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Das zerronnene Glück - Sechs Heimat-Romane

2020 579 Seiten

Zusammenfassung

Für ihre Liebe geht Maria einen schweren Weg …
Es ist Sünde, dass sie in Peters Armen liegt, und gleichzeitig der Himmel auf Erden. Nie war Maria glücklicher als in diesen verbotenen Stunden. Wenn die Zeit doch stehen bleiben würde! Aber gleich muss sie zurück zu dem Mann, dem sie Treue geschworen hat, obwohl sie ihn nie wirklich geliebt hat.
Marias Verzweiflung ist unendlich, als sie sich auf den Heimweg macht. Wie soll sie leben mit der Lüge? Doch genauso viel Angst hat sie vor der Wahrheit und vor Thomas’ Jähzorn …
Der hier beschriebene Roman SIE BRACH DAS HEILIGE VERSPRECHEN von A. F. Morland und fünf weitere Romane sind in diesem Band vereint.

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:
› Sie brach das heilige Versprechen – von A. F. Morland
› Gewonnenes Glück - zerronnenes Glück – von Klaus-Tiberius Schmidt
› Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider – von G. S. Friebel
› Barbaras Flucht in den Pfarrkeller – von A. F. Morland
› Das einsame Mädchen vom Nebelhof – von Klaus-Tiberius Schmidt
› Die Lüge der Lisa Eigner – von G. S. Friebel

Leseprobe

Table of Contents

Das zerronnene Glück

Sie brach das heilige Versprechen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Gewonnenes Glück – zerronnenes Glück

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Barbaras Flucht in den Pfarrkeller

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Das einsame Mädchen vom Nebelhof

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Die Lüge der Lisa Eigner

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Das zerronnene Glück

 

 

Heimat-Roman-Sonderedition

 

 

Sechs Heimat-Romane großer nationaler Autoren

in einem Band vereint

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay und Kerstin Peschel, 2020

Korrektorat, Redaktion: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

› Sie brach das heilige Versprechen – von A. F. Morland

› Gewonnenes Glück - zerronnenes Glück – von Klaus-Tiberius Schmidt

Die verbotene Liebe des Caspar Patscheider – von G. S. Friebel

› Barbaras Flucht in den Pfarrkeller – von A. F. Morland

› Das einsame Mädchen vom Nebelhof – von Klaus-Tiberius Schmidt

› Die Lüge der Lisa Eigner – von G. S. Friebel

 

 

***

 

 

Sie brach das heilige Versprechen

 

 

von A. F. Morland

 

 

Für ihre Liebe geht Maria einen schweren Weg …

Es ist Sünde, dass sie in Peters Armen liegt, und gleichzeitig der Himmel auf Erden. Nie war Maria glücklicher als in diesen verbotenen Stunden. Wenn die Zeit doch stehen bleiben würde! Aber gleich muss sie zurück zu dem Mann, dem sie Treue geschworen hat, obwohl sie ihn nie wirklich geliebt hat.

Marias Verzweiflung ist unendlich, als sie sich auf den Heimweg macht. Wie soll sie leben mit der Lüge? Doch genauso viel Angst hat sie vor der Wahrheit und vor Thomas’ Jähzorn …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Dunkle Gewitterwolken brauten sieh über dem Teufelsfelsen zusammen. Bedrohlich hingen sie über dem Berggipfel, als wollten sie ihn verschlingen. Ein heftiger Wind peitschte durch das verschlafen wirkende Tal. Bei diesem Wetter wollte niemand sein gemütliches Heim verlassen.

Die einzige Ausnahme waren zwei wagemutige Touristen. Die Burschen hatten sich vorgenommen, den Teufelsfelsen zu besteigen. Auch Bartl Mooshammer, in dessen Pension sie wohnten, konnte sie von ihrem Plan nicht abhalten. Dabei war es lebensgefährlich, sich bei diesem Gewitter in die Berge zu wagen.

Bartl schüttelte den weißhaarigen Kopf. »Burschen, seids doch g’scheit. Heut könnt ihr net in die Berge gehen. Das ist viel zu gefährlich.. Ich kann’s net zulassen, dass ihr euch in Gefahr bringt. Erst letztes Jahr sind drei Wanderer am Teufelsfelsen verunglückt.« Der alte Mann runzelte besorgt die Stirn und sog an seiner Pfeife. Eine graue Rauchwolke kam kurz darauf aus seinem Mund.

Stefan Rohrbach, mit zwanzig Jahren der ältere der beiden Freunde, winkte ab.

»Uns wird bestimmt nichts zustoßen. Ich habe eine erstklassige Ausrüstung im Rucksack. Sogar wenn wir ein Notquartier aufschlagen müssen, sind wir darauf vorbereitet. Hier, überzeugen Sie sich selbst.« Er öffnete seinen prall gefüllten Rucksack und zeigte dem alten Mann seine Equipment. »Sehen Sie, wir haben alles dabei: Zelt, Schlafsack, Kocher, Proviant, eine . Isoliermatte, warme Kleidung, Regenschutz, Zünder und sogar eine Leuchtrakete für Notfälle.« Stefan war sichtlich stolz auf seine nagelneue Ausrüstung. Er strich sich selbstbewusst eine blonde Haarsträhne aus der Stirn.

Bartl Mooshammer jedoch wiegte bedenklich den Kopf. »Ich weiß net recht. Was nützt euch das ganze Zeug, wenn ihr abstürzt oder vom Blitz getroffen werdet, wie es schon oft passiert ist.«

»Unsinn! Wir passen schon auf uns auf. Außerdem werden wir die Wanderroute auf drei Tage aufteilen. Wer weiß, vielleicht ist das Wetter morgen schon besser«, meinte Stefans Freund, Markus Liebknecht. Er war nicht so groß wie Stefan und hatte rote Locken. Die Sommersprossen auf seiner Nase schienen um den Platz zu streiten. Die runde Nickelbrille gab ihm ein intellektuelles Aussehen. Es war zu bezweifeln, dass ein schmächtiger Bursche wie er einen so schweren Rucksack überhaupt tragen konnte. Es bereitete ihm auch sichtlich Mühe, sich sein Gepäck auf den Rücken zu schwingen. Stefan musste ihm dabei helfen.

Die beiden Freunde hatten ordentlich gefrühstückt und waren nun im Begriff, die gemütliche Pension zu verlassen. Bartl Mooshammer unternahm einen letzten Versuch, die leichtsinnigen Touristen von ihrem lebensgefährlichen Vorhaben abzubringen. Doch seine Einwände ließen Stefan und Markus nicht gelten.

Sie verabschiedeten sich fröhlich von dem besorgten Wirt und schlugen den Wanderweg zum Gipfel des Teufelsfelsens ein.

 

 

2. Kapitel

 

Maria Sonnleitner putzte sich die Nase. Tränen rannen über ihr hübsches Gesicht. Das blonde schulterlange Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie ließ langsam das Buch sinken, das sie in ihren zierlichen Händen hielt. Der Liebesroman mit dem Titel »Warte, bis der Frühling kommt« endete mit einem tragischen Unfall der Romanheldin.

Maria wischte ihre Tränen fort und schalt sich selbst: »Jetzt hör aber auf zu heulen! So ein Blödsinn, wegen einem albernen Buch in Tränen auszubrechen.«

Die hübsche Tochter der Großbauern Bernhard und Christi Sonnleitner saß in ihrer gemütlich eingerichteten Kammer im Schaukelstuhl. Sie las gerne und viel. Lautes Klopfen ließ sie aufhorchen.

»Ja, bitte?«

Ihr Vater steckte den Kopf zur Tür herein. »Da hast dich also versteckt, Madl. Ich hab dich schon überall gesucht. Der Thomas ist da. Er will was mit dir bereden. Ich glaub, es geht um die Hochzeit. Komm bitte rasch runter«, bat er.

»Ist recht, Vater. Ich beeil mich. Muss mir nur schnell was Hübsches überziehen.« Maria ging zu ihrem Kleiderschrank und holte eine gehäkelte weiße Stola heraus, die sie sich um die Schultern legte. Gedankenverloren betrachtete sie sich im Spiegel. Ihre vollen roten Lippen presste sie fest aufeinander, als sie an Thomas Steinegger, ihren Bräutigam, dachte …

Die Steineggers waren die reichsten Bauern im Tal. Thomas sollte den Hof gleich nach der Hochzeit übernehmen. Er war eine gute Partie, außerdem ein fescher Bursch und ein netter Kerl dazu. Viele junge Madln beneideten die junge Sonnleitnerin um ihren Bräutigam. Vor allem Marias Eltern waren glücklich über die Verbindung. Nur sie selbst hatte immer noch Zweifel, ob Thomas wirklich der Richtige war. Konnte eine Ehe ohne Liebe gut gehen?

Maria seufzte, als sie ihre Kammer verließ und über die mächtige Holztreppe hinunterstieg. Vor der Tür zur Stube blieb sie kurz stehen, ehe sie diese schwungvoll öffnete. Sie sah Thomas mit seinem zukünftigen Schwiegervater auf der Eckbank im Herrgottswinkel sitzen. Marias Mutter brachte gerade eine Flasche selbstgebrannten Marillenschnaps, den sie in zwei bauchige Stamperln goss.

»Wohl bekomm’s«, sagte sie freundlich und stellte Thomas und ihrem Mann das hochprozentige Gebräu auf den Tisch. Danach ging sie wieder in die Küche, um die Knödel für das Mittagessen vorzubereiten.

Als Thomas seine hübsche Braut eintreten sah, erhob er sich sogleich und ging mit großen Schritten auf sie zu.

»Grüß dich, Maria. Bildsauber schaust heut wieder aus.« Sein Blick glitt bewundernd an ihrer schlanken Gestalt im blau geblümten Dirndl auf und ab. »Komm, gib mir ein Busserl.« Besitzergreifend zog er sie an sich.

Dann presste er seine Lippen fest auf ihre. Das Madl erwiderte den Kuss nur zaghaft. Es empfand nichts dabei, nur Gleichgültigkeit.

Wie wird es sein, wenn wir erst verheiratet sind?, dachte Maria bitter.

»Was hast denn?«, fragte Thomas, als er ihre Zurückhaltung bemerkte.

»Gar nichts«, erwiderte Maria ausweichend. »Ich bin nur ein bisserl nervös wegen der Hochzeit. Was wolltest du denn mit mir bereden?«

Thomas führte Maria zur Eckbank und forderte: »Setz dich erst einmal nieder.« Dann nahm er neben seiner Braut Platz. »Der Franzi kann leider nicht unser Trauzeuge sein. Er ist heut wegen einem Blinddarmdurchbruch ins Krankenhaus gebracht worden.«

Erschrocken riss die junge Sonnleitnerin die Augen auf und legte ihre Hand auf das Herz. »Haben sie ihn rechtzeitig operiert? Geht es ihm gut?«

»Keine Sorge, er hat die Operation gut überstanden. Sie haben ihn grad noch rechtzeitig unters Messer bekommen. Der Arzt hat gesagt, eine halbe Stunde später wäre jede Hilfe zu spät gewesen.« Thomas legte beruhigend einen Arm um die Schultern seiner Verlobten.

Erleichtert stieß Maria die Luft aus. »Gott sei Dank. Wegen so einem blöden Wurmfortsatz, den man eigentlich gar net braucht, kann das Leben plötzlich vorbei sein. Was hat sich die Natur nur dabei gedacht, uns dieses unnütze Ding aufzubürden?« Das Madl schüttelte verständnislos den Kopf.

»Wen nehmen wir nun als Ersatz für den Franzi?«, wollte Thomas wissen.

Maria überlegte kürz. »Mir fällt im Moment niemand ein.«

»Macht nichts. Ich werd’ schon jemanden auftreiben, der uns zum Altar begleitet.« Er erhob sich. »Ich muss leider wieder fort. Werd auf dem Hof dringend gebraucht. Sehen wir uns morgen?«

»Natürlich, wenn du magst«, gab das Madl freundlich zurück.

Thomas küsste sie zum Abschied und verließ dann eilig den Hof der Sonnleitners.

Marias Vater hatte mitangehört, was die beiden jungen Leute besprochen hatten. Er musterte seine Tochter mit leichter Besorgnis.

»Wie eine glückliche Braut schaust nicht gerade aus, Maria. Ich hab’ geglaubt, du liebst den Thomas und freust dich darauf, seine Frau zu werden. Willst mir nicht sagen, was du auf dem Herzen hast?«

Bernhard Sonnleitner war ein rau wirkendes Mannsbild, aber er hatte ein weiches Herz. Er liebte seine einzige Tochter über alles und wäre bestimmt nicht für eine Heirat zwischen ihr und Thomas gewesen, wenn er geahnt hätte, dass Maria ihren Bräutigam nicht von ganzem Herzen liebte.

»Ach, Vater, mir ist mulmig wegen der Hochzeit. Bin halt ein bissel nervös. Jetzt fällt auch noch unser Trauzeuge aus …«

»Der Thomas wird bestimmt bald einen Ersatz für den Franzi gefunden haben. Mach dir deswegen keine Sorgen, Kind«, versuchte Bernhard Sonnleitner seine Tochter zu beruhigen.

»Hast Recht, Vater.« Maria bemühte sich um ein zuversichtliches Lächeln. Dann warf sie einen Blick aus dem Fenster. »Schaut aus, als hätte der Sturm sich etwas gelegt. Ich werd jetzt ein bissel spazieren gehen. Vielleicht schau ich beim Bartl Mooshammer vorbei.«

»Ist gut, Kind. Lass mir den alten Haudegen schön grüßen.« Der Vater tätschelte die Wange seiner schönen Tochter und ging aus der Stube. Kurze Zeit später hörte Maria ihn in der Garage am Traktor hantieren.

Die junge Sonnleiterin verließ den Hof ihrer Eltern und machte sich auf den Weg zum Bartl Mooshammer, dessen Patenkind sie war. Sie liebte ihn wie einen Großvater und besuchte den alten Mann immer, wenn sie Zeit dazu hatte. Vor allem aber, wenn Maria Kummer hatte, zog es sie hinüber zu dem betagten Freund. Dann schüttete sie ihm ihr Herz aus, und er wusste meistens Rat. Seine Lebensweisheit schien keine Grenzen zu kennen und die Ratschläge, die er ihr gab, waren für Maria im Laufe der Zeit unentbehrlich geworden.

Heute hatte das Madl besonders den Wunsch, den alten Bartl zu sehen. Die bevorstehende Hochzeit brachte es ganz durcheinander.

Maria betrat die Wirtsstube der »Wacholderblüte« und sah sich um. Nanu? Niemand da? »Bartl, wo steckst du?«

Keine Antwort.

»Ich bin’s, Maria«, rief das Madl erneut.

Stille …

Eigenartig … Maria beschloss, im Obergeschoss nach ihrem Paten zu suchen und rief dabei immer wieder seinen Namen. Eine Antwort blieb er ihr jedoch schuldig.

Es kam sehr selten vor, dass man den alten Mooshammer nicht in seinem Gasthaus antraf. Wegen seines hohen Alters machte sich Maria allmählich Sorgen um ihn. Alle Räume in dem großen Haus hatte sie bereits durchsucht. Plötzlich vernahm das Madl ein leises Stöhnen aus der Speisekammer.

Sofort riss sie die Tür auf und da lag Bartl blutüberströmt unter einem umgestürzten Holzregal. Seine Pfeife hielt er fest in der rechten Hand.

»Um Gottes Willen, Bartl«, stieß Maria entsetzt hervor. Vor lauter Schreck war sie im ersten Moment unfähig, sich zu rühren. »Ich muss versuchen, das Regal in die Höhe zu stemmen«, flüsterte sie bebend.

Maria versuchte mit aller Kraft, den eingeklemmten Paten zu befreien. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, das schwere Holzgestell zu bewegen. Vergeblich. Sie war einfach nicht stark genug. Das klobige Möbelstück war viel zu schwer für das zierliche Madl.

»Ich muss Hilfe holen«, stieß Maria gepresst hervor. Mit einer fahrigen Handbewegung fuhr sie über ihre Augen, als wolle sie den schrecklichen Anblick fortwischen. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte zum Telefon in der Gaststube. Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer der Rettung. Es dauerte scheinbar endlos lange, bis sich am anderen Ende der Leitung eine Frauenstimme meldete:

»Sie haben den Rettungs-Notruf gewählt. Was …?«

Aufgeregt stotterte Maria: »Der Bartl, ist … Er hat eine schlimme Verletzung am Kopf … Liegt da in seinem Blut …«

»Beruhigen Sie sich erst einmal, und sagen Sie uns bitte den vollständigen Namen und die Adresse des Verletzten«, unterbrach die Frauenstimme freundlich Marias Gestammel.

»Bartl Mooshammer heißt er. Er ist der Wirt vom Gasthaus Zur Wacholderblüte. Bitte kommen Sie schnell.«

»Ist Herr Mooshammer bei Bewusstsein?«

»Nein, er liegt unter einem schweren Holzregal eingeklemmt und stöhnt ganz fürchterlich.« Maria begann verzweifelt zu schluchzen.

»Bitte beruhigen Sie sich«, wiederholte die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Wir sind in ungefähr zehn Minuten bei Ihnen.«

»Danke«, sagte Maria leise und legte auf.

Langsam, als hätte sie Angst, Bartls Zustand könnte sich verschlechtert haben, ging sie zurück zur Speisekammer. Wieder vernahm sie dieses Röcheln, das ihr Schauer über den Rücken jagte.

Traurig kniete sie sich neben den Verletzten. Sie griff nach seiner Hand und streichelte diese behutsam. Eine dicke Träne lief über ihre Wange und tropfte auf Bartls Gesicht.

»Bitte, werd wieder ganz gesund. Du darfst mich net verlassen, hörst du? Ich brauch dich doch so sehr.« Weinend saß Maria neben ihrem Paten und wartete auf das Eintreffen der Rettungsleute.

 

 

3. Kapitel

 

»Was ist los? Kannst du etwa nicht mehr?«, fragte Stefan Rohrbach.

Markus Liebknecht keuchte: »Doch, ich brauche nur eine kleine Pause, um wieder zu Kräften zu kommen.«

»Na, du alter Schlaffi hast ja überhaupt keine Kondition. Aber wenn du unbedingt willst, können wir hier rasten.«

Markus nickte stumm.

Die beiden Freunde setzten sich auf den mit Moos bewachsenen Boden des dichten Waldes, den sie gerade durchwanderten.

»Ich habe ohnehin schon einen Bärenhunger. Die reine Waldluft macht mächtigen Kohldampf.« Stefan kramte nach seinem Pausenpaket.

Ein abgeschnittener Baumstamm diente als Tisch für ihre Brote und den heißen Tee, den Markus in zwei Becher goss.

»Wir sind schon ziemlich weit gewandert heute«, fand der rothaarige Bursch, als er langsam wieder zu Atem kam.

»Das war doch noch gar nichts. Wir müssen heute noch dreimal so weit gehen. Sonst schaffen wir es übermorgen nicht auf den Gipfel«, tönte Stefan. Er selbst war auch schon etwas müde, hätte das aber niemals zugegeben. Jetzt nahm er die zusammengeknüllte Karte aus seinem vollgestopften Rucksack und sagte: »Schauen wir mal nach, wo wir gerade rasten.« Er studierte eine Weile das zerknitterte Papier, konnte ihren derzeitigen Aufenthaltsort jedoch nicht ausmachen. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn.

»Zeig mir, wo wir jetzt sind«, verlangte Markus mit vollem Mund. Er hatte genussvoll ein großes Stück von seinem Käsebrot abgebissen.

Stefan wies auf irgendeine Stelle in der Karte. »Genau hier.«

Der jüngere der beiden Freunde gab sich damit zufrieden. Solange Stefan wusste, wo sie waren, war alles in Butter.

 

 

4. Kapitel

 

Maria saß in ihrer Kammer und sah aus dem Fenster. Sie hatte einen schönen Ausblick zum Teufelsfelsen. Normalerweise erfreute, sie sich täglich am Anblick dieses gigantischen Gebirges, heute nahm sie es nicht einmal wahr.

Das Madl kaute nervös auf seiner Unterlippe. »Wie es dem Bartl wohl jetzt geht?«, sagte es leise.

Maria wusste nicht einmal, in welches Krankenhaus man ihn gebracht hatte. Einer der Rettungsleute hatte sich jedoch ihren Namen und ihre Telefonnummer notiert und versprochen, dass man sie anrufen würde, sobald man Näheres über das Befinden des alten Mannes wusste.

Dieses endlos lange Warten zermürbte die junge Sonnleitnerin. Wenn der Bartl nicht wieder zu sich kam … Sie schüttelte energisch den Kopf. »Daran darf ich nicht denken! Er wird bestimmt wieder ganz g’sund«, versuchte sie sich selbst Mut zu machen.

Das Madl schrak hoch, als die Tür zu seiner Kammer jäh auf gerissen wurde. Bernhard Sonnleitner trat ein. Sein Gesicht war blass. Eine steile Sorgenfalte hatte sich tief in seine Stirn eingegraben.

»Das Krankenhaus hat grad angerufen.« Er machte eine kurze Pause und holte tief Luft. Dann fuhr er fort: »Sie haben mir g’sagt, der Bartl ist noch immer bewusstlos, aber er wird wieder aufwachen.«

»Gott sei Dank«, stieß das Madl erleichtert hervor. Dann ging es zu seinem Vater und umarmte ihn erleichtert. »Gleich morgen wird’ ich den Bartl besuchen. Vielleicht geht es ihm dann schon besser.«

»Mach das, Kind. Hast bestimmt recht, wenn du glaubst, dass er bald wieder der Alte ist.«

Bernhard Sonnleitner gab seiner Tochter einen Kuss auf die Wange und ging wieder nach unten.

Maria stand unschlüssig vor dem Fenster. Was sollte sie jetzt tun? Sie beschloss, vor dem Abendessen noch etwas spazieren zu gehen, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Es war inzwischen dämmrig geworden. Sie zog einen grob gestrickten Janker an und machte sich auf den Weg.

Kühle Abendluft empfing Maria. Der starke Wind hatte sich zwar gelegt, aber ein frischer Luftzug war immer noch zu spüren. Dennoch spürte sie, wie sie mit jedem Schritt ruhiger wurde. Schließlich erreichte sie die kleine Holzbank am Waldrand.

Früher hatte sie oft hier gesessen und den Sonnenuntergang beobachtet. Für Maria war dies immer der schönste Platz der. Welt gewesen. Doch heute wurde ihr das Herz schwer, denn sie musste an Bartl denken und auch an ihre bevorstehende Hochzeit mit Thomas. Warum nur konnte sie ihn nicht so lieben wie Peter?

Peter, der doch mit ihren Gefühlen nur gespielt hatte!

Als Maria ihren Liebsten damals mit der anderen erwischt hatte, hatte sie geglaubt, jemand würde ihr das Herz aus der Brust reißen. Sie hatte sich von Peter getrennt und sich geschworen, nie wieder einen Mann so rückhaltlos zu lieben. Peter hatte zwar beteuert, das Ganze sei ein schrecklicher Irrtum gewesen, Maria hatte ihm jedoch nicht geglaubt. Schließlich hatte sie selbst gesehen, wie er das Madl abgebusselt hatte.

Traurig hob die junge Sonnleitnerin den Kopf. Plötzlich sah sie etwas entfernt einen kleinen roten Punkt im Wald. Was war das? Es flackerte ganz leicht. Es musste ein Feuer sein. Wer hatte es angezündet?

Maria kniff die Augen zusammen, um Genaueres erkennen zu können. Es gelang ihr jedoch nicht. Auf einmal war der rote Punkt wieder weg. Eigenartig, dachte sie. Wahrscheinlich war es nur eine Sinnestäuschung. Kein Wunder, bei meinen angespannten Nerven.

Das laute Knacken eines Astes riss Maria aus ihren Gedanken. Erschrocken fuhr sie herum. Sie sah in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatte. Kam da jemand den Weg zu ihr hinauf? Es wurde bereits finster. Nach genauerem Hinsehen glaubte Maria eine Gestalt zu erkennen. Der Haltung nach war es ein Mann. Er war noch ungefähr fünfzig Schritte von ihr entfernt.

Ein eigenartiges Gefühl beschlich Maria. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie hier ganz allein war. Es gab weit und breit kein Haus und keine Zuflucht.

Ängstlich biss sich Maria auf die Lippe. Sie fixierte den Mann, der immer näher auf sie zukam. Der Gang des Unbekannten kam ihr irgendwie vertraut vor. Plötzlich hörte ihr Herz einige Sekunden auf zu schlagen. Ihre Knie wurden weich, und sie erstarrte. Sie hatte den Mann erkannt.

»Hallo, Spatzl!« Peter Stoiber kam mit einem breiten Lächeln auf seine ehemalige Verlobte zu.

»Was …« Maria war so verwirrt, dass sie keinen vollständigen Satz herausbrachte. Ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust.

»Hab mir schon gedacht, dass ich dich hier finde«, sagte er fröhlich und setzte sich unaufgefordert neben Maria. »Ist wirklich ein schönes Platzerl.«

»Ja«, gab die junge Sonnleitnerin einsilbig zurück. Sie musste sich erst einmal sammeln. Zu viele Fragen schossen ihr auf einmal durch den Kopf. Sie wusste nicht, welche sie zuerst stellen sollte.

»Na, freust dich gar nicht, mich zu sehen?«, wollte Peter wissen. Er musterte Maria von der Seite. Das letzte Abendrot zauberte einen goldenen Schein in ihr Gesicht, der sie wunderschön aussehen ließ. »Bist noch viel schöner geworden, seit ich dich das letzte Mal g’sehen hab.« Seine Miene wurde ernst.

Maria wandte sich ihm zu und sah ihm tief in die Augen. Nach einer Weile sagte sie: »Ich freu mich schon, dich zu sehen …« Sie senkte den Blick.

»Aber?« Peter hob die Augenbrauen.

Maria blieb ihm die Antwort schuldig und fragte stattdessen: »Was machst eigentlich hier? Ich hab geglaubt, du kommst nie mehr aus der Stadt zurück.«

»Na, du hast mich ja fortgeschickt und gesagt, dass du von mir nix mehr wissen willst.« Peter starrte grimmig auf seine braunen Wildlederschuhe und fuhr sich mit der Hand durch sein schwarzes, kurz geschnittenes Haar.

»Ich wird’ nächste Woche den Thomas Steinegger heiraten«, sagte Maria trotzig.

Peter sah das Madl traurig an. »Ich weiß, hab davon gehört.«

»Und warum bist dann zurückgekommen?«

»Weil ich verhindern will, dass du dich unglücklich machst. Du liebst den Thomas doch gar net.«

»Jetzt reicht’s aber.« Maria stand energisch auf und stemmte ihre Hände in die Hüften. »Wie kommst du dazu, so was zu behaupten? Und woher willst du das denn so genau wissen? Der Thomas ist ein lieber und anständiger Bursch, der mich auf Händen trägt. Er wird mich sicher net betrügen.«

Thomas sah zu Maria hoch und lachte: »Wenn du zornig bist, gefällst du mir besonders gut, Spatzl.«

»Hör auf, mich Spatzl zu nennen. Ich bin net mehr dein Spatzl, verstanden?«, fuhr Maria den Bursch an. Das war doch wirklich die Höhe. Was glaubte er eigentlich, wer er war?

»Ist recht, Spatzl.«

Die Augen der jungen Sonnleitnerin funkelten zornig. Sie drehte sich um und lief, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, und lief den Hügel hinunter. Sie hatte geglaubt, ihn vergessen zu können. Nun wusste sie, dass sie das niemals konnte.

 

 

5. Kapitel

 

Der Wind zerrte von allen Seiten an dem kleinen Igluzelt, doch Stefan und Markus schliefen fest. Sie waren beide viel zu erschöpft, um mitzubekommen, dass sich direkt über ihnen ein gewaltiges Gewitter zusammenbraute.

Der Wind wurde immer stärker, heulte und pfiff. Im nächsten Moment zuckte der erste Blitz vom Himmel, dem sofort ein ohrenbetäubendes Donnern folgte. Doch die beiden Männer wurden nicht wach, ahnten nicht, dass sie ihr Zelt direkt unter einem Schneebrett aufgeschlagen hatten, das sich bei der leichtesten Erschütterung lösen und zu Tal rasen würde.

 

 

6. Kapitel

 

Maria Sonnleitner erwachte aus einem wenig erholsamen Schlaf. Die Begegnung mit Peter am Abend zuvor hatte sie so sehr aufgewühlt, dass er ihr sogar in ihre Träume gefolgt war.

Verschlafen rieb sie sich die Augen und stieg aus dem Bett. Das Madl hatte ein eigenes kleines Bad neben seiner Kammer. Dort duschte es nun ausgiebig. Das lauwarme Wasser schien seine Lebensgeister wieder zu wecken, denn als es mit dem Duschen fertig war, fühlte es sich einigermaßen fit.

Maria trocknete sich ab und schlüpfte in ein blau geblümtes leichtes Kleid, das gut mit der Farbe ihrer Augen harmonierte. Ihre blonden Locken bürstete sie, bis sie glänzten. Zufrieden mit ihrem Spiegelbild beschloss die junge Sonnleitnerin, heute Bartl Mooshammer zu besuchen. Sie hoffte, dass es ihm bereits etwas besser ging.

Das Krankenhaus lag etwa fünfzehn Kilometer entfernt in der nächsten Kreisstadt. Maria musste den Bus nehmen, da sie kein eigenes Auto besaß. Der klapprige, inspektionsbedürftige Bus ratterte schaukelnd die kurvenreiche Straße entlang. Man konnte nicht behaupten, dass er einen Geschwindigkeitsrekord zu brechen versuchte.

Nach einer endlos scheinenden halben Stunde traf Maria im Krankenhaus ein. Sie fragte am Portal nach Bartls Zimmernummer und begab sich danach auf die Suche nach Zimmer 63a, in dem ihr Pate lag.

Mit klopfendem Herzen öffnete Maria die Zimmertür. Bartl schlief, den Kopf dick verbunden. Ihn so daliegen zu sehen, schmerzte sie. Sie kannte ihren Paten als agilen alten Mann, der nie krank war.

Maria setzte sich leise neben ihren verletzten Freund. Behutsam nahm sie seine Hand.

»Bartl, kannst mich hören?«, flüsterte sie.

»Ja«, kam die Antwort mit schwacher Stimme.

Das Herz der jungen Sonnleitnerin jubelte vor Freude. »Dem Himmel sei Dank, du bist aufg’wacht.« Sie küsste ihn aufgeregt auf seine faltige Wange.

Bartl blinzelte. Er schlug die Augen auf und sah verschwommen, wie Maria sich über ihn beugte und ihn anstrahlte.

»Maria … wo sind wir?«

»Weißt du’s denn noch net? Du bist von der Leiter in der Speisekammer gefallen. Ich hab dich gefunden und die Rettung alarmiert. Die haben dich dann hierhergebracht.«

»Warum kann ich mich net daran erinnern?« Bartls Stimme klang bereits etwas kräftiger, was Maria sehr freute.

»Du warst bewusstlos. Die Ärzte haben gesagt, du hast eine Gehirnerschütterung, und es wär’ möglich, dass du dich an einiges net erinnern kannst.«

Bartl setzte sich auf und tastete nach seinem Kopfverband. »Wo ist meine Pfeife?« Daran konnte er sich scheinbar sehr gut erinnern. Er sah sich suchend um.

»Ich weiß net. Als dich die Rettungsleute in den Krankenwagen gebracht haben, hast sie noch fest in der Hand gehalten.« Sie lächelte ein wenig. »Aber du kannst hier sowieso net rauchen.«

»Warum net?« Der Wirt der »Wacholderblüte« konnte manchmal ziemlich starrköpfig sein.

»Man darf im Krankenzimmer net rauchen. Es gibt hier zwar ein Raucherzimmer, aber zum Aufstehen bist noch ein bissel zu schwach, meinst net?«

»Ich und schwach, dass ich net lach! Geh hol mir bitte eine Krankenschwester her, damit ich sie fragen kann, was die mit meiner Pfeife gemacht haben.«

»Schau, Bartl, über deinem Bett hast einen Druckknopf, da kannst nach der Schwester läuten, wennst was brauchst.« Maria zeigte ihm, wie die Klingel funktionierte.

Kurze Zeit später steckte ein hübsches dunkelhaariges Madl mit einem weißen Kittel den Kopf zur Tür herein. »Ja, Herr Mooshammer, sind Sie endlich aufgewacht? Das wurd’ aber auch schon Zeit.« Die Krankenschwester nahm Bartls Arm und fühlte seinen Puls.

Dann maß sie seine Temperatur und leuchtete ihm mit einer kleinen Stabtaschenlampe in die Augen. »Soweit ich das beurteilen kann, geht es Ihnen den Umständen entsprechend gut. Ich werde aber gleich dem Oberarzt Bescheid geben, dass Sie aufgewacht sind. Der wird Sie dann eingehend untersuchen.« Die Schwester tätschelte seine Hand.

Ihr weißer Kittel trug ein Namensschild, auf dem Ines Vogt stand. »Wie fühlen Sie sich denn?« Bartl blieb ihr die Antwort schuldig und fragte stattdessen: »Wo ist meine Pfeife?«

»Keine Sorge, die haben wir gut für Sie aufgehoben«, beruhigte ihn Schwester Ines.

Die junge Sonnleitnerin schmunzelte. Sie glaubte nicht, dass ihr Pate schon einmal ein Krankenhaus von innen gesehen hatte.

»Ich möcht’ sie haben, bitte.«

Die Schwester überlegte kurz und sagte dann freundlich: »Ist gut, aber Sie dürfen jetzt noch nicht rauchen. Einverstanden?«

Damit gab sich Bartl zufrieden.

Er nickte kurz. Ohne seine heiß geliebte Pfeife fühlte er sich wie ein halber Mensch. Als die Krankenschwester gegangen war, er hob sich auch Maria. »Du brauchst noch ein bissel Ruhe. Ich werd jetzt gehen, aber ich komm morgen wieder.« Sie drückte innig die Hand des alten Mannes.

Bartl lächelte schief. »Mach dir um mich keine Sorgen, Madl Unkraut vergeht net.«

»Ja, ich weiß«, gab Maria schmunzelnd zurück und verließ das Krankenzimmer. Sie war erleichtert, dass ihr alter Freund schon zu Scherzen aufgelegt war. Das war ein gutes Zeichen. Bestimmt war er schon auf dem Wege der Besserung und bald wieder der starrköpfige, aber herzensgute alte Mann, den alle liebten.

Der jungen Sonnleitnerin fiel plötzlich ein, dass möglicherweise der Franzi Hagenbichler hier im Krankenhaus auf der chirurgischen Abteilung liegen könnte. Wenn sie schon einmal hier war, konnte sie ihn auch gleich besuchen. Sie fragte erneut den Portier, der ihr bereitwillig Franzis Zimmernummer nannte.

Als die junge Sonnleitnerin die Tür von Franzis Krankenzimmer öffnete, sah sie, dass ein großer, dunkelhaariger Mann neben dem Krankenbett saß. Er hatte einen braunen Janker an. Der aufgestellte Kragen verdeckte sein Gesicht.

Unschlüssig blieb Maria stehen. Sollte sie stören? Sie gab sich einen Ruck. Der Franzi würde sich bestimmt freuen, sie zu sehen. Auch wenn er bereits Besuch hatte. Sie trat ein und ging lächelnd auf Thomas’ Freund zu.

»Maria!«, rief Franzi freudig aus, als er sie erkannte. Er streckte ihr beide Hände entgegen. »Schön, dass du mich besuchen kommst.«

Der Mann neben Franzis Bett wandte Maria nun sein Gesicht zu. Es war Peter. Maria gab es einen Stich in der Brust, als sie ihren ehemaligen Verlobten erkannte.

»Grüß dich, Spatzl«, sagte Peter fröhlich. Er stand auf und wies auf den Stuhl, auf, dem er gesessen hatte. »Bitte, setz dich. Ich wollt’ sowieso grad gehen.«

»Nein danke, ich werd auch net lang bleiben«, erwiderte Maria spitz. »Ich wollt’ nur schauen, wie es dem Franzi geht, aber wie ich sehe, brauch’ ich mir keine Sorgen um ihn machen.« Es befremdete sie etwas, dass der Mann, der ihr Trauzeuge hätte werden sollen, mit Peter Stoiber befreundet war. Das ging doch nicht. Der Franzi war doch Thomas’ Freund. Das Madl war verwirrt.

»Mir geht’s schon sehr gut. Die Narbe tut zwar noch ein bissel weh, aber das halt ich schon aus. Du kennst ja den Spruch: Ein echter Indianer kennt keinen Schmerz«, meldete sich der Blinddarmoperierte zu Wort. »Hast Glück gehabt, dass du mich hier antriffst. Morgen darf ich wieder nach Haus.«

»Das freut mich. Glaubst du, dass du doch zur Hochzeit kommen kannst?«, fragte Maria den Franzi. Sie streifte Peter mit einem schnellen Blick. Täuschte sie sich, oder wurde seine Gesichtsfarbe um einen Ton blasser?

»Ich glaub’ net, dass ich bis zum Wochenende auf dem Damm bin. Der Oberarzt hat gesagt, ich muss mich noch schonen und ein paar Tage im Bett liegen«, gab Franzi ausweichend zurück. Irgendwie hatte Maria das Gefühl, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

»Ich muss mich leider verabschieden. Hab noch was Wichtiges vor«, unterbrach Peter Marias Gedanken. Er schüttelte Franzis Hand und wünschte ihm weiterhin gute Besserung. »Servus, Spatzl«, verabschiedete er sich dann von Maria und sah ihr dabei tief in die Augen. Doch ehe sie reagieren konnte, hatte er bereits das Zimmer verlassen.

Wie angewurzelt stand Maria da und hoffte, niemand würde ihre Gänsehaut bemerken. Warum hatte dieser Mann so eine Wirkung auf sie? Es durfte nicht sein! Sie hatte einem anderen ein Eheversprechen gegeben. Aber ihr Herz wollte nicht einsehen, dass Peter nicht der Richtige für sie war.

Nach einigen Sekunden hatte sie sich wieder gefasst. Sie sah Franzi prüfend an und fragte ihn misstrauisch: »Woher kennst du eigentlich den Peter? Ich hab gar net gewusst, dass ihr befreundet seid.«

»Wir sind miteinander in, die Schule gegangen«, lautete die unpräzise Antwort.

»In welche Schule?«, bohrte Maria weiter.

»In die Volksschule.«

Maria fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und überlegte. Peter hatte nicht ein einziges Mal in den drei Jahren, in denen sie befreundet waren, Franzis Namen erwähnt. Hier stimmte etwas nicht, und sie wollte dem auf den Grund gehen. Von Franzi brachte sie die Wahrheit nicht heraus, dessen war sie sicher.

Die junge Sonnleitnerin verabschiedete sich und ging grübelnd zur Bushaltestelle. Ein dicker Regentropfen, der auf ihre hübsche Nase fiel, riss sie aus ihren Gedanken. Sie sah nach oben. Dunkle Wolken schoben sich vor die Sonne.

»Geh, net schon wieder ein Gewitter«, murmelte sie und stellte sich in das Glashäuschen der Haltestelle. Es begann heftig zu regnen. Ein lauter Donner war kurz darauf zu hören. In diesem Frühling schien es mehr Gewitter als sonst zu geben.

 

 

7. Kapitel

 

Stefan Rohrbach erwachte. Er gähnte herzhaft und blinzelte verschlafen auf seine Armbanduhr. Erschrocken setzte er sich auf.

»Was, so spät ist es schon?«, entfuhr es ihm. Hektisch begann er seinen Freund wachzurütteln. »Mensch, Markus, wach auf. Es ist bereits Viertel nach zehn. Wir haben verschlafen. Eigentlich hätten wir schon um sieben Uhr aufstehen sollen, um unsere Route fortzusetzen.« Er rüttelte erneut den fest Schlafenden, doch dieser brummte unwillig: »Lass mich gefälligst weiterschlafen; es ist ja noch mitten in der Nacht.«

»Was heißt hier mitten in der Nacht? Es ist heller Vormittag. Los, steh endlich auf!« Stefan wurde nun etwas ungehalten.

Nach einem kurzen Frühstück packten sie ihre Ausrüstung wieder in die Rucksäcke. Danach schwang sich Stefan sein Gepäck auf den Rücken und musste wie immer seinem Freund dabei helfen. Frohen Mutes setzten sie ihr Vorhaben, den Gipfel des Teufelsfelsens zu bezwingen, fort. Stefan pfiff ein Wanderlied. Markus stimmte ein. So gingen sie hintereinander den Weg entlang, der schon etwas karstig wurde. Den weichen Waldboden hatten sie bereits hinter sich gelassen.

Mächtige Geröllhalden ragten seitlich von ihnen auf. Der steinige Weg schlängelte sich hinauf bis zu den Felsen, die teilweise mit Schnee bedeckt waren.

Ein kühler Wind ließ Markus frösteln. »Können wir bitte mal anhalten? Ich will mir nur schnell die Jacke aus dem Rucksack holen.«

»Klar«, kam die knappe Antwort.

Stefan half seinem Freund, den Rucksack abzulegen. Markus kramte eine neongelbe Windjacke heraus und zog sie an.

»Ist dir nicht kalt?«, wollte der Rothaarige wissen.

»Nein. Ich fange sogar schon zu schwitzen an. Außerdem bin ich nicht so ein Weichei wie du.« Stefan stieß Markus freundschaftlich in die Rippen.

»Das Weichei wird dich gleich vermöbeln, pass auf, was du sagst«, gab Markus aufgebracht zurück.

Stefan lachte laut auf: »Du kannst ja nicht mal einen Goldhamster vermöbeln. Hast ja nicht einmal genug Mumm in den Knochen, um deinen eigenen Rucksack aufzuheben.«

Nun war Markus aber wirklich böse. Seine Augen blitzten Stefan wütend an. Der schmächtige Bursch nahm all seine Kraft zusammen und schwang sich sein Gepäck auf den Rücken. Triumphierend funkelte er seinen Freund an und ging mit hoch erhobenem Kopf an ihm vorbei.

Stefan grinste breit. Er wusste nicht, was ihn dazu veranlasste, Markus ständig zu veräppeln. Wahrscheinlich forderte sein Freund es heraus.

Stefan Rohrbach und Markus Liebknecht waren trotzdem die allerbesten Freunde. Sie kamen nun gut voran, bis ein lautes Donnern zwischen den Felswänden hallte und die beiden Burschen aufhorchen ließ.

Markus schaute zum Himmel. »Du, Stefan, vielleicht sollten wir umkehren, wenn ein Gewitter herannaht. Der alte Mann aus dem Tal hat bestimmt Recht, wenn er sagt, dass es gefährlich ist, bei einem Unwetter einen Berg zu besteigen.«

»Das ist wieder mal typisch für dich, du Angsthase«, schalt Stefan seinen Freund.

»Ich bin lieber ein Angsthase als tot. Wenn mich der Blitz erschlägt oder wenn wir auf den regennassen Felsen ausrutschen und abstürzen …«

»Was du für Hirngespinste hast! Wir gehen weiter, und ich will jetzt kein Geflenne mehr hören«, unterbrach Stefan unwirsch Markus’ Redeschwall. Er gestikulierte wild mit seinen Händen.

Während die beiden Freunde am Fuße des Teufelsfelsens stritten, löste sich durch ein erneutes lautes Donnergrollen ein mächtiges Schneebrett, das sich langsam abwärts bewegte. Zuerst rutschte es gemächlich dahin. Allmählich steigerte sich die Geschwindigkeit des zu Tal rutschenden Schnees. Immer schneller raste die Lawine bergab und begrub schließlich Stefan und Markus unter sich.

Niemand außer Bartl Mooshammer wusste, dass die beiden leichtsinnigen Touristen sich in die Berge begeben hatten.

 

 

8. Kapitel

 

Maria stieg aus dem klapprigen Bus und schlug den Weg zu Thomas’ Hof ein. Sie hatte das Bedürfnis, ihren Bräutigam zu sehen. Die Aufregung im Krankenhaus hatte die junge Sonnleitnerin zum Nachdenken angeregt. Sie wollte mit Thomas über ihre Vermutung, dass der Peter und der Franzi irgendwas im Schilde führten, reden.

Nachdem das Madl eine Viertelstunde durch ihr idyllisches Heimatdorf gegangen war, ragte der imposante Steinegger Hof vor ihm auf. Thomas sah Maria den Hof betreten und kam sogleich freudestrahlend auf sie zu.

Er breitete seine muskulösen Arme aus und rief: »Grüß dich Gott, Maria. Schön, dass du mich besuchen kommst.« In dem blaukarierten Holzfällerhemd und den eng anliegenden Jeans sah er sehr attraktiv aus. Er kam näher und zog sie fest an sich. »Ich wollt sowieso nachher zu dir rüber gehen, um was wegen der Hochzeit mit dir zu bereden.« Sanft strich er über Marias blondes Haar. »Heut gefällst mir wieder besonders gut«, sagte er bewundernd.

Warum kann ich diesen Mann nicht lieben?, dachte Maria unsicher. Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust. Eine steile Sorgenfalte bildete sich über ihrer Nasenwurzel. Bestimmt würde sie es eines Tages lernen, davon war sie felsenfest überzeugt. Sein freundliches und fürsorgliches Wesen würde es ihr leicht machen, ihm ihr Herz zu schenken. Und irgendwann würde sie auch Peter vergessen haben. In diesem Moment sprang Thomas’ Schäferhund Attila an ihnen hoch und leckte Maria übers Gesicht. Er begrüßte sie immer auf diese Weise. Sie lachte und wehrte seinen stürmischen Liebesbeweis mit den Händen ab.

»Geh, Attila. Du machst mich ja ganz schmutzig.« Dann wandte sie sich an Thomas: »Was willst mir denn sagen?«, fragte sie ihren Verlobten und hob den Kopf.

»Ich hab schon einen Ersatz für den Franzi gefunden. Was sagst jetzt?«

»So schnell?«

»Ja, da schaust, gell?« Thomas klopfte stolz mit der Hand auf seine Brust. »Was ein Steinegger in die Hand nimmt, das gelingt immer.«

»Wer soll denn für den Franzi einspringen?«, fragte Maria nervös. Eine gewisse Vorahnung löste Unbehagen bei ihr aus.

»Der Peter Stoiber. Den kennst ja noch von früher. Er ist seit ein paar Tagen wieder im Dorf. Ich hab ihn heute Morgen getroffen, als ich zur Maisacker raufgehen wollt. Wir haben uns ein bissel unterhalten, und da hab ich ihm erzählt, dass wir heiraten werden, aber leider unser Trauzeuge ausgefallen ist. Da hat er sich sofort bereit erklärt, für den Franzi einzuspringen. Ist doch nett von ihm, oder?«

Marias Herz klopfte wild. Der Peter konnte unmöglich ihr Trauzeuge werden. Nein, das konnte sie nicht ertragen. Unzählige Gedanken schossen der jungen Sonnleitnerin durch den Kopf.

»Was ist mit dir? Du sagst ja gar nix!« Verwundert sah Thomas seine Braut an.

Maria hob den Kopf und sah Thomas fest in die Augen. »Der Peter darf net unser Trauzeuge werden.«

»Warum denn net?«

»Weil …« Sie brach ab. Maria konnte Thomas unmöglich sagen, dass sie Peter immer noch liebte und noch nicht über die Trennung von ihm hinweggekommen war. Außerdem wusste sie nicht, was Peter mit der vorgetäuschten Anteilnahme an ihrer Hochzeit bezweckte. Wie kam er nur auf die abwegige Idee, für seine ehemalige Braut den Trauzeugen zu spielen, noch dazu, wo er behauptete, sie immer noch zu lieben? Was Thomas ebenfalls nicht wusste, war, dass Maria und Peter verlobt gewesen waren. Er hielt deren Beziehung für eine harmlose Jugendliebe.

»Na, sag schon, warum du den Peter net dabei haben willst.« Thomas sah sie prüfend an. »Liebst ihn etwa noch?«, fragte er plötzlich misstrauisch.

Maria konnte seinem Blick nicht standhalten. Sie wandte sich von ihm ab und sagte ausweichend: »Geh, was du für einen Schmarren daherredest! Es geht einfach net, weil wir einmal befreundet waren, wie du weißt. Da bringt es Unglück, wenn er uns zum Altar führt.«

Erleichtert stieß Thomas die Luft aus. Er glaubte Maria.

»Hab gar net gewusst, dass du abergläubisch bist«, sagte er augenzwinkernd.

»Manchmal bin ich es halt«, antwortete Maria zerknirscht. Sie hasste es, Thomas anzulügen, aber die Wahrheit über ihre Gefühle konnte sie ihm nicht anvertrauen. Sie hätte ihm damit nur wehgetan. »Kannst net jemand anderen bitten, für den Franzi einzuspringen?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Wenn du willst, werd’ ich das tun. Ich versteh’ zwar net, warum, aber wennst dich dann wohler fühlst. Versprechen kann ich dir aber net, dass ich jemanden auftreiben kann. Die Hochzeit ist immerhin schon in fünf Tagen«, gab Thomas zu bedenken.

Dankbar lächelte Maria ihren Verlobten an. Dann wechselte sie das Thema. »Ich hab heut den Bartl Mooshammer im Spital besucht.«

»Ich hab von seinem Unfall gehört. Wie geht’s ihm denn?«

»Zum Glück recht gut. Er hat zwar eine Gehirnerschütterung und eine große Platzwunde auf seiner Stirn, aber ich hab das Gefühl, er wird sich rasch erholen und ist bald wieder der Alte.«

Thomas nickte zufrieden und zog seine Verlobte eng an sich. »Wenn du wüsstest, wie lieb ich dich hab«, raunte er in ihr Ohr. Dann sah er sie an, und Maria merkte, dass er sie küssen wollte. Sein Atem ging schneller, und seine Augen hatten einen eigenartigen Glanz.

Die junge Sonnleitnerin entzog sich vorsichtig seiner Umarmung und sagte verlegen: »Ich muss jetzt gehen. Hab meiner Mutter versprochen, ihr ein bissel im Stall zu helfen.« Sie winkte ihm und warf ihm eine Kusshand zu. Dann lief sie davon und ließ ihren Bräutigam verdutzt zurück.

Als sie außer Sichtweite war, blieb sie stehen und lehnte sich unglücklich an eine Hausmauer. Sie war außer Atem und keuchte stark. Vom schnellen Laufen hatte sie Seitenstechen bekommen. Sie presste ihre rechte Hand auf die schmerzende Stelle.

So kann es auf keinen Fall weitergehen, dachte sie. Seit Peter wieder hier aufgetaucht war, empfand Maria es noch widersinniger, einen Mann zu heiraten, den sie nicht aufrichtig liebte. Sie hatte ihr Herz an Peter verloren und konnte es keinem, anderen Mann schenken. Dass er wieder im Bärental war, machte alles nur noch schlimmer, denn ihre Gefühle zu ihm waren aufs neue entfacht. Sie fühlte sich so stark zu ihm hingezogen wie früher, vielleicht noch etwas mehr.

Maria kam es so vor, als würde Peter sie auf Schritt und Tritt beschatten, denn in diesem Moment bog er um die Ecke und sah, wie sie sich noch immer atemlos an der Mauer abstützte.

»Was keuchst denn so, Spatzl? Bist vor wem davongelaufen?« Ein amüsantes Lächeln umspielte seine Lippen.

Die junge Sonnleitnerin war um Fassung bemüht. Er sollte keinesfalls merken, dass er sie mit seinem plötzlichen Erscheinen durcheinander brachte.

»Hab nur ein bissel Seitenstechen. Das kann jedem mal passieren. Davonlaufen würd’ ich höchstens vor dir, du verlogener Schuft«, sagte sie angriffslustig, Sie sah sich um. Kein Mensch war auf der Straße. Sie war froh darüber, denn in einem kleinen Dorf kam man leicht ins Gerede.

»Ich merk schon, du hast mit dem Thomas gesprochen.« Sein Grinsen wurde breiter.

»Eines kannst mir glauben, du wirst ganz sicher net unser Trauzeuge«, fuhr Maria ihren ehemaligen Verlobten an.

Peter kam näher an sie heran. Sein überhebliches Lächeln war nun verschwunden. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht und bekam weiche Knie. Sie war froh, dass sie immer noch an der Hausmauer lehnte.

Behutsam nahm Peter ihre Hand und hielt sie fest. Sein Griff war zärtlich und warm.

»Ich werd verhindern, dass du unglücklich wirst. Du darfst net einen Mann heiraten, den du gar net liebst. Ich weiß genau, dass dein Herz immer noch mir gehört. Auch wenn du es dir selbst net eingestehen willst.«

Es ging fast über Marias Kräfte, als sie den Kopf hob und in seine Augen sah. »Versteh doch endlich. Es ist aus zwischen uns, und ich werd auf jeden Fall den Thomas heiraten.«

Peter schluckte. »Wenn du mir sagst, dass du den Thomas liebst und mir dabei in die Augen schauen kannst, werd ich dich in Ruhe lassen und nix gegen eure Hochzeit unternehmen.« Erwartungsvoll sah er sie an.

»Ich hab den Thomas sehr gern«, sagte sie wahrheitsgetreu.

»Aber lieben tust ihn nicht.«

»Das wird bestimmt mit der Zeit. Die große Liebe bringt sowieso nix als Ärger. Das hab ich ja am eigenen Leib erfahren müssen, als ich noch mit dir zusammen war.«

»Ich weiß schon, worauf du hinaus willst. Schon damals hab ich dir gesagt, dass mit der Agnes nix gewesen ist. Sie hat sich halt eingebildet, dass sie mich herumkriegen würd.«

»Erzähl doch keinen Schmarren! Schließlich hab ich mit eigenen Augen gesehen, wie du sie abgebusselt hast.«

»Net ich hab sie abgebusselt, sondern sie mich. Das ist doch wohl ein Unterschied. Aber du lässt das ja net gelten. Du hast nur gesehen, was du sehen wolltest.« Peter ließ ihre Hand los, wandte sich ab und ging ohne ein weiteres Wort davon.

Sollte ihm Maria unrecht getan haben? Sie war damals so verletzt gewesen, dass sie ihm nicht einmal die Möglichkeit gegeben hatte, sich zu verteidigen. Die junge Sonnleitnerin musste sich eingestehen, dass sie einen großen Fehler gemacht hatte. Heute hatte sie den nötigen Abstand zu dem für sie so schmerzlichen Ereignis. Sie konnte klarer denken.

Maria lief ihrem ehemaligen Verlobten nach. »Peter, wart auf mich.«

Verwundert drehte er sich um. »Ja?«

Sie fasste Peter am Arm. »Ich glaub, wir sollten uns einmal in Ruhe unterhalten und alle Missverständnisse aus der Welt schaffen. So kann es ja net weitergehen.«

Peter nickte zustimmend. »Ist gut. Aber net hier. Gehen wir zu mir nach Hause, da sind wir ungestört.«

Obwohl Maria lieber nicht zu ihm gegangen wäre, weil dort so viele Erinnerungen wach werden würden, ging sie widerspruchslos neben ihm her zu seinem Elternhaus.

Peters Eltern besaßen ein kleines Gasthaus. Seine Kammer im obersten Stock hielten sie immer für ihn bereit. Wann immer er nach Hause kommen wollte, war er willkommen.

Es war ein glücklicher Zufall, fand Maria, dass das Gasthaus heute Ruhetag hatte und Peters Eltern nicht zu Hause waren. Sie waren in die Stadt zum Einkäufen gefahren, wie er ihr erzählte.

Maria mochte zwar ihre ehemaligen zukünftigen Schwiegereltern sehr gerne, wollte aber nicht, dass sie aus dem heutigen Zusammensein mit Peter falsche Schlüsse zogen.

Peter sperrte den Gasthof auf und hielt Maria die Tür auf.

»Tritt ein und bring Glück herein, mein Spatzl«, sagte er augenzwinkernd.

Der jungen Sonnleitnerin entging die Zweideutigkeit seiner Bemerkung nicht. Sie betrat die Gaststube. Alles war unverändert. Die Theke, hinter der Peters Mutter die Getränke ausschenkte, die einfachen, aber liebevoll gepflegten Möbeln. Auf den Holzbänken lagen geblümte Kissen, die mit den Vorhängen harmonierten. All das erinnerte Maria an früher, und ihr war, als wäre seitdem kein Tag vergangen, wenn sie sich hier umsah. Dabei hatte sie dieses Haus nicht mehr betreten, seit Peter fortgegangen war.

»Hier hat sich überhaupt nix verändert«, stellte Maria erstaunt fest.

»Warum auch? Meinen Eltern gefällt’s so, wie es ist.«

»Es kommt mir so vor, als wäre hier die Zeit stehen geblieben.« Marias Hand glitt verträumt über einen der Tische.

Peter trat hinter Maria und griff sanft nach ihren Schultern. Er zog sie näher zu sich heran. »Du hast keine Ahnung, wie sehr du mir gefehlt hast«, flüsterte er in ihr Ohr.

Die junge Sonnleitnerin spürte, wie eine Gänsehaut ihren ganzen Körper überzog. Wie elektrisiert stand sie da und war unfähig, sich zu bewegen. Sie genoss Peters Nähe und widersprach nicht, als er sie zu sich herumdrehte und zärtlich an sich drückte. Ihr Gesicht war seinem jetzt ganz nahe. Sie spürte seinen Atem. Alle Zweifel schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Es schien alles richtig zu sein, solange sie nur mit Peter zusammen war.

Sie fühlte, wie sehr sie ihn liebte und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er sie jetzt küsste. Er schien ihre Gedanken zu erraten, denn sein Gesicht kam ihrem immer näher. Als seine Lippen vorsichtig ihren Mund berührten, brach ihr letzter Widerstand. Maria schlang die Arme um Peters Hals und ließ sich von seinen Zärtlichkeiten mitreißen.

Irgendwann löste sich Peter etwas von ihr, sah ihr tief in die Augen und fragte mit rauer Stimme: »Gehen wir rauf in meine Kammer?« Maria senkte verlegen den Blick, doch sie nickte. Die Gefühle, gegen die sie so lange angekämpft hatte, siegten nun über ihre Vernunft.

 

 

9. Kapitel

 

Stefan Rohrbach öffnete benommen seine Augen. Er konnte nicht erkennen, wo er war. Ihm war kalt. Er konnte seine Beine nicht bewegen. Es dauerte eine Weile, bis ihm dämmerte, was passiert war. Er und sein Freund Markus waren von einer Lawine mitgerissen worden. Panik stieg in ihm hoch. Ich bin unter riesigen Schneemassen lebendig begraben, durchfuhr es ihn. Wenn man ihn hier nicht bald fand, würde er erfrieren, Bei diesem Gedanken packte ihn das blanke Entsetzen.

Er versuchte seine Beine zu bewegen. Vergebens. Stefan stellte jedoch fest, dass wenigstens seine Hände frei waren. Mit schaufelnden Bewegungen versuchte er, den Schnee wegzuschieben. Es gelang ihm auch einigermaßen. Mühsam grub er sich durch den Schnee. Er hatte Glück. Die Lawine hatte ihn zwar erfasst, aber nicht ganz unter sich begraben. Die Schneeschicht über ihm war nur wenige Zentimeter dick. Seine Beine steckten allerdings fest.

So begann Stefan, zuerst seinen Oberkörper freizugraben. Immer wieder hielt er erschöpft inne. Er musste sich fürchterlich anstrengen. Hinzu kam, dass er nur leicht bekleidet und bereits unterkühlt war. Seine Kräfte schienen zu schwinden. Er riss sich zusammen und grub sich weiter aus, bis er schließlich aus seinem eisigen Gefängnis schlüpfen konnte. Erschöpft sackte er zusammen. Kälte strömte durch seinen Körper und machte seine Muskeln klamm.

»Ich darf nicht schlappmachen, sonst erfriere ich«, machte er sich selbst Mut.

Er musste Markus suchen. Mit allerletzter Kraft richtete er sich auf. Als er mit dem rechten Fuß auftrat, durchjagte ihn ein heftiger Schmerz. Stefan untersuchte die Stelle und sah, dass sein Knöchel stark geschwollen war.

»Hoffentlich ist er nicht gebrochen«, stöhnte er verzweifelt.

Ein riesiges Schneefeld umgab Stefan. Er kniff die Augen zusammen und suchte angestrengt nach einem Lebenszeichen von Markus. Er konnte jedoch nichts entdecken. Hinkend stapfte Stefan durch den Schnee, der unter seinen Schuhen knirschte. Immer wieder rief er den Namen seines Freundes. Er bekam jedoch keine Antwort. Tränen der Verzweiflung rannen ihm übers Gesicht. Er wollte nicht glauben, dass sein bester Freund, den er wie einen Bruder liebte, von den riesigen Schneemassen begraben worden war.

Stefan konnte sich nicht vorstellen, dass Markus nicht mehr lebte. Plötzlich kam ihm eine Idee. Er musste die Bergrettung alarmieren. Die hatten die nötigen Geräte und Lawinenhunde, um Verschüttete zu finden. So schnell es seine Knöchelverletzung zuließ, humpelte er den Weg, der ins Tal führte, hinunter.

 

 

10. Kapitel

 

Maria kuschelte sich zufrieden an Peters Schulter. Sie war unbeschreiblich glücklich. Sie hatten sich leidenschaftlich geliebt, und es war noch viel schöner gewesen als früher.

Peter beugte sich über Maria und küsste sie zärtlich auf den Mund. »Ich liebe dich, Maria«, flüsterte er. »Bitte löse deine Verlobung mit Thomas und lass uns heiraten.«

Überglücklich umarmte Maria ihre große Liebe. »Ja, Peter. Ich will sehr gern deine Frau werden.«

Sie wusste genau, dass dies die einzig richtige Entscheidung war. Sie musste unbedingt noch heute mit Thomas reden und ihm reinen Wein einschenken. Ein flaues Gefühl machte sich in ihrer Magengrube breit. Sie wollte Thomas nicht verletzen. Er war immer gut zu ihr gewesen, und er liebte sie aufrichtig. Trotzdem musste er sie freigeben. Nachdem sie mit Peter wieder zusammen war, konnte sie sich mit keinem anderen Mann eine gemeinsame Zukunft vorstellen.

Peter strich Maria sanft übers Haar. »Woran denkst du?« Er bemerkte die kleine Sorgenfalte auf ihrer Stirn.

»Dass ich noch heut mit dem Thomas reden muss. Ich werd ihm sagen, dass du und ich wieder zusammen sind und ich ihn nicht heiraten kann. Ich hoffe nur, er nimmt’s net zu schwer.«

»Das hoff’ ich auch. Der Thomas ist ein feiner Bursch. Aber er muss einsehen, dass wir beide zusammengehören. Es gibt viele Madln, die dich um ihn beneidet haben. Eine von ihnen wird ihn bestimmt bald trösten.«

Mariä nickte nachdenklich. Dann schlüpfte sie aus Peters Armen und zog sich an. »Am besten mach’ ich mich gleich auf den Weg zu Thomas. Ich kann unsere Liebe nicht länger vor ihm geheim halten.«

Peter richtete sich auf. »Willst du, dass ich mitkomme?«

»Nein, das muss ich alleine mit dem Thomas regeln.« Sie warf sich die Stola um die Schultern, hauchte Peter noch einen Kuss auf die Wange und verließ seine Kammer.

Schweren Herzens schlug Maria den Weg zu Thomas’ Hof ein. Sie hasste es, andere Menschen zu verletzen. Diesmal ging es leider nicht anders. Tief in Gedanken schritt sie vor sich hin. Sie versuchte, die richtigen Worte zu finden, um Thomas die Situation zu erklären, aber sie fand keine.

Schließlich erreichte sie den Hof der Steineggers. Sie hörte Thomas im Stall hantieren und begab sich zu ihm. Er stand mit dem Rücken zu ihr und war gerade dabei, den Mist der Kühe in einen Schubkarren zu füllen.

Maria beobachtete ihn eine Weile. Dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und sagte mit zitternder Stimme: »Hallo, Thomas.«

Er drehte sich blitzschnell um. »Meine Güte, Maria, hast du mich erschreckt!«

»Tut mir Leid, das wollt ich net«, sagte sie schuldbewusst.

»Ist net so schlimm. Hab dich bloß net reinkommen gehört. Ich bin die ganze Zeit so in Gedanken wegen unserer Hochzeit, dass ich die Welt um mich herum total vergessen hab.«

Maria schluckte. »Weißt du, das ist auch der Grund, warum ich hier bin.«

»Kannst auch an nix anderes mehr denken, gell?« Er kam näher und umarmte sie.

»Ja … nein«, stammelte sie.

»Also, was denn jetzt?« Er lächelte amüsiert.

»Ich bin gekommen, um mit dir etwas zu bereden.«

»Na, dann raus damit. Du kannst mir doch alles sagen. Das weißt du doch.« Thomas sah seine Verlobte nun an. Er bemerkte den bedrückten Ausdruck in, ihrem Gesicht. »Stimmt was net?«

Maria wich seinem Blick aus. »Es geht um den Peter und mich …«

»Ach so, das ist es. Wenn du ihn net als Trauzeugen willst, dann fragen wir eben jemand anderen. Deswegen brauchst du doch net so finster dreinschauen«, unterbrach er sie.

»Der Peter und ich lieben uns. Wir wollen heiraten. Deshalb musst du mich freigeben«, platzte es aus Maria heraus. Sie erschrak selbst über ihre wenig diplomatische Art, ihm die Wahrheit zu sagen.

Thomas sah sie an, als hätte sie ihn mitten ins Gesicht geschlagen.

»Was sagst du da?« Er wich vor ihr zurück und setzte sich auf einen Strohballen. Fassungslos starrte er Maria an.

»Thomas, es tut mir so leid. Ich hab selbst geglaubt, ich könnte Peter vergessen und mit dir glücklich werden, aber als er wieder hier aufgetaucht ist, da hab ich gespürt, dass ich ihn noch immer lieb hab. Auch er hat nie aufgehört, mich zu lieben, und als er gehört hat, dass wir beide heiraten wollen, ist er sofort gekommen, um es zu verhindern.«

»Dieser hinterhältige Schuft«, entfuhr es Thomas. »Spielt mir den guten Freund vor. Gibt vor, sich zu freuen, unser Trauzeuge zu sein und fällt mir so in den Rücken.«

»Ich geb’ zu, das war net richtig von ihm. Er wollte halt mit allen Mitteln unsere Hochzeit verhindern.«

»Das wird ihm aber net gelingen. Ich werd’ diesem verlogenen Kerl eine ordentliche Tracht Prügel verpassen«, brauste Thomas auf.

Befremdet sah Maria den jungen Steinegger an. So außer sich hatte sie ihn noch nie erlebt. Sie kannte ihn als stets liebenswürdigen, gutmütigen Mann, den nicht so schnell etwas aus der Ruhe bringen konnte. Sie ging einen Schritt auf ihn zu, legte ihre Hand auf seine Schulter und sah ihm tief in die Augen. Dann sagte sie mit erstaunlich ruhiger Stimme: »Thomas … Es hat doch keinen Sinn. Ich liebe Peter und möchte ihn heiraten.«

Unwirsch schüttelte er ihre Hand ab. Dann knurrte er: »Du hast mir ein Eheversprechen gegeben. Jetzt kannst net einfach wieder einen Rückzieher machen. Das letzte Wort ist noch net gesprochen.« Er stand auf und ging an ihr vorbei, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

Maria schaute ihm unbehaglich nach. Was hatte er jetzt vor? Sie sah, dass Thomas in sein Auto stieg und mit quietschenden Reifen davonbrauste. Wo wollte er hin? Hoffentlich nicht zu Peter. Dann passierte eine Tragödie.

Hoffentlich konnte sie das Schlimmste noch verhindern. Sie musste hinterher. So schnell sie konnte, lief sie zu Peters Haus doch Thomas’ Wagen stand nicht davor. Wo war er dann hingefahren?

Maria wollte ihre Gedanken ordnen. Deshalb beschloss sie, nach Hause zu gehen. Als sie von Weitem den Hof ihrer Eltern erblickte, erschrak sie. Der Wagen ihres Verlobten stand davor. Was hatte das bloß zu bedeuten?

Langsam ging die junge Sonnleitnerin weiter. Als sie näher an den Hof herankam, hörte sie bereits einen lauten Streit. Eine der beiden Stimmen gehörte ihrem Vater, die andere Thomas. Um den Inhalt der Auseinandersetzung besser verstehen zu können, schlich Maria zum Fenster der Stube, aus der die Stimmen kamen.

»Und wie gesagt, ich bin sicher net bereit, auf die beachtliche Mitgift zu verzichten«, rief Thomas außer sich.

Marias Vater rang nach Luft. Dann schrie er ebenso laut den jungen Steinegger an: »Wenn ich gewusst hätt’, was du für ein Lump bist, hätt’ ich dir nie die Hand meiner einzigen Tochter versprochen. Dass es dir nur ums Geld geht, hätt’ ich nie von dir erwartet.«

»Warum soll man net das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Deine Tochter ist immerhin das schönste Madl hier im Tal. Obwohl sie vielleicht ein bisserl zu kühl ist. Da gibt’s bei Weitem temperamentvollere junge Dirndln bei uns im Dorf.«

Maria spähte entsetzt durch das Fenster und sah Thomas breit grinsen. Es schien ihm sichtlich Vergnügen zu bereiten, ihren Vater zu provozieren.

»Schau, dass du mir aus den Augen kommst, du niederträchtiger Kerl«, grollte Bernhard Sonnleitner. Er konnte seine Wut kaum mehr im Zaum halten. Am liebsten hätte er Thomas auf sein Schandmaul gehauen.

»Vorher gibst mir noch eine angemessene Entschädigung. Immerhin ist ein Eheversprechen bindend. Da kann man sich net so einfach rauswinden.«

»Einen Dreck wird’ ich tun. Pass bloß auf, dass ich dir keinen Tritt in den Allerwertesten verpasse.«

»Das würd ich dir net raten, alter Mann. Wenn ich zurückhau, stehst bestimmt nimmer auf.« Nach einer kurzen Pause fuhr Thomas drohend fort: »Das Ganze gibt ein Nachspiel. Verlass dich drauf.« Mit polternden Schritten verließ er anschließend den Hof der Sonnleitners.

Maria versteckte sich schnell hinter einem Mauervorsprung, damit ihr Verlobter sie nicht sehen konnte. Er brauste mit seinem Kombi davon und hinterließ eine riesige Staubwolke. Was Maria soeben mitangehört hatte, erschütterte sie zutiefst. Um ein Haar hätte sie ein Scheusal geheiratet.

Schnell ging sie ins Haus. In der Speisekammer saß Marias Vater im Herrgottswinkel. Er hatte sein Gesicht in den Händen vergraben. Als er seine Tochter hereinkommen hörte, schrak er hoch.

»Ach, du bist es, Maria.« Die Stimme des Sonnleitners klang schwach. Er hatte sich bei dem Streit mit Thomas zu sehr aufgeregt. »Komm, setz dich zu mir. Ich muss dir was sagen.«

»Ich weiß es schon, Vater. Hab alles mitangehört.«

»Mein armes Kind. Ich darf gar net daran denken, dass du diesen … diesen … Schuft beinahe geheiratet hättest.«

»Dasselbe hab ich mir auch gerade gedacht«, sagte sie erleichtert und setzte sich zu ihm. Sie war froh, dass ihr Vater auf ihrer Seite war.

»Der Thomas hat mir gesagt, du bist jetzt wieder mit dem Peter Stoiber zusammen. Stimmt das?«

Maria senkte verlegen den Blick. Eine leichte Röte überzog ihre glatten Wangen, »ja«, antwortete sie nur.

»Wenn das der Bursch ist, denn du aufrichtig liebst, dann sollst du meinen Segen haben, mein Engel.« Er zog Maria an sich und küsste sie auf die Stirn.

»Danke, Vater. Ich möchte dir für alles danken. Ich hab auch mitangehört, wie du dich für mich eingesetzt hast, vorhin.«

»Was hast du denn gedacht?« Bernhard Sonnleitner sah seiner Tochter in die Augen. »Wenn ich gewusst hätte, dass du einen anderen liebst, hätte ich eurer Hochzeit niemals zugestimmt.« Er strich Maria zärtlich übers Haar. »So, und jetzt erzählen wir alles deiner Mutter.«

 

 

11. Kapitel

 

Der Bartl Mooshammer schlief unruhig. Er warf seinen Kopf hin und her. Die Krankenschwester hatte ihm ein leichtes Schlafmittel gegeben. Er brauchte jetzt sehr viel Ruhe, um wieder zu Kräften zu kommen, hatte der behandelnde Arzt gesagt. Bartl hatte wirre Träume. Er sah einen Berg und zwei junge Burschen, die im Unwetter umherirrten. Schweiß bedeckte seine zerfurchte Stirn. Die Platzwunde begann wieder leicht zu bluten.

Schwester Ines machte ihren stündlichen Kontrollgang durch sämtliche Krankenzimmer. Als sie die Tür des alten Mannes öffnete, trat ein sorgenvoller Ausdruck in ihr Gesicht. Sie ging näher an ihn heran und sah den blutgetränkten Verband. Gewissenhaft wechselte sie ihn. Dann griff sie nach seinem Arm und maß den Blutdruck. Er war ungewöhnlich hoch.

Was für einen schlimmen Albtraum hatte Bartl Mooshammer bloß? Sie überlegte, ob sie ihn wecken sollte, als der Mann den Mund öffnete und versuchte zu sprechen. Anfangs kam nur ein unverständliches Gurgeln her aus. Allmählich wurden die Wörter deutlicher.

»Net … das Gewitter … Blitz …« Offensichtlich träumt Herr Mooshammer von einem fürchterlichen Unwetter, dachte Schwester Ines. »Burschen … aufpassen … tot …«

Die Krankenschwester horchte auf. Es schien, als würde sich der Patient an irgendetwas erinnern. War es möglich, dass soeben sein Gedächtnis zurückkam? Schwester Ines beschloss, den Oberarzt über den Zustand Bartl Mooshammers zu informieren. Sie verließ das Krankenzimmer und kam kurz darauf mit einem schwergewichtigen Mann Mitte Vierzig zurück »Er scheint sich an etwas zu erinnern, Herr Doktor. Vorhin stammelte er etwas von Gewitter, Burschen und tot«, teilte Schwester Ines dem Oberarzt mit.

»Merken Sie sich, was er im Schlaf spricht, und erzählen Sie ihm davon, sobald er aufwacht. Vielleicht kann er damit etwas anfangen. Das wäre ein beachtlicher Fortschritt.«

»In Ordnung, Dr. Jonas.« Schwester Ines nickte eifrig. Das Wohl aller Patienten lag ihr sehr am Herzen. Sie war Krankenschwester mit Leib und Seele.

Von oberflächlicher Patientenbetreuung hielt sie nichts. Sie sah ihre Berufung darin, anderen Menschen zu helfen, so gut sie konnte. Für ein Medizinstudium hatte sie leider nicht die nötigen finanziellen Mittel gehabt, da sie als Waisenkind aufgewachsen war. Daher hatte sie die Schwesternschule besucht und mit Auszeichnung abgeschlossen.

Der Oberarzt verließ das Krankenzimmer, und Schwester Ines setzte sich neben das Bett des Patienten. Gespannt wartete sie darauf, dass Bartl Mooshammer wieder etwas sagte.

 

 

12. Kapitel

 

Stefan Rohrbach verlor das Gleichgewicht und fiel erschöpft auf den weichen Waldboden. Es dämmerte bereits. Das spärliche Licht der Sonne sickerte nur dürftig in den dichten Wald. Bald würde Stefan nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen können.

Ich muss unbedingt Hilfe holen, bevor es dunkel wird, sonst ist Markus verloren!, schoss es dem jungen Burschen durch den Kopf. Die Eiseskälte der riesigen Schneemasse würde den Körper seines Freundes bald erfrieren lassen.

Stefan schüttelte den Kopf, um diesen schrecklichen Gedanken sofort zu verscheuchen. Markus musste überleben! Er war doch noch so jung, verdammt noch mal! Mit neunzehn Jahren durfte man einfach nicht sterben.

Tränen rannen Stefan über sein verschmutztes Gesicht, während er mit seinem höllisch schmerzenden Knöchel vor sich hin stolperte. Wenn die Retter zu spät kamen, dann war das seine Schuld. Dann hatte er das Leben seines besten Freundes auf dem Gewissen.

Stefan schleppte sich weiter und übersah den abgeschnittenen Baumstumpf, der mit Laub bedeckt war. Er strauchelte erneut, schlug mit dem Kopf gegen einen Stein und blieb bewusstlos liegen. Das war das Ende der Hoffnung.

 

 

13. Kapitel

 

Maria saß mit ihren Eltern in der heimeligen Stube. Sie unterhielten sich gerade angeregt über die jüngsten Geschehnisse, als es an der Tür klopfte. Alle drei zuckten unmerklich zusammen. Die Nerven der Sonnleitners waren angespannt.

»Herein«, forderte Bernhard Sonnleitner mit energischer Stimme.

Peter Stoiber trat ein. »Störe ich gerade?«

Freudestrahlend sprang Maria auf und lief zu dem geliebten Mann. Sie begrüßte ihn stürmisch mit Küssen. Dann zog sie ihn an der Hand in die Stube. »Du störst nie, Liebster.«

Lächelnd folgte Peter ihr zur Eckbank. In einem kleinen Dorf wie diesem sprachen sich Neuigkeiten schnell herum. So war es auch nicht verwunderlich, dass Peter schon wusste, was sich am Hof der Sonnleitner zugetragen hatte. Nun war er unsicher, wie er von Marias Eltern aufgenommen wurde. Immerhin hatte er die Hochzeit zum Platzen gebracht und noch nicht einmal bei Bernhard Sonnleitner um Marias Hand angehalten. Er hatte sich vorgenommen, es jetzt zu tun.

Er ging zu Marias Mutter und streckte ihr die Hand hin. Christi Sonnleitner stand auf, schloss Peter einfach in die Arme und sagte: »Herzlich willkommen daheim, Peter. Setz dich zu uns. Magst ein Stamperl Obstler mit uns trinken?«

»Ja, sehr gern.« Ein riesiger Stein fiel Peter vom Herzen, als er merkte, dass er in diesem Hause willkommen war. Er schüttelte auch Marias Vater die Hand.

»Setz dich zu mir, Schwiegersohn«, sagte Bernhard Sonnleitner herzlich und klopfte dem Burschen auf die Schulter. »Wie du weißt, haben die Christi und ich immer viel von dir gehalten. Wir haben es sehr schade gefunden, dass du und Maria damals auseinandergegangen seid. Eigentlich haben wir immer geglaubt, dass ihr beide einmal heiraten werdet. Nun wird es also doch geschehen. Ihr macht mir eine große Freude damit.«

Peter war gerührt von der Herzlichkeit, mit der er aufgenommen wurde. »Ich hab noch keine Gelegenheit gehabt, um Marias Hand anzuhalten. Ich möchte es hiermit tun.«

»Ist schon recht, Bub. Ich brauch nur meine Tochter anzuschauen, um zu sehen, dass sie so glücklich ist wie schon lange net mehr. Das Strahlen in ihren Augen sagt mir mehr als tausend Worte.«

Die Jungen und die Alten prosteten einander zu und tranken auf eine glückliche Zukunft. Nachdem sie eine Weile geplaudert hatten, nahm Maria ihren Peter an der Hand und zog ihn mit sich.

»Wir gehen ein bisserl nach draußen.«

»Hab schon verstanden, ihr wollt allein sein.« Christi Sonnleitner zwinkerte ihrer Tochter verständnisvoll zu.

Maria errötete leicht und nickte. Dann entschwanden die beiden Liebenden aus dem Haus. Kühler Abendwind empfing sie. Peter zog sofort seinen Leinenjanker aus und legte ihn Maria um die Schultern.

»Danke«, sagte sie. »Bin ich froh, dass meine Eltern dich gern haben.«

»Und ich erst! Mir war ganz schön mulmig, als ich vorhin zur Tür reingekommen bin.«

Peter zog Maria zu sich heran und küsste ihre Nasenspitze. »Du bist das einzige Madl, das ich je geliebt hab. Ich hoffe, du glaubst mir jetzt, dass damals mit der Agnes nix gewesen ist.«

»Ich glaub es dir. Ich war so dumm, an dir zu zweifeln.«

»Ja, das warst du«, gab Peter ihr Recht. Ein amüsiertes Lächeln umspielte seine Lippen.

Maria kniff ihn in die Rippen. »Sei net so frech.«

Peter umarmte sie und drückte sie innig an sich. »Mein Spatzl, ich lass dich nie wieder los«, flüsterte er in ihr Ohr.

»Das will ich dir auch net raten«, gab Maria zurück. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste den Burschen auf den Mund. Er erwiderte erst sanft, dann immer leidenschaftlicher ihren Kuss.

Wie wunderschön konnte doch die Liebe sein!

 

 

14. Kapitel

 

Am nächsten Morgen erwachte Maria mit einem strahlenden Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht. Sie hatte ausgezeichnet geschlafen und war fröhlich wie schon lange nicht mehr. Sie pfiff ein Lied und ging ins Bad. Nach dem Duschen und Zähneputzen zog sie ein grünes Dirndl an und ging in die Stube, um zu frühstücken.

Christi Sonnleitner hatte bereits Kaffee aufgesetzt. Es duftete herrlich nach frischen Semmeln und gebratenem Speck. Maria hatte einen Bärenhunger. Sie aß so viel, dass ihr Vater amüsiert bemerkte: »Man könnt' meinen, du hättest seit Jahren nix mehr gekriegt.«

Maria kaute genüsslich. Dann verkündete sie: »Ich werd heut den Bartl wieder besuchen. Hoffentlich geht’s ihm schon besser.«

»Grüß ihn von uns. Wir wünschen ihm gute Besserung«, meinte die Sonnleitnerin.

»Ich werd’s ihm ausrichten.« Maria küsste ihre Mutter und ihren Vater und eilte aus der Stube. Sie lief zur Haltestelle und stieg in den klapprigen Bus.

 

 

15. Kapitel

 

Der Wirt der »Wacholderblüte« erwachte aus seinem wenig erholsamen und unruhigen Schlaf. Er rieb sich die Augen und blinzelte. Was hatte er geträumt? Er wusste es nicht. Mit einer fahrigen Handbewegung wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

Schwester Ines streckte den Kopf zur Tür herein.

»Na, schon aufgewacht? Wie fühlen Sie sich denn heute?«, wollte sie wissen.

»Ganz gut. Aber ich glaub, dass ich schlecht geträumt hab. Bin nämlich ganz durchgeschwitzt«, erwiderte Bartl mit schwacher Stimme.

»Ich bringe Ihnen gleich ein frisches Hemd, Herr Mooshammer«, sagte die Krankenschwester freundlich und verschwand wieder.

Kurz darauf wurde die Tür zu Bartls Krankenzimmer erneut geöffnet. Maria trat ein und ging zu ihrem Paten. Er lag entspannt in seinem Bett und hatte die Augen wieder geschlossen.

»Bartl?«, flüsterte sie leise.

Der alte Mann öffnete seine Lider und sah Maria an. Er lächelte erfreut. »Grüß dich, Maria. Schön, dass du da bist. Komm, setz dich ein bissel zu mir.« Er wies auf den Stuhl neben seinem Bett.

Maria setzte sich und griff nach Bartls Hand. »Du schaust heut viel besser aus als gestern«, fand sie. »Hast dich ordentlich ausgeschlafen?«

Bartl blieb ihr die Antwort schuldig und fragte stattdessen: »Kennst einen Stefan Rohrbach?«

Maria schüttelte den Kopf. »Nein, wer ist das?«

»Ich weiß es net. Ist mir gerade eben eingefallen. Ich kann mich aber net erinnern, wo ich den Namen gehört hab.«

Maria beruhigte ihn. »Ich glaub, dass es ein gues Zeichen ist, wenn dir ein Name wieder einfällt. Dann wirst du dich bestimmt auch bald an alles andere wieder erinnern.«

»Stefan Rohrbach …«, murmelte Bartl leise vor sich hin. Er überlegte angestrengt.

»Vielleicht ist er einer deiner Pensionsgäste?«, mutmaßte Maria.

Bartl sah das Madl eine Weile nachdenklich an. Dann rief er: »Ja, das stimmt. Woher weißt du das?«

»Ich hab bloß geraten. Da ich diesen Stefan Rohrbach net kenne und du fast nie aus unserem Dorf rauskommst, kann es sich eigentlich nur um einen Touristen handeln.«

Schwester Ines kam mit dem versprochenen Hemd und einem Tablett, auf dem sich Tee und ein Brötchen mit Marmelade befanden, in Bartls Zimmer.

»So, Herr Mooshammer, jetzt mache ich Sie frisch, danach können Sie sich mit einem köstlichen Frühstück stärken.«

Maria drehte sich taktvoll zur Seite, während Schwester Ines Bartl beim Umziehen half. Als diese damit fertig war, sagte die junge Sonnleitnerin: »Der Bartl hat sich an einen Namen erinnert, Schwester Ines. Ist das ein Zeichen, dass sein Erinnerungsvermögen zurückkommt?«

»Ja, das ist sehr wahrscheinlich. Man kann es zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, aber ich glaube auch, dass Herr Mooshammer bald wieder der Alte ist.«

Maria stieß erleichtert die Luft aus. »Gott sei Dank.«

Schwester Ines wandte sich an Bartl: »Herr Mooshammer, ich möchte Ihnen ein paar Wörter sagen, die Sie während ihres Albtraumes heute Nacht gesprochen haben. Vielleicht fällt Ihnen dazu etwas ein.«

Bartl nickte eifrig.

Schwester Ines erzählte, was er im Schlaf von sich gegeben hatte. Als sie damit fertig war, fragte sie: »Kommt Ihnen etwas davon bekannt vor?«

Bartl schüttelte enttäuscht den Kopf.

Schwester Ines beruhigte ihn: »Es macht nichts, wenn Sie sich nicht gleich erinnern. Lassen Sie sich’s immer wieder durch den Kopf gehen. Vielleicht fällt Ihnen später etwas dazu ein.« Sie sah auf die Uhr und meinte: »Ich sehe in einer halben Stunde wieder nach Ihnen.«

Bartl griff nach dem Marmeladenbrötchen und biss lustlos hinein. Plötzlich hielt er inne.

»Maria …«

»Ja?« Erwartungsvoll sah sie ihn an. Erinnerte er sich an etwas?

»Ich weiß wieder, was passiert ist«, stieß er aufgeregt hervor.

»Erzähl es mir«, verlangte das Madl freudig.

»Ich hab zwei Gäste in meiner Pension. Den Stefan Rohrbach und den Markus Liebknecht. Zwei junge Burschen. Sie wollten den Teufelsfelsen besteigen, obwohl ich ihnen dringend davon abgeraten hab. Ich hab mir solche Sorgen um die beiden gemacht, dass ich unvorsichtig war und auf der Leiter in der Speisekammer abgerutscht bin. Den Rest kennst ja.«

»Ja«, antwortete Maria glücklich. Sie fiel Bartl um den Hals und küsste ihn auf die Stirn. »Das musst du unbedingt gleich dem Arzt erzählen«, forderte sie ihn auf. Dann verabschiedete sie sich und fuhr mit dem nächsten Bus nach Hause.

 

 

16. Kapitel

 

Als die junge Sonnleitnerin den Hof ihrer Eltern betrat, winkte ihr Vater sie aufgeregt heran.

»Was ist denn passiert?«, fragte Maria erschrocken. Sie hatte ihren Vater, abgesehen vom gestrigen Tag, noch nie so wütend gesehen.

»Eine unserer Kühe ist vergiftet worden«, stieß er außer sich hervor.

»Was … Wieso?«

»Als ich heut Morgen in den Stall gegangen bin, um die Tiere zu füttern, ist die Resi schon tot am Boden gelegen. Ich hab sofort den Tierarzt angerufen. Der hat festgestellt, dass das arme Vieh vergiftet worden ist. Es muss qualvoll verendet sein.« Er kratzte sich aufgebracht hinterm Ohr.

»Aber wer kann denn so was Grauenvolles tun?«, murmelte Maria verstört.

»Ich kann mir schon vorstellen, wer dahinter steckt«, knurrte Bernhard Sonnleitner und kniff die Augen zusammen.

Maria sah ihn bestürzt an. »Du glaubst, der … Thomas war das, net wahr?«

»Du etwa net? Er hat ja gestern gesagt, er wird die Geschichte mit der geplatzten Hochzeit net auf sich beruhen lassen.« Dunkle Zornröte färbte das Gesicht von Bernhard Soimleitner.

Maria musste ihm Recht geben. Sie hatte selbst gehört, was Thomas zu ihrem Vater gesagt hatte.

Er wandte sich an seine Tochter: »Madl, bitte geh auf die Alm rauf und schau nach den anderen Kühen. Ich möcht wissen, ob es denen gut geht.«

»Ist recht Vater, ich mach mich gleich auf den Weg.« Maria richtete sich ein paar Brote her und verstaute diese in einem kleinen Rucksack, den sie sich auf den Rücken schnallte. Sie schlug eben den Weg zur Alm ein, als Peter sie besuchen wollte.

»Wart auf mich, Spatzl!«, rief er ihr nach.

Freudig drehte sich Maria um und blieb stehen. Peter kam auf sie zu und umarmte sie stürmisch.

»Wie geht’s meinem Liebling an diesem wunderschönen Morgen?«, erkundigte er sich überschwänglich.

Statt ihm zu antworten, küsste sie ihn leidenschaftlich.

»Donnerwetter, das nenn ich eine Begrüßung«, stellte er schmunzelnd fest.

Sie lächelte ihn strahlend an. »Magst mit mir rauf zur Alm gehen?«

»Sehr gern, Spatzl. Da hab ich dich wenigstens ganz für mich allein …«

»Also ich muss schon sagen, du hast wirklich nur eines im Kopf«, tadelte Mariä mit gespieltem Vorwurf. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen.

»Wenn ich in deiner Nähe bin, kann ich meine Gefühle kaum mehr im Zaum halten«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Maria lachte herzlich. »Wir gehen aber nicht zum Vergnügen auf die Alm.«

»Sondern?«

Maria wurde ernst. »Eine unserer Kühe ist vergiftet worden.«

»Wann ist denn das passiert?«, unterbrach Peter seine Verlobte.

»Vater hat sie heut Morgen in. unserem Stall gefunden.«

Peters Miene verfinsterte sich. »Ich kann mir schon denken, auf wessen Konto das geht.«

»Ich kann mir schwer vorstellen, dass der Thomas so etwas Abscheuliches tut … Aber ich wüsst’ net, wer sonst noch infrage käme«, gab Maria Peter recht.

»Diesem Halunken sollte einmal jemand gehörig in den Hintern treten«, zischte Peter wütend. Er ballte seine Hände zu Fäusten.

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Maria und Peter ließen die saftigen grünen Wiesen mit den vielen leuchtenden, süß duftenden bunten Blumen hinter sich. Sie erreichten nun den dichten Mischwald, der mit zunehmender Höhe zu einem Latschenforst wurde und sich fast bis zu den weißen Schneefeldern hinauf erstreckte.

Obwohl die Sonne um diese Jahreszeit schon frühmorgens ziemlich kräftig war, fröstelte Maria, als sie durch den dichten Wald schritten.

»Ist dir kalt, Liebes?«, fragte Peter fürsorglich.

»Ja, ein bissel. Lass uns schnell weitergehen, damit mir warm wird.«

»Wart, ich zieh mein Hemd aus, damit du es dir um die Schultern legen kannst.« Er knöpfte sein Hemd auf und hielt inne, als er ein leises Stöhnen vernahm. »Hast du das auch gehört, Spatzl?«

»Was denn?« Sie lauschte angestrengt.

»Ich bin mir net sicher, aber ich glaub, da hat jemand gestöhnt.«

»Ich hab nix gehört, wahrscheinlich war es nur der Wind, der durch die Bäume pfeift«, vermutete die junge Sonnleitnerin.

»So wird’s wohl sein«, stimmte er ihr zu und zog sein Hemd aus. Schweiß glänzte auf seinem muskulösen Oberkörper.

Maria betrachtete ihn bewundernd, als erneut ein leises Röcheln zu hören war. Diesmal hatte die junge Sonnleitnerin es ebenfalls vernommen.

»Du hast Recht, hier ist jemand.« Maria sah sich suchend um.

Die hellen Strahlen der Sonne durchdrangen nur spärlich den dichten Saum des Waldes. Zwischen den Bäumen bedeckten dunkelgrünes Moos und welkes Laub den hügeligen Boden. Maria kniff die Augen zusammen und glaubte, in einer kleinen Mulde eine Gestalt liegen zu sehen. Sie lief aufgeregt darauf zu.

Peter folgte ihr.

Als sie näher kamen, fanden sie einen jungen Mann, der auf der Seite lag und leise stöhnte. Erde und getrocknetes Blut klebten auf seinem Gesicht. Seine Arme waren zerschunden und übersät mit blauen Flecken. Die Augen hatte er geschlossen.

»Um Gottes Willen …«, entfuhr es der jungen Sonnleitnerin. Sie kniete sich neben den verletzten Burschen und drehte ihn vorsichtig auf den Rücken. »Sein Körper ist eiskalt und bewusstlos ist er auch«, stellte sie bange fest.

»Dreh ihn lieber wieder zur Seite«, riet Peter seiner Braut. »Wenn er innere Verletzungen hat oder erbrechen muss, ist es besser so.«

»Du hast Recht«, sagte sie mit zitternder Stimme. Maria betrachtete das Gesicht des Verletzten. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. »Kennst du ihn?«, fragte sie Peter.

Dieser schüttelte den Kopf.

Maria dachte daran, was Bartl Mooshammer ihr erzählt hatte. »Mir fällt da gerade etwas ein«, murmelte sie leise.

»Was denn?«

»Der Bartl hat mir heute erzählt, zwei Pensionsgäste von ihm wollten trotz seiner Warnung vor dem schlechten Wetter den Teufelsfelsen besteigen. Er hat gesagt, es waren zwei junge Burschen.«

»Zwei? Aber wo ist denn der andere?«

Maria zuckte die Schultern.

»Ich weiß net. Hoffentlich ist ihm nix geschehen.« Sie setzte sich und legte den Kopf des Verletzten in ihren Schoß. Die junge Sonnleitnerin sah auf seinem Rucksack ein Schild mit der Aufschrift »Stefan Rohrbach». Das war der Name, den Bartl ihr genannt hatte.

»Ich lauf schnell runter ins Tal und hol Hilfe«, meinte Peter.

»Ich glaub, du solltest die Bergwacht verständigen. Wahrscheinlich ist dem anderen Burschen auch was zugestoßen. Oder er hat sich vielleicht verirrt. Jedenfalls müssen wir ihn suchen.«

»Ich beeile mich«, versprach Peter und rannte los.

Maria wandte sich dem Verletzten zu. Sein Kopf lag immer noch in ihrem Schoß. Er rührte sich nicht. Seine Atmung war unregelmäßig. Hoffentlich hält er durch, bis die Rettung eintrifft, durchfuhr es sie.

»Stefan, kannst mich hören?«, fragte sie leise. Maria hoffte, ein Lebenszeichen zu bekommen. Doch der Bursch rührte sich nicht.

Es dauerte scheinbar endlos lange, bis Peter mit dem Rettungstrupp anrückte. Die Männer fuhren mit einem geländegängigen Kombi die Schotterstraße hinauf bis zum Waldrand.

Dort mussten sie anhalten, da der Waldweg zu schmal zum Weiterfahren war. Fünf Männer sprangen aus dem Wagen. Sie holten eine Trage und eine Erste Hilfe Tasche aus dem Kofferraum. Dann liefen sie hinter Peter her in den Wald.

»Gott sei Dank, dass ihr da seid«, sagte Maria erleichtert.

Einer der fünf Männer fühlte den Puls des Verletzten. Dann tastete er vorsichtig den Körper des jungen Burschen ab. »Er scheint bis auf seinen Knöchel nichts gebrochen zu haben. Hebt ihn vorsichtig auf die Trage. Wir bringen ihn ins Krankenhaus.«

Während die Retter den Verletzten behutsam zum Wagen trugen, sagte Peter: »Ich hab in der Zentrale der Bergwacht angerufen. Sie trommeln gerade alle verfügbaren Leute zusammen und kommen dann mit ihren Suchhunden hierher. Wenn der andere Bursch hier ist, werden wir ihn bestimmt finden.«

»Das hoff ich.«

»Wie heißt er eigentlich?«

Maria überlegte angestrengt. »Ich glaub, er heißt Markus Liebknecht.«

»Gut, dann werden wir uns jetzt hier umsehen. Vielleicht finden wir eine Spur von ihm.«

Sie suchten verbissen nach einem Lebenszeichen von Markus Liebknecht. Dass er fünfhundert Meter über ihnen unter einem Schneebrett begraben war, ahnten sie nicht. Sie vermuteten ihn im Wald, weil sie dort auch Stefan Rohrbach gefunden hatten. Es dauerte nicht lange, bis die Bergrettung eintraf. Sie waren zu sechst und hatten ihre Spürhunde dabei.

Einer von ihnen war Thomas Steinegger. Als er Peter und Maria sah, verfinsterte sich seine Miene. Feindselig starrte er die beiden an. Dann ging er wortlos an ihnen vorbei und gab Attila den Befehl zu suchen. Der Hund senkte den Kopf auf den Boden und begann intensiv zu schnüffeln.

Maria sah Thomas mit gemischten Gefühlen nach. Vielleicht steckt doch ein guter Kern in ihm, überlegte sie.

Die Bergrettungsleute suchten ein großflächiges Gebiet ab. Jedoch vergebens. Kein Lebenszeichen von Markus Liebknecht war zu entdecken. Da fiel einem der Männer ein, dass er gestern ein herabrutschendes Schneebrett beobachtet hatte, als er auf seiner Alm die Kühe gehütet hatte. So begab sich der gesamte Suchtrupp auf den Pfad, der zum Gipfel des Teufelsfelsens führte.

Peter schloss sich dem Suchtrupp an, und Maria entschied, nach der Kuhherde der Sonnleitners zu sehen. »Sei bitte vorsichtig«, mahnte sie ihren Verlobten.

»Ich werd schon gut aufpassen«, versprach Peter.

Sie küssten sich zum Abschied. Dann trennten sie sich und gingen in verschiedenen Richtungen davon. Maria machte sich an den Aufstieg zur Alm ihrer Eltern. Sie sah sich um. Wie liebte sie diese Gegend! Hier ist der schönste Platz der Welt, dachte sie, als sie vor sich hin schritt.

Nach ungefähr einer halben Stunde erreichte sie die Sonnleitner Weide. Unterhalb davon stand eine kleine Hütte, aus deren Kamin eine dünne Rauchfahne stieg. Maria ging zu der Hütte und trat ein. Die Sennerin Zenzi hatte gerade Kaffeewasser aufgesetzt. Sie schnitt eine Scheibe von dem großen Brotlaib, den sie selbst gebacken hatte und bestrich sie großzügig mit Butter, als sie Maria hereinkommen hörte.

»Ja, grüß dich, Maria«, sagte sie erfreut. Die alte Sennerin wischte ihre Hände an der Schürze ab. Es geschah nicht oft, dass jemand zu Besuch kam. Umso mehr freute Zenzi sich, die junge Sonnleitnerin zu sehen.

Maria ging auf die Sennerin zu und umarmte sie herzlich. »Grüß dich, Zenzi, wie geht’s dir denn?«

»Na, du weißt ja, ein bisserl allein bin ich halt hier. Aber sonst geht’s mir gut. Kann nicht klagen. Der Rücken tut mir manchmal weh. Es ist ein Jammer, wenn man nimmer die Jüngste ist«, seufzte sie und strich sich eine Haarsträhne, die sich aus dem sorgfältig geflochtenen Zopf gelöst hatte, aus dem faltigen Gesicht.

»Schaust aber gut aus«, sagte Maria ehrlich. Man hätte nie geglaubt, dass Zenzi schon fast achtzig Jahre alt war.

»Die Bergluft hält jung«, meinte die Sennerin mit einem Augenzwinkern.

Die junge Sonnleitnerin hatte nie verstehen können, warum Zenzi auf der Alm in solcher trostlosen Einsamkeit leben wollte. Einmal hatte sie ihre Mutter nach dem Grund gefragt. Diese hatte ihr eine traurige Geschichte erzählt.

Als Zenzi noch ein junges Madl gewesen war, hatte sie ihr Herz an den gut aussehenden Toni Emstaler verloren. Toni war sehr arm gewesen und hatte in einer kleinen Hütte abseits vom Dorf gelebt. Um überleben zu können, hatte er gewildert.

Eines Tages waren ihm Jäger auf die Schliche gekommen, hatten ihn auf frischer Tat ertappt und erschossen. Man hatte damals zwar behauptet, es sei ein schrecklicher Unfall gewesen und dass sich der Schuss von selbst aus einem der Gewehre der Jäger gelöst hatte, doch bis heute glaubte niemand wirklich an eine solche Darstellung des tragischen Unglücks.

Am wenigsten glaubte Zenzi daran. Sie war so enttäuscht von den Menschen im Bärental gewesen, dass sie die Einsamkeit der Berge vorgezogen hatte. Hier lebte sie bereits seit sechzig Jahren. Durch die ständige Abgeschiedenheit von anderen Menschen hatte sie viele Eigenheiten entwickelt. Sie war jedoch immer ein herzensguter und freundlicher Mensch geblieben.

Maria fiel die Geschichte ihrer Mutter ein, als sie Zenzis faltiges Gesicht betrachtete.

»Warum kommst denn eigentlich zu mir herauf?«, wollte die alte Sennerin mm wissen.

»In unserem Stall ist eine Kuh vergiftet worden. Vater hat mich raufgeschickt, um zu sehen, ob hier alles in Ordnung ist«, antwortete Maria.

»Das darf doch net wahr sein! Wer tut denn so etwas?«

»Wir wissen es net mit Sicherheit. Aber einen Verdacht haben wir schon.«

»Und wer, glaubt ihr, war’s?«, wollte Zenzi natürlich wissen.

»Solange seine Schuld net bewiesen ist, will ich lieber nix sagen«, wich die junge Sonnleitnerin aus.

»Verstehe.« Zenzi war ein wenig enttäuscht. Da sich hier oben auf der Alm so gut wie nichts ereignete, war sie neugierig, was sich im Tal zutrug; Obwohl sie den Kontakt mit den Dörflern scheute, war sie trotzdem immer dankbar für Neuigkeiten, die man ihr erzählte.

»Ist dir hier oben etwas aufgefallen? Geht es unseren Kühen gut?«, fragte Maria ernst.

»Heut Morgen hab ich sie gemolken. Es waren alle da. Hat sich auch keine auffällig benommen«, beruhigte Zenzi die junge Sonnleitnerin.

»Na, Gott sei Dank«, stieß Maria erleichtert hervor.

»Magst auch ein frisch gebackenes Brot mit Butter essen?«, bot Zenzi ihrem Gast an.

»Ja, gerne. Du machst das beste Brot weit und breit«, lobte Maria die Backkünste der Sennerin.

»Ist keine Kunst. Hier ist ja niemand weit und breit.«

»Du weißt schon, was ich mein«, sagte Maria und biss herzhaft in das frische Roggenbrot. Sie trank einen Schluck kalte Milch dazu. Es schmeckte ausgezeichnet. Als sie sich gestärkt hatte, sagte sie zur Sennerin: »Wir haben unten im Wald einen verletzten Burschen gefunden. Er und sein Freund waren auf dem Weg zum Teufelsfelsen. Sein Freund wird noch vermisst. Hast du vielleicht jemanden gesehen?«

»Nein, mir ist schon seit einer Woche keine Menschenseele mehr begegnet«, gab Zenzi zurück. Sie runzelte die Stirn. »Diese jungen Burschen unterschätzen oft die Gewalt der Natur. Haben keine Ahnung, worauf sie sich einlassen, wenn sie mit ihren Sandalen in den Felsen herumklettern.«

Maria musste Zenzi Recht geben. Durch großen Leichtsinn hatten schon viele Menschen hier in den Bergen ihr Leben gelassen. Sie missachteten einfach die Warnungen der Einheimischen und mussten dann teuer dafür bezahlen. Wenn Stefan Rohrbach und sein Freund auf Bartl gehört hätten, wäre beiden nichts geschehen. Nun war einer der beiden schwer verletzt und der andere verschollen, vielleicht sogar tot.

Zenzi holte Maria aus ihren Gedanken: »Habt ihr die Bergwacht alarmiert?«

»Ja, sie suchen den zweiten Mann gerade mit ihren Spürhunden«, antwortete Maria. Sie war wenig zuversichtlich, dass der junge Bursch noch lebend geborgen werden konnte. »Im Wald haben sie alles abgesucht und nichts gefunden. Einer der Rettungsleute hat gestern eine Lawine oberhalb des Waldes beobachtet. Dort suchen sie jetzt nach dem Vermissten.« Sie hielt kurz inne, dann fuhr sie traurig fort: »Wenn er von der Lawine verschüttet worden ist, dann kommt sowieso jede Hilfe zu spät. Niemand kann so lange ohne Sauerstoff überleben.«

 

 

17. Kapitel

 

Thomas Steinegger ging mit seinem Hund Attila etwas abseits vom Suchtrupp. Eigentlich hätte er Besseres zu tun gehabt, als sich der Suche und Bergung eines Vermissten anzuschließen. Als er jedoch gehört hatte, dass Peter Stoiber mit von der Partie war, hatte er kurz entschlossen zugesagt und sich einen finsteren Plan ausgedacht.

Er wollte den verhassten Rivalen von der Gruppe weglocken. Dann musste er nur noch eine günstige Gelegenheit abwarten, um ihn loszuwerden.

Brennender Hass leuchtete in Thomas’ Augen. Der größte, einflussreichste und mächtigste Bauer im ganzen Bärental wäre er geworden, wenn er es geschafft hätte, Maria zu heiraten. Und das Ansehen aller Bauern hätte er gehabt, weil das schönste Madl des Dorfes seine Frau gewesen wäre. Doch der Stoiber hatte alles zerstört, und dafür musste er büßen. Je mehr Thomas darüber nachdachte, was Peter ihm angetan hatte, desto mehr kam er in Rage.

Die Gruppe erreichte das herabgestürzte Schneefeld. Die Lawine hatte unzählige Latschen und Felsen mit sich gerissen.

Eisiger Wind wehte und ließ Peter frösteln. Der Schatten einer dunklen Gewitterwolke schob sich plötzlich über den Schnee. Hoffentlich kommt kein Unwetter, schoss es Peter in den Sinn. Es war nicht ungefährlich, sich bei einem Gewitter auf einem Schneefeld aufzuhalten. Man konnte sich nicht vor dem Blitz schützen.

Peter hoffte, sie würden den Vermissten bald finden. Er sah nach oben und erblickte weitere finstere Wolken, die sich zusammenbrauten. Kurz darauf spürte er die ersten Regentropfen auf seiner Stirn.

Der Suchtrupp ging quer über das weiße Feld. Die Schnauzen der Hunde gruben sich immer wieder in den Schnee. Keiner der gut ausgebildeten Vierbeiner schlug an. Thomas stapfte weiter von der Gruppe weg. Dann drehte er sich um und sah zu Peter. Er starrte eine Weile zu ihm hinüber und winkte ihn schließlich zu sich.

Wahrscheinlich will er eine Aussprache, überlegte Peter. Das konnte er zwar verstehen, deswegen waren sie aber nicht hier. Sie sollten einen Vermissten bergen und nicht persönliche Differenzen ausfechten.

Thomas entfernte sich immer weiter, und so verhärtete sich Peters Verdacht, dass der andere mit ihm allein sein wollte, um den Konflikt unter vier Augen zu klären. Da Peter die Auseinandersetzung nicht scheute, ging er zu Thomas hinüber. Weitere Regentropfen fielen, und die Farbe des Himmels wurde dunkelgrau. Der kalte Wind ließ Peter erschauern.

»Was willst du, Steinegger?«, fragte er abweisend.

Thomas’ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Feindselig antwortete er: »Du mieser Schuft hast mir meine Zukunft versaut.«

»Du hättest die Maria nur unglücklich gemacht. Hast es ja nur auf ihr Geld abgesehen«, konterte Peter angriffslustig.

»Willst vielleicht behaupten, dass dir das Geld nix bedeutet? Du willst sie ja auch nur heiraten, weil sie die beste Partie im Dorf ist«, beschuldigte der junge Steinegger seinen Rivalen.

»Das ist net wahr, und das weißt du.« Peter konnte sich kaum noch beherrschen. Am liebsten würde er Thomas seine Fäuste spüren lassen. Er unterdrückte diesen Wunsch und fragte stattdessen scharf: »Warum hast du die arme Kuh vergiftet? Es ist schon sehr schäbig, sich an einem wehrlosen Vieh zu vergreifen.«

»Ich weiß gar net, wovon du sprichst.« Thomas grinste überheblich.

»Dir sollte einmal jemand ordentlich in den Hintern treten, aber deshalb sind wir net hier. Lass uns zurückgehen, bevor das Unwetter die Suche nach dem vermissten Burschen unmöglich macht«, schlug Peter mühsam beherrscht vor. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren drehte er sich um und machte sich auf den Weg zum Suchtrupp.

Thomas lief Peter nach. Er sprang seinen Rivalen an. Mit einem gewaltigen Aufprall fielen die beiden Männer zu Boden. Sie überschlugen sich mehrmals. Thomas lag auf Peter. Er richtete sich auf und schlug mit der Faust in Peters Gesicht. Ein heftiger Schmerz durchjagte dessen Schläfe. Als Peter zurückschlagen wollte, knurrte Attila.

»Bist ein guter Hund«, lobte Thomas seinen Vierbeiner und gab ihm den Befehl: »Attila, fass!«

Doch der Hund war zwar als Such-, jedoch nicht als Schutzhund ausgebildet und machte keine Anstalten, seine Zähne in Peters Arm zu schlagen.

»Blöder Köter«, zischte Thomas und trat nach Attila, der sich jaulend auf den Boden warf und unterwürfig liegen blieb. »Du saublödes Vieh bist zu nichts zu gebrauchen.«

Peter hatte sich inzwischen aufgerappelt war und stand seinem Widersacher nun gegenüber. Er holte mit der Faust aus und traf Thomas’ Kinn. Dieser fiel zu Boden.

Schwer keuchend stellte sich Peter über ihn und sagte: »Gibst jetzt auf?«

»Niemals!«, brüllte Thomas und warf sich Peter entgegen. Die beiden Männer kämpften verbissen miteinander und merkten dabei nicht, wie sie sich immer näher einer steilen Felsklippe näherten. Thomas löste sich von Peter, um ihm erneut einen Fausthieb zu verpassen und trat einen Schritt zurück. Als er keinen Boden unter den Füßen spürte, riss er entsetzt die Augen auf und ruderte wild mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten.

»Hilf mir!«, schrie er voller Panik.

Peter streckte Thomas eine Hand entgegen und wollte ihn auffangen. Er bekam ihn jedoch nicht zu fassen, und Thomas stürzte schreiend den steinigen Abhang hinunter. Regungslos blieb er auf dem teilweise mit Schnee bedeckten Geröll liegen. Seine Gliedmaßen waren seltsam verrenkt.

Fassungslos starrte Peter den Abhang hinunter. Mit einer fahrigen Handbewegung wischte er sich den Regen und die nasse Erde aus dem Gesicht. Er musste nach Thomas sehen. Vielleicht lebte er noch.

Peter suchte nach einer geeigneten Stelle, um hinunterzuklettern. Vorsichtig stieg er auf den zerklüfteten, rutschigen Felsen hinab. Als er bei Thomas ankam, konnte er jedoch nur noch dessen Tod feststellen. Sein Genick war gebrochen.

Wildes Gebell ließ Peter aufhorchen. Er vernahm laute Rufe der Rettungsmannschaft. Peter kletterte schwer atmend den Felsen wieder hinauf und ging hinkend zum Suchtrupp zurück. Sie hatten Markus Liebknecht gefunden. Es grenzte an ein Wunder, aber er lebte! Er hatte sich, als er von der Lawine erfasst worden war, an eine Latsche geklammert und war zusammen mit dem Nadelgehölz verschüttet worden. Durch den Hohlraum, den er und der Wurzelballen gebildet hatten, hatte er genug Luft bekommen, um zu überleben.

Einer der Rettungsleute forderte per Funk einen Hubschrauber an, der eine Viertelstunde später eintraf.

Peter berichtete aufgeregt, dass Thomas abgestürzt war. Seine Leiche wurde ebenfalls geborgen.

 

 

18. Kapitel

 

Maria saß mit Zenzi auf der Bank vor der Hütte. Das vorgezogene Schindeldach schützte die beiden vor dem immer dichter werdenden Regen. Ein banges Gefühl machte sich in ihrer Magengrube breit, als sie daran dachte, dass Peter und Thomas gemeinsam nach dem Vermissten suchten …

Durch den Regenschleier sah die junge Sonnleitnerin jemanden auf die Hütte zukommen. Ein Hund lief neben der hinkenden Gestalt her.

»Der Thomas …«, entfuhr es Maria. Warum kam er hierher? War etwas mit Peter passiert? Bei diesem Gedanken krampfte sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie sprang auf und lief dem Mann durch den strömenden Regen mit flauem Gefühl entgegen.

Als sie näher kam, erkannte sie Peter. Erleichtert atmete sie auf. Maria umarmte ihren Verlobten stürmisch. Als sie sich von ihm löste, sah sie, dass sein Gesicht verschwollen war und er einige Blutergüsse hatte.

»Um Himmels willen, wie siehst du denn aus?«, stieß sie hervor. »Was ist passiert?«

»Der Thomas und ich …« Er brach ab und senkte den Blick.

Maria sah Peter angstvoll an. »Wieso hast du Attila dabei?«

Peter antwortete kaum hörbar: »Der Thomas ist tot.«

»Was?« Maria fasste sich ans Herz. Sie war erschüttert. Thomas hatte zwar einen schlechten Charakter bewiesen, aber den Tod hatte er nicht verdient. »Wie ist es dazu gekommen?«, fragte sie verstört.

»Lass uns erst einmal in die Hütte gehen. Bin ziemlich erschöpft. Ich werd dir dann alles in Ruhe erzählen.«

Maria nickte. Sie stützte Peter und führte ihn in die gemütliche, warme Stube der Almhütte.

»Setz dich hier hin, Liebster«, sagte sie fürsorglich und wies auf einen klobigen Holzstuhl. »Ich hole saubere Tücher, um deine Wunden zu versorgen.«

Zenzi war ebenfalls in die Hütte gekommen und meinte aufgebracht: »Wer, um Himmels willen, hat dich so übel zugerichtet, Bub?«

Thomas erzählte nun, was sich zugetragen hatte. Als er geendet hatte, sah er Tränen in Marias blauen Augen.

»Es tut mit schrecklich Leid, dass es so gekommen ist«, meinte er bedauernd.

Marias Stimme bebte, als sie sagte: »Ich bin so froh, dass dir nix passiert ist und dass net du den Abhang hinuntergefallen bist.« Sie umarmte ihn zärtlich, und Peter spürte, wie sie zitterte.

Zenzi zog sich taktvoll zurück und ließ die beiden Liebenden allein.

 

 

19. Kapitel

 

Stefan Rohrbach und Markus Liebknecht wurden in das Krankenhaus von Freistadt gebracht und dort sofort medizinisch versorgt. Ihr Zustand war bald stabil. Die Ärzte waren zuversichtlich, dass die beiden leichtsinnigen jungen Burschen in Kürze genesen würden. Stefan und Markus waren im selben Zimmer untergebracht. Es befand sich neben dem von Bartl Mooshammer.

Als der Wirt der »Wacholderblüte« hörte, was seinen Pensionsgästen zugestoßen war und dass sie das Zimmer neben ihm bekommen hatten, fragte er Schwester Ines, die gerade seinen Puls maß: »Schwester, darf ich kurz aufstehen, um die Burschen nebenan zu besuchen?«

Schwester Ines runzelte die Stirn. »In Ordnung. Aber bitte nur ganz kurz. Sie müssen sich noch schonen, Herr Mooshammer.« Sie erhob mahnend den Zeigefinger.

»Geht klar, Schwester«, sagte Bartl augenzwinkernd. »Helfen Sie mir in den Schlafrock?«

»Selbstverständlich.«

Bartl steckte seine Pfeife in die Tasche seines Morgenmantels und verließ zum ersten Mal nach seinem Unfall sein Krankenzimmer. Er fühlte sich großartig. Schwester Ines sah ihm amüsiert nach. Sie mochte den alten Mann mit dem Pfeifentick.

Leise öffnete Bartl die Tür von Stefans und Markus’ Zimmer. Beiden Burschen schliefen tief und fest. Hoffentlich hatten sie aus ihrem Leichtsinn gelernt.

Als Bartl in sein Zimmer zurückkehren wollte, öffnete Stefan Rohrbach die Augen. Er sah den alten Mann an, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

»Herr Mooshammer …«, flüsterte er mit schwacher Stimme.

Bartl trat näher an Stefans Bett heran. »Ja?«

»Es tut mir Leid …«, gestand er beschämt.

»Ist schon gut, Bub. Es kommt alles wieder in Ordnung«, beruhigte Bartl den blonden Burschen. Er tätschelte freundschaftlich Stefans Hand.

»Wenn wir auf Sie gehört hätten, wäre uns nichts passiert«, fuhr der junge Mann fort.

»In Zukunft werdet’s bestimmt gescheiter sein und auf gut gemeinte Ratschläge hören«, erwiderte Bartl.

Stefan nickte eifrig. »Ganz bestimmt. Wenn ich daran denke, dass Markus durch meine Schuld um ein Haar nicht mehr am Leben wäre …«

»Jetzt mach dich net verrückt«, sagte Bartl energisch. »Es ist ja noch einmal halbwegs gut gegangen. Der Markus ist bald wieder ganz gesund. Ihr seid beide mit einem blauen Auge davongekommen.«

Erst jetzt fiel Stefan Bartls Kopfverband auf. »Was ist mit Ihnen passiert, Herr Mooshammer?«

»Hab auch einen Unfall g’habt. Es geht mir aber schon wieder ganz gut. Ich kann bestimmt bald nach Hause gehen«, meinte er zuversichtlich.

 

 

20. Kapitel

 

Das Begräbnis Thomas Steineggers auf dem idyllischen Waldfriedhof war der traurige Anlass für ein Wiedersehen mit Marias ehemaligen zukünftigen Schwiegereltern. Hasserfüllt starrte Martha Steinegger zu den Sonnleitners hinüber.

Maria war sicher, dass durch Thomas’ Tod eine nicht mehr zu überwindende Kluft zwischen den beiden Familien entstanden war. Das ganze Dorf war gekommen, um von Thomas Steinegger Abschied zu nehmen.

Sein Eichensarg wurde langsam in die mühevoll ausgehobene Erdgrube hinuntergelassen. Die Dorfbewohner stellten sich der Reihe nach auf, und jeder einzelne warf ein Häufchen Erde auf den glänzenden Sargdeckel. Als Peter an der Reihe war und nach der Schaufel griff, fing Thomas’ Mutter laut an zu kreischen: »Mach, dass du vom Grab meines Sohnes wegkommst, du Mörder!« Sie weinte hysterisch.

Thomas’ Vater versuchte seine Frau zu besänftigen. »Beruhige dich, Martha. Das macht ihn doch auch nicht mehr lebendig.«

Unglücklich schluchzte Martha Steinegger und vergrub ihr tränenüberströmtes Gesicht in den Händen.

Peter stand wie erstarrt da und ließ Martha Steineggers Beschimpfungen über sich ergehen. Sie tat ihm entsetzlich Leid. Er konnte sich vorstellen, wie schmerzlich es für eine Mutter sein musste, am Grab ihres einzigen Kindes zu stehen. Er gab sich einen Ruck und ging auf Thomas’ Mutter zu.

Peter blieb vor ihr stehen und sagte leise: »Es tut mir sehr leid, was geschehen ist, Frau Steinegger …« Er konnte den Satz nicht vollenden, weil Martha Steinegger ihm eine schallende Ohrfeige verpasste.

Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als sie hasserfüllt fauchte: »Geh mir aus den Augen, oder ich sorge dafür, dass du auch bald einen Platz auf diesem Friedhof bekommst!«

Peter riss entsetzt die Augen auf. So viel Feindseligkeit hatte ihm noch nie jemand entgegen gebracht. Er konnte zwar verstehen, was Thomas Mutter veranlasste, ihn so zu hassen, war aber dennoch erschüttert über ihre Worte.

Wortlos drehte er sich um und verließ mit gesenktem Haupt den Friedhof.

Maria hatte mit angesehen, was geschehen war. Sie lief Peter hinterher und nahm ihn bei der Hand.

»Peter, du sollst wissen, dass ich immer zu dir stehen werd, egal, was auch passiert.«

Peter sah Maria traurig an und sagte dann: »Ich hab das Leben eines Menschen auf dem Gewissen. Man wird mich hier im Dorf wie einen Aussätzigen behandeln. Vielleicht ist es besser, wenn ich unsere Verlobung löse und von hier fortgehe. Ich zieh dich sonst mit ins Unglück.«

Maria packte Peter energisch an den Schultern und schüttelte ihn. »Jetzt hör mir gut zu: Du bist an Thomas’ Tod net Schuld. Er ist ausgerutscht und abgestürzt. Du hast sogar noch versucht, ihn zu retten.«

»Wenn ich mich aber net von ihm provozieren lassen hätt’ …«

»Er hat doch dich angegriffen, wie du mir erzählt hast«, konterte Maria. Sie war sehr aufgebracht. Sie wollte nicht zulassen, dass irgendjemand oder irgendetwas ihr Glück mit Peter verhinderte.

»Das schon, aber ich hätt mich net auf einen Kampf einlassen dürfen.«

»Hättest dich vielleicht verprügeln lassen sollen?«

»Thomas würde dann noch am Leben sein«, gab Peter niedergeschlagen zurück.

»Jetzt hör g’fälligst damit auf, dir einzureden, dass du etwas hättest ändern können. Der Thomas hat sein Schicksal selbst heraufbeschworen.« Maria war immer noch sehr aufgeregt. Sie machte eine Pause und fuhr dann mit ruhiger Stimme fort: »Außerdem werd ich net zulassen, dass du unsere Verlobung löst. Wenn du wirklich von hier fortgehen magst, werd ich mit dir gehen.«

Peter sah Maria erstaunt an. »Das würdest du tun?«

»Natürlich, Liebster.« Sie schmiegte sich an Peter. »Es würd mir zwar schwer fallen, von meinen Eltern und meinem Heimatdorf wegzugehen, aber ich würd es dir zuliebe tun.«

Peter umarmte das geliebte Madl fest und küsste es zärtlich. Dann flüsterte er in Marias Ohr: »Ich liebe dich unendlich, mein Spatzl. Aber ich kann net von dir verlangen, hier alles aufzugeben. Du würdest es mir eines Tages vorhalten.« Er sah ihr fest in die Augen. Dann drehte er sich um und ging davon.

Maria wollte ihm nachgehen, ließ es jedoch bleiben.

Er braucht jetzt Ruhe, um seine Gedanken zu ordnen und mit allem fertig zu werden, überlegte sie und ging zurück zu ihren Eltern.

Die Anzahl der Trauergäste hatte sich verringert. Ungefähr die Hälfte von ihnen hatte den Friedhof bereits verlassen. Das Grab von Thomas Steinegger wurde zugeschaufelt. Seine Mutter kniete vor seiner letzten Ruhestätte und weinte bitterlich. Maria hatte Mitleid mit der verzweifelten Frau. Sie hoffte, dass Martha Steinegger eines Tages über den schmerzlichen Verlust hinwegkommen wurde.

»Komm, Madl. Lass uns nach Hause gehen«, sagte Bernhard Sonnleitner und legte den Arm um Marias Schulter.

»Gleich, Vater. Ich möchte nur einen letzten Blick auf Thomas’ Grab werfen«, bat sie.

Bernhard Sonnleitner nickte. »Wir warten beim Ausgang auf dich, Kind.«

Warum hat dieses schreckliche Unglück passieren müssen?, dachte Maria traurig. Was wäre gewesen, wenn nicht Thomas, sondern Peter vom Felsen gestürzt wäre …? Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie diesen für sie unerträglichen Gedanken verscheuchen. Dann ging sie zu ihren Eltern und verließ gemeinsam mit ihnen den Bärentaler Friedhof.

Als die Sonnleitners auf dem heimatlichen Hof ankamen, meinte Marias Mutter: »Ich werd uns jetzt eine anständige Jause herrichten. Was meint ihr dazu?«

»Ist recht, Christi«, antwortete Bernhard Sonnleitner und klopfte seiner Frau auf die Schulter. Für eine anständige Brotzeit war er immer zu haben.

»Ich hab keinen Hunger. Ich werd einmal schauen, wie es Peter geht«, sagte Maria.

Ihre Eltern nickten verständnisvoll und gingen ins Haus. Zaghaft machte sich das Madl auf den Weg zu seinem Verlobten. Die junge Sonnleitnerin war sich nicht sicher, ob Peter sie jetzt sehen wollte.

Vielleicht sollte ich ihm noch etwas Zeit lassen, mit sich ins Reine zu kommen, überlegte Maria.

Trotz ihrer Bedenken setzte sie den Weg zu Peter fort. Unschlüssig blieb sie vor der Tür des Gasthauses seiner Eltern stehen. Sollte sie eintreten? Maria nagte auf ihrer Unterlippe. Ihr Herz klopfte aufgeregt. Dann gab sie sich einen Ruck und öffnete die Tür.

Einige Gäste saßen an den Tischen und aßen zu Mittag. Als Maria eintrat, wurde das Stimmengewirr etwas leiser. Man sah zu ihr hin und grüßte sie freundlich. Hier im Bärental kannten sich alle. Danach wurde das Geplapper wieder lauter, und niemand nahm weiter Notiz von ihr.

Maria ging zu Peters Mutter, die hinter der Theke stand. Die rundliche Frau rührte mit einer Hand in einem Eintopf und füllte mit der anderen Weißwein in bauchige Gläser.

»Grüß Gott, Frau Stoiber. Ist der Peter oben?«, wollte Maria wissen.

Als Erna Stoiber das Madl sah, wurde sie ganz ernst: »Grüß dich, Maria.« Sie stellte die Weißweinflasche weg und ging um die Theke herum. Dann nahm die kleine runde Frau mit dem liebenswürdigen Gesicht Maria bei der Hand und zog sie mit sich in die Küche, damit keiner der Gäste ihr Gespräch belauschen konnte.

»Der Peter ist fortgegangen, Madl. Es tut mir Leid.«

»Er ist fort? Aber … warum nur?«1 Maria war völlig verstört. Sie verstand die Welt nicht mehr.

Wie konnte Peter sie verlassen? Liebte er sie etwa nicht? Hatte er kein Vertrauen zu ihr? Sie hätten bestimmt gemeinsam einen Ausweg gefunden.

Erna Stoiber holte schnell einen Sessel und stellte ihn hinter Maria. »Setz dich, mein Kind. Ich werd dir alles sagen, was ich weiß. Viel hat er mir ja nicht grad erzählt. Er ist nach Haus gekommen und hat gemeint, dass alles aus und vorbei ist und dass er wieder nach Freistadt geht, um dort seine alte Stelle als Koch im Hotel Lindenhof anzutreten.« Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann bedrückt fort: »Er hat auch gesagt, er liebt dich zu sehr, um dich ins Unglück zu stürzen und dass ihn hier im Bärental alle für einen Mörder halten.« Eine Träne lief über Erna Stoibers Gesicht. Sie senkte traurig den Blick. Dann fragte sie Maria: »Was willst denn jetzt tun, Madl?«

»Ich weiß net …«, murmelte Maria verzweifelt. Sie stand auf, küsste Erna Stoiber auf die Wange und verabschiedete sich mit leerem Blick. Plötzlich hatte sie den dringenden Wunsch, Bartl Mooshammer um Rat zu fragen. Er war längst aus dem Krankenhaus entlassen worden und wusste natürlich Bescheid über Marias neues Liebesglück mit Peter.

 

 

21. Kapitel

 

Die Augen des alten Mannes strahlten freudig, als er sein Patenkind auf seine Pension zukommen sah. Er ging Maria lächelnd entgegen.

»Grüß dich Gott, mein Engerl«, rief er überschwänglich. Als er jedoch bemerkte, dass Maria sehr bedrückt wirkte, fragte er sie besorgt: »Was ist denn dir für eine Laus über die Leber gelaufen, Kinderl?«

»Ach, Bartl, ich weiß net mehr weiter. Kann ich was mit dir bereden, oder hast im Moment zu viel zu tun?« Maria wies auf die vielen Gäste, die im Wirtsgarten an den Tischen saßen und genüsslich ihr Mittagessen verspeisten.

»Madl, du weißt doch, dass ich immer Zeit für dich hab. Die Gäste können ruhig ein paar Minuten warten. Was hast denn auf dem Herzen?«, fragte der alte Mann und setzte sich mit Maria auf die kleine, mit zahlreichen Schnitzereien verzierte Holzbank neben dem Eingang des Wirtshauses.

»Es ist alles aus, Bartl«, schluchzte Maria verzweifelt.

»Beruhig dich bitte und erzähl mir, was passiert ist.« Der alte Mann nahm die Hand seiner Patentochter und tätschelte sie.

»Der Peter hat mich verlassen und ist wieder nach Freistadt gegangen«, platzte es aus Maria heraus. Sie lehnte ihren Kopf an Bartls Schulter. Das Madl konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. Sie rannen ihm über das hübsche Gesicht und bildeten nasse Flecken auf Bartls rotweiß kariertem Hemd.

Der betagte Freund reichte seinem Patenkind fürsorglich sein frisch gewaschenes Taschentuch. Maria so leiden zu sehen, tat ihm in der Seele weh. Er liebte sie, als wäre sie sein eigenes Kind. Er selbst hätte auch gerne einen Sohn oder eine Tochter gehabt, aber ihm und seiner Frau Berta war es leider nicht bestimmt gewesen, Kinder zu bekommen.

Maria putzte sich die Nase und riss Bartl aus seinen wehmütigen Gedanken.

»Was soll ich denn jetzt machen?«, fragte sie leise.

Bartl Mooshammer klopfte ihr sanft auf die Schulter. »Das wird schön wieder, Madl. Ich werd einmal ein Pfeiferl rauchen, und dann fällt uns bestimmt ein, wie es weitergehen wird«, versuchte er Maria Mut zu machen. Seine Stimme hatte einen zuversichtlichen Klang. Er zündete seine Pfeife an und sog genussvoll daran.

Ein paar Rauchwölkchen kamen aus seinem Mund, als er Maria fragte: »Hast ihn denn noch lieb, den Peter?«

»Ja, Bartl. Ich lieb ihn mehr als alles andere auf der Welt.«

»Und hat er dich genauso lieb?«

»Das hat er behauptet … Ich glaub schon«, antwortete Maria zaghaft. Sie war sich Peters Liebe mit einem Mal, nicht mehr so sicher.

»Na, dann ist eigentlich alles klar, Madl. Du musst ihn dir zurückholen.«

»Wie meinst denn das, Bartl?« Maria trocknete ihre Tränen ab und sah ihren Paten erstaunt an.

»Na, fahr in die Stadt, geh zu ihm und red mit ihm. Ihr werdet bestimmt einen gemeinsamen Weg finden. Nimm dein Glück selbst in die Hand. Wart net darauf, dass es dir in den Schoß fällt. Alles im Leben muss man sich erarbeiten. Genauso ist es mit der Liebe. Du selbst kannst dein Schicksal beeinflussen.«

Maria nickte. »Du hast Recht. Wenn ich hier sitz und Trübsal blas, wird's auch net besser. Ich fahr zu ihm. Ich kann net zulassen, dass er auf sein Glück verzichtet.«

Mit einem Mal ging es Maria wesentlich besser. Sie hatte vor, um ihren Peter zu kämpfen. Sie wollte ihre Liebe unter keinen Umständen aufgeben.

»Bist ein kluges Kind«, bemerkte Bartl amüsiert über den Kampfgeist der jungen Sonnleitnerin.

»Danke, Bartl. Du weißt halt immer, was das Richtige ist«, schmeichelte Maria ihrem Paten. Dann verabschiedete sie sich von ihm und eilte nach Hause, um ein paar Sachen zu packen.

 

 

22. Kapitel

 

Die Stoßdämpfer des alten Autobusses hätten dringend ausgetauscht werden müssen, und die offensichtlich desolate Lenkung hätte ebenfalls einer Reparatur bedurft. Bei jeder Unebenheit der Straße schaukelte das klapprige Beförderungsmittel, als würde es gleich umkippen. Maria hielt sich mit beiden Händen an ihrem Sitz fest und hoffte, Freistadt heil zu erreichen.

Ist einfach unglaublich, mit welchen Wracks dieses Busunternehmen seine Fahrgäste befördert, schoss es ihr durch den Kopf. Maria war froh, als die Fahrt zu Ende war und sie aus dem lebensbedrohlichen Fahrzeug steigen konnte.

An der Bushaltestelle von Freistadt kramte sie in ihrer großen Reisetasche nach dem Stadtplan. Sie suchte nach dem Hotel, in dem Peter arbeitete. Als sie es gefunden hatte, machte sie sich sogleich auf den Weg. Sie erreichte die noble Herberge nach einer halben Stunde Fußmarsch.

Der »Lindenhof« war ein gediegenes Vier Sterne Hotel. Es sah aus wie ein kleines Schloss mit seinen Erkern, Mauervorsprüngen und verspielten Verzierungen um die Fenster. Das dreistöckige Gebäude hatte eine hellgelbe Fassade. Neben dem Eingangsportal wehten die Fahnen aller europäischen Staaten.

Maria konnte sich gut vorstellen, dass Peter in den drei Jahre, die er hier verbracht hatte, ein schönes Leben geführt hatte. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob sie das Richtige tat. Jetzt, wo sie mit eigenen Augen sah, in welch luxuriöser Umgebung er arbeitete und lebte, kamen ihr Zweifel.

Was wusste sie überhaupt über sein Leben in Freistadt? Eigentlich nichts. Hatte sie das Recht, Peter zurückzuholen? Vielleicht fühlte er sich hier wohler als im Bärental. Hier war alles so anders.

»Du darfst jetzt auf keinen Fall aufgeben«, ermahnte sich Maria. »Du musst um dein Glück kämpfen!«

Entschlossen ging sie durch den breiten Eingang des Hotels. Am Empfangsschalter blieb sie stehen und klingelte nach dem Rezeptionisten. Dieser erschien einige Sekunden später.

»Schönen guten Tag, was kann ich für Sie tun, junge Dame?«, erkundigte er sich steif, aber höflich.

Maria schien ein Frosch im Hals zu stecken. Sie war sehr aufgeregt. Mit zitternder Stimme sagte sie: »Ich möchte bitte zu Herrn Peter Stoiber.«

Der Rezeptionist suchte in einer Liste. »Ich kann keinen Hotelgast mit dem Namen Stoiber finden. Wann soll der Herr denn angereist sein?«

Er ist offensichtlich neu im Hotel, sonst würde er Peter bestimmt kennen, dachte Maria.

»Nein, Herr Stoiber ist kein Gast hier. Er arbeitet in der Hotelküche. Wo kann ich ihn finden, bitte?«

»Ach so«, sagte der Portier herablassend. Dann fragte er mit anzüglichem Lächeln: »Was wollen Sie denn von ihm?«

Maria war die Frage unangenehm. Was bildete sich der arrogante Kerl ein? Es ging ihn nichts an, was sie von Peter wollte. Anstatt ihm eine Antwort auf seine Frage zu geben, erkundigte sie sich erneut nach dem Weg zur Küche.

Der anzügliche Schnösel kam hinter dem Pult hervor und näselte: »Sie können nicht einfach in die Küche spazieren und den Betrieb dort stören, mein Fräulein. Wenn Sie möchten, können Sie in meinem Büro auf Ihren Freund warten. Ich leiste Ihnen gerne Gesellschaft, um Ihnen die Wartezeit zu verkürzen.« Er zwinkerte Maria vielsagend zu.

Doch die ging ohne ein weiteres Wort in die Hotelhalle, um dort auf Peter zu warten.

 

 

23. Kapitel

 

Peter hängte lustlos seine Schürze an den Haken. Wieder war ein Arbeitstag zu Ende, doch er freute sich nicht auf seinen Feierabend. Seine Gedanken kreisten ständig um Maria. Gott, wie sehr er sie liebte! Zu sehr, um sie an sich zu binden. Er wollte nicht ständig ein Klotz an ihrem Bein sein.

Da ihn im Bärental anscheinend alle für einen Mörder hielten, auch wenn der Polizeiinspektor ihm seine Version der Tragödie geglaubt hatte, schien es Peter unmöglich, Maria zu heiraten. Die Leute würden mit dem Finger auf sie zeigen und hinter ihrem Rücken über sie tuscheln.

Er wollte ihr das nicht antun. Irgendwann würde sie schon darüber hinwegkommen, dass er sie verlassen hatte und ihm vielleicht sogar eines Tages dankbar dafür sein.

Als Peter die Hotelhalle durchschritt, erstarrte er plötzlich. In einem der bequemen gelben Sessel saß Maria - seine Maria.

Wie wunderschön sie war! Sie trug ihre blonden Locken offen. Die Abendsonne schien zum Fenster herein und zauberte seidige Glanzreflexe auf ihr Haar. Das rote Dirndl, das sie trug, betonte ihre makellose, frauliche Figur.

Maria spürte, dass sie beobachtet wurde und hob den Kopf. Peter …! Ihr Herz klopfte wild, als sie sich erhob und zu ihm ging.

Zitternd vor Aufregung blieb sie vor ihm stehen und sah ihn an. Würde er sie jetzt fortschicken und ihr sagen, es hätte alles keinen Sinn? Hätte sie sich den Weg sparen können?

Nein. Peter nahm sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. All seine Zweifel schienen sich in Luft aufzulösen.

»Mein Spatzl, ich bin so glücklich, dass du da bist. Ich bin fast verrückt geworden ohne dich.«

»Mir geht’s genauso«, gestand sie seufzend und schmiegte sich an ihn. »Wie soll’s denn jetzt mit uns weitergehen?«, fragte sie bange.

»Die Entscheidung liegt bei dir. Wenn du dir ein Leben mit mir vorstellen kannst …«

»Mein Platz ist an deiner Seite«, unterbrach Maria ihn und blickte ihm verliebt in die Augen. Dann küssten sie sich leidenschaftlich.

Der Rezeptionist starrte neidisch auf die beiden und murmelte kaum hörbar: »Manche Leute haben wirklich überhaupt kein Schamgefühl.«

 

 

24. Kapitel

 

Nachdem einige Zeit verstrichen war, glätteten sich die Wogen im Bärental. Die Dorfbewohner wussten längst Bescheid über die tragischen Umstände von Thomas’ Tod, und niemand, mit Ausnahme von Thomas’ Mutter, gab Peter die Schuld am Ableben des jungen Steineggers.

Eines Morgens kam Karl Steinegger, Thomas’ Vater, in das Gasthaus der Stoibers. Er hatte Attila bei sich. Man sah ihm deutlich an, dass er eine schwere Zeit hinter sich hatte. Mit ernster Miene fragte er Erna Stoiber: »Kann ich bitte mit dem Peter sprechen?«

Peters Mutter sah den Besucher misstrauisch an. »Was willst von meinem Sohn?«

»Keine Sorge, Erna, ich bin net gekommen, um dem Peter Vorwürfe zu machen, sondern um mich für das Verhalten meiner Frau zu entschuldigen. Sie hatte kein Recht, den Peter als Mörder zu bezeichnen.« Schwerfällig ließ sich Karl Steinegger auf einem Sessel nieder.

»Wenn das so ist … Bitte warte einen Moment, Karl. Ich hol den Peter runter. Er ist auf seinem Zimmer.« Erleichtert verließ Erna die Wirtsstube.

Kurz darauf erschien Peter und setzte sich zu Thomas’ Vater. Attila begrüßte Peter freudig, sprang an ihm hoch und versuchte sein Gesicht abzulecken.

»Lass das, Attila! Platz!«, befahl Karl Steinegger dem Hund, der sofort gehorchte. Dann sah er Peter an und sagte: »Der Hund hat dich gern, Peter.«

»Ja, das scheint mir auch so«, stimmte der Bursch zu.

»Das ist einer der Gründe, warum ich hier bin«, fuhr Karl Steinegger fort. »Attila war Thomas’ Hund. Martha und ich haben zu wenig Zeit für das Viecherl. Wir können mit ihm nix anfangen. Außerdem erinnert er uns täglich an unseren Sohn.« Er brach ab und trocknete sich mit einem Taschentuch die Tränen ab, die über seine Wange liefen.

Peter schluckte. Er empfand großes Mitleid mit Karl Steinegger.

»Wenn du willst, kannst den Attila haben.«

Peter war gerührt. »Ich nehm ihn gern, aber …«

»Keine Widerrede. Wie ich sehe, hängt, der Hund an dir. Nimm ihn und behalt ihn«, unterbrach Karl Steinegger energisch Peters Einwand. Er hatte sich wieder gefasst und fuhr fort: »Ich bin noch aus einend anderen Grund hier.«

Peter sah Thomas’ Vater erwartungsvoll an.

Karl Steinegger räusperte sich verlegen. »Ich möchte mich in aller Form für das Benehmen meiner Frau entschuldigen. Sie hatte kein Recht, dich als Mörder zu bezeichnen. Du bist ein anständiger Bursch. Das weiß ich.«

Peter senkte den Blick. »Ich kann gar net sagen, wie Leid es mir tut, dass der Thomas abgestürzt ist.«

»Ich weiß, Bub. Und ich weiß auch, dass der Thomas selbst daran schuld ist, dass alles so gekommen ist. Er war blind vor Hass. Er hat seine Wut noch nie im Zaum halten können. Schon als kleines Kind war er sehr jähzornig. Hinzu kommt, dass der Reichtum der Sonnleitners ihn geblendet hat. Er war leider sehr auf das Materielle fixiert. Glaub mir, ich weiß ganz genau, was für ein Mensch mein Sohn war und dass er net den besten Charakter gehabt hat, aber ich hab ihn dennoch sehr geliebt …« Karl Steinegger brach ab. Seine Stimme versagte. Die Trauer um seinen Sohn hatte tiefe Kummerfalten in seine Stirn gegraben.

Peter wusste nicht, was er sagen sollte. »Danke für deine Worte, Steinegger«, meinte er nur. »Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, dann sag es bitte.«

Karl Steinegger winkte ab. »Ist schon recht. Ich weiß, dass das Ganze für dich nicht einfach ist.« Mühsam erhob sich Thomas’ Vater und verabschiedete sich von Peter. An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Weißt, Bub, ich hab die Maria immer sehr gern gehabt. Sie hat einen anständigen Burschen wie dich verdient. Mach sie glücklich.«

»Das werd ich«, versicherte Peter.

Dann verließ Karl Steinegger den Gasthof der Stoibers. Peter sah ihm nach und kraulte Attila hinterm Ohr.

 

 

25. Kapitel

 

Am Nachmittag hatten Maria und Peter einen Termin bei Pastor Niederbacher im Pfarrhaus. Sie wollten das Aufgebot bestellen. Händchen haltend saßen sie dem weißhaarigen Pfarrer gegenüber.

»Ihr wollt also net in der Dorfkirche, sondern in der kleinen Kapelle am Hügel heiraten?«, fragte der alte Gottesdiener.

Maria und Peter antworteten wie aus einem Munde: »Ja, das ist unser Wunsch.«

Pastor Niederbacher lächelte. »Na, ihr beiden seid euch ja wirklich einig, gell?« Er kritzelte etwas in sein schwarzes kleines Notizbuch. Als er damit fertig war, sah er verschmitzt zu Maria und Peter. »Ich hab selten erlebt, dass jemand so viele Stolpersteine in den Weg gelegt bekommen hat wie ihr beide. Gott sei Dank seid ihr schließlich doch zusammengekommen.«

»Da haben Sie Recht, Herr Pfarrer, es war wirklich net einfach, alle Hürden zu überwinden«, stimmte Maria dem Geistlichen zu.

»Wisst ihr, ich hab euch schon eine Weile beobachtet. Eigentlich hab ich schon vor drei Jahren geglaubt, dass ihr bei mir das Aufgebot bestellen werdet. Leider ist damals aber doch nix draus geworden.« Pfarrer Niederbacher verstaute sein Notizbuch in der Schreibtischlade.

»Vielleicht waren wir damals noch net reif für die Ehe«, mutmaßte Peter.

Maria stimmte ihrem Bräutigam zu. »Ich glaub auch, dass wir damals noch zu jung waren.«

Pfarrer Niederbacher betrachtete das Brautpaar. Er hatte ein altes vom Leben gezeichnetes Gesicht, aber seine Augen strahlten wie die eines jungen Mannes. Er war ein herzensguter Mensch, der seine Schäfchen stets im Auge behielt und an deren Leben teilnahm. Er wachte sorgsam über das Wohl seiner Gemeinde.

»Ich wünsch euch alles Glück der Welt auf eurem gemeinsamen Weg in die Zukunft. Gottes Segen möge mit euch sein«, sagte Pfarrer Niederbacher und legte seine Hände auf die des Brautpaares.

»Danke, Herr Pfarrer«, flüsterte Maria gerührt.

Die junge Sonnleitnerin und Peter verließen das Pfarrhaus. Heller Sonnenschein empfing das verliebte Paar. Maria hakte sich bei Peter unter und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Sie schlugen den Weg zu der kleinen Bank am Hügel unterhalb des Waldrandes ein, wo einmal alles begonnen hatte.

»Ich kann den Tag unserer Hochzeit kaum erwarten«, gestand Maria selig.

»Mir geht’s genauso, Liebes.« Peter drehte sich zu seiner Braut und strich ihr eine blonde Locke aus der Stirn. Dann küsste er sanft ihre Nasenspitze. »Du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt. Ich werd dich mein ganzes Leben lang lieben.«

 

 

26. Kapitel

 

Maria saß in ihrer Kammer im gemütlichen Lesestuhl und sah mit verklärtem Blick aus dem Fenster. Die aufgehende Sonne tauchte den Gipfel des Teufelsfelsens in helles Rot. Die Anmut dieses Naturschauspiels berührte sie in der Seele. Er würde ein wunderschöner Tag werden ihr Hochzeitstag!

In ein paar Stunden würde sie Maria Stoiber heißen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Nicht alle Menschen hatten die Möglichkeit, ihre einzig wahre Liebe zu heiraten.

Maria staunte, wie gelassen sie war. Wenn ihr jemand vorausgesagt hätte, dass sie am Tag ihrer Hochzeit die Ruhe in Person sein würde, hätte sie an seinem Verstand gezweifelt. Sie hatte immer geglaubt, sie würde sehr nervös und aufgeregt sein. Genau das Gegenteil war der Fall.

Maria wusste, dass sie heute das einzig Richtige tun würde. Nämlich, Peter das Jawort zu geben. In ihrem ganzen Leben hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als seine Frau zu werden. Heute würde es endlich soweit sein. Ein glückliches Lächeln umspielte Marias Lippen. Sie betrachtete ihr schönes Brautkleid aus Wildseide, das am Kleiderschrank hing.

Leises Klopfen riss Maria aus ihren Gedanken.

»Ja, bitte?«

Christi Sonnleitner sah zur Tür herein. »Guten Morgen. Darf ich reinkommen?«

Maria lächelte ihrer Mutter zu. »Natürlich, komm rein und setz dich ein bissel zu mir.«

»Heute erlebst du den schönsten Tag in deinem Leben, mein Kind«, sagte Christi Sonnleitner wehmütig und ließ sich auf Marias Bett nieder. Sie freute sich zwar über die Hochzeit ihrer Tochter, hatte jedoch gleichzeitig das Gefühl, sie zu verlieren, obwohl das nicht der Fall war.

»Ich weiß. Ich bin das glücklichste Madl der Welt, Mutter.«

»Ich freue mich so sehr für dich, Maria. Was für eine gesegnete Fügung des Schicksals, dass alles so gekommen ist. Wenn ich daran denke, dass du beinahe den Thomas Steinegger geheiratet hättest, läuft mir jetzt noch eine Gänsehaut über den Rücken.«

Maria behagte dieses Thema nicht. »Ich will gar nicht mehr an die Vergangenheit denken. Nur meine Zukunft mit Peter zählt für mich.«

»Hast Recht, Kind.« Marias Mutter nickte zustimmend. Dann betrachtete sie ihre Tochter eingehend. »Wirst die schönste Braut sein, die das Bärental je gesehen hat«, sagte sie mit bewegter Stimme.

Maria umarmte ihre Mutter. »Danke, Mutter.«

Verlegen löste Christi Sonnleitner sich von ihrer Tochter und putzte sich die Nase. »Jetzt musst dich aber fertigmachen, sonst wird dir die Zeit zu knapp.«

»Ich hab doch noch sechs Stunden Zeit«, lächelte Maria über die Nervosität ihrer Mutter.

»Was, nur noch sechs Stunden?« Christi Sonnleitner wurde hektisch. »Ich muss dir noch die Haare hochstecken, den Schleier befestigen, dir in das Kleid helfen und mich selbst zurechtmachen«, erklärte sie aufgeregt.

Maria schmunzelte. »Man könnt meinen, es ist deine Hochzeit, Mutter. Beruhige dich doch. Wir werden bestimmt rechtzeitig mit allem fertig sein.«

»Ich kann nicht verstehen, wie du so ruhig bleiben kannst. Du wirst in wenigen Stunden heiraten und hast noch nicht einmal deine Morgentoilette hinter dir.« Marias Mutter schüttelte den Kopf. »Geh jetzt duschen und wasch dir die Haare, damit ich anschließend deine Brautfrisur machen kann«, befahl sie.

Widerspruchslos gehorchte Maria und Christi Sonnleitner legte unzählige Haarspangen, Haarspray, einen Toupierkamm und eine Bürste bereit.

 

 

27. Kapitel

 

Die Glocken der kleinen Dorfkapelle läuteten hell. Die Knospen der Kirschbäume waren voll erblüht und verströmten ihren betörenden Duft. Strahlender Sonnenschein zauberte unendlich viele Glanzreflexe auf die Wasseroberfläche des kleinen Teichs neben der Kapelle. Die Zweige einer riesigen Trauerweide hingen bis in das hellblaue Wasser.

Für Peter stand fest, dass es keinen schöneren Ort auf der Welt gab als diesen. Ungeduldig sah er auf seine Armbanduhr. Gleich würde es soweit sein. Pfarrer Niederbacher würde Maria und ihn trauen. Dann würden sie für immer vereint sein. Er lächelte versonnen, und seine Augen strahlten voll Glück.

Nahezu die ganze Dorfbevölkerung hatte sich um die idyllische Kapelle herum versammelt. Peter Stoiber ging gemeinsam mit dem Pfarrer und seinem Trauzeugen, seinem Cousin dritten Grades, zum Altar und wartete darauf, dass Maria, begleitet von ihrem Vater, die kleine Kirche betrat.

Wo sie nur blieb? Sie müsste längst hier sein. Allmählich wurde Peter nervös. War etwas passiert? Nachdem Maria und er so viele Hürden überwinden mussten, um endlich zueinander zu finden, wurde er etwas unsicher. War wieder etwas dazwischengekommen? Unruhe erfasste Peter. Er blickte erneut auf seine Uhr. Plötzlich vernahm er das Klappern von Pferdehufen. Erleichtert stieß er die Luft aus.

Maria saß in ihrem leuchtend weißen Brautkleid in der Kutsche ihrer Eltern. Ihr langer Schleier wehte im Wind. Bernhard Sonnleitner hatte zwei Schimmel vorgespannt, die den rustikalen Pferdewagen zur Kapelle zogen.

»Brr …«, machte Marias Vater, als sie bei der Kapelle angekommen waren. Die Pferde blieben stehen, und Bernhard Sonnleitner sprang elegant vom Kutschbock. Er hatte seinen besten Trachtenanzug angezogen und sah darin sehr vornehm aus. Dann öffnete er die kleine Tür des Pferdewagens und half seiner Frau und Maria beim Aussteigen.

Maria hakte sich bei ihrem Vater unter und schritt gleichmäßig auf die geschmückte Kapelle zu. Vor dem geöffneten Portal blieben sie stehen und warteten auf die Orgelmusik, zu deren Klang sie zum Altar schreiten würden.

Peter sah Maria am Kircheneingang stehen. Ihm stockte fast der Atem. Maria sah in ihrem blütenweißen Kleid wunderschön aus. Die laute Orgelmusik ertönte, und eine helle Mädchenstimme sang das »Ave Maria«.

Maria schritt anmutig, begleitet von ihrem Vater, zum Altar.

Als die junge Sonnleitnerin vor Peter stand, strahlte sie ihn an. Sie war unbeschreiblich glücklich. Bernhard Sonnleitner setzte sich zu seiner Frau und zu Peters Eltern, die inzwischen in der ersten Reihe der Kirchenbänke Platz genommen hatten.

Peter flüsterte Maria zu: »Du bist wunderschön. Ich liebe dich so sehr!«

Das Räuspern des Pfarrers unterbrach sein Liebesgestammel.

Er wollte mit der Hochzeitszeremonie beginnen.

»Entschuldigung, Herr Pfarrer«, sagte Peter und lächelte spitzbübisch.

Pfarrer Niederbacher zwinkerte ihm zu und begann mit der Trauung.

Maria und Peter Stoiber übernahmen nach ihrer Hochzeit den Gasthof von Peters Eltern. Natürlich hätten es Marias Eltern lieber gesehen, wenn die beiden Frischvermählten auf dem Hof geblieben wären, doch Maria hatte sich für das Gasthaus entschieden. Außerdem waren Bernhard und Christi Sonnleitner noch relativ jung und rüstig und konnten den Hof sicher noch einige Jahre selbst bewirtschaften.

Nachdem Bartl Mooshammer die Arbeit in seiner Pension mit der Zeit doch zu beschwerlich geworden war und im Dorf somit keine Übernachtungsmöglichkeit für Touristen gegeben war, hatten Maria und Peter beschlossen, ihren Gasthof auszubauen und eine Sportpension mit Hallenbad zu eröffnen. Diese ging so gut, dass sie sich mit der Zeit Personal leisten konnten und wieder mehr Zeit füreinander hatten.

Eines Abends saßen Maria und Peter auf der Veranda ihrer hübsch eingerichteten Wohnung und tauschten Zärtlichkeiten aus. Maria knabberte an Peters Ohrläppchen und flüsterte: »Ich muss dir etwas sagen, Liebster.«

»Was denn, mein Spatzl?«

»Ich war doch gestern beim Doktor Sternhammer.«

Peter erschrak. »Fehlt dir was? Geht es dir etwa net gut?«

Maria lächelte amüsiert über die Sorge ihres Mannes. »Weißt, mir ist jeden Morgen übel, und Ich bin so empfindlich auf manche Gerüche. Mein Bauch ist auch schon ein bissel dicker geworden. Ich werd in meine Kleider bald nimmer reinpassen.«

»Hoffentlich ist es nix Ernstes. Was hat denn der Doktor gesagt?« Peter schien eine lange Leitung zu haben, denn er begriff nicht, was Maria ihm beibringen wollte.

»Ich glaub, ich muss deutlicher werden«, schmunzelte sie. »Der Doktor hat gesagt, dass wir im Frühling ein Baby bekommen.«

Peter starrte seine junge Frau verdutzt an. »Ein Kind, aber das ist ja …«

»Na, freust dich gar net?«

»Was heißt freuen? Ich könnt die ganze Welt umarmen.« Er sprang auf und rief: »Alle mal herhören! Wir bekommen ein Kind! Ich werd Vater!«

Maria stand ebenfalls auf und hielt Peter den Mund zu. »Psst, schrei doch net so. Du weckst ja das ganze Bärental auf.«

»Na und? Alle sollen wissen, dass ich der glücklichste Mann der Welt bin.« Peter umarmte Maria und tanzte ausgelassen mit ihr. Er hob sie hoch und drehte sich mit ihr im Kreis.

Maria lachte herzlich. »Du bist ja total verrückt geworden, Liebling.«

»Ja, verrückt vor lauter Freude«, gab Peter seiner Frau Recht. Dann sah er sie zärtlich an und bedeckte ihr Gesicht mit unzähligen Küssen.

 

 

ENDE

Gewonnenes Glück – zerronnenes Glück

 

 

von Klaus-Tiberius Schmidt

 

 

Tagsüber, da hat die Marga genug zu tun, da gelingt es ihr, ihren Schmerz mit Arbeit zu betäuben. Doch nachts, wenn sie zur Ruhe kommt, da stürmen die Gedanken unaufhaltsam auf sie ein, dann quält sie sich mit Zweifeln und Vorwürfen. Hat sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen, als sie sich von Georg, dem treuen, langjährigen Freund, lossagte, weil sie keinen anderen Weg sah? Was hat sie durch diesen Schritt gewonnen?

Margas einziger Trost, in dieser traurigen Zeit, ist die kleine Sarah, ein Kind, in dessen Leben Liebe, Wärme und Geborgenheit fehlen … Die Mutter hat Mann und Tochter verlassen, keiner weiß so recht, warum, und der Vater – kümmert sich nicht um die Kleine, geht lieber dem eigenen Vergnügen nach. Marga verabscheut ihn dafür von ganzem Herzen, doch als er plötzlich – sehr verändert – zurückkehrt und sie mehr und mehr erfährt, wie es wirklich in ihm aussieht, da wächst in ihr unversehens eine zarte Liebe zu diesem Mann. Schon glaubt sie an ein Glück, an eine Zukunft mit ihm, doch da geschieht plötzlich etwas Unfassbares …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Der Wind heulte um die Häuserecken und zerrte an den Ästen und Zweigen der Bäume, als wollte er alles mit sich reißen. In der letzten Stunde war er zunehmend heftiger geworden.

Maria Hofer bereute es dennoch nicht, das Haus verlassen zu haben. Es kam selten genug vor, dass sie sich abends noch einen Spaziergang gönnte.

Ein Blick zum Himmel zeigte ihr, dass sich das Wetter im Laufe der Nacht nicht ändern würde. Nur hin und wieder funkelten einige wenige Sterne. Meistens aber verschluckten dicke Wolken, die über den Himmel jagten, ihr karges Licht.

Nach einer Weile kam die grauhaarige Frau an einer kleinen Gasse vorbei, und trotz des starken Windes entgingen ihr die Stimmen, die aus der Gasse drangen, nicht.

Zwei Menschen redeten aufgeregt aufeinander ein. Unwillkürlich blieb Maria Hofer stehen, denn eine der Stimmen hatte sie erkannt.

Sie gehörte Marga Hasslinger, dem Zimmermädchen, das seit Jahren bei ihr im Gasthof Zur Sonne arbeitete.

»Bitte, mach es mir net so schwer«, hörte sie verzweifelt die junge Frau ausrufen.

»Wie könnte ich das, Marga«, antwortete eine männliche Stimme gequält. »Ich hab dich doch lieb, und ich hab gedacht, wir gehören zusammen.«

Jetzt wusste Maria Hofer, dass es Margas Freund Georg Brunner sein musste, mit dem sie in der Gasse stand.

Die alte Frau trat in den Schatten eines Hauseingangs, fühlte sich dabei aber reichlich unwohl. Es war nicht ihre Art, Leute zu belauschen oder sich in fremde Angelegenheiten einzumischen. Ihre innere Stimme jedoch riet ihr, nicht achtlos weiterzugehen.

»Versteh doch, Georg.« Marga schluchzte. »Ich weiß ja selbst net, was ich denken soll.«

»Das scheint mir auch so«, antwortete Georg halb verzweifelt, halb spöttisch. »Aber ich seh net ein, dass ich dich einfach gehen lassen soll. Ich lieb’ dich, Marga! Verstehst du das net?«

Eine Weile herrschte angespannte Stille, dann vernahm Maria Hofer leises Weinen, das in herzzerreißendes Schluchzen überging.

Schweren Herzens beschloss die alte Frau, nicht weiter zu lauschen. Sie hatte genug gehört. So traurig es auch war, eine Trennung mitzuerleben, so wenig ging es sie an. Damit mussten die jungen Leute allein fertigwerden.

Sie wechselte die Straßenseite, um nicht gesehen zu werden, und folgte der Straße, die Friedmoos durchquerte.

Gerade hatte sie das Geschäft des Bäckers passiert, als sie eilige Schritte hinter sich vernahm. Unwillkürlich blickte sie sich um. Marga Hasslinger kam die Straße heruntergelaufen. Tränen liefen ihr in Strömen über das Gesicht. Sie schien ihre Chefin überhaupt nicht zu sehen.

»Was ist denn los, Madl?«, fragte Maria Hofer besorgt und wechselte wieder auf die andere Straßenseite.

Die junge Frau schien sie erst jetzt wahrzunehmen. Die Tränen machten sie fast blind. Gleich darauf lag sie zitternd und völlig aufgelöst in den Armen der grauhaarigen Frau.

»Mein Gott, was ist denn geschehen?«, fragte Maria Hofer ein weiteres Mal, nachdem Marga sich ein wenig beruhigt hatte.

Nur stockend konnte Marga Hasslinger erzählen, was sie derart aus der Fassung gebracht hatte. Verängstigt wie ein Kind, das Geborgenheit suchte, schmiegte sie sich an Maria Hofer.

»Der Georg und ich haben uns getrennt«, gestand sie stockend, und wieder wurde sie von einem Weinkrampf geschüttelte.

Maria Hofer wollte etwas entgegnen, doch eine plötzliche Sturmbö riss ihr die Worte von den Lippen und nahm ihr den Atem. Irgendwo krachte etwas zu Boden, und die Laternen am Straßenrand schwankten bedenklich.

»Ich bring dich nach Hause«, meinte sie schließlich, und ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie weiter. Marga hielt sie fest im Arm, so als ob sie sie beschützen müsste.

Zwei Straßen weiter hatte sie das kleine Haus, in dem ihr Zimmermädchen zwei Zimmer gemietet hatte, erreicht. In der Nähe krachten ein paar Dachziegel zu Boden und zerbarsten mit dumpfem Knall.

»Es ging net mehr«, begann Marga von selbst zu erzählen und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Ich weiß net, warum ich’s getan habe, aber ich glaub, es war besser so.«

Maria konnte nicht nachvollziehen, was die junge Frau zu diesem Schritt veranlasst hatte. Sie wusste nur, dass Marga und Georg seit vielen Jahren zusammen waren und sogar schon von Heirat gesprochen hatten. So recht konnte sie sich die plötzliche Trennung nicht erklären.

»Du wirst schon wissen, was richtig für dich ist«, meinte sie mütterlich und strich Marga eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Die junge Frau nickte heftig und versuchte sogar zu lächeln.

Es misslang kläglich und unterstrich stattdessen noch mehr die Traurigkeit, die in ihren Augen lag.

»Ja, das weiß ich«, gestand sie stockend. »Ich dank’ Ihnen schön, dass Sie da waren, und dass ich mit Ihnen reden konnte.«

»Das Schicksal geht seltsame Wege, Madl«, entgegnete die ältere Frau. »Wer weiß, wofür es gut war. Aber nun versuch ein wenig zu schlafen. Morgen früh sieht alles ganz anders aus.«

Marga nickte und schloss die Haustür auf.

»Schlafen Sie gut«, wünschte sie und wischte sich erneut über das verweinte, gerötete Gesicht. »Bis morgen früh.«

Wenig später war Maria Hofer wieder allein, mitten im Sturm. Überall heulte und pfiff es nun. Fensterläden schlugen krachend gegen Wände, losgerissene Äste und Blätter flogen durch die Luft und allerlei Papier und Abfall wirbelte über die Straße.

Bis zum Gasthof Zur Sonne benötigte Maria Hofer nur wenige Minuten. Sie war froh, als sie sich wieder in den eigenen vier Wänden befand.

Gedankenschwer ging sie in ihr Schlafzimmer. Sie war müde und konnte kaum noch die Augen aufhalten. Daran änderte auch der Sturm, der um ihr Haus tobte, nichts.

Ihre letzten Gedanken, bevor sie einschlief, galten ihrem Zimmermädchen. Sie fragte sich, ob Marga wohl endlich zur Ruhe gekommen war oder noch verzweifelt in ihre Kissen weinte.

 

 

2. Kapitel

 

Das Grau des nahen Morgens hatte in Friedmoos die Schwärze der Nacht verdrängt, als Maria Hofer von mehreren dumpfen Schlägen geweckt wurde. Sofort war sie hellwach und saß kerzengerade im Bett.

Draußen tobte der Sturm noch immer mit unverminderter Stärke. Erneut krachte es, und erschrocken stand Maria auf und sah aus dem Fenster.

Ihre schlimmsten Befürchtungen wurden noch übertroffen.

Auf der anderen Straßenseite lag eine alte Eiche entwurzelt am Boden. Der mächtige Stamm hatte den Zaun zwischen zwei Grundstücken niedergerissen.

Am Berghang oberhalb des Gasthofes entdeckte sie ganze Schneisen niedergerissener Bäume, die wie Streichhölzer geknickt worden waren.

Auf der kleinen Terrasse vor ihrem Lokal sah es ebenfalls schlimm aus. Überall lagen zerbrochene Dachziegel.

Hastig zog sich Maria Hofer an und stürzte nach draußen. Zum Glück hatte es zu regnen aufgehört.

Ein Blick nach oben zeigte ihr, was der Sturm angerichtet hatte. Schimpfend lief sie wieder ins Haus und hinauf auf den Dachboden.

Ein großes Loch gähnte im Dach, und überall war es nass. Wenn sie Pech hatte, war das Wasser schon in die oberste Etage gedrungen. Was das bedeutete, wollte sie sich lieber nicht vorstellen, denn dort lag die Hälfte ihrer Gästezimmer.

Niedergeschlagen hastete sie in ihr Büro, das im Parterre lag. Es war kurz vor sechs Uhr. Zu dieser Zeit würde sie noch keinen Dachdecker erreichen, und so beschloss sie, erst einmal Kaffee zu kochen und alles für das Frühstück ihrer wenigen Gäste vorzubereiten.

Dann aber hielt sie es nicht länger aus.

Nach dem dritten Telefongespräch hatte Maria Hofer eine böse Vorahnung. Nur Absagen innerhalb von wenigen Minuten stimmten nicht gerade froh. In Friedmoos und Umgebung schien kein Handwerker ohne Aufträge zu sein.

»Verflixter Sturm«, schimpfte sie still vor sich hin.

Nach und nach trafen die Gäste ein und wollten ihr Frühstück. Hauptgespräch war natürlich der Sturm und die schreckliche Nacht, in der mancher kaum ein Auge zugetan hatte.

Hinzu kam, dass Maria Hofer an diesem Morgen vergeblich auf ihren Koch, den Xaver Brunninger, wartete, der normalerweise die erste Schicht übernahm. Was sollte sie tun? Zwangsläufig musste sie selbst einspringen.

Eine Stunde später schlug das Telefon an. Es war der Xaver. Am heiseren Klang seiner Stimme hörte Maria bereits, dass er sich eine Grippe eingefangen hatte.

»Was ist los mit dir?«, fragte sie dennoch leicht ungehalten.

»Heut kann ich leider net kommen, Chefin«, entschuldigte sich der jungen Mann. »Tut mir leid, aber ich hab hohes Fieber und fühl mich gar net gut.«

»Dann tu was dagegen und schau, dass du rasch wieder auf die Beine kommst«, forderte Maria Hofer, jetzt wesentlich sanfter als zuvor, und wünschte ihm gute Besserung.

Seufzend lehnte sie sich in ihrem Bürostuhl zurück und schaute durch das breite Blumenfenster nach draußen. Von hier aus hatte sie einen fantastischen Blick auf die Berge.

An diesem Morgen aber genoss sie diese Aussicht nicht so wie sonst, denn sie wurde von Sorgen gequält.

Draußen braute sich wieder eine Regenfront zusammen. Die Wolken hingen tief und schienen fast die Dächer der am Hang stehenden Häuser und Scheunen des Friedmoostals zu berühren.

Maria Hofer wagte es gar nicht, sich auszumalen, was passierte, wenn es erneut heftig zu regnen begann. Sie musste an das Loch im Dach denken.

Seufzend wischte sie sich über Augen und Gesicht. Sie fühlte sich, obwohl es erst Morgen war, ausgelaugt und müde. In letzter Zeit kam eins zum anderen, und nur selten gab es Erfreuliches, das sie aufmunterte.

Aber sie wäre nicht Maria Hofer, die Inhaberin des Gasthofs Zur Sonne, wenn sie einfach das Handtuch geworfen hätte.

Nun gut, mochte ihr Zimmermädchen Maria heute gewiss nicht voll bei der Sache sein, weil Kummer sie plagte und mochte Xaver Brunniger mit einer Grippe im Bett liegen, sie durfte den Kopf nicht hängenlassen.

Das Leben ging weiter. Ihrem Motto »Hilf dir selbst, dann hilft dir auch der Herrgott«, war sie immer treu geblieben, und in den Jahren seit dem tragischen Tod ihres geliebten Mannes hatte sich gezeigt, dass es der einzig richtige Weg war.

Maria Hofer entspannte sich nur kurze Zeit. Sie schaute auf die Wanduhr neben der Tür. Mittlerweile war es kurz vor neun Uhr. Ihre Pensionsgäste, zum Glück alles Frühaufsteher, hatten zu Ende gefrühstückt und sich trotz des widrigen Wetters in die Natur begeben.

In etwa einer Stunde rechnete sie mit ihrem Sohn, der die kleine Sarah, ihre einzige Enkelin, vorbeibringen würde. Bis dahin musste sie noch einige Dinge erledigen.

Sie wählte die Telefonnummer von Dachdeckermeister Grauner in Eiching, aber dort nahm niemand ab. Es war zum Verzweifeln! Schließlich sprang der Anrufbeantworter an, und Maria Hofer sagte, was zu sagen war, ehe sie genervt auflegte.

Sie stand von ihrem Schreibtischsessel auf und trat ans Fenster. Zum Glück verzogen sich die Regenwolken offenbar ein wenig. Wenn alles gutging, blieb es doch trocken.

Maria Hofer schaute zur Straße hinunter. Ihre Gedanken schweiften ab, und für Augenblicke waren die Sturmschäden vergessen.

Sie dachte an Christoph, ihren Sohn, den sie längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Für heute hatte er sich angemeldet, doch sie freute sich nicht über seinen Besuch.

Christoph machte ihr seit geraumer Zeit viel Kummer. Längst war er nicht mehr der tüchtige, freundliche Bub, auf den jede Mutter stolz gewesen wäre.

Ja, er war ein guter Sohn gewesen und hatte ihr über die schweren Jahre, als ihr Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, hinweggeholfen. Wann immer er konnte, hatte er mit angepackt. Teilweise war es ihm zu verdanken, dass sie den kleinen Gasthof überhaupt hatte halten können.

Dann hatte er die hübsche Burgl aus Maria Trost, einem Dorf im Nebental, kennen und lieben gelernt. Sie war eine sehr attraktive, lebensfrohe Frau mit vernünftigen Ansichten, fleißig und zielstrebig.

Christoph und sie hatten bald geheiratet, und die Geburt ihrer Tochter schien der Gipfel ihres Glücks gewesen zu sein.

Maria hatte Burgl von Anfang an gemocht, und auch heute noch, da alles so anders geworden war, konnte sie keine Ablehnung oder gar Hass für sie empfinden.

Heute noch wusste sie eigentlich nicht genau, warum die junge Frau aus der Sicherheit einer scheinbar glücklichen Familie ausgebrochen und nun schon seit Monaten wie vom Erdboden verschluckt war. Bei Nacht und Nebel hatte sie sich davongeschlichen und alles hinter sich gelassen.

Maria Hofer hatte nie erfahren, warum es zu diesem Familiendrama gekommen war. Nur eins wusste sie: Christoph war gewiss nicht ganz unschuldig daran, aber sie hatte nie mit ihm darüber gesprochen.

Seither war die kleine Sarah ohne Mutter und lebte allein mit ihrem Vater in der Münchener Innenstadt. Und seither hatte sich Christoph, sehr zu seinem Nachteil, verändert.

Aus dem feinfühligen und liebevollen Vater war ein Mann ohne Verantwortungsbewusstsein geworden. Auch die Werbeagentur, die er innerhalb von mehreren Jahren zu einem erfolgreichen Unternehmen aufgebaut hatte, vernachlässigte er zusehends. Stattdessen verbrachte er seine Zeit mit Frauenbekanntschaften, die immer häufiger wechselten.

Maria Hofer wusste, dass die kleine Sarah sehr darunter, litt, aber sie konnte fast nichts in dieser Sache tun. Wenn sie Christoph anbot, das Kind zu sich zu nehmen, fühlte er sich in seiner Entscheidungsfreiheit eingeengt, wie er es nannte, und lehnte jedes Mal brüsk ab.

Heute aber brachte er die Kleine für einige Wochen vorbei, denn er musste auf Geschäftsreise, wie er erklärt hatte.

Maria Hofer hatte ihm kein Wort geglaubt; doch sie war glücklich, Sarah endlich einmal für längere Zeit bei sich zu haben. Sie liebte den fünfjährigen Wirbelwind, der so sehr ihrem Sohn glich, als er noch klein war.

Gerade wollte sie sich umdrehen und in den Gästeraum gehen, um schon einmal die zwei Tische für das Mittagessen der wenigen Gäste vorzubereiten, als sie einen schweren Wagen die schmale Kopfsteinpflasterstraße herauffahren sah.

Maria Hofer wusste, dass es nur Christoph sein konnte. In letzter Zeit fuhr er immer häufiger neue, teure Fahrzeuge, die ein Vermögen kosten mussten.

Mit gemischten Gefühlen verließ sie das Büro und durchquerte die gemütliche Gaststube. Marga, die vor einer halben Stunde ihren Dienst angetreten hatte, stand mit versteinertem Gesicht hinter dem Tresen und spülte Gläser. Man sah ihr an, dass sie kaum geschlafen hatte.

»Der Christoph und die Sarah sind da«, erklärte ihr die Maria erfreut und eilte nach draußen.

Marga hatte kaum reagiert und lediglich genickt. Sie mochte Christoph nicht besonders, und zudem hatte sie ihre eigenen Probleme.

Als Maria Hofer ins Freie trat, hatte der Wagen das Haus bereits passiert und ein wenig weiter oben auf der Straße angehalten. Sie schüttelte nur verwundert den Kopf, denn vor der Pension gab es genügend Parkplätze.

Sie ahnte allerdings, warum Christoph dies tat. Die blonde Frau auf dem Beifahrersitz war ihr nicht entgangen. Sie zählte gewiss zu den Frauen, die kein Interesse daran hatten, die Mutter ihres Partners kennenzulernen.

Christoph stieg aus und winkte seiner Mutter gequält lächelnd zu. Er wartete, bis seine Tochter ausgestiegen war; anschließend holte er eine Reisetasche aus dem Kofferraum, ehe er sich auf den Weg zum Haus machte.

»Hallo Omi«, rief Sarah voller Freude. Strahlend lief sie der Großmutter entgegen und warf sich in deren Arme.

»Na, da seid ihr ja endlich«, meinte die Maria und nahm den blonden Wirbelwind auf den Arm, obwohl sie sofort ihre Bandscheiben spürte. »Oh, du bist aber schwer geworden.«

»Ich bin ja auch schon groß, Omi.« Die Kleine drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange. »Hast du schon auf mich gewartet?«

Maria Hofer nickte. »Aber sicher doch.« Es tat gut, wieder einmal jemanden in den Armen zu halten, der einen brauchte. Ach, sie sah ihre Enkelin viel zu selten.

»Papa hat sich auf der Autobahn verfahren«, erklärte die Kleine eifrig. »Und nur, weil die Frau Berkstett wieder alles besser gewusst hat. Deshalb ist es so spät geworden.«

»Du sollst nicht so vorlaut sein. Guten Morgen, Mama.« Christoph Hofer grüßte seine Mutter und hauchte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, nachdem er Sarah einen bösen Blick zugeworfen hatte.

Das Meine Mädchen war sofort verstummt. Eingeschüchtert schmiegte es sich an seine Großmutter.

»Kommst du noch ein bisserl mit ins Haus?«, fragte Maria Hofer und suchte den Blick des Sohnes, doch er wich ihr geschickt aus.

»Tut mir leid, Mama«, sagte er entschuldigend, »aber in drei Stunden geht mein Flug. Du bist doch net böse, oder?«

Maria Hofer lächelte gezwungen. »Warum, sollt’ ich?«, fragte sie. »Sieh nur zu, dass du deinen Flieger kriegst, und dass deine Geschäftsreise auch etwas bringt.«

Unwillkürlich schaute sie zu dem Wagen hinüber und sah dann wieder ihren Sohn an.

Christoph Hofer fühlte sich ertappt. Er suchte nach den richtigen Worten, doch er fand sie nicht. Verlegen strich er seiner Tochter über das blonde Haar.

»Ich muss los«, verabschiedete er sich hastig und wollte Sarah einen Kuss geben, doch sie ließ es nicht zu.

»Vergiss net, mir den weißen Teddy mitzubringen«, mahnte sie nur. »Du hast es versprochen.«

»Aber klar«, erwiderte ihr Vater. »Sei schön brav, damit ich keine Klagen höre.«

Er wandte sich zögernd um und ging zum Wagen zurück. Ehe er einstieg, winkte er. Danach schien er überzeugt zu sein, seiner Fürsorgepflicht als Vater Genüge getan zu haben.

Sarah blickte dem Wagen traurig nach. Sie kämpfte mit den Tränen, doch sie ließ sich sonst kaum etwas anmerken.

Ein letztes Hupen, dann verschwand der schwere Wagen um die nächste Straßenecke.

Maria Hofer fühlte eine schreckliche Wut in sich. Es tat ihr in der Seele weh, ihre Enkelin so betrübt sehen zu müssen.

»Na, wie wäre es mit einem Stück Kuchen mit viel Sahne?«, fragte sie. »Hast du Lust?«

Sarah zuckte mit den Schultern. Die anfängliche Wiedersehensfreude schien wie weggeweht.

»Ich weiß net«, meinte sie tonlos. »Nein, ich habe keinen Hunger.«

Maria Hofer seufzte. Sie ahnte, dass mit diesem Tag so manches an Kummer und Sorgen auf sie zukommen würden, aber erst einmal musste sie versuchen, das Kind aufzumuntern und auf andere Gedanken zu bringen.

Sie hatte Sarah nun mehrere Wochen in ihrer Obhut. Vielleicht gelang es ihr, die inneren Wunden zu heilen und aus dem Kind wieder ein so lebensfrohes Geschöpf zu machen, wie es das früher war.

Tief in ihrem Inneren konnte sie jedoch nicht daran glauben. Es fehlte die Mutter, und die konnte selbst die beste Oma nicht ersetzen. Trotzdem würde sie alles tun, um die schmerzliche Lücke etwas zu schließen.

 

 

3. Kapitel

 

Die Sonne lag außerhalb des Ortskerns auf einem großen Grundstück, flankiert von hohen, alten Fichten. Das Haus war nicht sehr groß. Es machte einen sehr gepflegten, behaglichen Eindruck, der jeden Gast zum Verweilen einlud.

»Das muss es sein«, vermutete Marti Seehäuser und deutete auf das Gebäude, in dessen Dach ein großes Loch gähnte.

Sein Kollege nickte und steuerte den Kleinlaster die Straße hinauf. »Sieht nach einer Menge Arbeit aus«, meinte er.

Maria Hofer war froh, die beiden Männer von der Firma Grauner zu sehen. Am liebsten wäre es ihr gewesen, sie hätten sich sofort an die Arbeit gemacht, doch sie lehnten bedauernd ab.

»Wir können das Loch höchstens notdürftig, abdecken«, bemerkte Peter Feichtner. »Das meiste müssen wir von draußen machen, und dafür brauchen wir ein Gerüst. Das aber kommt nicht vor einer Stunde. Die Jungs sind völlig überfordert. Ihr Haus ist nicht das Einzige, das es erwischt hat, Frau Hofer.«

Die Besitzerin der Sonne verstand.

»Brauchen Sie mich denn?«, fragte sie. »Ich habe meiner Enkelin nämlich, etwas versprochen.«

Der andere Dachdecker sah seinen Kollegen an und zuckte mit den Schultern.

»Wir können nicht genau sagen, was alles zu tun ist«, gab er zu bedenken. »Der Chef reißt uns den Kopf ab, wenn wir etwas tun, was Sie nicht genehmigen.«

Maria Hofer seufzte. Sie sah die Notwendigkeit ihrer Anwesenheit ein, aber sie wollte Sarah auch nicht enttäuschen.

»Ich weiß schon«, murmelte die Kleine, als sich die Großmutter zu ihr hinunterbeugte. »Es geht net, dass wir zum Spielplatz gehen. Macht ja nichts, Omi. Vielleicht ein anderes Mal.«

So tonlos und scheinbar gleichgültig, wie die Kleine das sagte, es traf Maria Hofer bis tief ins Herz. Ein normales Kind, das seinen Willen nicht bekam, reagierte in einer solchen Situation ganz anders.

Sarah musste schon zahllose Enttäuschungen dieser Art miterlebt haben, sonst hätte sie sich nicht derart passiv verhalten.

»Nix da«, widersprach die Großmutter. »Was ich versprochen hab, das halt ich auch. Wo kämen wir denn hin, wenn ein Versprechen nix mehr gilt? Ich habe eine Idee. In Ordnung, Herr Feichtner, decken Sie das Loch im Dach erst einmal provisorisch ab. Wenn etwas Besonderes sein sollte, finden Sie mich in der Küche.« Sie wies auf die Tür hinter der kleinen Theke.

Der Dachdecker nickte und verließ den Essraum.

Sarah schaute überrascht auf. Ihre Augen strahlten vor Freude. »Dann gehen wir doch zum Spielplatz und hinterher zu den Ponys?«, fragte sie.

»Pass auf, Kind«, erwiderte Maria Hofer schwungvoll, »wir schlagen jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich bleib hier, bis alles mit dem Dach geklärt ist, und du und die Marga, ihr geht schon mal vor und esst drüben bei der Vroni im Roten Hirsch einen riesigen Eisbecher. Die Vroni macht nämlich das beste Eis im ganzen Tal, musst du wissen. Danach gehst du mit der Marga zum Spielplatz, und ich komm nach, so rasch ich kann.«

Sarah überlegte. Sofort antworten mochte sie wohl nicht, denn sie kannte Marga Hasslinger nicht so gut, und auch das Zimmermädchen schien von dem Vorschlag nicht besonders begeistert zu sein.

»Aber … aber …«, meinte sie stockend, »es gibt eine Menge zu tun. Es geht net!«

»Und warum geht’s net?«, wollte Maria Hofer wissen. »Du bekommst von mir einen halben Tag Sonderurlaub. Ist das nix? Und außerdem dachte ich immer, du magst Kinder.«

Marga schluckte und wischte sich die feuchten Hände an der Schürze ab. Sie zwang sich zu einem Lächeln, das sie Sarah schenkte, die noch immer ein wenig skeptisch dreinblickte.

»Ja natürlich«, meinte sie stockend. »Aber, Sie müssen wissen, dass ich …«

»… darauf gar net vorbereitet bin und keine Zeit hab, mich herzurichten«, vollendete Maria Hofer lächelnd. »Du sollst auch net zu einem Rendezvous gehen, sondern mit der Sarah zum Spielplatz, Eis essen und ihr ein wenig die Gegend zeigen, wenn sie mag. Also los, Marga! Geh ins Bad und mach dich zurecht. Eine Viertelstunde hast du Zeit.«

Marga gehorchte der mütterlich-strengen Aufforderung und verschwand aus dem Gastraum.

Maria Hofer und die kleine Sarah waren allein.

»Wohnt die Marga bei dir, Omi?«

»Nein, eigentlich net«, erwiderte die Maria. »Aber sie hat oben unter dem Dach eine kleine Kammer, wo sie sich mittags ausruhen kann, wenn sie will. Manchmal schläft sie auch über Nacht hier, wenn’s am Abend nach größeren Feiern zu spät ist, um heimzugehen.«

»Magst du die Marga?«, fragte die Kleine neugierig.

»Ja, schon«, gestand Maria Hofer. »Sie ist ein ganz liebes Madl und sehr fleißig und zuverlässig.«

»Ich mag sie auch, glaub ich«, fand Sarah ernsthaft.

»Komm, wir beide setzen uns noch ein bisserl auf die Barhocker«, schlug die Großmutter vor und hob das Mädchen auf einen der runden Sitze vor der Theke. »Marga wird sich ganz bestimmt beeilen. Sie ist gleich wieder da.«

Sarah betrachtete ihre Oma. Eine Frage schien ihr auf der Zunge zu brennen, doch sie schwieg.

»Na«, meinte Frau Hofer schmunzelnd, »du hast doch etwas auf dem Herzen. Das seh ich deiner Nasenspitze an. Also, heraus damit, Schatzerl.«

Unwillkürlich griff sich das Mädchen an die Nase, als könnte es die Behauptung auf diese Art und Weise überprüfen.

»Kann man das wirklich sehen?«, fragte es verwundert.

»Omas sehen alles. Weißt du das net?«, erklärte Maria Hofer im Brustton der Überzeugung. »Also, um was geht es? Deiner Oma kannst du es ruhig sagen.«

Sarah nickte heftig, dann aber kam die Frage etwas stockend und unsicher über die Lippen.

»Die Marga ist aber sehr traurig, net wahr? Ist sie krank, Omi?«

Maria Hofer schüttelte den Kopf.

»Nein, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Schatzerl«, bemerkte sie beruhigend. »Nur, weißt du, bei den Erwachsenen ist’s manchmal viel komplizierter als bei euch Kindern. Die Marga hat vor ein paar Jahren einen jungen Mann kennengelernt, den sie sehr lieb hat. Und trotzdem sind sie net mehr zusammen. Deshalb ist sie so traurig. Aber bald wird’s wieder besser werden.«

Sarah nickte nachdenklich.

»Dann ist es ja genauso wie mit dem Papa und der Mama«, sagte sie. »Der Papa hat die Mama auch noch unheimlich lieb, glaub ich, aber sie ist einfach weggegangen und kommt net wieder.«

Die alte Frau schluckte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Gespräch diese Richtung nehmen würde, und fühlte sich etwas überrumpelt.

»Vielleicht ist es so, vielleicht aber auch net«, erwiderte sie und war froh, dass Marga auftauchte. »Ach, da kommt ja deine Begleitung für den ersten Tag«, scherzte sie und war froh, den schmerzlichen Dialog nicht weiter fortführen zu müssen.

Insgeheim aber schalt sie sich einen Feigling, denn sie wusste nur zu gut, dass dieses Thema Sarah wohl Tag und Nacht beschäftigte. Und nun hatte selbst die eigene Oma die Flucht vor der Wahrheit ergriffen.

»Von mir aus können wir losgehen«, meinte Marga. »Ich bin fertig.«

»Eine Meisterleistung«, lobte Maria Hofer. »Schau, Sarah, du vollbringst wahre Wunder.« Sie lachte und überspielte damit ihre Unsicherheit.

Marga hatte sich ein frisches Dirndl angezogen und sich das dunkle Haar zum Zopf geflochten.

»Wollen wir gehen?«, fragte sie und reichte Sarah die Hand.

»Na, dann ab mich euch beiden zum Spielplatz. Schaut, die Sonne lacht und wartet auf euch. Ich komm so schnell wie möglich nach, wenn die Mannsbilder mit ihrer Arbeit fertig sind.«

Maria Hofer drückte der jungen Frau mit einem freundlichen Zwinkern einen Geldschein in die Hand und begleitete sie nach draußen.

»Aber du kommst ganz bestimmt nach?«, fragte Sarah zweifelnd, als wollte sie nicht so recht glauben, was die Großmutter gesagt hatte.

»Ehrenwort!«, gelobte Maria Hofer. »Darauf kannst du dich verlassen, Schatzerl.«

Die Kleine nickte. In ihren Augen aber verblieb ein Funken Misstrauen, der nicht weichen wollte.

 

 

4. Kapitel

 

»Hallo, Oma!«, rief Sarah und sprang von der Bank auf, als sie die grauhaarige. Frau entdeckte. Erfreut winkte, sie und rannte ihr entgegen. »Da bist du ja endlich!«

Maria Hofer nahm ihr Enkelkind in die Arme und drückte es fest an sich.

»Ja, es ging rascher, als ich geglaubt hab. Na, hab ich mein Versprechen gehalten?«, fragte sie gut gelaunt.

»Hast du«, bestätigte Sarah ernsthaft. »Komm, die Marga sitzt da hinten. Wir haben ganz toll zusammen gespielt, aber jetzt ist die Marga ein bisserl müde, hat sie gesagt. So ist das mit den Erwachsenen halt. Immer sind sie müde und können net mehr.«

Maria Hofer lachte herzlich und nahm Sarah bei der Hand. Es tat gut, durch diese Berührung tiefe Vertrautheit zu spüren. Es war lange her, dass sie so etwas empfunden hatte.

»Hallo, Frau Hofer«, grüßte Marga lächelnd. »So bald haben wir Sie gar net erwartet. Waren die Handwerker diesmal schneller, als man gewohnt ist?«

Ihre Chefin nickte schmunzelnd. »Wunder gibt es eben immer wieder. Was sollen wir als nächstes tun? Wie wär es mit einem kleinen Spaziergang zum Waldrand rauf? Wenn wir Glück haben, sehen wir vielleicht ein paar Rehe oder ein Eichhörnchen. Na, wer ist dagegen?«

»Keiner!«, rief Sarah mit roten Wangen und strahlenden Augen.

Die beiden Frauen zwinkerten sich heimlich zu. Es bedurfte keiner Worte, denn jeder konnte sehen, dass es Sarah in Friedmoos gefiel. Für ein paar Stunden hatte sie ihren Vater und den damit verbundenen Kummer vergessen.

Sie ließen den Spielplatz hinter sich und folgten eine halbe Stunde lang dem Weg, der durch blühende Wiesen parallel zum Waldrand führte.

Angesichts des Königsteins mit seinen dunklen Tannenwäldern, die fast bis zum Gipfel reichten, gingen sie stetig bergan, aber da der Weg nicht sehr steil war, hatten sie kaum Mühe.

»Schau, von hier aus kannst du unser Haus sehen«, sagte Marga zu der Kleinen und deutete ins Tal hinab. »Siehst du die Sonne

Sarah nickte eifrig.

»Hier oben ist es so schön, Omi«, bemerkte sie dann leise. »Viel schöner als in der Stadt.«

Maria Hofer lächelte gütig. »Deshalb hab ich auch nie von hier weg gewollt, Schatzerl«, erwiderte sie und hockte sich neben das Kind. »Dort droben beim Kaiserkopf bin ich übrigens geboren. Siehst du den grauen Felsen neben der Schlucht und die kleine Almhütte? Das war früher als Kind mein Zuhause.«

Sarah war offensichtlich beeindruckt.

Maria Hofer empfand so etwas wie einen Schauer. Hier oben hatte man das Gefühl, Gott näher zu sein als anderswo. Manchmal kam es ihr vor, als würden einem Menschen angesichts der Schönheit der Berge die Sorgen und der Kummer leichter.

Als sie die nächste Weggabelung erreichten, blieb Sarah stehen.

»Ich bin müde«, gestand sie, »und die Füße tun mir auch weh. Können wir zurückgehen?«

Maria Hofer wechselte einen kurzen Blick mit Marga. Der jungen Frau erging es offenbar nicht viel anders. Sie hingegen hätte noch stundenlang durch die Berge bis ins Königsteintal laufen können.

Die Kleine war es jedoch leid geworden, Käfer zu beobachten, nach Eichhörnchen und Rehen Ausschau zu halten und die Erwachsenen mit Fragen zu löchern.

»Ich hab Hunger, Omi«, ergänzte Sarah, »und Durst hab ich auch. Wie weit ist es denn jetzt bis ins Dorf?«

Maria Hofer schmunzelte. Sie hatte schon seit einer Weile mit solchen Fragen gerechnet.

»Siehst du dort unten den Kirchturm?« Sie zeigte ins Tal hinab. »Dahin müssen wir. Solange musst du schon noch warten.«

»Das ist aber weit«, klagte Sarah.

»Ach, so schlimm wird’s schon net werden«, behauptete Marga Hasslinger aufmunternd. »Lauf einfach vor! Da unten wächst ein großer Strauch mit bunten Blüten. Da siehst du garantiert ganz viele Schmetterlinge.«

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Titel: Das zerronnene Glück - Sechs Heimat-Romane