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Chobos Geisel

2020 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Chobos Geisel

Copyright

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Chobos Geisel

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

Der Rancher Lorrimer ist voller Hass gegen die Apachen und will sie unbedingt von seinem Land vertreiben. Die Malone-Brüder Keho und Randy sind Halbblut-Indianer und werden ebenso unbarmherzig gejagt. Als Eve Lorrimer, die Tochter des Ranchers von Indianern entführt wird, zwingt Lorrimer die Brüder zur Zusammenarbeit, um das Versteck der Apachen unter dem Anführer Chobo ausfindig zu machen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Seil riss den Indianer über die von der Sonne hart gebackene Erde. Kein Laut kam über seine zusammengepressten Lippen. Fettholzstauden und Catclaw-Büsche huschten vorbei. Das Hämmern der Hufe füllte das von felsigen Kämmen umschlossene Tal. Himmel und Erde verschwammen für den am Lasso hängenden Apachen in graugelbem Staub. Seine Hände umklammerten das Seil, damit die Schlinge sich nicht noch fester um den bronzefarbenen Oberkörper zusammenzog.

»Schleif ihn, Cullock, schleif ihn!«, schrie einer der Reiter unter dem abgestorbenen Baum in der Talmitte. Es waren staubbedeckte, rau wirkende Männer. Schwerkalibrige Sechsschüsser hingen an ihren Gürteln. In den Scabbards stecken Repetiergewehre. Die Pferde trugen das Brandzeichen der Big-L-Ranch.

William D. Lorrimer war ihr Boss. Das Tal gehörte zu dem Land, das er beanspruchte, obwohl es hier weder Gras noch Wasser für seine Rinder gab. Ein vermodernder Strick an einem Ast des Baumskeletts verriet, dass der gefangene Apache nicht der erste sein würde, der hier auf Lorrimers Befehl sein Leben aushauchte. Die Geier und Kojoten hatten von dem »Vorgänger«, einem mexikanischen Viehdieb, nur die Gebeine übriggelassen. Wie Geisterfinger ragten die gebleichten Äste in den flammenden Arizonahimmel.

Lorrimer blickte seinem Vormann mit schmalen Augen nach. Eine auffällige Geiernase beherrschte sein hageres Gesicht. Bob Cullock schlug mit den Zügelenden wild auf das Pferd ein. Der Reitwind drückte die Krempe seines Stetsons vorn hoch.

»Heyah! Schneller, Amigo, lauf!«, schallte sein Ruf zu den wartenden Männern. Gleich darauf ritt er zwischen die Klippen am Talende, um von dort im Galopp zurückzufegen. Der Gefangene wurde wie ein Stoffbündel hin und her geworfen.

Ein Big-L-Cowboy löste das zusammengerollte Lasso vom Sattel. Sein Blick suchte einen stabilen Ast. Dann preschte Cullocks Pferd wieder aus dem Schatten. Aber sein Sattel war. leer. Das durchgeschnittene Seil schleifte im Staub. Wie versteinert saßen die Lyncher auf ihren Gäulen.

Lorrimers Rechte presste sich um das vor ihm auf dem Sattel liegende Gewehr. »Verdammt!«

 

 

2

Mit zusammengebissenen Zähnen wälzte Bob Cullock sich auf die Seite. Seine Schulter schmerzte von dem Schlag, der ihn aus dem Sattel geworfen hatte. Der Stetson hing an der Windschnur auf seinem Rücken. Das Halfter war leer, der langläufige Colt lag einen Schritt vor ihm. Sofort streckte der Vormann im aufwallenden Staub die Hand danach aus.

»Lass die Kanone liegen!«, befahl eine harte Stimme. Hufe malmten, Lederzeug knarrte.

Cullock sah den Reiter zuerst nur als Schatten. Während der Hufschlag des Braunen sich zur Talmitte entfernte, wurden die Konturen deutlicher. Der Staub senkte sich. Die Sonne beschien ein breitflächiges Bronzegesicht mit deutlich hervorstehenden Wangenknochen und schmallippigem Mund. Eine Messernarbe schimmerte auf der linken Wange. Ein Apachengesicht. Nur die rauchgrauen Augen passten nicht dazu. Ein Stirnband aus Klapperschlangenhaut bändigte das rabenschwarze, schulterlange Haar.

Der Mann war wie ein Weißer gekleidet: Levishose, Baumwollhemd, Bandana. Statt der üblichen Reitstiefel trug er jedoch kniehohe Mokassins. Ein Bowiemesser steckte in der mit Glasperlen bestickten Gürtelscheide. Die Mündung eines .44er Army Colts bedrohte den Big-L-Vormann. Das Pferd war ein Pinto, ramsnasig, mit struppigem Fell, breiter Brust und starken Fesseln. Ein Wüsten- und Gebirgspferd wie Apachen es bevorzugten.

»Malone!« Zähneknirschend zog Cullock die Hand zurück und stemmte sich auf die Knie. Schweißverklebte Zotteln hingen ihm ins bärtige Gesicht. »Das hätte ich mir denken können, dass du ebenfalls hinter den Gewehren her bist, die wir diesem verdammten Waffenschmuggler Jessup abgenommen haben.«

»Du irrst.« Keho Malones Stimme klang unverändert ruhig und entschlossen. »Ich hab‘ nur was dagegen, dass ihr Burschen von der Big-L-Ranch einen Mann hängt, weil euch seine Hautfarbe nicht passt.«

Er lenkte sein Pferd zu dem Indianer, der sich schwankend erhob. Die Lassoschlinge lag zu seinen Füßen. Rücken und Schultern waren aufgeschürft. Quer über der Brust verliefen Peitschenstriemen. Blut vermischte sich mit dem Staub und Schweiß, die Gesicht, Oberkörper und Beine bedeckten. Die Kleidung des Apachen bestand aus Lendenschurz und Mokassins.

»Der Kerl wollte auskundschaften, wo Jessups Wagen mit den Winchestergewehren blieb!«, stieß Cullock hervor. »Wenn du ihm hilfst, Malone, wirst du bald am selben Ast wie er baumeln!«

»Versprich nicht zu viel.«

»Du kennst Lorrimer. Du weißt, wie er alle Rothäute hasst, seit seine Frau und sein Sohn von den Apachen ermordet wurden. Dein Bruder und du, ihr hattet bisher eine Menge Glück, dass er euch in Ruhe ließ. Lorrimers Wort ist in diesem Land Gesetz, und wer sich gegen ihn stellt, wird nicht alt.«

»Amen.« Keho Malone drehte den Kopf zur Seite und spuckte aus. Dann hielt er dem keuchenden Indianer eine Hand hin. »Steig auf, Chobo, ich helfe dir!«

»Gib mir dein Messer, Mondfalke!« Der wilde Blick des Apachen traf den Vormann. »Ich hole mir seinen Skalp.«

»Lorrimer und seine Reiter kommen. Wir müssen fort.«

Chobo zögerte, dann schwang er sich, ohne Kehos Hand zu ergreifen, hinter ihm aufs Pferd. Hufschlag grollte durchs Tal. Der Schatten der Klippen lag auf den Männern. Cullock duckte sich.

»Malone, wenn dieser Bursche da Chobo, der Aufwiegler, ist, dann solltest du wissen, dass die Army tausend Dollar für seine Ergreifung ausgesetzt hat, tot oder lebendig.«

»Ist mir bekannt. Es ändert nichts daran, dass Chobo und ich wie Brüder aufwuchsen. Er würde ebenso für mich wie ich für ihn sein Leben riskieren. Aber das verstehst du nicht.«

Der Reiter, ein Halbblut, zog den Schecken herum. Chobo hielt sich an ihm fest. Die Hufe pochten dumpf. Jenseits der Klippen stürmten die Big-L-Cowboys durchs Tal. Mit einem Wutschrei riss Cullock die Waffe empor. Doch seine Schüsse trafen nur die Felsen, zwischen denen die Flüchtenden sich im Staub aufzulösen schienen.

 

 

3

Kehos Hand lag auf den Nüstern des Pinto. Mann und Pferd glichen einem Denkmal inmitten der zerklüfteten Felsen, halb verdorrten Mesquitesträucher und gleißenden Geröllhalden. Zusammengesunken lehnte Chobo an einem rissigen Quader. Seine Augen waren geschlossen, das Kinn ruhte auf der Brust, die Rechte lag schlaff neben der Sattelflasche. Keho war nicht dazu gekommen, dem Verletzten etwas von der inzwischen sicherlich abgestandenen und lauwarmen Flüssigkeit einzuflößen.

Das Versteck lag auf halber Höhe eines steilen Hangs. Von unten war kein Pfad erkennbar. Aber Keho Malone kannte das Gelände. Es gab keine Senke und kein Trockenbett im Umkreis von zwanzig Meilen, die er und sein Bruder Randy in den letzten zwei Jahren nicht auf der Jagd nach Wildpferden durchstreift hatten. Früher war er mit den Kriegern der Mimbreños, Chobos Stamm, in diesem Gebiet untergetaucht, nachdem sie den feindlichen Papagos ein Dutzend Pferde und einige hübsche Squaws geraubt hatten. Das war lange her. Damals war er mehr Apache als Weißer gewesen, Mondfalke, der Neffe von Tahkesteh, einem der großen Anführer des Volkes der Tinneh.

Die Felsen waren so heiß, dass man Eier auf ihnen hätte braten können. Keho sah die Verfolger nicht, hörte aber ihre Stimmen. Sie waren ausgeschwärmt und suchten Spuren. Keho grinste. Es waren Männer, die zwar gut mit dem Lasso und Revolver umzugehen verstanden, aber keine Fährtenleser.

»Bleibt auf Sichtweite beisammen!« Das war Lorrimers Stimme. Sie klang nach Kasernenhof und Drill. »Weiß der Teufel, ob Malone wirklich allein ist! Vielleicht treiben sich noch mehr von den verfluchten Rothäuten aus den Pinaleños hier herum.«

Ein Labyrinth von Hügelkämmen, Felsbarrieren, ausgetrockneten Flussläufen und Kakteenfeldern erstreckte sich ringsum. Im Osten verlief die Grenze von William D. Lorrimers Land. Westlich davon ragten die wie von einer Riesenaxt gekerbten Flanken der Pinaleño Mountains in die flimmernde Luft.

Chobos Krieger verbargen sich dort, seit sie vor einem halben Jahr aus der Reservation ausgebrochen waren. Nachdem zwei Kavalleriepatrouillen nicht mehr aus den Bergen zurückgekehrt waren und die Army sich hauptsächlich mit den aufständischen Mescaleros in New Mexico herumschlug, wagte sich kein Weißer mehr in die »Apachenberge«, wie die Bewohner von Sandersonville, Morenci und der umliegenden Ranches die Pinaleños nun nannten. Dabei bestand Chobos Truppe aus nicht viel mehr als zwei Dutzend allerdings zum Äußersten entschlossener Mimbreño-Kämpfer.

Die Stimmen und Geräusche näherten sich. »Verdammt, das gibt‘s doch nicht!«, schimpfte ein Mann. »Die können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Irgendwo muss wenigstens ein Kratzer an einem Stein oder ein Pferdehaar an einem Strauch sein.«

»Wir sollten versuchen, sie vor dem Deadman Canyon abzufangen.«

»Im Apachengebiet? Dich juckt es wohl, deinen Skalp loszuwerden, Amigo, was?«

Hufe klapperten, ein Pferd wieherte, ein Mann fluchte. »Hat keinen Zweck, da kommst du nicht rauf, Joe!« rief Cullock. Lorrimer befahl: »Weiter! Wir vertrödeln hier nur Zeit.«

Keho spürte Chobos Blick. Er drehte den Kopf. Ein wildes Grinsen lag auf dem Gesicht des etwa gleichaltrigen Apachen, aber in seinen Augen brannte Hass. Er machte das Zeichen für »Dummköpfe«, als die Reiter sich entfernten. Dann hob er die Canteen-Flasche, trank und schüttete Wasser auf die Peitschenstriemen. Sie waren für einen Indianer eine Schmach, die nur mit Blut zu tilgen war. Chobo verschloss die Flasche und lauschte dem verklingenden Hufgetrappel nach.

»Sie werden bezahlen.«

Es war eine Feststellung, keine Drohung. Das Brennen in den Augen des Mimbreño-Chiefs erschreckte Keho. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie lange es her war, dass sie Seite an Seite geritten waren. Es kam nicht von ungefähr, dass er, Keho, wieder den Namen seines weißen Vaters trug, obwohl er in der Welt der Pindalickoyi, der Weißaugen, immer nur ein Außenseiter sein würde.

Steine rollten am Hang über ihnen. Ein metallisches Schnappen folgte. Das Versteck war zwar von unten nicht zu erkennen, vom Kamm der Anhöhe jedoch gut einzusehen. Keho erstarrte. Das Gewicht des Sechsschüssers an seinem Gurt schien sich zu verdoppeln. Bevor er die Waffe aus dem Leder bekam, konnte der Mann auf dem Höhenrücken mindestens zweimal schießen.

Chobo blickte an ihm vorbei. Er bewegte sich nicht. Kein Schuss fiel. Keho hielt die Hände vom Körper weg, ehe er sich vorsichtig drehte. Deutlich hob der Reiter sich vor dem glutübergossenen Firmament ab. Ein großer, sehniger Mann, der zum schwarzen Anzug ein weißes Hemd mit einer schwarzen Schleife trug. Ein flachkroniger schwarzer Hut beschattete das scharflinige Gesicht. Er hätte besser an einen Pokertisch als in die Wildnis der zerklüfteten Pinaleño-Ausläufer gepasst. Der Karabiner lag lässig quer über seinem Sattel.

»Clint Jessup«, murmelte Keho.

Der Spieler, Revolvermann und Waffenschmuggler hob eine Hand, dann zog er den Falben herum und verschwand. Keho und Chobo hörten das Stampfen von Hufen. Es dauerte eine Weile, bis der Schwarzgekleidete mit zwei Pferden am Zügel hinter dem Felsen hervortrat, an dem Chobo lehnte. Ein Zigarillo steckte zwischen seinen Lippen. Das zweite Pferd war ein kurzbeiniger, stämmiger Brauner, ein typisches Apachenpony. Jessup bewegte sich steif.

»Verdammte Hitze! Ich könnte jetzt einen Drink vertragen. Hab‘ lange nicht mehr solche Mengen Staub geschluckt. Hey, Chobo, da ist dein Mustang. Deine Krieger warten am Puma Rock. Hallo, Malone! Wie geht‘s?«

»Ich dachte, du hättest die Gegend verlassen, nachdem Lorrimers Reiter dich um ein Haar ins Jenseits befördert hätten.«

Jessups Miene verdüsterte sich. Er nahm das Zigarillo aus dem Mund. »Sicher glaubt Lorrimer das auch. Aber so schnell gebe ich den Wagen mit den Gewehren, den seine Kuhtreiber mir weggeschnappt haben, nicht verloren. Fünfzig nagelneue Winchestergewehre. Chobo und ich fanden heraus, dass sie noch auf Lorrimers Ranch sind. Du kannst uns helfen, sie zu holen.«

»Sie sind dort gut aufgehoben.«

»Mach keine Witze, Malone. Meine Abmachung mit Chobo lautet, dass er jede Winchester und jede Patrone mit Gold bezahlt. Die Fuhre ist ein Vermögen wert.«

»Ich hab‘s nicht als Scherz gemeint.«

Clint Jessup kniff die Augen zusammen. »Du redest, verdammt noch mal, nicht wie ein Mann, der bei den Apachen aufwuchs. Meine Gewehre werden Chobo und seinen Kriegern nicht nur das Überleben ermöglichen, sondern ihnen Zulauf von anderen Apachentrupps verschaffen. Mit fünfzig Winchestergewehren und der dazugehörigen Munition blasen deine roten Vettern die halbe US Army zum Teufel. Wetten?«

»Das sagst du nur, weil du hinter ihrem Gold her bist.«

Jessup lachte. »Hey, Chobo, was ist los mit ihm? Ich dachte, wir könnten auf ihn zählen.«

Der Apache erhob sich und trat neben sein Pferd. Von Erschöpfung war ihm nichts mehr anzumerken. »Viele Winter sind vergangen, seit Mondfalke das Volk seiner Mutter verließ. Sein Weg führt in eine andere Richtung als der von Chobo.«

»Das muss nicht so sein.« Kehos Blick hielt den Apachen fest. »Aber wenn ihr mit den Gewehren, die Jessup euch verkaufen möchte, einen Krieg beginnt, wird keine Freundschaft mehr zwischen uns sein. Dann wird das Blut von Unschuldigen fließen.«

»Das Blut von Weißaugen, die unser Land stehlen und das Wild ausrotten, das uns Nahrung gibt.«

»Du kannst die Vergangenheit nicht zurückholen, Chobo. Die Weißen sind zu zahlreich. Für jeden Blaurock und Siedler, den ihr tötet, werden zwei andere kommen. Sie werden euch hetzen, bis keiner von euch mehr lebt. Es ist besser, du verzichtest auf Jessups Gewehre und führst deine

Leute nach Mexiko, solange noch Gelegenheit dazu besteht.«

»Mondfalke spricht mit der Zunge der Pindalickoyi«, erwiderte der Indianer kehlig. »Aber Chobo ist ein Krieger, kein Feigling, der vor seinen Feinden flieht.«

Ihre Blicke prallten wie Stahlklingen aufeinander. »Trau Jessup nicht«, murmelte Keho. »Er will nur euer Gold.«

»Wenn ich mir Lorrimers Skalp hole, wird es nicht Jessups Entscheidung sein.« Chobo schwang sich in den Sattel. Er ritt davon, ohne Keho noch einmal anzusehen.

Der Waffenschmuggler warf den Zigarillostummel in den Sand und grinste spöttisch. »Du kannst immer noch mitmachen, Malone. Überleg‘s dir, noch ist Zeit.«

 

 

4

Schon von Weitem roch der Halbindianer den Rauch. Sein Herz hämmerte, als er den Pinto unter den windzerrupften Douglasfichten zügelte. Mit Sträuchern und Felsen bedeckte Hänge umschlossen das Tal unter ihm. An der Nordseite erhob sich ein turmhohes rot schimmerndes Felsmassiv. Mehrere Pfade führten hinab. Die Manzanita-, Kreosot- und Mesquitebüsche trugen frisches Grün. Rauch quoll auf. Die Hütte, in der Keho und sein junger Bruder zwei Jahre lang gehaust hatten, war nur noch ein Trümmerhaufen. Ein leichter Wind schürte die noch da und dort züngelnden Flammen und wirbelte Staub, Rauch und Asche über den Hof.

Die Narbe auf Keho Malones Wange schimmerte wie ein Kreidestrich. Die Sehnen auf dem Rücken seiner um den Coltkolben verkrampften Hand traten hervor. Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn. Sein Blick sog jede Einzelheit auf.

Auch die Scheune und der Anbau waren zerstört. Funken stoben, als mehrere ineinandergefügte Balken zusammenkrachten. Der Corralzaun war umgerissen, die Wildpferde, die Keho und Randy in mühsamer Arbeit eingefangen und zugeritten hatten, waren fort. Nur der steinummauerte Ziehbrunnen war unbeschädigt. Wie ein Galgen ragte das Holzgerüst in die düsteren Schwaden, die der Wind in Kehos Richtung trieb.

Die Lippen des Reiters formten lautlos einen Namen: »Lorrimer …« Nach dem ersten Schock stieg eine Welle siedend heißen Zorns in ihm auf. Aber kein Muskel bewegte sich in seinem indianisch geprägten Gesicht. Nun begriff er, weshalb es für Chobo und seine Krieger kein Zurück mehr gab. Auch ihnen hatten die Weißaugen alles genommen, und ihr letzter verzweifelter Trumpf waren die Gewehre auf Lorrimers Ranch.

»Lorrimer!«, wiederholte das Halbblut. Es klang wie ein Fluch. Die Brandstifter waren vor höchstens einer Stunde dagewesen. Das hieß, dass die Big-L-Reiter die Jagd aufgegeben hatten, nachdem sie die Fährte verloren hatten, und dass sie auf dem kürzesten Weg hierher geritten waren, um ihm die durchkreuzte Lynchparty heimzuzahlen. »Lorrimers Wort ist in diesem Land Gesetz, und wer sich gegen ihn stellt, wird nicht alt«, klangen Cullocks hasserfüllten Worte in Kehos Ohren.

Der Schatten der Bäume verbarg ihn. Er roch nicht nur den Rauch. Da war noch eine andere Witterung, mehr eine Ahnung, die ihm sagte, dass Gefahr drohte. Lorrimer war nicht der Mann, der sich mit verkohlten Trümmern zufriedengab, wenn jemand es wagte, ihm einen Gefangenen sozusagen vor der Nase wegzuschnappen. Noch dazu, wenn dieser Jemand ein halber Mimbreño-Apache war. Keho Malone lauschte. Nur der Wind raunte. Kehos Blick tastete die Felsen, Sträucher, Bäume und Mulden ab. Nirgends eine Bewegung. Kein verräterisches Blinken von Metall.

Trotzdem war Keho sicher, dass sie noch da waren. Männer mit schussbereiten Gewehren und Revolvern, denen Lorrimer eingeschärft hatte, zu warten, bis er ins Tal kam und vor ihre Waffen ritt. Ein düsteres Feuer schwelte in Kehos Augen. Sie würden keine Haarspitze von ihm entdecken, wenn er nicht wollte. Bevor sie begriffen, dass er ihre Falle durchschaut hatte, konnte er schon bei Chobo und seinen Kriegern sein.

Plötzlich lief ein Zucken über sein Gesicht. Gebannt starrte er auf die Bewegung beim Brunnen. Eine Hand schob sich dahinter hervor, dann Arm und Schulter. Kehos Blick schnellte zu den Felsen und Sträuchern. Alles blieb still.

Als er wieder zum Brunnen sah, versuchte eine schlanke Gestalt sich an der Mauer hochzuziehen, sank jedoch kraftlos zurück. Der Mann war staubbedeckt, sein schwarzes Haar zerzaust. Auf die Entfernung erkannte Keho ansonsten nur, dass er eine mit Silberfäden bestickte kurze Mexikanerjacke trug.

Randy! Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder sah er eher wie ein Mexikaner aus. Er kleidete sich auch so. Keho ballte die Fäuste. Sie hatten Randy erwischt. Der Junge lebte wahrscheinlich nur noch, weil sie ihn als Köder benutzten.

Keho spürte das harte Pochen seines Herzens bis in die Kehle. Er hatte gehofft, dass Randy hinter dem weißen Hengst her sein würde, den sie mit seinem Harem vor zwei Tagen auf der Rainbow Mesa aufgespürt hatten. Wenn er sich nun in Sicherheit brachte, musste Randy die Rechnung bezahlen.

Katzenhaft glitt Keho vom Pferd, schlang die Zügel um einen Ast, zog das Hemd aus und knotete die Bandana ab. Sein muskulöser rotbrauner Oberkörper besaß die Farbe der Felsen und Baumstämme. Rasch überprüfte er die Ladung des Sechsschüssers. Wenn Lorrimers Revolvercowboys ihn entdeckten, würde ihm kaum mehr Zeit zum Nachladen bleiben. Aber er hatte auch noch das Bowiemesser, mit dem er umgehen konnte, wie das nur ein Apache vermochte.

Gleich darauf verschluckte ihn der Schatten. Kein schwankender Zweig verriet ihn. Seine Füße berührten keinen lockeren Stein. Jetzt war er wieder Mondfalke, der Mimbreño – so als hätte er mit dem Cowboyhemd eine Hülle abgestreift und sich zurückverwandelt. Alles, was Tahkesteh, sein Lehrmeister bei den Apachen, ihm beigebracht hatte, lebte wieder in ihm.

Er nutzte jeden Strauch und Felsbrocken als Deckung aus, ohne dass er nur einmal den nächsten Schritt überlegen musste. Sein Körper verschmolz mit dem Gelände. Weiter unten am Hang ließ er sich auf Hände und Knie nieder. Seine Finger schoben wie von selber jeden trockenen Zweig beiseite, während seine Augen die Umgebung erforschten. Zwischendurch blickte er immer wieder zu der reglosen Gestalt beim Brunnen.

Randy lag auf dem Bauch, das Gesicht von Keho weggedreht, einen Arm ausgestreckt, den anderen am Körper. Der Wind sang, die Flammen knisterten, die Blätter raschelten. Kehos .44er steckte statt in der Halfter im Hosenbund. Der abgewetzte Hickorykolben drückte gegen seinen Magen.

Der Brandgeruch wurde intensiver. Trotzdem roch Keho plötzlich noch etwas anderes: Schweiß, Leder, Pferd. Er duckte sich hinter einen Kreosotbusch. Zehn Schritte schräg unter ihm kauerte ein Mann mit einem Gewehr in einer von Sträuchern und Felsbrocken geschützten Rinne., Keho musste an ihm vorbei, wenn er zum Brunnen wollte. Weiter rechts entdeckte er einen weiteren Lorrimer-Cowboy. Besser gesagt, er sah ein Stück von einer Stetsonkrempe und den blauen Tupfer eines Halstuchzipfels neben einem Sandsteinblock.

Keho zog den Colt. Im nächsten Moment war der Platz hinter dem Kreosotbusch verlassen. Keho tauchte erst wieder am Rand der Rinne auf, drei Schritte von dem zum Brunnen spähenden Cowboy mit dem Gewehr entfernt. Zoll für Zoll schob er sich weiter, bis er den Mann mit der ausgestreckten Hand hätte berühren können. Ein kraftvoller Sprung, ein Klammergriff und ein Schlag mit dem Coltlauf, dann lag der Big-L-Reiter bewusstlos im Sand.

Keho hockte sich neben ihn, die Augen nach rechts gewandt. Aber der Mann beim Sandsteinfelsen hatte nichts gemerkt. Die Rinne endete am Fuß des Abhangs. Ein paar niedrige Sträucher schoben sich bis an die

Rückseite der vom Feuer vernichteten Scheune. Von dort waren es immer noch fünfzehn Yard deckungslose Fläche zum Brunnen. Die ganze Zeit hatte Randy sich nicht bewegt. Keho spürte jedes Mal ein Würgen, wenn sein Blick auf ihn fiel.

Dennoch wartete er. Im Gebälk knackte und knisterte es. Der Wind drückte eine dichte Rauchwolke auf den Hof. Das Ziehbrunnengerüst verschwamm in ihr. Da sprang Keho auf und lief geduckt um die Trümmer herum. Rauch, Funken und Staub umwirbelten ihn. Er wartete auf das Peitschen von Schüssen, aber nichts geschah.

Keuchend ließ er sich neben die Brunnenmauer sinken. Seine Rechte umspannte den Colt, die Linke berührte Randys Schulter. Gleichzeitig spähte er über die Mauerkante. »Beiß die Zähne zusammen, ich bring dich fort!«

»Boss, jemand hat Mike eins übergebraten!«, schallte es aufgeregt von der Rinne herüber. Bewegung entstand.

Lorrimer rief: »Lasst euch nicht sehen! Bleibt auf euren Posten, verdammt noch mal!«

Die Schwaden um den Brunnen lichteten sich. »Randy, wach auf!«, zischte der Halbindianer – und erstarrte, als er den Druck einer Revolvermündung im Rücken spürte.

Der vermeintlich Bewusstlose lag jetzt auf der Seite. Keho blickte in das angespannte Gesicht eines jungen Mexikaners. »Kanone weg, Malone, sonst lässt Lorrimer uns beide erschießen!«

 

 

5

Eve Lorrimer war zweiundzwanzig, eine rassige rotblonde Schönheit mit Katzenaugen, einem sinnlichen Mund und einigen reizvollen Sommersprossen auf Nase und Wangen. Sie trug einen wildledernen Reitrock, eine luftige Bluse und halbhohe Texasboots. Das lange Haar war im Nacken zusammengebunden. Ein flachkroniger Hut hing an der Windschnur auf Eves Rücken. Am Gürtel baumelte ein .38er Remington Revolver, und eine Schlinge, an der eine Reitgerte befestigt war, umschloss das linke Handgelenk.

Lässig stieg sie die Verandastufen herab. Die Blicke der Männer, die den mit Gewehr und Munitionskisten beladenen Planwagen in der Remise bewachten, folgten ihr. Aber die junge Frau beachtete sie nicht. Ihr Gang war katzenhaft. Spielerisch schlenkerte sie die Reitgerte. Die Sonnenglut schien ihr nichts auszumachen.

Das Windrad auf dem Brunnenturm knarrte leise. Am Boden war kein Lufthauch zu spüren. Sanft welliges, von Buschreihen durchzogenes Grasland dehnte sich um die Gebäude der Big-L-Ranch. Im Westen dämmerte die blaue Silhouette der Pinaleño Mountains.

»Miss Lorrimer, wohin wollen Sie?« Ein lederhäutiger, hagerer Weidereiter löste sich aus dem Schatten. Eve blieb stehen. Die Gerte klatschte gegen ihr Bein.

»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht, McDunn«, entgegnete sie hochmütig. Jim McDunn war der älteste Cowboy auf der Ranch, ein wettergegerbter Mann, der Lorrimer geholfen hatte, sein Rinderreich aufzubauen, als Lorrimer noch ein »Mr. Namenlos« in Arizona gewesen war. Er hatte Eve als Kind auf den Knien geschaukelt. Aber das war nur eine von vielen Erinnerungen, die Lorrimers Tochter offenbar aus ihrem Gedächtnis gestrichen hatte. Sie war nach dem Tod ihrer Mutter und ihres Bruders bei Verwandten in Tucson aufgewachsen und lebte erst seit acht Monaten wieder auf der Ranch. McDunns Gesicht färbte sich dunkel.

»Ihr Vater hat mir das Kommando übertragen, solange er fort ist, Miss Lorrimer.«

Ein Schatten überflog Eves hübsches Gesicht. »Bilden Sie sich nur nichts ein, McDunn!« Einlenkend erklärte sie: »Pa wollte bis Mittag zurück sein. Ich reite ihm entgegen.«

»Der Boss hat befohlen, dass niemand die Ranch verlässt.«

»Das gilt vielleicht für Sie und Ihre Freunde, nicht für mich.« Ungeduldig wollte Eve sich abwenden.

»Warten Sie!«, rief McDunn. »Die Männer haben heute früh Apachenspuren in der Nähe der Ranch gefunden, nur zwei Meilen von hier.«

»Ich hab‘ Pa davon sprechen hören. Es war die Spur eines einzelnen Reiters.«

»Trotzdem …«

»Lassen Sie mich in Ruhe, McDunn! Ich kann besser reiten und schießen als mancher von Pas Cowboys. Was fällt Ihnen ein! Fassen Sie mich nicht an!«

Halb verlegen, halb wütend zog McDunn die Hand zurück. »Ich möchte meinen Job nicht verlieren, Miss Lorrimer.«

Eve warf trotzig den Kopf zurück. Ihre Augen funkelten. »Pa wird auch noch begreifen, dass ich alt genug für eigene Entscheidungen bin.«

McDunn ballte die Fäuste, als sie zum Corral stiefelte. Eves Stute trottete zum Gatter und wieherte freudig.

»Rick und Joe werden Sie begleiten!«, rief McDunn, aber Eve ignorierte ihn und die anderen Cowboys. »Zum Teufel, beeilt euch!«, feuerte McDunn die beiden an.

Eve war trotzdem eher fertig. Ihre Leibwächter waren noch dabei, die Sattelgurte strammzuziehen und die Karabiner in den Scabbards zu verstauen, als sie bereits im Sattel saß. In einer Staubwolke jagte sie um den Corral herum.

»Verdammtes Biest!«, schimpfte einer der Männer.

»Los, hinterher!«, befahl McDunn. Eves rehbraune Stute schien über den von der Sonne versengten Grasteppich dahinzufliegen. Fluchend spornten die beiden Cowboys ihre Pferde an.

Keiner bemerkte den hinter einem Gebüsch verborgenen jungen Reiter. Ein spitzkroniger Sombrero beschattete sein schmales, bronzegetöntes Gesicht. Mit dem schwarzen Oberlippenbärtchen und der silberbestickten Charro-Jacke sah er wie ein Mexikaner aus. Die Mimbreño-Apachen nannten ihn »Junger Wolf«. Bei den Weißen hieß er Randy Malone.

 

 

6

Cullocks Kolbenhieb warf den Gefangenen auf die Knie. Schmerzhaft schnitten die Fesseln in seine Handgelenke. Um ihn drehte sich alles. Hufe stampften, Metall klirrte. Er sah die Reiter, die ihn umringten, wie Schatten hinter einer Milchglasscheibe. Die Äste der Fichten rauschten im Wind. Rauchschleier flatterten vom Tal herauf. Einer von Lorrimers Reitern verknotete das Ende eines Lassos an einem Baumstamm. Ein anderer brachte den Pinto.

»Hinauf mit ihm!«, befahl der Rancher.

Die mitleidlose Stimme zerriss den Nebel vor Keho Malones Augen. Lorrimers Gesicht prägte sich ihm mit jeder noch so winzigen Falte unauslöschlich ein. Die große, gebogene Nase, die durchdringenden Augen und der schmale, verbissene Mund verliehen Lorrimer ein raubvogelartiges Aussehen. Dazu passte auch die hagere Gestalt mit den scheinbar ständig angespannt nach vorn gezogenen knochigen Schultern.

Kräftige Fäuste zerrten den Halbindianer hoch. Er stemmte sich ein. »Ich hab‘ nichts mit Jessup und seinen Gewehren zu tun, Lorrimer. Es ist Mord, wenn du mich hängen lässt!«

Lorrimer lachte hart. »Kein Gericht in Arizona würde einen Weißen wegen einer toten Rothaut zur Rechenschaft ziehen. Was du Mord nennst, Malone, nenne ich Gerechtigkeit. Deinen Bruder und Chobo erwischen wir auch noch. Dann wird kein verdammter Apache sich mehr auf mein Land wagen.«

»Dein Hass macht dich blind, Rancher. Du hältst dich für allmächtig, aber du bist es nicht. Wenn du …« Ein Faustschlag verschloss Keho den Mund.

Bob Cullock und noch zwei Männer hoben ihn aufs Pferd. Einer hielt das stampfende Tier. Die Hanfschlinge baumelte vor Kehos Gesicht. Er begriff, dass jedes Wort sinnlos war. Im Laufe der Jahre hatten sich diese Männer daran gewöhnt, Lorrimers Befehle bedenkenlos auszuführen. Der Rancher hatte ihnen seinen eigenen Indianerhass regelrecht eingeimpft.

Nicht umsonst hatte es ausgerechnet Cullock zum Big-L-Vormann gebracht. Es hieß, dass er früher als Skalpjäger geritten war. Genaugenommen leitete McDunn Lorrimers Viehzucht. Cullock war der Mann, der Lorrimers Anordnungen mit harter Faust und schnellem Colt den nötigen Nachdruck verlieh und dafür sorgte, dass Lorrimers Gegner entweder auf dem Boothill von Sandersonville oder in den Mägen der Geier und Kojoten landeten.

Die Gesichter um den Todgeweihten waren hart und verkniffen. Nur Juan Vargas, der junge Mexikaner, dem Lorrimer die Rolle von Randys Doppelgänger aufgezwungen hatte, sah mitgenommen, fast krank aus. Schweißrinnsale glitzerten auf seinem Gesicht. Cullock streifte dem Gefesselten die Schlinge über den Kopf.

»Macht Platz, Leute!«

Er nahm den Stetson ab, nicht aus Pietät, sondern um dem Pinto damit einen Schlag zu versetzen, wenn Lorrimer das Zeichen gab. Wilder Triumph beherrschte Cullocks bärtiges Gesicht.

»Nicht du, Bob!« Der Rancher löste die zusammengerollte Rinderpeitsche vom Sattel und warf sie dem jungen Mexikaner vor die Füße. »Juan wird es erledigen.«

Vargas zuckte zusammen, als ringele sich plötzlich eine Klapperschlange vor ihm. Seine Ähnlichkeit mit Randy Malone beschränkte sich auf die Figur, die schwarzen Haare und die Mexikanerkleidung. Er war auch ungefähr so alt wie Randy, aber seinem Gesicht fehlte der indianische Einschlag. Außerdem wirkte er bei Weitem nicht so draufgängerisch wie Kehos Bruder.

Alle Blicke hefteten sich auf ihn. Nur der Gefangene sah geradeaus. Mit fester Stimme begann er nach Apachenart seinen Sterbegesang. Der Wind trug die seltsame, monoton an- und abschwellende Melodie über die Höhen.

Cullock grinste. »Worauf wartest du, Chico?«

Der Mexikaner starrte auf die Peitsche, dann sah er Lorrimer mit flackernden Augen an. »Heb die Peitsche auf, wenn du nicht neben ihm baumeln willst!«, befahl der Rancher.

Der Junge schluckte. Kehos Gesang brach ab. Er wandte den Kopf. »Tu‘s! Niemandem ist geholfen, wenn sie dich auch töten.«

»Ich kann nicht!«

»Wetten, doch?« Cullocks Grinsen wirkte eingefroren, als er sich dem Vaquero näherte. Seine Rechte lag am Colt. Vargas bückte sich. Die zitternden Finger umkrampften den Peitschenstiel. Der Pinto bewegte sich unruhig. Prompt zog sich die Schlinge um Keho Malones Hals zusammen.

»Schlag zu!«

Der Mexikaner atmete heftig. Es schien als sei die Peitsche aus Blei, so dass er sie kaum zu heben vermochte. Der Vormann richtete den Revolver auf ihn. »Los!«

»Wartet!« Der helle Ruf zwang die Köpfe der Männer herum. Hufe klapperten. Dann war Eve Lorrimer neben dem Gefangenen. Sie hielt den Pinto fest. Mit staub- und schweißverschmierten Gesichtern tauchten Rick und Joe hinter ihr auf. »Nehmt ihm den Strick ab!«

Die rauen Burschen starrten sie an. Eine Ader schwoll auf Lorrimers Stirn. »Verdammt, ich hab‘ McDunn doch gesagt …«

»McDunn hätte mich fesseln müssen, damit ich bleibe. Pa, wann begreifst du endlich, dass ich kein Kind mehr bin?«

»Was wir hier zu erledigen haben. ist Männersache. Misch dich nicht ein!«

»Was hat Malone getan?«

Es schien, als würde der Rancher mit einer wütenden Zurechtweisung antworten. Dann wurde ihm offenbar bewusst, dass er kein Mädchen, sondern eine zwar junge, aber erwachsene Frau vor sich hatte. »Wir hatten Chobo erwischt, den Hundesohn, für dessen Ergreifung die Army tausend Dollar bezahlt. Malone verhalf ihm zur Flucht.«

»Wie konnte das geschehen?«

Lorrimer gab seinem Vormann einen scharfen Blick. »Frag Bob.«

»Nein, Madam, fragen Sie ihn lieber nicht.« Grinsend lüftete Keho mit den vor dem Körper zusammengebundenen Händen das Galgenseil. Cullocks Waffe zielte jetzt auf ihn.

»Lasst ihn frei!«, verlangte Eve.

Lorrimer schüttelte den Kopf. »Du weißt nicht, was du redest.«

»Vergiss nicht, dass ich Malone mein Leben verdanke, Pa.«

Lorrimer ballte die Fäuste. »Wenn wir ihn laufenlassen, werden wir noch eine Menge Verdruss erleben.«

»Umgekehrt auch.« Kehos Zähne blitzten im dunklen Gesicht. So konnte nur ein Apache grinsen.

Cullock fieberte fast vor Wut, schwieg aber. Die Sache wurde nur zwischen Lorrimer und seiner Tochter entschieden, sozusagen zwischen dem King und der Prinzessin. Die Vasallen hatten zu schweigen – oder sie bekamen die Peitsche zu schmecken. Manchmal konnte Lorrimer verdammt jähzornig sein.

Furchtlos erwiderte Eve seinen Blick. »Es spielt keine Rolle, Pa, was ich von Malone halte, nämlich nichts. Aber ich bin eine Lorrimer, Pa, und du hast mir von Kindheit an beigebracht, dass wir Lorrimers keine Schuld unbeglichen lassen.«

Im Gesicht des Ranchers arbeitete es. Dann lenkte er schweigend sein Pferd neben den Gefangenen und zerschnitt seine Fesseln. Cullock verbiss einen Fluch. Erleichtert ließ der junge Mexikaner die Peitsche sinken. Gleich darauf saßen alle in den Sätteln.

»Wenn wir uns wiedersehen, Malone, stirbst du!«, verabschiedete sich Bob Cullock. Lorrimer jagte voran. Zuletzt setzte Eve ihr Pferd in Bewegung.

»Wir sind nun quitt, Malone. Wenn Sie Pa je wieder in die Quere kommen, werde ich keinen Finger für Sie rühren.«

Keho lächelte. Aber bei seinem Aussehen wurde eher eine Art Zähnefletschen daraus. »Trotzdem verbindlichsten Dank, Madam.«

 

 

7

Das Brunnenseil knarrte. Keho hob den Eimer auf die Mauer, füllte die Canteen-Flasche und versorgte dann den Pinto. Der Wind hatte nachgelassen. Es war still. Die Trümmer schwelten nur noch. Keho ließ den Eimer nochmals hinab, wusch Gesicht und Oberkörper und trank aus der hohlen Hand. Seine Bewegungen waren mechanisch. Er spürte weder die Glut der inzwischen im Westen stehenden Sonne noch die Wohltat des kühlen Brunnenwassers. Aber allmählich füllte sich die dumpfe Leere in ihm mit Bildern und Gesichtern, Apachengesichtern. Eins davon gehörte Chobo.

Er sah den Rauch der Lagerfeuer, den Staub, den die kurzbeinigen, flinken Pferde aufwirbelten, die Squaws und Kinder, die sich zwischen den Zweig und Lehmhütten tummelten. Dann verdrängten ein Paar grüne Katzenaugen in einem hochmütigen Gesicht die Erinnerung daran, und Keho dachte an seine erste Begegnung mit Lorrimers Tochter.

Deutlich sah er wieder den umgestürzten Buggy vor sich. Die Deichsel war gebrochen. Die Zügel der beiden Gespannpferde hatten sich an einem Rotdornbusch verfangen. Eins der nach oben ragenden Räder war zersplittert. Reglos saß Eve am hochgekippten Wagenboden. Eine rot-goldene Haarflut umrahmte das bleiche Gesicht. Im Näherreiten hielt Keho sie zuerst für bewusstlos.

Dann warnte ihn ein Rasseln. Gleichzeitig versuchte der Pinto seitwärts auszubrechen. Keho nahm die Zügel kurz und presste die Schenkel an die Pferdeflanken. Seine Rechte legte sich um den ,44er. Das Rasseln ertönte wieder, und nun sah Keho die armdicke Klapperschlange, die sich neben Eves rechtem Bein im Gras ringelte.

Der flache, gesprenkelte Schädel pendelte wie auf einer Stahlfeder. Wenn Eve jetzt auch nur tief durchatmete, würde die Schlange zustoßen. Der Halbindianer glitt vom Pferd. Die Entfernung war für einen gezielten Schuss zu groß. Er musste näher heran, aber nicht so nahe, dass das Reptil das von seinen Schritten verursachte Vibrieren der Erde spürte.

»Bleiben Sie ganz ruhig, Madam!«

Die junge Frau bewegte sich nicht. Keho befand sich seitlich am Rand ihres Blickfelds. Sie wagte kaum zu atmen. Die Lippen waren zusammengepresst, das Gesicht glich einer Marmormaske. Sie besitzt Nerven wie eine Apachensquaw!, dachte Keho.

Seine weichsohligen Mokassins schienen den Boden nicht zu berühren. Ein Lichtreflex blinkte auf dem Lauf des Sechsschüssers. Der Schlangenleib streckte sich, schob sich im Zeitlupentempo über Eve Lorrimers Knie. Die verknöcherten Hautreste an der Schwanzspitze rieben wieder rasselnd aneinander. Es war ein Geräusch, das auch dem Abgebrühtesten einen Schauder über den Rücken jagen konnte. Die lidlosen Augen schienen die Frau anzuvisieren. Keho erkannte die zuckende gespaltene Zunge. Er hob die Waffe, zielte mit beiden ausgestreckten Händen.

»Gleich wird‘s ein bisschen laut, Madam.«

Sie wussten beide, dass ihm nur dieser eine Schuss blieb. Wenn er die Schlange nur verletzte, war Eve verloren. Der Tag war heiß und windstill. Kehos Colt krachte wie eine Kanone. Die Kugel zerschmetterte dem Reptil den Kopf.

Die Frau schrie. Keho feuerte nochmals, stürmte vorwärts und schleuderte den zuckenden und sich windenden Schlangenkörper mit dem Fuß zur Seite. Es war das erste Mal, dass seine Hand zitterte, als er die Waffe zurück ins Leder schob.

Dann wandte er sich Eve zu. Sie war zur Seite gesunken, und als Keho sich über sie beugte, stellte er fest, dass sie nun doch die Besinnung verloren hatte. Er grinste. Nun ja, sie war eben doch keine Apachensquaw. Er holte den Pinto, nahm die Sattelflasche und träufelte Wasser auf Stirn und Schläfen der bewusstlosen Frau.

Nach einer Weile öffnete Eve die Augen. Sie sah zuerst nur die Umrisse des über sie gebeugten Mannes. Dann erkannte sie das breitknochige dunkle Gesicht mit der Messernarbe auf der linken Wange. Sie erschrak. Keho wusste, wie sein Gesicht auf Weiße wirkte. Die erste instinktive Reaktion war meistens der Griff zur Waffe.

»Ich beiße nicht, Madam, und ich bin auch sonst ganz friedlich, wenn man mir nicht auf die Zehen tritt.«

Er wusste, dass sie Lorrimers Tochter war, die Tochter des »Indianerhassers«, wie die Mimbreños ihn nannten. Hastig rückte sie von ihm weg. Dann erst sah sie die Schlange und erinnerte sich an alles. Sie setzte sich auf und wischte mit einer fahrigen Bewegung eine rotblonde Strähne aus dem Gesicht.

»Die Pferde scheuten, der Wagen kippte. Dann weiß ich nur noch …« Die grünen Augen faszinierten Keho. Sie schimmerten wie Jade. Eve schien es Überwindung zu kosten, ihn anzusehen. »Sie sind Keho Malone. Ich hab‘ von Ihnen gehört.«

»Nichts Gutes, stimmt‘s?«

»Sie haben mir das Leben gerettet. Mein Vater und seine Reiter mögen keine Apachen. Aber ich werde dafür sorgen, dass sie Sie und Ihren Bruder in Ruhe lassen.«

Sie übersah Kehos ausgestreckte Hand und stand auf. Einen Moment hielt sie sich am Wagen fest, dann ging sie zu den Pferden, ohne Keho nochmals anzusehen. Sie hinkte leicht. Wahrscheinlich war ihr rechter Knöchel verstaucht. Es war typisch, dass sie sich nichts anmerken lassen wollte. Achselzuckend wandte Keho sich ab.

Das war vor einem halben Jahr gewesen. Seitdem hatte er sie noch einmal gesehen, und zwar in Sandersonville. Sie war gerade aus Millers Store gekommen, eine Hutschachtel unter dem Arm, als er sein Pferd davor festband. Sie hatte getan, als wäre er Luft für sie. Die Malone-Brüder und Lorrimers Cowboys waren sich in all den Monaten nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen.

»Keho!«

Der gellende Ruf riss den Mustangfänger aus seinen Erinnerungen. Randy preschte den Hang herab. Die Silberknöpfe an seiner hüftlangen Charro-Jacke und den Seitennähten der engen Chivarra-Hose funkelten. Er war ein schlankes, drahtiges Bündel Energie mit feurigen Augen und einem hübschen Draufgängergesicht. Die Hufe seines Braunen wirbelten Staub auf. Federnd sprang er neben Keho ab.

»Ich bin Lorrimers Revolvercowboys begegnet, aber sie sahen mich nicht. Was ist passiert?«

Keho berichtete knapp. Randys Augen glühten. Die Apachen nannten ihn »Junger Wolf«, und genauso wild und angriffslustig sah er jetzt aus. Er verlor kein Wort darüber, dass die Big-L-Reiter das Ergebnis monatelanger mühsamer Arbeit vernichtet hatten.

»Worauf warten wir? Wenn Chobo Lorrimers Skalp will, dann bringe ich ihn ihm.«

Keho hielt ihn fest. »Ich hab‘ nachgedacht. Wir werden die Gegend verlassen.«

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Ich weiß, dass Chobos Weg in den Untergang führt. Du bist zu jung zum Sterben.«

»Ich denke nicht dran, ins Gras zu beißen! Wenn Lorrimer uns wie Apachen behandelt, dann werden wir eben Apachen sein!«

»Seine Tochter hat mir vorhin das Leben gerettet.«

»Sie hat eine Schuld bezahlt.«

»Ich halte nichts von Rache und Blutvergießen. In diesem Land würden wir immer nur verfemt und verachtet sein. Auch in Mexiko gibt‘s Wildpferde und Käufer dafür. Dort achtet man weniger auf die Hautfarbe eines Mannes als hier.«

Randy musterte ihn ungläubig. »Verdammt will ich sein, wenn ich vor Lorrimer davonlaufe!«, stieß er hervor.

Keho schüttelte den Kopf. »Lorrimer ist nur einer von vielen.«

Doch Randy riss sich los, schwang sich auf den Braunen und galoppierte um die verkohlten Trümmer herum aus dem Tal.

 

 

8

Der Wagen mit den fünfzig fabrikneuen Winchestergewehren und der dazugehörigen Munition verließ die Big-L-Ranch kurz nach Sonnenaufgang. Eve saß neben dem bärtigen Fahrer. Sie trug ein jadegrünes, rüschengesäumtes Sommerkleid, das hervorragend zu ihren Augen und dem rotblonden Haar passte. Ein leichter, mit einem Strauss künstlicher Blumen geschmückter Strohhut schützte ihren Kopf.

Sechs Begleitreiter, alle mit Mehrladegewehren und schwerkalibrigen Colts bewaffnet, flankierten das Fahrzeug. Die restliche Mannschaft war damit beschäftigt, die Ranch in eine waffenstarrende Festung zu verwandeln. Cullocks heisere Stimme trieb die Sandsäcke und Munitionskisten schleppenden Männer an. Andere brachten die Pferde aus dem Corral in den Stall. Leitern lehnten an den Gebäuden. Über den Dachkanten funkelten Gewehrläufe.

William D. Lorrimer verabschiedete seine Tochter mit einem Händedruck. »Ich bin sicher, dass die roten Teufel versuchen werden, sich die Gewehre hier zu holen. In Sandersonville ist der Wagen besser aufgehoben. Abgesehen davon, kann es nicht mehr lange dauern, bis die Kavallerie kommt. Du weißt ja, dass Major Bascomb versprochen hat, eine Abteilung aus Fort Thomas zu schicken.«

»Ich glaube nicht, dass die Apachen es wagen, die Ranch anzugreifen, Pa.«

»Es ist mir trotzdem lieber, du bleibst in der Stadt, bis die Blauröcke die Grenze zu den Pinaleños sichern.«

»Ich hab‘ bei Miller ein hübsches Kleid und eine wunderschöne Perlenkette gesehen. Ich fürchte, mein Ausflug wird für dich nicht billig, Pa.« Eve lachte.

Lorrimers sorgenvolles Gesicht erhellte ein Lächeln. »Miller soll mir die Rechnung schicken. Das Kleid und die Kette gehören dir zum Geburtstag.«

»Das ist nicht fair, Pa. Ich werde erst in zwei Monaten dreiundzwanzig.«

»Es ist nicht fair, wie du deinem alten Vater das Geld aus der Tasche ziehst.« Lorrimer blinzelte. »Wir sprechen noch darüber. Pass auf dich auf, Mädchen. George, fahr zu!«

Der Bärtige schwang die Peitsche. Die Hufe stampften, die Räder knarrten. Zehn Minuten später versanken die Dächer der Big-L-Ranch hinter einer mit Sträuchern bewachsenen Bodenwelle. Der Wagen folgte dem von Hufen und Rädern markierten Trail zur Stadt. Die Hügel wurden flacher, die letzten sechs Meilen führten über tellerflache, mit vereinzelten Dornbuschgruppen durchsetzte Prärie.

Details

Seiten
123
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738943115
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v918516
Schlagworte
chobos geisel

Autor

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Titel: Chobos Geisel