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Kitty und der Coltschwinger

2020 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Kitty und der Coltschwinger

Copyright

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Kitty und der Coltschwinger

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Der Boss der Last-Chance-Mine Bob Webster heuert noch im Sterben Jack Clanton an, um seine Tochter Kitty zu holen, damit sie rechtzeitig sein Erbe antritt, denn Phill Randlett setzt alles daran, sich diese Goldmine unter den Nagel zu reißen. Kitty arbeitet als Lehrerin in Flint Creek, Kansas. Und das ist ein Problem für Jack. Dort steht er bei Old Man Bronklin auf der Todesliste, weil er nach einem Streit dessen Söhne in Notwehr erschoss ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Wolken jagten über den Nachthimmel. Die Fichten rauschten. Im Tal blinkten die Lichter von Canyon City. Manchmal wehten Lärmfetzen zu der einsamen Hütte herauf. Aber in Jack Clantons Ohren lag noch der Nachhall des Schusses, der hundert Yards weiter unten am Berghang gefallen war. Seine Rechte presste sich um den Sechsschüsser. Vergeblich versuchte sein Blick die Schwärze am Rand der Lichtung zu durchdringen. Dann knackte und stampfte es im Wald. Jack unterdrückte einen Fluch, als sein Brauner im Anbau wieherte.

Ein Mondstrahl geisterte wie der Strahl eines Suchscheinwerfers über die schwankenden Wipfel und erlosch wieder. Die flüchtige Helligkeit genügte, dass Jack die gekrümmte Gestalt entdeckte. Sie kam auf ihn zu.

»Webster?«, rief er leise.

Sofort glitt er ein Stück zur Seite, duckte sich an der Hüttenwand und erwartete das Aufflammen eines Mündungsfeuers. Aber nur der Wind brauste. Der Braune im Anbau wieherte abermals. Aus dem Wald kam Antwort. Die Gestalt verharrte, eine Hand an den Leib gepresst. Der Oberkörper pendelte. Entweder war der Mann wirklich angeschossen oder ein hervorragender Schauspieler.

Jack wartete. In seiner Hemdbrusttasche steckte Bob Websters Brief. Der Besitzer der Last-Chance-Mine hatte ihm die verlassene Hütte am Devils Rock als Treffpunkt genannt. Jack wusste lediglich, dass Webster bis zum Hals in Schwierigkeiten steckte. Es war der erste Revolverjob seit einem halben Jahr, den man Jack Clanton anbot — vorausgesetzt, dass der Minenbesitzer tatsächlich seinen 44er mieten wollte. Es konnte auch eine Falle sein. Im Laufe der Jahre hatte sich Jack als Revolvermann mehr Feinde als Freunde gemacht.

Seine Kehle war trocken. Er dachte an die Flasche, die in der Hütte auf dem Tisch stand. Da klafften wieder die Wolken auf. Sekundenlang überflutete bleiche Helligkeit die Lichtung. Der Verwundete war zehn Schritte vor der Hütte. Seine Jacke war voller Blut, Schweißperlen bedeckten das graubärtige Gesicht. Fast gleichzeitig sah Jack die Bewegung am Waldrand.

Ein Gewehrlauf blinkte. Jack sprang auf den Graubärtigen zu, stieß ihn um und warf sich neben ihn. Finsternis war um sie. Drüben blitzte es auf. Jack schoss zurück. Er schloss dabei die Augen, damit das eigene Mündungsfeuer ihn nicht blendete. Die Detonationen löschten das Rauschen aus, das die Lichtung umgab. Ein schmerzerfüllter Schrei gellte, Zweige brachen.

Jack zerrte den Verwundeten hoch.

»Sind Sie Webster?«

»Ja, Hölle, diese Bastarde haben mich voll erwischt. Ich dachte, ich schaff’s nicht mehr.«

»Halten Sie sich an mir fest! Ich bring Sie in die Hütte.« Jack spürte Websters Blut an den Händen. Er feuerte sofort, als er aus den Augenwinkeln eine Gestalt zwischen den Bäumen sah. Ein Pulverblitz beleuchtete die untere Hälfte eines verkniffenen Gesichtes. Die Kugel zupfte an Jacks rechtem Ärmel. Da drückte er nochmals ab. Fluchend prallte die Gestalt gegen einen Baumstamm. Jack schleifte den Minenboss zur Hüttentür. Keuchend klammerte Webster sich an ihn.

»Wie viele waren es?«

»Zwei.«

»Dann sind wir sie los.« Jack halfterte den Colt.

Die Lampe blakte. Sie hing an einem rostigen, an der Decke befestigtem Draht. Tür und Läden waren zu. Der Wind pfiff und heulte im offenen Kamin. Die ehemalige Fallenstellerbehausung war halb in den Berghang gebaut. Die Rückwand bestand aus glattem Fels. Die vordere Dachhälfte war mit Erdschollen gedeckt, auf denen Moos und Grasbüschel wuchsen. Da und dort klaffte ein Riss. Die Einrichtung bestand aus leeren Kisten, die als Sitzgelegenheiten, Regale und Schränke dienten und einem aus Kistenbrettern gezimmerten, wackligen Tisch. Webster ruhte auf dem Moos und Deckenlager. Er war mittelgroß und kräftig. Nun zeichnete der Tod sein schweißbedecktes Gesicht. Er schüttelte den Kopf, als Jack die blutdurchtränkte Jacke aufknöpfen wollte.

»Das ist Zeitverschwendung.« Die Stimme klang mühsam, aber gefasst. »Kommen wir zum Geschäft, bevor meine Uhr abläuft!«

»Wie Sie wollen.« Jack stand auf, nahm die Flasche und trank. Die Erinnerung an ähnliche Situationen stieg in ihm auf. Wie viele Männer hatte er schon so daliegen gesehen? Bob Websters Stimme erreichte ihn wie von weit her. »Ich hatte mir den Mann, der die Baxter-Bande erledigte, jünger vorgestellt.«

Jack grinste. Sein hageres Gesicht bekam einen wölfischen Ausdruck.

»Das war vor vier Jahren. Seitdem ist viel Wasser den Arkansas runtergeflossen. Wie wär’s mit einem Schluck? Hilft gegen Schmerzen.«

»Erst das Geschäft.«

»Was wollen Sie noch? Wer immer die Burschen sind, die Ihnen an den Kragen wollen, sie haben es geschafft. Soll ich einen Rachefeldzug für Sie starten, Webster? All right. Aber nehmen Sie mir die Frage nicht übel: Wer bezahlt mich dann?«

»Ich habe zehntausend Dollar beim Notar in Canyon City für Sie hinterlegt, Clanton. Ich musste damit rechnen, dass Randletts Killer mich erwischen ...« Der Minenboss hustete. Blut sickerte aus seinem linken Mundwinkel. Jack blickte starr auf ihn. »Sagten Sie ... zehntausend Bucks?«

»Sie gehören Ihnen, Clanton, wenn Sie meine Tochter nach Canyon City bringen, bevor Phil Randlett sich die Last-Chance-Mine unter den Nagel reißt.«

»Mann!« Jack hob wieder die bunt etikettierte Flasche. Sein Adamsapfel bewegte sich. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht Kindermädchen gespielt.«

»Kitty ist vierundzwanzig. Seit wir im Krieg unsere Farm am Ohio verloren, lebt sie ... Verdammt, Clanton, seit wann trinken Sie?« Ächzend stützte Webster sich auf die Ellbogen.

Jacks Miene wurde starr. Langsam stellte er die Flasche auf den Kistenbrettertisch.

»Ich trinke nicht mehr, als ich vertragen kann.« Bis jetzt wenigstens, fügte er in Gedanken hinzu. Gleichzeitig war er wütend auf sich selbst.

Webster ließ sich zurücksinken.

»Sie hätten auch sonst keine Chance, sich die zehntausend Dollar zu verdienen. Randlett beschäftigt die hartgesottensten und gemeinsten Revolverschwinger von ganz Colorado.«

»Wer ist Randlett?«

»Der große Boss von Canyon City. Die Bank gehört ihm, dazu Anteile an sämtlichen Geschäften und Minen, ausgenommen der Last-Chance-Mine. Larry und ich ... Aber am besten fange ich wohl von vorn an. Schätze, ich brauche nun doch einen Drink ...« Webster hustete wieder. Ein Blutfaden lief über sein Kinn. Jack schob eine Hand unter Websters Kopf und flößte ihm vorsichtig den hochprozentigen Whisky ein. Danach atmete Webster ruhiger. »Kentucky Bourbon, wie?«

»Stimmt. Soll ich Sie nicht doch verbinden?«

»Wozu? Besser, Sie konzentrieren sich darauf, was ich Ihnen erzähle.« Der Sterbende schloss einen Moment die Augen, sammelte Kraft. »Well, Larry McLean und ich waren Partner. Zwei von vielen, die in den Bergen von Colorado nach Gold suchten und von den wenigen Nuggets, die sie fanden, notdürftig den Lebensunterhalt bestritten. Bis wir fünf Meilen westlich von Canyon City auf eine riesige, sich verzweigende Goldader stießen. Wir tauften sie Last-Chance-Mine, denn wir waren pleite, die Bonanza war unsere letzte Chance. Bald stellte sich heraus, dass der halbe Berg mit Gold durchzogen war. Wir brauchten Geld, um Geräte zu kaufen und Arbeiter anzuheuern. Randlett lieh es uns. Er kam schnell dahinter, dass wir die ertragreichste Mine der Gegend besaßen. Wir lehnten seine Beteiligung jedoch ab und zahlten ihm den Kredit samt der von ihm geforderten Wucherzinsen zurück. Seitdem ist Randlett besessen davon, die Last-Chance-Mine in seine schmutzigen Hände zu bekommen. Er machte Larry und mir mehrere Angebote. Das letzte lautete auf sechzigtausend Bucks.«

Jack pfiff. »Trotzdem haben Sie nicht verkauft?«

»Larry und ich lachten ihn aus«, berichtete Webster mühsam. »Die Mine ist nämlich weit mehr wert. Ich überlasse es Kitty, sie weiterzubetreiben oder zu verkaufen, aber nicht unter fünfhunderttausend Dollar.«

»Ich werde verrückt!«

»Das dachten Larry und ich damals auch, als wir die Gesteinsproben untersuchen ließen und erfuhren, dass sie zu achtzig Prozent reines Gold enthielten. Um es kurz zu machen: Phil Randlett gehört zu denen, die ihren Rachen nie vollkriegen. Auch wenn er bereits zehn solche Minen besäße, hätte er Larry und mir doch seine Killer auf den Hals geschickt.«

»Gibt es keinen Sternträger in Canyon City?«

»Doch. Sheriff Blackwell würde auch nicht zögern, Randlett einzulochen, wenn er nur irgendwelche Beweise besäße. Er ist ein absolut unbestechlicher, gerechter und harter Mann. Vor drei Wochen geriet Larry unter ein durchgehendes Gespann. Ein Unfall, heißt es. Der Fahrer war betrunken. Stimmt. Aber ich bin sicher, dass Randlett dahintersteckt. Damals schrieb ich Ihnen den Brief. Ich hatte gehört, dass Sie sich in Denver aufhielten und Ihr Glück beim Kartenspiel probierten.«

»Viel kam nicht dabei raus.« Jack lauschte. Ein Scharren war an der Außenwand. Es konnte ein Ast sein, der sich an der Hütte rieb. Trotzdem überzeugte sich Jack, dass der Riegel fest in den Klammern lag. Im Kamin pfiff und jaulte es.

»Randlett denkt, dass die Mine ihm gehört, wenn nun auch ich ins Gras beiße«, fuhr Webster fort. »Nach Ablauf einer bestimmten Frist wird die Last-Chance-Mine versteigert, wenn sich keine Erben melden. Dann braucht Randlett nur dafür zu sorgen, dass es keine Mitbieter gibt, und die Mine fällt ihm für ein Butterbrot zu. Verstehen Sie jetzt, weshalb meine Tochter nach Canyon City muss?«

»Weiß Randlett von ihr?«

»Seit kurzem. Er muss erfahren haben, dass ich Post von ihr bekam, aber nicht, von wo. Wahrscheinlich sind schon seine Spitzel und Kundschafter unterwegs. Aber Sie, Clanton, werden vor ihnen da sein. Kitty erbt die Mine. Beim Notar ist alles geregelt. Ich habe zusammen mit den zehntausend Dollar, die er an Sie auszahlen wird, sobald Sie mit Kitty auftauchen, mein Testament bei ihm deponiert. In meiner Jacke finden Sie einen Brief an Kitty. Nehmen Sie außerdem meinen Ehering mit, damit sie weiß, dass tatsächlich ich Sie geschickt habe ...«

»Brief und Ring könnten auch Randletts Revolverhelden in die Hände fallen«, wandte Jack ein. »Ich brauche eine Art Lösungswort. Etwas, worüber nur Sie und Kitty Bescheid wissen.«

»Sie haben recht, Clanton. Sie verstehen Ihren Job.« Der Minenbesitzer atmete flach. »Erwähnen Sie den kleinen gelben Hund, den wir auf der Farm in Ohio hatten, als Kitty noch ein Kind war. Sein Name war Julius. Außerdem besitzt Kitty ein seltsames sternförmiges Muttermal auf der rechten Hüfte. Sie hat ...«

»Schätze, das genügt. Zehntausend Dollar Revolverlohn übertreffen zwar alle meine bisherigen Rekorde. Aber nach allem, was ich erfuhr, würde ich für weniger keinen Finger rühren. Sind Sie sicher, Webster, dass Ihre Tochter die Mine unter den gegebenen Umständen auch will?«

»Sie wird schon deshalb nach Canyon City kommen, um Randlett die Maske abzureißen. Sheriff Blackwell wartet nur darauf, dass er einen Fehler begeht. Clanton, sagen Sie Kitty, dass es mir leid tut, dass sie so lange allein für sich selbst sorgen musste. Sagen Sie ihr ...« Websters Stimme war nur mehr ein Flüstern.

»Wo finde ich sie?«

»Sie ist ... Lehrerin ... in Flint Creek.«

»Flint Creek, Kansas?«

»Richtig. Ich habe Sie ausgesucht, Clanton ... weil Sie damals die Baxter-Bande ... quer durch Kansas hetzten, als Sie noch den Stern trugen ... Sie kennen sich da aus ... Kitty ...«

»Ausgerechnet Flint Creek. Wenn ich das ...« Jack hörte ein Kratzen auf dem Dach. Die Sparren bogen sich, Erdbrocken fielen herab. Jack wich an den steingemauerten Kamin zurück. Der 44er Colt glitt wie von selber in seine Hand. »Entweder waren die Burschen, die Ihnen auflauerten, zu dritt, oder ich hab’ einen nur angekratzt«, raunte er.

Wieder löste sich ein Erdklumpen. Eine morsche Stange knackte. Jack war mit drei gleitenden Schritten unter der Stelle, hielt den Colt nach oben und drückte zweimal ab. Ohrenbetäubendes Krachen rüttelte an den Wänden. Pulverrauch umbrodelte die schwankende Lampe. Erde und Steine rieselten herab. Jack sprang zurück. Oben polterte es, dann durchlief eine wellenartige Bewegung das Dach. Jemand wälzte sich darüber und stürzte oder sprang dann an der fensterlosen Seite herab. Jack verzichtete darauf, nachzusehen. Gewohnheitsmäßig lud er die leergefeuerten Coltkammern. Seine Hände waren ruhig, aber seine Stimme kratzte.

»Tut mir leid, Webster, ich fürchte, aus dem Job wird nichts. Auch in Flint Creek gibt’s einen King, der alle nach seiner Pfeife tanzen lässt. Sein Name ist Old Man Bronklin. Seit ich vor einem halben Jahr seine beiden Söhne nach einem Streit am Pokertisch in Notwehr erschoss, stehe ich ganz oben auf seiner Todesliste. Bronklin war es, der dafür sorgte, dass ich aus Kansas verschwinden musste und nirgends mehr einen Revolverjob erhielt. Ich würde vielleicht nach Flint Creek hereinkommen, aber nicht mehr heraus — nicht lebend jedenfalls. So ungern ich auf die zehntausend Dollar verzichte ... Oh, verdammt!«

Webster hörte ihn nicht mehr. Sein Kopf war zur Seite gesunken, sein Herz stand still. Er hatte noch den Brief aus der Tasche gezogen. Das Kuvert lag vor Jack Clantons Stiefeln. Es war blutbefleckt, die Anschrift halb verwischt. Sie lautete: Miss Kitty Webster, Flint Creek, Kansas.

 

 

2

Der Boothill lag nur zweihundert Yards außerhalb von Canyon City. Trotzdem benutzte Phil Randlett für den Hin- und Rückweg zu Websters Beerdigung seine schwarz lackierte, von vier hochbeinigen Rappen gezogene Kutsche. Der Tag war grau und diesig. Während Websters Sarg in die Grube glitt, begann es zu nieseln. Randlett verließ den Friedhof, bevor Reverend Weatherby mit der Predigt fertig war. Randlett war ein hagerer, fahlgesichtiger Stadtmensch mit gleichgültigen Augen und einem arroganten Zug um den dünnlippigen Mund. Mit dem schwarzen Prinz-Albert-Rock, der schwarzen Röhrenhose, dem weißen Stehkragen und dem schwarzen, halbhohen Zylinderhut sah er aus wie eine Mischung von Totengräber, Wanderprediger und Oberbuchhalter seiner eigenen Bank.

Er saß allein in der Kutsche, die Hände auf dem elfenbeinernen Knauf des Stockes, den er zwischen den Füßen aufstützte. Die Räder und Hufe sanken ein. Ein halbes Dutzend Reiter folgte dem Fahrzeug. Sie hatten die Jackenkragen hochgestellt und die Hüte tief in die kantigen Gesichter gezogen. Schwerkalibrige Colts steckten in den an den Oberschenkeln festgebundenen Holstern. Aus den Scabbards ragten Winchesterkolben.

Plötzlich hielt die Kutsche. Der Fahrer rief: »He, mach keine Faxen, Mann! Aus dem Weg!«

»Immer mit der Ruhe! Ich bin ganz friedlich, Jungs!« Ein raues Lachen mischte sich in das Stampfen der Hufe. Ein hochgewachsener Reiter hielt neben dem Wagenschlag, bückte sich und spähte ins Fahrzeuginnere.

»Hallo, Randlett!«

Whiskydunst strömte in die Kutsche. Die graugrünen Augen in dem hageren, wettergegerbten Gesicht funkelten.

»Was wollen Sie?«, schnarrte der Bankier.

»Nur mal wissen, wie der Hundesohn aussieht, der Bob Webster erschießen ließ und die Last-Chance-Mine schlucken will.« Grinsend legte Jack Clanton zwei Finger an die Stetsonkrempe. »All right, Randlett, das war’s!«

Randletts Revolvermänner schlossen auf, aber Jack beachtete sie nicht. Steif saß Randlett auf dem Lederpolster.

»Sie sind ja betrunken, Mann!«

»Nicht so betrunken, dass ich Ihnen ein Loch in Ihr Fell brenne«, lachte Jack. Die Reiter neben und hinter ihm griffen zu den Waffen. Randlett winkte ab. Seine Mundwinkel waren verkniffen, die blassblauen Augen zeigten einen Anflug von Interesse.

»Sind Sie nicht dieser Schießer aus Kansas? Wie war doch Ihr Name? Jack Clinton oder Clanton, stimmt’s?«

»Tun Sie nicht so, als wüssten Sie nicht genau, welchen Job ich habe.« Jack zog eine halb volle Flasche aus der Satteltasche und trank. »Ich wette, Sie wissen sogar, welche Prämie mir Bob Webster - Gott hab’ ihn selig - bezahlt.«

»Trotzdem wollen Sie Websters Tochter nach Canyon City bringen?«

»Wieso trotzdem? Zehntausend Dollar sind ein überzeugendes Argument für einen Mann, der seit einem halben Jahr seine Drinks mit mühsam am Pokertisch zusammengekratzten Bucks bestreitet. Kennen Sie ein besseres?«

»Allerdings.«

»Zum Beispiel?«

»Elftausend Dollar«, entgegnete Randlett, ohne die Miene zu verziehen. Jack lachte.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie auch Humor haben.«

»Hören Sie auf, herumzualbern, Clanton! Nennen Sie Ihren Preis!«

»Hm.« Jack kratzte sich hinterm Ohr. Sein Grinsen war nur Maske. Die Wirkung des Alkohols, mit dem er Websters Begräbnis und den eigenen Entschluss, doch nach Flint Creek zu reiten, begossen hatte, klang rasch ab. »Für hunderttausend würde ich vielleicht umfallen, Randlett. Ich bin ja auch nur ein Mensch.«

Er blinzelte. Randletts dürre Finger umkrampften den Stockknauf.

»Sie sind verrückt!«

»Amen.« Jack rülpste.

Randlett stieß den Stock auf den Kutschboden.

»Fahr zu, Hank!« Der Kutscher schwang die Peitsche. Die hämmernden Hufe bespritzten Jack mit Schlamm. Gelassen verstaute er die Whiskyflasche in der Tasche am hochbordigen Sattel, ehe er sich den sechs grimmig dreinblickenden Revolverschwingern zuwandte.

»Ist noch was?«

Sie kreisten ihn ein. Der Anführer zügelte sein Pferd dicht vor ihm. Ein Grinsen flackerte auf dem von einer Narbe entstellten Gesicht.

»Lange her, dass wir uns zuletzt sahen, Clanton.«

Der Whisky in Jacks Magen schien sich in Eis zu verwandeln. Er brachte dennoch ein Grinsen zustande.

»Da brat mir einer einen Storch! Ben Monahan, der einzige Überlebende der Baxter-Bande. Wie die Kojoten sich doch zusammenfinden!«

»Du reißt dein Maul noch immer so verdammt weit auf wie früher, Clanton. Aber nicht mehr lange, Amigo.«

»Wenn ich dein Amigo wäre, Monahan, würde ich es nicht mehr wagen, mich morgens im Spiegel anzusehen. Das Frühstück fiele mir sonst aus dem Gesicht. Mann, wenn das der alte Clem Baxter noch erlebt hätte, dass du es mal zum Boss einer eigenen Revolvercrew bringst! Aber du wolltest ja schon immer hoch hinaus.«

»Hast mir dabei geholfen, Clanton.« Monahan betastete die von der linken Schläfe zum Kinn verlaufende Narbe. Sie war das Andenken an einen Messerkampf zwischen Jack und ihm. In den Augen des massigen Banditen schwelte Hass. »Wahrscheinlich würde ich jetzt noch unter Baxters Kommando reiten, wenn du ihn nicht ins Jenseits befördert hättest.«

»Kannst mir bei Gelegenheit einen Drink spendieren, wenn dich die Dankbarkeit plagt.«

»Ich hab’ eher an sechs Unzen heißes Blei gedacht.« Monahans Rechte berührte den Revolverkolben. Die behaarte Pranke hätte gut zu einem Holzfäller oder Schmied gepasst. Überhaupt glich Ben Monahan mehr einem Preisboxer oder Rausschmeißer. Aber Jack wusste, wie unheimlich flink und treffsicher er mit dem Sechsschüsser war. Jack legte die Hände aufs Sattelhorn.

»Hast du deinen Humor von Randlett oder umgekehrt?«

»Allmählich glaub ich, dass du nicht nur Theater spielst, sondern wirklich betrunken bist, Clanton.« Der Anführer der Revolvermänner belauerte Jack. »Das ist neu - und verdammt gefährlich für dich. Es gibt Leute, denen es nichts ausmacht, einen Besoffenen auf den schwarzen Trail zu schicken, vor allem, wenn niemand zusieht. Stimmt’s, Freunde?«

Der mit den Wieselaugen kicherte. Die anderen schauten so finster drein wie zuvor. Einer knurrte: »Wenn du mit ihm ’ne Rechnung zu begleichen hast, Ben, worauf wartest du dann? Gleich werden Sheriff Blackwell und Reverend Weatherby kommen, dann wird nichts mehr draus.«

»Verschieben wir die Sache!«, schlug Jack vor. »Der Totengräber ist auch nicht mehr der Jüngste. Lassen wir ihn erst einmal Webster unter die Erde bringen! Außerdem ist es wahr, dass ich einen zu viel hinter die Binde gekippt habe — als hätte ich geahnt, dass ich heute noch deinen Anblick ertragen muss, Monahan.«

»Nun langt’s! Zieh oder lass das Eisen stecken, es macht keinen Unterschied! Hinterher wird sowieso niemand feststellen können, wer den ersten Schuss abgab.«

Die Pferde tänzelten. Auf dem hundert Yards entfernten Boothill begann eine Glocke zu bimmeln. Die Sträucher und Bäume am Fahrbahnrand schirmten die Reiter ab.

»Du ahnst nicht, wie recht du hast, Monahan.« Langsam, damit die Randlett-Schießer die Bewegung nicht falsch deuteten, knöpfte Jack die Jacke auf. »Wenn einer von euch abdrückt, gibt es ein Feuerwerk, wie Canyon City es bisher garantiert noch nicht erlebt hat.«

Entgeistert starrten sie auf die Presspulverstangen, die er sich um den Leib gebunden hatte. Zwei baumelten an einem aus Riemen geflochtenen Halsband. Die Sprengladungen reichten, um ein doppelstöckiges Haus in die Luft zu blasen. Die Kerle machten Gesichter, als hätte jeder einen Kaktus verschluckt. Monahans Nase färbte sich dunkelrot. Die Sehnen auf seinem rechten Handrücken traten hervor, als wollte er den Revolvergriff zerquetschen.

»Du verdammter ...«

»Nur zu! Spuck’s aus, Monahan, du erstickst sonst daran!« Jack lachte, aber seine Augen spiegelten eisige Entschlossenheit. Er knöpfte die Jacke wieder zu, damit die Presspulverstangen trocken blieben. Der Narbige beugte sich mit hassverzerrter Miene vor.

»Du bluffst doch nur! Ich wette, die Dinger sind Attrappen!«

»Das kannst du rausfinden.«

Jacks Blick bohrte sich in die Augen des Gegners, während er betont langsam den 44er zog. Monahan biss die Zähne zusammen. Er war drauf und dran, es zu riskieren.

»Ben, zum Teufel, wir erwischen ihn ein andermal!«, krächzte der Wieseläugige.

Der Anführer bezwang sich.

»Hast recht, Scobey. Wir sehen uns bald wieder, Clanton, dann stirbst du.«

»Versprich nicht zu viel!« Jacks Sporen berührten die Flanken des Braunen. Prustend setzte der Wallach sich in Bewegung. Randletts Killer wichen ihm aus.

 

 

3

Drei Tage ritt Jack Clanton am Arkansas River entlang nach Osten. Sonnenverbrannte Prärie dehnte sich um ihn. Die bewaldeten Hecken der Rocky Mountains verschwammen allmählich am westlichen Horizont. Weiße Wolken krönten die wie von der Erde losgelösten, an klaren Tagen bis in die Kansas-Ebene sichtbaren Gipfel. Wenn Jack den Braunen auf einer Anhöhe zügelte und auf seiner Fährte zurückspähte, entdeckte er stecknadelkopfgroße Punkte, die sich nicht von der Stelle zu bewegen schienen. Aber der Eindruck täuschte. Randletts Schießer waren hinter ihm her. Nachts geisterte Ben Monahans Narbengesicht durch Jacks unruhige Träume.

Er kampierte stets abseits vom Fluss, pflockte das Pferd in zehn, zwanzig Yards Entfernung an und täuschte mit Deckenbündel und Hut die Gestalt eines Schläfers vor, während er sich selber in einer Mulde oder einem Gebüsch eine Schlafstelle bereitete. Sein Colt lag unter dem als Kopfkissen benutzten Sattel. Die Kammer unter dem gespannten Metallhahn war leer, die fünf anderen mit Pulver und Blei gefüllt, die Zündhütchen aufgesetzt.

Aber Monahan und seine Kumpane hielten gleichen Abstand. Sie wollten, dass er sie zu Kitty Webster führte. Am vierten Tag stieß Jack auf die meilenbreite Fährte einer zum Purgatoire River ziehenden Büffelherde. Jack folgte ihr einen Tag lang. In dem Gewirr der Spuren waren die Hufabdrücke seines Braunen kaum mehr zu erkennen. Als der Purgatoire wie ein Silberfaden am Horizont glitzerte, ritt Jack wieder nach Osten weiter, zum Knie des Cimarron River. Er näherte sich damit dem Grenzgebiet von Colorado und Kansas.

Die Punkte auf seiner Spur waren verschwunden, bis zum Spätnachmittag. Es war heiß und windstill. Jack versorgte den Wallach mit etwas Wasser aus der Canteen-FIasche. Da sah er sie wieder, deutlicher, näher. Wahrscheinlich waren es Monahan und dieselben Kerle, die neulich Randletts Kutsche begleitet hatten.

Jack genehmigte sich erst selber einen Schluck, ehe er wieder in den Sattel stieg. Er hatte schon damals, als er hinter der Baxter-Bande her gewesen war, herausgefunden, wie gefährlich Monahan war. Nun bekam er einen neuen Beweis dafür, dass Randletts Revolverschwingerboss mehr konnte als Leute erschießen. Die Burschen schienen entschlossen, ihm von nun an in kürzerem Abstand zu folgen.

Jack ließ sich deswegen nicht zur Eile treiben. Ein langer Weg lag noch vor ihm. Er durfte den Braunen nicht überfordern. Er hielt die Richtung und durchquerte, während die Verfolger auf doppelte Gewehrschussweite aufschlossen, ein ausgetrocknetes Flussbett. Die Sonne stand nur mehr eine Handbreit über den fernen Gipfeln der Coloradoberge. Jack nahm an, dass die Randlett-Killer im Arroyo lagern würden. Er ritt noch eineinhalb Meilen, dann kehrte er im Schutz mehrerer Bodenwellen parallel zur eigenen Fährte um.

Immer wieder hielt er und lauschte. Zweihundert Yards vor dem Arroyo umwickelte er die Hufe des Wallachs mit Deckenstreifen, die er für diesen Zweck bei sich hatte. Er hätte jetzt gut einen Drink vertragen können. Sein Whiskyvorrat, den er aus Canyon City mitgenommen hatte, war jedoch verbraucht.

Er erreichte das Trockenbett ungefähr achtzig Yards nördlich von seiner nach Osten verlaufenden Spur. Die Böschung war mit Felsen und Sträuchern bedeckt. Es dämmerte. Blaugraue Schatten senkten sich auf die Prärie. Nur die höchsten Zinnen des weit entfernten Felsengebirges glänzten in blassem Rot.

Jack band das Pferd fest, überprüfte die Coltkammern und nahm drei Presspulverstangen aus der Satteltasche. Eine sollte genügen, die Pferde der Halunken zu verjagen. Mit den beiden anderen wollte Jack sich die Gegner vom Leib halten. Er musste nur nahe genug an sie herankommen. Vielleicht rechneten sie sogar damit — aber nicht, solange es noch halbwegs hell war.

Vorsichtig, jeden Felsbrocken und Busch als Deckung ausnutzend, schlich Jack an der Böschung entlang. Bald hörte er Stimmen. Pferde stampften. Mehr und mehr zerflossen die Konturen. Aus den Hügeln schallte Kojotengeheul. Dann züngelten dreißig Schritte vor Jack Flammen auf. Die Helligkeit hätte auch so genügt, die Gestalten zu erkennen, vor allem Monahans klotzige Figur.

Jack kroch auf Ellenbogen und Knien weiter. Die Presspulverstangen steckten in seinem Gürtel. Den Stetson hatte er am Sattel des Braunen zurückgelassen, die Sporen abgeschnallt. Der Wieseläugige füllte gerade Wasser in den Topf überm Feuer. Die Gäule waren bereits abgesattelt. Die Männer tränkten und fütterten sie. Noch waren die Tiere nicht angebunden. Darauf hatte Jack gehofft. In Wurfweite zum Feuer kauerte er sich hinter einen Felsblock.

»Brad, du übernimmst die erste Wache«, befahl Monahan. Er stand mit dem Rücken zu Jack am Feuer, breitbeinig, die Winchester 66 lässig unter dem Arm. Der Stetson hing an der Windschnur auf seinem Rücken. »Scobey löst dich ab. Dann sind Raff und Hooker dran. Ich weiß nicht, ob Clanton es bereits in dieser Nacht versucht. Aber haltet Augen und Ohren offen. Der Kerl ist gefährlich.«

Grinsend zog Jack eine Pulverstange aus dem Gürtel. Gleich würde Randletts Schießerboss erleben, wie recht er wieder mal hatte. Jack wartete nur, dass er zur Seite trat, damit er die Sprengladung ins Feuer werfen konnte. Er wollte, auch wenn es verrückt erschien, den Kerlen zuvor noch eine Warnung zurufen. Jack war ein Mann, der für Geld kämpfte. Aber nie hätte er sich zum Handlanger eines Schurken wie Randlett gemacht, nie aus dem Hinterhalt getötet.

»Warum kommen wir ihm nicht zuvor, Ben?«, fragte Wieselauge grinsend. »Besuchen wir ihn doch!«

»Solange wir nicht wissen, wo Websters Tochter ...« Monahan bewegte sich, sein Gewehr ruckte. Im nächsten Moment verschwand er aus dem Lichtkreis. Die anderen griffen zu den Waffen. Ein Wiehern kam vom westlichen Arroyorand, dann ein Ruf: »Nicht schießen, Amigos! Ich bin’s - Pawnee Smith!«

Hufe stampften, dann tauchte der Reiter zwischen den Felsen und Büschen auf. Monahan ließ die Waffe sinken. Scobey mit den Wieselaugen warf dürre Zweige ins Feuer. Der Flammenschein erfasste eine sehnige, ledergekleidete Gestalt. Das breitknochige Bronzegesicht verriet indianische Abstammung. Rabenschwarzes Haar quoll unter dem flachkrempigen Hut hervor. Messer und Colt hingen am Gürtel. Statt Stiefel trug der Ankömmling bunt bestickte, weichsohlige Mokassins. Unwillkürlich duckte Jack sich tiefer. Matter Lichtschimmer fiel auf seine Deckung.

»He, wo kommst du her, Pawnee?«

»Direkt aus Canyon City.« Geschmeidig saß der Halbindianer ab. »Randlett schickt mich.«

Monahan ging ums Feuer herum. »Was gibt’s?«

»Ihr braucht nicht mehr auf Clantons Spur zu kleben. Wir wissen jetzt, wo das Webster Girl lebt. Das Kaff heißt Flint Creek. Liegt in Kansas, südöstlich von Wichita. Sie ist Lehrerin dort.«

»Das ist ’ne Wucht! Nun können wir Clanton an den Kragen. Mann, dafür spendiere ich dir in Flint Creek eine Buddel Feuerwasser. Wie hat Randlett es rausgekriegt?«

»Am selben Tag, als ihr Canyon City verlassen habt, bekam er Nachricht von einem Spitzel. Wir sollten Clanton und die Webster zur Hölle schicken, bevor noch mehr Wirbel um die Last-Chance-Mine entsteht. Übrigens, ich bringe Verstärkung mit. Michigan Joe und seine Jungs werden gleich hier sein. Ich bin als Scout vorausgeritten. Na, was sagt ihr?«

Die Kerle lachten und johlten.

»Feiern wir erst und erledigen wir Clanton danach oder umgekehrt?«, rief einer.

Jacks Kehle war trocken. Sein Herz pochte heftig. Auch drei Sprengladungen änderten nun nichts mehr daran, dass ihm ein Wettritt um sein und Kitty Websters Leben bevorstand.

Lautlos wollte er sich zurückziehen. Da hob Pawnee Smith die Hand.

»Seid mal still!«

Monahan und seine Kumpane spannten sich. Ein dumpfes Grollen näherte sich dem Arroyo. Es kam von Westen.

»Michigan Joes Truppe«, brummte Monahan.

»Das meine ich nicht.« Der Mestize deutete auf die Pferde. Sie bewegten sich. Ihre Nüstern waren gebläht, die Ohren zuckten. »Sie wittern was.« Jack verbiss eine Verwünschung. Der Kerl hatte Augen und Ohren wie ein Luchs. Ihm selber war entgangen, dass eine leichte Luftströmung durchs Trockenbett strich und den Gäulen seine Witterung zutrug. Monahans Miene verfinsterte sich.

»Vielleicht ein Skunk oder ein Kojote ...«

Aber gleichzeitig bewegten er und seine Gefährten sich vom Feuer weg. Das Halbblut verschwand hinter seinem Pferd, das prustend den Kopf in Jacks Richtung drehte. Inzwischen war das Hufgetrappel nur noch hundert Yards vom Arroyo entfernt.

»Raff, Scobey, zu den Pferden!«, zischte Monahan.

Jack schleuderte die Presspulverstange. Smith entdeckte ihn und schoss sofort. Die Kugel streifte den Felsblock. Die Sprengladung rollte neben das Feuer.

»Deckung!«, brüllte Monahan.

Jack zielte auf die Pulverstange. Blitz und Donnerknall folgten dem Schuss. Erdklumpen, Steine und zerfetzte Zweige wirbelten nach allen Seiten. Der Kochtopf sauste durch die Luft. Zwei Pferde stürzten. Wiehernd stürmten die anderen davon. Die Randlett-Banditen lagen am Boden. Rauch und Staub umwogte sie.

Jack jagte eine zweite Kugel in die Richtung, in der er Monahan gesehen hatte, dann rannte er zur Biegung, hinter der sein Pferd stand. Schreie gellten. Kugeln pfiffen ihm nach. Der Wallach zerrte an der Leine. Mit einem Satz war Jack im Sattel und trieb ihn den zerklüfteten Hang hinauf. Sterne funkelten. Der Mond lugte über einen grasbewachsenen Kamm. Das Dröhnen der Hufe erreichte den gegenüberliegenden Arroyorand.

»Es ist Clanton!«, schrie Monahan. »Knallt ihn ab!«

Mündungsfeuer peitschten aus dem Trockenbett. Jack brannte die daumenkurzen Lunten der beiden übrigen Sprengladungen an und warf sie den Verfolgern entgegen.

»Lauf! Zeig, was du kannst!«, keuchte er dem Braunen ins Ohr.

Die Hufe trommelten. Blei winselte. Dann erfüllte das Donnern der kurz aufeinanderfolgenden Explosionen die fahle Nacht.

 

 

4

Flint Creek sah noch genauso aus wie vor einem halben Jahr, als Jack nach der Schießerei mit Old Man Bronklins Söhnen dem Lynchstrick und damit Bronklins Racheschwur nur knapp entronnen war. Von weitem wirkten die Brettergebäude wie morsche Holzkisten, die jemand in der Weite der Büffelgrasprärie vom Wagen verloren hatte — zufällig hin gewürfelt. Beim Näherkommen entpuppten sich Einzelheiten: ein verwittertes Holzschild, wacklige Zäune, abblätternde Fassadenfarben und löchrige Blechschornsteine. Die Erinnerung legte sich wie ein Bleipanzer um Jacks Brust. Aber er hatte keine Wahl. Der an Kitty Webster adressierte Brief brannte in seiner Tasche. Seit dem Zusammenstoß mit Monahans Bande waren neun Tage verstrichen. Er hatte die Halunken nicht wiedergesehen, was aber nicht hieß, dass er sie abgehängt hatte.

Die Flammenröte des Sonnenuntergangs spiegelte sich in den nach Westen gerichteten Fenstern. Fahrbahn, Gehsteige und Vorbauten waren leer, die Türen zu. Kein kläffender Köter stürmte dem staubbedeckten Reiter entgegen. Im Vorbeitraben sah Jack da und dort ein neugieriges Gesicht hinter einer schwankenden Gardine.

Die Stadt verharrte wie im Belagerungszustand. Doch Jack fand es unwahrscheinlich, dass Monahan und seine Killer ihn heimlich überholt hatten und bereits erwarteten. Sein Problem hieß Old Man Bronklin. Zum Glück lag Bronklins Ranch zehn Meilen südlich der Stadt, nahe der Grenze zum Indian Territory.

Jack hoffte, mit Kitty Webster fortzukommen, bevor Bronklin von seiner Rückkehr erfuhr. Trotzdem rechnete er mit Schwierigkeiten. Denn Flint Creek war Bronklins Stadt. Genauer: Die Bewohner standen entweder bei dem geiergesichtigen Alten in der Kreide oder waren auf seine Aufträge und Bestellungen angewiesen. Wenn der eine oder andere vielleicht doch mal bezweifelte, dass Bronklins Wort das richtige Gesetz für diesen Teil von Kansas war, dann belehrten ihn Old Mans raue Reiter schnell eines Besseren. Nur einmal, als Jack Clanton sich in dem entlegenen Prärienest aufgehalten hatte, waren sie dabei voll aufgelaufen.

Jacks Ziel war der Saloon. »Dusty Horse« stand auf dem verwaschenen Schild über dem Eingang. Von dem gezeichneten Pferd war kaum mehr etwas zu erkennen. Drinnen brannten bereits die Petroleumlampen. Pianoklänge schallten heraus. Die Schule lag weiter unten, gegenüber von Kinsleys Store. Wo die Lehrerin wohnte, wusste Jack nicht. Der Keeper würde es ihm sagen. Das war schon mal ein guter Grund, den Staub von nahezu fünfhundert Meilen mit einem Drink oder auch zweien herunterzuspülen. Draußen in der Wildnis hatte Jack sich mit der täglichen Wasser und Dörrfleischration abgefunden. Jetzt kam es ihm wie eine halbe Ewigkeit vor, dass er einen hochprozentigen Tropfen durch die Kehle hatte fließen lassen.

Er band den Wallach beim Tränketrog fest.

»Bis gleich, Amigo«, verabschiedete er sich. Er spürte die Blicke heimlicher Beobachter, als er den Saloon betrat.

Es war wenig Betrieb. Am Tisch neben der Treppe saßen vier Würfelspieler. Zwei Biertrinker lungerten am Thekenende, der Kleidung nach Stadtbewohner. Der bullige Keeper polierte mit Hingabe ein längst sauberes Glas. Ein gewaltiger Schnurrbart zierte sein fleischiges Gesicht. Jack sah winzige Schweißperlen auf seiner Stirnglatze, obwohl die sowieso nachlassende Tageshitze in dem fast leeren Raum nicht zu spüren war. Das Gefühl, dass sich ein unsichtbares Netz um ihn zusammenzog, stieg in ihm auf. Dann lenkte die Frau am Piano ab.

Die Tatsache, dass es überhaupt eine Frau war, war schon ungewöhnlich. Dazu war sie auch noch verteufelt hübsch, fand Jack. Er schätzte sie auf knapp über zwanzig. Das schwere goldblonde Haar wurde im Nacken von einer Spange gehalten. Die Linie von Hals und Schultern war makellos. Das Gesicht sah Jack von der Seite, ein klares, wie von Künstlerhand gemeißeltes Profil.

Sie war nur leicht geschminkt, und das bis zu den Hüften anliegende, rüschenbesäumte Kleid war weit weniger offenherzig dekolletiert, als Jack das von anderen Saloonladies kannte. Ein Goldkettchen mit einem Medaillon war der einzige Schmuck. Die Finger tanzten auf den Tasten. Dabei schien sie weder Jacks Ankunft, noch sonst etwas wahrzunehmen. Jack legte eine Münze auf die Theke.

»Ich bin so durstig, Mac, dass ich den Arkansas leer saufen könnte. Fangen wir mit einem Whisky an. Du kennst meine Marke: Kentucky Bourbon.«

Der Keeper stellte endlich das Glas weg.

»Hauen Sie ab, Clanton!«, raunte er nach einem nervösen Blick auf die Würfler. »Old Man Bronklin ist in der Stadt. Er hat sich mit drei von seinen Revolvercowboys in Whitakers Hotel einquartiert. Sie warten da seit gestern auf dich.«

Jacks Kopfhaut zog sich zusammen. Er war am Hotel vorbeigeritten. Vielleicht waren Bronklin und seine Männer schon auf dem Weg hierher. Dann aber war es zu spät zum Davonlaufen. Außerdem war er nicht fünfhundert Meilen weit geritten, um dann ohne Websters Tochter aus Flint Creek zu verschwinden.

»Danke, Mac. Ich wusste nicht, dass ich hier Freunde habe.«

»Reden Sie kein Blech, Clanton! Mir langt die Schießerei vom letzten Mal. Alles, was mich interessiert, ist, dass meine Einrichtung heil bleibt.«

»Da spricht der wahre Menschenfreund. Aber was glaubst du, Mac, was hier drinnen gleich los ist, wenn ich keinen Drink bekomme? Wie soll ich mit Old Mans Revolverhelden ein Feuerwerk veranstalten, wenn du mich verdursten lässt?«

»Sie sind ja nicht bei Trost, Clanton.« Aber der Barmann füllte das Glas. Ehe er zweimal blinzeln konnte, hatte Jack es ausgetrunken. »Noch einen, Mac.«

»Gehen Sie zum Teufel, Clanton!«

Jack grinste nur, nahm die Flasche und ließ den Whisky in die Kehle gluckern. Er wusste, dass das vielleicht ein Fehler war, falls Old Man und seine Schießer im Anmarsch waren. Aber nur so konnte er den jähen Ekel davor, wieder kämpfen und töten zu müssen und möglicherweise selbst getötet zu werden, betäuben. In den letzten Jahren passierte ihm das immer häufiger. Seitdem griff er zur Flasche. Als er sie absetzte, wurde ihm bewusst, dass die Musik verstummt war. Die blonde Pianospielerin sah ihn an.

Der Whisky entspannte Jack. Er trank nochmals, legte ein zweites Geldstück auf die Theke und ging hinüber.

»Guten Abend, Lady! Spielen Sie >Shenandoah< für mich?«

Die Frau blickte an ihm vorbei. Als der Keeper nickte, glitten ihre Finger wieder über die Tasten. Jack stützte sich auf und beobachtete sie fasziniert. Die Blonde vermied es, ihn anzusehen. Ihre Nasenflügel vibrierten. Aus der Nähe gefiel sie Jack noch besser. Sie spielte nur die erste Strophe. Jack klatschte.

»Großartig! Kommen Sie, setzen wir uns an den Tisch da drüben! Ich lade Sie ein.«

»Corbett bezahlt mich dafür, dass ich Piano spiele, sonst nichts.«

Zusammenfassung


Der Boss der Last-Chance-Mine Bob Webster heuert noch im Sterben Jack Clanton an, um seine Tochter Kitty zu holen, damit sie rechtzeitig sein Erbe antritt, denn Phill Randlett setzt alles daran, sich diese Goldmine unter den Nagel zu reißen. Kitty arbeitet als Lehrerin in Flint Creek, Kansas. Und das ist ein Problem für Jack. Dort steht er bei Old Man Bronklin auf der Todesliste, weil er nach einem Streit dessen Söhne in Notwehr erschoss ...

Details

Seiten
123
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942521
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
coltschwinger kitty

Autor

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Titel: Kitty und der Coltschwinger