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Mord hat Hauptsaison 6 - 5 Krimis in einem Band

2020 523 Seiten

Zusammenfassung

Ein Serienmörder aus San Antonia verlegt sein Jagdgebiet nach New York. Grund genug, das FBI zu beauftragen. Gemeinsam mit einem Kollegen aus San Antonio versuchen sie, dem Killer das Handwerk zu legen. Doch je weiter sie sich in den Fall hineinknien, umso weniger passen die Spuren zusammen. Was geschah wirklich in San Antonio. Ein Besuch bei den Kollegen dort bringt seltsame Erkenntnisse …
Dieser Krimi EIN KILLER OHNE GEDÄCHTNIS und vier weitere sind in diesem Band vereint.

Dieser Band beinhaltet folgende Krimis und Thriller:
› Mörder ohne Gedächtnis
› Das dunkle Geheimnis der Witwe
› Sizilianische Methoden
› Das entführte Mädchen
› Atomare Erpressung

Leseprobe

Table of Contents

Mord hat Hauptsaison

Mörder ohne Gedächtnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Das dunkle Geheimnis der Witwe

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Sizilianische Methoden

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

Das entführte Mädchen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

Atomare Erpressung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

Mord hat Hauptsaison

 

 

Krimi-Sonderedition Band 6

 

 

5 Romane in einem Band

 

von Manfred Weinland

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash und Kathrin Peschel, 2020

Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Krimis und Thriller:

 

› Mörder ohne Gedächtnis

› Das dunkle Geheimnis der Witwe

› Sizilianische Methoden

› Das entführte Mädchen

› Atomare Erpressung

 

 

***

 

 

Mörder ohne Gedächtnis

 

 

Ein Serienmörder aus San Antonia verlegt sein Jagdgebiet nach New York. Grund genug, das FBI zu beauftragen. Gemeinsam mit einem Kollegen aus San Antonio versuchen sie, dem Killer das Handwerk zu legen. Doch je weiter sie sich in den Fall hineinknien, umso weniger passen die Spuren zusammen. Was geschah wirklich in San Antonio. Ein Besuch bei den Kollegen dort bringt seltsame Erkenntnisse …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

New York City, Freitag, 15. Oktober

Zum ersten Mal, seit Faye ihrer inneren Stimme gehorchte, fühlte sie sich verfolgt. Wirklich verfolgt. Es war nicht bloß ein vorübergehendes Hirngespinst.

Begonnen hatte es am Abend, als sie ihre kleine Wohnung im südlichen Manhattan verlassen hatte, um die nächste Bewährungsprobe zu absolvieren. Sie war eine Frau in Männerkleidung.

Es war wie ein Zwang für sie, Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen. Die Angst, entlarvt zu werden, war quälend und erregend zugleich.

Als ihr eine fremde Frau plötzlich auf die Schulter tippte, um nach Feuer zu fragen, geriet sie in Panik. Sie hetzte aus der schummrigen Kneipe hinaus in den Nebel, der aus der Bucht herüberzog.

Plötzlich geschah etwas, das ein unerwartet erhabenes Gefühl in ihr auslöste: Die volle Scheibe des Mondes schob sich langsam aus dem Schatten eines Wolkenkratzers und vermischte ihr fahles Licht mit der künstlichen Beleuchtung der Stadt.

Faye hätte stundenlang hoch starren können, aber dann wurde ihr kalt. Sie strich sich über die mit Brillantine gebändigten, streng gescheitelten Haare und setzte sich in Bewegung.

Ihr dunkler Lodenmantel flatterte. Der Nebel waberte kniehoch. Sie nahm verkehrsarme Seitenstraßen, um nach Hause zu gelangen. Auch das gehörte zu ihrer täglichen Lektion, obwohl Manhattan nicht die Bronx war, wo man, zumal als Frau, um diese Zeit allein unterwegs, automatisch um sein Leben fürchten musste. Und außerdem – Faye kicherte mit gekünstelter Belustigung – war sie keine Frau!

Eine Zeitlang hatte sie den Verfolgungswahn verdrängen können. Aber nun, als sie eine Hinterhofszenerie, nur noch einen Straßenzug von daheim entfernt, durchschritt, änderte sich dieses wieder schlagartig. Bestürzt erkannte sie, dass heute alles anders war, als an den Abenden davor, wenn sie mit dem Feuer gespielt hatte. Das vertraut gewordene Kribbeln, das süchtig machte, blieb aus. Dafür kam panische Angst über sie, als ihre Schuhe mit hartem Klang den Asphalt überbrückten.

Bisher hatte sie geglaubt, alles im Griff zu haben. Sie hatte ihre Möglichkeiten ausloten wollen in dieser kalten Männerwelt. Zu diesem Zweck befand sich eine geladene Pistole in ihrer Manteltasche. Ein Stück Sicherheit. Tödlich, wenn es gar nicht anders ging.

Natürlich war das Selbstbetrug. Wie ihr ganzer Versuch, die Wirklichkeit zu überlisten. Sie hatte noch nie eine Waffe auf einen Menschen gerichtet, geschweige denn abgedrückt.

Zitternd blieb sie stehen.

Der Mond blinzelte höhnisch zu ihr herab.

Ängstlich lauschte sie, ob sie Schritte eines Verfolgers hören konnte. Nichts. Wenn es ihn gab, bewegte er sich auf leisen Sohlen.

Eine Vorstellung, die ihr das Herz bis zum Hals schlagen ließ. Sie sah die Schlagzeilen schon vor sich. Die Regenbogenpresse würde sich wie die Geier auf diesen bizarren Stoff stürzen.

Morgen, dachte Faye. Morgen gehe ich zum Psychiater. Es hat so keinen Sinn mehr. Ich kämpfe gegen Windmühlen.

Sie setzte ihren unterbrochenen Weg fort. Aus den Augenwinkeln sondierte sie die Umgebung. Linker Hand brannte ein offenes Metallfass. Penner, die sich daran wärmten, waren nicht zu entdecken.

Sie beobachten dich aus dem Verborgenen, liegen auf der Lauer!

Faye ging schneller. Schließlich rannte sie. Rannte, wie von Furien gehetzt.

Als sie im Aufzug ihres Mietshauses nach oben fuhr, war sie schweißgebadet. Aber sie glaubte, es geschafft zu haben. Morgen war ein neuer Tag. Sie würde sich auf eine bequeme Couch legen und mit fremder Hilfe lernen, die veränderte Situation zu meistern. Sie würde …

Ein Ruck ging durch den Aufzug. Er schlingerte in seiner Führung und bremste dann mitten in der Fahrt hart ab.

Das Licht der Innenbeleuchtung flackerte, setzte aus, kam wieder – und setzte endgültig aus.

Sekundenlang war Faye wie erstarrt, unfähig zu reagieren.

Dann kramte sie ein Feuerzeug aus der Manteltasche und war verblüfft, als sie stattdessen die Pistole herauszog. Hastig steckte sie sie wieder weg. Dann flammte das Feuerzeug auf. Faye rüttelte an der Tür, obwohl sie von vornherein wusste, dass es sinnlos war.

Stromausfall.

Sie drückte den roten Alarmknopf.

Die Stille blieb so erdrückend wie vorher. Faye wusste nicht, ob auch der Alarm versagte, oder ob das Signal nur hörbar in der Hausmeisterwohnung losschrillte. Sie hoffte letzteres und drückte weiter. Zwischendurch flackerte erneut die Neonröhre auf und erlosch wieder.

Faye klopfte mit der flachen Hand gegen die Kabinenwand und rief um Hilfe.

Nach ein, zwei Minuten stellte sie ihre Bemühungen ein. Niemand schien sie hören zu können.

Als sie erneut ansetzten wollte, lenkte sie ein Geräusch von oben ab. Es hörte sich an, als würde etwas auf die Kabinendecke fallen und darüber hinwegschaben.

Fast gleichzeitig erklang das Flüstern.

»Endlich! Wo hast du so lange gesteckt? Endlich!«

Es klang blechern. Es klang – entsetzlich.

Eine männliche Stimme.

Faye presste sich mit dem Rücken gegen die Wand. Das Feuerzeug wurde heiß. Mit einem Aufschrei ließ sie es fallen. Das Geräusch, als es auf den Boden schlug, klang ähnlich wie das andere, Sekunden vorher.

Faye winkelte die Arme gegen die Brust, holte Atem und brüllte wie am Spieß. Das ganze Haus musste davon aufwachen. Musste …

»… so lange nach dir gesucht …«, hörte Faye gerade noch. Sie verstummte. Die Pistole fiel ihr ein. Fahrig zerrte sie die Waffe aus der Tasche und richtete den Lauf zur Decke. Es war wieder stockfinster. Die leiernde Stimme war verstummt. Minutenlang fieberte Faye der nächsten Lautäußerung entgegen. Längst klebte jeder einzelne Stofffetzen an ihrer Haut. Ein Psychopath, dachte sie. Ein verdammter Schweinehund auf Frauenjagd.

Schluchzend erkannte sie, dass sie es jetzt selbst schon durcheinander warf. Mann … Frau …

Dann hämmerte plötzlich jemand so nahe bei ihr von draußen gegen die Wand, dass sie fast zu Tode erschrak.

Eine Stimme rief: »Ist da jemand drin?«

Eine normale Stimme.

Oder – eine List? Faye war mit ihren Nerven am Ende. »Ja«, rief sie belegt, räusperte sich und schrie: »Jaaa!« Minuten später setzte sich die Kabine in Bewegung und fuhr zur nächsten Etage.

Draußen hatten sich mehrere Bewohner des Hauses versammelt, die Faye mehr schlecht als recht kannte. Unter ihnen war auch der Hausmeister.

»Haben Sie so geschrien?«, fragte er rhetorisch. »Wer sind Sie? Ich habe Sie noch nie hier gesehen.«

Faye begriff. Er erkannte sie nicht in der Männerkleidung. Sie wankte nach draußen, an ihm vorbei. »Benachrichtigen Sie die Polizei«, flehte sie.

»Die Polizei?«

»Bitte!«

Dann brach sie zusammen.

 

 

2. Kapitel

 

Montag, 18. Oktober

Diane Skelton fand keinen Schlaf. Immer wieder richtete sie sich auf ihrer Bettcouch auf und suchte die roten Augen der Digitalanzeige in der Dunkelheit.

23:04!

Dann 00:12!

Fast im Stundentakt sah sie auf die Uhr. Sie bereute längst, sich auf dieses Abkommen eingelassen zu haben. Zuhause hätte sie jetzt in aller Seelenruhe in die REM-Phase ihres Schlafes gleiten können. Rapid Eye Movement nannten die Fachleute den Zustand, wenn die Phase des Augenflimmerns begann – der Moment, ab dem man zu träumen anfängt.

Daran war hier nicht zu denken. Mal döste sie kurz ein, mal schreckte sie durch irgendein Geräusch auf. Morgen früh würde sie wie ihr eigener Schatten hinter dem Bankschalter stehen und im Spiegel »Hallo, Fremde!« zu sich sagen können.

Es war kurz vor halb zwei, als sie endlich Geräusche an der Tür hörte. Sie hatte die Zimmertür zum Flur einen Spalt offengelassen. Ein Schlüssel wurde im Türschloss gedreht. Gleich würde die Tür des Apartments aufschwingen, würden vertraute Schritte über den Dielenboden huschen.

Alles kam anders. Die Zeugin auf der Bettcouch erlebte ihre REM-Phase inklusive Alptraum bei wachem Bewusstsein und ohne im Geringsten darauf vorbereitet zu sein.

Es begann mit einem überraschten, halblauten Schrei, der sich ins Öffnungsgeräusch der Wohnungstür mischte und sofort erstickt wurde. Jemand – etwas – stolperte herein, warf die Tür hinter sich ins Schloss. Ein klatschender Ton, als würde jemand geschlagen. Wimmern. Erneut ein abgehackter, spitzer Schrei. Wieder ein Schlag. Etwas polterte zu Boden. Dann herrschte sekundenlange Stille, ehe ein schleifendes Geräusch zum Bad hin wanderte.

Auch die dortige Tür wurde aufgestoßen.

Kurz darauf erklangen gurgelnde und hustende Laute, die in verzweifeltes Röcheln übergingen.

Die Zeugin kauerte gelähmt auf dem Sofa. Ihr Puls raste. Alles war anders als in hundert Gedankenspielen davor. Sie konnte nicht aufstehen.

Sie war starr vor Angst. Unbewusst hatte sie einen Deckenzipfel an sich gerissen und knetete nun daran herum, während der Widerstand zwei Türen weiter nach und nach leiser wurde, unwiederbringlich erlosch.

 

 

3. Kapitel

 

Samstag, 23. Oktober

Kriminalreporter Prewitt hob die Brauen und fragte: »Was hat das FBI mit der Mordsache Dellaware zu tun? Gibt es etwas, was mir mein Spürnäschen noch nicht verraten hat, ich aber wissen sollte?«

Ich ließ alles offen, indem ich ihn damit abspeiste, dass nichts von dem, worin wir momentan stöberten, spruchreif war. Für die Öffentlichkeit schon gar nicht. Ich sagte es höflich, da ich Prewitt gut genug kannte, um ihn als verantwortungsbewussten Vertreter seiner Zunft einschätzen zu können. Wir kamen in der Regel gut miteinander aus. Nicht selten hatte er uns hilfreiche Tipps zugespielt, woran wir auch in diesem Fall interessiert waren.

Leland Reinard, der Leiter unserer Presseabteilung, hatte uns darauf aufmerksam gemacht, dass die informationsträchtigsten Zeitungsberichte im spektakulären Mordfall Faye Dellaware aus der Feder unseres alten Bekannten stammten.

Was lag näher, als sich an ihn zu wenden, noch ehe wir uns, wie üblich, mit der Mordkommission der City Police um Zuständigkeiten streiten mussten.

Wir hatten uns privat bei ihm zu Hause angemeldet, und es war ein Glücksfall, ihn überhaupt anzutreffen. Manche verglichen ihn mit einem Nomaden. Er wechselte seinen Wohnsitz innerhalb der Stadtgrenzen ungefähr so häufig wie andere ihre Kreditkarten. Die Umtriebigkeit, die ihn im Beruf auszeichnete, ließ ihn offenbar auch privat nicht ruhen.

»Womit kann ich dienen?«

Milo spielte mit der klapprigen alten Schreibmaschine, die Prewitts Schreibtisch wie ein dekoratives Museumsstück zierte. Das eingespannte Blatt Papier, bereits halb vollgeschrieben, bewies jedoch die volle Funktionstüchtigkeit. Im Zeitalter der Schreibcomputer, Laptops und Notebooks schien Prewitt einer der letzten Dinosaurier mit Hang zum Traditionellen zu sein. Ein konservativer Mann mit Prinzipien, Old Neville in unserem Archiv wesensverwandt, nur merklich jünger.

»Du warst in der Wohnung des Opfers«, sagte ich. »Du hast sie persönlich direkt nach der Tat gesehen. Damit bist du uns weit voraus. Wir können uns günstigenfalls noch in der Gerichtsmedizin einen vagen Eindruck verschaffen.«

»Das kann man nicht vergleichen.« Prewitt nickte und nippte an einer Tasse, in der sich nach eigenen Angaben Kaffee befinden sollte. Er hatte uns davon angeboten, aber über das Probieren waren wir nicht hinausgekommen. Das Zeug schmeckte einfach grässlich.

»Eben«, nickte ich. »Erzähle uns einfach, welche Eindrücke du hattest.«

»Und ihr wollt mir nicht mal andeuten, was euch die Sache angeht?« Milo und ich schüttelten einträchtig die Köpfe. Ein anderer hätte danach auf stur geschaltet. Prewitt kannte die Spielregeln und sprudelte los.

»Eine wirklich verrückte Geschichte: Das Opfer, Faye Dellaware, war nach Angaben der Mitbewohner des Hauses eine ruhige, unauffällige, kleine Bankangestellte, die bis vor Kurzem nie aus der Rolle fiel.«

Wir hatten Andeutungen darüber aus seinem Artikel entnommen und nickten auffordernd.

Prewitt warf einen Blick auf den kauzigen Kalender mit Karikaturen stadtbekannter Persönlichkeiten über seinem Schreibtisch. »Vor einer Woche«, fuhr er fort, »in der Nacht von Freitag auf Samstag, muss sie ein höchst schockierendes Erlebnis gehabt haben. Das ganze Haus wurde aus dem Schlaf gerissen. Der Hauslift mit ihr allein als Passagier blieb etwa um Mitternacht zwischen zwei Etagen stecken. Nachdem man ihre Schreie gehört und sie befreit hatte, verlangte sie nach der Polizei und behauptete felsenfest, während ihres Zwangsaufenthaltes im Aufzug von einer unbekannten Stimme bedroht worden zu sein. Zumindest empfand sie die Flüsterungen als Drohungen.«

»Davon stand nichts in den Berichten«, sagte Milo. »Worum ging es dabei?«

Prewitt lächelte. »Das brachte sie nicht mehr so genau auf die Reihe. Jemand behauptete wohl, nach ihr gesucht und sie nun endlich gefunden zu haben. In völliger Dunkelheit – es herrschte Stromausfall – und eingeschlossen in zwei Quadratmetern kann man schon mal der Panik verfallen und halluzinieren – sollte man meinen.«

»Sollte man meinen?« Ich sah ihn fragend an.

Er nickte. »Die herbeizitierten Cops sahen das Ganze offenbar auch so. Sie waren vom zweiundsiebzigsten Revier. Der Umgang mit ihrem Dienststellenleiter O’Conners scheint ihrer Phantasie nicht gerade zuträglich gewesen zu sein. Sie zogen nicht einmal in Betracht, dass es die Stimme tatsächlich gegeben haben könnte. Nun, hinterher ist man immer schlauer. Der tags drauf geschehene Mord wirft wohl ein anderes Licht darauf.«

Da wir Captain O’Conners gut kannten, stellten wir keine Zwischenfragen. Das 72. Revier war fest in irischer Hand und damit ein Völkchen für sich.

»Erklärend muss man sagen, dass Faye Dellaware in dieser Nacht nicht als Frau aus dem Aufzug stiefelte. Aber das müsstet ihr inzwischen wissen. Sie war als Mann verkleidet. Die Zeugenaussagen stimmen in diesem Punkt alle überein. Und auch als man sie ermordet auffand, war sie wieder als ganzer Kerl gestylt.«

»Sie war demnach ein Transvestit?«, fragte ich.

»So genau konnte das bislang nicht in Erfahrung gebracht werden. Zumindest nicht von mir. Es gibt da eine Freundin, die es wissen müsste, aber die hat jede Stellungnahme gegenüber der Presse verweigert.«

»Sah sie wirklich so übel zugerichtet aus, wie das Protokoll es behauptet?«, fragte Milo.

»Übler«, erwiderte Prewitt. Er zündete sich eine Zigarette an und bot uns auch welche an. Milo lehnte ab, ich nahm an.

Während der Rauch das Zimmer füllte, schilderte uns der Reporter, was er unter »übler« verstand. Demnach hatte Faye Dellawares Mörder ihr zunächst mit einem scharfen Gegenstand – vermutlich einem Rasiermesser – die Kehle durchschnitten, dann das Gesicht systematisch verstümmelt. Nur das Gesicht. Der sonstige Körper wies keinerlei Verletzungen auf.

»Ging sie heimlich auf den Strich?«, fragte Milo.

»Darüber scheiden sich die Geister. Stichhaltige Beweise liegen nicht vor. Aber ein geistesgestörter Freier wäre natürlich eine elegante Lösung. Glaubte ich bisher jedenfalls. Nun, da ihr euch dafür engagiert, sehe ich das etwas anders.«

»Geheimnisse lieber noch nicht zu viel hinein«, riet ich ihm. »Am Ende wärst du enttäuscht. Wir stehen selbst noch ganz am Anfang.«

»Und ihr wollt mich wirklich am ausgestreckten Arm verhungern lassen?« Prewitt entkräftete mit einem Lächeln selbst seine Mitleidstour. »Nicht mal ein klitzekleiner Tipp?«

Wir ließen uns weder blenden noch erweichen. Nachdem wir die Fakten aus dem Protokoll noch einmal mit ihm durchgegangen waren und wenig neue Erkenntnisse gewonnen hatten, verabschiedeten wir uns und wollten weiter zur Police Plaza 226 fahren, wo die City Police ihre Fäden zog.

Doch als Prewitt uns zur Tür brachte und aufmachte, fiel ein Schuss, der ihn tief in die Wohnung zurückstieß und mit einem dumpfen Laut gegen die Kommode krachen ließ. Mit ausgebreiteten Armen glitt er an der Wand zu Boden und hinterließ eine blutige Spur.

Das Blut ahnte ich mehr, als ich es sah, denn ich war bereits unterwegs. Als eingespieltes Team brauchten Milo und ich keine langen Absprachen. Ein kurzer Blickwechsel genügte. Milo blieb zurück, um sich um Prewitt zu kümmern und die Ambulanz zu verständigen.

Als er sich über den Kriminalreporter beugte, spuckte meine Waffe schon heißes Blei. Dort, wo durch ein Fenster einfallende Sonnenstrahlen auf stumpfem Metall reflektierten, wurde ein Lauf neu ausgerichtet. Diesmal war ich das erklärte Ziel. Aber ich kam dem Schützen zuvor. Meine Kugel klatschte in den Unterputz des Treppenaufgangs und riss einen Batzen heraus.

Der Schatten hatte dort in gebückter Haltung, die Waffe im Combatanschlag, gelauert. Er zuckte nun zurück und hechelte fluchend höher.

Das Echo meines Schusses hallte geisterhaft durch das Treppenhaus des Apartmentblocks. Irgendwo klang Babygeschrei auf. Eine Frauenstimme sprach beruhigend auf das Kind ein, hart an der Grenze eigener Panik.

Ich spurtete hinterher, ohne meine Vorsicht zu vernachlässigen.

Über mir hörte ich fliehende Schritte.

Richtung Dach!

Prewitt wohnte in einem dieser vielstöckigen Apartmenthäuser, wie auch Milo und ich. Spätestens oben auf dem Flachdach musste der Heckenschütze scheitern. Es sei denn, er wäre Spiderman oder konnte fliegen.

In der fünften oder sechsten Etage hörte das Schrittgeräusch plötzlich auf. Der Kerl war stehengeblieben. Ich hielt ebenfalls inne und bewegte mich danach nur noch zeitlupenhaft voran.

Ich war klar im Nachteil.

Wenn mein Gegner auch nur durchschnittlich mit der Waffe umgehen konnte – und er konnte mehr, sein Schuss auf Prewitt hatte es hinlänglich bewiesen –, würde er problemlos ein Tontaubenschießen auf mich veranstalten können. Er brauchte nur auf mich zu warten. Selbst wenn er keine Möglichkeit zum Nachladen hatte, verfügte er noch mindestens über vier Schuss Munition.

Ich setzte dennoch weiter nach. Ich musste schnell sein, denn ich hatte ihn bereits in die Enge getrieben, und das machte ihn gefährlich. Unwahrscheinlich, dass er von Prewitts Besuch gewusst hatte. Das hätte er nicht riskiert; es hätte bessere Möglichkeiten für ihn gegeben. Ein paar Minuten später schon.

Er musste kurz nach uns gekommen sein und seitdem auf der Lauer gelegen haben.

Es geschah, als ich nur noch ein halbes Stockwerk von ihm entfernt war. Eng an die Wand geschmiegt, schob ich mich gerade um die entscheidende Biegung, als es über mir aufblitzte. Die Kugel rasierte mir fast die Halbtagesstoppeln in Kinnhöhe. Ich erwiderte sofort das Feuer und hetzte nach oben.

Das überraschte ihn. Er hatte offenbar erwartet, dass er mich mit dem Schuss erwischen oder zumindest zurückdrängen würde. Den Gefallen tat ich ihm nicht. Das Gesicht, das ich für einen Sekundenbruchteil sah, war gerötet. Blauschwarze Haare klebten vor Schweiß.

Das Geräusch einer aufgehenden Tür – ein dumpfer Schmerzenslaut und dann das harte Zuschlägen derselben Tür ließen mir fast das Blut in den Adern stocken.

Ich sah gerade noch die schemenhafte Bewegung in der Wohnung, die der Treppe am nächsten lag. Dann herrschte Stille. Ein, zwei Sekunden lang. Dann war es vorbei. Dann wurden weitere Türen aufgerissen.

Ich hatte Mühe, die Hausbewohner zu beruhigen und in ihre Apartments zurückzutreiben. Mit dem gezogenen Smith & Wesson stand ich da und zerrte meinen Dienstausweis heraus.

»FBI«, rief ich, äußerlich völlig Herr der Lage. Meine Entschlossenheit erstickte Widersprüche im Keim. Türen schlugen. Wieder kehrte eine fast unwirkliche Stille zurück, ehe ich mich der Wohnung zuwandte, in der der Gejagte verschwunden war.

Paolo Fudre, stand neben dem Klingelknopf.

Obwohl es fast absurd war, drückte ich diesen Knopf, hörte das Klingeln und wartete.

Als drinnen ein Schuss krachte, legte ich jede Zurückhaltung ab. Ein kräftiger Tritt genügte, und die Tür sprang auf.

Dahinter erwartete mich eine faustdicke Überraschung: Nicht der Kerl mit Haaren wie Stahlwolle stand mit rauchender Waffe über einer am Boden liegenden Gestalt – es verhielt sich genau umgekehrt.

Der Reglose war jener, den ich verfolgt hatte; der Typ mit der Waffe offenbar der Wohnungsinhaber!

Und das Schärfste war: Dieser Mensch richtete jetzt seine Waffe auf mich und krümmte sofort den Finger!

Nur mit einem Hechtsprung konnte ich mich aus der Schusslinie retten. Ich warf mich geduckt an ihm vorbei und riss ihm mit dem linken Fuß die Beine weg.

Sein Schuss ging in die Decke.

Der Rest war Formsache. Ich war schneller wieder auf den Beinen als er, kickte ihm die Waffe aus der Faust und verpasste ihm ein Paar Stahlbänder. Dann kümmerte ich mich um den am Boden Liegenden.

Der Mann, der auf Prewitt gefeuert hatte. Er war tot.

Herzschuss.

Als die von Milo alarmierten Cops auftauchten, hatte ich bereits vergeblich versucht, etwas aus Paolo herauszubringen. Er hatte auf mich gespuckt, mich aber verfehlt. Daran musste er noch feilen. Mit Herzschüssen hatte er ganz offensichtlich weniger Probleme.

Ich fand Milo unten in Prewitts Wohnung. Er hatte gerade telefoniert. Der Reporter war nirgendwo zu sehen.

»Schon unterwegs zum Riverside Hospital«, sagte Milo. »Hat ihn böse erwischt. Eine Arterie im Schulterbereich wurde zerfetzt. Ein kleiner Verkehrsstau, und er wäre verblutet gewesen, ehe die Ambulanz eintraf. So konnte er notversorgt werden. Er wird gleich operiert. Ich habe mir die Nummer des Arztes geben lassen, mit dem ich sprach. Er hält mich auf dem Laufenden. – Und bei dir?«

Ich schilderte ihm, was passiert war.

Kopfschüttelnd fragte er: »Was war das jetzt eigentlich? Klapsmühle live?«

»So ähnlich«, erwiderte ich schulterzuckend. »Prewitt müsste wissen, warum auf ihn geschossen wird. Da wir ihn vorläufig nicht fragen können, müssen wir unsere berechtigte Neugierde zurückstellen. Das gleiche gilt für Paolo Fudre. Vielleicht haben andere mehr Glück und Muße beim Verhör.«

»Und jetzt?«

»Jetzt machen wir das, was wir ohnehin vorhatten – und was mit diesem Blutvergießen mit Sicherheit nichts zu tun hat«, sagte ich.

 

 

4. Kapitel

 

Der Leiter der Mordkommission Manhattan Süd, Detective Lieutenant Harry Easton, empfing uns in der obligatorischen Gegenwart seines Stellvertreters Detective Sergeant Ed Schulz.

»Mr. McKee hat uns bereits in Kenntnis gesetzt«, erklärte Easton zum Auftakt. Sein Bürstenhaarschnitt wirkte runderneuert. »Ich weiß aber noch nicht, ob ich mich darüber freuen oder grämen soll.«

»Ein Mann wie Sie«, lächelte Milo ihn an, »wird an einer solchen Frage nicht scheitern. Da sind wir uns sicher, nicht wahr, Jesse?«

Da »Cleary«, wie er intern auch genannt wurde, ihn kannte, nahm er die Bemerkung nicht übel. Nur sein »Teck« Schulz schnaubte leise. Aber der Zwei-Meter-Riese, von Milo treffsicher als »Clearys Schatten« tituliert, beherrschte sich und seinen Unmut.

Ich ließ mich in das Geplänkel nicht einbeziehen. »Dann wissen Sie ja, dass wir nicht aus eigenem Antrieb kommen, sondern Marionetten unserer feschen Lola sind.«

»Der Schwarzen Lola.« Easton kannte den Kosenamen unseres FBI-Computers und nickte etwas bärbeißig. »Bald sind wir alle nur noch Marionetten – und wenn die Maschinen erst mal laufen gelernt haben, nicht einmal mehr das.«

Das klang trübsinnig, aber im Grunde seines Herzens war Easton ein optimistischer Mensch. Man musste nur die richtigen Register bei ihm ziehen. Seine Abteilung hatte die höchste Aufklärungsquote in New York. Einem Polizisten mit solchen Erfolgen blieb wohl auch gar nichts anderes übrig, als Optimismus zu verströmen.

Sein Stellvertreter schien davon noch nichts gehört zu haben. Mürrisch fragte er: »Und was hat euer Computer ausgespuckt, dass ihr plötzlich ein so großes Interesse an einem simplen Mordfall hegt?«

Wir saßen zu viert um einen kleinen Konferenztisch in Eastons Büro. Milo überflog gerade unverfroren ein paar offene herumliegende Aktenblätter, während er ablenkend äußerte: »Simpel? Der Lady fehlt das komplette Gesicht!«

»Simpel«, beharrte Schulz. »Kein Delikt, das die Bundespolizei kümmern müsste.« Easton unterstützte die Aussage seines Untergebenen, indem er verlangte: »Jetzt legt die Karten mal auf den Tisch. Schon euer Chef gefiel sich in vagen Andeutungen. Wenn wir zusammenarbeiten sollen, bedarf es ein klein bisschen mehr.« Milo und ich verständigten uns mit Blicken: Genug des Vorspiels, hieß das.

»San Antonio, Texas, vor einem Monat«, sagte ich. »Malvin Cook, zweiunddreißig, Angestellter in einem Schnellimbiss, wird in seiner Wohnung ermordet aufgefunden. Der Täter hatte ihm die Kehle durchschnitten und das Gesicht in einer Weise verstümmelt, dass die Mutter bei der Identifizierung einen Herzanfall erlitt, halb den Verstand verlor, seitdem in einer Nervenheilanstalt sitzt und der festen Überzeugung ist, ihr geliebter Sohn lebe noch – weil der Tote nicht einmal mehr annähernde Ähnlichkeit mit ihm hatte.«

Schulz schluckte.

»San Antonio, Texas, vor zwei Monaten«, sagte Milo. »Jayy Tiernan, siebenundzwanzig, Student an der Universität in Boston, gerade auf Heimaturlaub bei den Eltern, wird nachts auf dem Heimweg von einer Party auf offener Straße überfallen und in ein nahes Waldstück verschleppt, wo ihn Spaziergänger am nächsten Tag verblutet finden. Die Identifizierung dauerte eine ganze Woche, weil das Gesicht verstümmelt wurde.«

Harry Easton setzte zu einer Bemerkung an. Meine Stimme stoppte ihn.

»San Antonio, Texas, vor drei Monaten: Tyler Sandford, dreißig, Entertainer in einem seriösen Nachtklub, wird von einer Freundin im Garten seines Hauses im Ortsteil Castle Hills verstümmelt aufgefunden.«

»Das reicht!«, rief Easton.

»Wir sind auch fast fertig«, gab ich unbeeindruckt zurück.

»Ein Serientäter«, murmelte Ed Schulz. »Aber was hat unser Fall damit zu tun? Die scheinbare Übereinstimmung ist wahrscheinlich purer Zufall. New York ist nicht San Antonio!«

»Nein«, nickte Milo. »Die Wahrscheinlichkeit, dass die Morde miteinander zu tun haben, ist nicht sehr hoch. Eins gibt unserer Lola aber zu denken.«

»Und das wäre?« Easton hob die Brauen.

»Der Mordrhythmus.«

»Die Morde in Texas wurden alle im exakten Monatsabstand begangen – immer zur Vollmondzeit.«

Schulz schnipste mit den Fingern. »Ich hab’s«, spottete er, »es handelt sich um einen Vampir!«

Easton erteilte ihm einen Tadel. »Die Sache ist ernst.«

»Der Clou ist«, fuhr ich fort, »dass San Antonio für diesen Monat noch keinen Fall gemeldet hat, der ins bisherige Schema passt. Dafür wurde hier bei uns eine Tat begangen, die sich sowohl zeitlich, als auch in der Machart hundertprozentig zuordnen ließe.«

Schulz blieb am Ball. »Ihr meint, der Killer ist einfach umgezogen.«

Easton schüttelte den Kopf. »Ihr überseht dabei etwas.«

»Und das wäre?«

»Die drei Morde des Serientäters in San Antonio trafen allesamt Männer. Bei uns wurde jedoch eine Frau umgebracht …«

»… in Männerklamotten«, entkräftete Milo den Einwand. »Als Mann gestylt.« Easton verzog das Gesicht. Aber er wäre nicht Easton gewesen, wenn er keine Flexibilität besessen hätte.

»Okay«, sagte er. »Wenn ihr recht habt, handelt es sich um eine staatenübergreifende Mordserie – dann seid ihr zuständig. Bis dafür aber eindeutige Beweise vorliegen, ermitteln wir ebenfalls in dem Fall weiter.«

»Ich sehe, wir haben uns verstanden.« Milo deutete auf eine der Akten, die er erspäht hatte. »Dürfen wir nun Einblick in die Protokolle nehmen?«

Easton schob ihm die Akte zu, auf der in Großbuchstaben Faye Dellawares Name stand. »Lest sie euch durch – aber lasst sie hier.«

 

 

5. Kapitel

 

Diane Skelton hatte sich ein paar Tage Urlaub genommen und war zu ihren Eltern aufs Land gereist. Sie arbeitete in der gleichen Bank, wie Faye Dellaware es getan hatte. Dort hatten sie einander auch kennengelernt.

Wir besuchten sie in Richmond, besser bekannt unter der neueren Bezeichnung »Staten Island«. Ihre Mutter erschrak, als sie unsere Ausweise sah. »FBI?«

Wir versuchten, sie zu beruhigen. Es gelang leidlich, woraufhin sie uns durch das hübsche kleine Haus zu ihrer Tochter führte, die aussah, als hätte sie uns erwartet.

Uns oder andere Störenfriede.

Milo eröffnete das Gespräch. »Ein paar Fragen zur Mordsache Dellaware. Sie haben die Tote ja gefunden. – Sie war Ihre Freundin?«

Diane Skelton sah aus wie ein unschuldiger, blonder Engel – bildhübsch, aber ungemein schüchtern. Schon nach den ersten Worten spürten wir, dass sie uns nichts vorgaukelte, sondern tatsächlich so naiv war.

»Wir haben sogar eine Zeitlang zusammengewohnt. Aus Kostengründen. Deshalb hatte ich auch noch einen Schlüssel. Als sie nicht aufmachte …«

»Warum ging Ihre Wohngemeinschaft in die Brüche?«

»Ich sagte es schon: Aus Kostengründen.«

»Können Sie das bitte näher erläutern?«

»Faye gab ihr Geld lieber für andere Sachen aus, als Miete oder Essen zu zahlen. Das Meiste blieb immer an mir hängen. Auf Dauer kein Zustand. Ich habe mir dann ein eigenes, erschwingliches Apartment in Greenwich Village in der Nähe der Docks besorgt. Es war eine Gelegenheit.«

»Und Ihre Freundin?«

»Sie fing sich – notgedrungen – und blieb in der alten Wohnung. Allein.«

»Hat Ihre Freundschaft unter dieser Sache gelitten?«

Diane Skelton nagte an der Unterlippe und sah mich betroffen an. »Das klingt, als suchten Sie nach einem Motiv, warum ich sie umgebracht haben könnte.«

»Es klingt nur so«, beruhigte ich sie. »Wir brauchen Informationen. Sie können uns ein gutes Stück weiterhelfen.«

»Aber ich habe doch der Polizei schon alles …«

»Wir kennen die Protokolle. Dass Sie beide einmal zusammenlebten, steht nicht darin«, unterbrach Milo sie.

»Ich hielt es für unwichtig.«

»Sehen Sie«, lächelte Milo. »Vielleicht gibt es noch mehr, was Sie für unwichtig hielten. Sie wollen doch auch, dass der Täter gefasst wird.«

»Natürlich!«

»Dann unterstützen Sie uns.«

Sie senkte den Blick. »Okay.«

»Also?«

»Nein, wir blieben weiterhin eng befreundet. Ich schätze, ich war nicht nur ihre beste …«, Diane Skelton lächelte scheu, »… sondern auch einzige Freundin.«

»War sie so – schwierig?«

»Kommt darauf an, was Sie darunter verstehen.«

»Wir meinen«, mischte ich mich ein, »ihr Faible für Männer – genauer gesagt: Für männliche Attribute. Sie wussten davon?«

Diane Skelton bejahte.

»Sie hatten Schwierigkeiten mit dieser Vorliebe Ihrer Freundin?«

Erneutes, zögerliches Nicken.

»Ich würde gern mehr darüber erfahren.«

Sie schluckte krampfhaft. »Ich verstehe nicht genug davon.«

»Sie haben sich doch sicher darüber unterhalten.«

Gerade als sie sich einen Ruck geben wollte, klopfte es, und ihre Mutter kam herein, mit einem Tablett in den Händen.

»Etwas Tee und Gebäck«, sagte sie maskenhaft lächelnd. Sie stellte das Tablett auf einen Tisch in Dianes Zimmer und verschwand wieder mit einem langen Blick auf ihre Tochter.

»Ihre Eltern wissen von Fayes Tod?«, fragte Milo.

Diane nickte.

»Sie wollten uns gerade über die Hintergründe von Fayes Problemen erzählen«, erinnerte ich.

»Wer sagt, dass sie Probleme hatte?«

»Ich vermute es.«

»Sie haben recht.« Diane schenkte uns Tee ein. Er roch nach Jasmin und schmeckte entsprechend. »Es war ein Riesenproblem für sie. Anfangs hielt sie es auch vor mir geheim. Eines Tages überraschte ich sie, als sie wie ein Mann verkleidet durch die Wohnung lief. Nur in Männerklamotten – auch so frisiert und geschminkt.«

»In Ihrer gemeinsamen Wohnung?« Diane nickte.

»Könnte es sein, dass nicht nur das Geld, sondern auch solche Konfrontationen eine Rolle spielten, als Sie sich zum Auszug entschlossen?«

Sie nickte bedrückt. »Ja!«

»War sie in ärztlicher oder psychiatrischer Behandlung?« Diane schüttelte den Kopf. »Ich drängte mehrmals darauf, sich einem kompetenten Psychiater anzuvertrauen. Aber sie lehnte strikt ab. Sie wollte allein damit fertig werden, dass sie sich zwar als Mann fühlte, aber im Körper einer Frau gefangen war. Sie behauptete, sich eine Strategie der kleinen Schritte zurechtgelegt zu haben, um mit sich ins Reine zu kommen.«

»Was heißt das?«

»In den letzten Tagen trafen wir uns selten. Sie ging abends meistens allein aus. In ihrer männlichen Rolle. Sie wagte allmählich, sich auch ihrer Umwelt so zu präsentieren, wie sie sich innerlich selbst längst sah. Früher war das eines ihrer größten Probleme gewesen.«

»Hatte sie einen – sagt man nun Freund oder Freundin? Na, Sie wissen schon, was ich meine.«

Dianes Wangen röteten sich. An ihrem schlanken Hals entstand ein hektischer Fleck. »Darüber weiß ich nichts! Wirklich!«

»Haben Sie über Fayes Schockerlebnis im Aufzug miteinander gesprochen?«

»Ja.«

»Was sagte sie?«

»Sie fühlte sich schon den ganzen Abend verfolgt.«

»Konnte sie ihren Verfolger beschreiben?«

»Nein. Sie sah ihn gar nicht. Es war nur ein … Gefühl.«

Das deckte sich mit dem Protokoll der Cops.

»Und sonst? Sie muss doch nach diesem Erlebnis in noch größerer Angst gelebt haben.«

»Ich weiß nicht.«

Diane Skelton zuckte mit den Schultern.

»Überlegen Sie gut. Jede Kleinigkeit kann wichtig für uns sein.«

Sie fing an zu weinen und entzog sich damit jedem Versuch, das Thema zu vertiefen. Ich gab Milo ein Zeichen.

»Wenn Ihnen doch noch etwas einfällt, können Sie uns jederzeit anrufen.« Wir hinterließen eine Karte.

Als wir vor dem Haus in meinen Sportwagen stiegen, bewegten sich die Fenstergardinen in beiden Stockwerken gleichzeitig. Unser Abschied hatte viele Zuschauer.

»Was hältst du von ihr?«, fragte Milo auf der Rückfahrt. »Sie wirkt so rein und unschuldig, dass es fast nicht wahr sein kann. Und dennoch hatte ich das Gefühl, dass sie etwas verheimlicht. Wäre es nicht denkbar, dass sie Faye Dellaware selbst auf dem Gewissen hat? Aus Eifersucht oder anderen dunklen Motiven. Es sah nicht aus, als sei sie mit der besonderen Veranlagung ihrer Freundin fertig geworden.«

»Wir werden sie im Auge behalten«, nickte ich. Über Funk verständigten wir Warren Clymer, unseren Spezialisten für Spurensicherung, und verabredeten uns in der Wohnung der Toten. Ebenfalls über Funk ließen wir uns mit dem Krankenhaus verbinden. Wir erfuhren, dass Prewitt mit einem blauen Auge davongekommen war. Die Notoperation war glimpflich verlaufen. Etwas Ruhe, und wir würden ihn besuchen können. Vielleicht konnte er das Attentat auf sich enträtseln.

Als wir eine gute Stunde später bei der Adresse in Lower Manhattan ankamen, erwartete uns Clymer bereits vor der Tür des Mietshauses.

»Ich habe meine Marke vergessen«, erklärte er zerknirscht. »Der Hausmeister wollte mich nicht nach oben lassen. Vielleicht klappt’s mit eurer tätigen Mithilfe.«

Er war solo erschienen, gewappnet nur mit einem kleinen, aber offensichtlich schweren Spezialkoffer. Wie es aussah, wollte er sich erst einen Eindruck verschaffen, ehe er gegebenenfalls seine Mannschaft nachrücken ließ.

Der Erkennungsdienst der City Police hatte Faye Dellawares Wohnung natürlich schon auf den Kopf gestellt. Die Erkenntnisse waren einem umfangreichen, aber nicht sehr ergiebigen Bericht zu entnehmen. Ich händigte Clymer eine Kopie aus, und ihm stellten sich die Haare zu Berge.

»Das kannst du besser«, versuchte ich ihn zu motivieren. »Viel, viel besser.«

»Was kein Kunststück sein wird«, winkte er ab und verlangte auch eine Kopie des Berichts der Streife, die Tage vor dem Mord gerufen worden war, nachdem man Faye Dellaware aus dem hausinternen Aufzug befreit hatte.

Der Hausmeister zeigte sich uns gegenüber gnädiger. Fayes Apartment war polizeilich versiegelt, aber wir hatten einen richterlichen Beschluss in der Tasche, der diese Verordnung aufhob.

Die Wohnung war so klein, dass ich mir fast selbst zugetraut hätte, sie nach Spuren zu durchforschen.

Sie bestand aus einem kurzen Flur mit Garderobe, zwei Zimmern, einer Küchennische und dem Bad. Und das auf kaum mehr als vierzig Quadratmetern.

Alles war noch so, wie die Polizei es vorgefunden hatte. Die Kreidezeichnung im Bad offenbarte, wie man Faye Dellaware gefunden hatte.

 

 

6. Kapitel

 

Sonntag, 24. Oktober

Auf Mandys Schreibtisch stand ein Strauß roter Rosen in einem Wasserglas, und ihr Gesicht zeigte bei der Begrüßung einen ungewohnt verklärten Ausdruck.

»Geht gleich durch.« Sie wies zur Tür von Mr. McKees Büro. Die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, hatte sie das Kinn auf die Hände gelegt und den Blick durch die Rosenkelche hinweg in Fernen gerichtet, die nie zuvor ein Mensch gesehen hatte.

»Komm.« Milo zog mich am Ärmel an ihr vorbei. Die normalerweise obligatorische Frage, ob wir einen Kaffee wünschten, konnten wir uns abschminken. »Ob der Chef auf seine alten Tage noch…?«, frotzelte Milo, ehe wir das Allerheiligste nach kurzem Anklopfen betraten.

Die Antwort gab Mr. McKee auf seine Weise.

»Dave Brazos«, stellte er den Mann vor, der ihm gegenüber saß und irgendwann einmal unter eine Dampfwalze gekommen sein musste. Er taxierte uns mindestens so neugierig wie wir ihn. »G-Man aus San Antonio, Texas.«

Brazos’ eckiges Gesicht sah aus wie ein Scherbenhaufen, den jemand zwar engagiert, aber mit wenig Sinn fürs Feine mosaikartig neu zusammengesetzt hatte. Unwillkürlich wanderte mein Blick zu seinem Hals, in Erwartung, dort zwei stöpselartige Auswüchse a la Frankenstein zu entdecken. Narbig verheilte Nähte waren genügend zu sehen. Alles in allem wirkte er wie das lebende Beweisstück in einem Prozess gegen einen stümperhaften Schönheitschirurgen.

Wie wir erfuhren, hatte Dave Brazos direkte Weisung aus Washington von FBI-Direktor William S. Sessions erhalten, nach New York zu kommen, nachdem Mr. McKee eine entsprechende Anfrage gestartet hatte.

»Dave ist der Mann, der sich am ausführlichsten mit den San-Antonio-Morden beschäftigt hat und sich entsprechend gut auskennt. Ich habe ihn angefordert, damit er uns bei unseren Ermittlungen unterstützt. – Sie beide werden eng mit ihm zusammenarbeiten. Auf diese Weise können wir vielleicht verhindern, dass der Mörder hier eine ähnliche Serie hinlegt wie in Texas.«

»Sie gehen davon aus, dass weitere Morde hier in New York City geplant sein könnten?«, fragte ich.

Dave Brazos lächelte.

Ein hässlicherer Mensch war mir nie begegnet, was nicht ausschloss, dass er ein netter Kerl war. Eine gewisse Ausstrahlung konnte man ihm auch nicht absprechen. Sein Alter war schwer abzuschätzen. Er hatte eine gute, durchtrainierte Figur, trug einen dunklen Maßanzug und eine knallige Krawatte mit Disney-Motiven.

Er deutete unsere Blicke richtig. »Berufsrisiko«, kokettierte er mit seiner Verunstaltung. Nähere Details gab er nicht.

Es klopfte. Mandy strafte unsere Befürchtungen Lügen und stellte vor jedem von uns eine Tasse ihres begehrten Kaffees ab.

Nachdem Mandy den Raum verlassen hatte, erörterten wir die Details unserer Zusammenarbeit. Brazos hatte keine besonderen Vollmachten; strenggenommen war er uns sogar unterstellt. Und wie er gleich zu Beginn erklärte, kam er aus ureigenem Interesse.

»Ich jage den Burschen seit einer kleinen Ewigkeit – seit Monaten denke ich an nichts anderes, als diesen Psychopathen dingfest zu machen. Bislang verliefen alle Spuren im Sand. Aber offenbar wurde ihm der Boden in San Antonio zu heiß. Deshalb hat er sein Revier gewechselt. Das lässt darauf schließen, dass wir ihm doch dichter auf den Fersen waren als vermutet.«

»Wer sagt, dass es überhaupt ein Mann sein muss?«, fragte ich. »Immerhin sind alle bisherigen Opfer Männer – wenn man den Irrtum bei seinem hiesigen Opfer toleriert. Nimmt man die klassischen Motive, könnte durchaus auch Eifersucht im Spiel sein. Es muss nicht immer gleich ein Wahnsinniger sein.«

»Es gibt in der ganzen Kriminalgeschichte keinen weiblichen Serientäter«, konterte Brazos kühl. »Mörderinnen jeder Couleur ja – aber keine Frauen, auf die das Psychogramm eines Serienmörders zuträfe.«

»In vielen Fällen wurde nie ein Täter gestellt«, gab ich zu bedenken.

Er stimmte zu, änderte aber nicht seine Meinung.

Nachdem wir unsere Anweisungen von Mr. McKee erhalten hatten, fuhr ich Brazos zu einem kleinen Hotel, einen Katzensprung von meinem eigenen Apartment entfernt. Er sollte Gelegenheit erhalten, sich etwas zu erfrischen. Wir verabredeten uns für den Abend.

Dann wollten er, Milo und ich einen Besuch machen, der an sich nicht drängte, weil die Zielperson keine sonstigen Verpflichtungen mehr wahrnehmen musste.

Sie wartete mit sprichwörtlicher Grabesgeduld.

In der FBI-Pathologie!

 

 

7. Kapitel

 

»Du hast getötet!«

»Es war wie bei den anderen. Sie hatte Ähnlichkeit mit Bill. Ich dachte, ich hätte ihn endlich gefunden.«

»Sie war eine Frau!«

»Sie hat mich an der Nase herumgeführt. Meine Gefühle mit Füßen getreten. Sie hatte es verdient zu sterben, Alec, sie hatte es verdient!«

»Und nun? Wie soll es weitergehen?«

»Ich werde mit der Suche fortfahren. Ich war ihm ganz nahe. Ich spüre es, so nah … Ich werde weitersuchen, Alec.«

 

 

8. Kapitel

 

Dave Brazos erwachte mit fürchterlichen Kopfschmerzen, die er auf die Anstrengungen des Fluges und das sonstige Drumherum zurückführte.

Der Alarmton des kleinen Reiseweckers schien in seinem Kopf zu hallen. Er hatte den Wecker eingestellt, bevor er auf dem Hotelbett eingenickt war. Zwei Stunden waren vergangen, seit er sich von Trevellian und Tucker getrennt hatte.

Verkatert stand er auf und ging ins Bad. Minutenlang ließ er eiskaltes Wasser über seinen Nacken laufen. Danach ging es ihm besser. Er kehrte zu seinen Sachen zurück, die er fein säuberlich über einen Stuhl gehängt hatte. Als er sich vollständig angezogen hatte, stellte er seinen Aktenkoffer auf die Ablage der Schreibecke, wo er bereits die kleine Reiseschreibmaschine deponiert hatte, und klappte den Deckel auf. Bedächtig ging er die mitgeführten Unterlagen durch.

Die Spur war heiß.

Selten in den letzten Monaten hatte er diese Zuversicht empfunden, was die Entlarvung des Killer-Phantoms anging. Der Mord in New York passte perfekt ins Schema und erklärte, warum der Killer diesen Monat nicht, wie üblich, in San Antonio aktiv geworden war.

Er hatte einfach die Jagdgründe verlegt.

Dave Brazos dachte fast ausschließlich in Mustern wie »Jäger« und »Gejagter«. Mittlerweile hatte sich herauskristallisiert, dass auch der Serienmörder solche Gedanken hegte. Es schien fast, als wollte er ihn, Brazos, persönlich mit seinen Taten beeindrucken. Warum, blieb bislang unklar.

Brazos hatte niemandem von seiner Theorie erzählt. Er fürchtete, aus dem Fall ausgeklinkt zu werden. Wegen Befangenheit oder mit anderen fadenscheinigen Begründungen. Er sah den Fall als willkommenes Sprungbrett für seine Karriere an. Das Team der mit ihm an der Aufklärung beteiligten G-Men war in seinen Augen nicht gleichberechtigt. Er allein hatte die großen Punkte gesammelt. Ihm war jeder, wenn auch bescheidene, Fortschritt zu verdanken, und er wollte nicht, dass sich andere irgendwann mit seinen Lorbeeren schmückten.

Auch nicht dieser Trevellian oder dieser Tucker. Das würde er verhindern.

Auf Fairness konnte er dabei keine Rücksicht nehmen.

 

 

9. Kapitel

 

YSPOTUA stand, von innen betrachtet, auf der Milchglasscheibe der Tür, durch die wir gerade gekommen waren. Die Schrift war verkehrt herum. Sekundenlang hingen meine Gedanken an der nur scheinbar wirren Buchstabenanordnung fest. Dann riss mich Doc Howards Stimme in die Wirklichkeit zurück.

»Ihr hattet Glück – ich wollte sie gerade freigeben, als der Anruf kam, noch zu warten. Sie sollte ins Krematorium gebracht werden.«

»Krematorium?«

»Ihre Mutter, die in Florida lebt, hat es so verfügt. Wie ich von den Kollegen der City Police hörte, reiste sie vor drei Tagen zur Identifizierung an und verschwand noch am gleichen Tag wieder. Dabei ließ sie die Weisung zurück, den Leichnam ihrer Tochter nach Abschluss der Obduktion einzuäschern und die Urne nach Orlando überführen zu lassen.«

Jetzt, da er es erwähnte, erinnerte ich mich, davon im Polizeibericht gelesen zu haben. Ich überlegte kurz, ob es einen Sinn machte, mit der Mutter zu sprechen, entschied mich jedoch dagegen.

Doc Howard führte uns zu der weißen, vielteiligen Wand. Als Howard eine Klappe öffnete, kondensierte sofort ein Schwall Kaltluft. Unbeeindruckt zog er die Rollbahre vollständig heraus und lüftete das Tuch am Kopfende.

Während Milo und ich unmerklich zurückzuckten, beugte Dave Brazos sich weit nach vorn und studierte die Verstümmlungen mit fast wissenschaftlicher Akribie. Ob Faye Dellaware eine hübsche oder hässliche Frau gewesen war, ließ sich anhand ihres jetzigen Zustandes nicht mehr bestimmen. Von Bildern wussten wir, dass sie eine reizvolle Mischung aus femininen und maskulinen Zügen in sich vereint hatte. Für die Mutter musste es ein Schock unvorstellbaren Ausmaßes gewesen sein, sie so zugerichtet identifizieren zu müssen. Da der Täter das Gesicht völlig unkenntlich gemacht hatte, mussten andere Merkmale zur sicheren Erkennung beigesteuert haben.

Später setzten wir uns mit Brazos in eine ruhige Ecke von Cookie’s Bar in der Dutch Street. Wir verkehrten hier öfter. Cookie war ein bulliges, kahlköpfiges Original mit einer Stimme, die klang, als würde ein kleines, fieses Wesen in seinem Rachen ständig mit Kreide über eine Schiefertafel kratzen.

Bei Kaffee und Donuts ging Brazos erstmals etwas aus sich heraus. Auf meine Frage, ob er jetzt, da er die Tote persönlich inspiziert hatte, immer noch der Überzeugung war, dass sie dem Mörder aus San Antonio zum Opfer gefallen war, antwortete er heftig: »Kein Zweifel! Mir wurden ja bereits Funkbilder übermittelt. Er war es! Ich verstehe nur noch nicht, was er hier im Big Apple zu suchen hat.«

»Ein Wochenendausflug?«, kalauerte Cookie, der gerade an unserem Tisch vorbeilief und nur flüchtig hingehört hatte.

Brazos warf ihm einen bösen Blick zu; sein Narbengesicht wurde zur Grimasse.

Ich verstand ihn. Vier Menschen waren bislang Opfer der beispiellosen Brutalität des Unbekannten. Müde Scherze waren hier unangebracht.

»Im Ernst«, nahm Milo den Faden auf, »wahrscheinlich ist es so, dass er seine baldige Entlarvung fürchtete und deshalb an einen anderen Ort auswich. Vielleicht unterhielt er schon vorher persönliche Beziehungen zu New York. Wie weit waren die Ermittlungen in Texas gediehen? Gab es konkrete Namen, auf die sich der Verdacht stützte?«

Der G-Man aus San Antonio zögerte. Neben sich auf der Sitzbank hatte er seinen Aktenkoffer abgestellt, den er nie außer Reichweite kommen ließ. Er hatte ihn in Mr. McKees Büro bei sich getragen und auch vorhin in Howards Refugium.

Er umging eine direkte Antwort auf Milos Frage, indem er jetzt danach griff und ihn öffnete. Gespannt nahmen wir die Bilder entgegen, die er uns reichte.

»Malvin Cook«, kommentierte er die scheußlichen Fotos. »Jayy Tiernan! Tyler Sandford!« Und er legte ein aus unzähligen Rasterpunkten zusammengesetztes Funkbild daneben. »Faye Dellaware, das bislang einzige weibliche Opfer. Aber das beruht wohl, wie sich anhand der ermittelten Umstände vermuten lässt, auf einem Irrtum des Täters.« Er wartete fast lauernd auf unsere Reaktion. »Noch Zweifel, dass es sich um ein und denselben Mörder handelt?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wurde je ein Tatwerkzeug sichergestellt? Die Berichte sprechen übereinstimmend von einem Rasiermesser.«

»Nein.« Brazos zog einen kunstvoll verzierten Kugelschreiber aus der Innentasche seines Jacketts. Dabei wurde kurz die Waffe sichtbar, die im Schulterholster verstaut war. Mit dem Stift umkringelte er die Halspartie aller Opfer. Dort, wo die Waffe einen endgültigen Trennungsstrich unter vier Leben gezogen hatte. »Man fand jedoch mikroskopisch kleine Metallspäne der benutzten Klinge. Die Laboranalyse der drei San Antonio-Fälle ergab, dass die Waffe immer dieselbe war. Von Faye Dellaware liegen die Daten noch nicht vor. Spätestens morgen, vielleicht noch heute Abend, werden wir auch darüber letzte Klarheit haben.«

»Sie wollten über die Hauptverdächtigen Ihrer bisherigen Ermittlungen sprechen«, erinnerte ich ihn.

Dave Brazos winkte lässig ab. »Das wollte ich bestimmt nicht. Es gibt keine Hauptverdächtigen. Alle Personen, die von uns überprüft wurden, hatten für die Tatzeiten Alibis vorzuweisen. Und keiner der Leute, die auf dieser Liste stehen, hat San Antonio auch nur auf einen kurzen Abstecher Richtung New York verlassen.«

»Und Ihre Taktik?«, hakte Milo enttäuscht nach. »Ich dachte, Sie wären uns an die Seite gestellt worden, weil Sie messbare Erfolge erzielt haben.«

Brazos blieb unbeeindruckt. »Wenn Sie jemanden brauchen, der den Täter wie ein Zauberer aus seinem Zylinder zieht, sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Erfolge wollen erarbeitet sein.« Ein kantiger Zug prägte sich um seinen Mund. »In San Antonio ist mir der Killer entwischt, hier wird sich das nicht noch einmal wiederholen – mit oder ohne Ihre tatkräftige Unterstützung!«

 

 

10. Kapitel

 

Als Brazos die Tür seines Hotelzimmers öffnete, schleifte sie über etwas am Boden hinweg.

Es war ein Briefumschlag.

Ahnungsvoll bückte er sich danach. Äußerlich wirkte das Kuvert unscheinbar. Es stand kein Wort darauf, aber noch bevor er es aufmachte, wusste er, worum es sich handelte. Er fand den erwarteten Zettel.

Du hättest in San Antonio bleiben sollen. Und Du hättest rechtzeitig aufhören sollen. Mit Allem!

Alec

Die Nachricht war auf einer Schreibmaschine getippt. Auf Fingerabdrücke zu hoffen, wäre illusorisch gewesen. Dazu war der Täter, der hier zum ersten Mal mit einem Namen, mit »Alec«, zeichnete, viel zu raffiniert.

Keiner der Menschen, die je in Zusammenhang mit den Morden überprüft worden waren, hieß mit Vornamen Alec. Das wusste Brazos ohne langwieriges Akten wälzen. Aber das wäre wohl auch zu einfach gewesen.

Brazos nahm seinen Aktenkoffer und öffnete ihn. In einem Seitenfach des Deckels befanden sich drei weitere Kuverts. In allen steckte eine Botschaft des Serienmörders.

Begonnen hatten die Briefe, kurz nachdem Brazos’ Name zum ersten Mal im Zusammenhang mit den Bemühungen um die Aufklärung des ersten Mordes durch die Presse gegeistert war. Seitdem hatte er nach jedem Opfer ein weiteres anonymes Schreiben erhalten – und jetzt sogar hier in New York!

Immer privat, immer diskret. Niemals im Büro.

Es sah aus, als stünde er unter permanenter Beobachtung dieses kranken Wesens.

»Warum?«, murmelte der G-Man. »Warum tut er das?« Er legte den neuen Brief zu den anderen. Keines dieser Schreiben hatte er öffentlich gemacht. Sie waren sein Geheimnis und sollten es vorerst auch bleiben. Er wusste noch nicht, auf welche Weise, aber er wollte sich die plötzliche Mitteilsamkeit des Mörders zunutze machen.

Alec!

Der Name war immerhin ein Fortschritt.

»Nicht ich«, murmelte Brazos und schloss bedächtig den Deckel seines Koffers, »du hättest rechtzeitig aufhören sollen. Du!«

 

 

11. Kapitel

 

»Ein Verrückter.« Prewitt lächelte gequält. Sein Oberkörper war bandagiert wie eine altägyptische Mumie, sein Teint blass. Milo und ich waren, nachdem wir Brazos abgesetzt hatten, noch im Hospital vorbeigefahren. Wir kannten Prewitts Privatleben nur unzureichend, aber da er nicht verheiratet war, konnte es sein, dass er etwas Beistand nötig hatte, wenn er aus der Narkose erwachte. Er lag noch intensiv. Der Stationsarzt hatte uns zu absoluter Zurückhaltung verdonnert, ehe er uns zu ihm vorließ.

Der Kerl, der auf Prewitt geschossen hatte und kurz darauf selbst einer Kugel zum Opfer fiel, war zwischenzeitlich identifiziert worden. Wir hatten seinen Namen gerade an den Reporter weitergegeben.

»Ein Verrückter, tatsächlich«, wiederholte er. »Wenn mir alle, über die ich jemals die Wahrheit geschrieben habe, mit einer Knarre auflauern würden, könnte ich gleich bei euch unterschreiben.«

»Du kennst ihn also«, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf. Behutsam. »Ihn nicht. Aber seinen Bruder. Er hatte ihm ein falsches Alibi gegeben, nachdem dieser wegen Mordverdachts an seiner Frau verhaftet worden war. Das ist jetzt ein gutes halbes Jahr her. Als sich der Prozess hinzog und mir einige Ungereimtheiten an der Alibikonstruktion auffielen, recherchierte ich auf eigene Faust – und fand den Beweis, dass das Alibi frisiert war. Der Mörder wurde zu fünfzehn bis zwanzig Jahren Haft auf Rikers Island verdonnert – und Brüderchen scheint äußerst nachtragend gewesen zu sein. Nur was ihr mir über Paolo erzählt, kann ich nicht glauben. Da lebt man jahrelang unter einem Dach …«

Paolo Fudre war die Scheinidentität eines einflussreichen Mitglieds der New Yorker Mafia, der vor ein paar Jahren nach hartnäckiger Verfolgung durch die Behörden spurlos untergetaucht war. Prewitts Attentäter hatte das Pech gehabt, sich ausgerechnet einen Mann als Geisel nehmen zu wollen, der gefährlicher als eine Viper war. Die Angst vor einer Enttarnung hatte eine Kurzschlusshandlung bei ihm ausgelöst. Das Ergebnis war bekannt.

»Was macht euer Vollmondmörder?«, erkundigte sich Prewitt, als die von ärztlicher Seite eingeräumte Besuchszeit rapide dem Ende zuging.

Wir berichteten ihm von unserem neuen Kollegen.

Prewitt zeigte Mitgefühl und meinte zum Abschied: »Ihr solltet an dieser Frau dranbleiben. Diese Skelton. Ich kann mich irren, aber normalerweise ist auf mein Näschen Verlass.«

»Auf deinen Schutzengel auch«, sagte Milo.

Danach fuhren wir ins FBI-Gebäude, wo wir eine Verabredung mit Stew Hawkins, dem Leiter unserer Computerfahndung, hatten. Stew hasste Überstunden; entsprechend ungnädig empfing er uns.

»Wisst ihr überhaupt, welches Spiel heute übertragen wird?« Wir verneinten, und er zog abfällig an seinen Sternenbanner-Hosenträgern. »Vergesst es!« Er führte uns dorthin, wo die Leute seiner Nachtschicht arbeiteten. Mein Blick suchte Laura Lou Hoskins, von der ich seit der Sache mit der Schwarzen Witwe nichts mehr gehört hatte.

Stew deutete mein Verhalten richtig.

»Wusstest du es nicht?«, fragte er in gewohnt anzüglichem Ton.

»Was?«

»Laura Lou hat sich versetzen lassen.«

»Natürlich wusste ich es. Wohin?«

»Washington, D.C.«

Obwohl ich es mir nicht anmerken lassen wollte, fand ich es schade, dass Laura Lou weg war. Sie würde ihre Gründe haben, aber eine Nachricht hätte sie wenigstens hinterlassen können.

»Können wir?«, riss mich Stews Stimme in die Gegenwart zurück. Er hatte seinen behäbigen Körper hinter ein Terminal gepflanzt und quälte jetzt die Tastatur. Auf dem Monitor wechselte das bislang aus reinen Symbolen zusammengesetzte Testbild.

»Malvin Cook«, kommentierte Stew das Porträt, das eingespielt wurde. Brazos hatte die Unterlagen mitgebracht, und Stew abstrahierte jetzt das vorhandene Gesicht, bis nur noch die groben Konturen übrigblieben. Danach legte er es im linken oberen Winkel des Monitors ab, um sich dem nächsten Kandidaten zuzuwenden. »Tyler Sandford«, sagte er. Der Vorgang wiederholte sich rasch dank des Arbeitsprogramms, auf das Stew zurückgreifen konnte. Danach kam Jayy Tiernan an die Reihe. Und danach – Faye Dellaware, bei der es optisch nach der Computerauflösung wirklich keine Rolle mehr spielte, ob sie Mann oder Frau war.

Es gab keinen Grund, unsere Überraschung zu verhehlen.

»Bingo!«, rief Milo.

»Das Lob gebührt nicht mir«, wehrte Stew bescheiden ab. »Dieser Brazos hatte die Simulation schon fertig im Koffer. Natürlich nur die drei ersten Opfer betreffend. Ich musste die Frau nur nach dem gleichen Schema bearbeiten.«

Ich konzentrierte mich auf die Darstellung. »Das wird unseren texanischen Kollegen interessieren«, murmelte ich. »Aber er wird bis morgen warten können.«

In Reih und Glied standen sie nebeneinander auf dem Bildschirm, Phantombildern nicht unähnlich – aber gerade die Beschränkung auf das Wesentliche hob hervor, was die gestochen scharfen Bilder eher kaschiert hatten: Zwischen allen Opfern herrschte eine unglaubliche Ähnlichkeit, was die Physiognomie betraf!

Das ging so weit, dass Stew die Gesichter tricktechnisch übereinander schieben konnte und fast Deckungsgleichheit erzielte – von kleineren, vernachlässigbaren Details abgesehen.

Damit schienen letzte Zweifel ausgeräumt.

Der San-Antonio-Killer trieb sein Unwesen in New York!

 

 

12. Kapitel

 

Elisabeth Skelton zuckte zusammen, als es an der Haustür schellte. Man saß vor dem Fernseher.

»Lass nur«, sagte George, ihr Mann. »Ich gehe schon.« Es war ungewöhnlich, dass um diese Zeit noch jemand zu ihnen wollte. Auch Diane Skelton, die abseits über einem Buch saß, war überrascht. Als ihr Vater kurz darauf mit dem späten Besucher auftauchte, stockte ihr der Atem.

»Für dich«, sagte er mit unverhohlenem Widerwillen. »FBI.« Der Blick ihrer Mutter gefror, als Diane das Buch zur Seite legte und aufstand.

Der Mann im Flur war fremd. Im ersten Moment verursachte sein Anblick Gänsehaut.

»Dave Brazos«, stellte er sich vor. »Dürfte ich mich noch einmal mit Ihnen unterhalten? Ich weiß, dass es spät ist, und ich weiß auch, dass Sie bereits mit meinen Kollegen gesprochen haben, aber.«

»Kommen Sie«, sagte Diane. Sie überwand ihre Scheu, und sie wollte ihn aus dem Flur haben. Im Wohnzimmer konnte man jedes Wort verstehen, und das lähmende Unbehagen war in den letzten Tagen unerträglich geworden. Es war nicht klug, ständig weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Sie führte den Mann die Treppe hinauf in ihr Jugendzimmer, wo sie für die Dauer ihres Aufenthalts auf Staten Island wieder eingezogen war. Es hatte sich kaum etwas darin verändert. Es schien dem Hang vieler Eltern zu entsprechen, die ehemaligen Räume ihrer Kinder auch nach Erwachsenwerden und Abnabelungsprozess in unantastbare Kultobjekte zu verwandeln. Jeder Schreibtisch, jede Kommode ein Altar.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Diane.

»Oh, eine Menge«, lachte der späte Besucher. »Ich habe mir Ihre Aussage noch einmal durchgelesen.« Er nahm auf einem Stuhl am Fenster Platz; Diane setzte sich auf die Bettkante.

»Und?«, fragte sie. »Ich habe alles gesagt, was es zu sagen gibt. Nichts verschwiegen.«

»Ein Mensch ist keine Maschine. Vielleicht haben Sie einfach etwas vergessen.« Sein Ton änderte sich nur eine Nuance. »Zum Beispiel, wo Sie in der Tatnacht waren.«

»In der Tatnacht?«, echote Diane. Sie starrte ihn an, als könnte sie plötzlich hinter die Maske seines verbindlichen Lächelns blicken. »Das wissen Sie doch: In meiner eigenen Wohnung. Halten Sie mich für verdächtig?«

»Vielleicht«, blieb der G-Man hartnäckig, »gibt es einen Grund, weshalb Sie sich für diese Version entschieden haben?«

»Sie unterstellen mir, zu lügen?!«, fuhr Diane auf.

»Sie verstehen mich völlig falsch. Ich versuche, Ihnen eine Brücke zu bauen. Sie wissen vermutlich nicht einmal, was auf vorsätzliche Falschaussage unter Eid steht.«

»Unter Eid?«

Brazos lachte erneut rau auf. »Das wird auf Sie zukommen. Was glauben Sie, was das hier ist? Ein Kinderspiel? Miss, Ihre Freundin wurde ermordet. Das müsste eigentlich schon genügen, Ihre Zunge zu lösen. Darüber hinaus wurde sie jedoch geradezu bestialisch ermordet. Von einem Täter, dem ich persönlich schon lange auf den Fersen bin. – Aber wenn das Ihre einzige Sorge ist: Nein, Sie sind nicht verdächtig! Jedenfalls drängen Sie sich mir nicht als Verdächtige auf. Aber vielleicht sind Sie eine Zeugin. Eine Zeugin, die uns helfen könnte, den Mörder zu überführen, ehe er sich weitere Opfer sucht – zur Vollmondzeit!«

»Zur Vollmondzeit?«, wiederholte Diane. »Wovon sprechen Sie eigentlich? Wieso fragen Sie das alles, wieso habe ich ständig das Gefühl, dass man mich zwar ausquetschen will, mir aber nur einen Bruchteil der Tathintergründe verrät? Was verschweigt man mir?!«

Sie wurde laut. So laut, dass es an die Zimmertür klopfte und ihre Mutter zaghaft rief: »Diane? Liebes, gibt es Probleme?«

Großer Gott, dachte Diane.

»Nein, Ma. Alles okay. Geh wieder nach unten.«

»Ich will Ihnen nur helfen, haben Sie doch Vertrauen. Glauben Sie mir. Wenn Sie uns einen noch so kleinen Hinweis geben könnten …«, begann Brazos, ohne auf Dianes Anklage einzugehen. Er blickte sich scheinbar interessiert in ihrem Zimmer um. Das Lächeln um seinen Mund war so falsch wie das Mitgefühl, das er heuchelte. Sie spürte es auf Anhieb. »Waren Sie allein an jenem Abend – oder gibt es jemand, der bezeugen könnte, was …«

»Gehen Sie«, rief Diane voller Enttäuschung. Sekundenlang war sie drauf und dran gewesen, ihm die Wahrheit zu sagen. Doch seine wirkliche Absicht war zu offenkundig an seinen Augen abzulesen. Sein Interesse ging über das Berufliche nicht hinaus. Es war sein Job, einen Mörder zu finden. Die menschliche Seite war ihm völlig egal. Er wollte nichts von der Angst wissen, die Diane seit jener Nacht empfand. Von den Träumen, die sie ständig heimsuchten. Er war nicht bereit, etwas für das zu geben, was er von ihr forderte.

»Sie machen einen Fehler«, sagte er, ohne Anstalten zu machen, ihren Wunsch zu respektieren.

Die Tür wurde geöffnet. Zum ersten Mal war Diane froh darüber, dass es keine Privatsphäre im Haus ihrer Eltern gab. Dass sie sich überall einmischten.

»Meine Tochter ist müde«, sagte ihr Vater und hielt die Tür demonstrativ auf. »Das alles hat sie sehr mitgenommen.«

Brazos stand zögernd auf. Er war unzufrieden. Er hatte sie in die Enge getrieben und sich kurz vor dem Ziel gewähnt. Er war ein völlig anderer Charakter als die beiden Agenten, die am Morgen mit Diane gesprochen hatten. Bei ihnen hatte sie nicht diesen völligen Mangel an Respekt empfunden.

»Wir sind noch nicht fertig«, drohte der G-Man zum Abschied. »Wenn Sie niemanden haben, der Ihr Alibi für die Nacht bestätigt, werden Sie große Probleme bekommen. – Auch wenn Sie nicht in vorderster Reihe der Verdächtigen stehen. Überlegen Sie sich das. Ich melde mich wieder.«

Er schob sich an George Skelton vorbei. Die Nähte seines Narbengesichts schienen von innen heraus zu glühen. Aber wahrscheinlich lag es an der Beleuchtung.

»Warum können Sie sie nicht in Frieden lassen?«, fauchte Dianes Mutter. In ihren Augen blitzte ein Hass, wie man ihn kaum hinter ihrer bürgerlichen Fassade vermutet hätte. »Soll sie ewig büßen, dass sie sich mit dieser … Person eingelassen hat – gegen all unser Bitten und Flehen?«

Brazos antwortete nicht. Er ging wortlos. Und doch ließ er etwas bei Diane zurück.

Angst.

Angst, die sie zum Handeln zwang.

 

 

13. Kapitel

 

»Du hast sie übersehen. Sie bringt dich in Teufels Küche. Lange hält sie ihr Schweigen nicht mehr durch. Dann …«

»Ich war nur auf diese Betrügerin in ihren Männerklamotten fixiert, Alec. Da war niemand sonst. Sie kann sich nur versteckt haben!«

»Aber die Polizei ist ihr hart auf den Fersen. Sie verhören sie bereits. Sie wird alles zerstören. Man wird uns einsperren. Wir werden Bill nie finden!«

»Was soll ich tun, Alec?«

»Du? Nichts!«

 

 

14. Kapitel

 

Duncan Plesken stierte sie an, nachdem er die Tür zunächst nur einen Spalt, dann aber ganz geöffnet hatte. Wortlos winkte er die junge Frau herein.

Diane Skelton spürte leichten Ekel in sich hochsteigen. Dieses Gefühl richtete sich weniger gegen die schmuddelige Behausung, als gegen Plesken selbst. Der Mann, der sie auf der Highschool entjungfert hatte und sie später sogar auf den Strich schicken wollte, war zweifellos auf dem absteigenden Ast. Er trug zerschlissene Jeans und ein löchriges Unterhemd, auf dem sich die Speisereste von mindestens einer Woche wiederfanden.

Als Diane die Loft betrat, die Plesken sich für seine vorgeblich künstlerische Tätigkeit hergerichtet hatte, musste sie daran denken, dass ihre Eltern einen Herzschlag bekommen würden, wenn sie je erfuhren, mit welchen Leuten ihre fast als Heiligtum angesehene Tochter verkehrte. Natürlich hätten sie nie kapiert, dass gerade ihre Erziehung sie in die Arme eines Mannes wie Plesken getrieben hatte. Er hatte genau gewusst, wie er sie in sein Lotterbett kriegen konnte.

So dumm wie damals war sie heute nicht mehr. Und doch war sie zurückgekehrt. Für Plesken musste es die Bestätigung seiner geheimsten Wunschträume sein. Er musste glauben, dass sie ihm hörig war. Aufgeschmissen ohne ihn.

Letzteres stimmte leider.

Niemand aus Dianes seriösem Bekanntenkreis wäre für diese Aufgabe in Frage gekommen. Nur bei ihm konnte sie hoffen, dass er nicht bei der erstbesten Belastungsprobe umfiel.

»Hi, Dun«, sagte sie gezwungen locker, als sie durch die Werkstatt in den »dämonischen« Bereich seiner Wohnung gelangte. Überall an den Wänden hingen schaurig geformte Ledermasken, deren Augen den Betrachtern blind entgegen starrten. Auch spezielle Talismane waren in die Äste einiger Grünpflanzen geflochten. Über allem hing der typische Ledergeruch, der aus Dianes Sicht Duncans animalische Natur am treffendsten widerspiegelte.

Das Bett stand mitten in der Wohnlandschaft. Es bildete das Zentrum. Das Wichtigste in Duncans Leben. Er war süchtig nach Sex, zu einer tieferen Beziehung nicht fähig. Einmal hatte er sich selbst mit einer Zeitung verglichen, die an beiden Enden zugleich brannte. Als aufloderndes Ereignis hatte er sein Leben beschrieben. Wenn daran etwas Wahres war, befand er sich inzwischen im Asche-Stadium. Die Flammen waren erloschen. Er war ausgebrannt, ein Wrack.

»Hängst du immer noch an der Nadel?«, fragte sie ihn, ohne ihren Rundblick zu unterbrechen.

Er sah sie erstaunt an. »Deshalb bist du gekommen? Um mich das zu fragen?« Sie vermied es auch weiterhin, ihn anzusehen. »Nein. Ich brauche deine Hilfe.« Der Ausdruck auf seinem Gesicht wechselte. Von hinten trat er an sie heran, legte die Hände auf ihre Schultern und presste die Lippen auf ihren Nacken. Ein Schauer durchlief sie. Er deutete ihn falsch.

»Kommst nicht los vom alten Dun, wie? Deine Schlaffis bringen’s nicht, stimmt’s?«

Diane streifte seine Berührung mit einer ärgerlichen Geste ab. »Du hast ja keine Ahnung«, zischte sie. »Ich will nur eine Gefälligkeit. Ich werde dich dafür bezahlen.«

»Bezahlen?« Plesken starrte sie schwerfällig an. »Was redest du für einen Müll? Wenn, dann kannst du mich nur auf eine Weise bezahlen.« Er leckte sich über die Lippen.

Diane wurde es fast schlecht. Die Spannung wich aus ihrem Körper, und sie presste hervor: »Ich stelle die Bedingungen.«

»Sooo?«, dehnte er und trat diesmal von vorn auf sie zu. Seine von entzündeten Einstichpunkten übersäte Hand strich fahrig über ihre Wange. Sie biss sich auf die Unterlippe. Sie wollte dem Impuls nachgeben und Pleskens Wohnung verlassen. Aber sie dachte an die Drohung des G-Man und blieb.

»Worum geht es eigentlich?«, fragte der Mann, in dessen Augen sie sich immer völlig nackt gefühlt hatte. Seine Blicke brannten auf ihrer Haut und lösten neben allem Widerwillen ein unmögliches Lustgefühl aus, das sie sich nie eingestanden hätte.

Sie gab sich einen Ruck und verriet ihm ihr Problem. Er hörte zu, ohne ein einziges Mal zu unterbrechen.

»Ein Alibi«, sagte er schließlich. »Du und ich an dem bewussten Abend? Warum nicht? Es gibt nur ein winziges Problem.«

»Welches?«

»Um glaubwürdig zu wirken, müsste ich meine Erinnerung etwas auffrischen, du verstehst? Mein Gedächtnis … Ich weiß schon gar nicht mehr, wie du aussiehst, wie du dich anfühlst, wie …«

»Du verdammtes Scheusal!«

Er strahlte sie an. Dann streckte er die Hand aus und nickte in Richtung seiner Spielwiese. »Komm schon. Eine Hand wäscht die andere. Du wirst es nicht bereuen.«

Diane wusste, in welche Gefahr sie sich begab. Plesken war ein Junkie. Nach ihrer Trennung hatte sie sich mehreren Aidstests unterzogen, um Gewissheit zu bekommen. Damals waren sie negativ ausgefallen, aber das war lange her.

Plesken zog sie mit sich, fummelte an den Knöpfen ihrer Bluse und blies ihr seinen heißen Atem ins Gesicht.

Dianes Blick fiel auf den großen Spiegel. Sie beobachtete sich wie eine Fremde – und ließ es geschehen.

 

 

15. Kapitel

 

Montag, 25. Oktober

Als wir Brazos am Morgen in seinem Hotel abholen wollten, erfuhren wir, dass er es bereits verlassen hatte. Ziel unbekannt.

»Ich mag ihn nicht«, sagte Milo ärgerlich. »Ich kann mir nicht helfen, aber ich mag ihn nicht.«

Ich war Milos Meinung.

Auf direktem Weg fuhren wir zum Büro. Wir saßen noch nicht richtig hinter unseren Schreibtischen, als uns Mr. McKee zu sich bat. Sein Blick glitt suchend an uns vorbei. »Wo ist Dave?«, fragte er.

Wir erzählten unser Dilemma. »Eigentlich vermuteten wir, Sie könnten ihn irgendwohin geschickt haben.«

Er verneinte. Mit der Hand fuhr er sich durch das graue Haar und fragte übergangslos: »Wie macht er sich sonst?«

Die Frage hinter der Frage war offensichtlich.

»Er hat uns gestern ziemlich unmissverständlich erklärt, was er von Teamarbeit hält«, sagte Milo.

»Und was?«

»Nichts«, sagte Milo. Mehr nicht. Weder er noch ich waren hier, um unseren Kollegen aus San Antonio anzuschwärzen. Das erwartete Mr. McKee auch nicht von uns. Offenbar war er ehrlich erstaunt darüber, dass wir nicht mit Brazos zurechtkamen. »Er wird sich melden«, dokumentierte er größeres Vertrauen, als wir es augenblicklich aufzubringen vermochten. »Er ist ein guter Agent, menschlich vielleicht etwas schwierig.«

Milo und ich sahen uns an. Die Skepsis blieb.

»Warren hat seinen Bericht abgeliefert«, wechselte Mr. McKee das Thema.

»Was hat er herausgefunden?«, fragte ich.

»In der Wohnung des Opfers gab es wenig Neues. Die City Police war in dieser Hinsicht ausgesprochen sorgfältig.«

»Aber?«, fragte Milo. Es musste ein Aber kommen.

»Der Lift«, sagte Mr. McKee.

»Der Lift?«

Er nickte. »Es gehörte eigentlich nicht zu seinem Auftrag, aber gerade das macht den Spitzenmann aus. Warren inspizierte den Hauslift, und zwar nicht das Innere der Kabine, sondern …« Er wartete ab, ob wir es errieten. »… das Dach der Kabine«, vollendete er schließlich. »Er hatte im Polizeibericht von dieser Stimme gelesen, die Faye Dellaware während ihrer unfreiwilligen Gefangenschaft innerhalb des Lifts gehört haben will. Deshalb suchte er nach Spuren, die auf Fremdeinwirkung hinwiesen. – Er fand sie.«

»Was fand er?«, erkundigte ich mich.

Mr. McKee winkte leicht ab. »Allerhand – aber fragen Sie mich bitte nicht, wie. Die Kratzer müssen mikroskopisch klein gewesen sein. Spuren auf dem Dach und an einem Lüftungsschacht, ein Stockwerk über der Dellaware-Wohnung. Er könnte es besser selbst erklären, aber im Telegrammstil erzählt: Er vertritt die Theorie, dass der Liftterror des Unbekannten – vermutlich Dellawares späterer Mörder – mittels eines vom erwähnten Luftschacht aus herabgelassenen Kabellautsprechers verübt wurde. Das Endgerät schlitterte dabei ständig über das Kabinengehäuse und hinterließ neben winzigen Schrammen noch winzigere Bestandteile, die für Lautsprecher typisch sind. Ich kenne mich da zu wenig aus.«

»Und der Luftschacht?«, fragte ich.

»Dort fanden sie zwar keine Fingerabdrücke, aber Textilspuren, die interessant werden können, sobald wir eine Verdachtsperson haben.«

Wir informierten Mr. McKee, dass wir noch einmal mit Diane Skelton sprechen wollten, dann verabschiedeten wir uns.

Im Vorzimmer stand Dave Brazos. Er flirtete ungeniert mit Mandy, die gerade ein Gespräch von außerhalb entgegennahm. Uns behandelte er wie Luft.

Das konnten wir auch.

Erst als wir schon fast zur Tür hinaus waren, reagierte er. »He, einen Moment! Wollen Sie mich hier stehen lassen?«

Milo musterte ihn ungeniert von oben bis unten. »Immerhin etwas, was Sie zu beherrschen scheinen: Herumstehen. Wenn Kommunikation schon Ihr Manko ist …«

»Kommunikation?« Brazos verzog das Gesicht, was ihm gar nicht mehr so gut stand. Aber er drehte Mandy den Rücken zu, sodass ihr diese Enttäuschung erspart blieb. »Weil ich mich nicht vorher abgemeldet habe, bevor ich …«

»Weil wir Ihretwegen einen Umweg gemacht haben und Sie es nicht einmal für nötig hielten, eine Nachricht zu hinterlassen, wo man Sie gegebenenfalls finden kann«, korrigierte ich ihn.

Er ließ die Arme gegen die Schenkel baumeln. »Es tut mir ja leid, aber ich …«

»Akzeptiert.«

Milo und ich setzten unseren Weg fort.

Er schloss sich verblüfft an. »So einfach?«

»So einfach.«

»Und niemand will wissen, wo ich war?«

»Wo waren Sie?«

Ehe er antworten konnte, öffnete sich die Tür von Mr. McKees Büro. Er trat heraus und rief: »Nachricht von der Stadtpolizei, von Harry Easton. Diane Skeltons Eltern haben sich gemeldet. Ihre Tochter ist seit letzter Nacht verschwunden, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.«

 

 

16. Kapitel

 

Das Gesicht des Mannes, der uns die Tür öffnete, war grau wie sein Blick. Ich kannte ihn noch nicht, aber ich vermutete, dass es sich um Dianes Vater handelte.

»Kommen Sie herein!« Sein Blick huschte an mir vorbei über Milo hinweg – und geriet dann ins Stocken. Mit einem seltsamen Ausdruck fixierte er Brazos und sagte dann brüchig: »Er nicht.« Es klang unabänderlich, und es klang, als hätte er Gründe für sein Verbot.

Milo und ich drehten uns um. Brazos lächelte gekünstelt. Dann zuckte er die Achseln und schlenderte den Gartenweg entlang zum Auto.

Als wir uns wieder Mr. Skelton zuwenden wollten, war er bereits im Haus verschwunden. Wir folgten ihm. Milo schloss die Tür hinter uns.

Im Wohnzimmer saß er neben seiner Frau, die noch grauer als er wirkte – seit unserer letzten Begegnung um Jahre gealtert. Er sprach leise auf sie ein, und plötzlich bebte sie vor Zorn.

»Verzeihen Sie, Mr. Skelton, aber warum …?«

»Warum er diesen – Kerl nicht sehen will?«, explodierte es aus seiner Frau heraus. Sie wollte aufstehen, aber er hielt sie auf dem Sofa zurück. »Er ist schuld! Er allein!«

»Ich verstehe nicht.«

Mr. Skelton bot uns Platz an. Als wir saßen, sagte er: »Diane ging letzte Nacht noch einmal aus dem Haus. Sehr spät, und kurz, nachdem er gegangen war.«

»Er?«

»Dieser Mann da draußen, Ihr Kollege.«

»Brazos war hier?«, entfuhr es Milo.

Dianes Mutter starrte ihn an. »Das wissen Sie nicht?«

Milo schüttelte den Kopf. Seine Augen verengten sich, als er mich kurz ansah. »Wann war das? Und was wollte er?«

»Kurz nach zweiundzwanzig Uhr«, sagte Mr. Skelton. »Er entschuldigte sich für die späte Störung und ging mit Diane auf ihr Zimmer. Dort wurde es kurz darauf laut, sodass wir eingreifen mussten.«

»Eingreifen?«

Eine Spur von Verlegenheit huschte über Skeltons Miene. »Diane war völlig aufgelöst, als er endlich ging.«

»Als wir ihn endlich hinauswarfen«, korrigierte seine Frau. »Ich kenne seine und Ihre Kompetenzen nicht. Aber das ging eindeutig zu weit. Er ist schuld, dass meine Tochter noch einmal wegging. Er …«

»Wohin wollte sie?«, fragte ich.

»Das sagte sie nicht. Ich wollte es ihr verbieten, aber sie hörte nicht auf mich. Sie ging einfach. Sie …« Der Rest ging in einem Schluchzen unter.

»Ihre Tochter wird bereits überall gesucht«, versuchte ich, sie zu beruhigen. »Sie haben es in ihrer Wohnung in Manhattan bereits versucht, sagten Sie?«

Sie nickte. »Natürlich. Das war unser erster Gedanke, als ich heute früh entdeckte, dass sie nicht im Bett liegt. Wir riefen an – mehrfach. Niemand hob ab. Daraufhin …«, sie lächelte verschämt, »… riefen wir bei der Polizei an. Auch wenn es übertrieben wirken mag. Aber die ganzen Umstände. Der Mord an ihrer sogenannten Freundin …«

Große Sympathie für Faye Dellaware sprach nicht aus ihren Worten.

»Sie kannten die Ermordete?«, fragte ich.

»Di brachte sie einmal übers Wochenende mit nach Hause«, nickte Mr. Skelton. »Man merkte gleich, dass mit der etwas nicht stimmt. Natürlich wusste keiner, was es war – wir sind keine Hellseher – aber …«

»Kam sie danach noch einmal wieder?«, fragte Milo.

»Nein«, antwortete Mrs. Skelton für ihren Mann. »Di hat gespürt, dass wir mit dieser Frau nicht zurechtkamen. Sie respektierte das. Sie ist eine gute Tochter – nur in falsche Kreise geraten.«

»Sie haben der Polizei ja bereits die Namen aller Ihnen bekannten Freunde Dianes genannt«, fiel ihr Milo ins Wort. »Mehr kann man im Moment nicht tun. Man wird Ihre Tochter finden, haben Sie keine Sorge. Wahrscheinlich wollte sie sich nur mit jemandem aussprechen.«

»Das hätte sie … doch auch bei … bei uns gekonnt«, sagte Mrs. Skelton stockend. »Bei uns …«

Mr. Skelton brachte uns zur Tür.

Von Brazos war nichts zu sehen.

Wir fanden ihn bei meinem roten Flitzer.

»Ich warte«, sagte er, als wir im Wagen saßen, und fügte sarkastisch hinzu: »Das Tribunal ist eröffnet.«

»Ich nehme an«, sagte ich schulterzuckend, »Sie hatten aus Ihrer Sicht gute Gründe für diese Extratour. Aber es war Ihre letzte unter unserer Schirmherrschaft.«

»Was soll das heißen?« Brazos beugte sich vor.

Ich startete den Motor und fuhr los. »Das soll heißen«, sagte ich, »dass unsere Zusammenarbeit – ein Witz, diese Bezeichnung unter den gegebenen Verhältnissen – vorbei ist, ehe sie überhaupt begonnen hat. Sie sind draußen, Brazos! Und wenn Diane Skelton etwas zugestoßen ist, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie dorthin zurückkehren, woher Sie gekommen sind!«

»Was soll das sein?«, fragte Brazos gereizt. »Eine Drohung?«

»Ein Versprechen«, antwortete ich kühl.

 

 

17. Kapitel

 

»Was ist los mit der Kleinen?«, fragte der schlaksige Hausmeister, der uns mit seinem Schlüsselbund in die Etage begleitete, wo Diane Skelton nach ihrer Trennung von Faye Dellaware eingezogen war. Das Apartmenthaus lag einen Steinwurf vom West Side Express Highway entfernt; laut, aber erschwinglich.

Der Mann, auf dessen Overall der Name Mike Peaks aufgenäht war, schob erst einen falschen, dann – im zweiten Versuch – den richtigen Schlüssel in das Türschloss. Ein richterlicher Beschluss ebnete uns den Weg.

»Ihr seid schon das zweite Bullenteam für heute, das sich für die Kleine interessiert«, grinste Peaks, ohne den Kauprozess zu unterbrechen, mit dem seine Kiefer auf einem Stück Lakritze herummahlten.

Es knackte, als der Riegel zurückschnappte.

Wir verziehen ihm seine Wortwahl und schoben uns an ihm vorbei in die Wohnung. Zuvor hatten wir es schon einmal alleine versucht, aber niemand hatte geöffnet.

Milo, Brazos und ich schwärmten aus. Peaks folgte wiederkäuend.

Ich fand Diane Skelton im Schlafzimmer, als die anderen noch in Bad und Küche suchten. Sie lag mit nacktem Oberkörper, ansonsten aber ausgehfertig angekleidet – sie trug sogar noch ihre Schuhe – auf dem Bett und blickte mir mit gläsernen Augen entgegen.

Ich wusste sofort, dass jede Hilfe zu spät kam. Um sie herum lagen die Utensilien eines Fixerbestecks verstreut. Ihr bleicher Arm war eine Handbreit über dem Ellbogengelenk mit einer Lederkordel abgebunden. Die Nadel steckte noch halb in der Vene.

Ein Bild, das neben Trauer und Wut auch etwas von der Einsamkeit des Opfers vermittelte, die stets mit dieser Art Tod einherging.

Ich rief nach Milo. Brazos brauchte von niemandem gerufen zu werden. Dann überprüfte ich Dianes Puls, aber es war nur noch eine Formalität.

Mein Nicken veranlasste Milo, den Hausmeister aus der Wohnung zu entfernen. Ohne etwas zu verändern, wandte ich mich selbst ab und drängte Brazos hinaus auf den Flur. Die Tür des Zimmers schloss ich hinter uns und alarmierte von der Diele aus die Mordkommission. Ich ließ mich gleich mit Easton verbinden. Es bedurfte keiner langen Diskussion. Der Hinweis, dass wir Faye Dellawares Freundin tot aufgefunden hatten, genügte. Er versprach, sich um alles zu kümmern.

»Sie wollen das Feld der City Police räumen?«, empörte sich Brazos sofort, nachdem ich aufgelegt hatte. Er funkelte mich an.

Milo kehrte zurück. »Dieser Peaks ist sauer«, meldete er.

Ich blickte Brazos an. »Dann können die beiden ja einen Klub gründen.« Ich drängte an Brazos vorbei. »Gehen Sie mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse!«

Der G-Man aus San Antonio starrte mir verständnislos nach. Dann suchte er Hilfestellung bei Milo. Doch der ließ ihn ebenso kalt abblitzen, streckte den Arm aus und zeigte ihm den Weg zu Peaks.

Wir warteten das Eintreffen der Polizei ab. Dann lasen wir Brazos auf und fuhren fast stumm mit ihm Richtung Staten Island.

Als er unsere Absicht erkannte, geriet er ins Schwitzen. »Was soll das?«, keuchte er. »Wohin fahren wir?«

»Das wissen Sie doch«, erklärte Milo sachlich. »Jemand muss den Skeltons die Todesnachricht überbringen.«

»Und was soll ich dabei?«

»Sie werden derjenige sein«, eröffnete ich ihm, »der es ihnen sagt.«

»Sie sind verrückt!« Er rutschte hektisch auf dem Notsitz des Sportwagens herum. »Was habe ich damit zu tun?«

»Nichts«, erwiderte Milo, ohne ihm das Gesicht zuzuwenden. Er schien mit der Windschutzscheibe zu sprechen. »Deshalb dürfte es ja auch kein Problem sein. Die Skeltons sind aufgeschlossene Menschen. Sie werden keinen Zusammenhang zwischen dem, was ihrer Tochter zugestoßen ist, und dem nächtlichen Besuch eines G-Man sehen. Niemand wird auf den Gedanken kommen, dieser G-Man könnte in so unverantwortlicher Weise auf sie eingewirkt haben, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah als …«

»Hören Sie auf!«, herrschte Brazos ihn an. »Drehen Sie sofort um, oder ich steige aus!«

Ich stoppte den Wagen.

 

 

18. Kapitel

 

Als wir von Staten Island zurückkehrten, war es bereits dunkel. Wir betraten unser Büro und knipsten das Licht an. Mr. McKee saß bequem hinter meinem Schreibtisch. Er musste eine ganze Weile hier gewartet haben.

»Ich muss Sie sprechen«, sagte er.

»Hier?«, fragte Milo unbehaglich.

Er nickte. »Schließen Sie die Tür.«

Ich tat es. Innerlich wappneten wir uns gegen Vorwürfe, die kommen mussten. Aber Mr. McKee blieb gewohnt sachlich, das machte es einfacher.

»Dave Brazos hat sich beschwert«, sagte er. »Sie sollen ihn unten am Sunset Park ausgesetzt haben. Er musste ein gutes Stück zu Fuß gehen, ehe er ein Taxi fand.«

»Wo ist er jetzt?«, fragte Milo, ohne eine Spur Bedauern.

»In seinem Hotel, nehme ich an.«

»Und nun wollen Sie wissen, warum wir ihn rausgeschmissen haben«, formulierte ich weniger zurückhaltend.

Er lächelte. »Brazos sagte, Sie werfen ihm eine Mitschuld an Diane Skeltons Tod vor. Er nennt es absurd. Können Sie es begründen?«

»Nein«, sagte ich. »Und ich denke auch nicht, dass wir dies müssten. Er war kurz vor ihrem Verschwinden bei ihr. Er hat nicht einmal versucht, die Meinung der Eltern – von denen wir übrigens gerade kommen – zu entkräften, er hätte Diane so unter Druck gesetzt, dass sie zu einer Kurzschlusshandlung getrieben wurde.«

Der Blick, mit dem mich Mr. McKee maß, versetzte mich in Unruhe. »Was würden Sie sagen, wenn es keine Kurzschlusshandlung gewesen wäre?«

»Ich würde nach Beweisen fragen.«

»Die gibt es«, sagte Mr. McKee ruhig. Während Milo sich eine Zigarette ansteckte und angespannt zu rauchen begann, fuhr unser Chef fort: »Man fand frische Spermaspuren bei ihr. Außerdem ergab die Untersuchung eindeutig, dass Diane Skelton, ehe ihr der tödliche Heroinschuss gesetzt wurde, bereits betäubt war.«

»Spermaspuren?«, echote ich. »Wurde sie vor ihrem Tod missbraucht?« Mr. McKee legte sich nicht fest. »Es fand jedenfalls Geschlechtsverkehr statt.«

»Und was heißt, sie war bereits betäubt?«, fragte Milo.

»Sie wurde mit einem stumpfen Gegenstand bewusstlos geschlagen. Wahrscheinlich, um ihre Gegenwehr zu ersticken.«

Milo machte eine eindeutige Geste. »Und dann …« Mr. McKee nickte vielsagend.

»Ist sie überhaupt dort gestorben, wo wir sie fanden?«, fragte ich.

»Davon können wir ausgehen.« Mr. McKee deutete auf ein Foto auf meinem Schreibtisch, das er mitgebracht haben musste. Es zeigte Diane Skelton, wie ihre Eltern sie zweckmäßigerweise nicht in Erinnerung behalten sollten: Auf dem Obduktionstisch. »Im Grunde ist die versuchte Selbstmordvortäuschung äußerst plump geraten und sieht nach einer Verlegenheitslösung aus. Nirgends sonst an ihrem Körper fanden sich Einstiche oder Vernarbungen, die auf Drogenmissbrauch schließen lassen. Das Ganze hätte nicht einmal einer oberflächlichen Prüfung standgehalten.«

»Das würde mit der Aussage ihrer Eltern übereinstimmen«, warf ich ein. »Ihr Vater hätte mich fast getötet, als ich den Rauschgifttod übermittelte. Er schrie mich an, seine Tochter hätte nie mit Heroin oder anderem Stoff experimentiert.«

»Sie wurde also ermordet«, sagte Milo und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.

»Eindeutig. Aber das ist noch nicht alles. Man fand Fingerabdrücke auf dem Fixerbesteck, die nicht Diane gehören.«

»Das glaube ich nicht!«, entfuhr es Milo, und in der Tat war die Vorstellung absurd, dass heutzutage ein Mörder noch so offensichtliche Visitenkarten hinterließ – zumal, wenn er wirklich einen Mord verschleiern wollte.

»Es ist aber so.« Mr. McKee blieb dabei. »Der Computer arbeitet momentan an einer Auswertung. Es kann noch etwas dauern, aber wenn der Urheber der Fingerabdrücke bereits einmal polizeilich aufgefallen oder Angehöriger der Army ist oder war, werden wir ihn auf dem silbernen Tablett geliefert bekommen.«

»Und wenn nicht?«, fragte ich.

»Ich bin ein positiv denkender Mensch«, sagte Mr. McKee. »Deshalb komme ich auch noch einmal auf Dave Brazos zurück. Wie es aussieht, trägt er keine unmittelbare Verantwortung an Diane Skeltons Schicksal. Versuchen Sie, sich mit ihm zu vertragen. Wenn wir nachweisen können, dass Faye Dellawares Mörder nicht mit dem San-Antonio-Killer identisch ist, was immer noch nicht ausgeschlossen werden kann, wird er bald nach Hause zurückkehren. Bis dahin …«

Wir hatten verstanden. Dennoch hatte ich kein gutes Gefühl, als wir Mr. McKee zusagten.

 

 

19. Kapitel

 

Dienstag, 26. Oktober

Das alte Backsteingebäude im Stadtteil- Tribeca hatte zur Jahrhundertwende und bis weit in die 50er Jahre eine Stahlgießerei beherbergt. Heute war es vollständig von Künstlern – und solchen, die sich dafür hielten – vereinnahmt. Das Kürzel Tribeca bezeichnete ein Areal, das zwischen der Canal und der Vesey Street, der Greenwich Street und dem Broadway liegt. Bis zu Diane Skeltons Wohnung war es nur ein Katzensprung, und dennoch trennten beide Gegenden Welten. Der Umbau-Boom der Loft-Spekulanten, die billige Fabrikhallen aufkauften, oberflächlich sanierten und renovierten, um sie dann für horrende Summen weiter zu verhökern, war ungebrochen. Das hatte zu einer Inflation der Mieten geführt. Wie an den meisten »In«-Plätzen eroberten die Reichen und Etablierten nach und nach das Terrain.

Es gab nur noch wenige Ausnahmen.

Wir stoppten mit mehreren Fahrzeugen im Innenhof der ehemaligen Fabrik. Easton, Schulz und einige uniformierte Beamte der Stadtpolizei deckten die etwas überstürzte Aktion, nachdem der FBI-Computer sich auf einen bestimmten Namen festgelegt hatte: Duncan Plesken.

Plesken hatte einige Drogendelikte auf dem Kerbholz und verdingte sich seit geraumer Zeit als Hersteller von Lederaccessoires, die er auf offener Straße feilbot. Die Jungs vom Drogendezernat ermittelten schon eine ganze Weile gegen ihn, weil sie in seinem »Bauchladen«, wie sie es formulierten, nicht nur Harmlosigkeiten vermuteten. Plesken stand unter dem Verdacht, in größerem Stil mit Synthodrogen zu dealen. Nachweisen konnte ihm das in jüngster Zeit noch niemand. Den Akten zufolge war er selbst süchtig. Auf die altmodische Weise, nach Heroin.

Als wir zur Loft unter dem alten Fabrikdach vordrangen, ging alles erstaunlich glatt. Dass wir Pleskens Fingerabdrücke bei der ermordeten Diane Skelton gefunden hatten, gab uns – auch aus Sicht des Richters – das Recht, die Wohnungstür aufzubrechen, als niemand freiwillig öffnete.

Die Möglichkeit, dass Plesken Lunte gerochen und auf der Flucht war, wurde widerlegt, als wir sein seltsames Refugium betraten.

Eine Gestalt wankte uns entgegen, und dann ging alles ganz schnell.

Brazos schrie: »Aus dem Weg!«

Im nächsten Moment wurde ihm der Schrei schon von den Lippen gerissen. Der Donner des Schusses, der seine Waffe verlassen hatte und fehlgegangen war, weil ich ihm instinktiv den Arm nach oben geschlagen hatte, hallte nach. Brazos fluchte.

»Sie verdammter Narr!«, fuhr ich ihn an. »Was sollte das? Er war unbewaffnet!«

»Er hatte eine Waffe!«, widersprach der G-Man. »Er wollte gerade schießen!« Er log – oder er hatte sich einfach getäuscht.

Beides sprach nicht für ihn. Jeder andere von uns hatte genau gesehen, dass keine Gefahr im Verzug gewesen war. Der Mann, der Plesken sein musste, hatte nach dem Knall sofort abgedreht und war davongerannt.

Wir fanden ihn zwischen gruseligen, augenlosen Ledermasken und anderen Kunstwerken, über die man hätte streiten können. Er war bis zur Halskrause mit Heroin abgefüllt.

Da er in diesem Zustand klar vernehmungsunfähig war, nahmen wir ihn mit in eine Arrestzelle im FBI-Gebäude an der Federal Plaza, wo er medizinisch versorgt wurde. Sobald er wieder einigermaßen geradeaus schauen konnte, nahmen sich unsere Verhörspezialisten Baker und Hunter seiner an. Sie hatten wenig Freude an ihm. Er gebärdete sich wie ein Wilder und wusste um seine Rechte. Als sein Pflichtverteidiger jedoch hörte, dass sein Klient unter dringendem Mordverdacht stand, ließ er sein Verlangen auf sofortige Freilassung gegen Kaution wie eine heiße Kartoffel fallen. Danach hatten es Hunter und Baker leichter.

Nachdem sie ihn präpariert hatten, kamen Milo, Brazos und ich dazu.

Sein Anwalt war nirgends zu sehen.

Ich klärte Plesken für alle Fälle noch einmal über seine Rechte auf, ehe ich sagte: »Sie wissen, dass Sie unter dem dringenden Verdacht stehen, Diane Skelton auf heimtückische Weise getötet zu haben. Was haben Sie dazu zu sagen?«

Er starrte mich aus rot unterlaufenen Augen an, dann an mir vorbei.

»Wir können uns unterhalten«, sagte er schleppend. »Aber nicht, solange der da dabei ist.« Sein Blick haftete an Brazos, der ihn vorhin bei der Festnahme in seinem Übereifer fast umgebracht hätte. Da Pleskens Reaktion irgendwo verständlich war, lenkte ich gegen Brazos’ Willen ein. Milo führte ihn hinaus, ohne auf Protest zu stoßen.

»Ist jetzt alles nach Ihren Wünschen?«, fragte ich mit unverhohlener Ironie.

Plesken nickte ernst. Er bat um eine Zigarette. Ich schenkte ihm ein ganzes Päckchen, und wenig später rauchte er gierig. Hunter und Baker hatten ihn in dieser Hinsicht absolut kurz gehalten.

Es war der Beginn einer »großen Freundschaft«.

»Ich war’s nicht, zur Hölle!«, schnappte er zwischen zwei Zügen. »Di tot? Das ist verrückt! Als sie wegging, war sie noch quicklebendig.«

»Wann war das?«

»Heute Nacht. Ziemlich spät – oder früh, je nachdem.«

»Woher kennen Sie sie? Was wollte sie von Ihnen?« Er lachte hässlich und vollführte mit der Zunge obszöne Kunststückchen. »Sie war verknallt in mich.« Die Zweifel mussten in meinem Gesicht zu lesen gewesen sein. »Es ist wahr!«, keuchte er. »Die Weiber sind ganz verrückt nach mir!«

Ich ließ ihm seine Träume. »Was wollte sie?«, wiederholte ich.

»Was sie alle wollen«, erklärte er abfällig. »Sex. Wie die Tiere.« Wie die Tiere!

Ich starrte ihn an und stellte mir Diane Skelton vor, wie ich sie lebend in Erinnerung hatte. Die Vorstellung, dass sich dieses zarte Wesen mit einem Freak wie Plesken eingelassen haben sollte, bereitete mir Bauchweh.

»Sie hatten also Sex«, sagte ich. »Freiwillig?« Er starrte mich mit immer noch vernebeltem Blick an. »Ich? Immer!«

»Das Mädchen«, sagte ich. »Diane Skelton. War sie damit einverstanden?«

Er ballte die Fäuste. »Natürlich war sie das! Was soll das Gequatsche? Ich habe es nicht nötig …«

Milo brachte ihn zum Verstummen. Er zeigte Plesken ein Bild der Toten. »Erkennen Sie sie wieder?« Pleskens Augen quollen aus den Höhlen. Jäh schien er zu begreifen, dass er ein größeres Problem hatte, als die ganze Zeit vermutet. Hunter und Baker hatten ihn zwar in Zusammenhang mit Diane Skelton verhört, aber sie hatten ihm nicht gesagt, wie sie gestorben war. Wenn er sie umgebracht hatte, wusste er das selbst – es sei denn, er hatte es in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit getan.

»Was – ist mit ihr passiert?«, stieß er hervor.

»Sie wurde ermordet«, erklärte Milo. »Es sollte wie Selbstmord aussehen, aber dafür war es zu halbherzig gemacht. Diane Skelton wurde mit einer Überdosis Heroin getötet. In ihrer Wohnung in Greenwich Village. Auf der Spritze, die zur Tat benutzt wurde, fanden sich Ihre Fingerabdrücke, Plesken. Erklären Sie uns das!«

Pleskens Blick suchte mich. Er war hilflos. Er sah aus wie jemand, dem man gerade eine Klinge in den Magen gestoßen hatte und sie nun in langsamen, drehenden Bewegungen wieder herauszog.

Während wir ihn hier verhörten, wurde sein Loft durchsucht. Es sah schlecht aus für ihn. Die Spermaspuren, die man bei Diane Skelton gefunden hatte, würde mit seinen verglichen werden. Waren sie identisch, würde er Mühe haben, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass er das Mädchen nicht erst vergewaltigt und dann mit der Giftspritze getötet hatte.

Zuvor musste er uns überzeugen, und schon das schaffte er nicht. Er behauptete, sich an keine Details mehr erinnern zu können. Diane Skelton war bei ihm gewesen, das wusste er noch. Als er merkte, dass er den Hals in der Schlinge hatte, behauptete er, sie sei zu ihm gekommen, damit er ihr ein Alibi für die Mordnacht verschaffe, in der ihre Freundin umgebracht worden war. Nun wurde es völlig konfus. Seine Glaubwürdigkeit litt darunter.

»Di hatte Angst. Da war so ein Bulle, der sie in Panik versetzt hatte. Er drohte ihr, sie hopszunehmen, wenn sie nicht zugab, dass sie mehr wusste als bisher zugegeben. Er vermutete, dass sie vielleicht sogar Zeugin der Bluttat gewesen sei.«

Brazos. Dave Brazos war dieser Bulle gewesen.

Ich hatte auch bei unserem ersten Besuch schon diese Möglichkeit in Betracht gezogen, Diane aber Zeit geben wollen. Nun war es zu spät.

»Und?«, fragte ich. »War sie?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, sie war in der Wohnung, hat sich aber vor Angst irgendwo verkrochen und nichts gesehen – nur gehört.«

Das war ein neuer Aspekt. Aber er half weder uns noch Plesken sehr viel weiter.

»Es gibt spezielle Zeugenschutzprogramme«, sprach Milo aus, was ich dachte. »Warum hat sie uns nicht ins Vertrauen gezogen, wenn sie solche Angst hatte?«

»Sie hatte nichts gesehen«, fauchte Plesken. »Kapiert das endlich. Ihr hättet sie doch fallen lassen wie ein faules Ei. Niemand investiert in Vakuum.«

Vielleicht hatte er recht.

Diane Skelton hatte sich aus ihrer Sicht in einer ausweglosen Sackgasse befunden. Redete Plesken nur um sein Leben, oder hatte er wirklich nichts mit ihrem Tod zu tun? Aber wer dann? Faye Dellawares Mörder? Hatte der Serienkiller versucht, sich einer vermeintlichen Zeugin zu entledigen?

Aber welchen Zusammenhang gab es zwischen ihm und Plesken? Dessen Fingerabdrücke waren auf der Spritze. Er war mit Diane zusammen gewesen.

Die Tür des Verhörraumes öffnete sich. Clive Caravaggio, unser flachsblonder Kollege, streckte den Kopf herein. Er winkte mich nach draußen.

»Neuigkeiten?«, fragte ich, als wir unter vier Augen waren.

»Wenn man so will, sogar eine Sensation: Man hat ein Rasiermesser in Pleskens Loft gefunden.«

»Ein Rasiermesser?«

Er nickte. »Mit Blutspuren! Man untersucht gerade, ob es sich dabei um das Werkzeug handelt, mit dem Faye Dellaware und die San-Antonio-Opfer verstümmelt wurden.«

Als ich zu Plesken zurückkehrte, leugnete er den Besitz eines solchen Messers strikt ab. Er leugnete auch den Wahrheitsgehalt der Laboranalyse, die wenige Stunden später schlüssig nachwies, dass die getrockneten Blutreste von Faye Dellaware stammten. Ob die in San Antonio sichergestellten Metallspäne von diesem Messer stammten, würden wir so schnell nicht erfahren. Die entsprechenden Tests waren langwieriger.

Plesken saß in der Falle. Auch wenn er behauptete, Faye Dellaware überhaupt nicht gekannt zu haben. Nur vom Hörensagen.

Er hatte sich bereits in einem Netz von Indizien verfangen, aus dem es nach Lage der Dinge kein Entkommen mehr geben würde.

Die Psychologen stellten eine Verbindung zwischen Pleskens Vorliebe für Ledermasken und den Gesichtsverstümmlungen der Opfer her.

Seltsamerweise blieb das Gefühl der Genugtuung, einen Schuldigen überführt zu haben, bei mir aus.

Zwei Tage später reiste Dave Brazos nach San Antonio zurück. Die Untersuchungen hatten inzwischen bestätigt, dass das sichergestellte Rasiermesser auch in den drei früheren Fällen die Tatwaffe war.

 

 

20. Kapitel

 

Der Zettel lag in seinem Koffer, als er ihn öffnete, um zu packen.

Dave Brazos starrte, von lautlosem Grauen erfüllt, auf die Schreibmaschinenschrift. Den Packen Wäsche, den er auf dem Arm trug, ließ er einfach fallen.

Besser, wir bleiben zusammen. Es wäre fahrlässig, dich allein zurückkehren zu lassen. Guten Flug! Alec

 

 

21. Kapitel

 

San Antonio, die Nacht vom 13. zum 14. November, Vollmond

Adrian Raft war sternhagelvoll. Sturzbetrunken – aber unglaublich happy.

In der Innentasche seiner Jeansjacke befand sich ein formelles Anschreiben, das er heute im Hausbriefkasten gefunden hatte und das einen radikalen Schlussstrich unter seine Pechsträhne zog.

Völlig von der Rolle stolperte er aus dem Taxi, warf dem Fahrer achtlos ein paar Scheine nach vorn und setzte dann seinen »Eierlauf« fort. Er torkelte die Einfahrt zu der schmucken, aber restlos verschuldeten Villa an der Starcrest Avenue hinauf.

Jays Wagen stand im Weg. Raft knallte frontal mit dem Schienbein dagegen und schrie dumpf auf. Die schmerzhafte Prellung bescherte ihm einen der selten gewordenen Lichtblicke seines umnebelten Verstandes.

Zum ersten Mal fragte er sich, wenn auch nur beiläufig, wie es Jay wohl gefallen würde, dass er schon mal ein bisschen ohne ihn gefeiert hatte. Dass Jays Name als Empfänger auf dem Brief gestanden hatte, drang ebenfalls zäh durch sein Bewusstsein. Aber damit wurde er fertig. Sie hatten immer alles geteilt, selbst die Schulden. Das hatte Tradition.

Als er nicht gleich den Schlüssel fand, klopfte er laut gegen die Tür. Mit dem einzigen Erfolg, dass in der Nachbarschaft die Lichter angingen. Jay hingegen ließ sich von dem Lärm nicht stören.

Raft grinste dümmlich und fand den Schlüssel, aber nicht das Loch. Stattdessen krachte er unkontrolliert gegen die Tür, als er das Gleichgewicht verlor, und stellte zu seiner Verblüffung fest, dass das Hindernis sofort nachgab. Vom eigenen Schwung getragen, fiel er in die Wohnung.

Jay hatte vergessen, die Tür abzuschließen.

Mühsam rappelte er sich wieder auf und knipste das Licht an. Mit der Hacke schloss er die Tür. Drinnen war es warm, trotzdem fror er etwas.

Als er den Mantel an die Garderobe hängte, kam er mit etwas Nasskaltem in Berührung. Jays Schal. Er hing am Haken, und Rafts Hand war rot verschmiert, als er sie zurückzog.

Ketchup? Barbecue-Sauce?

Er starrte auf den Fleck und schüttelte ein paarmal den Kopf, als könnte er die Nebel damit vertreiben. Schnaubend wischte er sich die Hand an der Hose ab und taumelte durch den Flur auf die Treppe zu, die in die oberen Schlafräume führte.

Raft arbeitete sich die Stufen nach oben. Auf halber Strecke hielt er an und rief mit brüchiger Stimme: »Jay?!«

Sein Bruder antwortete nicht.

Raft wankte weiter. Ohne anzuklopfen, riss er die Tür zu Jays Schlafzimmer auf und schaltete das Licht an.

Das Bett war unberührt. Sein Bruder schien nicht zu Hause zu sein.

Enttäuscht ließ Raft den Brief fallen, den er die ganze Zeit mit sich herumschleppte. Er warf die Tür ins Schloss zurück und torkelte bis zu seinem eigenen Zimmer.

Das Licht streikte. Die verflixte Birne musste kaputt sein.

Raft wankte durch die Dunkelheit dorthin, wo er sein Bett wusste. Unterwegs streifte er bereits das Hemd ab und kickte die Schuhe von den Füßen.

Als er sich schwer auf die Matratze fallen ließ, stieß er einen verblüfften Schrei aus.

Da lag schon jemand.

»Jay!« Raft rollte sich zur Seite und verfiel in glucksendes Gelächter. »Auch voll wie eine Strandhaubitze? Hast dich wohl im Bett geirrt …«

Keine Antwort.

Rafts Lachen verstummte. »Heh! Komm schon!«, lallte er. »Ich hab’ dir was Wichtiges mitzuteilen.«

Wieder griff er voll in etwas Glitschiges. Es klebte. Es weckte unangenehme Gefühle.

»Jay!«

Irgendwie fand Raft den Schalter der Nachttischlampe. Aber auch sie versagte. Dafür klang von irgendwo aus der Dunkelheit eine Stimme auf. »Bill?«

Raft bekam eine Gänsehaut.

»Bill, bist du es?«

»Scheiße!«, rief Raft und sprang unbeholfen auf. Er streckte die Arme abwehrend von sich. »Ich bin nicht Bill! Wer, zur Hölle bist du?!«

»Nicht Bill?«, echote die Stimme, die wie aus einem Tunnel zu kommen schien.

Raft packte die Nachttischlampe, riss sie samt Kabel aus der Steckdose und schmetterte sie vor sich in die Schwärze. Es war stockfinster. Durch die geschlossenen Läden drang kein noch so winziger Schimmer.

Als das Wurfgeschoss zu Boden schlug, schwang die Stimmung des Unsichtbaren in hellen Zorn um.

»Warum tust du das? Ich habe so lange nach dir gesucht.« Ein Verrückter, dachte Raft, und dann: Was hat der Kerl mit Jay gemacht?! Sein vorrangiger Gedanke war jedoch, aus dem Raum heraus ins Licht zu kommen. Das, was er in seiner Hosentasche hatte, fiel ihm ein.

Den linken Arm immer noch in unbeholfener Abwehr von sich gestreckt, fummelte er das Benzinfeuerzeug heraus und ließ die Daumenkuppe mehrmals über den Steinzünder rollen. Jedes Mal fauchte es leise.

Endlich kam die Flamme.

Und dann das Rasiermesser!

Es wischte durch die Luft. Ein Reflex im Feuerschein.

Raft zuckte zurück. Das Feuerzeug fiel ihm aus der Hand.

Noch vor Erlöschen des Lichts hatte Raft einen Blick auf das Bett erhascht. Das Grauen drohte ihn zu lähmen.

Geduckt schlich er durch die Finsternis. Hielt den Atem an. Lauschte.

Er hörte nichts. Nur ein Lufthauch streichelte ihn.

Er ließ sich fallen.

Wuussch!, zischte es über ihn hinweg.

Raft warf sich nach vorn. Packte zu. Bekam Stoff zu fassen. Zerrte daran. Brachte seinen Todfeind zu Fall.

Wuussch!

Etwas schnitt ihm die Schulter auf. Die Klinge ging tief, aber der Schmerz war nicht viel mehr als ein Hitzegefühl. Ein kurzes Brennen.

Raft schlug zu.

Seine Faust schmetterte ins Nichts.

Wuussch!

Die Klinge traf sein Gesicht und riss eine blutige Schneise hinein.

Raft dachte an die Frau, in deren Armen er gelegen hatte, bevor er in die Starcrest Avenue zurückgekehrt war. An das kurze, mehr als flüchtige, gekaufte Glück.

Wo war er jetzt?

Verzweifelt stieß er das Knie hoch. Er traf auf Widerstand. Hörte einen dumpf verzerrten Schmerzenslaut. Sofort setzte er nach. Alles oder nichts. Er wusste, um was es ging. Er wollte nicht enden wie Jay!

Wieder schlug er um sich. Fand keinen Widerstand mehr. Lauschte. Versuchte, sich aufzurappeln.

Er hatte völlig die Orientierung verloren. Die Stille umgab ihn wie ein Grab. Blut quoll aus seinen Verletzungen. Er widerstand dem Verlangen, zu schreien. Er schwitzte. Das Salz seines Schweißes drang in die Wunden.

Auf den Knien rutschte er durch den Raum. Stieß gegen die Polsterumrandung des Bettes. Tastete. Orientierte sich neu. Schwenkte um. Rutschte weiter. Hielt inne. Horchte. Erreichte die Wand.

Raft führte ein Leben im Zeitraffer. Es wurde ihm kaum bewusst. Die Angst, dass es ihm zwischen Fingern zerrann – im Takt des Blutverlustes – war größer.

Er richtete sich an der Wand hoch. Bekam etwas, das auf seinem niedrigen Kommodenschrank lag, zu fassen. Etwas Spitzes, Hartes: Ein Briefbeschwerer mit dem Emblem seiner Lieblings-Baseball-Mannschaft, wie er vage erkannte.

Raft umfasste ihn in der Aufwärtsbewegung. Die andere Hand glitt an der Wand entlang und fand den Türknauf.

Jetzt!, dachte er und riss die Tür auf.

Vom Gang draußen drang ein Lichtstreif herein, weil er die Beleuchtung angelassen hatte.

Er hechtete förmlich darauf zu – und schlug mit dem Nasenbein gegen die Türkante, die von einem Fuß jäh gestoppt worden war.

Der Schmerz war brutaler als der seiner wesentlich schlimmeren Verletzungen durch das Messer. Sekundenlang riss sein Kontakt zur Außenwelt.

Das genügte dem Killer.

Gezielt und unbarmherzig stieß er zu. Der Lichtschimmer von draußen, von dem Raft Rettung erhofft hatte, half ihm. Als der Schemen heranraste, war es zu spät.

Wuussch!

Das Hochreißen des Brieföffners war purer Reflex eines sterbenden Körpers!

 

 

22. Kapitel

 

New York City, am nächsten Tag

Wir steckten bis zum Hals in Ermittlungen über Schutzgelderpressungen unten in Chinatown. Eine Bande, die sich »Flying Dragons« – fliegende Drachen – nannte, versuchte, ihre Forderungen mit brutalen Strafaktionen gegen Zahlungsunwillige zu untermauern. Es hatte bereits eine regelrechte Hinrichtung am Sohn eines Restaurantbesitzers gegeben, der uns einen heißen Tipp zugespielt hatte.

Clive Caravaggio, unser italo-stämmiger Kollege, koordinierte die Einsätze. Als er zusammen mit Milo und mir zum Chef gerufen wurden, nahmen wir logischerweise an, dass es um die Chinatown-Sache ging.

Mr. McKees Sorgen waren jedoch anders gelagert.

»Duncan Plesken«, sagte er, nachdem wir Platz genommen hatten. »Sie erinnern sich.« Es war eine Feststellung, keine Frage. Die Sache lag auch zu kurz zurück, um sie bereits verdrängt zu haben. Draußen im Vorzimmer, auf Mandys Schreibtisch, welkten sogar noch die Rosen vor sich hin.

»Der Mann, der im Verdacht steht, neben zwei Frauen in Manhattan auch drei Opfer in San Antonio auf dem Gewissen zu haben«, sagte ich. »Seine Alibis für die Tatzeiten waren nur schwer nachprüfbar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.«

Mr. McKee nickte bedächtig. »Diese These können wir wahrscheinlich nicht mehr aufrechterhalten.«

»Warum nicht?«, wollte Milo wissen.

»Plesken hat, was die San-Antonio-Morde angeht, das denkbar beste Alibi erhalten.«

»Welches?«, fragte Clive. Er machte sich Notizen.

Ich ahnte sofort, was kommen würde. Ein Blick auf den Kalender auf Mr. McKees Schreibtisch brachte mich intuitiv darauf. »Der Vollmondmörder hat erneut zugeschlagen – obwohl Plesken hier in New York in Untersuchungshaft sitzt!«

Mr. McKee bestätigte meinen Verdacht.

»Was ist genau passiert?«, fragte Milo.

»Ein Doppelmord. Altes Muster: Kehlen durchschnitten, Gesichter verstümmelt!

»Doppelmord?«, hakte Clive ein. Er kannte sich genügend aus im bisherigen Protokoll.

»Zwillinge«, ging Mr. McKee darauf ein. »Adrian und Jay Raft.«

»Zwillinge auch noch! Besteht die Möglichkeit, dass es sich um einen von der Presse animierten Trittbrettfahrer handelt?«, fragte ich.

Er verneinte. »Die Übereinstimmung zu den vorherigen Morden ist zu frappierend. Die Art der Verstümmlung deckt sich bis in kleinste Details mit den anderen Fällen – Details, die nicht einmal an die Medien verbreitet wurden, sondern unter die Geheimhaltungsklausel fielen.«

»Das glaubten wir bei Faye Dellaware auch«, warf Milo respektvoll ein. »Wenn Plesken zwar die beiden hiesigen Morde begangen hat, aber in keinerlei Verbindung zu den San-Antonio-Fällen steht, müssen wir völlig umdenken. Dann stehen wir doch wieder ganz am Anfang. Aber Halt! Hieß es nicht, mit dem Rasiermesser wären alle Morde ausgeführt worden?«

»Das weist auf eine Möglichkeit, die wir bislang noch nicht in Betracht gezogen haben«, ging Mr. McKee auf seinen Einwand ein. »Eine Möglichkeit, die mir Kummer bereitet.«

»Und die wäre?«, fragte zur Abwechslung ich.

»Dass Plesken mit seinen Unschuldsbeteuerungen recht hat.« Mr. McKee nahm das Fax aus San Antonio und strich mit dem Blick darüber hinweg. »Dass wir es mit einem viel raffinierteren Killer zu tun haben als vermutet. Jemand, der Plesken sehr aufwendig in den Verdächtigenkreis erhob, akribisch falsche Indizien streute – und schließlich wieder nach San Antonio zurückkehrte.«

»Mit Brazos«, sagte ich.

Mr. McKee ließ das Fax los. »Mit Brazos möglicherweise«, bestätigte er. »Wie ich aus San Antonio hörte, ist er heute nicht zum Dienst erschienen und war auch telefonisch bislang nicht zu erreichen gewesen. Es klang etwas mysteriös – als machte man sich ernsthaft Sorgen um seinen Verbleib.«

»Mit Verlaub«, warf Milo ein, »das zu glauben, fällt mir schwer.«

 

 

23. Kapitel

 

Als wir mit einem regulären Linienflug der US Airlines am späten Nachmittag in San Antonio eintrafen, regnete es aus einem bleifarbenen Himmel.

Unser Besuch war vorangemeldet.

Mr. McKee hatte Milo und mir die Tickets in die Hand gedrückt. Er wollte zweierlei: Gewissheit, ob wir mit Duncan Plesken tatsächlich den Falschen hinter Gitter gebracht hatten. Und Informationen, was mit Dave Brazos selbst geschehen war. Ich hatte mir während des Fluges meine Gedanken gemacht.

Brazos’ Abtauchen hing möglicherweise mit der neuen Bluttat zusammen. Bei ihm hätte es nicht verwundert, wenn er wieder etwas auf eigene Faust riskiert hätte. Möglicherweise hatte er sich verkalkuliert und saß nun selbst in der Klemme.

Der junge G-Man, der uns mit einem gewaltigen Regenschirm bereits unterhalb der Gangway abholte, hieß Chap Clondike. Wie der Goldfluss bei Jack London. Wir erfuhren, dass er uns zur persönlichen Verfügung gestellt worden war. Ähnlichkeiten zu Brazos’ Ankunft in New York waren hoffentlich nur rein zufällig.

»Hi« begrüßte er uns, noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. So wie er aussah, kam er frisch aus Quantico, der FBI-Ausbildungsakademie. »Ihr dürft mich C.C. nennen.«

»C.C.?«, fragte Milo. »Unter diesem Kürzel kannte ich bislang nur Claudia Cardinale.« Er blickte genauer hin, fand aber offenbar nicht jene Merkmale, die ihn überzeugt hätten.

»Ja ja«, ging das Greenhorn lässig darüber hinweg. »Gut geklaut ist besser, als schlecht selbst erfunden.«

»Jesse«, stellte ich uns vor. »Das hier ist Milo.«

»Gibt es etwas Neues von Brazos?«, fragten wir auf dem Weg in die Innenstadt. Wir wurden rasch warm mit dem Jungen. Er gefiel uns, weil er einen aufgeweckten Eindruck machte.

Clondike verneinte. Er schien nicht sonderlich traurig darüber.

»Erzählt ein bisschen von New York«, bat er mit glänzenden Augen.

Wir erfuhren, dass es sein Wunschtraum war, nach einer gewissen Bewährungsphase in den Big Apple versetzt zu werden. Während der kurzen Fahrt relativierten wir seine träumerischen Vorstellungen ein wenig, ohne ihn abspenstig zu machen.

In der Zentrale brachte er uns mit dem Leiter der FBI-Niederlassung zusammen, Wessley Jordan.

Jordan war ein nüchterner Mann, der äußerlich ein wenig an J. Edgar Hoover, den früheren FBI-Direktor, erinnerte.

»Ich sehe, Chap hat sich schon mit Ihnen bekannt gemacht«, begrüßte er uns händeschüttelnd.

»C.C.«, merkte unser Begleiter furchtlos an.

»Ich hatte ja bereits mehrfach Kontakt mit Jonathan D. McKee«, ließ Jordan sich nicht beirren, »und bedauere noch heute die aufgetretenen Disharmonien zwischen Dave Brazos und Ihrer Abteilung. Leider hat sich unsere Hoffnung, dass Ihr Täter auch der unsrige sein müsste, nicht erfüllt. Trotz eindeutiger Laborbefunde.«

Ich winkte ab, als er die Schwierigkeiten mit Brazos hervorhob. Das war nicht unser Thema. Jordan wusste, worum es wirklich ging.

»Können wir gleich den Tatort und die Opfer besichtigen?«, fragte ich.

»Natürlich. Sie haben es eilig, verstehe. Chap wird Ihnen alles zur Verfügung stellen und Sie begleiten.«

Eine Stunde später fuhren wir in einem Chevy zur Starcrest Avenue, wo es prompt um ein Haar zu einem Unfall gekommen wäre, bei dem wir alt ausgesehen hätten.

C.C. missachtete die Vorfahrt eines schweren Kenworth-Trucks, der im letzten Moment abbremsen konnte, ehe uns die Schnauze zum Seitenfenster hereinkam.

Der feuerrote Truck kam ebenso wie wir zum Stehen. Die Türen klappten auf. Ein schwarzer Hüne und ein Weißer mit Stetson sprangen heraus und zeigten uns berechtigterweise den Vogel. An der Flanke des Trucks fiel ein Airbrush-Kunstwerk ins Auge, das einen in vollem Lauf befindlichen schwarzen Büffel zeigte.

Die Aufregung löste sich schnell in Wohlgefallen auf, nachdem C.C. seinen Fehler zugegeben hatte und wir uns mit dem Hinweis, in dringender Sache unterwegs zu sein, ausgewiesen hatten.

»Der Doppelmord in meiner Nachbarschaft«, sagte der Stetsonträger daraufhin. »Grässliche Sache. FBI? Aha. Schon eine heiße Spur?«

»Sie wohnen neben den Rafts?«, fragte Milo.

Er nickte und schob den Stetson in den Nacken. Er hatte, wie sich herausstellte, maisblonde Haare.

Milo schrieb seinen Namen auf, aber weder er, noch sein Partner hatten in der betreffenden Nacht etwas bemerken können; sie waren erst heute früh von einem Job aus dem Osten zurückgekehrt.

Zum Abschied wünschten sie uns Glück, und nach dieser kleinen Episode chauffierte uns C.C. mit hochrotem Kopf weiter.

Die Villa, vor der wir stoppten, bot schon von außen einen vernachlässigten Eindruck. Dieses Bild wurde im Innern noch krasser. C.C. hatte einen Schlüssel. Der Erkennungsdienst war längst abgezogen. Alles lag noch so, wie am Morgen nach der Tat von einem Lieferanten vorgefunden.

Schon während der Herfahrt hatten wir Gelegenheit gefunden, das Protokoll mit unserem eifrigen jungen Kollegen durchzugehen. Hier vor Ort korrigierten sich die Bilder, die dabei in der Vorstellung entstanden waren, nur unwesentlich. Eigentlich füllten sie sich nur mit Details auf, die auf keinem Papier standen.

Im Schlafzimmer, wo beide Brüder gefunden worden waren, dokumentierten Kreidestriche und Sprühfarbe, wie man sie entdeckt hatte.

Jay Raft hatte auf dem Bett gelegen, das – falls die Recherchen stimmten – seinem Bruder Adrian gehörte. Adrian wiederum hatte dicht bei der Tür auf dem Teppichboden gelegen. Während Jays Leichnam nur die bereits üblichen Merkmale aufwies, musste es zwischen Adrian und dem Killer zu einem heftigen Kampf gekommen sein. Dabei waren ihm schwere Schnittwunden am gesamten Oberkörper zugefügt worden.

Das Messer war am Tatort zurückgelassen worden. Fingerabdrücke Fehlanzeige.

Offenbar hatte auch der Täter etwas abbekommen. Eine Blutspur, die nicht von den beiden Brüdern stammte, führte aus dem Haus und verlor sich schließlich. Wahrscheinlich war er in ein Auto gestiegen. Ob leicht oder schwer verletzt, ließ sich noch nicht abschätzen.

Auch über den genauen Ablauf des Verbrechens musste noch gemutmaßt werden. Es gab Hinweise, dass der Killer in die Villa eingebrochen war, erst Jay umbrachte und dann entweder kaltschnäuzig auf Adrians Heimkehr wartete – oder von dessen Erscheinen überrumpelt wurde. Die erste Version drängte sich mehr auf, denn nur so ergab es einen Sinn, dass der Killer Jay ins Zimmer des Bruders geschleppt hatte.

Uns waren Bilder der Ermordeten gezeigt worden, die verdeutlichten, dass der Killer nur ein Psychopath sein konnte.

»Der Hammer ist«, sagte Clondike, »dass Jay Raft gerade die Nachricht einer Lotteriegesellschaft erhalten hatte, die ihm einen Millionengewinn mitteilte. Wir fanden den Brief hier oben auf dem Korridorboden. Allerdings nur mit Adrian Rafts Fingerabdrücken darauf.«

»Das klingt fast wie absurdes Theater«, sagte Milo rau.

Wir sahen uns noch eine Weile um. Ich zweifelte nicht, dass die Computersimulation erneut zeigen würde, wie ähnlich auch die Gesichtszüge dieser Opfer den vorhergehenden waren.

Aber würde uns das endlich den erhofften Schritt weiterbringen und den Vollmondmörder enttarnen?

Auf dem Weg zurück zur FBI-Zentrale erreichte uns ein Funkspruch, der uns zu Dave Brazos’ Wohnung im Ortsteil Castle Hills umleitete.

Nähere Angaben erhielten wir nicht. Umso größer war die Überraschung, als wir eine Notambulanz vor dem hübschen Reihenhaus stehen sahen.

Durch die offenen Flügel entdeckten wir Brazos mit geschlossenen Augen auf der Transportbahre liegen. Mehrere Personen waren damit beschäftigt, ihn in die beste Position zu bringen. Eine Infusion, wie bei Blutverlust üblich, war bereits installiert.

Ehe wir zu einer Frage ansetzen konnten, wurden die Türen von innen zugeworfen. Der Wagen fuhr mit Sirenengeheul und Vollgas davon.

Jordan tauchte aus der Menschenmenge auf.

»Ein Nachbar mit Schlüssel, der das Haus in Brazos’ Abwesenheit in Ordnung hält, sah auf unsere Bitte nach dem Rechten. Er fand Brazos bewusstlos in einer Blutlache. Die Tür zum Garten stand offen. Er muss überfallen worden sein und versuchte noch, sich selbst zu verarzten. Er legte sich einen provisorischen Pressverband am Oberschenkel an. Anders hätte er nicht überlebt.«

»Warum hat er keinen Notruf ausgelöst«, fragte Milo.

Jordan nickte zum Haus hin. »Sehen Sie sich den Trümmerhaufen an. Dort drin haben Berserker gewütet. Das Telefon wurde ebenso zerstört wie vieles andere.«

»Fand man eine Waffe, mit der Brazos verletzt wurde?«, fragte Milo.

»Nein. Bislang noch nicht. Aber die erkennungsdienstliche Arbeit wurde gerade erst begonnen.«

»Ein merkwürdiger Zufall«, sagte ich. »Fast zeitgleich mit dem erneuten Zuschlägen des Killers wird auch der Mann überfallen, der am intensivsten mit den Ermittlungen beschäftigt ist.«

»Was wollen Sie damit sagen?«, fragte Jordan brüsk.

»Nichts«, wiegelte ich ab. »Ich denke nur laut nach.« Er glaubte mir nicht. »Haben Sie schon ein Hotel?« Die Frage klang sehr danach, als wollte er uns schnell loswerden.

Wir schüttelten die Köpfe.

»Chap wird …«

»… sich darum kümmern«, erriet ich lächelnd.

Er nickte, drehte sich abrupt um und stiefelte davon. Seine Nerven lagen blank. Das Schicksal seines Untergebenen schien ihm an die Nieren zu gehen, und es warf nicht das schlechteste Licht auf ihn, dass er ihn aus der Kritik heraushalten wollte, bis die Ungereimtheiten geklärt waren.

Wir hielten noch ein wenig aus.

»Besitzt Brazos keinen Wagen?«, brachte ich meine Verwunderung zum Ausdruck. Sowohl die Einfahrt als auch die Garage standen leer.

»Doch«, versicherte Clondike eifrig. »Einen tollen Firebird! Ein heißes Gerät …«

»Vielleicht ist er in der Werkstatt«, spekulierte Milo. Er schien nicht zu wissen, warum ich mich ausgerechnet am Fehlen eines Autos rieb.

Ich wusste es noch weniger. Es war mir einfach aufgefallen.

C.C. disponierte um. »Wenn ihr wollt, könnt ihr auch bei mir übernachten, wenn euch ein Hotel zu unpersönlich ist. Ich habe Platz genug.«

»Und keine Freundin, die sich daran vielleicht stoßen könnte?«, grinste Milo.

Er schüttelte trotzig den Kopf.

Wir stimmten zu.

 

 

24. Kapitel

 

Chap Clondikes Wohnung glich einem Panoptikum. Als wir hinter ihm eintraten, schnappte meine Hand instinktiv unter die Achselhöhle. Doch die Dienstwaffe blieb stecken. Auf den zweiten Blick erkannte ich, dass die Gruselgestalt hinter der Tür nicht aus Fleisch und Blut sein konnte. Es handelte sich um eine lebensgroße Tonfigur, von denen sich noch mehr über die Räume verteilt fanden.

»Ein Fimmel von mir«, gestand C.C., spürbar verlegen. Er führte uns ins Gästezimmer, wo gleich mehrere wüste Gestalten Spalier standen. Die meisten kamen einem irgendwie bekannt vor.

Während wir unser weniges Gepäck abstellten, erklärte uns C.C. seinen »Fimmel« näher. »Schon als Kind faszinierte mich Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Besonders die Verbrecherabteilung.« Er grinste schief. »Naja. Originalpuppen von dort kann sich kein Normalsterblicher leisten, auch wenn ab und zu welche ausgemustert werden. Ich habe ein bisschen gestalterisches Geschick, deshalb kam ich auf die Idee, mir mein privates Kabinett zusammenzustellen.« Er machte eine ausholende Geste. »Alles berühmte Mehrfachmörder!«

Ich blickte Milo an – er blickte mich an.

»Stopp! Halt! Wahnsinn!«, rief C.C. gestikulierend. »Nicht, was ihr jetzt vielleicht denkt. Ich habe mit den Morden bestimmt nichts am Hut, glaubt das ja nicht!«

»Wir werden sehen«, sagte ich.

C.C. schluckte.

»Ha-habt ihr Hunger?«, lotste er uns aus dem Zimmer.

»Immer!«, grinste Milo, der ebenso wie ich nicht wirklich glaubte, dass Clondike mit den Morden zu tun hatte. Als wir an einem Raum vorbeikamen, der ihm offenkundig als Werkstatt diente, wollte er uns schnell vorbeiführen.

Das schürte unsere Neugierde nur um so mehr.

»Was wird das?« Ich deutete auf den gewaltigen Batzen Ton, der auf einer Unterlage, von Plastik umhüllt, aufragte und schon entfernt menschliche Konturen besaß. Nur das Gesicht war noch völlig unmodelliert.

C.C. druckste herum, bis ich selbst darauf kam.

»Der San-Antonio-New-York-Killer?«

Er nickte unwillig und zögernd. Milo stieß einen Pfiff aus und klopfte sich vergnügt auf die Schenkel.

»Spaghetti?«, fragte C.C. zerknirscht.

Später, beim Essen, klingelte das Telefon. Clondike hob ab, und schon an seiner aufgeregten Gebärdensprache war zu erkennen, dass etwas passiert war.

»Neues aus dem Krankenhaus?«, fragte ich. Wir waren ständig darauf gefasst, dass Brazos aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte.

C.C. schüttelte den Kopf. »Das war mein Chef.«

»Und?« Milo sah von seiner Pasta auf.

»Man hat etwas in Brazos’ Wohnung gefunden, das Rätsel aufgibt.«

»Was denn?«

»Briefe«, sagte C.C. gedehnt. »Viele Briefe!«

 

 

25. Kapitel

 

Wessley Jordan erwartete uns sichtlich betroffen in seinem Büro. Es war kurz vor einundzwanzig Uhr, als wir eintrafen. Jordan war allein. Über seinen ansonsten perfekt aufgeräumten Schreibtisch waren mehrere aufgefaltete Papiere verteilt, allesamt schreibmaschinengeschrieben.

»Ich verstehe das nicht«, sagte er. »Warum hat er das getan?« Milo und ich überflogen die Texte; C.C. hielt sich im Hintergrund. Er machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Seinen Chef leiden zu sehen, bereitete ihm selbst allergrößten Weltschmerz. Es war fast rührend anzusehen.

Ich ließ mich nicht ablenken. Aus den Briefen, die allesamt undatiert waren, ging eines glasklar hervor: Dave Brazos war ein größerer Eigenbrötler, als wir alle für möglich gehalten hatten! Was er uns an wichtigem Material vorenthalten hatte, ging auf keine Kuhhaut. Der Killer hatte ihm eine regelrechte Briefflut zugestellt – über Zeiträume, die man anhand der darin genannten Fakten einigermaßen abschätzen konnte. Es musste gleich nach dem ersten Mord begonnen haben. Anonyme Kurznachrichten, die mit jedem weiteren Mord ausführlicher geworden waren. Mit persönlicher Ansprache und letztens sogar signiert!

Alec, stand unter einer Nachricht, die ihn während seines New-York-Aufenthalts erreicht haben musste.

Und all das hatte er uns verheimlicht!

»Ich schätze, das gibt ein böses Erwachen für Mr. Brazos«, unkte Milo.

Jordan winkte ab. »Es ist mir unbegreiflich. Ich würde für jeden meiner Leute die Hand ins Feuer legen …«

»… und ab und zu verbrennen«, nickte Milo.

Davon wollte Jordan immer noch nichts wissen. »Wir müssen hören, was Dave dazu zu sagen hat. Vielleicht gibt es eine logische Erklärung.«

»Die gibt es bestimmt«, nickte ich. »Und sprechen müssen wir auch mit ihm, soviel ist klar. Nach dem hier«, ich tippte auf die Briefe, »können wir nicht einmal sicher sein, dass der Kontakt nur einseitig war.«

»Sie meinen …?« Jordan wurde blass.

»Ich meine, es würde den Umstand entmystifizieren, warum Brazos in derselben Nacht überfallen wurde wie die beiden Raft-Brüder. Der Killer und Brazos scheinen schon seit geraumer Zeit eine Art Katz-und-Maus-Spiel zu praktizieren, bei dem Brazos nur verlieren konnte.«

»Das erklärt«, machte sich erstmals der junge Clondike bemerkbar, »warum Brazos allen anderen immer eine Nasenlänge bei den Ermittlungen voraus war! Vielleicht ging er deshalb auch nach New York?«

»Er ging nach New York, weil er von unserem Chef angefordert wurde«, korrigierte ihn Milo.

C.C. winkte ab und suchte Jordans Blick. »Beim zweiten Mal ja. Aber …«

»Beim zweiten Mal?«

Was wir dann zu hören bekamen, schlug bei mir wie eine Bombe ein. Mich hielt es nicht länger. Ich bestand darauf, sofort zu Brazos zu fahren. Milo unterstützte mich.

Ein Anruf von Jordan im Krankenhaus ergab, dass Brazos die Intensivstation bereits verlassen hatte. Sein Zustand war zufriedenstellend; der Blutverlust weitgehend ausgeglichen. Er war kurz bei Bewusstsein gewesen und schlief jetzt.

Nach dieser Auskunft gab Jordan grünes Licht. Ihm war anzumerken, dass er selbst darauf bedacht war, endlich Klarheit über die Rolle zu erhalten, die einer seiner Männer bei den Serienmorden spielte. Das Bild des unbescholtenen G-Man war, was Brazos betraf, mehr als nur oberflächlich angekratzt.

Die Fahrt zum Krankenhaus dauerte nur kurz. In San Antonio gab es glücklicherweise keine New Yorker Verhältnisse. Was den Straßenverkehr anging, wirkte es hier fast provinziell.

Der Besuch bei Brazos wurde zur Enttäuschung. Obwohl ich unentwegt den Eindruck hatte, dass er uns wahrnehmen konnte, gab er kein Erkennungszeichen. Ehe wir unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten, organisierte ich mit Clondikes Hilfe, dass vor Brazos’ Krankenzimmer eine Wache aufgestellt wurde.

Danach telefonierten wir mit Mr. McKee, um ihn über die radikalen Veränderungen ins Bild zu setzen.

»Brazos war in New York?«, echote er. »Am 15. Oktober, als Faye Dellaware den Tod fand?«

Wir bestätigten. »Angeblich, um Urlaub zu machen. Nach dem jetzigen Stand der Dinge sieht es jedoch so aus, als wäre Brazos dem Serienkiller gefolgt, weil er möglicherweise von ihm selbst einen Hinweis auf dessen geplante Luftveränderung erhalten hatte. Diese Briefe …«

»Gibt es einen Brief mit diesem Wortlaut?«, fragte Mr. McKee aufmerksam.

»Bisher wurde er nicht gefunden. Aber …«

»Das gefällt mir nicht«, unterbrach er mich. »Es gibt immer noch zu viele Unbekannte. Die Sache ist längst nicht ausgestanden.«

»Nein, Sir.«

»Wie wollen Sie als nächstes vorgehen?«

Ich sagte es ihm.

Die Antwort verblüffte nicht nur ihn; auch Milo sah mich verdutzt an.

Dann sagte Mr. McKee: »In Ordnung. Schaden kann es nichts. Versuchen Sie es.«

 

 

26. Kapitel

 

»Was ist bloß geschehen?«

Der antiseptische Geruch kitzelte seine Nase. Von irgendwoher kamen Stimmen. Wirr. Ineinanderfließend.

»Wieder kein Glück, Alec. Ich hatte wieder kein Glück. Es ist ein Komplott. Ich werde ihn nie finden. Nie!«

Jemand sagte: »Können Sie mich hören, Brazos? Trevellian, hier. Jesse Trevellian aus New York. Ihre Gehirnströme verraten, dass Sie wach sind. Antworten Sie!«

Er spürte das Band, das eng um seinen Schädel lag. Und er spürte, dass die Welt – seine Welt – in Scherben gegangen war. Wie damals sein Gesicht. Bei diesem sinnlosen Autounfall nach einer wilden Verfolgungsjagd.

Mit geschlossenen Lidern und jagendem Puls sondierte er seine Situation. Er war nicht bereit, der Aufforderung zu folgen.

»Du wirst Bill nie finden. Bill ist tot!«, sagte Alec.

Brazos’ Körper begann zu verkrampfen. Er zitterte wie Espenlaub.

Eine Stimme, kühl und sachlich, sagte: »Verlassen Sie den Raum. Ich werde keine weiteren Befragungen zulassen, solange der Patient nicht stabilisiert ist.«

Danach wurde es still.

Brazos öffnete die Augen – und schloss sie, als er sah, dass er allein war.

»Bill ist tot!«, wiederholte Alec.

 

 

27. Kapitel

 

Chap Clondike tat mir fast ein bisschen leid. Er tappte völlig im Dunkeln und musste sich allmählich ausgenutzt vorkommen. Seine Verständnislosigkeit teilte er bis zu einem gewissen Grad mit Milo, dem dies noch weniger gefiel. Aber ich konnte nicht anders. Seit dem Telefonat mit Mr. McKee hatte ich mich in eine Idee verrannt, die ich erst überprüfen musste, ehe ich sie hinausposaunte.

Die erste Konsequenz aus diesem Entschluss war eine nächtliche Suchfahrt durch San Antonios Ortsteil Castle Hills. Ich hätte ein paar zusätzliche Streifen ordern können, aber das Straßennetz war überschaubar, und C.C. kannte sich aus. Wir kontrollierten ausschließlich die nähere Umgebung von Brazos’ Wohnung. Auch Nebenstraßen und Sackgassen.

Ich brauchte C.C. dabei, und ich war froh, dass er mir fast blind vertraute.

Als wir fast eine Stunde unterwegs waren und immer noch nichts gefunden hatten, regte sich erster Unmut. Bei Milo. »Wir suchen also einen Firebird«, seufzte er. »Brazos’ Firebird. Okay. Aber könntest du uns endlich …«

C.C. trat abrupt auf die Bremse.

Das letzte Mal, dass wir so etwas erleben durften, stand unvermittelt ein gigantischer Truck vor uns. Diesmal machte er es eine Nummer kleiner; ganz ohne Fremdeinwirkung.

Im Rückwärtsgang stieß er nach hinten und schwenkte dann in eine vor Müllcontainern fast berstende Hofeinfahrt. Er musste über Katzenaugen verfügen, denn erst jetzt, im Scheinwerferlicht, sahen auch wir den abgestellten Wagen, der in den Schlagschatten einer Tonne gerückt worden war. Von der Straße und den umliegenden Hinterhausfassaden fiel so gut wie kein Licht hierher.

C.C. stoppte direkt davor und stieg aus. Wir folgten.

»Das ist er!«, rief er aufgeregt. »Keine Zweifel. Daves Schmuckstück!« Das Schmuckstück war abgeschlossen. Sowohl Milo als auch ich hätten das Schloss problemlos knacken können. Aber wir wollten weder unsere Kompetenzen überschreiten, noch unsere Gastgeber verärgern.

Über Clondikes Wagenfunk organisierten wir einen Abschleppdienst, der den Firebird zur FBI-Zentrale schaffte. Dort kostete es etwas Überredungskunst, bis Jordan grünes Licht zur Öffnung durch einen Spezialisten der Spurensicherung gab.

Ich bewegte mich auf einem immer schmaler werdenden Grat von Vermutungen.

Und hatte Glück.

Jordan sah mich an wie ein Gespenst, als sein Experte mit einem blutigen Fundstück zu ihm kam.

Es handelte sich um einen fast unterarmlangen, spitzen Gegenstand aus geschliffenem Stein – eine Art Brieföffner.

»Lassen Sie das Beweisstück sofort im Labor untersuchen«, sagte ich. »Ich wette darauf, dass das Blut von Brazos stammt!«

»Von Dave?« C.C. sah mich mit einer Mischung aus Ehrfurcht und der felsenfesten Überzeugung an, dass ich den Verstand verloren hatte.

Es passte hinten und vorne nicht – aus seiner Sicht.

Brazos war zu Hause in seinen vier Wänden überfallen worden, lautete die gängige Meinung.

Ich hegte andere, eigene Vermutungen. Schon lange hatte ich das Gefühl, dass an der kompletten Geschichte, die uns von verschiedenen Seiten als Evangelium vorgegeben worden war, etwas faul sein musste.

Nun sah ich endgültig klarer. Der Fund in Brazos’ Wagen war das Puzzlestück, das mir noch gefehlt hatte.

»Ich brauche alles über Dave Brazos. Alle Informationen, die es gibt. Seine Personalakte, Geburtsurkunde, Mitgliedschaft in Vereinen und sonstige Aktivitäten.«

»Wozu?«, fragte C.C.

Ehe ich es erklären konnte, überraschte uns alle eine Meldung aus dem Krankenhaus.

Eine Meldung, die Schlimmstes befürchten ließ!

 

 

28. Kapitel

 

Der Stuhl war hart und unbequem. Das Kreuz tat ihm weh, und sein Magen knurrte.

Stannard verfluchte sein Missgeschick. Die Verabredung mit Janet durfte er sich in den Mond schreiben.

Apropos Mond: Er legte die Zeitung mit dem grell aufgemachten Bericht über die beiden neuesten Opfer des wahnsinnigen Killers, der nur bei Vollmond zuschlug, zusammengefaltet beiseite.

Seinem Appetit hatte der Artikel nicht geschadet.

Stannard kratzte sich im Nacken und spielte ein bisschen mit seiner Dienstmütze. Dann polierte er sein Dienstabzeichen am Hemd. Das tat er leidenschaftlich, wenn er sonst nichts zu tun hatte.

Die hübsche Blondine mit dem süßen Hintern, die schon ein paarmal an ihm vorbeigeschaukelt war, bog um die Ecke. Sie hatte kein auffällig hübsches Gesicht, aber einen Haufen lustiger Sommersprossen, was Stannard schön fand. Außerdem hatte sie Temperament, und das gefiel ihm noch mehr. Er hatte schon einige Male das Vergnügen gehabt, diesen Frauentyp in sein Bett zu bekommen. Bislang hatte er es nie bereuen müssen. Die meisten gingen ab wie eine Rakete.

Stannard war ledig. Etwas anderes hatte sich noch nicht ergeben. Da er nicht auf der Suche und auch sonst ganz zufrieden war, vermisste er nichts.

Er lächelte ihr zu.

Sie lächelte zurück. »Durchhalten!«, rief sie schon aus einiger Entfernung, blieb dann vor ihm stehen und sagte: »Ich müsste da mal rein.«

Sofort straffte er sich. »Das kann ich für Sie erledigen. Es hat sicher Gründe, dass ich hier sitze!«

Sie winkte lachend ab und flüsterte ihm zu: »Ich grusele mich ganz gerne zwischendurch mal.« Dabei beugte sie sich soweit zu ihm herunter, dass er die Ansätze ihrer schweren Brüste erkennen konnte, die sich auch durch den Kittel abzeichneten.

»Okay«, sagte er rau, stand auf und öffnete ihr die Tür. »Rufen Sie mich, wenn etwas ist.« Die Nachtschwester tauchte an ihm vorbei. Obwohl sie die Tür hinter sich ins Schloss gedrückt hatte, konnte er dem Klang ihrer Schritte folgen. Er schloss die Augen und ließ sich in ein Szenario versetzen, das seine Phantasie spontan schuf. Persönlich betreten hatte er das Krankenzimmer noch nicht.

Er stellte sich vor, wie sie leichtfüßig zu dem Mann huschte, von dem Stannard nicht einmal den Namen wusste. Er lag völlig reglos im grünen Glanz der Amplituden, die über ein EKG-Gerät liefen, und war eingesponnen von einem Gewirr aus Drähten und Schläuchen.

Die Schritte in der Wirklichkeit verstummten.

Stannard wartete geduldig ab, bis wieder etwas zu hören war. Aber es blieb lange still. Endlos lange.

Plötzlich überkam ihn ein Anflug von Panik. Er riss die Augen auf, sprang vom Stuhl, griff nach seinem Revolver und betrat das Krankenzimmer, in dem düsteres Zwielicht herrschte.

Die Blondine stoppte ihn mit einem tadelnden Blick. Sie stand vornübergebeugt vor dem Patienten, der eine fast beängstigende Ähnlichkeit mit Stannards Phantasie hatte, und kontrollierte den Sitz eines Stirnbandes, an dem Sensoren befestigt waren.

»Was fällt Ihnen ein?!«, schimpfte sie halblaut.

Der Mann unter ihr rührte sich nicht. Stannard sollte ihn bewachen, aber eigentlich sah er nicht nur harmlos, sondern geradezu bemitleidenswert aus.

Eine Entschuldigung stammelnd, zog Stannard sich nach draußen zurück. Die Nachtschwester folgte etwas später. Sie war ihm nicht wirklich böse.

Im Gegenteil.

»Wie wär’s mit einer Tasse Kaffee?«, fragte sie. Ihr Blick strich selbstbewusst über seine Uniform. Die Art, wie sie ihre Lippen schürzte, war ein halbes Versprechen. »Sieht so aus, als wären wir zwei Hübschen die Nacht über ziemlich allein auf der Station.«

Stannard spürte das bekannte Kribbeln, das meist seine Erregung begleitete.

»Ich kann hier nicht weg«, sagte er bedauernd. »Die Pflicht hat mich hierher gestellt. Leider!«

»Ich heiße April«, sagte die üppige Blondine abwinkend. »Dann komme ich eben zu Ihnen …«

»Paul.«

Sie lächelte. »Ich hol’ mir einen Stuhl, Paul, und dann trinken wir unseren Kaffee hier gemeinsam. Sie haben doch nichts gegen ein bisschen Gesellschaft? Und halten Sie mich nicht für pflichtvergessen. Falls etwas passiert, höre ich es auch hier.«

»Das wäre nett.« Stannard war sofort Feuer und Flamme. Vielleicht ergab sich nach ihrer gemeinsamen Ablösung sogar noch weiteres – diese Brüste!

Er blickte ihr nach, als sie in ihren Sandaletten davonwirbelte. Ehe sie um die Ecke verschwand, warf sie ihm noch eine Kusshand zu.

In Stannards Lenden breitete sich erwartungsvolle Hitze aus.

»April!«, murmelte er.

Als sie Minuten später zurückkehrte, war sein Stuhl leer.

 

 

29. Kapitel

 

Die platinblonde Frau war völlig am Ende mit ihren Nerven, als wir eintrafen. Sie hieß April Hawn und arbeitete als Krankenschwester im Medical Center von San Antonio.

Sie hatte ein Horrorerlebnis hinter sich.

Auch mir war ein Schauer über den Rücken gelaufen, als wir das Zimmer betreten hatten, in dem zuletzt unser texanischer Kollege Dave Brazos untergebracht gewesen war.

Der Mann, der jetzt in Unterwäsche auf dem Bett lag, war nicht Brazos.

Er hieß Paul Stannard. Ein Cop, der auf meine Bitte hin zur Bewachung des Verletzten abkommandiert worden war.

Er war tot.

Jemand – Brazos? – hatte ihn mit dem Band, das seine Hirnströme ablas und immer noch um seinen fahlen Hals geknotet war, erdrosselt. Jede Menge Kraft war dafür nötig gewesen. Niemand hatte Stannard schreien hören. Offenbar hatte ihn etwas in das Krankenzimmer gelockt, und dann musste alles sehr schnell gegangen sein.

Die Kraft eines Wahnsinnigen war nötig gewesen, um den Zwei-Meter-Mann zu besiegen.

Brazos war verschwunden. Mit Stannards Uniform, die ihm etwas zu groß sein musste, aber das hatte ihn nicht aufgehalten.

»Beruhigen Sie sich«, redete ich der Schwester zu. Ein Arzt hatte ihr ein Beruhigungsmittel injiziert, das langsam anschlug.

Ihre Aussage, die sie kurz darauf mit zittriger Stimme und gehetztem Atem absolvierte, brachte uns nicht weiter. Bedeutsamer war die Entdeckung, die uns Chap Clondike meldete.

»Der Streifenwagen, mit dem Stannard hier war, ist vom Parkplatz verschwunden.« Sofort wurde die Ringfahndung um dieses Detail erweitert. Über Funk wurde versucht, Kontakt mit dem Wagen herzustellen. Brazos schwieg. Er schien sich, samt Fahrzeug, in Luft aufgelöst zu haben.

Mit Milo und C.C. fuhr ich zur FBI-Zentrale.

Es gelang uns, ein Foto aufzutreiben, das Dave Brazos vor dem Unfall zeigte, der sein Gesicht entstellt hatte. Irgendwo staubte es in einer Akte vor sich hin.

Als wir es sahen, lief mir der nächste Schauer über den Rücken. Ich schnappte es und verschwand damit in der Fahndungsabteilung, wo ein freundlicher Helfer es mir in das bestehende Rasterprogramm einkopierte, das bereits die sechs Opfer des Killers miteinander verglichen hatte.

Das Ergebnis warf alle um – einschließlich mich.

Die Ähnlichkeit zwischen Brazos’ früherem Aussehen und dem der Mordopfer war so gravierend, dass ein Zweifel auszuschließen war.

Sie hätten Brüder sein können.

Brüder!

Daraufhin nahm ich mir Brazos’ Personalien vor und begann zu graben. Milo und C.C. halfen mir. Es wurde eine Wühlarbeit, die nicht viel einbrachte. Bis ich auf einen Hinweis stieß, der mich elektrisierte.

»Leben seine Eltern noch?«, wandte ich mich an C.C.

Er zuckte die Achseln. »Soll ich es herausfinden?« Ich nickte. »Schnell, bitte!«

Er verschwand, um sich darum zu kümmern.

»Was hast du entdeckt?«, fragte Milo.

Ich zeigte ihm eine Urkunde. »Hier ist vermerkt, dass Brazos einen Bruder hat. William Alec Brazos.«

»William Alec?«, wunderte sich Milo. »Einen Bruder? Und selbst wenn, was bringt uns das weiter? Oder meinst du, dieser Bruder könnte auch in die Verbrechen verwickelt sein?«

Ein interessanter – ein uferloser Gedanke.

Der Absender eines der Briefe an Brazos hatte mit »Alec« signiert.

Zufall?

Stannards Patrolcar wurde verlassen in der Nähe des Olmos Basin Parks, in der Nähe des Flughafens, aufgefunden.

Von Brazos fehlte weiter jede Spur.

»Auf dem dolchförmigen Stein, den wir in Brazos’ Firebird fanden, wurden die Fingerabdrücke von Adrian Raft gefunden«, sagte Chap Clondike atemlos, als er zurückkehrte. Seine Stimme klang belegt. Seine geröteten Wangen verrieten, dass ihm das Tempo, mit dem sich alles entwickelte, etwas zu schnell war, auch wenn der durchschlagende Erfolg weiter auf sich warten ließ. Er hatte noch mehr auf dem Herzen, aber ich kam ihm zuvor.

»Rafts Fingerabdrücke«, echote ich. »Dann vermute ich mal, dass das Blut, das man in der Raft-Villa fand, von einem gewissen G-Man stammt.«

C.C. starrte mich in fast peinlicher Bewunderung an.

»Ja. Woher …?«

»Er hat das öfter«, warf Milo ironisch ein. »Wir haben es schon mal mit Lottozahlen-Vorhersage versucht, aber das ging in die Hose. Nur beim Wetter trifft er ab und zu ins Schwarze. Manchmal kann er dir problemlos sagen, ob es gestern geregnet oder geschneit hat.«

Ich winkte ab. »Hör nicht auf ihn. Blanker Neid, was er da verzapft. – Fündig geworden?«

»Wegen der Eltern?« C.C. nickte in einer Weise, die verriet, dass er nun noch weniger wusste, was er von mir zu halten hatte. »Brazos’ Mutter lebt noch. Allerdings in West Virginia.«

»Wozu gibt es Telefon?«, entgegnete ich tatendurstig. Brazos war unser Mann, soviel war jetzt sicher. Blieb nur noch, ihn zu finden und das »Warum« seiner Taten zu klären. Beides konnte parallel laufen.

Über die Auskunft fanden wir die gesuchte Nummer. Mrs. Brazos lebte in einem privaten Pflegeheim. Sie klang alt und kränklich, als ich schließlich mit ihr verbunden wurde.

Milo und C.C. hörten über Lautsprecher mit.

»Es geht um Ihren Sohn, Mrs. Brazos.«

»Dave?«, rief sie überlaut. »Bist … du es … Dave?«

Ich hatte Mühe, ihr klarzumachen, wer mit ihr sprach, und was ich von ihr wollte. Sie sprach holprig und manchmal kaum verständlich. Wie nach einem überstandenen Schlaganfall.

»Bill?«, reagierte sie schließlich. Bill war die Kurzform für William. »Was wollen Sie … von Bill?« Plötzlich und überraschend begann sie, leise zu weinen. »Bill ist doch … tot!«

Wieder nichts, dachte ich.

Doch dann redete sie weiter. Unaufhaltsam. Als sei ein Damm gebrochen, der in Jahren errichtet worden war.

Sie redete und redete …

 

 

30. Kapitel

 

»Es ist alles so sinnlos, Dave! Mach ein Ende!«

»Fick dich ins Knie, Alec, du verdammter Bastard!«

»Wir werden Bill nie finden!« Brazos schlug sich mit den Knöcheln der geballten Faust gegen die Stirn. Das Rumoren in seinem Schädel hatte eine unerträgliche Intensität erreicht. Dagegen verblasste der Schmerz in seinem Bein fast zur Bedeutungslosigkeit.

Etwas Schreckliches passierte mit ihm. Etwas, das er nicht begriff.

Er verlor den Verstand – oder hatte er das schon längst? Bilder zuckten streiflichtartig durch sein Bewusstsein. Er konnte nicht sagen, ob sie Realität oder Lug und Trug waren. Er sah sterbende Menschen wie durch den Focus einer Kamera auf ihn zustürzen. Vor Grauen verzerrte Gesichter. Und er sah sich selbst, wie er das Grauen anrichtete! »Alec?«

Die Stimme in seinem Kopf schwieg.

Brazos stöhnte dumpf auf. Wie eine kalte Woge schwappte etwas über ihn hinweg und versuchte, den letzten Rest seines Denkens fortzureißen. In die Umnachtung. In ein Grab, das schlimmer war als dunkle, faulige Erde.

Er presste die Faust auf den Mund und spürte, wie ihm Tränen über das Gesicht liefen.

»O Bill!«, flüsterte er.

Aber Bill war tot.

Seit vielen Jahren schon.

Wieso dachte er trotzdem immer häufiger an ihn? Gott im Himmel, warum?

Er bog die Zweige zurück und blickte auf das Haus, das ihm gehörte. Sein Atem war das einzige Geräusch. Er wusste nicht, wie lange er schon so stand und beobachtete.

Alles war ruhig. Im Haus brannte nirgends Licht. Vor ein paar Minuten war ein Streifenwagen langsam die Straße entlanggefahren. Vor dem Haus hatte er seine Geschwindigkeit noch einmal gedrosselt, aber er hatte nicht angehalten.

Seither herrschte eine Ruhe, die sich leicht als trügerisch entpuppen konnte. Sie suchten nach ihm. Überall waren Patrouillen unterwegs. Er war gefährlich. Sie würden ihn hetzen wie einen tollwütigen Hund.

Er hatte verloren. Es gab keinen Ausweg mehr – bis auf einen.

Brazos schwitzte. Sein Körper dampfte in der fremden Kleidung. Es fing leicht an zu regnen. Die Haare klebten ihm in der Stirn. Dort, wo das Band befestigt gewesen war.

Das Band!

Wieder zuckte ein sterbendes Gesicht an seinem geistigen Auge vorbei. Der Cop hatte ihm nichts getan. Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Brazos schob weitere Zweige aus dem Weg und zwängte sich in den gepflegten Garten. Von der Rückseite näherte er sich dem Haus.

Er besaß nicht einmal mehr einen Schlüssel. Es ging nur mit Gewalt.

So war das Leben.

So hatte er es von klein auf kennengelernt. Allein. Immer allein! Er zog die nasse Uniformjacke aus, wickelte sie um seine Faust und schlug damit das Küchenfenster ein. Es gab nicht mehr als ein dumpfes Geräusch, das der jetzt stärker gewordene Regen verschluckte.

Brazos griff durch die Öffnung und hebelte den Fensterriegel auf. Dann schob er den Rahmen nach oben und kletterte hinein.

Er landete auf der Spüle und glitt katzenhaft weiter, bis er Boden unter seine Füße bekam. Der Verband an seinem Schenkel war so stramm, dass das Blut darin zu pulsieren begann, und zum ersten Mal spürte er wieder den Schmerz, der sich von diesem Punkt wie glühende Lava durch den ganzen Körper fraß.

Der Kanister, den er bei alldem nie losgelassen hatte, schlug gegen ein unsichtbares Hindernis und produzierte einen Laut, der an ein gullytiefes Rülpsen erinnerte.

Brazos tappte durch die Dunkelheit voran. Er kannte hier jeden Winkel. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegte er sich voran, klemmte den Kanister unter den Arm und schraubte ihn mit der einen Hand auf, während die andere den erbeuteten Revolver umkrampfte. Immer auf der Hut, immer auf Überraschungen vorbereitet. Nur Licht zu machen wagte er noch nicht.

Das besorgte ein anderer für ihn.

In das Aufblitzen der grellen Lampe hinein rief eine Stimme: »Sie sind verhaftet, Brazos. Das Gebäude ist umstellt. Legen Sie beide Hände über den Kopf und machen Sie keine falsche Bewegung, oder ich schieße!«

Draußen, durch die Ritzen der Holzläden klar erkennbar, flammten Scheinwerfer auf und machten die Nacht zum Tag. Eine Megaphon-Stimme forderte energisch zur Kapitulation auf.

Der G-Man erstarrte.

Aber er war weit davon entfernt, sich aufhalten zu lassen.

 

 

31. Kapitel

 

Den Auftakt machte das Splittern eines Fensters im hinteren Hausbereich.

»Er kommt«, flüsterte ich in mein Walkie-Talkie. Milo bestätigte sofort. Er und Jordans Leute hatten draußen rund um das Haus – unauffällig, wie wir hofften – Aufstellung bezogen.

Fortan blieb der Informationsstrom einseitig. Ich stellte das Walkie-Talkie auf Sendung. Die Meldungen von draußen wurden eingestellt, um Brazos nicht frühzeitig zu warnen.

Meine Geduld wurde etwas auf die Probe gestellt, bis ich endlich die näher kommenden Schritte hörte. Meine Hand lag am Lichtschalter, aber ich wartete noch ab. Meine Augen, obwohl längst an die Dunkelheit gewöhnt, vermochten nicht einmal einen Schemen zu lokalisieren. Ich war ausschließlich auf mein Gehör angewiesen.

Die Schritte kamen näher, begleitet von einem anderen, zunächst undefinierbaren Geräusch. Dazu lauter, unkontrollierter Atem, fast asthmatisch.

Zweifel, dass es sich bei dem Eindringling wirklich um Brazos handelte, keimte auf.

Aber ich blieb ruhig.

In der Rechten lag meine Dienstwaffe. Die Linke berührte den Kippschalter der Raumbeleuchtung.

Als der Unsichtbare so nahe war, dass ich seine Aura zu spüren glaubte, drückte ich auf den Schalter.

Obwohl ich mit dem Revolver auf Brazos zielte und das sagte, was man in solchen Situationen sagt, erkannte ich sofort, dass wir einen Fehler begangen und Brazos selbst jetzt noch unterschätzt hatten.

Das Walkie-Talkie in meinem Gürtel übertrug alles, was gesprochen wurde, unbestechlich nach draußen und löste dort entsprechende Aktivitäten aus. Aber das Gesprochene war nicht ausschlaggebend. Wichtiger wäre es gewesen, denen draußen zu zeigen, was hier geschah.

Brazos stand nur drei Schritte von mir entfernt, zur Salzsäule erstarrt.

Erstarrt – aber nicht hilflos.

Er wusste genau, dass er in der Falle steckte – und glaubte zu wissen, wie er ihr entkommen konnte. All das sah ich im ersten Moment, nachdem sich meine Augen auf die plötzliche Helligkeit eingestellt hatten.

Ich sah seinen Blick, in dem nichts zu lesen war, was mit Aufgabe zu tun hatte. Und ich sah die Mündung der Waffe, die er auf mich richtete. Ausdruckslos. Keine Regung bewegte seine Mimik. Eine Sekunde hatte ich Zweifel, dass er mich überhaupt erkannte.

Aber das war der Fall.

»Trevellian!«, sagte er mit einer Stimme, die ich so nicht kannte. Es klang wie ein durch die Zähne gepresster Fluch bei weiterhin unbewegtem Gesicht. Am schlimmsten waren die Augen: Sie wirkten regelrecht tot und gemahnten zu größerer Vorsicht, als ich anderenfalls an den Tag gelegt hätte.

»Geben Sie auf, Brazos!«, rief eine verzerrte Megaphon-Stimme von draußen. Ich erkannte mit Mühe Jordans Stimme. Der, den es anging, zeigte dieses Erkennen nicht.

Ich hatte es mir zu leicht vorgestellt; das rächte sich nun.

Mündung stand gegen Mündung.

Eine Patt-Situation, die, wenn mir nicht bald etwas einfiel, für uns beide tödlich enden konnte. Selbst wenn ich einen Sekundenbruchteil früher schoss, würde er, so angespannt und konzentriert er war, vielleicht noch Zeit finden, auf mich abzudrücken. Umgekehrt verhielt es sich genauso.

»Was soll der Kanister, Dave?«, fragte ich ihn, ohne den Zielpunkt meines Revolvers – sein Herz – zu verändern.

»Dave?«, echote Brazos. Es klang, als müsste er über seinen eigenen Namen nachdenken. Sich erinnern. Plötzlich lachte er bitter auf, wie ich noch nie einen Menschen lachen gehört hatte. »Was tun Sie hier, Trevellian?«

»Dasselbe könnte ich Sie fragen. Wollen Sie das Haus anzünden? Sehen Sie sonst keinen Ausweg mehr?«

Sein Finger am Abzug zuckte leicht. Es genügte nicht, den Tod auf die Reise zu schicken.

»Gehen Sie«, sagte er rau. »Gehen Sie weg – sofort! Ich will nichts von Ihnen! Deswegen bin ich nicht gekommen.«

»Weswegen sonst?« Solange wir redeten, war die Gefahr für uns beide geringer. »Wollen Sie das Haus anzünden, Ihre Vergangenheit, die Erinnerungen – und schließlich sich selbst auslöschen, Dave? Warum? Warum haben Sie die vielen Menschen ermordet? Wenn es ein Motiv gibt, dann nennen Sie es mir jetzt. Ich werde versuchen, Sie zu verstehen.«

Der Mund, der so tot wirkte wie die Augen, sagte: »Ich bin nicht Dave – ich bin Alec.«

»Alec?«

In meinem Bauch kribbelte es. Es war wirklich nicht Daves Stimme, die zu mir sprach. Es war eine ganz andere Art der Betonung; selbst die Körperhaltung passte sich dem an. Er sah ohnehin grotesk aus. Die Uniform des toten Polizisten schlotterte ihm um etliche Nummern zu groß am Leib. Das rechte Hosenbein war blutgetränkt; die Verletzung, die ihm vermutlich im Raft-Haus zugefügt worden war, musste wieder aufgebrochen sein. Er hatte wieder getötet. Ohne Skrupel – aber auch ohne rituellen Hintergrund, wie wir in den anderen Fällen – mit Ausnahme von Diane Skelton – vermuteten. Was ging wirklich in diesem Mann vor? Was trieb ihn zu diesen bestialischen Taten? »Dave ist tot«, sagte Brazos mit dunklem Ton. »So tot wie Bill. Und ich werde dafür sorgen, dass es so bleibt. Er wird niemandem mehr schaden. Hier ist alles zu Ende – gehen Sie jetzt! Sofort! Oder …«

»Oder?«

Die Mündung ließ mich nicht los, als er den offenen Kanister nahm, hochhob und soweit neigte, dass sich der Inhalt über seine Schultern ergoss.

Beißender Benzingeruch schlug mir in die Nase.

»Hören Sie auf!«, schrie ich.

Er hörte nicht auf. Das Benzin tränkte die gestohlene Uniform und bildete eine Lache um seine Füße.

»Gehen Sie! Ich weiß nicht, wie lange ich ihn noch zurückhalten kann. Er wird wieder stärker. Er ist noch nicht besiegt. Ich …«

»Er?«

»Dave!«

Ich machte einen Schritt auf ihn zu.

Er senkte den Lauf und schoss vor mir in den Boden. »Stopp!« Seine Stimme wurde schrill.

Mich ritt der Teufel, als ich sagte: »Beruhigen Sie sich, Alec, wir können uns über alles unterhalten. Über alles.« Ich schürzte die Lippen und fügte hinzu: »Ich werde jetzt meinen Revolver auf den Boden legen, und Sie werden dasselbe mit Ihrer Waffe tun. Danach unterhalten wir uns wie zivilisierte Menschen.«

Jetzt musste er mich für übergeschnappt halten. Aber das war pures Kalkül. Mit Dave hätte ich nicht so verfahren können, aber mit Alec …

In seine leeren Augen kam etwas Leben. Ein Funke, den ich nicht enträtseln konnte.

»Was – soll das?«, floss es zäh über seine Lippen. »Du willst mich doch reinlegen. Du …« Ich schüttelte den Kopf, ging langsam in die Hocke und legte demonstrativ die Waffe auf den Teppichboden. Dann richtete ich mich langsam wieder auf.

Brazos glotzte mich an wie ein Gespenst.

Er wankte, kämpfte innerlich mit sich.

Genau in diesem Moment geschah etwas, das die Waagschale zu meinen Ungunsten umkippen und die Situation schlagartig eskalieren ließ.

Damit hatte ich nicht rechnen können.

Hinter Brazos huschte ein Schatten heran.

Spät, zu spät, um ihn aufzuhalten, erkannte ich Chap Clondike.

Wo er herkam, wusste ich nicht. Ich konnte nur ahnen, dass ihn sein Ehrgeiz, mir zu helfen, zu dieser Aktion getrieben hatte, die sicherlich ohne Rückendeckung erfolgte.

Brazos entdeckte ihn noch vor mir. Die Art, wie er aufbrüllte, offenbarte, dass er sich von mir verschaukelt fühlte. Er hielt alles für ein abgekartetes Spiel.

Sein Revolver schwenkte herum.

C.C.’s Überraschungsangriff endete im Chaos. Brazos’ Kugel traf ihn in die rechte Schulter und stieß ihn nach hinten in den Gang zurück.

Jetzt musste ich handeln.

Ich hechtete auf den G-Man aus San Antonio zu, der die Waffe wie eine heiße Kartoffel fallen ließ. Nur er selbst wusste, warum.

Dann prallte ich gegen ihn und riss ihn von den Beinen.

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Titel: Mord hat Hauptsaison 6 - 5 Krimis in einem Band