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Redlight Street #140: Eva, eine besondere Braut

2020 111 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Eva, eine besondere Braut

Copyright

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Eva, eine besondere Braut

Redlight Street #140

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Klaus kann nichts mit Frauen anfangen. Er liebt Männer. Doch als Mitarbeiter in einer Bank muss er auf seinen guten Ruf achten. Es wäre fatal, wenn jemand von seinem Privatleben erführe. So entschließt Klaus sich zu einer Scheinehe. Doch eine geeignete Frau muss erst gefunden werden. Schließlich möchte Klaus sein gewohntes Leben weiterführen und sich seiner Liebe zu Werner hingeben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Er sah, dass seine Hände zitterten, und hasste sich selbst. Vorsichtig schielte er nach beiden Seiten. Nein, man hatte es nicht bemerkt. Der Mann biss sich auf die Lippen, Angst stieg wieder in ihm hoch, machte ihn fast verrückt. Dabei konnte er es sich im Augenblick gar nicht leisten, musste sich voll auf die Kunden konzentrieren. Wenn sie etwas merkten, wenn sie ...

Die Übelkeit verstärkte sich noch.

Endlich hatte er den richtigen Vorgang gefunden, drehte sich langsam zum Bankschalter um. Jetzt nicht durchdrehen, alter Junge, das schaukeln wir schon. Ganz gleichgültig, schön ruhig bleiben. Wenn sie was merken, dann fliegst du, dann ist der Job dahin, und du wirst nie mehr so einen Posten bekommen.

Weder die Kollegen noch die Kundschaft der Bank bemerkten die verzweifelte innere Aufregung des jungen Mannes im dunklen, dezenten Anzug, Krawatte und blauem Hemd. Wie aus dem Ei gepellt, so sahen sie alle aus. Anweisung vom Chef!

Klaus hatte sich wieder in der Hand. Es war nur ein kurzer Augenblick der Schwäche gewesen. Wodurch mochte er ausgelöst worden sein? Vielleicht, weil er nach so langer Zeit Frank unter den Kunden gesehen hatte? Vielleicht war er es auch gar nicht? Man konnte sich ja so schnell täuschen. Aber es war wie ein Schock für ihn gewesen. So, als hätte man ein glühendes Eisen an seinen Rücken gelegt. Für einen winzigen Augenblick die schrecklich schöne Freude, er kommt wieder, er hat es sind endlich anders überlegt, aber zugleich die pressende Angst; wild und hemmungslos nahm sie Besitz von dem jungen Mann. Die Angst, sich zu verraten, beim Sprechen, in den Bewegungen. Nie, nie durfte er sich verraten, immer musste er auf der Hut sein.

Das war einfach unmenschlich.

Und niemand ahnte etwas davon!

Klaus Hagenbeck, der junge Bankangestellte, war homosexuell. Und er wusste auch, wenn jemand in der Bank davon erfuhr, dann würde er gleich hinausgeworfen werden. Er wusste alles, von den Bekannten, die ebenfalls so litten, und er wusste auch, wer von seinen Mitmenschen nicht verachtet werden wollte, musste sich anpassen, durfte nicht auffallen und musste seine Neigung verbergen.

Wenn das Thema Homosexualität angeschnitten wurde, dann machte er die besten Witze darüber, schimpfte schlimmer als alle anderen über die »kessen Väter«.

Keiner der Kollegen ahnte, wie ihm dabei zumute war. Aber es musste sein. Anfangs hatte Klaus gedacht: Das schaffe ich, ich habe mich in der Gewalt. Doch mit der Zeit wurde dieses Versteckspiel immer schwieriger.

Mit achtundzwanzig Jahren war er ja noch immer Junggeselle, und darum beneideten die Kollegen ihn auf der einen Seite, hielten ihn für einen wilden Stürmer, zugleich wunderten sie sich aber auch, dass er zu keiner Betriebsfeier ein Mädchen mitbrachte.

Anfangs lachten sie wohl und meinten spöttisch: »Du bist ein ganz Vorsichtiger, Klaus, wie? Hast wohl Angst, da bleibt eine kleben, was?«

»So ist es«, hatte er dann schnell geantwortet.

»Mensch, so wie du aussiehst, da müssen sie dir doch haufenweise nachlaufen, und man merkt doch auch gleich, dass du nicht ganz arm bist. Also, dein Leben möchte ich haben, ehrlich.«

Neid war nie gut, das konnte zu Hass führen. Aber im Augenblick schützte ihn der Neid. Gewiss, er hatte ein wenig geerbt, ihm ging es wirklich nicht schlecht. Seine Kollegen hatten fast alle Frau und Kinder, einige hatten gebaut und sich somit hoch verschuldet.

Lange würde er die Kollegen aber nicht mehr an der Nase herumführen können, das spürte er ganz genau. Weil er sich auch nicht mit dem weiblichen Personal abgab, da gab es so manches Mädchen, das ihm schöne Augen machte, es war ein regelrechtes Spießrutenlaufen, fühlte er, dass bald etwas geschehen musste.

Nein, er wollte seinen guten Job wegen seiner Veranlagung nicht verlieren. Unmöglich! Er hatte Spaß an seiner Arbeit, und die Stellung war ihm nicht in den Schoß gefallen, er hatte sich redlich dafür angestrengt. Warum sollte er sie auch aufgeben müssen? Es war sein Privatleben, was hatte das mit dem Beruf zu tun? Doch die meisten Leute hegten tiefe Vorurteile gegen andersartig Veranlagte. Für sie war ein Homosexueller etwas Gemeines und Schreckliches. Ja, sie behaupten sogar felsenfest, sie neigten zur Kriminalität! Die Verleumdungen gipfelten in der Behauptung, Homosexuelle seien keine richtigen Männer!

Das alles musste man anhören, ertragen und schweigen.

Der letzte Kunde war bedient, Klaus konnte an seinen Schreibtisch flüchten und sich in die Arbeit vergraben. Nein, jetzt war er fest davon überzeugt, der frühere Freund war nicht in der Bank gewesen. Eine Ähnlichkeit, die ihn so maßlos erschreckt hatte. Er musste etwas tun!

Aber was?

Dienstschluss!

Diesmal war es die Erlösung für ihn. Schnell packte er seine Sachen zusammen.

»Mal wieder keine Zeit? Wartet sie schon?«

Klaus blickte kurz auf.

»Natürlich, Frauen soll man nie warten lassen.«

»Eines Tages erwischt es dich auch«, sagte der Kollege und grinste ihn an.

Klaus wollte sagen: »Nie«, tat es aber doch nicht.

»Grüß sie von mir!«

»Mach ich!«

Fast fluchtartig verließ er das große Gebäude. Er stieß mit anderen zusammen, entschuldigte sich, rannte weiter. Erst als er auf der Straße war, fühlte er sich wohler. Untertauchen, nicht mehr auf dem Präsentierteller sitzen müssen, das löste seine Spannung ein wenig. Jetzt konnte er sich wieder frei bewegen.

Als er in seiner Wohnung war, zog er sich hastig um. Den maßgeschneiderten Anzug, das blaue Hemd legte er zur Seite, kramte Lederjeans aus der Ecke, ein buntes Leinenhemd. Jetzt erst hatte er das Gefühl, wirklich atmen zu können.

Er hatte schon lange keinen festen Freund mehr, das machte ihn ja auch so nervös. Immer auf »Kontaktmache«, das deprimierte, ekelte an, machte ihn mürbe. Aber wo sollte er jemanden finden? Einen wirklichen Freund, mit dem man über alles reden konnte, seine Ängste abbauen.

Frank hatte ihn verlassen, weil ein anderer besser zahlte. Ich war ein Idiot, dachte er, ich hab die ganze Zeit geglaubt, er liebt mich wirklich.

Er musste raus, hielt es in seinem Zimmer einfach nicht mehr aus. Die Decke fiel ihm auf den Kopf.

So war er wieder auf der Straße. Jetzt war der Verkehr nicht mehr so dicht. Er steuerte die nächste Eckkneipe an. Hier bekam er nie einen Strichjungen, das wusste er genau, wenn, dann musste er zur »Klappe« rüber. Aber irgendwie scheute er sich noch immer davor. Kleine Strichjungen behagten ihm einfach nicht.

In der Ecke saß Willi. Er hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen. Willi war auch Homosexueller. Aber er stand nicht auf ihn. Sie waren sich zwar nicht unsympathisch, doch ebensowenig fühlten sie sich zueinander hingezogen. Manchmal wenn man sich traf, hielt man ein kleines Schwätzchen. Doch heute war er richtig froh, ihn zu sehen. Er musste einfach mit jemandem reden, sonst würde er noch daran ersticken.

Willi hörte schweigend zu, ließ ihn ausreden und trank sein Bier dabei.

»Das machen wir alle mit«, sagte er ruhig. »Du kannst nicht gegen eine Wand rennen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann bist du in der Zange.«

»Verdammt, das spüre ich auch. Aber was soll ich denn tun?«

»Mach es wie ich.«

Klaus starrte ihn an.

»Was willst du damit sagen?«

»Ich habe geheiratet, das ist der beste Schutz für unsereinen, ehrlich, Klaus. Dann hast du deine Ruh, dann kommt nie einer auf die Idee.«

»Du bist verrückt«, meinte Klaus. »Du verstehst mich einfach nicht.«

Willi lachte: »Doch, hör mir doch mal zu. Anfangs, da hab ich immer von einer Freundin erzählt, das hielt lange an, dann war ich angeblich verlobt. Eines Tages ließ sich das Spielchen nicht mehr spielen, und da hab ich mir dann ein Mädchen gesucht. Ich hab ihr alles erzählt, und sie war damit einverstanden.«

»Womit?«

»Dass wir heiraten, dass aber jeder sein Leben lebt, wie es ihm Spaß macht.«

Klaus blickte ihn sprachlos an.

»Das soll doch wohl nur ein Witz sein, wie?«

»Nein, ganz im Ernst. Ella versteht mich, ja, ich kümmere mich ja auch nicht darum, was sie macht, wir kommen ganz prächtig miteinander aus. Jeder macht einen Teil der Hausarbeit, wir werfen ein wenig von unserem Geld in einen gemeinsamen Topf, und jeder behält einen feinen Brocken für sich. Du, das ist ganz praktisch. Und für Ella ist ja da noch die Versicherung und meine Rente, die sie auch mal kassieren kann. Was glaubst du, wie nett die Nachbarn zu uns sind.«

Klaus schluckte und schluckte und hörte schweigend zu. Je länger er darüber nachdachte, um so besser gefiel ihm das alles.

Es wäre die Rettung. Er hätte dann eine Frau, die er vorzeigen konnte, wenn es nötig war. Man hatte sogar einen Kumpel und einen guten Gesprächspartner, man musste sich nur absichern, nicht, dass sie zuerst ja sagte und es sich dann anders überlegte und vielleicht den Kollegen einen Tipp gab.

Frauen konnten ja auch so gemein sein. Er hatte viele Enttäuschungen hinter sich. Dadurch war er irgendwie in seine jetzige Lage geschlittert. Eigentlich fühlte er sich ganz wohl dabei, aber das Versteckspiel vor der Außenwelt machte ihm sehr zu schaffen.

Nun kannte Klaus den Grund für Willis Ausgeglichenheit. Er hatte sich schon öfter darüber gewundert.

»Ich geb zu, ich hab lange suchen müssen, ehe ich Ella fand. War wirklich nicht einfach. Aber die Suche lohnt sich wirklich. Die jungen Menschen haben zumindest mehr Verständnis für uns als die älteren.«

»Mensch, Willi, was du da sagst!«

»Gut, nicht?«

Sie tranken schweigend.

»Es gibt eine Menge Vorteile, ehrlich. Zum Beispiel teilen wir uns die Miete, Stromrechnungen und Fernsehen und die ganze Wohnung. Für mich allein wäre das zu teuer und für Ella auch. Essen zu zweit ist kaum teurer, als wenn man es für eine Person macht. Dann kommt noch hinzu, du bist nicht allein, wenn du mal krank bist und an den Feiertagen, wenn man nicht zur Klappe gehen kann, wenn man mal keine Lust hat. Dann ist man trotzdem nicht einsam. Wir leben wie Bruder und Schwester zusammen und verstehen uns ganz prächtig.«

»Was ist denn mit Ella, deiner Frau? Warum hat sie sich einverstanden erklärt?«

»Ach, weißt du, ich glaub, sie hat ein paar schlimme Enttäuschungen hinter sich, ich hab nicht weiter nachgefragt. Sie mag die Männer nicht besonders. Ich schikaniere sie nicht, hänge mich nicht wie eine Klette an sie, sie kann tun und lassen, was ihr passt. Ich meckere nicht über die

Geldausgaben, nichts. Das freut Ella, sie bleibt emanzipiert, verstehst du. Ich finde, eigentlich sollte es auch in einer wirklichen Ehe so zugehen, dass jeder den anderen respektiert und ihm seine Eigenheiten lässt.«

Klaus trank schon sein drittes Glas aus. Allmählich wurde ihm leichter. Willi erklärte das alles so vernünftig, es konnte die Rettung sein. Vielleicht, wenn er zur Ruhe kam, wenn er nicht immer wie ein Wild von den Kollegen gejagt wurde, vielleicht besaß er dann auch genügend Kraft, sich einen wirklichen Partner zu suchen.

Er hasste die gekauften Strichjungen, er wollte lieben, wirklich heben. Es ging ihm nicht um Sex, er wollte eine echte gute Beziehung anknüpfen. Aber weil er seit einiger Zeit so nervös war, gelang ihm das nicht. Das Verschwinden Franks spielte dabei auch eine große Rolle. Sie waren fast zwei Jahre zusammen gewesen, und dann plötzlich dieser Bruch. Seitdem war er unsicher, hatte Angst, sich zu verraten. Schreckliche Furcht quälte ihn, es könnte ihm passieren, dass ihm ein Kunde gefiel, oder was noch schlimmer gewesen wäre, ein Kollege!

Sicherheit!

»Ich danke dir, dass du so offen zu mir gesprochen hast, Willi.«

»Aber das ist doch selbstverständlich. Wenn du willst, nehme ich dich mit, Klaus. Dann kannst du dich selbst davon überzeugen.«

»Ist das dein Ernst?«

Willi zahlte schon.

Sie wanderten nebeneinander die Straße entlang. Klaus dachte; wenn Willi mir läge, könnte alles so einfach sein. Aber bei den normalen Paaren sucht man sich ja auch nicht einfach eine Frau oder einen Mann, nein, irgendwie muss die Wellenlänge stimmen, sonst klappt es eben nicht. Und bei uns ist das eben auch so. Schade, wirklich schade, Willi ist ein so feiner Kerl. Vielleicht lerne ich durch ihn einen netten Mann kennen?

Sie stiegen die Treppe hinauf und waren wenig später in Willis Wohnung. Früher hatte er in einer tristen Bude gehaust, die nicht sehr geschmackvoll eingerichtet gewesen war. Aber jetzt besaß er ein gemütliches Heim, und Klaus merkte gleich, hier konnte man sich in der Tat wohl fühlen.

Willi rief nach Ella. Sie kam aus dem Bad, sie hatte sich gerade die Haare gewaschen.

»Grüß dich«, sagte sie und warf Klaus einen fragenden Blick zu. »Ich verschwinde schon wieder.«

»Nein«, sagte Willi. »Klaus ist unser Gast.«

»Ach so, dann wickel ich mir nur ein Tuch um den Kopf, damit man die Lockenwickler nicht sieht.«

Willi sagte: »Ich mach uns etwas zu essen, geh schon mal ins Wohnzimmer.«

Klaus konnte es immer noch nicht glauben. Das war einfach umwerfend.

Wenig später kam Ella herein. Sie war eine Durchschnittsfrau. Man konnte sie leicht wieder vergessen. Aber sie hatte eine nette, gemütliche Art an sich. Sie bot Klaus eine Zigarette an und holte Biergläser.

»Sind Sie ein Kollege von Willi?«

»Nein, aber wir kennen uns schon lange.«

Ella warf ihm einen abschätzenden Blick zu. »Ihr habt doch nichts mit einander? «

»Nein, die Wellenlänge stimmt nicht«, sagte Klaus ruhig.

»Komisch«, sagte Ella. »dass es das noch gibt, ich meine, dass man darauf Rücksicht nimmt.«

»Wieso?«

»Ach, lassen wir das! Ich meine nur, man sollte wirklich darauf achten. Ich hab viel Pech gehabt, aber das ist jetzt vorbei. Willi ist ein feiner Kumpel, ehrlich, ich wäre froh gewesen, wenn ich ihn früher kennengelernt hätte.«

»Es macht Ihnen also wirklich nichts aus?«

Ella legte den Kopf schief.

»Hören Sie, Freundschaft, gutes Verstehen sind sehr wichtig. Das andere, ich meine, nun, wenn ich darauf stehe, das kriegt man doch überall. So sexbesessen, wie wir Frauen immer geschildert werden, sind wir gar nicht, mein Lieber.« Sie lachte ihn an.

Klaus wagte nicht zu fragen, ob sie vielleicht lieber Frauen mochte. Das ging ihn nichts an. Er wollte sich nur davon überzeugen, ob es stimmte, was Willi sagte.

Dieser kam jetzt mit den belegten Broten zurück.

»Na, was sagst du jetzt dazu?«

»Ich kann es immer noch nicht glauben.«

Willi sagte zu Ella: »Er hat Schwierigkeiten, man lässt ihn nicht mehr in Ruhe. Nun ja, bei deinem Job, also, da ist es bestimmt schwierig. Ich als Kfz-Schlosser, ich hab da die Werkstatt, und es läuft kein junges Gemüse herum, und man kümmert sich nicht viel umeinander. Hauptsache, die Arbeit ist getan, und der Lohn stimmt am Ende.«

»Warum suchen Sie sich kein Mädchen?«, fragte Ella.

»Bis jetzt habe ich noch nicht gewusst, dass man das kann.«

»Ich sag dir aber gleich, Klaus, es wird nicht leicht sein. Bevor du dem Mädchen alles erzählst, musst du es gründlich testen. Nicht dass du einem Biest in die Hände fällst, das dich vielleicht damit zu erpressen versucht.«

Klaus bekam ein ganz flaues Gefühl in der Magengrube. Also damit musste man auch rechnen.

»Du machst mir ja sehr viel Mut«, murmelte er leise.

»Ich weise dich nur auf die Möglichkeiten hin, mein Lieber.«

»Du bist ein wirklicher Freund.«

Sie saßen noch eine Weile zusammen und redeten darüber, aber dann stand Klaus auf. Er wollte sich Willis Vorschlag durch den Kopf gehenlassen.

Ella sagte: »Wenn es soweit ist, machen wir gern die Trauzeugen!«

Klaus lachte auf.

Dann verließ er Ella und Willi.

Als er unten auf der Straße war, packte ihn das Verlangen. Jetzt musste er doch eine Klappe aufsuchen. So nannten sie die öffentlichen Bedürfnisanstalten. Dort standen die kleinen Strichjungen, die sich so ihr Geld verdienten. In der Regel waren sie rauschgiftsüchtig, darum ging er nicht gerne dorthin, öffentliche Parks hasste er noch mehr als die Klappe. Oder sollte er die Bar besuchen?

Klaus entschied sich für die Bar.

 

 

2

Es war eine mittlere Großstadt, darum gab es auch nichts Aufregendes auf der sündigen Straße der Stadt: Lange hatten sich die Einwohner gegen diese Mädchen gesträubt. Das heißt, öffentlich wurde erklärt, diese Probleme hätte man gar nicht. Es sei eine saubere Stadt. Natürlich konnten die Dirnen auch Zeitungen lesen, und so gab es eines Tages einen schönen Wirbel, und die Ratsherren wunderten sich sehr. Die Mädchen machten ihnen begreiflich, dass sie schon immer in dieser Stadt gewesen waren, ja, dass es in früheren Zeiten sogar ein festes Haus gegeben habe.

Was man jetzt zu lesen bekam, das war alles gelogen und spiegelte eine falsche Moral wider. Sie waren da!

Niemand wollte sie haben, und so zogen sie von einer Straße zur anderen, von einem Ende der Stadt zum anderen. Wenn die Anwohner hofften, sie würden ihnen damit das Geschäft verderben, und die Dirnen würden endlich einsehen, dass sie hier nicht arbeiten konnten, dann irrten sie sich gründlich. Die Mädchen brauchten noch nicht einmal Handzettel zu verteilen oder für sich Reklame zu machen, das erübrigte sich alles. Man fand sie immer. Ein, zwei Tage, und die alten Stammkunden waren wieder zur Stelle. Es war schon ein richtiger Spaß.

Mit der Zeit begriffen aber auch die stursten Leute in der Stadt, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

Durch den häufigen Standortwechsel hatte man die Dirnen gar nicht mehr unter Kontrolle, und der Ärger war noch größer. Ja, sie begriffen sogar, dass man diese Mädchen brauchte, denn waren sie nicht da, wurden andere Frauen abends skrupellos überfallen.

Die Polizei war für ein Haus, dann konnte sie die Mädchen überwachen, und es würde keinen Ärger geben. Wer sich dann nicht anständig benahm, musste gehen. Das überlegten sich die Mädchen dann lange und wurden also brav. Ein festes Haus war immer besser als der Straßenstrich, besonders im Winter. So bekam man endlich den Wunsch erfüllt, und die Zuhälter waren auch schnell zur Stelle, um das zu organisieren. Thilo, Veit und Max taten sich zusammen und kauften eine alte Bruchbude. Die Mädchen waren enttäuscht. Sie hatten so sehr auf einen modernen Liebessilo gehofft, mit heizbarer Rampe und allem Komfort.

»Später«, sagten die Zuhälter. »Zuerst müssen wir mal sehen, wie es läuft. Außerdem kann man ja nie wissen, plötzlich können sie es sich wieder anders überlegen und entziehen uns die Genehmigung.«

Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Die Zuhälter kannten sich darin aus.

Nach und nach richtete man sich ein, und die Zimmer wirkten bald recht hübsch. Auf den Gängen befanden sich jeweils die Badegelegenheiten. Man musste sie sich eben teilen, und man brauchte ja auch nur ein Schildchen aufzuhängen, dann sah man, wenn sie besetzt waren.

Die Stammdirnen waren Eva, Gusti, Helme, Imma und Pia. Zwei Zimmer waren oben im Dachgeschoss noch frei. Aber dort wollte im Augenblick keine einziehen. Das war den Mädchen einfach zu hoch. Doch im Winter, wenn es draußen knackig kalt war, würden es sich gewiss einige anders überlegen.

Unten befand sich das Koberzimmer, schmal, mit hohen Fenstern, aber nicht schlecht. Sie richteten es hübsch ein. Dahinter lag der Raum für alle und die Küche. Das Haus war so klein, dass sie keinen Bordellwirt hatten, sie mussten sich schon selbst versorgen. Aber wozu hatte man die kleinen Hilus, die erledigten Botengänge und kauften ein.

Das Haus lag in einer engen, düsteren Straße, gegenüber der Rückseite einer Fabrik. Anwohner wurden also nicht gestört. Wenn es schönes Wetter war, konnten die kleinen Mädchen sich auch auf dem Bürgersteig tummeln und ihre Reize zeigen. Sie brauchten sich nicht unbedingt ans Fenster zu setzen, um die Freier anzulocken.

Doch im Augenblick hatten sie es alle nicht nötig, sich sehr anzustrengen. Denn sie waren noch jung und sehr hübsch, diese kleinen sündigen Mädchen. Die hübscheste von ihnen war Eva. Sie kleidete sich sehr vorteilhaft, hatte einen blonden Wuschelkopf und wirkte wie ein junges verspieltes, verträumtes Mädchen. Niemand hätte in ihr eine Dirne gesehen. Aber sie war es schon einige Zeit. Sie besaß eine makellose Figur, und sie hatte viele Stammkunden.

Eva war nicht nur Dirne, hin und wieder war sie auch Fotomodell für Akte, und sie hatte auch schon in ein paar Pornofilmen mitgearbeitet. Doch davon wollte sie nichts mehr wissen. Das war ihr einfach zuviel gewesen, und sie lehnte jetzt die Angebote ab.

In ihrem Zimmer hingen ein paar Bilder von ihr, kein Wunder, dass die Freier sofort blanke Augen bekamen, wenn sie die Dirne raffiniert zurechtgemacht auf einem Poster vor sich sahen. Ja, sie war schon ein Leckerbissen, diese Eva. Das wusste sie auch und spielte also die Rolle der Startülle. Sie scheffelte im Augenblick nur so das Geld.

Sie hatte eine Abmachung mit Thilo getroffen. Einen Teil ihrer Einnahmen bekam Thilo, doch er war nicht ihr direkter Zuhälter. Ihr derzeitiger Lude saß im Gefängnis, aber sie hatte sich innerlich schon von ihm losgesagt und war jetzt wieder auf der Suche nach einem neuen Freund.

Thilo erhielt nur Geld von ihr, damit er ein Auge auf sie hatte. Ohne Zuhälter konnte man unmöglich hier arbeiten. Es gab immer mal Ärger mit den Freiern, außerdem waren auch Perverse darunter. Natürlich passte sie sehr auf, dass sie nie so einen Mann mit aufs Zimmer nahm. Aber die konnten sich so geschickt tarnen, dadurch wurde es immer schwieriger, sie von vornherein auszusondern.

Thilo hatte es darauf angelegt, Eva ganz für sich zu bekommen. Sie war ja ein Klassepferdchen, er hätte selbst gern mit ihr geschlafen, sie also zur Freundin gehabt, ja, und dann reizten ihn natürlich die hohen Einnahmen.

Weil aber die anderen Zuhälter sie auch haben wollten, konnte er sie nicht einfach zu sich herüberziehen, und schon gar nicht mit Gewalt. Eva musste ihre Gunst selbst verschenken, dann respektierten die anderen Zuhälter das sofort. Eva war also noch nicht vergeben, und alle Zuhälter versuchten, sie für sich zu gewinnen.

Eva lachte sich dabei ins Fäustchen und dachte: Da könnt ihr lange warten, bis ich einem das Handtuch hinwerfe. Zuerst genieße ich mal meine Freiheit und scheffle Geld. Das kommt auf ein Geheimkonto, davon werdet ihr nie etwas erfahren. Dann mache ich mir ein lustiges Leben. Wenn es mir zu langweilig wird, kann ich mir immer noch einen nehmen. Aber ob das dann einer von euch sein wird, das ist sehr fraglich.

Solange man nämlich einen Luden hatte, war man ihm verpflichtet. Es gab nette, böse und auch grausame. Vor allen Dingen waren sie immer wild auf das Geld des Mädchens. Anfangs taten sie zwar so, als liebten sie die Dirne über alles, aber nach kurzer Zeit zeigten sie dann ihr wahres Gesicht.

Eva war fünfundzwanzig Jahre alt; seit sieben Jahren war sie schon auf der Dirnenszene, wenn man das so nennen kann. Sie war einfach aus der Bahn geschlittert. Ihr Vater war schon lange tot, dann starb die Mutter. Sie hinterließ Schulden, die die Tochter erbte. Von dem kärglichen Gehalt, das sie als Kontoristin damals verdiente, konnte sie kaum die Miete und den Unterhalt für sich aufbringen. Und dann immer der Berg Schulden im Hintergrund. Der hatte sie fast erdrückt. Sie wusste nicht, wie sie sie jemals tilgen sollte. Im Büro wussten sie alle davon, und so wollte auch kein junger Mann engeren Kontakt mit ihr aufnehmen. Schulden übernehmen, nein, und wenn sie das schönste Mädchen der Welt gewesen wäre, dazu hatten sie auch zu wenig. Die reichen Männer sind halt dünn gesät.

Eva war nicht dumm, und so sagte sie sich eines Tages: So komme ich nicht weiter. Etwas muss geschehen. Schon oft hatte sie die gierigen Blicke bemerkt, die verstohlenen Zeichen, wenn sie sich irgendwo sehen ließ. Denn sie war ja wirklich ein hübsches Mädchen.

So sagte sie sich schließlich: Also, als alte Jungfer will ich nicht sterben, mich so den Jünglingen hinzugeben hab ich auch keine Lust. Sehr schnell wird man dann ausgenutzt und ist kein Stückchen weiter. Also, wenn sie so wild auf mich sind, nun denn, dann sollen sie auch für ihr Vergnügen zahlen.

Sie fing das sehr geschickt an. Zuerst war es der Oberbuchhalter; der kniff sie immer heimlich, wenn sie irgendwo zufällig in den langen Fluren zusammentrafen. Er war um die fünfzig und wirkte sauertöpfisch. Er war ihr erstes Opfer. Als es mal wieder soweit war, sagte sie ihm zuckersüß ins Gesicht: »Wenn du Mut hast und hundert Mark, dann komme heute Abend zu mir. Da kannst du mehr als nur kneifen, du wirst eine Orgie erleben.«

Er starrte sie an, als begriffe er gar nicht, was er eben gehört hatte. Sein Adamsapfel hüpfte vor Aufregung auf und ab.

»Hören Sie ...«, begann er stotternd.

»Also doch ein Feigling«, sagte sie verächtlich und trippelte weiter, wobei sie aufreizend mit dem Popo wackelte.

Seine Hände wurden feucht, und er wurde von einer fieberhaften Unruhe gepackt. Sie war wie Feuer in seinen Adern. Er konnte sich nicht mehr auf seine Arbeit konzentrieren. An diesem Tag hatte er sehr viel in ihrer Nähe zu tun. Er wagte nicht, sie anzusprechen, aber seine Gedanken jagten sich. Er fragte sich; Ist das jetzt so eine, oder wieso hat sie mich angesprochen? Vielleicht liebt sie mich heimlich? Dann dachte er wieder daran, dass sie Geld erwähnt hatte.

Der Mann merkte überhaupt nicht, dass er keinen eigenen Willen mehr besaß. Er musste gehen, das fühlte er, oder sie würde ihn ab jetzt nur noch verächtlich behandeln. Einen Feigling hatte sie ihn genannt.

Als er vor ihrer Tür stand, schwanden ihm fast die Sinne. Er hatte seine Frau noch nie betrogen. Gewiss, im Augenblick war sie in der Kur, er konnte also ...

Eva stand oben am Fenster und sah ihn unten auf der Straße herankommen. Auch sie war nervös. Schließlich war er ihr erstes Opfer. Sie presste die Handflächen zusammen und sagte sich immer wieder vor: Ich will nicht mein ganzes Leben kratzen müssen. Ich muss die Schulden vom Hals haben, dann bin ich frei. Mit der Arbeit schaffe ich es nicht, also muss ich es anders versuchen.

Wenn er geht, dann bin ich eine Versagerin, dann krieg ich so nie das Geld zusammen. Zwanzigtausend Mark, herrje, ich möchte bloß mal wissen, wozu die Mutter diese Schulden gemacht hat. Nie hat sie mir davon was gesagt. Jetzt darf ich alles abzahlen, plus Zinsen, die mehr fressen als die Tilgung. Wenn ich das jetzt schaffe, vielleicht im Monat fünfhundert Mark zusammen krieg, dann würde es gehen. Vor allen Dingen verringern sich die Zinsen, wenn ich schnell abzahle.

Der Oberbuchhalter war verschwunden. Sie war so mit dem Rechnen beschäftigt gewesen, dass sie ihn gar nicht mehr beobachtet hatte. Schon wollte sie wütend werden, als die Türglocke ging.

Er stand vor ihrer Tür, mit hochrotem Kopf!

»Fräulein Leonhard, also wirklich, ich meine, ich tu das sonst nie, aber Sie sollen nicht denken, ich sei ein Feigling, nein, ich bin nur gekommen ...« Er geriet ins Stocken, denn er hatte schon wieder Angst vor der eigenen Courage bekommen.

Eva zog ihn in die Wohnung, lächelte ihn verführerisch an, gab ihm zu verstehen, er sei ihr heimlicher Schwarm, und weil er doch verheiratet sei und sie ja nicht seine Ehe gefährden wolle, könne man sich doch auch so vergnügen.

Sie blickte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an und flüsterte: »Ich hab doch kaum was zu beißen, die Schulden, ich, es ...« Sie versuchte es mit Stottern, schaute ihm weiterhin tief in die Augen, denn sie merkte, dass ihn das völlig verwirrte. Nein, sie war also doch nicht so eine, und er verstand das ja so gut. Wenn sie nicht irgendwie etwas nebenbei verdiente, konnte sie sich die Wohnung nicht mehr leisten. Aber wenn sie die Wohnung behielt, dann könnte er auch in Zukunft zu ihr kommen? Ihm wurde richtig schwindelig.

Akkurat legte er den Schein auf das Tischchen. Sein Herz machte zwar einen Hüpfer vor Schreck, denn eigentlich war er auch geizig. Aber im Augenblick tanzten rote Schleier vor seinen Augen. Einmal nicht knausrig sein, einmal alles über Bord werfen, einmal den großen Mann spielen, sich lieben lassen, wie die großen Männer das taten.

Eva hatte damals noch keine sexuellen Erfahrungen gehabt. Aber sie hatte sich einige Hefte angesehen und gelesen. Außerdem besaß ihr erster Kunde überhaupt keine Phantasie. Also legte sie los, sorgte für schummriges Licht, zärtliche Musik, ein wenig Alkohol, und sie war richtig aufgekratzt. Ja, sie merkte nach wenigen Minuten, dass es ihr riesigen Spaß machte, es war herrlich, mit dem Mann zu spielen, aus ihm in dieser Situation eine Marionette zu machen.

Er gierte und lechzte nach ihr, verzehrte sich und kannte sich selbst nicht mehr wieder. Das Spielchen wurde jetzt über die ganze Wohnung verteilt, und er konnte es bald kaum noch erwarten, bis sie ihm endlich die Erlösung gönnte.

Als sie sich nach zwei Stunden trennten, hatte er ganz blanke Augen und sah schon gar nicht mehr so verkniffen aus. Er ging wie auf Wolken davon und träumte anschließend noch die ganze Nacht von der Liebesstunde.

Am nächsten Morgen im Büro, als er sie sah, wusste er, dass er heute wieder zu ihr kommen musste. Auch wenn es hundert Mark kostete, er musste einfach kommen.

Nach dem sechsten Abend hatte sie sechshundert Mark eingenommen, der arme Mann aber wirkte schon ein wenig hohlwangig und grau im Gesicht. Seine Hände zitterten, und er konnte kaum seiner Arbeit in der Buchhaltung nachgehen. Eva bemerkte es und sagte sich erschrocken: So geht es nicht weiter. Er kann nicht allein meine Schulden abzahlen helfen, er bricht mir sonst noch in der Bude zusammen. Dann kommt alles heraus, und wir sind beide blamiert. Nein, er ist doch älter als ich dachte; ich muss ihn schonen.

Aber auch Eva hatte von dem süßen Gift geleckt, nicht nur, dass ihr die Liebe Spaß machte, für sie zum angenehmen Zeitvertreib wurde, nein, das Geld lockte vor allem. So schnell verdiente man also so viel Geld!

Eva ließ alle Männer des Büros Revue passieren und sortierte sie nach einem ganz bestimmten System. Männer, die schick waren, die sie wohl mochte, aber jung waren und somit noch nicht so viel Geld besaßen, um es so locker auszugeben, wurden gestrichen. Dann kamen die Männer, die jungverheiratet oder verlobt waren. Die kamen auch nicht in Frage, denn sie wollte keine Ehe gefährden. Soviel Anstand besaß sie, die kleine Eva. Also blieben nur noch die älteren übrig. Sie hatten schon eine schlaffe Ehe hinter sich, besaßen Geld und würden sich bestimmt freuen, wenn man nett zu ihnen war. Also blieben, alles in allem, mit dem Oberbuchhalter nur vier Männer übrig.

Wenn sie die nun abwechselnd zu sich bestellte?

Zuerst musste sie mal ihre Netze auswerfen. Sehr schnell bemerkte sie, dass alle eine Schwäche für sie hatten, und so war es leicht, sie an sich zu binden. Zuerst flirtete sie mit ihnen, schürte das Feuer immer mehr, und wenn sie reif waren, flüsterte sie ihnen Preis und Adresse zu.

Der Oberbuchhalter konnte es zuerst gar nicht verstehen, als sie ihm klarmachte, dass er jetzt nur noch einmal die Woche kommen könne.

»Aber warum denn, Eva? Das halte ich nicht aus, ich muss zu dir kommen«, stöhnte er.

»Willst du zusammenbrechen? Nein, du musst dich schonen, mein Lieber, ich übrigens auch«, sagte sie mit freundlicher Stimme und blickte ihn so treu an, dass er ihr vor Dankbarkeit die Hand küsste.

Eva lernte weiter; raffinierte Biester werden geliebt, ihnen glaubt man alles, Transusen, Heilige, die werden nur geduldet.

Also trieb sie ihr Spielchen weiter. Im Betrieb bemerkte man sehr schnell die Veränderung. Aber die anderen kamen noch nicht gleich dahinter. Doch einmal auf eine Spur gebracht, schnüffelt man weiter.

Also drang es eines Tages ans Licht. Eva hatte mit ihren Schäferstündchen schon fünftausend Mark abzahlen können, da flog die ganze Sache auf. Wer sie verraten hatte, erfuhr sie nie.

Sie lernte wieder etwas, dass es unter den Männern auch gemeine Kerle gab und dass man sie hassen musste. Ja, Eva lernte mit der Zeit viele Männer hassen.

Zuerst einmal stand sie auf der Straße, und das mitten im Quartal, also war es für sie gar nicht so einfach, eine gute Stellung zu erhalten. Aber sie brauchte Geld. So ging sie auf Männerfang, in den kleinen Restaurants und so weiter. Es klappte herrlich, und sie konnte schon wieder dreitausend Mark abzahlen.

Eva lernte wieder etwas; wenn man auf eigene Kosten auf den Strich geht, haben das die Zuhälter nicht gern, und sie picken dich heraus und machen dich fertig.

Noch hielt sie sich nicht wirklich für eine Dirne. So ging sie auch nicht auf den öffentlichen Strich, sondern durchstreifte nur die Lokale. Aber das taten die Hilus und die Zuhälter auch. Bald bemerkten sie das grazile schöne Mädchen und passten auf. Es dauerte nicht lange, da hatten sie herausgefunden, was sie tat, und wie gesagt, das passte ihnen gar nicht. Zuerst wähnten sie einen Zuhälter im Hintergrund. Man konnte ja nie wissen. Bevor man zum Angriff überging, wollte man sich vergewissern, ob man dabei nicht in einen Hinterhalt geriet.

So kam Eva also an ihren ersten Zuhälter. Im Lauf der Zeit hatte sie ein paar gehabt. Entweder hatten die Zuhälter sie bei einer Pokerei verloren, oder sie kamen ins Gefängnis, zwei waren auch erschossen worden. Den Mörder hatte man nie gefunden.

Eva hatte in mehreren Städten ein neues Leben angefangen. Sie war noch keine zwanzig, da unterschied sie sich in nichts von den anderen Dirnen. Bisher hatte sie nur in Häusern gearbeitet. Auf den Straßenstrich wollte sie nicht gehen, der war ihr zu vulgär.

Und jetzt lebte sie in dieser Stadt und versuchte möglichst viel Geld zu scheffeln. Sie war im Grunde ihres Herzens ein nettes Mädchen geblieben, noch nicht gemein und hinterhältig, auch sprach sie nicht so ordinär. Ihre Kundschaft war auch immer die beste gewesen.

Lange hatte sie gehofft, über die Pornofilme an die richtigen Filmleute zu kommen. Aber den Traum hatte sie schließlich auch begraben. Wie sie so vieles begraben hatte. Ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte, ihr früheres geregeltes Leben.

Eva lebte in den Tag hinein, und irgendwie fühlte sie sich innerlich hohl und leer. Vielleicht kam es auch davon, dass sie als Dirne keinen Menschen kannte, mit dem sie sich über ihre Probleme unterhalten konnte. Die Mädchen die mit ihr auf Anschaffe gingen, waren allesamt nicht sehr gescheit, und ein Buch kannten sie nur von außen, hatten noch nie versucht, eins zu lesen. Sie lagen unter Evas Niveau.

Eva wusste von den Feinheiten des Lebens. Doch spät, zu spät hatte sie erkannt, dass sie selbst die Tür zu einem angenehmen, geregelten Leben zugeschlagen hatte. Anständige junge Männer heirateten keine Dirnen, das wusste sie inzwischen. Sie war gebrandmarkt, sie war eine registrierte Nutte. Dann waren da die Zuhälter. Solange sie noch gut anschaffen konnte, würde man sie verfolgen bis ans Ende der Welt.

Manchmal, wenn sie so am Koberfenster saß, ihre Reize zeigte und buchstäblich durch die Freier hindurchblickte, dann dachte sie: Warum tu ich das eigentlich? Hier sitzen, um die Preise feilschen, hinaufgehen, mit dem Freier schlafen und dann wieder runter, der nächste. Am nächsten Morgen das Geld auf die Bank bringen, schlafen, einkaufen. Wofür, warum? Diese Frage ließ sie oft nicht mehr schlafen.

Eva fühlte deutlich, dass das Leben allmählich jeden Sinn für sie verlor. Und wenn es den erst mal verloren hatte, dann glitt man immer tiefer. Dann war einem alles egal, so egal!

 

 

3

Klaus Hagenbeck hatte den Strichjungen, den er in der Bar kennengelernt hatte, fortgeschickt. Er hatte ihm nicht die Erlösung gebracht. Seit einiger Zeit hatte er in dieser Beziehung viel Pech. Weil er eben nicht zur Ruhe kam, ewig diese Doppelrolle spielen musste, immer die Angst im Nacken, dass jemand etwas merkte. Immer sich anbiedern, immer aufpassen, nie sich gehenlassen können.

Er lag in dieser Nacht lange wach und dachte über Willis Worte nach. Er konnte gut lachen, er hatte es gut getroffen.

Je länger er sich mit dem Gedanken beschäftigte, um so mehr kam er zu der Einsicht, dass ihm nur so zu helfen war. Aber wo sollte er solch ein Mädchen finden?

Gewiss, in der Bank gab es eine ganze Menge Mädchen, die in seinem Alter waren und nur darauf warteten, von ihm aufgefordert zu werden. Doch da war wieder die quälende Angst. Wenn das Mädchen sich mit der Abmachung nicht zufriedengab, wenn es hinging und alles erzählte? Dann war es noch viel schlimmer.

Dann war er seiner Umwelt hilflos ausgeliefert und konnte sich nicht mehr verteidigen. Man würde dem Mädchen glauben, so vieles würde aufgewühlt werden.

Und irgendwo anders? Wo sollte er ein Mädchen finden? In einem Lokal? Aber er war doch so schüchtern, hatte gar keine Erfahrung mit jungen Damen. Wie konnte man sie ansprechen, was musste man tun, um ihr Vertrauen zu gewinnen? Er liebte doch nur junge Männer, fühlte sich in Gegenwart von Frauen in einer verzwickten Lage. Sein Selbstvertrauen verließ ihn dann völlig.

Wann er darauf kam, sich mal auf dem Strich umzusehen, wusste er später selbst nicht mehr. Aber die Idee war plötzlich da, nistete sich in seinen Gedanken ein und ließ ihn nicht mehr los.

Mädchen, die ihre Liebe gegen Geld hergaben, Geld, das war doch das Wort. Geld! Konnte man sie vielleicht nicht kaufen? In dieser Stadt gab es nur die kleinen Bordsteinschwalben. Nein, hier durfte er sich auf gar keinen Fall ein Mädchen suchen. Wenn, dann in einer anderen Stadt, hier wäre das zu gefährlich. Denn sie sollte ihn ja heiraten und hin und wieder, wenn man in der Bank ein Fest gab, sollte sie als Ehefrau in Erscheinung treten. Natürlich würde sie ganz nach ihren Wünschen leben können.

Am nächsten Tag war er so sehr mit diesen Gedanken beschäftigt, dass er schon gar nicht mehr darauf achtete, ob er sich auch nicht verriet.

Klaus fühlte, die Entscheidung musste bald fallen. Er konnte nicht mehr lange durchhalten.

Dass er so geworden war, lag an seinem früheren spießbürgerlichen Leben mit den Eltern. Dort war alles nur Schein gewesen, und man konnte sich nie frei und ungezwungen geben. Gefühle mussten verdrängt werden, über Liebe und Sex wurde nicht gesprochen, in den Augen der Mutter war das sündig. Die Eltern schafften es, ihren einzigen Jungen seelisch zum Krüppel zu machen, und waren noch glücklich, dass er anders war als andere junge Männer in seinem Alter.

Klaus hatte ihnen natürlich nie erzählt, wie anders er in Wirklichkeit war, das hätte ihnen den Tod gebracht. Und so lebte er noch immer verklemmt und sehnte sich im Grunde seines Herzens nach einem Menschen, mit dem er sich einmal offen unterhalten konnte.

Es war Freitagnachmittag, und die Bank hatte um half fünf geschlossen. Klaus war daheim gewesen, dann hatte ihn Unruhe gepackt, und er hatte sich umgezogen und war mit dem Wagen ziellos herumgefahren. Als er gegen Abend die nächste Stadt erreichte, ging er in ein Lokal und aß eine Kleinigkeit.

Ein junges Pärchen saß ihm gegenüber. Es himmelte sich an. Kalte Schauer liefen ihm beim Zusehen über den Rücken. Wie andere es nicht verstehen konnten, wenn zwei Männer sich liebten, so war für Klaus dieses etwas Abnormes. Er hatte noch nie mit einem Mädchen geschlafen. Immer hatte er die Mutter vor Augen, wenn er mit einer Frau sprach, und dann hielt er sich sofort für sündig und gemein.

Immer hatte die Mutter ihm erzählt, wie gemein Männer zu Frauen seien, sie hätten das ja eben zu dulden, mehr nicht. In den Augen der Mutter waren Männer schlecht, wenn sie mit Frauen etwas hatten. So wurde er von ihr in dieser Richtung stark beeinflusst.

Manchmal hielt er die Spannung in seinem Innern nicht mehr aus. Ja, von Zeit zu Zeit flippte er sogar aus. So hatte er endlich seinen Seelenfrieden bei Gleichgeschlechtlichen gefunden. Aber das wiederum war in den Augen der Umwelt sündig. So wurde er andauernd hin und her gerissen.

Brüsk stand er auf und verließ das Lokal. Jetzt oder nie, dachte er, wenn ich jetzt nicht den Mut aufbringe, dann werde ich es nie können. Ich kann mir ja die käuflichen Mädchen mal ansehen. Sie sind sowieso sündig, und ich kann sie nicht mehr quälen, überhaupt, ich will ja nichts von ihnen, ich will ja nur mit ihnen reden.

Von einem Taxifahrer erfuhr er dann auch die Adresse. Er ließ seinen Wagen stehen und ging los. Es dauerte nicht lange, dann hatte er die kleine düstere Straße mit dem Laternenhaus erreicht. Natürlich war das keine Herbertstraße, eben eine mittlere gewöhnliche Stadt.

Klaus nagte an seiner Unterlippe. Er sah im Lampenschein die Mädchen dort stehen. Zwei lehnten sich aus dem Fenster. Männer gingen vorbei, blieben stehen. Man hörte sie lachen, dann verschwand eine mit einem älteren Mann, und die anderen spielten weiter Katz und Maus.

Langsam schob er sich näher. Solange er sich noch auf der anderen Straßenseite befand, war er für die Dirnen ein Seher. Er musste erst einmal langsam Kontakt aufnehmen.

»Wieder ein Neuling«, sagte Imma und machte Eva auf den jungen Mann aufmerksam.

Eva trug ein grünes kleines Flitterkleidchen mit tiefem Ausschnitt; darüber die blonden echten Locken und das Puppengesicht. Auch nach sieben Strichjahren hatte sie noch nichts von ihrer Apartheit verloren.

Kühl hob sie die Lider und musterte den schlanken jungen Mann für einen Augenblick. Er war lässig gekleidet, doch spürte sie, dass seine ganze Haltung nicht zu dieser Lässigkeit passte. Irgendwie war er anders als andere Freier.

Ein junger Mann lehnte sich gegen Pia und feilschte mit ihr um den Preis. Gusti und Helme waren schon bei ihrer Arbeit. Imma sah jetzt einen Stammfreier, und wenig später verschwand auch Pia. Eva war allein.

Klaus hatte einen ganz trockenen Mund.

Da drüben saß ein Mädchen im Halbschatten des Fensters, und die anderen waren jetzt verschwunden.

Als würde er von Fäden gezogen, so kam er jetzt über die Straße direkt auf Eva zu. Sie sah sein schmales, herbes Gesicht und dachte sofort: Der wirkt irgendwie verkorkst. Hoffentlich kein Abartiger. Also, der sieht wirklich richtig niedlich aus. So etwas kriegt man nicht alle Tage hier in der Straße. Meistens so alte Kerle, bei denen einem übel werden kann. Leider haben die aber die meisten Kohlen in der Tasche.

»Hallo«, sagte Eva mit ihrer rauchigen Stimme und warf ihm einen kühlen Blick zu.

Klaus schluckte. Seine Hände wurden feucht, nicht weil er ihren Ausschnitt sah, nein, Frauen ließen ihn kalt. Nur ihre Nähe verwirrte ihn, und er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.

»Hallo«, presste er hervor.

»Sie waren wohl noch nie hier, wie?«

Er schüttelte den Kopf.

»Sollen wir uns oben bei mir im Zimmer unterhalten, junger Mann?«

Klaus stand wie auf heißen Kohlen. Vielleicht kamen die anderen Dirnen gleich wieder, dann würden sie ihn umringen, ihn vielleicht anfassen, was er auf den Tod nicht ausstehen konnte. Er musste doch mit ihr reden.

»Ja«, sagte er schnell.

Na, dachte Eva, das ist wirklich ein sonderbarer Freier. Der hat noch nicht mal nach dem Preis gefragt. Irgendwie tut er mir leid.

»Du bist doch nicht schief gewickelt?«, fragte sie schnell.

»Wieso? Wie meinen Sie das?«

Seine Augen wirkten erschrocken.

»Sie sind doch nicht pervers, ich meine, für so was kriegen Sie mich nie.«

Details

Seiten
111
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943146
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v918977
Schlagworte
braut redlight street

Autor

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Titel: Redlight Street #140: Eva, eine besondere Braut