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Keiner kehrte zurück

2020 146 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Keiner kehrte zurück

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

Keiner kehrte zurück

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 146 Taschenbuchseiten.

 

Lark Peck liebte Barbara Hatson seit dem Tag, an dem er sie aus den Händen eines aufdringlichen Burschen befreien konnte. Damals wusste er noch nicht, dass sie die Besitzerin der gewaltigen Bar-X-Ranch war und der Mann, der sie belästigte, mit ihr verlobt war.

Doch Lark sollte schon bald erfahren, was es hieß, mit diesem Burschen verfeindet zu sein!

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Hugo Kastner

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Vom Westen her fegte der Wind. Kälte und das leise Werden des Winters lag in ihm, ließ den Blauschimmel leicht erzittern und den Reiter, der steifbeinig im Sattel hockte, die klammen Finger über das eingefallene, lederhäutige Gesicht streichen.

Lark Peck wirkte müde, ja fast hoffnungslos. Man merkte es am Ausdruck seiner Grauaugen, sowie an der Haltung seines Körpers. Allmächtiger, yeah, um diese Jahreszeit bezogen die Reiter des Wild Bunch bereits Winterquartiere. Lark Peck aber war auf dem Trail.

Stopppelbärtig war sein hageres Kinn, dennoch recht energisch. Noch vor nicht allzu langer Zeit wusste er nicht, dass die Natur ihm eine seltsame Fähigkeit mit auf den Weg gegeben hatte, dass er nicht nur treffsicher, sondern auch mit rasender Schnelligkeit die Eisen lüften konnte.

Sie steckten in leichten Lederschlingen. Lark Peck war der erste dieser Art Revolverschwinger, dem Dutzende den Trick nachmachten.

Es gehörte meisterhafte Übung dazu, solche Eisen in den Schlingen zu bewegen.

„Go on!“, klang es krächzend gegen das Toben des Sturmes an.

„Go on!“, war seit Tagen sein Leitwort. Sein Pferd kannte es, versuchte einen schaukelnden Trab, um bald darauf in Schritt zurückzufallen. Yeah, es war genauso müde wie sein Herr.

Die verlorene Weite, die Wildnis und die erdrückende Einsamkeit ringsumher wurde durch das Sausen des Sturmes ins Trostlose gehoben.

Trostlos? Yeah, Trostlosigkeit nagte und fraß seit langem an Larks Herzen, hatte ihn zu einem Mann gemacht, der vergaß, dass er noch jung an Jahren war. Er liebte ein Mädchen – Barbara Hatson. Er war sich darüber im Klaren, dass es keinen Sinn mehr hatte, gegen diese Liebe anzukämpfen. Seine brennende Zuneigung zu dem Mädchen, die nicht erwidert wurde, war stärker als die Unbilden, die ihn ansprangen.

Sie hatte ihn nicht sonderlich beachtet. Wer, zum Teufel, war er denn schon?

Ein Cowboy, der die Bullpeitsche schwang, der mit der Endschnur der ledernen Schwinge einem Mann die glühende Zigarette aus dem Mund schlagen konnte und mit der sausenden Lederschlange einen Stier wie einen Baum fällte.

Er war ein Mann, dem das Leben schon in der Jugend nichts ersparte und der in seinem verbissenen Schweigen keine Freunde gewann.

Schon seit Tagen folgte er einer Spur. Sie hatte für ihn eine besondere Bedeutung. Sie stand mit dem Mädchen und dessen verquollenen Augen im Zusammenhang.

By Gosh, sie liebte ihn nicht, und doch hatte er eine Aufgabe übernommen, die sie ihm diktierte. Ihr Wort brachte ihn in den Sattel. Er würde lieber zerbrechen, untergehen, als sich aufhalten, von seinem Trail abhalten lassen, mochte es kommen, wie es wollte. Er würde Frank Powell stellen – irgendwo.

Er hielt seinen Blauschimmel an, starrte wie gebannt auf die Fährte, die von rechts und links Zuwachs erhielt. Reiter waren hier mit Frank Powell zusammengestoßen.

Lark glitt aus dem Sattel und untersuchte die Fährte sorgfältig.

Bevor er sich wieder auf sein Reittier schwang, schaute er einen Moment auf das Brandzeichen am dunklen Flankenfell seines Tieres, streichelte mit den Fingerspitzen über den Bar-X-Brand.

Immer wieder waren seine Gedanken in Texas, dort, wo das Bar-X-Brandzeichen von Macht und Reichtum sprach – ein Rinderkönigreich hatte es zum Symbol erhoben.

Bar-X – jeder Texaner kannte und achtete sie.

Aber nur wenige wussten, was sich wirklich auf der Bar-X zutrug, wussten, dass dort das Glück keineswegs zu Hause war, dass es dort Leid und Kummer gab, großes Leid.

Und mit der Bar-X verband Lark das Bild eines goldhaarigen Mädchens mit strahlenden Blauaugen. Die Lockenpracht ihrer Haare erinnerte an tanzenden Sonnenglast in der Nevadawüste – durchwebt von einem purpurnen Schimmer. Keine war so schön wie sie, keine.

Jäh donnerte es in den Hängen. Hinter Lark schlug die Kugel ins Gestein und jaulte über einige Felsbrocken.

Lark glitt blitzschnell aus dem Sattel, riss die Winchester aus dem Scabbard. Noch bevor die Stiefelsohlen das Geröllfeld unter sich berührten, blitzte es aus der Mündung, raste über die Kruppe des Pferdes hinweg, dorthin, wo das orangefarbene Licht des Mündungsfeuers im Hang stand.

Mit einem jähen Schlag zwang Lark das Pferd in die Deckung des überhängenden Berges.

Das Pferd gehörte Barbara. Sie hatte sich von ihrem Liebling getrennt, damit Lark reiten konnte, schneller reiten als Frank Powell. Und doch war es eine endlose Fährte geworden – von Texas bis nach Wyoming.

Yeah, in Texas hatte es begonnen, am Colorado in Texas.

Lark war der Tyrannei seines ungerechten Vormundes entwichen und ritt in die Freiheit!

Er träumte davon, irgendwo seinen Bruder zu finden, seinen Bruder Louis, von dem die Leute sagten, dass er dem Teufel den Bart rasieren könnte, ohne auf die Hörner gespießt zu werden.

Louis, ah, nur einige Male hatte er den älteren Bruder gesehen, erinnerte sich an sein wildes, heiteres Lachen, an die Art, wie er mit dem Vormund umsprang, als wäre der Mächtige für ihn Luft.

Wenn Louis da war, dann hatte Lark den Himmel auf Erden, und wenn Louis sein Pferd bestieg, verschwand, kehrte die Hölle zurück.

Meilen lagen nun zwischen ihm und der Ranch des Vormundes, als der Schuss über die leicht raunenden Wellen des Colorados peitschte. Lark schwang sich aus dem Sattel und drang in das Ufergehölz ein. Schon nach einigen Schritten hörte er das hässliche Lachen eines Mannes und die angsterfüllte Stimme eines Mädchens.

„Lass mich – ich will nicht!“

Verzweifelt war der Schrei, vom dämonischen Lachen des Mannes unterbrochen.

Zweige schlugen Lark ins Gesicht. Dornen rissen und zerrten. Dann sah er den Mann und das Mädchen.

In den Augen des Mannes brandete ein mörderischer Funke.

Lark schmetterte seine geballte Rechte gegen die Schläfe des Mannes, der zu spät zur Selbstverteidigung das Mädchen losließ.

Jetzt gab er sie frei, taumelte mit einem ächzenden Laut einige Yards zurück, kam aber nicht dazu, sich zu erholen. Larks zweiter Schlag krachte ihm an das Kinn, dass das Mädchen erschrocken aufschrie.

Schwer kippte der Gegner vornüber und krallte seine Hände in die Moosbüschel. Sein Stetson rollte dem Mädchen vor die mit Silbersporen verzierten Stiefel.

Lark lüftete seinen Colt an, richtete die Mündung auf den Liegenden, bereit, sofort zu schießen, falls sein Gegner einen neuen Angriff wagen würde.

„Um Gottes willen, Cowboy – nicht!“, hetzte sie heraus.

Sie riss die Revolverhand zur Seite, stand mit wogender Brust vor ihm, ihre Haare fielen aufgelöst auf die Schultern, in ihren schreckerfüllten Augen stand ein unbeschreiblicher Ausdruck.

Weit waren die Augen, weit und groß, voll leuchtender Pracht.

Er riss sich den Stetson von den braunen, wirren Haaren.

„Madam“, flüsterte er, „wenn Sie wollen, knüpfe ich diesen Strolch an den nächsten Ast!“

„Wagen Sie es nicht, Cowboy“, flammte es ihm entgegen. „Wer hat Sie gebeten, sich hier einzumischen, wer?“

Er prallte zurück.

„Madam, wäre ich nicht gekommen, dann …“

„… hätten Sie mir manchen Ärger erspart“, ergänzte sie seine Worte. „Mit ihm wäre ich allein fertig geworden – Cowboy – er ist mein Verlobter!“

Ein Hammerschlag auf Larks Kopf hätte keinen besseren Erfolg erzielen können. Er zwinkerte.

„Und was erwarten Sie jetzt von mir, Madam?“

„Dass Sie Frank Powell zu seinem Pferd tragen“, war die schnelle Antwort. Sie beugte sich zu Frank Powell hinab und strich mit zarter Hand über die Stelle, die Larks Faust bearbeitet hatte. Sie wartete nicht auf Antwort. Anscheinend war sie gewohnt, Befehle und Anweisungen zu geben.

Larks Grimm und die Bitterkeit in ihm wuchsen. Er wandte sich ab und machte einige Schritte. Schon war sie an seiner Seite, krallte ihre rechte Hand in seine nasse Weste und hielt ihn zurück.

„Cowboy“, stammelte sie. Ihr heißer Atem streifte sein Gesicht. „Ich bin zu schwach, um Frank von hier fortzubringen. Liegenlassen kann ich ihn nicht, das werden Sie einsehen, helfen Sie mir!“

Ihre Nähe verzauberte ihn, umstrickte ihn mit geheimnisvollen Fäden, aber er schwieg, runzelte nur die Brauen.

„Sie sind auf dem Trail, haben nichts zu versäumen“, fuhr sie eifrig fort. „Helfen Sie mir, und ich stelle Sie als Cowboy auf der Bar-X ein.“

„Madam, wer schoss?“, kam es von seinen Lippen.

„Ich“, gab sie zu. „Wir gerieten in Streit – mehr werde ich Ihnen nicht sagen, Cowboy“, antwortete sie. „Helfen Sie mir nun?“

„Ich glaube nicht, dass er Hilfe braucht, Madam!“

„Richtig, Sonny, und du fährst zur Hölle!“, schnappte es hinter ihm. Lark fuhr herum, schaute in die Mündung eines Colts, dann in Frank Powells glimmende Augen.

Mit der Linken hatte sich Powell aufgestemmt, die Rechte hielt die Waffe.

Zum zweiten Male sah er in die Glutaugen.

Sie brannten, gruben sich ihm ins Gedächtnis. Lark hörte das Mädel sagen: „Er ist mein Cowboy – bedenke das, Frank. Nimm den Colt fort, ich wünsche es so!“

Für einen Moment hörte Lark nur den pfeifenden Atem Frank Powells.

Die herrische Bewegung ihrer Hände unterstrich die Worte, zwang Frank Powell dazu, ein klingendes Lachen auszustoßen.

Langsam erhob er sich, zögernd schob er die Waffe in das Futteral und lächelte.

Yeah, er lächelte abgründig. Ohne Lark an zuschauen, flüsterte er ihm zu: „Cowboy, wir sind noch nicht am Ende.“ Powell ritt auf einem hoch gebauten Falben neben Barbara Hatson, die einem Schimmel unterm Sattel die kleinen Sporen zu kosten gab. Lark folgte ihnen.

Je näher sie der riesigen Ranch kamen, um so verschlossener wurden die Gesichter.

Das Bar-X-Brandzeichen verkörperte eine Macht, die nicht zu übersehen war.

Yeah, Lark Peck bekam einen Begriff von der Ranch und ihrer Größe. By Jove, wenn er das vorher geahnt hätte, dann …

Er bereute es schon, ein Versprechen gegeben zu haben. Mächtig klein und winzig kam er sich vor. Das Mädchen rückte in ferne Höhen, einer Königin gleich, die für einen gewöhnlichen Sterblichen ein strahlender Stern war, weit und fern.

Er lächelte kläglich. Das Lächeln blieb auf seinen Lippen, selbst dann noch, als sie in den Ranchhof ritten, von den Pferden sprangen und von Cowboys umringt wurden.

Die Boys grinsten beim Anblick seines Gauls. Aber sie prusteten erst heraus, als Lark außer Hörweite, dem Wink Barbaras Folge leistend, hinter ihr das weiträumige Herrenhaus betrat.

Brennend spürte er die Blicke Frank Powells im Nacken, hörte Flüstern und Tuscheln, einen zornigen Ausruf. Die Vorahnung kommender Geschehnisse legte sich wie ein beklemmender Alp auf seine Brust.

„Hören Sie, Cowboy, über das was Sie erlebt haben, werden Sie zu niemanden sprechen!“

„Sie haben mein Wort, Madam.“

Sie trat auf ihn zu.

„Cowboy, Sie werden nur für mich da sein. Ich wünsche es so, hören Sie?“

„Yeah, Madam.“

„Sie können schießen?“

„Denke doch, Madam.“

Sie nickte vor sich hin. „Sie dürfen mich aber nicht missverstehen, Cowboy. Ich wünsche nicht, dass Sie sich mit Frank Powell messen – denn ich liebe ihn.“

Warum sagte sie das? Wahrscheinlich hatte sie die Absicht, ihn zum Leibwächter zu machen, zu einer lebendigen Drohung für Frank Powell.

Mitten in seine Gedanken hinein hörte er sie sagen: „Sie werden nicht mit den Herdenmannschaften reiten und keinem Vormann unterstehen. Sie haben die Pflicht, in der Nähe zu sein, wenn ich Sie brauche, und Sie werden jeden Tag Schießübungen abhalten. Die Munition holen Sie sich bei mir ab. Und noch eins, schlafen werden Sie nicht im Bunkhouse der Cowboys. Sie werden ein Zimmer hier im Haus beziehen. So, und jetzt versorgen Sie Ihr Pferd, Cowboy!“

Als er sich umdrehte, glaubte er dicht bei der Tür einen huschenden Schatten zu sehen.

Leergefegt war der Ranchhof. Aus den Ställen klang das leise Muhen der Milchkühe. Von Powell keine Spur … sein Falbe und Barbara Hatsons Schimmel waren ebenfalls fort, nur Larks Bronco stand mit gesenktem Kopf neben dem Ziehbrunnen, aus dem der Chinesenkoch gerade Wasser schöpfte.

Yeah, nichts Sonderliches … nichts, was einem Mann zu denken geben könnte.

Lark schritt quer über die Veranda. In dem Augenblick, als er die letzte Stufe erreichte, traf ihn der Blick des Chinesenkochs.

Es gab keinen Zweifel, der Koch schaute ihn sonderbar an. So, ja, so betrachtete man Männer, deren Sterben bestimmt war. Männer, die vom Tod gezeichnet waren.

Der Koch schlug die Augen nieder. Lark schritt auf ihn zu, streifte ihn im Vorbeigehen und hörte den anderen sagen: „Reiten Sie, Mister, reiten Sie.“

„Ich denke nicht daran“, gab Lark zurück.

„Es wird Ihnen leid tun, Mister.“ Der Chink nahm seinen Bottich vom Boden und ging davon.

Lark sah ihm mit gerunzelten Brauen nach, zuckte mit den Schultern und schritt weiter.

Lark zog seinen Bronco an der Kandare zum Corral, sattelte ihn ab, trieb das Tier zu den Artgenossen, lud sich Sattel und Halfter auf und legte den Weg zurück, den er gekommen war.

Der Chink erwartete ihn mit ausdruckslosem, lächelndem Gesicht.

„Mister, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer“, sagte er leise.

„Buddy, vielleicht zeigst du mir auch die Männer, die auf mich warten!“, schleppte Lark bedeutsam, mit einem scharfen Spott in der Stimme.

Die Schlitzaugen verengten sich, aber das Lächeln blieb.

„Sie haben meinen Rat in den Wind geblasen, nun halten Sie die Augen auf! Es gab in wenigen Monaten mehrere Tote auf dieser Ranch …“

„Die Rancherin weiß davon?“

„Finden Sie das heraus, Mister. Es waren alles gute Boys, Männer, die sich vor Frank Powells Zauberaugen nicht fürchteten, die sich nichts aus den Drohungen seiner Augen machten. Du gehörst zu der Sorte, aber leider gehört die Rancherin nicht dazu. Sie kann sich nicht gegen ihn wehren. Eines Tages wird das Königreich der Bar-X ihm gehören.“

Er zischte durch die Zähne, schritt Lark voran, stieß eine Zimmertür auf, und wie zu sich selbst gewandt, erklärte er: „Es ist manches faul auf der Bar-X, aber das wirst du noch herausfinden. So long!“

 

 

2.

So long! Ah, dieses Wort hatte er Barbara zugerufen, als er das Pferd bestiegen und von der Bar-X Abschied genommen hatte. Jetzt schnaubte das Tier leise, warnend. Das Echo der Schüsse verklang wie das Grollen eines abziehenden Gewitters in der Ferne.

Lark fasste die Winchester fester und huschte weiter vor. Seine Bewegung löste keinen Schuss in dem Hang aus – nichts. Dennoch ließ er sich durch die Stille nicht täuschen.

„Frank Powell hat Helfer bekommen“, murmelte er leise vor sich hin, „aber auch das wird ihn nicht retten. Er wird eines Tages vor meinen Eisen stehen, und dann – Gnade ihm Gott. Von mir kann er keine erwarten. Yeah, ich werde dann niemals zu Barbara zurückkehren dürfen, sie wird mich wegen dieser Tat hassen und verachten, aber ich befreie sie von einem Dämon.

Er tastete nach den Colts in den Schlingen, hängte sich die Winchester um die Schulter und stieg die riesige Felswand empor.

Wieder hackte ein Schuss aus dem Hang, die Kugel schlug gegen den Fels, der Lark anfangs als Deckung diente.

Auf der schmalen Leiste einer Felsbarriere angelte er sich weiter, bis er die Füße auf ein Plateau aufsetzen konnte, um seinen Atem zu beruhigen und seinen bis zum Zerreißen gespannten Muskeln die nötige Ruhe zu verschaffen.

Gleich musste vor ihm der lauernde Schütze auftauchen.

Er schob sich vorsichtig über einige Steine, und noch bevor er den Mann im Hang vor sich sah, erblickte er den abgelegten Gurt des Mannes mit dem langläufigen Colt.

By Jove, der andere lag auf seiner Wolldecke, rauchte an einem Stummel und sah über die Barriere vor sich zum Weg hinunter.

Seine Henry-Büchse lag im Anschlag, und der Finger des Mannes war am Drücker.

Er hatte es sich so bequem eingerichtet, als ob er eine Ewigkeit und länger die Stellung halten wollte.

Eigentlich sah Lark nur die Geiernase, die scharf und vorspringend das Galgengesicht beherrschte.

Lark erhob sich zur vollen Höhe. Seine Hände glitten von den Kolben fort, schwebten in der Luft.

Noch bevor sie zur Ruhe kamen, bemerkte der Mann den Schatten hinter sich und warf sich mit einem stöhnenden Laut herum.

„Nun?“, sagte Lark leise. „Damit hast du wohl nicht gerechnet?“

„Nein“, hetzte es fauchend heraus. Die nächsten Worte bewiesen Lark, dass sein Gegner zu den Kerlen zählte, die mit eisernen Nerven ausgestattet sind.

„Jedenfalls musst du einige Übung haben, Sonny.“

Lark nickte. Seine Mundwinkel verzogen sich spöttisch. Aus schmalen Augen sah er in das verwitterte Gesicht des anderen.

„Ich hätte mich niemals von meiner Gürtelkanone getrennt“, dehnte Lark. „Ein Fehler, Buddy!“

Jetzt lächelte der andere ein wenig.

„Man macht im Leben manches falsch“, schleppte seine Stimme, dabei legte er die Henry-Büchse langsam zur Seite.

„Wie viel zahlte man dir?“, fragte Lark.

Man sollte es nicht glauben, aber diese Unterhaltung schien fast freundlich und harmlos. Aber

in den Stimmen der Männer schwang ein harter und kalter Ton mit, der den eisigen Hauch des Todes heraufbeschwor.

„Ich tue manches umsonst“, spottete der Geiernasige voller Hohn. „Mir macht es nichts aus, mein Blei an die richtige Stelle zu pflanzen.“

„Dann will ich mal sehen, ob deine Haut auch dafür geeignet ist“, unterbrach Lark mit schwerer Zunge.

Im selben Moment klatschte seine Rechte leicht auf die Kolben, die Mündung flog wie von Zauberhänden bedient in die Höhe, wies auf die Stirn des geiernasigen Gegners, der jedoch keine Bewegung verriet.

„Sehr gut“, sagte er mit einem milden Lächeln, „sehr gut! Eine Idee schneller würde dich zum gefürchtetsten Mann unseres Camps machen. Yeah, man muss immer beide Parteien hören, bevor man sich entschließt. Übrigens, du bist nicht der Typ, der auf einen Unbewaffneten feuert.“

„Zum Teufel, was soll der Zauber?“, brach es aus Lark hervor. „Was heißt das?“

„Dass man dich im Camp der Sattelpiraten gut gebrauchen kann, Sonny“, grinste der Fremde. „Du hast einen glatten Zug, eine besondere Technik, die hübschen Schwinger in Anschlag zu bringen.“

Er schnalzte mit der Zunge, und sein Grinsen vertiefte sich, ließ die Kraterlandschaft seines Gesichts zur undeutbaren Maske werden.

„Du bist in der Tat schnell. Doch es gibt Männer in unserem Camp, die vielleicht schneller sind, Sonny. He, wir können dich gebrauchen, sind Piraten im Sattel, jagen Mavericks, auch gebrandete …“

Er kicherte wild und klatschte sich auf die Schenkel. „Wir können jeden Mann gebrauchen, der seine Colts im richtigen Moment in Anschlag bringt!“ Er verstummte jäh und fauchte: „Oder willst du nicht?“

Seine Augen waren weit aufgerissen, sie wirkten seltsam hell, eisig, gefährlich.

„Nimm es an“, lächelte Lark, „ich bin hinter einem Mann her …“

Die Hand des Desperados schnitt ihm das Wort ab. „Kenn ich, Sonny. Ich weiß zwar nicht, ob der Song, den ein gewisser Bursche mir ins Ohr geblasen hat, stimmt, denn ich habe deine Story noch nicht gehört. Aber lass es dir gesagt sein, dass meine Entscheidung alles bereinigen wird, was zwischen euch beiden steht. In meinem Camp wird nach meiner Pfeife getanzt. Sonny, ich habe auf dich geschossen, weil ich annahm, dass du deine wahre Art zeigst.“

Der Geiernasige grinste verhalten, bleckte die Zähne. „Ich wollte, dass du mich vor die Rohre bringst, wollte feststellen, warum eine wandelnde Kanone wie Frank Powell flüchten muss. Jetzt verstehe ich das. Aber, und nun höre gut zu, in meinem Camp herrscht Burgfrieden, egal, was du gegen ihn einzuwenden hast – egal!“

„Das stört mich einen Dreck“, zischte Lark. „Hoch mit dir!“

„Bevor ich so pfeife, würde ich mich an deiner Stelle umsehen, Buddy“, grinste der Mann gelassen. „Well, in dieser Gegend spiele ich die erste Geige.“

Lark duckte sich, sein Blut erstarrte zu Eis.

Ein doppeltöniges Knacken hinter ihm verriet nur zu deutlich, dass gekrümmte Finger an den Abzugsbügeln lagen.

„Nun?“ Die gleiche Frage, die Lark gestellt hatte, bekam er jetzt zu hören.

„Ich passe“, presste es sich von seinen Lippen.

Allmächtiger! Es gab nichts anderes, hier musste er passen, die Karten aus der Hand legen. Hinter ihm lauerte der Tod.

„Ich sehe es immer gern, wenn man mir die Eisen übergibt, Sonny“, zischte der andere, „keine Sorge, ich prüfe nur das Gewicht. Bei dir sind Kimme und Korn sowie Abzugsbügel entfernt, recht so! Her mit den Waffen! Wann ich es wagen darf, sie dir wiederzugeben, liegt an dir, Sonny, einzig und allein bei dir. Führ dich gut im Camp. – He, führt den Blauschimmel herauf! Beeilt euch, Gents, es ist alles okay!“

Dann wandte er sich wieder Lark zu und sagte: „Dreh dich um, Sonny!“

Langsam drehte Lark sich um. Zwei Männer hielten ihre Colts auf ihn gerichtet.

Lark zuckte kaum merklich zusammen – denn, großer Gott, der Mann, der ihm am nächsten stand, der mit den Augen blinzelte, sich leicht verfärbte, war niemand anders als sein leibhaftiger Bruder Louis!

„Los denn, vorwärts!“, kommandierte der Geiernasige, und dann: „Gentlemen, habe noch nie einen solch verteufelten Bronco gefangen. Ich glaube, mein Rudel bekommt einen wertvollen Zuwachs.“

Lark hörte ihn kaum, so wirbelten seine Gedanken. Allmächtiger, hier musste er auf seinen Bruder stoßen, hier im Camp der Sattelpiraten, einer Horde ausgekochter Raureiter, einer Meute reißender Wölfe.

Yeah, und in dieser Horde befand sich auch Frank Powell!

Aus der Ferne des rauschenden Geplappers tönte es nun wieder deutlich an Larks Ohren: „Passt auf ihn auf! Wenn er nur einen Trick versuchen sollte, gebt ihm eine Kugel, verletzt ihn aber nur so, dass er brauchbar bleibt!“

Yeah, nicht zum ersten Mal befand er sich in einer solchen Lage, wenn er es sich überlegte, hatte diese Situation eine gewisse Ähnlichkeit mit jener auf der Bar-X, die ihm am Tage seiner Ankunft gestellt wurde. Damals verlief es nur härter und rauer, damals verschaffte er sich den nötigen Respekt und die Ellbogenfreiheit, die ihn für Barbara so wertvoll machte. Wahrhaftig, Lark lächelte in der Erinnerung an seinen ersten Tag auf der Bar-X.

Yeah, wie konnte er damals ahnen, dass man ihn bereits im Bunkhouse erwartet hatte, als er seine Abendmahlzeit mit den Cowboys einnehmen wollte. Er wurde erst aufmerksam, als er eine huschende Gestalt am Fenster bemerkte und bei seinem Eintritt der Lärm und das Stimmengewirr schlagartig verstummten.

Er blieb abwartend in der Tür stehen und grüßte: „Hallo!“ Keine Antwort. Nur eisiges Schweigen wehte ihm entgegen. Aus irgendeiner Ecke lachte es hämisch, erstickt.

Ein Mann stieß schnaufend den Atem aus, am Tischende klirrte eine Gabel.

Die um den Tisch hockenden Cowboys beachteten ihn nicht, sahen nicht von den Tellern auf.

Lark steuerte auf den Burschen zu, der auf zwei Hockern saß, den Platz in Anspruch nahm, der Lark zustand.

Sofort zog sich der Chinese lautlos in den Hintergrund zurück, angelte sich mit der Stiefelspitze den Stuhl heran und hockte sich nieder.

Also auch du, dachte Lark. Yeah, der letzte Stuhl war somit besetzt.

Er blieb vor dem Burschen stehen, der zwei Hocker für sich beschlagnahmte, sich mit den Ellbogen auf den Tisch stemmte und so tat, als wäre Lark nicht vorhanden. Und jetzt fühlte auch Lark die Blicke, die ihn höhnisch von allen Seiten ansprangen, voll hämischer Neugier und schadenfroher Genugtuung.

Blicke, die aufreizend waren, aber von dem Panzer seiner Gleichgültigkeit aufgefangen wurden. Sanft tippte er den muskelbepackten Burschen auf die Schulter, ermunterte ihn: „Mach Platz!“

Der andere bewegte sich nicht um einen Zoll, tat so, als ob er nichts gehört hätte – und doch, selbst der letzte Mann, ganz am Ende des gedeckten Tisches, vernahm es und reckte den Kopf.

Lark fragte nicht zum zweiten Mal, seine rechte Stiefelspitze schob sich durch die Querleisten des Hockers und angelte sich fest.

Als er den Fuß zurückzog, gab es ein höllisches Gepolter und einen dumpfen Fall. Der Bursche lag am Boden und sah Lark mit weit aufgerissenen, ungläubigen Augen an.

„Zum Teufel, was fällt dir ein? Wer bist du eigentlich?“

„Der Präsident, Buddy“, betonte Lark höflich und verneigte sich leicht. Unterstrich diese Geste, indem er seinen Gurt mit einem einzigen Ruck abschnallte und hinter sich fallen ließ. Der Aufprall der Colts schuf eine unheimliche Stille.

Sie hielten den Atem an, rissen die Köpfe herum, sperrten Mund und Augen auf.

Das, was sie zu sehen bekamen, war so wohlüberlegt, so unerhört schnell, so einmalig, dass sich später niemand unter ihnen noch genau an alle Einzelheiten dieses Geschehens erinnern konnte.

Lark riss den Kerl mit sich über den Tisch und tauchte dessen Gesicht in eine Schüssel duftender Bratkartoffeln. Er warf sich vor, um dem Überraschten die Faust unters Kinn zu wuchten. Lark duckte sich und schlug seine Rechte in die Magengrube des Bullen. Der kippte nach vorn, Larks Linke schnellte vor und traf genau zwischen die Augen des Gegners. Larks Schläge zwangen ihn in die Knie. Am Boden liegend riss er die Arme zur Aufgabe hoch.

Sofort stoppte Lark. Blutrinnsale zogen Streifen durch sein Gesicht, aber er lächelte.

„Wer hat dir das befohlen?“, fragte er ruhig und versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu verleihen.

Der Bulle gab ihm keine Antwort. Er rollte die Augen hin und her, zuckte die Schultern und presste in Abwehr die zerschlagenen Lippen zusammen.

„Du bist neu hier – wirst es immer bleiben“, sagte er endlich. „Ich möchte nicht in deiner Haut stecken!“

„Keine Sorge, Buddy“, gab Lark zu verstehen, wischte sich über den Mund, wandte sich ab und hockte sich am Tisch nieder. Er zog seinen Waffengurt mit dem Fuß heran, wollte zugreifen, als ein Cowboy die Hand hob.

„Einen Moment, Stranger!“

„Nun?“, fragte Lark eisig.

„Wir sind nicht fertig miteinander, Sonny, denke ich!“

„So?“

„Es waren schon einige vor dir da“, schleppte der Bursche grimmig, „sie sind alle aufs Kreuz gefallen und liegen bereits in einer Grube.“

„Ich habe davon gehört“, unterbrach Lark. „Wie willst du es haben, als Vorspeise oder als Nachkost“, dehnte er. Er fühlte, wie die Blicke der Cowboys ihn zu zerreißen drohten. By Jove, in einer solchen Tonart hatte noch keiner zu ihnen gesprochen, aber sie schluckten es.

„Wir tragen es mit den Colts aus“, entschied der andere mit vor Wut bebender Stimme.

„Nach dem Essen, Sonny, es kann ja sein, dass dir eine Kartoffel im Hals steckenbleibt.“

„Okay, Buddy! – Wenn du einen Freund hast, dann vermach ihm deine Habe, stell dein Testament aus und nimm Abschied von allen, die dir nahestehen“, verkündete Lark unbewegt. Gleichzeitig langte er zu, aß mit einer nach außen hin kalten Ruhe.

Er beobachtete aus den Augenwinkeln, wie nacheinander die Cowboys zugriffen – aber es wurde nicht gescherzt und gelacht, kein Wort gesprochen. Die Männer schlangen die Bissen hinunter und zeigten verkniffene Gesichter. Auf mancher Stirn stand die Sorge.

Sie saßen noch, als Lark seinen Teller ruhig zur Seite stellte und sich erhob.

Aber dann blieb den Männern der Bissen im Hals stecken, als die leise Aufforderung an den Herausforderer kam: „Schnall um, Buddy!“

Zugleich bückte sich Lark, hob seinen Gurt auf und schlang ihn um seine Hüfte.

„Vielleicht ist einer von euch so freundlich und holt einen Doc“, sagte Lark. „Es kommt zwar nicht oft vor, dass einer meiner Patienten mit dem Leben davonkommt, denn in neunundneunzig von hundert Fällen tragen sie ein kleines Loch in der Stirn, groß genug, um ihren großmäuligen Seelen den Weg in den Himmel oder zum Teufel freizugeben“, verkündete er. Lark wusste, dass er die größte Lüge seines Lebens aussprach.

Käsig stand ihm das Gesicht des Cowboys, der seine Eisen mit ihm schwingen wollte, gegenüber.

„Worauf warten wir noch!“

„Gut denn, gehen wir!“, sagte Lark.

Sie gingen nach draußen zu den Corrals.

„Wie halten wir es?“

„Zehn Yard, auf dieser Distanz reißt eine Kugel einem Mann wie dir den halben Kopf weg!“

„Okay, in meinen Handflächen brennt es mächtig“, klang es ruhig zurück. „Ich wäre dafür, dass John das Kommando übernimmt – bei drei ziehen wir!“

„Well, Buddy“, gab Lark trocken zurück. „Wer übernimmt deine Beerdigung? Du musst wissen, dass ich keine Scheu habe, einen Menschen auszuradieren, aber ich mag keine Leiche anfassen und keine Grube graben, begreiflich, wie?“

„Zum Teufel!“, entfuhr es dem anderen wütend. „Du hast schon zu viel geredet. Wenn du so schnell mit dem Eisen bist, dann …“

„Ich möchte die Frage über deine Beerdigung geklärt wissen“, unterbrach Lark ungerührt. „Erwarte nicht, dass ich dir ein Cowboygrab bereite und Rosen pflanze, erwarte das nicht!“

Ein klirrendes Lachen kam irgendwo auf, verstummte, und eine Stimme keuchte grimmig: „Lass dich nicht bluffen, Amb! Ich sage dir, der Bursche ist ein Bluffer, lass ihn tanzen!“

Im aufbrausenden Gelächter ging die Stimme unter. Die Situation verlor die Spannung, betreten schaute sich Lark um, winkte lässig.

„Also, Amb, dann los!“

Mit überscharfer Deutlichkeit sah er die Hand des anderen zum Coltkolben schnellen, hörte den weich klatschenden Laut der Handfläche auf dem Holz – hatte im gleichen Moment seine eigene Waffe heraus, schoss nicht. Yeah, er schoss nicht, das laute Aufstöhnen der Cowboys drang durch das Dröhnen seines Blutes.

„Schieß doch!“, gellte es ihm zu. „Schieß!“

In wilder Verzweiflung kam der Schrei, in einem Grimm, der die Ohnmacht kundtat, die Ohnmacht eines Mannes, der beim Ziehen Pech hatte, der wohl schnell und auch glatt zum Zug kam, aber nicht vorausahnen konnte, dass sein Colt hakte, durch die Hand glitt und dumpf zu Boden polterte.

Lark schoss nicht.

Niemand konnte Larks Haltung die Bewunderung und Achtung versagen. Fairness und Kämpfertum eroberten sich von eh und je die Männerherzen.

„Heb sie auf – und dann versuch es von Neuem!“, schleppte Larks Stimme. Wieder klangen Überraschungsrufe der Cowboys auf.

Da brandete Hufschlag heran!

„Schluss mit allem – Schluss!“, gellte Barbaras Stimme. „Allmächtiger, stelle ich Männer ein, damit sie sich gegenseitig umbringen?“

Antwort heischend sah sie in bedrückte Cowboygesichter. Amb bückte sich, hob seine Waffe auf, trat rasch auf Lark zu und flüsterte: „Ich schieße mich nie mehr mit dir. Mein Leben stand in deiner Hand. Ich habe nun etwas wettzumachen, denke daran, wenn du einen Mann brauchst, rufe mich!“

Seine Stimme war so leise, dass nur Lark seine Worte verstehen konnte. Er nickte schwer, sog hörbar den Atem ein und flüsterte: „Ich werde darauf zurückkommen. – Man nennt mich Lark.“

„Meinen Namen kennst du.“

Der Cowboy wurde durch Barbara unterbrochen, die ihren Blauschimmel vor den Kämpfern scharf an der Kandare riss, zum Halt zwang.

„Ich will eine Erklärung!“ Eilig sah sie von einem zum anderen mit Augen, in denen Zorn wie eine dunkle Flamme brannte. Nervös hielten ihre schlanken Hände die Reitgerte, zerrten an den Zügelenden.

„Nun?“ Ihre Augen krallten sich an Amb fest, brannten in seinem Gesicht. Verstockt schwieg er, stierte zu Boden und ließ die Schultern hängen.

„Wir haben eine Schießübung abgehalten“, sagte Lark an Stelle des anderen mit unbewegtem Gesicht. „Sie fiel zu unserer Zufriedenheit aus, Madam, das ist wahrhaftig alles.“ Er legte, wie um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, seine Rechte um Ambs Schultern.

Amb nickte nur bestätigend.

Überraschung malte sich in den Gesichtszügen des Mädels. Ihre zarten Augenbrauen zogen sich in die Höhe, ein weiches Lächeln erschien um ihren blühenden, roten Mund.

Lark sah nur diesen Mund.

„Ich will es glauben, Boys“, hörte er sie sagen, „aber ich wünsche nicht, dass derartige Versuche sich wiederholen, merkt euch das! Und nun zurück zur Ranch mit euch allen!“

„Yeah, Barbara, ich sagte dir doch, dass wir mit dem Neuen Ärger haben würden. Haben wir nicht genug Kummer am Hals?“

So sprach Frank Powell. Unbemerkt war er herangetreten.

Lark sah ihn an, nahm die Rechte von Ambs Schultern und murmelte sanft: „Powell, ich stehe im Dienst der Lady, bin nicht Ihr Mann. Sie können es mit mir zu jeder Zeit versuchen.“

Doch bevor Powell Antwort gab, trat Barbara dazwischen: „Hört auf, Schluss jetzt, hört auf!“ Wie im Fieber glühten ihre Wangen. „Wo ist Reginald, wo ist mein Bruder? Hast du ihn nun endlich gefunden?“

Für Augenblicke vergaß Frank Powell seinen Groll, veränderte sich. Aber nicht nur Lark bemerkte die allgemeine Bestürzung der Cowboys, er bemerkte noch etwas anderes.

Die Augen der Cowboys wurden schmal und ausdruckslos. Es war, als ob mit der Erwähnung von Barbaras Bruder die Schatten heraufbeschworen wurden, die über der Ranch lagen.

Yeah, die Bar-X wurde nicht von Rustlern heimgesucht. Raubzeug und wilde Tiere verringerten keineswegs den Bestand der Herde, und die nächsten Nachbarn hielten Ruhe.

Frank Powells wütender Blick traf ihn, prallte an ihm ab, glitt in die Runde.

„Barbara, du weißt, dass Reginald ein zarter Junge ist. Viel zu zart für die Ranch. Er hätte im Osten bleiben sollen. Dein Vater machte einen Fehler, als er ihn zum Erben einsetzte.“

„Was mein Vater tat, war richtig. Er hatte seine Gründe, es zu tun. Er machte dich zum Verwalter.“

„Das ist wohl nie so recht in deinem Sinne gewesen, Barbara“, gab er leise zurück, mit einem schrägen Seitenblick auf Lark. „Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Er ist wieder fort. Errege dich nicht, Liebste, er wird schon zurückfinden, es ist nicht das erste Mal.“

„Nein“, stieß sie bitter hervor, „nein, es ist nicht das erste Mal.“ Ihre Stimme überschlug sich fast, als sie herausstieß: „Schicke alle Leute fort! Alle müssen in die Sättel und nach ihm forschen, hörst du – alle!“

Er hob beschwichtigend die Hand, deutete auf einen bulligen Burschen. „Jett Merk wird das allein besorgen. Du weißt, dass ich morgen alle anderen für die Ostweidenherde einsetzen muss!“

„Yeah, ich weiß“, brach es aus ihr heraus, „es ist fast immer dieselbe Antwort, die du mir gibst.“

Sie ließ ihn stehen, beschäftigte sich mit Sultan, ihrem Blauschimmel, und warf Lark einen zwingenden Blick zu, der ihn aufforderte zu bleiben.

Er tat es, wartete, bis die Cowboys abgezogen und Frank Powell mit Jett Merk über die Corrals zum Espenhain geschritten waren, trat an Barbara heran und hielt ihr die Steigbügel. Sie saß auf und dankte kurz.

In heftiger Erregung wogte ihre straffe Brust. Sie schaute über ihn hinweg in die Schatten der Nacht hinein. Ihre Erregung war so stark, dass sie sich Lark Peck mitteilen musste.

„Cowboy, bleib an meiner Seite, man beobachtet uns“, begann sie leise und trieb Sultan an.

Er setzte sich gleichfalls in Bewegung und lauschte.

„Mein Vater bestimmte, dass Reginald die Ranch erben würde, Cowboy“, sagte sie unvermittelt und völlig übergangslos, „er bestimmte aber auch, dass Frank mein Verlobter sei. Ich habe mich gefügt. Aber genug davon. Cowboy, suche dir einen guten Bronco aus dem Corral und beschatte – Jett Merk. Ich habe ihn im Verdacht, dass er genau weiß, wo mein Bruder ist. Aber sei vorsichtig, es könnte sein, dass es Pulver und Blei regnen wird. Yeah, drei gute Reiter sind auf diese Art ums Leben gekommen, Cowboy, drei Bestmänner, die ich hinter Jett Merk schickte – der so wie heute meinen Bruder, der bei jedem Wiedererscheinen hinfälliger wurde, suchte.“

Sie schluckte, schaute ihn offen an. Er sah Tränen in ihren Augen.

„Wollen Sie das für mich tun, Cowboy?“

„Yeah, ich breche sogleich auf, Madam!“, murmelte er.

Noch einmal sah sie ihn an, prallten ihre Blicke ineinander, dann setzte sie die Sporen ein und preschte davon. Sie ritt in die Prärie hinaus, ritt wie toll, so, als wolle sie ihre unheimlichen Gedanken zurücklassen.

Er sah ihr nach und schritt gedankenverloren zur Ranch.

Aus dem Bunkhouse holte er sich ein Lasso, nahm seinen Sattel und ging zum Bronco-Corral, von Unruhe und einer nervösen Spannung erfüllt.

Amb folgte ihm, half ihm, einen guten Bronco einzufangen und sagte dann: „Drei Mann sind ähnlich wie du aufgebrochen. Später fanden wir sie dann und konnten ihnen ein Grab schaufeln. Hoffe, dass …“

„Du wirst mich wiedersehen“, lächelte Lark. Beschwörend hob Amb die Hände.

„Sage das nicht, jeder sprach so wie du, und doch hat es sie erwischt; den einen im Hinterkopf – den anderen im Rücken – der dritte hatte ein Messer zwischen den Schulterblättern stecken. – Sagt dir das etwas?“

„Genug, Buddy“, knurrte Lark. „Seltsam ist nur, dass der junge Hatson vorher verschwindet …“

Er räusperte sich, legte den Sattel auf, zwang das Gebissteil dem Bronco in das weiche Maul und fuhr fort: „Jett Merk steht wohl auf Powells Seite, wie?“

Amb lachte rasselnd, rieb sich über die Bartstoppeln und schaute sich nach allen Seiten um, dehnte: „Es ist kein Geheimnis. Wir haben von uns aus einiges unternommen, sind aber auf Granit gestoßen. Es ist vieles faul auf der Bar-X.“

„Auch mit Reginald?“, erkundigte sich Lark aufhorchend.

Ambs Kinn klaffte jäh herunter, dann stammelte er, bleich war sein Gesicht: „Allmächtiger, hat sie dir das nicht gesagt?“

„Nein“, murmelte Lark mit angehaltenem Atem, „sie sprach nicht davon.“

Amb antwortete nicht gleich, senkte das Kinn auf die Brust, riss an seinem grünen Halstuch, zerrte den Knoten auf, als müsse er sich Luft verschaffen.

„Vielleicht reitest du auch in den Tod“, murmelte er verstört, „vielleicht.“

„Was hat das mit Reginald zu tun?“, forschte Lark gespannt.

„Alles. Yeah, bedenke, immer wenn Reginald zurückkam …“ Er schluckte, als könne er das Ungeheuerliche nicht aussprechen, nicht in Worte formen. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Maske.

„Ich muss weit ausholen, Lark“, brach es aus ihm hervor, „weit ausholen, damit du mich verstehst. Höre: Reginald war schon immer ein Schwächling, ein Träumer, ein Junge, dem der Schmetterling auf der Blüte mehr bedeutete, als ein Rudel Mustangs auf wilder Weide. Aber er war ein Mensch, den jeder gern haben musste, der durch seine stille Art dem wildesten Cowboy Achtung abzwang. Er trug niemals ein Eisen, konnte nicht die Fliege an der Wand töten. Sein Wunsch war es, Theologie zu studieren. Sein Vater gab diesem Wunsch nach. Wahrscheinlich fand der alte Rancher sich nie ganz mit der Tatsache ab – oder er hoffte, dass sein Einziger einmal anders werden würde. Er zwang ihn durch sein Testament, das Studium im Osten aufzugeben und Rancher zu werden, setzte Frank Powell als Verwalter ein – so lange, bis Reginald das einundzwanzigste Lebensjahr erreichen wird.

Nach dem Tod des Bar-X-Ranchers kam Reginald aus der Großstadt zurück. Blass, bleich, mit Schatten unter den Augen, vom Studieren gebeugt. Er nahm wenig Anteil an dem Geschehen auf der Ranch und verfiel schon bald in sein altes Leben. Er sammelte Steine und Schmetterlinge, ritt durch das Land und suchte die Wildnis nach seltenen Blumen ab. Und immer war ein glückliches Lächeln in seinem blassen Gesicht.

Höre, Lark, ich hebe meine Finger zum Schwur, und jeder auf der Ranch kann es bezeugen – damals war er normal!“

„Was soll das heißen?“, stieß Lark heftig aus und beugte sich wie elektrisiert vor.

Amb raunte: „Nach jedem Wiederkommen spricht er irre, schreit im Schlaf und erkennt nicht einmal seine eigene Schwester. Sonny, wenn Reginald stirbt, dann ist die Ranch Barbaras Eigentum.“

„Barbara?“

„Sie hält zu ihrem Bruder, weint Tage und Nächte, aber ein anderer könnte es gerne sehen, dass …“ Er schwieg, biss sich auf die Lippen und zuckte zusammen, als leiser Hufschlag aus der Richtung der Ranch nach Westen hin abzog.

„Jett Merk reitet“, raunte er Lark zu. „In den Sattel, Cowboy, halt die Hand am Drücker – und Cheerio! Noch eins, Sonny: Das Mädchen ist in einer Sache blind, sie vertraut trotz allem ihrem Verlobten. Und das, Sonny, macht er mit den Augen. Vielleicht hypnotisiert er sie. Wir wissen es nicht. Aber eins wissen wir alle auf dieser Ranch: dass es ein verfluchtes Spiel ist – dass es kein gutes Ende nehmen kann, und dass …“

Er brach ab, lachte scharf und rasselnd, fuhr heftig fort, „und dass du aller Voraussicht nach ein Todeskandidat bist. Wenn du willst, klettern einige von uns in die Sättel, um dich zu begleiten.“

„Ich reite allein, Amb“, presste Lark leise heraus. „Ein Mann, der allein trailt, wird nicht so schnell gesehen wie ein Rudel Reiter. Er hat mehr Chancen, einige interessante Neuigkeiten zu erblicken – und vielleicht findet er auch etwas heraus.“

„Ich wünsche dir Glück, Cowboy!“, murmelte Amb heiser und lüftete seinen Stetson. „Ich ziehe den Hut vor dir, Sonny, denn Tote soll man ehren – auch wenn sie noch auf zwei Beinen umherlaufen.“

Seine Stimme wurde dunkler, Anerkennung lag darin, als er fortfuhr: „Vielleicht schaffst du das, was vor dir keiner fertigbrachte. Es wäre dann ein Wunder, Sonny, und die Schatten von der Bar-X würden sich in Nebel und Rauch auflösen. Ein Mädchen würde wieder lachen können, und ein verteufeltes Eisen läge dann in der Grube. Farewell!“

Das sagte Amb, und Lark sann über das Gehörte nach, zerbrach sich den Kopf mit marternden Gedanken, aber er kam zu keinem endgültigen Resultat.

Die Sterne funkelten über ihm. Aus der Weite klang der Ruf streunender Coyoten, drang der scharfe Duft frischen Kuhdungs. Im monotonen Takt stampften die Hufe des Broncos über die Grasnarbe hinweg.

Stunden verstrichen. Aus der Weite der Prärien ging es hinaus in die tannenbewaldeten, schroffen Black Hills, von deren Kuppen die weit auseinanderstehenden Stämme einen Blick auf das Silberband des Colorados gestatteten.

Drohend kam die Nacht dem Reiter entgegen.

Lark benutzte die Schatten der Nacht als vertraute Gefährten, nutzte jede Deckung aus und blieb dem Reiter auf den Fersen. Doch in den Black Hills verschwand Jett Merk. Ein Creekbett löschte seine Fährte.

Nur Minuten sann Lark nach, dann entschloss er sich, bachaufwärts nach der Fährte zu suchen. Irgendwo musste Jett Merk seinen Gaul ans Ufer getrieben, irgendwo seinen Trail weiter fortgesetzt haben.

Instinktmäßig wählte Lark die rechte Seite, steuerte sein Tier in das niedrige, rasch fließende Wellenbett des Creeks, trieb es mit leisem Zungenschnalzen an und bohrte seine Augen in das Dunkel der Nacht.

Nichts! Ah, seine Aufgabe war schwer, vielleicht in der herrschenden Dunkelheit unlöslich. Schon wollte er umkehren, aufgeben und die linke Seite des Creeks näher untersuchen, als der Schrei eines aufgescheuchten Uhus seine Aufmerksamkeit erregte.

Zugleich hielt er dem Bronco mit der linken Hand das Maul zu – und richtig, das leise Schnauben eines Pferdes tönte zu ihm hin.

Seine Hand verhinderte das Antwortschnauben seines Reittieres. Wenig später trieb Lark das Tier weiter auf ein Gewirr von Ranken und Ästen zu, aus dem das Geräusch zu ihm herüber gedrungen war.

Er glitt aus dem Sattel. Die Steilwände der dicht zusammentretenden Ufer zwangen ihn, sein Pferd am Zügel zu nehmen.

Lark zerrte den Bronco am Zügel hinter sich her durch die leise raunenden Wellen. Wieder

blieb er stehen, hörte sein Herz schwer und dumpf gegen die Rippenwandungen pochen, denn, by Gosh, ein Blockhaus in diesem von aller Welt abgeschnittenen Tal hatte er am wenigsten erwartet.

Dort wird Reginald Hatson von seinen Peinigern eingeschlossen, dachte er unwillkürlich. By Gosh, Barbara muss es ahnen. Sie traut Frank Powell nicht, sonst würde sie keine Reiter auf Jetts Fährte bringen. Aber, zum Teufel, sie muss einen stichhaltigen Grund haben, um nicht offen gegen Powell vorzugehen.

Vorsichtig brachte er seinen Gaul an eine Stelle des Ufers, wo herunterhängende Weidenäste ein geeignetes Versteck abgaben. Dort war er der Sicht verborgen und konnte fest angebunden werden.

Heilige Mavericks, bis jetzt hatte alles wider Erwarten gut geklappt, verteufelt glatt. Aber wer steckte nicht noch unter der Schmutzdecke Frank Powells?

Yeah, nach dieser Nacht würde Lark das Halfter vom Gurt entfernen und nur noch Schlingen anbringen.

Er schlich auf das Blockhaus zu, das inmitten des Tales, von einem Erlengebüsch und einem primitiven Stangencorral umgeben, sich kaum vom nächtlichen Himmel abhob.

Unbemerkt gelangte er zum Erlenhain, blieb im Schatten der Bäume stehen, vermied es, ins Mondlicht hinauszutreten und schaute zu den beiden Pferden hin, die abgesattelt grasten.

Ein gellender Schrei zerriss jäh die Nacht, so grauenvoll, dass ihm das Herz stockte und eine Gänsehaut über seinen Rücken jagte. Eine unbewusste Reaktion war die Folge. Er kam wieder zu sich, als er, wie ein Schemen, sprungbereit vor der Bohlentür der verwitterten Hütte stand.

Mit der Stiefelspitze stieß er die Tür auf und sprang hinein, eine Kugel fuhr über ihn hinweg ins Freie, streifte ihm den Stetson von den Haaren.

Eine weitere Kugel fauchte mit einem klirrenden Laut an seiner linken Wange vorbei, fetzte

hinter ihm neben der glimmenden Petroleumlampe in den Tisch. Der Splitterregen verdeckte Larks rasche, explosive Bewegung nach dem Colt.

Er bekam die Waffe mit einem raschen Schwung heraus, mit einer Schnelligkeit, die sein Leben rettete.

Yeah, zum dritten Mal wäre es ihm wohl kaum gelungen, sich dem Feuerzauber zu entziehen. Kein Trick, nichts hätte ihm helfen können. Jett Merks vorquellende Höllenaugen verkündeten nackten Mord.

Mord lauerte in der Art, wie er den Revolver schwang und sich blitzschnell drehte, zur Seite wich und seine Schüsse herausjagte.

Wie durch ein Wunder entkam Lark dem Bleiregen. Ah, vielleicht wollte es das Schicksal so, dass Jett Merk in seinem Schlupfwinkel aufgestöbert wurde, enthüllen musste, was er auf der Ranch meisterhaft hinter seiner jovialen Maske zu verbergen verstand.

In der von Pulverschwaden erfüllten Hütte echote sein Höllengelächter, brach jäh ab, als Larks Kugel seine Brust durchschlug.

Yeah, das Höllenfeuer in seinen Augen verglomm. Seine Augen wurden starr, haltsuchend reckte er die Hände, krallte seine Finger um die Tischkante, langsam sackte sein massiger Körper in sich zusammen, dann fiel er schwer und polternd zu Boden.

Aus Larks Colt quoll ein dünner Rauchfaden zur Decke, so grau und dunkel wie die Farbe seiner Augen. Langsam schob er sich auf Jett Merk zu. Die Lippen lagen schmal und blutleer wie Geißelschnüre aufeinander. Bleich war sein Gesicht. Vor ihm am Boden lag Jett Merk, der durch seine Hand fiel.

Aber hier hatte es keine andere Wahl gegeben, wer zuerst schoss, rettete sein Leben, verlängerte es – auf wie lange?

„Wo ist Reginald?“, flüsterten Larks zuckende Lippen. Wie aus weiter Ferne hörte er seine eigene Stimme durch die Brandung seines Blutes.

Die brechenden Höllenaugen Jett Merks bekamen einen undeutbaren, höhnischen Ausdruck.

„Such ihn in der Hölle“, kam es zurück.

Der höhnische Ausdruck blieb, blieb noch, als der schwere Körper Jett Merks sich streckte, steif und starr wurde.

Niemand konnte ihn mehr zurückholen, zu einer Aussage zwingen, er starb. Lark schloss in atemloser Verwirrung seine Augen, richtete sich auf und schaute sich unsicher im Raum um.

Die Einrichtung wirkte kärglich: ein Tisch, auf dem die Petroleumlampe stand, zwei wacklige Stühle, an der Wand einige Regale. Der Boden war aus gestampftem Lehm, darauf der offene Kamin.

Allmächtiger, er hatte doch einen Schrei gehört.

Abermals blickte er auf den Toten und wischte sich den ätzenden Schweiß von der Stirn. Plötzlich fiel sein Blick auf das Regal. Eine Flasche erregte seine Aufmerksamkeit. Er nahm sie herunter und prallte zurück. Wie ein Hauch bebte es über seine Lippen: „Strynos!“

Es gab kein Pflanzengift, das teuflischer war.

Yeah, eine schwache Dosis lähmte vorübergehend die Willenskraft, man erzählte alles, wenn man davon gekostet, alles ohne Ausnahme, entblößte sein Ich.

Und hinterher ließ ein nagendes Gefühl des Unwohlseins, das in einer fiebrigen Krankheit endete, in Delirien, in Bewusstseinsspaltungen, das erst nach einigen Wochen verschwand.

Eine stärkere Dosis führte zum Wahnsinn, aus dem es kein Erwachen gab – und eine starke Portion bedeutete den sicheren Tod.

Yeah, Strynos bedeutete Grauen, Wahnsinn, finstere Nacht des Geistes, bedeutete lebendige Tote.

Strynos! Lark brachte den gefürchteten Namen mit Reginald Hatson in Verbindung und mit dem Schrei, der jetzt noch in seinen Ohren gellte.

Durch die wallenden, blutroten Nebelvorhänge sah er Frank Powells Gesicht, es war die Maske des Teufels.

By Gosh, die Flasche musste vor Minuten gebraucht worden sein. Im Hals der Flasche lief die Flüssigkeit noch zurück.

 

 

3.

Douglas Thornton hieß der geiernasige, sehnige Kerl, der Lark gefangengenommen hatte, jedenfalls nannte er sich so. Bestimmt führte er mehrere Namen, wechselte sie und benutzte in gewissen Zeitabständen immer einen neuen. In der Kraterlandschaft seines Gesichts standen seine eiskalten Augen wie Opale.

Jetzt schritt er vor Lark durch die Felsspalte und rief einem versteckten Posten zu: „Geht in Ordnung.“ Er wartete nicht auf die Erwiderung, wahrscheinlich, damit Lark nicht die Lage des Postens erkannte.

By Gosh, der Kerl verstand es, sich und seine Burg zu sichern.

„Er hat dir nicht die Augen verbunden, Bruder, weil er dich zu seinem Verein gesellen will. Aber lass dich dadurch nicht täuschen. Er ist ein Satan, und wenn es ihm einfällt, gibt er dir schon in der nächsten Sekunde eine Ladung Blei“, hauchte Louis dicht an Larks Seite.

„Was hält dich hier, Louis?“

„Nichts, Sonny, ich möchte fort, aber …“

Er verstummte. In seinem „Aber“ lag eine Welt für sich, enthüllte die Tragik eines Mannes, der sich nicht mehr zu helfen wusste, nicht mehr Aus noch Ein wusste, nicht den Mut fand, die Fesseln zu sprengen, die ihn mit der Bande verbanden.

„Louis, was hat dir der Boy zu sagen?“, forschte Thornton mit schmalen, kaum bewegten Lippen.

„Er deutete an, dass es ihm wahrscheinlich gefallen wird – außer Frank Powell, den mag er nicht“, gab Louis schlagfertig zurück.

Thornton grinste. Seine Heiterkeit verstärkte sich, als er hervorstieß: „Well, das ist das richtige Verhältnis. Ich mag Männer nicht, die ohne Spannung leben. Nur Kerle, die die Hölle in sich brennen fühlen, sind für mein Camp geeignet.“

Weiter ging es durch das unwegsame Gelände, zu einem Hochplateau, auf dem Blockhütten standen.

Bevor sie es erreichten, sah Lark im Terrassengebiet die Weideplätze der Banditenpferde. Zwar verhinderte die mit aller Macht einsetzende Nacht weitere Orientierungsmöglichkeiten, aber die Kerle, die seinen Blauschimmel heranbrachten, konnte er noch erkennen. Er nickte ihnen zu und bemerkte zu seiner Überraschung, dass die Burschen den Gruß erwiderten.

„Sonny, Louis wird mit dir die Hütte teilen und dich ein wenig im Auge behalten, so lange, bis es sich erwiesen hat, dass du für uns tauglich bist“, sagte Thornton.

„Und im anderen Fall?“, fragte Lark mit einem Würgegefühl in der Kehle.

„Wird sich einer finden, der dich in die ewigen Jagdgründe bringt. Yeah, heute sollst du Frank Powell nicht sehen. Eine Nacht kannst du dir überlegen, ob du in seiner Nähe die Eisen in den Schlingen stecken lassen kannst – so long!“

Kurz und bündig war das. Die Sporen Douglas Thorntons rasselten. Er gab dem anderen Mann einen Wink und verschwand in Richtung des größten Blockhauses.

„Geh weiter“, murmelte Louis. „Die letzte Hütte gehört uns.“

„Wohl ein großer Boss?“, schleppte Lark grimmig.

„Er hat dir die Winchester gelassen und wird dir auch den Blauschimmel nicht nehmen, wenn du für ihn reitest – und außerdem behältst du dein Leben. Diese Gründe waren auch für mich bestimmend, als ich seinem Verein beitrat. Und einmal hier angelangt, ist es unmöglich, sich unbemerkt zu entfernen. Die Wächter ringsumher sind seine treuesten Diener, kennen keinen Pardon. Einige Reiter haben es schlucken müssen und vermodern dort links in der Schlucht. Thornton stürzte sie selbst hinein, gab ihnen keine Chance zum Ziehen. Genügt‘s?“

„Yeah. Aber ich werde trotzdem nicht mitmachen. Ich bin nur hier, um Frank Powell herauszufischen und zur Hölle zu bringen.“

Louis gab keine Antwort, wartete, bis sie das winzige Blockhaus erreicht hatten, sich durch die Tür in den Innenraum getastet und Licht gemacht hatten.

Louis schaute seinen Bruder mit gerunzelten Brauen an, schritt dann an ihm vorbei zu dem primitiven Ofen. Und während er in einem alten Topf Wasser aufsetzte und das Feuer im Ofen entfachte, sagte er wie im Selbstgespräch: „Als ich dich sah, dachte ich, umfallen zu müssen – ich glaubte dich in Texas.“

„Ich habe meinem Vormund die Fersen gezeigt, Louis, und habe Arbeit auf der Bar-X angenommen.“

„Und dann bist du nach Wyoming getrailt, du Narr. Du hast heute neben dem Tod gestanden, als du Thornton widersprachst. Tue es nicht noch einmal. Und noch eins: Du wirst hier nichts unternehmen, du wirst sogar mit Frank Powell reiten und Mavericks, Rinder und Pferde von den fetten Weiden der Rancher holen …“

„Ich glaube, du irrst“, unterbrach Lark grimmig. „Ich sagte bereits …“

Mit einer schroffen Handbewegung riss ihm Louis das Wort von den Lippen.

„Ich muss nochmals betonen, dass nur ein Narr in den Tod laufen will.“

„Und du bist kein Narr. Zum Teufel, Louis, in diesem Verein …“

„… reiten harte Burschen, Sonny“, klang es kühl. „Das Camp der Sattelpiraten ist ein Schreckmittel für ganz Wyoming. Immer wieder durchziehen Aufgebote die Berge. Aus jedem Distrikt tanzen die Possen mit ihren Sheriffs an der Spitze heran und verirren sich im Steinlabyrinth. Aber Thornton ist der Adler, oder, wenn man es richtig nimmt, die Geißel des Landes, der seine Burg beschützt und mit seiner Crew das Land terrorisiert. Er ist brutal und rücksichtslos und greift bei seinen Leuten mit einer Härte durch, die den Erfolg garantiert. In diesem Camp gibt es keine Schießereien. Er achtet darauf, dass seine Mannschaft sich nicht selbst ausrottet.“

„Lobe ihn, ich aber sage dir, dass er nicht einmal eine Kugel wert ist“, murmelte Lark bedeutsam. „Er ist ein Verbrecher, ein Mörder. Und du, wie lange bist du bei ihm?“

„Ein Jahr, Sonny“, warf Louis seinem jüngeren Bruder über die Schulter hinweg zu. Es war bezeichnend, dass er auch in der Hütte weder Gurt noch Waffen ablegte. Louis schlief mit den Eisen – und jeder Mann im Camp würde wohl ähnlich verfahren.

Details

Seiten
146
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942873
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v917742
Schlagworte
keiner

Autor

Zurück

Titel: Keiner kehrte zurück