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Puma-Jill

2020 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Puma-Jill

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Puma-Jill

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Jake Flannagan, Besitzer der größten Ranch im Umkreis von fünfzig Meilen, beschuldigt Tom Malone und seinen Sohn Keho, von ihm Rinder gestohlen zu haben. Tom wird feige von dem Vormann Witlow erschossen. Weil der Boss auch Keho tot sehen will, heuert er Ramirez, einen Pistolero, an. Der spürt Keho auf …

Flannagans Tochter Jill verlässt daraufhin die Ranch ihres Vaters.

Dass der Rancher einen unverzeihlichen Fehler gemacht hat, wird ihm kurze Zeit später schmerzlich bewusst.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

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Die Hauptpersonen des Romans:

Jake Flannagan - begeht in seinem Machtrausch einen unverzeihlichen Fehler.

Brent Witlow - nutzt die Schwäche des Ranchers auf perfide Weise.

Paco Ramirez - erweist sich nur am Anfang als sein schießfreudiger Spießgeselle.

Jill Flannagan - geht den eigenen Weg bis zur letzten Konsequenz.

Keho Malone - kehrt als Totgeglaubter zurück - gerade zur rechten Zeit.

 

 

1

Das Schnappen der Gewehrschlösser empfing Tom Malone.

Der bärtige Mustangfänger zügelte das Pferd vor der halb in den Hügel gegrabenen Blockhütte.

An Türpfosten lehnte Brent Witlow, der Vormann der Flying-F-Ranch: Die Zigarette im Mundwinkel, die Hand am Colt.

Die anderen Männer besaßen Winchester und Remingtongewehre. Zwei lauerten bei der Remise, einer an der Stallecke. Ein weiterer hielt das ungesattelte Pferd unter der Weißeiche am Creek.

Eine Hanfschlinge baumelte herab.

Erst kürzlich gefangene Mustangs stoben durch den Corral.

Jake Flannagan, der Besitzer der größten Ranch im Umkreis von fünfzig Meilen, ritt aus dem Schatten. Graue Strähnen durchzogen sein Haar. Das Gesicht mit der gebogenen Nase und dem schmalen Mund war faltenbedeckt, die Augen glänzten wie Eissplitter. Flannagan trug einen braunen Kordanzug, seine Begleiter Cowboytracht. Es waren hartgesichtige Burschen, alle bewaffnet mit schwerkalibrigen Colts.

Malone vermied es, die Hand in die Nähe des Sechsschüssers zu bringen.

»Was wollt ihr?«

»Ein Dutzend gestohlene Rinder weiden ’ne halbe Meile weiter oben am Creek. Dein Sohn und du, ihr beide scheint euch in den Manzanita Hills ziemlich sicher zu fühlen.«

»Keho und ich leben von der Wildpferdjagd. Deine Longhorns interessieren uns nicht, Flannagan.«

»Wie kommt’s dann, dass wir die Fährte von zwei Reitern fanden, die Rinder von meinem Land trieben? Einer davon war auf ’nem unbeschlagenen Pferd unterwegs. Dein Sohn reitet doch einen Indianermustang, nicht wahr?«

Der Mustangjäger spannte sich.

»Wozu der Aufwand? Willst du dich vor den eigenen Leuten rechtfertigen? Vor deiner Tochter? Alle wissen, dass du’s seit langem auf mein Land abgesehen hast. Außerdem passt’s dir nicht, dass mein Junge und Jill ...«

»Kein halber Apache und Rustler wird je die Flying F betreten. Einer meiner Reiter kam den Rustlern in die Quere. Sie erschossen ihn. Ich hätt’ mich sonst begnügt, die Bude hier niederzubrennen und euch aus dem County zu jagen. Aber so ...«

Flannagan blickte grimmig zum Baum mit dem Hanfseil.

»Glaubst du, ich lass ’nen Cowboy erschießen, um dir und deinem Sohn danach ’nen Strick daraus zu drehen? «

»Wer fand ihn?«

»Ich.« Flannagans Vormann warf die Zigarettenkippe weg. Er war um die Dreißig, ein sehniger, raubvogeläugiger Mann mit verkniffenen Mundwinkeln. Sein Colt hing tiefer, als das bei einem gewöhnlichen Weidereiter der Fall war. Das Holster war am Oberschenkel festgebunden.

»Gib dir keine Mühe, Malone. Es besteht kein Zweifel, dass ihr’s wart. Keho kriegen wir auch noch. Wahrscheinlich ist er unterwegs, die Spur zu verwischen. Steig ab!«

Malone warf sich seitwärts vom Pferd. Die Gewehre dröhnten, eine Kugel streifte den leeren Sattel, der Braune steilte. Malone rollte zur Seite ab. Der Revolver krachte. Ein Gegner ließ das Gewehr fallen und presste die Linke auf den blutenden Arm. Im Aufspringen feuerte Malone auf den Vormann. Doch Witlow schoss einen Augenblick früher. Dazu krachten wieder die Karabiner.

Malone krümmte sich, taumelte und wurde mehrfach getroffen.

»Pa!«

Der Mustangfänger schaffte noch eine halbe Drehung, dann fiel er vornüber.

Ein drahtiger, ledergekleideter Reiter hielt auf der Anhöhe jenseits des Wildhorse Creek. Die schulterlangen schwarzen Haare glänzten in der Sonne. Statt Stiefeln trug er kniehohe Mokassins. Colt und Messer hingen am Gürtel. Eine Winchester steckte im Sattelfutteral. Die zerklüfteten Hänge der Animas Mountains ragten hinter ihm auf. Durchsichtige Wolkenschleier umgaben die Gipfel. Der Tag war heiß und windstill.

»Keho!«, knirschte Brent Witlow. Die Entfernung war für den Sechsschüsser zu groß.

Reglos verharrte Malones Halbblut Sohn auf dem Pinto. Dann kam die Winchester aus dem Scabbard.

»Mörder!«

Flannagans Pferd brach im Peitschen des Schusses zusammen. Der Rancher schaffte es gerade noch aus dem Sattel. Die nächste Kugel meißelte Späne vom Türpfosten neben Witlow. Der Mann unter der Weißeiche ließ das Pferd los. Die Gewehre hämmerten.

Da wendete der Reiter und verschwand.

»Lasst ihn nicht entkommen!«, tobte der Boss.

 

 

2

Dunst umhüllte die Weiden und Cottonwoods am Wildhorse Creek. Vereinzelte Sterne blinkten. Kojoten heulten am Rand der Manzanita Hills.

Fröstelnd raffte Jill Flannagan das Schultertuch zusammen. Die Augen brannten im jungen Gesicht. Das Pferd bewegte sich unruhig. Dann ertönte ein Käuzchenruf. Er wiederholte sich zweimal. Mit zitternder Hand riss das Girl ein Streichholz am Sattel an und bewegte es dreimal hin und her. Ein Flackern erhellte das angespannte hübsche Gesicht. Kupferrote Haare umrahmten es. Zischend erlosch das Streichholz im Creek.

Nach einer Weile näherte sich Hufschlag. Schweigend zügelte Keho seinen Pinto vor Jill. Ihre Blicke trafen sich. Die Dunkelheit verbarg das heftige Pochen der Ader an Jills schlankem Hals.

»Keho, es tut mir so leid.«

»Die Rinder wurden von euren Reitern in die Manzanita Hills getrieben. Einer wollte offenbar nicht mitmachen.«

»Ich habe keine Minute geglaubt, dass du ...«

»Dein Vater und seine Helfer werden dafür bezahlen.« Kehos Stimme klang dumpf. Das schmale Gesicht glich einer Maske. Nur die Augen funkelten. Das Girl fröstelte wieder.

»Du musst fort, Keho. Pa hat den mexikanischen Revolverschwinger Paco Ramirez angeheuert, damit er dich zur Strecke bringt. Pa zahlt ihm tausend Dollar dafür.«

»Ich hab von Ramirez gehört. Es heißt, dass er jeden Mann erwischt, auf dessen Fährte er reitet. Trotzdem ...« Keho lauschte. Dann beugte er sich vor und hielt dem Pinto die Nüstern zu. Ehe die Rancherstochter dem Beispiel folgen konnte, stieß ihr Brauner ein Schnauben aus.

In der Nähe raschelte es, aber das mochte ein Nachttier sein. Das Kojotengeheul klang weiter entfernt. Kein Mond schien. Der Nebel am Creek verdichtete sich.

»Bist du sicher, dass dir niemand gefolgt ist?«, fragte Keho leise.

»Ich wär sonst nicht gekommen.«

»War Ramirez auf der Ranch, als du fortgeritten bist?«

»Ja.« Jill erschrak. »Keho, ich wollte ...«

Ein Klirren kam aus der Schwärze. Niemand war zu sehen. Jills Hand berührte den jungen, ledergekleideten Reiter.

»Um Himmels willen, das ist er! Flieh!«

»Danke, dass du mich gewarnt hast.« Keho zog die Winchester 73 aus dem Sattelfutteral. »Wahrscheinlich sehen wir uns nicht wieder.«

»Keho ...« Sie wartete darauf, dass er sie küsste. Doch er drehte das Pferd.

»Gib auf, Rothaut!«, ertönte es nur fünfzehn Yard entfernt. Die Stimme klang wie brechendes Eis.

Geduckt jagte Keho los. Ein Schuss peitschte. Einen Augenblick erkannte Jill im Mündungsfeuer eine hochgewachsene, breitschultrige Gestalt. Sie preschte darauf zu.

»Nicht, Ramirez!«

Ein Fluch antwortete. Das Gewehr blitzte wieder. Dann stob ein Schatten an Jill vorbei. Erdbrocken wirbelten. Rasch verlor sich das Hufgetrappel in der mondlosen Nacht.

 

 

3

Paco Ramirez stellte den Drink ab und erhob sich. Der große, breitschultrige Mexikaner bewegte sich wie eine Raubkatze. Sein breitflächiges Gesicht mit den aufgeworfenen Lippen und leicht schräg stehenden Augen blieb ausdruckslos.

Flannagan bemerkte seine Tochter noch nicht. Mit dem Rücken zur Treppe schob er das Geldscheinbündel neben Ramirez’ Glas.

»Tausend Bucks. Du kannst nachzählen, Ramirez.«

»Nicht nötig.«

Der Blick des Mexikaners blieb auf Jill gerichtet. Sie war zweiundzwanzig, eine schlanke, selbstbewusste Schönheit. Die Augen leuchteten in intensivem Blau. Der sinnliche Mund besaß einen halb mädchenhaft weichen, halb herben Schwung. Jill trug einen wildledernen Reitrock, eine weiße Bluse und halbhohe Weichlederstiefel. Die roten Haare waren im Nacken zusammengebunden.

Witlow, der am Kamin lehnte, hüstelte.

»Hallo, Jill.«

Flannagan fuhr herum.

»Wo willst du hin, Jill?«

Das Mädchen stand am Fuß der Treppe.

»Nach Stone Springs. Ich nehm den nächsten Zug. Es ist mir gleich, wohin, nur fort von hier.«

»Da hab ich mitzureden.«

»Ich bin volljährig, Pa.«

»Zum Teufel ...« Flannagan erhob sich.

Jills Gesicht war bleich, aber gefasst, die Schultern zurückgebogen. Die Männer spürten die Entschlossenheit.

Witlow beobachtete den Rancher. Flannagan zog die pralle Brieftasche.

»Also gut. Vielleicht ist’s nicht verkehrt, wenn du für ’ne Weile die Ranch verlässt und Stadtluft schnupperst. Da ist Geld. Dann kannst du bei ...«

»Tu nicht, als hättest du mich missverstanden, Pa. Ich verlass die Ranch für immer. Dazu brauch ich dein Geld nicht. Ich kann arbeiten, Klavier spielen und singen. Wenn’s sein muss, verdien ich mir die Fahrkarte in Raffertys Saloon.«

»Bist du wahnsinnig? Bevor ich zulasse, dass meine Tochter in irgendeinem Bumsladen auftritt ...«

»Es ist meine Entscheidung, Pa, und weit besser als mit ’nem bezahlten Killer unter einem Dach zu leben.« Sie ging mit starrer Miene zu dem Mexikaner. »Wo haben Sie ihn erwischt?«

Gleichmütig hob Ramirez die Schultern. Die schwarzen Augen glänzten wie Basalt.

»Drüben im Playas Valley. Wahrscheinlich wollte er rauf ins Mescalero Reservat zu den Rothäuten, bei denen er aufwuchs. Er war nicht schnell genug.«

»Ist er tot?«

»Ich wär sonst nicht hier.«

»Irgendwann bezahlen Sie dafür.«

Der Mexikaner nahm sein Glas und trank.

»Irgendwann werden Sie mir noch dankbar sein, Lady, dass ich’s verhinderte, dass Sie Ihr Leben in ’nem stinkenden Apachen-Jacal zubringen.«

Jills Hand hinterließ einen Abdruck auf seiner Wange. Ramirez lachte kehlig.

»Danken Sie dem Himmel, dass Sie die Tochter vom Boss sind, Lady.«

Flannagan wollte um den Tisch eilen, da war das Mädchen schon auf halbem Weg zur Tür. Witlow holte Jill ein und hielt sie fest.

»Ich glaub nicht, dass dein Vater damit einverstanden ist.«

»Halt dich da raus, Brent!«

Der Vormann sah Flannagan fragend an.

»Bring sie auf ihr Zimmer!«, befahl der Rancher.

»Das wirst du nicht tun, Brent.«

Jill zog einen kurzläufigen Revolver aus der Rocktasche. Die vernickelte Waffe besaß einen Elfenbeinknauf. Der Hahn knackte. Zögernd ließ der Vormann sie los.

»Jill ...«, begann Flannagan.

Da bewegte Ramirez sich. Im selben Moment schwang die Waffe herum. Ein Krachen füllte die Wohnhalle. Das Glas des Mexikaners zersprang. Ein Splitter verletzte ihn, aber er lachte auf.

»Nicht schlecht, Muchacha. Du hast das Zeug nicht nur zur Sängerin, sondern auch zur Pistolera.«

»Danke für den Tipp.« Jills Stimme klirrte. Ihr Finger blieb am Abzug. Rückwärts gehend verließ sie den Raum.

 

 

4

Drei Jahre vergingen.

An einem Nachmittag im Spätsommer näherte sich ein Reiter den von Rauch und Staub umwogten Cowboys beim Wildhorse Creek Vorwerk der Flying F.

Die Hütte hatte ehemals den Malones gehört. Remise und Stall waren verschwunden, aber der Corral stand noch. Kälber und Jungrinder drängten sich darin. Brenneisen glühten. Hufe stampften, heisere Rufe schwirrten. Es roch nach verbranntem Fell. Eben lag wieder ein mit einem Lasso gefesseltes Longhorn am Boden. Zwei Männer hielten es, der dritte nahm das Eisen mit dem Flying-F-Stempel aus dem Feuer. Er trug Lederhandschuhe.

Zum Schutz gegen Staub und Rauch hatte er die Bandana vor die untere Gesichtshälfte gebunden. Zwei Reiter zerrten bereits das nächste Maverick am Lasso aus dem Corral. Sie entdeckten den Besucher, als er den Creek durchfurtete.

Er war schlank, drahtig und ganz in abgewetztes, fransenverziertes Wildleder gekleidet. Dazu trug er ein rotes Halstuch und kniehohe Mokassins. Mit den schulterlangen schwarzen Haaren sah er wie ein reinblütiger Indianer aus. Am Gürtel hingen Colt und Bowieknife. Der Kolben einer Winchester ragte aus dem Scabbard. Der größere Flannagan-Reiter jagte ihm entgegen. Misstrauen zeichnete sich auf dem knochigen Gesicht. Da sie jedoch zu fünft waren und der Ankömmling die Hände auf dem Sattelhorn verschränkte, ließ er den Revolver im Holster.

»Bist du ein Neuer? Schickt dich der Boss?«

»Bin mein eigener Boss.«

»Wo, zum Teufel, kommst du her?« Die Rechte des Knochigen umfasste den Revolvergriff. »Kein Fremder erhält Zutritt auf Flannagan-Land. Hast du die Warnschilder entlang der Weidegrenze nicht gesehen?«

Das bronzefarbene, indianisch geprägte Gesicht blieb unbewegt.

»Dies ist nicht Flannagan-Land.«

Der eben gebrändete Jungstier galoppierte mit hochgestelltem Schwanz und grotesken Sprüngen zur Herde weiter unten am Creek. Die Männer am Feuer richteten sich auf.

»Das ist Keho Malone!«, schrie der Stämmige mit dem Brenneisen.

Die Fäuste zuckten zu den Revolvern. Kehos Hieb mit dem Coltlauf fegte den Knochigen vom Pferd. Schon war das Halbblut am Feuer. Sein ramsnasiger Pinto stieß einen Gegner um. Dann zielte der Colt des Brenneisen-Mannes auf ihn. Der Stämmige hielt die Waffe mit beiden Händen. Die Bandana war herabgerutscht. Keho erkannte in ihm einen der Männer, die seinen Vater erschossen. Auch Keho brauchte nur den Finger zu krümmen. Er hielt die Zügel kurz.

»Wenn du abdrückst, sterben wir beide.«

Zorn und Furcht flackerten in den Augen des Stämmigen. Dann ließ er den Sechsschüsser sinken. Mit einer Kopfbewegung wies er auf die Gefährten.

»Du hast keine Chance, Malone.«

»Eine bessere als mein Vater damals.«

Die Rinder im Corral brüllten. Wolkenschatten glitten über die mit halb verdorrtem Gras und Manzanita Sträuchern bewachsenen Hänge. Der Grabhügel unter der Weißeiche war eingesunken. Das morsche Holzkreuz trug keinen Namen.

Der zweite Reiter war abgesessen, der Gestürzte rappelte sich auf. Drei Revolver bedrohten den Halbindianer. Er ließ den Stämmigen nicht aus den Augen.

»Kanone weg!«

Der Colt landete im Sand. Ein Lauern erschien in den Augen des Stämmigen.

»Ramirez blieb damals auf der Ranch. Er wird wenig begeistert sein, wenn er hört, dass du noch lebst.«

»Ich hatte Glück.« Keho zog die Bandana hoch. Die Flying-F-Cowboys starrten auf die Schussnarbe am Hals. »Ramirez hielt mich für tot. Ein Schafhirte fand mich und brachte mich ins Mescalero Reservat. Verwandte meiner Mutter pflegten mich. Ein halbes Jahr lang stand nicht fest, ob ich am Leben bleiben würde. Von der Minute an, als ich zum ersten Mal, aufstehen konnte, war ich zur Rückkehr entschlossen.«

»Damit Ramirez nachholt, was ihm damals misslang?«

»Zunächst bin ich am Zug.«

Der Stämmige schüttelte den Kopf.

»In den vergangenen Jahren wurde Flannagan noch mächtiger. Die Ranch gleicht einer Festung. Auch wenn du alle deine roten Vettern aufbietest, kommst du nicht an ihn ran.«

»Ein Einzelner erreicht manchmal mehr als ’ne Armee.«

»Du bist größenwahnsinnig.«

»Und du redest zu viel. Zieh den Ast aus dem Feuer und geh zur Hütte! Deine Amigos lassen besser die Schießeisen verschwinden. Wenn sich zufällig ein Schuss löst, bedeutet das deinen Tod.«

»Was hast du vor?« Der Stämmige duckte sich.

»Tu, was ich sag!«

Der Ast brannte wie eine Fackel. Keho folgte dem Flannagan-Mann zur Blockhütte. Widerstrebend ließen die anderen ihre Revolver sinken. An der Tür sah der Stämmige sich um.

»Rein damit!«, befahl Keho.

»Das wird dir leidtun.«

»Es ist meine Hütte. Und ich mag nicht, dass Flannagan sie als Weidecamp benutzt.«

Die Fackel wirbelte ins Innere, Funken sprühten, dann züngelten Flammen an der Innenwand. Ein Kumpan des Stämmigen rief: »Du legst es offenbar drauf an, dass Witlow und Ramirez dich jagen. Der Rauch wird weit zu sehen sein. Bestimmt reiten auch schon die Grenzwächter auf deiner Fährte.«

Kehos Colt schwang herum.

»Freut mich, dass du so besorgt um mich bist, Compadre. Doch denk auch an dich und lass die Kanone fallen. Gut so. Nun öffne das Gatter! Flannagans Rinder haben nichts auf meinem Land verloren.«

»Ich möcht nicht in deiner Haut stecken, Malone ...«

»Bist du schwerhörig? Ich kann auch deutlicher werden.«

Kehos Sechsschüsser krachte. Sand spritzte vor den Stiefeln des Flying-F-Cowboys. Die Männer erblassten. Ein wölfisches Grinsen huschte über Kehos Gesicht.

»Ihr könnt Witlow und Ramirez ausrichten, dass ich ein Jahr lang jeden Tag mit dem Colt übte.«

Da fielen die Revolver in den Sand. Der Hagere öffnete das Gatter. Brüllend drängten die Longhorns heraus. Inzwischen quoll dichter Rauch aus dem Blockhaus. Eine dunkle Säule wuchs über die Manzanita Hills. »Nehmt die Gäule und haut ab!«

 

 

5

Kehos Fährte führte am Wildhorse Creek nach Westen. Das Trappeln der Hufe begleitete die Verfolger. Ihre Gesichter waren verkniffen.

Brent Witlow führte den Trupp. Ein gelbgrauer Staubmantel umflatterte seine sehnige Gestalt. Seine Chaps, die ledernen Beinschützer, waren dornenzerkratzt.

Paco Ramirez ritt als Fährtensucher neben ihm, seitlich vorgebeugt. Die Basaltaugen im dunklen Gesicht waren auf den Boden gerichtet. Der Mexikaner trug eine gelbe Bandana zum schwarzen Hemd, eine Wildlederhose, an deren Seitennähten Silberknöpfe funkelten, und hochhackige Vaquerostiefel. Der wagenradgroße Sombrero war mit Silberfäden bestickt. Die Coltholster waren eingefettet, der Lauf ragte zwei Inches unten heraus.

Die Ausläufer der Animas Mountains umgaben die Reiter. Rote Felsmauern durchbrachen die kiefernbestandenen Hänge. Der Himmel war wolkenlos. Ein Bussard schrie, und ein Kojotenrudel floh vor dem donnernden Reiterpulk. Der Boden war steinig, aber noch gab es genug Gras und Sandstreifen, auf denen die Hufabdrücke von Kehos Pferd deutlich erkennbar blieben.

Der Creek war nur knietief. Mehrfarbige Kiesel füllten sein Bett.

Keho durchfurtete ihn zweimal. Dann ritt er eine lange Strecke darin weiter.

Die Flannagan-Reiter hatten jedes Mal den Eindruck, dass die Fährte sich auflöste, aber Ramirez ließ sich nicht abschütteln. Zehn Meilen westlich von Malones Hütte bog die Spur zum Copper Canyon ab. Mächtige Felsschultern säumten den Schluchteingang. Der Boden bestand aus hartem Lehm. Die Fährte verschwand.

Der Pistolero kehrte um, saß ab und prüfte die Hufabdrücke. Witlow und die anderen warteten mit finsteren Gesichtern. Die Sonne glühte. Staub bedeckte Reiter und Tiere.

Geschmeidig schwang Ramirez sich wieder aufs Pferd.

»Sein Vorsprung beträgt höchstens ’ne halbe Stunde.«

Witlow spuckte aus.

»Das nützt uns wenig, solange wir nicht wissen, wohin er geritten ist.«

»Geduld.« Der Mexikaner ritt einen Halbkreis, fand aber keine Fortsetzung der Spur. Dann lenkte er den Braunen zum Canyoneingang.

»Ich schieße zweimal, wenn ich die Spur wiederfinde.«

»Der verdammte Bastard kennt die Gegend. Er weiß, dass er im Canyon in ’ne Sackgasse gerät.«

»Vielleicht ist er gerade deshalb rein.« Ramirez trieb seinen Wallach an den Felsschultern vorbei. Mürrisch versorgten die Cowboys ihre Pferde. Dann kamen sie nicht einmal mehr dazu, sich Zigaretten anzuzünden. Zwei Schüsse hallten aus der Schlucht. Ramirez wartete an der zweiten Biegung. Grinsend zeigte er auf die wieder halbwegs deutlichen Trittsiegel. Witlow zog die Winchester aus dem Sattelfutteral.

»Jetzt haben wir ihn.«

 

 

6

Die Reiter spannten sich. Es waren neun Mann, die Witlow und Ramirez mit schussbereiten Karabinern folgten. Hartgesottene Kerle, die mit der Waffe ebenso umzugehen verstanden wie mit Lasso und Brenneisen. Der Copper Canyon schlängelte sich tief ins Gebirge. Zerklüftete Hänge, an denen sich Stecheichen und Krüppelkiefern festkrallten, säumten ihn. Kein Reiter kam da hinauf. Die Canyonsohle war mit dürren Grasbüscheln, Fettholzstauden und Felsbrocken bedeckt. Die Spur wurde deutlicher. Die Verfolger schwärmten aus.

»Kein Anruf, schießt sofort!«, befahl Witlow.

Die Pferde gingen im Schritt. Sattelleder knarrte, Gebissketten klirrten. Die Gewehre funkelten. Es war backofenheiß. Dann ragte eine turmhohe Felsbarriere vor den Reitern auf. Sandsteinblöcke lagen am Hang darunter. Die Spur lief zu den Sträuchern an seinem Fuß. Ein Wiehern drang aus dem Schatten.

»Sein Gaul!«, rief einer.

Die Flying-F-Männer saßen ab und schoben die Karabiner über die Pferderücken. Bleierne Stille lastete im Canyon. Nur Ramirez blieb im Sattel, die Zügel in der linken, das Remingtongewehr in der rechten Faust. Witlows Winchester bewegte sich plötzlich.

»Da oben ist er!«

Der Vormann zielte auf einen Felsblock am oberen Hangdrittel.

Kehos Gewehr ragte dahinter hervor. Peitschend brach sich der Schuss an den Hängen. Kein Mündungsblitz antwortete. Nur das Gewehr war zu sehen. Ramirez hob die Hand.

»Er hat uns reingelegt.«

»Aber ...«

Witternd drehte der breitschultrige Mexikaner den Kopf. Etwas Raubtierhaftes ging von ihm aus. Die Nasenflügel vibrierten, die breiten Lippen waren halb geöffnet. Dann trieb er wortlos das Pferd an. Kein Schuss fiel. Ramirez verschwand zwischen den Sträuchern. Als er wieder auftauchte, führte er Kehos Pinto am Zügel. Fluchend jagten die ändern zu ihm. Witlow schickte zwei den Hang hinauf. Sie fanden Kehos Gewehr, aber keine Spur von dem Halbblut. Mit zusammengekniffenen Augen musterte Witlow die Felsmauern.

»Zu Fuß kommt er nicht weit.«

»Er kann Pfade benutzen, auf denen wir mit den Pferden nicht vorankommen.« Der Mexikaner genehmigte sich einen Schluck aus der Sattelflasche. »Außerdem sind die Apachen hervorragende Läufer. Ich bin überzeugt, dass er zur Ranch will. Ich brauch die beiden besten Pferde, ihn abzufangen.«

 

 

7

Peitschenschwingend und mit schweißverklebten Gesichtern trieben die Cowboys die versprengte Wildhorse-Creek-Herde zusammen. Der Stämmige und ein kleiner, drahtiger Texaner fanden das letzte Dutzend Longhorns in einer Senke zwei Meilen südöstlich von Malones verbranntem Blockhaus. Die Sonne stand schon über den Animas Mountains. Der Staub, den die Rinder aufwirbelten, schimmerte kupferfarben.

Mit gesenkten Köpfen trotteten sie vor den Reitern. Zusammengesunken saßen die Männer in den Sätteln. Die Gewehre steckten wieder in den Scabbards, die Colts hingen an den Gürteln. Auf halbem Weg entdeckte der Stämmige eine einzelne Rinderspur, die zum ausgetrockneten Nebenarm des Wildhorse Creek führte.

»Treib du weiter, Jim! Ich schnapp mir das Biest.«

»Mistjob.«

»Auf keiner anderen Ranch werden wir so gut bezahlt.«

»Dann wart mal ab, bis Witlow erfährt, wie der verdammte Halbindianer mit uns umgesprungen ist.«

Der Stämmige brummte eine Verwünschung, dann folgte er der Rinderspur. Nach zweihundert Yard erreichte er das Arroyo. Es war tief eingeschnitten. Gestrüpp und Felsbrocken bedeckten die Böschung. Die Rinderklauen hatten deutliche Abdrücke im Sand hinterlassen. Der massige Jungbulle stand hinter der nächsten Biegung, brüllte gereizt und scharrte. Der Stämmige rollte die Peitsche aus.

»Bin gerade in der richtigen Stimmung, dir Manieren beizubringen.«

»Ich auch.«

Die Stimme traf den Flannagan-Reiter wie ein Peitschenhieb. Keho stand seitlich von ihm neben einem Felsen. Sein 44er drohte. Mit einer lässigen Kopfbewegung wies er auf den neuerlich brüllenden Stier.

»An deiner Stelle würd ich mich nicht mit ihm anlegen. Wenn du zu Fuß bist, ist er dir überlegen, und ich brauch dein Pferd.«

Das Gesicht des Stämmigen bekam Flecken, dann ließ er die Peitsche fallen. Keho waren die Meilen, die er im Wolfstrott zurückgelegt hatte, nicht anzumerken. Sein durchtrainierter Körper besaß Muskeln und Sehnen wie aus Stahl.

»Steig ab!«

Zähneknirschend gehorchte der Flying-F-Reiter. Er traute den Augen nicht, als Keho den Colt halfterte, um das Pferd herumging und die Zügel nahm. Mit einem Satz, ohne die Steigbügel zu benutzen, landete er im Sattel. Da zog der Stämmige.

Kehos Colt donnerte einen Augenblick früher. Das Blei des Gegners verfehlte ihn. Der Cowboy fiel. Sein Revolver rutschte weg.

Der Stier rannte brüllend davon. Mit straffen Zügeln und festem Schenkeldruck hielt Keho das Pferd. Reglos bückte er auf den Verwundeten.

»Worauf wartest du?«, keuchte der Kerl.

Keho ersetzte die abgeschossene Patrone und ritt wortlos davon. Die Schüsse waren bis zum Wildhorse Creek zu hören. Die Gefährten des Stämmigen würden sich um den Mann kümmern. Das Halbblut schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Stone Springs lag dort. Das Land ringsum wurde von der Flying F beherrscht.

Die Senken weiteten sich, die Hügel wurden flacher. Rinder mit Flannagans Brandzeichen weideten hier. Der Himmel über den Animas Mountains färbte sich rot, als Keho von einer Bodenwelle auf Doyle Colders Rancho sah. Colder und Kehos Vater waren Kriegskameraden. Gemeinsam hatten sie sich im südwestlichen New Mexico angesiedelt und sich gegenseitig geholfen, wann immer es nötig war. Colder war verheiratet, sein Sohn Neal zwei Jahre jünger als Keho.

Rauch stieg aus dem Blechschornstein. Hinter den Fenstern brannte eine Petroleumlampe. Flannagan Cowboys brachten ihre Pferde in den Corral. Es war ein Flying-F-Mann, der die Abkömmlinge zum Essen rief. Kehos Miene spannte sich. Drei Jahre waren eine lange Zeit. Die Flying F hatte sich inzwischen auch Colders Rancho einverleibt.

»Ein Posten mehr auf der Rechnung, die ich dir präsentiere, Flannagan«, murmelte Keho Malone.

Er ritt noch zwei Meilen Richtung Stone Springs, dann überließ er den Braunen sich selbst. Im Schutz der Bodenwellen und Hügel lief er parallel zur eigenen Fährte zurück. Die Dämmerung brach an. Hufschlag erklang.

Keho verbarg sich in einer Rinne. Die Umrisse eines großen, breitschultrigen Reiters hoben sich auf einem Hügelrücken ab. An den Seitennähten der Wildlederhose blinkten Zierknöpfe. Der spitzkronige Sombrero hing auf dem Rücken. Die Narbe an Kehos Hals brannte. Seine Rechte umkrampfte den 44erKolben.

Ramirez folgte wie ein Bluthund seiner Spur - wie damals, bevor er Keho im Playas Valley überrumpelte und für tot liegen ließ. Die Entfernung war für den Sechsschüsser zu groß, die Beleuchtung zu unsicher.

Zuerst Flannagan, hämmerte es hinter Kehos Stirn. Er ließ den Mexikaner vorbei. Als das Hufgetrappel verhallte, wandte er sich nach Süden zur Flannagan Ranch.

 

 

8

Die Gebäude ragten wie schwarze Klötze in die fahle Dunkelheit, Ställe, Schuppen, Scheunen, Remise, Feldschmiede und Bunkhouse. Das Haupthaus war doppelstöckig, mit einer breiten, überdachten Veranda. Zwei Fenster im Erdgeschoss waren erhellt, die Vorhänge zu. Ein hoher Windbrunnen ragte in den Sternenhimmel. Der gelbe Schimmer über den Bodenwellen im Osten kündigte den Mondaufgang an.

Kein Baum und Strauch bot Keho Deckung. Er lag im Gras. Eine zweihundertköpfige Rinderherde stand als schwarze kompakte Masse eine Viertelmeile vor der Ranch. Manchmal drang ein schläfriges Muhen herüber. Einen Ranchwächter hatte Keho bereits entdeckt. Der Mann kauerte mit einem Gewehr auf der Plattform unterm Windbrunnenrad. Dann bewegte sich ein Schatten vor einem der Ranchhausfenster. Drüben bei der Remise leuchtete die Glut einer Zigarette. Außerdem patrouillierten zwei Reiter um die Gebäude und Corrals. Keho presste sich an die Erde, als sich das Pochen der Hufe von rechts näherte. Sattelleder knarrte, Metall klirrte. Die Pferde gingen im Schritt. Die Posten hielten einen Abstand von fünf Yard, jeder mit einem Gewehr überm Sattel.

Keho sah nur ihre Umrisse. Der eine ritt so nahe vorbei, dass Keho fürchtete, das Pferd würde auf ihn treten. Es prustete laut. Aber die Männer blieben ahnungslos. Vorsichtig kroch Keho weiter.

Die Pferde im Corral witterten ihn nicht. Er hatte seinen Lederanzug mit Wildkräutern eingerieben. Kojoten heulten in der Ferne. Der Lichtstreifen am östlichen Horizont wurde breiter. An der Rückseite der Remise richtete Keho sich geduckt auf. Das gleichmäßige Stampfen der Hufe kam nun von gegenüber.

Er schob sich zur Ecke. Tabakgeruch stieg ihm in die Nase. Auf der Ranchhausveranda knarrte ein Schaukelstuhl. Keho spähte zum Turm, aber die Gestalt oben rührte sich nicht. Der Kerl döste. Offenbar rechneten die Posten nicht wirklich mit der Möglichkeit, dass ein Angreifer sich auf die Ranch wagte. Die Wache war Routine. Trotzdem durfte Keho sich keinen Fehler leisten. Er wartete, bis die Reiter wieder an ihm vorbei waren, dann lief er zur Rückfront des Hauptgebäudes.

Mit dem Bowiemesser prüfte er die Ritzen der Fenster. Keines ließ sich öffnen. Im Haus war es still.

Keho blieb nicht mehr viel Zeit bis der Mond aufging. Über einen Holzstoß kletterte er aufs Dach des Küchenanbaus. Das nächste Obergeschossfenster befand sich in Brusthöhe. Mühelos drückte Keho es auf.

»He, Jack!«, schallte es von der Remise. Keho duckte sich. Ein Klappern kam vom Turm, dann die Stimme des Wächters: »Was ist?«

»Verdammt, hast du schon wieder geschlafen?«

»Setz du dich mal die halbe Nacht hier rauf.«

»Wenn Witlow dich mal erwischt, bist du fällig.«

Keho riskierte es und schwang sich hinein. Sofort war sein Colt wieder schussbereit. Aber kein Alarmschrei gellte. Trotzdem wartete er eine Weile, bis er sich durchs dunkle Zimmer tastete. Er berührte ein über einem Stuhl hängendes Kleid. Die ganze Zeit hatte er versucht, nicht an Jill zu denken. Jetzt spürte er einen Druck im Hals, und die Vorstellung, dass er womöglich plötzlich Jill gegenüberstand, beschleunigte seinen Puls. Doch nichts deutete auf ihre Anwesenheit hin.

Leise öffnete er die Tür. Das Zimmer lag am Ende des Korridors. Gegenüber traf der Lichtschein aus der Wohnhalle die Bretterwand. Mit trockener Kehle bewegte der Halbapache sich darauf zu. Ein Läufer bedeckte die breite Treppe. Keho verharrte am oberen Absatz.

Jake Flannagan saß mit dem Rücken zu ihm am offenen Kaminfeuer. Keine Lampe brannte. Rötlicher Schein umfloss den hageren Rancher. Er war in den vergangenen Jahren völlig ergraut. Eine Decke lag über den Knien. Die steife Haltung verriet, dass er nicht schlief.

Keho wartete einige Minuten, aber Flannagan starrte reglos ins Feuer. Das Prasseln im Zimmer war das einzige Geräusch. Keho sah keine Waffe. Dennoch rechnete er damit, dass der Rancher, wenn er ihn bemerkte, sofort schießen würde.

Der Gedanke an Jill bedrängte ihn wieder. Aber die Erinnerung an den Grabhügel am Wildhorse Creek überwog. Mit dem Finger am Abzug stieg er langsam die Treppe hinab. Das Kaminfeuer betonte seine indianischen Gesichtszüge. Draußen rührte sich nichts. Keho stand schon am. Fuß der Treppe, und der Rancher blickte noch immer in die Glut.

Keho spannte den Colthahn.

»Hallo, Flannagan.«

 

 

9

Es dauerte eine Weile, ehe Flannagan den Kopf drehte. Sein Gesicht war zerfurcht, die Wangen eingesunken, der Eisglanz in den tiefliegenden Augen erloschen. Knochige Hände umspannten die Sessellehne. Die Stimme war ein heiseres Flüstern.

»Ich wollt es erst nicht glauben, dass du wirklich zurückgekommen bist, Malone. Hast ’nen ziemlichen Wirbel verursacht. Freut mich, dass du Witlow und Ramirez entkommen bist.«

Keho ging zur Tür und schob den Riegel vor. Dabei achtete er darauf, dass die Flammen seinen Schatten nicht an die Fenstervorhänge warfen. Die Waffe blieb auf Flannagan gerichtet.

»Spiel mir nichts vor!«

»Ich kann dich nicht hindern, mir ’ne Kugel zu verpassen nach allem, was geschah. Ich lebe sowieso nicht mehr lange und fürchte den Tod nicht - wenn nur Jill rechtzeitig gewarnt wird. Deshalb bin ich froh, dass du da bist.«

Flannagan war fünfundfünfzig, wirkte aber zwanzig Jahre älter. Das Sprechen strengte ihn an.

»Ich trau dir nicht, Rancher. Wenn du ’nen Trick versuchst ...«

Flannagan zog die Decke weg. Seine Beine waren grotesk verdreht, die Füße verkrüppelt. Er trug nur Schlafmantel, Nachthemd und Socken.

»Zwei Monate, nachdem Ramirez die Nachricht von deinem Tod brachte, geriet ich in ’ne Rinderstampede. Seitdem hab ich die Ranch nicht verlassen. Inzwischen weiß ich, dass die Stampede kein Zufall war und auch, dass Brent damals die Longhorns auf euer Land bringen ließ. Der Cowboy, der erschossen wurde, wollte mich verständigen.«

»Ich hab mich in Lordsburg, Deming und Las Cruces umgehört, bevor ich zurückkam. Dein Name, Flannagan, steht nach wie vor für die Macht der Flying F.«

Der Alte lachte bitter. Es klang so kraftlos wie er aussah.

»Brent, dem ich jahrelang vertraute, ist jetzt der Boss, Ramirez sein Kumpan. Ich lebe hier als ihr Gefangener. Die Kerle, die mich rund um die Uhr bewachen, sind Revolverschwinger. Witlow warb sie an. Den Cowboys zahlt er doppelten Lohn. Hab mich schon hundertmal dafür verflucht, dass ich damals, als mir die Macht zu Kopf stieg, nur Burschen auf die Lohnliste setzte, die gleich gut mit Lasso und Schießeisen waren. Kein gewöhnlicher Weidereiter würde bei Witlows Machenschaften mitziehen.«

»Welche Machenschaften?«

»Er beherrscht nicht nur das Land rings um Stone Springs, auch die Town selbst. Die Handwerker und Geschäftsleute zahlen regelmäßig Schutzgebühren. Sie hassen ihn, kuschen jedoch. Noch mehr aber hassen sie mich, weil ich angeblich nach wie vor die Befehle gebe. Marshal Roswell sind die Hände gebunden, da niemand Anklage erhebt. Er wäre wohl der Einzige, der sich nicht scheute, Brent Witlow auf die Finger zu klopfen. Vielleicht ist’s aber ganz gut so. Er hätte doch keine Chance ...«

Keho hob warnend die Hand. Vor der Tür pochten Stiefelabsätze. Die Dielen knarrten. Gebannt sah Keho auf den Knauf. Aber der Posten stellte nur den Schaukelstuhl an einen anderen Platz. Inzwischen stieg der Mond. Bleiche Helligkeit flutete über die Gebäude. Flannagan hüstelte.

»Das gesamte Gebiet der Manzanita Hills und die Weiden am Eagle Rock bis hinunter zur Grenze gehören jetzt zur Ranch. Die Colders, der alte Jack Morley und Barry McLean wurden unter fadenscheinigen Begründungen vertrieben. Juan Ruidosa starb, als sein Rancho nachts abbrannte, und Wardlow Brigg ist seit ’nem Jahr in den Animas Mountains verschollen. Auf all dem herrenlosen Land stehen Flannagan Rinder. Die Herden haben sich verdoppelt. Mein Herz hätte früher gejubelt. Aber Brent wickelt die Geschäfte ab, die Dollars fließen in seine Kasse. Er braucht mich nur für die Unterschriften, lässt aber, angeblich wegen meiner schlechten Verfassung, keinen Besucher vor. Andeutungen entnahm ich, dass die Ranch und die Schutzzölle nicht seine einzigen Einnahmequellen sind. Weiß der Teufel, für welche krummen Unternehmungen er die Ranch noch benutzt!«

»Viehdiebstahl? «

Flannagan schüttelte den Kopf.

Zusammenfassung


Jake Flannagan, Besitzer der größten Ranch im Umkreis von fünfzig Meilen, beschuldigt Tom Malone und seinen Sohn Keho, von ihm Rinder gestohlen zu haben. Tom wird feige von dem Vormann Witlow erschossen. Weil der Boss auch Keho tot sehen will, heuert er Ramirez, einen Pistolero, an. Der spürt Keho auf …
Flannagans Tochter Jill verlässt daraufhin die Ranch ihres Vaters.
Dass der Rancher einen unverzeihlichen Fehler gemacht hat, wird ihm kurze Zeit später schmerzlich bewusst.

Details

Seiten
125
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942576
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
puma-jill

Autor

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Titel: Puma-Jill