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Redlight Street #139: Rubel rollen für die Liebe

2020 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Rubel rollen für die Liebe

Copyright

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Rubel rollen für die Liebe

Redlight Street #139

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Endlich hat Jörg sein Studium erfolgreich beendet und freut sich auf die Zusammenarbeit mit seinem Vater. Doch daraus wird nichts, denn sein Vater macht gerade eine Entziehungskur. Außerdem hat er eine Menge Schulden. Das bedeutet, dass sein Vater – einst ein guter Anwalt – schon lange keine Klienten mehr hatte. Nun ist guter Rat teuer.

Doch plötzlich steht Lilli in der Kanzlei – und durch sie wird alles anders, als er es sich je erträumt hat.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Er konnte die Sache noch so gründlich von allen Seiten beleuchten, ein anderes Ergebnis kam nicht heraus. Mit einem Wort, er war pleite, musste also Konkurs anmelden. Das allein war schon zum Weinen.

Da hatte man so fleißig gelernt, auf alles Rücksicht genommen, sich fast nie einen Spaß erlaubt, hatte sein Diplom erhalten, war mit frischem Mut an die Arbeit gegangen, aber leider ging die Arbeit gar nicht so richtig los.

Auf der Uni hatten sie ihn alle beneidet und gesagt: »Du kannst ja gar nichts sagen, du hast es ja viel besser, erbst von deinem Alten eine gute Praxis. Da werden schon ein paar hübsche Fälle in der Schublade liegen, und du kannst gleich aus dem Vollen leben, mein Lieber. Aber wir müssen uns erst mühselig zurechtfinden.«

Er hatte nie damit angegeben, nein, das konnte man auch nicht sagen. Die Tatsachen lagen nun mal so und es war schon immer sein Wunsch gewesen, mit dem Vater zusammenzuarbeiten. Dann, im Frühjahr hatte er es geschafft.

Den ersten Schock bekam er, als man ihm sagte, sein Vater sei unpässlich. Jetzt konnte er noch bitter auflachen, wenn er daran dachte, dass er so naiv gewesen war und es geglaubt hatte.

»Aber dann muss ich gleich zu ihm. Bestimmt wartet er schon auf mich.«

»Nein, nein, gehen Sie zuerst in die Praxis! Versuchen Sie dort ein wenig Ordnung zu schaffen!«

Sein Vater war Anwalt, wie er. Als Junge war er gern in den Praxisräumen herumgestreunt. Die Sekretärinnen und Anwaltsgehilfen waren sehr nett zu ihm gewesen. Wie gut konnte er sich noch an die vergangene Zeit erinnern. Sicher, er hatte lange keine Gelegenheit gehabt, sie zu besuchen. Das lag eigentlich nicht an ihm, er hatte ja ein brennendes Interesse daran. Aber der Vater hatte immer abgewinkt.

»Jetzt hast du Ferien, die genießen wir und wollen uns nicht mit Arbeit belasten, Junge.«

Er musste zugeben, er war ein wenig schwächlich, nein, das war nicht das richtige Wort. Zu nachgiebig!

So hatte ihn also fast der Schlag getroffen, als er in die Praxisräume kam. Von Sekretärinnen war nichts mehr zu sehen, nicht mal eine besaß er noch, Anwaltsgehilfen auch nicht. Und die Räume wirkten irgendwie verlassen, dumpf, tot! Schaudernd ging er herum und besah sich die alten Akten. Dicker Staub lag darauf.

Er ging zum Schreibtisch seines Vaters und setzte sich auf dessen Stuhl. Eine Mappe, die Postmappe lag vor ihm. Unwillkürlich hob er den Deckel. Die Briefmarkenmappe. Drei Fünfzigpfennigmarken lagen nur darin herum. Auch jetzt erkannte er noch nicht die Zusammenhänge, aber ganz langsam merkte er, dass man in diesen Räumen schon lange nicht mehr gearbeitet hatte. Wie ging das an? Unten war doch noch das Schild an der Hausecke!

Nein, jetzt musste er unbedingt seinen Vater sprechen. Er musste ihn über die laufenden Fälle ausfragen und vieles mehr. Vielleicht war das alles wegen seiner Krankheit so geworden?

Er nahm seinen Hut vom Haken und verließ die Praxis. In dem kleinen Sanatorium wollte man ihn erst gar nicht vorlassen. Sein Vater wünsche es nicht, sagte ihm die Schwester.

Er war sprachlos.

»Ich wünsche den Professor zu sprechen«, sagte er wütend.

Während die Schwester davontrippelte, kam ein junger Mann zu ihm und wisperte ihm mit heißem Atem ins Ohr: »Kumpel, hast du vielleicht ein kleines Schlückchen für mich? Nur ein ganz kleines? Rasch, sonst kommt der Donnerdrachen zurück, und dann geht es nicht mehr.«

Sprachlos starrte er in die gierigen Augen des Mannes. Kein Zweifel, es war ein Patient, aber wohin war sein Vater geraten? Hatte er ihm nicht geschrieben, er habe einen Autounfall gehabt?

Dann kam der Professor, und der junge Mann hastete den Gang entlang. Kühl sagte der junge Anwalt, dass er seinen Vater unbedingt sprechen müsse, wegen der Fälle.

»Nun ja, das kann ich gut verstehen. Ich weiß, Ihr Vater hat selbst angeordnet, dass er im Augenblick niemanden sehen möchte.«

»Ich bin sein Sohn!«

»Gut, kommen Sie, aber auf Ihre Verantwortung!«

Jörg Heimlich, denn so hieß der junge Anwalt, hielt den Arzt am Ärmel fest.

»Sagen Sie mir, war der Unfall denn wirklich so schlimm?«

»Sie meinen den Autounfall?«

»Ja, natürlich.«

»Ach Gott, das war nicht so schwierig, es hätte viel schlimmer sein können.«

Dann standen sie im Zimmer seines Vaters. Und in diesem Augenblick begriff er alles. Sein Vater hielt sich zu einer Entziehungskur hier auf, er war wegen Volltrunkenheit auf die Straße gefallen. Fast hätte ihn ein Laster überrollt.

Jörg schluckte und schluckte. Ihm kamen fast die Tränen. Tapfer hielt sich der brave Junge.

»Ich werde mich um alles kümmern«, würgte er hervor.

»Ich habe auch nichts anderes erwartet«, sagte sein Vater.

Jörki, wie er von seinen Freunden genannt wurde, brauchte jetzt nicht mehr viel Zeit, um zu erfahren, dass sein Vater nach dem Tod der Mutter ein ziemlich flottes Leben geführt hatte. Damals hatte er ja auch wirklich gute Einnahmen gehabt, war ein vielbeschäftigter Anwalt gewesen. Aber das war nun schon eine ziemlich lange Zeit her.

Fünf Tage später saß also der Jörki, eine Zierde der Hochschule, ein tolles Ass, auf dem Stuhl des Vaters, sichtete die paar Fälle und stellte fest, dass er davon mit knapper Not noch die Miete bezahlen konnte. Das Telefon war ihm schon gesperrt worden. Außerdem musste er für die vielen Schulden des Vaters aufkommen. Das hatte er sich vorgenommen. Aber wie er das schaffen sollte, ohne Fälle, das war ihm im Augenblick auch noch nicht klar.

Sämtliche Kniffe und Rechtslagen hatte man ihm auf der Uni beigebracht, aber man hatte dem angehenden Anwalt nicht erklärt, wie man zu Klienten kam. Schließlich konnte er ja nicht auf die Straße gehen und sie mit einem Lasso einfangen. Dabei brauchte er sie so dringend.

Da saß er nun Stunde um Stunde am Schreibtisch, atmete Staub ein und war versessen auf Arbeit.

Am siebten Tag fühlte er dumpf, so ging das nicht weiter. Das Auto hatte er schon abmelden müssen, er besaß gerade noch so viel Kleingeld in der Tasche, dass er sich davon ein Paar heiße Würstchen kaufen konnte. Einen Kredit bekam er vorläufig auch nicht. Man kannte ja den Vater, und man wusste noch nicht, woran man mit dem Sohn war. Dass er alles zurückzahlen wollte, nun, das sagten so viele Kunden.

»Wenn Sie bei uns ein laufendes Konto haben, dann ja, aber im Augenblick ... Sie verstehen?«

Er verstand.

Jörki dachte daran, bei einem angesehenen Anwalt der Stadt in Lohn und Brot zu gehen. Er hätte auch sofort eine Stelle bekommen, aber er wusste, dann würde er sich für alle Zeiten verkaufen.

Es würde ihm wohl kaum gelingen, sich danach jemals selbständig zu machen. Und er hatte davon geträumt, den Armen und Entrechteten zu helfen.

Fast kamen ihm die Tränen, als er so da am Schreibtisch saß und vor sich hin grübelte. Außerdem, wenn er sich anstellen ließ, würde er nicht genug Geld verdienen, um die Schulden seines Vaters zu begleichen, er müsste finden Rest seines Lebens daran abzahlen.

Seine Gedanken gingen schon dahin, sich das Leben zu nehmen. Er war vom Schicksal betrogen worden. Lachhaft ist das, dachte er bitter. Die kostspielige Ausbildung, wozu ist die jetzt noch gut? Davon hätte ich viele Jahre glücklich leben können. Ach du meine Güte, das ist ein harter Schlag!

Vielleicht hätte er sich wirklich erhängt, aber er fand noch nicht mal ein Stück Schnur in dieser verkommenen Anwaltskanzlei. Und der Hunger plagte ihn wie verrückt.

Da klingelte es an der Tür!

 

 

2

Jörki zuckte zusammen. Bestimmt war da wieder einer, der Geld haben wollte. Seit es sich herumgesprochen hatte, dass der Sohn die Praxis übernommen hatte, kam man, um seine Forderungen zu stellen. Das Klingeln wurde noch stürmischer. Er konnte den Gläubigern doch nicht entfliehen, darum schrie er: »Die Tür ist nicht abgeschlossen.«

Rums, wurde sie auch schon aufgerissen. Eine Frau kam hereingewirbelt. Atemlos blieb sie vor dem Schreibtisch stehen.

»Ich habe mich verspätet, es tut mir leid, aber mein Frisör, ich konnte doch unmöglich ...«

Jörki blickte sie an, begriff sofort, dass sie zum Anwalt auf der anderen Straßenseite bestellt war. Wahrscheinlich hatte sie sich telefonisch einen Termin geben lassen, und in der Eile hatte sie sich vertan. Sollte er jetzt so korrekt sein und sie darauf aufmerksam machen? Aber sie war so gut gekleidet, und der Schmuck!

Eine Klientin!

Er brauchte sich nicht zu erhängen, auch nicht zu verhungern, meine Güte!

Rasch sprang er auf, bot ihr einen Stuhl an, wischte hastig mit dem Ärmel über die Lehne und blickte sie dann erwartungsvoll an.

»Und jetzt erzählen Sie mir mal alles!«

Sie ließ sich auf den Stuhl plumpsen, die mittelblonden, halblangen Haare waren in wilder, köstlicher Unordnung. Sie war eine hübsche Frau, wenn auch älter als unser Jörki, aber sie hatte das gewisse Etwas. Der arme Jörki, das muss hier gesagt werden, hatte so gar keine Erfahrungen in der Liebe. Gewissenhaft hatte er studiert und sich um die kleinen Mädchen nie gekümmert, er war, im Gegensatz zu seinem Vater, schrecklich schüchtern.

»Ach, es ist ja alles so schrecklich«, heulte sie los.

Jörki zuckte zusammen.

»Gnädige Frau«, stammelte er, »was ist denn geschehen, so beruhigen Sie sich doch!«

»Ich will mich aber nicht beruhigen, und dieser Schuft, das sage ich Ihnen, wenn Sie es ihm nicht ganz dicke geben, wirklich, dann weiß ich nicht mehr weiter.«

Solche Fälle hatten sie nie durchgenommen. Jörki war ratlos. Verzweifelt überlegte er, was er jetzt sagen sollte.

»Haben Sie einen Schnaps?«, fragte die Klientin schluchzend.

Um überhaupt etwas zu tun zu haben, stand er geflissentlich auf und ging zum Schrank in der Ecke. Ein Wunder, dort stand wirklich eine Flasche echter französischer Kognak. Zwei Gläser fand er auch, spülte sie schnell aus und kam zum Schreibtisch zurück.

Die Frau hatte einen guten Zug. Er trank sich Mut an.

»Ich sehe schon, Sie verstehen mich richtig«, lispelte sie, wischte sich die Wimpertusche fort und blickte ihn hinreißend an. Sie hatte wunderschöne braune Augen. »Sie wissen ja gar nicht, was ich alles durchmachen muss, wie er mich behandelt.«

Wieder kippte sie schnell ein Gläschen hinunter, Jörki ebenfalls, denn er hatte, um ehrlich zu sein, richtig weiche Knie, so mulmig war ihm.

»Ach, ich muss ihnen mal die brutale Behandlung vormachen, sonst verstehen Sie mich gar nicht.«

Die Frau erhob sich, kam um den Schreibtisch herum, zog wie verrückt an seiner besten Jacke und demonstrierte so, wie hart ihr Mann sie angefasst hatte. »Ich habe die Hölle auf Erden, niemand versteht mich, ich bin ja so unglücklich, sehne mich nur nach ein wenig Liebe, Sie wissen ja gar nicht wie scheußlich das ist.«

Ehe er sich versah, saß sie auf seinem Schoß und strich ihm über die Wange und blickte ihn hingebungsvoll an. Er hätte ihr das verbieten müssen, ganz gewiss, aber er brachte es einfach nicht übers Herz, diese unglückliche Frau von seinem Schoß zu stoßen.

Als sie dann noch stammelte: »Und niemand ist da, der mich versteht, der ein wenig Mitleid mit mir hat, ach, Sie wissen ja gar nicht, was das bedeutet«, schwand sein Widerstand völlig.

Er wusste nur eins, im Augenblick musste er dieses arme Geschöpf erst einmal trösten, danach konnten sie sich dann in Ruhe zusammensetzen und über die Scheidung sprechen.

Jörki hatte wie gesagt keine Erfahrung in der Liebe, denn dann hätte er wohl gewusst, dass es nie gut ist, jemanden in dieser Verfassung trösten zu wollen.

Die Frau bemerkte seine Naivität sofort, und als er mit seinen Bemühungen aufhören wollte, wusste sie das geschickt zu verhindern. Der Alkohol tat dann auch noch seine Wirkung. Außerdem war sie ein entzückendes Geschöpf. Wenn Jörki auch keine Erfahrung hatte, so hieß das noch lange nicht, dass er auf Frauen verzichten konnte. Ja, er war auch ausgehungert, und so blieb es nicht aus, dass man sich irgendwann auf dem lederbezogenen Besuchssofa wiederfand.

Nackt!

Die Leidenschaft hatte ihn übermannt, sie hatten sich einander hingegeben. Als er wieder klar denken konnte, war er so geschockt, so verstört, dass er sich gründlich zu schämen begann. In dieser Verfassung wagte er auch nicht, der Frau in die Augen zu blicken. Außerdem hatte er das Bedürfnis, sich frisch zu machen, um wieder einigermaßen anständig auszusehen. Dabei hielt er sich ziemlich lange auf, er versuchte verzweifelt seine Fassung wiederzugewinnen, was auch nicht so einfach war. Er starrte sich im Spiegel an, verfluchte sich selbst, nahm dann Haltung an und sagte laut: »Jörki, was hast du nur angestellt! Wenn sie dich jetzt verklagt - denn so etwas tut man nicht, mit einer Klientin schlafen -, dann hast du dir das selbst zuzuschreiben. Du hast auf der ganzen Linie versagt.«

Jetzt musste er endlich das kleine Bad verlassen und zu ihr gehen.

 

 

3

Als er vorsichtig um die Ecke lugte, war die Frau verschwunden. Einen kurzen Augenblick lang war er unendlich erleichtert. Aber dann verfluchte er sich selbst. Jetzt wusste er noch nicht mal ihren Namen. Er konnte ihr weder schreiben noch sie von einer Telefonzelle aus anrufen.

Er hatte durch seine Dummheit seine einzige Klientin verscheucht!

Bestimmt saß sie schon drüben beim Kollegen und erzählte diesem, was ihr auf der anderen Straßenseite passiert war. Bei diesem Gedanken wurde ihm fast schwindlig, und er fühlte sich so elend, so ausgehöhlt. Nein, er war wirklich ein richtiger Versager!

Langsam drehte er sich um.

Auf dem Schreibtisch stand noch die Flasche. Halb voll! Er brauchte jetzt auch einen Tröster, der Cognac war genau das Richtige für ihn. Erschöpft schleppte er sich zu dieser Flasche. Erst als er sie zur Hand nehmen wollte, sah er einen Zettel dort liegen. Es stand nur ein Satz darauf geschrieben: »Für die wirklich wundervolle Tröstung!«

Unter dem Blatt lag ein Scheck. Zweihundert Mark!

Jörki starrte diesen Scheck fassungslos an. Zuerst sagte er sich: Das ist das Anfangshonorar für seine Arbeit, denn sie will sich doch scheiden lassen.

Aber dieser Satz! Er begriff nicht!

Nur eines wusste er, das Geld sollte ihm gehören. Zweihundert Mark, damit konnte er fast vierzehn Tage auskommen, brauchte sich also nicht sofort das Leben zu nehmen.

Er war noch immer geschockt, dass sie ihm Geld gegeben hatte, aber bestimmt hatte sich die Dame geirrt, natürlich sollte es ein Honorar für die Beratung sein.

Jörki fühlte, wie sein Magen aufbegehrte. Der Schnaps war wohl keine gute Lösung, wenn man vorher nichts gegessen hatte. Sein Verstand begann wieder zu arbeiten.

Er musste jetzt nur eine Bank finden, bei der sein Vater noch keine Schulden hatte, die würde ihm das Geld auszahlen. Er nahm seinen Hut, schloss ab und spazierte die Straße hinunter. Bald hatte er auch tatsächlich eine kleine Zweigstelle gefunden, dort kannte man ihn nicht. Nach wenigen Minuten zahlte man ihm das Geld aus. Er fühlte sich wie ein Krösus. Die Scheine knisterten in seiner Brieftasche!

Mein Gott, er musste heute nicht mehr Würstchen und Kartoffelsalat bestellen, er konnte richtig essen gehen! Das war einfach umwerfend, himmlisch war das!

Wirklich, der liebe Gott hatte ihn noch nicht vergessen. In seiner größten Not hatte er ihm diese unglückliche Frau geschickt. Ja, er würde für sie wie ein Löwe kämpfen, ihren widerwärtigen Mann würde er wie eine Wanze zerdrücken, natürlich rein juristisch gesehen.

Wenig später saß er in einem Lokal und studierte die Speisekarte. Er wusste ja nicht, wann ihn seine nächste Klientin aufsuchte, also musste er haushalten.

Aber schon die einfache Mahlzeit, die er sich bestellte, war für ihn köstlich. Das Leben wirkte wieder hübscher, rosiger, schöner. Er leistete sich sogar ein Bier, denn er war ein wenig ausgelaugt von der Tröstung.

 

 

4

Jörki saß an seinem Schreibtisch und glaubte an das Gute im Menschen. Mit Recht sagte er sich, dass sich ja noch mehr Klienten verlaufen könnten. Vielleicht sollte man auch ein wenig nachhelfen. Den Gedanken an eine Fallgrube vor dem Haus seines Konkurrenten verwarf er sofort. Er würde von der Stadt bestimmt keine Genehmigung dazu erhalten.

Den Weg markieren?

Zuerst einmal ging er nach unten und putzte mit Sidolin sein Schild. Dies tat er in der frühen Morgendämmerung, damit ihn niemand dabei beobachten konnte. Jetzt hockte er also nun schon seit Stunden in seinem Büro. Staub gewischt hatte er auch. Morgen war Markt, dann wollte er sich auch ein paar Blümchen kaufen. Die hundertfünfzig Mark, die er noch besaß, machten ihn etwas tollkühn.

Außerdem träumte er von dieser Frau. Sie war wirklich nicht schlecht. Vielleicht konnte man die Scheidung hinziehen, sie oft bestellen, um gründlich alles zu erforschen. Zumindest musste sie ausgiebig getröstet werden.

Ob er sich auch einen Schnapsvorrat zulegen sollte? Aber dann schüttelte er sich. Nein, dann würde er womöglich wie sein Vater im Sanatorium landen, und das hatte er ganz bestimmt nicht vor.

Die Stunden krochen sehr langsam dahin.

Elf Uhr!

Alles blieb still. Langsam verließ ihn der Mut. Er sagte sich nach einer weiteren Stunde: Jetzt wird niemand mehr kommen. Schon erhob er sich und wollte das Büro verlassen. Ihm war nämlich der Gedanke gekommen, man könne sich ja auch mal im Gericht blicken lassen. Gewiss würde das einen guten Eindruck machen.

Da klopfte es laut an seiner Tür!

Wieselflink rutschte er hinter den Schreibtisch und rief laut: »Bitte eintreten, die Tür ist offen.«

Eine junge Frau mit roten Haaren betrat sein Büro. Sie war um die vierzig. Jörki brachte es gerade auf achtundzwanzig, aber für einen Anwalt war es ja gleichgültig, wie alt er war, Hauptsache er war gut.

Er kannte die Frau nicht. Sie tänzelte ihm entgegen, schnurrte dabei wie eine Mietzekatze.

»Ach, sind Sie der Anwalt, der meine Freundin so herrlich getröstet hat? Sie hat es auch wirklich nicht leicht. Es muss hervorragend gewesen sein, welche Tröstungen sie ihr angedeihen ließen. Wirklich, sie ist ganz aufgeblüht.«

Er schluckte und blickte sie verblüfft an.

»Sie hat mit Ihnen gesprochen?«

»Aber natürlich«, sagte sie strahlend. »Sie glauben gar nicht, wie entzückt ich war, denn Sie müssen wissen, ich trage auch an einem schweren Leid. Dieses Leben, es ist ja kaum zum Aushalten, mein Herr.« Sie kam ihm beträchtlich näher, sah ihn schmachtend an. Ihr teures Parfüm brachte ihn fast um den Verstand.

»Hören Sie ...«, gurgelte er.

»Aber, aber«, sie kraulte ihn hinter dem rechten Ohr. »Ich habe zu meiner Freundin Lilli gesagt, also, diesen wundervollen Menschen muss ich mir auch ansehen. Und da bin ich!«

Er hatte noch immer nicht begriffen.

»Wollen Sie sich auch scheiden lassen?«

Sie zuckte unwillkürlich zurück.

»Scheiden, ich? Sind Sie wahnsinnig, dann habe ich es ja nicht mehr so gut. Damit wir uns richtig verstehen, ich befinde mich im Augenblick beim Frisör. Keine Sorge, der weiß Bescheid, wenn man anruft.«

»Aber weswegen sind Sie denn zu mir gekommen, wenn Sie sich in einer Scheidungssache nicht beraten lassen wollen?«

»Weil ich Trost brauche, liebes Anwältchen, wirklich, so wie Lilli. Man kann doch auch in anderen Lebenslagen unglücklich sein. Sie dürfen mir den Trost nicht verweigern.«

Jetzt hatte er begriffen! Langsam schwoll ihm der Kamm.

Diese Person, diese Lilli, hatte die Unverschämtheit besessen und alles der Freundin erzählt. Und jetzt war die hier und wollte ihn wohl erpressen. Das war einfach die Höhe, so etwas war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert. Das war ja ... Sollte er vielleicht sofort die Polizei einschalten?

So weit war er in seinen Betrachtungen gekommen, als zwei blaue Geldscheine auf seinen Schreibtisch purzelten. Seine Augen saugten sich daran fest.

»Das ist doch Ihr Honorar, nicht wahr, Anwältchen?«

Langsam begann er richtig zu begreifen. Sie war nicht gekommen, um ihn zu erpressen, das hatte sie bestimmt auch gar nicht nötig, sondern sie wollte ein kleines wildes Abenteuer und wollte auch dafür bezahlen. Wahrscheinlich, damit sie dann nicht von ihm erpresst wurde. Der Gatte glaubte sie also beim Frisör.

Sein erster Impuls war, ich schmeiß das Luder raus. Also, so einer bin ich nicht. Gestern, nun ja, das war ein kleiner Ausrutscher, aber jetzt?

Zweihundert Mark! Wenn er sich anstrengte, konnte sie in einer Stunde schon wieder draußen sein. Dann konnte er sich auch wieder ein Telefon leisten.

Sie war hingerissen, glaubte, er sei schüchtern, weil er noch immer keine Anstalten machte, sich ihr zu nähern. Für einen kurzen Augenblick packten ihn moralische Bedenken. Der gehörnte Ehemann fiel ihm auf einmal ein.

Aber dann siegten die beiden blauen Scheine!

Er drehte sich um.

Sie hatte den Mantel schon ausgezogen, die Bluse aufgeknöpft. Sie war schon so erregt, dass er bei ihr den Schnaps sparen konnte.

Sie war eine wunderbare Geliebte, voller Leidenschaft und Glut. Er hatte nur Bedenken, dass das alte Sofa es nicht mehr aushalten konnte. Er würde Geld sparen und ein neues kaufen, dies hier war einfach zu eng.

Die Frau quietschte, lachte und girrte und war einfach toll. Himmlisch nannte sie ihn, und er steigerte sich noch mehr. Von der Schüchternheit war nicht mehr viel vorhanden. Er war rasend. Der Gedanke, ich kann mich gratis austoben, ach was, ich krieg sogar noch Geld dafür, machte ihn so lustig. Wie eine männliche Nutte, dachte er zwischendurch, verwarf aber wieder den Gedanken, weil er sich auf die Frau konzentrieren musste.

Eine Dreiviertelstunde, dann war alles vorbei. Er wankte in das kleine Bad, wusch sich, zog sich wieder an. Als er aus dem Bad herauskam, saß Erika vor dem Schreibtisch.

Verblüfft riss er die Augen auf.

»Wer sind Sie denn? Ich hab Sie ja gar nicht reinkommen sehen!«

»Sie waren da drinnen«, sagte sie zuckersüß. »Ich bin Erika, die Freundin von Maren.«

»Maren?«

»Die gerade fort ist. Sie hatte ganz blanke Augen. Ich hab unten im Wagen solange gewartet. Wir haben nämlich geknobelt, müssen Sie wissen.«

»Tatsächlich? Weshalb denn?«

»Ja, wer zuerst raufgehen darf!« Sie lachte perlend. Achtlos warf sie ihren Zobelmantel über den nächsten Stuhl.

»Zu mir rauf?«

»Aber ja, ich habe verloren, aber jetzt bin ich hier.« Damit zauberte sie aus ihrer Umhängetasche eine Flasche Wodka. »Na?« Ihre Augen glitzerten.

Jörki hielt sich an der Schreibtischkante fest und schüttelte sich.

»Ich verstehe das nicht«, stieß er heiser hervor. »Können Sie mir das noch einmal erklären? Ganz langsam?«

Sie kam näher. Ihr Parfüm war genauso aufregend.

»Sie verstehen das wirklich nicht?«

»Nein!«

»Lilli hat uns Freundinnen gestern angerufen und von ihrem herrlichen Tröster erzählt. Das ist die ganze Geschichte. Sie hat nichts dagegen, dass wir auch hierherkommen.«

»Ihre Freundinnen?«

»Aber ja, alle, damit sich keine zurückgesetzt fühlt«, sagte Erika lachend und rutschte auf seinen Schoß.

Er blickte in die meergrünen Augen, fühlte ein leises Beben in seinen Lenden.

»Wwwie viele Freundinnen hat Lilli denn?«

»Fünfzehn!«

»O Gott«, sagt er unwillkürlich.

Sie küsste ihn zum ersten Mal.

»Süßer, wir kommen doch nicht alle heute, nein, so grausam sind wir auch nicht. Wir haben gestern auch schon geknobelt.«

»Warum? Knobeln Sie gerne?«

»Du kleiner Schäker!«, sagte sie heiter. »Aber nein, wir wollen keinen Streit, verstehst du? Darum haben wir uns gesagt, wir dürfen den Tröster nicht überbelasten, das ist nicht gut, dann haben wir ihn nicht lange. Also haben wir ausgemacht, jeden Tag kommen nur drei.«

»Oh«, sagte er.

»Das ist doch gut gedacht, nicht?«

Abermals heiße Küsse. Seine Männlichkeit ließ sich nicht mehr verbergen. Sie bemerkte es und kicherte entzückt auf.

»Du bist herrlich, wirklich. Du meine Güte, was haben wir danach gelechzt. Und das hier in der Stadt! Jetzt müssen wir nicht mehr nach Hamburg!«

Jörki riss die Augen auf.

»Hamburg, wieso müssen Sie nach Hamburg?«

Sie machte einen Schmollmund.

»Also, das ist so, ein Mann, der kann sich in jedem Kaff und sogar auf dem Land vergnügen, aber an uns Frauen denkt man so selten. Aber wir haben auch Gefühle und wollen glücklich sein, verstehst du?«

»Früher nannte man das den Hausfreund!«

»Nein, das ist viel zu riskant, das geht nicht, also sind wir immer nach Hamburg gefahren. Aber so einfach war das gar nicht, immer einen triftigen Grund zu finden, den unsere Männer auch glaubten. Das alles brauchen wir ja jetzt nicht mehr. Deine Tarnung ist wirklich toll! Auf die Idee wär ich nicht mal gekommen. Wenn mich also mein Mann mal zufällig hier aus dem Haus kommen sieht, dann sag ich ihm, ich hätte einen Unfall gehabt und hätte mich von einem Anwalt beraten lassen.«

»Du bist wirklich süß, du denkst auch an alles!«

Jörki Heimlich war fast blaurot im Gesicht, so regte er sich auf.

»Ich bin Anwalt«, sagte er in schneidendem Ton.

Die junge Frau sah ihn aufmerksam an, dann lachte sie herzlich auf.

»Wirklich? Mit abgeschlossenem Studium und so?«

»Ja!«

Daraufhin wurde er sogar noch stürmischer geküsst.

»Herrlich, nein, das ist wirklich zu süß, das muss ich nachher sofort meinen Freundinnen erzählen.« Sie wurde wilder.

Jörki blickte sie an, schluckte, aber sie hatte verstanden, wenn er auch noch immer nicht alles vollkommen begriff. Doch da lagen schon wieder zwei blaue Scheinchen auf dem Schreibtisch.

Langsam packte ihn die Angst.

Waren das nicht schon vielleicht Wahnvorstellungen? In den letzten Tagen hatte er nur ständig an Geld gedacht, also narrten ihn jetzt seine Augen, und er sah überall Geld.

Sie sah seine Reaktion und sagte ganz ruhig: »Oder ist dein Preis schon gestiegen? Hör mal, zuerst will ich es noch für die alte Gebühr, ich meine, wenn du wirklich Zucker bist, dann leg ich das nächste Mal gern etwas zu.«

Sie sah ihn als käufliches Lustobjekt an, und nicht nur sie, sondern fünfzehn Freundinnen!

Seine Männlichkeit wollte jetzt nicht mehr warten, sondern Spaß machen. Das musste erst erledigt werden.

Wieder eine halbe Stunde später!

Nach dem letzten glücklichen Seufzer hatte er noch eine Frage an Erika: »Ist die nächste Freundin auch schon unten?«

Seine Stimme klang schon ein wenig abgekämpft. Zwei Damen hintereinander in so kurzer Zeit, das war gar nicht so einfach. Vor allen Dingen, weil sie richtig wild darauf waren, dass er sie ziemlich stürmisch nahm. Erika schüttelte den Kopf.

»Sie musste wirklich zum Frisör. Man kann doch nicht wie eine Vogelscheuche bei dir auftauchen, das siehst du doch auch ein, nicht wahr?«

»Natürlich«, sagte er. Schließlich waren ihm gepflegte Damen auch lieber.

»Sie geht dafür heute Nachmittag zum Arzt.«

»Ach, dann kann sie also gar nicht kommen?«

»Süßer, der Arzt bist doch du! Das ist doch nur ihre Ausrede.«

»Ach so, jetzt begreife ich. Du liebe Güte, ein wenig kompliziert, was?«

»Nein, denn wenn unsere Männer etwas merken, lassen die sich doch scheiden, aber das wollen wir wiederum nicht. Weißt du, man hat sich langsam an sie gewöhnt, und wir haben doch auch so unseren Spaß, man muss nur die Spielregeln beachten.«

»Das sehe ich ein.«

Sie hatte sich den Zobelmantel wieder übergeworfen.

»Jetzt muss ich mich aber beeilen. Bestimmt ist die Parkuhr abgelaufen. Wenn wir einen Strafzettel kriegen, kannst du uns ja verteidigen, Süßer«, kicherte sie.

Er konnte gar nicht mehr antworten. Fort war sie!

 

 

5

Jörki saß an seinem Schreibtisch, ein wenig abgekämpft! Seit heute Morgen war schrecklich viel passiert. Er wollte sich als Anwalt einen guten Namen machen, das war sein fester Wille gewesen. Durch irgendwelche dummen Zufälle war er an diese Lilli geraten. Damit war der Stein ins Rollen gekommen. Er brauchte sich nur den Aktenordner mit den Rechnungen seines Vaters zu holen, dann wurde er schon nüchtern.

Was hatte diese Erika gesagt: »Wir sind fünfzehn Freundinnen.«

Jeden Tag drei, das heißt, sechshundert Mark pro Tag! Ihm schwindelte fast. Sicher, die fünfzehn waren schnell aufgebraucht, aber sie würden doch bestimmt regelmäßig einmal die Woche wiederkommen, und wenn sie das taten, hatte er ein festes Einkommen. Er würde dann nicht nur schnell die Schulden los sein, nein, er würde sogar ein üppiges Leben führen können.

Er stand auf und stellte sich ans Fenster.

Sechshundert pro Tag, in zehn Tagen sechstausend, in dreißig Tagen achtzehntausend Mark! Ihm wurde fast schwindelig. Nein, so viel konnte man damit verdienen?

Und in dieser Sekunde wusste er eins: Er stand vor der Wahl, entweder Anwalt zu bleiben, seriös, mit allem Drum und Dran, dann durfte er aber nicht mehr mit den Klientinnen schlafen, aber das hieß dann auch, in wenigen Tagen seinen Konkurs anmelden, oder er ging jetzt der käuflichen Liebe nach. Das hatte sehr, sehr viele Vorteile. Er verdiente wahnsinnig viel Geld, hatte immer andere Frauen, davon träumten die anderen Männer ja nur, und er wurde dafür noch bezahlt. Brauchte also noch nicht mal um ihre Gunst zu werben und umgekehrt für sie Geld auszugeben. Er brauchte nicht mal zu heiraten, schön blöd müsste er sein, achtzehntausend Mark in den Kamin schreiben, nein. Sobald die Schulden bezahlt waren, würde er auch etwas auf die Bank bringen. Und dann, im hohen Alter - es war ja möglich, dass das Geschäft dann nicht mehr so gut lief - konnte er ja noch immer Anwalt werden. Dann besaß er so viel Geld, dass er sich in einer Großstadt eine herrliche Praxis einrichten konnte, als Staranwalt, mit vielen Angestellten.

Für ihn sah in diesem Augenblick die Zukunft gar nicht mehr so düster aus wie noch vor ein paar Tagen, ganz im Gegenteil! Zwar hatte er wieder moralische Bedenken. Er sagte sich jedoch: Ich muss mich nur daran gewöhnen, dann werd ich das auch nicht mehr haben. Ein paar Wochen, und ich werde meinen Job ganz normal finden.

Soweit war er in seinen Betrachtungen gekommen, als es an seiner Tür kräftig klopfte.

Jörki schrak zusammen. Schließlich hatte er heute Morgen schon eine Menge geleistet, und nun wollte er fürstlich speisen gehen. Denn er musste sich jetzt fit halten. Er verhielt sich ganz still, hoffte, dass die wilde Frau dann wieder ging.

»Ist da niemand?«, hörte er da eine männliche Stimme.

Jörki durchquerte sein Büro und riss die Tür auf. Vor ihm standen zwei Möbelpacker.

»Was ist denn?«, herrschte er sie an.

»Wir wollen hier etwas abgeben. Wenn Sie hier bitte unterschreiben wollen, dann bringen wir es gleich rauf.«

»Das muss ein Missverständnis sein, ich habe nichts bestellt«

»Ist das hier Ritterstraße fünf?«

»Ja!«

»Heißen Sie Jörg Heimlich und sind Anwalt?«

»Ja!«

»Dann sind wir richtig. Wir bringen es jetzt herauf, und Sie brauchen nur zu unterschreiben, mehr nicht.«

»Was bringen Sie denn rauf?«, wollte Jörki wissen.

»Da muss ich erst auf dem Lieferschein nachsehen. Aha, hier steht’s, eine Liege!«

»Ja, aber wer schickt mir denn das Ding? Ich habe sie nicht bestellt.«

»Hier steht nur ein Vorname, Lilli, mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen.«

Jörki musste heftig schlucken, und sein Adamsapfel rutschte dabei rauf und runter.

»Hören Sie mal«, sagte der Mann, »wir müssen noch weiter! Also wollen Sie jetzt das Ding oder nicht? Zeigen Sie uns, wo wir es hinstellen sollen, oder wir lassen es unten auf der Straße stehen. Dann können Sie selbst zusehen, wie Sie die Liege hier raufkriegen.«

Jörki dachte: Das muss wohl so etwas wie Gedankenübertragung gewesen sein, anders kann ich mir das nicht vorstellen. Nun, dann brauche ich nicht selber loszugehen und eine zu kaufen. Aber so schnell sollte es auch wieder nicht sein.

»Gut, bringen Sie das Ding herauf! Ich mache inzwischen dafür Platz.«

Er rückte einen kleinen Aktenschrank zur Seite, dann musste der Sessel dem neuen Stück weichen. Jetzt hatte er einen schönen Platz, nicht zu nah am Fenster. Man konnte ja nie wissen, ob man vom Haus gegenüber nicht hereinschauen konnte.

Wenig später kamen die beiden Männer mit der Liege heraufgekeucht. Sie stellten sie ab, und dann reichten sie ihm den Zettel, damit er die Lieferung quittieren konnte. Jörki sah erst in diesem Augenblick, dass die Liege schon bezahlt war. Unwillkürlich strich ein sanftes Rot über seine Wangen. Aber die beiden Möbelpacker wussten ja nichts.

Er unterschrieb und gab ihnen den Zettel zurück.

Sie blieben noch stehen.

Im ersten Augenblick wunderte er sich darüber, aber dann fiel ihm ein, dass sie von ihm ein Trinkgeld erwarteten. Und der Gedanke, dass er die Liege sogar umsonst erhalten hatte, verleitete ihn zur Großzügigkeit.

»Dank auch schön. Ist ein schönes Stück, wirklich, werden Sie bestimmt viel Spaß mit haben.«

Er begleitete sie zur Tür. Dann ging er zurück und nahm die Umhüllung ab. Streublümchen auf rosa Untergrund. Jörki musste ein paarmal heftig schlucken. Das Möbelstück hätte sich in einem Damenzimmer gut ausgenommen. Aber hier in seinem Büro!

Zumindest war es bequem, daran war nicht zu zweifeln. Trotzdem, so gerne hatte er das auch wieder nicht, dass Damen ihm Geschenke machten.

Aber dann knurrte sein Magen, und er ging erst einmal fort. In der Eckkneipe stieß er auf seinen Kollegen von gegenüber. Der sah müde und ein wenig erschöpft aus. Der Arme hatte wohl schrecklich viel zu tun.

»Wie geht es Ihrem Vater?«, fragte er höflich.

Jörki war ja nicht dumm und wusste gleich, dass er ihm damit einen Stich versetzen wollte. Es klang, als habe er schon Angst, der junge Anwalt könne ihm Klienten abspenstig machen. Mit anderen Worten, er sollte sich also darüber ärgern. Aber diesem Gefallen tat er ihm nicht.

Lächelnd antwortete er: »Oh, wirklich sehr gut, danke für die Nachfrage. Ich werde es ihm ausrichten, dass Sie so nett waren und sich nach ihm erkundigt haben.«

Jörki staunte über sich selbst, denn vor gar nicht langer Zeit war er noch so etwas wie ein schüchterner, langweiliger Mensch gewesen. Das Geld in seiner Tasche machte ihn nun sehr mutig.

»Und die Geschäfte gehen auch gut?«

»Für den Anfang kann ich wirklich nicht klagen«, gab er zurück.

Jörki wusste, wenn sie sich jetzt regelmäßig trafen, würde der andere Anwalt bald an Magengeschwüren leiden. Nachdem er gut gespeist hatte, schlenderte er ein wenig in den nahegelegenen Park, denn er sagte sich, Luft und Sonne tun mir gut. Die Frauen mögen mich, weil ich so propper aussehe, also muss ich jetzt sorgfältig auf mein Aussehen achten. Ich muss mir heute noch ein neues Rasierwasser kaufen, gute Unterwäsche, vielleicht farbige? Dann neue Hemden, Krawatten. Mit einem Wort, ich muss ein ganz neuer Mensch werden.

Gegen fünfzehn Uhr machte er sich auf den Rückweg zum Büro. Er war ein pflichtbewusster Mensch, und um fünfzehn Uhr war wieder Eröffnung seiner Sprechstunde. So stand es auch auf dem Schild zu lesen, nur dass es den Namen seines Vaters trug. Aber wer wusste das denn schon?

Jörki seufzte leicht, als er die Liege sah, aber lange ließ man ihm nicht Zeit zum Nachdenken, denn da klopfte es schon wieder.

»Ja bitte!«

Diesmal kam Hedi. Sie war genauso umwerfend wie die anderen Frauen auch, und auch in dem gleichen Alter. Sie sah die Liege und rief entzückt: »Ach, man hat sie schon geliefert, nein, ist das lustig, nein, wirklich!«

»Wieso? Kennen Sie das gute Stück?«, fragte er erstaunt.

»Aber ja, Lilli hat doch davon gesprochen, ich meine von diesem alten Ledersofa, und da wollte sie Ihnen ein Geschenk machen und hat mich mitgenommen. Wissen Sie, sie konnte sich nämlich nicht entscheiden, welche Liege sie kaufen sollte, ob eine mit strengen Streifen oder diese entzückende Spielwiese.« Sie lächelte ihn strahlend an.

Jörki Heimlich dachte: Dir habe ich also dieses Ungetüm zu verdanken, na ja.

Sie war anders als ihre Freundinnen, sie wollte nicht so stürmisch genommen werden. Sie war eine romantische Natur, und so sollte er sie auch behandeln.

Da saßen sie nun auf dieser Lustwiese, wie sie das Ding im Scherz nannte. Natürlich hatte sie vorher diskret den Geldbetrag hinterlegt.

Jörki wusste nicht, wie man eine Dame romantisch behandelte. Er hatte ja so wenig Erfahrung. Aber das durfte er natürlich weder sagen noch zeigen, denn vielleicht wären sie dann nicht mehr gekommen. Wenn man stürmisch sein konnte, nun, da brauchte man nicht viele Ideen.

Vorsichtig knöpfte er das Blüschen auf. Wieder wunderte er sich über die gute Figur. Na ja, diese Frauen hatten Geld genug, Personal und pflegten sich natürlich den ganzen Tag. Sie achteten auf alles, was sie aßen, und blieben deswegen so schlank und sehr jugendlich.

Sie verdrehte die Augen und ließ sich hintenüberfallen. Jörki dachte abermals: Ich verstehe die Ehemänner nicht, es sind doch so bezaubernde Frauen. Und ihre Körper erregen mich wirklich. Sie sind einfach süß und dann auch so erfahren. Ich habe richtige Lust auf sie.

Bald lag sie nackt vor ihm, und er begann sie zu streicheln. Sie wand sich unter seinen Händen und stöhnte. Jörki selbst kam ganz schön in Fahrt, spürte aber, dass sie noch nicht bereit war. Es war eine ziemlich anstrengende Sache, jemanden auf Touren zu bringen und selbst den Kühlen zu spielen, das wurde ihm dabei klar.

»Ach, du bist einfach wunderbar, wirklich, du verstehst die heimlichen Wünsche einer Frau. Komm näher zu mir, komm, leg dich an meine Seite, ich will dich auch streicheln! Komm schon, mein Süßer!«

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Nun stöhnte er bald selbst, denn als ihre Finger zart über seine Haut krochen, da rieselte es ihm heiß und kalt den Rücken herunter. So ein Gefühl hatte er noch nie gehabt. Ihm war, als tauche er in eine süße, heiße Wattewelt.

Ihre weißen Arme schlangen sich um seinen Hals. Sie konnte umwerfend küssen. Das hatte er bei den anderen gar nicht bemerkt, denn sie hatten ja die stürmische Masche verlangt. Sie gab sich ganz hin, war zärtlich und dann auch ein wenig wild. Sie war wie ein Vulkan, köstlich und schön, und als sie dann zusammenkamen, versank die Welt um sie herum. Eine Bombe hätte neben den beiden Menschen einschlagen können, sie wären nicht davon aufgeschreckt worden, weil sie sie gar nicht gehört hätten.

Irgendwann, für den jungen Mann schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, erwachten sie aus dem Traum und blickten sich lächelnd an. Sie räkelte sich und hatte noch gar keine Lust, sich anzuziehen. Vielleicht erwartete sie ein abermaliges Spiel, aber er war ganz schlaff und schlapp und wankte erschöpft in das kleine Bad.

Er betrachtete sein Spiegelbild und lächelte sich zu. Er sah wie eine gesättigte, zufriedene Katze aus, nein, ein Katerchen musste man wohl sagen.

»Du bist doch ein toller Kerl«, murmelte er vor sich hin. »Wirklich, du hast es noch gar nicht gewusst. Toll, wie du die Frauen verführen kannst!«

Er wuchs um ein paar Zentimeter.

Details

Seiten
108
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942897
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v917746
Schlagworte
liebe redlight rubel street

Autor

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Titel: Redlight Street #139: Rubel rollen für die Liebe