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Jim ohne Hoffnung

2020 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Jim ohne Hoffnung

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Jim ohne Hoffnung

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Obwohl der U.S. Marshal Rod Jewy von Jim Sumners Unschuld überzeugt ist, jagt er ihn, denn er ist der Meinung, dass nur ein Gericht darüber zu entscheiden hat. Doch Jim stand bereits einmal vor dem Richter. Falschaussagen von Zeugen sollten ihn ins Jail befördern, aber Jim gelang die Flucht.

Bei Rip Tuffers findet er Arbeit. Diese Pause währt nicht lange für ihn ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER MAYNARD DIXON UND STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Jim Sumner — Er traut niemandem und geht lieber auf einen Höllentrail, statt sich dem Marshal zu stellen.

Rod Jewy — Der U.S. Marshal kennt nur das Gesetz.

Len Borsody — Er schreckt auch vor einem heimtückischen Mord nicht zurück, um sein Ziel zu erreichen.

Paul Cuttering — Er wogt ein gefährliches Spiel und verliert es.

Mikey Dooley — Ohne ihn wäre Jim in der eisigen Wildnis verloren gewesen.

 

1

„Eh, Jim, komm herunter und iss erst was!“

Jim blickte vom Gerüst hinab auf den kleinen dicken Mann, der eben gerufen hatte und nun zu ihm heraufsah. Das vom hohen Blutdruck gerötete Pfannkuchengesicht des Dicken verzog sich zu einem Lächeln, als sich ihre Blicke begegneten.

„Ja, Rip, ich komme!“, rief Jim hinunter, steckte den Pinsel in den Eimer mit zäher, gelber Ölfarbe und kletterte die Leiter hinab.

Als er neben dem Dicken stand, der ihm nicht einmal bis an die Schulter reichte, sagte er: „Zufrieden?“ Dabei deutete er auf die Giebelwand, die in sattgelber Farbe strahlte. Der Dicke nickte.

„Gut gemacht, Jim. Es ist nun schon dein sechstes Haus.“

„Ja, das sechste.“ Jim sah die Straße entlang, die sich von Nord nach Süd durch Hopehole zog. Von Norden pfiff ein schneidend kalter Wind, die Ankündigung des nahenden Winters, der hier oben in Nebraska grimmig hart werden konnte.

„Wer hätte gedacht, dass aus einem Cowpuncher noch mal ein guter Anstreicher werden würde“, meinte Rip Tuffers und sah grinsend auf den breitschultrigen Jim. Er entsann sich, wie Jim vor vier Wochen hier angekommen war. Ausgezehrt, hungrig, ohne einen Cent und auf einem klapprigen, mageren Gaul. Jim war auf den Ranches gewesen, aber niemand brauchte einen Cowboy. So war er schließlich auf Rip Tuffers gestoßen. Rip war Schmied und Anstreicher zugleich. Immer im Herbst brauchte er Leute, denn vor den Regengüssen und den Blizzards wollte jeder sein Haus gegen die Verwitterungseinflüsse geschützt haben. So hatte Jim bei Rip Arbeit gefunden. Der Alte nickte zufrieden. Mit Jim hatte er einen guten Fang gemacht. Dieser Cowboy aus dem Süden mit dem sonnenverbrannten Narbengesicht war fleißiger als alle Typen, die Rip den Sommer über in Kost und Lohn gehalten hatte. Dabei arbeitete Jim nicht nur mehr als die anderen, sondern auch besser.

„Das sechste Haus“, meinte Rip, „dann sind es noch zwei vor dem Winter.“

Jim wusste, was es bedeutete. Während er hinter dem schlurfenden Rip schräg über die Straße zur Schmiede ging, fragte er sich, was wohl werden würde. Der Winter kam, und bei Rip würde er nicht bleiben können. Was er in der kurzen Zeit bei dem Schmied verdient hatte, war wenig genug. Denn Rip hatte ihm die Versorgung des Pferdes abgenommen. Deshalb war der Lohn nicht gerade sehr reichlich.

Vor der Haustür drehte sich der Alte um, sah Jim aus seinen Schweinsäuglein an und meinte wohlwollend: „Du hast Sorgen, Junge. Wegen des Winters, wie?“ Jim nickte. „Ja, für euch Jungs aus dem Süden ist er hart. Komm rein, wir wollen beim Essen darüber sprechen! Ich hatte heute eine Überraschung mit Cuttering. Ja, ich habe mit ihm über dich gesprochen. Komm, Junge!“

Der Alte schlurfte den Gang entlang, wo es nach gekochten Kartoffeln und Kraut roch. Jim hatte sich an den Geruch ebenso wie an das Kraut selbst gewöhnt, das es bei Tuffers fast jeden zweiten Tag zu essen gab.

In der kleinen Küche hantierte die Frau. Sie war schlampig, machte stets eine Leichenbittermiene und jammerte, sobald sie den Mund auftat. Jim wusste, dass sie Fremde nicht leiden konnte, aber Rip dachte anders, und darauf kam es Jim mehr an.

Als sich Rip und Jim an den grob gezimmerten Tisch am Fenster niederließen, watschelte die Alte in den kleinen Nebenraum. An den Geräuschen, die sie verursachte, hörte Jim, dass sie Mehl für den Brotteig zurechtmachte.

Rip langte mit der Kelle in den Suppentopf und füllte Jims Blechteller. Dann pickte er mit seinem Taschenmesser noch ein paar Fleischstücke heraus und streifte sie auf Jims Teller ab.

„Fleisch gibt Fleisch. Davon musst du noch haben, Junge.“ Er füllte seinen eigenen Teller und begann geräuschvoll zu essen. Aber schon nach einigen Löffeln hörte er auf, sah Jim über den Teller hinweg nachdenklich an und fragte: „Warum bist du in diese Gegend gekommen?“

Jim hielt ebenfalls mit essen inne und sah den Alten an.

„Ich habe dir damals gesagt, Rip, dass ich mal etwas anderes sehen wollte. Das ist noch immer so.“

Der alte Rip nickte, als sei er damit zufrieden, nahm den Löffel und schlürfte weiter. Nach einer Weile war er fertig, schob den Teller zur Seite, griff in seine Jackentasche und zog etwas heraus. Ein gelbes Stück Papier. Es war gefaltet, und Rip schob es unter seinen Arm, sah Jim wieder an und sagte: „Ich habe dich nie ausquetschen wollen, Junge, das ist nicht meine Art. Aber eine kleine Frage wirst du mir beantworten: Bist du durch Lexington geritten?“

„Als ich gekommen bin? Natürlich. Anders kommt man doch nicht nach Hopehole.“

Rip nickte, als habe er nichts anderes erwartet.

„Richtig, und von dort sind es hierher nur noch vierzig Meilen.“

Jim wusste noch immer nicht, worauf Rip hinauswollte. Er aß fertig, nahm sich noch einmal einen halben Teller und wollte gerade wieder anfangen, als Rip sagte: „In Lexington war ein Mann mit einem Stern auf der Brust.“

Jim horchte auf. Er sah Rip scharf an, doch der Alte lächelte breit.

„Und?“

Rip lachte.

„Und? Ja, er nannte sich Marshal Jewy. U.S. Marshal, verstehst du?“

Jim begriff mit einem Male alles. Jewy hatte also bis Lexington die Spur gefunden. Jewy, der ihn schon durch die Gila-Wüste gejagt hatte, mit dem zusammen er sogar vor einem Rudel halb verrückter Mexikaner geflohen war und den er dann abgeschüttelt hatte. Dieser Jewy war hier. Zuletzt hatte Jewy gesagt, er werde ihn nicht nach Yuma bringen, sondern nach Dudleyville. Einen fairen Prozess werde man Jim machen.

Jim lachte plötzlich. Fair? Das hatten sie ihm schon damals versprochen, als drei Zeugen falsch ausgesagt und der Richter ihm die zwanzig Jahre aufgebrummt hatte.

„Was ist mit diesem Jewy?“, fragte Jim.

Rip hatte, erstaunt über Jims plötzliches Gelächter, verblüfft dreingesehen, nun aber wurde er ernst. Er zog den gelben Zettel unter dem Arm hervor, faltete ihn auseinander und breitete ihn vor Jim aus.

„Das, mein Junge, ist ein Steckbrief. Sie suchen da einen Burschen, der so aussieht wie du, der ein ebenso mageres Pferd reitet wie das, mit dem du gekommen bist, und sie schreiben, dass dieser Bursche nicht nur eine Postkutsche überfallen haben soll, sondern später bei einem Fluchtversuch gemeinsam mit drei zum Tode verurteilten Schwerverbrechern fünf Deputy Marshals der Gefängnisverwaltung von Arizona erschossen, erschlagen und sonst wie umgebracht haben soll. - Tja, Jim, dieser Bursche da heißt Jim Kellog. Gut, Kellog oder Sumner, du bist dieser Bursche, nicht wahr?“

Jim wusste, dass die riesige Entfernung zwischen der Gila-Wüste und Nebraska nichts genutzt hatte. Jewy war immer noch hinter ihm her, und der alte Rip wusste es nun auch.

„Angenommen, Rip, es wäre so. Was dann?“, fragte Jim und zwang sich zur Gelassenheit.

Im zerfurchten Gesicht des Alten leuchtete es.

„Ich weiß es von Nelson. Der Sheriff hat es mir vor einer Stunde erzählt. Er ist gerade mit der Elfuhrpost aus Lexington zurückgekommen.“

„Wunderbar. Ich streiche gerade sein Haus.“

Rip nickte.

„Das ist es. Nelson will, dass du es fertig streichst.“

Jim lachte laut.

„Um mich anschließend einzulochen?“

„Möglich“, meinte Rip. „Aber ich habe auch mit Cuttering gesprochen. Paul ist ein feiner Kerl. Er könnte dir helfen.“

„Das würde mich wundern. Vor vier Wochen war ich bei ihm auf der Ranch, um einen Job zu bekommen. Noch nicht einmal heißen Kaffee haben sie mir angeboten.“

„Sie sind einmal von einem Satteltramp ausgeplündert worden. Seitdem sind sie so misstrauisch. Aber jetzt kennt dich Paul schon. Er hat gesehen, wie du neulich Jacksons Hengst gebändigt hast, als er beim Beschlagen zu toben begann. Und er hat auch gesehen, wie du Timberloes Rinder von den Kindern weggejagt hast, als der Stier durchgehen wollte. Natürlich sieht er auch, wie du die Häuser anstreichst und dass du gut arbeitest. Sieh mal, Junge, ich kann keinen Mann über den Winter beköstigen. Vom Geld ganz abgesehen. Aber ich glaube, dass du ein tüchtiger Bursche bist. Deshalb habe ich mit Paul gesprochen.“

Jim sah Rip misstrauisch an.

„Und dieser Paul Cuttering, mit dem ich nie ein Wort gewechselt habe, der ist gleich so entgegenkommend, mich zu sich zu nehmen? Rip, ich glaube es nicht. Da steckt mehr dahinter!“

Der Alte wich Jims bohrendem Blick aus.

„Ich weiß, was du denkst. Junge, aber du irrst dich. Ich will dich nicht hochgehen lassen; das könnte ich einfacher haben.“ Plötzlich hob er den Kopf, beugte sich weit vor, dass er keine Handbreit mit seinem Gesicht von Jims Kopf entfernt war. Jim spürte den warmen Atem des Alten.

„Jim“, sagte der Alte leise, „Cutterings Junge ist vorgestern von Nelson eingesperrt worden.“

Jim nickte.

„Ich weiß, und das gehört er auch. Eine alte Frau einfach zu schlagen.“

Der Alte beugte sich zurück und sah Jim ernst an.

„Die Frau ist heute Morgen gestorben.“

„Dann ist es Totschlag. So ein Schweinehund!“, stieß Jim hervor.

Rip sah ihn verblüfft an.

„Und was hast du gemacht? Sieben Deputy Marshals ...“

Jim packte Rips Handgelenk.

„Nun halte mal die Luft an! Ich habe bisher noch keinen Marshal, überhaupt noch keinen Mann umgebracht. Bei dem Postkutschenüberfall war ich unbeteiligt. Ich kam zufällig hin, als es gerade passiert war, und da schrie eine Frau, ich sei einer der Banditen. Nur, weil ich ein braunes Pferd ritt und ein Hemd anhatte wie einer der Posträuber.“

„Lass meinen Arm los, Junge!“, knurrte der Alte. Und als es geschah, zog er die Hand zurück und massierte sein Gelenk. „Nelson hat auch gesagt, dass dieser Jewy dich für unschuldig hält. Aber bei der Sache mit den Deputys ...“

„War ich besinnungslos, als es passierte. Auch das weiß Jewy, weil er es selbst festgestellt hat. An den Spuren nämlich. Was ich aber nicht weiß, das ist, weshalb Jewy immer noch hinter mir her ist.“

„Reden wir nicht von Jewy!“, widersprach der Alte. Leiser fuhr er fort: „Paul Cuttering hat dir ein Angebot zu machen. Er will, dass du Jerry aus dem Jail holst und ihn sicher bis nach Montana bringst. Er will inzwischen Jewy irgendwie aufhalten. Übrigens ist dieser Jewy nicht allein. Da sind noch zwei Burschen bei ihm. Die tragen auch einen Stern. Der eine sieht aus wie ein Halbblut ...“ „Tennessee, sein Deputy.“

„Der andere ist groß und breit und hat eine ziemlich große Schnauze.“

„Matt Manero, sein zweiter Deputy. Ein roher Hund, der Spaß daran hat, wenn er einen Gefangenen so richtig mit Schwung in den Hintern treten kann.“

„Möglich. Nelson gefällt er auch nicht. Aber dieser Jewy macht einen ganz vernünftigen Eindruck. Die Belohnung auf dem Steckbrief hat der Militärgouverneur von Arizona ausgesetzt. Tausend Dollar. Eine Menge Geld in unseren Tagen.“

„Warum verdienst du sie dir nicht?“, höhnte Jim.

Rip sah ihn beleidigt an.

„Sehe ich aus wie ein Stinktier?“

Jim ging nicht darauf ein.

„Du glaubst aber, Rip, dass ich einen Rotzjungen, der eine alte Frau schlägt, aus dem Jail hole? Du glaubst, dass ich einen Kerl wie Cutterings Sohn Jerry noch unterstütze? Ein Bursche, der eine alte Witwe zusammenschlägt, nur, weil sie ihm sagt, dass er grün und dumm ist? Die ihm entgegentritt, als er einen seiner beliebten Späße machen will? Diesen Kerl soll ich noch in Sicherheit bringen? Nein, Rip. Die Cutterings ...“

„Jim, überlege, was du tust! Die Cutterings sind mächtig und reich. Wenn du dich auf Jerrys Seite stellst, bist du aus dem Schneider.“

„Rip, du hast mich gefragt, ob ich dich für ein Stinktier halte. Das tue ich nicht, Rip, aber wofür hältst du mich? Für einen Kojoten? Für eine Klapperschlange? Hör auf, Rip, mir von Jerry Cuttering zu erzählen. Wenn er mir in die Finger geriete, würde ich ihn verprügeln. Eine alte Frau zu schlagen ...“

Rip erhob sich.

„Du machst einen großen Fehler, Junge. Aber es ist deine Haut, die man an den Zaun nageln will, nicht meine. Wenn du mit dem Haus des Sheriffs fertig bist, wird Nelson dich verhaften. Mehr will und kann ich dir nicht mehr sagen. Aber wenn du reiten willst, Junge, am Abend ist dein Pferd gesattelt und mit Proviant bepackt. Überlege dir bis dahin, ob du nicht doch den Jungen mitnehmen willst. Notfalls würde Paul seine Leute losschicken, um Jerry herauszuholen. Du brauchtest ihn dann nur mitzunehmen. Dann hättest du ein besseres Pferd als die wacklige Stute, die du jetzt besitzt.“

Jim sagte nichts. Er stülpte sich seinen Hut auf, band sich die Schürze wieder um und ging hinaus. Als er draußen stand, blies ihm der scharfe Nordwind um die Ohren.

Es wird bald Schnee geben, dachte er. Und kälter wird es auch.

 

 

2

Während Jim wieder auf dem Gerüst stand und bei pfeifendem Wind weiterpinselte, dachte er über sich und seine Zukunft nach.

Ich besitze nicht einmal eine Waffe, sagte er sich, und wenn Jewy jetzt schon in Lexington ist, wird er schnell wissen, dass er mich in Hopehole findet. Dazu hat er weder Nelson noch sonst jemand nötig. Tennessee ist bei ihm, und der Halbindianer hat bestimmt auch den Weg bis Nebraska gefunden. Dieser Spürhund!

Während Jim pinselte, war die Straße wie leergefegt. Der eisige Wind trieb die Passanten von den hölzernen Gehsteigen in die Häuser, aus deren Kaminen es nach verbranntem Kiefernholz roch.

Es amüsierte Jim, dass er das Haus des Sheriffs anstrich und dass dieser Sheriff längst wusste, wer Jim Kellog wirklich war, aber dennoch noch warten wollte, bis sein Haus gestrichen sein würde.

Gerade in diesem Augenblick, als Jim an ihn dachte, kam Nelson aus der Tür. Er sah zu Jim empor und rief: „Vorsicht, gieß mir das Zeug nicht über den Kopf!“

Jim sah zu ihm hinab. Da stand er, dieses Prachtexemplar eines Nebraskasheriffs. Seiner fülligen Figur nach wirkte er eher wie ein Viehhändler, und die verschmitzten Gesichtszüge passten dazu. Aber er trug den Stern auf der dicken Jacke, deren Biberfellkragen hochgeschlagen war. Unter der Fellmütze lugte schneeweißes Haar hervor. Zwischen den wulstigen Lippen steckte eine dünne Zigarre, wie sie Spieler schätzten.

„Jim, komm mal runter! Ich muss zwei Worte mit dir reden!“, rief Nelson.

Aha, dachte Jim, jetzt ist es soweit!

„Das Haus ist noch nicht fertig, Nelson. Willst du nicht noch warten?“, fragte Jim mit grimmigem Lächeln.

Nelson musterte ihn erst verblüfft, dann aber schüttelte er den Kopf.

„Nein, komm jetzt! Du kannst nachher weiterpinseln!“

Jim kletterte hinab. Seine Hände waren steif. Handschuhe besaß er nicht.

Nelson war größer als der alte Rip. Trotz seines weißen Haares konnte er so alt auch nicht sein. Vielleicht Ende der Vierzig.

„Komm ins Haus!“, brummte Nelson und ging voraus. Als sie dann in seinem spartanisch eingerichteten Büro standen und Jim sich eine der Kisten zurechtrückte, die bei Nelson die Stühle ersetzten, sagte der Sheriff: „Rip hat es dir also verraten?“

Jim wartete, bis sich Nelson auch gesetzt hatte. Dann erwiderte er: „Was denn?“

„Tu nicht so dumm! Er hat dir gesagt, dass sie dich suchen. Sonst hättest du die Bemerkung eben nicht gemacht. Von wegen erst das Haus fertig streichen. Hör mal, Junge, ich habe mit diesem Marshal Jewy gesprochen. Für mich gibt es keinen Zweifel, dass du sein Mann bist. Aber ebenso glaube ich das, was Jewy selbst gesagt hat - dass du nämlich die Kutsche nicht überfallen hast.“

„Ach! Und was macht Jewy in Lexington? Will er mich besuchen?“

„Ja, morgen ist er hier.“

„Ein prächtiger Mensch, nicht wahr? Besucht seine alten lieben Freunde“, höhnte Jim.

Nelson grinste.

„Er ist ein Dickkopf. Er sagt, dass du vor ihm keine Ruhe hättest, bis er dich vor ein Gericht gebracht hätte. Sagt er.“

„Hör auf, Nelson! Ich habe mir das von ihm in der Wüste angehört ...“

„Er hat mir erzählt, dass du ihm das Leben gerettet hast.“

„Und trotzdem will er mich einlochen?“

„Er hat einen Befehl. Aber er glaubt, dass vor dem Gericht für dich alles sehr gut ausgeht, nur müsste er dich jagen, bis er dich vor einem Gericht hätte.“

„Hör zu, Nelson“, erwiderte Jim hart. „Ich bin einmal im Glauben an Recht und Gesetz vor so ein Gericht gegangen. Und ich habe gedacht, was wahr ist, muss wahr bleiben. Drei Zeugen, die in Wirklichkeit einen Dreck wussten, haben geschworen, in mir einen der Täter wiedererkannt zu haben. Nur der Kutscher wahr ehrlich und sagte, dass er da gar nicht sicher sei. Ja, und für drei Meineide bin ich dann für zwanzig Jahre nach Yuma geschickt worden. Es ist verdammt nicht Jewys Verdienst, dass ich die zwanzig Jahre Yuma doch nicht angetreten habe.“

„Ich bin hier der Sheriff, Jim. Du hast zugegeben, Jim Sumner zu sein. Ich könnte dich nun einsperren. Eine Waffe wirst du nicht haben.“

Jim lachte.

„Wenn nur das verfluchte Haus schon gestrichen wäre, was?“, spottete er.

Nelson wurde ernst.

„Das streichen auch andere, Jim. Ich habe etwas anderes mit dir zu besprechen. Nehmen wir einmal an, ich wüsste noch immer nicht, dass du Sumner bist. Nehmen wir weiter an, dass ich ein miserabler Sheriff bin, der es mit den Gesetzen nicht so genau nimmt - aber mit dem Recht, Jim. Das ist ein Unterschied. Da haben wir zum Beispiel diesen Jerry Cuttering. Er sitzt bei mir im Jail ein. Die Frau, die er geschlagen hat, ist inzwischen tot. Der Junge weiß es noch nicht. Ich habe es auch nur auf Umwegen erfahren. Cuttering, der Vater von Jerry, denkt, dass ich es noch nicht weiß. Er möchte Jerry herausholen und wegbringen lassen.“

Jim sah Nelson gespannt an. Ihm kam die Idee, dass es dieser weißhaarige Mann faustdick hinter den Ohren hatte. Nelson war viel gefährlicher, als es den Anschein hatte. Jim gestand sich ein, dass er ihn zuerst für einen vertrottelten Menschen gehalten hatte. Nun wusste er es besser. Nelson war ein Fuchs, und zwar einer, der sich in allen Schlichen auskannte. Er wusste also, dass Cuttering etwas mit Jerry vorzuhaben schien, und er wusste vielleicht auch, dass es Jim war, der dabei helfen sollte. Warum sonst erzählte er jetzt davon? Oder hatten Nelson und Rip Tuffers sich hier abgesprochen? Sollte es womöglich nichts weiter als eine raffinierte Falle für Jim sein?

Nelson stopfte seine Pfeife. Als sie brannte und die dicken Wolken zur Decke stiegen, sah der Sheriff sein Gegenüber blinzelnd an. Dann sprach er weiter.

„Cuttering ist ein mächtiger Mann. Einer von denen, die ihre Macht immer wieder zeigen, die raue Burschen für sich reiten lassen und nicht viel darüber nachdenken, was aus einem Schwächeren wird, den sie zertreten. Der Junge ist zu der alten Mrs. Pickford geritten, die sein Vater schon lange von dieser Dreiküheranch herunter haben wollte. Jerry hat ihr das Vieh durcheinander gejagt, nur aus Tollerei, um die alte Frau zu ärgern. Aber als er dann um sie wie ein dreckiger kleiner Teufel herumgehüpft ist, hat sie ihm den Stallbesen um die Ohren geschlagen. Daraufhin hat er sie geprügelt. Und nun ist sie tot. Paul Cuttering sagt, es wäre ein Unfall. Tja, Junge, so etwas nennen die Cutterings einen Unfall.“

„Ich habe nichts damit zu tun, Sheriff“, erwiderte Jim unbehaglich.

Nelson nickte.

„Nicht direkt, aber ich will, dass du dich heraushältst.“

Jim sah ihn fragend an.

„Wer sagt, dass ich mit diesem Stinktier Jerry etwas zu tun habe?“

Nelson grinste.

„Jim, ich weiß, dass Rip mit Paul Cuttering gesprochen hat. Man besitzt so seine Informationen. Ich weiß auch, dass Rip und Paul einig waren, dich auf Jerry anzusetzen, ihn von dir hier herausholen zu lassen und so weiter. Ein Mann wie du, dem drei Marshals im Nacken sitzen, der selbst nur ein klappriges Pferd hat, keine Waffen besitzt und auch wenig Geld, den könnte so etwas locken.“

„Nein.“

Nun stand Nelson auf, trat an den glühend heißen Ofen und klopfte seine Pfeife aus. Ohne sich zu Jim umzudrehen, sagte er: „Cuttering wird mit seinen Leuten kommen und hier seinen Zauber veranstalten. Irgendwer wird den Jungen herausholen, und ich kann es kaum verhindern.“ Mit einem Ruck wandte sich Nelson um und sah Jim scharf an. „Wie wäre es, wenn du auf das Angebot eingingest?“

„Zum Teufel, sehe ich aus wie ein räudiger Kojote?“, brauste Jim auf.

Nelson grinste.

„Im Gegenteil, Junge. Ich habe mehr für dich übrig, als du denkst. Nehmen wir an, du lässt dir von Cuttering Pferd, Waffen und Proviant geben, holst den Jungen heraus, bringst ihn aber nicht dahin, wo Cuttering es haben möchte, sondern schaffst ihn in zwei Tagen nach Calloway. Ich werde dort sein und ihn dir da abnehmen. In Calloway haben sie einen Richter und ein sicheres Jail.“

„Nein, lass ihn selbst wegbringen!“

„Da kämen wir nicht weit. Cuttering hat eine gute Mannschaft im Sattel. Wenn er die Burschen aus den Vorwerken holt, sind achtundzwanzig Männer unterwegs. Jetzt, wo der Winter einsetzt, tun die Cowboys so gut wie alles für einen Platz über die kalte Zeit. Cuttering hat keinen einzigen Mann entlassen. So etwas zählt bei den Jungs draußen mehr als irgendwas anderes.“

„Ich weiß“, erwiderte Jim. Er kannte die Gepflogenheit vieler Rancher, im Winter den größten Teil der Mannschaft zu entlassen. Für die Cowboys begann dann eine böse Zeit. Manche von ihnen wurden in der Not des Hungers und der Kälte zu Banditen. Viele wurden krank, einige erlebten das Frühjahr nach dem langen Winter nicht. Alle aber hatten in Kälte, Hunger und Krankheit einen schlimmeren Feind als in einem tollwütigen Bullen. Verständlich, wenn Cutterings Männer für ihren Rancher den Teufel aus der Hölle zu holen bereit waren, nur, um den Winterplatz zu behalten.

„Bring den Jungen nach Calloway! Cuttering hat dann keine Chance, wenn du es richtig anfängst. Und für dich ist es schon etwas.“

„Was denn?“, fragte Jim ungläubig.

Nelson grinste breit.

„Du bist Jewy aus den Fängen, und ich würde dafür sorgen, dass er erfährt, was du für das Recht getan hast.“

„Das wird ihm nicht helfen, denn er will mich und nicht das Recht. Außerdem könntest du ihn mir geradewegs auf den Pelz hetzen.“

„Das könnte ich jetzt schon, und es würde mir keine Mühe machen.“

„Es hört sich alles wie eine verdammte Falle an“, sagte Jim.

„Falle? Sieh her!“ Nelson zog seinen Revolver und richtete ihn auf Jim. „Was hast du dem da entgegenzusetzen? Wenn ich jetzt sage, dass du verhaftet bist, was kannst du dir da noch ausrechnen?“

„Nichts. Ich habe keinen Revolver.“

Nelson nickte zufrieden und steckte den Colt wieder in das Holster.

„Na, also! Du siehst, dass ich mich nicht anzustrengen brauchte, dich hinter Gitter zu stecken. Aber ich will dir eine Chance geben.“

„Du willst Jerry aus dem Bau haben, das ist es.“ Jim lachte grimmig.

„Richtig, das will ich“, gab Nelson zu. „Nun entscheide dich!“

Jim gab darauf keine Antwort, sondern fragte: „Was macht dich so sicher, dass ich den Jungen überhaupt nach Calloway bringe und ihn nicht Cuttering in die Hand drücke?“

Nelson setzte sich wieder, stützte den Kopf in die Hände und sah Jim aus scharfen Falkenaugen an.

„Wenn du ihn Cuttering gibst, ist das eingetreten, was ich sowieso nicht verhindern könnte. Aber für dich wäre es schlecht. Dein Konto mag jetzt noch so sein, dass ein gerechtes Gericht dich darauf freisprechen würde. Möglich. Jedenfalls ist das drin. Jewy will ja nichts weiter, als dir das zu beweisen.“

„Es ist sein Traum, aber ich weiß, dass vor dem Richter alles anders aussieht.“

„Nun ja. Aber wenn du Jerry seinem Vater gibst, dann hast du ganz einwandfrei etwas auf der Latte, und dann bist du in Nebraska auch erledigt. Jewy würde dann noch mehr Grund haben, dich zu jagen.“ Er machte eine Pause, wartete auf Jims Antwort, und als die nicht kam, sagte er barsch: „Los, entscheide dich, Jim! Ich muss dich festnehmen, wenn du nicht mitspielst. Ich muss es, weil ich einen ausgekochten Tiger wie dich nicht in Cutterings Fänge geraten lassen kann. Noch hast du keine Waffen und kannst nicht beißen. Also?“

Jim sah, wie Nelson wieder den Revolver zog.

„Erpressung?“

„Ja, zum Teufel! Ich habe keine Wahl!“, knurrte Nelson.

„Dann habe ich auch keine, Nelson.“

Nelson nickte.

„Nein, gar keine, Jim Sumner. Ich brauche dich, und es ist für dich auch eine Chance. Ich glaube nämlich, dass du diesen Flegel nach Calloway bringen wirst. Ich glaube es deshalb, weil ich Burschen wie dich einschätzen kann. Du würdest nie eine alte Frau anrühren, daher kannst du Kerle wie Jerry auch nicht ausstehen. Außerdem zeigt mir deine Flucht, von der mir Jewy erzählt hat, dass du mit allen Wassern gewaschen bist. Also, hast du dich entschieden?“

„Und wenn mir Cuttering ein paar Leute mitschickt?“

Nelson grinste.

„Du wirst wissen, wie du sie loswirst. Es ist deine Chance, nicht meine.“

„Kommende Nacht“, erwiderte Jim. Er stand auf und ging zur Tür. „Dein Haus wirst du dann selbst streichen können.“

„Das Haus ist nicht so wichtig. Geh jetzt wieder an die Arbeit! Am Abend wird Rip schon Cuttering in der Stube haben, da bin ich sicher.“

„Und woher weißt du das alles?“

Nelson trat auf Jim zu und sagte leise: „Ein Mann in Cutterings Mannschaft ist ein alter Freund von mir. Du wirst das auch noch merken, wenn sie dich jagen. Mehr brauchst du nicht zu wissen. Jetzt hau ab!“

 

 

3

Als Jim bei Einbruch der Dunkelheit mit seinem Farbeimer in der Hand Rips Lagerraum hinter der Schmiede betrat, sah er Cuttering schon von der Tür aus. Der Rancher stand hinter dem Fenster von Rips Wohnzimmer. Drinnen brannte Licht, so dass Jim die hohe Gestalt des Ranchers deutlich erkannte. Rip saß ihm gegenüber, und Jim konnte nur den Kopf des Schmiedes sehen.

Er beobachtete beide einige Zeit, dann ging er ins Lager, stellte den Eimer ab und wusch sich. Er wollte sich gerade mit einem Lappen abtrocknen, als er ein Geräusch hinter sich hörte. Er fuhr herum, und da sagte schon eine Bassstimme mahnend: „Ruhig, meine Junge, ich beiße dich nicht! Ich bin Len Borsody, Cutterings Vormann. Mein Boss erwartet dich bei Rip.“

„Damit habe ich gerechnet. Sollst du aufpassen, dass ich nicht vorher verschwinde?“, sagte Jim lakonisch. Er blickte Borsody an, gewahrte von ihm aber in der Dunkelheit nicht viel mehr als den Umriss. Der Vormann war groß, breitschultrig, aber alles in allem vom Körperbau her nicht mehr als Jim selbst.

„Ich habe mir tatsächlich Sorgen gemacht, du könntest so närrisch sein, einfach abzuhauen. Das hätte ich natürlich verhindern müssen“, meinte Borsody und lachte leise.

„Du allein?“, fragte Jim spöttisch. „Hast du dich da nicht etwas übernommen?“

„Wo denkst du hin?“ Borsody lachte wieder. „Ich weiß doch, dass du ein Ass bist. Hier im Hof sind noch drei von uns, ein vierter ist im Stall. Viel Ehre für einen Tramp wie dich.“

„Du sagst es. Aber ihr macht euch zu viel Arbeit. Am besten wäre, ihr holt euren Salzknaben allein aus dem Jail.“

„Nur im Notfall, mein Lieber, nur dann. Bis jetzt war meine Weste rein. Auch die anderen Jungs sind noch makellos wie eine Jungfer am Sonntagmorgen. Der Boss will das so lassen, wenn es halbwegs geht. Außerdem glaubt er, dass du besonders tüchtig bist, weil dir schon drei Marshals auf den Socken sitzen.“

„Für Jerry ist das nicht gerade gut“, erwiderte Jim.

„Die Marshals werden wir ein bisschen bremsen. Da sind wir groß drin.“

Jim lachte.

„Hast du da auch nicht eure schönen weißen Westen vergessen?“

Borsody stimmte in das Lachen ein.

„Solche Sachen kann man so elegant machen, dass nicht immer gleich Blut fließen muss. Ein zerschnittener Sattelgurt und solcher Zauber, das hilft immer. Oder nicht?“

„Ihr wisst nicht, wer Jewy ist. Aber es ist wirklich nicht mein Problem. Wohin soll ich denn Jerry schaffen?“

„Das sagt dir unser Boss. Geh zu ihm, er wartet schon.“

Kurz darauf stand Jim dem Rancher gegenüber. Cuttering hatte diesen besitzergreifenden Blick bedeutender Männer. Etwas Kühnes, Beherrschendes stand in seinen Augen, und ebenso kühn und kämpferisch wirkte der ganze Mann. Cuttering war groß, sehnig, und machte den Eindruck eines harten, unbeugsamen Mannes. Als er Jim sah, musterte er ihn abschätzend, lächelte dann gönnerhaft und sagte: „Sie wissen, was ich von Ihnen will, Sumner?“

Jim schüttelte den Kopf.

„Ich heiße Kellog. Daran wollen wir festhalten.“

Wieder lächelte Cuttering, widersprach aber nicht.

„Nun gut, also Kellog. Sie wissen Bescheid?“

„Ja.“

„Rip sagte eben, dass Sie ...“

„Ich mache es.“

Cuttering beherrschte sich meisterhaft und verriet sein Erstaunen nicht.

„Also gut, das ist natürlich ein Fortschritt. Warum haben Sie es sich anders überlegt?“

„Sie stellen zu viele Fragen, Cuttering.“

Der große Mann im County hob nur leicht die Brauen, weil Jim das „Mister“ vergessen hatte, sagte aber auch dazu nichts.

„Wann können Sie reiten, Kellog?“

„Heute Nacht.“

„Und wie stellen Sie es an, den Jungen herauszubekommen?“

„Machen Sie Vorschläge!“

Cuttering sah Rip an.

„Spendiere eine Flasche Bourbon, Rip.“

„Nicht für mich“, erwiderte Jim. „Ich habe heute Nacht noch etwas vor.“

Cuttering nickte zufrieden und musterte Jim abermals. Dann sagte er langsam, als müsse er jedes Wort abwägen: „Wir locken Nelson weg. Jemand wird alle Türen öffnen. Nur die Zellentür, die müssen Sie aufbrechen. Können Sie das?“

„Ja.“

„Gut. Was brauchen Sie noch?“

Jim war etwas argwöhnisch. Alles ging so einfach, so glatt. Irgendwo musste Cuttering doch noch einen Haken des Misstrauens eingepflanzt haben.

„Wohin soll ich den Jungen bringen?“, fragte Jim.

Cuttering sah zu Rip hin, der den Schnaps aus dem Schrank holte.

„Rip“, rief der Rancher, „hol mir aus der Küche noch etwas Kaffee!“

Rip nickte abwesend und ging hinaus. Kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, sagte Cuttering mit befehlsgewohnter Stimme: „Sie werden nach Norden mit ihm reiten. Ein paar von unseren Männern erwarten Sie dort und übernehmen dann Jerry. Das gilt, wenn alles glatt geht. Werden Sie aus irgendeinem Grunde verfolgt, bringen Sie mir den Jungen nach Dakota in die Black Hills hinauf.“

„Und die Verfolger?“, fragte Jim gespannt.

„Sie sind diesen Marshal aus Arizona schon einmal losgeworden.“ Er machte eine Pause und sah Jim durchdringend an. „Für fünfhundert Dollar würde sich das doch lohnen, nicht wahr?“

Jim nickte.

„Ja, das ist schon ein freundliches Angebot. Wann kassiere ich das Geld?“

„Sie bekommen eine Adresse. Wenn Sie dort sind, werden Sie auch den Lohn erhalten“, erklärte Cuttering.

Etwas im Blick dieses erfolgsgewohnten Mannes warnte Jim. Er machte sich sowieso keine Illusionen. Wenn er wirklich Cutterings Plan ausführen würde, hatte er keinen Lohn zu erwarten. Cuttering war einfach nicht der Typ, der dann noch zu zahlen bereit war. Solche Männer musste man vorher zur Kasse bitten.

„Wie ist es mit einer Anzahlung?“, fragte Jim.

Cuttering sah ihn schräg an, sagte aber nichts, sondern fingerte eine kleine Ledertasche aus der Jacke, schlug sie auf und zog mit spitzen Fingern fünf Zehndollarnoten heraus. Er hielt sie Jim entgegen und sagte: „Das wird genügen.“

Jim machte keine Anstalten, das Geld zu ergreifen.

„Hundert Dollar wären besser“, erwiderte er ungerührt. „Sie wollen Ihren Jungen doch heil haben, nicht wahr?“

Cuttering verzog das Gesicht, als habe er mit Essig gegurgelt. Doch dann nahm er noch fünf Scheine heraus und knurrte: „Wenn ihm ein Haar gekrümmt wird, mache ich Sie dafür verantwortlich.“

Jim nahm die zehn Scheine, steckte sie weg und fragte: „Und wie ist die Adresse? Die von den Black Hills.“

„Die finden Sie in der Satteltasche des Pferdes, mit dem Sie reiten. Das Pferd und ein zweites für Jerry stehen in Rips Stall.“

„Ich hatte auch ein eigenes Pferd. Wo bleibt das?“

Cuttering zog verächtlich die rechte Augenbraue hoch.

„Wenn Sie das Gerippe meinen, das außerdem in Rips Stall steht, so nehmen Sie es in drei Teufels Namen mit. Wenn Sie Jerry in Sicherheit haben, will ich meine Pferde wiederbekommen.“

Jim sagte nichts dazu. Er hatte sich seinen eigenen Plan schon zurechtgelegt. Der sollte weder zu dem des Sheriffs noch zu dem von Cuttering passen. Schließlich gab es für ihn nur einen einzigen Menschen, dessen Interessen er zu vertreten hatte - das war er selbst. Was kümmerte ihn Nelson mit seinem verrückten Einfall? Was ging ihn Cutterings verkommener Sohn an? Jim beschäftigte nur Jewys Auftauchen.

„Also los, Mann, bereiten Sie sich vor!“, befahl der Rancher.

Jim lächelte hart.

„Es gibt auf dieser Welt nur einen einzigen Mann, Cuttering, der mir Befehle erteilt“, sagte er schneidend. „Und dieser Mann bin ich selbst.“ Er drehte sich um, ging zur Tür und prallte fast mit Rip zusammen, der sie gerade aufstieß und mit dem Kaffeetopf hereinkam. An Rips Gesicht sah Jim, dass der Alte gehorcht hatte und alles wusste.

Cuttering blickte Jim nach, bis sich die Tür schloss, dann sah er Rip an.

„Sind meine Jungs noch alle draußen?“

Rip nickte.

„Das sind sie, und die Läden sind auch dicht. Niemand hat dich mit ihm zusammen gesehen. Deine Männer lassen keinen in die Nähe des Hauses.“

Cuttering nahm Rip den Kaffee ab und goss sich ein.

„Weißt du Bescheid, was zu tun ist?“

Rip nickte wieder, machte aber ein betrübtes Gesicht.

„Es gefällt mir nicht sehr, Paul. Dieser Jim ist ein prächtiger Junge. Und das, was du mit ihm vorhast, wird ihm das Genick brechen. Das ist es, was mir nicht gefällt.“

Cuttering wandte sich abrupt um.

„Unsinn! Das ist ein cleverer Bursche. Der zieht sich aus der Affäre. Die Sorte kenne ich. Der kommt durch, und wenn zehn Aufgebote hinter ihm reiten. Er hat schließlich ein erstklassiges Pferd.“

„Aber er ist fremd hier in der Gegend. Die Strecke nach Norden kennt er nicht. Nelson ist schlau, der legt ihn aufs Kreuz. Warum machst du es nicht wirklich so, wie du Jim selbst erzählt hast?“

„Dann könnte Jerry in Gefahr geraten. Dieser Jim will doch nur seine eigene Haut retten.“

Rip schüttelte unzufrieden den Kopf.

„Vielleicht will er das wirklich, wenn er erst merkt, dass du ihn verheizen willst wie ein Stück Holz.“

Cuttering packte den Alten an der Schulter.

„Du machst dir zu viele Gedanken, Rip. Du bist es nicht, der es sich ausgedacht hat, sondern ich. Und deshalb wird es klappen. Der Bursche holt Jerry heraus, reitet los, die verabredeten Schüsse fallen, und in diesem Durcheinander holen wir Jerry weg, während dieser Sumner geradewegs in die Hände von Jewy läuft.“

„Vorausgesetzt, ihr trefft das Pferd“, meinte Rip skeptisch.

„Mach dir keine Sorgen!“

Rip zweifelte noch immer am Gelingen des Plans.

„Und wenn Nelson Jerry verfolgen lässt? Wenn er das alles durchschaut?“

„Mike wird aussehen wie Jerry und aus der Stadt fliehen. Sie folgen ihm, wenn sie wirklich dahinterkommen. Aber Mike wird sie abhängen ...“

„Denkst du! Und wenn er eingeholt wird, fängt er an zu reden, nicht wahr?“, gab Rip zu bedenken.

„Gut, dass du es sagst. Ich werde auch das verhindern. So, jetzt ist es Zeit. Ich muss hören, ob Sumner schon fertig ist. Außerdem muss Jewy mit seinen Deputys bald in der Stadt ankommen.“

Als Cuttering ging, ohne Rip noch einmal anzusehen, starrte ihm der Alte verbissen nach. Kaum war Cuttering draußen, knallte der Schmied wütend die Faust auf den Tisch und grollte: „Eine Schweinerei, und die hat der Junge nicht verdient!“

 

 

4

Der Nordwind trieb Wolken grobflockigen Schnees über die Straße. Unerwartet war es ein wenig wärmer geworden, aber für Jim war es ein untrügliches Zeichen für noch stärkeren Schneefall. Er stand an der Stalltür, hinter ihm waren alle drei Pferde gesattelt und zum Abritt fertig. Er musste nur noch die Gurte strammziehen, dann konnte er losreiten.

Gedankenverloren schaute er die Straße hinab. Im tanzenden Schnee wirkten die beiden Lampen vor dem Saloon und dem Speisehaus wie Lichter aus einem Märchenbild.

Tiefe Dunkelheit lag weiter unten und drüben um das Sheriff Office. Trotzdem bemerkte Jim da und dort an den Ecken Cutterings Posten. Er hörte, wie ihre Chaps an den Hauswänden scheuerten, und er sah einen Leichtsinnigen, der die Zigarette in der hohlen Hand hielt. Cuttering hatte also das Sheriff Office eingekreist. Doch gleich ein Dutzend Schritte von Jim entfernt am Hoftor der Schmiede stand ebenfalls ein Posten, und der war nach Jims Meinung speziell für ihn selbst bestimmt.

Jetzt tauchte Cuttering in der Haustür auf, kam genau auf den Stall zu, und bevor er noch bei Jim anlangte, löste sich aus der Schwärze des Wagenschuppens ein weiterer Mann, der Cuttering folgte.

„Fertig?“, fragte Cuttering mit spröder Stimme, als er vor Jim stand.

Jim beobachtete den Begleiter des Ranchers, der nun zwei Schritte hinter Cuttering stehengeblieben war.

„Ja“, erwiderte Jim, „fertig, aber es ist noch zu früh. Nelson ist noch im Haus.“

Cuttering nickte.

„Ich weiß. Aber gleich ist er nicht mehr dort.“ Er wandte sich zu seinem Schattenmann um. „Bill, du gibst ihm hier das Zeichen, wenn es soweit ist. Ich gehe jetzt hinüber.“ Der Rancher tappte mit schwerem Schritt durch den Schnee, der nun schon fast knöchelhoch auf der Straße lag.

Jim fragte sich, wie Cuttering es anfangen wollte. Denn dass der Rancher nicht fair spielen würde, war ihm klar.

Cuttering war jetzt drüben am Office angelangt. Im Schummerlicht der Speisehauslampe, die von nebenan Cuttering ein wenig erhellte, sah Jim, dass der Rancher den rechten Arm hob, als würde er jemandem ein Zeichen geben. Dann ging er weiter und blieb genau unter der Lampe des Speisehauses stehen. Das Licht strahlte ihn an wie auf einer Bühne.

Ein Reiter näherte sich von Süden her und parierte sein dampfendes Pferd genau vor dem Office. Er sprang aus dem Sattel und schlug mit den Fäusten an die Holztür.

„Nelson, zum Donnerwetter, mach auf! Lass dich sehen, Sheriff!“, schrie der Mann und hämmerte weiter mit den Fäusten gegen die Türfüllung.

Statt der Tür wurde das Fenster daneben geöffnet.

„Was ist denn los? Wer schreit und tobt da?“, rief Nelsons raue Stimme.

Der Mann trat von der Tür zurück und sagte so laut, dass Jim jede Silbe verstehen konnte: „Viehdiebe haben unser Camp überfallen. Wir haben einen von ihnen erwischt. Du musst zu uns herauskommen,Nelson!“

„Ich muss überhaupt nichts, aber gut, ich komme. Sauwetter! Sattle im Stall mein Pferd! Ich ziehe mir etwas über.“

Es dauerte keine zehn Minuten, da ritt der Sheriff mit dem Cowboy los und kam genau zu Rips Schmiede herüber. Jim duckte sich in die Stalltür, und drüben, wo eben noch die Zigarette in einer hohlen Hand aufgeglüht war, herrschte plötzlich absolute Finsternis.

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943139
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v918976
Schlagworte
hoffnung

Autor

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Titel: Jim ohne Hoffnung