How!“, rief Sullivan mit einer Stimme, die aus dem Keller zu kommen schien. „Es sieht aus, als hättest du dein Pferd verloren, wie?“

Foster nickte. Dann wandte er sich Pat zu und sagte: „Dieser Gentleman kam vorbei und hat mir geholfen. Er heißt Lewill, Pat Lewill.“

Sullivan nickte knapp und schien dabei durch Pat hindurchzusehen. Sofort wandte er sich wieder Foster zu. „Ich gebe morgen Abend ein Fest. Weil der Junge wieder da ist. Ich hoffe, wir sehen dich bei uns – dich und natürlich deine Frau und die Kinder. Wir könnten dann über den Streifen Land sprechen, der zum Buckaroo durch dein Land geht.“

„Was willst du auf dem Buckaroo?“, fragte Foster unwillig. „Wir brauchen nicht über einen Durchgang zu sprechen, eher treibe ich mein Vieh wieder auf den Buckaroo zurück.“

Sullivans Gesicht verriet aufkommenden Zorn. Die dunklen Augen funkelten. „How, ich weiß genau, dass du den Buckaroo nicht beweidest. Was also, in drei Teufels Namen, willst du dann?“

„Du wirst es sehen, Ed, und die Durchfahrt kannst du dir aus dem Kopf schlagen. So long, ich habe noch zu tun.“ Foster gab Pat ein Zeichen, dass er weiterfahren sollte.

Lion stampfte auch gleich los. Eine Stadt hieß für ihn Ruhe, Futter und gutes Wasser. Das alles stand ihm unmittelbar bevor, und er hatte es mindestens ebenso eilig wie Foster.

Pat warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah, wie Sullivan sich umdrehte und dem Wagen wütend nachsah. Doch er schwieg, und auch die anderen drei sagten kein Wort. Dann ritten sie auf ein Zeichen Sullivans im Galopp aus der Stadt.

 

 

3

Am Nachmittag war Pat Lewill wieder unterwegs. Er ritt ein Leihpferd aus dem Mietstall der Butterfield-Overland-Company, einen friedlichen Wallach mit gut gepflegtem tiefbraunen Fell.

Vor Pat lag das Land so, wie es ihm Foster beschrieben hatte. Eben bis zu den Bergen, und es gab kaum Büsche. Das Gras stand viel besser als anderswo, und vielleicht lag das wirklich daran, dass Foster vor Jahren alles angezündet hatte …

Zu den Bergen hin wechselte das scharfe, verdorrte Grammagras mit blaugrünem Büffelgras ab, das, wie Pat wusste, Rinder viel lieber fressen.

Die roten Berge ragten als Felsenmauer nahezu senkrecht aus der Prärie heraus und schlossen sich nach Osten hin, einer Barriere gleich, völlig ab. Ziemlich gerade vor Pat gab es dicht vor den Felsen wieder Sträucher, ganze Gruppen von niederen Bäumen, die buschartig wuchsen und ganz dunkles Gras, das die Nähe von Wasser verriet.

Pat hielt genau auf die Stelle zu, und dann sah er schon die flimmernde Luft über dem kleinen See, der vom Felsen bis in die Büsche hineinragte. Eine Tränke, wie sie jeder Rindermann für sein Vieh erträumte. Glasklares Wasser, felsiger Untergrund, der ein Verschlammen verminderte und ein ewig sprudelnder Quell direkt aus dem Fels.

Abermals fragte sich Pat, wie ein Mann eine solche Weide unbenutzt lassen konnte, nur, weil eine Klapperschlange seinen Sohn gebissen hatte. Pat hatte überhaupt noch keine Schlange bemerkt, und Foster war der Meinung gewesen, nun gäbe es da auch keine mehr, seit das Feuer gewütet hatte.

Der Braune soff gierig, als ihm Pat die Zügel freigab und schließlich absaß. Auch er trank, und das Wasser schmeckte herrlich. Die Luft hier am kleinen See war erfrischend kühl und infolge des Salbeis ringsherum würzig.

Irgendwie erinnerte Pat dieses Stück Land an Texas, und hätten hier noch Bluebonnets wie ein riesiges blaues Meer geblüht wie in Texas, es wäre gar kein Unterschied mehr zum Panhandle gewesen.

Jetzt musste Pat an Foster denken, der seine dreieckige Decke vor vielen Jahren fallen gelassen hatte, um eine Ranch zu gründen.

„Er hat recht, zum Kuckuck, er hat wirklich recht!“, sagte Pat so unvermittelt, dass der Braune den Kopf erschrocken aus dem Wasser hob und nervös die Ohren anlegte.

„Schon gut, Alterchen, schon gut! Ich werde mir hier eine Ranch bauen. Die Buckaroo-Ranch, verstehst du?“

Der Braune stellte die Ohren wieder auf, schnaubte und soff weiter. Pat lachte und lief wie ein Junge um den See herum, der etwa sechzig Schritt im Durchmesser maß. Dann zog er sich aus und sprang mit einem Jauchzer ins kühle Nass. Der Braune, der etwas vom Spritzwasser abbekam, schüttelte sich wie ein Hund und blickte scheinbar fassungslos auf den Menschen, der da splitternackt im Wasser herumtollte und zu allem Überfluss auch noch zu singen begann.

Pats Übermut und sein Lärm mussten den Wallach abgelenkt haben. Und so reagierte er auf die beiden Reiter erst, als sie schon ziemlich nahe waren. Da hatte sie aber Pat auch schon gesehen und erkannt.

Er war noch mitten im See, und das Auftauchen der beiden Revolvermänner aus Sullivans Begleitung war für ihn eine ziemliche Überraschung. Doch er zeigte es nicht. Er schwamm aufs Ufer zu, wo seine Kleidung lag.

Die beiden ritten bis ans Wasser und saßen ab, ließen die Pferde saufen und blieben mit in die Hüfte gestemmten Armen daneben stehen.

„Bleiben Sie doch noch, wo Sie sind, Mister! Wir wollten uns mit Ihnen unterhalten“, sagte der Blonde, dessen hageres und kantiges Gesicht Pat an seinen einstigen Freund Clark Ellis erinnerte. Der Blonde war haargenau der Typ des unsteten Revolvermannes, bei dem Stolz und Ruhmsucht einander die Waage halten.

Der andere war groß, viel größer als der untersetzte Blonde, hatte dunkles Haar und stand vorgebeugt, als seien ihm die Schultern zu schwer. Er trug zwei Revolver, aber Pat gab darauf nur selten etwas. Dieser Bursche schien nicht deshalb ein Zweihandschütze zu sein, weil er zwei Waffen trug.

„Soll das eine Aufforderung sein?“, fragte Pat und schwamm unverdrossen weiter zum Ufer.

„Natürlich, wir sind keine Spaßvögel, Mister! Also bleiben Sie im Wasser! Oder arbeitet Ihr Hirn ein bisschen langsam?“ Der Blonde schlug an seine Halfter und fügte seinen Worten hinzu: „Sie sehen nicht so aus, als würden Sie schwer begreifen.“

„Was wollt ihr?“, fragte Pat wütend, aber er war es mehr über seine eigene Nachlässigkeit als über die beiden, die hier ganz bestimmt einen Befehl ausführten. Sullivan schien dahinterzustecken, sagte sich Pat. Aber warum? Hatte ihm Foster gesagt, dass er sich für Buckaroo interessierte, auf den auch Sullivan selbst so scharf war?

„Wir haben mit Webley gesprochen, Lewill. Nicht wahr, du bist doch Lewill?“, fragte der Lange. Er schien es offenbar nicht auf Förmlichkeit anzulegen wie sein Partner.

„Ich kenne keinen Webley“, erwiderte Pat.

Der Blonde grinste, und sein von Wind und Wetter zerfurchtes Gesicht verzog sich zum Grinsen. Die Ähnlichkeit, die er mit Pats einstigem Freund Ellis hatte, war wirklich enorm. Aber an jene Freundschaft erinnerte sich Pat nicht mehr sehr gerne. Sie hatte ein böses Ende genommen.

„Ich bin übrigens Jesse Edzark“, sagte der Blonde. „Vielleicht sagt dir der Name etwas, Lewill. Ich denke, wir können ruhig wie unter Brüdern reden. Schließlich sind wir von derselben Gilde wie du. Was nun Webley angeht: Das ist der Marshal unserer schönen Stadt Cantara, mein Freund. Und Lewill, hat er gesagt, wärst du. Das muss er wohl von Foster gehört haben. Aber du kennst Webley nicht. Der hat zwei bemerkenswerte Eigenschaften, Lewill. Erstens hat er das Gedächtnis eines Elefanten und zweitens den fanatischen Ehrgeiz, in Cantara so etwas wie ein Schwert der Gerechtigkeit zu sein. Das stammt übrigens von ihm. Er redet gerne solche Sprüche. Also, wie gesagt, Lewill, als er erfuhr, wie du heißt, hat er sofort gekramt, und wir haben ein bisschen zugehört. Natürlich wollte unser Boss auch wissen, warum Foster auf einmal seine Wurstfinger so an den Buckaroo klammert. Unser Boss hat einen feinen Riecher, mein Junge. Er hat gleich spitzgekriegt, dass du etwas mit dem Buckaroo zu tun hast. Also gut, Lewill, wir sind von derselben Gilde. Eine Krähe hackt der anderen nicht die Augen aus. Für wen willst du dir den Buckaroo unter den Nagel reißen?“

Pat musste plötzlich lachen. Obgleich er wusste, dass es die beiden unnötig reizen würde, konnte er einfach nicht anders. Er tauchte unter, kam wieder hoch, prustete und lachte weiter. Dann stieg er einfach splitternackt ans Ufer, ohne sich darum zu kümmern, dass Jesse Edzarks Begleiter den Revolver zog. Er ging zu seinen Sachen, trocknete sich mit dem Hemd ab und lachte noch, als Edzark knurrte: „Jack, steck das Ding weg. Er ist unbewaffnet – noch ist er es!“

Pat zog sich an. Als er das Hemd überstreifte, sagte Edzark barsch: „Den Waffengurt lässt du am besten noch liegen, Lewill. Wir bekommen von dir erst einmal eine anständige Antwort. Dein blödes Gelache nehme ich dir verflucht übel, wenn du nicht gleich damit herausrückst, warum …“

Pat krempelte sich die Ärmel hoch und knöpfte sich das Hemd zu. Dann sagte er ernst: „Ich weiß nicht, was euch dieser Marshal erzählt hat. Es gibt von mir auch keinen Steckbrief. Was also soll er wissen? Nun gut, was es auch sei, eines könnt ihr eurem Boss auf die Nase binden: Pat Lewill hat noch nie für andere ein Stück Land gekauft oder belegt. Wenn ich das tue, Gentlemen, dann nur für mich.“

„Was sagst du dazu, Jack?“, fragte Edzark seinen Partner. Er sah ihn dabei an, als hätte Pat eben behauptet, es gäbe hier Gold zu finden.

Der Lange gab Edzark keine Antwort, sondern sagte zu Pat: „Lewill, von Webley wissen wir, dass du unten in der Gila irgendeine große Nummer warst, aber hier, Lewill, hier bist du ein Niemand. Ich bin Jack Miller. Roswell-Jack aus den Llanos. Vielleicht sagt dir das mehr als vorhin Jesses Vorstellung.“

„Ich habe von euch beiden gehört. All right, du bist Roswell-Jack, und er ist der große Jesse Edzark. Fein, fein, zwei ganz große Kanonen auf Beinen. Und ich bin ein Tramp aus der Gila, von dem Webley, dieser Marshal, auch schon gehört hat. Und dieser Tramp wird den Buckaroo kaufen. Nun, was wollt ihr beiden Heldensöhne schon daran ändern? Wollt ihr mich hier erschießen? Oder müsst ihr da erst euren allmächtigen Boss fragen? So, Gentlemen, ich bin dafür, dass ihr entweder verschwindet oder dass ihr euch allmählich entscheidet, was ihr tun wollt. Also?“

„Verdammt, Lewill, so kann mit uns keiner reden, nicht einmal Sullivan!“, fauchte Edzark.

Pat wusste sehr gut, dass sie im Vorteil waren. Sie würden auch einen Mord begehen können, ohne dass man es ihnen nachweisen konnte, wenn sie zusammenhielten. Doch Pat zweifelte bei Edzark an dieser Absicht. Dem anderen, diesem Jack Miller, traute er so etwas schon eher zu.

„Lewill“, sagte Roswell-Jack leise, fast sanft, als rede er mit einem uneinsichtigen Kind, „wir beide können gelassen warten, bis du deinen Gurt umgelegt hast. Wir würden sogar warten, bis du deinen Revolver ziehst. Dann aber warten wir nicht mehr. Wer hat dich geschickt?“

Pat schnallte sich den Waffengurt um, und die beiden verfolgten das lauernd wie hungrige Wölfe. „Es gibt Leute“, sagte Pat, „denen kann man nicht mit Worten etwas klarmachen, die wollen einfach nichts begreifen. Ihr beide gehört dazu.“

Er näherte sich den beiden Revolvermännern, rückte sich im Gehen den Gurt zurecht, dass das Halfter an der richtigen Stelle hing. Aber dann hakte er die Daumen in den Gurt und sah Roswell-Jack an, von dem er annahm, dass er zuerst zum Revolver greifen würde.

Er hatte richtig gerechnet. Roswell-Jack packte den Kolben seines rechten Revolvers, und Pat war nun absolut sicher, dass der Gunner gar kein Beidhandschütze war.

„Wenn du dir Kummer ersparen willst, mein Junge, dann lass ihn schnell wieder los!“, warnte Pat und blieb acht oder neun Schritte von den beiden stehen. „Ich würde mich auf ein Pferd setzen und zurück zum großen Boss reiten. Er wird schon warten. Bestimmt hat er von Umbringen nichts gesagt.“

Edzark lachte, aber es klang keineswegs heiter. „Also gut, Lewill, dann zieh.“

Roswell-Jack riss in diesem Augenblick den Revolver schon heraus. Edzark sah aus den Augenwinkeln diese Bewegung, warf sich blitzartig zur Seite und schlug der Länge nach ins Gras.

Pat sprang nach links, zog und schoss, während Roswell-Jacks Schuss dicht an ihm vorbeifauchte.

Er sah, wie Roswell-Jack halb herumgewirbelt wurde, zwei Schritte zurücktaumelte und nun abermals die Waffe in Anschlag bringen wollte.

Doch Pat sprang schon wieder nach rechts, geduckt wie ein sprungbereiter Puma. Und kaum stand er wieder auf beiden Beinen, schoss er, und diesmal traf er Roswell-Jacks Kopf.

Der lange Revolvermann machte noch einen Schritt nach vorn, dann stürzte er wie ein gefällter Baum vor seinem Partner zu Boden.

Pat wirbelte herum, den Revolver in der Faust. Aber als er Edzark sah, bemerkte er, dass der gar keine Waffe gezogen hatte.

Edzark erhob sich, starrte auf den toten Partner, hob den Kopf und sagte zu Pat: „Du hättest ihn nicht gleich zu erschießen brauchen.“

„Du hast selbst gesehen, dass er mir keine Chance lassen wollte. Tollwütige Wölfe erschießt man. Er würde vielleicht auch von hinten auf mich geschossen haben.“

Edzark schwieg. Er kniete sich neben Roswell-Jack, untersuchte ihn und stand schließlich wieder auf. Dann sagte er zu Pat: „Du hast so gehandelt, wie ich das auch getan hätte. Aber trotzdem wird es dir nichts nützen, mein Freund. Gar nichts. Wenn es sich Sullivan in den Kopf gesetzt hat, kennt er nichts, Lewill. Du bist schon so tot wie Jack, du weißt es nur noch nicht.“

Er wandte sich um, beugte sich vor Roswell-Jack nieder und hob ihn auf. Dann schleppte er ihn zu den Pferden, die vor Schreck über die Schüsse ein Stück weiter gelaufen waren.

„Warum hast du ihm nicht geholfen?“, fragte Pat, obgleich er ahnte, weshalb es Edzark nicht getan hatte.

Edzark schob den Toten quer über den Sattel von dessen Pferd. Dann drehte er sich um und sagte gepresst: „Ich war immer schon anders als Jack. Für mich gelten die Gesetze des Westens, und ich hatte dich aufgefordert, zuerst zu ziehen. Aber täusche dich nicht, Lewill. Jack hat den Befehl vom Boss missachtet. Ich aber werde diese Befehle ausführen. Für Sullivan war deine Zeit noch nicht gekommen. Wenn er erfährt, was du gesagt hast, dann ist es auch für ihn soweit.“

Er stieg in den Sattel seines Pferdes, nahm sein Lasso und band den Toten am Sattelhorn von dessen Fuchshengst fest. Dann ritt er, das Pferd mit der toten Last am Zügel, grußlos davon.

 

 

4

Bill Webley stand in der Tür seines Office, als Pat in die Stadt ritt. Das Office befand sich im ehemaligen Stadthaus aus der mexikanischen Zeit. Jetzt war hier ein General Store, und Webley hatte eine Extratür mit einem kleinen Raum und dem Gefängnis. Weil der Store knapp an Lagerraum war, stand eine Zelle immer voller Mehlsäcke und Salzfässer.

Über Webleys Tür stand in großen Buchstaben: Territory Marshal and Land Commissioner. Webley selbst wirkte unter diesem Schild würdig und genauso, wie ihn Edzark beschrieben hatte.

Er war ein ziemlich kräftiger Mann, etwa Anfang Vierzig, gezeichnet von vielen Kämpfen. Seine linke Hand hatte nur noch drei Finger. Sein Gesicht war voller Narben, und am Kopf gab es einen zweiten Scheitel, der wohl von einem Streifschuss herrührte. Webleys Augen erinnerten ein wenig an einen Asiaten, aber das täuschte. Grund für seine schmalen Augen waren die chronisch entzündeten Tränensäcke des Marshals, was von einer Salzätzung herrührte, die Webley sich bei einem abenteuerlichen Ritt durch die Salzwüste in Utah geholt hatte.

Er war ein ungewöhnlicher Mann, dieser Webley, und das sah Pat auf einen Blick. Im Grunde wirkte Webley wie ein ehemaliger Revolverkämpfer, der eines Tages zu viele Tote gesehen hatte und jetzt mit allen Mitteln die Gewaltanwendung unterdrücken wollte. Dass er dabei selbst Gewalt nicht scheute, verzieh er sich offenbar.

Webley musterte Pat, als der absaß, sein Pferd anband und dann vor ihm stehenblieb.

„Sie wissen ja, wer ich bin, habe ich erfahren“, sagte Pat und zog seinen Tabakbeutel aus der Brusttasche, nahm Papier zwischen zwei Finger und fertigte sich eine Zigarette.

Webley lächelte, aber wegen der Gesichtsnarben verzog sich dabei nur die eine Hälfte seines Runengesichtes. „Gewiss“, brummte er. „Ich weiß sogar, dass Sie Ihren Kummer in jeder Sekunde, die Sie hier sind, vergrößern wollen.“

„Hellseher sind Sie also auch? Nun, ich wollte die Buckaroo-Quelle eintragen lassen – und kaufen natürlich. Sie ist Regierungsland?“

„Richtig, aber Foster hat Vorkaufsrecht.“

„Er hat sie mir selbst empfohlen. Wissen Sie das nicht? Sie wussten doch eben noch alles.“

Webley nickte. „Ja, auch das weiß ich. Lewill, wissen Sie, ich habe Männer wie Sie studiert, wie ein anderer Medizin studiert oder Schmied lernt. Ihre Sorte kenne ich. Und seit wir die Telegrafie in diesem Land besitzen, wie Sie an den feinen Drähten und Masten schon gesehen haben dürften, ist es ganz leicht. Ich habe mit einem Marshal in Tucson telegrafiert. Es ist etwas umständlich, aber so ein Telegramm kommt an, und nach ein paar Stunden hat man eine Antwort. Westmore, so heißt der Mann, glaube ich. Ja, und er hat mir nicht schlecht über Sie geschrieben. Aber ein Wort steht in seiner Antwort. Das eine Wort gefällt mir nicht. Er bezeichnet Sie als einen eiskalten Burschen. Eiskalt, das sind Sie auch heute gewesen, Lewill. Edzark ist durch die Stadt geritten – mit Roswell-Jack.“

„Dann hat er wohl vergessen, Ihnen den Hergang zu erzählen, wie?“

Webley schüttelte den Kopf. „Nein, es ist auch diesmal alles wieder klipp und klar, Lewill. Notwehr, dazu noch gegen einen gefürchteten Revolvermann, nein, nein, es ist astrein vor dem Gesetz. Aber Edzark meinte, man hätte Miller auch anders stoppen können. Er brauchte nicht gleich tot zu sein.“

„Damit er mich morgen früh aus dem Hinterhalt erledigt, was?“ Pat lachte. „Hören Sie, Webley, ich bin nicht hier, um mein Gewissen waschen zu lassen. Ich will eine Landeintragung machen, und Sie sind dafür zuständig.“

„Das ist richtig. Kommen Sie herein.“

Er ging voraus. Im kleinen Raum herrschte Halbdämmerung, und hinten fiel die Sonne durch das vergitterte Fenster des Zellenteils. Da nur eine Gitterwand Büro und Zellen trennte, sah Pat auch in der einen Zelle die Stapel von Säcken und Türme von Fässern. Er sagte nichts dazu, obgleich ihm eine witzige Bemerkung auf der Zunge lag.

Webley hatte hinter einem Tisch Platz genommen, der neben drei Stühlen und einem umfangreichen Gewehrständer in etwa die ganze Einrichtung darstellte. Neben dem Tisch waren Aktenpäckchen aufgestapelt, die sauber gepackt waren. Auf einem Regal aus Kistenholz türmten sich weitere Aktenpakete. Die Wände waren mit Dutzenden von Steckbriefen tapeziert.

Als Webley ein dickes Buch aus der Schublade gezogen hatte, blickte er wieder auf und fragte: „Sie sind völlig im Bilde, was hier im Gebiet gespielt wird?“

„So wie ich es von Foster und Edzark kenne.“

„Sullivan ist kein Bandit, aber er ist so wie Sie: eiskalt. Er will den Buckaroo haben. Er will das schon immer, vor allem seit Foster sein Vieh abgezogen hat. Lewill, Sie können tausendmal eiskalt sein, aber er ist stärker als Sie. Er hat eine große Mannschaft, hat Geld, hat Leute wie Edzark. Roswell-Jack war gewiss gefährlich, aber Edzark ist das noch viel mehr. Und noch mehr als Edzarks Revolver zählt Sullivans Vermögen. Ein Mann wie er kann sich hundert Edzarks kommen lassen, um Sie fertigzumachen. Aber ich denke, das wird er gar nicht nötig haben. Ich denke, Lewill, dass Sie sich besser gleich selbst erschießen sollten. Das spart vielen unnützen Ärger und Schweiß. Und es geht schneller. Denn eine andere Wahl haben Sie kaum. Es sei denn, Sie geben Ihre Idee auf, die Ihnen ganz bestimmt nur Foster eingeredet hat. Was er damit bezweckt, das weiß ich besser als Sie.“

„Und das wäre?“, fragte Pat scheinbar gelangweilt. Tatsächlich aber interessierte ihn jede Einzelheit der hiesigen Zustände.

„Finden Sie das selbst heraus, wenn Sie auf gute Ratschläge nicht hören“, knurrte Webley verärgert, und Pat hatte den Eindruck, als rühre dieser Ärger mehr davon her, dass Webley mehr gesagt hatte, als er sagen wollte.

„Ich bin dabei, es herauszufinden. Also tragen Sie es ein. Was kostet der Spaß?“

„Regierungsland wird nicht unter hundert Acres abgegeben. Sie sind außerdem verpflichtet, das Land entweder zu bebauen oder Vieh darauf zu halten. Sonst verfällt der Besitzanspruch nach zwei Jahren.“

„Das ist alles nicht neu für mich. Was kostet es?“

Webley sah auf und blickte Pat forschend an. „Siebenhundert Dollar. Aber Sie hinterlegen am besten auch die Kosten für Ihr Begräbnis.“

 

 

5

Foster war noch in der Stadt, als Pat zum Hersbourgh Saloon ging, um seinen Besitz zu begießen. Das Gefühl, etwas sein Eigen zu nennen, war ihm neu, aber es übte auf ihn dieselbe Faszination aus wie auf die meisten Menschen, die Grund erworben haben.

Pat sah den breitschultrigen Rancher, als er vom Butterfield-Overland-Stall über die Straße zum Saloon ging. Foster kam ihm auf dem Wege entgegen und rief von Weitem: „Ich habe Edzark gesehen, als er Roswell-Jack zum Coroner brachte. Sie haben ganz schön losgelegt, Pat.“

Pat tat es mit einem Schulterzucken ab. Als Foster dann vor ihm stand, sagte er: „Ich bin am Nachmittag draußen gewesen. Es sieht gut aus. Sie haben sicher noch ein paar andere Gründe, das Land nicht zu übernehmen. Es kann nicht nur an der Klapperschlange und dem Tod Ihres Jungen liegen.“

Foster kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Dann nahm er Pat am Arm, ohne auf die Frage einzugehen und sagte: „Ich denke, Sie wollten gerade etwas trinken. Ich lade Sie dazu ein.“ Er ging auf die Veranda des Saloons zu, ohne nachzusehen, ob Pat ihm folgte oder nicht.

Pat ging hinter ihm her, betrat direkt hinter Foster den Saloon, der innen etwas an eine mexikanische Cantina erinnerte. Der Keeper las eine vergilbte Washington Post. Als Pat den Titel der Zeitung erkannte, fragte er sich, wie dieses Blatt quer durch den Kontinent bis in dieses Arizona-Nest gelangen konnte.

Der Keeper legte die Zeitung weg, nickte Foster zu und runzelte die Brauen, als er Pat gewahrte. Der fleischige Mann hinter dem Tresen hatte das Aussehen einer Robbe.

„Zwei von der Flasche unter dem Tisch“, sagte Foster und lehnte sich an den matt glänzenden Kupfertresen.

Der Keeper angelte eine Flasche unter der Theke hervor, schubste zwei Gläser gekonnt bis dicht vor Pat und Foster und goss zielsicher aus einem Meter Entfernung ein. Als Pat über das gelungene Kunststück anerkennend grinste, meinte der Keeper offenbar etwas zutraulicher: „Kunst kommt von Können.“ Er lachte glucksend und fuhr fort: „Sie sehen gar nicht wie ein Selbstmörder aus, Mister.“

„Selbstmörder?“, fragte Foster barsch. „Er hat den Buckaroo gekauft, und ich werde ihn unterstützen.“

Überrascht sah Pat auf den Rancher, doch bevor er zu dessen Bemerkung eine Frage stellen konnte, sagte der Keeper mit seiner glucksenden Stimme: „Gewiss, Mr. Foster, gewiss. Das hat auch niemand anders erwartet.“

„Dann halte deinen Schnabel, Mann!“, fuhr ihn Foster an. „Auf gute Zusammenarbeit, Pat.“ Er hob sein Glas und trank Pat zu. Als beide Gläser leer waren, knurrte Foster mürrisch: „Nun füll sie schon ein. Deinen billigen Fusel kippst du doch auch gleich nach, wenn ein Glas leer wird. Mach schon.“

Der Dicke wirkte beleidigt, als er einschenkte, und kaum hatte er das getan, fuchtelte er mit seinem angeschmutzten Tuch über die Theke und brummte gekränkt: „Ich geh ja schon, wenn es das ist, was Sie meinen.“ Dann watschelte er zu der hinteren Tür, die den Gerüchen nach, die herausdufteten, zur Küche führte.

Foster blickte dem Dicken nach und sagte verächtlich: „Quatschweiber, nichts als Quatschweiber. Was meint denn Webley? Hat er nicht tausend Warnungen ausgesprochen?“

„Genau das hat er.“

Pat blickte rein zufällig zur Pendeltür, als er dort über den beiden Türflügeln den Kopf einer Frau sah. Die Abendsonne ließ das lange, bis über die Schulter reichende Haar wie Kupfer erscheinen, und das schmale Gesicht zeigte sich in feinen Konturen. Pat konnte ihr Alter nicht so einfach bestimmen. Sie hätte achtzehn und ebenso gut auch sechsundzwanzig sein können.

Foster folgte Pats Blick und rief: „Cory, mein Mädchen, ah, ich habe ja glatt vergessen, dass du wartest. Ich komme, Cory!“ Er ging hastig an Pat vorbei, und während er noch durch die Schwingtür trat, kam gerade der Keeper zurück.

Pat sah Foster nach, der über den Türflügel rief: „Ich bin gleich zurück, Pat.“ Dann waren Mädchenkopf und Fosters breiter Schädel über der Tür verschwunden.

„Sie sollten schnell wegreiten, Mister“, sagte der Keeper und beugte sich über die Theke, als fürchte er, jemand könne seine Mahnung bis auf die Straße hören.

„Ich höre heute wirklich genug Warnungen“, meinte Pat. „Schenken Sie lieber noch einmal ein.“

Der Keeper tat es und sagte mit glucksender Stimme: „Man kann nicht genug Warnungen bekommen, wenn man mit beiden Beinen über dem Grab schwebt und es einfach nicht sehen will.“

„Aha. Und vielleicht können Sie mir auch sagen, wer mich umbringen will?“, fragte Pat spöttisch. Er betrachtete amüsiert das massige Gesicht des Saloonbesitzers. Der Dicke sah wirklich wie ein Walross aus.

„Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, Mister. Jeder in dieser Stadt kann das – es sei denn, er weiß nicht, dass Sie den Buckaroo wollen.“

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943153
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v918978
Schlagworte
verschwinde

Autor

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Titel: Verschwinde oder stirb