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Der Baron #21: Russisches Roulette mit Tamara

©2020 133 Seiten

Zusammenfassung


Eigentlich wollte Baron von Strehlitz in dem kleinen mittelamerikanischen Land eine Leprastation aufbauen. Doch ein politischer Umsturz führt dazu, dass er fliehen muss. Unterwegs wird das Fluchtflugzeug abgeschossen, Baron von Strehlitz und weitere Überlende müssen in der feindlichen Umwelt des Dschungels um ihr Leben kämpfen, denn niemand weiß, ob und wann jemand zur Rettung kommt.

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #21: Russisches Roulette mit Tamara

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

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Der Baron #21: Russisches Roulette mit Tamara

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

 

Eigentlich wollte Baron von Strehlitz in dem kleinen mittelamerikanischen Land eine Leprastation aufbauen. Doch ein politischer Umsturz führt dazu, dass er fliehen muss. Unterwegs wird das Fluchtflugzeug abgeschossen, Baron von Strehlitz und weitere Überlende müssen in der feindlichen Umwelt des Dschungels um ihr Leben kämpfen, denn niemand weiß, ob und wann jemand zur Rettung kommt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

1

Der Baron lehnte sich zurück, blickte auf das Treiben im Garten und zog ohne Hast an seiner Zigarre. Für einen Mann, der eben erfahren hatte, dass er im Augenblick einen Schuldenberg von gut zweihunderttausend Dollar sein Eigen nennen durfte, bewahrte er eine erstaunliche Ruhe. Und die Asche an seiner Zigarre war fast fünf Zentimeter lang.

Robert, des Barons Sekretär, stand mit dem kleinen Büchlein in der Rechten am Balkongeländer und starrte auf die Zigarrenasche, als warte er darauf, dass des Barons Hand zu zittern beginnen würde. Doch sie zitterte nicht. Der Baron tat, als hätte er alles gar nicht gehört und blickte interessiert einem langbeinigen Püppchen nach, das auf hochhackigen Schuhen über den Rasen stolzierte, im Gehen den Bademantel und Schuhe abstreifte und in einem Hauch von Mikro-Bikini nahezu alles an Haut der Sonne darbot, was an ihr vorhanden war, zum kühnen Sprung ansetzte und mit einem kleinen hysterischen Piepser auf den Lippen in den Swimmingpool hechtete, darin untertauchte und schließlich mit einem abermaligen Quieksen auftauchte, herumplanschte und einem Boy zuwinkte, der lässig am Beckenrand stand und seinen Astralleib darbot wie ein Narziss.

Der Baron kniff die Augen zu einem schmalen Spalt zusammen und fragte mit sonorer Stimme: „Ist das die Tochter vom alten Fabre?“

„Ja, Sir“, erwiderte Robert, und fügte dann etwas betonter hinzu: „Wenn ich noch einmal auf meinen Bericht zurückkommen dürfte. Er hatte diesen Satz französisch gesprochen und fuhr in der gleichen Sprache fort: „Unsere Finanzen, ohnehin nicht rosig, werden durch den Zusammenbruch der Sparring-Holding noch verschlechtert. Wie Sie wissen, hat die Sparring-Holding das Projekt mit Ihren Hotels für Alte gesichert. Jetzt, wo diese Sicherung wegfällt, wird natürlich das gesamte Gläubigerkorps kommen und sein Geld verlangen.“

Der Baron schien gar nicht zugehört zu haben. Er beobachtete immer noch die schlanke Blondine, zu der jener Adonis gerade ins Wasser gejumpt war, um mit ihr zu blödeln, was die Blonde zu immer erneuten Piepsern und Jauchzern veranlasste.

„Sie ist ziemlich hübsch, kommt mir aber doch trotz allem eine ganze Portion dämlich vor“, sagte der Baron. „Finden Sie nicht auch, Robert?“

„Gewiss, Sir, gewiss. Wenn wir nun in der Finanzsache fortfahren könnten …“, fügte er nervös hinzu.

Der Baron meinte unbeirrt, als gäbe es für ihn keine Finanzsache: „Ich glaube, wenn man dreihundert Millionen und eine Kette von Firmen erben wird, kann man so blöd sein, wie man will. Tja, Robert, ich glaube, wie die Dinge liegen, kann ich es nicht diesem grünen Hanswurst dort unten überlassen, den Platz an der Quelle zu übernehmen. Robert, sie ist nicht mein Fall, die kleine Jeanette, und weil sie dazu noch blöd zu sein scheint, wird es mich eine Menge Überwindung kosten. Aber in Anbetracht unserer Pläne werde ich wohl Le Beau in den sauren Apfel beißen lassen. Er hat ja eine Vorliebe für schönes Fleisch.“

Robert meinte ungehalten: „Sir, wenn ich Sie unterbrechen darf: Es geht doch nicht um Pläne. Sir, es geht um unsere Schulden. Zweihunderttausend-vierhundertsiebenundachtzig Dollar und siebenundzwanzig Cents.“

Der Baron wandte leicht den Kopf, betrachtete gelangweilt den völlig in Schwarz gekleideten Robert, und meinte mit bekümmerter Miene: „Aber, Robert, warum kommen Sie mir denn immer wieder mit solchen Lappalien? Ich werde dafür sorgen, dass die Geschichte in Ordnung kommt.“

Robert rief beschwörend: „Und wann, Sir, und wann?“

Der Baron winkte ab, deutete auf den Swimmingpool und sagte: „Robert, geben Sie der Telefonistin zehn Dollar und veranlassen Sie sie, diesen Windbeutel dort unten vom Swimmingpool wegzulotsen, und wenn er weg ist, servieren Sie mir dieses kleine blonde Dummchen!“

„Und wie, Sir, soll ich das machen?“, fragte Robert leicht verärgert. Er war immer in nervöser, ziemlich gereizter Stimmung, wenn die Finanzlage des Barons so bedrohliche Formen angenommen hatte wie gerade jetzt.

Der Baron runzelte leicht die Brauen. Es schien, als sei er leicht verärgert über Roberts Begriffsstutzigkeit. Doch dann hatte er wohl vergeben und sagte sanft und nachsichtig: „Sie bestellen beim Hoteldirektor ein Supermenü; was ich darunter verstehe, werden Sie wohl noch wissen, Robert. Dann lassen Sie den kleinen grünen Salon dafür vorbereiten und laden die Dame zum Lunch mit mir ein.“

„Gewiss, Sir“, schnarrte Robert verdrossen. Alles an seinem nur scheinbar devoten Ton war herausfordernder Aufruhr. Er hatte die Sache seines Herrn und Meisters zu seiner eigenen gemacht. Der Baron war – diesmal nicht durch eigene Schuld – in eine hoffnungslose Pleite geschlittert. Geldgeber, die sein Projekt, komfortable Wohnheime für alte Leute in ganz Europa einzurichten, unterstützt hatten, waren in eigene Geldschwierigkeiten geraten und hatten zuerst jene Zahlungen eingestellt, die für ihre Firmen vermeidbar waren. Ein Konkurs, nämlich der einer weltweiten Industrie- und Bankengruppe, gab dem Baron den Rest. Gerade diese Holdinggesellschaft hatte gebürgt und die Renovierung der verschiedenen ehemaligen Hotels abgesichert, die der Baron zu Ferienheimen für alte Leute auf Mallorca, an der Riviera, am Lago Maggiore und in Paris umbauen wollte. In Skandinavien und Deutschland bestanden schon vier solcher Häuser, die den Komfort von Dreisternehotels hatten und ausschließlich für die Armen unter den Alten bestimmt waren. Nun waren auch diese vier schon funktionierenden Altenferienheime in Gefahr, mit ihnen aber auch die insgesamt siebenhundert alten Leute, die dort den ganzen Sommer über bleiben sollten und keine Ahnung davon hatten, dass man sie praktisch nur noch ein paar Tage lang beköstigen konnte, wenn kein neues Geld kam.

Robert meinte, der Baron hätte das vergessen. Und es schien fast so. Aber Robert würde wohl hunderte Jahre mit dem Baron leben und doch niemals in die Lage geraten, dessen Schachzüge voraussehen zu können. Dabei war Baron Strehlitz schon wieder am Zuge.

„Robert, haben Sie nicht gehört, was Sie organisieren sollen?“, fragte er etwas ungehalten, und nun brach auch die Zigarrenasche ab.

Robert nickte verzweifelt. Alles an ihm schien sich in heller Auflösung zu befinden. Sein Gesicht glich dem eines kranken Dackels. Trauer über Trauer. Nur die Tränen fehlten noch.

„Nur eine Frage, Sir, wenn Sie erlauben …“

Der Baron lächelte nachsichtig. „Was denn?“

„Sir, ich denke an die alten Leute. Sie vertrauen uns. Sie sind glücklich. Und doch sind sie alle in Gefahr. Man wird …“

Eine Handbewegung des Barons ließ Robert schweigen. „Robert, denken Sie, ich weiß das nicht? Sehen Sie dort hinunter. Diese Jeanette. Dumm wie Bohnenstroh, hübsch, langbeinig, sexy. Das sind lebende dreihundert Millionen. Es ist im Augenblick mein einziger Gedanke. Und dieses langbeinige Geschöpf mit dem Hirn einer Grasmücke wird dafür sorgen, dass unsere Alten gar nichts von unseren Sorgen merken. Dass alles andere auch weitergeht. Und dass wir selbst leben können. So, wie wir es immer gewohnt waren. So, und nun tu endlich, was ich gesagt habe!“ Er hatte Robert geduzt, wie er es schon hin und wieder einmal dann tat, wenn es sich um ein besonders vertrauliches Gespräch handelte. Lange genug kannten sie sich schließlich.

Befreit, als habe man ihm eine Zentnerlast vom Rücken genommen, wieselte Robert davon. Der Baron aber tat einen langen Zug an seiner Zigarre und beobachtete die langbeinige Blonde dort unten, die sich in der Sonne räkelte und wand wie eine Schlange. Der Adonis aber hatte nicht mehr viel davon. Plötzlich kam einer der kaffeebraunen Hotelboys, dessen weiße Jacke in der grellen Sonne zu leuchten schien. Und dieser Boy sagte etwas zum schönen Jüngling. Der nickte, rief der Blonden ein neckisches „Hey!“ zu und trabte wie ein hungriger Wolf auf das Hotel zu. Das blonde Schönchen sah ihm mit ratlosem, ein wenig dümmlich wirkendem Blick nach.

Dreihundert Millionen, dachte der Baron, zehn Prozent würden mir völlig genügen!

 

 

2

Robert hatte Erfahrung. Wer ein Jahrzehnt oder gar länger Sekretär des Barons gewesen war, wusste, wie man eine Dame oder sonst jemanden zu einem Lunch einlädt. Besonders jemanden, der nicht im Traum daran gedacht hatte, sich an diesem Tage irgendwohin einladen zu lassen.

Die kleine Jeanette, hingegossen wie eine Nymphe an den Rand des Pools, bot ihre Haut einer sengenden Sonne dar und wirkte wie ein Stück Architektur, das hier ewig liegen und nie mehr wegzubringen sein würde.

Robert fragte sich, ob sie nicht viel zu faul sein würde, aufzustehen. Aber er verzagte nicht, als sie so vor ihm lag und überhaupt nicht dergleichen tat, nachdem er sich geräuspert hatte.

„Miss Fabre“, sagte er und gab seiner Stimme einen starken amerikanischen Akzent. Ein Mann, der so viele Sprachen perfekt sprach und das ausgesprochene Talent für das Nachahmen von Dialekten besaß wie Robert, brauchte sich nicht anzustrengen, einen Amerikaner so waschecht zu imitieren, dass es nicht einmal ein New Yorker gemerkt hätte.

Sie wandte mit der Schnelligkeit einer Riesenschildkröte den Kopf. Dagegen war Zeitlupe noch ein rasanter Ablauf. Mit einer müden, nahezu von maßloser Überwindungskraft angetriebenen Bewegung schnippte sie sich eine dicke Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht, so dass sie trotz der Sonnenbrille überhaupt sehen konnte, wer vor ihr stand.

Robert war weder ein Adonis noch hatte er sonst vom Äußeren her etwas, das ein Weib wie Jeanette in rasende Verzückungen ausbrechen ließ. Untersetzt, Bauch, runder Eierkopf, glattes Gesicht mit Goldrandbrille, das sah alles mehr nach Lexikon und weit weniger nach Bett aus. Jeanette jedoch teilte das Leben in zwei Abteilungen ein. Die eine Abteilung war die der Freude und drehte sich um alles, was ihr Lust und Liebe versprach. Die zweite war die unangenehme Abteilung, jene, die sie immerzu zu etwas veranlassen wollte, zum Beispiel zum Denken. Jeanette aber spielte lieber Kätzchen. Das sich kraulen ließ, das geliebt werden wollte, das man auf dem Arm herumtrug, aber das nicht denken und sich um etwas sorgen musste. Nein, dazu war sie – glaubte sie – nicht gemacht.

Robert war ihr nicht sympathisch. Er gehörte zur zweiten Abteilung. Etwas ging von ihm aus, das sie spüren ließ, wie er von ihr wirklich dachte. Sie hatte ein feines Gefühl für Menschen. Dieser Mann dort verachtete sie. Ihm sagten offenbar Frauen wie sie nichts. Deshalb würde er auch auf ihre Reize nicht fliegen. Sie merkte das ganz genau. Dafür hatte sie den Instinkt eines Tieres.

Des Barons korpulenter Sekretär lächelte. Er wusste viel, und von Jeanette und ihren Verhältnissen wusste er eigentlich sogar zu viel. Das war es ja, weshalb ihn viele nicht liebten. Er wusste immer alles genauer, früher und vor allem schonungsloser als andere. Man konnte ihm nichts vormachen. Er sprang nicht auf die üblichen Spiele zwischen Menschen an. Ihm sagte ein dicker Wagen vor dem klotzigen Bungalow nichts. Dafür wusste er rasch, dass der Besitzer von beidem vielleicht tief in der Kreide saß. Oder dass er ein Strohmann war.

Bei Jeanette wusste er, dass ihr Vater seit Wochen nach einem Schlaganfall gelähmt war. Er war auch nicht mehr imstande, die Geschäfte zu führen. Das tat ein Generaldirektor für ihn. Aber Jeanette mochte diesen Direktor nicht. Er war so alt wie ihr Papa, und er war Akademiker, und er redete mit ihr, wie man mit einem Kind spricht. Das mochte sie nicht, obgleich sie andererseits nie begriffen hätte, was er wollte, wenn er sich so ausgedrückt hätte, wie er es gewohnt war.

Jeanette hatte noch vor einem Jahr einen Bruder gehabt. Der war gescheit gewesen, hätte in Oxford und später an der Sorbonne studiert. Aber er hatte ein Faible für Autos gehabt. Sehr schnelle Autos. Ein Brückenpfeiler zwischen Lüttich und Aachen beendete diese Leidenschaft für immer. Seitdem kränkelte Papa, der offenbar wusste, dass seine spät gezeugte Tochter nicht so recht die Voraussetzungen zur Nachfolgerschaft besaß. Bevor Papa das alles noch regeln konnte, erwischte es ihn selbst. Jeanettes Mutter lebte auch nicht mehr. So war Jeanette allein da. Aber es gab noch Tamara. Robert kannte sie kaum persönlich. Sie zeigte sich selten und wenn, trug sie eine übergroße, dunkle Sonnenbrille.

Tamara war die Gesellschafterin Jeanettes. Robert wusste, dass sie vor zwei Stunden mit einem Offizier der Luftwaffe mit dem Auto weggefahren war.

Über Tamara holte Robert noch Informationen ein. Die Ergebnisse lagen in so kurzer Zeit noch nicht vor, nur das eine wusste er: sie sollte sehr hübsch sein und genoss das Vertrauen Fabres und seines Generaldirektors.

Robert dachte jetzt nicht an sie. Er hatte Jeanette, Erbin von dreihundert Millionen, und beträchtlicher weiterer Vermögenswerte, vor sich. Und wenn sie auch annahm, er würde ihre Reize nicht bemerken; sie irrte sich. Er wurde nur nicht weich davon.

„Miss Fabre“, wiederholte er und sah sie lächelnd an. „Im grünen Salon erwartet Sie ein alter Freund Ihres Herrn Vaters.“

„Meines Vaters?“, fragte sie misstrauisch, und es hörte sich an, als hätte sie dabei die Vorstellung, ein Freund ihres Vaters könne nur ein potentieller Giftmörder sein.

„Ja, Ihres Vaters. Baron von Strehlitz und Luckenwalde hat eine sehr wichtige Botschaft für Sie, Mademoiselle. – Im Vertrauen gesagt“, fügte Robert im Flüsterton hinzu, als dürfe das außer Jeanette niemand hören, „Baron Strehlitz wird Ihnen ein interessantes Angebot machen, das sich – entschuldigen Sie diese Vorwegnahme – etwas gegen den Generaldirektor richtet …“ Gespannt blickte Robert die schöne Blondine an, um ihre Reaktion auf diesen Versuchsballon hin zu erfahren. Er kannte zwar vom Hörensagen die Verhältnisse bei den Fabres, aber so ganz sicher war er nun auch wieder nicht. Was nun, wenn diese Jeanette ganz zufrieden mit Papas Generaldirektor war?

Sie runzelte die zarten Brauen, nahm die Sonnenbrille ab, und nun entdeckte Robert das leuchtende Blau ihrer Augen. „Aber ich kenne doch diesen Baron Strehlitz gar nicht. Das heißt, hier im Hotel habe ich schon mal von ihm gehört – soll ein tollkühner Flieger sein oder so etwas. Aber …“

„Und ein Freund Ihres Vaters, Mademoiselle.“ Wieder machte Robert auf Vertrauen und flüsterte unter der hohlen Hand: „Er ist sicherlich Ihretwegen hier. Ich würde sagen: Vielleicht hat ihn der Herr Papa geschickt, damit er ein wenig aufpasst. Hat es vielleicht schon vor seinem Schlaganfall so angeordnet.“

Während Robert mit Stolz genoss, dass sie diese intime Kenntnis der Familienverhältnisse als völlig normal und damit als richtig hinnahm, meinte sie: „Aber was will er denn mit mir besprechen?“

„Sie werden sehen, Mademoiselle. Baron Strehlitz ist ein vielbeschäftigter Mann. Ich würde ihn nicht warten lassen – sagen wir, in einer Stunde? Er bittet Sie zum Lunch. Kommen Sie nicht zu spät, Sie verscherzen sich sonst sein Wohlwollen. Er ist ein sehr einflussreicher Mann. Vergessen Sie es nicht, in einer Stunde, Miss Fabre.“

„Um Himmels willen, nennen Sie mich nur nicht immer Miss Fabre, Ich mag diese amerikanische Anrede nicht. Ich bin Französin.“

Robert entschuldigte sich wortreich, dann erinnerte er noch einmal ans Rendezvous und ging.

 

 

3

Der Baron hatte solche Empfänge schon zu oft gemacht und vorbereiten lassen, um Fehler zu begehen. Für dreihundert Millionen durfte es schon etwas kosten. In diesem Falle ließ er vier Bedienstete anheuern, die in Livree und weitere fünf im Frack als Lakaien oder Kellner dem Prunk des grünen Salons noch die nötige Würze gaben. Die Bedienung wurde vom alten Oberkellner des Gilbert’s Metropol geleitet, einem Künstler in seinem Fach, was sich bereits in der Auswahl der Lunchzusammenstellung ersehen ließ. Dazu noch die Küche vom Metropol, und alles zusammen in eben diesem grünen Salon, der hier in Miami sozusagen das Nonplusultra an Gediegenheit darstellte. Nur zu erwähnen, dass zwei der Bilder an den vier Wänden echte Picassos waren. Der Wert des Teppichs reichte aus, um davon den Rohbau eines mittleren Mietshauses zu erstellen. Kurzum, hier wurde etwas geboten, und dafür nahm man es auch vom Lebendigen, denn Tote zahlten nicht.

Der Baron handelte auch hier nach dem Motto, dass Butter zum Fisch getan werde müsste. Er investierte auf erwartete Geschäfte, wie man so schön sagt.

Sie kam. Da der Baron dem Zufall nichts überlassen wollte, hatte er zwei seiner Livrierten, angeführt von seinem Chauffeur James, ins Gästehaus geschickt, damit sie die schönen „dreihundert Millionen“ dort abholen sollten. James, ein Berg von Mann – dazu mit dem bekümmerten Gesicht eines gutmütigen Bernhardiners – führte die zierliche Blondine aus dem Lift dem Baron entgegen, der sie – ganz in Grau und nur weinroter Krawatte – distinguiert begrüßte. Der Baron war nicht nur von altem Adel, er konnte sich, wenn er wollte, auch so benehmen. Im Augenblick bewegte und handelte er so, dass es den Herrn von Knigge oder Frau Erica Pappritz zu Tränen des Glücks angeregt hätte.

Jeanette war solches Benehmen gewohnt. Mochte sie nicht mit Einsteins Logik und sonstigem Denkvermögen ausgestattet sein, eine gute europäische Erziehung hatte man ihr angedeihen lassen. Und so wusste sie auch, was echt und was gespielt war. Der Mann dort vor ihr, groß, schlank und breitschultrig, nicht gerade ein schöner Mann, aber einer, der auf Frauen Eindruck machte, dieser Mann also spielte das nicht, und er hatte es auch nicht mühsam geübt, wie er sich gab, sondern das war ihm selbstverständlich.

Was Jeanette nicht durchschaute und was sie als ihr gediehene Ehre genoss, war das Drumherum, das ihr der Baron darbot. Sie hatte auch dies schon erlebt, nur hatte es stets ihrem Vater und früher ihrem Bruder gegolten. Ihr selbst widerfuhr dies zum ersten Male im Leben. Und das genoss sie wie ein Fichtennadelschaumbad.

Doch da war noch jemand im Spiel, den sie noch nie in Miami gesehen hatte. Ein Mann. Natürlich, denn für Frauen hatte sie sich noch nie interessiert, es sei denn, die waren dabei, ihr einen Jungen wegzuschnappen.

Dieser Mann erinnerte sie schlagartig an ihr Filmidol Belmondo. Er war nicht sehr groß, schlank und durchtrainiert, und sein vielleicht ehemals ansehnliches Gesicht trug die Spuren vieler Boxkämpfe. Aber gerade das schien Jeanette am meisten zu faszinieren.

Mit federndem Gang kam dieser Mann quer durch den grünen Salon. Der Baron, der Jeanette mehr väterlich als wie ein eventueller Liebhaber begrüßte, machte eine Handbewegung auf diesen Belmondo-Doppelgänger zu und sagte mit dunkler Stimme: „Ich erlaube mir, Sie mit meinem Mitarbeiter Michel Dupont bekannt zu machen.“

Bevor sie ihm noch die Hand gab, wusste sie alles. Denn rein zufällig hatte sie heute morgen noch von Michel Dupont gehört. Le Beau würde er genannt. Ein Landsmann also. Und von ihm war in einem Bericht über die Rettung zweier Badegäste die Rede gewesen, die sich zu weit mit einer lächerlichen Luftmatratze hinausgewagt hatten und in Seenot geraten waren. Mit seinem Hochseemotorboot „El Condor“ hatte Michel Dupont in einer aufsehenerregenden Rekordfahrt die Ertrinkenden erreicht und aufgenommen. Selbst das bestimmt nicht langsame Motorboot der Lebensretter kam erst an, als Le Beau sich schon auf dem Rückweg befand.

„Oh“, sagte Jeanette, „Sie sind der berühmte Lebensretter …“

Le Beau lächelte entschuldigend, ergriff die ihm dargebotene Hand und hielt sie auf seine sehr mitteilsame Weise fest. Und während Jeanette meinte, ein Lavastrom wälze sich von ihrer Rechten bis in den letzten Winkel ihres Körpers, hörte sie Le Beau mit sanfter, leicht vibrierender Stimme sagen: „Vergessen Sie, was in der Zeitung stand. Die Jungs übertreiben. Man tut, was man kann, aber so großartig war es nun auch wieder nicht. Der Anblick jedenfalls, den Sie mir bieten, wird mir auf alle Fälle ewig im Gedächtnis bleiben. Hat Ihnen schon einmal ein Mann gesagt, dass Sie die schönste Frau der Welt sind? – Nein? – Nun, das finde ich brutal. Es hätte längst sein sollen. Sie sind ein Traum, Gnädigste. Oder stehen Sie etwa wirklich vor mir?“

„Oh!“, kam es schwach über ihre Lippen.

Le Beau war schon neben ihr, hielt ihren Arm und raunte ihr zu: „Ich finde Sie ungeheuer schön.“

Es traf sie tief. Einmal, weil sie von Grund auf eitel war. Frauen ihres Typs mussten eitel sein. Außerdem war er genau der Mann, auf den sie flog. Und wenn sie flog, dann tat sie es unvermittelt und ohne Umschweife. Wie ein Kind, das gewohnt war, alle Wünsche erfüllt zu bekommen, war sie nun auch gewillt, sich diesen Wunsch sofort zu erfüllen. Le Beau gefiel ihr. Er war nett. Sie wollte ihn haben.

Der Baron beobachtete beide, als sie sich setzten. Es stand da nämlich eine Tafel – reich mit einem Lunchgedeck fürstlicher Prägung bestückt –, und an ihr nahm man Platz. Der Baron, Robert, Jeanette mit Le Beau, alle vier eskortiert von der Kellnerelite des „Gilbert’s“.

Robert beugte sich zum Baron hinüber und flüsterte ihm zu: „Ich habe eben eine telegrafische Information erhalten. – Fabre hat einen erneuten Schlag bekommen. Man wird es ihr sicherlich auch bald mitteilen. Es steht schlecht um ihn.“

Der Baron nickte nur. Dann sah er zu Jeanette hinüber, die offenbar nur noch Le Beau sah. Der wiederum genoss es, von ihr bewundert zu werden und gab eine Story nach der anderen aus seinem reichhaltigen Repertoire zum Besten. Obgleich er faustdick dabei auftrug, lauschte Jeanette verzückt, als höre sie ein Evangelium.

Der Lunch begann mit Krimsekt, Kaviar, garantiert von Schwarzmeer-Hausen, und Gänseleberpastetchen, für jene, die keinen Kaviar mochten. Le Beau zum Beispiel mochte Kaviar nicht. Er hatte einmal zugesehen, wie russische Fischer sich mit den bis zu neun Meter langen Hausen-Stören Zweikämpfe lieferten und die riesigen Fische mit einer fast irrsinnigen Gier jagten, um jenen Rogen zu bekommen, den man allgemein zumindest mit Silber aufwiegen könnte. Aber das erzählte er seiner Tischdame nicht, auch nicht, wie es aussah, wenn der Kaviar, jener Fischrogen also, aus dem noch zuckenden, gerade gefangenen tonnenschweren Fisch herausgeschnitten wurde. Er war sicher, Jeanette hätte keinen Bissen mehr hinunterbekommen. So aber aß sie, lauschte, als er ihr heitere Geschichten erzählte, kicherte und gackerte wie ein junges Huhn, als er einen Witz verzapfte. Er merkte, dass sie von beispielloser Einfalt war, doch gerade das liebte er an diesem sonst so gut geratenen Wesen Weib.

Le Beau schuf halb gewollt, halb zufällig eine Voraussetzung für das, was der Baron vorhatte. Als man sich mittlerweile bei den gegrillten Kalbsmedaillons befand, die mit einer süß-scharfen Sauce gereicht wurden, gab der Baron Le Beau ein diskretes Zeichen, das der sofort verstand, lächelnd nickte und sich bei Jeanette entschuldigte, sich einem der livrierten Männer zuwandte, die wie kostümierte Catcher aussahen, und dann hören musste, dass man ihn dringend am Telefon aus Sydney, Australien, verlangte. Natürlich war da gar kein Anruf, und Le Beau wusste das auch, denn er sagte prompt: „Ah, der Club der Haifischjäger … in Ordnung, ich komme sofort!“

Und Jeanette zirpte bewundernd: „Oh, Haifischjäger.“

Le Beau sagte, bevor er davoneilte: „Ich erzähle Ihnen nachher, wie diese Jungs aus Sydney und ich die Mordhaie fangen.“

Jeanettes Augen leuchteten, und als Le Beau ging, verfolgte sie ihn mit ihrem Blick bis zur Tür.

Indessen erzählte ihr der Baron mit seiner sonoren Stimme etwas über Le Beau, wie der sein Leben einsetzte, wenn es galt, Bedrängten zu helfen. Und er zeigte ihr Fotos aus aller Welt, auf denen Le Beau zu sehen war, wie er ein krankes Indiokind zum Flugzeug trug oder durch Napalm-Verbrennungen verletzte Vietnamesen durchs seichte Wasser zu seinem Motorboot „El Condor“ führte. Und es waren dies alles keine gestellten Bilder. Es entsprach an sich auch nicht der Art des Barons, solche Dinge aufzuzeigen, aber hier ging es um sehr viel Geld, eigentlich im Grunde darum, ob das letzte Projekt des Barons zu Ende geführt werden konnte oder nach den ersten Erfolgen steckenblieb. Und insofern geschah alles doch zu einem guten Zweck, obschon die Mittel ihm selbst auch nicht sehr fein vorkamen.

Allmählich zeigte er mehr und mehr Bilder von alten Leuten, die einsam und hilflos auf den Tod warteten und dabei noch oft zehn und mehr Jahre vor sich haben konnten. Alte, um die sich praktisch kaum jemand kümmerte.

Le Beau hatte sie in einer anderen Weise verwirrt, aber der Baron, der hier bewusst darauf verzichtete, sie als begehrenswerte Frau zu sehen, sondern sich absichtlich väterlich gab, was nicht ganz seinem Naturell entsprach, machte einen noch tieferen Eindruck auf sie und weckte Empfindungen, die sie in ihrem ganzen Leben nicht gespürt hatte.

Wie nebenbei wurde auf einmal ein Filmprojektor aufgestellt, eine Leinwand entrollt, und während die Bedienung Snacks zu Portwein reichte, wurde das Fenster abgedunkelt, und schon surrte das Vorführgerät, von Robert bedient. Der Film zeigte das düstere Schicksal einer alten Frau und eines alten Mannes, düster bis zu dem Zeitpunkt, da im Film Le Beau auftauchte, die Alten in eine teure Limousine lud und zum Flugplatz fuhr, dort in eine Cessna verfrachtete und endlich zu einem einstigen Hotel auf einer Nordseeinsel brachte, in dem noch an die hundert andere alte Leute wie die Gäste eines Dreisternehotels umhegt und gepflegt wurden. Ein Arzt flitzte zwischen einer ganzen Schar schnuckeliger Mädchen herum, die halb wie Kellnerinnen, halb wie Krankenschwestern aussahen. Aber hübsch waren sie auf jeden Fall. Und nett hatten sie zu sein.

Kaum war dieser Film zu Ende, tauchte Le Beau wieder auf, setzte sich neben Jeanette und sagte leise: „Ist das nicht eine wichtige Lebensaufgabe?“

Sie nickte ergriffen. Aber der Baron hatte noch mehr Filme, und während die liefen und Kinder in Londoner Slums, Berliner Hinterhöfen und Pariser Innenstadtgassen zeigten, Kinder, die noch nie aus ihrer Stadt herausgekommen waren, gab Le Beau dem Baron ein Zeichen. Der Baron stieß Robert sanft an und raunte ihm zu: „Der Notar ist in zehn Minuten hier. Keinen Film mehr!“

 

 

4

„Jeanette“, rief Tamara schrill, „du bist die größte Idiotin, die frei herumläuft!“

Es war Abend. Jeanette war im Bad gewesen und saß, nur mit einem Frotteekittel bekleidet, auf einem der Korbsessel im Vorzimmer. Tamara stand vor ihr.

Jeanette mochte hübsch, reizend, liebenswert und sexy sein. Gegen Tamara verblasste alles an ihr. Dabei war Tamara weder so hübsch wie Jeanette, auch nicht so jung. Aber sie hatte ein Flair, eine Ausstrahlung, die jeden Mann beeindrucken musste und der sich auch eine andere Frau nicht zu entziehen vermochte – eine Ausstrahlung, wie sie nur sehr starke Persönlichkeiten haben. Ob das eine gute, eine vorbildliche Persönlichkeit war, stand dabei auf einem ganz anderen Blatt.

Sie hatte dunkle, im Pagenschnitt gehaltene Haare, ein etwas eigenartiges Gesicht mit großen Augen, etwas zu breiten Backenknochen und einen großen Mund mit vollen Lippen, die eine starke Sinnlichkeit vermuten ließen. Ihre Nase wirkte keck und herausfordernd. Das tiefe Grün ihrer Augen gab dem Blick etwas Sphinxartiges. Ihre Brust war nicht so ausgeprägt wie die Jeanettes, aber die Taille war schmaler, und dafür besaß sie stärkere Hüften, was ebenso wie die kurvenbetonten Beine eine Menge Sex ausstrahlte. Aber es war mehr. Schon wie sie sich kleidete,

zum Beispiel jetzt dieses Silberlamékleid, das wie eine zweite Haut ihren Körper umhüllte. Sie trug das Kleid knapp, etwa bis zwei Handbreit über den Knien, aber nicht so knapp, wie Jeanette sich kleidete. Trotzdem strahlte sie mit diesem Kleid mehr Erotik aus als Jeanette im Mikromini.

Tamara lehnte sich an den Kleiderschrank und sah Jeanette an, die wie ein kleines Schulmädchen, das etwas angestellt hatte, am Finger lutschte und den Teppich anstarrte. Tamara schwenkte ein Schriftstück durch die Luft und sagte: „Man muss sich das mal überlegen! Ich fahre nur einen Tag lang weg, nicht einmal den ganzen Tag, Und du lässt dich von diesem Bauernfänger übertölpeln und unterschreibst so etwas!“

Jeanette richtete sich auf und rief trotzig: „Er ist kein Bauernfänger! Und es ist auch eine gute Sache! Ich bin in seiner Gesellschaft zur Bettung der Bedrängten und Schwachen Mitglied geworden, weiter nichts …“

„Mit einer Einlage von zwei Millionen!“, rief Tamara empört. „Zwei Millionen! Weißt du überhaupt, wie viel das ist? Dein Vater liegt im Sterben, und du wirfst zwei Millionen einfach zum Fenster hinaus!“

Jeanette duckte sich zuerst wie unter Schlägen, doch dann muckte sie auf. Immer hatte sie vor Tamara gekuscht, doch nun rief sie wild und aufbegehrend: „Ich werfe nichts zum Fenster hinaus! Baron Strehlitz hat mir erklärt, was mein Vater Jahrzehnte lang fabriziert hat und wie er reich geworden ist. Oder ist es vielleicht nicht wahr, dass er in Lyon noch heute aufgekaufte Waffenbestände moderner Staaten überarbeiten lässt, um sie dann nach Südamerika, Mittelamerika, Asien und Afrika zu verkaufen? Stimmt es etwa nicht, dass er oft genug, wenn es sich so ergab, zwei Parteien gleichzeitig mit Waffen versorgen ließ, um sein Geschäft zu machen, während aufgeputschte Eingeborene aufeinander losgingen.“

Tamara sah Jeanette verblüfft an. „Wie redest du denn? Meine Güte, dich haben sie ja ganz schön aufgeblasen. – Ja, es stimmt schon, aber was kümmerst du dich darum? Du lebst doch prächtig. Du hast, was du brauchst. Und du wirst auch in Zukunft alles haben. Das Geschäft deines Vaters – und er hat nicht nur Waffengeschäfte, sondern auch Waschmittelfabriken, eine Arzneifabrikation und zwei Textilfabriken – ist ein krisenfestes, auf die Zukunft gerichtetes Unternehmen.“

„Ich will das Waffengeschäft nicht. Ich will es verkaufen, und dann wird die Gesellschaft des Barons auch diesen Erlös bekommen.“

Tamara lachte verächtlich. „Gesellschaft eines Verrückten! Was bringt es denn, für ein paar Alte prächtige Heime mit Hotelkomfort zu bauen? Das tut doch nur ein Idiot! Alte Leute, die sowieso bald sterben, warum denen noch große Kästen hinstellen und sie bedienen wie Lords?“

Jeanette sprang auf. „Auch du wirst alt!“

„Aber nicht in Armut!“ schrie Tamara zurück.

„Weißt du das heute schon?“, fauchte Jeanette, die plötzlich über sich selbst und ihre bisherige Art hinauswuchs.

Tamara schwieg, drehte sich um und trat ans Fenster. „Zwei Millionen“, sagte sie nach einer Weile, und es schien, als spräche sie zu sich selbst. „Zwei Millionen! Einfach so!“

„Nicht einfach so!“, sagte Jeanette. „Sie sind gut angelegt. Für gute Zwecke.“

Tamara nickte. „Ja, er ist fast ein Heiliger, dein Baron Strehlitz! Aber was, zum Teufel, bringt uns das?“

Jeanette sah Tamara verständnislos an. „Bringen? Was soll es bringen?“

Tamara zuckte herum, und in ihrem Blick schienen Flammen zu züngeln. „Alles, was man tut, geschieht doch zu einem Zweck. Und wenn ich Geld irgendwo anlege, muss es neues Geld gebären.“

„Nein. Es muss Gutes anrichten. Dafür ist es da.“

Tamara lachte wild auf. „Er hat Altenheime, er sorgt für Waisenkinder in aller Welt, dieser zweite Dr. Schweitzer. Menschenskind, dem müssten ja Flügel wachsen. Aber dich haben sie eingesackt wie eine Idiotin. Und nach Gangstermanier. Regelrecht überfahren.“

„Zu einem guten Zweck. Er wird davon auch eine Leprastation einrichten.“

„Der Zweck, der die Mittel heiligt, nicht wahr? Aber warte! Die zwei Millionen hat er zwar, aber Glück, nein, Glück bringen die ihm nicht. Dafür sorge ich. Jetzt werde ich das Roulette mal zum Drehen bringen. Und dort, wo die Kugel stehenbleibt, da steht auch der Tod.“

Jeanette, die nichts von dem verstand, sah Tamara ratlos an. Dabei machte sie den Mund auf und wirkte unsäglich einfältig. Tamara aber ging aus dem Zimmer.

Zwei Minuten später befand sie sich nebenan in ihrem eigenen Zimmer und telefonierte. „Mr. Laroche, ja, wir haben hier eine schöne Bescherung …“

Sie berichtete, was sie erfahren hatte, und fuhr dann fort: „Sie hat mir eben erzählt, dass Strehlitz einen Teil des Geldes für diese Leprastation benutzen will, von der letztens schon in der Zeitung geschrieben wurde. Haben Sie da nähere Informationen, Mr. Laroche?“

Der andere Teilnehmer sprach eine Weile, dann erwiderte Tamara: „Aha, in Mittelamerika also. Haben wir da nicht Möglichkeiten?“

Sie bekam eine Antwort, die so gut zu sein schien, dass sie plötzlich zufrieden lächelte und dann entgegnete: „Reynold baut auf eine Revolution? Und könnte dann General Montus Innenminister werden? Sehr gut. Sehr, sehr gut, sage ich, Mr. Laroche. Warum stecken wir ihm nicht so viel Geld und so viel Kriegsmaterial zu, dass er diese Revolution auch gewinnt?“

Die Stimme von Laroche drang laut aus der Muschel. „Ich werde darüber nachdenken. Es ist eine gute Idee. Ich werde mich hinter Montu und seine Revolutionäre klemmen. Reynold will da ein Touristikzentrum aufbauen. Daran beteiligen wir uns. Schafft es Montu, ist Strehlitz erledigt. Und mehr. Wenn es so läuft, wie wir planen, servieren wir diesen Strehlitz und dessen Freunde dann ein für allemal ab. Wie sieht das juristisch mit der Gesellschaft aus, in die Miss Fabre gezahlt hat?“

Tamara überlegte kurz, dann sagte sie: „Dem Vertrag nach ist es so, dass die Gesellschaft neu formiert oder aufgelöst werden muss, wenn zwei der Gesellschafter versterben.“

„Und wie viel Gesellschafter sind es?“

„Sieben. Jeanette kam als achte Gesellschafterin hinzu. Ein Gesellschafter außer Strehlitz ist dieser Dupont. Den man gelegentlich Le Beau nennt.“

„Aha, dann müssen wir zusehen, Tamara, dass Strehlitz und dieser Le Beau baldmöglichst das Zeitliche segnen. Dann haben wir die zwei Millionen wieder. Kümmern Sie sich um die Bank und dergleichen, damit uns das Geld nicht aus den Augen gerät. Und achten Sie auch auf Jeanette. Sie ist die Erbin. Der alte Herr macht es bestimmt nicht mehr lange. Der Arzt spricht von Tagen. Und rufen Sie mich sofort an, wenn Strehlitz sich auf den Weg zu seiner Leprastation macht.“

„Da wird er uns nicht mehr lange warten lassen, Mr. Laroche. Wie ich ihn einschätze, stopft er jetzt mit dem Geld von Jeanette eine Menge Löcher seiner Wohltätigkeit zu.“

„Glauben Sie, Tamara, dass er sich daran bereichert?“

Tamara schüttelte den Kopf und sagte: „Ehrlich gesagt, nein, aber gerade diese Fanatiker sind am schlimmsten. Als ob Alte, Waisen und solche Leprakranken ihm diesen Aufwand je danken würden.“

„Kennt Sie Strehlitz oder einer seiner Mitarbeiter?“, fragte Laroche.

„Nein, persönlich nicht.“

„Rufen Sie an, wenn er losfährt!“, sagte Laroche. „Bye, Tamara!“

„Good bye, Mr. Laroche.“

 

 

5

Baron Strehlitz tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Der Ventilator an der Zimmerdecke surrte, aber es war, als wirble er die glühend heiße Luft nur durcheinander, nicht mehr.

Robert, das Gesicht krebsrot und mit Schweißperlen übersät, sah den Baron an.

Der Baron blickte zu ihm auf. „Sie machen ein Gesicht, als hätten wir schon wieder Geldsorgen.“

Robert schüttelte den runden Kopf. „Nein, das nicht, aber seit wir hier sind, seit wir uns um den Fortgang der Arbeiten um die Leprastation bemühen, Sir, seitdem werden wir von Schwierigkeiten nur so eingehüllt. Dieser Reynold hat mir ganz unverhohlen gesagt, dass er dort sein Touristikzentrum baut, und dass ihm die Leprakranken im Wege sind. Er pfeift auf diese Krepierer, wie er gesagt hat. Dabei sind die meisten schon auf dem Wege der Besserung. Die Ordensschwester, die für die Betreuung sorgt, sagte, dass die meisten wieder gesund werden können. Ihre Arbeit, sagte sie, sei ein Segen in diesem verarmten, zerlumpten Kontinent. – Aber dieser Reynold hat mir noch was gesagt, Sir.“

„Was denn?“

„Es würde bald die Stunde kommen, da wir das Beten lernen würden. Und Sie, hat er gesagt, ganz besonders.“

„Informationen?“

„Es sieht nach Revolution aus. Die dritte in diesem Jahr, Sir.“

„Und Reynold? Hat der etwa damit zu tun?“, erkundigte sich der Baron.

Robert nickte müde. „Und ob. Der reflektiert auf den Posten des Innenministers.“

„Warten wir’s ab. Vielleicht können wir eine Art Rettungsboot für uns vorbereiten. Aber möglicherweise passiert gar nichts.“

Robert zuckte die Schultern. „Das kann ganz schnell gehen …“

 

 

Details

Seiten
133
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942491
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
baron roulette russisches tamara

Autor

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Titel: Der Baron #21: Russisches Roulette mit Tamara