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Das Zeitalter des Kometen #24: Lennox und das Ende der Unschuld

2020 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Lennox und das Ende der Unschuld

Copyright

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Lennox und das Ende der Unschuld

Das Zeitalter des Kometen #24

Teil 2 von 2

von Jo Zybell

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen, und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf …

Die grünen Kristalle tragen außerirdisches Leben! Diese Erkenntnis ist für die Menschen, ebenso wie für die Fischmenschen ein Schock. Was wollen diese Wesen? Woher stammen sie? Lennox und seine Gefährten versuchen, mehr über diese Kristallwesen zu erfahren, doch ihre Suche löst Ereignisse aus, deren Tragweite noch nicht absehbar ist. Außerdem scheinen die Kristallwesen die Mutationen auf der Erde beeinflussen zu können, Lennox und seine Gruppe werden angegriffen..

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER LUDGER OTTEN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Ziel.

Wohin sein Lauschen auch tastete – es war allgegenwärtig. In all dem Rauschen, Wispern und Raunen, das den Sol umgab. In jeder Bilderwoge, die an ihm vorüberglitt, in jeder Gedankenbrandung, die ihn durchperlte, in jedem Empfindungsstrom, der ihn berührte.

Das Ziel: Die Vollendung des großen Werkes, der letzte Schritt vor der endgültigen Inbesitznahme des Zielplaneten. (So lange unterwegs gewesen!) Selbst die Aura des Sol, des Erfahrensten aller schon beim Brutlabor angelangten Yandamaaren, pulsierte erregt, selbst aus ihr schossen Eruptionen ungefilterter Empfindungen. (Und danach noch einmal fünfhundertsieben Gestirnumkreisungen Mühe und Geduld! Aber jetzt! Jetzt ist es fast vollbracht!)

 

 

2

Fast. Ein Schritt noch, nur einer. Der Schritt aus der Speichereinheit in den neuen Trägerorganismus. War das Ziel der Reise nicht dann erst wirklich erreicht? O ja, dann erst.

(Fünfhundertsieben Gestirnumkreisungen!) Wie ein Fieber ergriff es den Sol, wenn er zurückdachte. (Entsinnt euch jener Tage, als wir die Synapsenblockade in Angriff nahmen!) Die Auren der anderen zogen sich zusammen. Keiner berührte ihn mehr, alle lauschten sie aufmerksam. (Lag das große Werk nicht vor uns wie die erkalteten Polregionen Yandamaars? Und wir haben ihn bezwungen!)

Jetzt begannen die Auren der anderen wieder zu pulsieren, aufs Neue berührten den Sol die Bildereruptionen aus ihrem Inneren: Stolz spürte er, Siegesgewissheit und Staunen.

(Wie viele Gencodes haben wir nicht analysiert seit dieser Zeit? Und wie viele biotische Modelle haben wir nicht geschaffen? Nur um den Einen zu suchen. Jetzt keimt er seiner Existenz entgegen.)

(Zeige ihn uns!) Wie eine einzige Aura berührten sie ihn mit diesem Wunsch. (Nur einmal noch, Ora‘sol‘guudo! Oder nein, zeig ihn uns wieder und wieder!)

Der Sol hatte ihnen das Wunderwerk schon oft gezeigt. Tief in seiner Speichereinheit trug er es – jedes Segment des Gencodes, jedes Eiweiß, jede Schuppe, jede Einzelheit seiner Gestalt.

Die Berufenen wurden nacheinander zum Brutlabor gebracht, an jedem Planetentag einer, manchmal auch zwei; seit über dreißig Planetenrotationen bereits. Nur er, der Sol, befand sich schon seit einer halben Gestirnumkreisung an der Stätte der Vollendung, um den letzten Schritt vorzubereiten.

Und immer, wenn ein weiterer Berufener draußen vor dem Eingang des Brutlabors abgelegt wurde, mischte sich eine neue Stimme in den Chor der Bittenden: (Wie lange noch, Ora‘sol‘guudo?), und: (Zeig ihn uns noch einmal!) Hin und wieder tat ihnen der Sol den Gefallen. Sie brauchten die Vision, und er brauchte sie auch. Dann holte er den Entwurf aus den Tiefen seiner Speichereinheit, dann ließ er das Bild entstehen. Das Bild des Modells, an dem sie fünfhundertsieben Gestirnumkreisungen lang gearbeitet hatten!

 

 

3

Keiner sah mehr als nur Umrisse des anderen. Langsam, sehr langsam schälten sie sich aus der Dunkelheit. Je weiter die Morgendämmerung voran schritt, desto deutlicher.

Seit Mitternacht standen sie auf ihre Schwerter gestützt.

Bulba‘han, der jüngere, einen Steinwurf weit entfernt von den Klippen. Und Mir‘put, der ältere, auf der anderen Seite der flachen Mulde vor dem Waldrand. Kniehohes Gras und niedriges Birkengehölz trennten sie um ganz genau siebzig Schritte. Abgemessen von einer siebenfachen Mutter. Das musste so sein bei einem Kampf auf Bluterde; die altehrwürdigen Riten der Woiin‘metcha, der Schwertkrieger, schrieben es vor.

Manchmal, wenn eine Böe vom See her über die Mulde und in den Wald fegte, sah Bulba‘han, wie die Wipfel sich schüttelten. Und wenn zugleich der Nachthimmel aufriss und der Vollmond sein mattes Licht über Wald, Klippen und Seeufer streute, konnte er auch das weite Gewand seines Gegners flattern und seine blanke Klinge im Mondlicht aufblitzen sehen. Zwei Mal war das geschehen seit Mitternacht.

Mitternacht und Vollmond – auch den Zeitpunkt schrieb das Gesetz der Erzväter zwingend für zwei Schwertkrieger vor, die einander auf Bluterde gegenübertraten. Das geschah selten. So selten, dass es nur drei Bluterde-Stätten am Ufer des Sees gab.

Alle drei lagen viele Tagesreisen voneinander entfernt. Mir‘put und Bulba‘han und ihre Begleiter hatten ungezählte Speerwürfe zurückgelegt und große Strapazen auf sich genommen, um ihr Lager in der Nähe der Bluterde am westlichen Seeufer aufschlagen zu können.

Genau siebenhundert Schritte entfernt, wie es der Erzväterritus für Schwertkämpfe auf Bluterde vorschrieb.

Aus den Augenwinkeln sah Bulba‘han die sechs Seher am Klippenrand ihre Arme heben. Der milchige Streifen am östlichen Horizont nahm allmählich eine rötliche Färbung an.

Lange konnte es nicht mehr dauern, bis die Sonnenscheibe sich zeigte. Und dann würde alles sehr schnell gehen: Die Sonne würde sich vom See lösen, die Seher würden die Macht im See anrufen und danach ihre Gesichter verhüllen: das Zeichen, das den Kampf eröffnete.

So weit hatte die Nacht sich schon zurückgezogen, dass Bulba‘han bereits das Gesicht seines Gegners von seiner Kapuze unterscheiden konnte. Auch das nächtliche Schwarz seines weiten Gewandes verwandelte das erste Licht des neuen Tages allmählich in seine eigentliche Farbe, ein dunkles Rot.

Und zwischen den Bäumen des Waldrandes erkannte Bulba‘han jetzt sogar die letzte Abordnung der Zeugen und den Seher, der noch fehlte. Fünfzehn Männer lösten sich aus Dunst und Gestrüpp. Sieben gesellten sich zu den zweiundvierzig rechts der Mulde, sieben zu den zweiundvierzig auf der linken Seite.

Der Seher lief an Bulba‘han vorbei – gemäß des Rituals sah er den jungen Schwertkrieger dabei nicht an, stellte sich an den Klippenrand und begann mit erhobenen Armen zur Macht im See zu beten.

Die erste Stunde von Mitternacht an hatten Bulba‘han und Mir‘put ganz allein auf Bluterde verbracht. In der Mitte der Mulde trafen sie sich. Sieben Verbeugungen, dann sieben Mal symbolisch die Klingen gekreuzt, danach die Blutmale am Rand der Mulde aufgesucht, die ein Seher und die siebenfache Mutter vor Sonnenuntergang in die Erde gerammt hatten: abgebrochene Schwertklingen mit über den Knauf gestülpten Totenschädeln.

Das altehrwürdige Gesetz der Woiin‘metcha hatte diese Stunde unter vier Augen einer möglichen Versöhnung ohne Zeugen vorbehalten. Doch Bulba‘han und Mir‘put hatten keine Worte der Versöhnung füreinander gefunden. Mir‘put wollte Genugtuung, und Bulba‘han wollte Tata‘ya.

Nach der ersten Stunde kam dann der erste Seher und in seinem Gefolge die erste Abordnung der Zeugen, je sieben für einen Schwertkrieger. Und so ging es weiter: Stunde für Stunde vermehrte sich die Schar der Seher um einen, und die der Zeugen um zwei Mal sieben. Genau wie es das altehrwürdige Gesetz der Woiin‘metcha vorschrieb.

Jetzt waren sie vollzählig, jetzt fehlte nur noch die Sonne.

Nach dem alten Ritus für Kämpfe auf Bluterde hatten die Kontrahenten von Mitternacht bis Sonnenaufgang an das Leben ihrer Ahnen zu denken, und an ihr eigenes. Alles, was sie erlebt und erlitten hatten, sollten sie bedenken, jede Ruhmestat und jeden Fehler.

Bulba‘han wusste nicht, über was sein Gegner seit Mitternacht meditiert hatte. Er vermutete, dass Mir‘put damit beschäftigt war, seinem Hass die Zügel anzulegen. Er selbst hatte nur an zwei Dinge gedacht: Manchmal daran, dass dies sein erster Kampf auf Bluterde war, während Mir‘put schon zwei siegreich überlebt hatte. Vor allem aber dachte Bulba‘han an Tata‘ya.

Tata‘ya war das Mädchen, das Bulba‘han liebte. Ihr Vater hatte sie Mir‘put versprochen, schon kurz nach ihrer Geburt.

Aber Tata‘ya weigerte sich, in sein Haus zu ziehen. Tata‘ya liebte Bulba‘han. Mir‘put lehnte es ab, sie freizugeben, und so stand Bulba‘han vor der Entscheidung: Tata‘ya aufgeben oder kämpfen.

Heller und heller wurde es. Die Sonnenscheibe schob sich Stück für Stück aus dem See. Wind kam auf, warmer Wind. Er wehte den Dunst aus der Mulde und trieb ihn am Waldrand ins Unterholz hinein.

Die Seher ließen plötzlich die Arme sinken. Bulba‘han beobachtete es aus den Augenwinkeln. Auch die meisten der Zeugen wandten die Köpfe und schauten nach den Sehern. Sie durften die Arme nicht sinken lassen! Nicht in der Zeit zwischen dem ersten Morgenlicht und dem endgültigen Aufgang der Sonne. Und nicht, bevor sie die Anrufung der Macht im See anstimmten. Und die durften sie erst anstimmen, wenn die Sonne den See nicht mehr berührte.

Jeder wusste, dass etwas Ungewöhnliches, ja, Ungeheuerliches geschah, und keiner ließ sich anmerken, dass er es wusste.

Bulba‘han wandte den Kopf nicht – das verbot der Ritus der Woiin‘metcha – aber in der Peripherie seines Blickfelds sah er es dennoch: Dort, wo die Sonnenscheibe jetzt schon mehr als zur Hälfte über dem See stand, verdunkelte ein Schatten ihren unteren Rand. Als würden viele Schiffe sich nähern oder ein riesiger Vogelschwarm. Doch es waren weder Schiffe noch Vögel, und jeder wusste es.

Zogen sie schon wieder vorbei?

Bulba‘han zwang sich, nicht auf das zu achten, was sich da vom See her näherte. Es fiel ihm nicht schwer. Einmal hatte er gelernt, sich zu allem Möglichen zu zwingen, und zum anderen würde das, was sich da von Sonnenaufgang her näherte, vielleicht bald keine Bedeutung mehr für ihn haben. Denn wenn Mir‘put ihn besiegte, hatte er das Recht, ihn zu töten.

Bulba‘han zweifelte nicht daran, wie der Ältere sich entscheiden würde. Er hatte es in seinen Augen gesehen, in seinem Schweiß gerochen, an der Art seiner Schritte abgelesen.

Falls aber er, der Jüngere, siegte, lagen die Dinge einfacher: Er hatte die Pflicht, den Älteren zu töten. Mir‘puts Rang, sein Haus, sein Land, seine Waffen würden ihm zufallen. Und vor allem Tata‘ya würde ihm zufallen.

Die Seher hoben die Arme wieder, die Sonne löste sich vom Horizont, die Seher ließen die Arme sinken und stimmten das Gebet an. Ein Singsang, kurz, laut und klagend, wie von großen hungrigen Vögeln. Bulba‘hans Kaumuskeln pulsierten.

Er fasste seinen Gegner ins Auge. Reglos und breitbeinig stand Mir‘put auf der anderen Seite der Mulde.

Das Gebet verstummte. Die Seher verhüllten ihre Gesichter und senkten die Köpfe. Fast gleichzeitig öffneten Mir‘put und Bulba‘han ihre Gewänder, fast gleichzeitig fielen die dunkelroten Stoffe zu Boden. Nackt bis auf ein graues, durch den Schritt und um die Hüften gezogenes Tuch schritten sie in die Mulde hinab – grauhäutige Gestalten mit schwarzen Hornplatten über den geriffelten Nasen ihrer eckigen Schädel; sehnig, knochig, mit überproportional großen Füßen und Händen. Die Schwerter trugen sie vor sich, die Griffe mit beiden Fäusten umklammert, die Klinge in den Morgenhimmel gerichtet.

Bulba‘han spürte nicht den weichen Boden unter den Fußsohlen, fühlte nicht den warmen Wind im Rücken, sah nicht die Blicke der Zeugen rechts und links oberhalb der Mulde – seine Welt schrumpfte auf seinen Gegner zusammen, seine Sinne erfassten das zuckende Muskelspiel von Mir‘puts Körper, den Tanz seines Kehlkopfes, das viel zu trotzig nach vorn geschobene Kinn und die in fast acht Nachtstunden angestaute Leidenschaft in seinen schmalen gelben Augen.

Wer leidenschaftlich hasst, sehe zu, dass er nicht falle, hieß es in den Überlieferungen der Erzväter.

Intuitiv erfasste Bulba‘han seine Chance. »In deinem Haus werde ich sie besteigen«, zischte er, und Mir‘puts Gesicht verzerrte sich, als steckte die Klinge des Jüngeren bereits in seinen Eingeweiden. Er schrie seine Wut hinaus, stürmte die letzten Schritte heran, hob das Schwert über den Kopf und schlug zu.

Nicht schwer, einen solch vorhersehbaren Angriff abzuwehren. Statt mit der eigenen Klinge zu parieren, sprang Bulba‘han blitzschnell zur Seite. Mir‘puts Klinge fuhr in den Grasboden, die Wucht des eigenen Hiebes riss ihn nach vorn.

Bulba‘hans Schwert drang in die Kniekehle des Älteren.

Sehnen zerrissen, Blut sprudelte, und der Strauchelnde stürzte über sein Schwert.

Bulba‘han holte erneut aus. Mir‘put sah verblüfft zu ihm hinauf – und derselbe verblüffte Ausdruck flackerte noch einen Atemzug lang auf seinem Gesicht, als sein Schädel längst neben dem zuckenden Rumpf im Gras lag.

Vorbei der Kampf. Vorbei, ehe er richtig begonnen hatte.

Die beiden Ältesten der Zeugen kamen in die Mulde herab.

Gemeinsam fassten sie Mir‘puts Schwert, gemeinsam überreichten sie es Bulba‘han. »Sein Leben in deiner Hand, sein Schwert in deiner Hand, in deiner Hand alles, was er besaß.«

In jeder Faust eine senkrecht nach oben gerichtete Klinge, lief Bulba‘han die Mulde hinauf zu den Sehern am Klippenrand. Noch hatte er nicht ganz begriffen, was eben geschehen war. Im Vorbeigehen trat er den Totenschädel vom Blutmal – so schrieb es der Ritus für Kämpfe auf Bluterde dem Sieger vor.

Hinter den verhüllten Sehern blieb er stehen. »Sein Leben in meiner Hand, sein Schwert in meiner Hand, in meiner Hand alles, was er besaß.« Jetzt erst überwältigte ihn der Triumph: Seine anthrazitfarbenen Lippen wurden zu einem schmalen Strich, seine knochige Brust blähte sich auf, sein Herz darin tanzte wild. Er dachte an Tata‘ya.

Die Seher zogen die Kapuzen aus ihren grauen Gesichtern, standen auf, umringten ihn und stimmten den Segen an. Über die Hornplatten auf ihren Schädeln hinweg – Bulba‘han war größer als sie – blickte er auf den See hinaus.

Ja, sie waren es: Lesh‘iye, Todesrochen. Sie würden wieder vorüberziehen. Die meisten flogen knapp über der Wasseroberfläche, einige hoch über dem Hauptschwarm in der Luft, und drei oder vier pflügten durch die Wogen.

Lesh‘iye, die obersten Diener der Macht im See.

Bulba‘han hatte noch nie so viele auf einmal gesehen. Ihre Zahl übertraf noch die Zahl der Zeugen auf der Bluterde.

Der Segen fiel kürzer aus, als im Ritus vorgeschrieben. Aber das fiel Bulba‘han nicht auf. Auch keinem der Zeugen fiel es auf; wahrscheinlich nicht einmal den Sehern selbst. Seite an Seite standen sie an der Klippe und blickten auf den Kratersee hinaus, der Sieger, die Zeugen, die Seher.

Sie waren riesig, die Lesh‘iye, aber das wusste Bulba‘han schon seit Kindertagen. So groß waren sie, dass fünfzehn ausgewachsene Schwertkrieger samt ihrer Waffen sich auf ihnen hätten ausstrecken können. Und dabei flach wie Lederdecken. Ja, wie lebendige, keilförmig zugeschnittene Lederdecken, oben schwarz und weiß an der Unterseite. Aus der Kopfpartie hingen Tentakel herunter, und über den vier schwarzen Augen schimmerte jener grünliche Splitter in der Morgensonne, der sie als oberste Diener der Macht im See kennzeichnete.

Doch all das kannte Bulba‘han, wie gesagt, und die anderen Woiin‘metcha kannten es auch. Ungewöhnlich aber war die Last, die sie mit sich trugen. Oder nein, nur einer der Lesh‘iye trug sie, derjenige, der sich genau in der Mitte des Schwarms hielt. Ein spindelförmiger, grün leuchtender Stein lag auf seinem Rücken.

Ein Auge der Macht, wie man diese Steine unter den Woiin‘metcha nannte. Auch gestern, und am Tag davor hatten die Lesh‘iye ein Auge der Macht von Sonnenaufgang nach Sonnenuntergang über den See transportiert.

»Was soll das werden?«, flüsterte Bulba‘han.

»Ich weiß es nicht«, antwortete der Älteste der Seher.

 

 

4

Die Sonne löste sich vom Horizont, eine wabernde Glutscheibe hinter Dunstschleiern. Welch ein Schauspiel! Dave Mulroney schirmte die Augen mit der Hand ab.

Ein paar graue Schlieren und ein schmaler schwarzer Wolkenkamm durchzogen die rote Scheibe. Es war, als würde man von oben in einen riesigen Topf geschmolzenen Metalls schauen, über dem der Dampf sich kräuselte, und in den eine Rabenfeder gefallen war.

Dave hockte auf einem Wall ineinander verkeilter Trümmerstücke jener kristallinen Substanz, die der Anlass für seine Reise hierher an den Arsch der Welt gewesen war. Oder halt! Stimmte nicht ganz – für Timothy Lennox waren die Kristalle der Anlass für diese nervenaufreibende Expedition gewesen; und für Mr. Darker und seine Crew natürlich.

Sicher: Auch er, Professor Doktor Dave Mulroney, brannte darauf, dem Geheimnis des Kometen auf die Spur zu kommen.

Doch in erster Linie hatte ihn Tims Botschaft hierher geführt, ein Hilferuf geradezu. Er hätte nicht Dave Mulroney geheißen, wenn er Herz und Ohren vor dem Hilferuf eines ehemaligen Vorgesetzten und guten Freundes verschlossen hätte.

Also hieß es für ihn »Bye, bye, London! Bye, bye, lovely Queen Victoria!« Leicht war ihm der Abschied nicht gefallen, ganz gewiss nicht. Immerhin ging es recht komfortabel zu im Bunker der Community London. Luxuriös sogar unter dem Strich; gemessen an den bescheidenen bis schauerlichen Verhältnissen jedenfalls, die ihm vor und nach der Zeit in der Community London das Leben zur Hölle gemacht hatten.

Ja, zur Hölle. So würde Dave es auch formulieren, sollte er je dazu kommen, seine Memoiren zu schreiben. Die Monate in London, in der Gesellschaft jener schillernden Queen waren dagegen geradezu ein Kuraufenthalt gewesen.

»Allerdings«, murmelte er, »so ein Sonnenaufgang hier am Arsch der Welt ist nicht zu verachten. Was meinst du, Mickey?« Er sprach mit seinem großen Bruder. Das tat Dave oft. Meist in Gedanken, manchmal aber auch laut. Sein großer Bruder war tot. Seit fünfhundertsieben Jahren vermutlich. Für Dave war er unsterblich.

Seit drei Jahren etwa sprach er öfter mit Mickey als früher.

Seit er in der Zukunft gestrandet war, in einer postapokalyptischen Welt. In einem riesigen Scheißhaufen, wie er es in besonders dunklen Stunden auszudrücken pflegte.

Unter ihm, vor dem Ausgang des Kristallgebäudes standen Timothy Lennox und Fanlur an der Brüstung und taten, als würden sie über die Birken- und Eichenwipfel hinweg auf den See hinausschauen. Dave hörte ihre Stimmen, sie sprachen ziemlich laut miteinander – sie »tauschten Meinungsverschiedenheiten aus«, wie Mr. Darker das vor ein paar Tagen mal genannt hat.

Anders ausgedrückt: Sie fetzten sich mal wieder.

Ein äußerst angenehmer Kuraufenthalt war das übrigens gewesen im Bunker der Londoner Technos; wenn man einmal von dem Schutzanzug absah, den Dave die meiste Zeit tragen musste. Kultivierte Menschen, Studien ihrer technischen Wunderwerke, wissenschaftliche Forschungen, medizinische Betreuung vom Feinsten – alles was das Herz eines neugierigen und nervlich angeschlagenen Astrophysikers begehrte. Sogar Musik hatten sie in ihrer unterirdischen Stadt. Musik von Smetana und Kurt Cobain sogar.

Und nicht zu vergessen die Queen. Es hatte geknistert zwischen ihnen. Ein erotisches Wetterleuchten, weiter nichts.

Ohne, dass etwas passiert wäre. Leider. Einer von ihnen hatte immer einen Schutzanzug getragen. Ziemlich unpraktisch im Hinblick auf die »schönste Sache der Welt«. Davon abgesehen hatte die Queen ihr Herz an Tim gehängt. Armes Weib. Und Daves Herz …

Nun, ja – das war eine andere Geschichte.

Dave lächelte versonnen und streichelte die raue Oberfläche des Laserphasengewehrs auf seinen Knien. So zärtlich, als wäre sie Frauenhaut.

Das LP-Gewehr – Victorias Abschiedsgeschenk.

»Ich will, dass wir diese Lebensform suchen!«, sagte Tim unter ihm.

»Und ich will, dass wir diese Gegend so schnell wie möglich verlassen!«, sagte Fanlur. Er trug nur eine Lederweste auf nacktem Oberkörper – auch in den Nächten sank die Temperatur in dieser Gegend kaum unter 20° Celsius.

Fanlur von Coellen (Köln) übrigens – oder Fanlur von Salisbury? Gleichgültig, der Neo-Barbar gehörte nirgendwo richtig hin. Fanlur war auch Daves Reisegefährte gewesen auf der Tauchfahrt von Britana hierher. Er und Wulf, sein weißer Lupa.

Dave hütete sich, ein Urteil über Fanlurs Motive für diese Reise zu fällen. Aber manchmal zweifelte er an seinem Forschungseifer, was grün leuchtende Kristalle, rätselhafte Strahlungen und den Einschlagskrater des Kometen betraf.

Offiziell repräsentierte der Albino mit dem hellgrauen Haar in diesem exotischen Bündnis aus Kometenkraterforschern die britischen Communities Salisbury und London. Und ohne Zweifel gehörte der Sohn einer Barbarin und eines Bunkermenschen zu den ganz wenigen Oberflächenbewohnern der Erde, die ihr Hirn zu nutzen wussten, und denen die Zukunft der Welt am Herzen lag.

Nur: Sein wirkliches Motiv für die Reise – so glaubte Dave – hörte auf einen anderen Namen. Es hatte schwarzes Haar und Augen, deren Farbe je nach Temperamentsausbruch zwischen braun und grün variierte.

Es ist Marrela, glaub mir das, Mickey. Er liebt sie, und die Sorge um sie hat ihn verrückt gemacht. Und jetzt liegt er natürlich mit Tim im Dauerclinch.

Eine Handbreite trennte die rotglühende Sonnenscheibe jetzt schon vom Meeresspiegel. Der Raum dazwischen schien zu brennen. Selbst der Streifen des Meeres, in dem sich die Sonne spiegelte.

Und ein Meer war es in der Tat, auch wenn es gemeinhin »Kratersee« genannt wurde. Bei einem Durchmesser von über zweitausend Kilometern konnte man nicht mehr die gegenüberliegende Küste sehen.

Dave wandte sich zur Kristallfestung um. Ein hässliches Ding, kalt und schroff und irgendwie unheimlich. Aber jetzt, während die Sonne aufging und ihr Licht sich hundertfach in den kristallinen Strukturen brach, doch auch ein wahres Schmuckstück. Dave nahm die Brille ab und schloss die Augen so weit, dass er das herrliche Farbenspiel nur noch flimmern sah.

O ja, auch in der Hölle gab es erhabene Momente!

»Ich bin nicht hierher gekommen, um beim ersten Anzeichen von Gefahr den Schwanz einzukneifen!« Tim schlug einen scharfen Ton an. »Ich will herauszufinden, was hinter dieser Macht im See steckt und was sie mit der Erde vor hat!«

»Willst du damit sagen, dass ich Auseinandersetzungen scheue?« Fanlur fixierte ihn aus schmalen Augen.

»Blödsinn! Ich will damit sagen, dass unserer Job hier noch lange nicht erledigt ist!«

Während Tim jetzt unter Dave hin und her tigerte, lehnte Fanlur mit vor der Brust verschränkten Armen gegen ein kristallines Trümmerstück. Von Weitem hörte man das leise Rauschen des Flusses.

»Ich pilgere doch nicht ans Ende der Welt, nur um mich ein bisschen umzuschauen und dann wieder nach Hause zu fahren!«

Nach Hause!

Dave musste grinsen. Hörst du, was er sagt, Mickey? »Nach Hause«, sagte er. »Hey, Tim!«, rief er hinunter. »Wenn du einen Schimmer hast, wo wir zu Hause sind, lass es mich gelegentlich wissen, okay?«

Timothy Lennox blieb stehen, sah kurz herauf, verzog aber keine Miene. Die Hände in den Taschen seiner abgewetzten Pilotenkombi vergraben, tigerte er weiter hin und her.

Ein metallenes Geräusch hallte aus dem Wald, und gleich darauf ein Fluch. Mr. Darker. Von Zeit zu Zeit vergaß der Rebellenchef aus Washington seine guten Manieren; meist wenn er niemanden in seiner Nähe wähnte.

Seit ein paar Tagen übernachtete er draußen im Panzer. Den hatten sie nach dem Besuch einer Gruppe Mastr‘ducha im Wald abgestellt, getarnt mit Ästen und Gestrüpp. Schon kurz vor Sonnenaufgang hallten Klopflärm und das Brummen eines Elektromotors aus dem Wald. Wahrscheinlich wartete Mr. Darker den Energiewerfer des Panzers. Und wahrscheinlich war ihm ein Werkzeug aus der Hand geglitten.

Pieroo half ihm bei der Arbeit, so weit es sein geschwächter Zustand zuließ. Der struppige Barbar aus Europa schlief auch nicht mehr in der Kristallfestung. Allerdings aus anderen Gründen als Mr. Darker.

»Ich will, dass wir diese Lebensform suchen!«, blaffte Tim. »Sie hat mit den Kristallen zu tun! Mit der Macht im See und ihren Zielen, verstehst du? Lotraque hat sie gesehen! Sie existiert!« Er drehte sich einmal im Kreis, deutete mit ausgebreiteten Armen in den Wald und auf den See hinunter. »Irgendwo hier existiert sie!«

»Und wenn es nichts weiter war als eine Halluzination?« Auch Fanlur gab es nun auf, sich um einen sachlichen Tonfall zu bemühen. »Der Tauchgang, die Anspannung, der Verlust seines Gefährten! Was hat nicht alles an seinen Nerven gezerrt! Lotraque war fix und fertig! Hast du noch nie Wachträume gehabt, wenn du fix und fertig warst?«

Dave fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis Timothy Lennox auf seinen Status als Expeditionsleiter pochen würde, auf seinen Rang als Commander. Wahrscheinlich bis zum Sanktnimmerleinstag. Oder? Er beobachtete die beiden Männer knapp vier Meter unter sich. Keiner machte eine besonders freundliche Miene. Nun gut, es war nicht die Zeit für freundliche Mienen. Harte Wochen lagen hinter allen, weiß Gott!

Eine Frau trat aus dem Kristallgebäude, lief über den Vorplatz, umarmte Tim von hinten und schmiegte sich an ihn.

Fanlurs Motiv für eine ansonsten wenig attraktive Expedition – in einer Qualle durch endlose Röhren unter dem Meeresgrund von Europa nach Mittelasien, das musste man sich mal vorstellen! –, sein Motiv also: Marrela, die Barbarin. Sie hielt Tim einfach fest, sagte keinen Ton, drückte nur ihre Wange an sein breites Kreuz und schloss die Augen.

Streitet doch nicht, mochte das heißen.

Fanlur sah kurz zu ihr hin. Dann wandte er sich abrupt ab und blickte auf den See hinaus. Gern hätte Dave sein Gesicht jetzt gesehen. Ob er die Zähne zusammen biss? Oder die Augen schloss?

Marrela sprach wenig seit ein paar Tagen. Harte Zeiten, wie gesagt, für Marrela ganz besonders. Sie war schwanger gewesen. Obwohl – eine richtige Schwangerschaft wäre nicht so lange unbemerkt geblieben wie diese, und das Blut eines normalen Embryos enthielt auch keine pflanzlichen Substanzen. Und normalerweise konnte eine Frau vom Volk der dreizehn Inseln telepathischen Kontakt zu ihrem Nachwuchs aufnehmen – Marrela hatte nichts gespürt.

Aber das war jetzt ohnehin irrelevant: Das Kind war weg, einfach weg. Als Tim und die anderen in der Transportqualle unterwegs zum Seegrund waren, hatte irgendein … Ding Marrela am Ufer aufgelauert. Dave wusste nicht genau, was. Niemand wusste es. Jedenfalls hatte es das Kind aus Marrelas Leib geraubt. Üble Sache. Kalte Schauer rieselten ihm über Nacken und Arme, wenn er daran dachte. Also lieber nicht daran denken.

Dave war nicht mit von der Partie gewesen, als sie zum Kometen hinuntertauchten. Nur Fanlur, Mr. Darker, Lotraque und Lorem. Und der Commander natürlich. Dave hatte sich alles haarklein berichten lassen.

Sie hatten Myriaden der Kristalle gesehen, und Schwärme von Todesrochen. Bis auf knapp fünfhundert Meter waren sie an den aus dem Grund ragenden Kometen herangekommen, und kurz bevor die Rochen Lorem entdeckt und verschleppt hatten, war diesem eine Art flaches Bauwerk an der Flanke des 8-Kilometer-Brockens aufgefallen.

Der Sitz der Macht im See? Eine Kommandozentrale? Wenn letzteres zutraf – aber noch scheute Dave zurück, dies ernsthaft in Betracht zu ziehen –, handelte es sich wohl eher um ein Raumschiff als um einen Kometen. Fest stand auf jeden Fall, dass die grün leuchtenden Kristalle mit ihm auf die Erde gekommen waren; der Brocken war davon gespickt.

Lotraque hatte den mitgebrachten Kristall telepathisch durchleuchtet – und Erstaunliches zu berichten gewusst.

Entweder fungierten diese Kristalle als Datenspeicher, oder sie besaßen gar ein eigenes Bewusstsein! Der Fischmensch hatte das Bild einer humanoiden, hell schuppigen Lebensform empfangen, die – wenn er die fremden Empfindungen richtig interpretierte – als Ziel angesehen wurde.

Ziel von was? Auch diese Frage war noch unbeantwortet.

Aber es hatte mit der Macht im See zu tun, so viel war klar.

»Halluzination? Wie kannst du so etwas sagen, alter Freund?« Tim antwortete ohne jeden kritischen Unterton auf Fanlurs Einwurf. Im Gegenteil, seine Stimme klang auf einmal leise und werbend. »Du kennst doch Lotraques mentale Fähigkeiten.«

»Ich hab darüber nachgedacht, natürlich.« Fanlur drehte sich nicht um. »Aber ich zweifle an der Bedeutung dieses Wesens. Bei all den Mutationen rund um den Kratersee ist es nur eines unter vielen. Ich bin nicht bereit, auch nur ein Leben aufs Spiel zu setzen für die Jagd nach etwas, das uns am Ende nicht weiterhilft!«

»Es ist von Bedeutung!« Eine dritte Stimme mischte sich ein.

Sie kam aus größerer Entfernung und klang abgehackt und seltsam knarzend. »Ich kann nicht erklären, was genau ich gesehen habe«, fuhr Lotraque fort, »aber der Kristall hat sich so intensiv darauf konzentriert, als wäre es Ei‘don persönlich – oder Wudan bei euch Menschen.«

Der Fischmensch lag in dem schmalen flachen Fußlauf, der an der Kristallfestung vorbei strömte, um ein paar hundert Meter weiter über die Klippen in den See zu stürzen.

»Hörst du, was er sagt, Fanlur?« Tim trat neben den Albino.

»Ich höre vor allem, dass er von dem Kristall redet, als wäre es ein lebendes Wesen«, gab Fanlur zurück.

»Gewesen.« Tim deutete ins Innere der Festung, wo der Kristall lag, den Lotraque belauscht hatte. Anfangs hatte er geleuchtet und pulsiert wie ein Herz auf einem Röntgenschirm.

Aber dann war das Licht langsam erloschen und hatte aufgehört zu pulsieren. »Ich glaube, er ist tot.«

»Dann hat er also … Selbstmord begangen?« Der Spott in Fanlurs Stimme war unüberhörbar.

»Ich persönlich tendiere zu elektronischer Intelligenz«, warf Dave ein, um die Wogen zu glätten. »In diesem Fall hätte er sich einfach abgeschaltet. Schau, Fanlur, in euren Communities experimentiert man bereits seit dreihundert Jahren mit unglaublich leistungsstarken Datenspeichern aus synthetischen Kristallen. Ist also ein alter Hut, gewissermaßen.«

Der Albino verschränkte die Arme vor der Brust und sah über die Baumwipfel auf den See hinaus. Jedenfalls tat er so.

»Wenn wir schon bei Theorien sind«, fuhr Dave fort, »ich hab mir auch zum Kometen selbst Gedanken gemacht. Wer sich in seinem Leben mal irgendwann mit Thermodynamik beschäftigt hat, kennt das Gesetz, nach dem Hitze – oder nennen wir es von mir aus Energie – immer nur von einem Ort höherer Temperatur zu einem Ort niedrigerer Temperatur fließen kann. Heiß nach kalt, nie umgekehrt.«

Jetzt wandte der Albino sich langsam um und sah zu Dave hinauf. Seine Stirn lag in Falten, seine roten Augen blickten ernst. »Was willst du damit sagen, Dave Mulroney?«

Auch Tim machte eine begriffsstutzige Miene.

»Er will damit sagen, dass der Kratersee im Fieber liegt und seine Hitze seit einem halben Jahrtausend in die zerstörte Welt strömen lässt. Blumig ausgedrückt.« Der Mann, der Dave zu dessen Erstaunen auf Anhieb zu verstehen schien, trat jetzt in sein Blickfeld: Kaio Tsuyoshi. »Gute Theorie, Dave, alle Achtung !«

Einen halben Kopf kleiner als Tim und vor allem Fanlur, wirkte er geradezu zierlich gegen die beiden größeren Männer.

Seine Physiognomie – kleines rundes Gesicht, stumpfe Nase, Schlitzaugen – verriet seine Abstammung: Kaio Tsuyoshis Vorfahren hatten das Licht der Welt in Nippon erblickt. Sein langes schwarzes Haar trug er noch offen; ziemlich zerzaust sah er aus. An der Rechten zog er Honeybutt hinter sich her aus dem Halleneingang.

Die beiden waren der Grund, warum Mr. Darker sein Nachtlager aus der Kristallfestung in den Panzer verlegt hatte.

Der Rebellenchef hatte seine langjährige Mitarbeiterin an Kaio verloren. Dem Cyborg war es gelungen, nicht nur das Herz der schwarzen Schönheit zu erobern, sondern auch ihren überaus süßen Hintern.

Mit anderen Worten: Das Paar schlief inzwischen unter der selben Decke. Und Honeybutt tat sich keinen Zwang an, wenn Liebe angesagt war. Manchmal hörte Dave sie nachts schreien.

Der arme Darker war auch nicht taub und wohl auch nicht ganz so stahlhart, wie er immer tat – jedenfalls hatte er das Feld geräumt.

»Gut nenne ich eine Theorie, die mir eine Frage beantwortet«, sagte Fanlur knapp. »Die hier verstehe ich nicht mal.«

Marrela ließ Tim los. »Müsst ihr unbedingt in Rätseln sprechen?« Vorwurfsvoll sah sie von Kaio zu Dave.

Mulroney erwiderte ihren Blick – und zog die Schultern hoch. »Entschuldige, Marrela, das Thema ist ziemlich verzwickt. Ich will versuchen, es so einfach wie möglich zu erklären: Wir haben uns oft die Frage gestellt, ob die Degeneration … die Verdummung der menschlichen Rasse, die zahllosen Mutationen, ob das nicht mit diesen rätselhaften Kristallen zusammenhängt. Jetzt bin ich davon überzeugt!«

»Werde deutlicher, Professor«, verlangte Fanlur.

»Sie pulsieren, sie leuchten, und das schon über fünfhundert Jahre lang«, erklärte Dave. »Also ist irgendeine Form von Energie in ihnen. Selbst ein einzelner Kristall scheint Einfluss auf seine Umgebung zu haben; wir haben es oft genug erlebt. Man könnte sagen: Ihre Energie fließt in Systeme mit niedrigerem Energieniveau. Und der beste Weg, dies zu erreichen, ist eine Absenkung des anderen Niveaus.«

»Ist dir klar, was du da sagst?« Tims Gesicht sah aus wie eine gekalkte Wand, und Fanlur schüttelte nur fassungslos den Kopf. Marrela verstand schon wieder kein Wort, sparte sich aber einen Einspruch.

»Dass die Kristalle über Jahrhunderte hinweg die Degeneration vorangetrieben haben, um sie ab einem bestimmten Level wieder ins Gegenteil zu verkehren?«, schlussfolgerte Kaio.

Mulroney nickte. »Und das nach genauen Vorstellungen, nach ihren Matrizen sozusagen, einschließlich aller Mutationen.« Obwohl er sich bemühte, möglichst cool rüberzukommen, konnte er doch nicht verhindern, dass seine Stimme leicht zitterte. Zu ungeheuerlich war diese Theorie.

»Die große Frage ist jetzt: Leben die Kristalle, oder werden sie von irgendwem als Relaisstationen benutzt?«, fuhr Kaio fort, ohne aufzublicken. Er saß mit gekreuzten Beinen da und starrte nur seine nackten Füße an. Miss Hardy kniete hinter ihm und flocht ihm das pechschwarze Haar zu einem Zopf.

Fanlur wirkte jetzt völlig in sich gekehrt. Und Dave glaubte zu wissen, woran er dachte. Er denkt an den Kristall zwischen den Türmen des Kölner Doms, wetten, Mickey? Er denkt an die schauderhaften Zombies, die in den Kellergewölben des Doms ihr Unwesen trieben …

»Finden wir es heraus!« Tim schlug sich mit der Faust in die Handfläche. »Kommt, gehen wir zu Lotraque. Er hat noch lange nicht alle Fragen beantwortet.«

 

 

Details

Seiten
123
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942538
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
ende kometen lennox unschuld zeitalter

Autor

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Titel: Das Zeitalter des Kometen #24: Lennox und das Ende der Unschuld