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Trevellian und das Hollywood-Komplott

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und das Hollywood-Komplott

Copyright

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Trevellian und das Hollywood-Komplott

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Jesse Trevellian ist ein Ermittler in New York. Er kämpft unbeirrt gegen das Verbrechen und die organisierte Kriminalität. Auch wenn er von einem Sumpf aus Korruption und Lüge umgeben ist, versucht er einen geraden Weg zu gehen. Denn die Schicksale der Opfer lassen ihn nicht los... Trevellian lässt nicht locker. So lange es auch dauern mag, am Ende findet er die Mörder...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Ein Filmstar sollte sterben ln seiner Wut entwickelte er Bärenkräfte. Sein Fußtritt traf das Türholz wie ein Rammstoß. Es splitterte und knallte mit einem Schmetterschlag auf den Fußboden. Jorge León stürmte in den Living-room.

Graciella schrie erst jetzt. Der ältere Mann hielt sie noch in den Armen. Er war wie gelähmt vor Schreck. Graciella wollte von ihm weg und stemmte sich verzweifelt gegen seine Umarmung.

»Du Miststück!« schrie León. »Oh, du verdammte kleine Hure! Dir habe ich vertraut! Dir habe ich…« Er rang nach Atem und spürte, daß er gleich restlos durchdrehen würde.

Graciellas Augen wurden plötzlich riesengroß. Auch ihr Liebhaber stutzte. »Jorge!« hauchte die junge Frau. »Um Himmels willen, hinter dir!«

»Komm mir nicht auch noch mit dämlichen Tricks!« brüllte er. »Erzähl mir bloß nicht…«

Vier Schüsse peitschten — ein Donnerhall zwischen den Wänden, der ihm die Stimme abhackte und stechend seine Trommelfelle traf. Den Hieb, der sein Bewußtsein auslöschte, spürte er kaum noch.

Ich trat das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Es schien fast, als stiege der Jaguar auf die Hinterbeine, als Milo und ich von der Federal Plaza losjagten. Ich pappte das Magnetrotlicht aufs Dach und spielte mit dem Hupring, der die Sirene zu schrillsten Tönen anschwellen und in einem blökenden Orgelton wieder ausklingen ließ — auf und ab, ganz nach Bedarf.

Fahrtrichtung Downtown. Einsatzort Battery Park, Ferry Terminal. Geiselnahme.

Mehr wußten Milo und ich bislang nicht. Von der Federal Plaza bis zum Südzipfel Manhattans ist es fast nur ein Katzensprung. Ich bog auf den Lower Broadway ein, ließ die Hinterreifen wimmern und drückte wieder drauf: Gaspedal, Sirenenring. Die Maschine röhrte satt. Die eingebaute Nervensäge schrillte. Und das Rotlicht wurde von der Helligkeit der Straßenlampen aufgesogen.

Milo bediente die Tasten des Funkgeräts und bekam Verbindung mit der Zentrale des FBI-Distrikts.

»Alarmfahrt G-men Trevellian und Tucker, Nachtbereitschaft. Bitte Bestätigung und Einsatzziel. Over.«

Eine Alarmfahrt in der abendlichen Downtown von Manhattan ist eine halbe Spazierfahrt. Ich leistete es mir, in Fahrbahnmitte dahinzujagen und die Sirene in den unteren Tonlagen orgeln zu lassen.

Die Stimme des Kollegen in der Zentrale war fast so klar wie in einer HiFi-Stereo-Sendung. Eine Seltenheit in Manhattan, wo der gesamte Polizeifunk chronisch von atmosphärischen Störungen geplagt wird.

»Zentrale an G-men Trevellian und Tucker. Bestätige Alarmfahrt. Veranlasser ist Revier Downtown West, Police Department. Einsatzziel Ferry Terminal Freiheitsstatue. Fährschiff George Washington. Weitere Fragen? Over.«

»Jede Menge«, knurrte Milo gereizt. »Laß dir nicht jedes verdammte Wort aus der Nase ziehen, Kollege! Ich bin G-man Tucker. Ich will einen Lagebericht haben. Himmel, wir haben drei bis vier Minuten Fahrzeit! Die verbringen wir nicht mit Däumchendrehen. Und wir rätseln auch nicht herum, wer da auf uns wartet — ein Durchgedrehter mit 100 Geiseln, oder ein eiskalter Killer mit einer Geisel. Klar? Over!«

Die Stimme aus dem Lautsprecher wirkte gekränkt und schneidend. »Sir, ich bitte um Funkdisziplin! Ich habe keine Veranlassung, Ihnen mitzuteilen…«

»Es reicht!« brüllte Milo. »Man, wenn du mir nicht augenblicklich vorliest, was auf deiner Gesprächsnotiz steht, ziehe ich dir die Hammelbeine lang! Noch heute nacht! Ist der Chef verständigt worden? Over!«

»Nein, ich… wieso, ich wußte doch nicht…«

Der Kollege, frisch von der FBI-Akademie Quantico, war unsicher geworden. Er gehörte zu einer ganzen Mannschaft von Nachwuchsleuten, die jetzt ihren Dienst angetreten hatten. Die Namen waren uns noch nicht geläufig. Unsere Geduld wurde bisweilen strapaziert. Wie jetzt.

Ich wechselte einen Blick mit Milo und konzentrierte mich wieder auf die Fahrbahn. Wir überquerten die Fulton Street. Vor uns ragten die Wolkenkratzertürme des Financial District auf. Milos abweisende Miene ließ erkennen, daß er nicht daran dachte, mit dem jungen Kollegen geduldig umzugehen.

»Hol das schleunigst nach!« rief Milo. »John D. McKee ist bei einem Alarmfall sofort zu benachrichtigen. Nachzulesen in der Mappe mit distriktinternen Anweisungen für den Bereitschaftsdienst. Gib mir die Einzelheiten, und dann ruf den Chef an! Over.«

»Schon gut, meinetwegen. Aber ich weise darauf hin, daß ich nicht berechtigt bin…«

»Geschenkt. Ich denke, ein Geiselnehmer wird kaum Zeit haben, unseren Funkverkehr abzuhören. Also los!«

Mit zwei Minuten Verzögerung erfuhren wir endlich, was lief. Und die Einzelheiten waren so umfangreich, daß die restlichen Minuten bis zum Battery Park kaum ausreichten.

Eifersuchtsdrama in einer Wohnung in Greenwich Village, McCarthy Street. Jorge León, eingebürgerter Kubaner, erschießt seine Verlobte Graciella Marcos, eingebürgerte Kubanerin. Außerdem ihren Liebhaber, Emerson Hackett.

Aus seinem Eifersuchts-Blutrausch erwacht, kommt León zur Besinnung und flieht. Er rennt durch die Straßen, hört Polizeisirenen und will im Battery Park untertauchen. Haargenau in diesem Moment wird eine Streifenwagenbesatzung auf der State Street auf ihn aufmerksam. Gezielte Verfolgung. León gerät in Panik, und der Zufall spielt ihm einen Ausweg zu.

Am Fähranleger liegt ein Schiff, vollgestopft mit Touristen. Etwa 300 Leute. Nachtfahrt zur Freiheitsstatue mit Blick auf den Lichterglanz Manhattans. Romantik in der Riesenstadt. León spürt den Kapitän auf, bringt ihn in seine Gewalt und nimmt Funkverbindung mit der City Police auf.

Natürlich hatte der neue Kollege in der Zentrale recht gehabt. Solange wir uns nicht federführend in einen Fall eingeschaltet haben, sind wir verpflichtet, den Ermittlungsstand absolut vertraulich zu behandeln. Milo hatte allerdings auch recht: Mit einem Abhörrisiko war in diesem Fall nicht zu rechnen.

»Hackett?« sagte ich, nachdem Milo das Funkgespräch beendet hatte. »Womöglich der Hackett?«

»Gibt es einen besonderen?« brummte Milo stirnrunzelnd. »Mir ist höchstens Bobby Hackett geläufig, der Jazztrompeter. Aber der dürfte aus dem Alter heraus sein, in dem man mit kleinen Kubanerinnen anbändelt und Verlobte zur Blutrache anstiftet.«

»Emerson Hackett«, erinnerte ich ihn, als wir die State Street erreichten, die unmittelbar an der östlichen Längsseite des Battery Park verläuft. »Das ist der Filmregisseur. ›Hollywood‹. ›Kalifornien-Himmel‹. ›Big City-Baby‹. Seine letzten großen Erfolge. Mit Lois Barrett, nach der die halben Staaten verrückt sind. Bloß du nicht.«

»Ich gehöre nicht zum repräsentativen Querschnitt«, entgegnete mein Freund und Kollege, und es hörte sich an, als sei er stolz darauf.

Für mich war unterdessen klar, weshalb die Kollegen von der City Police uns verständigt hatten. Nicht allein wegen der Geiselnahme. Hauptgrund war Hackett, das Mordopfer.

Wenn jemand aus einem Bundesstaat in einen anderen Bundesstaat fährt und dort umgebracht wird, so haben wir einen klassischen Mehrstaatenfall. Dafür hat unser legendärer J. Edgar Hoover seinerzeit das FBI ins Leben gerufen.

Ein Mann wie Hackett brauchte zu Hause in Kalifornien nur mit dem kleinen Finger zu schnippen, und die Möchtegern-Sternchen marschierten reihenweise vor seinem französischen Bett auf. Was, zum Teufel, trieb ihn in New York in die Arme einer Kubanerin, die doch über die Hitzköpfigkeit ihres Verlobten Bescheid wissen mußte?

»Mach dich schon mal auf Schlagzeilen gefaßt!« sagte ich und stoppte vor einer Absperrung. »Über Hacketts Berühmtheitsgrad entscheidet eben dein sogenannter Querschnitt, nicht du.«

Milo blies die Luft durch die Nase. Mit Schlagzeilen in den Sensationsblättern haben wir unsere mehr oder weniger unliebsamen Erfahrungen.

»Du wirst schon mit den Sensationsgeiern fertig«, sagte mein Freund und Kollege und grinste mich von der Seite an. »Da habe ich überhaupt keine Befürchtungen.«

Zu diesem Zeitpunkt konnten wir beide noch nicht ahnen, daß uns nicht einmal die winzigste Verschnaufpause bleiben würde, um auch nur an die Presse zu denken.

 

 

2

Die Stromaggregate des Schiffs summten leise, tief unten im stählernen Bauch. Ein allgegenwärtiges sanftes Vibrieren entstand dadurch. Jorge León spürte es durch seine Schuhsohlen.

Plötzlich wünschte er sich einen Ort, an dem es keine Geräusche gab. Nur totale Stille. Und keine Menschenseele. Wie zu Hause in Guanajay, dem kleinen Nest in der Nähe von Havanna.

Manhattan, das gigantische, brodelnde Manhattan, das nie zur Ruhe kam, erschien ihm auf einmal feindlich und voll tödlicher Bedrohung.

Nie zuvor hatte er seine zweite Heimat am Hudson River mit solchen Augen gesehen. Dies war der Ort, an dem sie Zuflucht gefunden hatten. Graciella und er…

Etwas wie ein Stromstoß durchzuckte ihn. Es war der Name, der es verursachte.

Graciella!

Eine Stimme in ihm schrie ihren Namen, und er selbst verspürte den unbändigen Drang, seinen Schmerz hinauszuschreien.

»Junge, ich bin sicher, wir können uns irgendwie einigen. Es muß doch nicht für uns alle zur Katastrophe führen. Ich halte mich an Ihre Anweisungen. Nur tun Sie mir einen Gefallen, und bleiben Sie vernünftig!«

Die Stimme, die das sagte, war volltönend, väterlich und ein bißchen heiser vom Rauchen.

León fühlte sich mit Gewalt in die Wirklichkeit zurückgerissen. Er öffnete die Augen weit und sah die fremdartige Umgebung. Zuletzt hatte er sich im Ruderhaus eines Schiffes befunden, als er von Kuba herübergekommen war. Ein kleiner, tuckernder Kutter, damals.

Dies hier war geräumig und mit Elektronik vollgestopft. Sämtliche Jalousien geschlossen. O ja, er hatte an alles gedacht. Sie würden ihn nicht von draußen abknallen, mit einem Zielfernrohrgewehr…

Der Kapitän sah ihn fragend an. Ein knorriger, grauhaariger Mann mit gutmütigem Gesicht. Die Mütze hatte er abgesetzt. Das kurzärmelige Uniformhemd war durchgeschwitzt. Hinter ihm der Rudergänger, vergleichsweise ein Jüngling. Groß, dünn und kalkweiß im Gesicht.

Jorge León hörte sich selbst sprechen. Es war, als hörte er seine eigene Stimme wie durch einen Schaumgummiblock.

»Ich verhandle nicht, Captain. Ich stelle Bedingungen, und Sie geben Sie weiter. Und wenn wir noch lange auf Antwort warten müssen, werde ich etwas unternehmen. Klar?«

»Völlig klar«, antwortete der Kapitän und nickte dazu beipflichtend. Er wirkte so unendlich ruhig und verständnisvoll. »Ich an Ihrer Stelle würde nicht anders handeln, Junge. Warten wir ab!«

Er macht sich über mich lustig, durchzuckte es León. Haargenau! Der macht sich lustig über mich! Aufwallende Wut löste sich aus seinem Magen, breitete sich aus und stieg empor.

Er blickte an sich hinab, ohne seine Geiseln dabei aus den Augen zu verlieren. Natürlich sah er lächerlich aus in diesem zitronengelben Overall. »Hallo, Canary!« sagte sein Wohnungsnachbar, wenn er nach Hause kam. Und die schwarzen Buchstaben auf dem Rücken — Vanzetti Sanitation Co. — identifizierten ihn weithin sichtbar als Müllmann, als einen, der im Dreck anderer herumwühlte. Und so eine Witzfigur wie er erdreistete sich jetzt, ein ganzes Schiff zu kapern — mit Besatzung und Passagieren!

Falsch.

Es war der einzige Ausweg.

»Fragen Sie nach!« knurrte er. »Ich gebe der Polizei noch fünf Minuten, dann…«

»Ja?« Der Kapitän schob den Kopf ein Stück vor, mit diesem Ausdruck von freundlich-verbindlicher Hilfsbereitschaft im Gesicht.

»Noch fünf Minuten«, wiederholte León. Er kämpfte einen verzweifelten inneren Kampf gegen seine Unsicherheit. Er hob die Beretta ein Stück höher, ruckte ein Stück nach links und visierte über Kimme und Korn das blasse Gesicht des Rudergängers an. »Wenn sie dann nicht geantwortet haben, stirbt er.«

Die Pupillen des Jungen begannen zu flackern. Seine Gesichtsmuskeln zuckten heftig.

»Nicht ihn, bitte!« sagte der Kapitän. Auf seinen Wangert entstanden harte Linien. »Nehmen Sie mich zuerst! Er hat sein Leben noch vor sich.«

»Ich gebe hier die Anweisungen!« schrie León. »Geben Sie das durch, verstanden! Ich will keinen Kommentar von Ihnen!«

Der Kapitän zog die Schultern hoch und ging die zwei Schritte, die er bis zum Funkgerät brauchte. Er hob das Mikro, rief die Polizei und wiederholte Leons Forderung nach einer hochseetüchtigen Jacht, die ihn aus den US-Hoheitsgewässern bringen sollte. Und er fügte hinzu, was der Geiselnehmer für den Ablauf der Fünf-Minutenfrist angedroht hatte.

Der Beamte, der den Funkspruch aufnahm, bestätigte schnarrend den Empfang. Mehr nicht.

Leons Blick wanderte zur Reihe der Monitore, die alle eingeschaltet waren. Ihn interessierte nur der eine Bildschirm, der die Gangway zum Anleger zeigte. Alle Passagiere waren über Lautsprecher vom Kapitän gewarnt worden. Sobald einer versuchen würde, das Schiff zu verlassen, mußte eine Geisel sterben. Einer von 300 Passagieren hatte sich dann als Ersatzgeisel auf die Brücke zu begeben.

Der Kapitän nahm wieder seinen ursprünglichen Platz ein und sah den Kubaner mit dieser nervtötenden Ruhe im Gesichtsausdruck an.

Bestimmt, dachte León, lauert der Kerl nur darauf, daß ich einen Fehler mache. Santa Madre, es war eine verdammte Menge, die er hier unter Kontrolle halten mußte! Die Geiseln, das Schiff, die Gangway auf dem Monitorbildschirm, den Funkverkehr mit der Polizei, und, und, und. Was, wenn er den Überblick verlor?

Ein Kribbeln machte sich in ihm breit. Es führte zu einem jähen, heftigen Schweißausbruch. Er versuchte, unbewegt zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen.

Aber war da nicht ein Anflug von Spott in der Miene des Kapitäns, der natürlich genauestens mitkriegte, wie die Schweißperlen auf seiner Stirn dicker und dicker wurden?

Kleine Bäche begannen über seine Wangen zu rinnen und er spürte, wie der Schweiß von der Kinnspitze auf den Kragen tropfte.

Wieder verzerrte sich das Bild vor seinen Augen. Zuletzt war das der Fall gewesen, als er auf der Flucht vor der Polizei eine Verschnaufpause eingelegl) hatte. Seine Umgebung hatte sich zu drehen bego.nnen, und es war, als hätte er durch blutrote Nebelschleier gestarrt.

Mit aller Macht kämpfte er gegen das Schwindelgefühl an. Aber das blutige Rot wollte nicht weichen.

Und auf einmal war sie wieder da, diese grauenvolle Szene, die sich unauslöschlich in sein Unterbewußtsein gebrannt hatte. Er wußte, daß er bis an sein Lebensende davon verfolgt werden würde.

Das Entsetzen, die Todesangst in Graciellas Gesicht. Diese stechenden Schmerzen in seinem Kopf, hervorgerufen durch das Peitschen der Schüsse. Dann das Erwachen aus dem Blutrausch. Ja, nichts anderes konnte es gewesen sein. Starr und blutüberströmt hatte Graciella in den Armen des Mannes gelegen. Das rote Blut auf den bleichen Gesichtern hatte ihn angeschrien, und ungläubig hatte er das Magazin der Beretta überprüft.

Vier Kugeln, in der Tat. Mindestens zwei hatten die Frau getroffen, die ihm alles bedeutet hatte, mehr als sein eigenes Leben. Bis zuletzt hatte er dem hämischen Hinweis eines Arbeitskollegen nicht geglaubt. Um so schlimmer hatte ihn die bittere Wahrheit getroffen. Und das allein war der Grund für die Wahnsinnstat.

Denn er hatte bestimmt nicht vorgehabt, Graciella zu erschießen. Er hatte sie nicht einmal schlagen wollen. Aber dann war er doch durchgedreht. Und die Waffe, mit der er sich eigentlich vor Agenten des kubanischen Geheimdienstes schützen wollte, hatte einen aberwitzigen Zweck erfüllt.

Jorge León verspürte eine erneute innere Hitzeflut. Der Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht. Das Schwindelgefühl wurde stärker. Mit der Linken hielt er sich an einer Gerätekonsole fest.

»Fühlen Sie sich nicht wohl?« fragte der Kapitän behutsam. »Kann ich irgend etwas für Sie tun?«

»Halten Sie den Mund!« schrie León. »Halten Sie um Himmels willen den Mund, und verschonen Sie mich mit Ihrem Spott! Wie, zum Teufel, soll man sich denn in meiner Lage wohlfühlen?« Erstaunen malte sich in die gutmütigen Gesichtszüge des älteren Mannes.

»Wie können Sie annehmen, daß ich Sie verspotte! Ich würde nicht im Traum daran denken. Doch nicht in dieser Lage, in der…«

»Seien Sie still!« Leons Stimme überschlug sich. »Ich habe vier Kugeln, Mann! Eine im Lauf und drei im Magazin. Drei Geiseln kann ich ohne Risiko töten. Verstehen Sie!« Sein Kopf ruckte vor, als sein Gegenüber nicht sofort antwortete. »Verstehen Sie!«

»Nein«, antwortete der Kapitän leise. »Ich verstehe überhaupt nichts mehr.«

»Weil die vierte Kugel für mich ist!« brüllte León, plötzlich wild gestikulierend. Die Beretta wirbelte dabei in seiner Rechten, und die Gefahr, daß sich ein unbeabsichtigter Schuß lösen könnte, schien groß. »Wenn die Polizei nämlich nicht auf meine Forderungen eingeht, wenn ich mir keine Ersatzwaffe beschaffen kann, dann bleibt mir nur noch der freiwillige Tod. Aber vorher sterben drei Geiseln, das schwöre ich!«

Der Kapitän holte tief Luft, bevor er es wagte, etwas zu sagen. »Sie stürzen sich ins Verderben, Junge. Was immer Sie angerichtet haben, es kann nicht so schlimm sein, daß Sie deswegen Menschen töten müssen, die Ihnen nichts getan haben, denen Sie nie begegnet sind!«

Die Worte des Mannes trafen Jorge León tief. Schleier des Schmerzes waberten heftiger, dichter und blutrot vor seinen Augen. Ein Gedanke durchzuckte ihn und ließ eine jähe, wilde Hoffnung erblühen.

»Es ist die Strafe für mich«, keuchte er und schwankte heftiger. Nur mit Mühe konnte er sich noch festhalten und gegen die Schleier ankämpfen. »Mein Gott, ja, ich habe Graciella verloren, weil ich mein Land verlassen habe. Ich muß zurück. Zurück! Ich muß dafür büßen, daß ich meiner Heimat den Rücken gekehrt habe!«

Der Kapitän wechselte einen unauffälligen Blick mit dem Rudergänger. Langsam aber sicher schien dieser Bursche mit der Beretta völlig durchzudrehen. Ob sich daraus eine Chance ergab, stand allerdings noch in den Sternen.

 

 

3

Ein Sergeant der City Police lotste uns mit der Taschenlampe durch die Parkwege. Den Jaguar steuerte ich ohne Beleuchtung. Weit vor dem Beobachtungsposten ließen wir den Flitzer stehen und legten den Rest der Strecke im Eilschritt zurück.

Captain Ferguson vom Revier Downtown West leitete den Einsatz. Wir kannten den hochgewachsenen dunkelblonden Mann in Zivil von früheren Einsätzen. Er erklärte uns die Lage mit knappen Worten. Es klang wie ein Übergabegespräch. Klar, daß die City Police uns weiterhin Amtshilfe leisten würde. Aber Ferguson und seine Leute waren froh, wenn sie die Verantwortung auf das FBI abwälzen konnten.

Der Beobachtungsposten bestand aus einem dunklen Kastenwagen, der zur Straße hin offen war. In gedämpfter Beleuchtung arbeiteten Funker und Tontechniker.

Jedes Wort, das der Geiselnehmer über Funk sprach, wurde aufgenommen. Mit Richtmikrofonen versuchten die Kollegen, auch die Gespräche zu verfolgen, die auf der Brücke des Fährschiffs geführt wurden. Bis jetzt ohne überwältigenden Erfolg. Die Worte kamen nur verzerrt und lückenhaft.

»Die Vorgeschichte?« fragte der Captain.

Ich schüttelte den Kopf. »Hat Zeit bis später.«

»Gut.« Ferguson deutete auf die Buschgruppe ringsum. »Wir haben alles im Einsatz. Scharfschützen mit Nachtsichtgeräten. Eingreifreserven für direktes Vorgehen, einschließlich der Flußpolizei außer Sichtweite. Dazu alle elektronischen Überwachungsmittel. Der Geiselnehmer kontrolliert vom Ruderhaus aus den gesamten Anleger, die Wasserseite sowie Vor- und Achterschiff.«

Milo war neben den Kastenwagen getreten und spähte zu der Fähre. Eingeschaltet waren nur die Beleuchtung des Anlegers und die Deckslampen.

»Aber das Ruderhaus ist dicht«, sagte Milo verwundert.

»Videoüberwachung«, entgegnete Ferguson. »Heutzutage ist man nicht mehr auf seine eigenen Augen angewiesen, Sir.«

Milo wandte sich zu uns um. »Und weiter?«

Der Captain klärte uns über die Forderungen des Kubaners auf. Es klang einfach verrückt. Dieser Jorge León mußte ein totales Chaos im Kopf haben.

Hätte er sich leise weinend von der Bildfläche verdrückt, hätte er vielleicht eine Chance gehabt, für ein paar Tage unterzutauchen. Wäre er danach zur Polizei marschiert, um ein Geständnis abzulegen, so wäre das ein Punkt für ihn gewesen, und die Richter hätten es als ein Zeichen von Reue gewertet.

»Sir! Captain Ferguson!« Einer der Männer aus dem Kastenwagen rief es. »Ein neuer Funkspruch vom Schiff!«

»Drehen Sie lauter!« entschied Ferguson kurzerhand.

Er gab uns flüsternd zu verstehen, daß es die Stimme des Kapitäns war, die wir jetzt hörten.

»… beträgt die Frist noch drei Minuten. Mr. León fordert zusätzlich, daß in einem Abstand von zehn Metern Standscheinwerfer aufzustellen sind, halbkreisförmig um den Anleger.«

Ich schaltete mich in die Verhandlungen ein, indem ich dem Funker ein Zeichen gab.

»Das ist in drei Minuten nicht zu schaffen«, sagte ich.

Der Beamte gab es weiter.

»Moment, ich muß nachfragen«, antwortete der Kapitän.

Nur ein Rauschen war jetzt noch aus dem Lautsprecher zu hören.

Ich wandte mich an Ferguson. »Was ist mit der hochseetüchtigen Jacht, die er fordert?«

»Liegt abrufbereit drüben auf der Jersey-Seite. Wir haben zwei Männer in Zivil an Bord.«

Ich schüttelte den Kopf. »Das wird nichts nützen. Er wird den Kapitän und den Rudergänger mitnehmen.«

Aus dem Funklautsprecher war ein schepperndes Räuspern zu vernehmen.

»Die Frist wird nicht verlängert«, ließ der Kapitän uns wissen. »Mr. León sagt, die Aufstellung der Scheinwerfer hat unabhängig vom Bereitstellen der Jacht zu erfolgen. Die Jacht soll sowieso an der Wasserseite der George Washington anlegen. Wird die Forderung erfüllt?«

Ich nickte, und der Funker gab es durch.

Milo sah mich entgeistert an. »Bist du verrückt?«

»So kraß wollte ich es nicht ausdrücken«, knurrte Captain Ferguson.

»Lassen Sie ein paar Beamte mit den Standscheinwerfern anfangen!« sagte ich unbeirrt. »Wenn León sieht, daß wir auf seine Bedingung eingehen - was immer der Wirrkopf damit bezweckt wird er es mit seiner Drei-Minutenfrist nicht so genau nehmen.«

»Einverstanden«, sagte Ferguson und blickte mich forschend an. »Das ist doch nicht alles, was Sie im Sinn haben?«

Ich lächelte. »Ganz und gar nicht. Ich brauche die Flußpolizei außerhalb des Videobereichs der Fähre. Haben Sie die genauen Positionen und die Bildwinkel der Kameras an Bord des Schiffs?«

»Nein«, antwortete Ferguson. »Aber die kann ich Ihnen im Handumdrehen besorgen.«

Ich zog mein Walkie-talkie aus der Tasche. »Geben Sie es mir durch! Wir müssen uns beeilen.«

»Es genügt, wenn wir die toten Winkel wissen«, sagte Milo.

Der Captain nickte. »Das dachte ich mir. Aber Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß Sie in jetzt noch zweieinhalb Minuten an Bord sind?«

Milo und ich wandten uns bereits ab. »Denken Sie an die Standscheinwerfer!« riet ich. »Halten Sie den Burschen hin!«

Captain Ferguson begab sich ans Funkgerät und knurrte etwas, das sich anhörte wie »frommer Wunsch«.

Milo und ich liefen auf einem der Parkwege bis in den nordwestlichen Zipfel der Anlagen. Ferguson hatte in den wenigen Sekunden hervorragende Organisationsarbeit geleistet. Ein uniformierter Cop stand bereit und öffnete eine Pforte in der Einzäunung für uns.

Vom nachtdunklen Fluß her war das verhaltene Rumoren von Schiffsmaschinen zu hören. Die Lichter von Jersey City am westlichen Ufer des Hudson River reichten aus, um die Umrisse des Polizeikreuzers Talkowsky sichtbar zu machen. Positionslampen und jegliche andere Beleuchtung an Bord waren gelöscht worden.

Das Beiboot der Talkowski, ein Schlauchboot, nahm uns auf. Der Beamte, der die Pinne des Außenborders bediente, ließ das Ding rückwärts schnurren, wendete und jagte dann mit erhöhter Fahrt auf den Kreuzer zu.

Die George Washington lag 200 Meter weiter südlich. Die ersten grellen Lichtkegel waren zu erkennen. Captain Ferguson ließ mit den Standscheinwerfern taktieren. Jorge León, der Geiselnehmer, war insofern keine Ausnahme. Licht wirkte offenbar beruhigend auf ihn.

Ein alter Bekannter nahm uns in Empfang. Captain Mac Spier, Kommandant der Talkowsky, kannte den Stand der Dinge durch den Funkverkehr, hatte zwei und zwei zusammengezählt und bereitgelegt, was wir von ihm haben wollten.

Milo und ich stiegen aus unseren Sachen, streiften die schwarzen Neoprenanzüge über und verstauten die Smith & Wessons in dazugehörige wasserdichte Futterale. Wir schwärzten Gesicht und Hände mit wasserfester schwarzer Creme, zogen die Kappen über und stiegen in die Schwimmflossen, die sich bei Bedarf im Handumdrehen abstoßen ließen.

»Daß es ein Himmelfahrtskommando ist, muß ich euch trotzdem sagen.« Captain Spier klopfte Milo und mir auf die Schulter. »Ihr habt praktisch keine Chance, unbemerkt ins Ruderhaus zu gelangen. Ich kenne den Kahn.«

Milo und ich grinsten ihn aufmunternd an; was mit Zähnen und Augen inmitten tiefster Schwärze umwerfend aussehen mußte.

Zu einer Antwort kamen wir nicht. Mein Walkie-talkie schnarrte, und ich ging auf Empfang.

Captain Ferguson ließ uns wissen, daß es nur einen geeigneten toten Winkel auf der George Washington gab - den Bereich der Heckklappe, die dann zum Anlegen benutzt wurde, wenn das Schiff im reinen Fährverkehr eingesetzt wurde.

Ich verstaute das Walkie-talkie ebenfalls wasserdicht. Dann rollten wir uns rückwärts über die Reling in die schwarze Hudson-Brühe.

Die Fluten schlugen über uns zusammen. Nach ein paar Schwimmstößen kamen wir wieder hoch und hatten gleich darauf Blickkontakt. Es war wichtig, daß wir uns verständigen konnten.

Wie kalt das Wasser war, spürten wir nicht, da das Neoprenmaterial wirksam schützte.

Wir fanden uns mühelos zurecht. Die Grünanlagen des Battery Parks und das Wasser des Hudson River gingen fast nahtlos dunkel ineinander Uber.

Vor diesem Hintergrund sah die George Washington aus wie ein schwimmender Lichterpalast, dessen Bedeutung allerdings verblaßte, wenn man die Wolkenkratzer des Financial District mit in den Blickwinkel nahm. Die erhellten Fenster wirkten wie sorgfältig senkrecht aufgehängte Ketten glitzernder Diamanten auf schwarzem Tuch.

Mit kraftvollen Schwimmzügen näherten wir uns dem Fährschiff. Ich hatte trotzdem den Eindruck, daß die Sekunden sich zü Ewigkeiten langzogen und wir beinahe auf der Stelle traten.

Ich bedauerte es, daß wir auf Taucherbrillen verzichtet hatten. Der Wellengang war stärker, als man es von Land erkennen konnte. Immer wieder schwappte uns Wasser ins Gesicht, das entweder nach Schiffsöl stank oder salzig vom nahen Atlantik war.

Nach und nach verringerte sich die Entfernung zur George Washington, und mir wurde klar, daß uns die natürliche Strömung des Flusses ein wenig geholfen hatte.

Schräg von achtern glitten wir auf das Schiff zu. Draußen vor dem Anleger wurden noch immer Standscheinwerfer aufgestellt. Ich wertete es als ein gutes Zeichen. Solange die Cops in Aktion waren, betrachtete der Kubaner die Frist noch nicht als beendet.

Und von der hochseetüchtigen Jacht noch keine Spur! León mußte restlos mit den Nerven am Ende sein, wenn er nicht begriff, daß er absichtlich hingehalten wurde. Selbst als Einwanderer mußte er New York City schon so weit kennen, um zu wissen, daß es überall am Hudson Jachthäfen gab. Und hochseetüchtig war ungefähr jede zweite Jacht.

Hoch oben sahen wir die Deckslampen und einige der Videokameras, die eigentlich als Manövrier- und Anlegehilfe gedacht waren. Das Licht der Kommandobrücke war wegen der zugezogenen Jalousien mattgelb. Geiselnehmer und Geiseln hielten sich also noch immer dort oben auf.

Höher und düsterer ragte das Schiffsheck vor uns auf und versperrte uns schließlich vollends die Sicht auf die Aufbauten.

In dem windgeschützten Winkel zwischen Heck und Anleger war der Wellengang gleich null. An Land war die Kette der Standscheinwerfer bereits so weit gediehen, daß Ausläufer des Lichts bis zu uns herabfielen.

Es erleichterte uns den Einsatz.

Knapp oberhalb der Wasserlinie befand sich das garagentorgroße Luk, das stets dann herabgelassen wurde, wenn die George Washington Fahrzeuge an Bord nahm. Oberhalb des Luks hingen an Ketten zwei schwenkbare Fußgänger-Gangways. Das Außenprofil des Fahrzeugluks bestand aus kantigen Quadraten, deren erhabene Teile wie aufgesetzte Balken wirkten.

Da die George Washington auf der Nachtfahrt nicht als Fähre, sondern als Passagierdampfer eingesetzt werden sollte, lag sie mit der Backbordseite am Anleger.

Unser Glück!

Ob es in diesem Fall wirklich so etwas wie Glück gab, stand allerdings noch in den Sternen.

Ohne zu zögern, packte ich eins der Balkenprofile und zog mich hoch. Milo folgte meinem Beispiel.

Wir konnten zufrieden sein. Die Außenseite des Luks war knochentrocken und leicht angerostet. Das gab hervorragenden Halt.

Ich stieß die Schwimmflossen von den Füßen und hangelte höher. Dann, mit einem letzten Klimmzug, fand ich auch mit den Füßen auf dem stählernen Profil Halt.

Mit einem kurzen Blick nach links sah ich, daß auch Milo zügig vorankam. Bald darauf klebten wir wie große, flache Käfer an der senkrecht aufragenden Wand des Luks.

Wir gönnten uns nur winzige Verschnaufpausen. Doch wir nutzten sie, um zu horchen. Kein Laut war an Bord zu hören. Nur die Angst brachte es zustande, 300 Menschen zu völliger Stille zu verdammen.

Das Summen der Schiffsaggregate war weit von uns entfernt, und wir befanden uns tatsächlich im Schatten. Ferguson schien mit seiner Angabe über den toten Winkel recht gehabt zu haben. Eine Videokamera nützte nur dqrt etwas, wo wenigstens ein Hauch von Helligkeit war. Hier aber konnten wir unbesorgt sein.

Ein Kribbeln unter der Kopfhaut spürte ich trotzdem — dann nämlich, wenn ich an die Geiseln in der Gewalt eines Mannes dachte, der seine Nerven garantiert nicht mehr unter Kontrolle hatte. Jede Minute, jede Sekunde konnte seine Entscheidung aus irgendeinem idiotischen Impuls heraus erfolgen. Ich verscheuchte die Gedanken.

Unvermittelt stieß ich mit der aufwärts tastenden Hand gegen etwas Hartes. Ich legte den Kopf in den Nacken. Eine der Gangways war direkt über mir. Sie bewegte sich zentimeterweit hin und her und verursachte durch meinen Anstoß leise Kreischgeräusche in ihren Lagerungen.

Atemlos verharrte ich und sah, daß auch Milo innehielt.

Doch nichts geschah.

An Bord mußten die Aggregate lauter sein als hier hinten.

Nahezu gleichzeitig zogen wir uns auf die Gangways, und mit einem weiteren Klimmzug erreichten wir die freie Achterdecksplattform. Mit drei lautlosen Schritten näherten wir uns der weißgestrichenen Stahlwand, deren Fenster beschlagen waren.

Die Menschen dahinter, auf den Sitzbänken des Hauptdecks, waren nur als Silhouetten zu ahnen. Hier unten hielt sich die Mehrzahl der Passagiere auf, etwa 200. Die restlichen 100 mußten sich auf dem Oberdeck befinden.

Auf beiden Decks gab es lediglich einfache Holzbänke, wie auf allen Fährschiffen, die den Liniendienst auf der New York Upper Bay versahen. Gelegentlich werden diese großen plattnasigen Kähne auch für Sonderfahrten verwendet.

Geduckt arbeiteten wir uns an Steuerbord unterhalb der Fenster voran. Auf dieser Seite fehlte die gleißende Helligkeit der immer länger werdenden Standscheinwerfer-Kette rings um den Anleger.

Die Decksbeleuchtung mußten wir in Kauf nehmen, doch wir nutzten jede nur erdenkliche Deckungsmöglichkeit. Wenn er nicht auf die Landseite achtete, so vermutete ich, dann hielt León hier an Steuerbord bestenfalls nach seiner Hochseejacht Ausschau.

Über einen Niedergang aus Stahlblech erklommen wir den Eingangsbereich des Oberdeck-Passagierraums. Rasch schlüpften wir in den toten Winkel, den die Videokamera oberhalb eines Ventilatorgehäuses nicht erfassen konnte.

Geräuschlos drangen wir weiter vor und nutzten auf dem Weg zur Brücke ein Rettungsboot als Deckung. Sekundenlang verharrte ich hinter dem breiten vorderen Davit.

Zwei Meter Decksplanken und sieben Stufen eines Niedergangs trennten uns vom Schott zum Ruderhaus. Immer noch waren die Jalousien heruntergezogen, immer noch war das Licht dahinter eingeschaltet.

Kein Laut drang heraus.

Immerhin hatte sich meine Theorie als richtig erwiesen. Das Zugeständnis mit den Scheinwerfern hatte Leons angeknackstes Gemüt besänftigt. Wenigstens vorübergehend schien er an seine drei Minuten nicht mehr zu denken.

Kein Schuß war gefallen. In dem Punkt war ich absolut sicher. Denn wenn der Kubaner gefeuert hätte, wäre ein Teufelstanz die Folge gewesen.

Keine Zeit zu verlieren!

Ich verständigte mich mit Milo durch ein Handzeichen. Wir befreiten die 38er aus dem klitschnassen Neoprenfutteral. Drinnen war alles trocken. Unsere Smith & Wessons hatten nicht gelitten.

Ich drang in Richtung Brücke vor, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und hatte den Dienstrevolver schußbereit. Milo folgte mir mit dem bewährten Abstand von drei Schritten.

Dann verharrte ich geduckt vor dem Schott. Unmittelbar über mir war das matte Licht der jalousieverhangenen Fenster. Wieder horchte ich.

Nichts.

Nicht einmal ein Krächzen aus dem Funkgerät war zu hören.

Trotzdem mußten sie dort drinnen sein, schweigend, an den Rändern der mörderischen Kluft zwischen Bedrohung und Angst.

Ich stieß den Daumen der Linken hoch, ohne mich umzudrehen. Ich wußte, daß Milo es sah. Es war das Startzeichen. Ich spannte die Muskeln an und katapultierte mich selbst in den Raum. Das Schott aus dünnem, glanzlackiertem Mahagoni, gab krachend unter meinem Anprall nach.

Mit flachem Sprung schnellte ich in das Ruderhaus hinein, rollte mich auf der freien Fläche ab und federte hoch.

Den 38er hatte ich im selben Atemzug im Beidhandanschlag.

Es war, als hätte ich auf einen Schalter getreten.

Licht flammte auf — draußen, auf der Plattform hinter der Kommandobrücke. Ich hatte das Gefühl, daß mein Herzschlag aussetzte. Der Revolver in meinen Fäusten war plötzlich ein unsinniger Fremdkörper. Er wies noch dazu in eine völlig falsche Richtung.

Jorge León hatte seine Geiseln nach draußen gebracht! So schnell und geschickt, wie es ihm bei seinem Nervenzustand wohl niemand zugetraut hatte. Auch ich nicht.

Er hielt den Kapitän und den Rudergänger mit der Beretta in Schach, und dabei starrte er mich an. Die Laufmündung der Pistole war auf den Kopf des älteren Mannes gerichtet. Wenn er den jüngeren töten wollte, brauchte er die Automatik nur um Millimeter zur Seite zu schwenken.

Dieser Sekundenbruchteil geriet zu einer Ewigkeit.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942781
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
hollywood-komplott trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und das Hollywood-Komplott