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Trevellian und Jennys drittes Leben

2020 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und Jennys drittes Leben

Copyright

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Trevellian und Jennys drittes Leben

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Jesse Trevellian ist ein Ermittler in New York. Er kämpft unbeirrt gegen das Verbrechen und die organisierte Kriminalität. Auch wenn er von einem Sumpf aus Korruption und Lüge umgeben ist, versucht er einen geraden Weg zu gehen. Denn die Schicksale der Opfer lassen ihn nicht los... Trevellian lässt nicht locker. So lange es auch dauern mag, am Ende findet er die Mörder...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Im Living-room lief der Fernsehapparat.

»Danke, daß wir Ihre Wohnung benutzen durften«, sagte ich. Milo und ich trugen Gurtgestelle mit großen, metallen blinkenden Karabinerhaken.

Oer breitschultrige Wohnungsinhaber, der Lederpantoffeln trug, hatte seine Frau und die Kinder nach nebenan geschickt. Er klopfte mir auf die Schulter. »Ihr Jungs vom FBI seid in Ordnung. Schnappt sie euch, diese Hyänen da unten! Himmel, ich wollte, ich könnte dabei sein!«

Milo und ich nickten lächelnd. Ich bedeutete dem Mann mit einer Handbewegung, den Fernseher leiser zu drehen. Wir öffneten die Balkontür.

Milo trat als erster hinaus. Lautlos. Bevor ich ihm folgte, rief ich Steve Tardelli über Walkie-talkie.

»Zwei Figuren unter euch«, meldete Steve von seinem Beobachtungsposten im Wohnblock gegenüber. »Sonstige Lage unverändert.«

Ich gab mein »Verstanden« durch. Verbindung mit Blackfeather im 20. Stockwerk kriegte ich ebenfalls sofort. Alle Einsatzkräfte hatten ihre Positionen eingenommen. Ich gab das Codewort für X-Zeit-Beginn durch und folgte Milo auf den Balkon. Leise klinkten wir die Karabinerhaken ein und stiegen auf das Seitengeländer.

Die Lampen in den Grünanlagen, 21 Stockwerke tiefer, sahen aus wie glimmende Stecknadelköpfe.

Wir lösten die Sperre der Seilwinde, die an unserem breiten Lederkoppel befestigt war. Milo hob die rechte Faust mit hochgerecktem Daumen. Es war das Zeichen. Mit den Füßen hielten wir Abstand von der Balkonseitenwand — Milo links, ich rechts.

Dann rauschten wir abwärts. Kühle Abendluft umfächerte uns. Der Balkon unter uns lag im Dunkeln. Doch ich sah die Glut zweier Zigaretten. Die Gestalten, die dazugehörten, waren nicht mehr als Schatten. Steve hatte sie mit dem Nachtsichtgerät deutlicher erkennen können.

Wir brauchten zwei Sekunden. Der Schwung des Abstoßens ließ uns mit einer fließenden Bewegung in den an der Außenwand klebenden Betonkasten pendeln. Der Schreck, der den beiden Kerlen in die Knochen fuhr, gab uns die dritte, entscheidende Sekunde. Nur mattes Licht drang aus den Wohnungsfenstern. Die Vorhänge waren zugezogen. Gut so.

Vor mir ruckte die Zigarettenglut senkrecht hoch.

Ich spürte Boden unter den Füßen. Mit einem blitzschnellen Griff wischte ich den Karabinerhaken weg. Der Atem des Mannes wehte mir ins Gesicht. Ich fand nicht sofort mein Gleichgewicht. Das Balkongeländer knallte mir in den Rücken. Rechts von mir verwandelte sich die Zigarette in einen Glutregen, als sie in die Tiefe geschleudert wurde.

Der Aufpasser brachte die Fäuste mit einem Ruck hoch. Von der anderen Balkonseite hörte ich einen scharrenden Schritt und heftiges Keuchen. In spätestens zwei Sekunden mußten wir die Lage geklärt haben.

Für meinen Mann blieb es bei dieser Aufwärtsbewegung seiner Fäuste. Mehr schaffte er nicht. Keinen Rammstoß, der mich ohne Fahrstuhl 20 Stockwerke abwärts geschickt hätte, und keinen Alarmschrei. Ich stieß mich vom Geländer ab und punktete ihm meine Fäuste auf das Zwerchfell. Sein Atem war wie abgeschnitten. Er schien ein paar Zentimeter zu wachsen und war auf einmal stocksteif. Mit einem Handkantenschlag sorgte ich für zusätzliche Sicherheit, packte ihn rechtzeitig und ließ ihn behutsam zu Boden sinken.

Auf Milos Seite herrschte ebenfalls Klarheit.

Mit der Rechten tastete ich nach dem Knauf der Balkontür, mit der Linken nach der Haftladung, die uns ein mannsgroßes Loch ins Fensterglas sprengen würde. Die Tür war nicht verriegelt. Sie wurde nur durch den Federschnapper zugehalten. Ich gab Milo das Handzeichen.

Er hatte den 38er schon gezogen, stand geduckt und sprungbereit.

Ich riß die Tür auf.

 

 

2

Blackfeather, Joe Kronberg, Fred Nagara und Hyram Wolfe verließen die Nachbarwohnung im 20. Stock eine Sekunde nah X-Zeit. Der Teppichflor im Korridor vor den Fahrstuhlschächten verschluckte das Geräusch ihrer Schritte.

Blacky und Joe gingen auf Abstand, mit dem Rücken bis an die Fahrstuhltüren.

Beide G-men zogen die Dienstrevolver und hielten den stupsnasigen Lauf in Richtung auf den Teppich.

Fred und Hyram gingen direkt auf die Wohnungstür zu. Sie duckten sich, um nicht in den Blickkreis des Spions zu geraten. Es gab nur ein schwaches saugendes Geräusch, als Fred die Haftladung über dem Schloß festpappte. Hyram betätigte den Zünder, und im selben Atemzug wichen die FBI-Beamten nach links und rechts weg.

Es knallte dumpf.

Blackfeather federte los. Joe Kronberg folgte ihm mit drei Schritten Abstand. Neben der Tür harrten Fred Nagara und Hyram Wolfe mit schußbereitem Smith & Wesson auf die Sekunde ihres Einsatzes.

Das Türblatt pendelte lose in den Angeln. Eine dünne Rauchwolke stieg von dem schwarzgeränderten Loch auf, wo sich Knauf und Schloß befunden hatten.

Mit einem Fußtritt schmetterte Blacky die Tür nach innen.

Das Dämmerlicht eines engen Wohnungsflurs empfing ihn. Eine zurückweichende Gestalt griff hastig, mit schreckverzerrtem Gesicht unter das Jackett.

Aus dem Laufen ging Blacky in den Sprung über, überbrückte drei Meter und fällte den Aufpasser mit herabsausendem Revolverlauf, bevor er seine Waffe aus der Halfter unter dem Jackett befreit hatte.

Der zweite Mann wurde sichtbar, einen Schritt hinter dem Zusammengesunkenen, wo er einen dicken roten Vorhang beiseitegeschleudert hatte und eine Zimmertür aufreißen wollte.

Blacky blieb flach auf dem Boden.

Joe Kronberg schnellte mit einem Satz über ihn hinweg, erwischte Aufpasser Nr. 2 am Kragen, zog ihn zu sich heran und verpaßte ihm ein kurzes und fast schmerzloses Trommelfeuer von Handkantenschlägen. Noch während der Mann mit einem Gurgeln erschlaffte, wich Joe nach rechts mit ihm weg.

Fred Nagara und Hyram Wolfe stürmten mit Zwei-Schritt-Abstand herein, an dem Vorhang vorbei, auf die schleiflackgestrichene Tür zu.

 

 

3

Es knallte in dem Moment, in dem Milo losfederte.

Mit der freien Hand fegte er den Fenstervorhang beiseite und tauchte in eine Wand aus blaugrauem Zigarettenrauch. Aus der Bewegung heraus schnellte Milo nach rechts.

Ich setzte nach.

»FBI!« brüllte mein Freund und Kollege. »Niemand bewegt sich! Hände auf den Tisch!«

Schräg gegenüber flog die Tür auf. Fred Nagara und Hyram Wolfe wichen so blitzschnell auseinander wie Milo und ich — geduckt, den 38er im Beidhandanschlag.

Fünf Figuren am Tisch gehorchten und erstarrten zur Regungslosigkeit. In der Zimmerecke rechts von uns kreischte ein leichtgeschürztes Wesen in einer Art Mäuschenkostüm. Gegenüber, in Sesseln und Wandleuchten, zwei weitere Typen. Einer, bläßlich und bebrillt, bewegte sich ruckhaft. Er wollte hochkommen oder wer weiß was.

Ich jagte eine Kugel aus dem Zwei-Zoll-Lauf. Putz aus einem, faustgroßen Loch in der Wand regnete auf das aschblonde Haar des Mannes. Das Krachen des Schusses hallte dröhnend von den Wänden zurück, schien sich noch zu verstärken und ließ die Trommelfelle schmerzen. .

Das Mäuschen kreischte noch immer.

Sie trug einen fellartigen Bikini. Ein alberner Rattenschwanz baumelte von ihrer prallen Kehrseite. Auf dem Blondkopf thronte eine Fellhaube mit hellen Mäuseohren.

Blacky und Joe Kronberg vervollständigten das Bild.

Wir hatten sie jetzt vor sechs Revolverläufen. Unvernunft kam nicht mehr auf. Das Mäuschen zitterte nur noch, stand mit dem Rücken an der Wand und hatte eine deutliche Gänsehaut auf den ansehnlichen Rundungen. Milo holte ein zweites Mäuschen aus der Küche und einen angstbleichen Mann in Hemdsärmeln aus einem anderen Zimmer.

Fred und Hyram schleiften die Bewußtlosen vom Flur und vom Balkon herein, entwaf f neten sie und legten ihnen Handschellen an, von denen wir einen ausreichenden Vorrat mitgebracht hatten. Die restliche Mannschaft bauten wir nacheinander an der freien Wand auf.

»Einen Meter Abstand, Arme hoch, vorbeugen, abstützen!«

Die fünf vom Pokertisch waren unbewaffnet. Desgleichen die beiden Mäuschen und der Schlotternde. Der Aschblonde und sein schwarzhaariger Nebenmann waren die eigentlichen Fische, die wir ins Netz gekriegt hatten. Das sah ich, obwohl wir noch nicht die Zeit hatten, uns ausschließlich mit ihnen zu befassen.

Die beiden waren mit einer Beretta und einem Colt Government ausgestattet.

Ich knipste mein Walkie-talkie an. Fred und Hyram verstauten die gesammelten Waffen in durchsichtigen Plastiktuten, dazu den persönlichen Kleinkram des jeweiligen Eigentümers.

Steve Tardelli meldete sich aus dem Block gegenüber. Ich gab ihm das Schluß-Codewort durch.

Seine Aufgabe war es jetzt, die Kollegen von der City Police in Marsch zu setzen, die einen Block weiter, an der Ecke Second Avenue — East 23rd Street mit ihren Spezialfahrzeugen warteten.

Die Personalien überprüften wir im Schnellverfahren. Die fünf Pokerspieler waren unbeschriebene Blätter. Davon konnten wir ausgehen, denn kein Syndikat riskiert es, sich Leute in einen Creep-joint zu holen, die auf irgendeiner Fahndungsliste stehen.

Creep-joint nennen wir im Fachjargon die geheimen Treffs für illegale Glücksspiele, die selten zweimal hintereinander von denselben Leuten benutzt werden. Das organisierte Verbrechen in New York City kontrolliert 99 Prozent des illegalen Glücksspiels.

Unsere fünf Spieler waren der Inhaber eines Baugeschäfts aus Bayonne in New Jersey, ein Spediteur aus Manhattan Uptown, der für ein privates Müllabfuhrunternehmen arbeitete, ein Kinoinhaber aus Midtown, ein Manager von mehreren Privatclubs und der geschäftsführende Gesellschafter eines Betonwerks in Yonkers.

Wir übergaben die Spieler den uniformierten Kollegen von der City Police. Ein letzter trauriger Blick des sauberen Quintetts galt den Dollarbündeln auf dem Tisch. 25 300 Dollar insgesamt! Joe hatte die Summe auf einen Zettel geschrieben, den er zu dem ganzen Segen obenauf in einen durchsichtigen Kunststoffbeutel legte.

Was hier an einem Abend verjubelt wurde, reichte wahrscheinlich als Jahreseinkommen für zwei Truckdriver des Spediteurs. Die fünf Dollarschweren würden sich eine erkennungsdienstliche Behandlung gefallen lassen müssen, bevor sie auf freien Fuß gesetzt wur den. Da in ihrem Fall weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr bestand, würden sie sich erst zur Verhandlung wegen Teilnahme an illegalem Glücksspiel wieder von Cops beaufsichtigen lassen müssen.

»Geht nach Hause, Girls!« sagte Milo zu den beiden Mäuschen.

Sie ließen sich nicht zweimal auffordern, schnappten sich ihre Mäntel, umhüllten ihre Gänsehaut und trippelten los. Die Rattenschwänze, die hinten unter dem Mantel hervorlugten, reizten zum Lachen. Und zum Kopfschütteln. Manchmal kann ich es nicht fassen, wozu Frauen sich erniedrigen lassen, zumal zur selben Zeit ihre selbstbewußteren Geschlechtsgenossinnen Emanzipation predigen und die Männer das Fürchten lehren.

Den Mieter der Wohnung, den Ängstlichen in Hemdsärmeln, übergaben wir ebenfalls den Cops. Nach dem üblichen Weg durch die Stationen des Erkennungsdienstes konnte auch er freigelassen werden.

In dem Zimmer, aus dem Milo ihn geholt hatte, schluchzten seine Frau und seine zehnjährige Tochter. Sein Name war Herbert Bloom, deutscher Abstammung, Beruf Supermarktleiter im Wohngebiet Peter Cooper Village, wo wir uns befanden.

Durch Besuche von Spielclubs und Bordellen, so gestand er Milo und mir flüsternd, war er hoch verschuldet. Er hatte sich ausgerechnet von einem Kredithai unter die Arme greifen lassen. Dadurch, daß er seine Wohnung als Creep-joint zur Verfügung stellte, konnte er einen Teil der Wucherzinsen abtragen.

Es stank nach jener Verbrechensart, der in diesen Wochen und Monaten unser Hauptaugenmerk galt.

Zentrum des »Organized Crime«, des organisierten Verbrechens — so wird New York City weltweit genannt. Nicht zu Unrecht. Der Präsident der Vereinigten Staaten und der FBI-Direktor in Washington D. C. hatten einen die Staatsgrenzen übergreifenden Großeinsatz gegen die Syndikate veranlaßt. Schwergewicht auf New York. Allein 80 G-men aus anderen FBI-Distrikten waren in unseren Bereich abkommandiert worden, um hier Abhör- und Beschattungsaktionen durchzuführen.

Beträchtliche Erfolge wurden verbucht. Immer häufiger waren auch die Zeugen aussagewillig. Das lag daran, daß sie sich in den Gefängnissen nicht mehr sicher fühlen konnten. Seitdem die Syndikate dort nicht mehr regierten, waren Racheakte leichter möglich. Deshalb hofften die Festgenommenen auf den Job des Kronzeugen und auf unseren besonderen Schutz.

Dem FBI wurden inzwischen die größten Erfolge in der Bekämpfung des organisierten Verbrechens seit seiner Gründung bescheinigt. Nicht einmal zu Hoovers Anfangszeiten hatten die Statistiken so glänzend ausgesehen. Unseren erfolgreichen Einsatz im Peter Cooper Village verdankten wir einer Abhörmaßnahme. Es war ein kleines Teilchen im großen Erfolgspuzzle.

Wie bedeutend dieses Teilchen jedoch war, sollte sich erst nach und nach herausstellen.

 

 

4

Milo und ich und unsere Kollegen blieben gemeinsam mit den beiden Hauptpersonen in der leergeräumten Bude allein. Mrs. Bloom bot uns Kaffee an, und wir nahmen dankbar an. Sie brauchte etwas zu tun. Sie mußte ihre Nerven beruhigen. Die kleine Tochter verteilte eifrig Tassen und Untertassen, Löffel, Milch und Zucker — auch an O’Brien und Graves, unsere beiden besonderen »Freunde.« Wir hatten sie in ihre Sessel gesetzt und ihnen erlaubt, zu rauchen. Trotz der chromschimmernden Schellen an ihren Handgelenken sahen sie wie Unschuldslämmer aus. Sie sahen sich als bedauernswerte Opfer einer Situation, die natürlich wir verschuldet hatten.

So stand es jedenfalls in ihren vorwurfsvollen Gesichtern.

»Chas O’Brien«, sagte ich gedehnt und tippte auf den Beutel mit Waffe, Driver’s License und sonstigem Klimbim. »Sie sind vorläufig festgenommen. Spätestens morgen früh werden wir Sie und Graves dem Haftrichter vorführen. Anklage wegen Veranstaltung von verbotenem Glücksspiel.«

»Mehr nicht?« sagte er und zog verächtlich die Mundwinkel nach unten. Mit seinem Schnauzbart, der genauso schwarz wie das wohlfrisierte Haar war, sah das besonders eindrucksvoll aus.

Ich schüttelte den Kopf.

»Aber ja, Chas. Ein paar Kaninchen ziehen wir noch aus dem Hut. Darauf können Sie sich verlassen. Wir haben genügend Eisen im Feuer.«

Das Verächtliche wich aus seinen Mundwinkeln.

Milo räusperte sich.

»Ich muß Sie auf Ihre Rechte aufmerksam machen. Das gilt sowohl für Sie, O’Brien, als auch für Sie, Graves.« Mein Freund und Kollege sagte den Festnahmespruch auf, den so ziemlich jeder Fernsehzuschauer auf der Welt kennt. Dazu gehörte der so wichtige Punkt, daß beide einen Anwalt ihrer Wahl hinzuziehen konnten, bevor sie auch nur noch einen Ton von sich gaben.

Der Klang des Spruchs schien ihnen ihre Lage erst richtig klarzumachen. O’Briens Miene wurde steinern. Darren Graves, sein Stellvertreter und Sekretär, schien buchstäblich zu schrumpfen.

Das Telefon schrillte. Blacky nahm ab, meldete sich und gab mir den Hörer. Ich war der Einsatzleiter. Vom anderen Ende der Leitung hörte ich Steves Stimme.

»Die vier Aufpasser sitzen in unserem Vernehmungstrakt, Jesse. Was dich aber mehr interessieren dürfte: Unsere auswärtigen Kollegen haben zwei Bagmen aus dem Whiteman-Syndikat geschnappt und zum Reden gebracht. Kurz und gut, wir haben O’Brien auch in Sachen Rauschgifthandel und Prostitution. Und natürlich wegen der Glücksspielgeschichte.«

Ich bedankte mich und legte auf. Im Whiteman-Syndikat gehörte O’Brien zur Führungsspitze. Als Bagman — Taschenmann — bezeichnet man im organisierten Verbrechen die Burschen, die Nachrichten oder Geld überbringen. Oder beides. Auf jeden Fall haben ihre Aussagen Gewicht, da sie mehr wissen als die reinen Befehlsempfänger, das Fußvolk.

Ich sagte O’Brien, womit er zu rechnen hatte.

Statt einer Antwort starrte er mich aus schmalen Augen an. Er wartete, bis Mrs. Bloom den Kaffee serviert hatte und wieder nach nebenan gegangen war. Dann tat er etwas, was mich verblüffte.

»Ihr braucht Bloom nicht erst wieder laufen zu lassen«, sagte er genüßlich. »Den Burschen könnt ihr schon mal einsacken. Er hat nicht nur Schulden gemacht, sondern in seiner Firma auch noch Unterschlagungen begangen, die wir bislang decken konnten.«

Es war die bekannte Art, wie sie labile Typen für sich arbeiten ließen — immer mit dem dezenten Hinweis, daß sie sie jederzeit auffliegen lassen konnten.

O’Brien hatte das kleine Licht Bloom ans Messer geliefert, obwohl es ihn weniger als ein Lächeln gekostet hätte, den Mann mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen.

Doch wir wußten, daß O’Brien mit dem Rücken an der Wand stand. So sehr wir den Einsatz im Peter Cooper Village auch geheimgehalten hatten — jetzt, nach der Festnahme, würde sich die Sache wie ein Lauffeuer herumsprechen — allein schon wegen der fünf Spieler, die wir wieder laufenlassen mußten.

Sie würden nichts Eiligeres zu tun haben, als interessierten Zuhörern in allen Einzelheiten zu berichten, was sich im Creep-joint bei Mr. Herbert Bloom abgespielt hatte.

 

 

5

Hinter schneeweißen Gardinen, die wie Wolken aussahen, wich die schwarze Nacht dem grauen Morgen.

In New Cassel, Nassau County, Long Island, herrschte noch immer tiefe Ruhe. Nur gelegentlich kreischte eine heisere Möwe, die vom Sound oder vom Atlantik herübergekommen war und landeinwärts nach Müllhalden Ausschau hielt. In der Wohngegend mit ihren Bungalows und sauber gemähten Rasenflächen würde es erst in zwei, drei Stunden lebendig werden, wenn die Leute nach New York City auf brachen. Bürozeit, Rushhour-Zeit.

»Ihre Sorge war wohl doch umsonst«, sagte Kathleen O’Brien und unterdrückte ein Gähnen. Die Tatsache, daß wir in dieser Nacht ihren Mann festgenommen hatten, schien sie wenig zu beeindrucken. Möglich, daß sie ähnliche Situationen kannte, in denen ein paar Anwaltsworte genügt hatten, um Chas, den Guten, im Handumdrehen herauszupauken.

Demonstrativ griff ich nach der Warmhaltekanne und schenkte Milo und mir noch einmal heißen Kaffee ein. Wir dachten nicht daran, schon zu gehen. Theoretisch konnte die Lady uns hinauswerfen. In der Praxis gab es aber einen kleinen Haken: Ein Anruf bei John D. McKee, unserem Chef, genügte, und wir würden in spätestens einer Stunde durch Boten einen Durchsuchungsbefehl zur Hand haben.

Kathleen O’Brien wußte das. Deswegen beließ sie es bei dem angedeuteten Wink mit dem Zaunpfahl. Außerdem mußte sie uns immerhin ein bißchen dankbar sein — für den persönlichen Schutz auf Staatskosten.

Milo und ich hatten Blacky und den anderen den Rest der Abwicklung übergeben, hatten uns in meinen Jaguar geschwungen und waren direkt von der East 23rd Street in Manhattan nach Long Island gejagt. Mein roter Flitzer stand jetzt in Chas O’Briens Garage. Wahrscheinlich hatten davon nicht einmal die Nachbarn etwas mitgekriegt, denn wir waren zur schönsten Schlafenszeit eingetroffen.

Es gab ein besonderes Problem. Das Ehepaar O’Brien bewohnte die linke Hälfte eines Winkelbungalows. In der anderen Hälfte wohnte Jennifer O’Brien, die Schwester des Festgenommenen- Und Jennifer war in dieser Nacht noch nicht nach Hause gekommen.

Kathleen griff nach der Zigarettenschachtel, die neben einem Uberquellenden Aschenbecher lag. Ich gab ihr Feuer, und sie lächelte matt, strich ihr langes blondes Haar beiseite, das einen leicht rötlichen Schimmer hatte. Ihr Gesicht war schmal, mit einer schwach erkennbaren Gruppe von Sommersprossen um Nase und Augen. Der seidene Hausmantel, der ihren schlanken Körper wie eine gelackte Haut umgab, roch nach Wohlstand und hohen Ansprüchen. Wie ihr Ehemann stammte auch Kathleen von irischen Einwanderern ab.

Im organisierten Verbrechen, so hieß es, hatten die Iren stets zuverlässige Dienste geleistet. Doch sie hatten selten die Spitzenpositionen der Sizilianer und anderer Nationalitäten erreicht.

Auch Milo und ich versorgten uns mit Zigaretten.

Kathleen blickte vorwurfsvoll auf ihre Platin-Armbanduhr.

»Fast 4 Uhr. Mein Gott, was für Sensationen erwarten sie denn jetzt noch?«

»Es würde an eine Sensation grenzen«, erwiderte ich grinsend, »wenn Ihre Schwägerin Jennifer unversehrt nach Hause kommt. Beispielsweise.«

»Unversehrt?« Kathleen sah mich an und verzog spöttisch den blaßroten Mund. »Wenn die ihren Zug durch die Clubs hinter sich hat, dann bedeutet das mindestens einen ernsthaften Schadensfall. Je nach Lage kann das bedeuten, daß sie erst morgen oder übermorgen oder erst in einer Woche nach Hause kommt.«

Milo und ich wechselten einen Blick.

»Neidisch?« fragte Milo.

Kathleen blies verächtlich den Rauch durch die Nase.

»Sir, ich bin glücklich verheiratet. Jennifers Lebenswandel würde ich nicht eine Nacht durchhalten.«

»Dafür haben Sie Ihren Mann am Hals«, sagte ich gewollt grob.

Ihre Augen funkelten mich an.

»Was soll das heißen?« fauchte sie.

Ich wußte, noch ein krummes Wort, und sie würde mir an die Kehle springen. Deshalb ging ich zum Klartext über.

»Wir haben Ihren Mann festgenommen, Kathleen. Das bedeutet, daß Sie in Lebensgefahr sind.«

Ihr Gesicht entkrampfte sich.

»Das haben Sie vorhin schon gesagt, G-man. Und ich antworte Ihnen noch mal: Ihre Bedenken sind unbegründet.«

»Genauso«, sagte Milo lächelnd, »wie wir Chas völlig unbegründet festgenommen haben. Richtig?«

Sie ruckte herum und starrte ihn an.

»Richtig«, knurrte sie trotzig und holte Luft.

Motorengeräusch näherte sich. Es war nur ein Summen, aber in der Morgenstille des Wohnviertels deutlich zu hören.

Ich ergriff Kathleens Unterarm und brachte sie dadurch zum Verstummen. Unwillig runzelte sie die Stirn. Erst im nächsten Atemzug hörte sie den Wagen. Das Summen wurde lauter. Er schien in die Straße der O’Briens eingebogen zu sein.

»Auch keine Sensation«, murmelte Kathleen, und wieder lag dieser Spott in ihrer Miene. »Manchmal schleppt Jenny ihren Schadensfall nach Hause ab. Meist dann, wenn der Typ verheiratet ist. Verständlich, oder?« Nach der Art, wie sie es sagte, erwartete sie ein mißbilligendes Kopfschütteln.

Wir taten ihr den Gefallen nicht. Das Motorengeräusch war mittlerweile so nahe, daß wir schon das Pfeifen eines lockeren Keilriemens heraushören konnten. Ich stand auf und ging zur Haustür. Wie viele Bungalows hatte auch dieser keinen Eingangsflur. Da wir kein Licht eingeschaltet hatten, konnte meine Bewegung in der Dämmerung nicht auffallen.

»Sie bleiben bitte, wo Sie sind«, sagte Milo schneidend.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, daß Kathleen gehorchte. Sie hatte aufspringen wollen. Ihre Gelassenheit war nur gespielt gewesen. Sie hatte Angst. Genau wie wir wußte sie, womit sie zu rechnen hatte. Ich glaube nicht, daß es die lebenslustige Jennifer war, die da draußen nach einer durchschwärmten Nacht heimkehrte. Ich rechnete mit dem Rollkommando, das Kathleen einsacken sollte, um Chas O’Brien klarzumachen, daß er den Mund zu halten hatte.

Auf diese Methoden griffen sie schon wieder zurück, die großen Bosse. Sie fühlten sich in die Enge getrieben. Alles war gegen sie — von der öffentlichen Meinung bis zum Präsidenten.

Ich spähte durch den V-förmigen Ausschnitt zwischen den gerafften Türgardinen.

Ein dunkelblauer Pontiac Parisienne rollte auf den Wendeplatz, an dem neben dem O’Brien-Doppelbungalow noch drei weitere Häuser standen. Nirgendwo brannte Licht. Rolläden waren heruntergelassen.

Der Pontiac hielt vor der Einfahrt zu der Garage, in der mein Jaguar stand.

Ich sagte es Milo. Meine Nerven spannten sich. Sichtgeschützt hinter Türrahmen und Gardine, tastete ich nach dem Griff meines Smith & Wesson. Durch die getönten Scheiben der großen Limousine konnte ich vorerst nur einen hellen Fleck hinter dem Lenkrad erkennen. Das Gesicht eines Mannes?

Die Tür auf der Beifahrerseite schwang auf. Ich runzelte die Stirn. Im nächsten Moment blies ich kopfschüttelnd die Luft durch die Nase. Die Lady, die da auf dem Sitz gekauert haben mußte, wälzte sich mehr heraus, als daß man es Aussteigen nennen konnte. Schlank, dunkelhaarig, rassig geschnittenes Gesicht. Eine Schönheit, die in jedes dieser Magazine aus Kunstdruckpapier gepaßt hätte.

Jennifer O’Brien. Also doch!

Ihre Schwägerin hatte uns ein Bild von ihr gezeigt. Leise sagte ich Milo, was ich weiter erkennen konnte. Jennifer mußte eine turbulente Nacht hinter sich haben. Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht, Lippenstift und Lidschatten waren verschmiert. Der Rock ihres eleganten Nadelstreifenkostüms war verrutscht. Die weiße Bluse hatte Cocktailflecken, stand weit offen und ließ erkennen, daß Jennifer mit ihren 28 Jahren keineswegs schon einen BH benötigte.

Im Winkel zwischen Tür und Wagendach zog sie sich hoch. Barfuß. Die hochhackigen Pumps hielt sie in der Hand. Mühsam drehte sie sich um und beugte sich in den Wagen.

»Worauf wartest du, Harry? Beweg dich, verdammt noch mal! Ein Gentleman würde um die Motorhaube herumrennen und seiner Lady die Tür öffnen.« Ihre Betrunkenenstimme hallte schrill über den Wendeplatz. »Wirst du wenigstens die Freundlichkeit besitzen, mich zum Haus zu beglei… gelei…ten?« Ihr Redefluß war ins Stocken geraten. Sie verschluckte sich und hustete.

Hinter mir, im Halbdunkel, lachte Kathleen leise.

»Hab ich’s nicht gesagt?« flüsterte sie. »Jenny, wie sie leibt und lebt. Wissen Sie, was als nächstes passiert?«

»Ich habe eine vage Vorstellung«, antwortete ich, ohne den Blick zu wenden.

Draußen schälte sich eine männliche Gestalt an der Fahrerseite aus dem Wagen.

»Gleich klingelt sie bei uns Sturm und fragt, ob wir noch eine Flasche Bourbon für sie hätten. Wenn Chas da wäre, würde er sie anbrüllen, und sie würde heulend in ihre Bude flüchten. Ich werde ihr die Flasche geben und hoffen, daß sie sich eines baldigen Tages zu Tode säuft.«

Mir wurde allmählich klar, von welcher Herzlichkeit dieses verwandtschaftliche Verhältnis geprägt war.

Der Mann, der sich auf Kotflügel und Motorhaube stützen mußte, trug einen schwarzen Anzug und sah ähnlich mitgenommen aus wie Chas O’Briens Schwesterherz. In seinem Mundwinkel klebte ein Zigarillo, längst erkaltet. Ein schlanker, sportlich aussehender Bursche, Typ erfolgreicher Nachwuchsmanager.

Die beiden hakten sich kameradschaftlich ein und stießen sich vom Wagen ab. In Schlangenlinien bewegten sie sich über den Plattenweg auf den Hauseingang zu.

»Wenn sie geklingelt hat«, sagte ich halblaut, »warten Sie eine Weile und bringen Ihrer Schwägerin dann die Flasche Bourbon! Sie und ihr Begleiter brauchen nicht zu wissen, daß wir hier sind.«

»Wie mitfühlend!« sagte Kathleen bissig.

»Bitte richten Sie sich nach unseren Anweisungen!«.sagte Milo im Flüsterton, aber dennoch unmißverständlich. »In Ihrem eigenen Interesse und im Interesse Ihres Mannes.«

Draußen waren die beiden Schwankenden auf zehn Meter heran. Zwischen Jennifers Kichern konnte ich vorerst nur unverständliches Lallen hören. Nach und nach wurden die Stimmen deutlicher.

»… doch mal sehen, ob du eine nette Schwägerin hast.«

»Kannst dich drauf verlassen. Eine richtig mitfühlende Seele ist sie, die Gute. He!« Jennifer blieb ruckartig stehen und packte ihn mit der freien Hand. »Komm nicht auf solche Ideen, mein Lieber! Zum Flirten ist Kathleen nicht die richtige Adresse.«

»Dazu muß ich deine Schwägerin erstmal sehen.«

»Harry, ich weiß nicht, ob es mir gefällt, wenn du…«

»Komm schon!« drängte Harry und schob sie weiter. »Die Nacht geht, und ich sehe unseren Morgen-Bourbon noch immer nicht kommen.«

»Okay, okay, aber fang mir bloß nicht an, Kathleen schöne Augen zu machen! Außerdem — wenn Chas zu Hause ist, haben wir sowieso schlechte Karten.«

»Eifersüchtig?«

»Was denn sonst? Ich kratze dir die Augen aus, wenn du für den Rest der Nacht noch auf komische Ideen kommst.«

»Hoffen wir, daß dein Schwager aufmacht!«

»Dann sieht’s aber mit dem Morgen-Bourbon schlecht aus.«

Der Eindruck, den ich von Jennifer gewann, war der einer reichlich überdrehten Person. Wenn es Torschlußpanik sein sollte, die sie so dick auftragen ließ, dann konnte ich es trotzdem nicht verstehen. Mit ihren 28 Jahren sah sie ganz und gar nicht wie ein altes Mädchen aus, und sie konnte sich jeden Sonnyboy an Land ziehen, den sie haben wollte.

Sie standen vor der Tür.

»Ich werde dein Schwagerherz schon überzeugen, Baby«, brummte Harry. »Klingle endlich!«

Ich sah Jennifer nur noch durch die Gardine, wie durch einen Schleier. Trotzdem entzifferte ich den Ausdruck ihrer Augen, als sie ihren Begleiter eine Sekunde lang ansah.

Angst.

Ich zog den 38er.

Die Türklingel gellte durch das Haus.

Langsam, lautlos wich ich nach rechts weg, bis in den toten Winkel zwischen Türrahmen und angrenzendem Fenster. Kathleen saß wie versteinert da. Milo hielt ihren Arm mit der Linken. In seiner Rechten, auf dem Knie, ruhte bereits der Smith & Wesson.

Wieder diese gellende Klingel.

Das Pärchen draußen unter dem Vordach redete jetzt nicht mehr. Ich hörte, wie Milo Kathleen leise Anweisungen gab. Gut so.

Jennifer klingelte in kürzeren Abständen, drängender.

Nach dem zehnten Schrillen ließ Milo die Frau des Gangsters losmarschieren. Zum Glück trug Kathleen einen Morgenmantel und sah verschlafen genug aus.

Sie öffnete die Tür, ohne mich auch nur mit einem Blick zu streifen. Endlich hatte sie begriffen, daß sie mitspielen mußte.

Ich hörte Jennifers etwas verlegene Stimme.

»Hi, Kathy. Hast noch geschlafen, was? Tut mir leid, ehrlich. Übrigens, das ist Harry.«

»Hallo, Harry«, sagte Kathleen gleichgültig. »Wenn ihr glaubt, daß ich euch das Frühstück mache, muß ich euch leider enttäuschen.«

»Unsinn, Kathy.« Jennifers Lachen klang aufgesetzt. »Weißt du, mein Getränkevorrat ist restlos am Ende. Wenn du mir mal mit einer Flasche Bourbon aushelfen könntest. Ausnahmsweise…«

Kathleen zog den Kragen ihres Hausmantels zu und tat, als fröstelte sie.

»Ausnahmsweise«, brummte sie. »Kommt rein und macht die Tür zu! Wärmer wird’s nämlich nicht.«

Wieder lachte Jennifer dieses gekünstelte Lachen. Kathleen trat einen Schritt nach links weg. Ihre Schwägerin schwankte herein, Harry an der Hand.

»Wirklich nett von dir, Kathy…«

Mit einem Satz war ich aus dem toten Winkel heraus. Harry hatte gerade noch Zeit zusammenzuzucken. Ich packte ihn am Kragen und schleuderte ihn zu Boden. Der Länge nach schlitterte er durch den Living-room und prallte gegen ein Tischbein.

»Runter!« brüllte Milo. Er schnellte aus dem Sessel hoch.

Kathleen lag bereits flach. Ich kreiselte herum und versetzte der verdatterten Jennifer einen Stoß, damit sie aus dem gefährlichen Türbereich heraus war. Im nächsten Sekundenbruchteil war Milo zur Stelle und riß sie auf den Teppich.

Ich sprintete durch die offene Tür, warf mich in der Bewegung herum und rollte mich nach rechts unter dem Vordach ab.

Ein Hämmern zerschmetterte die Morgenstille.

Kugeln prasselten in die Hauswand und zirpten in den Wohnraum. Weit hinten ging scheppernd eine Scheibe zu Bruch. Ich blieb unten, zog den Kopf an die Brust und rollte mich weiter ab. An der rechten Hausecke stand dieser Betonkasten, in dem sie die Mülleimer aufbewahrten.

Die zweite MPi-Garbe folgte mir.

Haarscharf hinter mir klatschten Kugeln ins Verandaholz. Balustradensplitter wirbelten durch die Luft. Milos Dienstrevolver bellte hart und trocken aus der Haustür, und die MPi-Garbe endete. Ich schaffte es bis hinter den Betonkasten. , Milo zwang sie in Deckung. Er nagelte sie im Wagen und beim Wagen fest. Aber eine festgefahrene Lage war noch keine Lösung. Hinter dem Beton war ich zwar sicher, konnte aber nicht viel unternehmen. Deshalb nutzte ich den Moment, in dem sich die Kerle noch auf Milo konzentrierten. Mindestens zwei waren es, vielleicht drei. Sie hatten sich im Fond des Pontiac verborgen gehalten.

Außerhalb ihres Blickfelds lief ich geduckt Über ein Stück Rasen und tauchte hinter ein voll erblühtes Rosenbeet. Die Blätterwand der Sträucher machte mich unsichtbar. Zwischen Rosen und Grundstückseinfriedigung pirschte ich auf den Wendeplatz zu.

Noch immer hackte Milos Revolver sein Blei hinaus.

Ich stoppte meinen Vormarsch. Ich wußte, daß sie nach sechs Schüssen den Moment nutzen würden, in dem er zum Speedloader greifen mußte.

Ich täuschte mich nicht. Milos sechster Schuß war kaum verklungen, als der MPi-Schießer wieder aus der Versenkung auftauchte. Und die anderen hatten Zeit, auf der geschützten Seite aus dem Wagen zu kriechen.

Die MPi hämmerte los. Eine Thompson. Wieder splitterte Verandaholz.

Ich federte hoch und brachte den Smith & Wesson aus der Bewegung heraus in den Beidhandanschlag. Dann jagte ich die Kugel aus dem Lauf, als die MPi-Garbe erst aus drei oder vier Geschossen bestand.

Den Schießer, der sich hinter dem linken Kotflügel hochgeschraubt hatte, riß es von den Beinen. Die Tommygun wirbelte in hohem Bogen durch die Luft und gab keinen Ton mehr von sich.

Erst nach der Schrecksekunde fing der Gangster an zu brüllen. Bevor er auf den Asphalt kippte, sah ich, daß meine Kugel ihn in den Oberschenkel getroffen hatte.

Ich blieb keinen Atemzug länger auf meinem jetzigen Platz. Während.ich lossprintete, sah ich Milo am Rand meines Blickfelds. Er schnellte in flachem Sprung durch die offene Tür und rollte sich auf dem Rasen ab.

Die beiden Kerle, die hinter dem Pontiac auftauchten, hätten aus einem der alten Al Capone-Filme entsprungen sein können. Häßlichster Bestandteil ihrer Ausstattung waren die Thompsons.

Ich bremste mich in dem Moment, in dem der erste mit einem Satz hinter der Motorhaube in Stellung ging und seine MPi in Milos Richtung anschlug. Aus dem Hochreißen des Revolvers heraus zog ich durch. Für genaues Visieren blieb keine Zeit. Deshalb jagte ich zwei Kugeln aus dem kurzen Lauf.

Die MPi hämmerte, doch die Garbe sägte in den Morgenhimmel. Der Gangster kippte hintenüber.

Milos 38er krachte noch im selben Atemzug. Er war auf dem Rasen hochgefedert, und der letzte der Thompson-Schießer brachte nur noch eine einzelne Kugel aus dem Lauf.

Dann war Stille.

Die City Police jagte mit einem Großaufgebot heran, ohne daß wir sie verständigen mußten. Die Nachbarn waren wach geworden und hatten durch die Ritzen ihrer Rolläden gelugt.

Harry hatte als einziger keinen Kratzer abgekriegt. Dafür mußte er es sich gefallen lassen, von Kathleen mit einer Beretta in Schach gehalten zu werden, bis die Cops ihn abführten. Zwei seiner Komplicen waren tot. Den mit dem Beinschuß ließen wir ins Hospital bringen.

Kathleen und Jennifer hatten keine Einwände, als wir einen Transporter mit geschlossenem Kastenaufbau und Begleitschutz anforderten, um sie nach Manhattan bringen zu lassen — Federal Plaza, FBI-District Office.

 

 

6

Eine Stunde später arrangierte ich ein Treffen in einem unserer Vernehmungszimmer. Wenn es von entscheidender Bedeutung sein sollte, so würde meine Kalkulation damit auf gehen.

Chas O’Brien saß hinten in der Ecke kerzengerade auf einem Stuhl, die schellenbewehrten Hände auf den Knien. Neben ihm Steve Tardelli, der sich mit Automatenkaffee aus einem Pappbecher wachhielt.

O’Brien hatte seine Frau nur durch ein flüchtiges Nicken begrüßt. Mit keinem Zucken seiner Gesichtsmuskeln verriet er, was er empfand.

Wir hatten die beiden Frauen hinter den Vernehmungstisch Platz nehmen lassen. Milo hatte das Tonbandgerät eingeschaltet und machte sich Notizen für weitere Fragen. Die Aussagen würden nach Dienstbeginn im Schreib-Pool des District Office getippt werden und konnten danach geprüft und unterschrieben werden.

Kathleen hatte nur wenige Sätze zu Protokoll geben müssen, da das meiste von Milo und mir kam. Chas äußerte noch immer keinen Ton, nachdem er wußte, was sich abgespielt hatte.

»Diese verdammten Schweinehunde!« sagte Jennifer gepreßt, und ihre Hand zitterte, als sie sich von Milo Feuer geben ließ. »Die müssen herumgefragt haben. Oder sonstwas. Weiß der Teufel, wie sie rausgekriegt haben, welches meine Stammlokale sind. Jedenfalls haben sie’s rausgekriegt, und im Sixty-six hält mir dieser Mistkerl doch plötzlich eine Kanone unter die Rippen. Hat natürlich keiner gesehen. Und schreien? Was hätte mir das denn genützt?«

Sie gestikulierte wie eine Italienerin in einem Film aus den 60er Jahren. »Also lasse ich mich rausdrängen, bevor ich überhaupt richtig weiß, was los ist. Als ich dann in dem verfluchten Schlitten sitze, ist natürlich alles zu spät. Vier Kerle gegen eine schwache Frau! Dazu fällt einem doch nichts mehr ein, oder?«

Sie rauchte hastig, nahm das Wasserglas, trank einen Schluck und fuhr silbenhaspelnd fort. »Rasiermesser und solche Scherze! So was haben sie mir gezeigt, G-man! Sollte ich da etwa standhaft bleiben und die Heldin spielen? Damit sie mein Gesicht in eine Narbenfratze verwandeln?«

»Das hat keiner von dir verlangt«, sagte Kathleen eisig in die Atempause. »Also zieh hier nicht die große Schau ab!« Jennifers Kopf ruckte herum. Mit flammendem Blick sah sie ihre Schwägerin an.

»Spinnst du? Was soll denn das jetzt, he? Du sitzt warm und trocken in deiner Bude und hast nichts auszustehen — da kann ich hinterher auch einen auf cool machen. Wenn du ein bißchen Gefühl hättest, würdest du versuchen, dich mal in meine Lage zu versetzen. Ich habe Todesängste ausgestanden, die ganze Fahrt über, von Manhattan nach New Cassel.«

»Du Ärmste«, sagte Kathleen in ihrer spöttischen Art, die wir nun schon gut kannten. »Deine Rolle hast du jedenfalls gut gespielt… bei uns vor der Haustür.«

»Was blieb mir denn anderes übrig!« schrie Jennifer. Sie stieß die halb aufgerauchte Zigarette in den Aschenbecher und zermalmte sie zwischen den Kippen.

Ich warf Milo einen Blick zu. Mein Freund nickte.

»Das genügt«, sagte er energisch. »Wir bringen Sie beide in einen Aufenthaltsraum, hier bei uns im Gebäude. Fürs erste sind Sie also sicher. Wir werden rechtzeitig entscheiden, wie es weitergeht.«

»Ich hoffe, daß wir dabei auch gefragt werden«, sagte Kathleen schroff. Sie sah erst Milo und dann mich an.

Ich lächelte aufmunternd und sah an ihrer Miene, daß sie es so verstand, wie ich es meinte. Sie hatte keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Bevor wir die beiden Frauen hinausbrachten, ließen wir ein paar Minuten verstreichen. Doch Chas O’Brien nutzte die Gelegenheit nicht. Er saß noch immer mit steinerner Miene neben Steve, der ihn in seine Zelle bringen würde, wenn wir gegangen waren.

Es half nichts. O’Brien hatte die ganze Zeit kein Wort gesagt. Und er dachte auch jetzt nicht daran, den Mund aufzumachen.

 

 

7

Es war ein regnerischer Abend in New York. Auf dem Asphalt der Park Avenue schillerten kleine Öllachen in allen Regenbogenfarben.

Der Portier des Waldorf Astoria hatte ein waches Auge auf den heranfließenden Verkehr und achtete vor allem auf schwere Limousinen, die möglicherweise ausscherten, um vor dem Baldachin anzuhalten. Zwei Gehilfen, einfacher livriert als der hauptamtliche Portier, standen mit großen Regenschirmen bereit, um loszuwieseln, den Gästen zu einem trockenen Weg bis unter den Baldachin zu verhelfen und das Trinkgeld zu kassieren, bevor sie es aus Zerstreutheit dem Portier in die Hand drückten.

Sein Augenmerk konzentrierte sich auf einen cremefarbenen Cadillac Fleetwood 75, das überlange Modell, das — mit abgenommenem Heckdach — sogar von Staatsbesuchern benutzt wurde. Tatsächlich rollte der schwere Wagen auf den regengeschützten roten Teppich des Waldorf Astoria zu. Es stand folglich fest, daß der Benutzer des Cadillac an dem Vortrags- und Diskussionsabend mit dem Wirtschaftsminister aus Mexiko teilnehmen wollte. Nur hochkarätige Gäste aus Politik und Wirtschaft hatten sich für diesen Abend angesagt.

Der Portier und seine beiden Helfer ahnten nicht, daß der Mann aus dem Cadillac Fleetwood 75 daran gehindert werden sollte, das Waldorf Astoria zu betreten. Ebensowenig ahnten sie, daß sie Zeugen eines Geschehens werden sollten, das schon in den Morgenausgaben der Zeitungen als Verbrechen des Jahres bezeichnet werden würde.

Fast lautlos rollte die mächtige Limousine an der Bordsteinkante aus. Noch bevor die Regenschirmträger heran waren, sprang ein Mann in grauem Anzug an der Beifahrerseite heraus und riß die Fondtür an der rechten Seite auf.

Der Mann, der nun ausstieg, nachdem der andere sich prüfend umgesehen hatte, war schlank und elegant, hatte silbern leuchtendes Haar und stellte offensichtlich in der Szene der oberen Zehntausend von New York City etwas ganz Besonderes dar.

Diesen Gedanken hatte der Portier, als es geschah.

Drei Männer tauchten plötzlich aus dem Passantenstrom auf. Ihre Mäntel und Hüte waren fast wie Uniformen. Die Mäntel flogen auseinander. Der Mann neben dem Wagenschlag zuckte zusammen und griff unter das graue Jackett. Der elegant gekleidete Silberhaarige hob erstaunt den Kopf.

Mündungsblitze aus drei Maschinenpistolen sprangen ihn an.

Die drei Feuerstöße dauerten nicht mehr als eine halbe Sekunde. Entsetzensschreie gellten. Fassungslos blickten der Portier und seine Gehilfen auf die beiden blutüberströmten Körper neben der offenen Fondtür.

Die drei Mörder waren herumgewirbelt und rannten in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Der Fahrer des Cadillac, der herausgesprungen war und eine Pistole auf dem Wagendach in Anschlag brachte, sah die Killer schon nicht mehr. Sie waren einfach untergetaucht und vermutlich um die nächste Straßenecke verschwunden.

 

 

8

Ich hatte mich getäuscht.

Chas O’Brien ließ sich offenbar nicht die Spur von der tödlichen Gefahr beeindrucken, in der sich seine Frau befunden hatte.

Jetzt war sie zusammen mit Jennifer in ein Hotel gebracht worden. Beide Frauen wurden rund um die Uhr von FBI-Kollegen bewacht. Daß das keine Lösung auf Dauer sein konnte, war uns allen klar. Da O’Brien uns aber immer noch im Ungewissen schweben ließ, gab es vorerst keinen anderen Ausweg.

Als nachts um ein Uhr bei mir zu Hause das Telefon klingelte, hatte ich von einer geänderten Lage noch nicht die leiseste Ahnung. Ich angelte den Telefonhörer vom Nachttisch und entzifferte blinzelnd die Anzeige des Digitalweckers.

»O’Brien will dich sprechen«, sagte Special Agent Leon Eisner am anderen Ende der Leitung. Er hatte Dienst im Zellentrakt. »Er will dich und keinen anderen sprechen, und zwar sofort. Tut mir leid, Jesse.«

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942774
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v916248
Schlagworte
jennys leben trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und Jennys drittes Leben