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Der Baron #23: Der mörderische Schmuck

©2020 124 Seiten

Zusammenfassung


Monsieur Lapache, der Innenminister, ist nicht überzeugt von der Hellseherei Sabellos. Er benötigt einen weiteren Beweis, mit dem er aber viel mehr bezweckt. So überredet er Alexander von Strehlitz für eine bestimmte Zeit den Posten des Kommissars zu übernehmen. Und schon hat der Baron es mit einem Mord und dem Raub eines wertvollen Schmuckstückes zu tun …

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #23: Der mörderische Schmuck

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

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23

Der Baron #23: Der mörderische Schmuck

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Monsieur Lapache, der Innenminister, ist nicht überzeugt von der Hellseherei Sabellos. Er benötigt einen weiteren Beweis, mit dem er aber viel mehr bezweckt. So überredet er Alexander von Strehlitz für eine bestimmte Zeit den Posten des Kommissars zu übernehmen. Und schon hat der Baron es mit einem Mord und dem Raub eines wertvollen Schmuckstückes zu tun …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

 

Prolog

Hellseher sagt Lösung von Mordfall voraus

Paris (eig. Meld.) Sasbello, der durch seinen Auftritt im Fernsehen kürzlich bekannt gewordene Wahrsager und Hellseher, wurde von der Pariser Kripo auf die Probe gestellt. Während die Fahndung nach dem Mörder von Montmartre, dem sogenannten „Morgengrauen-Mörder“ noch voll im Gange war, sagte Sasbello dem Innenminister präzise voraus, wann und wo der noch unbekannte Mörder gefasst würde, und wer derjenige sein sollte, der ihn stellen würde, nämlich kein Berufskriminalist, sondern ein bekannter Ausländer. Den Namen sagte Sasbello allerdings nicht. Genau zwanzig Stunden nach dieser Voraussage und zwar pünktlich zur von Sasbello angegebenen Zeit, stellte der auch in Paris wegen seiner Hilfsaktionen bestens bekannte Baron von Strehlitz nach einer aufregenden Verfolgungsjagd den „Morgengrauen-Mörder“. Es handelt sich dabei um einen aus einer Anstalt für Geisteskranke entsprungenen 33jährigen Mann, dessen kranker Geisteszustand nicht ohne weiteres zu erkennen war.

 

 

1

„Es ist ein Trick!“, rief Monsieur Lapache, der Innenminister. Und er ließ seine nervigen Finger wie die Beine einer Balletteuse auf dem Aktendeckel tanzen.

Die beiden Männer, die dem leicht ergrauten Lapache gegenübersaßen, machten skeptische Gesichter. Und dann sagte Kommissar Roux etwas pikiert: „Mein Herr Minister, es besteht nicht der geringste Hinweis, dass Sasbello irgendwie und auf irgendwelche Weise im Zusammenhang mit den Morden und dem Mörder steht. Wir von der Pariser Kripo wissen, dass Sasbello weder den Geisteskranken selbst, aber ebensowenig den Häscher kannte. Das heißt, er hat von Baron Strehlitz gehört, wie eben viele im Zusammenhang mit Kinderdörfern und Altenheimen von ihm gehört haben. Seine Goodwill-Aktionen sind ja bekannt. Aber persönliches Kennen ist nicht drin. — Herr Minister, ich verbürge mich dafür. Ich kenne Baron Strehlitz schon sehr lange. Wir sind Freunde. Er hätte das Zeug zum Kriminalisten, und dieser geistesgestörte Mörder ist ihm nicht irgendwie in die Hände gelaufen. Baron Strehlitz hat zudem von Sasbellos Voraussage nichts gewusst, nicht wissen können, nicht einmal von mir, denn ich wusste ja selbst erst eine Stunde vor der Aufdeckung des Mordfalles von dieser Voraussage. Sie wussten es die ganze Zeit, denn Ihnen hat Sasbello ja diese Hinweise gegeben.“

„Und wie“, fragte Lapache, „ist Baron Strehlitz an diesen Mörder gekommen?“ Er blickte kurz zum Polizeipräfekten, einem hageren, dunkelhaarigen Mann mit Goldrandbrille, ein Technokrat, ein wandelnder Computer, aber nicht das, was sich Leute normalerweise unter Polizeipräsidenten vorstellen. „Was sagen Sie denn dazu, mein lieber Roche?“

„Hören Sie sich bitte Kommissar Roux an! Seine Ermittlungen sind mir bekannt und erklären alles.“

Lapache nickte und wandte sich wieder Roux zu, der untersetzt und glatzköpfig mit seinem Bart einem Seehund ähnelte, in Fachkreisen als As und in Gaunerkreisen als unnachsichtiger Verfolger und Kenner des Milieus gewertet wurde.

„Baron Strehlitz hatte erfahren, dass ein alter Mann, der zuvor bei ihm in einem der Altenhotels geweilt hatte, die Baron Strehlitz überall in Europa errichtet hat, dass dieser alte Mann also vom Morgengrauen-Mörder umgebracht worden war. Das ist der letzte uns bekannte Fall gewesen. Damals rief mich Strehlitz an und sagte: ,Den Schuft fange ich! Was ist mit der Pariser Polizei los?‘ Nun, da hielt ich seine Worte noch für einen halben Scherz. Doch er mietete sich im Bereich ein, wo die Morde passiert waren, also im östlichen Montmartre. Er lebte da genau fünf Tage. Dann war der Mörder wieder unterwegs, und Strehlitz schnappte ihn, bevor er einen neuen Mord ausüben konnte. Es war nahezu genial, wie Strehlitz das eingefädelt hatte, die Falle zu legen.“

„Vielleicht glückliche Umstände“, meinte Lapache.

„Hm, und meines Erachtens hart an der Grenze des Erlaubten“, meinte Roche.

Lapache wurde hellhörig.

„Wieso?“ Er sah Roche scharf an, und der blickte scheinbar schüchtern durch seine Goldrandbrille und sagte: „Baron Strehlitz hatte eine Waffe und keine Genehmigung dazu.“

Lapache lachte befreit auf.

„Und das ist alles? Mann, Paris hat eine Polizei, und die hat zwar eine Genehmigung, aber den Mörder, den kriegte sie nicht. Hören Sie doch damit auf, lieber Roche! — Kommissar Roux, ich finde, solche Leute wie Baron Strehlitz sollte man sich warmhalten. Hat er die Belohnung bekommen, die auf die Ergreifung ausgesetzt war?“

„Hat er bekommen und sofort für eines seiner Hilfswerke verwendet.“ Roux lachte. „Er sagte noch, davon könnte er wieder zehn Waisenkinder in seinem Schweizer Kinderdorf unterbringen.“

„Sagen Sie mal ...“, Lapache kraulte sich am Kinn und verzog das Gesicht, als dächte er scharf nach, „... war da nicht mal etwas mit einem Grundstück. Jetzt erinnere ich mich. Er wollte doch mal diese ehemalige Polizeikaserne mieten. Auf neunundneunzig Jahre oder so. Richtig, es fällt mir ein. Er wollte eine Turn- und Gymnastikschule für Körperbehinderte darin einrichten. Ja, so war es. — Wissen Sie, Roche, ob er das Ding bekommen hat?“

Roche zuckte die Schultern, griff zum Telefon und sprach kurz mit einem seiner Beamten. Wenig später sagte er, während er auflegte: „Er hat sie nicht bekommen. Das Gelände und die Gebäude sollten versteigert werden. Sie haben das selbst so angeordnet, Herr Minister.“

Lapache drückte auf die Klingel. Eine etwas ältliche, griesgrämige Sekretärin kam, und Lapache fragte sie schroff: „Die Akte von der Polizeikaserne in der Rue des Granges! Sehen Sie nach, ob das in unserer alleinigen Kompetenz steht!“

Die Sekretärin ging, und während sie weg war, sagte Lapache: „Wenn wir darüber hier im Innenministerium allein verfügen können, dann will ich es wissen. Ich werde ein gutes Werk tun, gleich zwei. Hören Sie zu, Roche, auch Sie, Kommissar! Ich glaube, dass es ein Trick war, ein Trick, den dieser Baron Strehlitz und Sasbello ausgekocht haben. Gemeinsam, versteht sich. Nun, wenn es so ist, wird sich das zeigen, und dann sind die beiden blamiert. Geht es aber korrekt zu, dann tun wir für Paris, aber auch für die Sozialpläne dieses Barons etwas Gutes. Ich werde mir Sasbello und diesen Baron kommen lassen. Und ich werde noch einmal eine Voraussage von Sasbello verlangen. Und der Baron soll den Täter fassen.“

„Herr Minister, das geht nicht in jedem Fall!“, wandte Roux ein. „Mit dem Morgengrauen-Mörder war das möglich, aber irgendein x-beliebiger Fall lässt sich ohne die Hilfsmittel der Polizei für einen Laien nicht einfach zu lösen. Ich kenne von Strehlitz gut, aber ein Übermensch ist der nicht, nur ein scharfer Denker. Und ein ganzer Kerl.“

Lapache lächelte.

„Er bekommt, was er braucht. Er wird ... ja, dazu bin ich sogar befugt ... er wird von mir voll gedeckt. Ich meine, er ist, während er das tut, ein Mann unserer Kripo.“

Roche fuhr wie von der Tarantel gestochen hoch.

„Herr Minister! Ein Fremder, dazu ein Ausländer!“

„Wir wollen hier keine Nationalitäten hochspielen. Er ist Europäer wie Sie und ich. Er hat auch nicht nach der Nationalität dieses Alten gefragt, der vom Morgengrauen-Mörder umgebracht worden war, oder nach jener Frau, die er vor dem Tod bewahren konnte. Nein, das zählt gar nicht. Ich will doch sehen, ob dieser Mann wirklich ein Phänomen ist.“

„Es wird juristische Probleme geben“, meinte Roche.

Lapache winkte ab.

„Haben wir nicht in der Sürete einen Amerikaner, diesen Rauschgift-Experten?“

„Ja, aber das ist ein Spezialist und ...“ Lapache ließ Roche nicht ausreden. „Gehört nicht ein Spezialist dazu, einen Mord oder sonst ein schweres Verbrechen aufzuklären? — Kommissar Roux, was meinen Sie dazu?“

Roux lächelte. Er duzte sich mit dem Baron, und insgeheim hatten sie schon vor Jahren eine Sache zusammen gemacht, als etwas in den Kreisen passiert war, zu denen der Baron Zutritt hatte, Roux aber kaum.

„Ja“, sagte Roux ernst und überzeugt, „ja, ich glaube, dass Baron Strehlitz diese Aufgabe lösen wird. Vorausgesetzt, er bekommt wirklich die Mittel, die ich zum Beispiel habe.“

Lapache wandte sich um, als die Sekretärin kam.

„Na, was ist?“

„Wir haben die volle Verfügungsgewalt“, sagte die Frau.

„Dann servieren Sie uns jetzt drei schwarze Kaffee mit Kognak.“ Lapache sah wieder seine Besucher an. „Er bekommt diese Kaserne zum niedrigsten Pachtzins, den ich verantworten kann, wenn er es schafft. Und wann haben Sie Urlaub, Roux?“

„Urlaub? Eine Vokabel, die’ ich gar nicht in meinem Wörterbuch habe.“

„Gut, sobald ein Mord oder Raubmord passiert, beginnt Ihr Urlaub. Und dann fängt Strehlitz an. Wie ein Kommissar. Bestellen Sie ihn zu mir! Ich werde ihn und diesen Hellseher informieren und Letzteren dann fragen, wie der Fall ausgeht. Ob Strehlitz es wieder schafft oder nicht. Das heißt, keiner darf vom anderen erfahren. Sie sind hiermit vergattert, meine Herren!“ Die beiden nickten. „Also“, wiederholte Lapache, „die große Chance für Ihren Freund Strehlitz: Er kann seine Kaserne haben, wenn er das ist, wofür Sie und Sasbello ihn halten, und wenn Sasbello und Strehlitz kein Komplott schmieden wie im Falle des Morgengrauen-Mörders. Ich glaube das nämlich immer noch ...“

 

 

2

Es war kurz vor zwei Uhr nachmittags. Die meisten Geschäfte auf dem Boulevard wurden geschlossen. Auf der Fahrbahn quälten sich Ketten von Fahrzeugen im Kriechtempo auf den Place de l’Etoile zu. Alles strömte nach einer arbeitsreichen Woche dem Zuhause zu. Es war ein schöner Sonnabend. Der Himmel leuchtete blau, und kein Wölkchen trübte ihn.

Gaston Chaqueboux stand vor dem Ladenfenster des Juweliergeschäftes und stützte sich auf die lange Stange, mit der er die Markise zurückschieben sollte. Doch im Augenblick interessierte den jungen Mann die Markise nicht. Vielmehr blickte er einer Schar junger Mädchen nach, die in luftigen Sommerkleidern über den Fußweg schlenderten.

„Zum Anbeißen“, sagte Gaston keck, und die Mädchen kicherten. Zwei von ihnen, drehten sich um und blitzten Gaston an.

Seufzend erinnerte sich Gaston an seine Arbeit. Nun ja, er war auch bald fertig, und dann ... Natürlich, er würde heute schwimmen gehen. Vielleicht ließ sich Martin erweichen, mitzugehen. Und Mädels würden sie schon finden. Kein Problem für einen schwarzgelockten Burschen von zweiundzwanzig Jahren, der aussah wie ein lebender Apollo.

Er hatte gerade seinen Haken in die Klüse der Markise eingehängt, als er einen Wagenschlag hörte. Er drehte sich um und sah eine schwarze Limousine. Ein amerikanischer Cadillac. Der Chauffeur öffnete gerade die Tür zum Fond. Zwei elegante Damen stiegen aus. Beide waren sehr groß, sehr blond und hatten schlanke Figuren. Ob sie alt oder jung waren, konnte Gaston nur erraten, denn sie trugen Hüte modernster Mode, und die waren mit Schleiern versehen, die nahezu das ganze Gesicht verdeckten. Gaston verfluchte in diesem Augenblick die Mode, die ihm einen Blick in die Augen der beiden Schönen verwehrte. Schönen? Natürlich, wer eine so rassige Figur hatte wie die beiden Damen, der musste schön sein.

Gastons Gleichgültigkeit war restlos dahin, als die beiden genau auf die Tür des Juweliergeschäftes zustrebten. Ticktack, machten ihre Absätze auf dem Pflaster. Gaston hörte, dass sie englisch miteinander sprachen. Und das passte seiner Meinung nach zu der amerikanischen Nummer am Cadillac.

Fast hätte Gaston vergessen, die Tür zu öffnen, wie es ihm seit Jahr und Tag eingedrillt worden war. Ebensogut wäre es ihm möglich gewesen, den beiden Damen zu sagen, dass jetzt die Geschäftszeit zu Ende sei und sie doch am Montag wiederkommen möchten. Das fiel ihm aber jetzt nicht im Traum ein. Vielleicht würden sie ihre Schleier lüften, und dann ...

Er sprang zur Tür, machte eine leichte Verbeugung und ließ sie eintreten. Sie rauschten an ihm vorbei. Die eine murmelte mit dunkler Stimme ein „Thank you, my dear!“, und schon waren sie drinnen. Gaston folgte ihnen, tastete gewohnheitsgemäß nach seiner Krawatte und grüßte.

Aber da tauchte auch schon Monsieur Beauchamps im Halbdunkel des Ladens auf. Er verbeugte sich mehrfach, was ihm bei seiner Korpulenz wirklich nicht leichtfiel. In überschwänglicher Weise begrüßte er die Kundinnen. Dabei rollte er mit den Augen und schien ähnliche Gedanken zu hegen wie Gaston.

„Frag ihn“, sagte die eine der beiden blonden Damen zu ihrer Begleiterin. Gaston hatte es verstanden und freute sich, einmal Englisch gelernt zu haben. Schon wollte er die Damen bitten, ruhig in ihrer Muttersprache mit ihm zu sprechen, als die andere sagte: „Ich will sprechen mit die Mr. Beauchamps.“

Gaston zog es die Eingeweide zusammen, als er dieses misshandelte Französisch hörte.

Der dicke Beauchamps verbeugte sich erneut.

„Ich habe die Ehre, Sie selbst bedienen zu dürfen, Mesdames. Womit kann ich ...“

„Ich möchte kaufen die Roulett, Sie wissen, was meine ich.“

Gaston schielte nach den Gesichtern der beiden. Als Beauchamps noch die Neonlampen anmachte, konnte er sehen, dass die Amerikanerin neben ihm hübsch zu sein schien. Bei der anderen konnte er es noch immer nicht genau erkennen.

In seinem Eifer, hinter das Geheimnis der Schleier zu kommen, hatte Gaston den Wunsch der Damen überhört. Dafür begann Beauchamps erneut mit Höflichkeitsbekundungen. Er verbeugte sich, murmelte etwas von „außerordentlicher Ehre und Vergnügen“, lief dann mit trippelnden Schritten nach hinten und sprach dort mit Henri Lagalle, dem Ersten Verkäufer.

Gaston hörte, wie die Dame neben ihm zu der anderen sagte: „Was glaubst du, wird er verlangen?“

„Mindestens zweihunderttausend Dollar.“

„Mein Gott, wenn ich das in Franc umrechnen muss! Ein Riesenbetrag.“

Gaston war versucht, ihr die Summe in französischer Währung zu nennen, aber er unterließ es. Irgendwie gefiel es ihm, alles zu verstehen und die Damen im Glauben zu lassen, niemand im Geschäft verstünde ihre Sprache.

Beauchamps kehrte zurück.

„Mesdames, darf ich Sie bitten, mir in meinen Salon zu folgen.“ Wieder eine Verbeugung. Im Neonlicht waren die Schweißperlen auf Beauchamps Glatze zu sehen.

„Eh, Chaqueboux, schließen Sie die Rolladen“, befahl Beauchamps weniger freundlich.

„Ja, ja“, brummte Gaston und ging zur Kurbel neben der Tür.

Die beiden Amerikanerinnen verschwanden mit Beauchamps durch den mit Plüschvorhängen verzierten Hinterausgang. Über einen schmalen Gang würden sie zum Salon kommen, in dem Beauchamps seinen guten Kunden die wertvollen Stücke zu zeigen pflegte.

Henri Lagalle, ein schlaksiger Mann von etwa dreißig Jahren, kam im Mantel in den Laden. „Schluss für diese Woche, Gaston. Oder willst du warten, bis die beiden Hollywood-Kätzchen sich ihre Perlen ausgesucht haben?“

Gaston zuckte die Schultern.

„Ich weiß nicht. Sie gefallen mir. Wäre mal was Neues.“

Henri lachte. Sein kantiges, hageres Gesicht verzog sich in Tausend winziger Fältchen.

„Du hast Nerven! Überall kannst du nicht landen. Bei solchen schon gar nicht. Die übersehen dich glatt, meinst du nicht?“

„Gerade solche Frauen übersehen einen Mann nicht. Ich habe da eine tolle Theorie entwickelt, Henri.“

„Du und deine Theorien! Heirate Beauchamps Tochter, und du bist der gemachte Mahn. Der Alte stinkt vor Geld.“

„Hör auf mit seinem Balg. Dass sie hässlich ist, wäre noch kein Grund, sie abzulehnen, zumal sie eine gute Mitgift bekommt, aber sie ist dazu noch blöd. Und ich mag blöde Weiber nicht.“

Henri wurde ungeduldig.

„Nun komm schon, zieh dich an, wir bekommen die Metro noch.“ Er blickte auf die Uhr. „Noch zehn Minuten. Beeil dich!“

„Sollen wir den Alten mit den beiden Grazien allein lassen?“, fragte Gaston grinsend.

Henri lachte säuerlich.

„Der tut denen doch nichts. Vielleicht möchte er, aber ... warte, wir werden seine Frau herunterklingeln. Zieh dich an, ich läute schon!“

Gaston schloss noch die Ladentür ab, hängte das Gitter ein und ging rasch durch die zweite Hintertür zu seiner Garderobe, nahm seinen Staubmantel und warf ihn einfach über die Schulter. Henri kam schon.

„Ich habe geläutet. Bestimmt kommt sie gleich runter. Und nun weg, bevor sie unten ist.“

Sie lachten und gingen zusammen durch die Hintertür in den Hof, schlossen ab und warfen den Schlüssel wie immer durch den Schlitz unter dem Fenster. Dann gingen sie rasch durch den Torausgang auf die Straße.

„Los, noch fünf Minuten! Wir müssen laufen, wenn wir die Metro noch bekommen wollen“, meinte Henri.

Sie rannten ein Stück, zwängten sich hastig durch die Menge der Passanten und erreichten die Treppe zur Untergrundbahn. Als sie unten ankamen, rollte der Zug gerade ein. Sie stiegen ein und drängelten sich durch, bis sie neben zwei jungen Mädchen standen. Gaston stieß Henri mit dem Ellenbogen an und meinte mit einem Seitenblick auf die beiden Hübschen: „Stell dir das mal im Badeanzug vor, Henri!“

„Ich wäre noch geiziger, Gaston“, erwiderte Henri. „Der Stoff für einen Bikini wäre rausgeschmissenes Geld ...“

 

 

3

Madame Beauchamps machte gerade das Frikassee zurecht, deshalb konnte sie nicht einfach hinunterlaufen, als es geklingelt hatte. Denn Frikassee war die Lieblingsspeise ihres Mannes, und deshalb durfte nichts schiefgehen. Schließlich war heute Sonnabend. Am Nachmittag würde man ins Wochenendhaus nach Versailles hinausfahren, und vielleicht blieb das Wetter so schön.

Sie trat ans Fenster und blickte hinunter auf den Boulevard. Da sah sie zwei elegant gekleidete Damen aus dem Torweg des Juweliergeschäftes kommen und auf eine schwarze Limousine zugehen. Es fiel ihr auf, dass der Chauffeur die Tür von innen aufstieß.

„Manieren sind das heutzutage!“, murmelte Madame Beauchamps und setzte die Kasserolle mit dem Frikassee vom Herd. Seufzend band sie sich die Schürze ab, fuhr sich durchs Haar und ging hinunter. Von der Treppe aus gelangte sie auf den schmalen Gang zwischen Salon und Laden. Es war still, vorn im Laden brannten die Neonlampen.

„Emile, bist du vorn?“, rief sie.

Keine Antwort.

Sie ging nach vorn, doch dort waren Tür und Läden geschlossen. Das Gitter hing hinter der Tür.

Kopfschüttelnd ging Madame Beauchamps nach hinten. Im Salon war es dunkel. Die Vorhänge an der Tür waren zugezogen. Sie drückte sie beiseite und machte Licht. Zuerst sah sie nur den Tisch, auf dem ein kleiner schwarzer Kasten stand, der innen mit rotem Samt ausgelegt war. Sie wusste sofort, was im Kasten gelegen hatte.

Ihr Blick fiel auf das geöffnete Safe. Und dann sah sie die Schuhe ihres Mannes. Sie trat einen Schritt vor und schrie gellend auf. Sie konnte jetzt mehr sehen als nur die Schuhe. Auf dem Perserteppich lag ihr Mann. Unter seinem Rücken hatte sich eine Blutlache auf dem Teppich ausgebreitet.

„Emile! Emile!“, schrie die Frau und warf sich neben ihm zu Boden. Sie tastete über sein fahles Gesicht. Er regte sich nicht. Mit einem Lächeln um den Mund lag er da.

Erst, jetzt kam ihr der Gedanke, einen Arzt zu rufen. Und die Polizei.

 

 

4

„Soll das ein Witz sein?“, erkundigte sich Baron Strehlitz und sah Innenminister Lapache verblüfft an. „Ich als Kommissar? Hören Sie mal, das ist ja von allen Verrücktheiten, die mir im Laufe meines Lebens passiert sind, die tollste ... Nein, ich glaube nicht, dass ich mich darauf einlasse, nur damit Sie hinterher wissen, ob dieser Sasbello ein Scharlatan oder ein wirklicher Hellseher ist. Sie haben Ihre Polizei, verehrter Herr Lapache, und ich habe meine eigenen Probleme.“ Der Baron stand auf und wandte sich der Tür zu. Lapache, der hinter seinem klotzigen Schreibtisch thronte, reckte sich auf.

„Baron Strehlitz! So warten Sie doch! Ich habe Ihnen auch einen Preis dafür zu bieten. Lösen Sie diesen Fall, dann können Sie die von Ihnen schon lange angestrebte Pachtung der ehemaligen Polizeikaserne und des dazugehörenden Terrains haben.“

Baron Strehlitz trat einen Schritt zur Seite, so dass die Morgensonne auf sein männlich straffes Gesicht fiel. An den Schläfen glitzerten ein paar graue Haare, und die hellen Augen schienen zu leuchten. So, wie er dort stand, in seinem grauen, tadellos sitzenden Straßenanzug, war er der Typ des Gentleman, wie man ihn sich treffender nicht vorstellen konnte.

„Ich bin kein Krämer, Herr Minister. Ich handle nicht mit Dienstleistungen. Und schon gar nicht für eine verrückte Idee.“

Lapache war aufgestanden und kam auf ihn zu. Er streckte dem Baron beschwörend die Hände entgegen und sagte: „Es sieht aus wie eine Idee. Es ist mehr. Es ist vor allem nicht verrückt. Weder Roux noch Roche wissen den wahren Grund, warum ich diesen Weg gehen wollte. — Baron Strehlitz, es ist mir ernst. Natürlich können wir unsere Polizei für alles einsetzen, und dazu ist sie auch da. Aber hier bietet sich eine einmalige Gelegenheit. Wie Sie wissen, ist die Polizei nicht nur hier in Paris, sondern vermutlich überall in Europa und der Welt mit Personalproblemen und Nachwuchssorgen belastet. Ich verspreche mir einen, besonderen Gag, wenn wir ...“

Der Baron lächelte geringschätzig.

„Ich weiß“, unterbrach er Lapache. „Sie möchten daraus politisches Kapital schlagen. Seht, so möchten Sie sagen, da ist dieser Strehlitz, der den Morgengrauen-Mörder gefasst hat, und uns, eurem Ministerium, ist keine Bratwurst zu teuer, um den bösen Verbrechern auf die Schliche zu kommen. — Ich muss sagen, mein Verehrter, Sie haben sich das gut ausgedacht. Aber vor diesen Wagen lasse ich mich nicht spannen.“

„Es wäre für Roux eine Möglichkeit, Urlaub zu machen. Und im Übrigen, das darf ich Ihnen sagen, glaube ich nicht, dass Sie nur einen Handtaschendiebstahl aufklären könnten und schon gar keinen Mord.“

„Wollen Sie mich damit zu einem Entschluss anreizen?“, fragte Baron Strehlitz spöttisch.

Lapache schüttelte den Kopf.

„Nein, wollen Sie es genau wissen? Ich glaube an einen Zufall, an einen für Sie günstigen Zufall, was den Morgengrauen-Mörder angeht und wie Sie ihn gefasst haben. Aber ich würde es mir gerne — mir und der Polizei — zunutze machen, indem Sie für uns etwas Publicity treiben.“

„Als Aushängeschild, welch feine Jungs die Polizei beschäftigt? Herr Lapache, ich bin kein zackiger Mann, und ich glaube, dass Roux das alles viel besser macht. Er und Mombur, das alte Schlachtross.“

„Bei Mombur, seinem Sous-Commissaire, glaube ich, dass er mit Ihnen zusammen gute Arbeit leisten würde, genau wie mit Commissaire Roux. Aber auf Roux müssen wir verzichten. Er hat seit vier Jahren Urlaub gut. Er nimmt ihn sich jetzt.“

„Sie werden sicher dreißig Ersatzleute für ihn haben“, meinte der Baron und wandte sich zur Tür.

„Jeder Mann hat seinen Preis, Baron Strehlitz. Auch Sie!“ Lapache lächelte siegessicher, und dann ließ er seinen nächsten Trumpf los. „Baron Strehlitz, ich habe schon mit diesem Hellseher gesprochen. Wenn er kein Scharlatan ist, dann ist es sicher, dass Sie für mich arbeiten. Diesmal hat sich auch die Presse damit befasst. Es wird in allen Zeitungen stehen, dass Sasbello wieder eine Voraussage getroffen hat. Und man wird auch lesen können, wer unser Kommissar ist. Ich habe sogar angekündigt, dass Sie es tun, um für eine Spendenaktion, zu werben. Für Ihre Hilfsmaßnahmen. — Hier, ich habe sogar Plakate drucken lassen. Der Sozialminister bezahlt die. Mit dem habe ich auch gesprochen.“

Alexander von Strehlitz sah Lapache verblüfft an.

„Hören Sie, was wollen Sie denn nun wirklich? Einen Kommissar? Oder wollen Sie berühmt werden und durch Ihre Mätzchen Ihr Image aufmöbeln? Was denn nur?“

Lapache lächelte.

„Wenn Sie es genau wissen wollen, mein Lieber: Ich will Ihnen helfen, und ich will mir helfen, und der Polizei und besonders dem geplagten Roux möchte ich auch helfen, zudem will ich manchem Großmaul beweisen, dass die Polizeiarbeit kein Kinderspiel ist. Sie werden das selbst feststellen. Und ich möchte einmal den Forderungen der Presse nachgeben, die immer wieder verlangt, die Pariser Polizei brauchte Koryphäen und Asse. Sie sieht man als Ass an. Es wird sich zeigen, ob Ihr Ruf so gut ist wie Ihr Können. Und Sie tun es für sich nicht einmal umsonst. Ihre Schützlinge in aller Welt haben auch etwas davon. — So, ich werde Kommissar Roux bitten, Sie in sein Amt einzuweihen. Und was Sie nicht wissen, Baron Strehlitz, sagt Ihnen Mombur. Sie sind, wie ich weiß, mit Roux und Mombur seit vielen Jahren befreundet. Mombur wäre also der Letzte, der Sie auflaufen lassen würde.“

„Das ist schon fast Nötigung, mein lieber Lapache“, sagte der Baron.

Der Minister lachte. „Sie machen also mit?“

„Das Polizeikasernen-Areal, die Gebäude und die Hälfte der Renovierungskosten ...“

„Renovierungskosten?“, fragte Lapache perplex. „Ja, das geht nicht ...“

Baron Strehlitz nickte.

„In Ordnung. Ich habe noch eine Menge vor heute. Auf Wiedersehen, lieber Freund!“ Dann verließ er das Zimmer.

Erschrocken sah ihm Lapache nach, dachte an die schon gedruckten Plakate, an die Zeitungsnotizen und den Rummel, den er seit gestern Abend hatte veranstalten lassen.

„Herr Baron! Nun hören Sie doch! Ich bin einverstanden, ja, nun bleiben Sie doch hier!“

Baron Strehlitz hatte das Vorzimmer schon durchquert, und die ältliche Sekretärin und ihre viel jüngere, miniberockte Helferin blickten konsterniert auf ihren sonst so respektheischenden Minister. Und die Minirockdame machte dabei ein schönes, aber unsagbar blödes Gesicht.

Baron Strehlitz drehte sich halb herum.

„Sie sind einverstanden? Ich nicht, mein Verehrtester.“

„Ja, aber wieso ... Ich meine, ich habe doch Ihre Forderung erfüllt. Die Pachtung und die halben Renovierungskosten ...“

„Die ganzen, lieber Minister, die ganzen Renovierungskosten. Jetzt nicht mehr für die halben. Ich habe nämlich darüber nachgedacht.“

Lapache ballte die Hände.

„Herr Baron!“, stieß er bebend hervor. „Das ist ... das ist ja ...“

„Nun? Es ist eine Forderung, zu der Sie auch nein sagen können.“ Strehlitz blickte zur Decke, als dächte er tief nach und sagte dann, als rede er nur mit sich allein: „Eigentlich sollte ich nicht mehr warten, sondern auch noch ein wenig Inventar ...“

„Nein! Nein, also denn in drei Teufels Namen, Sie bekommen die Renovierung!“

Der Baron lächelte.

„Aber, aber, lieber Lapache, Sie sollten nicht fluchen. Und schon gar nicht in Anwesenheit von zwei so charmanten Damen.“

Da klappte die Minirockpuppe vor Rührung ihren Mund wieder zu und musste einmal ganz fest schlucken. Die andere aber, die ältere, die ihre besten Jahre in diesem Vorzimmer verbracht hatte, lächelte geschmeichelt. Der unter halb gesenkten Lidern auf den Baron gerichtete Blick war mehr als eine Umarmung.

„Kommen Sie, ich lasse Roux kommen! Er soll Sie einführen. Und der nächste Fall, den wir kriegen, ist Ihrer. So einen teuren Kommissar hat die französische Polizei noch nie angestellt.“ Der Baron ging neben Lapache in dessen Zimmer zurück. Bevor sich die Tür hinter beiden schloss, hörten die beiden Damen im Vorzimmer noch, wie der Baron antwortete: „Sie brauchen ja keinen so teuren Mann anzustellen. Wie gesagt, Sie haben ja genug eigene Leute ...“

 

 

5

Roux griff zum Telefon.

„Entschuldigung, Herr Minister, das ist ein Anruf für mich“, sagte er und meldete sich in die Muschel. Er lauschte eine Weile, dann sagte er: „Gut, geht in Ordnung. Wir kommen. Wo ist das? — Ja, verstanden. Ja, Beauchamps, ist klar. Mordkommission ... ja, ja. Alles verstanden. Gut, mein Stellvertreter und Mombur machen das. Richtig ... ja, Urlaub, du hast, richtig gehört. Drei Wochen ... Wohin? Keine Ahnung. Wie ich meine Frau kenne, hat die schon Fahrkarten oder Flugscheine. — Ja, danke! Ebenso. Ende!“ Er legte auf, sah erst den Minister an, dann Baron Strehlitz, grinste und sagte zum Baron: „Alexander, es fängt gleich zackig an. Ein Mordfall. Raubmord bei einem Juwelier. Mombur ist schon auf dem Weg hierher. Du kannst mit ihm fahren. Was du nicht weißt, weiß er. Ich gratuliere zum beschissenen Posten eines Pariser Kriminalbeamten auf Zeit. — Ich darf mich sicher gleich verabschieden.“ Er streckte dem Baron die Hand hin, und der schlug fest ein und sagte: „Mach es gut, altes Nilpferd! Und erhole dich. Vielleicht ist das alles sehr verrückt, was ich hier machen will, aber wenn ich dir damit ein paar freie Tage verschafft habe, hat es sogar einen Sinn gehabt. Vielleicht kann ich dir sogar einen Mörder liefern.“

Lapache sah den Baron skeptisch an, und Roux antwortete nicht sehr überzeugend: „Ich wünsche es, und mit Momburs Hilfe könntest du es vielleicht schaffen. Aber leicht, Alexander, leicht ist es nicht. Ich hätte dir zum Start einen einfacheren Fall gewünscht. Aber man kann nie wissen. Den Morgengrauen-Mörder hat die Pariser Polizei monatelang gesucht, und du hast ihn erwischt. Vielleicht gelingt es dir auch jetzt, den Mörder zu bekommen. Die Organisation der Polizei steht dir jedenfalls voll und ganz zur Verfügung. Diese Zusage hat mir vorhin noch der Polizeipräfekt gegeben.“

„Auf meine Anweisung hin“, betonte Lapache. „Ich wünsche uns allen, dass dies ein Erfolg wird.“

Der Baron nickte nur, und da kam schon die ältere Vorzimmerdame herein und sagte: „Herr Minister, draußen wartet Kommissar Mombur.“

Mombur trug einen unscheinbaren Straßenanzug, blassrote Krawatte, nicht ganz glattgebügeltes Hemd. Die sauertöpfische Miene dieses ergrauten Beamten hellte sich ein wenig auf, als er den Baron sah. Er nickte ihm zu und sagte mit dem Akzent des Urparisers: „Das hätten wir uns vorige Woche nicht träumen lassen, was? Mein Wagen steht unten, Chef.“ Er grinste müde. „Ich muss noch etwas besorgen und komme mit den anderen nach. Der Fahrer weiß Bescheid, Alexander, du kannst vorausfahren.“

Roux meinte gehässig: „Nun wird er auch noch allein gelassen, ganz allein.“

Der Baron zuckte die Schultern.

„Vielleicht spiele ich euch einen Kommissar vor, an dem ihr euch aufrichten und erbauen könnt. — Es war mir eine Ehre, Herr Minister. Alles Gute, alter Junge“, wandte er sich dann Roux zu und drückte ihm die Hand. „Erholt euch gut! Grüß mir Claire!“

 

 

6

Als der Baron vor dem Geschäft aus seinem Wagen stieg, stand eine Menschenmenge vor dem Haus. Die Frau vom Hausmeister gab gerade Erklärungen an die Umstehenden ab. Ein Flic trieb die Leute auseinander und bahnte dem Baron eine Gasse.

„Ist die Mordkommission schon da?“, fragte der Baron und blickte sich um.

Bevor der Uniformierte antworten konnte, hatte Strehlitz den großen schwarzen Wagen der Mordkommission gesehen. Der Baron brauchte nicht lange zu suchen. Er hörte hinten Stimmen und sah den Fotografen mit seinen Gerätschaften an der Salontür. Er ging nach hinten. Ein uniformierter Polizeisergeant trat ihm entgegen. Roux hatte ihn schon informiert und der Sergeant meldete: „Madame Beauchamps, die Frau des Ermordeten, rief uns an. Madame lag im Bett, als wir kamen. Der Arzt war vor uns hier und sagte, sie hätte einen Nervenzusammenbruch. Monsieur Beauchamps lag so, wie er jetzt liegt. Dr. Blanchard hat ihn bereits untersucht. Der Polizeiarzt ebenfalls.“

„Wer war noch hier?“, fragte Baron Strehlitz und sah sich um. Der Tote lag noch an derselben Stelle. Ein Beamter der Mordkommission zeichnete gerade mit Kreide die Umrisse des Toten auf den Teppich.

„Niemand. An der Tür empfing uns die Hausmeisterin“, erklärte der Polizist. „Das Safe ist ausgeraubt, von einigen kleineren Werten abgesehen, so sagte jedenfalls die Hausmeisterin.“

„Also war die Frau doch hier?“, meinte der Baron.

„Nein, Madame Beauchamps hat es ihr gesagt. Und in diesem Kasten dort soll das kostbare Roulett gewesen sein.“

Der Baron betrachtete den schwarzen, rot ausgelegten Kasten, an dem ein Beamter gerade die Fingerabdrücke abstrich. Fünf Leute der Mordkommission arbeiteten fieberhaft. Nur der Polizeiarzt, ein weißhaariger älterer Mann, stand abseits und rauchte eine Zigarre.

„Wie sieht es aus, Doktor?“, fragte der Baron. Er machte sich mit ihm bekannt, und es zeigte sich, dass Dr. Bescher auch schon von Roux eingeweiht worden war. Dann erklärte der Arzt: „Messerstich genau ins Herz. Vorn keine Wunde. Einstich hinten dicht neben dem Schulterblatt. Länge der Klinge etwa zwanzig Zentimeter.“

„Wann?“

„Vor etwa einer halben Stunde. Vielleicht nicht einmal.“

Baron Strehlitz wandte sich an den Polizisten.

„Führen Sie mich zu Madame Beauchamps!“

Als sie auf den Gang kamen, standen dort zwei Beamte von Roux’ Kommissariat. Der junge Dubout, dessen dunkles Haar vor Pomade glänzte. Neben ihm der um eine Generation ältere Mombur, seit zwei Jahrzehnten Roux’ rechte Hand.

„Da seid ihr endlich.“ Er wandte sich an Dubout: „Sie kommen mit mir. Und du, Jaques, siehst dir drinnen alles genau an. Wir sehen uns gleich. Ich gehe zu Madame Beauchamps.“

Mombur nickte nur und zeigte mit keiner Miene seines sauertöpfischen Gesichtes, was er davon hielt. Dubout ging hinter dem Baron her. Beauchamps Wohnung lag im zweiten Stockwerk. Auf halbem Wege kam ihnen ein Mann mit schwarzer Federtasche entgegen. Baron Strehlitz blieb stehen und lüftete den Hut.

„Sind Sie vielleicht Dr. Blanchard?“

Der Angesprochene nickte. „Ja, gewiss. Wer ...“

Der Baron zeigte ihm den Ausweis, den ihm der Innenminister gegeben hatte.

„Wir gehen zu ihr.“

„Madame Beauchamps geht es nicht gut. Sie sollten sehr vorsichtig sein, wenn Sie ...“

„Deshalb sollen Sie mitkommen.“

Madame Beauchamps lag in ihrem Bett. Sie wirkte blass und krank. Aus unruhigen Augen blickte sie den Baron an. Der lächelte säuerlich und sagte: „Mein Beileid, Madame. Ich bedauere, dass ich Sie belästigen muss. Nur ein paar Fragen. Sicher wollen Sie uns helfen, den Täter zu finden.“

Sie schluchzte. Dr. Blanchard setzte sich auf den Bettrand und machte ihren Unterarm frei. Offenbar wollte er ihr eine Beruhigungsspritze geben.

„Setzen Sie sich und schreiben Sie mit, Dubout“, sagte der Baron. Dubout nickte und zog sich einen Stuhl heran. „Madame, vielleicht erzählen Sie mir kurz, was Sie wissen.“

Sie nahm sich zusammen. Nur als Dr. Blanchard die Nadel der Injektionsspritze ansetzte, zuckte sie. Was sie stockend berichtete, war ausführlicher, als der Baron erwartet hatte. Sie erzählte von den beiden Damen, die mit dem großen schwarzen Wagen weggefahren seien. Und dann kam sie auf das Roulett zu sprechen.

„Es ist sehr wertvoll, vielleicht eine halbe Million Francs. Die roten Felder sind mit Rubinen, die schwarzen mit schwarzen Turmalinen ausgelegt. Das Kreuz ist aus 585er Gold. Rundherum am Gehäuse sind drei Streifen mit Brillanten und vier Smaragden eingelegt.“

„Was fehlt noch, außer diesem Roulettespiel?“

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942446
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juli)
Schlagworte
baron schmuck

Autor

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Titel: Der Baron #23: Der mörderische Schmuck