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Der Baron #22: Küss nicht in Soho

©2020 124 Seiten

Zusammenfassung


Der Drehbuchautor Gingers ist verschwunden, und weil Baron von Strehlitz dem Produzenten einer Filmfirma eine Gefälligkeit schuldet, soll Le Beau den Verschwunden suchen. Rasch stellt sich heraus, dass Heli Gingers gute Gründe für sein Abtauchen hat, denn er schuldet unter anderem einigen einflussreichen Leuten viel Geld. Bei der Suche muss Le Beau eine Menge einstecken, denn auch andere Leute suchen Gingers. Als der plötzlich tot ist, wird Le Beau unter Mordverdacht verhaftet.

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #22: Küss nicht in Soho

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

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Der Baron #22: Küss nicht in Soho

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Der Drehbuchautor Gingers ist verschwunden, und weil Baron von Strehlitz dem Produzenten einer Filmfirma eine Gefälligkeit schuldet, soll Le Beau den Verschwunden suchen. Rasch stellt sich heraus, dass Heli Gingers gute Gründe für sein Abtauchen hat, denn er schuldet unter anderem einigen einflussreichen Leuten viel Geld. Bei der Suche muss Le Beau eine Menge einstecken, denn auch andere Leute suchen Gingers. Als der plötzlich tot ist, wird Le Beau unter Mordverdacht verhaftet.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

1

„Was, zum Teufel, wollen Sie hier?“, schrie Joe Maerzberger, nahm den Hörer vom zweiten Telefon und klemmte ihn sich zwischen Schulter und Ohr, während er den Hörer des ersten Telefons auflegte, dann Le Beau ansah und in die Muschel des Telefons bellte: „Was schert, mich ihr Gesicht? In einem Sexfilm interessiert, sich kein Mensch für das Gesicht dieser Puppe. – Was sagen Sie? Eine rote Nase? Verheulte Augen? Ja, zum Teufel, ist denn sonst nichts an ihr geschwollen? Lassen Sie das Prunkstück einmal durch den Puder steigen. Dann wird die verdammte Nase schon wieder hell. Was ist noch? Nun hören Sie aber auf! Ich drehe keinen Kulturfilm, Sie Tasse! Entweder macht ihr jetzt die Aufnahme, oder ich schmeiße euch reihenweise in die Gosse, aus der ihr gestiegen seid.“ Und damit legte er auf, dass es sich anhörte, als sei ein Schuss gefallen.

Maerzbergers Seehundgesicht wandte sich Le Beau zu. „Wer sind Sie denn?“, fragte er im selben bellenden Tonfall, griff nach seiner erloschenen Zigarre und ließ die Asche auf den dunklen Nadelstreifenanzug fallen, als er sie wieder anzündete.

Während er bemüht war, die Asche richtig über Hemd und Anzug zu verteilen, sagte Le Beau: „Schon mal den Namen Baron Strehlitz gehört?“

Die Kugelaugen des massiven Mannes hinter dem Schreibtisch verengten sich jäh. „Aha. Und warum, Sie Komiker, kommt er nicht selbst? Ich hatte ihn um einen Gefallen gebeten und nicht irgendein Würstchen.“

Le Beau blieb ganz ruhig. Er lächelte eisig und fragte: „Sind Sie ein Freund von Krankenhausatmosphäre?“

Maerzberger sah Le Beau mit einem zweiten Blick an und brummte etwas zurückhaltender: „Nun machen Sie sich mal nicht gleich in die Hosen. Es war nicht so gemeint.“

Le Beau wog bestimmt noch nicht die Hälfte von dem, was dieses vergrößerte Schweinchen Dick Maerzberger da auf die Waage brachte. Aber Maerzberger gehörte nicht unbedingt zu den Anfängern. Dass dieser drahtige Franzose dort eine Menge Pep in den Gliedern hatte, wäre ihm beinahe erst zu spät aufgefallen. Doch nun wusste er es und ging ein wenig behutsamer vor. „Warum schickt er Sie?“

„Er pokert seit drei Tagen mit Mulligan.“

„Dem texanischen Ölfritzen?“

Le Beau nickte. „Möglicherweise spielen sie noch ein paar Tage. Für den Baron geht es um zweihunderttausend Dollar, die er Mulligan abnehmen will, wie er ihm versprochen hat. Zweihunderttausend für eine Lichtmaschine, die er in Uganda …“

Sie wurden unterbrochen. Ein blondes Kind, kurvenreich und reif wie eine vom Baum gefallene Orange, tänzelte ins Büro von Maerzberger. Ihr Gesicht war eine einzige Palette der Spektralfarben, und von ihr selbst stammte davon nur das wenigste.

Maerzberger hob die Brauen, sah das blonde Gift forschend an, und in seinen runden Äuglein war alle Skepsis, die ein Produzent von Sexfilmen nur aufbringen konnte.

„Wo brennt es, Schätzchen?“, fragte er lauernd.

„Maezi, jetzt soll ich mich von diesem Kerl …“

„Raus!“, bellte Maerzberger los.

Das blonde Gift ließ den Umhang fallen, der wie Batmans Cape wehte. Und das war, als ginge der Vorhang einer Bühne auf. Schätzchen stand auf einmal in winzigen Slips und einem noch winzigeren BH im Raum, und alles an ihr war so schön, so makellos, dass Le Beau schlucken musste.

Weniger beeindruckt polterte Maerzberger: „Wickle deine Gänsehaut wieder in die Verpackung, Schätzchen, und wenn du in einer Sekunde nicht raus bist, besetze ich die Rolle um. Erst riecht dir Polley zu sehr aus dem Mund, dann behauptest du, er hätte Pickel, und nun willst du mir wohl ankreiden, dass er den Vorzug hat, ein Mann zu sein. Liebchen, du sollst nicht mit ihm schlafen. Das tust du nur mit mir, sonst beziehst du Prügel. Du sollst mit ihm eine Liebesszene spielen, die echt wirkt. Und du sollst sie noch nicht mal im Bett spielen. Du musst also genau das tun, was du als einziges überhaupt zu tun imstande bist. Mehr verlange ich nicht. Wenn du das nicht kannst, nehme ich Su. Und nun überleg es dir!“

Sie fauchte wie eine gereizte Katze, sprach von üblem Dank für soviel innige Liebe, aber Maerzberger hatte längst auf seinen Knopf unter dem Schreibtisch gedrückt, und auf einmal kamen zwei stämmige Damen, die sich gewiss ganz gut als Catcherinnen verkaufen ließen, und Schätzchen trat den Rückzug an.

Maerzberger brannte erneut seine Zigarre an und blies den Rauch mitten in Le Beaus Gesicht. Le Beau revanchierte sich, indem er wie zufällig das Bein ausstreckte und mit spitzem Schuh unter dem Schreibtisch hinweg einen gezielten Stoß auf Maerzbergers linkes Schienbein abgab, das im Gegensatz zu anderen Körperteilen des Dicken keine schützende Fettumhüllung aufwies.

Maerzberger verlor vor Schreck die Zigarre aus der Hand und rutschte bald vom Stuhl. Er brüllte auf, verschluckte sich am eigenen Rauch, und Le Beau sagte strahlend: „Verzeihung, und ich dachte, es wäre das Tischbein.“

Maerzberger kam wieder hoch wie Neptun aus der Grotte, schnaufte voller Rachedurst und sah Le Beau an wie einer jener bösen alten Männer, die in Maerzbergers Filmen sehr häufig vorkamen. Dieser Blick hätte Orson Welles vor Neid erblassen lassen. Le Beau lächelte nur.

„Ich heiße übrigens Dupont, Michel Dupont, aber Freunde dürfen mich Le Beau nennen“, sagte er und grinste noch entwaffnender. „Worum geht es nun?“

Maerzberger schnaufte noch einmal, dann sagte er barsch: „Der Baron hat mir versprochen zu helfen. Also, dann wissen Sie Bescheid, Schaffen Sie mir Gingers wieder her.“

„Kenne ich nicht. Wer ist das?“

Maerzberger sah Le Beau an, als habe der eben gefragt, wer der amerikanische Präsident sei, „Sie wissen nicht, wer Heli Gingers ist?“

Le Beau überlegte. Er dachte an eine Frau, und so konnte er nicht darauf kommen, zumal er auch noch meinte, diese Heli Gingers müsste ein Filmstar sein.

„Tut mir leid, ich kenne keine Heli.“

„Verdammt, Heli ist ja ein verdammt schlapper Typ, aber ein Weib, zum Teufel, ein Weib ist er nun auch wieder nicht. Im Gegenteil.“ Maerzberger schüttelte den Kopf, so verwundert, wie das jemand tut, der sich mit Analphabeten auseinandersetzen muss. „Heli Gingers ist der zur Zeit begabteste Drehbuchautor, den Fernsehen und Film haben. In England. Und Sie kennen den nicht?“

„Ich sehe mir keine Sexfilme an, Mr. Maerzberger …“

Maerzberger drohte zu bersten wie eine Mehltüte. „Sexfilme?“, schrie er. „Heli ist ein Mann der neuen Welle. Ein Meister. Ein Genie. Der dreht mir den besten Film dieses Jahrzehntes. Und er ist weg!“

„Der Film?“, fragte Le Beau trocken, weil er sah, wie es den anderen aufblähte.

„Der Mann, Sie Komiker!“, ereiferte sich Maerzberger heiser. Er trank einen Schluck aus einem Glas, das er irgendwo hinter dem Schreibtisch stehen hatte, wischte sich den Mund ab und plärrte schrill: „Sie sollen ihn herschaffen. Ich habe zwanzig Millionen in diesen Film investiert. Und nun ist Heli weg.“

„Mit dem Drehbuch?“

„Er sollte es ändern. Die Finanzleute wollten das so. Und er musste mir noch für Doris eine Rolle hineinschreiben.“

„Doris ist die Blonde von eben?“, fragte Le Beau.

„Mann, Sie hauen auch alles durcheinander. Doris ist doch Doris Flowers, und die werden Sie doch wohl kennen.“

„Gehört habe ich von ihr. Ihr Profil soll für die Breitwand nicht klein genug sein, habe ich mir sagen lassen. Wenn sie schläft, meint man, vor einem doppelten Kilimandscharo zu stehen.“

„Hören Sie, Dupont, für neckische Einfälle habe ich meine Autoren. Bleiben wir bei der Sache. Die Flowers ist auch weg. Mit ihm, verstehen Sie?“

„Aha.“

Maerzberger knetete die Hände vor Verzweiflung. „Menschenskind, nun lallen Sie nicht immerzu ein Aha nach dem anderen heraus! Tun Sie was! Bringen Sie mir Heli. Die Flowers kann sich ja zur Not noch sauerkochen, aber Heli! Ich muss ihn haben, oder ich muss die zwanzig Millionen an die Geldgeber zurückzahlen.“

„Wie sieht mein Häuptling in dieser Partie aus?“

„Ich habe ihm den Kinderdorffilm gedreht. Umsonst, Dupont, ganz umsonst. Er hat bei mir was im Salz. Aber Sie sehen nicht aus, als könnten Sie‘s mir herausholen.“

„Und wo hat dieser Heli zuletzt gesteckt? Wie sieht der Bursche überhaupt aus? Ich habe da irgendwie in der Schule gefehlt, als über ihn gesprochen worden ist. Tut mir leid. Gibt es ein Foto oder sonst ein Denkmal von ihm?“

„Mrs. Harper hat, was Sie brauchen. Fragen Sie meine Sekretärin. Zuletzt hat sie mit Heli gesprochen. Am Telefon. Da war er irgendwo in einem Restaurant, einem von diesen stinkfeinen französischen. Der hatte es ja damit, französisch zu leben. Sogar im Bett, dieser verdammte Bock.“

„Sie schätzen ihn offenbar weitaus geringer ein als die zwanzig Millionen“, meinte Le Beau gehässig. „Da liege ich doch offenbar richtig, wie?“

Ohne darauf einzugehen, fuhr Maerzberger fort: „Sie sollten Mabel Hunter fragen, Mabel ist die Schwester von Doris. Sieht ganz nett aus, ist aber gemeingefährlich intelligent und auch sonst eine ziemliche Spinatwachtel. Also entweder ist die scharf wie ein Rasiermesser oder hat‘s mit ihresgleichen. Aber sie wird wissen, wo Doris steckt. Und wenn Sie das haben, finden Sie auch Heli. Der wird nicht wollen. Es ist Ihre Sache, dass er kommt. Irgendwie. Meinetwegen in Vollnarkose, aber lebend. Um Himmels willen lebend!“

„Ich verstehe. Und warum tut das kein Privatdetektiv für Sie? Müssen Sie sparen und tun schon keine Milch mehr in den Kaffee, oder gibt es sonst zwei, drei Gründe, weshalb das auf dieser Ebene laufen soll?“

Maerzberger blickte nervös auf die Uhr. „Hören Sie, Dupont, ich will kein Aufsehen und keinen Wirbel. Ich wollte den Baron um Hilfe bitten. Weil ich dann weiß, dass alles klaglos erledigt wird. Ein Mann von Format. Tun Sie also bitte, was möglich ist und treten Sie nicht zu viel Staub in die Atmosphäre.“

„Also doch Sparflamme, nicht wahr?“

„Nein!“, schrie Maerzberger. „Aber diese Privaten sind doch in der Regel Hornochsen und fragen überall die Leute, bis ein ganzer Stadtteil erfährt, worum es geht. Ich will, dass Sie es astrein machen.“

„In Ordnung, ich werde …“

Maerzberger wischte mit der Hand durch die Luft. „Am nächsten Montag, heute in vier Tagen, sitzen die Finanzleute bei mir. Da muss ich ihnen Heli mitsamt den Änderungen auf den Tisch legen. Ist das bei Ihnen angekommen, Dupont? Am Montag! Sie haben vier endlos lange Tage Zeit, ihn mir herzuschaffen. Ich wünsche eine nette Zeit. Schade, dass Sie jetzt gehen müssen!“

 

 

2

Le Beau hatte London noch nie geliebt, obgleich er jetzt allen Grund dazu gehabt hätte. Dieses London war eine Seltenheit. Die Sonne strahlte. Alle Bäume wetteiferten darin, grüner als der andere zu sein. Die Leute machten Gesichter, als hätten sie im Pferdetoto auf Sieg gewonnen. Kein Nebel, kein Regen, kein düsterer Asphalt. London strahlte wie eine goldene Stadt. Und es war, als gäbe es nichts Bunteres als die vielen gelackten Blechschachteln, die zwischen Haymarket, Regent Street und Piccadilly auf dem Piccadilly Circus kreiselten wie auf einer Scooterbahn. Und die riesigen Plakate Sohos leuchteten von den Wänden und den Dächern. Über allem ein strahlend blauer Himmel, ohne eine Wolke.

Aber er hasste diese Stadt so sehr, wie er Paris liebte. Trotzdem musste er Mabel Hunter finden, und er fand sie. In einem der neuen Apartmenthäuser, die man anstelle abgerissener Biedermeierbauten hingepflanzt hatte wie Bunker in einen japanischen Park, bewohnte sie eines der Apartments. Neunter Stock, und der Lift baggerte Le Beau nach oben.

Was dann die Tür öffnete, nachdem Le Beau geklingelt hatte, sah aus wie zwanzig, war sicher älter, hatte die Figur, deren Anblick einen männlichen Autofahrer jäh auf die Bremse steigen lässt; das Haar wogte ihr nur so in leuchtendem Rotbraun über die weißen Schultern.

Le Beau stellte sich vor und fügte hinzu: „Sind Sie vielleicht Miss Hunter?“

Sie musterte ihn von oben nach unten, dann wieder umgekehrt. In ihrem Blick lag die Erfahrung einer Frau, die ein belegtes Brot von einer trockenen Schnitte unterscheiden kann. Nachdem sie damit fertig war, sah sie Le Beau in die Augen. Sie trug übrigens eine Brille mit dunklem Gestell.

„Ja“, sagte sie mit einer Stimme, über die mancher dieser quäkenden Sänger im Fernsehen stolz gewesen wäre, so tief war sie. „Ja, ich bin Mrs. Hunter. Nicht Miss. Und was wollen Sie?“

„Maerzberger möchte seinen goldenen Fisch wiederhaben. Ich nehme an, Sie wissen, wo Ihre Schwester ihn gerade frühstückt.“

Sie sah ihn an wie ein Professor einen unartigen Schüler. „Sonst noch was?“

„Nein, sonst nur noch eine Winzigkeit.“ Er betrachtete sie, und zwar vom Hals an abwärts. Da trug sie ein Silberlamèkleidchen, das im Grunde weniger war als nichts, denn es verbarg praktisch nichts. Bis auf die idiotische Brille war die Kleine ausgesprochene Markenware, und Le Beau fragte sich, wie Maerzberger auf den blödsinnigen Einfall gekommen sein mochte, dieses Herzchen eine Spinatwachtel zu nennen. Aber er war gerade bei dieser Überlegung, da erfuhr er schon die Antwort auf seine insgeheime Frage.

„Hören Sie mal, Sie Spaßvogel, meinen Sie nicht auch, er hätte es durchs Telefon von mir hören können, was er wissen will?“

„Ja, das ist eine Idee! Von dieser Erfindung wusste ich bis heute gar nichts. Danke, dass Sie mich vorbeigelassen haben“, sagte Le Beau und schob sie, bevor sie begriff, zur Seite und war im Korridor.

Er schubste mit dem Fuß die Tür zu, und da fauchte sie ihn schon an: „Sagen Sie mal, sind Sie vielleicht in einem überheizten Backofen groß geworden, Sie abgebrochener Riese? Gegen Ihr Hirn hat ja eine Grasmücke geradezu eines von Maxiformat. Oder hat Ihnen noch niemand gesagt, dass es Hausfriedensbruch ist, was Sie hier tun?“

„Nie gehört, was das ist“, erwiderte Le Beau grinsend. „Übrigens habe ich in der Hitze draußen unverschämten Durst bekommen. Nichts zu trinken in diesem stinkfeinen Schuppen?“

Er marschierte aus dem Korridor ins große Wohnzimmer. Da roch es nach Chanel Nr. 5 und so ein bisschen auch nach … na ja, nach Mrs. Mabel Hunter eben, und für Le Beau war das im Grunde ein noch angenehmerer Duft als Chanel Nr. 5. Er betrachtete die recht anmutig aufgestellten Habseligkeiten, die nicht nur geschmackvoll wirkten, sondern auch Persönlichkeit ausstrahlen sollten. Das taten sie sogar. Und Bilder gab es. Gute Bilder. Im Glasschrank standen Bücher, die offenbar auch gelesen wurden. Jedenfalls sahen sie abgegriffen aus und nicht nach zehn Meter Schiller, um Intelligenz vorzuspiegeln.

Le Beau drehte sich um. Mabel lehnte am Türpfosten und sah ihn an wie jemanden, den man gewähren lassen muss, um ihn nicht zu reizen.

„Haben Sie das öfter?“, fragte sie.

Er ging zum Schrank, wo er die Flaschen sah. Eine richtige Bar war es nicht, aber die Flaschen verrieten gute Flüssigkeiten. „Einen Nizza-Flip?“, fragte er. „Es ist alles dazu da.“

„Stirbt man dann unter Schmerzen, oder geht es schnell?“, fragte sie.

„Sie werden nach dem Genuss dieses einmaligen Drinks feststellen, dass es nichts gibt, was schöner ist, als Le Beau zu lieben.“

„Aha. Und wer ist Le Beau?“, fragte sie interessiert.

„Ich natürlich.“

Sie musste schlucken und meinte dann trocken: „Ihr Arzt scheint auch nicht viel zu taugen. Dass er dagegen noch nichts gefunden hat …“

Er sah sie an. Mein Gott, dachte er, mit diesem wunderbar geformten Stück Fleisch leben, lieben und an nichts weiter denken. Und das für eine Woche. Statt nach ihrer Schwester und diesem Fatzke Heli zu suchen. Dem Foto nach, das er von Heli besaß, schien das ein schönes Früchtchen zu sein.

„Ich habe keinen Arzt“, sagte er ruhig. „Ich gehe nur zu Ärztinnen. Schon von wegen der Dankschreiben. Ich sammle welche. Außerdem kostet es hinterher nie was. – Um von Doris Flowers zu sprechen und von diesem Heli-Boy: Wo ziehe ich mir die beiden an Land?“

Sie nahm den Drink, den er für sie gemixt hatte und roch daran. „Hm, nicht übel. – Tja, weil Sie von Heli reden … schwer zu erklären.“ Sie warf ihm einen Blick zu, als könnte sie ihm schwierige Denkvorgänge unmöglich zumuten. „Sind Sie Detektiv?“

„Amateur, und auch das nur auf Zeit. Also, wo steckt der liebe Junge?“

„Das ist ziemlich schwierig.“

Le Beau nickte sachverständig. „Schwierig? So, als wenn man sich in einem Fiat 500 liebt, was?“

„Sie sind ziemlich gemein, aber dafür sind Sie auch Franzose. Können Sie am helllichten Tage eigentlich auch mal etwas anderes denken?“

Le Beau griente breit. „Warum denn? Sie denken doch auch dran. – Aber erst die Arbeit, dann die Liebe. Wo haben wir Heli-Boy nun?“

„Er ist jetzt …“ Sie sah auf die Wanduhr. „Hm, jetzt wird er ungefähr in den Kanälen sein.“

„In England? In Wales?“

Sie schüttelte den Kopf und meinte mit einem Schuss Arroganz: „Nein, in Holland natürlich.“

„Natürlich. Zu Fuß, mit dem Schlauchboot oder wie?“

Sie lachte, trank und sagte leise: „Huh, das ist ja einer, der geht bis in die Zehen! – Tja, sie sind mit dem Boot, mit Helis Jacht, aber da sind sie schon heute Abend nicht mehr. Heli hat ein Haus in Holland. Auf dem Lande. Ganz kleines Nest, und das Haus war früher mal so etwas wie ein Herrensitz oder so. Mühlen gibt es da auch. Wunderbar romantisch.“

„Und da sitzt Heli mit Doris.“

„Ja, wenn es ihm gefällt. Vielleicht ist er wieder weiter.“

„Was kommt da in Frage? Nicht zufällig aufgrund persönlicher Beziehungen zu Wernher von Braun ein kleiner Wochenendflug zum Mond oder so?“

„Mixen Sie mir mal noch einen, der war gut“, sagte sie und reichte ihm ihr Glas. „Tja, wenn sie nicht in seinem holländischen Haus sind, dann können sie nur bei den Peraches sein. Die leben auf einem Chateau in Frankreich. Irgendwo in der Auvergne oder so …“

„Dieser Heli scheint mitunter auch vernünftige Regungen zu entwickeln. Also Frankreich. Nun ja, oder gibt es sonst noch siebenunddreißig Möglichkeiten?“

„Nein, höchstens, dass er wiederkommt. Wenn sie sich gestritten haben. Aber dann kommt Doris immer noch früher, weil sie‘s ja so einrichtet, dass er sich schuldig fühlt.“

„Das interessiert mich herzlich wenig. – Was tut ein Goldstück wie Sie so über die nächsten Tage?“

„Bei dem Wetter? Sonnen, träumen, lesen, einen Martini trinken, Musik hören, auch mal ausschlafen … Eben lauter vernünftige Sachen.“

„Liebe auch? Oder ist da nichts drin?“, fragte er trocken.

„Ich habe gesagt: vernünftige Sachen.“

„Ich wüsste nicht, was vernünftiger wäre als Liebe. Make love not war. Darf ich Ihnen das einmal praktisch beweisen?“, fragte er und stand schon neben ihr.

Sie wich ihm aus. „Benehmen Sie sich bitte nicht so albern!“, fauchte sie kratzbürstig. „Bis jetzt haben Sie wenigstens andeutungsweise den Eindruck eines normal veranlagten Menschen gemacht.“

„Fallen Sie keiner Selbsttäuschung zum Opfer, Mabel.“

Sie zuckte zusammen und fuhr ihn wütend an: „Mabel? Habe ich Ihnen jemals erlaubt, mich beim Vornamen zu nennen? Nun aber raus mit Ihnen, Sie kleiner Schnüffler!“

Aber ob sie das nun nicht ganz so ernst meinte, oder dann doch noch vor ihrem eigenen Mut Angst hatte, jedenfalls begnügte sie sich damit, eine ihrer schlanken Vasen zu packen, sie hochzuheben und so, einem Denkmal auf einem der vielen Plätze im Hyde Park gleich, stehenzubleiben.

Le Beau war mit einem Husch bei ihr, hatte ihren ausgestreckten Arm, der die Vase hielt, umfasst, als wollte er ihn stützen, und mit der Rechten umschlang er Mabels linke Schulter und den Oberarm, hielt mit der Hand ihren Kopf und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, bei dem Mabel die Sterne des Orients sah. Ihrer beiden ausgestreckte Arme sanken nach unten, Mabel beugte den Kopf zurück, und nachdem sie anfänglich versucht hatte, die Lippen zuzupressen, gab sie schließlich auf und öffnete den Mund.

Le Beau spürte mit einem Male die wilde Leidenschaft, die er von Anfang an in dieser Frau vermutet hatte. Und sie strömte ihm so heiß und inbrünstig entgegen, dass er meinte, mit Mabel zu verschmelzen.

Doch plötzlich spürte er einen scharfen Schlag auf den Hinterkopf, bekam mit einem Male butterweiche Knie, alles schien sich um ihn zu drehen, und dicht vor sich sah er Mabels große, überrascht blickende Augen, die von oben her auf ihn blickten, sich immer weiter entfernten und dann in diesen kreisenden Wirbel gerieten. Zuletzt sah er gar nichts mehr. Und wie aus endlos weiter Ferne hörte er eine Männerstimme sagen: „Den hat Maerzberger geschickt, dieser verdammte Abkocher.“

 

 

3

Das erste, was Le Beau sah, als er erwachte, war eine Nebelwand, in der wie eine riesige Spinne jemand herumkrebste. Und gleichzeitig hörte er ein merkwürdiges Rauschen.

Allmählich verflog der Nebel, und Le Beau merkte, dass es kein richtiger Nebel war, sondern nur eine Blicktrübung. Die Gestalt, breit und massig, kam ihm bekannt vor. Und sie krebste auch nicht herum, sondern ging auf und ab, schlenkerte etwas die Arme und hielt den Kopf gesenkt. Ein Kopf, der praktisch ohne viel Hals auf einer Speckwulst von Schultern saß. Der Mann trug nur eine Badehose, die sich wie ein riesiger Trichter an dem bauchigen Leib ausnahm.

Die Figur, der Kopf, das Schweinchen-Dick-Gesicht, das gab es zwischen London und Sydney nur einmal in dieser Art.

„Hallo, Maerzberger!“, krächzte Le Beau. Aber er hörte sich selbst kaum, so leise war es herausgekommen. Le Beau hatte das Gefühl, eine ganze Kloßmahlzeit im Hals stecken zu haben.

Maerzberger hatte ihn auch nicht, gehört, sondern ging weiter im weichen Sand auf und ab. Und nun wusste Le Beau auch, wo das Rauschen herkam. Es war das Meer, das gleichmäßig anrollte. Sie befanden sich am Strand, und es war früher Abend. Die Sonne tauchte das Meer in einen feurigen Glanz, und es schien, als züngelten Flammen dort, wo sich die Schaumkronen der anrollenden Wellen bildeten.

Le Beau hatte wenig Sinn für diese malerische Pracht. Sein Kopf dröhnte und summte. Er begriff immer noch nicht, wie er hierher gekommen sein konnte, und vor allem, was Maerzbergers Anwesenheit zu bedeuten hatte.

Mühsam richtete er sich auf. Dabei war ihm, als flösse Blei in seinen Schädel. So ganz allmählich begann er sich zu entsinnen, aber nur bis zu dem Kuss. Danach fehlte ihm alles. Er wusste nichts mehr von der Männerstimme, die er gehört hatte, und so neigte er dazu, Mabel mit dem Schlag auf den Kopf oder wie sonst er besinnungslos geworden sein mochte, in Zusammenhang zu bringen. Eine jähe Wut auf die Frau kam in ihm hoch, und er war entschlossen, ihr deshalb noch einmal zu begegnen.

Da sah er, wie Maerzberger stehenblieb, zu ihm herübersah und dann auf den für seinen massigen Körper geradezu lächerlich dünnen Beinen näher kam.

„Na, sind Sie endlich wach? Haben die Sie vor den Zug geschmissen oder mit dem Kopf in Äther getaucht? Auf alle Fälle haben Sie uns ja eine feine Schweinerei eingebrockt, Dupont!“

Le Beau sah ihn an wie ein sterbender Fisch. „Sonst noch was?“, fragte er heiser.

Maerzberger stemmte seine Wurstfinger-Hände in die Schwämme an seinen Hüften und polterte: „Sie sind vielleicht ein Volltreffer, Mann! Wissen Sie, wo die uns hingebracht haben?“

Le Beau meinte, in seinem Kopf wäre ein Fußballspiel im Gange, so rumorte es. Unter Schmerzen blickte er nach links aufs Meer, dann nach rechts, wo sich Felsen erhoben. Merkwürdigerweise hing ein paar Meter hoch an den Steilwänden Tang. Und da begriff Le Beau.

„Ist jetzt gerade Ebbe?“, fragte er.

„Sie sollten mit soviel hellseherischem Können auf Tournee gehen. Ja, es ist Ebbe, Sportsfreund, und in sechs Stunden geben wir hier entweder als olympiaverdächtige Schwimmer eine Vorstellung, oder wir füttern ein bisschen die Fische. Seit dem letzten Krieg sind die Aale hier ohnehin zu kurz gekommen. – Ist Ihnen nicht gut?“

„Nein“, erwiderte Le Beau mürrisch, „ich habe mich lange nicht so prächtig gefühlt. – Haben Sie schon den Strand abgesucht, Maerzberger? Kann man nirgendwo dort rauf?“ Er deutete zum Felsen empor, ohne hinaufzusehen.

„Ich habe nichts gefunden. Nur diesen Strand hier unten, und der reicht nicht weit. Dort hinten ist Ende damit. – Wollen Sie nicht wissen, wie Sie und ich hergekommen sind?“

„Vermutlich mit einem Boot.“

„Stimmt. Und das ist jetzt schon gut eine Stunde oder noch länger her. Seitdem ist unser Strand bereits eine ziemliche Ecke kleiner geworden, und in zwei Stunden stehen wir mindestens bis zum Bauch im Wasser, mein Junge. Es waren zwei muntere Burschen, die uns hergebracht haben. Den einen kenne ich und kann mir deshalb so ein bisschen denken, wem wir das verdanken. Der andere war mir fremd. Und Sie hatten die beiden schon in ihrem Boot, als sie mich hinschleppten.“

„Geht es in Ihren Filmen auch so durcheinander? Vielleicht versuchen wir mal etwas Ordnung in Ihre Story zu bringen“, sagte Le Beau. „Sie wurden wann und wo und von wem geschnappt?“

Der Dicke blickte skeptisch aufs Meer, das drohend anrollte, dann kauerte er sich neben Le Beau. „Ich bekam einen Anruf. Jemand sagte, dass Sie in Soho steckten und mit Shirley im Bett lägen.“

„Ich? Mit Shirley? Wer ist Shirley?“

„Der Fratz, den Sie bei mir gesehen haben. Die Blonde.“

„Aha. Die Sie Maezi nennt.“

„Ja, tut sie immer. Ich also los.“

Le Beau lachte wild. „So verrückt sind Sie auf dieses kleine Dummchen. Haben Sie nicht manchmal Angst vor ‘nem plötzlichen Herzinfarkt? Ich meine, solche Bienen zieh‘n doch ganz schön an der Substanz, oder nicht?“

Maerzberger machte ein Essiggesicht, doch dann fuhr er fort: „Wie ich hinkomme, wo Shirley wohnt, da tauchen die beiden plötzlich auf, drücken mir ihren Ballermann zwischen die Rippen und …“

„Sie scherzen, Maerzberger, so lang ist kein Pistolenlauf, dass man damit bei Ihnen bis zu den Rippen durchkommt.“

„Lassen Sie den Blödsinn, es geht hier ums nackte Leben, oder haben Sie das noch nicht begriffen?“

„Hört sich an wie aus einem Ihrer Filme. – Maerzberger, sehen Sie den Felsen an! Wenn wir beide oben sind, wiegen Sie ein paar Pfund weniger, aber wir kommen hinauf. Wir müssen hinaufkommen. Nun spucken Sie sich mal in die Hände! So weich wie der Popo von Shirley ist der Felsen natürlich nicht, und an dem können Sie auch nicht im Liegen herumpatschen. Also, ziehen Sie sich Ihre Schuhe an und spielen Sie hier nicht den Bahamaurlauber.“

„Sie Witzbold, die Schuhe haben die mitgenommen. Auch Ihre.“

Le Beau blickte verblüfft auf seine Füße, deren Zehen ihm bar jeder Umhüllung entgegen strampelten.

„Hm, dann werden Sie nicht nur ein paar Pfunde verlieren, Maerzberger, sondern auch noch ein paar Fetzen Haut. Aber die wächst nach. Packen wir‘s also!“

Maerzberger schaute an der Steilwand und ihrem schroffen Gestein empor wie am Empire State Building in New York, und er macht ein Gesicht, als habe man ihm zugemutet, an der Außenwand zum zum 93. Stockwerk emporzuentern.

„Maerzberger, die Wand ist nur zwanzig Meter hoch, oder vielleicht nur fünfzehn. Senkrecht ist sie auch nicht, nur eben etwas steil. Nun flennen Sie nicht, versuchen Sie‘s ganz einfach.“

„O du lieber Gott!“, stöhnte Maerzberger.

 

 

4

Maerzberger war so nass, als hätte er gebadet. Aber statt Meerwasser rann salziger Schweiß über die Fettgebirge seines Körpers. Das ohnehin spärliche Haar klebte ihm am Schädel. Der Kopf war rot wie gesottenes Krebsfleisch, und aus dem Mund hing ihm die Zunge, dass Le Beau fürchtete, sie könnte ihm noch ganz herausfallen.

Sie waren etwa fünf Meter über dem Sand … oder wo vor einer Stunde noch Sand gewesen war. Ohne Maerzberger wäre Le Beau schon zweimal oben angelangt, aber er musste den feisten Mann stützen und halten, sonst wäre Maerzberger in die unter ihnen schäumenden Wogen geklatscht. Die Flut nahm zu, mit jeder Minute mehr, und auch Le Beau war der Spaß vergangen. Denn Maerzberger war so ungefähr das Unsportlichste und Hilfloseste an dieser Felswand, das denkbar wäre. Eine riesige Qualle, an diese Felswand gepappt, hätte nicht anders gewirkt. Ohne Le Beau läge Maerzberger schon unten. Verblüffender weise hielt er sich aber trotz allem tapfer oder mit einer Art Fatalismus. Er jammerte nicht, er schimpfte nicht, er schwitzte nur und machte tolpatschige Versuche, sich festzuhalten. Aber meist geriet dann Le Beau in noch größere Gefahr, zusammen mit diesem Fettberg ins Meer zu stürzen. Und bald würde die Flut sie erreicht haben. Denn jetzt befand sie sich schon gut zwei Meter über dem Sand, von dem aus die beiden vorhin losgeklettert waren, und sie stieg zusehends.

„Es geht nicht mehr“, keuchte Maerzberger. „Lassen Sie mich, Dupont, die Aale wollen auch was haben.“ Er versuchte zu grinsen, aber dabei rann ihm Schweiß in die Augen, und er verzog das Gesicht.

„Hören Sie auf, verdammten Blödsinn zu reden!“, schimpfte Le Beau. „Über uns, nur einen Meter höher, da ist eine Spalte, dort können wir uns länger halten. Sie könnten allein warten, während ich hinaufklettere und Hilfe besorge. Nur diesen Meter noch!“

Maerzberger musste erst im Geiste umrechnen, wie viel Fett das ausmachte, denn die Meterberechnung war ihm nicht geläufig. Dann aber sagte er: „Sie könnten auch sagen, dass es nur noch ein oder tausend Meilen sind bis zu Ihrem Riss. Ich schaffe keine Handbreit mehr, Dupont.“

„Nun reißen Sie sich mal am Riemen, Mensch!“

„Lassen Sie los, Dupont, lassen Sie mich einfach los! Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig, fix und fertig …“

„Du verdammter alter Kloß, willst du dich endlich festhalten! Hast du Shirley ganz vergessen? Heh, bei der hast du doch auch Kraft gehabt, wie?“

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942453
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
baron küss soho

Autor

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Titel: Der Baron #22: Küss nicht in Soho