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Gehacktes Blei liegt in der Luft - Sechs Romane in einem Band

2020 865 Seiten

Zusammenfassung

Wer bleibt am Ende übrig?
Das härteste Gebiet des Wilden Westens war immer schon die Gegend des Rio Grande. In keinem Landstrich gibt es mehr Härte, mehr Schärfe als in dem Gebiet, das man das Buschland nennt.
Und so wie das Land, so wild, so unnachgiebig sind die Männer, die sich in diesem Grenzgebiet zusammenfinden. Es sind Männer aus allen Schichten, gute und schlechte, und nur eines gilt ihnen allen gemeinsam, sie halten, was sie versprechen, ALLES! Sie kämpfen und werden bekämpft, je nach ihren Zielen. Und wenn sie ihr Wort geben, kann man es mit dem Leben oder dem Tod gleichsetzen. Dieses Ehrenwort ist das RIO-WORT. Wer es hält, schafft sich damit Lebensraum oder das eigene Grab.
Gull Trinned blieb keine andere Wahl: Er wurde gezwungen dieses Ehrenwort zu geben und er zwang sich selber, es zu halten. Ihn hält man für den berüchtigtsten Mörder und Desperado der Gegend. Ihn will man für den anderen erledigen, und er war es, der von Sheriff OcBrien verhaltet werden sollte …
Gull ist auf der Suche nach seinem Bruder. Keinen Freund hat er auf diesem Trail, und doch spielen sich viele als seine Freunde auf; sogar der echte Tude Warren.
Gull reitet zwischen zwei Feuern und bekommt dies zu spüren. Gebunden an sein Wort, gerät er immer tiefer in die Kämpfe dieser Gegend, die am Ende nur das Leben oder den Tod bedeuten können …
Dieser Western, in dem Ehre ganz groß geschrieben wird, sowie fünf weitere Romane großartiger nationaler und internationaler Western-Autoren, sind in diesem Band vereint.

In diesem Band sind folgende Romane nationaler und internationaler Western-Autoren enthalten:
› Sterben für ein Ehrenwort – von Larry Lash
› Lockwoods Gesetz – von Ben Bridges
› Auf den Spuren eines Mörders – von Pat Urban
› Schüsse in der Nacht – von Larry Lash
› Fährte der Verlorenen – von Heinz Squarra
› Nur ein Sergeant – von Pat Urban

Leseprobe

Table of Contents

Gehacktes Blei liegt in der Luft

Sterben für ein Ehrenwort

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Lockwoods Gesetz

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Auf den Spuren eines Mörders

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

Schüsse in der Nacht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Fährte der Verlorenen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Nur ein Sergeant

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

Gehacktes Blei liegt in der Luft

 

 

Western-Sonderedition

 

 

Sechs Western großer nationaler und internationaler Autoren

in einem Band vereint

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Werner Oeckl und Kerstin Peschel, 2020

Korrektorat, Redaktion: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

› Sterben für ein Ehrenwort – von Larry Lash

› Lockwoods Gesetz – von Ben Bridges

› Auf den Spuren eines Mörders – von Pat Urban

› Schüsse in der Nacht – von Larry Lash

› Fährte der Verlorenen – von Heinz Squarra

› Nur ein Sergeant – von Pat Urban

 

 

***

 

 

Sterben für ein Ehrenwort

 

 

von Larry Lash

 

 

Klappentext:

 

Wer bleibt am Ende übrig?

Das härteste Gebiet des Wilden Westens war immer schon die Gegend des Rio Grande. In keinem Landstrich gibt es mehr Härte, mehr Schärfe als in dem Gebiet, das man das Buschland nennt.

Und so wie das Land, so wild, so unnachgiebig sind die Männer, die sich in diesem Grenzgebiet zusammenfinden. Es sind Männer aus allen Schichten, gute und schlechte, und nur eines gilt ihnen allen gemeinsam, sie halten, was sie versprechen, ALLES! Sie kämpfen und werden bekämpft, je nach ihren Zielen. Und wenn sie ihr Wort geben, kann man es mit dem Leben oder dem Tod gleichsetzen. Dieses Ehrenwort ist das RIO-WORT. Wer es hält, schafft sich damit Lebensraum oder das eigene Grab.

Gull Trinned blieb keine andere Wahl: Er wurde gezwungen dieses Ehrenwort zu geben und er zwang sich selber, es zu halten.

Ihn hält man für den berüchtigtsten Mörder und Desperado der Gegend. Ihn will man für den anderen erledigen, und er war es, der von Sheriff OcBrien verhaltet werden sollte …

Gull ist auf der Suche nach seinem Bruder. Keinen Freund hat er auf diesem Trail, und doch spielen sich viele als seine Freunde auf; sogar der echte Tude Warren.

Gull reitet zwischen zwei Feuern und bekommt dies zu spüren. Gebunden an sein Wort, gerät er immer tiefer in die Kämpfe dieser Gegend, die am Ende nur das Leben oder den Tod bedeuten können …

 

 

***

 

 

»Der Teufel ist gegen ihn harmlos und des Teufels Großmutter eine gesittete Tante …«

(aus diesem Buch)

 

 

 

1. Kapitel

 

Schwingend war ihr Gang. Unverkennbar hatte sie die Grazie einer Wildkatze und vollendete Geschmeidigkeit eines Pumas in sich vereint.

Die Augen der gelangweilten Cowboys leuchteten auf, als sie sie sahen, saugten sich fest, tranken ihren Anblick wie ’nen alten »Old-Crow-Pur« in sich hinein und wurden dabei etwas duselig, unterbrachen ihre Reden.

Das Mädchen störte sich nicht daran. Es schritt stolz und aufrecht mitten auf der Fahrbahn. Die Flut ihres tizianroten Haares wippte bei jedem Schritt. Der laue Abendwind liebkoste die Locken, wühlte etwas frech darin herum, und manchem Cowboy schlug das Herz bis zum Halse hinauf …

Rita hieß sie, und jeder noch so krummbeinige Weidereiter nannte sie innerlich oder halblaut bei ihrem Vornamen, wagte es indes kaum, die beiden Silben laut auszusprechen.

Goddam! Sie würde es nicht dulden. Sie konnte jeden mit ihren großen dunkelblauen Augen so eigenartig ansehen, dass vielen die Kehle wie zugeschnürt war. Und dann fanden sich immer schnell Männer, die nur darauf warteten, für das verführerische Wesen die Kanonen anzulüften; die bereit waren, für einen traumhaften Blick aus ihren Augen sich auf der Stelle mit Blei vollpumpen zu lassen oder selbst zwanzig Cents für eine Patrone zu opfern.

Und dann gab es in Seatle-City böse Zungen, die behaupteten, dass Rita McDunn eine Hexe sei, die seit ihrem Auftauchen in der Stadt für den Teufel und dessen Spießgesellen den Boden bereitete.

Heh! Wenigstens das erste war eine nachweisbar freche Lüge. In Seatle-City wurde immer schon geschossen, und damals, als vor Jahren dieses elende Nest am Rio aus dem Boden gestampft wurde, soll sogar ein Schild am Stadtrand gestanden haben.

War kein gewöhnliches Schild. Stand ein wohlgemeinter, aber selten beachteter Spruch darauf:

 

»Leg dein Vermögen unter einen Baum,

und pack’ nur Kugeln ins Gepäck.

Die City ist des Lebens wüster Traum.

Heil kommst du rein, doch seltener zurück.«

 

Pest und Schwefel! Es war kaum zu glauben. Nur wenn man sich den Friedhof von Seatle-City ansah, wurde man unsicher, denn der Gottesacker war fast so groß wie das Städtchen selbst und der Totengräber entschieden der bestbeschäftigte Mann im Country.

No, Rita McDunn hatte sichtlich nichts damit zu tun. Zwar konnte man nicht verkennen, dass die Schießfreudigkeit gewaltig anstieg, nachdem die biegsame Wildkatze einen flotten Saloon eröffnete.

»Tanzhalle-Saloon-Store« stand auf dem großen Plakat über dem Eingang, und es tat nichts zur Sache, dass ein Coltkünstler jeden Buchstaben mit Einschusslöchern nachgezogen hatte. Im Gegenteil, es lachte magnetisch alle Männer an.

Rita steuerte auf das Lokal zu. Ihre dunklen Augen leuchteten im Besitzerstolz.

Sie lächelte. Es war ein süßes Lächeln, und die drei Cowboys, die herumstanden, bekamen schwimmende Augen, grinsten sparsam, zogen mit linkischen Bewegungen die Stetsons, stierten ihr herausfordernd nach und bekamen das Schlucken, als sie sich unter dem Holm duckte und auf den Gehsteig sprang.

»Himmel und Hölle! Sie hat Rasse«, stotterte einer anerkennend und schnalzte hörbar.

»Du warst zu lange Broncobuster, Kid«, spottete sein Nebenmann sofort. »Bleib da, bei Rassepferden kannst du nicht einbrechen.«

Sie grinsten diskret und Kid antwortete lässig:

»Und du bist zu lange hinter Kühen geritten. – Sage dir, sie ist auch nicht anders als alle anderen. Man muss nur zupacken und festhalten!«

»Geh hin und versuch’s«, grinste Lane zurück. »Du bist zu klein, Kid, und mit deinen krummen Beinen bist du keine Empfehlung. Du müsstest zwei Eisen tragen und damit umgehen können wie ein Zauberer. Du müsstest dir den Weg zu ihr freischießen. – Heh! Und auch dann noch werden dir einige tolle Burschen vor die Eisen springen. – Holly Gee! Du würdest eher aus den Stiefeln sein, als dir lieb ist. – Bleib’ also bei Broncos, Kid. Hör’ auf mich.«

Die tizianrote Schönheit hörte nichts von diesem leise geführten Gespräch. Für sie waren nachstarrende Cowboys einfach nicht vorhanden. Sie hatte sich an vieles in dieser rauen Stadt gewöhnt, und auch das Grinsen beunruhigte sie keinesfalls.

Plötzlich blieb sie stehen, warf den Kopf wie erschreckt in den Nacken.

Groß und weit wurden ihre Augen. Jähe Blässe bedeckte ihr Gesicht. Stürmisch hob und senkte sich die Brust, und ihr Atem kam pfeifend über die blutroten, geschwungenen Lippen.

»Mein Gott«, stieß sie heiser heraus. Ihre Stimme klang abgerissen, seltsam gepresst. »Mein Gott, das ist doch …«

Sie schwieg jäh. Wie gebannt blickte sie auf den Reiter, der vom Süden her in die Stadt einritt.

Die Abendsonne warf ihre letzten Strahlen in den Straßenstaub. Violette Lichter woben hin und her, verloren sich im bizarren Spiel zwischen den primitiven Häusern. Die einfallende Dämmerung webte dunstige Schatten, streute sie aus und ließ den Reiter und sein Tier größer, wuchtiger erscheinen, als beide in Wirklichkeit waren.

Müde waren beide … müde, abgekämpft, fast erschöpft. Eine Schicht aus Staub und Dreck hatte Mensch und Tier überzogen.

Der Reiter trug den verbeulten Stetson weit ins Genick geschoben. Sein kurzgeschnittenes, wirres Schwarzhaar lugte in feinen Strähnen über der hohen, eckigen Stirn.

Und das Haar passte zu diesem Mann, der drahtig, schlank und doch sehr muskulös gebaut war. Unter dem roten Staub der Berge erkannte man dennoch die Bronzetönung seiner Haut, die nicht von Geburt aus, sondern durch Witterung, Sonne, Wind und Regen so geworden war.

Helle, stahlharte Augen schwelten in tiefen Höhlen. Mit seinen sechseinhalb Fuß und ungefähr hundertsiebzig Pfund Gewicht hockte er schläfrig auf dem Gaul. Aber man hatte das sichere Empfinden, dass er sofort hell wach sein konnte, dass ein Mann wie dieser eigentlich nie schlief.

Seine Faust umkrampfte das Sattelhorn. Über dem erdfarbenen Hemd leuchtete rot das Halstuch. Braun, abgewetzt waren die Chaps. Zwei Eisen trug er. Kalt und drohend ragten die griffbereiten Kolben nach außen, ließen die Kerben sehen, und jede bedeutete den Tod eines Menschen. – Und diese Eisen drückten dem Reiter sofort einen Stempel auf.

Jäh verstummten die Gespräche, hoben sich Männerköpfe ruckartig, wurden schmal, abweisend, abwehrbereit. Scheu, unsicher flackerten die Blicke zu ihm hin, wurde getuschelt.

»Wer ist das?«, zischelte Kid halblaut.

Er bekam keine Antwort. Die Männer zogen die Schultern ein, wandten sich finster ab. Lane knurrte eine Verwünschung, brummte leise:

»’ne reitende Kanone, Kid. Ich würde dir raten, einen Colt mehr umzuschnallen. Wenn ein Beidhandschütze sich in diesem verteufelten Nest sehen lässt, bedeutet das nichts Gutes. Habe das Gefühl, es gibt Musik und die Luft füllt sich bald mit Blei.

Ist ein verdammtes Nest. – Zu viel Gesindel von Mexiko und den Staaten. Sie können über die Grenze, wenn der Boden zu heiß ist, und herüber, wenn wieder Gras darüber wächst. Ist übel, Sonny, sehr übel.«

Er drehte sich um und beobachtete den Fremden, der seinen Grauschimmel zur linken Straßenseite heranführte.

Hin und her flogen seine Blicke. Er schien sich für die vielen Kneipen und Bars zu interessieren.

Aber er konnte sich nicht entschließen, trieb immer wieder seinen Gaul mit heiseren Kehllauten an.

»Tanzhalle-Saloon und Store zum Paradies«

Ein leises Lachen flatterte auf. Der Fremde hob sich in den Steigbügeln und blickte zu Ritas Saloon. Der Platz, an dem die Inhaberin noch vor wenigen Minuten gestanden hatte, war leer.

»Well, Alter. Wir sind im Paradies«, sagte der Reiter halblaut zu seinem Grauen. Alle Müdigkeit war plötzlich von ihm gewichen. Scharf und hell waren seine Blicke, die er zu den Pferden an den Holmen eilen ließ und die die unterschiedlichen Brandzeichen prüften.

Befriedigt nickte er und schwang sich aus dem Sattel. Kaum hatte er mit seinen Sohlen den Boden berührt, als eine schneidende Stimme im Rücken ihn anfauchte:

»Rühr dich nicht, Buddy!«

Für Augenblicke war es so, als wollte der Fremde blitzschnell herumwirbeln. Jäh versteifte er sich, schien zu wachsen und war plötzlich eine Statue aus Erz, an der sich kein Muskel bewegte.

Heiser quoll ein ersticktes Lachen aus seiner Kehle.

»Streck dich zum Himmel, Buddy«, war die nächste, wenig freundliche Aufforderung.

Der Sprecher schob sich um die Hausecke, stand breitbeinig und etwas vorgeneigt auf der Veranda. Seine raue Stimme bebte in unheimlicher Erregung.

»Kann ich mich umdrehen, Boy?«, fragte der Schwarzhaarige fast milde. »Ich hab’ etwas gegen Menschen, die aus dem Hinterhalt einen Mann bedrohen!«

»Buddy, gerade du solltest darüber schweigen, anstatt dein Maul aufzureißen, gerade du!«

Der Fremde lachte wieder. Es war ein unangenehmes, schneidendes, durchdringendes Lachen, nicht laut und auch nicht leise. Aber es hatte eine sonderbare Wirkung auf die Zuschauenden. Unsicher spritzten sie auseinander.

Goddam, der Schwarze war einer von denen, die es fertigbrachten, sich ’nen Dreck um den Colt im Rücken zu kümmern, sich herumzuwerfen – und dann …?

Es war besser, sich rechtzeitig aus der Schusslinie zu bringen. Auch Kugeln tollwütiger Schießer konnten den Falschen treffen, und wohl niemand hatte Lust, den Weg einer Kugel unnütz zu kreuzen.

Der Fremde sah die beiseite spritzenden Gestalten, sah auch, wie neugierige Gesichter sich an den Fensterscheiben die Nasen plattdrückten. Einige grinsten unverschämt, andere zeigten unverblümt ihre Gier, gerne einen Menschen aus den Stiefeln fahren zu sehen. Nur wenige blickten besorgt und wütend darein.

Alle Geräusche verstummten. Selbst die hämmernden, quietschenden und polternden Töne eines Klaviers brachen mit schrillem Missklang ab.

Das war noch nicht dagewesen! Noch niemals.

Keine Schießerei, kein allmächtiger Feuerzauber hatte die Mainstreet der City zum Verstummen gebracht. Jetzt war sie stumm, hielt den Atem an. Eine Hauptstraße schien plötzlich tot.

Langsam hob der Schwarze die Hände, sah zur Seite, konnte den Mann mit der Waffe nicht sehen, ließ die Augen in die Fenster der Tanzhalle schweifen.

Ein blasses, verzerrtes Mädchengesicht fand er und Blauaugen, die zu sprühen und zu funkeln schienen, die ein tödliches Feuer ausstrahlten. Dunkelrotes Gelock schmiegte sich wie lodernde Flammen um das jetzt hartgeschnittene Gesicht. Blutrot, wie eine verbotene, lockende Frucht war ihr Mund, wetteiferte in der Farbe mit der Korallenkette, die ihren biegsamen Hals schmückte und die auf den vollen Ansätzen der jungen Brust ruhte.

Wie zwei Klingen kreuzten sich ihre Blicke, bis das Mädchen entschlossen und schnell vom Fenster zurücktrat.

»Wer du auch bist, Daisy. Es ist kein schöner Empfang im Paradies!«, rief ihr der Reiter nach und lächelte wieder.

»Aber ein schöner Empfang für die Hölle, Buddy«, tönte es heiser hinter ihm. Einen Teufel wie dich, wird der Satan auf seiner Gabel brauchen. – Dreh dich herum!«

Das war ein Befehl.

Der Schwarze wandte sich lässig. Leise klirrten seine Sporen. Jetzt sah er den Mann auf der Veranda.

Schmal wurden die Augen, glommen aus zwei Schlitzen, hefteten sich auf den blinkenden Stern, den der andere auf seinem Rockaufschlag trug.

»Das Gesetz …«

»Yeah«, unterbrach der Sheriff wild. »Endlich trifft es dich. Hast dich bisher immer aus den Schlingen winden können, Buddy.

Das hier ist zwar eine verruchte Stadt und für Leute deiner Art wie geschaffen, aber von allem trampelnden Gesindel habe ich dich am liebsten herausgefischt, Buddy!«

»So?«, lachte es trocken, ungläubig, heiter.

Der Stranger nagte an der Unterlippe, grinste unverschämt in das Narbengesicht des Sheriffs hinein und fragte:

»Wie lange soll ich in der Luft nach einem Halt angeln? Finde, das ist eine schlechte Stellung für einen Mann. Meine Arme werden müde, Mister!« »Erspare dir das ›Mister‹! Buddy. – Dies ist hier eine heiße Gegend. Für manche zu heiß. Du wirst schnell genug mit den Beinen nach einem Halt suchen, und die Zunge wird dir dabei verdammt trocken werden«, fauchte es bissig zurück.

»Ich werde verrückt, Mister mit dem Orden. Well, in welchem Buch steht geschrieben, dass ein Mann, der einen Stern auf dem Bauch hat, mit einer Kanone jedem harmlosen Reiter das Kreuz kitzeln kann? Damned, so ein Ding kann plötzlich losgehen und die Haut verbrennen. Aber wenn Ihr unbedingt einen Hals verrenken wollt, sucht Euch einen anderen aus!«, knirschte der Fremde und drehte sich dem Sheriff voll zu.

»Steh! Deine Frechheit ist bekannt«, donnerte er. »Wird dir hier wenig nützen, weil dein Trail zu Ende ist. An dir werde ich ein Exempel statuieren, das den anderen die Lust für Seatle-City nimmt«, harschte er wütend, und mit kehliger, von Wut zerfressener Stimme fuhr er fort:

»Heh, Tonny, Samuel, geht von hinten an ihn ran und langt euch die Kanonen!«

»Mit welchem Recht, Sheriff?«, fuhr der Fremde auf.

»Er fragt nach Recht … hört Leute, Ladys, Gents. Tude Warren fragt, warum wir ihn nicht mit Hurra begrüßen, warum wir zu seinem Willkommen keine Ehrenjungfrauen mit Blumen stellen!«, höhnte der Sheriff schrill, reckte und dehnte sich. Seine Brust weitete sich vor Stolz. Das hier war seine große Stunde, und sie würde sich nicht wiederholen.

»Ein Killer fragt nach Recht!«

Wirre Rufe sprangen auf.

»Tude Warren«, scholl es gedämpft, seltsam leise, lief es von Mund zu Mund, schien Flügel zu bekommen und durch die Stadt zu rasen.

»Tude Warren«, echote es überall, und die Stimmen wurden hart.

Den Stranger berührte das nicht. Er lächelte still vor sich hin.

»Scheint bekannt zu sein, der Mann, der sich Tude Warren nennt?«, fragte er leise und doch laut genug, dass alle ihn verstehen konnten.

»Kerl«, knirschte der Sheriff, »du stehst mit beiden Beinen im Jenseits. Aber der Totengräber wird dir keine Grube ausheben, du wirst …«

»Stopp«, knurrte der Fremde den Sheriff unterbrechend. Mit einem Schlag war das kleine Lächeln in seinem Gesicht verweht, verlöscht, war ausradiert, und gleichzeitig schwang in seiner Stimme gnadenlose Kälte.

Sofort stoppten die beiden Hilfssheriffs, die sich bis auf wenige Yards genähert hatten. Es war, als hätte sie mitten in der Bewegung eine unsichtbare Faust zurückgeschleudert. Unsicher, betreten schauten sie sich an, blickten mit flackernden Augen zum Sheriff hinüber, warteten, zauderten, waren sich nicht schlüssig.

Selbst der Sheriff warf den Kopf auf, schob grimmig das Kinn vor und entblößte die gelben Zähne vor Überraschung. Sein kurzgeschnittenes Haar sträubte sich vor Eifer. Die Hand mit dem Colt zuckte vor.

»Lasst euch nicht aufhalten, Boys. Die Bestie faucht nur. Holt euch die Eisen! Holt sie! …«

Eine gelbrote Flammenzunge zuckte über die Straße. Zugleich grollte die Detonation des Schusses, zerriss die zaudernde Stille.

Sheriff Tom OcBrien stieß ein gurgelndes Röcheln aus und verstummte.

Kraftlos sackte er in sich zusammen. Weit aufgerissen waren seine Augen, hafteten auf dem Fremden, der beide Colts herausgerissen hatte und den herabsausenden Händen der Hilfssheriffs Einhalt gebot.

»Schuft, elender …«, wehte es herüber.

Tom OcBrien versuchte mit letzter Kraft seinen Colt hochzureißen und abzudrücken. Aber die Waffe glitt aus seiner Faust, fiel in den Staub. Dunkel klaffte die Wunde. Mit rasender Schnelle verbreiterte sich der Blutfleck. Schaum jagte mit dem schnellen keuchenden Atem aus den Lungen, und dann fiel Tom OcBrien mit einem schrillen Schrei über das Haltegelände, krachte schwer vor zwei hervorstehende Bohlen und blieb reglos liegen.

Die Hilfssheriffs zuckten zusammen, stierten in die drohenden Mündungen, die der Fremde auf sie gerichtet hatte.

Seltsam verändert hatte sich das Gesicht des Schwarzen. Es war mit öligem Schweiß überzogen, glich einer verzerrten Maske, und die aufgerissenen Grauaugen darin waren zwei unergründliche Klüfte. Die Colts in seinen Fäusten schienen leise zu beben und auf seinem erdfarbigen Hemd zeigte sich ein heller Blutfleck, vergrößerte sich ebenfalls zusehends.

»Tut mir leid, Gents«, brach es heiser aus ihm heraus. »Der Kerl, der das getan hat, muss wohl auch ein Schuft gewesen sein!«

Stoßweise kamen seine Worte, abgehackt, keuchend. Das Reden musste ihm schwerfallen. Seine Zunge lallte.

Zum Teufel, was war mit ihm los? Man hatte doch nur einen Schuss gehört, und es stand außer Frage, dass dieser schwarzhaarige Fremde ebenfalls Blei geschluckt hatte.

Wer hatte ihm die Pille verabreicht?

Waren es doch zwei Schüsse gewesen?

»Warren. Meine Augen täuschen sich nicht. – Sheriff OcBrien hat dich erwischt und du wirst nicht weit kommen. Gib auf. Der Strick ist dir gewiss!«, zischte Samuel Grensetter aufgebracht, und seine Lippen zuckten entschlossen.

»Mich erwischt?«, schrillte es drohend. »Das hier ist eine alte Verwundung, Mister. Sie ist aufgebrochen und, das ist meine Sache. Deine ist es, nachzusehen, was mit dem Sheriff ist und wer diesen üblen Schuss abfeuerte …«

»Das wirst du uns beantworten müssen, Warren«, biss Samuel Grensetter zurück. »Das mit der alten Verwundung ist ein übler Trick. So stark blutet keine alte Wunde, und mir scheint, dass du bald ausläufst.«

Er deutete auf die Wunde. »Wenn du noch einige Minuten bleibst, bist du geliefert!«, sagte er dann langsam und hielt den Colt bereit.

Es schien wirklich so. Hinter den Fensterscheiben, an den Hausecken und in den Nischen kam Bewegung auf.

Der Schwarze sah es und lachte grell.

»Die Meute macht sich bereit. Sie hat Blut geleckt und will neues Blut sehen …« Er brach ab. Schüsse peitschten auf. Kugeln summten, zwitscherten, krachten in Holzverkleidungen, Aufbauten und brachten Fensterscheiben zum Klirren.

»Hierher, Boss …kreischte es durch den Tumult.

»Hierher, Tude Warren!«, schrien Männer.

»Dein Rudel … Tude Warren, dein Rudel ruft!«, höhnte Grensetter.

»Mein … damned! Ich habe kein Rudel und heiße nicht Warren …«

»Lüge … sie rufen dich, schießen, damit du frei raus kommst. Aber es wird dir wenig nützen. Eines Tages werden wir abrechnen«, giftete Samuel Grensetter.

»Warum schießt du nicht? Auf einen Mord kommt es dir nicht an!«, stieß er heraus, und die Todesfurcht ließ seine Stimme aufgellen.

Hart, fast brutal lachte der Schwarze.

»Du irrst, Sonny. Ich bin nicht Tude Warren, habe nie einen Tude Warren gekannt, aber wenn ich ihm begegne, wird er mir für das hier Antwort stehen müssen! Und er wird antworten … Mein Wort darauf!«

Seine Zunge konnte kaum noch die Worte formen. Unheimliche Schmerzen durchtobten ihn, und dennoch hielt er sich aufrecht, langte nach den Zügeln des Grauen, sprang in den Sattel. Aus dem Stand heraus preschte das Tier in rasendem Galopp vorwärts.

Links und rechts pfiffen Geschosse vorbei, bellte, krachte, barst es. Feurige Räder kreisten vor den Augen des Reiters. Schmerzen zerhieben ihm die Nerven. Schemenhafte Gestalten tauchten aus brodelnden Nebelmassen, duckten ab, schnellten fort. Plötzlich waren Reiter um ihn herum.

… Inmitten eines Pferderudels trieb der Grauschimmel dahin. Verzerrte Gesichter schoben sich aus dem Dunst. Fratzen, Galgenvisagen. Aber der »Schwarze«, hob die Waffen nicht, ritt wie in einem wüsten Traum, der wie eine höllische Halluzination bald verfliegen würde.

Dunkel wurde es um ihn. Schwarze Schatten ballten sich zusammen, dann war er nur noch ein treibendes Blatt, das vom Sog der anderen erfasst, vorwärtswirbelte.

 

 

2. Kapitel

 

Obwohl Gull Trined erwacht war, hielt ihn etwas davon ab, die Augen zu öffnen. Die Mattigkeit in seinen Gliedern war wie Bleigewichte. Stimmengemurmel drang dumpf hinter einer Tür hervor. Klirrende Sporen, taktmäßige und schlürfende Schritte näherten sich. Eine Tür klappte zu.

Kalte Luft wehte herein. Sie brachte den würzigen Geruch von grauer Sage ins Zimmer. Eine leichte Brise vom Frühling und von harzigen Wäldern.

Gull hob und senkte die Brust, atmete gleichmäßig wie ein Schlafender. Der Schmerz in der alten Wunde hatte nachgelassen. Wie mit tausend Nadeln stach es darin, war ein Zeichen, dass die Wunde sich wieder geschlossen hatte und wahrscheinlich auch verbunden worden war.

Dumpf entsann er sich.

Man hatte ihn für Tude Warren gehalten.

Wer war Tude Warren? – Ein Killer wohl?

Weshalb musste der Sheriff sterben?

Heh, wo befand er sich, wohin hatten ihn die Hufe des Grauschimmels getragen? Wer waren die Reiter?

Er strengte sich an und in diesem Augenblick spürte er den heißen Atem eines Menschen über sein Gesicht wehen. Eine schnelle Hand tastete über ihn hinweg, zerrte hier und dort an der Decke und wieder strich es über sein Gesicht hinweg. Haare mussten es sein, lange Haare, die den Geruch von Wildrosen an sich hatten und seine Nase kitzelten. Plötzlich brannten zwei Lippen auf seinem Mund. Es waren weiche, heiße Lippen, und sie brannten vor Sehnsucht und Verlangen, schlugen wie Flammen über ihm zusammen.

Gull beherrschte sich, spielte weiter den Schlafenden, obwohl er versucht war, die Augen aufzureißen und sich das Wesen aus Fleisch und Blut genauer anzusehen, denn es war auch für ihn immerhin interessant zu wissen, wen er vor sich hatte und wer so küssen konnte, dass …

Seltsam, in diesem Augenblick dachte er an dunkelblaue Augen, an ein gemmenhaft geschnittenes Gesicht, an tizianrote Haare, an ein Fenster in der Paradies-Bar!

»Was tust du, Pesquita?«, keifte es gallig.

»Sei still, Manuela, dieser Señor hier gleicht Freddy …beschwichtigte die Stimme neben ihm das Gekeife.

»Du kannst ihn nicht vergessen, Täubchen?«, klang es weniger bitter.

»Wie könnte ich …raunte Pesquita stiller, und ein Seufzer flog über die Lippen.

»Er ist tot, hörst du?«, kam es eindringlich zurück. »Ich weiß«, tönte es müde, verhalten. »Sie haben ihn in eine Falle gelockt. Er wusste zu viel, und darum musste er sterben. – Er ist nicht der Letzte …«

»Wie meinst du das?«

»Ich habe meine eigenen Gedanken …«

»Dann lass sie den Señor nicht hören!«, warnte Manuela besorgt.

»Der? … nein, der schläft. Er wird Tage hindurch schlafen. Ich kann nicht verstehen, wie er den Ritt durchgehalten hat. Er ist fast verblutet und lebt dennoch. – Er muss das Leben eines Pumas haben, kraftvoll, zäh. Jeder andere Mann wäre gestorben, wäre aus dem Sattel gefallen. Aber er hielt durch …«

»Er ist ein Zweirevolvermann, Pesquita, stammt wohl aus Texas.«

»Du kennst ihn, Manuela?«, sprang die weiche Stimme hoffend auf. Zart liefen die Finger über Gull Trinneds Stirn.

»Ich habe viele Männer aus Texas gesehen, Täubchen, und er gleicht ihnen«, sagte die Ältere tonlos und scharrte laut mit den Geräten, die sie gerade benutzte.

»Du liebst die Männer aus Texas nicht?«

»Nein, ich hasse sie!«, fauchte die Frau von drüben. »Brad Solway, Toddy Benter und Mob Hay, die Leibgardisten der roten Hexe sind auch Texaner. Sieh sie dir an, dann …«

»Aber Freddy war auch aus Texas, Manuela«, warf Pesquita dazwischen, und die Frau ließ etwas in der Schärfe nach.

»Sicher, aber er war entweder ein Verräter, oder nicht schnell genug …«

»Er war kein Verräter. Man hat ihn dazu gestempelt, weil er einigen Leuten im Weg war…« »Tochter, er war angeworben, um gegen die Texaner vorzugehen, man muss Gift mit Gift bekämpfen, und wenn dieser Bursche wieder auf die Beine kommen sollte, so wird er hören, was er zu tun hat!«

»Und wenn er nicht will?«

»Er hat keine andere Wahl. Im Übrigen sieht er aus, dass er seine Colts verkauft. Er wird bezahlt und das muss ihm genügen … oder?«

»Zähe Männer sind stolz, Manuela. Vielleicht täuscht ihr euch in ihm …«

»Er ist Tude Warren, Täubchen. Wo er auftaucht, wird man ihn hetzen. Er muss bei uns bleiben und die drei Männer, die ihn herausholten und herbrachten, ebenfalls!«

»Seine Männer gefallen mir nicht …«, murmelte Pesquita tonlos und suchte zum ersten Male besorgt die Decke.

»Mir gefallen sie auch nicht, Pesquita. Aber ein Mann wie Tude Warren hat keine große Wahl. Er muss die Leute nehmen, die ihm ihre Colts anbieten. Es sind harte Männer. Zwei von ihnen bekamen Streifschüsse in Seatle-City. Bis zu unserem Valley kamen sie, dann waren sie ausgepumpt, erschöpft, fertig und Tude Warren erledigt.

Don Pedro wird wissen, was er jetzt zu tun hat. Er wollte schon immer mit Warren in Verbindung kommen. Jetzt kann er seine Bedingungen stellen.«

»Mein Bruder sollte die Hände aus diesem Spiel lassen!«, klang es erregt. »Warum hasst er die rote Hexe?«

»Quien sabe«, murmelte die andere Stimme. »Er wird seine Gründe haben. Mal suerte – unser Pech, dass wir es nicht wissen.«

Gulls Gedanken jagten sich. Undeutlich fühlte er, dass er auf einer mexikanischen Hazienda war.

Knistern und Rauschen von schwerer Seide, Stiefelklirren und die leicht knirschenden Geräusche sich entfernender Schritte ließen ihn die Augen spaltweit öffnen.

Sonnenstrahlen flirrten mit ihrem goldenen Licht herein, malten helle Reflexe auf die weißgestrichenen Lehmmauern des schmucklosen Raumes.

Zwei Frauen zeigten ihm den Rücken.

Eine war hochgewachsen, schlank und rank wie eine Tanne, biegsam und geschmeidig. Das blauschwarze Haar fiel auf das reine Weiß der Bluse. Sie hatte prächtige Schultern, und die Reithose sowie die schwarzen Lackstiefel, an denen Silbersporen blitzten, unterstrichen die Formen noch bedeutender.

Die andere Frau war klein, unförmig, hatte eine strenge Haarfrisur, in der ein Perlmutterkamm steckte, und über den etwas hängenden Schultern lag ein buntfarbener Umhang.

Über und über war sie mit Silberschmuck und funkelnden Ketten, Geschmeiden und Edelsteinen beladen. Am Hals, im Haar und an den Fingern blitzte es.

Der wandelnde Juwelierladen rauschte hinaus. Holly Gee, Gull schauderte es. Sollte ihn etwa der Schmuckspeicher mit so verzehrender, leidenschaftlicher Glut geküsst haben?

Unwillkürlich stieß er einen heftigen Seufzer aus.

Sofort wandten sich beide Frauen und blieben stehen.

»Er ist erwacht!«, keifte die Señora.

Gull lächelte sanft. Jetzt wusste er es. Die Schlanke hatte ihn geküsst. Und so vielen Frauen er im Leben schon begegnete, mit der dort konnte sich keine messen.

Als beide ihn ansahen, erkannte er auch den Unterschied. Die kleine, dicke war eine Schönheit – gewesen. Spuren davon hingen noch in ihrem Gesicht, denn in Erweiterung der Formen waren überall Fettpolster aufgekommen, und statt eines Kinnes hatte sie gleich deren drei. Eins schob sich immer unter das andere, erweiterte das Gesicht ins Verschwommene.

»Schnell, Manuela, etwas zum Trinken … Señor Warren wird es brauchen!«

»Le doy las grazias más expresivas por el favor que me hace«, sagte Gull formal. Seine Stimme klang spröde, und er wunderte sich über den Klang.

Mit einem wütenden Augenaufschlag verschwand Manuela, rauschte ab. Gull Trinned betrachtete in Ruhe das Wesen, dessen Lippen ihm trotz allem etwas voreilig vorkamen.

Mit emporgezogenen Brauen hielt sie seiner Musterung stand. Ein kleines spöttisches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

Klassisch war die Linie ihres feinen Gesichts. Schwere, dunkle Wimpern umschatteten ihre Augen, die groß und strahlend, seltsam tief und doch unergründlich blieben. Blütenfrisch, von Perlmutterglätte war die weiße Haut. Sie glich einer exotischen Blume, von der jeder Mann träumt und die er nie im Leben sehen wird. Ihr Körper straffte sich unter der knappsitzenden Bluse. Sie lächelte, zeigte perlweiße Zähne, und als sie sprach, bebte ihre schwingende Altstimme ein wenig.

»Señor, Sie haben lange geruht!«

Er antwortete nicht sofort, verdaute ihren Anblick wie einen schweren Wein, der jäh zu Kopfe steigt.

Wahrhaftig, sie war eine Dulcinea, eine Königin, und der Teufel mochte wissen, warum sie ausgerechnet ihn geküsst hatte.

»Zu lange, Señorita«, entgegnete er leise.

»Vier Tage!«

Die beiden Worte trafen ihn, ruckten ihn etwas hoch.

»Sie müssen still liegenbleiben und sich wenig bewegen, Señor, sonst bricht Ihre Wunde wieder auf. Sie können keinen Tropfen Blut entbehren.«

»Nur ein Kratzer…wehrte er ab.

Sie lachte glockenhell.

»Ein schöner Kratzer, Señor. In Seatle-City haben Sie ihn sich nicht geholt.«

Sie war nahe an ihn herangetreten, schob die Decke mit schnellen Händen zurück, und er hatte Gelegenheit, ihre Hände zu bewundern. Sie waren lang und schmal, fein modelliert und doch kräftig.

Zwanglos setzte sie sich neben ihn auf die Lagerstatt. Sie war ihm so nahe, dass er wieder den Geruch wunderbarer Wildrosen zu spüren glaubte.

»Aus Seatle-City haben Sie einige Streifschüsse mitgebracht. Sie sind fast verheilt und verharscht. – Wollen Sie einen Spiegel?«, fragte sie unvermittelt.

»No, danke«, entgegnete er schärfer als er wollte.

Ihre schmalen, abgezirkelten, an feine Pinselstriche erinnernden Augenbrauen hoben sich erstaunt.

»Ich wusste nicht, dass Männer eitel sein können!«, sagte sie langsam.

Er ging nicht auf die verfänglichen Worte ein und stieß schroff hervor:

»Wo bin ich hier?«

Jetzt stand Überraschung in ihren Mandelaugen. Erschrocken wollte sie aufspringen, als er sich schnell aufrichtete.

»Mein Gott, so bleiben Sie doch liegen. Sie sind in Mexiko, auf der Hazienda Avonso de Azurte del Panama. Sie gehört meinem Bruder …«

»Mexiko?«, murmelte er.

»Wo dachten Sie?«

»Ähnlich!«

»Seien Sie froh, Señor. In den Staaten hätte man Sie schon gefasst. Drüben waren mehrere Aufgebote auf Ihrer Fährte, und Sie waren fast tot, als Sie hier anlangten!«, berichtete sie und ließ keinen Blick von ihm. Selbstsicher sprach sie, wusste, was sie wollte.

»Mein Bruder und ich haben Sie verbunden. Die Kugel war schon aus der Schulter entfernt.«

»Sie haben recht, Señorita«, gab er zu. »Das Blei erwischte mich nicht in Seatle-City, es flog mir in den Guedalupe-Montains entgegen. Ein Digger holte es heraus! Ich konnte nicht warten, bis die Wunde heilte, musste weiter …«

»Dann lohnt sich dieses Leben?«, warf sie ein und beobachtete ihn scharf.

Er presste die Lippen zusammen.

Sie hielten ihn hier für Tude Warren, für den Banditen, für den er seine Haut fast zu Markte getragen hatte. Aus den Gesprächsfetzen ahnte er manches. Trotzdem blieb seine Stimme verbindlich.

»Señorita, was wissen Sie davon, was sich außerhalb Ihrer Hazienda abspielt«, plauderte er. »Für Ihren Bruder reiten Vaqueros, und für die Arbeit gibt es Peons. Sie leben hier, sind behütet und beschützt.

Was wissen Sie vom Leben? Was wissen Sie von den Männern, die jederzeit ihr Leben verteidigen müssen? Von denen, die gezwungen sind, immer auf dem Trail zu sein …?«

»Wer zwingt sie dazu …«, unterbrach sie schroff.

Seine Augen verengten sich. Wie gebannt sahen sie sich an. Sie spürte, dass dieser Mann anders war als alle Männer, denen sie auf der Hazienda begegnete. Von ihm strahlte eine körperlich spürbare Kälte aus, die sie erschauern ließ, und in seinem gekrausten Lockenhaar zeigten sich die ersten silbernen Fäden.

Er holte tief Atem. Seine Stimme war rau, verhangen und belegt.

»Das Leben zwingt sie, Señorita. Die Kugel, die man mir in den Guedalupe-Mountains unter die Haut jagte, galt einem anderen …«

»Das verstehe ich nicht!«

»Señorita, man kann manches nicht verstehen, wenn man die Hintergründe nicht kennt«, erklärte er etwas zweideutig. Ein grimmiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

»Könnten Sie zum Beispiel verstehen, dass ein Bruder den anderen Bruder sucht…?«

»Es kommt darauf an, weshalb?«, fuhr sie auf.

»Richtig, die Gründe sind entscheidend. Well, ich bin auf dem Trail, um meinen Bruder zu finden … damit er die Ranch der Eltern übernimmt …«

»Und haben Sie ihn gefunden?«

»Mein Aufenthalt in Seatle-City war zu kurz, um …«

»Sie wollten sich dort treffen?«, stieß sie aus und raffte ihren Rock.

»Yeah, seinen letzten Brief bekam ich in Montana … Vor drei Monaten etwa.«

»Das ist ein Irrtum!«, presste sie sich ab, und ihre Augen wurden zu feurigen Kohlen, brannten, sprühten ihn regelrecht an. »Vor drei Monaten waren Sie nicht in Montana. Vor drei Monaten fing das grässliche Spiel an der Grenze an, und Tude Warren war es, der das Spiel in Szene setzte!«

Tude Warren? Damny! Sie hielten ihn dafür. Er verstand nicht, wollte etwas erwidern, und als er sich über die Worte klar geworden war, schlürfte Manuela herein. Ihr Schmuck klimperte, und ihre schwarzen Jettaugen funkelten böse, glitten über das Mädel, bohrten sich in Gull Trinned fest. Gurrend lachte das Mädchen.

»Lass uns allein!«, sagte sie weich. »Wir haben noch etwas Wichtiges zu besprechen, Manuela!« »Si, Täubchen«, knurrte sie. Heftig stellte sie den Tonnapf neben Gull, wandte sich um und verschwand.

»Manuela ist um meinen Ruf besorgt, Mister!« »Dann ist Tude Warren kein beliebter Partner?« »Für meinen Bruder schon!«, lächelte sie und schlug die Beine übereinander.

»Und … für Sie?«, lauerte Gull und drehte sich eine Zigarette.

»Ich weiß mich selbst zu schützen«, erklärte sie offen und schaute ihn mit ihren großen Augen voll an. Sie glaubte sogar, was sie sagte, weil sie vielleicht noch keinem Mann begegnet war, der sie vom Gegenteil überzeugte.

Gull Trinned lächelte. Unvermittelt fragte er nach seinem Grauschimmel. Schon fühlte er wieder seine alte Kraft, schon sah er sich wieder im Sattel.

»Machen Sie sich keine Sorgen. Mein Bruder liebt Pferde, und Ihr Grauer ist gut untergebracht. Sie sollten lieber essen statt zu fragen. Warten Sie …«, sagte sie leichthin.

»Und – warum lässt sich Don Pedro nicht sehen?«, sprang er unvermittelt auf ein anderes Thema, und da fuhr sie auf, glitt von der Lagerstatt und stand vor ihm. Die dünne Bluse spannte sich unter heftigen Atemstößen. Röte jagte über ihr Gesicht. Erschreckt legte sie die Hand auf die Lippen. Starr sah sie ihn an.

»Madonna hilf, mein Gott, Sie haben alles gehört!«, bebte sie heraus.

Er nickte nur, beobachtete sie scharf und gab ihr keine Zeit, den Schrecken zu überwinden.

»Alles, Señorita, und ich weiß auch, dass ich Freddys Aufgaben weiterführen soll, weiß, dass angeblich »meine« Männer auf mich warten! – Heh, diese Männer werde ich mir ansehen!«

Er schien mit jedem Wort ein anderer zu werden. Kantig, verbissen wurde sein Gesicht. Seine Augen glichen eiskalten Gletschern. Mit einem Ruck schob er die Decke von sich und langte sich seinen Waffengurt vom Bettpfosten.

Mit einem leisen Schrei wich sie von ihm zurück und streckte abwehrend die Hände aus. Wie konnte ein Mann nach solch einem Krankenlager solch eine Energie aufbringen? Sie fasste es nicht.

»Keine Angst, Señorita. Ich habe noch nie auf Frauen geschossen, die mich küssten … Der Himmel möge mich davor behüten«, lief es glatt über seine schmalen Lippen.

»Sie … Sie wissen, dass ich Sie …« Ihre Stimme verlöschte. Wie leblos fielen ihre Arme herab.

»Wenn Sie es wünschen, habe ich es vergessen … denn es galt nicht mir, sondern einem anderen. Der Mann ist zu beneiden!«, grinste Gull frivol und griff nach dem zweiten Stiefel.

»Sie … Sie … Tramp!«, schleuderte sie ihm entgegen. Hoch aufgerichtet stand sie mitten im Zimmer. Seltsam blass, bebte sie am ganzen Körper. Die ungeheure Erregung und die Scham vor dem eigenen Mut schüttelten sie durch und durch.

»Wenn Sie ein Mann wären, Señorita … so wüsste ich, was ich zu tun hätte …«

»Als Tude Warren wissen Sie es nicht?«, höhnte sie und ihre Züge verzerrten sich.

Er zurrte die Gurtschnalle zu, rückte die Holster nach vorn, dehnte, reckte sich und schnupperte den Dampf, der aus der Tonschüssel aufstieg.

Sekundenlang sahen sie sich unentwegt in die Augen.

»Yeah«, entgegnete Gull dann ruhig.

»Sie scheinen ein Mann zu sein, der in jeder Situation das Richtige für sich herausfindet und es restlos für sich in Anspruch nimmt«, höhnte sie weiter, war darauf aus, ihn zu verletzen, zu kränken, zu reizen.

»Stimmt«, murmelte er und schritt auf sie zu.

Jetzt, da er aufgerichtet stand, schrak sie vor seiner Größe zurück. Keuchend stieß sie den Atem aus. Hatte das brennende Verlangen, sich herumzuwerfen und aus dem Zimmer zu fliehen. Plötzlich fiel ihr ein, dass Tude Warren der Schrecken der Grenze war und sie diesen Mann unterschätzte.

»Rühren Sie mich nicht an«, schrie sie auf. Gleichzeitig riss sie ihre Hände hoch, und als er zupackte, klirrte ein Dolch zu Boden.

Sie fühlte seinen Arm im Rücken und wurde unwiderstehlich nach vorn gezogen. Angst flackerte in ihr auf, und dann spürte sie seine Lippen auf den ihren.

»Es tut mir nicht leid, Pesquita«, sagte er rau, nahm die Hände von ihr, schritt schnell an ihr vorbei, und sie sah sein verzerrtes, blasses Gesicht, seine grauen Augen, die dunkel, seltsam traurig glänzten.

Sie stand allein, wusste nicht, was ihr geschehen war. Er hatte gewagt, sie in seine Arme zu nehmen und zu küssen.

»Tude Warren, es tut dir nicht leid, aber du wirst es bereuen«, murmelte sie mit bebenden Lippen, stampfte den rechten Stiefel in den Lehmboden, dass die Silbersporen leise klirrten.

»Was bist du schon, Warren? Ein Bandit, ein Desperado … ein Schuft!«

 

 

3. Kapitel

 

Gull Trinned fühlte die Schwäche in seinem Körper. Vier Tage hatten ihn etwas heruntergebracht, waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Es störte ihn wenig, konnte ihn nicht aufhalten, er musste die Kerle sehen, die ihn hierher gebracht hatten und behaupteten, er sei der Boss.

Zum Teufel! Sie sollten seine Fragen beantworten, und er würde sie holen, wenn sie nicht den Mund aufmachten und redeten.

Rau lachte er auf, schob die gespreizten, sehnigen Hände hinter den schwarzen Kolben, ging schnell, hart, hatte es eilig.

Das Blut rauschte in seinen Ohren. Die wallende Hitze in ihm ließ ihn Nebelschleier vor Augen sehen, und dann geschah es …

Er prallte auf etwas Weiches, Nachgiebiges, sah den vollen Busen Manuelas zurückweichen. Der Schmuckladen der dicken Maid rasselte, klirrte. Die kurzen Arme spreizten sich, und ihr Schrei drang Gull in die Ohren. Blitzschnell reagierte er, fing die Stürzende auf und bewahrte sie davor, in den Staub zu rollen.

»Por dios, carambota«, keifte sie schrill. Gull erstickte weitere Flüche, indem er ihr die Hand auf den Mund legte.

»Wo sind meine Männer, Dona?«, fragte er, und sie streckte ihren Arm aus.

Links und rechts standen kleine Lehmbauten. Im Hintergrund ragten Schwarzpappel und Espen auf, dahinter schoben sich die Konturen der weiß gestrichenen Hazienda.

Corrals und Einfriedigungen schoben sich ins Blickfeld. Reiter tauchten auf, sahen nur kurz herüber. Sie boten mit ihren breitrandigen Sombreros, den Charroanzügen mit den geschlitzten Beinkleidern, den Stickereien und den bunten Verzierungen einen recht malerischen Anblick.

Vaqueros waren es, die Cowboys der südlichen Weide, stolze, harte Männer, die im Sattel unermüdlich waren.

Sie kamen nicht nahe genug heran und verschwanden hinter den Bauten, hinter dem Espen- und Pappelhain. Gull sah die Hausrinder in der Koppel und dann prächtige Pferdeherden hinter den Umzäunungen. Jeder seiner Schritte wirbelte weißen Staub auf. Sand knirschte unter den Stiefelsohlen. Leise klirrten die Sporen, die tiefen Holster klatschten vor die Chaps und rieben sich an dem abgewetzten Leder.

Ein alter Mex begegnete ihm, riss die Augen auf und sprang zur Seite.

Gull ließ sich nicht stören. Von alten Männern soll man sich nicht aufhalten lassen, aber er wusste nicht, dass es nur seine Augen waren, die den Greis entsetzten. Seine Augen, die aus tiefliegenden Höhlen seltsam dunkel blickten und in denen es weit hinter der Iris gelb flackerte, in denen die gelben Flammen loderten wie in den Lichtern der Wölfe, wenn sie sich zum Angriff entschlossen hatten …

Als die Senke mit dem Geräteschuppen vor ihm lag, verhielt er und saugte das Bild in sich hinein. Buschwerk und Bäume verdeckten den Schuppen, wucherten ringsherum, untermalten mit ihrem grünen Laub das schöne Bild, und wenn es auf dieser Hazienda einen herrlichen Flecken gab, dann war es dieser hier. Er lud zum Träumen ein und zum Nachdenken, und gerade hier hatten sich seine Leute niedergelassen.

»Goddam, Don Pedro muss viel für diese Burschen überhaben!«, zischelte Gull. Seine Gedanken jagten sich, langsam ging er weiter.

Es waren keine erfreulichen Gedanken, die hinter seiner Stirn tobten, und je näher der Schuppen rückte, umso verzerrter wurde sein Gesicht.

Jetzt blieb er in der Deckung der Baumschatten, und nun knirschte der Sand unter den Sohlen nicht mehr.

Lautlos, katzenhaft gewandt glitt er auf das niedrige Gebäude zu, lauschte hin und wieder, hörte sein Herz wie rasend pochen und fühlte schnell nach der Wunde.

Er hatte keine Schmerzen. Trocken und fest fühlte sich der Wundverband an. Langsam wischte er sich den ätzenden Schweiß aus der Stirn.

Damned! Er war schwach auf den Beinen und hätte bei Pesquita essen sollen. Er war ein Narr, ein verteufelter Narr. Jetzt war es zu spät.

Irgendwo trillerte ein Vogel. Mücken umsummten ihn. Durch das Zweigwerk der Bäume fielen tanzende Lichtfinger der Sonne und malten bizarre Reflexe auf schattigem Grund.

Er erreichte die Tür. Weich senkte sich seine Hand auf die Klinke. Er zögerte, reckte sich, lauschte.

Der Raum war leer. Grimmig lächelnd schob Gull die Eisen in die Holster zurück. Seine Augen tasteten umher. Drei Lagerstätten waren an den Wänden errichtet. Ein Tisch und drei Hocker standen herum. Auf Holzpflöcken an den Wänden hingen Sättel, Zaumzeug, Gebrauchsgegenstände aller Art.

Der Teufel mochte wissen, was das für Kerle waren, die ihn für ihren Boss ausgaben, musste wissen, was sie für ein Spiel trieben!

Von draußen tönten Stimmen.

»Bill, sieh nach, wer uns die Siesta stört!«, brummte jemand.

»Wer sollte sich hier schon sehen lassen, Kid? Bin zu faul… Sieh selbst nach!«, bekam er zur Antwort.

»Sieh nach, sage ich!«, klang es schärfer, »oder ich muss dir die Ohren besäumen!«

»Du wirst nervös, Kid. Von den Greasern traut sich keiner …«

»Halt den Mund und sieh nach«, fauchte es eigenwillig. »Ich habe etwas gehört, und verdammt will ich sein, wenn sich einer erdreisten sollte, um uns herumzuschleichen«, schimpfte Kid wütend, und der Dritte schaltete sich ein:

»Mach schon, Lane, Kid ist schlecht gelaunt, wenn er einen Anfall bekommt, hustet er Blei!«, röhrte seine Stimme dazwischen. »Vielleicht ist der Boss aus dem Schlaf erwacht und Dreistimmig war das folgende Gelächter. Gull wirbelte herum und verließ den Raum. Seitlich näherten sich Schritte, und bevor der Mann um die Hausecke bog, hatte Gull sich hinter den Büschen in Deckung gebracht und wartete.

Er brauchte es nicht lange; sorglos kam der Bursche heran, sah nur flüchtig in die Dunkelheit hinein und lachte heiser vor sich hin.

»Gents, der Boss ist leider nicht gekommen, wir müssen weiter warten.«

»Nicht mehr, Bill«, sagte Gull Trinned leise und zeigte sich nicht.

Bill war abgebrüht und mit allen Wassern gewaschen. Er fuhr weder zusammen, noch machte er eine unbedachte Bewegung zum Colt.

»Na also«, sagte er nur. Betont lässig verschränkte er die Arme über der Brust und wandte sich herum. Er war hager, sehnig und schlank. Hatte eine Geiernase und blutleere Lippen. Kleidung und Haltung waren die eines Cowboys, und doch war dieser Bursche alles andere eher, als ein ehrlicher Weidereiter. In seinen dicht beieinanderstehenden Augen lag eine versteckte Bereitschaft.

Gull musterte ihn mit ausdruckslosen Augen. Er konnte es beschwören, dass er diesen Mann nie im Leben gesehen hatte. Zoll für Zoll tastete er den Mann ab, lachte leise vor sich hin, deutete mit der Linken auf die tiefen Holster und sagte wie beiläufig:

»Halte die Arme still, Bill. Gegen Schulterholster habe ich eine begründete Abneigung, und wenn du Attrappen bevorzugst, dann pass auf, dass sie echt aussehen, trägst sie als Gewichtsausgleich, heh?« »Du hast gute Augen Boss«, klang es gepresst. »Bisher hat das noch keiner festgestellt…«

»Weil sie mit der Nase vorher im Dreck lagen!«, unterbrach Gull rau.

Er trat schnell einen Schritt näher.

»Bill, du weißt genau, dass ich nicht dein Boss bin, und die beiden anderen hinter dem Haus wissen es auch. – Habe mir gleich gedacht, dass ihr keine Greaser seid. Dreh dich herum, Sonny, und dann marschiere los.«

»Wohin …«, fauchte der Kerl bissig.

»Zu deinen Kumpanen. Sonny, ich bin musikalisch, und ein gesungenes Liedchen erfreut mich oft«, lächelte Gull herzlos und wedelte sein Eisen eindrucksvoll herum.

Die Blicke des Langen flackerten.

»Well«, dehnte er, »vielleicht wird das ein Spaß.« Hämisch verzog sich sein Gesicht. Nachdenklich schaute er Gull an, ließ die Blicke auf den dunklen Kolben der Waffe ruhen und stieß zwischen den Zähnen hervor:

»Es gibt Männer, die nur darauf warten, einem Mann zu begegnen, der die Holster so wie du trägt. Well, lass uns gehen …« Irgendetwas hielt den Mann davon ab, seine Kanonen anzulüften. Vielleicht waren es Gulls Augen, die ihn nachdenklich stimmten. Schroff wandte er sich um und bot Gull den Rücken.

»Du scheinst keine Angst davor zu haben«, brummte der.

»Und du bist kein Mann, der dazu fähig ist, Buddy. Ich will meinen Stetson fressen, wenn du jemals die Wirbelsäule zuerst zerschießt.«

Bill Narry trippelte mit kleinen Schritten vor ihm hin. Die hochhackigen Absätze seiner Reitstiefel klirrten leise.

Sie kurvten um die Hausecke. Mächtige Bäume warfen kühle Schatten, und zwischen Stämmen waren drei Hängematten gespannt. Eine war leer, die anderen besetzt. Zwei Männer rekelten sich etwas faul darin herum, wurden plötzlich sehr beweglich und sausten hoch, als ob der Teufel selbst ein Feuerchen unter ihrem Hintern angezündet hätte.

»Gents, der Boss«, schnarrte Bill Narry und blieb wie angewurzelt stehen.

»Willkommen«, höhnte der Mann, der die linke Hängematte benutzt hatte. Sonnenstrahlen spielten auf seiner Glatze, tanzten über die Knollennase hinweg und ließen die Schweißperlen auf der verlängerten Stirn aufblitzen.

Beim Sprechen entblößte er eine Reihe abgenagter Zahnstummel und hatte auch sonst eine täuschende Ähnlichkeit mit einer satten Ratte. Selbst die tückischen, unter Fettpolstern fast verschwindenden Augen verstärkten den Eindruck.

»Capitano, ich neige mich in Ehrfurcht!«, zischte der dritte Kerl und verneigte sich etwas, doch so, dass seine Augen Gull nicht ausließen.

Dieser Bursche war ein Fuchs im wahrsten Sinne des Wortes und von dem Trio der Gefährlichste. Bestimmt war er eiskalt und blitzschnell.

Alle drei waren Leute vom schnellen Eisen, sozusagen reitende Kanonen. Männer, die sich mit ihrem Colt den Lebensunterhalt verdienten.

Gull musterte sie alle drei, musterte sie von den Stiefelspitzen bis zum Stetson. Ihre höhnenden Blicke prallten an ihm ab. Er sah, wie sie sich versteiften, sich mit schnellen Blicken verständigten, wie ihre Arme hin und her pendelten und die Finger sich zu Greiferkrallen öffneten. Nur Bill verschränkte wieder die Arme, weil das für einen Schulterholster-Schützen die beste Ausgangsstellung war.

Gull Trinned störte sich nicht daran. Er machte zwei Schritte auf sie zu und blieb breitbeinig stehen.

»Wer von euch hat den Sheriff erschossen?«, fragte er fast versöhnlich und suchte erneut ihre Pupillen.

Das Grinsen auf den Gesichtern erstarb. Ihre Blicke verkrallten sich. Sie rechneten. – Sie waren drei scharfe Burschen und nicht gewohnt, Fragen zu beantworten.

Und diese Frage überraschte sie dennoch alle, ließ ihnen keine Wahl. Schlagartig lud sich die Luft mit knisternder Spannung.

Man sah es ihnen an, was sie tun würden, wenn …

Lane Satue, der Rotfuchs, wippte aufreizend auf den Stiefelspitzen hin und her, knurrte:

»Sonny, woher weißt du, dass es OcBrien war?« »Meine Sache, Buddy, wer von euch hat ihn aus dem Hinterhalt abgeräumt?«

»Sonny, du kaust verkehrt rum. – Sei vorsichtiger«, keifte der glatzköpfige Kid Mever. »Zum Teufel, du solltest froh sein, dass wir dir aus der Klemme geholfen haben. Sie hätten ein Sieb aus dir gemacht. – Ke… Rita McDunns Schießer hatten dich im Visier, und sie haben nur gezögert, weil der Sheriff von Seatle-City ihnen die Arbeit abnehmen wollte …«

»Es hat keinen Sinn, dem Gent etwas zu erklären. Er kapiert es doch nicht«, schnappte Bill Narry ein und spie seine Tabakklumpen aus.

»Scheint mir auch so. Wir hätten uns nicht die Mühe machen sollen«, dehnte Lane Satue und streckte sich.

Ruhig stand Gull Trinned da.

»Ich frage nicht gern zweimal, Boys. – Wer hat OcBrien erschossen?«, sagte er und eine tödliche Drohung lag in seiner Stimme … Sie hörten sie genau heraus.

Bill Narry warf den Kopf hoch. Kid Mever stieß ein eigenartiges Grunzen aus und Lane Satue zog die Schultern hoch. Gleichzeitig stießen ihre Hände zu den Waffen.

»Stopp«, gellte es.

Sie rissen die Augen auf, sahen sich etwas betreten an, denn Gull hatte beide Colts im Anschlag.

»Goddam, du hast eine verdammt schnelle Hand«, knurrte Kid Mever ehrlich erstaunt und bestürzt. Der dicke Glatzkopf konnte es verdauen, auch Bill, nicht so sehr aber Lane Satue. Sein Fuchsgesicht zuckte, war eine teuflische Maske geworden. Er war ein Schießer mit einem übersteigerten Ehrgeiz, konnte es nicht vertragen, wenn ein Mann im Ziehen schneller war als er selbst. Aber auch er musste anerkennen, dass Gull schneller war, und das machte ihn wild.

Nur mit Mühe unterdrückte er seine Wut. Man sah ihm an, dass es ihm schwer wurde, die Beherrschung zu behalten. Geifernd lefzten seine Lippen. Die Nasenflügel bebten.

»Gents, meine Geduld ist erschöpft, ich gebe euch eine Minute, dann werdet ihr es mir sagen, oder …«

»Ich … werde es Ihnen sagen, Amigo!«, tönte es hinter ihm.

Gull wirbelte wie ein Blitz herum und riss den rechten Colt hoch.

»Sie sind sehr nervös, Amigo«, lachte der schlanke, drahtige Mann vor ihm.

Sein Charroanzug war aus schwarzem Samt, Gold- und Silber-Zierrate blitzten. Schmal und rassig war sein Gesicht, und weiß schimmerten die Zähne, wenn er lachte … und jetzt lachte er, während sich die Blicke kreuzten.

»Sie können die Eisen ruhig einstecken, Amigo, denn mit den Waffen können Sie nichts ausrichten. Ich habe mir erlaubt, die Patronen aus den Kammern zu nehmen. – Sie geben doch zu, dass es sehr klug von mir war, lieber Freund?«

Gull ließ die Waffe sinken. Heiseres Gelächter war hinter ihm. Jetzt wusste er, dass das Trio ebenfalls unterrichtet war und mit ihm eine Komödie gespielt hatte, die er für echt hielt.

Wut flammte in ihm auf, heiser gurgelte er zwischen den Zähnen: »Da … das …«

»Ein Mann sollte immer zuerst seine Waffen prüfen«, klang es kalt, belehrend.

Gull musste es einstecken. Goddam, Don Pedro hatte recht. Er war einfach losgezogen und hatte sich durch seine eigene Unachtsamkeit in die Nesseln gesetzt.

»Geben Sie sich keine Mühe, Amigo, drehen Sie sich um und Sie werden erkennen, dass es für Sie besser ist, ruhig zu bleiben.«

Gull kam der Aufforderung nicht nach. Er wusste genau, dass die Kerle in seinem Rücken die Eisen angelüftet hatten und damit herumwedelten. »Well«, sagte er und stieß die angestaute Luft pfeifend über die Lippen. »Ich wusste nicht, dass Sie mit von der Partie sind, Don Pedro.

Die Glutaugen des Gachupins leuchteten jäh, weiteten sich. Er trat einen Schritt vor und wippte mit der Reitgerte so dicht vor Gulls Gesicht hin und her, dass er den Luftzug förmlich spürte.

Dessen Wangenmuskeln arbeiteten unter der gebräunten Haut, und die Zähne nagten an der Unterlippe.

Plötzlich brach Don Pedro die Stille, die den Raum drückend überlagerte:

»Caramba, Sie haben eine Nase für gewisse Dinge!«, stieß er hervor, und wie Nadelspitzen wurden seine Pupillen, klein, stechend.

»Yeah«, dehnte Gull. Steif, statuenhaft blieb er stehen, wo er stand und nahm das Gesicht vor der sausenden Reitgerte keinen Zollbreit zurück. »Sie waren mit Ihren Leuten in Seatle-City, und auf Ihren Befehl wurde der Sheriff erschossen … Auf Ihren Befehl hin hat man meine Flucht in Szene gesetzt, und Sie legen Wert darauf, dass ich als Tude Warren …«

Die Reitgerte hielt jäh inne.

Don Pedros Augen wurden noch schmaler und die Oliventönung der Haut spielte ins Grau, in ein seltsames Grau. Der edle Don schluckte schwer im Halse und brachte trotz allem keinen Ton hervor.

Einige Sekunden brauchte er, um sich wieder zu erholen, dann gellte sein Lachen auf, schnitt durch Mark und Bein, fraß noch mehr an den Nerven als die Stille vorher.

»Sie hätten Captain bei den Rangern werden sollen, Amigo«, zischte er endlich mit verzerrten Zügen. »Ja, ich habe gewollt, dass Sie aus der Klemme kamen. – Kann es nicht in Zukunft so sein, dass …«

»Lassen wir die Komödie, Don Pedro, wir kommen an keinen gemeinsamen Tisch und ich lege auch keinen Wert darauf, dass wir das gleiche Pferd reiten«, erklärte Gull mit kalter Gelassenheit.

Unsicher geworden streiften ihn die Blicke Don Pedros.

Gull wartete, war entschlossen, die Wahrheit zu erfahren, zu ergründen, wie es weitergehen sollte und aufzudecken, welches seine Rolle in dem unsauberen Spiel sein sollte, und der Don mochte das fühlen, lachte wie irr auf, und dann sprudelte er im Bewusstsein seiner Überlegenheit hervor:

»Amigo, Sie haben einen Blick fürs Geschäft. – Ich war mit diesen Männern hier in Seatle-City, um eine kleine Angelegenheit zu bereinigen. Wir wollten es in dem Augenblick austragen, als Sie mit Ihrem Grauen vor dem Paradies haltmachten und aus dem Sattel kletterten. Es war ein schlechter Ort für Sie, denn das Paradies war überwiegend von Revolvermännern besetzt.

Sheriff OcBrien war ein gutgläubiger Irrer, und er hätte das besser wissen sollen. – Aber gerade an diesem herrlichen Tage wollte er, der gute Boy, beweisen, dass er das Vertrauen der Bürger und seinen Orden auf der Brust nicht umsonst bekommen hat. Er hat Ihnen gehörig einheizen wollen, und für einen schlechten Empfang haben Sie nicht die Nerven. –

Caramba! Ich selbst hielt Sie für Tude Warren, dann erkannte ich meinen Irrtum, und die Leibgarde der Rita McDunn zögerte nur darum, weil der Sheriff ihnen die Arbeit abnahm, und dann schoss Rita gegen alle Logik auf den Sheriff!«

Der Don trat einen schnellen Schritt vor, streckte die Arme aus und rüttelte Gull an den Schultern.

»Ihr müsst das Mädel doch gesehen haben … Ihr müsst …«

»Ich habe ein Mädel gesehen«, unterbrach er. »Sie hatte dunkelrotes Haar. Aber keinen sichtlichen Grund, den Sheriff zu erschießen …«, brummte Gull und betonte jedes seiner zweideutigen Worte.

Don Pedros Gesicht verzerrte sich. Gellend lachte er. Nervös trampelten die drei Schießer hinter ihm, hatten die Siesta und die Hängematten vergessen.

»Sie schoss –, weil Tude Warren ihr Geliebter ist, Amigo. Eine Frau scheut vor nichts zurück, wenn man …«

»Sie glauben das, Don Pedro? … Sie hat doch eine Leibgarde, die …«

»Ich sagte es!«, schnaufte der Don. »Ich rate Ihnen, mich keiner Lüge …«, drohte er, und Gull wehrte lässig ab.

»Diese Leibgarde steht gegen Tude Warren, sagen Sie?«, forschte Gull eindringlich.

»Amigo. – Vielleicht ist Rita McDunn kaum mehr als eine Gefangene. Sie weiß wenig von dem, was ihre Schießer für dunkle Geschäfte tätigen. Und auch Warren weiß es kaum.«

»Und Sie, Don … Sie sind ein Freund von Tude Warren?«

Abwehrend hob Don Pedro die Hände.

»Ich hasse ihn«, stieß er gallig hervor und biss in verächtlichem Zynismus in seine Fingerspitzen.

Goddam, etwas stimmte nicht. Es klang alles zu schön, zu seltsam, um wahr zu sein. Und Gull Trinned zeigte ein kleines, unscheinbares Lächeln, während seine Stirn langsam faltiger wurde.

»Warum hassen Sie ihn so?«, fragte er fast harmlos und nur, wer ihn genau kannte, ahnte die Spannung hinter seinen Worten.

»Das ist meine Sache«, klang es schneidend zurück …

Ein harter Blick streifte Gull und flog dann zu den Schießern hin.

Gull Trinned wusste Bescheid, kannte den Grund, glaubte außer ihm noch mehr zu ahnen.

Langsam, gezogen, jedes Wort wägend, sprach er, und seine Augen beobachteten die Wirkung seiner Rede.

»Sie … lieben Rita McDunn?«, warf er dem Don leise zu.

Es konnte nur so sein, dass Don Pedro liebte, dass er das rothaarige Mädchen von Seatle-City wie alle Spanier leidenschaftlich liebte, und die Eifersucht gegen Tude Warren war es, die seinen Hass schürte, die ihn gegen die Dunns und Warren so handeln ließ. Eifersucht – und nur ganz wenig von dem, was man Tude Warren sonst noch nachwerfen mochte.

Aus funkelnden Augen starrte der Don ihn an.

»Sie sprechen die Wahrheit! Ja, ich liebe sie«, murmelte er abgehackt, heiser.

»Und … was habe ich mit dieser Sache zu tun?«, fragte Gull ohne Pause und presste die Lippen fest zusammen. Jetzt war es gesagt, jetzt fiel die Entscheidung.

Rasch und tief saugte der Spanier die Luft ein. Seine Augen flackerten, die Lippen schienen zu beben.

»Was soll die Frage?«, zischte er Gull durch die Zähne an, lauernde Gespanntheit erschien in den olivfarbenen Zügen.

Stolz reckt sich Gull Trinned. »Sie haben mich herausgehauen, fordern Sie Ihren Preis. Ich bleibe niemandem etwas schuldig!«, sagte er fest, und Don Pedro atmete auf.

»Sie sind ein Hildalgo, Mister«, betonte er befriedigt, und gleichzeitig war seine Melodie eine andere, waren seine Worte gewählter.

Und obwohl Gull Trinned wusste, dass es unter Spaniern eine Ehre besonderen Ranges war, mit »Hildalgo«, angeredet zu werden, ließ er sich keinen Honig um den Mund schmieren.

»Was habe ich zu tun?«, wiederholte er leise, und noch leiser kam es zurück:

»Sie sollen mir den Weg freikämpfen. Es ist für Sie leichter, denn Sie sind fremd. Man hält Sie für Tude Warren, und Sie haben Eingang bei ihr. Drei Männer bewachen sie. Alle drei sind üble Burschen und bringen sie mit ihrer Art ins schlechte Licht. Ich habe Informationen und weiß, dass Warren sich nicht darum kümmert, wenn sie Vieh und Waffen nach Mexiko liefern.«

»Weiß sie davon?«

»Nein!«

»Und ich soll eine Aufgabe durchführen, an der Freddy scheiterte?«

Don Pedro prallte zurück. Sein Gesicht wurde zur starren Maske.

»Was wissen Sie von Freddy?«, stieß er keuchend heraus und suchte Fassung zu bewahren.

»Nichts … Außer, dass er einige Yards unter der Erde liegen soll …«, tastete Gull vorsichtig näher, reizte, bohrte, beobachtete.

»Irrtum …«, röchelte Don Pedro, »Freddy ist … Tude Warren! Und der Teufel soll ihn holen!«

In Don Pedros Augen brannte Hass, echter Hass. Die Peitsche zerschnitt die Luft, klatschte gegen die Stiefelschäfte.

Ganz langsam drehte Gull Trinned sich um. Fast schwerfällig stampfte er seinem Lager zu und niemand hinderte ihn daran.

Die Schmerzen, die von der Verletzung her seinen Körper peinigten und für die kurzen Minuten der Unterredung von ihm gewichen waren, kamen konzentriert zurück, brannten nicht nur an einer Stelle. Sie jagten die Pulse, ließen das plötzlich überanstrengte Herz härter schlagen, verursachten ein Rauschen in seinen Ohren.

Je näher er dem Schlafhaus kam, desto mehr fühlte er seine Kräfte schwinden. Unklar erfassten die Augen den Eingang, waren unfähig, die Gegenstände in seinem Zimmer zu unterscheiden, und weil die Sonne draußen zu sehr grellte, fühlte er sich fast blind.

Schweiß stand auf seiner Stirn. Es war nicht nur der Schweiß, den die Sonne aus dem Körper treibt. Gull Trinned glühte innerlich noch heißer, und in seinem von Schmerz und der Schwäche gepeinigten Hirn jagten sich die Gedanken …

Drei Monate brauchte er, um herzukommen. Drei Monate trailte er, um die Spur seines Bruders zu finden. Und als er glaubte, sie zu haben, da hielt man ihn für einen Desperado, für einen Mörder, für einen Gesetzlosen.

Und anstatt für sich und seinen Bruder zu stehen, soll er für einen fast wahnwitzigen Haziendero drei Männer stellen?

Wahnsinn war es, was Don Pedro da vorhatte. Unlogisch, widersprüchlich alles, was er behauptete. – Vielleicht war es sogar Zwecklüge, Gemeinheit, Betrug … bis auf den Hass gegen Tude Warren.

Damny! Gull Trinned hatte die Besitzerin der »Paradies-Bar«, gesehen, hatte keine Waffe an ihr bemerkt … und doch sollte sie …? Warum sollte er dann als Tude Warren? … Wozu der ganze Aufzug?

Gull lachte ein raues, verachtendes Lachen und taumelte gegen einen Hocker, fiel auf sein Lager, stöhnte. – Jetzt kümmerte sich niemand um ihn.

Ohnmacht und Schlaf deckten ihn zu. Fieberträume zerrissen ihm die Stunden des Tages.

 

 

4. Kapitel

 

Drei Tage waren inzwischen vergangen. In diesen drei Tagen hatte sich Gull Trinned erholt. Kaum dass er den Kerlen des Trios begegnete. Sie gingen ihm aus dem Weg, und er hatte auch keine Sehnsucht nach ihnen.

Ein Peon und Manuela brachten ihm abwechselnd das Essen. Stundenlang hockte er dann im Schatten vor der Hütte und dachte nach. Aber es war vergebens, alles blieb verworren. Er konnte keine Klarheit, keinen Sinn in die Geschichte bringen und auch Pesquita blieb ihm fern.

Er war unruhig und wusste selbst nicht warum.

Wenn der Tag zu Ende ging, ärgerte er sich und schließlich ahnte er, dass er nur auf Pesquita wartete. Er lachte über sich selbst, aber das nagende Gefühl in seinem Herzen blieb.

Immer wieder sann er darüber nach, was Don Pedro gesagt hatte, döste vor sich hin, und seine Gedanken wirbelten durcheinander.

Der laue Abendwind streichelte sein Gesicht. Blumengeruch lag in der Luft. Aleon, Yuccas und Palmettas vereinten ihren Duft mit dem Geruch der herben Sage.

Aus dem Bunkhouse der Vaqueros tönte Stimmengewirr, und Gitarrenklang wehte heran. Wahrscheinlich tranken sie ihre Pulqua oder genossen den scharfen Tequila, von denen schon zwei Gläser genügten, einen Mann umzuwerfen.

Abend war es. Weiche Schatten flohen vor der Nacht und verwandelten die Landschaft.

Gull spähte in die Dämmerung, plötzlich gab er sich einen Ruck, klopfte sich den Staub von den Chaps und schlenderte davon.

Er vermied es, direkt auf das Herrenhaus zuzusteuern, denn in den wenigen Tagen hatte er herausgebracht, dass das Revolvertrio Don Pedros Leibwache war, die tagsüber in der Nähe des Geräteschuppens herumlümmelte und sobald die Dämmerung hereinbrach, ihre Posten vor der Hazienda bezog.

Gull musste vor ihnen anlagen, dann würde er das Mädchen treffen können.

Er brachte die Schwarz-Pappeln hinter sich, blieb stehen und lauschte.

Das goldene Laub der Espen verblich schon in der Dämmerung. Aus der Salbeiniederung stiegen milchige Nebel, schwangen wie Schleier hin und her.

Seine Colts waren mit Patronen versorgt. Ein grimmiges Lächeln erschien in seinen Mundwinkeln.

Da … durch die Nebelschleier der Salbeiniederung schoben sich Rinder. Reiter tauchten aus dem Dunst. Dumpfes Rindergebrüll tönte weithin.

»Ich will meinen Grauen verwetten, wenn die Herde nicht über den Rio kommt. Don Pedro scheint ihr Großabnehmer zu sein … fragte wahrscheinlich nicht nach dem Brandzeichen, fragte nicht, von welcher Weide die Tiere stammen. – Goddam! Er hat ein glattes Benehmen aber kein Gewissen«, grollte er vor sich hin und stand einige Minuten beobachtend da.

Gull Trinned bekam einen galligen Geschmack in den Mund.

Er war selbst Cowboy, verstand etwas von Rindergeschäften und Rustlern. – Doch diese Sache hier am Rio ging – wenn er richtig schätzte – weit über das hinaus, was er jemals davon gehört oder gelesen hatte.

Überall gab es Rustler. Aber hier betrieb man das Geschäft im Großen, lockte das Grenzgebiet Rowdys, Desperados und Rustler, die am Rand der Hölle standen, und dennoch versuchten, aus ihrem Zwitterdasein etwas zu machen …

Zum Teufel! Warum schickte Don Pedro nicht seine eigenen Schießer nach Seatle-City, um reinen Tisch zu machen?

Heh! Durfte er sich jenseits der Grenze nicht sehen lassen? Waren seine Leute nicht schnell genug?

Die Leibgarde Rita McDunns bestand aus Texasleuten, aus Männern, die aus dem Land der schnellen Eisen stammten, und auch sie fischten im trüben, wie alle hier an der Grenze; versuchten so schnell wie möglich reich zu werden, versuchten den anderen die Geschäfte zu zerstören, um sich Ellenbogenfreiheit zu verschaffen.

Gull Trinned lachte bitter.

Eine Frage blieb: Was war mit Tude Warren?

Stand er zwischen den Parteien?

Wurde der von allen gleich stark gehasst?

Stimmen wurden hörbar, kamen aus Richtung der Geräteschuppen.

Eilig huschte er davon, hielt sich in den tintigen Schatten der Bäume verborgen, kam unbemerkt am Bunkhouse vorbei, schlich geduckt über eine ungedeckte Stelle und glitt lautlos in den Schlagschatten der Hazienda hinein.

Wieder verhielt er, warf den Kopf hoch.

Über ihm schwang sich in der leichten Abendbrise das Geäst einer Weißeiche. Das Blattwerk raschelte und raunte, gab geheimnisvolle Laute von sich.

Einen Moment zögerte er, dann sprang er hoch, riss die Arme empor, fasste einen starken Ast und wenige Augenblicke später verschwand er im dichten Laub.

Durch die Blätter hindurch erkannte er die wuchtige Gestalt Kid Mevers. Der Schießer sicherte nach allen Richtungen, witterte misstrauisch wie ein Big-Horn, hatte seinen Stetson weit in den Nacken geschoben, und seine Glatze leuchtete matt und seltsam wie der aufgehende Mond.

Gull bewegte sich nicht. Er wartete und spähte.

Von der Hausecke her drang ein ersticktes Gurgeln.

Sofort wurde Kid Mever munter.

»Damned«, knurrte Gull. Die Beweglichkeit des Zweizentnermannes gaben ihm zu denken, auch die Art, wie der Dicke im Laufen seine Colts herausbrachte, war nicht schlecht.

Was ist da unten los?, fragte er sich.

Einige Sekunden vergingen.

Kid Mever musste die Hausecke erreicht haben. Ein dumpfer Fall dröhnte auf, dann ein Rascheln, und wieder breitete sich das Schweigen der Dämmerung aus.

Gull wartete nicht länger. Der Teufel mochte wissen, was die Gorillas miteinander für Späße trieben … Mochten sie sich Luftlöcher in den Pelz brennen; ihn störte es kaum.

Er sah den Ast entlang. Er reichte fast in ein Fenster der Hazienda.

Tief saugte er die würzige Luft ein, dann schwang er sich vor, und glitt durch das Fenster in die Dunkelheit des unbekannten Raumes hinein.

Er fasste Fuß, trat zur Seite und hielt die Luft an.

Gleichmäßig, ruhig, arbeitete sein Herz. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, flogen umher.

Er stand auf einem handgewebten Indianerteppich. An den Wänden hingen schwere Gemälde. Ein Schreibtisch, einige Schränke und hochlehnige Stühle vervollständigten die Einrichtung. Irgendwo tickte eine Uhr. Das hier war ein Arbeitszimmer.

Lautlos durchquerte er den Raum. Ohne ein Geräusch öffnete er die Tür. Ein Flur lag vor ihm.

Er entschied sich für den Weg nach links. Die melodische Singstimme einer Frau lachte ihn an, und obwohl er nur wenig spanisch verstand, hörte er heraus, dass das Mädchen ein altes Volkslied mit einer monotonen Melodie vor sich hin summte.

»Pesquita«, hofften seine Gedanken.

Schritt für Schritt tastete er sich vorwärts, achtete auf alle Geräusche, hörte nichts Verdächtiges.

Atemlos hielt er an ihrer Tür an. Hinter den dünnen Brettern musste Pesquita sein. Das rötliche Licht einer Petroleumlampe drang durch Spalten und Risse.

Er legte die Hand leicht auf die Klinke, konnte sich für Sekunden nicht entschließen, konnte doch nicht so ohne Weiteres in das Zimmer eindringen, wusste, dass das hier in Mexiko fast Selbstmord sein konnte, stieß sie nur einen Schrei aus.

Grimmig lächelte Gull.

Er hatte immerhin sie, und sie hatte ihn geküsst, und jetzt war er hier und würde nicht eher gehen, bis sie seine Fragen beantwortet hatte.

Langsam drückte er die Klinke nieder. Leise, Zoll für Zoll senkte sich die Hand, dann schob er die Tür auf.

Ewigkeiten lange schien es zu dauern, qualvolle Ewigkeiten.

Der Gesang wurde deutlicher. Gull schob sich durch die Öffnung hindurch, wagte kaum zu atmen, erstarrte zur Bildsäule.

Caramba! Man sollte nie unvorbereitet in das Zimmer einer schönen, jungen Dame einbrechen. Gull Trinned war fast geblendet von dem, was seine Augen sahen.

Er trank den Anblick wie ein Verdurstender in sich hinein.

Schwere Vorhänge aus Goldbrokat und Seide, geschnitzte Möbel, auf denen kostbare Services standen, umfingen seine Blicke. Aus einer geöffneten Kassette blitzte, gleißte, funkelte es. Diamanten, Diadems und eine wundervolle Ansammlung von Geschmeide leuchteten ihm entgegen … Aber das Kostbarste von allem war sie … war das Mädchen Pesquita.

Seine Zähne pressten sich zusammen. Trocken und spröde wurden seine Lippen, und sein Herz schlug dumpf wie die Kürbistrommel der Yaquis. Weich und schmeichelnd fiel das Petroleumlicht auf sie. In den eigenen Anblick versunken stand sie vor einem verzierten Spiegel, sang leise, wehmütig. Das matte Licht modellierte ihre Formen, kostete, schmeichelte. Die elfenbeinfarbene Haut stand im Wettstreit mit der Perlenkette, die als schimmernde Monde Glanzfarben auf die Haut zauberten.

Gull war verzaubert. Widerstreitende Gefühle rissen ihn hin und her. Er wollte gehen, verschwinden, die Tür hinter sich schließen und brachte den Willen dazu nicht auf.

So hatte er sie nie gesehen. Die Tracht ihres Landes war für ihre Schönheit der richtige Rahmen.

Ihre Hände spielten an rosafarbenen Schulterträgern und ihre Fingerspitzen nestelten daran; plötzlich fiel rauschender Atlas.

Das steife Kleid lag auf den Dielen, war wie ein duftender, blumiger Traum, und sie stand in einem verführerischen Unterkleid, das mit wertvollen Spitzen besetzt, ihre königliche Figur zur Venus werden ließ. Ihre Hände hoben sich, griffen nach den Schulterträgern …

»Nicht … tun sie es nicht, Señorita«, stöhnte Gull, streckte die Arme vor, schlug die Hände vors Gesicht, blinzelte durch die gespreizten Finger.

Pesquita wirbelte herum, presste beide Hände vor die heftig wogende Brust. Ihr roter Mund öffnete sich in panikartigem Entsetzen, jähe Furcht ließ sie erbleichen.

»Ich bin es«, murmelte Gull gefasster.

»Sie?«, schleuderte sie ihm entgegen. »Gehen Sie, gehen Sie sofort … oder Sie werden sterben …«

»Señorita, Sie vermieden es, meinen Weg noch einmal zu kreuzen«, brachte er heiser heraus. »Ich …«

»Mit Ihnen habe ich nichts zu schaffen. Ich verachte, hasse Sie …«

»Sie müssen mich anhören!«, sagte Gull fest und hielt ihrem Blick stand.

»Gehen Sie…«, forderte sie gepresst.

»Nein!«

Er lehnte sich etwas zurück, suchte einen Halt, zog ruhig Tabak und Papier hervor, drehte sich eine Rolle.

»Was wollen Sie?«, keuchte Pesquita entsetzt. »Wenn mein Bruder zurückkommt, sind Sie verloren!«

»Don Pedro ist sehr um seine eigene Sicherheit besorgt, Señorita. – Aber das ist seine Sache«, antwortete er lässig. Der Ton seiner Stimme zwang sie ihren Kopf hinter dem Wandschirm zu zeigen, hinter den sie sich geflüchtet hatte.

Noch immer waren ihre Augen versengende Flammen, leuchteten Unwille und Abwehr in ihnen.

»Was tun Sie«, schrie sie auf.

»Ich rauche, Señorita«, erklärte er mit fast sanfter Ruhe.

»Mein Bruder wird Sie töten«, zischte sie hart, und ihre Augen waren Dolche, die töten wollten.

»Das sagten Sie schon«, erwiderte er gleichmütig. »Sie können versichert sein, dass er es sich überlegen wird … Well, vielleicht lässt er mich später umlegen. Im Augenblick braucht er mich, um seine Kastanien aus Seatle-City zu retten. Er hat keinen anderen, der sich die Finger verbrennen will!«

»Sie sprechen in Rätseln, Cowboy!«, murrte sie und wagte sich etwas versöhnlicher vor.

»Nicht so sehr, ich soll Freddys Aufgabe übernehmen. Die Aufgabe, an der er scheiterte, Señorita!«

»Ich habe es geahnt«, stöhnte sie auf. »Sie sollen …«

»… gegen drei scharfe Eisen ziehen!«

»Und Sie werden es nicht!«, hauchte sie erbittert und schleuderte eine Bürste aus der Hand. Ihre Augen glänzten.

»Sie werden es nicht tun. – Sie müssen fliehen. Ich werde Ihnen helfen … Es ist Selbstmord!«, keuchte sie und klammerte sich an seinen Arm. »Sie müssen … müssen …«

Gull Trinneds Augen wurden groß. Überrascht von der Heftigkeit ihres Ausbruches fasste er die Hand, streifte sie ab.

»Sie stellen sich gegen Ihren Bruder?«, fragte er sie ungläubig.

»Yeah, tausendmal ja …«

»Und … der Grund?« Kurz und hart fragte er.

»… ist meine Sache!«, kam es schneidend zurück. »Mein Gott … Freddy war meinem Bruder verpflichtet, wollte sein Versprechen halten. Jetzt ist er tot … tot … tot …«

»Haben Sie seine Leiche gesehen?«, zischelte er leise und zwang sie in seinen Blick.

»Seine … nein, was soll das?«, horchte sie auf.

»Sag mir, seit wann Freddy verschwunden ist. Wann sollte er seinen Auftrag ausführen?«

»Vor drei Monaten!«

»Das genügt!«, fauchte er seltsam verhalten und wollte gehen.

»Sie verschweigen etwas«, stöhnte sie wild, leidenschaftlich … hing sich an ihn, ließ ihn nicht aus.

»Yeah, vor drei Monaten kam Tude Warren … Vor drei Monaten begann er seine Tätigkeit, vor drei Monaten begann er das Grenzgebiet unsicher zu machen … Sagt Ihnen das etwas?«, stieß er heraus, und die ganze Härte seines Wesens trat zu Tage.

»Um der Madonna willen«, murmelte Pesquita. Ihre Stimme klang heiser. Unheimliche Erregung spiegelte sich in ihren Augen. Die junge Brust hob und senkte sich stürmisch unter dem samtschwarzen Mieder. Keine Scheu war mehr in ihr. »Sie glauben …?«, begann sie und brach in der Frage ab.

»Yeah!«, nickte er düster.

»Freddy kann nicht Tude Warren sein«, gellte sie auf. »Cowboy, Sie wissen nicht, was Sie reden. Warren ist der Schrecken der Grenze, der auf beiden Seiten nur Schandtaten vollbringt und seinen Weg mit Blut kennzeichnet. Er ist wie eine Bestie; wohin er kommt, bleibt Entsetzen zurück. Wer hat Ihnen das von Freddy gesagt, wer …?«, schrie sie ihn an.

Er sah sie an, knirschte mit den Zähnen, ballte die Hände, schloss die Fäuste.

»Don Pedro sagte es«, antwortete er langsam und beobachtete scharf die Wirkung der Worte.

Ihre Augen wurden kalt, weiteten sich vor Grauen. Starr wurde der Blick.

»Mein Bruder?«, stammelte sie ungläubig, und alle Kraft wich aus ihrer Stimme. Sie schluchzte unterdrückt, trat schnell näher, krallte ihre Rechte in sein Baumwollhemd, wollte mehr wissen, fragen.

Ein feines Schaben ertönte. Jähe Alarmbereitschaft durchzog Gulls Hirn. Schnell sprang er vor, streckte die Arme aus, jagte ans Fenster … wollte hin, prallte gegen Pesquita.

Etwas blinkendes flog über sie hinweg, bohrte sich mit dumpfem Laut in die polierte Mahagoniplatte, blieb vibrierend stecken.

Im Fallen zog er den Colt, richtete ihn auf den schnellen Schatten in der geöffneten Tür.

»Tu’s nicht«, wimmerte Pesquita, brachte den drohenden Lauf aus der Richtung.

»Er ist ein Schuft«, donnerte Gull Trinned.

»… er ist mein Bruder«, ächzte Pesquita.

»Stehen Sie auf, Mister!«, rasselte die Stimme des Dons.

In beiden Händen hielt er Schießeisen und ihre drohenden Mündungen zeigten auf Gulls Brust. Das flackernde Licht enthüllte die teuflischen Augen, machten das satanisch und verzerrte Maskengesicht deutlich. Seine Haut schimmerte grau und seltsam verfallen. Er war bereit zu töten und ging langsam um Gull herum. Seine Schwester beachtete er kaum.

»Geh von ihm weg«, fauchte er beißend und ließ die Flammen hinter der Iris flackern.

»Was willst du tun?«, schrie sie auf und zitterte am ganzen Körper, konnte nicht in seine lodernden Augen blicken.

»Ich werde das tun, was ich schon längst hätte tun sollen. Ich werde ihm eine Kugel für zweiundzwanzig Cents opfern.«

»Das ist Mord!«, ächzte sie schwach.

»Vielleicht gebe ich ihm eine Chance, vielleicht!«, murmelte er dumpf. Seine Zähne knirschten. Schneidend sprach er dann:

»Mister, Sie sind im Zimmer meiner Schwester und Sie wissen, was das in unserem Land bedeutet?« »Gull hockte sich auf, ließ seine Colts in den Schoß gleiten, verschränkte die Arme, sah auf die brennende Zigarette, die vor seiner Stiefelspitze schwelte, betrachtete Pesquita, die auf dem Boden lag und sich nicht getraute, sich zu erheben, die ihren Bruder mit fast irren Augen musterte.

»Sie wären ein toter Mann, Don!«, sagte Gull kalt. »Ihr haben Sie es zu verdanken.«

Don Pedros Hand zuckte vor. Die Ruhe des anderen hatte ihn getroffen. Schweflige Flammen brachen aus seinen Augen. Er war bereit zu töten, zu morden.

»Ich habe etwas gefragt«, donnerte er belfernd, fuhr hoch und stieß mit den Spitzen seiner Stiefel gegen Gulls Schienbeine.

Die beiden Colts schepperten über den Boden und blieben unter dem Schrank liegen. Er stieß seine Schwester zur Seite, rammte den linken Colt ins Holster und während er Gull mit der rechten Waffe bedrohte, krallte er die freie Linke in Pesquitas Nackenhaare, zerrte und riss daran.

Sie schrie spitz, wimmernd, gequält. Unter seinem Griff zerfetzte die Perlenschnur und die feinen Stücke rollten in alle Richtungen.

Rasend, wie von Sinnen, wahnsinnig war er, gebärdete sich wie toll.

»Antworte, Gringo, oder fahre zur Hölle!«, schrie er wüst. In den Augen schienen die Äderchen zu platzen, das Weiße färbte sich rot.

Gulls Pupillen waren unheimliche Schluchten, gefährliche Abgründe, trafen den Rasenden, brachten ihn für einen Moment von dem Mädchen ab.

»Lass sie los …«

Eisig, kalt, gnadenlos klirrte Gulls Stimme. Langsam hob er die Zigarette vom Boden und steckte sie zwischen die Lippen.

Don Pedros gurgelndes Lachen war hässlich, dämonisch, grausam.

»Du bist eine Kanaille«, zischte er die Schwester an, schüttelte sie in unbändigem Zorn. »Zuerst Freddy und jetzt willst du diesen hier gegen mich aufbringen«, klagte er, löste seinen Griff und abermals fiel Pesquita zu Boden.

»Du bist kein Caballero!«, zischte Gull. Jäh ließ er sich hintenüber fallen, schlug eine Rolle rückwärts. Über seiner Kopfhaut brannte es hinweg. Pulvergeruch quoll auf, und im Fall gewahrte er einen Schatten, der sich von draußen her durchs Fenster schwang, mit einem gewaltigen Sprung über ihn hinwegsetzte und die Lampe durch den Luftzug verlöschte.

»Tude!«, gellte der Schrei Don Pedros und ging in ein blubberndes Geräusch über, dessen Rest jäh erstickte.

»Yeah … ich bin es! … Tude Warren … Deine Schießer haben mich nicht aufhalten können, du Bestie. Habe sie alle verpackt, und du wusstest, dass ich komme, um mit dir abzurechnen. Auf diesen Augenblick habe ich gewartet, nimm und verdau es!«

Dumpf polterte es auf. Ein Körper fiel zu Boden. Durch die ziehenden Schwaden wirbelte Tude Warren herum, stoppte rechtzeitig mit seinem Colt Gulls Angriff.

»Holly Gee«, zischte der hochgewachsene Mann und seine Augen funkelten Gull an.

»Misch dich nicht ein, Sonny. Das hier ist meine Rechnung und ich serviere sie … nicht du …«

»Warren, Tude Warren …«, hauchte Pesquita, »nehmen Sie das Licht … Nehmen Sie es, Freddy!«

Beschwörend streckte sie ihm die Hände entgegen, doch er lachte hart und rau.

»Sie sind nicht besser als Ihr Bruder«, fauchte er zurück. »Kein Mensch kann in seiner Nähe leben, ohne verpestet zu werden, ohne zu merken, was er in Wirklichkeit treibt … Er hat mir alles genommen, alles … meine Ehre, mein Blut und fast mein Leben … und mein Geld dazu.«

Warren machte eine Pause, sah sich im Raum um, trat dicht neben Gull und deutete mit dem Eisen auf den bewegungslosen Körper.

»Er lebt noch … Er hatte jetzt keine Chance. Bestell ihm, wenn ich wiederkomme, soll er seine Chance haben. – So long, Sonny. Habe das Gefühl, wir treffen uns bald.«

Langsam schritt er rückwärts zum Fenster. Plötzlich weiteten sich seine Augen. Mit einem Griff brachte er die Kassette mit dem Schmuck an sich, verbeugte sich vor Pesquita und lachte sparsam.

»Ein kleiner Ausgleich, Madam. Es ist nur ein kleiner Teil von dem, den Ihr sauberer Bruder mir abgenommen hat.«

Er verbeugte sich höhnend und war im nächsten Augenblick aus dem Fenster. Gleich darauf bellten Schüsse, wieherte ein Pferd, trommelten Hufe.

»Die Vaqueros … Sie müssen fort … man wird Sie finden!«, raunte sie. Tränen liefen über ihre Wangen. Sie war einem Zusammenbruch nahe.

 

 

5. Kapitel

 

Zwei Reiter waren auf der Flucht. Nur ein Unterschied bestand zwischen ihnen.

Tude Warren floh, weil er von einer mondscheinübergossenen Anhöhe den unermüdlichen Verfolger sah, der weit vor der Meute lag und wohl einen vorzüglichen Renner unter dem Sattel haben musste.

Gull aber hatte nicht nur die Meute hinter sich, sondern Tude Warren vor sich, der hier im unübersichtlichen Gelände schnell einen Hinterhalt legen konnte.

Gull ritt zwischen zwei Feuern und bekam es zu spüren.

Kugeln umsummten ihn, zischten vorbei, hüpften vor den weit ausschwingenden Hufen des Grauen, heulten vor quarzharte Felsen und orgelten als hässliche Querschläger weiter. Er lag tief auf dem Hals des Grauen. Der Reitwind zerrte und riss an seinem Stetson, bog die Krempe auf und nieder, pfiff in Mähne und Schweifhaare des Renners.

Hügel rollten heran, wurden von den stampfenden Hufen gefressen. Die Weite, die Ferne rückte auf.

Ab und zu blickte Gull zurück.

Weit hinten fegten an die zwanzig Verfolger über eine Anhöhe hinweg. Es war ein geballter Trupp auf schnellen Pferden. Er wusste, dass noch andere Trupps folgen würden. Rau lachte er vor sich hin.

Zu seinem Ärger hielt der starkknochige Wallach Tude Warrens den Abstand.

Irgendwo im Süden war die Hazienda zurückgeblieben.

Himmel und Hölle! Tude Warren war ein vorzüglicher Reiter, schon nach den ersten Meilen musste Gull das eingestehen. Es gab nur wenige Reiter, die so mit ihrem Tier verwachsen waren wie Tude Warren. Wie festgeschmiedet saß er auf dem Gaul, blickte ebenfalls ab und zu zurück, oder stellte sich herausfordernd in den Steigbügeln auf, als wollte er Gull verhöhnen.

Meile um Meile hatten die Hufe schon hinter sich gebracht, und der Abstand zu Tude Warren war derselbe geblieben.

Manchmal, wenn Buschwerk und Bäume ihm die Sicht raubten, verlor Gull ihn aus den Augen. Manchmal war es auch eine Senke, in der Warren mit seinem Gaul verschwand. Einmal glaubte Gull dem Desperado den Weg abschneiden zu können und lenkte seinen Grauen nach rechts in ein Creekbett hinein.

Hoch auf spritzte das Wasser. Mit katzenhafter Gelenkigkeit sprang der Graue an das andere Ufer und brauste weiter, Tude Warren durchschaute das Manöver und kam Gull zuvor.

»Auf die Dauer bist du nicht zu schlagen, Grauer«, murmelte Gull Trinned. Er kannte sein Tier, wusste, was in ihm steckte. Noch hatte er ihm nicht die Zügel voll schießen lassen, und doch waren wie in verzehrender Leidenschaft die Ohren des Pferdes an den Kopf gepresst.

»Bist ein Prachtkerl, Grauer«, flüsterte Gull heiser.

»Go on, mein Kerlchen, du musst den da vorn schlagen!«

Sein Wille sprang auf das Tier über. Raumgreifender wurde das Tempo. Das Pferd vor ihm fiel etwas ab, kam näher.

»Grauer, irgendwo scheint der Bursche Verstärkung zu erwarten. Kann sein, dass wir geradewegs in den Rachen des Teufels reiten. – Go on!«

Sein Tier warf den Kopf auf, schnaubte, prustete, tat so, als verstünde es die Worte, und Gull zweifelte nicht daran. Er sprach oft und viel mit dem Grauen und war gewöhnt, derartige Antworten zu erhalten.

Er wandte sich im Sattel um. Der Verfolgerschwarm hatte eine breite Kette gebildet. Einige besaßen gute Renner, und diese hatten sich vorgearbeitet.

Als er sich wiederum umwandte, waren alle Reiter verschwunden.

Er stellte sich im Sattel hoch, sah, dass auch Tude Warren einen anderen Kurs einschlug und mehr nach Nordosten hielt.

Kannten die Vaqueros eine Wegabkürzung? Wenn sie eine Abkürzung kannten, dann wusste auch Tude Warren davon, versuchte mit diesem Trick, Gull in die Arme des Rudels zu treiben.

Damny! Jetzt kam es darauf an.

Gull fieberte. Eine heiße Flamme schien ihn zu verbrennen, auszuglühen.

»Grauer … go on … zeig es ihnen!«, zischte er und ließ den Kopf des Pferdes frei.

Irgendwo da vor ihm im Buschland war Tude Warren untergetaucht. Es konnte sein, dass der verteufelte Bursche hinter den ersten Baumreihen aus dem Sattel kletterte und mit kalter Ruhe auf seinen gefährlichsten Gegner lauerte.

Aus dem Dunkel des Waldes heraus mussten Gull und sein Grauschimmel klar erkennbar sein, mussten ihre Silhouetten sich gegen den hellen Nachthimmel abheben und einem stehenden Schützen ein einwandfreies Ziel bieten.

Gull wusste das … trotzdem hielt er sich nicht zurück, brachte sein Pferd nicht zum Halten. Alle Muskeln und Sehnen waren gespannt, alle Sinne fieberten, glühten, warteten.

Es zuckte keine Flamme auf, keine Detonation donnerte ihm entgegen, als die ersten Büsche hinter den fliehenden Hufen zusammenschlugen.

Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Er verbiss den Schmerz, beugte sich weit herab. Ein Ast riss ihm fast den Stetson vom Kopf, und durch die dunklen Kronen schimmerte der helle Nachthimmel, blitzten die Sterne im kalten Glanz.

Auch seine Augen blitzten, waren kälter, eisiger noch als die Sterne.

Er wusste nun, dass der Tod um ihn herum war. – Hinter jedem heranjagenden Stamm steckte er, lugte aus den Baumkronen, flüsterte mit dem Reitwind. Trockenes Laubwerk brach raschelnd unter den Hufen, kleine Zweige spritzten auf. Überall schienen, sich Schatten zwischen den Stämmen hin und her zu bewegen, auf und nieder zu gleiten. Und eintönig rumorend hieben die Hufe ins abgestorbene Laub, warfen die welken Blätter hinter sie.

Einen Herzschlag später flog der Graue in eine Gasse hinein, in eine Schneise, die der Tornado in den Wald gerissen hatte.

Vor Gull bewegte sich etwas.

»Tude Warren«, ächzte er heiser.

Es wäre ihm jetzt ein Leichtes gewesen, seine Winchester aus dem Scabbard zu reißen und auf den schnellen Reiter anzulegen.

Er tat es nicht. Es widerstrebte ihm, einen Mann im Rücken zu treffen, selbst wenn dieser Mann Tude Warren hieß und es wirklich verdiente.

Heh, Warren hieß die Angst der Grenae und hatte Pesquita beraubt.

Der Teufel sollte ihn holen!

Warum schoss der Bursche nicht?

Er musste längst gemerkt haben, dass der Graue wie ein gefiederter Pfeil auf seinen Wallach zuschoss.

Warum lüftete Tude Warren die Eisen nicht? War er ein Feigling, wusste er, dass Gull Trinned nicht eher zu den Waffen greifen würde, solange er einen Rücken sah? Oder wollte er seinen Verfolger schonen?

Näher rückte Gull dem Desperado, war nur noch wenige Yards entfernt, als sein starkknochiges Pferd die Hufe weit nach vorn warf und raumgreifend ausholte.

Dicht sauste der Grauschimmel hinter dem Wallach drein.

Die hohen Bäume huschten an den Reitern vorbei.

»Caramba, wer reitet da?«, schrie eine Stimme, kam hinter einem Schirm von Gezweig und Laub hindurch.

»Miquil«, brüllte Tude Warren. »Sie sind vor uns!«

»Sie sind weiter rechts! – Nach rechts abbiegen! Nach rechts abbiegen!«, keifte der Sprecher.

Schon war Tude Warren mit seinem Gaul durch. Wenige Augenblicke stob der Grauschimmel hinterher. Ein gurgelndes Lachen flog zurück.

Himmel und Hölle! – Tude Warren reckte sich im Sattel und winkte.

Gull Trinned knirschte empört mit den Zähnen. Ein wilder Jagdschrei gellte in seinem Rücken auf. Blitzschnell wandte er sich, blickte durch eine lange, mit Mondlicht ausgefüllte Gasse zurück und sah die Reiter hinter den Bäumen hervorbrechen.

»Gull Trinned! Jetzt wirst du deinem Gaul glühende Hufe anlegen müssen. – Goddam! Sie werden uns die Hölle heißmachen!«, fauchte Tude Warren.

Überrascht steilte Gull auf, rang nach Atem. Selbst unter dem Reitwind wurde ihm warm. Schweiß brach ihm aus allen Poren.

Pest und Schwefel! Woher wusste Tude Warren seinen Namen?

»Warren! Werd’ noch mit dir ins Geschäft kommen!«, rief er ihm zu.

»Sicher, denn wenn du wie die anderen wärst, hättest du mich schon längst aus dem Sattel geholt …«

Gull schnaufte und ärgerte sich. Nebeneinander jagten die Tiere vor der Meute her.

»Zieh, Warren!«, donnerte Gull, und seine Stimme klang heiser, spröde, wie zerrissen.

»Wir werden beide gehetzt, fellow«, klang es schneidend zurück. »Wenn wir aus der Tinte heraus sind, können wir es austragen … wenn du dann noch Lust dazu hast …«

»Das Wort gilt! Tude Warren, verlass dich darauf. Es wird mir eine Freude sein, dir die Giftzähne auszubrechen!«

»Bin nicht so sicher, Gull«, klang es aufreizend höhnisch herüber.

»Ich dafür mehr! Will den Kerl sehen, der sich Freddy nennt und mit einer Lady Schindluder treibt … Eh … Warren …!« Gleichzeitig sahen sie zurück.

»Scheinst ein verdammter Feuerfresser zu sein, Sonny … Bist jenseits der Grenze groß geworden … deine Wiege stand am Missouri, irgendwo in Montana …«

»Der Teufel soll dich holen!«, schrillte Gull, und seine Faust klatschte auf den rechten Kolben. Warren lachte breit:

»Bist nervös, Boy. Wenn du schießen willst, schieß nach hinten, nicht nach vorn. Goddam! – Bin kitzlig auf der Haut …«

»Mann, woher …«, wollte Gull aufbrausen, und weil Tude Warren die Hand beschwichtigend hochriss, ließ er sein Eisen stecken.

»Sachte, Sonny … Habe viel mit Menschen Umgang. Finde schnell heraus …«

Gulls Zähne knirschten. Der Kerl log …

»Ich lass dir keine Chance … Warren. Ich schieß deinen Rücken krumm! Rede, wer gab dir die Informationen?«, bellte er den Desperado an und setzte dem Grauen die Absätze ein.

Und im selben Augenblick preschte der Wallach Tude Warrens mit erhöhter Geschwindigkeit davon.

Drei Reiter hatten mächtig aufgeholt, sie würden bald im Feuer der Winchester sein.

»Da hast du Gelegenheit, Blei zu verschwenden!«, grinste Warren und zeigte zurück.

»Habe nicht die Absicht«, schrie Gull.

»Menschenfreund mit ’nem Dachschaden, wie? Die lieben Brüderchen werden nicht zögern, uns das Blei durch die Haut zu jagen. Aus ihrem Augenwinkel hat es den Anschein, dass du dich mit mir verbündet hast …«

»Den Teufel werde ich …«, knirschte Gull und parierte den Schritt des Grauschimmels.

Warren tat es ihm nach, wendete, kam zurück. In seiner Hand schwang lässig die Winchester. Näher kamen die Vaqueros, und doch lag in den Augen Warrens etwas von seinem spöttischen Wesen.

»Das werden dir die Killer nicht glauben, fellow. Wenn sie dich sehen, knallt es auch auf dich. Lang deine Winchester hervor und setz ihnen etwas vor die Hufe. – Bohr ihnen Löcher ins Hirn, damit ihre schwarzen Seelen ausfahren können. Sie werden dir danken … Yeah, sie werden dankbar sein, wenn …«

»Du hast es nötig, Warren«, knurrte Gull. »Ich werde nicht auf sie schießen, denn ich kehre auf die Hazienda zurück.«

»Dann hältst du dich für den lieben Gott, Gull Trinned«, lachte Tude Warren laut auf, und die erste Kugel zischte zwischen ihnen hindurch.

»Warren, ich schieße dich krumm, jetzt, sofort«, entfuhr es Gull, und seine Waffen kamen hoch, drohten, schimmerten.

Ernst trafen sich die Augen. Hoch steilten beide Pferde auf, als neue Geschosse an ihnen vorbeifegten.

»Auf Rio-Wort, Gull, halt Burgfrieden, und wenn wir heraus sind, tragen wir es aus!«, dröhnte Warrens Stimme zum ersten Mal voll, hart, fest. Fast feierlich standen die Worte zwischen ihnen.

»Auf Rio-Wort, Warren!«, presste Gull Trinned heraus. »Und du wirst vor mir im Staub rutschen, wenn deine Leibgarde auftaucht und sich einmischt.«

»Ich bin Einzelgänger. Brauche kein. Rudel«, donnerte Tude und riss den Grauschimmel mit sich aus dem Feuerbereich.

Scharf lachte Gull.

»Wer hat dir den Song über mich ins Ohr geblasen?«

»Dein Bruder, Gull!«, tönte es scharf zurück, und Gull gab sich einen Ruck. Seine Gedanken überschlugen sich, wirbelten durcheinander.

»Was ist mit ihm?«, riss es von seinen Lippen. Es war wie ein qualvoller Schrei.

»Weiß nicht! Komm!«

»Du hast ihn umgelegt?«, giftete Gull. Sein Innerstes krampfte sich zusammen.

Wenn einer seinem Bruder mit dem Eisen überlegen war, dann nur Tude Warren. Nur der Schrecken der Grenze konnte es gewesen sein. Tude Warren, der Frauen und Kinder, Greise und Männer fraß, der nicht davor zurückschreckte, Pesquitas Geschmeide an sich zu reißen …

Seine Pulse flogen, schneller, hastiger ging sein Herz. Er glaubte, die Lungen müssten unter dem wahnsinnigen Druck in seiner Brust bersten. Schleier des Jähzorns wallten rot vor seinen Augen, und der Reitwind dröhnte und brauste ihm mit schmerzhaftem Druck in die Ohren, und jetzt pfiff es dichter zirpend heran.

Im gestreckten Galopp fegten sie weiter, schossen kaum.

Seite an Seite jagten sie dahin.

Jeder vernahm die keuchenden Atemzüge des anderen.

Härter wurden Gulls Augen. Sie saugten sich an der schlanken Gestalt fest.

Bei Gott, etwas war an diesem Tude Warren, und der Teufel mochte wissen, was es war; jedenfalls war er ein ganzer Kerl, ein Mann, dem das Rio-Wort galt.

Warren deutete mit einer schnellen Handbewegung nach rechts. Gull nickte, wusste was gemeint war.

Dort, vor ihnen lag niedriges Buschwerk. Sie schwenkten nach rechts und rissen die Tiere auf die Hinterhand hoch, schlugen einen Haken und kamen etwas später unter hohen Fichten zum Halten.

»Halt dem Pferd die Nüstern zu und pass auf, dass es nicht stampft«, krächzte Warren und warf einen Blick auf die Tiere.

Sie waren schwer mitgenommen, abgetrieben. Schweißflocken hingen an Lefzen und Flanken, und die Lungen pumpten wie rasselnde Blasebälge. Breitbeinig, erschöpft standen sie und ließen die Köpfe hängen. Deutlich erkannte man die dunklen Schweißstellen im schwachen Mondlicht.

Gleichzeitig beugten sich die Männer vor, griffen nach den Nüstern. Seitlich von ihnen schwoll der Hufschlag an. Schatten von Pferden und Reitern jagten zwischen den Stämmen dahin.

Instinktiv riss Gull die Winchester aus dem Scabbard. Schmal und kantig wurde sein Gesicht, und ein Zucken lief über die Lippen.

»Die Nüstern, Sonny«, kam es heiser zu ihm her.

»Meine Haut ist mir näher«, brummte er unwirsch, legte sich die Waffe zurecht, schob den Lauf über eine Astgabel und lauerte.

»Du bist ein verdammter Puma und scheinst immer auf dem Sprung zu sein, Sonny«, giftete Warren. »Du reitest mit glühenden Eisen, und ich sehe es an deinen Augen, dass in dir der Tod Lichter aufgesteckt hat. Hast Augen wie ein Untier …«

Überrascht riss Gull den Kopf herum. Neben ihm hielt der gefürchtete Desperado und schien keine Anstalten zu machen, schien sorglos zuzusehen.

Und doch … hinter den Augenschlitzen loderte ein schwelendes, gelbes Feuer.

Warren war kalt, ein Gletscher, ein gefährlicher Kämpfer. Es würde ein sauberer Kampf.

»Auf Rio-Wort

Sie hatten die gleichen Chancen.

Gull lachte rau.

»Du bist ein hartmäuliger Bronco, Gull Trinned«, kicherte Warren. Die verteufelte Situation machte dem Rowdy Spaß.

Leidenschaftlich fragte er plötzlich: »Du solltest doch auch für Don Pedro kämpfen?«

»Er hat mein Wort«, entgegnete Gull.

»Eine heiße Sache …«

»… in der Freddy versagte«, höhnte Gull.

»Du solltest Rita McDunn für ihn freikämpfen, wie?«

»Du sagst es.«

»Höre, Sonny, lass die Finger davon …«

»Ich werde mein Wort halten, Warren, und übrigens geht es dich einen Dreck an!«

»Du irrst«, klang es eisig, unnachgiebig. »Sie ist meine Braut, Sonny … mein Mädel!«

Gull versteifte sich. Jäh verengten sich seine Augen.

»Sie auch?«, dehnte er.

Warren hob misstrauisch den Kopf.

»Nur sie, keine andere«, brachte er heiser hervor. »Eigenartig«, stieß Gull wild heraus, und trotz der heranbrausenden, drohenden Gefahr verkrallte sich sein Blick an dem zukünftigen Gegner.

Breite Schultern hatte der Bursche, eine geschmeidige Gestalt, bestand wohl nur aus Muskeln und Sehnen.

»Hast du ihr befohlen, in Seatle-City auf Sheriff OcBrien zu schießen? Hast du ihr diesen hinterhältigen Schuss dirigiert?«, fragte er zögernd und ließ Warren nicht aus den Augen. Plötzlich war ein Flammenmeer in ihm, ein Meer höllischer Flammen, deren Widerschein aus seinen Augen brach.

Well, nur so konnte es sein. Mit diesem Schuss wollte die tizianrote Hexe Tude Warren die Möglichkeit zu einem neuen Start geben. Nach diesem Schuss hätten ihn die Bürger ergriffen und ohne Verhandlungen an dem nächsten Ast gehängt … und damit wäre Tude Warren offiziell ausgelöscht und der echte Warren wieder ungehindert durch die Straßen geritten.

Don Pedros Worte waren keine Lügen. Damny! Es musste trotz allem, was auf der Hazienda geschah, die Wahrheit sein. Das war übel, speiübel. Er konnte nicht anders, musste es tun, musste vor dem Burschen ausspeien, der wie ein lauernder Panther sich duckte und seltsam heiser auflachte … aber keine Bewegung nach den tiefgeschnallten Waffen machte, nicht daran dachte, ihm zu antworten.

Tude nahm die schwerste aller Beleidigungen mit einem gelassenen Achselzucken hin.

»Rio-Wort! Sonny, dein Glück! – Ich habe nur ein Mädel. Verstehe nicht, was du andeutest!«, murmelte er düster.

»Damned … und Pesquita?«

»Pesquita?«, raunte er heiser. »Ich habe nichts mit ihr zu tun …«

»Du lügst …«, gurgelte Gull. »Zeig dein wahres Gesicht, Tude Warren!«

Reiter jagten vorbei, andere stoben genau auf sie zu. Flammenzungen zuckten grell, Kugeln pfiffen. Durch das Dickicht brachen die Verfolger, suchten, hatten sie noch nicht genau ausgemacht, drohten, sie trotzdem einzuschließen.

 

 

6. Kapitel

 

Zweimal feuerte Gull Trinned seine Winchester ab, dann riss er seinen Grauschimmel herum und jagte hinter Tude Warren drein.

»Du sollst mir nicht entkommen«, fauchte er grimmig und riss die Absätze über Flanken und Weichen. Gestrüpp und Zweige teilten sich. Dünne Astspitzen, Gerten und Ruten klatschten ihm ins Gesicht. Hinter ihm schlug der Busch zusammen, sausten Geschosse durch rasselndes Baumlaub, gruben sich ächzend in starke Stämme, fetzten Splitter, die Gull und sein Pferd überschütteten.

Seine flache Hand klatschte hart auf den gestreckten Pferdehals. Der Graue stieß ein entsetztes Stöhnen aus, und Gull spürte augenblicklich die Anspannung der gewaltigen Muskeln.

Wie ein Rammbock schoss der geschmeidige Leib durch das Unterholz. Im Flug nahm er einen umgestürzten, vermoderten Baum, raste weiter, ungestüm, voll lebendiger Kraft und Leben, und Gull lag auf seinem Rücken, hielt mit verkrampften Fäusten Zügel und Winchester, stierte durch die tanzenden, wirren Schatten und sah dann jäh den starkknochigen Wallach, war plötzlich an der Seite des Desperados und musste seinen Grauen zurückhalten, um nicht vorbeizufliegen.

»Stopp ab und herunter vom Gaul!«, donnerte Warren ihm zu.

»Yeah …«, knurrte Gull. Er war sich nicht sicher, ob der Rowdy seine Antwort vernommen hatte, denn der brausende Reitwind fetzte ihm die Worte von den Lippen.

Wie auf Kommando hielten sie die Pferde an, sprangen ab und zwangen die Gäule nieder.

»Sie kommen, Buddy«, murmelte Warren verhalten.

Seine Stimme zeigte keine Besorgnis, keine Furcht. Er wartete wie auf die Ankunft lieber Freunde, und auch jetzt schnappte er nicht nach den Waffen.

»Ich höre sie, Sonny«, murmelte Gull. Dumpfer Groll, Wut und Enttäuschung schwangen in seiner Stimme nach. Warren zwang ihn dazu, ihn zu bewundern und wahrhaftig, die ganze Art und das Auftreten des Desperados nötigten ihm Hochachtung ab.

Der Kerl schien seine Gedanken zu lesen, grinste und sagte schnell:

»Don Pedro hätte dich mit Haut und Haaren gefressen. Er ist ein Schurke, und nichts hätte ihn davon abgehalten, dich zur Hölle zu schicken. Er wird seine Schwester schlagen.«

»Das wäre sein Tod!«

»Das haben viele gesagt, Buddy … und keiner hat ihn bezwungen. Well, er wird Pesquita peitschen. Du wirst sie wahrscheinlich niemals wiedersehen!«

»Ich werde sie sehen, Warren«, erklärte Gull heiser. »Wohin er sie auch bringen sollte, ich werde sie finden.«

»Höre, Buddy. Wenn du sie findest, wirst du sie nicht mehr erkennen … Caramba, die Peitsche ist ein Teil seines Wesens … ich könnte dir Leute zeigen, die die Spuren Zeit ihres Lebens mit herumschleppen …«

»Hör auf«, zischte Gull. »Du hast Grund ihn zu hassen …?«

»Yeah, das habe ich! – Aber du verkennst die Lage, Buddy. Denke daran, wie er sie in deinem Beisein behandelte, wie er sie trat und beiseite stieß, wie er sie an den Haaren zerrte. – Der Teufel ist gegen ihn harmlos und des Teufels Großmutter eine gesittete Tante.«

»Du willst verhindern, dass ich die rote Hexe für ihren Mord zur Rechenschaft ziehe … du willst …« »Sonny, du hast Scheuklappen vor den Augen«, giftete es zurück.

»Warren, ich weiß nicht, was du bezwecken willst, jedenfalls hat dich Pesquita geliebt … Vielleicht willst du, dass ich …«

»Möglich, dass sie mich geliebt hat. Aber sie hat es mir niemals gezeigt, und es wäre auch eine hoffnungslose Sache gewesen, denn ich habe ein Mädchen. Vielleicht hat sie das gewusst. Jedenfalls hätte dich der edle Don ohne mit der Wimper zu zucken umgelegt, und du hattest verdammt wenig Chancen!«

»Soll ich dir dankbar sein, Warren?«

»Vielleicht? Jedenfalls hat er seine Leute auch auf dich gehetzt, und das sollte dir die Augen öffnen!«

Seine Stimme klang sicher und ruhig. Er lauschte und stieß Gull an.

Um sie her war mehr als Finsternis, es war tintig schwarz, und doch drangen die Reiter vor. Unter den Pferdehufen brachen und knackten die Zweige. Laubwerk knisterte. Stimmen kamen näher und näher.

Aus sicherem Instinkt heraus wusste Gull, dass diese Verfolger keine beweglichen Silhouetten mehr sein würden. Jetzt waren es Jäger, die pirschten, und sie hatten die Vorteile der Mehrzahl und des Angriffs.

Er schärfte die Sinne, beherrschte die Nerven, stieß die Winchester in den Scabbard zurück, zog die Colts, prüfte mit schnellen Fingern die Kammern und lud alles voll auf.

Warrens Hand legte sich plötzlich auf die Waffe.

Die Stimme des Desperados hauchte nur noch, so leise sprach er.

»Verschwende kein Blei, wenn du zu Pesquita zurück haben willst.«

Gull versteifte sich. »Ich werde verrückt«, schnaufte er.

»Tude Warren nimmt Rücksicht?«

»Es ist so, Buddy …«

»Und ich dachte … das Rio-Wort hält dich!«

»Yeah, gegen dich, Sonny … Die anderen könnten meinetwegen zu den Stiefelhügeln trailen. Ich will nicht, dass jemand vor unseren Füßen bleibt. Bedenke das, Sonny! Sie sind blind und können nichts dafür. Die Vaqueros durchschauen das Spiel Don Pedros nicht!«

Gull antwortete nichts, senkte die Waffe, stierte vor sich hin.

Goddam, was war das für ein Kerl, dieser Tude Warren? So sprach kein Killer, kein Kerl, der Mord als Geschäft betrieb.

Links und rechts brach es im Busch.

Eine Stimme fauchte: »Man müsste eine Laterne haben!«

»Damit sie dir besser die Lampe auslöschen!«, spottete jemand.

»Seid vorsichtig! Passt auf!«, warnte ein anderer.

»In diesem verdammten Wald sieht man nichts, Caramba! Würden sie wohl in der Nähe bleiben?«

»Das kann man nie wissen. Warren ist zu allem fähig. Er kann nachts besser sehen als am Tage!«

»Er ist auch nur ein Mensch, und er wird einmal seinen Fehler machen. Sie werden ihn hängen, ob hier oder in den Staaten.«

»Carajo, Amigos, weiter …«

Zwei Reiter tauchten unter den Bäumen auf. Deutlich erkannte man beide. Sie waren wie Schatten, kamen aus dunklem Grund, verschwanden wieder darin und hinter ihnen verebbte der Lärm.

Schemenhaft stand Tude Warren neben seinem am Boden liegenden Pferd, schien in sich versunken, zu horchen und zu lauschen.

Damny! Was ist das für ein Mensch?, fragte sich Gull. Warum galt er als Menkiller? … Wieso war ein Mann, der auf unwissende Vaqueros Rücksichten nahm, ein Verbrecher?

Gull Trinned wusste keine Antwort auf die Fragen. Er stand nur da, beobachtete, grübelte.

Warum hatte Tude Warren die Schmuckkassette geraubt? Wollte er die rote Hexe in Seatle-City damit versorgen? Wllte er sein Liebchen mit geraubtem Schmuck behängen?

Gull sah auf. Der Kopf ruckte in den Nacken.

»Warum hast du den Schmuck gestohlen, Warren … warum nur?«, fragte er unvermittelt.

»Weil ich dich damit auf meine Fährte holte. Es war das beste Mittel, dich aus dem Bau zu locken!«, klang es leise herüber und Gull unterdrückte einen Fluch.

Sollte das der wahre Grund sein? Warum aber nur? Himmel und Hölle, Warren wurde ihm immer geheimnisvoller, rätselhafter …

»Wir müssen aufbrechen, Sonny.«

»Yeah, Warren!«

Sie trieben die Pferde hoch, schwangen sich in die Sättel und trieben die Tiere zu einer gemächlichen Gangart an.

Auch jetzt noch mussten sie vorsichtig sein, mussten sie mit Nachzüglern rechnen.

Der Wald spuckte sie aus. Welliges Gelände nahm sie auf und hier war es. Plötzlich tauchten aus einer Bodenfalte schnelle Reiter, kamen wie gespenstige Schemen herangebraust.

Sofort zwangen sie ihre Tiere in eine Gangart, die auf jedem Rodeo die Zuschauer in tobende Begeisterung versetzt hätte.

Auch jetzt änderten sie die Richtung nicht. Gatter und Corrals flogen ihnen entgegen, wurden im Sprunge genommen.

»Weißt du, wo wir sind?«, schrie Gull.

»Sonny, ich kenne den Rio von beiden Seiten und jetzt fliegen wir auf ein Greaserdorf zu. Armselige Hütten aus Lehm sind es. Ein solider Fußtritt könnte sie in einen Trümmerhaufen verwandeln. Pass auf, dass dein Grauer nicht hustet, sonst fliegen dir die Trümmer um die Ohren!«

»Hoffentlich vor deinen Schädel!«, grimmte Gull zurück.

Das Gesicht Warrens wandte sich ihm zu. Voll traf ihn das Mondlicht.

»Sonny, mein Kopf ist aus Eisen. Mir sind schon Brocken vor die Stirn geflogen, die ein anderer nicht verdaut hätte!«

Das war auf Gull gemünzt. Holly Gee! Der Kerl hatte Humor, selbst in dieser verteufelten Lage.

Zu Gulls grenzenloser Überraschung lenkte der Desperado seinen Wallach der einzigen Straße zu, ritt wenig später im vollen Lichtschein mitten zwischen den Passanten hindurch, die entsetzt beiseite sprangen.

Hinter ihnen wurde geschossen.

»Sporn deinen Grauen an, Sonny, es wird lustig!«, lachte Tude rau.

Donnernder Hufschlag war unter ihnen. Die Hufe schlugen Funken, rissen Staub und Dreck in die Höhe. Schatten glitten um sie her. Flammenzungen grellten auf, kreuzten die Straße, fraßen sich in die Nacht, in den kalten Glanz der Sterne hinein.

Über ihnen wölbte sich die Kuppel des Nachthimmels wie eine klare Glocke, und Milliarden von Sternen funkelten, gleißten, blitzten, warfen ihr fernes Licht nieder.

Die Plaza öffnete sich. Sie rasten darauf zu, fegten an der Kirche vorbei und setzten über die Deichsel eines quer in der Straße stehenden Leiterwagens hinweg, stoben auf eine dunkle Gruppe auf der Straße stehender Mexikaner zu, und als diese sich in Sicherheit brachten, rollten die Sombreros wie Räder durch den Staub.

Verwehte Schreie flatterten ihnen nach. Sie lachten … beide, lachten wie irre Teufel, und hohl warf die Gasse das Echo zurück.

Sie stellten sich in den Steigbügeln auf, blickten zurück.

Teufel! Sie hatten in einem Ameisenbau gewühlt. Schattengestalten flitzten hin und her. Die kleine Ansiedlung kam in Aufruhr und die Verfolger bekamen es zu spüren, weil die braven Amigos die nachfolgende Horde für Freunde der beiden Reiter hielten.

Gull verstand nun, weshalb Warren diesen Weg eingeschlagen hatte.

Seine Hochachtung vor dem Burschen wuchs, und das wiederum ärgerte ihn, ließ die Zähne aufeinander knirschen.

Deutlich erkannten sie Bill Narry auf einem hochgebauten Renner. Er stand mitten auf der Straße und schwenkte seine Eisen. Neben ihm leuchtete Kid Mevers Glatze. Eine Kugel hatte dem Dicken den Stetson vom Kopf gerissen und eine andere hatte seinen Gaul zur Strecke gebracht, auch er feuerte wie toll. Lane Satue trieb seinen Fuchs unbeirrt weiter, und hinter ihm wuchs der Schwarm der Vaqueros aus dem wogenden Bild.

»Der Fuchs ist der Gefährlichste, Sonny«, schnaubte Tude Warren. »Er hat einen höllisch glatten Zug, außerdem ein Hirn, das blitzschnelle Situationen übersieht. Er ist Pedros bester Mann, seine rechte Hand. Heh, der Fuchs sitzt auf einem Fuchs! – Merk es dir!«

Er zwang seinen Wallach in eine Gasse. Es war höchste Zeit. Vor und hinter ihnen stieg der Lärm zum tosenden Gebrüll.

Die ganze Siedlung erhob sich wie ein Mann, lief geschlossen auf die Seite der Verfolger über.

»Sonny, ist eine feine Nacht!«, grinste Tude Warren, »eine Nacht, in der der Teufel tanzt, und ich möchte diese harmlosen Caballeros nicht erschrecken. Wollen nicht abwarten, ob die Luft hier noch ungesünder und bleihaltiger wird! Ich habe es nicht gern an der Lunge, lass fliegen, Gull!«, schallte es, und dann wurde der Lärm hinter ihnen leiser, ebbte ab.

 

 

7. Kapitel

 

Wie eine schwarze Wand ragte ein Zaun vor ihnen auf. Es war zu spät, die Pferde zu stoppen, sie herumzureißen, abzudrängen.

»Huiiipee«, schrillte Tude Warren und setzte die Sporen ein. Pferd und Reiter flogen auf das Hindernis zu. Wunderbar gestreckt kam der Wallach hoch, segelte durch die Luft und verschwand. Ein markerschütternder Schrei gellte durch die Nacht.

Im gleichen Augenblick riss Gull dem Grauen den Kopf hoch, warf sich weit nach vorn, spürte, wie der Zugwind ihn fast vom Pferderücken riss, spürte, wie es geradewegs zu den Sternen ging, wie die Hufe des braven Pferdes sich lösten und der Körper fast schwerelos zum Himmel aufstieg.

Dicht hinter dem Hindernis polterte der Graue zu Boden, stolperte, und plötzlich verlor Gull den Sattel, kam benommen auf die Beine und sah seinen Renner mit hängenden Zügeln vor einer dunklen Masse stehen.

Heftig, gequält, unwillig stieß das Pferd ein schmerzhaftes Schnauben aus, warf den Kopf hoch, versuchte auszubrechen. Mit einem Sprung war Gull heran, fasste die Leibriemen und fuhr zurück.

Vor ihm lag der starkknochige Wallach, verkrümmt, mit zum Himmel gestreckten Läufen lag er, und neben dem Tier lag Tude Warren seltsam steif, bewegungslos auf dem Rücken.

Panischer Schreck durchzuckte ihn. Mit fliegenden Pulsen beugte er sich vor, zerrte an Tude Warren, riss ihm den Rock auf, lauschte auf den Herzschlag. Und dann war es ihm egal, ob die Verfolger ihn niederreiten würden. Jetzt war ihm alles gleich. Er sah nur Tude, hörte den schwachen Herzschlag des Gestürzten, handelte wie unter einer zwingenden Macht, wusste selber kaum, warum er es tat.

Es kam ihm weder in den Sinn, dem Desperado das Schmuckkästchen vom Gürtel zu reißen und davonzureiten, weil seine Aufgabe damit eigentlich erledigt war, noch dachte er daran, dass er zuerst seine eigene Haut retten sollte. Der Teufel mochte wissen, was in Gull gefahren war, aber er handelte, ohne es zu wissen.

Mit starker Hand schleppte er den Ohnmächtigen bis zu seinem Gaul, legte ihn quer vor den Sattel, stieg auf, keuchte wie der Graue und ritt so gut es ging weiter.

Trommelnder Hufschlag klang auf, kam näher, schreiende Greaser stürzten auf sie zu, und er streute ihnen sein Blei entgegen, ließ Flammenblitze über ihre Sombreros zucken, gab seinem Tier die Sporen. Angst und Schmerzensschreie beantworteten wirr seine Schüsse.

Gull Trinned lächelte verbissen. Er würde Tude Warren aus dieser Hölle herausschaffen oder mit dem Desperado zugrunde gehen, weil er einen hilflosen Mann nicht einem gnadenlosen Rudel überlassen konnte.

Rhythmisch wurde der sehnige Körper des Desperados hin und her geschleudert. Manchmal stöhnte er auf. Es war zu dunkel, um seine Verwundung festzustellen, und es war auch keine Zeit dazu.

Einen einzigen Augenblick lang nur war er versucht, den Ohnmächtigen hinter einen Busch gleiten zu lassen, damit ihm die letzte Chance blieb, mit dem nackten Leben davonzukommen.

Nur eine Sekunde dachte er daran, dass Tude Warren bei seinem Erwachen bestimmt einen Weg finden würde, um sich allein durchzuschlagen, da hörte er dessen erstickte, keuchende Stimme: »Rio-Wort, Sonny … Rio-Wort …«

Es war wie ein Hauch nur, aber es traf ihn wie ein Schlag …

Well, Tude Warren hatte sein Wort … Sie wollten es austragen, wenn das hier vorüber war. Er durfte das Wort nicht brechen, durfte ihn jetzt nicht im Stich lassen, mochte daraus werden, was da wollte …

Rio-Wort! – Es war widersinnig, dass er seinen Gegner wegen eines Wortes vor dem sicheren Tode retten musste, um vielleicht später durch Tude Warren zu sterben.

»Rio-Wort«, tönte es dumpf, verlöschend.

»Auf Rio-Wort!«, schrillte Gull hart.

Trotz der drohenden Gefahr glitt er aus dem Sattel, setzte Tude Warren zurecht und stieg wieder auf, hielt den starken Mann, krallte sich an ihm fest, bewahrte ihn davor zu fallen, setzte alle seine Kräfte ein.

Vor und zurück schwankte der Desperado, stieß unverständliche Laute aus, schwieg dann plötzlich.

Dunkelheit geisterte um sie her. Irgendwo stieben Pferde mit trommelndem Hufschlag vorbei. Schreie und Flüche brandeten auf. Schatten huschten. Wie durch ein Wunder verfehlte man sie.

Jählings stieß der Graue auf das Steilufer eines schnellen Flusses, trabte auf der Böschung entlang. Wieder warf Gull einen Blick zurück, und weit auseinandergezogen kamen Reiter heran.

Seine Hoffnungen schwanden mit jedem Yard. Kaum würde er durch eine Lücke entwischen können. Kaum noch trug der Graue die doppelte Last, keuchte und schnaubte, ließ den Kopf hängen und schwankte manchmal so, dass Warren aus dem Sitz gehoben wurde und oft nur durch Gulls stählernen Griff davor bewahrt wurde, unter die Hufe zu geraten.

Näher rückten die Verfolger.

Gull besann sich nicht mehr. Schnell glitt sein Blick über das gurgelnde, plätschernde Wasser, über die schimmernden, bewegten Wellen, die dem Rio Grande entgegenfluteten.

Er rüttelte an Warrens breiten Schultern, fauchte ihn an:

»Du hast lange genug ausgeruht, Mann. – Ein Bad wird dir den Kopf klar fegen …«

Warren brummte etwas, wackelte wie ein Trunkener, hatte den Kopf auf der Brust hängen.

»Go on, Grauer«, krächzte Gull. Sein Kinn sprang vor. Schmal wurden seine Augen, und als die ersten Kugeln über sie hinwegfegten, trieb er das Pferd in die unergründliche Tiefe.

Es klatschte, als sie aufprallten. Kalt drang es ihnen auf die Haut. Das eben noch verängstigte Schnauben des Tieres wurde zu einem im Gurgeln der Wellen untergehenden Schnauben.

Dunkle Massen türmten sich blitzhaft empor. Gull richtete sich hoch auf, schnappte nach Luft. In seinen Ohren dröhnte es. Wasserwogen hüllten sie ein, schlangen sie gierig hinab und spiehen sie irgendwo aus.

Steif richtete Gull Trinned sich auf, Schauer jagten über ihm hinweg. Neben ihm trieb der Graue mit gespitzten Ohren und geweiteten Augen.

»Warren …«, schrie Gull. »Warren!«

»Das Bad war eine verteufelt gute Idee!«, kam die Antwort wie aus Urtiefen. »Damny! Bin mehr für Whisky, Sonny. Das Wasser hier schmeckt verteufelt nach Gips und macht mich elend.«

»Jedenfalls hat es dich wieder auf die Beine gebracht, Sonny«, gab Gull rau zurück.

Der Desperado lachte prustend, hob einen Arm über das Wasser.

»Sie suchen das Ufer ab. Wird Zeit dass wir aus der Badewanne rauskommen, fellow!«, schnaufte er. Muss auf meine zarte Kondition Rücksicht nehmen. – Wo ist mein Wallach?«, fragte er dann und suchte die Wasseroberfläche ab.

»Er hat sich den Hals gebrochen«, murmelte Gull gepresst und die Augen des Desperados wurden starr und ernst.

»War ein wackeres Pferd, Sonny, tut mir leid um ihn!«, stieß er heraus und warf einen prüfenden Blick auf den jüngeren Gull, ahnte die Zusammenhänge und schwieg.

Sie standen bis zum Nabel auf einem Felsen mitten im Flussbett. Der Graue hatte sich mit der Strömung treiben lassen und war nur wenige Yards vor ihnen.

Tude Warren stieß sich vom Felsen ab, schien unverletzt und war ein vorzüglicher Schwimmer. Mit einigen Stößen erreichte er den Grauen, krallte sich in die Mähne fest, und als Gull sich wenige Minuten später auf der anderen Seite anhing, trieben sie wie Trauben mit dem Strom.

»Warren, das war haarscharf. Bald hättest du die Engel singen gehört …«, begann Gull trotz der Umstände zu reden und hackte die Worte im Rhythmus seiner Bewegungen ab.

»Habe keine Lust, Harfe zu spielen …«, antwortete der Desperado.

»Well, dann wärest du zum Teufel gegangen.«

»Sicher«, brummte Warren ernsthaft. »Das wäre ein schlechter Trost für mein Mädel …«

Schweigend vergingen einige Minuten. In Gull Trinned brannte das Verlangen, etwas über den sonderbaren Menschen an der anderen Seite des Tieres zu erfahren, etwas von ihm zu hören oder ihn wenigstens zum Reden zu reizen, solange er noch Zeit dazu hatte.

»Der roten Hexe von Seatle-City, die den Sheriff erschossen hat …«, begann er zu hetzen, und hart unterbrach ihn Tude Warren.

»Hast du es gesehen?«, donnerte er bitter.

»Nein.«

»Dann wähle deine Worte, ehe du sie sprichst«, wies er Gull zurecht und stützte sich hoch über den Grauen hinweg, suchte Gulls Augen.

»Ich habe sie … aber gesehen …«, sagte er langsam, betont.

»Und?«, scharf zischte es zurück.

Wie benommen stierten sie sich an. Gull dachte nach. Wie war das doch? Was hatte er gesehen? Wer hatte …?

Jählings riss er den Kopf hoch. Wenn noch etwas gefehlt hätte, um ein Lügengebäude zu zerschmettern, dann war es das kleine Wörtchen »und«.

Rita McDunn war ihm, als er vor dem »Paradies«, hielt, so nahe gewesen, dass sie ihn genau hatte erkennen müssen. Er erinnerte sich deutlich an ihr blasses Gesicht hinter dem Fenster, erinnerte sich an den erschreckten Ausdruck ihrer Augen, an das tizianrote, leuchtende Haar.

Well, sie war ihm so nahe gewesen, dass sie ihn nimmermehr mit Tude verwechseln konnte und doch … konnte sie den Sheriff erschossen haben.

Gull Trinned sagte, was er dachte, brachte es heraus, und Tude Warren unterbrach mit keinem Wort, schwamm ruhig, beobachtete die Ufer.

Erst als Gull endete, sagte er heiser:

»Sheriff OcBrien wurde von Don Pedro erschossen …«

»Sie wird mir sagen müssen, wie es war«, warf Gull zurück und trat noch härter das Wasser. Eine unbeschreibliche Wut, ein unerklärliches Misstrauen lag in den Worten, war unüberhörbar.

»Kann sein, dass du mit ihrer Leibgarde zusammenrasselst«, warnte Tude trotzdem.

»Und du hast Angst vor den Burschen!«, fauchte Gull noch härter, schärfer, spottender. »Heh, eigenartig, dass ein Mann wie du …«

»Sonny, mein Mädchen verdient im Augenblick gut. Ihr Tanzhallenbetrieb ist ein glänzendes Geschäft. Vorläufig ist sie die Gefangene der drei Schießer. Sie trauen sich gegenseitig nicht, sind aufeinander eifersüchtig, möchten sich am liebsten die Köpfe einschlagen.«

»Du duldest das, Tude?«, sarkastisch klang der Vorwurf, und Tude Warren blieb ruhig.

»Solange ich zu tun habe, kann sie nicht besser bewacht sein. Die Killer halten alles Schlechte von ihr fern, misstrauen einander und spielen sich als Gentlemen auf. – No, vorläufig brauche ich mich nicht einzumischen«, sagte er prustend.

»Wissen sie denn, dass Rita McDunn …?«

»Sie wissen es und sie nehmen es hin, denn ich bin ein Desperado, ein Killer, ein Dämon … Sie wissen, dass ich einen Freifahrtschein zur Hölle habe, dass ich vogelfrei bin. In keinem Country darf ich mich offen sehen lassen, in keiner Town einen Whisky schlürfen. Jeder Mann, der Eisen trägt, kann mich abschießen. Es gibt nichts, was sie aufhält, denn Tude Warren – Tude Warren – der bin ich, Boy!«, sagte er leichthin, aber in der Stimme lag ein Zittern, das nicht von der Kälte des Wassers kam. Und Gull Trinned hörte es heraus, wurde nachdenklicher, weniger ironisch.

»Es ist ein bitterer Song!«

»Yeah, eine Melodie des Grauens, Sonny. Ich bin einer, der so lange auf dem Trail sein muss, bis sich einige Dinge entschieden haben …«

»Und Rita? Zum Teufel, Mann, was sagt Rita dazu?«

»Sie nimmt es in Kauf, denn sie weiß, dass ich es durchhalten werde, dass ich sie einmal von ihrer Begleitmannschaft befreien werde – wenn es an der Zeit ist. Und dann trailen wir vielleicht nach Montana rauf …«

Fast froh war die Stimme jetzt, hoffend, vielleicht sogar stolz.

»Nach Montana?«, fuhr Gull auf und vergaß die Kälte und die am Ufer lauernden Gefahren, stützte sich auf die Kruppe des Grauschimmels, suchte abermals einen Blick und die Augen des sonderbaren Partners.

»Hast du etwas gegen das Land? Mir gefällt es, Sonny, deinem Bruder hat es auch gefallen. Er schwärmte immer von diesem wundervollen Land. Ich werde ihm wohl glauben müssen …«, knurrte Tude lächelnd, und auch er schien Gulls Blick zu suchen.

»Warren, aus dir werde einer klug …«, maulte er und glitt ins Wasser zurück.

»Ist nicht leicht, Sonny, lass uns auf das Ufer drüben zuhalten. Wird kalt unter der Haut …«

Sie trieben nun quer zur Strömung, kamen in seichtes Wasser. Der Grauschimmel schüttelte die Männer ab, versuchte, die Uferböschung zu erklimmen, rutschte einige Male ab und schaffte es schließlich, stand mit bebenden Flanken und hängendem Kopf.

»Nimm ihn an die Kandare«, befahl Tude Warren … »In meinem Kopf kracht es wie im Steinbruch und hebt mir die Decke ab. Habe das Gefühl, als trocknet mein Hirn langsam aus, und dabei sind wir nass wie …« Er lachte klirrend und stampfte davon, und Gull folgte mit dem Pferd dicht auf.

Bleiches Mondlicht geisterte über die Büsche, flatterte zwischen den Stämmen, verlor sich im Hintergrund in undurchdringliche Finsternis.

Fledermäuse huschten über sie hinweg. Ein Uhu stieß seinen Schrei aus. Weich und warm schmeichelte die Luft, brachte harzige, balsamische Düfte heran. Sie durchquerten den Wald, eilten über eine Lichtung und durchstreiften ein Alfalfafeld. Links von ihnen senkte sich das Gelände, und strohbedeckte Lehmhütten warfen das Mondlicht zurück, da hielten sie sich mehr nach rechts und trailten am Waldsaum entlang.

Je länger sie marschierten, umso ausdauernder schien Tude Warren zu werden. Nur selten blickte er sich nach seinem Begleiter um. Ihre Kleider waren fast trocken.

Eine gute Stunde verging, da machte Warren halt, zeigte auf einen riesigen Heuschober und sagte gedehnt:

»Sonny, dort hat dein Gaul zu fressen, und wir können uns ausruhen. Wenn wir jetzt noch …«

»Habe noch etwas Dörrfleisch, zäh wie Leder … und als Beilage einige Maiskolben!«, knurrte Gull, und Tude lachte fast herzlich dazu. Sein Mund klappte auf und er schnarrte:

»Ich esse sogar meinen Stetson, schmore und brate ihn. Wenn es sein muss … koch’ ich daraus ’ne feine Brühe und mach’ aus dem Filz ’nen Rinderbraten. Habe in Alaska meine eigenen Stiefel gekocht, Sonny, und … sie haben mir nicht besser geschmeckt.« Tude Warren grinste und hieb kräftig ein.

Die krumme Sichel des Mondes segelte am nächtlichen Dom dahin. Myraden Sterne hatten sich an die strahlende Kuppel des Firmamentes geheftet. Silberflor lag wie verträumtes Licht über der Landschaft, und dort, wo der Fluss dem Rio entgegeneilte, stiegen dunstige, wallende Nebel auf.

Die Schatten der Männer verschmolzen mit dem Schlagschatten des Heuschobers, je länger sie saßen, desto drückender wurde ihr Schweigen. Fast war es so, als belauerten sie sich schon.

»Wir brauchen noch einen Gaul und Proviant!«, brach Tude die knisternde Spannung. »Wir können uns nirgendwo sehen lassen und …«

»Der Trail ist hier zu Ende!«, stieß Gull heraus, stand auf, ging zu seinem Grauen hinüber, holte aus der Satteltasche den Schützbeutel und wickelte sein Rauchzeug aus.

»Du irrst, Sonny. Er fängt jetzt erst an!«, tönte es ruhig zu ihm hin. »Dein Grauschimmel trägt uns nicht beide. Wir brauchen noch ein Tier, weil …« »… unser gemeinsamer Trail ist hier zu Ende«, beharrte Gull mit zischender Stimme. »Auf RioWort! – Wir werden hier bleiben und warten, ob man uns in Ruhe lässt, und wenn die Sonne aufgeht, werden wir es mit den Colts austragen, Warren. Wo hast du die Schmuckkasette? Ich werde sie …«

»Du hättest sie dir nehmen können, Sonny. Sie war in der Satteltasche des Wallachs«, grinste Tude verhalten, fing den Tabaksbeutel auf, drehte sich geschickt ein Röllchen, lachte genussvoll über den Rand des Papiers, zertrat die Glut des Hölzchens gewissenhaft und drehte sich ab.

»Gut denn, Sonny. Die Nacht ist noch nicht zu Ende … so long!«

Warren dehnte und reckte sich, blies den Rauch aus Nase und Mund, gähnte.

»Wo willst du hin?«, erkundigte Gull sich misstrauisch.

»Auf den Schober. Ich schlafe im Gebälk. Es ist dort gemütlicher … wenn dein blutgieriges Gemüt hier unten bleibt.«

»Lass es dir nicht einfallen, zu verschwinden. Du kommst nicht weit«, drohte Trinned leise, und Warren lachte. Es war ein gefährliches, eigenartiges Lachen, das in der Kehle erstickte.

»Du kannst ja aufpassen, Sonny!«

»Das werde ich! Zum Teufel, warum willst du auf den Schober hinauf?«

»Weil in dieser Nacht noch allerlei passieren wird!«, antwortete Tude Warren und verschwand.

Etwas später hörte Gull, wie es oben im Gebälk leise raschelte, dann drang die leise Stimme des Desperados zu ihm herunter:

»Sonny, man hat von hier aus eine schöne Aussicht. Pass auf, dass du nicht aus Versehen fest einschläfst. Heh, hab mal gehört, dass ein gesunder Bursche sich zum Schlafen hinlegte und am nächsten Morgen als Leiche aufwachte. – Komisch, wie?«, spottete er gurrend und raschelte aufreizend mit seinen Waffen.

»Es wird mir ein Vergnügen sein, dir aus den Stiefeln zu helfen, Warren«, knurrte Gull wütend und rollte sich zusammen.

»Das ist ein Wort, Sonny. Falls deine Kugel meinen Astralleib auf Wanderung schickt, ziehe mir bitte die Stiefel aus. Habe immer Albdrücken, wenn ich daran denke, dass ich mit Stiefel und Sporen vor meinen Ahnen erscheinen könnte. Du musst nämlich wissen, meine Ahnen waren gesittete Leute. Nur ich bin gewissermaßen aus der Art geschlagen, und das werden sie mir sehr verübeln!«

Wieder klang das seltsame, erstickte Gelächter auf, dann war es ruhig, still, und nur die Zikaden summten ihre eintönige Melodie.

Der scharfe Geruch des Heus kitzelte Gulls Nase. Nicht weit von ihm entfernt stand der Grauschimmel. Damnit! Es war eine anstrengende Nacht, und die Müdigkeit sog sich in ihn hinein, als sei er ein Schwamm. Groß und schwarz wuchtete der Schober in den gestirnten Himmel hinein, und die Wärme war wie ein belebender Strom.

Die Augen fielen ihm zu. Gull kämpfte gegen die Müdigkeit, hörte wie aus weiter Ferne das erstickte Gelächter Tude Warrens; dann marterten ihn grässliche Träume:

Eine gestreifte, korallenrote Vinagrillo kroch auf ihn zu. Der kleine, schwarze Kopf mit den tückischen Augen trug plötzlich die Züge Tude Warrens.

Gull hob die Faust, um das hässliche Ungetüm, das überall, wohin es kriecht, ein starkes Gift hinterlässt, zu töten, zerschmetterte den Kopf des Kriechtieres und in Todeszuckungen wand sich der schleimige Körper um sein Handgelenk. Gull wälzte sich im Fieber, wollte ihn abschütteln, wollte ihn vom Ekel gepackt weit von sich werfen – und dann war es plötzlich nur noch die Korallenkette, die die rote Hexe von Seatle-City um den Hals getragen hatte und die jetzt an seinem Handgelenk baumelte.

Schweißgebadet lag er da. Benommen richtete er sich auf, strich sich das Heu aus dem Haar, sah schnell zum Himmel hin. Dunkel und wolkig war er, hatte sich überzogen.

Schatten schoben sich heran, glitten vorüber. Mit einem Satz war er auf den Beinen, presste sich an die Heuwand und erkannte erst jetzt, dass es Rinder waren, die schnell und eilig vorbeihuschten. Gebogene Hörner und knochige Rücken schaukelten. Dumpfes Muhen durchschnitt klagend die Stille, und der Platz, an dem der Grauschimmel gestanden hatte … war leer.

Ein grimmiges Knurren brach tief aus seiner Brust.

Lähmende Starre befiel ihn, fesselte ihn, und dann brach es dumpf aus ihm hervor:

»Auf Rio-Wort! Warren, du hast es gebrochen. Deine Fährte endet da, wo du vor meine Stiefel zu liegen kommst!«

Seine Zähne knirschten und seine Augen flogen zu den Rindern. Mit wuchtigen Sprüngen flog er hinter einem Reiter her, der langsam die Rinder antrieb.

Wut und Enttäuschung rissen Gull vorwärts, trieben ihn hinter die Silhouette des Mannes, ließen ihn hinter den Reiter aufspringen.

Erschreckt brach das Tier mit der Hinterhand ein. Gulls Faust krachte an die Schläfe des Reiters. Verlöschendes Stöhnen wehte durch die Nacht. Der Mann sank zusammen, und Gulls Schenkel zwangen den fremden Gaul zur Ruhe, trieben ihn zum Heuschober zurück.

»Amigo, du hast es eilig mit deinen Rindern«, gurgelte Gull und richtete den Burschen auf.

»Caramba …«, murmelte der. Jäh richtete er sich auf, griff nach den Eisen, und in der Bewegung stockten seine Hände, versteifte sich sein Körper, weiteten sich seine Augen, erstickte der Fluch in seiner Kehle. Drohend zeigte die Coltmündung Gull Trinneds auf seine Stirn.

»Amigo, du hast es eilig?«, wiederholte er dumpf.

»Si …«, fauchte es zurück.

»Mitten in der Nacht treibt man keine Herde«, sagte Gull sanft, und die Augen des Mannes wurden beweglicher als seine Zunge.

»Du bist nicht der Alkade … du bist ein Gringo … genauso einer wie Tude Warren …«, fauchte es zurück.

»Ich habe etwas gegen Rinderdiebe, Amigo!«, knurrte Gull weniger freundlich.

»Es sind meine Rinder, und ich treibe sie, wann es mir passt«, fuhr der Mex auf. »Schauen Sie dorthin, Señor, vielleicht sagt Ihnen das etwas!«

Unwillkürlich folgten Gulls Blicke der weisenden Hand. Dort, in der Richtung, aus der die kleine Herde gekommen war, färbte sich der Himmel, wurde von Sekunde zu Sekunde leuchtender. Die tiefe Wolkendecke nahm purpurne Röte an. Der Himmel loderte, brannte, war der Widerschein eines grausigen Geschehens, denn dort, wo er sich färbte, tanzte der Teufel, war der Tod, zerfiel ein Dorf in Rauch und Asche.

»Wer hat das getan …?«, keuchte Gull.

»Tude Warren, Señor. Und ich konnte mit meiner Herde entkommen. Ah, er ist ein Teufel … Er kam mit vielen Reitern …«

»Wann!?«, donnerte Gull Trinned, und die Worte des Desperados klangen in ihm nach.

»Vor einer Stunde, Señor«, stammelte der Mex und seine Hand fuhr über die Augen. »Ich war gerade im Schuppen, um nach meiner Milchkuh zu sehen. Mein Sohn fiel vor der Tür, und meine Frau erwischte es, als sie sich zu mir hin retten wollte … Was wollen Sie von mir, Señor?«

»Nichts … gar nichts … reite weiter und bring deine Herde in Sicherheit, Amigo … presste er sich ab, und in seinen Augen erschien etwas, was er selber kaum ahnte. Drohend, hart, entschlossen richtete er sich auf, schob die Eisen wie mechanisch in die Holster zurück.

»Ich bleibe, Amigo, reite nur …«, murmelte Gull heiser und wandte sich ab, bohrte seine brennenden Augen in das Rot da hinten und schlug die Zähne in die eigenen Lippen.

Und irgendwie spürte es auch der Mex. Er stand auf und trat neben ihn.

»Señor … bleiben Sie nicht allzu lange in der Gegend, in der der Teufel reitet. Morgen wird das ganze Grenzland in Aufruhr sein, und für jeden Fremden ist es gefährlich. Jeden wird man für Tude Warren halten. – Jeden, der nicht braun ist wie ich.«

»Man wird Tude Warren doch kennen?«

»Sie haben die gleiche Figur, Señor. Kommen Sie mit zu meinem Bruder, warten Sie so lange, bis Ruhe eintritt und reiten Sie erst dann weiter.«

»Ich muss bleiben …«

Der Mex wandte sich zögernd, hastete dann zu seinem Gaul und schwang sich eilig in den Sattel.

»Überlegen Sie es sich! – Drei Meilen nach Süden stoßen Sie auf das Haus meines Bruders. Man wird Sie willkommen heißen, Señor!«, rief er und hetzte der Herde nach.

Der Hufschlag verklang. Gull Trinned war allein. Allein mit seinen aufgewirbelten Gedanken. Kalter Schweiß trat aus allen Poren, und Kälte war in ihm, unheimliche Kälte, tödliche, eisige Starre.

Er hatte sich täuschen lassen, hatte auf das Wort eines Desperados vertraut. Hatte ihn wegen des Wortes nicht in die Hände der Verfolger fallen lassen, und zum Dank dafür suchte der Rowdy hier in der Nähe und fand seine Crew. Der blutrote Himmel war sein Fanal, sein Werk!

Gull schluckte den Ekel in sich hinein, würgte. Seine Hände spreizten sich über den Coltgriffen, dann schlossen sie sich zu Fäusten, die drohend gen Himmel wiesen.

»By Jove! Gib acht, Warren! Ich werde nicht eher ruhen, bis du vor meinen Füßen liegst. – Auf Rio-Wort!«, murmelte er mit zuckenden Lippen. Der leise Nachtwind nahm ihm die Worte von den Lippen und trug sie weiter.

»Rio-Wort«, raunte es aus dem Blätterdach uralter Bäume.

»R i o-W o r t«, wisperten die Gräser, flüsterten die Palmettas, echote es von dort her, wo der Himmel die Feuersbrunst einfing und …

»Rio-Wort«, forderte das Rot im brodelnden Odem der Nacht.

 

 

8. Kapitel

 

Im Osten graute es. Die Wolken hellten sich auf. Tastende Lichtstrahlen fingerten über das Land hinweg, als Gull sich schwerfällig erhob.

Plötzlich warf er den Kopf auf, lauschte. Von dort her, wo der Himmel immer noch den Brandherd widerspiegelte, schwoll pochender Hufschlag durch den Morgen, kam näher und näher.

Nach dem Rhythmus zu schließen, waren es zwei Pferde, die sich näherten. Noch verbargen die wogenden Nebel Tiere und Reiter.

In Gull Trinneds bewegungslose Gestalt kam Leben. Mit kurzen, schnellen Schritten brachte er sich in eine Position, die es ihm, ohne selber gesehen zu werden, gestattete, die Reiter zu beobachten.

Violette, orangefarbene und blaue Lichter gleißten. Das Licht brach sich im Tau und warf die strahlenden Farben des Regenbogens nach allen Seiten. Das zarte Grün der Uferweiden wurde goldig überhaucht, und weiter im Süden verblasste der purpurn-getönte Himmel, verdüsterte sich, malte auf die Wolkendecke schwarze und braune Flecken in abstoßender Hässlichkeit.

Rauch war es, Qualm, der aus schwelenden Trümmern emporstieg.

Gull Trinneds Augen wurden dunkel. Er nahm den Stetson ab und ließ den Wind in sein leicht angegrautes, welliges, schwarzes Haar fahren.

Rumorend stampfte es über den Saumpfad der Uferböschung hinweg. Manchmal klang es hell und schwingend, dann wieder schluckten Grasnarben den Hufschlag.

Undeutlich schälte sich die Silhouette eines Reiters, der einen Gaul an der Longe mit sich führte, aus dem Dunst.

Gull Trinneds Augen bohrten sich in die auf und nieder wallenden Nebelschwaden. Sein Herzschlag stockte.

Von tausend Pferden hätte er sein eigenes am Gang erkannt, und das Pferd dort, das sich im Nebel näherte und dessen Umrisse kaum zu erkennen waren, war sein Grauschimmel.

»Rio-Wort«, murmelten seine Lippen.

Yeah, das war es.

Der magische Bann des Wortes zwang Warren zurück. Mord, Schändung und Totschlag hielten ihn nicht auf. Feuersgluten und die eigenen Leute brachten ihn nicht davon ab.

»Rio-Wort« … Und der Teufel kam zurück, um sich zum Kampfe zu stellen.

Heiser lachte Gull Trinned. Es war nicht ausgeschlossen, dass Warren im Vertrauen auf das Wort des anderen in einigem Abstand seine Killer aufmarschieren ließ.

Goddam! Zuzutrauen war es ihm, wenngleich auch nichts zu hören war. Leute, die die Grenze in Aufruhr brachten, die mit Guerillas Hand in Hand gingen, mit Rustler und Rowdys zusammenarbeiteten, kannten genügend Tricks, um den Hufschlag ihrer Gäule lautlos zu machen.

Ein eigenartiges Frösteln schüttelte ihn, und doch brannte es in ihm, als ob glühende Lava durch seine Adern pulste. Die Innenflächen seiner Hände wurden schweißig. Die Fingerspitzen kribbelten, und in seiner Kehle steckte etwas, was nicht zu schlucken war.

Er wusste genau, dass dieser fast lähmende Zustand von ihm abfallen würde, sobald er der Gefahr ins Auge sah.

Gull war ein Kämpfer, ein Mann mit schnellen Eisen, und doch warf ihm jeder Kampf dämonische Schatten zu, die sich zu fast unüberwindlichen Hindernissen auftürmten, ihn zu ersticken drohten. Er fühlte dann die unmittelbare Nähe des Todes. Sie drang in ihn ein, breitete sich aus, krallte sich fest, und wenn seine Eisen dann das Blei herausgejagt hatten, blieb ein übler, galliger Geschmack in ihm zurück.

Hart und kantig war sein Gesicht, straff lag die Haut an, und unter ihr bebten die Muskeln, zuckten die Nerven. Seine Augen waren eng, lauernd, wach, und um den Mund spielte ein sonderbares, fast diabolisches Lächeln. Die etwas hochgezogene Oberlippe unterstrich den Eindruck.

Sprungbereit, gleich einer lauernden Wildkatze stand er in der Deckung, wartete, hielt den Atem an, war zu einer Bildsäule erstarrt, die jeden Augenblick zu höllischem Leben erwachen konnte.

Und langsam kam der Reiter näher, viel zu langsam für Gull Trinned, dem die pochenden Hufschläge die Melodie des Schicksals, des Todes schienen.

In wenigen Minuten würde einer von ihnen fallen.

Nicht für Pesquita, nicht für Don Pedro würde Gull diesen Kampf austragen, er kämpfte um mehr … um die Ruhe der Menschen.

Der Reiter schälte sich aus dem Dunst, hob sich in den Steigbügeln auf, blickte zum Heuschober herüber und hielt die Pferde an.

Schwarz, unpersönlich, verdeckend war der Schatten.

Der Grauschimmel an der Longe witterte mit gestrecktem Kopf und angelegten Ohren herüber, stieß ein freudiges Schnauben aus.

Gull reagierte nicht. Stocksteif blieb er stehen. Nur seine Lippen zitterten etwas, zeigten an, welcher furchtbare Grimm, welcher Vulkan der Leidenschaft in ihm tobte.

Er hasste diesen Mann plötzlich, hasste den Mann, der sich halb im Nebel verbarg, der sich scheute, sein Gesicht zu zeigen, der hinter spottender Kälte alles verbarg, was ein Mensch an Gefühlen in sich trug.

Tude Warren trieb vorsichtig die Pferde an. Schritt um Schritt kamen sie näher, zögerten, als fühlten sie mit sicherem Instinkt das Verhängnis.

»Heh, Sonny?«, klang Warrens Stimme auf. Wieder brachte er die Pferde zum Halt, wurde unruhig, hob die Rechte bis zur Brust und ließ sie resigniert fallen. Unmittelbar hinter seinem tiefgeschnallten Eisen blieb sie liegen, kroch zum rechten Kolben hin.

Das Schweigen machte ihn stutzig, riss ihn im Sattel hoch.

»Steig ab!« Gull Trinneds Stimme traf ihn wie ein Peitschenschlag.

Es waren nur zwei Worte. Aber in diesen beiden Worten schwang eine nicht zu überhörende, tödliche Drohung, schwang die Kälte eines Gletschers mit.

»Das ist ein übler Empfang Gull Trinned«, keuchte Warren überrascht und konnte das Grinsen nicht verbergen. Hast wohl schlecht geschlafen, wie?«

»Steig ab!«, klang es fordernd, abgehackt, rau.

»Himmel, du fauchst wie ein Tiger, der seine Tatzen gebrauchen will. Sonny, habe mir nur deinen Grauen ausgeliehen, wollte ihn etwas in Schwung halten. Habe gehört, dass Bewegung für Pferde …«

»Was du gehört hast, interessiert nicht. Ich weiß, woher du kommst, das soll dir genügen!«, unterbrach Gull brüsk.

»Well, habe mir auch meine Gedanken über das Feuerwerk gemacht, Sonny.«

Gull trat aus der Deckung, stand breitbeinig, etwas vorgeneigt mit hängenden Schultern und stierte den Reiter mit entstelltem Gesicht an. Grellrot flammte es von der Hüfte.

»Herunter vom Gaul!«, brüllte er mit überschnappender Stimme. Fuchtelte mit dem Colt, hob den Lauf etwas an und blies die dünne Rauchfahne aus der Mündung.

»Sonny, du hast mir Durchzug verschafft«, krächzte Warren und zog mit unwahrscheinlicher Ruhe den Stetson von den Haaren, bohrte zwei Finger in die Schusslöcher und schien unbeeindruckt zu sein. Auch jetzt grinste er zynisch, lachte er lautlos vor sich hin.

»Du bist schnell, Sonny … aber für mich nicht schnell genug«, betonte er eigenartig. Stülpte jäh den Stetson auf, legte beide Hände um das Sattelhorn und beugte sich etwas vor. »Wenn ich absteige, Sonny, hast du keine Chance.«

»Steig ab und beweise es!«

»Du wedelst noch mit der Kanone herum, Sonny.«

Gulls Zähne knirschten aufeinander, seine Augen schlossen sich zu Schlitzen. Mit einem grellen Auflachen stieß er die Waffe in das Futteral zurück.

»Zufrieden?«, barschte er.

»Yeah, Sonny. Es sollte mir leidtun, wenn ab heute die Sonne durch dich nicht mehr scheint!«, klang es weich.

Hohn, triefender Hohn war das.

Manchem Kämpfer war Gull auf seinem Trail begegnet, doch kein Mann konnte sich mit Tude Warren messen, keiner hatte seine Ruhe und seine Kaltblütigkeit. Der Mann war unheimlich, strahlte eine Kälte aus, fürchtete weder Tod noch Teufel.

»Sonny, ein Wort von Mann zu Mann: Steig auf, wir reiten!«

»Nein«, biss Gull zu. »Wir tragen es aus, jetzt sofort!«

Tude Warren gab sich einen Ruck. Etwas schien von seiner Ruhe abzufallen, wütend stieß er hervor: »Du wirst es bereuen, Gull. Verdammt, du sollst es bereuen!«

Das raue Lachen beider Männer vereinte sich, brach unvermittelt ab. Fast schwerfällig glitt Warren aus dem Sattel, schlug mit der flachen Hand den Staub von seinen Chaps.

Erst jetzt erkannte Gull Trinned, dass der gefürchtete Desperado nicht größer war als er auch. Hochaufgereckt stand er da, ließ ihn nicht aus den Augen.

»Zieh, Warren!«

»Nach dir, Sonny«, krächzte er heiser.

Einen Moment nur schwiegen sie, prüften sich reglos.

Gull Trinned nickte schlicht, öffnete den Mund.

»Warren, wir sind keine Schießer, die sich mit üblen Worten in Stimmung bringen müssen«, sagte er scharf. »Ich habe dein Rio-Wort. Du wirst es halten … jetzt … sofort!«

»Nein …«, fauchte Tude Warren und streckte die Hände weit von sich und in diesem Augenblick schwoll prasselnder Hufschlag auf, kam mit rasender Geschwindigkeit näher.

Gull Trinned riss es hoch, knirschend mahlten sich seine Zähne gegeneinander. Bitter klang seine Enttäuschung in den Worten nach.

»So hast du es dir gedacht, Warren … deine Killer sollen mich nicht erledigen.« Du bist ein feiger Coyote, Tude Warren. Heraus mit den Eisen – oder schluck es so!«

Warren duckte sich. Seine Hände bebten, aber sie stießen nicht zu, krallten sich nicht um die Kolben, rissen sie nicht heraus. Starr sah er zu Gull herüber. Ohne ein Wort zu verlieren wandte er sich jäh um, wollte an seinen Falben.

Wilde, die Trommelfelle lähmende Detonationen dreier Revolverschüsse, in rasend schneller Folge abgefeuert, bellten auf. Rechts und links fegten die Kugeln an Warren vorbei.

»Dreh dich herum«, donnerte Gull. »Dreh dich um, du Schuft, sonst bist du der erste Mann, den ich in den Rücken treffe.«

Warren drehte sich nicht herum, machte auch keinen Versuch zu den Eisen zu greifen, warf einen Fluch über die Schulter.

»Du verteufelter Narr, du wahnwitziger …«

Ätzender noch als Gift waren die Worte. Sie fraßen sich stechend in Gull hinein, rissen ihn vorwärts, trieben ihn. Seine Faust verkrallte sich in Warrens Hemd.

»Dreh dich herum«, gurgelte Gull in maßlosem Zorn, der ihn fast erstickte, wollte Warren herumreißen, ihn zwingen, Mann gegen Mann zu stehen. – Und Warren war ein Fels, ein Granitblock, stand wie an die Erde festgeschmiedet. Das Hemd riss mit einem Misston von oben bis unten entzwei.

Und der Rücken darunter klaffte auseinander wie eine riesige Wunde. Narbe an Narbe, grellrot und leuchtend. Narben, die nur eine Bullpeitsche reißen konnten, bedeckten den Rücken. Der Anblick war grauenhaft, niederschmetternd, war kaum zu ertragen, lähmte Gull für Sekunden … für Sekunden, die ausschlaggebend waren, die die Hölle herantrugen.

Und eine der Narben kannte er, kannte er zu genau.

Er war wie von Sinnen. In das Dröhnen seines eigenen Blutes hieben die trommelnden Hufschläge der heranrasenden Reiter. Feuerzungen sprangen auf. Blei schwirrte durch die Luft und das Krachen der Winchester schien Warren herumzureißen … Hoch an der rechten Schulter wurde das Hemd zerfetzt. Ein roter Quell sprang auf, färbte und tränkte die Stofffetzen.

»Sie haben mich erwischt«, klang es rau! Mit einer fast wilden, verzweifelten Bewegung warf sich Warren herum.

»Mein Gott …«, schrie Gull stöhnend auf. »Fred, Bruder …«

»Yeah Sonny … heraus mit den Eisen, jetzt gilt es!«, hörte er wie im Rausch, und die schreckliche Erkenntnis, dass Tude Warren sein eigener Bruder war, den er suchen sollte, lähmte Gull nicht, sondern ließ den tobenden Vulkan in seinem Innern zum Ausbruch kommen.

»Auf die Pferde schießen«, hieb es zu ihm hin, »Es ist unsere einzige Chance!«

Gull nickte, sprechen und Antwort geben konnte er nicht mehr, sah noch, wie Fred mit der Linken rasend schnell seinen Colt lüftete, wie tief aus seiner Hüfte orangenrote Flammenzungen aufgrellten, doch dann stießen auch seine Eisen das Blei hinaus, schmetterten ihre dröhnende Sprache und durch die wogenden Nebelschleier vor seinen Augen hindurch sah er, wie Pferde zusammenbrachen, wie andere auf die Hinterhand hoch gingen oder jäh herumgerissen wurden.

Ein scharfes Klicken in seiner Faust gemahnte ihn. Die heisere Stimme seines Bruders riss ihn aus dem Taumel, ließ ihn herumwirbeln.

Seltsam verkrümmt saß Fred Trinned im Sattel, warf ihm die Zügel seines Grauschimmels zu, hob die Linke, jagte neu eine Schussserie in den Pulk der Reiter.

Unter diesem Feuerschutz gelang es Gull, auf den Rücken des Grauen zu hechten. Heiß streifte es an ihm vorbei. Kugeln umsummten ihn wie erregte Hornissen.

»Reite!«, schrie er und riss seinen Grauen auf die Hinterhand. Wie von selbst sprang ihm die Winchester aus dem Seabbard in die Faust. Ein, zwei Schüsse jagte er noch hinaus, dann presste er dem Tier die Absätze in die Weichen, stürmte hinter Fred her, holte auf, lag etwas später an der Seite des Falben, und beide Tiere schluckten Raum und Weite, gaben den verwirrten Verfolgern gewirbelten Staub zu kosten.

»Der Wald kann uns retten …!«, keuchte Fred.

Gull nickte schweißgebadet. Wie irre liefen seine Gedanken durcheinander. Immer wieder saugten sich seine Augen an dem Bruder fest.

Wie lange würde der noch im Sattel aushalten, wie lange würde er es ertragen?

Zusehends vergrößerte sich der Fleck an dessen Schulter, und dennoch gab Fred nicht auf, grinste sogar verzerrt … aber er grinste und rief Gull durch den Reitwind zu:

»Sagte dir, dass du hirnverbrannt bist, Gull, sagte, dass du es bereust. Wollte nicht, dass du erfährst, wer hier als Tude Warren lebt. – Jetzt weißt du es, und jetzt wirst du es verdauen. – Heh, hättest in Montana bleiben sollen … Dort oben ist die Luft gesünder …«

Zwei Stunden ritten sie scharf. Immer wieder wollte Gull haltmachen, wollte den Bruder verbinden, doch der zeigte ihm nur grinsend die Zähne.

»Weiter, Sonny, wenn sie uns erwischen, ist Holiday«, forderte er und klammerte sich an den Falben.

»Verdammt, du bist hart«, fauchte Gull.

»Man hat mich dazu gemacht, Sonny …«, grinste Fred, und nach abermals zwei Stunden fiel er fast aus dem Sattel. Erst im letzten Moment konnte Gull die Tiere stoppen und ihn auffangen.

»Sie haben dich ganz schon erwischt«, murmelte er und presste den Bruder an sich, wollte ihm den Verband mit Gewalt aufzwingen.

»Ist nur ein Kratzer«, wehrte Fred ab und versuchte, sich zu befreien. Es gelang ihm nicht. Der Blutverlust hatte ihn ausgehöhlt, untergraben. Seine Kräfte waren dahin. Aber sein Verstand war ungetrübt, lehnte sich gegen die Schwäche auf.

»Wir müssen weiter, Sonny, sie werden uns zerreißen … sie sind noch immer auf unserer Spur …«

»Yeah, wir werden reiten, wenn ich dich verbunden habe, Fred«, murmelte Gull hart und schleppte den sich mühsam aufrecht Haltenden in ein Dickicht, durch das sie wenigstens etwas gegen Sicht geschützt waren und das sie im Notfall günstig verteidigen konnten.

Fred riss sich los, wollte nicht aus dem Sattel. Sein Gesicht war angespannt, verzerrt, und kaum berührte er den Boden mit den Sohlen, als er einknickte und lang hinschlug.

»Dein Stolz bringt dich schnell einige Yards unter die Erde«, fuhr Gull auf. »Dein verdammter Stolz war es, der dich von zu Hause forttrieb …«

Mit fliegenden Händen riss er sein Verbandszeug auf, steckte einen Pfropfen aus Mull in das Einschussloch, legte einen festen Verband darüber, ließ die Kugel in der Wunde.

Unruhig tänzelten die Pferde, blickten herüber, schienen zu ahnen, dass Zeitversäumnis den sicheren Tod bringen konnte, stampften mit den Hufen, schnauften wie zur Eile und Warnung.

»Sonny, wirf dich in den Sattel, lass mich liegen!«, tönte es über verkrustete Lippen.

»Ich habe Dad versprochen, dass ich dich nach Hause bringe. Du sollst wieder hinter Kühen reiten, Fred. – Nach fünfzehn Jahren wieder hinter deinen eigenen Kühen, hörst du?«

Überraschung malte sich in die verhärmten, abgezehrten Züge des Verwundeten. Das Haar des älteren Bruders war stark ergraut … In den tiefen Augenhöhlen glomm es seltsam auf.

»Sonny … das … das ist …«

»Es ist wahr, so wahr, wie ich bei dir bin. Dad hat es bereut, hat es immer wieder bereut, dass er dich von sich stieß. Er weiß schon lange, dass du damals die Herde nicht mutwillig verlassen hast …« Fred winkte ab, spröde war seine Stimme als er hervorstieß:

»Yeah, ich habe die Rinderdiebe verfolgt, Sonny … aber ich war jung und kein Revolvermann … Sie haben mich in die Zange genommen, und wenn du die vernarbten Wunden gesehen hast, dann weißt du, wer sie mir beigebracht hat … Ich habe viel gelernt, habe nicht aufgegeben. Drei Rustler schickte ich auf den langen Trail, drei leben noch … und …«

»Wo kann ich sie finden?«, forderte Gull.

»Bei Rita McDunn. Es sind ihre Leibwächter, Sonny, well, steig auf und reite …«

»Fred … du bist des Teufels … Dad verlangt nach dir. Er überlässt dir die Ranch und du, verdammt, du willst dich hinlegen und sterben!« »Meine Eisen werden noch arbeiten bevor ich aus den Stiefeln fahre, Sonny … reite!«

»Den Teufel werde ich«, zischte Gull. Ein Knäuel steckte in seiner Kehle. Er schluckte und konnte es nicht hinunterwürgen. Es war bitter, bitter wie Galle – dieses Zusammentreffen mit dem Bruder, auf dessen Gesicht Leid und Schmerz tiefe Runen gegraben hatten. Und wenn ein Mann durch die Hölle gegangen war, wenn ein Mann aus der Hölle zurückkehrte, dann war es Fred. Man sah ihm an, sah es an seinen Augen, die alles Grauen der Welt geschluckt hatten und die starr auf Gull gerichtet blieben.

»Fred …«, fragte Gull unsicher. »Was ist mit Tude Warren … was ist damit?«

»Sieh meinen Rücken an, Gulliver.«

»Ich habe ihn gesehen, Fred …«, krächzte Gull verstört. »Wer hat das getan?«

»Der Mann, der mich zu ›Tude Warren‹ stempelte, Sonny …«

»Dann … dann bist du … Tude Warren?« In Gulls Augen tanzten irre Lichter.

Hart lachte Fred als er sie sah. Sein ausdrucksloses Gesicht wurde zur steinernen Maske.

»Rede …«, hauchte Gull fordernd.

»Tude Warren? … Sonny, ich bin Tude Warren … aber nicht so wie du, wie alle von ihm denken. Wenn man dich beißt, beißt du auch zurück … Well. Ich habe dich beobachtet. Du bist Gift für alle Revolverleute … Habe manchen Mann mit einem glatten Zug gesehen, Sonny, und alle hatten ihre Eigenarten, aber du übertriffst sie alle, bist wie ein Raubtier. Du hast deinen Reigen getanzt, als es darauf ankam … und bei mir kommt es auch darauf an … Man hat mich durch die Hölle gehetzt. Don Pedro nahm mich in seine Mannschaft. Ich war ihm verpflichtet, denn er holte mich aus einer ekligen Lage heraus, setzte mich dafür auf die drei Killer im Paradies an …

Ich habe den Auftrag nicht ausgeführt, habe meinen Auftrag nicht ausführen können … Und Don Pedro lag auf der Lauer. Du hast meinen Rücken gesehen, Bruder?«

»Er war der Schuft?«

»Yeah … seine Peitsche hat meinen Körper gezeichnet. Er machte mich zu Tude Warren und mordete unter dem Namen, raubte Herden, verbrannte ganze Siedlungen und lenkte den Verdacht auf Tude Warren, lenkte ihn auf mich. Sogar der eigene Bruder war überzeugt, dass ich der Schrecken der Grenze bin.«

Er verstummte, schloss erschöpft die Augen, stöhnte unter Schmerzen, litt nicht nur unter der Wunde, nein, er litt unter der Qual der Seele.

»Don Pedro hat dich zu Tude Warren gemacht«, schrie Gull auf.

Fred nickte.

»Als ich zum Rio kam, nahm ich einen anderen Namen an und nannte mich Tude Warren. Erst seit drei Monaten hat mein Name diesen verruchten Klang …«, sagte er heiser. »Seit drei Monaten, als der Spuk an der Grenze begann.«

»Und wer … wer war es, der deinen Namen, deine Ehre und deinen Körper misshandelte?«

»Don Pedro, Gulliver.«

»Don … Pedro?«, echote es bedrückt, ungläubig, wirr.

»Yeah, er und seine Leute sind es, die die Grenze in Aufruhr halten. Er ist es, der Tude Warrens Namen weiterträgt, denn man fand mich nach einer ausgeführten Bluttat ohnmächtig zerschlagen. Er überführte mich pro forma, wollte mich hängen.

Ich konnte mich befreien – vielleicht war auch das Absicht –, und seitdem reitet Tude Warren unter meinem Namen, Gull … und mir sind die Hände gebunden!«

Schweigen lag zwischen den Brüdern, ein dumpfes, peinigendes, drückendes Schweigen, in das das leise Gesumme der Mücken und die zirpenden Laute kleiner Käfer hineintönten.

»Bruder … meine Hände gehören dir …kam es von Gulls Lippen. »Meine Eisen gehören dir …«

»Du wirst es schaffen, Gull. Du wirst Don Pedro stellen … Dein Wort, Gulliver, – Rio-Wort! für mich und sieh das andere an als Wort gegen den anderen Tude Warren. Hol ihn dir vor die Läufe, wenn ich …«

»Auf Rio-Wort«, murmelte Gull dumpf. Kopf hoch, Fred, wir müssen hier heraus … müssen …«, gellte es dann eindringlich. Fred hob den Kopf. Es war eine krampfhafte Bewegung.

»Sonny, du wirst allein reiten …«, sagte er schwach. Seine Stimme verlöschte, alles um ihn herum verschwamm, und der harte Körper begann zu erschlaffen.

Nur eine Sekunde stand Gull vor seinem älteren Bruder, dann klatschten diesem brennende Schläge ins Gesicht, auf den Nacken, auf die bloße Haut.

»Wach auf! Fred. Wach auf du …«, schrie er ihm zischelnd in die Ohren. »Willst du wie ein Coyote hier im Busch sterben? Willst du, dass ein Trinned aufgibt, bevor er die letzte Chance verspielt hat? – Du hast lange genug faul herumgelegen, Buddy. – Jetzt bin ich es leid. Steh auf! Trinned, kämpfe bis du zusammenbrichst … Kämpfe zuerst gegen dich!«

»Sonny, ich werde dich noch einmal zerreißen müssen«, gab Fred mit zuckenden Lippen nach und ließ sich stützen.

»Ah, halt deinen Mund … Hast nur ’ne Schramme, Boy, eine verdammt winzige Schramme und jetzt komm in den Sattel oder der Teufel holt dich. Heh! Wie war das mit deinen Ahnen? Wie war das doch eben?«, spottete Gull jetzt, packte ihn unter die Achseln, schleifte ihn mit sich. »Komm nur, Buddy, du hast nicht einmal einen Kratzer und verstellst dich wie ein läppisches Girl.«

Fred spürte, wie er hochgehoben wurde, wie ein schneidender Schmerz sich in ihn fraß und wieder glaubte er, die Sinne zu verlieren, und dann langte er jäh nach den Zügeln, begriff, dass sein Bruder ihn nur geschlagen hatte, um ihn aus seinem Dahindämmern herauszureißen. Dünn lächelte er vor sich hin.

»Wir sind noch nicht am Ende, Buddy«, herrschte Gull ihn an. »Du hast mir noch nicht gesagt, weshalb dich Pesquita Freddy nannte, was du und …«

»Der Teufel soll deine Eifersucht holen … Ah, sie ist bei dir genauso krankhaft, wie bei Don Pedro«, hetzte Fred heraus.

»Damit du es weißt … ich muss wohl im Schlaf gesprochen haben … und sie hat gelauscht, hat meinen Namen erfahren … Heh, hätte ich auch nur eine blasse Ahnung gehabt … ich hätte sie dir weggeschnappt.«

»So gefällst du mir schon besser«, murmelte Gull. »Ich glaube, du wirst auch noch schießen können!«

»Worauf du dich verlassen kannst«, bellte Fred. Aber es war scheinbar nur ein Aufflammen seines unverwüstlichen Willens. Sein Bewusstsein setzte aus, und als er wieder zu sich kam, ritt Gull neben ihm, beobachtete ihn mit verkniffenen Augen und zusammengepressten Lippen. Von irgendwo dröhnte Hufschlag, flatterte heran, riss ihn etwas hoch.

»Sie sind wieder …?«

»Vor, neben und hinter uns«, sagte Gull mit unheimlicher Ruhe. So als machte er eine unpersönliche Feststellung.

Fred schien den Sinn der Worte nicht zu begreifen. Die Bäume um ihn herum schwankten und tanzten, waren wie riesige Schatten, und der Himmel, der in kleinen Aussichten zwischen dem Laub der Bäume sichtbar war, wirkte wie Dunst und Nebel.

Himmel und Hölle … warum nur hatte der Falbe plötzlich einen so stockigen Gang? Warum nur?

Er musste sich ans Sattelhorn klammern, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, um nicht aus dem Sattel zu fallen.

»Hier, Buddy … trink … verdammt, es wird dir guttun!«, hörte er Gulls Stimme neben sich.

»Ich mag kein Wasser, Sonny«

»Es ist Whisky, Bruder!«

Fred griff nach der Flasche, setzte sie an. Heiß und feurig rann es durch seine Kehle. Für Sekunden war sein Hirn wie von Nebeln leergefegt, war er für die Vorgänge ringsherum empfänglich.

»Du hättest allein reiten sollen …«, brachte er heraus.

Gull sagte nichts, schaute ihn nur an …

»Yeah … ich halte dich nur auf, und wenn du mich mitschleppst, wirst du auch zugrunde gehen. Ich habe dein Wort, Sonny … dein Rio-Wort

»Was ich habe, geht dich einen Dreck an, Buddy … du hast dich in den Jahren nicht verändert … du willst immer noch mit dem Kopf durch die Wand, willst unbedingt einen Bocker reiten …«

Gull brach ab, lauschte, ging plötzlich ganz dicht an Fred heran, reckte sich horchend in den Steigbügeln auf und fragte dann hitzig:

»Wie fühlst du dich?«

»Gut … Nur etwas duselig. Verdammt duselig sogar. Wird am Whisky liegen. Hast eine zu starke Marke. Vielleicht Old-Crow-Older?«

»Vielleicht«, sagte Gull hastig. Jetzt war es nicht an der Zeit, zu erklären, warum und wieso seine Flasche 80-prozentiges Wasser enthielt.

»Du wirst reiten können?«

»Ich bin doch kein Säugling!«

»Galopp?«

»Yeah.«

»Dann versuch’s. Leg Tempo vor, Buddy … und leg dem Falben die Zügel um die Ohren … Auf geht’s!«

»Verdammt! Ich kann nichts sehen! Alles verschwimmt vor meinen Augen. Dein Whisky …!«

»Reit’ zu!«, donnerte Gull hart und blieb etwas zurück. Das Dröhnen seiner Waffen übertönte den Lärm der Hufe. Und dann waren sie wieder nebeneinander.

Unwirklich empfand es Fred Trinned. Zum Teufel, worauf schoss der Sonny denn? Wer klatschte auf die Hinterhand des Falben? Wer trieb den Falben zu einem unsinnigen, wilden Galopp.

Schwarz wurde ihm vor Augen. Abgrundtiefe Finsternis gähnte ihm entgegen. Der holprige, stoßende Galopp schleuderte ihn hin und her. Beide Fäuste krampften sich um das Sattelhorn. Eine lähmende Starre fraß sich durch seine Glieder, kroch das Rückgrat rauf.

Zweige und Gesträuch fetzten ihn fast aus dem Sattel, und immer noch bellten Gulls Kanonen, bellten den Takt zu diesem wilden Ritt.

Schatten und Lichter wischten an ihm vorbei, huschten unter fliehenden Hufen davon. Manchmal konnte Freds Hirn für Minuten klare Bilder aufnehmen. Einmal sah er ein welliges Tal und grünes Gras, dann wieder Buschwerk und Sand und plötzlich Kakteenfelder, die sich bis in die Unendlichkeit des lichtblauen Himmels hinzogen.

Die Schmerzen in ihm wurden unerträglich. Er hätte schreien mögen … wild, hemmungslos, wie ein Tier brüllen können. Wenn er sich einfach fallen ließ, würden Gras oder weicher Sand ihn aufnehmen, betten. Und doch hielt ihn etwas im Sattel, eine Macht, die tief in seinem Innern steckte und zwang, die Qualen hinzunehmen.

Stunden verflossen. Die Sonne erreichte ihren Höchststand und immer noch jagten sie weiter, hemmungslos …

Fred ritt ohne Hoffnung, ohne zu begreifen, um was es ging. Er saß vornübergebeugt im Sattel und sank von einer Ohnmacht in die andere, blieb wie durch ein Wunder dennoch auf dem Rücken des Falben.

Die Sonne laugte sie aus, ließ den Schweiß verdampfen, sobald er aus der Haut trat. Ihr Licht brannte, stach in die Augen.

Lähmende Hitze durchjagte Fred Trinned, rasende Schmerzen, die jeden anderen Mann wahnsinnig gemacht hätten. Doch dann gab es eine Zeit, in der er keine Schmerzen mehr spürte, in der die Welt ringsum ein Abgrund war, in den er mit seinem Falben geradewegs hineinraste, in den er rasend schnell, wie in eine unendliche Tiefe fiel.

 

 

9. Kapitel

 

Er kam wieder zu sich, als glühende Schwerter ihn in der Schulter trafen. Fred riss die Augen auf, sah durch eine Nebelwand, wie Gull den alten Verband aufschnitt, die Wunde freilegte und mit geschickten Händen eine neue Kompresse auflegte.

»Reite weiter, halt dich nicht auf«, stöhnte Fred. Es fiel ihm schwer, etwas zu sagen. Die Zunge war ein dicker, aufgeweichter Schwamm, ein lebloses Etwas, war kaum zu bewegen.

»Höre doch und reite, sonst erwischen sie dich … und warum sollen sie dich auch noch erwischen?« »Sie sind außer Sicht, Fred, jetzt halt still. Du sollst nicht reden, nur den Mund halten!«, erwiderte Gull leise. Aus seiner Satteltasche holte er ein neues Hemd, zog dem Bruder das zerrissene aus und das Neue an.

»Wo sind wir?«, forschte Fred.

»In der Nähe des Rio, Buddy.«

»Kannst du gehen?«

»Besser als reiten. Der Falbe hat eine harte Gangart, hätte mir ein anderes Tier aussuchen sollen.«

»Du hast ihn gestohlen?«

»Ein hartes Wort, Sonny. Dieser Falbe gehörte Don Pedro. Er muss darauf verzichten!«

»Ich dachte, dass …«

»Wenn ich einen schädige, dann nur die, die in schmutzigen Geschäften stecken!«

Fred gab sich einen Ruck und kam ohne Hilfe auf die Beine. Der Himmel bebte über ihm, und die Erde begann sich zu drehen. Gequält lachte er auf.

»Ich kann dich nicht sehen, wo hast du dich versteckt!«

»Reiß dich zusammen, Fred, ich stehe vor dir und du starrst an mir vorbei!«

»Trotzdem kann ich dich nicht sehen!«, murmelte Fred. »Heh, Sonny, bind mich auf dem Falben fest, und dann weiter!«

»Es wird das Beste sein!«, murmelte Gull düster. »Das Aufgebot wird uns kaum durchs Buschland folgen!«

»Buschland?«

»Yeah!«

»Wir sind schon im Buschland?«

»Wir haben dreimal kampiert. Dreimal konnte ich dir eine Brühe kochen und musste sie dir zwischen die Zähne träufeln, weil du zum Essen zu faul warst, Sonny.«

»Sei still, los weiter!«, kicherte Fred heiser. »Es war also gut, dass ich den Falben und Proviant holte.«

»Ich werde durchhalten. Auf der anderen Seite des Rios steht ein Blockhaus, bring mich hin.«

»Allright!«

Sie sprachen nicht mehr. Wenige Minuten später brachen sie auf.

Dumpf stampften die Pferdehufe im abgestorbenen Laub. Wolken von Moskitos und Käfer fielen über sie her. Am brodelnden Atem des Waldes erkannten sie die Nähe des Rios.

Mühsam kämpften sich die Pferde durch das dichte Buschwerk.

Äste und Zweige brachen, Laub raschelte. Aus dem dunklen Unterholz flüchtete Getier. Ein Puma bäumte vor ihnen auf. Die Pferde scheuten schnaubend.

Plötzlich hielt Gull an, lauschte, schüttelte den Kopf, riss an den Zügeln.

»Sonny, was gibt es?«, forschte Fred gefasst. So gut er es vermochte, richtete er sich im Sattel auf.

»Find es selbst heraus«, krächzte Gull und lauschte mit angehaltenem Atem.

Weit in der Ferne kläfften Hunde. Undeutlich klang es herüber.

»Coyoten?«

»Du irrst. Es sind keine Coyoten. Es sind Bluthunde. Man hat sie auf uns angesetzt.

Gull zögerte nicht mehr, schwang sich in den Sattel. »Heh, lass dich ansehen, Fred … Du bist fit?«

»Ich denke …«

»Dann los!«

Es war leichter gesagt als getan. Überall war Busch, war eine grüne Mauer aus Laub und Zweigen, aus verfilztem Gehölz und Krüppelstämmen. Überall wogten Hindernisse und schleuderten ihnen ein hartes Halt entgegen.

Doch immer wieder gelang es, einen Pfad oder eine Lücke zu entdecken, hindurchzuwischen, vorwärtszukommen …

Der Rio war ihr Ziel. Irgendwo im Süden lag er, war die Rettung.

Gull arbeitete wie ein Berserker. Oftmals musste er einen Weg brechen, ehe sie weiter konnten, überall waren seine Augen, überwachten die Tiere und den Bruder, der schwerkeuchend im Sattel hing.

Schweiß brannte in seinem Gesicht, ätzte die Haut, füllte die Poren und verklebte das Hemd. Moskitos stachen zu, sie hatten keine Zeit, sich der Insekten zu erwehren, taten nichts dagegen, konnten es nicht.

Das ferne Gebell der Hunde schwoll an. Deutlicher konnte man es hören.

Gulls Gesicht verzerrte sich. Er machte die Waffen bereit, untersuchte sie mit mechanischen Bewegungen.

»Was tust du?«, fuhr Fred aus seinem Halbschlaf auf.

»Zähle die Patronen, Buddy.«

»Habe noch einige Päckchen«, murmelte Fred. Jetzt erst schien er zu begreifen. Rau, abgehackt, heiser wurde seine Stimme. Er versuchte ein Lachen, richtete sich auf.

»Weiter, Sonny!«, keuchte er erregt. »So kurz vor dem Ziel sollen sie ins Leere beißen!«

»Hoffentlich gerät nicht ein Stiefel von uns dazwischen«, knurrte Gull. »Wo ist deine Hütte, Fred?« »Der Rio ist nicht mehr weit. Gleich lichtet sich der Busch, dann können wir Galopp reiten.«

Mit verbissenem Eifer ging es weiter. Hinter ihnen wurde der Lärm lauter. Noch waren sie nicht aus dem verfilzten Gehölz heraus, noch kämpften sie mühsam weiter.

Gulls Hochachtung vor dem Bruder wuchs. Er hatte niemals geglaubt, dass er mit Fred bis zum Rio kommen würde, dass Fred trotz seiner Verwundung den Strapazen gewachsen sein würde. Die wenigen Meilen bis zum Rio waren nur noch ein Kinderspiel gegen das, was sie schon hinter sich gebracht hatten, und jetzt würden selbst die Bluthunde sie nicht mehr von der Richtung abbringen.

Himmel und Hölle, er hatte Dad versprochen, Fred nach Montana zurückzubringen. Fred musste heim! …

Wenn das hier erledigt war, würde er gern mitkommen. Damny! Fred musste!

Gull biss sich die Lippen blutig, drängte vorwärts, warf nur ab und zu einen schnellen Blick auf den Verwundeten.

Weiter stießen sie vor. Nur widerwillig gab der Busch den Weg frei, nahm sie auf und schloss sich wieder hinter ihnen.

Manchmal war das Gehölz so niedrig, dass sie vom Sattel über die leicht wogenden Wipfel hinwegsehen konnten. Dann wieder ritten sie unter hohen Bäumen, die sich wie die Kuppel eines Domes über ihnen wölbten. Hier und da fielen Sonnenstrahlen durch die Überdachung und woben eigenartige Lichtreflexe auf den Moosteppich.

Rehe flüchteten, waren wie huschende Schatten, die die Dämmerung geboren hatte und wieder in ihren Schoß aufnahm. Ein kleiner Creek trieb Blätter und Algen dem Rio entgegen. Sie durchfurteten ihn, und kaum hatten sie das Creekbett verlassen, da wandte Gull sich um.

»Die Meute schweigt!«, rief er dem Bruder zu.

»Ein schlechtes Zeichen, gab der zurück. Sie sind so nahe, dass sie die Witterung unserer Pferde in den Nasen haben. – Gib acht, Bruder! Heh, und ich kann nichts sehen. Die Bäume tanzen vor meinen Augen. Ich würde ein Blockhaus von zwei Yards Abstand verfehlen, Gull und das ist bitter … verdammt bitter!«

»Rede nicht, reite!«, fauchte Gull, hielt seinen Gaul an, ließ Fred, der im Sattel hin und her wankte, vorüber, holte aus, hieb klatschend auf die Hinterhand des Falben, riss seinen Grauschimmel herum und dann sah er einen fliehenden Schatten vor sich und schon einen Herzschlag später zwei weitere auf ihrer Fährte heranhetzen.

Hinter ihm brach Buschwerk. Freds Falbe trug seinen Reiter durch dick und dünn, eilte von den Schlägen angetrieben, davon.

»Reite nur, Fred! Reite und halt durch Sonny!«, stöhnte Gull, und in diesem Moment hörte er das Hecheln der Meute. Schlimmer noch als Wölfe waren sie, und unter ihren Läufen fetzte das abgestorbene Laub. Gelbe Augen flammten.

Der Grauschimmel wieherte grell auf. Seine Ohren legten sich flach an den Kopf und seine Zähne bleckten.

»Sei ruhig, mein Kerlchen«, beruhigte Gull. »Sei still. Sie werden meine Melodie nicht verdauen. Werde ihnen den eigenen Pelz anwärmen. Nur ruhig, Horse!«

Scharf und eisig sprang sein Lachen auf, und dann kamen ihm die Eisen in die Fäuste.

Gull saß da, presste die Weichen des Pferdes, wartete, lauerte, ließ keinen Blick von den Untieren, deren Fänge weit geöffnet waren, deren Lefzen Geifer hinter sich schleuderten und deren Glutaugen auf Gull und auf den Grauschimmel gerichtet waren.

Die ersten beiden Hunde lagen der nachfolgenden Meute weit voraus, erblickten ihr wartendes Opfer und steigerten ihre Schnelligkeit, heulten nicht, gaben keinen Laut. Unheimlich war ihr Hecheln, schien die Nerven zu lähmen. Gull ließ die Eisen aufdonnern.

Das Leittier und noch eines überschlugen sich, wurden mitten aus dem Lauf herausgerissen.

Gull wartete nicht mehr, ließ den Grauen auf die Hinterhand steigen, riss ihn herum, hackte die Absätze ein. Bäume und Sträucher kreiselten. Das grüne Laubdach wurde zum rasenden Etwas, zum farblosen Gemisch und hinter ihm tönte das Blaffen der enttäuschten Meute.

Mit trommelndem Hufschlag stürmte der Graue davon, brauchte nicht mehr angetrieben, nicht angefeuert zu werden. Das Tier schien zu wissen, um was es ging. Hatte die Witterung der Todfeinde in den Nüstern gespürt.

Das Buschwerk wurde niedriger. Zwischen den Büschen blinkte es hell.

»Der Rio!«, frohlockte er erleichtert.

Und wieder hechelte es dicht neben ihm.

Drei Tiere hatten sich herangearbeitet, liefen wie Schatten zu beiden Seiten, versuchten den Grauen zu überholen, ihn einzukreisen, zu stellen.

Plumpe Körper waren es, die trotzdem mit rasender Schnelligkeit, vom Blutgeruch der gefallenen Hunde gereizt, vorwärtsschossen.

Wieder bellte Gulls Colt auf, flogen die Geschosse in die Bluthunde. Jaulend blieb ein Tier auf der Strecke, und die anderen beiden hetzten weiter.

Wieder schoss Gull, doch diesmal verfehlte er die Ziele. Jede Einzelheit nahm er in sich auf, sah die gestreckten, massigen Körper, die nur wenig eingezogenen Weichen, die kurzen Hälse, die widerlichen Köpfe mit den nach vorne verschmälerten Schnauzen.

Gull steilte sich in den Steigbügeln hoch. Auf den Grauen wuchtete eine schwärzliche, braune Masse zu, kam aus dem Busch, hetzte vorwärts, ein Elch, ein massiger Elch!

Es war zu spät, um den Grauschimmel herumzureißen, zu spät, dem Tier eine andere Richtung zu geben. Zwei Körper prallten mit ungeheurer Wucht aufeinander.

Gull sauste im hohen Bogen durch die Luft, fiel in ein Gesträuch, taumelte benommen hoch, sah, wie der Graue auf dem Schaufelgeweih eines Elches durch die Luft gewirbelt wurde, hörte das Röcheln des Pferdes.

Ein Bluthund sprang dem Elch mit einem erstickten Knurrlaut an die Kehle, der andere flog auf ihn zu. Instinktiv wollte er den Colt herausreißen.

Seine Faust glitt ab, das Holster war leer, sein Herzschlag setzte aus, und sein Blut gerann zu Eis. Abwehrend hob er den Arm vors Gesicht.

Der Tod flog auf ihn zu.

Und dann krachte es, ein-, zweimal. Gull schnellte instinktiv zur Seite, und da, wo er gerade noch gestanden hatte, schlug das Untier auf, wälzte sich zuckend, blieb reglos liegen.

»Gib acht, Gull!«, hörte er Freds Stimme, und wieder flammte es seitwärts aus dem Busch. Die Kugeln fegten an Gull vorbei, durchschlugen die Decke des letzten Bluthundes.

»Beeil dich, Sonny, und vergiss nicht, dass ein Mann ohne Colts eine halbe Portion ist …«

Gull wirbelte herum. Vor ihm stand Fred mit angeschlagenen Eisen, wankend, wie ein Blatt im Winde und hielt sich krampfhaft aufrecht, konnte jede Sekunde zusammenbrechen, lachte trotzdem verzerrt.

»Hörst du, Sonny, sie kommen …«, keuchte er.

»Yeah …«

»Sie kommen zu spät, Gull. Da unten – der Rio!«

Fred fiel vornüber. Gull fing ihn auf und lud ihn sich auf die Schulter, rannte weiter. Nach einigen Yards erreichte er die trüben, schmutzig-gelben Wasserfluten des Rios. Keuchend ging sein Atem. Schweiß rann ihm in Bächen vom Rücken.

»Langsam, Sonny, du brichst mir mein Kreuz«, stöhnte Fred.

»Wird Zeit, dass du wach wirst. Zu deinen schlechten Eigenschaften kommt ausgerechnet jetzt noch die Schlafkrankheit«, fauchte Gull. »Warum hast du nicht den Elch …?«

»Weil ich ihn für die Hunde lassen wollte. Der alte Bulle ist in der richtigen Stimmung, Verwirrung zu stiften. Er hält sie lange genug auf«, grinste Fred schon wieder.

»Wo ist dein Gaul, Boy?«, brach es aus Gull. »Erschossen, Bein gebrochen, brauchst ihn nicht mehr vertreten.«

Sie stockten. Ganz in der Nähe brüllten Schüsse, hallten Detonationen.

»Der Fangschuss«, sagte Fred heiser. »Mach dir keine Sorgen mehr. Stell mich auf die Beine!« Unvermittelt standen sie am Rio. Sonnenstrahlen blitzten auf der schimmernden Wasserfläche. Träge, ruhig floss der mächtige Strom. Beide Ufer waren besäumt, trugen dichtes Buschwerk. Die leise gurgelnden Wellen plätscherten monoton.

Freds verzerrtes Gesicht wandte sich dem Bruder zu. Gull erschrak, würgte, musste sich abwenden. Eigentlich war der Bruder nur noch eine wandelnde Leiche. Aus tiefen Höhlen flackerten die Augen. Weit in der Iris glomm noch etwas Leben. Eingefallen und wächsern war das Gesicht.

»Los … hinein in die Badewanne, Gull. Nach der Hitze und den Moskitos wird uns ein Bad erfrischen!«, brachte er keuchend heraus.

»Wirst du es schaffen?«

»Wenn du mir etwas hilfst. Ich war stets ein guter Schwimmer.«

Das Wasser schien die Lebensgeister des Verwundeten zu beleben, aber er konnte nicht schwimmen, ließ sich auf dem Rücken treiben, und Gull half nach, klammerte seine Rechte an ihm fest, legte vor.

Vierzig Yards hatten sie schon geschafft, als der erste Verfolger zwischen den Büschen auftauchte und sofort das Gewehr hochriss und schoss. Klatschend schlug die Kugel auf die Wasseroberfläche, zirpte als hässlicher Querschläger weiter.

»Sonny, lass mich treiben und schwimm zu!«, hauchte Fred. »Denk an das Rio-Wort – und an unsere Ranch!«

»Halt den Mund! Wenn wir drüben sind, kannst du ihn wieder aufmachen«, fauchte Gull zurück und gab Fred nicht frei.

Feuerblitze zuckten auf. Geschosse summten … doch sie achteten nicht darauf, zu ausgepumpt waren sie … ließen sich mit dem Strom treiben. Der Sog packte sie, trug sie davon, brachte sie aus dem Bereich der Feuerwaffen.

Doch dann hatten sie es geschafft. Hart kämpfend erreichten sie das andere Ufer. Wieder lud Gull sich den Erschöpften auf den Rücken, stampfte nass und triefend durch das Buschwerk.

Manchmal erwachte Fred, gab Gull die Richtung an. Nur sein anhaltendes Stöhnen war das Zeichen, dass er noch lebte.

Es wurde ein Marsch durch die Hölle, ein Marsch, der Gulls Nerven belastete, ihn vorwärts trieb, ihn immer wieder die eigene Schwäche vergessen ließ. Fünfzehn Jahre hatte der Bruder hier verbracht, fünfzehn Jahre ohne Heimat, ohne Freunde, ohne Ruhe. Fünfzehn Jahre hatten sie zu Hause gewartet. Dann war der Stolz des Vaters am Willen des ältesten Sohnes gebrochen. Fünfzehn Jahre hatte er gebraucht, und jetzt, da Gull ihn gefunden hatte, durfte er nicht in der gnadenlosen grünen Hölle sterben …

Schon fielen Schatten ein, die Dämmerung senkte sich vom Osten her über das Land, und immer noch schleppte Gull seinen Bruder. Er war zum Automaten geworden, hatte keinen Gedanken außer dem einen.

Hatte alles andere vergessen, und nur sein Wille loderte wie eine Fackel, wie ein Fanal. »Du musst das Blockhaus erreichen, Gull! – Fred darf nicht sterben! Du musst ihn herausbringen … musst ihn retten!«, hämmerte es in ihm.

Er verlor das Gefühl für Zeit und Raum, lief wie ein Schlafwandler, wachte erst auf, als er stolpernd und wankend fast auf die Bohlenwand des Blockhauses aufprallte.

Müde riss er die niedrige Tür auf, trug Fred in den dunklen Raum hinein und öffnete ein Fenster.

Kalt wurde ihnen. Kalt war auch das Licht der Sterne, und des Mondes krumme Sichel warf so viel Helligkeit durch die kleine Lichtung, dass er das Innere der Hütte übersehen konnte.

Gerätschaften standen herum. Rechts in der Ecke war ein Lager aus Tannenzweigen und Fellen. Dorthin schleppte er Fred, bettete ihn sanft und schaute sofort nach der Wunde, lauschte auf die unruhigen Atemzüge.

Was sollte werden?

Er wusste es nicht, goddam, nein, er war zum Umfallen erschöpft, war ausgepumpt, fertig. Seine Knie zitterten und schienen nachzugeben. Aber er durfte nicht müde sein. Jetzt nicht … Dumpf tönte das Wiehern eines Gauls herein, riss ihn förmlich hoch.

»Meine Tonny!«, murmelte es vom Tannenlager.

»Fred

»Boy … du hast es geschafft, du hast …«

»Fred, ich werde dir die Kugel herausholen, ich werde …«

»Nichts wirst du … es hat keinen Sinn mehr, nur ein Doc kann noch helfen.«

»Ich werde dir einen holen, Sonny!«

»Nein … Du müsstest nach Seatle-City. Es wäre Selbstmord. Man wird dich erledigen, bevor du zum Eisen greifst. Man hat nicht vergessen, dass Sheriff OcBrien deinetwegen in die Grube fuhr.« »Boy … Du wirst nicht sterben, weil ich den Doc hole!«, erklärte Gull, und seiner Stimme war es anzumerken, dass er es auch ausführen würde.

Fred wälzte sich herum. Seine fiebrigen Augen suchten den Blick des Bruders.

»Well … dann nimm Tonny und meine Eisen, leg mir die Winchester zurecht und gib mir die Colts aus der Kiste … Sind zwar neue Waffen, aber …«

»Allright!«

»Und stell etwas Proviant zurecht. Ich werde wohl nicht mehr hochkommen. Ist bitter, Boy, wenn man das nicht mehr kann …!« Ein grimmiges Lachen folgte. –

»Damny! Gull, jedenfalls ist dieses Lager lieblicher als deine eckigen Schultern. Beeil dich, sonst brauchst du nicht erst …«

Gull nahm die Winchester und steckte das Magazin voll, legte es neben Fred nieder.

»Well, vielleicht träumst du von weichen Schultern und von roten Haaren … in Seatle-City soll es so etwas geben, Buddy«, murmelte er dabei und packte auch die Kiste aus. »… vielleicht bring ich sie dir mit, damit sie dich pflegt. Schätze, dass ihre Nähe dich munterer macht, als ich es mit dem Gefasel von deiner Ranch kann«, grinste er dann und pulte einen Fleischbeutel auf, legte ihn daneben.

»Du wirst dir die Finger verbrennen!«, warnte Fred heiser.

»Wollen sehen … die Kerle haben damals unsere Kühe abgetrieben, und ich werde ihnen Rita McDunn aus dem Corral holen. Es dürfte wertmäßig …«

»Dich reitet der Satan, Sonny … Aber in Seatle-City werden sie dich erwischen …«

»Vielleicht, Buddy …stieß Gull rau hervor und schnallte sich Freds Eisen um die Hüften.

Schwer klatschten die tiefhängenden Holster auf seine Schenkel und schlagartig wurde Gull ein anderer. Jetzt, da er wieder Waffen trug, ging etwas Zwingendes, drohend Entschlossenes von ihm aus.

»Der Lofer ist fertig«, krächzte Fred ihm zu. »Wenn du zurückkommst … und ich … sollte den langen Trail schon angetreten haben, dann weißt du, was du zu tun hast … Das Rio-Wort gilt für ›Tude Warren‹!«

»Ich weiß es«, zischte Gull. »Ich werde zurückkommen … aber du wirst noch leben! Verdammt, Rita McDunn wird mit mir kommen, und du willst hier …«

»Wenn du das fertig bringst, singe ich ein Wiegenlied wenn der Doc die Kugeln herausschneidet, Sonny … Und behandele Tonny gut. Sie verträgt keine Sporen. Schnall ab, Gull!«

Dicht trat Gull an das Lager, blieb vor Fred stehen, prüfte noch einmal die Dinge.

Auf das bleiche Gesicht des Bruders warf das Mondlicht seltsame Schatten. Schweiß glitzerte. Dunkle Augen hefteten sich auf Gull.

»Ich habe viele harte Burschen gekannt, Buddy, habe manchen Mann gesehen, den das Blei erwischte«, murmelte er, aber keiner war wie du … keiner, Fred!«

Hart ging er an die Tür, als die leise, gequälte Stimme des Bruders zu ihm drang:

»Das Rio-Wort, Sonny!«

Wie erstarrt blieb Gull stehen. Atmete gepresst.

»Ich werde es nicht vergessen«, kam es über seine schmalen Lippen, und dann trat er hinaus in die mondscheinerhellte Nacht, fing Tonny ein, legte ihr den Sattel auf und schwang sich auf die Rappstute.

Rumorend hieben die Hufe den Boden, trommelten über weiche Grasnarben, über Sand und Felsen.

Ein Reiter jagte durch die Nacht, hing weit vornübergebeugt im Sattel. Ein Reiter, der genau wusste, dass sein Bruder sterben würde, wenn nicht rechtzeitige Hilfe eintraf.

»Go on!«, schrillte seine Stimme »Go on!«

 

 

10. Kapitel

 

Seatle-City schlief nicht.

Die Mainstreet lärmte, war toller als am Tage und die an den Holmen angebundenen Pferde zeigten Unruhe, spähten zu den erleuchteten Fenstern, hinter denen sich Silhouetten zeigten und blinzelten zu den ausgehängten Laternen.

Reiter bevölkerten die Straße. Cowboys waren es, die von den nahen Ranchen kamen, um den Staub aus der Kehle zu spülen.

Die hämmernden, schrillen Klänge eines Klaviers wurden vom Quietschen und Girren der Bardamen und Goldgräberinnen erstickt. Aus den Pendeltüren schoben sich mehr oder minder betrunkene Cowboys, die die Lokale wechseln wollten.

Gull Trinned zügelte die Rappstute, zog sich seinen Stetson tief in die Stirn und ritt im Schritt in die Hauptstraße ein. Zwei Männer kreuzten auf, überquerten die Straße, und ihre Colts schwangen rhythmisch im Takt mit.

Einer von ihnen blickte scharf auf Gull, stutzte, ging dann weiter, tuschelte mit dem anderen, schlenderte langsam hinter ihm her.

Leise lachte Gull, lenkte sein Tier scharf nach links, zwang es an den Bohlensteig und gelangte hinter eine Pferdegruppe.

Polternd pendelte die Schwingtür auf. Ein Mann torkelte heraus. Andere beschleunigten ihm den Gang, grölten. Gulls Hand streckte sich vor, verfing sich im Halstuch des Cowboys, verhinderte, dass der Bursche mit »Tonny« zusammenstieß.

»Halloh, du hast es eilig, Cowboy!«, sagte er und hielt fest.

»Damned! – lass los, meine Kehle wird eng«, würgte der zappelnde Kerl und stemmte sich hoch.

Gull tat ihm den Gefallen. Der Cowboy fiel dumpf auf die Bohlen.

»Man hat dich hinausgeworfen?«, fragte Gull grinsend.

»Yeah. Meine Dollars sind alle, aber mein Durst wurde größer. Ich nehme gern ’nen Drink von dir, Großer, lallte der Boy. In seinen Augen erschien ein hoffender Glanz, während die schwere Zunge flinker wurde und über die Lippen fuhr.

»Du sollst ihn haben, wenn du mir sagst, wo der Doc wohnt!«, knurrte Gull Trinned sachlich, und auch Tonny äugte herüber, schnaubte ungeduldig, kratzte mit den Hufen.

»Fremd hier?«, schnaufte der Hockende und versuchte in Gulls Gesicht zu sehen, das unter der tief heruntergezogenen Hutkrempe im tintigen Schatten lag. Seine Augen wurden größer, bekamen einen fast starren Ausdruck, als er die Holsterung erkannte.

»Bist ’ne fremde Kanone, wie?«, brach er los und schlang die Arme unter den Knien hindurch.

»Ich trage sie nicht als Gewichtsausgleich, Freund«, murmelte Gull und blickte über die Schulter hinweg nach den beiden Gestalten, die ihm gefolgt waren. Sie hatten sich in einigem Abstand aufgebaut, lehnten lässig an der Hauswand und schwenkten ihre Glimmstängel.

»Fremde Kanonen sind hier nicht erwünscht, Sonny, gib mir ’n Drink und reite. In dieser schäbigen Stadt gibt es drei Schießer, die auf jeden Mann warten, den sie fressen können, und du scheinst mir …«

»… der richtige Braten zu sein«, ergänzte Gull. Seine Hand schob sich hinter das rechte Eisen und blieb starr auf dem Waffenknauf liegen.

»Willst du nun den Drink?«, fragte er kalt und langsam kraxelte sich der Whiskybauch hoch.

»Von einem Toten nehme ich nichts, Buddy«, schnaufte er jetzt völlig gleichgültig. »Werde dir sagen, wo der Doc wohnt, obwohl du lieber nach dem Totengräber fragen solltest, wenn du die Absicht hast, hierzubleiben.«

»Bin nur auf Besuch«, dehnte Gull aus.

»Und der Doc?«

»Ist meine Sache, Boy.«

Der Cowboy war noch nicht zu voll, um den drohenden Unterton nicht herauszuhören. Er schluckte und zuckte zusammen.

»Das dritte Haus in der linken Nebenstraße. Du kannst es nicht verfehlen!«, sagte er rau und krallte sich an den Pfosten fest, wankte schwer, brummte einige Laute.

Gull ließ einen Dollar in die geöffnete Hand des Kerls fallen, trieb Tonny an, spürte gleichzeitig, wie sich fassungslose Blicke in seinen Rücken bohrten und die beiden Zigarettenraucher an der Hauswand sich schlurfend in Bewegung setzten.

Überrascht hielt er Tonny an, sah zurück, sah, dass alle beide wegtauchten, verschwanden und dann jagte er die Main-Street entlang, bog in die Nebenstraße ab.

Die Beleuchtung in der Gasse war knapp. Zwei langgestreckte Häuser ließ er hinter sich, dann einen geduckten Schuppen, der den Eindruck machte, morsch und faul zu sein. Vor dem dritten Haus hielt er Tonny an, sprang ab, warf die Leitriemen über die Haltestange und spähte zur Main-Street hinüber.

Nichts zeigte sich.

Laut schallte das Klopfen durch den Bau. Schlürfende Schritte kamen näher. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Ein abgehärmtes Frauengesicht erschien im Lichtkreis einer Petroleumlampe. Gull machte eine höfliche Verbeugung und zog den Hut.

»Madam, verzeihen Sie die Störung …«

»Sie kommen früh, Cowboy«, unterbrach die strenge Stimme ihn. In dieser Stadt beginnt die Tätigkeit des Arztes erst gegen Morgen. Ich sehe nichts, was …« Sie leuchtete Gulls Gesicht ab. Ihre Stimme schlug um.

»Mein Gott, wohl eine innerliche Krankheit, wie? Sage Ihnen, mein Mann hat auf diesem Gebiet keine Erfahrungen …«

Gull schob sich unbeeindruckt in das Innere des Hauses. Da polterte ihm eine Bassstimme entgegen.

»Marry, wer ist denn da?«

Auf dem Treppenabsatz stand ein grauhaariges, zerknittertes Männchen und schaute interessiert herunter.

»Ich muss Sie sprechen, Doc!«, sagte Gull mühsam beherrscht und bestimmt.

Der Alte winkte ab.

»Immer mit der Ruhe, Cowboy. Wer zu mir kommt, hat es immer eilig, aber der Totengräber macht das Geschäft. Well, Seatle-City ist keine Stadt für einen Arzt«, brummte er klagend, schob sich einen Priem in den Mund, kaute nachdenklich darauf herum und sah Gull aufmerksam an.

Die abgehärmte Frau raffte ihren altmodischen Reifrock, umkreiste Gull einmal ganz und blieb dann vor ihm stehen! Ihre blutleeren Lippen pressten sich zusammen, und die ohnehin schon spitze Nase wurde noch etwas spitzer.

»Doc, dieser junge Mann könnte der Praxis einigen Aufschwung geben, sagte sie einen Ton freundlicher als eben. »Lass ihn vor. Er wird etwas Dringendes auf dem Herzen haben!«

»Könnte einen Mann brauchen, der meine Geschäftsinteressen wahrnimmt«, grinste der Alte. »Kommen Sie rauf, Cowboy!«, forderte er dann und rollte den Priem auf die andere Seite, winkte mit der abgemagerten Hand und schlurfte von der Treppe weg.

Gull wurde unsicher. Damny! Einen Doc brauchte er, kein Gerippe, das unfähig sein würde zu reiten oder ein Skalpell zu führen. Unruhig wanderte sein Blick zu der Frau hin.

»Er ist besser als sein Ruf!«, raunte die, und als Gull sie nun genauer ansah, erkannte er, dass die alte Dame bessere Zeiten gesehen hatte, dass etwas Mütterliches, Beruhigendes von ihr ausging.

»Ich will es hoffen!«, gab er knapp zur Antwort und wollte vorbei. Ihre verarbeiteten Hände hielten ihn zurück.

»Cowboy, hat Sie jemand in der Stadt gesehen?«, erkundigte sie sich hastig.

»Ich denke, Madam, warum?«

»Weil nur drei Mann hier das Recht beanspruchen, mit zwei Eisen herumzulaufen. Sie gehen ein Risiko ein, das mancher Mann mit dem Leben bezahlte. Legen Sie eine Waffe ab, Mann.«

»Danke, Madam, werde nicht ablegen!«

»Sie sind sehr sicher, Cowboy? Selbst Klassemänner haben hier keine Chancen. Sie sind fremd hier, sehen abgespannt – müde aus … Wenn Sie beim Doc fertig sind, kommen Sie zu mir herein, ich stelle Ihnen eine Tasse Kaffee …«

»Halloh, Stranger, kommen Sie!«, donnerte der Doc von oben. Marry weiß viel zu erzählen, nehmen Sie es ihr nicht übel.«

Gull antwortete nicht, und der Doc erwartete auch keine Antwort, bog in eine gemütlich eingerichtete Diele ein und schloss hinter Gull die Tür, versuchte, sich einige Zentimeter höher zu recken.

»Wo brennt es, Cowboy? Soviel ich sehe, sind Sie heil. Bisher waren es immer nur Cowboys mit hochroten Köpfen, blitzenden Augen und höllischen Weideflüchen, die über meine Schwelle traten. Marry hat sie kaum beachtet. – Sie scheinen eine Eroberung gemacht zu haben, Cowboy, man kann Ihnen gratulieren!«

»Yeah! Scheint eine gute Seele zu sein, Ihre Marry!«

»Gute Seele? Hohohoho, mehr als das. Aber das können Sie nicht wissen, Marry ist der Engel von Seatle-City. Sie hat schon manchen Cowboy gesund gepflegt. Zu ihr kommt alles, was in diesem Nest Röcke trägt und holt sich gute Ratschläge. – Aber warum erzähle ich Ihnen das, heh? Weil ich zwei Eisen an Ihren Schenkeln sehe? Mann, zwei Eisen bedeuten hier einen Freifahrtschein zur Hölle. Könnte sein, dass Marry …«

»Sie wird nichts zu tun bekommen«, unterbrach Gull ärgerlich. Der Doc fiel ihm auf die Nerven und seine nervösen Bewegungen machten ihn wirr.

Irgendwie musste das auch der »Zappeldoc«, fühlen, denn er biss sich auf die Lippen, nagte mit seinen braunen Stummelzähnen daran herum.

»Was ist los, Cowboy?«, fragte er plötzlich sachlich, unvermittelt, und das war es, was Gull erwartete.

»Sie werden reiten, Doc«, sagte er leise und richtete sich voll auf, überragte den Doc weit. »Sie werden reiten!«, wiederholte Gull, »und Sie werden Ihre Instrumententasche einpacken.«

»Nehmen Sie an, ich habe keine Lust für einen Spazierritt«, forschte der Doc seltsam fest und spitzte die Ohren, heftete seine Augen auf Gull, wartete gespannt.

»Würde mir aufrichtig leidtun!«, knurrte Gull sanft. »Ich bin gezwungen, in der Wahl meiner Mittel …«

Der Doc winkte ab.

»Boy, Sie sind nicht der Erste, der das versuchte. Es gab Männer, die mit der Waffe in der Hand herkamen und mir befehlen wollten … Ich tue immer nur das, was ich will!«

Die kleine Gestalt schien zu wachsen, wirkte breiter, härter. Er hielt dem Blick stand, und auch die Augen bekamen das, was Gull Trinned suchte: Entschlossenheit.

Holly Gee! Dieser Doc war ein Mann! … Well, und er würde als Mann handeln. Gull hatte ein feines Empfinden dafür, war seltsam beschämt, fast verlegen.

»… für Sie habe ich Sympathien, Mann«, sagte er. »Weiß der Teufel, aber Sie gefallen mir, junger Mann. Sie haben es nicht nötig, mit der Kanone zu wedeln. Well, ich bin Arzt, und wenn mein Beruf in dieser Gegend kaum seinen Mann ernährt, bleibe ich Arzt, helfe ich jedem Menschen.«

»Sie haben es eilig?«

»Ja!«

»Weit?«

»Einige Reitstunden!«

»Im Buschland?«

»Yeah!«

»Wo hat es ihn erwischt?«

»Rechte Schulter, und dazu wahrscheinlich innere Verletzungen …«

»Vom Gaul gefallen?«

»Man könnte es so nennen!«, gab Gull zu.

Der Doc gefiel ihm immer mehr. Das war ein Mann der alten Schule, ein Mann, der genau wusste, was er wollte, was er tat.

»Ich packe alles zusammen, Boy, dann können wir aufbrechen. – Ist es ein Kamerad?«

Der Doc sah nicht auf, hantierte eifrig mit seinen Geräten, verpackte eine Anzahl blitzender Instrumente in seine Ledertasche.

»Nicht nur …«, zögerte Gull und lauschte nach draußen.

Ruckhaft hielt der Doc inne, sah zu ihm auf.

»Sie sprechen die Wahrheit!«, sagte er rau und klappte die Tasche mit Nachdruck zu.

»Sie wissen?«

»Alles Boy. Man braucht dich nur anzuschauen und Tude Warren kennen, dann weiß man …«

An der Tür entstand ein Geräusch. Gull wirbelte herum. Pantherhaft gleitend und doch unheimlich schnell war die Bewegung.

Und noch bevor er die Tür erreichte, hörten sie beide wieder das gleiche Schaben, verständigten sich mit einem Blick.

Mit einem Ruck riss Gull die Tür nach innen auf, und schlug fast gleichzeitig zu.

Der hereinstürzende Kerl war einer von denen, die ihm schon vor der Kneipe begegneten, und er kam nicht als Freund. Die stählerne Handkante Gulls landete genau im Genick, ließ ihm keine Zeit »Guten Abend« zu sagen und ein Schwung beförderte den dumpf Röchelnden auf den Seziertisch des Docs. Da streckte er sich lang aus, brauchte keine weitere Narkose.

Doch schon flog Gulls gestreckte Gestalt gerade durch den Türrahmen hindurch dem zweiten Mann entgegen. Eine Flammenzunge zuckte durch den Raum, eine Fensterscheibe klirrte. Ätzender Pulvergeruch stand in der Tür.

Zwei Kugeln schlugen in den Fußboden und im gleichen Moment krachten die Männer auf den Boden, rollten übereinander. Gull kam zuerst wieder auf die Beine, Und bevor der Doc seinen Derringer unter der Achsel hervorgeholt hatte, hieb Gull dem bulligen Kerl die geballte Rechte unters Kinn.

Es gab ein hässliches Geräusch. Der Mann wankte, grinste nicht mehr so sicher, suchte seine Sinne zusammen, und der Doc kicherte schrill, denn Gulls Linke prallte auf das rechte Auge des Burschen.

Es war ein Hieb, der mit seiner ganzen Wucht die hochgerissenen Arme des Überraschten durchbrach und voll traf, ihm einen Schmerzenslaut aus der Kehle presste, ihm die Welt zum Karussell werden ließ. Dann krachte er so schwer gegen die Türfüllung, dass die Bretter nachgaben, splitterten, brachen.

Und doch fing er sich, hob eine zweite Waffe, richtete sie auf Gulls Brust.

Wieder erdröhnte das Zimmer unter dem Krach des Schusses, aber das von der Flamme herjagende Blei hatte keine gute Richtung, denn Gulls Fuß war schneller gewesen, als der Finger des anderen, und die Waffe schepperte einige Yards über den Boden, ehe sie unter dem Instrumentenschrank zur Ruhe kam.

»Der zweite Patient, Doc«, grinste Gull, glitt zurück, wartete, heftete seine Augen auf den Mann mit dem Stiernacken, der mit den Augen rollte und in dessen Schweinsäugelchen es böse funkelte.

»Wenn du reitest, Doc, wird dich eine Kugel erwischen«, schnaufte der Dicke und betastete sein Handgelenk.

»Wenn du noch drohst, wirst du gleich auch auf dem Seziertisch liegen, Sonny«, fauchte Gull hart und ließ keinen Blick von ihm. »Wer hat dich geschickt?«

»Das wirst du gleich herausfinden … Gleich wirst du das wissen … Du sitzt in einer Falle, bist erledigt, Tude Warren!«

Der Kerl bluffte nicht. Aus der unteren Etage schwoll Stimmenwirrwarr. Männer schimpften. Stiefelsohlen ratschten. Sie näherten sich.

Der Bullige schöpfte Mut, warf sich vor, landete in Gulls genau abgeschossener Rechten, die Kinn- und Nasenspitze traf und die ihn auf die Bretter warf.

»Den können Sie jetzt auch haben, Doc … grinste er dem Alten zu und wunderte sich immer mehr über das, was er hörte.

»Beide Fälle sind zu leicht, Sohn … wo liegt Tude? Sag es … ich bin sein Freund. Mir kann man keinen Sand in die Augen streuen. Ich bin Ritas Vertrauter und weiß, was gespielt wird. Ich werde reiten und sollte mich hernach der Teufel holen …«

»Reiten Sie, Doc. Ich halte die Burschen auf, bis Sie …«

»Ich nehme das Fenster. Über den Schuppen kommt man in Millers Garten. Von da aus komme ich zurück und hole meinen Gaul.«

»Nehmen Sie lieber einen Mietgaul Doc«, riet ihm Gull, während sie in einen Nebenraum traten und schob einen Schrank vor die Zwischentür.

»Allright! Wohin?«

»Sweetwater-Creek hinauf bis zum Gelben-Grund, dann drei Meilen nach Süden. Ich komme nach.«

»Well, Hals- und Beinbruch, halte sie mir noch etwas vom Leibe«, rief der Doc, war mit einem Satz aus dem Fenster, winkte mit seiner Instrumententasche, kletterte wie ein Wiesel über das abschüssige Dach, tauchte in der Dunkelheit unter.

»Doc … komm heraus!«, donnerte eine Stimme von drüben. Sie klang etwas hohl, eigenartig dumpf.

»Er kann nicht kommen, Gents. Ich habe ihn und lasse ihn nicht raus …gab Gull zur Antwort.

Im Nebenraum versammelten sich immer mehr Menschen, kümmerten sich um die beiden Ersten, keiften, drohten.

»Schlagt die Tür ein …«

»Er soll gefährlich sein, Gents … die Ersten überleben es nicht. Das ist sicher!«

»Holt Ritas Leibwache, die werden mit ihm besser fertig. Er gehört zu Tude Warren, oder ist es selbst …«

Gull lachte leise vor sich hin. Er hatte Schlimmeres befürchtet, hatte schon geglaubt, die Leibgarde hätte ihn gestellt.

Ho, solange es sich um die unentschlossenen Bürger von Seatle-City handelte, solange ihn diese Boys nur bedrohten, lohnte es sich nicht die Colts zu lüften.

Einer verlor die Nerven und jagte blindlings seine Bleihummeln durch das Holz.

»Amb, hör auf, du könntest den Doc treffen«, knurrte jemand wütend. Es hörte sich an, als sei es der Stiernacken, der um sein Leben bangte, weil er noch unter den Nachwirkungen der Schläge litt.

»Vielleicht hat er den Doc umgebracht … Seid vorsichtig!«, warnte eine andere Stimme. Sie hatte etwas an sich, was komisch und befremdend zugleich war. Und Gull fand heraus, dass die Bürger in einer Stadt wie Seatle-City nur so und nicht anders reagieren konnten. Die guten Bürger hatten vor der Garde, die Rita McDunn bewachte, einen heillosen Respekt und dass sie sich entschlossen hatten »Tude Warren« trotzdem zu stellen, bewies nur, dass selbst sie mutig genug sein konnten, wenn sie sich in Scharen versammelten.

Gull wartete noch etwas, lauschte auf die verworrenen Reden, wartete, dass die Tür aufgebrochen wurde und dass eine Männerwoge hereinplatzte, aber nichts geschah.

Er schwang sich durch das Fenster, zog es hinter sich zu und atmete erleichtert die kalte Nachtluft ein, als er vom Dach des Schuppens auf einen Sims gelangte und sich etwas später in Millers Garten befand. Geduckt schlich er sich hindurch, ließ eine Hecke zurück und stand auf der Straße.

Sie war fast schwarz von Menschen und da, wo die Rappstute stand, wartete eine Traube schwerbewaffneter Figuren. Es war unmöglich, das Pferd zu holen, unmöglich jetzt etwas anderes zu tun, als sich in die Woge zu mischen und sich treiben zu lassen.

Gull tippte auf die Schultern eines Mannes, der vor ihm stand und sagte:

»Hier gibt es wohl allerlei zu sehen?«

Der Mann drehte sich nicht einmal um und erwiderte: »Sie werden ihn lebendig fassen, Gent. Diesmal ist Tude Warren erledigt. Man hat ihn an seinem Pferd erkannt!«

»Allerhand«, sagte Gull freundlich. »Der Mann muss Nerven haben …«

»Der Mann hat keine Nerven, man kann bei Tude Warren nicht von Nerven sprechen. Wenn man ihn fängt, wird Seatle-City berühmt, und einige Leute streichen das Kopfgeld ein. Ich wollte, ich könnte mir das Kleingeld verdienen«, brabbelte der Breitschultrige und stierte wie hypnotisiert zu den erleuchteten Fenstern hinauf, hinter denen huschende Schatten auftauchten und verschwanden.

»Yeah … vielleicht versuch ich es einmal«, sagte Gull leidenschaftslos und versuchte sich vorzudrängen. Der Breitschultrige hielt ihn am Ärmel zurück.

»Du hast da keine Chance, Boy. Die Besten der Stadt sind oben … Sie werden das Rennen machen!«

»So? Sind es denn gute Läufer?«, forschte Gull etwas naiv.

Die Züge des Mannes liefen plötzlich quer zur Frontansicht.

»Mann … dich hat ein Gaul getreten. Aus welchem Corral kommst du?«, stöhnte er entgeistert.

»Buddy, kannst du hellsehen?«, grinste Gull dann einfältig und dem Kerl verschlug’s die Sprache.

Gull wartete nicht bis dem Burschen wieder etwas einfiel und drückte sich vorbei. Er musste seine Ellenbogen gebrauchen, schob sich vor, wurde geschoben, kam durch die Tür und verschnaufte.

Die Diele war schon voll Neugieriger. Sie standen dicht an dicht wie Heringe im Pökelfass. Selbst die Stufen zum ersten Stock waren belagert.

In Gull erwachte die gleiche Neugierde. Er wagte sich in die Höhle des Löwen hinein, obwohl er damit rechnen musste, dass mittlerweile einer der Betäubten erwacht war. Eigenartigerweise spürte er, dass er ruhig, gelassen und fast heiter geworden war, nachdem er die Sache dem Doc übergeben hatte.

Niemand kümmerte sich um ihn, niemandem fiel seine Anwesenheit auf …

Plötzlich fasste jemand sein rechtes Handgelenk, zog ihn energisch durch eine Tür.

»Mein Gott«, murmelte Marry, die Frau des Doc. »Ich kann es nicht fassen. Warum sind Sie nicht geflohen? – Warum kommen Sie zurück?«

»Sie luden mich zum Kaffee ein, Madam!«, lächelte er leichthin, trat zum Tisch, setzte sich rittlings auf einen Stuhl und trank ruhig das belebende Getränk.

Sie schien unfähig, etwas darauf zu erwidern, schnappte nach Luft, schluckte und schüttelte den Kopf.

»Wo ist der Doc?«, brachte sie mühsam heraus.

»Er hatte es eilig, furchtbar eilig und nahm deshalb den Weg durchs Fenster. Ich soll Ihnen sagen, dass er die Abendluft genießen will und einen Spazierritt macht«, erklärte Gull höflich und verneigte sich.

Das Lärmen im Hause schien ihm nichts auszumachen. Er lächelte, war von eiskalter Ruhe erfüllt und wusste doch genau, dass die Meute ihn nicht schonen würde, wenn sie ihn fasste.

»Sie müssen fort, Cowboy … man wird Sie auch hier bei mir suchen«, redete Marry auf ihn ein. Angst und Mitgefühl ließen die Stimme beben.

»Ich soll die guten Leute etwas zurückhalten, damit der Doc in Ruhe die Abendluft genießen kann, hat er angeordnet. Und was ein Doc anordnet …«

»Sie … allein gegen alle? Sie würden es wagen?«

»Nein, das nicht, Mammy. Sie grasen die obere Etage ab und solange sie die Tür nicht einbrechen, kann ich ruhig warten. Wenn Sie etwas zu essen hätten …«

Wortlos, mit zuckenden Lippen ging sie an den Schrank, und er langte zu, kaute, schluckte.

»Sie haben wirklich Hunger, Mann!«, sagte sie, als sie ihn beobachtete.

»Wie ein Wolf!«, gab er zu, lächelte dankbar, und dann brandete starker Lärm von draußen auf.

Marrys Gesicht verfärbte sich. Sie wurde so blass wie das Leinentuch ihrer Schürze.

»Sie haben den Doc reiten gesehen, keuchte sie und presste die Hände ineinander.

»Well«, sagte er freundlich. »Diese Stadt ist ein Tollhaus. Es ist ungesund hier zu leben, aber ich muss …«

»Sie müssen fort … schnell …«, unterbrach sie hastig.

»Ich kann Tonny nicht allein lassen …«

»Sie haben ein Mädchen mit?«, fragte sie abweisend.

»Yeah, eines mit vier Beinen. Sie steht draußen, und eine Unmenge Gents bemühen sich um ihre Gunst …« Er brach ab. Wieder war aus dem Stimmenlärm einiges herauszuhören, und jetzt wurde Marry wild.

Sie kam auf Gull zu, packte ihn an den Schultern, rüttelte und zerrte ihn.

»Haben Sie gehört?«, stieß sie hervor, »haben Sie das gehört?«

»Yeah, der Sheriff kommt …«

»Sicher, der Sheriff … aber wissen Sie, wer hier Sheriff ist? Nein, Sie können es nicht wissen. Brad Solway heißt er … sagt Ihnen das etwas?«

»Nie gehört!«

»Cowboy, Sie müssen fort oder Sie sind so gut wie erledigt. Brad Solway, Toddy Benter und Mob Hay sind das Trio aus dem Paradies der McDunn. Ausgerechnet ein Mann aus diesem Trio ist hier Sheriff …«

Sie verstummte. Gull erhob sich schwerfällig, reckte sich auf, wuchs und lachte heiser.

»Ein Rinderdieb wird hier Sheriff?«

»Yeah … Einige wissen, was Brad Solway ist, aber keiner wagt was zu unternehmen. Sie haben Angst und ducken sich. Das Trio beherrscht die Stadt.«

Harte Schläge vor der Tür pressten ihr einen kleinen Schrei von den Lippen.

»Öffnen Sie, Madam Marry, im Namen des Gesetzes«, dröhnte es, und gleichzeitig verstummte draußen der brausende Lärm. Unwirklich war die Ruhe, gefahrvoll, mit explosiver Spannung geladen.

»Brad Solway«, bebte es von ihren Lippen. Sie zitterte, flog am ganzen Körper, sah Gull starr an, wagte sich nicht zu rühren.

»Öffnen Sie«, sagte er langsam, und als sie zur Tür trat, um den Riegel fortzunehmen, huschte er ans Fenster, öffnete es, lächelte kaum merklich und drehte sich der Tür zu.

Er hätte fliehen können, tat es nicht. Irgendetwas bannte ihn, hielt ihn fest. Irgendeine Macht hielt ihn davon ab, aus dem Fenster auf den nächsten Anbau zu springen, in die Nacht unterzutauchen.

Und als die starke Gestalt mit dem blitzenden Sheriffstern auf dem Rockaufschlag sich ins Zimmer schob, als Marrys flehende Stimme aufgellte, wusste Gull, was ihn hielt, was ihm diesen Kampf aufzwang.

»Auf Rio-Wort!«, rauschte es in den Ohren nach. Deutlich hörte er die Stimme des Bruders, und das hier, das gehörte zum Teil dazu.

Irgendetwas war an seiner Haltung, was die Gaffer zurückfluten ließ, was Brad Solways eingeschlagenes Boxergesicht zur starren Maske machte. Das Kalte, Eisige, Unpersönliche in den Augen traf die Männer wie ein Schlag.

Nur Brad Solway verlor die Nerven nicht. Seine Augen kniffen sich ungläubig zusammen. Mit seiner massigen Figur füllte er fast die Türöffnung aus. Ein dumpfes Grollen brach tief aus seiner Kehle. Mit einer schnellen Handbewegung brachte er Marry hinter sich, reckte den Kopf vor, und hielt seine Hände betont weit von den Holstern entfernt, ließ sie schweben, winkelte die Arme breit ab, hielt sie so, dass er augenblicklich nach den Kolben greifen konnte.

»Ein Trinned?«, polterte seine Stimme durch den Raum.

»Du musst es wissen, Solway, denn du hast unsere Rinder abgetrieben, als ich noch ein kleiner Junge war«, grinste Gull. Die Spannung verlor sich auf seinem Gesicht.

Solway schluckte den Vorwurf herunter, zeigte nur die Zähne, hob die Oberlippe und seine Blumenkohlohren unterstrichen die Gefährlichkeit seines Wesens.

»Gull Trinned! … Im Namen des Gesetzes, du bist verhaftet. Her mit den Händen …«

»Keinen Schritt weiter, Solway«, stoppte Gull. »Ich müsste ein Narr sein, wenn ich mir von dir die Eisen anlegen ließ. Sobald du mich in der Zelle hast, holt mich deine Abordnung wieder heraus. Volksjury nennt man so etwas, … und du wirst nicht die Macht haben, sie zu halten. Du wirst es auch nicht wollen, selbst wenn du sie hättest. Ich erkenne keinen Rinderdieb und Rowdy als Sheriff an!«

»Sonny, du hast mich zum zweiten Mal einen Rinderdieb genannt, und ich habe es hingenommen, habe es verdaut, weil ich hier das Gesetz vertrete«, erklärte Brad Solway rau. »Du wirst keinen Widerstand leisten, denn du stehst mit Tude Warren in Verbindung, hast den Doc geholt, der ihn verarzten soll. Du wirst uns Tude Warrens Versteck zeigen, Sonny … und dann bist du frei …«

»Ich weiß, dass du ein Interesse daran hast, Tude auszuschalten. Ich kann deinen Ehrgeiz verstehen. Du hast die gleichen Methoden wie Don Pedro …«

»Was soll das?«, knirschte es zurück. »Don Pedro hat mit mir Geschäftsverbindungen und jedermann in Seatle-City kann es bestätigen. Don Pedro ist ein Ehrenmann …«

»… der mich dazu angeworben hat, drei Eisen beiseite zu räumen, Buddy …«

»Lüge!«, brüllte Brad. Seine Hände zuckten verdächtig und die Adern auf seinem Hals sprangen wie Stricke hervor.

Es war ihm sichtlich unangenehm, dass dieses Gespräch von Zeugen gehört wurde. Noch unangenehmer aber war es, dass Gull Trinned sich gegen ihn weigerte, dass er ihn zwang, zum Eisen zu greifen. Er fühlte es genau, dass dieser hagere Mann dort am Fenster die Entscheidung wollte.

Gull ließ seinen Gegner nicht aus den Augen, und auch die dort an der Tür musste er scharf beobachten, und plötzlich sah er, wie sich ein Colt zwischen zwei dicht beieinander stehenden Männern hindurchschob.

Wie von selbst flog ihm ein Colt in die Hand. Berstend krachte die Detonation. Das Licht verlöschte. Von der Tür her und aus dem Revolver des Sheriffs flammte es orangefarbig durch den Raum.

Klatschend hieben Kugeln ins Holzwerk. Eine Scheibe klirrte, barst, splitterte.

Grelle Stimmen wirbelten durcheinander, denn das auslaufende Petroleum warf feurige Lichter auf den Boden. Zuckende Flammen, Rauch und Qualm trieben hoch. Brad Solways heisere Stimme gellte:

»Er ist durch das Fenster! … Sucht ihn! Er ist vogelfrei!«

Mit einem Satz sprang er durch die Flammen und den Qualm zum Fenster hin, beugte sich hinaus, wollte zurück. Aber es war schon zu spät.

Gull Trinned riss ihn durchs Fenster. Ächzend schlug er auf, warf sich herum, aber eine Gestalt stand mit gezogenem Colt vor ihm, deutlich blitzte der Lauf, drohend klaffte die Mündung.

»Brad Solway, ich müsste es jetzt tun … aber ich will es nicht, noch nicht. Wenn du wach wirst, grüße die anderen Rustler, warne sie, denn ich werde sie mir einzeln holen, wenn ich euch noch einmal hier treffe. Geht weg. Geht so weit weg, dass die Menschen Ruhe bekommen. Fangt woanders ehrlicher an. Geht!«

Gull holte aus, schlug zu. Der Sheriff erschlaffte, streckte sich lang. In diesem Augenblick fauchte es heran, fegten zuckende Blitze über ihn hinweg und er hörte das Summen des Todes.

Wie ein fliehender Schatten sprang er, presste sich an die Hauswand, tastete sich weiter. Hin und her flogen seine Blicke. Hinter ihm rasten Schatten und aus den Deckungen flammte es.

»Sie schießen Löcher in die Luft, um mich verrückt zu machen«, sagte Gull leise, »sollen sie ihr Blei verschwenden, mir soll es recht sein, wenn sie dann auf mich hören.«

Dennoch hatte er es eilig.

»Die Gegend ist hier ungemütlich. Ich muss für Luftveränderung sorgen. Auch der Doc würde mir jetzt dasselbe verschreiben.«

Er übersprang einen Zaun, nahm es hin, dass man ihm einen Feuerguss nachsandte, schoss nicht zurück, um seinen Standort nicht zu verraten, hetzte weiter, sauste durch eine Hecke und überquerte im schnellen Lauf einen Garten.

Überall war Leben, überall waren bewegliche, schnelle Schatten. Die Meute war aufgescheucht, wollte ihr Opfer …

An einer Hausecke stieß er mit einem Mann zusammen.

»Boy … hast du ihn gesehen?«, fragte der.

»Yeah, dort … dort ist er gewesen!«

Seite an Seite liefen sie weiter. Von links und rechts kamen Männer herbei, schlossen sich an, rannten mit, als gälte es einen neuen Rekord zu brechen, und immer wieder stießen sie eine Kette ellenlanger Weideflüche aus. Gull feuerte sie immer wieder an.

»Zum Teufel, wo denn?«, schrie der Cowboy an seiner Seite aufgebracht. Wo ist er denn?«

Die ganze Schar blieb stehen, lauschte, ließ das Schießen.

»Yeah«, dehnte Gull, »vielleicht ist er auch schon mitten unter uns.«

Schallendes Gelächter brandete auf, man klopfte ihm derb auf die Schultern, klatschte mit den flachen Händen auf die Chaps. Einer tippte sogar an die gewisse Stelle unter der Hutkrempe.

»Mann … wir trinken auf diesen Witz. Ich biete dir ’nen Drink. Hoh, war der tollste Witz, den ich jemals gehört habe!«, schnaufte der Sprecher. Er machte eine weit ausholende, einladende Handbewegung. »Gents, lasst uns ins Paradies gehen, wollen Rita das Ding erzählen … Hohoho! und du, Sonny, du kommst mit!«

Gull zögerte. »Gents … ich habe einen schlechten Magen, ich …«, bedauerte er traurig.

»Wenn du keinen Whisky-Pur, keinen Sherry und keinen Old-Crow vertragen kannst, bekommst du Himbeerwasser oder Milch, Sonny, aber du gehst mit! … Damny! das gibt einen Spaß!«

»Das glaube ich auch«, sagte Gull nachdenklich und eine Gänsehaut rann über seinen Rücken. Die Knie wurden etwas weich.

Von beiden Seiten wurde er eingehakt, mitgezerrt. Er hatte mit den Wölfen geheult, jetzt musste er auch mit …

»Brauchst nicht schüchtern zu sein, Sonny«, krächzte der Sprecher. »Ich hab’ auch mit Milch angefangen und bin dann vor Jahren beim Whisky stehengeblieben!«

»Aber, wir sollten trotzdem die Verfolgung nicht aufgeben«, wehrte sich Gull.

»Sonny, lass dir gesagt sein, die meisten Gents haben nur in die Luft geschossen. In Seatle-City gibt es einige Dinge, die man nicht ans Tageslicht zerrt, und ich möchte zwei Hufeisen verschlingen, wenn sich nicht sechzig Prozent der Bürger darüber freuen, dass der Boy entkommen ist.« Er beugte sich etwas zu Gull hin, flüsterte vertraulich. »Einige werden sogar nach anderen Zielen geschossen haben, nach Zielen, die sie lieber einige Yards unter der Erde wüssten. Seitdem Brad Solway Sheriff ist, tanzt der Teufel in Seatle-City … Unter Sheriff OcBrien war es schon die Hölle … aber Solway ist noch weniger energisch.«

Er lachte rau, schaute sich schnell in der Runde um, aber keiner hatte auf seine Worte geachtet.

Zielsicher steuerte der Trupp der erleuchteten Hauptstraße entgegen. Aus allen Richtungen kamen andere Trupps. Man hatte die Verfolgung eingestellt.

Drei Männer führten Tonny vorbei.

»Was soll mit dem Gaul geschehen?«, rief Gull ihnen zu.

»Vorläufig wird er im Mietstall abgestellt, Gent, und man wird ihn bewachen, kann sein, dass der Bursche wieder auftaucht!«

»Und dann?«

»Kannst du ihn bei der öffentlichen Versteigerung kaufen … wenn du Dollars hast!«, lachte es zurück.

 

 

11. Kapitel

 

Es war ein eigenartiges Gefühl, sich mitten zwischen Männern zu bewegen, die eigentlich die Aufgabe hatten, ihn zur Strecke zu bringen.

Die Mainstreet hatte selten so eine Nacht. Es war als hätte ein Stiefel in einen Ameisenhaufen getreten. Es quirlte durcheinander, und Trupps kamen lärmend und wild diskutierend zurück, bevölkerten die Straße, suchten die Bars und Kneipen auf, um das Ereignis ausgiebig zu besprechen.

Noch immer wurde Gull von zwei Männern eingehakt, ging zwischen ihnen. Der Cowboy auf der rechten Seite grinste spöttisch, man konnte es jetzt deutlich sehen, denn das Licht der ausgehängten Laternen warf genügend Helligkeit.

»Die Jäger kommen zurück«, raunte er Gull zu. »Heh, ich möchte wetten, dass es größtenteils Hasen sind, die nicht einmal wissen, wie ein Colt zu handhaben ist!«

Gull blickte in ein offenes, sympathisches Gesicht.

»Boy, du sprichst ein offenes Wort!«, gab er leise zurück.

»Yeah, ich gehöre nicht zu denen, die im Gefolge des Trios leben. Viele denken wie ich. Es ist ein offenes Geheimnis, dass alle drei am Waffenschmuggel über die Grenze beteiligt sind. Man munkelt, dass sie auch Vieh an Don Pedro verkaufen, das sehr unterschiedliche Brandzeichen trägt. Well, Boy, die Rancher stöhnen und kaufen jeden Revolvermann, der seine Eisen bietet. Aber bisher blieben alle auf der Strecke. Das Trio ist nicht zu schlagen!« »Ob Warren eine Chance hat?«, fragte Gull naiv. »Mann, o Mann, Tude Warren ist ätzendes Gift für sie! Nur Gift kann Gift auslöschen«, erklärte der Cowboy grimmig. »Schätze, dass alle drei krank sind, innerlich krank, verstehst du?«

»No!«, bekannte Gull ehrlich.

»Well, ich will es dir erklären:

»Ich reite für die ›Gespaltene H‹. Vor zwei Jahren hatten wir noch einen Rancher, der wie Gift auf die Mannschaft wirkte. Als ihn dann eine Kugel niederstreckte, sagte der Doc, der Rancher sei schon lange innerlich krank gewesen, sagte, dass die Menschen, die diese Krankheit mit sich herumschleppen, den Sinn für die Umwelt verlieren, dass sie bei jeder Gelegenheit um sich schlagen, als wollten sie sich aus ihrer eigenen Haut retten, verstehst du das?«

»Nicht ganz. Aber, wenn der Doc so sagt, muss er es wissen.«

»Er nannte es anders, ich sage einfach ›Hass‹ und ich glaube, es ist etwas daran!« Er unterbrach sich, blickte auf und sagte dann laut:

»Paradies-Bar! He, Boy, hier wirst du viel Erfreuliches sehen. Habe noch niemals eine schönere Hexe kennengelernt. Es gibt Kerle, die von ihrem Anblick so betrunken werden, dass sie keinen ›Old-Crow-Old‹ mehr brauchen.«

Gull nickte langsam.

Sie schoben sich durch die Schwingtür. Tabakrauch, Lärm und der Geruch von abgestandenem Whisky schlugen ihnen entgegen. Durch den wallenden Nebel schob sich eine Bühne ins Blickfeld. Davor waren viele Tische aufgebaut, und weiter links zog sich die blitzende Nickelplatte des Tresens hin. Der Barkeeper sah nur kurz herüber, dann weiteten sich seine Augen. Er fuhr zusammen und warf einem neben ihm stehenden Mann einige Worte zu.

Die, die Gull eingehakt hatten, ließen ihre Arme von ihm.

»Boy, du bist des Teufels!«, zischte es hinter ihnen.

»Wieso?«, brummte der Cowboy mit dem sympathischen Gesicht und drehte sich herum, und hinter Gull spritzten die Männer auseinander.

»Er trägt zwei Eisen, Curly«, zischte man dem Cowboy zu.

Es war, als hätte der Atem des Todes den Weidereiter gestreift. Erschrocken und zugleich besorgt ergriff er Gulls Arm.

»Mann«, murmelte er, »hier trägt man keine zwei Eisen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz für SeatleCity. Nur drei Mann dürfen es. – Schnall ab. Es wäre Selbstmord!«

Gull lächelte sanft.

Man war auf ihn aufmerksam geworden.

An vielen Tischen verstummten die Gespräche.

Grinsende Männergesichter wurden plötzlich ausdruckslos, wurden zu seltsamen Masken, die starr und ohne Leben zu sein schienen. Das Kichern der Bardamen zerflatterte, und dann senkte sich Stille, tödliche Stille über den Raum.

»Welcher Rancher hat dich geschickt?«, keuchte der Cowboy erregt. »Ich werde dir beistehen. Hell and Devil! … das werde ich!«

»Sonny, lass das … Mich hat kein Rancher geschickt. Und niemand wird mir verbieten, zwei Eisen zu tragen«, sagte Gull ruhig, drehte sich eine Zigarette. Seine Hand war ruhig. Langsam feuchtete er das Papier an, prüfte geschickt die Festigkeit und warf sie spielerisch zwischen die Lippen.

Trotzdem klangen seine Worte wie eine Herausforderung, wie eine Kampfansage.

Männer stöhnten auf, tuschelten erregt. So etwas hatte noch keiner gewagt.

Wer war der Mann?

Wer wagte es, die Gesetze des Trios zu durchbrechen?

Wer hatte den Mann auf den Plan geschickt?

Es war, als wenn Gulls Begleiter plötzlich entdeckten, dass er die Pest hatte. Sie wichen von ihm zurück, zeigten verzerrte Gesichter. Nur der Cowboy, der mit dem sympathischen Gesicht, blieb stehen, wo er stand.

»Sonny, du hast mir gleich gefallen, ich bleibe«, raunte er.

»Trinken wir also einen Old-Crow?«, lächelte Gull bescheiden.

»Ich denke dein Magen …!«

»Ist vollständig in Ordnung … Nur in dieser Bude scheint es allerhand nicht zu sein«, sagte er und ließ seine Augen über die blassen Gesichter gleiten.

Keins war darunter, was ihm bekannt vorkam, und das beruhigte ihn ein wenig.

Eine Gasse zum Tresen öffnete sich. Gull drehte sich dem Cowboy zu, legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ich danke dir, old fellow. Du solltest aus dem Geschäft aussteigen, solange es noch Zeit ist. Vielleicht reitest du den falschen Gaul oder setzt auf eine Karte, die das Spiel verliert!«

»Ein Spiel ist Glücksache. Ich habe gesetzt, Stranger«, kam es grimmig zurück.

Nebeneinander schritten sie durch das Spalier, bauten sich vor dem Tresen auf, stellten die rechten Stiefel auf die Messingstange und der Barkeeper rührte sich immer noch nicht.

»Zwei Doppelte … Old-Crow«, forderte Gull.

In seinem Gesicht zuckte kein Muskel, obwohl er wusste, dass sich die Augen der Gents in seinen Rücken bohrten.

Etwas seitlich standen drei grellgeschminkte, tuschelnde Damen. Sie waren im Augenblick kein Blickfang mehr, und das wollte etwas heißen.

Von seinem Standort aus beobachtete Gull die angelehnte Tür zum Nebenzimmer und die Gents an den Tischen.

Millimetergenau schlitterten die Gläser heran. Beide sahen sich einen Moment lang an, tranken.

In diesem Augenblick peitschte ein Schuss durch den Raum. Das Glas des Cowboys zersprang in dessen Fingern, fetzte in tausend Scherben auseinander, klirrte zu Boden, und rechts an der Theke blies ein Kerl in die rauchende Mündung seiner Waffe, lächelte ironisch, strich sich über das glatt anliegende schwarze Haar. Sein Raubvogelgesicht strahlte.

»Cowpuncher, du solltest keinen Old-Crow trinken, du bist ein Säugling, kannst das Glas nicht halten!«, grinste er aalglatt.

»Du bist … Toddy Benter?«, fragte Gull sanft.

»Yeah, Stranger. Ich sehe, dass du zwei Revolver trägst«, klang es drohend.

»Nur Attrappen, Sonny«, erwiderte Gull höflich. »Du wirst meinem Partner einen neuen ›Old-Crow‹ bestellen!«

»Du irrst, Stranger«, lachte Benter.

»Du wirst, Sonny!«, dehnte Gull und nahm mit Genugtuung wahr, dass einige Gäste sich blitzschnell aus seiner Schussrichtung schoben.

Benter warf den Kopf hoch, konnte die neue Tonart in seinen heiligen Hallen nicht schlucken.

Heiser brach es aus ihm heraus: »Ich werde dich lehren, Boy …«

Der Colt in seiner Hand zuckte hoch und in diesem Augenblick flammte es grell von Gulls Hüften. Keiner konnte sehen, wie er zu den Eisen langte. Niemand hatte es beobachten können, und doch hatte der Fremde plötzlich die Kanonen in den Fäusten, und die Detonationen der beiden Schüsse brüllten auf, vermischten sich mit einem Wutschrei.

Dumpf polterte Toddy Benters Waffe auf den Boden, war wie durch Zauberhand aus seiner Hand geprellt worden, und eine zweite Kugel riss ihm den Stetson vom Kopf.

Mit irren Augen stierte Benter um sich, stierte auf seine unbeschädigten Hände, auf die Waffe am Boden, auf den Stetson, auf Gull.

Die Pupillen waren wie scharf geschliffene Dolche, die den Fremden suchten, ihn musterten, ungläubig waren.

Gulls Eisen waren nicht mehr in den Händen. Dunkel und drohend steckten sie in den Holstern, die Ellenbogen lagen auf der Theke.

»Bestell für meinen Partner den Drink, Sonny!«, klang es bis zu den letzten Tischen hin.

Benters Halsadern schwollen. Ein ersticktes Gurgeln brach aus seiner Kehle.

»Einen Old-Crow, Keeper …«, röchelte er heiser.

»Und du wirst dich entschuldigen, Benter!«

»Nie! …«, brach es aus dem Schießer heraus.

Instinktiv bückte sich Gull.

Tiefes Stöhnen neben ihm fetzte auf. Dumpf sackte ein Körper zusammen.

Drei Geschosse schlugen noch ein. Drei Geschosse, die aus einem Schulterholster sprangen.

Doch dann schoss Gull.

Wie von selbst war ihm die Waffe in die Hand geglitten. Er schoss, jagte einen Flammenstoß aus der Mündung, erwischte Toddy Benter mitten in der Stirn.

Die Wucht der schwerkalibrigen Kugel riss den Killer gegen die Regale und über seinen reglosen Körper barst und splitterte es.

»Partner«, röchelte Curly, der unbekannte Cowboy, Gull entgegen. Ich habe auf die richtige Karte gesetzt. Man muss nur Glück im Spiel haben … Glück … sehr … viel … Glück …«

Der Cowboy versuchte sich aufzurichten, und Gull legte seinen Arm um ihn. Dunkel waren seine Augen, seltsam finster. Er wusste, dass dieser tapfere Mann sich nicht mehr erheben würde, dass der Tod ihm seinen Stempel aufgedrückt hatte.

»Du wirst bleiben, bis die Stadt sauber ist, Stranger! Du wirst …«

»Yeah, ich bleibe!«, sagte Gull.

»Auf Rio-Wort, Partner?«

»Auf Rio-Wort, Partner!«

»– – –«

Gull wusste nicht, dass er die Hand eines Toten hielt. Langsam ließ er den Körper zurückgleiten. Ein Würgen stieg in ihm auf. Es störte ihn nicht, dass man zu ihnen hinsah, dass man sein Tun, seine Bewegungen mit lauernden Augen verfolgte, denn trotz der vielen Menschen um sie her war er allein, war einsam mit dem Toten, dessen Lider er mit müder Bewegung zudrückte, damit die gebrochenen, anklagenden Augen nicht die Schatten der Männer sahen, die von ihren Plätzen hochgetrieben worden waren.

»Rühr dich nicht von der Stelle!«, sprang es ihn an.

Die Tür zum Nebenzimmer stand offen. Im Türrahmen lauerte eine geduckte Gestalt.

Mob Hay!

Rothaarig, mit vorstehenden Eckzähnen und angeschlagenem Colt stand er. Seine Augen waren rotunterlaufen. Langsam kam er näher, wachbereit wie ein Raubtier, das seinem Opfer keine Chance lassen will.

Die beiden Toten im Raum schienen ihn nicht zu beeindrucken.

»Steck deine Eisen ein, dann wollen wir es austragen!«, sagte Gull gelassen.

Die kalte Ruhe, die von ihm ausging, wirkte auf Mob Hay wie eine kalte Dusche. Er stoppte, grinste.

»Dazu hast du keine Gelegenheit mehr. Schau dich um, Trinned!«

Gull tat es nicht, sah in den Spiegel, riss sich zusammen, denn hinter ihm stand Brad Solway, der Sheriff, hatte den Lauf seiner Gürtelkanone auf ihn gerichtet und grinste höhnisch.

»Er ist der Bruder Tude Warrens … Wir wollen abrechnen. Ich bin am Zuge«, zischte er gehässig, und mit einem Schlag war die Hölle um sie her.

Die guten Leute der City rissen die Augen auf, schnappten nach Luft, konnten es nicht fassen, und vor allem die Männer, die Gull begleiteten, schauten sich betreten an, konnten es nicht begreifen, denn dieser tollkühne Fremde war doch mit ihnen gelaufen, hatte selbst an der Verfolgung teilgenommen.

Rau lachte Gull vor sich hin.

»Yeah, Tude Warren ist mein Bruder. Im Vergleich zu euch beiden ist der echte Tude Warren ein harmloser Mann. Ich habe euch gewarnt, Solway … denn ihr wisst genau, wer der Schrecken der Grenze ist, wer den Namen benutzt! Wer dahinter steckt … Ihr deckt Don Pedro … weil ihr die Rinder hier verkauft, die er als Tude Warren seinen Landsleuten abjagt … und ihr treibt ihm die Rinder zu, die ihr hier von den Weiden holt … Ist ein glattes Geschäft, Sheriff, wenn gleichzeitig Waffen und Munition verschoben werden. Man wird reich und kann die City nach eigenen Gesetzen beherrschen!«

»Für diesen Song wirst du hängen!«, wütete Solway. »Er ist ein elender Lügner, Leute!«

»Du weißt ganz genau, dass es stimmt, Solway. Aber was du nicht wissen kannst ist, dass Don Pedro die Absicht hat, das Geschäft bald allein zu machen. Er will Rita McDunn«, fuhr Gull unbeirrt fort, »… und eure Zeit ist um, Gents!«

Die Männer um sie her murrten, und Gull wusste genau, wie gefährlich es war, in dieser völlig aussichtslosen Situation so zu sprechen.

Er wusste es genau. Aber wenn er etwas erreichen wollte …, wenn er es erreichen wollte, dass den Bürgern von Seatle-City die Augen aufgingen, dann musste er es sagen … hier in ihrer eigenen Burg. Nichts konnte sie mehr erschüttern.

»Er redet zu viel … Überlass ihn mir«, fauchte Mob Hay.

»Ich bin das Gesetz«, fuhr Solway auf.

»Ein schlechtes Gesetz!«, sagte Gull freundlich. »Du steckst bis zum Halstuch im Schlamm, und in der Grube wird dir der Sud über dem Kopf zusammenfallen«, grinste er lässig und zuckte nicht mit der Wimper.

Solway und Mob Hay setzten sich in Bewegung. Beide schienen nicht schnell genug an den Mann zu kommen, beide glühten vor Übereifer und Gull bemerkte es, nutzte seine Chance.

Hay kam von vorne, Solway richtete die Waffe auf seinen Rücken. Beide Gesichter waren verzerrte Masken. Mordgier glühte in ihren Augen.

Sie waren jetzt so nahe heran, dass ihre Colts ihn fast berührten.

»Gents, das ist unfair!«, klang eine helle, weiche Mädchenstimme auf.

»Er ist Warrens Bruder, Rita«, krächzte Mob Hay, ohne den Blick von Gull zu nehmen.

»Er wird uns Warrens Versteck zeigen!«, zischte Brad Solway.

»Das braucht er nicht, Brad. Ich habe einige Leute hinter dem Doc hergeschickt. Don Pedro wird für uns das Nest ausheben!«

Hay sagte es so, dass nur Solway und Gull es verstanden. Hohn spiegelte sich in seinem Gesicht, triefender Hohn »… und hier bist du dran … Gull Trinned!«, setzte er nach.

Und trotzdem kam alles so plötzlich für die beiden Gauner

»Yeah!«, sagte Gull, bückte sich blitzschnell. Sein rechter Stiefel traf das Schienenbein des vor ihm stehenden Schießers, hieb ihn beiseite.

Heiß brannte es über seine Stirn hinweg, schlug irgendwo ein, und dann war er beim Mann … riss ihn herum und schleuderte ihn gegen den zögernden Sheriff.

Der bullige Solway stieß einen heiseren Schrei aus, ließ die Waffe fallen, sein rechter Arm baumelte herab. War es ein Schuss Gulls, war es der Mob Hays? Ein schneller Rammstoß traf sein Kinn und doch verdaute er den Schlag, hieb sofort zurück, traf die Luft.

Und wieder schoss Gull, verfehlte.

Wie ein Schemen steppte Hay beiseite. Seinen rechten Colt hatte er verloren, und nun schoss er mit Links – an Gull vorbei. Und dann riss es ihn mitten aus der Bewegung.

In die Brust getroffen, sackte Mob Hay in die Knie. Dennoch spuckte sein Eisen, hieb Blei in die Dielen, fetzte Holz und Splitter los. Er kam hoch, taumelte in die Feuerlinie Brad Solways hinein, der den linken Colt hochgebracht hatte, zögerte und durch dieses Zögern sein Ende besiegelte. Gleichzeitig schlugen beide zu Boden, und seitlich von ihnen wartete Gull Trinned, geduckt, mit lauernden, schwelenden Augen, mit angeschlagenen Eisen.

»Keiner rührt sich!«, donnerte seine Stimme zu den entsetzt dreinblickenden Zuschauern hin. Verbitterte Kälte schwang in seiner Stimme mit.

»Hierher! Trinned!«, hörte er die erregte Mädchenstimme und langsam schritt er dorthin zurück, wo seiner Meinung nach das Mädchen stehen musste. Er spürte, dass er der Nächste sein würde, denn die Blicke der Männer waren vom Hass getränkt, die Gesichter vor Wut entstellt. Noch zögerten sie, warteten, dass seine Aufmerksamkeit nachließ.

»Noch einen Schritt, Gull«, hauchte es zu ihm hin.

Er tat es. Eine Tür flog zu. Gleichzeitig schlug es prasselnd ins Holz. Wie eine einzige Detonation klang es und doch waren es mindestens zwanzig Geschosse, die sich in die Bohlentür einfraßen.

»Kommen Sie schnell«, klang es dicht neben ihm.

Eine Hand streckte sich aus, fasste die seine und er ließ sich willig durch den finsteren Raum führen, bemerkte nicht einmal, dass es eine kleine, feste Mädchenhand war, die ihn hielt; hörte nur den dumpfen Lärm, der sich wie eine Woge vor der Tür zu brechen schien.

Wieder klappte ein Riegel, dann noch eine Tür. Der Lärm hinter ihnen ebbte ab, war nur noch ein dunkles Brausen.

»Hier herein«, zischelte sie ihm zu, zerrte ihn mit sich, »und bleiben Sie stehen …«

Sie nahm ihre Hand aus der seinen. Ihr hastiger, keuchender Atem verriet, dass sie sich zum Fenster hin bewegte und den Vorhang etwas beiseite zog. Matter Mondschein fiel herein.

»Sie sind hinter Ihnen her, Gull Trinned! Wo ist Fred?«, klang es gepresst.

»Verwundet … Ich habe den Doc geholt.«

Sie ließ den Vorhang fallen, war mit schnellen Schritten vor ihm. Ihr Atem ging stoßweise, traf ihn. »Ich muss zu ihm … ich muss zu Fred«, bebte es von ihren Lippen.

»Ich weiß, Sie wollen mich nicht mitnehmen. Ich bin Ihnen hinderlich. Aber ich muss zu ihm, muss ihn pflegen. Hören Sie? Der Doc ist Freds Freund! Ich weiß es, er hat es mir gesagt … Er hatte in dieser Stadt nur einen Freund außer mir! Er braucht mich, Gull Trinned! Hören Sie?!«

»Und die Toten, Madam, wie standen Sie zu den Toten?«, unterbrach er ihren Ausbruch und trat zurück, hörte, wie sie schluckte.

»Ich war ihre Gefangene«, stieß sie heraus. »Jetzt bin ich frei. Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet … Sie können es nicht wissen.« »Nein, Madam … man begibt sich nicht in eine Gefahr …«

»Gull Trinned, was wissen Sie, was vor mir lag. Was wissen Sie, warum ich hierher kam … und die Bar eröffnete? Die Ranch meiner Eltern wurde niedergebrannt, ausgelöscht, meine Eltern getötet. Die Spur wies nach hier … Hier konnte ich herausfinden, wer es getan hatte, konnte mich rächen …«

»Und … hatten Sie Erfolg?«

»Yeah.« Sie sagte es bitter. »Ich machte die tollsten Schießer zu meinen Freunden, hetzte sie gegeneinander auf und erwarb mir ihr Vertrauen … Heute weiß ich, dass sie bei dem Überfall auf die Ranch meiner Eltern mit von der Partie waren … und dass Don Pedro …«

»Don Pedro …«, unterbrach er ungläubig, zweifelnd. Eine verzehrende Flamme brach in ihm durch. Er ballte die Fäuste, zischte. »Mob Hay hat den Doc verfolgen lassen und Don Pedro benachrichtigt …«

»Mein Gott!«, schrie sie auf.

»Yeah. Ich gab Fred mein Wort und darum muss ich jetzt fort …«

»Ich gehe mit …«, bestimmte sie fest und klammerte sich an ihn.

»Sie?«, fragte er. »Was wollen Sie? …«

»Glauben Sie, dass man auf mich Rücksicht nehmen wird?«, brach es leidenschaftlich aus ihr heraus. »Man nennt mich die Hexe von Seatle-City. – Ich weiß, dass ich auf einem Pulverfass gesessen habe, aber ich will nicht mehr darauf sitzen, wenn die Lunte angesteckt wird.«

Was sie sagte, hatte Hand und Fuß. Es war nicht wahrscheinlich, dass man sie in Ruhe lassen würde. Hier, an der Grenze respektierte man eine Frau nicht so wie in den Provinzen. Wenn die Wut hochflammte, konnte vieles geschehen.

»Sie lieben meinen Bruder?«, fragte er rau.

»Yeah.«

»Und Sie wissen, dass alles Lüge ist, was man ihm zuschreibt?«

»Ich weiß es, Gull!«

»In diesen Kleidern können Sie nicht reiten«, versuchte er sie von ihrem Vorhaben abzubringen und warf einen Blick durchs Fenster.

»Ich habe Männerkleidung, die mir passt, und ein Pferd wirst du mir aus dem Mietstall besorgen, wenn du deines herausholst …«, antwortete sie schnell. »Es wird bewacht! Ich werde die Wächter ablenken, zu zweit schaffen wir es. Versuch nicht, mir mein Vorhaben auszureden, denn sonst reite ich allein.«

»Das scheint mir auch so«, murmelte Gull und zog mit der Stiefelspitze einen Stuhl heran, hockte sich nieder.

»Drehen Sie sich um!«, forderte sie hastig und war schon dabei, sich umzukleiden.

Gull wunderte sich nicht mehr, denn dieses verteufelte Mädchen schien nicht nur Mut zu haben, sie wusste auch, was sie wollte.

Er ruckte herum, wollte Rita McDunn etwas Zurufen, stockte, hielt den Atem an.

Holly Gee! In der Tat, sie war eine Hexe, das ließ sich nun nicht mehr leugnen. Sie verzauberte alle Männer.

»Vergessen Sie das hier«, presste sie sich ab, »oder schaffen Sie sich ein Mädchen an!«

»Ist bereits geschehen«, sagte er dumpf mit abgewandtem Gesicht.

»Sie haben ein Mädel, Gull?«

»Yeah, wenn es nicht so wäre, würde ich Sie meinem Bruder ausspannen«, scherzte er und lauschte auf das Gesumme von draußen.

»Sprechen Sie nicht weiter!«, unterbrach sie hastig, kam auf ihn zu, riss ihm den Stetson vom Kopf. »Wer ist sie?«, forschte sie mit echt weiblicher Neugierde und fuhr ihm mit der Hand durch das Haar. Er zuckte bei dieser Berührung zusammen und es kam unbeabsichtigt rau und scharf über seine Lippen:

»Pesquita!«

Sie war weder erstaunt noch erschrocken. »Sie haben Geschmack, Gull! Sie ist es wert, geliebt zu werden. Für die Taten ihres Bruders kann sie nichts.«

»Es ist schön, dass Sie so denken«, gab er zu, und sie nahm die Hand aus seinen Haaren, wurde wieder sachlich.

»Nehmen Sie einen anderen Stetson. Man könnte Sie gerade daran erkennen. Dort …«, sie deutete mit der Rechten nach einem Regal … »… suchen Sie sich etwas Passendes aus. Ich bin gleich fertig.« Als er wieder zu ihr hinblickte, schlang sie sich einen breiten Waffengurt um die Hüften. Ein großkalibriger Coltkolben ragte heraus.

»Können Sie damit umgehen?«

»Mein Dad hat es mir beigebracht. Ohne diese Fertigkeit hätte ich niemals Fuß in Seatle-City gefasst, Gull!«

»Sie sind ein beachtliches Mädchen und … eine Hexe, Madam!«

Sie stieß ein leises, glockenklares Lachen aus. »Well, ich will für alle eine Hexe bleiben, Gull, nur für Fred nicht … Kommen Sie, ehe es zu spät ist. In einer Stunde wird es hell«, hörte er sie drängen, und dann zwängten sie sich durch die Tür.

 

 

12. Kapitel

 

Zu spät! Es ist ein verdammtes Wort, das einem das Mark aus den Knochen saugen konnte.

Zu spät?! … Himmel und Hölle, es durfte kein zu spät geben.

Sie schritt neben ihm, elastisch, biegsam. Unter dem Stetson war die reiche Fülle ihres Haares verborgen. Niemand würde in diesem jungen Cowboy ein Mädchen vermuten.

Unbehelligt kamen sie an einer Gruppe vorbei, hielten sich im Schlagschatten der Häuser. Unter ihren Stiefelsohlen klapperten die losen Bretter des Gehsteiges. Hier und dort standen Pferde an den Holmen. In Toreingängen lungerten einige Kerle, rauchten, und ihre Glimmstängel glühten wie Signallichter.

Manche ausgehängte Lampe war verlöscht, andere schaukelten im Zugwind, und über der Mainstreet standen die Sterne, funkelten kalt und fern.

»Das nächste Haus rechts ist der Mietstall«, hauchte sie.

Unwillkürlich gingen sie langsamer.

»Ich sehe nichts Verdächtiges.«

»Irrtum. Links, die beiden Kerle unter der Veranda gehören zur Wache, wir müssen an ihnen vorbei.«

Die beiden Wächter blickten kaum auf. Zwei Cowboys waren uninteressant.

Einige Yards vor ihnen blieb Gull stehen.

»Sonny … mach schon, müssen zur Ranch«, harschte Rita mit verstellter Stimme, »der Boss wird uns die Hölle heiß machen. Haben morgen einen harten Tag vor uns!«

Gulls Lachen flatterte dazwischen.

»Milchbart«, gab er zur Antwort, »will mir ’nen Glimmstängel drehen …«

»Aber nicht hier!«, mischte sich einer der Kerle ein. »Geht weiter, Cowpuncher, du bist hier nicht erwünscht!«

»Damned, wer will einem freien Mann Vorschriften machen, wer?«, donnerte Gull.

»Wir …«

»Ihr beiden? Dass ich nicht lache. Mit euch werde ich die Mainstreet sauber fegen!«, brüllte er in gespieltem Zorn und stemmte die Arme in die Hüften.

»Sonny! Mach, dass du verschwindest, oder wir setzen dir unser Blei vor die Füße!«, fauchte ein anderer Sprecher, ein Kerl, der mit seinem Kumpanen aus dem Mietstall trat und die Winchester in Anschlag brachte.

»Das ist nicht fair, Alter.«

»Stört uns wenig. Deinetwegen werden wir uns nicht das Edelwild verscheuchen lassen, dass hier in die Falle laufen soll …«

»Entschuldigt, Gents … Aber … mit vier Mann werdet ihr ihn kaum stellen.«

»Drinnen sind noch zwei, Sonny, das dürfte genügen! Zieht los, verschwindet!«

»Okay«, sagte Gull, packte Rita am Handgelenk, zog sie mit sich.

»Es riecht hier nicht gut …«, betonte er. »Es riecht nach Blei, Milchbart!«

Rita riss sich los, baute sich vor den Männern auf. »Und ihr glaubt, dass er noch kommen wird?« »Worauf du deinen Stetson schmoren kannst, Milchbart«, grinste einer zurück.

»Na, dann … So long, Gents!«, lächelte Gull zweideutig und brachte sie hinter sich her.

Als sie außer Hörweite waren, brannte er die Zigarette an, lauschte. Es ereignete sich nichts, und die Zigarette verlöschte unter seinen Sohlen.

»Was hast du vor?«, fragte Rita McDunn erregt und suchte den Ausdruck seines Gesichtes zu deuten. »Durch die Gärten zum Mietstall!«, klang es ruhig. »In Ordnung!«

Sie schwenkten in die Gasse ein, Gull drehte sich um, dann riss er Rita plötzlich mit sich.

»Madam, jetzt gilt’s«, keuchte er. Sie wusste genau, was er meinte, denn solange die vier Wächter zusammen sprachen, hatten sie eine Chance unbemerkt heranzukommen.

Sie lief trippelnd neben Gull her, ließ sich willig über einen Zaun heben und Gull setzte im Sprung nach.

»Hol die Kanone heraus, lüfte an«, flüsterte er. Sie nickte, war etwas außer Atem. Aber Gull ließ ihr keine Zeit zum Verschnaufen, zog sie hinter sich her.

Die Umrisse des Stalles tauchten auf.

»Bleib hier, geh auf keinen Fall aus der Deckung, und wenn du Lärm hörst, feuere zur Straße hin … Alles klar?«

Sie nickte abermals. Doch dann hielt sie ihn noch einmal fest.

»Gull, du bist nach Seatle gekommen, um Fred zu holen?«

»Yeah«, keuchte er ungeduldig, »Dad hat längst eingesehen, dass Fred unschuldig war.«

»Fred erzählte mir davon. Er trug schwer daran. Ich bin glücklich, dass bald alles hinter uns liegt …« Ihre Stimme riss ab. Sie schwieg erschreckt, dachte wohl erst wieder daran, dass die Zukunft vielleicht nur ein zauberhafter Traum für sie war.

In seinem Gesicht zuckte es. Hart knirschten die Zähne aufeinander, und die zwei Kerben zeigten sich um die Mundwinkel, vertieften sich vor Leid und Gram. Dunkel, seltsam finster war sein Blick, als er sich von ihr löste.

Wie ein Schatten huschte er fort, dorthin, wo die drohende Silhouette des Mietstalles sich scharf vom helleren Firmament abhob.

»Mein Gott, lass alles gut werden«, flüsterte sie vor sich hin. Das stolze Mädchen war verzagt und doch entschlossen, selbst ihr Leben einzusetzen. Sie spähte nach allen Seiten, lauschte nach verdächtigen Geräuschen, sah, wie Gull mit gleitenden, lautlosen Bewegungen die kleine Tür erreicht hatte und sich an die Wand presste.

Ihr Herz schlug in rasendem Takt, wirbelte dröhnend gegen die Rippen.

Sie konnte nicht anders … sprang vor und erreichte Gull in dem Augenblick, als er die Tür nach innen aufstoßen wollte.

»Himmel und Hölle … Mädel!«, zischte Gull.

»Schick mich nicht weg! … Ich will dabei sein!«, brach es aus ihr heraus.

»Zurück«, zischte er. »Mein Bruder braucht eine gesunde Frau, keine Leiche …«

»Aber du …«

»Ich bin ein Mann, und das hier ist Männersache. – Rio-Wort! Mädchen, verstehst du das?«

Sie prallte zurück.

»Warum soll ich nicht meinen Teil dazu beitragen, warum nicht?«

»Bleib hier«, erklärte er hart, »… und warte! Falls geschossen wird, wirf dich zu Boden. Auf keinen Fall wirst du von hier das Feuer erwidern!«

Er ließ sie stehen, tastete nach der Tür, drückte sie einen Spaltbreit auf und schob sich langsam in das Innere des Mietstalles hinein. Langsam schloss er die Tür hinter sich, lauschte.

Von den Boxen klang das Schnauben und Prusten der Pferde. Im Hintergrund brannte eine schwache Stalllaterne, warf nur ungenügend Helligkeit. Von den Wächtern sah und hörte er nichts, und doch spürte er ihre Anwesenheit. Irgendwo hielten sich die Burschen versteckt.

Gull spähte nach den besten Möglichkeiten und schob sich langsam vorwärts.

Er kam an zwei Boxen vorbei. Sie standen leer und dienten als Heulager. Da blieb er stehen, rührte und regte sich nicht, wurde selbst zum Schatten, suchte Tonny.

Sie stand in der dritten Box links vor ihm, hatte den rassigen Kopf erhoben. Ihre großen, dunklen Augen fingen den Schein der Lampe auf, und neben Tonny stand ein brandroter Fuchs, der, wenngleich kein Klassegaul, so doch ein vorzüglicher Läufer sein musste.

Er glitt weiter, blieb plötzlich stehen. Von dort her, wo die Haupttür sich zur Straßenseite hin öffnete, klang verhaltenes Lachen, Wortfetzen drangen herein.

Wieder glitt Gull weiter, und als er jäh stockte, erinnerte sein Verhalten an eine Großkatze, die stehenblieb, um sich zum Sprung zu ducken. Sein Körper fiel merklich zusammen, jeder Muskel spielte.

In diesem Augenblick flog ein zölliges Eichenbrett gegen Gulls Schienbein. Er stolperte. Geräusche sprangen auf. Ein Schatten flog auf ihn zu. Er warf sich herum, neben seinem Kopf sauste es herab, klirrte.

Wieder zuckte es zurück und auf ihn zu und abermals konnte er sich mit einer schnellen Drehung vor dem zustoßenden Messer retten. Ein Mex! Denn nur Mex arbeiteten lieber mit dem Messer als mit dem Revolver.

Gulls Rechte krallte sich in ein Handgelenk, zog mit einem Ruck den Kerl gegen seine zustoßende Linke, die wie ein Pferdehuf das Nasenbein des Gegners zertrümmerte und einen spitzen, grellen Schrei auslöste.

Mit beiden Händen fuhr der Mann sich ins Gesicht und ließ ab. Gull kam für Sekunden frei, verstärkte die Wucht seiner Schläge, trommelte darauf los, wurde von der eigenen Wucht fast hinterhergeschleudert, und der Mann brach zusammen.

Hart krachte Gulls Kopf gegen eine Bretterwand. Er wollte sich benommen aufrichten, aber etwas Hartes bohrte sich in seinen Rücken und eine raue Stimme befahl fast milde:

»Stopp … Nimm sie hoch, und … mach keine Dummheiten.«

»Yeah«, murrte Gull, nahm die Hände hoch, wollte sich langsam herumdrehen, doch der andere fuhr ihn an!

»Lass das! Ich sehe dich lieber von hinten!, und von vorn erst dann, wenn deine Zunge heraushängt. Du hast unseren Brotgebern aus den Stiefeln geholfen …«

»Du gehörst auch zu dem Verein?«, fragte Gull, um Zeit zu gewinnen und überlegte krampfhaft, warum denn die von draußen nicht hereinkamen. Sie hätten den Schrei hören müssen. Bestimmt!

»Lös deinen Gurt und wirf ihn hinter dich«, kam die dringende Aufforderung und unterbrach seine Gedanken.

Heiß loderte es in ihm auf, denn solange er seine Eisen hatte, war die Situation noch erträglich, wenn sie erst auf dem Boden lagen, war auch der letzte Rest einer Chance dahin.

»Los … mach schon …«, drängte der Bursche härter.

Gull machte … aber anders, als es sich der Boy vorgestellt hatte.

Er sauste herum, traf mit vollem Schwung den Schussarm und die Waffe flog irgendwo ins Stroh.

Ein zweiter Schlag landete hinter seinem Ohr. Es gab einen Laut, der sich trocken und weich anhörte, und dieser Laut war dem bulligen Burschen eine freudlose Überraschung, denn an dem Ohr hing sein Kopf und der flog mit einem Ruck zur Seite. Gleichzeitig fasste Gull zu, erwischte den linken Colt des Gegners, riss ihn aus dem Holster und drückte die Waffe in den fremden Körper hinein.

»Kitzlig?«, fragte er.

Der Kerl sagte nichts, und Gull stieß fester zu.

»Eure Zeit ist um, Sonny. Vorwärts! … Sattle auf! … Hol die Rappstute und den Fuchs aus den Boxen …«

Schwerfällig drehte sich der Mann herum. Die Überraschung hatte ihn förmlich gelähmt … und dann sattelte der Bullige auf … Er verstand etwas davon, und er hatte es eilig.

»Durch die Hintertür … ins Freie!«, kommandierte Gull.

Der Kerl zögerte, wand sich wie eine getretene Schlange und die gewaltigen Muskelbündel unter dem knapp sitzenden Hemd begannen zu tanzen, drohten den Stoff zu sprengen. Ohnmächtige Wut schwelte in seinen Augen. Zorn und Grimm erstickten ihn fast.

»Du solltest heute Nacht ’ne Menge gelernt haben, Sonny … Ich habe mein Rio-Wort gegeben, dass ich diese Stadt sauber mache … Und ich halte mein Wort.«

»Damit kommst du nicht durch …«, fetzte es zurück.

Ich sage dir, Mann, dass die Stunden Don Pedros und seiner Killer gezählt sind … Los, führ die Pferde hinaus!«, lächelte Gull heiter, und dieses unbeschwerte Lachen bezwang den Rowdy völlig.

Damny! Es war kein schöner Anblick, wie der Bulle sich benahm, wie er die Fäuste zusammenkrampfte und sie spreizte.

Gull war ihm gegenüber ein Zwerg.

Er sah das plötzliche Aufblitzen in den schräggestellten Augen und erwartete einen neuen Wutanfall. Vorsichtig beobachtend musterte er die Umgebung, erkannte keinen Grund für das umschlagende Verhalten des Burschen, trieb zur Eile.

Der Mann mit dem Messer, den Gull für betäubt hielt, war erwacht, hob die Augenlider, blinzelte blieb ruhig liegen und spannte sich zum Sprung.

Er lag hinter Gull, wartete, lauerte, und der Bullige wusste, dass der Sprung dieses Burschen die Lage entscheidend beeinflussen konnte, zögerte mit dem Hinausführen, hantierte langsam an den Riemen.

»Los, Buddy«, drängte Gull, beugte sich etwas vor und machte eine Wendung nach rechts.

Das rettete sein Leben.

Wie eine Wildkatze flog der Mex hoch. Zugleich schlug der Bullige zu. Mühsam wich Gull aus, unterlief seine Faust und seine Pranke krachte auf das ungedeckte Kinn des anderen.

Und dann kam alles sehr schnell …

Etwas Schweres krachte nieder. Ein schneller Schatten tauchte auf, als der Bullige in sich zusammensackte.

Taumelnd wollte sich Gull auf den neuen Angreifer werfen, fuhr zurück.

»Du, Rita?«, entfuhr es ihm verwundert.

»Yeah! Ich!«, hauchte sie ihm zu.

»Dann rasch hinaus …«

»Wir können uns Zeit lassen«, dehnte sie.

Ihre Antwort riss ihn hoch. Er packte sie hart bei den Schultern.

»Du vergisst die vier Wachtposten!«, brachte er mühsam heraus.

»Nein, Gull … sie haben wie ich den Schrei gehört!«

»Und …?«, fauchte er.

»Sie kamen einzeln … Ich stand hinter der Tür, habe sie in Empfang genommen und sie schlafen gelegt … So schnell werden die nicht wach!«

»Holly gee! Was bist du für ein Mädel …!«

»Eine, die zu Fred passt«, sagte sie leise, und Stolz schwang in ihrer Stimme.

Sie zogen die Tiere ins Freie, stiegen auf, ritten im Schritt davon, doch als sie einige Yards entfernt waren, scholl ein erschütterndes Gebrüll hinter ihnen her, und gleich darauf flammte es über sie hinweg.

»Ich hätte die Narkose vertiefen sollen«, sagte Rita gurrend, warf sich weit im Sattel vor, beugte sich tief auf den schwingenden Pferdehals und jagte Seite an Seite mit Gull durch die Mainstreet dem Süden zu.

Hinter ihnen versank Seatle-City. Versank die unruhige Stadt, und weit im Osten graute der Morgen, flirrten die goldenen Lichtfinger der Sonne, tasteten sich über das dunstige Land.

Hämmernd, wild, im hämmernden Stakkato klapperten die Hufe, schleuderten Gras und Sand hinter sich. Sie holten aus den Tieren heraus, was heraus zu holen war.

Rita war Gull einige Pferdelängen voraus. Sie war eine vorzügliche Reiterin, schien mit dem Gaul verwachsen zu sein, und immer wieder gellte ihr Ruf: »… Weiter, schneller, Yipi-Yee!«

»Zu spät!«, donnerten die Hufe, ächzte das Leder.

»Zu spät!«, zischte der Reitwind.

Die Sonne ging auf. In vielfarbener Pracht sandte sie betörende Lichtfluten, trieb sie vor sich her.

Es glitzerte und gleißte … funkelte, blitzte. Der Tau wob Perlen in die Halme der Gräser, und die Dunstfahnen der Nebel wurden zu köstlichen Lichtervorhängen. Und dort, wo der Busch in gewaltigen Formationen sich ausbreitete, wo er sich in seinem Urzustand offenbarte, dort fingen sich die Lichtfluten vor den Stämmen … und dahinter schluckte sie die Dunkelheit …

Am Sweet-Creek machten sie eine kurze Pause und tränkten die Pferde.

Erschöpft, müde, ausgepumpt fiel Gull fast aus dem Sattel. Rita war mit schnellen Schritten an seiner Seite, sah, dass er Schatten, tiefe, graue Schatten unter den Augen hatte. Lehmfarbig, eingefallen war sein Gesicht, und jetzt erst sah sie, dass er verwundet war und aus einem Streifschuss blutete.

»Mein Gott … warum hast du nichts gesagt«, fuhr sie ihn fast vorwurfsvoll an.

»Ist nur ein Kratzer, Mädel …«, wehrte er ab. »Wir müssen weiter.« Er drehte sich eine Tabakrolle, rauchte, sah nach den Pferden. In seinen Augen stand ein düsterer Glanz.

»Ich werde dich verbinden … und du wirst stillhalten!«, sagte sie zwingend.

Er schüttelte den Kopf. Wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Die Pferde sollen saufen … Und dann wird geritten … Es könnte zu spät sein …« Er schluckte, sah sie an, sah sie zum ersten Mal im weichen Licht der Sonne und hob überrascht den Kopf.

»Mädchen … Fred wird gesund, wenn er dich …«

»Ich mag das nicht, Gull …wehrte sie schnell ab, drehte um, machte sich an den Satteltaschen zu schaffen und kam schnell zurück.

»Kein Wort, Gull …«, drohte sie stirnrunzelnd, und er sagte wirklich nichts.

Wenig später saßen sie in den Sätteln. Es ging dem Gelben Grund entgegen. Gegen Mittag kamen sie an. Gull hing nur noch im Sattel, rutschte vom Pferderücken und schlug dumpf zu Boden.

Mit einem Schrei war sie bei ihm, versuchte ihn aufzurichten, erkannte an seinen Augen, dass er halb ohnmächtig war, sie kaum erkannte.

»Gull …«, schrie sie auf.

Mühsam öffnete er die Augen.

»Ich muss wohl sehr müde sein …«, murmelte er schwach.

»Das ist es nicht allein, Gull … du verschweigst mir etwas …«

Dunkel klang sein Lachen. War es die Reaktion der langen, schlaflosen Nächte, war es der Blutverlust … oder …?

»Mir ist so komisch zumute … Ich weiß nicht …«

»Reiß dich zusammen …«

Er lachte wieder, sah sie aus umschleierten Augen an.

»Du musst reiten, Gull! … Hörst du? … Wir müssen!«

»Ich weiß, das Rio-Wort …«, trieb es ihn hoch. Er stand breitbeinig, krallte sich an Tonny fest, stierte vor sich hin.

Glanzlos waren seine Augen. Grüfte, die die Schatten der Nacht aufgesogen hatten. Kerben durchschnitten seine Mundwinkel, gruben sich noch tiefer ein, verzerrten den Mund. In seinem Kopf dröhnte und pochte es. Rote Nebelwogen zogen vor seinen Augen hin und her, wallten auf und nieder.

Durch sie hindurch sah er Rita, sah ihr zuckendes Gesicht, sah, wie sie ihn mit ihren blauen Augen betrachtete.

»Gull … wir müssen reiten … so höre doch!«

»Allright …«, murmelte er, fuhr sich mit der Hand durch das Haar, und als er sie zurückzog, waren die Fingerspitzen rot.

Er starrte darauf nieder, hörte ihren spitzen Aufschrei.

»Ein schönes Loch«, wehte es ihm zu.

»Yeah … mein Schädel wird wohl doch weicher gewesen sein, als die Bretterwand. Man soll eben nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen …«, versuchte er zu scherzen, doch sie hatte kein Verständnis dafür, schimpfte leise vor sich hin.

»Beiß die Zähne zusammen, Trinned!«

»Wüsste nicht …«, er brach ab.

»Schimpf ruhig, wenn es dich erleichtert«, hörte er ihre Stimme.

Er grinste benommen, hörte förmlich seine Zähne knirschen, klappern und mahlen … nach einiger Zeit erst wusste er, dass er wieder im Sattel saß. Unsicher schielte er zu Rita hinüber.

»Wie fühlst du dich?«, warf sie ihm zu.

»Wie im fremden Corral«, stöhnte er. »Hast du mir den Sattel untergeschoben?«

»No … Du hast es vergessen?«

»Scheint so …«

»Das ist schlimm … für alle!«

Er gab keine Antwort, hieb Tonny die Absätze ein, brüllte:

»Vorwärts, altes Mädchen!«

Tonny war gemeint, nicht Rita. Trotzdem lächelte sie und blieb nun hinter ihm, beobachtete ihn scharf, besorgt, spielte mit dem Gedanken haltzumachten, Gull zu pflegen, zu warten, bis er das Übelste überstanden hatte.

Sie sagte es ihm.

Er lachte schneidend, hieb die Rechte durch die Luft.

»Fred hat mein Rio-Wort! …«, fauchte er bissig, und sie entgegnete nichts mehr, presste die Lippen aufeinander, hielt sich dicht hinter ihm.

Eine halbe Stunde verging. Der Gelbe Grund lag hinter ihnen. Aus dem Buschland tönte das Geheul jagender Coyoten.

Sie sah sein zuckendes, verkrampftes Gesicht, hörte wie er oftmals Undeutliches vor sich hin murmelte, wie er sich bemühte, die Herrschaft über sich selbst nicht zu verlieren, und plötzlich verstand sie einen Wortfetzen.

»Rio-Wort!«, hatte er vor sich hin geflüstert. Sie wusste, was dieses Wort bedeutete, wusste, dass Männer dafür starben, dass sie lachend in den Tod gehen mussten, hatten sie es gegeben, dass sie es halten mussten, gleich welchen Standes sie waren und gegen wen sie es gaben.

»Du hast es gehalten Gull …«, warf sie ihm zu. »Du hast dein Wort gehalten, hast das Trio ausgelöscht …«

»Aber nicht die Stadt sauber gefegt«, stöhnte er. »Du hast den Anfang gemacht, Gull Trinned … Den Rest besorgt die erwachende Stadt. Sie werden einen neuen Sheriff wählen …«

Auf seinem eingefallenen Gesicht erschien ein seltsames Leuchten, fast ein Strahlen.

»Wollte, es wäre so … wollte, die Stadt würde sich selbst von dem Gelichter befreien … aber ihr fehlt der Mann, der stark genug ist …«

»Der Doc ist es«, sagte sie hastig. »Sie halten viel von ihm. Er könnte sie führen …«

Heiser, abgehackt war sein Lachen. »Ausgerechnet der Doc«, schrie er auf. »Vielleicht sind Fred und er schon in der Hölle. – Rio-Wort!«, schleuderte er die Worte gegen den Reitwind, hob sich in den Steigbügeln, warf den Kopf hoch, und sie erschrak vor seinem Aussehen, von der zügellosen Wildheit seines Blickes, erkannte, dass dieser Trinned den Bruder auf seine Art liebte, dass er unter der Ungewissheit litt, erkannte gleichzeitig, dass ein schier verzweifelter Wille ihn im Sattel aufrecht hielt und ihn dazu zwang, nicht nachzulassen, nicht aufzugeben.

Plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus, schrie ihm zu:

»Wir werden verfolgt, Gull …«

»Schon?«, sagte er nur.

»Ein Reiter«, murmelte sie.

Jetzt erst wandte er sich im Sattel, schaute zurück, riss an den Zügeln.

»Das ist sonderbar«, fauchte er, »verdammt sonderbar, schau dir den Reiter an, Rita … schau ihn dir an!«

Sie tat es, brachte ihr Tier in eine langsamere Gangart. Ihre Augen weiteten sich.

So ritt kein Verfolger, so ritt nur ein Mann, der selbst verfolgt, gehetzt, getrieben wurde … so ritt ein Mann, wenn er alles aus seinem Tier herausholen wollte, wenn es ihm nicht darauf ankam, dass sein Reittier tot unter ihm zusammenbrach.

Langsam trieb Gull die Rappstute an, verhielt unter den ausladenden Zweigen einer Tanne, und Ritas Fuchs drängte heran, blieb stehen.

 

 

13. Kapitel

 

Rita McDunns Augen flogen von Gull zu dem Reiter, der sich näherte. Manchmal verschluckten ihn Baumgruppen, Erdmulden und Hügel, dann war er wieder sichtbar, und immer wenn er auftauchte, war er deutlicher zu sehen.

Das Trommeln der Hufe schwoll an, wurde lauter, eindringlicher, war ein hämmernder Takt und als der Reiter wieder ins Blickfeld geriet, fuhr Gull in den Steigbügeln hoch, als ob ihn eine Tarantel gestochen hätte.

»Das kann nicht sein«, zuckte es von seinen Lippen. »Das ist eine Halluzination!«

Rita biss sich auf die Lippen, sah, dass der Reiter seltsam schwankend im Sattel saß, dass rabenschwarzes Haar wie die Schwingen eines Kolkraben unter der ausladenden Hutkrempe flatterte.

»Ein Mädchen«, fuhr sie auf.

»Yeah, das schönste Mädchen der Welt!«

»Pesquita!?«

»Yeah«, stöhnte er.

Es war, als ob die Reiterin mit fast magischer Gewalt zu der kleinen Tannengruppe hingezogen würde.

Gull trieb Tonny an. Sie zeigten sich ganz.

Bei ihrem Anblick riss die Reiterin den Gaul herum, versuchte zu fliehen.

»Pesquita«, rief er, und der Wind trug ihr den Ruf zu. Und jetzt erst erkannte sie sie, beruhigte das Tier, ritt auf Gull und Rita zu.

Ihre dunklen Augen brannten vor unheimlicher Erregung und ihre Blicke flogen von einem zum anderen, saugten sich fest, schienen etwas ergründen zu wollen. Im tänzelnden Schritt kam ihr Brauner heran, stoppte.

»Gull«, hauchte es von ihren Lippen. Sie warf sich aus dem Sattel, zog das Tier die wenigen Schritte hinter sich her.

Auf halbem Wege trafen sie aufeinander. Schwankend, fast torkelnd war Gulls Gang, wie trunken war er, ausgebrannt, innerlich hohl und leer und doch … sie war da … sie … der er ein Königreich geschenkt hätte, stünde es in seiner Macht.

»Du bist verwundet, Gull?«, schrie sie auf.

»Nur Kratzer …«

»… die genügten, manchen Mann auf die Knie zu zwingen«, warf Rita ein.

Pesquita sah das rothaarige Mädchen lange und nachdenklich an, strich dem Braunen über die Nüstern, wusste einen Augenblick lang nicht, wie sie sich verhalten sollte, trat auf sie zu.

»Sie sind Rita McDunn … Sie sind die Frau, die meinen Bruder abwies, ihm einen Korb gab?«, kam es brüchig über die Lippen, und in ihren Augen brannte es.

»Yeah, ich bin es.«

»Warum taten Sie es? Warum nur? … Hätten Sie ihn genommen … ich glaube, er wäre nie so geworden«, schluckte sie schwer, und jetzt, da sie dicht voreinander standen, wurde es ihr fast unmöglich, ihren zerrissenen Schmerz zu bezwingen.

»Sie hätten es verhindern können«, entfuhr es Pesquita leidenschaftlich. »Eine Frau wie Sie … würde es geschafft haben … Dann wäre er niemals auf der falschen Seite gelandet. Sie tragen einen Teil der Schuld, Miss McDunn … Sie …!«, brach es aus ihr heraus, und dann klammerte sie sich an ihr Tier.

Ihre Anklage traf Rita wie ein Schlag. Jähe Röte schoss ihr in die Stirn. Einen Moment nur brauchte sie, um die abweisende Erwiderung zu unterdrücken, dann kam es ruhig, fast mitleidig zurück:

»Er war schon auf der falschen Seite, als ich ihn kennenlernte. Auch ich wäre gegen ihn und sein Wesen machtlos gewesen. Glauben Sie mir, Pesquita.«

Pesquita warf den Kopf hoch, ihre Augen glühten.

»Sie wollen damit sagen …«

»Dass er ein Bandenchef war, dass er der Schrecken der Grenze ist … er mit seinen Leuten, die ihn decken.«

Das schwarzhaarige Mädchen schien unter den Worten zu zerbrechen. Sie stand wie erstarrt. Ihre Wangenmuskeln zuckten vor haltloser Qual, vor einem Leid, das tief in ihr aufbrach und die schwarzsamtenen Augen mit Tränen füllte.

»Mein Gott … Madonna hilf!«, bebte es von ihren Lippen. »Ich wollte es nicht glauben … Er ist mein Bruder. Er ist …«

»… der Mann, der hier als Tude Warren haust, der Fred Trinned als Tude Warren ausgibt, der ihn jagt, weil Fred mir gehört«, murmelte Rita leise und ließ Pesquita nicht aus den Augen.

Pesquita gab keine Antwort. Zweifelnd suchte sie Gulls Blick, und als der nickte, senkte sie ihre Augen. Schwer und stoßweise arbeiteten ihre Lungen.

»Es ist furchtbar …«, stieß sie dann hervor und taumelte kraftlos auf Gull zu, fiel gegen ihn, und als er ihr seine Arme entgegenstreckte, als er ihr Halt geben wollte, riss sie sich von ihm los.

Seltsam verloren war der Ausdruck in ihrem Gesicht. Zorn, Erschütterung, Scham kämpften darin, und ihr Stolz gab ihr die Kraft zurück, ließ sie sich aufbäumen.

»Ich bin die Schwester eines Mörders, Gull Trinned!«, presste sie durch die jetzt hart werdenden Lippen. »Ich kann es nicht ändern, dass er so ist. Ich kann es nicht, Mister Trinned. Ich kann nur versuchen …«

»… mich weiterhin Gull zu nennen, Pesquita. Was dein Bruder macht, geht dich nichts an. Du bist sauber, Mädchen, komm«, sagte er weich, legte seinen Arm um sie, half ihr den Schlag zu überwinden.

Jetzt straffte sie sich. »Steig auf Gull«, sagte sie entschlossen, »wenn du deinen Bruder retten willst, dann reite! Du kannst ihn vor Don Pedro retten … Ich suchte dich in der City. Ihr ward schon unterwegs … Reite weiter, Gull, lass uns keine Zeit verlieren«, drang sie auf ihn ein und schwang sich in den Sattel.

Gull hielt sich neben ihr.

»Erzähle«, forderte er. »Rede!«

»Ein Bote von Mob Hay kam. Ich fing ihn ab. Er und drei andere haben den Doc verfolgt, sie wissen, wo Tude Warren liegt, haben sich in den Hinterhalt gelegt und wollen warten bis Don Pedro eintrifft. Ich fragte den Mann aus, und er sagte mir, dass Tude Warren verwundet ist und dass der Doc ihn zurechtflickt. Ich konnte den Boten hinhalten und ritt fort, um euch zu warnen. Ich will nicht, dass mein Bruder zum Mörder an euch wird. Ich will nicht, dass er noch mehr Schuld auf sich lädt.« »Seit wann misstraust du ihm? Was hat dir die Augen geöffnet?«, fragte Gull und warf den Kopf herum.

»Die Peitsche!«, presste sie heraus. Abwehr prägte sich in ihr stolzes Gesicht. »Er hat mich geschlagen und scheut vor nichts zurück, Gull.«

Sie schloss vor Scham die Augen, wurde weiß wie Linnen, und auf ihrer klaren, reinen Stirn stand eine steile, senkrechte Falte.

»Wann kann er dort sein?«, fauchte Gull. Pfeifend kam es über die Lippen. Seine Zähne knirschten und in den umschatteten Augen loderte das gefährliche, verzehrende Feuer seiner nicht mehr einzudämmenden Wut und Empörung.

»In einer halben Stunde«, antwortete sie tonlos.

Prüfend schaute er in ihre Augen. Stählern, eiskalt war sein Blick, drang in sie ein, und sie hielt diesen Blick aus.

»Du weißt, was das ›Rio-Wort‹ bedeutet, Pesquita?«

Sie nickte kaum merklich.

»Dann weißt du, dass ich es halte! … Ich habe Don Pedro versprochen, dass ich die drei Schießer aus dem Paradies stelle, und ich habe Fred versprochen, dass ich dann gegen Tude Warren ziehe. Eins habe ich erledigt, du weißt, was ich tun muss?«

»Ich weiß es, Gull Trinned. Aber ich weiß auch, dass ich niemals den Mann lieben könnte, der meinen Bruder …«

Gull Trinned fuhr zusammen. Ausdruckslos wurden seine Augen. Die Gletscherkälte verschwand daraus, und irre Lichter schienen aufzufunkeln.

»Du bittest für ihn, verlangst, dass ich mein Wort breche und als Geächteter …? – Ich gab mein Rio-Wort, Pesquita. Ich halte es«, kam es schroff über seine Lippen. Seine Hände fielen herab. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, und seine Fingerspitzen bebten. Trotzdem ließ er sie nicht aus den Augen.

»Du verstehst mich falsch! … Ich bitte nicht für ihn … werde es nicht tun. Pedro hat sein Geschick herausgefordert. Und ich will nicht, dass du es bist, der …«

Sie brach ab, als sie das harte Glänzen hinter seiner Iris sah, als sie das Wort hörte, das sie zu hassen begann.

»Rio-Wort«, drang es in ihre Ohren. »Ich gab mein Wort!«, kam es von seinen Lippen. »Es ist gegeben. Ich kann es nicht ändern.«

»Dann trennen sich hier unsere Wege … für immer«, sagte sie leise und senkte die großen Augen, in denen es Nacht wurde.

Er sprach nicht weiter … Was sollte er noch sagen? Zwei Welten standen sich gegenüber: Manneswort und Liebe! Noch wusste er nicht, was stärker war … schob die Entscheidung hinaus.

»Reiten wir …«, keuchte er abgehackt und trieb Tonny, jagte davon.

Sie schlossen sich ihm an, aber er schien es nicht zu bemerken.

Blaue und schwarze Augen waren auf ihn gerichtet, blauschwarzes und rotes Haar leuchtete in der goldenen Sonne …

Gull sah es nicht. Seine Blicke waren kalt, waren starr nach vorn gerichtet, als ob er irgendwo im dunklen Busch nach einem Ausweg, einem Halt suchen wollte. Tief aus seiner Brust kam ein Stöhnen. Er krallte die Hände um das Sattelhorn, blickte sich nicht mehr um.

Die kleine Kavalkade brauste im zügigen Tempo durch das Buschland, und links und rechts trat das weiche Grün des sonnenübergossenen Laubwaldes heran, griff nach ihnen, schlug hinter ihnen zusammen.

Meile um Meile legten sie hinter sich, doch plötzlich stoppte Gull. Sein verzerrtes, maskenhaftes Gesicht wandte sich den Mädchen zu.

»Halt … wir bleiben hier«, bestimmte er fest.

Sie rissen die Tiere auf die Hinterhand, glitten wie Gull aus dem Sattel.

»Warum … lass uns weiterreiten … wir können den Doc warnen!«

»… Und abgeschossen werden. Nein! Ihr beide bleibt hier. Ich lasse euch Tonny. Wenn es soweit ist, hole ich euch nach!« Rau und heiser war seine Stimme. Er blickte die Mädchen nicht an, schaute an ihnen vorbei, warf Rita die Zügel der Rappstute zu, und sie fing sie geschickt, sah überrascht auf, als er mit schnellen Händen seine Eisen überprüfte und sie dann mit einem Ruck in die Holster zurückstieß.

Wie sehr hatte er sich gewandelt. Alle Schwäche schien von ihm abgefallen zu sein. Staub und Schweiß hatten sein Gesicht überkrustet und entstellt. Schrecklich waren seine Augen. Klüfte waren es, Abgründe, und tief in ihnen glomm es auf.

Sie prallten vor diesem Blick zurück.

»Du trägst die Hölle in dir, Gull. Ich sehe sie, denn sie ist in dir, in deinen Augen!«, murmelte Pesquita, und trat an Ritas Seite. Das knappe Reithemd hob und senkte sich im Rhythmus des keuchenden Atems. Ihre Augen schimmerten feucht.

»Gull … pass auf …«, murmelte Rita.

»Mach es richtig, Gull Trinned!«, raunte Pesquita leise.

Er gab keine Antwort, schaute sich nicht einmal um, als die Schatten des Waldes ihn verschlangen.

Wie ein Panther tauchte er unter, lautlos, geduckt, drohend, unheimlich und die Mädchen hörten nicht einmal einen Ast brechen, hörten kein trockenes Laub rascheln.

Seite an Seite standen sie, und ihre Hände fanden sich wie unter einem seltsamen Bann, krampften sich so ineinander, als wollten sie sich gegen die finstere Gewalt, die sich vor ihnen auftürmte und sie zu verschlingen drohte, verbünden.

»Rio-Wort!«, presste Rita heraus und richtete die Blicke auf Pesquita. »Er ist krank … und doch bereit. In diesem Zustand sind mir die Männer unheimlich.«

»Ich habe viele mit heißen Eisen gekannt und glaubte sie alle zu kennen. Aber bei den Trinned-Brüdern weiß man nie, was sie tun. Sie sind stolzer und freier als die anderen und auch härter gegen sich. Trotz ihrer Härte werden sie nie herzlose Killer werden.

Sie lassen dem Übelsten eine Chance, und das wirft sie einmal in den Staub, weil sie es nicht fertigbringen, gnadenlos zu sein, weil sie immer den unteren Weg wählen müssen.

Ich habe Angst um sie, Pesquita … Ihr Bruder bringt seine Leute mit, gewissenlose Schießer, die ohne Warnung töten. Wenn Gull ihnen eine Chance gibt …«

»… wird es für ihn keine geben!«, beendete Pesquita, nagte an der Unterlippe, strich sich nervös eine Locke aus der Stirn.

Details

Seiten
865
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942637
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
blei gehacktes luft western-sonderedition

Autoren

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Titel: Gehacktes Blei liegt in der Luft - Sechs Romane in einem Band