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Das Paradies war ihr so nah

2020 95 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Paradies war ihr so nah

Copyright

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Das Paradies war ihr so nah

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 95 Taschenbuchseiten.

 

Werden Ehen wirklich im Himmel geschlossen? Gibt es das — ein Glück, das nie zu Ende geht? Mona Mertens möchte zu gern daran glauben, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Ihre Ehe mit einem erfolgreichen Anwalt droht zu scheitern, denn Florian hat sich in seine bezaubernde Sekretärin verliebt. Mona ist verzweifelt und deprimiert, sie glaubt, nie wieder glücklich sein zu können. Da begegnet ihr bei einem Besuch in der Paracelsus-Klinik ein junger Mann, der ihr Leben von einer Sekunde zur anderen verändert ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Florian Mertens gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und sagte: „Ich wünsche dir einen schönen Tag, Liebes.“

„Wünsche ich dir auch“, gab Mona Mertens zurück, aber sie war nicht sicher, ob ihr Mann es noch gehört hatte, denn im selben Moment fiel die Haustür hinter ihm zu. Mona trat ans Fenster und sah ihn in seinen Wagen steigen. Als er losfuhr, senkte sie traurig den Blick und fragte sich: Was ist bloß aus unserer Ehe geworden? Sie ging grübelnd in die Wohnküche und räumte das Frühstücksgeschirr weg.

Zehn Jahre war sie nun schon mit Florian verheiratet. Eine lange Zeit. Mit einundzwanzig Jahren hatte sie ihm das Ja-Wort gegeben.

Florian war neunundzwanzig gewesen, ein junger, begabter, ehrgeiziger Rechtsanwalt, von dem es damals geheißen hatte, er würde es noch mal sehr weit bringen.

O ja, er hatte es weit gebracht! Vom Auszubildenden bei Kroll & Kroll zur eigenen angesehenen Anwaltskanzlei mit einer sehr betuchten Klientel. Er hatte viel gearbeitet in diesen zehn Jahren - und irgendwann war die Liebe dann auf der Strecke geblieben. Wann es angefangen hatte zu kriseln, vermochte Mona nicht zu sagen. Eines Tages war ihr aufgefallen, dass ihr Mann sie nicht mehr auf den Mund, sondern nur noch auf die Stirn küsste und immer diese stereotype Abschiedsfloskel verwendete, wenn er das Haus verließ.

War das der Anfang vom Ende? Nach nur zehn Jahren? Wo sie doch gelobt hatten, ein Leben lang zusammenzubleiben?

Vor wenigen Tagen erst hatte Mona Mertens mit Ilona Ballack, ihrer besten Freundin, über ihre Ehe gesprochen.

„Liebst du Florian noch?“, hatte Ilona gefragt.

„Ich glaube ja“, hatte Mona geantwortet.

„Du bist nicht sicher?“

„Ich liebe ihn heute anders als vor zehn Jahren. Damals stand mehr das körperliche Begehren im Vordergrund.“

„Und heute?“, hatte Ilona Ballack gefragt. „Begehrst du deinen Mann heute nicht mehr?“

„Doch, aber da dieses Feuer kaum noch Nahrung bekommt, droht es allmählich zu erlöschen. Ferdinand und ich schlafen kaum noch miteinander.“

„Wenn er dreißig Jahre älter wäre, könnte man sagen, dass das biologisch bedingt ist, aber mit neununddreißig Jahren muss er doch noch bei Kräften sein.“

Mona hatte mit finsterer Miene genickt.

„Das ist er“, hatte sie seufzend gesagt. „Ich weiß nur nicht, wer in den Genuss dieser Kräfte kommt.“

„Glaubst du, dass er eine Geliebte hat?“

„Da bin ich mir ziemlich sicher.“

„Und du?“, hatte Ilona Ballack gefragt.

„Was ... ich?“

„Gleiches Recht für beide. Warum legst du dir nicht auch einen Liebhaber zu?“

„Du bist verrückt“, hatte Mona entrüstet gemeint.

„Wieso?“

„Was soll ich mit einem anderen Mann?“

„Wenn dein eigener nicht mehr bereit ist, seinen Garten zu bestellen, musst du sehen, wo du bleibst“, hatte Ilona erwidert, als ob dies die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre.

Dieses Gespräch ging Mona durch den Sinn, während sie Tassen und Teller in die Spülmaschine stellte. Sollte sie sich auch einen Lover suchen?

Sie konnte es sich nicht vorstellen, mit einem anderen Mann ins Bett zu gehen. Florian war bisher nicht nur ihr erster, sondern auch ihr einziger Mann gewesen. Sie hatte noch nie mit einem anderen geschlafen. Ilona hatte leicht reden, die war inzwischen bei Nummer einundzwanzig angelangt.

Was sie zu viel an Erfahrung hat, habe ich zu wenig, dachte Mona und schloss seufzend die Spülmaschine. An diesem Tag kreisten ihre Gedanken mehr denn je um das Thema Liebhaber, und das fand sie in höchstem Maße beunruhigend.

 

 

2

Trauerstimmung im Hause Härtling!

Der Fernsehapparat hatte seinen Geist aufgegeben!

„Ausgerechnet jetzt“, lamentierte Josee, das Nesthäkchen der Familie.

Jana Härtling versuchte die Zehnjährige zu trösten.

„So etwas kommt immer ungelegen.“

„Sie wollten was über Jacko bringen“, sagte Josee schwer enttäuscht.

„Wer ist Jacko?“, erlaubte sich Jana Härtling zu fragen.

Josee sah ihre Mutter an, als würde diese hinter dem Mond leben.

„Na, Michael Jackson. Die ganze Welt nennt ihn Jacko. Weißt du das nicht?“

„Tut mir leid“, sagte Jana Härtling schmunzelnd, „das muss meiner Aufmerksamkeit wohl entgangen sein. Aber ich werde es mir merken.“

Ottilie betrat das Wohnzimmer.

„Heute kein Fernsehen?“, fragte die grauhaarige Wirtschafterin verwundert.

„Nix Fernsehen“, meldete Tom, der vierzehnjährige Sprössling des Hauses. „Kiste kaputt.“

„Kaputt?“, fragte Ottilie überrascht.

„Zuerst war der Ton weg, dann das Bild“, berichtete Tom.

Ottilie sah ihn und Josee bedauernd an.

„Und nun könnt ihr Jacko nicht sehen.“

Jana Härtling sah die Haushälterin überrascht an. „Jacko?“

„Michael Jackson“, sagte Ottilie. „So nennt ihn die ganze Welt. Wissen Sie das nicht?“

Jana Härtling atmete schwer aus.

„Anscheinend bin ich die einzige, bis zu deren Ohren das erst vor einer Minute durchgedrungen ist.“

Die Zwillinge Dana und Ben erschienen.

„Nanu, was ist denn mit der Glotze los?“, fragte der achtzehnjährige Ben.

„Hin ist sie“, sagte Tom. Und mit ernster Miene fügte er hinzu: „Josee hat ihn auf dem Gewissen.“

Die Kleine sah ihn entgeistert an.

„Spinnst du? Wieso denn ich?“

„Du hast zu fest in die Bildröhre gestarrt, das hat sie nicht verkraftet“, erklärte Tom, als wäre er felsenfest davon überzeugt.

Ben verkniff sich ein Grinsen und sagte: „Moment mal, willst du damit etwa andeuten, Josee hätte so was wie den bösen Blick?“

„Lasst sie ihn Ruhe!“, warf Jana Härtling ein, damit das Ganze sich nicht zu einem Streit auswuchs.

„Ja, lasst sie in Ruhe!“, unterstützte Dana ihre Mutter. „Unser Sonnenscheinchen ist doch keine kleine Hexe.“

Tom sah sie zweifelnd an.

„Bist du sicher?“

„Ihr seid doof!“, rief Josee erbost. Sie meinte damit Ben und Tom. Vor allem Tom, mit dem sie sich ja täglich kabbelte.

„Vielleicht“, meinte Tom, „aber bestimmt nicht doofer als du, denn das geht überhaupt nicht.“

„Klar geht das“, behauptete Josee laut. „Zehnmal so doof seid ihr sogar!“

Jana Härtling schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Liebe Güte, da sieht man erst, welch friedensstiftende Funktion so ein Fernsehapparat doch hat. Das sollte man nicht unterschätzen. So ein Gerät kann eine ganze Familie vereinen.“

„Oder uneins machen“, erwiderte Ben amüsiert, „wenn nämlich der eine Fußball, der andere einen Film, der dritte eine Show und der vierte ein Theaterstück sehen möchte.“

„Also, wenn ich einen Vorschlag machen darf ...“, begann Ottilie und blickte in die Runde.

„Du hast den Apparat kaputtgemacht“, beschuldigte Josee den jüngeren Bruder. Sie wollte es nicht auf sich sitzenlassen, dass sie diejenige gewesen sein sollte, welche ...

„Ich?“ Tom stand auf und stemmte die Fäuste in die Seiten.

„Ja, du.“

„Du tickst wohl nicht richtig.“ Tom tippte sich mit dem Finger an die Stirn.

„Du mit deiner ewigen Zapperei“, sagte Josee.

„Davon wird doch ein Fernsehapparat nicht hin.“

„Mit der Zeit schon“, behauptete Josee.

„Also, wollt ihr meinen Vorschlag nun hören oder nicht?“, fragte Ottilie.

„Seid doch mal still!“, forderte Dana.

„Klappe halten!“, sagte Ben energisch.

Josee und Tom schwiegen, und die Wirtschafterin sagte: „Der Fernsehapparat in meinem Zimmer ist zwar nicht so groß und schön, aber er hat gegenüber diesem hier einen unschätzbaren Vorteil: er funktioniert, und wenn ihr wollt, könnt ihr euch Jacko da ansehen.“

Sämtliche Härtling-Kinder machten von Ottilies Angebot Gebrauch und übersiedelten in deren Zimmer. Die Haushälterin lud auch Jana Härtling ein, doch diese sagte: „Vielen Dank, aber ich denke, ich halte lieber hier die Stellung. Mein Mann muss jede Minute nach Hause kommen.“

Als Chefarzt Dr. Sören Härtling wenig später heimkam und im Wohnzimmer nur seine Frau vorfand, fragte er: „Wo sind die anderen?“

„Sie sehen sich in Ottilies Zimmer Jacko an“, antwortete Jana Härtling und gab ihrem Mann einen innigen Begrüßungskuss.

„Wen?“

„Dem Himmel sei Dank!“ Jana warf jubelnd die Arme hoch. „Ich bin nicht die einzige, die es nicht weiß.“

„Sprichst du von Michael Jackson?“, fragte Sören Härtling.

Jana ließ enttäuscht die Arme sinken.

„Ich bin doch die einzige.“

Nachdem der Beitrag über Jacko gelaufen war, gab es Abendessen, und danach forderten die Härtling-Sprösslinge einstimmig einen neuen Fernsehapparat. Sören war dafür, den alten reparieren zu lassen, doch damit kam er nicht durch.

„Die Kiste ist zehn Jahre alt“, sagte Ben.

„Und sie wurde bereits einmal repariert“, fügte Dana hinzu.

„Jetzt fängt das Gerät an, zur Sparkasse zu werden“, meinte Ben. „Deshalb ist es vernünftiger und wirtschaftlicher, sich davon zu trennen und ein neues zu kaufen.“

„Eines mit einem größeren Bildschirm“, sagte Tom begeistert. „Mit Top-Teletext, automatischem Sendersuchlauf, Zweikanalton, Stereoempfang, Infrarotkopfhörer, Bild im Bild und ... und ... und ...“

„Donnerwetter“, staunte Dr. Härtling, „du hast dich aber bereits sehr gut informiert.“ Er zwinkerte. „Wäre es denkbar, dass du irgendwo einen Draht abgeklemmt hast, um eine solche Neuanschaffung nötig zu machen?“

Tom sah seinen Vater betroffen an. „Aber Vati ...“

Sören Härtling lachte. „War nur ein Scherz.“

Ben berichtete, dass die elektronische Großhandelskette „Multi-Markt“ eine neue Filiale eröffnet hatte. „Dort werden zur Einführung in den ersten Wochen Markengeräte zu Schleuderpreisen abgegeben.“

„Na schön“, sagte Dr. Härtling. „Wir werden uns da mal umsehen.“

„Dürfen wir mitkommen, Vati?“, fragte Tom.

Dr. Härtling nickte, und so machten die Härtlings ihren nächsten Familienausflug in die neue „Multi-Markt“ Filiale.

 

 

3

Die Beziehung, die der Rechtsanwalt Dr. Florian Mertens zu seiner blonden Sekretärin unterhielt, dauerte nun schon zwei volle Jahre - und ein Ende war nicht abzusehen. Gabriele Kress war fünfundzwanzig und eigentlich gar nicht so hübsch, aber ungemein attraktiv und faszinierend. Sie übte eine Anziehungskraft auf ihn aus, wie er sie bei seiner Frau nur am Anfang der Ehe gespürt hatte. Heute verbanden ihn mit Mona nur noch gemeinsame Erinnerungen, ein gemeinsames gemütliches Heim und ... Ja, eigentlich sonst nichts mehr.

Wenn man ihn gefragt hätte, warum er trotzdem weiterhin bei Mona blieb, hätte er darauf keine Antwort gewusst. War es Gewohnheit? Waren es die starken freundschaftlichen Gefühle, die er heute für sie empfand? Es widerstrebte ihm, sich für immer von ihr zu trennen, die Ehe offiziell scheiden zu lassen. Lieber war es ihm, wenn die Dinge so blieben, wie sie waren, wenn alles so weiterlief wie bisher - mit einer Ehefrau und einer Geliebten, die keine allzu großen Ansprüche stellte, die sich mit dem begnügte, was sie von ihm bekam. So war das Leben für ihn am bequemsten. Er hasste große Veränderungen, deshalb würde er von sich aus auch nie darauf drängen. Wenn seine beiden Frauen sich damit abfanden, dass keine ihn für sich allein haben konnte, war ihm das sehr recht.

Früher hatte er zu Hause zu Mittag gegessen, das tat er schon lange nicht mehr. Zu viel zu tun, lautete die offizielle Version. In Wirklichkeit ging er mit Gabriele ins Restaurant - wenn er nicht mit einem Klienten zu speisen hatte.

„Wie geht es deiner Mutter?“, erkundigte er sich, während er ein Stück von seinem medium gebratenen Steak abschnitt.

Seine Sekretärin schüttelte ernst den Kopf.

„Nicht sehr gut. Sie hat ständig Schmerzen. Tag und Nacht.“

„Die arme Frau. Kann man ihr denn nicht helfen?“

„Die Ärzte wissen noch immer nicht, was ihr fehlt.“

„Das gibt’s doch nicht“, sagte Florian Mertens empört.

„Sie halten meine Mutter für eine Simulantin.“

„Eine Frechheit.“

Dorothea Kress - sie hatte vor zwei Monaten ihren fünfzigsten Geburtstag gehabt - hatte einen fast zweijährigen zermürbenden Leidensweg hinter sich. Als sie anfing über Schmerzen zu klagen und auffällig an Gewicht zunahm, wurde sie in ein Krankenhaus eingewiesen, wo man als Ursache für ihre Beschwerden eine Vergrößerung der Schilddrüse feststellte. Erst erklärten die Ärzte, dass sie operiert werden müsse, dann hieß es, dass der Eingriff nicht mehr nötig sei und sie wieder nach Hause gehen dürfe, obwohl sie kaum noch ohne schmerzstillende Medikamente auskam.

Nächtelang lag sie wach. Tagsüber fiel ihr jeder Handgriff schwer, und während einer Urlaubsfahrt nach Spanien brach sie dann völlig zusammen. Sie musste in Barcelona in eine Klinik eingewiesen werden, wo die Ärzte auf eine Nierenkolik tippten und ihr Infusionen gaben. Nachdem Dorothea Kress endlich transportfähig war, brachte man sie nach München zurück.

Ein anderes Krankenhaus ... Wieder eine offensichtlich falsche Diagnose, denn der entsetzlich leidenden Frau ging es unverändert schlecht.

„Ich war gestern bei ihr“, erzählte Gabriele, „sie ist verzweifelt.“

„Das kann ich verstehen.“

„Die Ärzte haben ihr wegen der anhaltenden Schmerzen an den Unterschenkeln Salbenverbände angelegt“, berichtete Gabriele.

„Herrgott noch mal, es muss doch herauszufinden sein, was ihr fehlt.“

Gabriele hob die schmalen Schultern.

„Man hat eine Kreislaufschwäche diagnostiziert.“ Sie aß noch ein bisschen was von der Beilage, dann schob sie den halb vollen Teller von sich. Sie hatte keinen Appetit mehr.

„Und woher kommen die ständigen Schmerzen?“, fragte Dr. Mertens.

„Das versucht ein Neurologe herauszufinden. Bisher leider ohne Erfolg. Meine Mutter möchte raus aus dem Krankenhaus.“

„Sie braucht Pflege“, sagte der Rechtsanwalt und spülte den letzten Bissen mit Rotwein herunter. „Willst du sie zu dir nehmen?“

„Das kann ich nicht, aber ich werde für sie eine Pflegerin suchen.“

„Die Kosten übernehme ich“, entschied Florian Mertens spontan. „Das brauchst du nicht, danke.“

„Ich weiß“, sagte Mertens. „Ich möchte es aber. Die Frau ist schließlich deine Mutter.“

„Danke, Florian. Du hast ein großes Herz.“

Er griff über den Tisch, nahm ihre Hand und sah ihr in die Augen.

„Ich liebe dich“, sagte er ganz sanft, „und ich werde für deine Mutter tun, was in meiner Macht steht.“

 

 

4

Der neue Fernsehapparat war gekauft, nach Hause transportiert, aufgestellt und von Ben und Tom eingestellt worden. Das Bild war brillant, der Stereoton überwältigend. Die gesamte Familie Härtling war mit der Neuanschaffung rundum zufrieden, so dass der Klinikchef wieder beruhigt zur Tagesordnung übergehen und sich seinen Patienten widmen könnte.

Mona Mertens und ihre Freundin Ilona Ballack saßen bereits im Wartezimmer, als die Nachmittagssprechstunde begann. Sie waren zur Vorsorgeuntersuchung angemeldet, und während sie darauf warteten, dass Schwester Annegret sie aufrief, erzählte Ilona mit glänzenden Augen von dem faszinierenden Mann, der möglicherweise ihr Lover Nummer zweiundzwanzig werden konnte.

„Er hat Charme und Kultur, ist intelligent und witzig ...“

Mona lächelte.

„Es dauert vielleicht nicht so lange, wenn du mir erzählst, welche Fehler er hat.“

„Fehler? Er hat keine Fehler - keinen einzigen.“

„Wie alt ist er?“, erkundigte sich Mona Mertens.

„Dreiunddreißig“, antwortete Ilona Ballack.

„Was ist er von Beruf?“

„Er arbeitet in der Forschungsabteilung eines großen Pharma Konzerns.“

„Ledig? Verheiratet? Geschieden?“, forschte Mona Mertens weiter.

„Ledig - und unbeschreiblich süß.“

„Wo hast du ihn kennengelernt?“, wollte Mona wissen.

„In der Bank, in der ich arbeite“, antwortete die Freundin bereitwillig.

„Hat er einen Kredit beantragt?“

„Er hat ein Sparkonto eröffnet.“

Mona schmunzelte.

„Und er trug einen Heiligenschein auf dem Kopf und Flügel auf dem Rücken.“

„Ja“, lachte Ilona, „jetzt, wo du es sagst, fällt es mir wieder ein.“

Schwester Annegret erschien. „Frau Ballack, bitte.“

Ilona stand auf. „Ich bin dran. Ich erzähle dir nachher mehr.“

„Oh, bitte ja, nicht vergessen“, erwiderte Mona belustigt. „Ich brenne darauf.“ Und während die Freundin sich entfernte, dachte sie: Sie nimmt das Leben beneidenswert leicht. Warum nur kann ich das nicht?

Wenig später rief Schwester Annegret sie auf, und nachdem Dr. Härtling sie untersucht hatte, sagte er: „Alles in bester Ordnung, Frau Mertens.“

„Das hört man immer gern, Herr Doktor.“

Der Gynäkologe und Chefarzt der Paracelsus-Klinik begann zögernd: „Dennoch muss ich sagen ...“

„Ja, Herr Doktor?“ Mona sah ihn beunruhigt an. „Ja?“

„Dass Sie nicht besonders glücklich aussehen“, sagte Sören Härtling.

„Sieht man mir das so sehr an?“, wunderte sich die schöne Patientin.

„Haben Sie Sorgen?“, erkundigte sich Dr. Härtling.

Mona lächelte schmal.

„Wer hat die nicht?“

„Steht es mit Ihrer Ehe nicht zum Besten?“, fragte Sören Härtling jetzt direkt.

Monas dunkle Augen weiteten sich.

„Hat Ihnen das meine Freundin gesteckt?“

Sören Härtling schüttelte den Kopf.

„Frau Ballack hat darüber kein Wort verloren. Ich bin seit langem Ihr Arzt, und ich habe mir aus Ihren gelegentlichen Andeutungen so meinen Reim gemacht, Frau Martens.“

Mona Mertens senkte den Blick.

„Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen. Damit erzähle ich Ihnen bestimmt nichts Neues. Mal ist man oben, mal unten.“ Sie seufzte traurig. „Sie haben richtig geraten, Herr Doktor, mit meiner Ehe stimmt es nicht mehr.“

„Das tut mir leid.“

„Ich hoffe, ich kann diese Krise meistern. Wenn nicht ...“ Mona hob die Schultern. „Wenn man der Statistik glauben darf, wird jede zweite Ehe geschieden.“ Ihre Mundwinkel zuckten kurz. Es hätte wohl ein Lächeln werden sollen. „Ich denke, es ist zu überleben.“

Sie verabschiedete sich von Dr. Härtling, und sobald sie wieder mit Ilona Ballack zusammen war, schwärmte diese weiter von dem Engel mit dem Heiligenschein, der bei ihr ein Sparkonto eröffnet hatte und möglicherweise ihre zweiundzwanzigste Affäre werden würde.

 

 

5

„Morgen um diese Zeit hast du’s schon hinter dir“, sagte Peter Berger zu seinem Freund.

Bruno Sommer lächelte.

„Manchmal möchte man, dass die Zeit schneller vergeht. Manchmal würde man sie am liebsten anhalten. Ein andermal wieder würde man das Rad der Zeit gerne ein Stück zurückdrehen.“ Er setzte sich im Krankenbett auf. „Ein Glück, dass die Zeit sich von niemandem beeinflussen lässt. Sie könnte es ja doch niemals allen Menschen recht machen.“

„He“, lachte Peter Berger, mit neunzehn Jahren schon stattliche eins fünfundneunzig groß, „du bist ja ein richtiger Philosoph.“

Bruno Sommer, sieben Jahre älter, hob den Finger.

„Und ein Philanthrop, ein Menschenfreund, sonst würde ich dich nicht bei mir wohnen lassen.“ „Sei froh, dass jemand deine Zimmerpflanzen gießt, während du dich in der Paracelsus-Klinik verwöhnen lässt.“

„Das dürfte ich auch jederzeit meiner Nachbarin zumuten“, entgegnete Bruno Sommer. „Die hat mich nämlich sehr gem.“

„Wenn du dir da bloß nichts einbildest.“

„Ehrlich. Sie kommt doch andauernd zu mir, um sich etwas zu borgen.“

Peter Berger grinste. „Und das wertest du gleich als Zeichen von tiefer Zuneigung und sinnlichem Begehren? Ich würde sagen, die Dame ist einfach nur vergesslich.“

„Aus dir spricht der pure Neid.“

„Quatsch!“

„Doch, doch“, nickte Bruno Sommer, „das merke ich doch. Denkst du, so etwas fällt mir nicht auf?“

„Na schön“, gab Peter Berger nach. Er hatte schmale, feingliedrige Hände. „Okay“, sagte er, „ich platze vor Neid.“

„Siehst du, ich wusste es.“

Peter fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das dichte dunkle Haar. Er hatte ein hübsches Gesicht - kurze, gerade Nase, sanfte Augen, schöne Lippen.

„Hast du Angst?“, fragte er seinen Freund.

„Wovor?“

„Dumme Frage.“

„Ach so, vor der morgigen Operation“, sagte Bruno. Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe keine Angst.“

„Brauchst du auch nicht. So eine Blinddarmoperation ist heutzutage eine Klackssache. Das geht ruckzuck.“

„Klar“, feixte Bruno Sommer, der wie sein Freund stets zu Scherzen aufgelegt war - selbst dann noch, wenn er anderntags unters Messer musste, „das geht so schnell, dass sie dir nicht mal mehr eine Narkose zu geben brauchen. Die schieben dich rein in den OP, ein Arzt lenkt dich kurz ab, der andere klaut dir indessen den Blinddarm, und schon schieben sie dich wieder auf deine Station zurück.“

„Ich sehe, du bist im Bilde.“

„Von Dr. Härtling, dem Chef dieser wunderbaren Klinik, höchstpersönlich informiert“, tönte Bruno.

Eine hübsche junge Pflegerin betrat das Krankenzimmer.

„Ich muss gehen“, sagte Peter Berger.

Bruno Sommer zeigte auf die Schwester.

„Ihretwegen?“

Peter zuckte die Schultern.

„Könnte ja sein, dass sie dir was Gutes antun möchte - dich zum Beispiel mit einer Nadel piksen oder so.“

„Einen netten Freund haben Sie“, lachte die Pflegerin amüsiert.

„Wenn Sie versprechen, mich nach der Operation so oft wie möglich zu besuchen, kriegt er von mir Hausverbot“, erklärte Bruno.

Peter drückte ihm die Hand.

„Ich komme morgen wieder, ob dir das nun passt oder nicht.“ Er wandte sich an die Pflegerin. „Auf Wiedersehen, Schwester. Vielleicht können Sie den Chirurgen morgen überreden, ihm auch gleich ein Stück von seiner vorlauten Zunge abzuschnipseln.“

Er ging, verließ die Krankenstation und stieß kurz darauf ziemlich heftig mit zwei jungen Frauen zusammen ...

 

 

6

„Autsch!“, schrie Mona Mertens schmerzvoll auf und stieß den jungen Mann, der sie beinahe überrannt hätte, mit beiden Händen kraftvoll zurück.

Peter Berger erschrak. „Entschuldigung.“

„Können Sie nicht aufpassen, wo Sie mit Ihren großen Latschen hintreten?“, fuhr Mona ihn wütend an.

Ilona Ballack sagte nichts. Sie hatte bei dem Zusammenstoß nichts abbekommen.

„Es tut mir leid“, sagte Peter verlegen, „ich war in Gedanken.“

„Wir sind hier in einem Krankenhaus“, zischte Mona zornig. „Sie können doch nicht wie ein Wilder um die Ecke schießen.“

Peter wusste nicht mehr, was er sonst noch sagen sollte. Die Sache war ihm ziemlich peinlich. Es war wirklich ärgerlich, was ihm da passiert war. Hatte er denn keine Augen im Kopf?

„Ich bin untröstlich“, murmelte er.

Seine linkische Hilflosigkeit imponierte Ilona Ballack.

„Sie müssen Schuhgröße vierundvierzig haben“, fauchte Mona.

„Sechsundvierzig. “

„Noch schlimmer“, sagte Mona. Sie sah auf ihr immer noch schmerzendes Bein. „Mein Strumpf hat eine Laufmasche.“

„Ich mach’s wieder gut“, versprach Peter.

Er begann Ilona leidzutun.

„Wie denn?“, fragte Mona bissig. Ihr ging ganz offensichtlich jegliches Mitleid ab.

„Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, bringe ich Ihnen ein neues Paar Strümpfe“, sagte Peter Berger.

Mona sah ihn empört an.

„Ich gebe Ihnen doch nicht meine Adresse. Ich bin froh, wenn ich Sie nicht wiedersehe.“

„Ich kann Ihnen die Strümpfe auch schicken, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Gehen Sie!“, herrschte Mona den jungen Mann unversöhnlich an. „Lassen Sie mich in Ruhe! Warum gehen Sie nicht endlich?“

Ilona Ballack schmuggelte ihm unmerklich ihre Karte in die Hand und raunte ihm zu: „Gehen Sie! Rufen Sie mich morgen an, dann erfahren Sie ihre Adresse.“

Er entfernte sich verwirrt.

„So ein Rüpel“, machte Mona ihrem Zorn Luft.

„Nun krieg dich wieder ein“, beschwichtigte Ilona die Freundin. „So dramatisch war die Sache ja nun auch wieder nicht.“

„Er hat mir wehgetan.“ Mona humpelte.

„Er hat gesagt, es tut ihm leid.“

„Davon habe ich nichts!“

„So beruhige dich doch endlich“, bat Ilona leise. „Er ist nicht mehr hier.“ Nach einigen weiteren Schritten ließ der Schmerz nach, und Mona humpelte nicht mehr.

Während sie die Paracelsus-Klinik verließen, sagte Ilona: „War ein hübscher Bengel, dieser Flegel.“

Mona Mertens warf der Freundin einen aufgebrachten Blick zu.

„Sag bloß, der hat dir gefallen.“

Ilona Ballack schmunzelte.

„Sag bloß, du fandest ihn hässlich.“

„Vergaffst du dich neuerdings auch schon in Kinder?“, fragte Mona spöttisch.

„Meine Liebe, das war kein Kind mehr, sondern schon ein bildschöner, vitaler junger Mann, an dem alles dran war.“

„Bei dem kleben doch noch die Eierschalen hinter den Ohren.“

Ilona kicherte.

„So genau hast du ihn dir angeguckt? Sieh an, sieh an. Mir sind keine Eierschalen aufgefallen.“

Mona blieb stehen und sah die Freundin ironisch lächelnd an.

„Weißt du, was mir langsam auffällt?“

„Was?“

„Dass du unglaubliches Glück bei Männern hast - dir gefällt einfach jeder!“

 

 

7

Nummer einundzwanzig rief um neun Uhr in der Bank an und sagte: „Ich habe soeben erfahren, dass ich für drei Monate nach Thailand muss.“

„Für drei Monate.“ Ilona Ballack stöhnte. „Das ist ja fast nicht auszuhalten.“

„Tut mir leid “, sagte der Mann, dem zur Zeit noch ihr Herz gehörte. Er war Geophysiker.

„Hat man dich allein abkommandiert?“, erkundigte sich Ilona.

„Nein, eine Kollegin fliegt mit.“

„So, so, eine Kollegin.“ In Ilonas Bauch setzte ein unheilvolles Grollen ein.

„Ja“, sagte der Mann am anderen Ende.

„Ist sie hübsch?“, wollte Ilona wissen.

„Sie ist nicht unhübsch“, gab der Mann zur Antwort.

Ilona tat so, als wäre sie erleichtert.

„Na, dann brauche ich mir um dich ja wohl keine Sorgen zu machen.“

„Sie ist meine rechte Hand, verstehst du?“, erklärte der Mann. „Ich brauche sie.“

„Klar“, sagte Ilona zynisch. „Wenn man bedenkt, was ein Mann mit seiner rechten Hand so alles anstellen kann.“

„Bist du sauer?“ Das klang völlig überrascht und harmlos.

„Nein, ich bin nicht sauer. Warum sollte ich? Wenn du nichts dagegen hast, dass ich mir für die nächsten drei Monate auch eine rechte Hand zulege, ist alles in Ordnung. Wann fliegst du?“

„Übermorgen.“

„Ich wünsche euch schöne Flitterwochen in Thailand“, sagte Ilona und legte auf.

Sie war weder eingeschnappt noch deprimiert. Dieses Verhältnis hatte ohnedies schon leicht gekränkelt und keine richtige Zukunft mehr gehabt. Also betrachtete sie es hiermit als beendet und konnte sich für eine neue Beziehung öffnen. Sie rief den Pharma-Mann gleich an, um ihm die Chance zu geben, sie zum Abendessen einzuladen. Sein Name war Ferdinand Lutz. Als sie ihn an der Strippe hatte und sich meldete, fragte er: „Ist mit meinem Konto irgendetwas nicht in Ordnung, Frau Ballack?“

„Oh, Ihrem Konto geht es ausgezeichnet, Herr Lutz, aber ich denke, wir sollten uns gelegentlich über ein paar neue Sparformen unterhalten, die Ihnen mehr Zinsen einbringen.“

„Hört sich gut an.“

„Ja? Wann hätten Sie denn Zeit?“

„Also, heute kann ich hier nicht weg. Wie wär’s mit morgen?“

„Morgen und übermorgen ist mein Terminkalender leider knackevoll, und danach muss ich für zwei Tage auf Schulung.“

„Tja, wie machen wir es dann am besten?“

„Heute Abend hätte ich Zeit.“

„Heute Abend? Ich kann doch nicht von Ihnen verlangen, dass Sie meinetwegen ...“

„Es würde mir nichts ausmachen. Ich würde die für Sie interessantesten Unterlagen mitbringen und Ihnen alles so erklären, wie ich es hier ohnedies nicht könnte, weil es bei uns zur Zeit zugeht wie in einem Taubenschlag.“

„Einverstanden“, stimmte Ferdinand Lutz zu. „Aber nur, wenn Sie mir erlauben, Sie zum Abendessen einzuladen.“

Sie lächelte zufrieden. Na bitte, es lief ja alles wie geschmiert!

„Dagegen habe ich nichts einzuwenden“, sagte sie.

„Sagen wir um acht?“, fragte Lutz.

„Okay.“

„Wo wohnen Sie?“

„Warum möchten Sie das wissen?“, fragte Ilona zurück.

„Ich hole Sie natürlich von zu Hause ab.“

„Das ist wirklich nicht nötig“, wehrte sie nicht besonders energisch ab.

„Ich muss darauf bestehen“, sagte er dafür umso energischer.

Sie gab klein bei und nannte ihre Adresse.

„Ich freue mich auf heute Abend“, sagte Ferdinand Lutz.

„Ich mich auch.“

„Nicht nur wegen der zu erwartenden höheren Verzinsung meines Sparguthabens, sondern mehr noch, weil ich die Freude haben werde, Sie wiederzusehen.“

Ilona Ballack seufzte selig.

„Das haben Sie nett gesagt.“ Sie legte auf, und ihre Gedanken kreisten nur noch um Ferdinand. Sein Vorgänger war ihr nicht mehr wichtig. Sollte er doch mit seiner rechten Hand in Thailand glücklich werden. Oder auch nicht.

Sie beriet ein junges Ehepaar, das so rasch wie möglich Geld brauchte, weil es ein preislich äußerst günstiges Haus kaufen wollte. Anschließend hatte sie eine kurze Besprechung mit dem Filialleiter, und als sie wieder an ihren Schreibtisch zurückkehrte, läutete das Telefon, und eine junge männliche Stimme fragte: „Spreche ich mit Frau Ilona Ballack?“

„Ja, was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Peter Berger. Der Pechvogel. Erinnern Sie sich? Sie haben mir gestern in der Paracelsus-Klinik Ihre Karte gegeben.“

„O ja, ich erinnere mich. Na, haben Sie den Schock inzwischen überwunden?“

„Es war mir entsetzlich peinlich - ist es mir noch immer“, gestand der junge Mann.

„Gott, so ein Malheur kann doch jedem passieren.“

„Ihre Freundin war ziemlich wütend auf mich“, sagte Peter Berger.

„Sie hat sich schnell beruhigt.“

„Sie hatte recht, man rennt nicht so in einem Krankenhaus“, sagte Peter Berger.

„Die Sache ist vergeben und vergessen, Peter. Ich darf Sie doch Peter nennen, ja?“

„Klar. Meinen Sie, Ihre Freundin frisst mich heute nicht mehr, wenn ich mich noch mal bei ihr entschuldige und ihr ein neues Paar Strümpfe, garniert mit einem Rosenstrauß, bringe?“

„Sie haben heute bestimmt nichts mehr zu befürchten“, versicherte Ilona Ballack dem jungen Mann.

„Wie heißt Ihre Freundin?“

„Mona Mertens.“

„Und wo wohnt sie?“, fragte Peter Berger.

Ilona zögerte mit der Antwort.

„Da ist noch etwas, das ich Ihnen vorher sagen möchte, Peter: Meine Freundin Mona ... Also Mona ist ... Sie ist ...“

„Verheiratet?“

„Ja“, staunte Ilona Ballack. „Wie haben Sie das so schnell erraten?“

„Ich habe gestern ihren Ehering gesehen.“

„Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer hervorragenden Beobachtungsgabe. Mona ist also eine verheiratete Frau – wenngleich ... “ Ilona unterbrach sich kurz, fuhr dann fort: „Nun ja, warum soll ich es nicht sagen? Monas Ehe ist so gut wie am Ende. Sie will das zwar nicht wahrhaben, aber es ist so, ich als ihre beste Freundin weiß das, und sie wird ihre Augen auch nicht mehr lange vor der Wirklichkeit verschließen können. Ihr Mann beachtet sie kaum noch und hegt fast nur noch freundschaftliche Gefühle für sie, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will.“

„Doch. Ja. Ich verstehe, Frau Ballack.“

„Nicht Frau Ballack, Peter. Ilona. Okay?“

„Okay.“

„Mona befindet sich zur Zeit in keiner besonders guten seelischen Verfassung, wie Sie sich denken können“, sagte Ilona ernst. „Außerdem steht sie im Moment auf ziemlich wackeligen Beinen. Wenn der richtige Mann käme und sie antippen würde, könnte es sehr leicht passieren, dass sie umfällt, aber ich möchte nicht, dass sie sich dabei verletzt. Sollten Sie die Absicht haben, etwas in der Art zu tun, überlegen Sie sich vorher gut, was das für Folgen haben kann, denn wer immer meiner Freundin wehtut, der kriegt es mit mir zu tun.“

„Ich glaube, Mona kann froh sein, eine Freundin wie Sie zu haben, Ilona “, erwiderte Peter, ohne auf die vorhergehenden Bemerkungen einzugehen.

 

 

8

Florian hatte angerufen und gesagt, dass es heute mal wieder spät werden würde. Mona kannte das inzwischen. Wenn er dann spät nachts nach Hause kam, hatte er immer das Parfüm dieser anderen Frau an sich.

Wie viele solcher Überstunden mögen wohl in Deutschland, in Europa, auf der ganzen Welt gemacht werden?, fragte sich Mona Mertens deprimiert. Und wie viele Frauen glauben ihren Männern, wenn diese anrufen und sagen, sie müssten heute etwas länger arbeiten?

„Da heißt es immer, in der Politik wird so viel gelogen“, murmelte Mona. „In der Ehe etwa nicht?“

Sie ging durch das Wohnzimmer, warf dabei einen Blick aus dem Fenster und stutzte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Mann. Moment mal ... Das Gesicht kannte sie doch. Jung, aber schon markant. Gut geschnitten, freundlich und sympathisch. Obgleich Mona mit diesem Gesicht keine sympathische Erinnerung verband.

Sie trat ans Fenster, blieb knapp vor dem Vorhang stehen. Sie war von drüben nicht zu sehen, aber sie sah ihn, den jungen Mann, der sie gestern in der Paracelsus-Klinik beinahe umgerannt hätte. Ilona hatte recht: Er sah wirklich sehr gut aus und hatte absolut nichts Grünes mehr an sich. Dennoch war ein Mann, der schätzungsweise zwölf Jahre jünger war, für Mona uninteressant.

Wieso steht er dort drüben?, fragte sich Mona. Reglos wie ein Zinnsoldat. Als würde er unser Haus bewachen. Woher hat er meine Adresse? Darauf gab es für Mona Mertens nur eine Antwort: Ilona!

Der junge Mann hielt irgendetwas hinter seinem Rücken verborgen. Jetzt brachte er es zum Vorschein. Einen großen Strauß gelber Teerosen. Von wem wusste er, dass das ihre Lieblingsblumen waren? Ilona! Wer versuchte da etwas einzufädeln? Ilona!

Mona rief die Freundin an.

„Weißt du, wer vor unserem Haus steht?“

„Nein“, antwortete Ilona scheinheilig. „Wer?“

„Dreimal darfst du raten.“

„EinPolizist?“, fragte Ilona Ballack.

Details

Seiten
95
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942866
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v917741
Schlagworte
paradies

Autor

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Titel: Das Paradies war ihr so nah