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Muss ich auf mein Kind verzichten?

2020 114 Seiten

Leseprobe

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Muss ich auf mein Kind verzichten?

Copyright

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Muss ich auf mein Kind verzichten?

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

„Mir gefällt es gar nicht, was die leibliche Mutter vorhat, aber... soll ich nicht doch zum Wohle des Kindes darauf eingehen?”

Fragend sieht Sabine Baumgart erst Dr. Härtling, dann ihren Mann an. Es ist wirklich nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Da ist das bezaubernde Baby, das vor kurzem in der Paracelsus-Klinik geboren wurde und dessen viel zu junge Mutter es Sabine gegen Bezahlung „zur Pflege” geben will. Und da ist Sabines Sehnsucht nach einem Kind, da ist ihr liebevolles Herz, das so viel Wärme, soviel Zärtlichkeit zu verschenken hat.

Dr. Härtling rät Sabine zu, das Baby bei sich aufzunehmen, ihm all die Nestwärme zu schenken, die ein Kind braucht. Der Arzt ahnt nicht, dass er damit eine Lawine aus Erpressung und Intrigen ins Rollen bringt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Dr. Sören Härtling ließ den Wagen ausrollen. „So, da wären wir.”

„Wieder zu Hause”, ergänzte seine Frau Jana.

„Und morgen ist Schule”, sagte Tom, der Dreizehnjährige.

„Uäh”, machte die neunjährige Josee und streckte die Zunge weit heraus.

Jana lachte. „Aber Josee!”

„Warum müssen Kinder in die Schule gehen?”, fragte Josee verständnislos.

„Damit sie etwas lernen”, antwortete Sören Härtling.

„Warum können wir nicht schon gescheit und allwissend auf die Welt kommen?”, wollte die Neunjährige wissen.

„Daran wird noch gearbeitet. Und solange es noch nicht soweit ist, ist eben Schule gehen angesagt.”

Sören stieg aus. Er hatte mit seiner Familie ein herrliches Wochenende im Härtling’schen Ferienhaus am Tegernsee verbracht und bedauerte auch selbst, dass die schöne Zeit viel zu schnell zu Ende gegangen war.

Morgen hatte auch ihn der Alltag wieder. Als Chef der Paracelsus-Klinik hatte er sich mit vielen Problemen herumzuschlagen — und die ärztliche Heilkunst durfte er auch nicht zu kurz kommen lassen.

Es war nicht immer leicht, all die anstehenden Angelegenheiten unter einen Hut zu bringen und manchmal wunderte er sich selbst, wie er es doch immer irgendwie schaffte.

Die siebzehnjährigen Zwillinge Dana und Ben beteiligten sich nicht an der Diskussion über Sinn und Unsinn des Schulbesuchs, die Tom und Josee weiterzuführen versuchten.

Ben hatte gedöst und Dana hatte tief und fest geschlafen. Jetzt öffnete sie die Augen, gähnte herzhaft, streckte sich, blinzelte zum Fenster hinaus und fragte: „Sind wir schon zu Hause?”

„Wenn die Villa da keine Fata Morgana ist, dann ja”, antwortete Ben grinsend.

„Und morgen ist schon wieder Schule”, stöhnte Dana.

Ben griente. „Mit dieser blitzgescheiten Feststellung hinkst du etwas nach.”

„Wieso?”

„Weil Tom die schon vor dir gemacht hat”, informierte Ben seine Zwillingsschwester.

„So? Wann?”

„Eben vorhin”, sagte Ben.

Dana zuckte die Schultern. „Hab ich nicht gehört.”

Ben feixte. „Wenn man pennt, ist man taub. Alte Indianerweisheit.”

Obwohl die Fahrt vom Tegernsee nach München nicht länger als sonst gedauert hatte, quälte sich die Familie nun steif aus dem Wagen.

Es war schon spät, fast elf. Man war so lange wie möglich am See geblieben und nun war es vor allem für Josee, aber auch für Tom, höchste Zeit, ins Bett zu kommen.”

„Ich würde morgen am liebsten blaumachen”, seufzte Dana.

„Wegen der Mathe-Arbeit?”, fragte Ben.

„Du hast es mal wieder erraten”, murmelte Dana.

„Red mal mit Vati. Vielleicht findet er eine harmlose Krankheit bei dir.”

„Das kannst du vergessen.”

Ben schmunzelte. „Na schön, dann darfst du bei mir abschreiben.”

„Vielen Dank, ’ne negative Zensur schaff ich auch allein.”

Ottilie, die alte Wirtschafterin, kam aus dem Haus, in das Josee flitzen wollte, doch Sören Härtling rief das Nesthäkchen zurück, öffnete den Kofferraum, klemmte der Kleinen ihre große Puppe unter den Arm, gab ihr einen liebevollen Klaps auf den Po und sagte: „So, jetzt kannst du abschwirren.”

„Hallo!”, rief Ottilie der Familie fröhlich zu. „Na, wie war’s am Tegernsee? Habt ihr euch alle gut erholt?”

Dr. Härtling breitete die Arme aus. „Sieht man das nicht?”

„Doch. Ihr seht alle blendend aus.” „Dana auch?”, fragte Ben grinsend. „Blödmann”, brummte Dana, nahm ihre Reisetasche aus dem Kofferraum und ging ins Haus. Jeder nahm ein Gepäckstück. Ottilie sicherte sich die Tasche mit der Schmutzwäsche und erklärte: „Die bring ich gleich in die Waschküche.”

„War irgend etwas Besonderes, während wir weg waren?”, erkundigte sich Dr. Härtling.

„Nein, Herr Doktor.”

„Kein Anruf aus der Paracelsus-Klinik?” „Hätte ich doch sofort weitergeleitet”, erwiderte die tüchtige und zuverlässige Haushälterin. „Es war das stillste Wochenende seit langem.”

Sören lachte. „Es würde Ihnen nichts ausmachen, wenn wir öfter mal zu unserem Ferienhaus hinausfahren würden, nicht wahr?”

„Ehrlich gesagt, mir war’s fast ein bisschen zu ruhig. Ich hab lieber ein wenig Leben im Haus.”

In der Villa knallten Türen. Sören lächelte. „Wenn Ihnen das gefehlt hat — jetzt haben Sie es wieder.”

Später, als die Kinder und Ottilie im Bett waren, nahmen Jana Härtling und ihr Mann noch einen kleinen Schlummertrunk auf der Terrasse.

Jana kuschelte sich an Sören. „Soll ich dir eine Weste holen?”, fragte Dr. Härtling seine schöne Frau.

„Nicht nötig”, flüsterte Jana. „Du wärmst mich wunderbar.”

Er grinste. „Erstaunlich, was ich in meinem Alter noch für Hitze habe.” Jana kicherte. „Fischst du etwa nach Komplimenten?”

„Vielleicht?”

„Was möchtest du hören?”

„Dass ich der beste, wunderbarste und liebenswerteste Mann für dich bin”, antwortete Sören leise.

Jana nickte. „Das bist du.”

„Mach es dir nicht so einfach. Sag es.” „Du bist der beste, wunderbarste und liebenswerteste Mann für mich. Zufrieden?”

„Ja”, sagte Dr. Härtling.

„Und was bin ich für dich?”, wollte Jana wissen.

„Möchtest du das wirklich hören?” Sie schmiegte sich noch mehr an ihn. Die Wärme, die von ihm ausging, strömte ihr direkt ins Herz. „Aber natürlich.” „Also gut. Du bist die beste, wunderbarste und liebenswerteste Frau für mich — und die hübscheste, intelligenteste, kultivierteste, attraktivste, verträglichste, verständnisvollste, reizendste, sanftmütigste, großzügigste, begehrenswerteste...”

Jana lachte leise. „Halt! Halt! Das reicht. Du musst es nicht gleich so übertreiben.”

„Jedes Wort, das ich gesagt habe, ist wahr. Ich liebe dich, Jana, Mutter meiner wohlgeratenen Kinder.”

„Und ich liebe dich, Sören, Vater meiner wohlgeratenen Kinder.”

Er küsste sie zärtlich und sie erwiderte diesen Kuss mit der gleichen Intensität. Dann seufzte sie wohlig und sagte: „Danke, Sören.”

„Bedankst du dich für den Kuss?” „Für das wunderschöne Wochenende. Die Kinder waren sehr glücklich.”

„Und du?”, fragte Sören Härtling. „Warst du es auch?”

„Wenn es die Kinder sind, bin ich es ebenfalls.”

„Wir werden das bald wiederholen.” Jana hob warnend den Zeigefinger. „Keine leeren Versprechungen, Herr Doktor! Jedermann weiß doch, dass du ein Bigamist bist. Du bist nicht nur mit mir, sondern mit der Paracelsus-Klinik verheiratet.”

Er schüttelte mit gespielter Verständnislosigkeit den Kopf. „Dass du so etwas gutheißt.”

„Ich teile dich lieber mit deinem Beruf als mit einer anderen Frau.”

„Du bist auch noch klug.” Er streichelte liebevoll ihre Wange. „Komm, wir gehen schlafen.” Sie wusste, wie er das meinte, seine Augen verrieten es und sie war damit einverstanden.

 

 

2

Die Patientin war noch ziemlich jung, erst achtzehn — und sie sah aus wie sechzehn, war schmal in den Hüften, flachbrüstig und mager.

Ihr Name war Cynthia Bavy. Ihr braunes Haar war strähnig und ungepflegt, sie wirkte schlampig und unreif und schien mit der gesamten Menschheit auf Kriegsfuß zu stehen.

In ihren graublauen Augen befand sich ein Ausdruck von Weltverachtung, wie ihn Dr. Härtling noch nie gesehen hatte. Sie war zu ihm in die Vormittagssprechstunde gekommen, um sich untersuchen zu lassen.

„Ist gut”, sagte er nun. „Sie können sich wieder anziehen.” Er wusch sich die Hände. Schwester Annegret reichte ihm ein Handtuch. „Danke, Annchen.” Er trocknete seine Hände ab und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Schwester Annegret sortierte das sterile Besteck. Dr. Härtling sah ihr an, dass Cynthia Bavy nicht auf ihrer Wellenlänge lag, aber das ließ sie die Patientin nicht spüren.

Von Annegret wurden alle Patienten gleich behandelt, ob sie ihr nun zu Gesicht standen oder nicht. Persönliche Ressentiments konnten ihre Arbeit nie beeinflussen, darauf achtete sie sehr gewissenhaft.

Als Cynthia Bavy hinter dem Paravent hervortrat, ging Schwester Annegret nach nebenan.

Die junge Patientin schlich heran. Dr. Härtling musste unwillkürlich an eine streunende Katze denken, die niemanden hatte, der sich um sie kümmerte, der sie pflegte und ernährte und hin und wieder streichelte.

Er bot ihr Platz an. Sie trug schwarze Jeans und ein schwarzes Männerhemd. Man hätte sie für einen Jungen halten können, doch irgend jemandem war trotz dieser guten Tarnung aufgefallen, dass sie das nicht war.

Cynthia setzte sich. „Na, was ist?” „Sie hatten mit Ihrer Vermutung Recht. Sie sind schwanger.”

Cynthias Miene verdüsterte sich. „Ein Irrtum ist auszuschließen?”

„Völlig.”

„Schei...benkleister.”

Sören Härtling sah die junge Patientin ernst an. „Auf diesem Stuhl haben schon Frauen gesessen, die wären mir vor Freude und Glück am liebsten um den Hals gefallen, als ich ihnen sagte, dass sie in anderen Umständen sind.”

Cynthia zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. „Ich bin nicht wie die meisten Frauen.”

„Das stimmt.”

„Und ich falle keinem Mann über vierzig um den Hals, schon gar nicht, wenn er mir verklickert, dass ich ein Kind kriege. Was soll ich denn mit ’nem Kind?”

„Das hätten Sie sich früher überlegen sollen”, erwiderte Dr. Härtling trocken.

„Machen Sie es weg, wenn ich es nicht will?”

„Es ist mein Beruf, Leben zu erhalten, nicht zu töten.”

„Ich hab keine Verwendung für so ’nen Schreihals”, sagte Cynthia verdrossen. „Sehen Sie mich an. Sehe ich aus wie eine treusorgende Mutter? Ich bin doch noch viel zu jung für'n Baby. Mein Leben hat ja erst angefangen. Ich will noch was davon haben, verstehen Sie? Ein Kind ist'n Klotz am Bein und gegen den hab ich was. Wenn Sie mir nicht helfen wollen, dann tut es eben irgendein anderer Arzt. Oder ’ne alte Engelmacherin. Ich find mir schon jemanden, der mich von dieser Last befreit. Niemand kann mich zwingen, dieses Kind zu kriegen. Ich kann über mein Leben, über meinen Körper und über das, was sich darin befindet, frei entscheiden und ich entscheide mich gegen das Balg.”

„Ehe Sie sich zu einem Schwangerschaftsabbruch entschließen, sollten Sie mit dem Vater des Kindes reden”, sagte Dr. Härtling.

Cynthia sah ihn abweisend an. „Wozu?”

„Er hat das Recht, mit zu entscheiden...”

„Einen Dreck hat er”, fiel Cynthia dem Arzt ärgerlich ins Wort.

„Es ist nicht nur Ihr Kind, sondern auch seines. Wenn er es haben möchte, dürfen Sie es nicht abtreiben.”

„Ich darf alles”, zischte Cynthia gereizt, „weil es hier nämlich nur um mich geht! Wenn ich Heimo nichts von dem Kind erzähle, wird er nie wissen, dass es eins gegeben hat.”

Dr. Härtling schlug der jungen Patientin vor, das Kind auf die Welt zu bringen und zur Adoption freizugeben. „Es gibt viele Ehepaare, die sehr glücklich wären, wenn sie ein Neugeborenes bekommen könnten.”

„Was gehen mich die an?”, fragte Cynthia trotzig. „Warum soll ich fremde Menschen glücklich machen? Das sehe ich überhaupt nicht ein. Was bringt mir das? Ich belaste mich doch nicht mit ’ner Schwangerschaft, bloß damit irgendwelche Leute, die ich überhaupt nicht kenne, glücklich sind.”

Die Gefühlskälte, die Dr. Härtling von Cynthia Bavy entgegenschlug, berührte ihn unangenehm. Diesem verkommenen Mädchen fehlte es nebst vielem anderen an sittlicher Reife. Wie sollte er ihr begreiflich machen, dass das Leben in ihrem Bauch kein wertloser Gegenstand war, den man einfach wegwerfen durfte?

„Haben Sie Eltern?”, erkundigte er sich.

„Nö. Vater, Mutter, Opa, Oma — alle tot. Ich bin allein und ich will allein bleiben.”

„Was ist mit Heimo?”, fragte Dr. Härtling. „Heimo Leitz ist ein Idiot, das sieht man ja, sonst wäre ich nicht schwanger.”

„Lieben Sie ihn nicht?”

Cynthia reckte ihr Kinn vor. „Ich liebe niemanden, nur mich selber.”

„Warum sind Sie so verbittert?”, fragte Sören Härtling.

„Ich hatte im Leben noch nicht viel zu lachen, wissen Sie. Bin leider mit keinem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, muss ganz schön strampeln, um nicht unterzugehen. Vielleicht gelingt es mir, eines Tages einen reichen Macker zu erwischen. Wenn ich das schaffen würde, hätte ich ausgesorgt. Aber diese Typen stehen nicht auf Mütter mit ledigen Kindern. Die sorgen lieber selbst für Nachwuchs.”

Dr. Härtling hielt ein langes Plädoyer für das Leben des ungeliebten ungeborenen Kindes und er erreichte wenigstens, dass Cynthia Bavy schließlich leicht unwillig sagte: „Na schön, ich werde darüber nachdenken.”

 

 

3

Am Abend erzählte Sören Härtling seiner Frau von Cynthia. „So viele Frauen sehnen sich nach einem Baby und können trotz aller ärztlicher Hilfe nicht schwanger werden“, seufzte er. „Und dieses junge Mädchen weiß so ein wunderbares Geschenk des Himmels nicht einmal zu schätzen. Es geht manchmal schon sehr ungerecht zu auf unserem Planeten.” „Vielleicht kommt sie noch zur Vernunft”, meinte Jana.

„Das kann ich mir kaum vorstellen.“ „Es war wahrscheinlich ein Schock für sie, ihre Befürchtung bestätigt zu bekommen, dass sie schwanger ist”, sagte Jana Härtling. „Sie reagierte darauf mit Zorn und Trotz. Nachzudenken fing sie wahrscheinlich erst zu Hause an.” Sören schüttelte verständnislos den Kopf. „Wenn ich daran denke, wie sehr wir unsere Kinder lieben, wie glücklich wir jedes Mal waren, wenn du schwanger wurdest, wie sehr wir uns auf Ben, Dana, Tom und Josee gefreut haben.”

Jana lächelte sanft. „Vielleicht wird sie sich eines Tages auch freuen — wenn sie das Kind in sich wachsen spürt, wenn es sich zum ersten Mal bewegt, wenn der Vater des Babys sie mit Liebe überhäuft, weil sie ihm ein Kind schenken wird.” „Ich glaube, Cynthia Bavy ist zu einer solchen Regung überhaupt nicht fähig. Sie ist so schrecklich — destruktiv. Nichts auf dieser Welt scheint für sie auch nur den geringsten Wert zu haben. Wenn sie diese Einstellung an ihr Baby weitergibt...”

Sören betrachtete angestrengt seine Fingernägel. „Es wäre besser gewesen, sie wäre nicht schwanger geworden.”

 

 

4

Cynthia traf den Vater ihres Kindes tags darauf in seiner Stammkneipe Es war Abend, draußen stürmte und regnete es und Cynthia sah aus wie ein begossener Pudel.

„Hallo, Cynthia”, sagte der dicke Jo, der schon lange ein Auge auf sie hatte. Pickel leuchteten knallrot in seinem feisten Gesicht. „Was möchtest du trinken? Ich geb dir einen aus.”

„Was muss ich dafür tun?”, fragte Cynthia frostig.

Jo grinste schmalzig. „Na ja, wenn Heimo mal keine Zeit für dich hat, könnte ich für ihn einspringen.”

„Einspringen.” Sie maß ihn von Kopf bis Fuß, ihr Blick war verächtlich.

Doch Jo deutete ihn anders. „Ja”, griente er.

„Rein springen, in mein Bett, wie?”, sagte Cynthia geringschätzig. „Ehe das passiert, fließt die Isar bergauf. Ich hab meine Prinzipien: keine Typen über vierzig und keine Kerle über hundert Kilo, weil mein altes Bett das nämlich nicht aushält.”

„So, wie du aussiehst, musst du doch froh sein, wenn sich überhaupt jemand herab lässt, mit dir...

„Bevor ich mit dir was anfange, Pickelgesicht, werd’ ich mitten in München lieber zur Eremitin.” Sie wandte sich von ihm ab und ging weiter.

„Was wollte der Fettsack von dir?”, fragte Heimo Leitz, als sie sich an seinen Tisch setzte.

„Mit mir schlafen.”

Zorn blitzte in Heimos Augen auf. „Dem dresch’ ich gleich die Zähne in den Hals!”

„Reg dich ab, ich hab ihn sowieso abblitzen lassen.”

Heimo war nur einen Monat älter als Cynthia und genauso schmuddelig wie sie. Rein äußerlich passten sie optimal zusammen.

Er warf Jo einen glühenden Blick zu.

„Ist ’ne Beleidigung, wenn du auch nur eine Sekunde denkst, ich könnte mit diesem Riesenpickel unter die Bettdecke kriechen, echt”, sagte Cynthia eingeschnappt.

„Entschuldige, aber der Gedanke, ein anderer könnte dich so wie ich anfassen, macht mich rasend.”

„Quatsch.”

Heimo Leitz hob die schmalen Schultern. „Ich bin eben eifersüchtig.”

„Im Moment gibt es keinen anderen außer dir. Sollte sich daran etwas ändern, lasse ich es dich wissen. So und nun darfst du mir ’n Alt bestellen.” Nachdem Cynthia das Bier getrunken hatte, sagte sie: „Ich muss mit dir reden.” Heimo lachte. „Du quasselst doch schon die ganze Zeit.”

„Ernsthaft reden, du Holzkopf.”

„Ich bin ganz Ohr.”

„Du Blödmann hast Mist gebaut”, sagte Cynthia rau.

Heimo Leitz sah sie überrascht an. „Ich? Nicht, dass ich wüsste.”

„Du Trottel hast mir ein Kind gemacht!”

Heimo riss die Augen auf, als dächte er, sich verhört zu haben. „Ich hab’ dir — was gemacht?”

„Ein Kind!”, sagte Cynthia betont. „Ich bin schwanger.”

Heimo schnappte nach Luft. „Du kriegst ein Baby?”

Cynthia verdrehte die Augen. „Mensch, du bist schwer von Begriff. Ja, verdammt.”

„Bist du sicher, dass es von mir ist?”

„Von wem denn sonst, du Vollidiot?”, fragte Cynthia Bavy ärgerlich. „Ich war in den letzten drei Monaten doch nur mit dir zusammen.”

„Du hast dich vor zwei Wochen von Klaus heimbringen lassen”, erinnerte Heimo sie.

„Ja, aber da lief nichts”, erwiderte Cynthia.

„Weil er zu besoffen war.”

„Egal, aus welchem Grund”, zischte Cynthia missmutig. „Auf jeden Fall war nichts zwischen Klaus und mir und da man nicht auf ’ne ähnliche Art schwanger wird, wie man sich zum Beispiel einen Schnupfen einfängt, kommst nur du als Vater für mein Baby in Frage. Und nun lass dir mal was Intelligentes einfallen. Sofern dir das bei deinem niedrigen IQ überhaupt möglich ist.”

Heimo Leitz dachte eine Weile nach. Man sah ihm an, wie sehr ihn das anstrengte. Er war nicht gerade einer der hellsten Köpfe, gutmütig und einfältig.

„Ich werde dich heiraten”, sagte er schließlich.

„Auf was Dümmeres konntest du nicht kommen, was?”

Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Aber wieso denn? Ich mag dich und du magst mich.”

„Wer sagt das?”

Heimo Leitz’ Grinsen reichte von Ohrläppchen zu Ohrläppchen. „Du hast mich nicht von der Bettkante geschubst.”

„Darauf brauchst du dir nichts einzubilden. Ich hatte Langeweile und du warst gerade greifbar.”

„ Auf jeden Fall haben wir ein Kind gebastelt und müssen nun eine Familie gründen”, sagte Heimo.

„Ich muss überhaupt nichts”, konterte Cynthia Bavy trotzig.

„Unser Kind braucht ein Nest.”

„Ich habe ein Nest”, erwiderte Cynthia, „in dem ist für dich aber kein Platz. Ich will dich nicht heiraten.”

„Weswegen nicht! Nenn mir einen Grund!”

Cynthia sah ihn missfällig an. „Du bist mir zu blöd.”

„Du hast die Intelligenz auch nicht gerade mit der Schöpfkelle gefressen”, ärgerte sich Heimo Leitz.

„Ich will mir nicht einmal vorstellen, mit dir verheiratet zu sein.”

„Ich bin kein Ungeheuer”, sagte Heimo. „Wir werden uns schon irgendwie zusammenraufen und das Kind kriegt meinen Namen.”

„Es bekommt überhaupt niemandes Namen, weil ich es nämlich wegmachen lasse.”

Er griff nach ihrem Handgelenk und drückte zu. „Moment mal, da habe ich aber auch ein Wörtchen mitzureden.” Sie befreite sich mit einem jähen Ruck aus seinem schmerzhaften Griff und sah ihm spöttisch in die Augen. „Findest du? Wie willst du es verhindern? Ich gehe morgens schwanger aus dem Haus und wenn ich abends heimkomme, ist unser Baby nicht mehr da.”

Heimos Augen verengten sich. „Ich dreh' dir den Hals um, wenn du das tust.”

„Ach ja?”, gab sie furchtlos zurück. „Das möchte ich sehen.”

 

 

5

Heimo Leitz gab sein Untermietzimmer auf und zog zu Cynthia Bavy. Sie nahm ihn höchst widerwillig auf. Und von einer Ehe mit ihm wollte sie schon gar nichts wissen. Sie sagte ihm offen ins Gesicht, dass seine Tage bei ihr — genau wie jene des Babys — gezählt seien.

„Wenn mir ein Typ über den Weg läuft, zu dem ich mich mehr hingezogen fühle als zu dir und der mehr Grips unter der Mütze hat als du, fliegst du raus”, erklärte sie unverblümt, doch er glaubte ihr nicht.

Einige Zeit später bewies sie ihm, dass es ihr mit dieser Behauptung todernst gewesen war, da lag sie nämlich mit einem anderen Mann im Bett, als er von der Arbeit nach Hause kam. Cynthia hatte es absichtlich so eingerichtet, dass Heimo sie in flagranti erwischte und sie erklärte ihm klipp und klar, dass er ab sofort bei ihr abgemeldet sei.

Er beschimpfte sie und stieß gegen den Mann, der seinen Platz an Cynthias Stelle

einnahm, wüste Drohungen aus. Das ließ dieser sich nicht bieten.

Er stand auf und er war groß und muskelbepackt. Er hieß Ferdy Klinger, verstand was vom Boxen und schlug Heimo Leitz schwer zusammen.

Mit blutender Nase, einem blauen Auge und geschwollenen Lippen räumte Heimo das Feld. Ferdy Klinger warf Heimos Sachen aus dem Fenster und während dieser seine Habseligkeiten auf der Straße zusammenklaubte, brüllte ihm Klinger zu, er solle sich bei Cynthia nie wieder blicken lassen, sonst würde er ihm sämtliche Knochen brechen.

Von da an lebte Cynthia mit Ferdy zusammen. Sie wollte ihr Baby nach wie vor nicht haben, aber sie hatte irgendwie — weil sie so lax und schlampig war — den letztmöglichen Termin für die Schwangerschaftsunterbrechung vergammelt und von Dr. Härtling erfahren, dass sie das Kind nun austragen müsse. Ferdy störte das nicht. Er bot ihr sogar an, sie zu heiraten.

Cynthia schüttelte verwundert den Kopf. „Was habe ich bloß an mir, dass mich alle Kerle heiraten wollen?”

„Ich dachte, ich mach’ dir damit eine Freude”, brummte Ferdy Klinger.

„Ich bin nicht daran interessiert, irgendjemandes Frau zu werden.”

„Ich bin nicht irgend jemand. Ich bin Ferdy Klinger.”

„Auch schon wer”, sagte Cynthia abfällig.

Ferdy drohte ihr mit der klobigen Faust. „Du, pass auf, was du sagst. Beleidigen konntest du diesen mickrigen Heimo Leitz. Bei mir darfst du dir das nicht erlauben, sonst setzt es eine Tracht Prügel.”

Sie betrachtete ihn respektlos. „Ich verbau’ mir mit einem Kerl, der mich verdrischt, doch nicht meine Zukunft.”

„Was für eine Zukunft denn?”, fragte er höhnisch.

Cynthia hob stolz den Kopf. „Ich werd’ mal reich heiraten.”

„Pah.”

„Reich oder gar nicht”, sagte Cynthia kühl.

„Dann eben gar nicht. Welcher Reiche wäre denn so bescheuert, dich zu nehmen? An dir ist doch hinten und vorn nichts dran und dein Gesicht ist auch nichts Besonderes.”

„Und weshalb bist du dann hier?”

Er antwortete nicht, stand auf und holte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank.

 

 

6

„Ist es dir aufgefallen?”, fragte Sabine Baumgart ihren Mann.

„Was?”, fragte Heinrich Baumgart geistesabwesend zurück.

„Cynthia Bavy bekommt ein Kind”, behauptete Sabine Baumgart.

„Cynthia Bavy? Das gibt’s doch nicht!”

„Man sieht schon, dass sie schwanger ist.”

„Ich habe nichts bemerkt.”

Sabine Baumgart lächelte „Ihr Männer habt für so etwas keinen Blick.”

„Aber Cynthia ist doch selbst noch ein Kind.”

„Sie ist achtzehn”, sagte Sabine Baumgart.

„Na schön, aber sie sieht noch wie ein Kind aus. Man könnte sie glatt für fünfzehn oder sechzehn halten.”

Die Baumgarts, nette wohlhabende Leute, kannten Cynthia Bavy seit geraumer Zeit. Freunde von ihnen, Philipp und Irene Reuter, hatten eine Sechs-Zimmer-Wohnung in dem Haus, in dem Cynthia wohnte.

„Schwanger.” Heinrich Baumgart schüttelte den Kopf. „Eine wie die.” Aus ihm sprach der Neid, weil seine Frau keine Kinder bekommen konnte Eine irreparable Gebärmutteranomalie war Schuld daran. Baumgart wäre zeugungsfähig gewesen.

Als einwandfrei festgestellt worden war, weshalb die Ehe der Baumgarts bislang trotz aller Bemühungen kinderlos geblieben war, hatte Sabine Baumgart zu ihrem Mann mit Tränen in den Augen gesagt: „Wenn du dich scheiden lassen willst — ich werde dir nichts in den Weg legen.”

„Aber Sabine, was redest du denn da?”, hatte er bewegt erwidert.

„Ich weiß doch, wie sehr du dir ein Kind wünschst!”

„Nicht mehr als du.”

„Aber ich werde dir nie eines schenken können”, hatte Sabine Baumgart deprimiert gesagt.

„Denkst du, das ist ein Grund für mich, dich zu verlassen?”

„Eine andere Frau könnte dir Kinder gebären.”

„Ich will keine andere Frau, Sabine”, hatte Heinrich Baumgart sehr bestimmt erwidert.„Ich will dich, nur dich. Ich liebe dich und ich bin irrsinnig gern mit dir verheiratet. Ein Kind, ja, ein Kind wäre gewissermaßen das Tüpfelchen auf dem ,i’, würde unserer wunderbaren Ehe die Krone aufsetzen, aber wenn es nicht sein soll — dann ist es eben nicht.” Sie war ihm um den Hals gefallen und hatte traurig und glücklich zugleich geweint.

Eine bildschöne Frau war diese Sabine Baumgart, reif, wohlproportioniert, so dass niemand es für möglich gehalten hätte, dass sie keine Kinder bekommen konnte Sie sah geradezu wie geschaffen fürs Kinderkriegen aus. Und doch hatte die Natur bei ihr einen gravierenden Fehler gemacht.

Sie war vierunddreißig — fünf Jahre jünger als Heinrich —, eine dunkelhaarige Vollblutfrau, nach der sich die Männer den Hals verrenkten.

Die Baumgarts waren mal wieder gekommen, um die Reuters zu besuchen und dabei war ihnen Cynthia Bavy auf der Straße begegnet.

Cynthia hatte sie flüchtig gegrüßt und war dann gleich weiter geeilt; sie war heute nicht besonders gut drauf, sonst hätte sie mit den Baumgarts bestimmt ein paar Worte gewechselt. Immerhin hatte Herr Baumgart eine Firma. Solche Leute musste man sich warmhalten für den Fall, dass man mal einen Job brauchte.

„Was kann aus einem Neugeborenen werden — bei der Mutter?”, murmelte Heinrich Baumgart und betrat mit seiner Frau das Haus. „Es hat doch von vornherein die allerschlechtesten Startbedingungen. Was hingegen könnten wir so einem Kind alles bieten. Es gibt sehr viel Unrecht auf dieser Welt.”

„Sei nicht verbittert, Heinrich.”

„Ich bin nicht verbittert. Ich habe lediglich eine nüchterne Feststellung getroffen.”

 

 

7

Die Monate zogen ins Land, und Cynthias Bauch wurde immer dicker. Sie hatte sich endlich damit abgefunden, Mutter zu werden und es stand für sie inzwischen fest, dass sie ihr Kind nicht zur Adoption freigeben würde Sie glaubte, eine bessere Idee zu haben.

Mit Ferdy Klinger kam sie mehr schlecht als recht aus. Er hatte eine Menge Macken — und sie auch. An manchen Tagen rieben sie sich wie Feuersteine aneinander und dabei gab es jedes Mal gefährliche Funken. Mehr als einmal hatte Ferdy die vorlaute Cynthia schon geohrfeigt, aber sie hielt trotzdem mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, sagte, was sie sich dachte und riskierte immer wieder, dass dem kräftigen Ferdy blitzartig die Hand ausrutschte. Dass diese Beziehung nicht von Dauer sein konnte, war ihr von Anfang an klar gewesen.

Sie setzte Ferdy nur deshalb noch nicht an die Luft, weil sie nicht allein sein wollte, wenn sie ihr Baby bekam. Sie brauchte jemanden, der ihr in den Tagen vor und nach der Geburt zur Seite stand, der erledigte, was getan werden musste, einen dienstbaren Geist.

Wenn Ferdy Klinger diese Aufgabe erfüllt hatte und nicht mehr benötigt wurde, würde sie ihn entlassen. Wie sie das anstellen würde, wusste sie allerdings noch nicht.

So, wie sie es bei Heimo Leitz praktiziert hatte, hätte es bei Ferdy nicht geklappt , da musste sie sich schon etwas anderes einfallen lassen. Kommt Zeit, kommt Rat, sagte sie sich und ließ die Dinge heimlich reifen.

Sie machte die Schwangerschaftsgymnastik mit der ihr eigenen Trägheit und ließ sämtliche Kontrolluntersuchungen widerwillig über sich ergehen.

„Nun haben Sie’s bald hinter sich”, sagte Dr. Härtling eine Woche vor dem Stichtag.

„Liebe Güte, werde ich froh sein. Sehen Sie sich meinen Bauch an. Ich sehe aus, als würde ich mit einem Nilpferd niederkommen.”

„Ihr Bauch ist völlig normal”, behauptete Sören Härtling.

Cynthia legte die Hände auf ihren Leib. „Normal nennen Sie das? Ich bin eine wandelnde Tonne.”

„Alle schwangeren Frauen sehen so aus”, erklärte Dr. Härtling.

„Ich habe zugenommen. Wenn ich wissen will, wie schwer ich bin, muss ich mich auf eine Brückenwaage stellen.” „Das Gewicht, das Sie zugelegt haben, werden Sie ebei der Geburt wieder verlieren, keine Sorge”, beruhigte der Klinikchef die junge Patientin.

„Ich werde meine alten Klamotten wieder tragen können?”

„Mit Sicherheit”, versprach Dr. Härtling.

Cynthia zupfte an ihrem Umstandskleid herum. „Ich werde dieses Bierzelt öffentlich verbrennen.”

Sören Härtling fragte, ob der Vater des Kindes den Wunsch habe, bei der Geburt dabei zu sein.

„Der Vater? Heimo Leitz? Dem habe ich vor'n paar Monaten schon den Laufpass gegeben. Vielleicht kommt Ferdy mit, Ferdy Klinger, mein neuer Alter.”

„Wird Herr Klinger die Vaterrolle übernehmen?”, fragte Dr. Härtling.

„Ferdy?” Cynthia lächelte „Wollen würde er schon, aber — nö, das ist nicht der Richtige. Ich warte auf ’nen Märchenprinzen, verstehen Sie?”

„Und wenn der nicht kommt?” fragte Sören.

Cynthia zuckte gleichgültig die Schultern. „Hab’ ich eben Pech gehabt. Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Dr. Härtling, ich krieg’ mein Leben schon irgendwie auf die Reihe”

Sie würde sich durchbeißen, davon war auch Sören Härtling überzeugt, denn das hatte sie sehr früh lernen müssen. Er kannte inzwischen ihre Lebensgeschichte

Achtzehn Jahre war sie auf dieser Welt, und sie hatte noch nicht viel Sonnenschein gesehen. Das entschuldigte ein wenig, dass sie so ungeschliffen, egoistisch und streitbar war, voller Stacheln, Ecken und Kanten. Sie musste sich irgendwie vor den Unwillen des Lebens schützen, und wenn sie nicht selbst auf sich schaute, tat es niemand.

 

 

8

Sechs Tage später war es soweit. Es passierte mitten in der Nacht. Cynthia versuchte, Ferdy zu wecken, doch der schlief wie ein Toter. Sie rüttelte ihn wütend und schrie: „He! Wach auf, verdammt noch mal! Es geht los!”

Ferdy Klinger rieb sich schlaftrunken die Augen. „Was geht los? Bist du bescheuert? Wieso weckst du mich mitten in der Nacht? Ich hab so tief geschlafen!”

„Deshalb verstehst du jetzt nur Bahnhof und Koffer klauen, wie? Ich sag’s noch mal, ganz langsam, zum Mitschreiben: Es — ist — soweit! Es — geht — los! Das — Baby — kommt!”

„Das — Baby — kommt”, sagte Ferdy so langsam wie sie. Und dann noch einmal, ganz schnell und ohne Punkt und Komma: „Das Baby kommt!” Er riss die Augen auf. Endlich hatte er begriffen. „Das Baby kommt! Das Baby kommt! O Scheiße, warum ausgerechnet in der Nacht?”

„Die meisten Babys kommen in der Nacht.”

„Wieso heißt es dann, das Licht der Welt erblicken?”

„Werd jetzt nicht spitzfindig. Steh endlich auf und tu was”, verlangte Cynthia.

Er sprang aus dem Bett, stieß sich am Schlafzimmerschrank den Kopf an und fluchte.

„Hol den kleinen Koffer!”, trug ihm Cynthia auf.

Ferdy kratzte sich am Hinterkopf und drehte sich wie ein Tanzbär im Kreis. „Den kleinen Koffer, ja . .. Äh, wo ist der?”

Cynthia rollte die Augen. „Auf dem Schrank. Sei doch nicht so nervös.”

„Es ist mein erstes Kind”, verteidigte sich Ferdy.

„Es ist nicht dein Kind”, stellte Cynthia richtig.

„Ist doch egal. Ich bin zum ersten Mal bei so etwas dabei und das macht mich fix und fertig.”

„Männer”, sagte Cynthia geringschätzig. „Wieso bezeichnet ihr euch eigentlich als starkes Geschlecht?”

Ferdy blies seinen Brustkorb auf. „Ich kann zwei Säcke Zement durch ganz München tragen.”

„Und wozu soll das gut sein?”, fragte Cynthia prosaisch. Ein jäher Schmerz ließ sie aufstöhnen.

„Hohoffentlich kommt das Baby nicht zu früh”, stotterte Ferdy.

„Wenn du so weiter bummelst, krieg’ ich’s zu Hause.”

Er wurde blass. „Alles, nur das nicht, Dann müsste ich ja, o Gott, nein, Cynthia, das darfst du mir nicht antun!”

Er holte endlich den kleinen Koffer, der schon seit Wochen gepackt auf dem Schrank lag. Die Wehen waren sehr regelmäßig, alle zwanzig Minuten kamen sie.

Schließlich traten sie alle fünf Minuten auf und waren von Schleim und geringem Blutabgang begleitet. Das war der Zeitpunkt, wo die Hebamme gerufen oder die Fahrt in die Klinik angetreten werden sollte.

Cynthia wusste über das, was mit ihr jetzt passierte, Bescheid. Dr. Härtling hatte es ihr gesagt: Die Geburtswehen führten zur langsamen Entfaltung des Gebärmutterhalses, der bisher in seinem unteren Abschnitt als Verschluss gedient hatte. Die Ausweitung des Geburtskanals wurde durch die dem Kopf vorangehende Fruchtblase gefördert, die ihre Aufgabe erfüllt hatte, sobald der Muttermund sich auf einen Durchmesser von acht bis zehn Zentimetern erweitert hatte.

Cynthia ließ sich von Ferdy aus der Wohnung führen. Er war ihr beim Anziehen behilflich gewesen, trug jetzt den kleinen Koffer und stützte die schwerfällige Schwangere.

„Hoffentlich springt mein Wagen an”, stöhnte der junge Mann.

„Wir hätten gleich ein Taxi rufen sollen.”

„Er wird schon anspringen”, spielte Ferdy den Zuversichtlichen.

„Es macht keinen guten Eindruck, wenn man schon bei der ersten Entbindung zu spät kommt.”

„Seit wann pfeifst du dich denn um so was?”

„Hatte ein Scherz sein sollen”, sagte Cynthia, „aber da kommst du nicht mit. Ich werd’ von nun an jeden Gag ankündigen.”

Ferdy schüttelte den Kopf. „Eine Dreckschleuder hast du ...”

Sie stiegen in Ferdys Wagen, und der Motor sprang gleich beim ersten Startversuch an. „Na, wer sagt’s denn?”, jubelte Ferdy. „Braves Mädchen!”

Als sie die Paracelsus-Klinik erreichten, kamen die Wehen in Minutenintervallen. Ferdy war furchtbar durcheinander. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und tigerte im Warteraum hin und her, während man Cynthia für die Entbindung vorbereitete.

Als leiblicher Vater von Cynthias Kind hätte er nicht mehr leiden können. Cynthia hatte keine leichte Geburt. Jetzt rächte es sich, dass sie die Schwangerschaftsgymnastik so vernachlässigt hatte.

Vier Stunden hatte sie zu kämpfen, bis sie endlich, entkräftet und erleichtert, den ersten Schrei des Kindes hörte Als man ihr ihre kleine zappelnde Tochter zeigte, schloss sie die Augen. Sie wollte das Kind nicht sehen.

Es war ihr in der Zeit, in der sie es im Bauch getragen hatte nicht ans Herz gewachsen. Dr. Härtling hatte gesagt, dass es dazu kommen würde.

In schwangeren Frauen vollziehe sich ein geistiger Reifungsprozess, hatte er ihr erklärt. Sie erinnerte sich noch ganz genau an seine Worte.

„Der Körper der werdenden Mutter”, hatte er gesagt, „blüht unter dem Einfluss der Hormone und der Leistungssteigerung aller Organe auf, während ihr Charakter eine Reifung erfährt, die sie befähigt, den Lebensweg des Kindes mit Verständnis, Güte und Aufopferung zu begleiten.”

Alles Blödsinn. Cynthias Einstellung hatte sich nicht geändert. Sie mochte ihr Kind, dieses Zufallsprodukt einer unbedachten Nacht, noch immer nicht und sie war froh, es erst mal körperlich los zu sein.

Die Beschwerden, die das Baby in ihrem Bauch verursacht hatte, waren ja kaum noch auszuhalten gewesen. Und wie sie ausgesehen hatte. Wie ein Fesselballon mit Beinen. Und dann auch noch die unerträglichen Schmerzen bei der Geburt.

Cynthia war erleichtert, dass das alles vorbei war und sie schwor sich, dafür zu sorgen, dass sie nie wieder schwanger wurde. Das war heutzutage kein Problem mehr. Sie brauchte nur regelmäßig die Pille zu nehmen und schon konnte so ein „Unglück” nicht mehr passieren.

Als Ferdy Klinger erfuhr, dass Cynthia mit einem gesunden Mädchen niedergekommen war, plumpste ihm ein Felsblock vom Herzen. Endlich, dachte er aufatmend, haben wir es überstanden. Er fühlte sich in diesem Augenblick mit Cynthia so sehr seelisch verbunden, dass er beschloss, ihr noch einmal vorzuschlagen, zu heiraten.

Cynthia hatte bis zum Schluss nicht gewusst, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen würde Bei der Ultraschalluntersuchung wäre es zweifelsfrei festzustellen gewesen, doch sie hatte gesagt: „Ich will es nicht wissen, Dr. Härtling. Verraten Sie es mir nicht. Nehmen Sie mir nicht die Spannung. Ich möchte mich überraschen lassen.”

Dr. Härtling hatte ihrem Wunsch entsprochen und so hatte auch Ferdy Klinger bis zu dieser Stunde keine Ahnung gehabt, was Cynthia ihm schenken würde.

Ihm? Ja, er wäre bereit gewesen, das Baby anzunehmen, für Mutter und Kind zu sorgen, aber dazu brauchte er Cynthias Einverständnis.

Sie war verrückt. Hoch hinaus wollte sie. Reich heiraten wollte sie. Ein einfacher Metallgießer genügte ihr nicht, das hatte sie ihm erst kürzlich wieder mit schonungsloser Offenheit klargemacht.

Nun, vielleicht würde sie es jetzt, wo das Kind auf der Welt war, etwas billiger geben.

 

 

9

Schwester Olli zeigte ihnen das Baby. „Die Kleine ist wunderschön!” schwärmte Ferdy Klinger zwei Tage nach der Geburt. „Sie ist nur — so schrecklich gelb.”.

„Sie hat Gelbsucht”, sagte Cynthia Bavy.

„O mein Gott!”

„Dr. Härtling meint, das braucht mich nicht zu beunruhigen”, sagte Cynthia.

„Woher kommt das?”, fragte Ferdy.

„Diese Gelbsucht entsteht durch den Blutfarbstoff, der beim Zerfall von überflüssigen roten Blutkörperchen frei wird und der von der noch unreifen Leber nicht rasch genug abgebaut wird.”

Ferdy rieb sich die Nase. „Aha.”

„Ich versteh’s auch nicht ganz. Es ist einfach so. Man denkt am besten nicht erst groß darüber nach. Das ganze Leben ist ein Mysterium. Ich versuch erst gar nicht, irgend etwas zu begreifen, das ist mir zu anstrengend. Ich lasse die Dinge einfach laufen. Wie’s kommt, so kommt’s.”

Schwester Olli legte das Baby in sein Bettchen zurück.

„Die Kleine hat blaue Augen”, sagte Ferdy Klinger.

„Neugeborene haben meist blaue Augen”, klärte ihn Cynthia auf. „Häufig ändert sich die Augenfarbe in den ersten Wochen.”

Ferdy staunte „Was du alles weißt.”

„Das haben sie mir hier gesagt.” Cynthia verließ mit Ferdy die Säuglingsstation.

Heller Sonnenschein fiel durch ein großes sauberes Fenster. Ferdy blieb stehen.„Ich sage immer die Kleine, weil ich nicht weiß, wie sie heißt. Welchen Namen hast du für sie ausgesucht?”

„Wenn es ein Junge geworden wäre, hätte ich ihn Attila genannt.”

„Attila, der Hunnenkönig.” Ferdy wippte mit den Augenbrauen. „Ein starker Name. Und für welchen Mädchennamen hast du dich entschieden?”

„Walpurga.”

Ferdy erschrak. „Das ist nicht dein Ernst!”

Details

Seiten
114
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943122
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v918517
Schlagworte
kind muss

Autor

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Titel: Muss ich auf mein Kind verzichten?