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Trevellian und der Tod im Haus

2020 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und der Tod im Haus

Copyright

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Trevellian und der Tod im Haus

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Es war wie in einem Labyrinth. Endlose Korridore, numerierte Türen, Abzweigungen, Treppen, kahle Wände.

Aus unergründlicher Ferne heulten hallverstärkte Gitarrensaiten. Bässe wummerten, daß man ein Vibrieren in der Magengegend spürte.

Jäh gellte der Schrei - schrill und langgezogen, wie aus dem Nichts, von irgendwo aus dem Labyrinth. Eine Frauenstimme in höchster Not! Nichts Künstliches aus der Verstärkeranlage.

Milo und ich brauchten keine Sekunde, um es zu begreifen. Wir rannten los. Unser Begleiter schloß auf. Er übernahm die Führung. Ein Wachmann. Er kannte sich aus im Gängegewirr der Diskothek.

Der Schrei ging in ein Wimmern über. Wir fegten um eine Biegung. Leuchtstoffröhren übergossen das Geschehen mit kalkigem Licht. Der Kerl hatte die Frau zu Boden gestoßen und sich auf sie geworfen. Ihr Rock war hochgerutscht. Die Beine waren entblößt.

»Smithson!« brüllte ich, den 38er im Anschlag. »Keine Bewegung!«

Der Gangster zuckte zusammen. Sein Oberkörper fuhr kerzengerade hoch. Wir waren 20 Meter entfernt. Trotzdem sah ich seine großen, entgeisterten Augen. Er hatte eine andere Frisur als auf dem Fahndungsfoto, und er trug einen Vollbart.

Der Wachmann duckte sich und blieb zurück. Milo war einen Schritt hinter mir.

Im Laufen zog ich durch, jagte eine Kugel in die weiße Kunststoffverkleidung der Korridordecke. Dröhnend brach sich der Hall des Schusses zwischen den engen Wänden. Meine Trommelfelle begannen zu singen.

Wieder schrie die junge Frau. Ich konnte ihr die Angst nicht ersparen und hoffte, daß es nur noch Sekunden dauern würde. Doch der Schock des Schusses war leichter zu verschmerzen als eine Kurzschlußreaktion des Gangsters.

Noch einen Atemzug lang stierte er Milo und mich an. Wie ein in die Enge getriebenes Kaninchen, das sich nicht mehr bewegen kann. Die Entfernuhg schmolz zusammen. Noch zehn Meter. Smithson war wie erstarrt. Wenn er jetzt durchdrehte und der Frau ein Messer an die Kehle setzte, war alles umsonst.

Sie wimmerte wieder. Ihre Todesangst zu hören, glich einem schmerzhaften Stich

»Hände hoch!« rief ich schneidend.

In diesem Augenblick erwachte er. Er stieß sich ab und sprang auf. Mit langen, federnden Sätzen sprintete er von uns weg. Irgend etwas in seinem Unterbewußtsein schien ihn daran erinnert zu haben, daß Geiselnehmer meist ein schlechtes Ende nehmen.

Sein Vorsprung betrug nur zehn Meter. Milo und ich machten mehr Dampf. Der Wachmann war zur Stelle und kümmerte sich um die Frau. Ich sah es aus den Augenwinkeln.

Der Gang beschrieb einen langgezogenen Bogen. Für einen Moment verschwand der Fliehende aus unserem Blickfeld. Zu hören war er nicht. Er trug Turnschuhe, und die ferne Verstärkeranlage dröhnte noch immer.

»Schneller!« hörte ich Milos Stimme in der Nähe meines rechten Ohrs. »Der Kerl entwischt uns!«

Ich wollte widersprechen. Aber eine Antwort erübrigte sich. Wir sahen ihn wieder vor uns. Die Korridorbiegung mündete in eine Gerade.

Smithson packte den Knauf einer giftgrün lackierten Tür und riß sie auf.

Wie Donner orgelte die Musik über uns herein. Dunkelheit gähnte aus der Türöffnung, durch die Smithson verschwand — wie jemand, der in eine düstere Wasserfläche taucht.

Dennoch rannten wir weiter. Die Verstärkeranlage reichte aus, um das Yankee Stadium zu beschallen. Ich hatte das Gefühl, daß der in hektischen Sequenzen dahinjagende Baß von innen her meinen Magen durchwühlte. Die Gitarren stachelten sich gegenseitig zu immer schrilleren Tönen an, daß man glaubte, von einem Ohr zum anderen mit einer Stricknadel durchbohrt Zu werden.

Unmöglich, Smithsons Schritte zu hören. Die gesamte Halle war stockfinster. Kreisrund schwebte die Bühne mittendrin, nur von einer Notbeleuchtung erhellt, wie schwerelos im luftleeren Raum. Vier Gestalten bearbeiteten ihre Instrumente.

Wir hatten den Übergangsbereich vom Korridor zur Discothekenhalle noch nicht ganz hinter uns gelassen. Für einen Sekundenbruchteil war meine Aufmerksamkeit durch die Bühne und den Höllenlärm abgelenkt.

In der Finsternis entstand plötzlich eine grellrote Blüte.

Im selben Atemzug ging ich in die Waagerechte. Etwas schien am Stoff meines Jacketts über der linken Schulter zu zupfen. Aber das mochte Einbildung sein. Auf jeden Fall spürte ich den Gluthauch des Projektils. Ich schlitterte überm Holzfußboden, der schräg abwärts führte, in das unergründliche Dunkel.

Das Bellen des Schusses war im dumpfen Grollen und keifenden Singen der Musik untergegangen. Hinter mir hörte ich Milo. Er rutschte gleichfalls über den Boden. Ich atmete auf. Wäre Smithson etwas ruhiger und weniger in Panik gewesen, so hätte er uns kaltlächelnd wie auf dem Schießstand abknallen können.

Im Abwärtsschlittern warf ich mich herum, rollte mich in rasantem Tempo ab und kam auf die Beine, als ich sicher war, daß das helle Rechteck der Korridortür keinen Schattenriß mehr von mir warf.

Ich lief weiter auf die Bühne zu. Die vier Musiker, ziemlich jung noch, hatten von allem nichts mitgekriegt. Mit geschlossenen Augen, wie verzückt, widmeten sie sich ihren Klängen. Milo folgte mir wieder. Die verdammte Bühne war der einzige Orientierungspunkt in der unendlichen Schwärze des Riesenschuppens. Überall gab es Nischen, Winkel, Trennwände, Tische, Stühle…

Wie aus einer Laune heraus klang das Boxenrumoren unvermittelt mit einem Akkord in Echohall aus.

Etwas polterte in der Schwärze. Ein Fluch war zu hören.

Ich verharrte, ruckte herum und schlug den Revolver in die Richtung an, aus der das Poltern zu hören gewesen war. Milo stand zwei Schritte von mir entfernt. Er hatte seinen Smith & Wesson ebenfalls schußbereit.

»G-men!« brüllte eine heisere Stimme. Der Wachmann! »Wollt ihr Licht?«

In der Dunkelheit wechselte ich einen Blick mit Milo. Daran, wie sich das Weiße seiner Augen bewegte, sah ich, daß er nickte.

»Ja!« brüllte ich zurück, kniff die Augen zusammen und konzentrierte mich auf die Stelle, an der ich den Fliehenden vermutete.

Die aufflammende Helligkeit war wie das Blitzlichtgewitter einer Hundertschaft von Pressefotografen.

Aber wir hatten damit gerechnet. Und wir waren schneller.

Smithson hatte sich in einer Stellwandnische in ein Chaos von umgekippten Stühlen verwickelt. Er war im Begriff hochzukommen.

Ich erkannte die Gefahr. »Die Waffe weg!« rief ich.

Es traf ihn wie ein Hieb. Sein Verstand schien seine Reaktionen nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Er ruckte hoch, warf sich halb herum und feuerte.

Milo und ich zogen fast im selben Atemzug durch. Das Bellen unserer 38er war wie ein einziger trockener Schlag.

Den Gangster riß es beinahe aus den Schuhen. Seine Automatik flog in hohem Bogen durch die Luft. Er torkelte rückwärts, ruderte mit den Armen und pflügte krachend und polternd durch das Stuhlgewirr. Deutlich wie in einer Momentaufnahme erkannten wir, daß beide Geschosse ihn in die rechte Schulter getroffen hatten.

Doch er fing sich. Er stürzte nicht. Es mußte seine Angst sein, die ihm zu einer wahnwitzigen Fortsetzung des Fluchtwillens vorwärtspeitschte. Daß er außer einem Leben hinter Gittern nichts mehr zu erwarten hatte, wußte er. Sein Vorstrafenregister und der Haftbefehl wegen nachgewiesenen Rauschgifthandels über die Grenzen mehrerer Bundesstaaten hinweg reichten aus.

Noch einmal rappelte er sich auf, tappte tatsächlich in einen freien Gang zwischen den Ecken und Winkeln und hastete abermals los.

»Bleiben Sie stehen, Smithson!« brüllte mein Freund. »Geben Sie auf, Mann!«

Er schien taub zu sein. Er rannte und rannte.

Ich war schon wieder unterwegs. Am Rand meines Blickfelds sah ich die Musiker auf der Bühne. Sie hatten ihre Instrumente völlig vergessen und beobachteten fassungslos, was sich in der ernüchternden Helligkeit der Großdiscothek abspielte. Dieses Licht wurde nur in Notoder Katastrophenfällen eingeschaltet. Daß es sich um etwas in dieser Richtung handelte, brauchten wir keinem erst zu erklären.

Ich holte auf. Smithsons Handicap waren die Schußwunden. Ich gewann den Eindruck, daß er sich auskannte. Er mußte schon einmal hiergewesen sein. Denn so mühevoll seine Bewegungen waren, so zielstrebig steuerte er doch auf einen Winkel außerhalb des Publikumsbereichs zu.

Bis dorthin drang die Katastrophenbeleuchtung nur noch mit schwacher Helligkeit vor. Ich hätte einen Warnschuß über seinen Kopf hinwegjagen können. Aber es war nicht gerechtfertigt. Ich durfte ihn nicht mehr unnötig in Gefahr bringen. Außerdem würden wir ihn so oder so erwischen. Er konnte uns nicht entkommen.

Im Laufen stieß ich den Smith & Wesson zurück ins Leder. Ich legte an Spurtgeschwindigkeit zu.

Smithson tauchte in das Halbdunkel hinein.

Im nächsten Sekundenbruchteil glaubte ich, daß mir meine Augen einen Streich spielten. Aber ich täuschte mich nicht.

Smithson hastete eine steile Stahltreppe hinauf. Auf den schmalen, geriffelten Stufen klangen seine Schritte wie eine rasende Folge von schmetternden Schlägen. Er mußte den Verstand verloren haben. Was er sich da als Ziel ausgesucht hatte, war eine der Beleuchtungsgalerien, die wie große Schwalbennester aus Stahlgittergeflecht hoch oben unter der Decke klebten. Die Treppe führte in drei Zickzackwindungen darauf zu.

Ich versuchte es noch einmal mit einem lautstarken Appell an seine Vernunft, während ich die Stahltreppe erreichte und meine Schuhsohlen ebenfalls schmettern ließ.

»Smithson, Menschenskind, geben Sie auf! Sie haben keine Chance mehr! Ihnen passiert nichts, wenn Sie jetzt…«

Ein gellender Wutschrei war die Antwort. Er dachte nicht daran, auf mich zu hören. Den dritten, oberen Teil der Treppe hatte er schon erreicht. Es war wie in einem Fernsehkrimi. Der Bösewicht strebt in immer aussichtslosere Höhen, um dann im Kugelhagel der guten Polizeibeamten sein Leben auszuhauchen.

Smithson war auf den letzten Stufen. Er griff schon nach der Einstiegsklappe ins Schwalbennest. Der Teufel mochte wissen, was er dort oben zwischen den glotzäugigen, kalten Scheinwerfern zu finden glaubte. Sicherheit? Ein geheimes Waffenarsenal? Oder wollte er so einen Scheinwerfer auf mich herabschleudern, damit ich zu Tode stürzte?

Noch einmal wollte ich ihn zur Vernunft rufen, aber die Worte blieben mir in der Kehle stecken.

Smithson griff ins Leere. Ausgerechnet mit der rechten Hand hatte er zuerst Halt gesucht. Er schaffte es nicht mehr, mit der Linken rechtzeitig nachzufassen.

Ich warf mich nach vorn, flach auf die Blechstufen.

Smithson segelte herab wie ein großer schwarzer Klumpen. Sein Schrei gellte mit nichtendenwollendem Echo.

Ich hielt mich mit aller Kraft fest. Ein Schlag wie von Urgewalten traf meinen Rücken. Die Füße wurden mir weggerissen, und im selben Moment knallte mir das Gewicht des Stürzenden die Schienbeine gegen die Stahlkanten der Treppenstufen. Schmerz zuckte bis zu den Hüften herauf. Ich preßte die Zähne aufeinander.

Smithsons Schrei erstarb, als er auf den obersten Treppenwinkel prallte. Eine Zentelsekunde später folgte der Aufschlag mit Bersten und Splittern.

Ich blickte nach unten. Der Gangster lag in einem Trümmerhaufen von Stühlen. Milo und der Wachmann liefen auf ihn zu. Von der Bühne her näherten sich zögernd drei Musiker. Der vierte lief in den Korridor hinaus, wo wir die junge Frau vor Smithson gerettet hatten.

Ich drehte mich um und benutzte das Geländer, um mich mit beiden Händen zu stützen und abwärts gleiten zu lassen. Milo und der Wachmann hatten Smithson bereits aus dem Trümmerhaufen gezogen und ihn behutsam auf ein Stück Teppichboden gebettet.

Gemeinsam gingen wir neben ihm in die Knie. Stumm blickten die Musiker uns über die Schultern.

»Ikey«, sagte ich rauh. »Ikey, hören Sie mich?«

Seine Augen waren geöffnet. Er sah mich nicht an. Aber in seinen Pupillen bewegte sich ein Rest von Leben.

»Ver… dammter… Bulle!« Seine Stimme war nur ein Hauch.

»Ikey«, sagte ich. »Was wollten Sie hier? Was wollten Sie von der Frau?«

Sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerzen. Aber er brachte dennoch ein spöttisches Grinsen zustande. »Ver… ge-walti… gen, Trevellian, du elender…« Sein Kopf fiel auf die Seite.

Ich wußte, daß Ikey Smithson mich noch im Augenblick seines Todes zum Narren gehalten hatte.

 

 

2

Es roch süßlich nach irgendwelchem Schminkzeug oder sonstigen Duftstoffen. Vor pastellfarbigen Wänden breiteten sich Kleiderständer mit schreiend bunten Sachen aus. Zu normalen Zeiten zogen sich Popkünstler aus der internationalen Szene hierher zurück. Das Abilene, die Superdisco an der West 42nd Street, hatte Rang und Namen.

Der Notarzt und die beiden Rettungssanitäter brachten die junge Frau in die Garderobe. Der Musiker war bei ihr. Er hielt ihre Hand. Sie war kreidebleich, ihr Blick leer.

»Hat es Sinn, mit ihr zu sprechen?« fragte ich den Arzt.

Er schüttelte den Kopf. »Ich muß sie ins Bellevue bringen lassen. Schwerer Schock. Rufen Sie mich in einer Stunde an!« Aus seiner Kitteltasche fischte er eine Visitenkarte und drückte sie mir in die Hand.

Ich bedankte mich und bat Milo, den Arzt zu Smithsons Leiche zu führen. Den Rest der Arbeit hatte dort ohnehin der Erkennungsdienst zu erledigen, der bereits verständigt war.

Die Frau wehrte sich nicht, als die beiden Sanitäter sie auf eine Trage betteten. Ich schätzte sie auf Anfang 20. Sie war mittelgroß und schlank. Ihre graugrünen Augen hatten eine eindrucksvolle Kontrastwirkung zu ihrem rostroten Haar. Der Musiker wollte mit hinaus. Mich beachtete er nicht einmal.

»Sie bleiben bitte«, sagte ich ruhig, aber bestimmt.

Er erschrak trotzdem. Wie ein Schuljunge, den der Lehrer beim Mogeln erwischt. Aus großen dunklen Augen sah er mich an. Er hatte schwarze Haare, war breitschultrig und athletisch gebaut. Nicht unbedingt der feingliedrige Künstlertyp.

»Warum?« fragte er bestürzt. Alles schien ihn danach zu drängen, den Männern mit der Trage zu folgen.

Ich zeigte ihm mein aufgeklapptes Liederetui mit dem silbernen Adler und sagte ihm meinen Namen. Mit einer Handbewegung forderte ich ihn auf, sich zu setzen. Er gehorchte nur widerstrebend. Ich ließ die Tür geöffnet und ersparte ihm dadurch das zusätzliche Gefühl des Gefangenseins. Als ich ihm meine'Zigarettenschachtel hinhielt, nahm er dankbar an.

»Sie sind Zeuge in einem FBI-Fall«, sagte ich. »Ihre Freundin wird ins Bellevue Hospital gebracht. Sobald ich Ihre Personalien und Ihre Adresse habe, können Sie hinfahren.« Ich nahm die Visitenkarte aus der Tasche und warf einen Blick darauf. »Fragen Sie nach Dr. Coates!«

»Rhonda ist nicht meine Freundin. Sie ist meine Schwester.« Er blies die Luft durch die Nase. Im nächsten Moment hob er den Kopf, und seine Stirn war gefurcht, als er mich ansah. »Was in aller Welt haben wir mit einem FBI-Fall zu tun? Ich verstehe das nicht. Wir hatten eine Probe… Equalizer, so heißt die Gruppe, in der ich Keyboards spiele. Rhonda ist das Mädchen für alles. Sie versorgt uns mit Getränken, Sandwiches, Zigaretten und so. Ich kann mir nicht vorstellen…«

Ich unterbrach ihn mit einer knappen Handbewegung. »Mein Kollege und ich sind nicht Ihretwegen hergekommen. Wir hatten einen Hinweis erhalten, daß Ikey Smithson hier auftauchen würde. Das ist der Mann, der aus dem Scheinwerfergerüst gestürzt ist. Leider war er ein paar Minuten vor uns hier. Haben Sie eine Ahnung, was er von Ihrer Schwester wollte?«

Er starrte mich an und sperrte den Mund auf. »Wie kommen Sie darauf? Ich meine… ich denke, Rhonda ist ihm zufällig über den Weg gelaufen. Sie wollte nämlich gerade zum Kaffeeautomaten. Und da hat der Kerl sie…« Er stockte und schluckte heftig. Etwas schien seine Kehle zuzuschnüren.

Ich spürte, daß er die Wahrheit sagte. Es hatte keinen Sinn, ihn weiter zu bedrängen. Nicht jetzt. Ich notierte mir seinen Namen, seine Adresse und seine Telefonnummer. Er hieß Floyd Dailey und hatte gemeinsam mit seiner Schwester ein Apartment an der Canal Street gemietet. Als ich ihm erlaubte, die Diskothek zu verlassen, bedankte er sich hastig und hocherfreut. Die drei anderen aus der Gruppe würden seine Keyboards und den übrigen Kram einpacken.

Der Notarzt war bereits wieder zum Hospital gefahren. Mit den Musikerkollegen Floyd Daileys hatte Milo schon gesprochen. Keiner von ihnen konnte sich erklären, was Smithson in der Discothek gesucht hatte. Wir warteten, bis die Kollegen vom Erkennungsdienst eintrafen. Dann überließen wir ihnen das Feld.

»Ikey Smithson war nicht der Typ, der in Künstlergarderoben nach Geldbörsen sucht«, sagte Milo, nachdem wir in meinen Jaguar gestiegen waren. »Wenn du mich fragst, sollte er irgend etwas auskundschaften.«

Ich nickte. Bedauerlicherweise war auch der Hinweis unseres V-Manns unvollständig gewesen. Mehr als die Tatsache, daß Ikey im Abilene erscheinen werde, war nicht bekannt gewesen. Kein Warum und Wieso. Man kann nicht verlangen, daß V-Leute beim Belauschen von Gesprächen jedes Wort mitkriegen.

 

 

3

»Komisch«, sagte Rhonda und schüttelte mit leisem Lachen den Kopf. »Ich fühle mich richtig leicht und beschwingt. Sie haben mir irgend ein Medikament gegeben.«

»Tranquilizer«, sagte Floyd unwillig. Er lenkte den alten Mercedes 230 auf die rechte Fahrspur der Canal Street. »Da kriegst du mal eine Vorstellung von Tablettenmißbrauch und Drogenabhängigkeit. Willst du jeden Tag happy sein, nimmst du einfach deine bunten Pillen.«

»Floyd, ich bitte dich! So ein Arzt weiß doch wohl, was er verantworten kann. Wenn ich einmal ein Beruhigungsmittel kriege, werde ich doch noch nicht süchtig, oder?«

Floyd winkte ab. Er tat, als konzentriere er sich auf den Straßenverkehr. Rhonda lächelte stumm. Sie kannte ihn. Wenn er keine Lust mehr hatte, über ein Thema zu sprechen, nahm er diesen geistesabwesenden Gesichtsausdruck an. Vor allem gab er jedesmal rasch auf, wenn man seinen Erklärungen und gedanklichen Aussflügen widersprach.

Trotzdem hätte Rhonda ihn umarmen können. Er war ihr Beschützer, besonders seit sie in dieser riesigen Stadt lebten, die ihnen anfangs so fremd und unheimlich gewesen war. Und Rhonda hatte es immer zu würdigen gewußt, wie Floyd seine Fittiche über ihr ausbreitete. Sie gehörte nicht zu der Sorte Girls, die einen Kam tekursus mitmachen mußten, um Selbstbewußtsein zu erlangen.

Floyd bog auf den Parkplatz ab. Die Canal Street war zu dieser Zeit noch von Leben und Lärm erfüllt. Leuchtreklamen strahlten ihr Grün, Gelb und Rot in den Abendhimmel. Touristen strömten ins nahegelegene Little Italy oder nach Chinatown.

Floyd drehte den Zündschlüssel nach links, und der ersterbende Dieselmotor schüttelte die Karosserie durch. Hinten rechts klapperte der durchgerostete Kotflügel. Rhonda genoß die vertrauten Geräusche. Es gab das Gefühl, da zu sein, wo man hingehörte. Ein Gefühl, das sie lange vermißt hatte.

»He, verdammt noch mal, was, zum Teufel…«

Schon im Aussteigen begriffen, wandte Rhonda sich erstaunt um. Floyd fluchte oft über den Wagen. Aber selten war er dabei so wütend, daß er in einem solchen Ton…

Jäh schien es, als würden ihre Gedanken abehackt.

Fäuste im Schein der Innenbeleuchtung! Fäuste, die in Floyds Jackenstoff griffen. Grob und brutal. Nähte rissen prasselnd.

Floyd wehrte und wand sich. Vergeblich! Sie zerrten ihn hinaus.

Rhonda schrie auf, als er mit dem Kopf gegen die Dachkante des Wagens stieß.

Dann konnte sie nur noch den unteren Teil seines Körpers sehen. Die Kerle schlugen die Tür zu. Es war, als klebte Floyd mit dem Rücken an der Scheibe und am Blech. Der Wagen begann zu schaukeln.

Erst jetzt erwachte Rhonda wie aus einem Traum. Sie wollte aufspringen, wollte ins Freie und um Hilfe schreien. Nur ein paar Meter entfernt, in der Helligkeit der Canal Street, gab es Menschen genug.

Ein Schatten versperrte den freien Raum der schon halb geöffneten Beifahrertür. Erschauernd spürte Rhonda den Atem, der nach Zigarettenrauch roch. Harte Hände drückten sie im Hochkommen zurück auf den Sitz.

Jetzt hörte sie die dumpfen Schläge und das Stöhnen, Floyds Schmerzenslaute. Diese Schläge waren es, die den Wagen ins Schaukeln brachten. Rhonda spürte, wie ihr Körper starr wurde vor Entsetzen. Es war wie eine Lähmung. Die Droge hatte ihre Wirkung verloren.

Floyd schrie plötzlich auf.

»Genug«, sagte der Schatten an der Beifahrerseite über das Wagendach hinweg.

Sie rissen die Tür wieder auf und stießen Floyd zurück auf den Fahrersitz. Rhonda fürchtete sich davor, ihn anzusehen. Sie hörte nur sein Stöhnen. Es traf sie bis ins Innerste.

»Wir haben ein paar Takte zu reden«, sagte der, der neben Rhonda stand. Nach dem herrischen Klang seiner Stimme zu urteilen, war er der Anführer.

Rhonda blickte zu ihm auf. Ihr Instinkt veranlaßte sie dazu. Wenn er ein Mensch war, mußteer doch Mitleid haben. Sicherlich erkannte er, in welche Ängste er sie stürzte.

Der Mann hatte einen buschigen Schnauzbart mit herabhängenden Enden. Seine Augen waren schmal, zusammengekniffen. Die strähnigen braunen Haare reichten ihm bis auf den Kragen.

»Was haben wir Ihnen getan?« rief Rhonda verzweifelt. »Unser Auto ist alt und verrostet. Und das bißchen Geld, das wir in der Tasche ha…«

Der Mann lachte. Seine volltönende Baßstimme trieb Rhonda eine Gänsehaut über den Rücken. »Das hast du voll drauf, Kleines. So richtig schön auf die Tränendrüse drücken, was?«

Er ging neben ihr in die Hocke und legte seine rechte Hand auf ihren Oberschenkel. Es war eine besitzergreifende Geste, die seinen Machtanspruch veranschaulichte. »Vergiß es! Wir halten uns nicht mit Nebensachen auf. Was habt ihr mit dem FBI zu tun, du und dein Bruderherz?«

»Mit wem?« entgegnete Rhonda. Sie verstand überhaupt nichts.

Floyd räusperte sich mühevoll. »Ein Zufall«, stöhnte er, denn er hatte schlagartig begriffen, was das Auftauchen der Schläger bedeutete. Sie waren die Komplizen des Mannes, der in der Discothek gestorben war. »Die FBI-Beamten waren hinter diesem Smithson her.«

Der Schnauzbärtige stieß einen Knurrlaut aus.

Rhonda sah ihn an. Sie versuchte, in seinem Furchengesicht zu lesen. Auf einmal wurde ihr klar, was ihr Bruder viel eher verstanden hatte. Der Kerl, der sie in der Discothek bedrängt hatte, war nicht etwa zufällig dort eingedrungen.

»Allright«, sagte der Mann neben ihr und nahm seine Hand von ihrem Oberschenkel. Er schien sich mit Floyds Erklärung zufriedenzugeben. »Ändern können wir sowieso nichts mehr. In der Zukunft liegt unser Glück. Also lassen wir die Vergangenheit ruhen!«

Er lachte wieder, stolz auf seine Formulierung. Unvermittelt zog er ein Hochglanzfoto aus der Innentasche seiner Jacke und hielt es Rhonda vor das Gesicht.

Sie brachte keinen Ton mehr hervor. Und an Floyds plötzlich stockendem Atem hörte sie, wie erschrocken auch er war.

Dieses Reihenhaus mit seiner verwaschenen Fassade. Das Stückchen Himmel; das von den Industrieschloten verdunkelt war. Der erbärmliche kleine Vorgarten und der Zaun mit der abgeblätterten Farbe. Und davor der Mann und die Frau in ihrer typischen Haltung, wie sie sich mit einem Nachbarn unterhielten.

Das Bild war noch nicht alt. Vielleicht erst vor ein paar Tagen oder Wochen aufgenommen.

»Ihr beiden Hübschen wollt doch nicht, daß euren Eltern was passiert, habe ich recht?« Der Schnauzbärtige steckte das Bild wieder ein. Dann überlegte er es sich anders, zog es wieder heraus und klatschte es Rhonda auf die Schenkel. »Behalte es, Kleines! Wir haben das Negativ.«

Sie nahm das Bild auf. Ihre Finger zitterten. »Woher… haben… Sie das?« stammelte sie tonlos.

»Wir haben gute Freunde in Belfast.« Der Mann lachte erneut. »Wie auch immer, ihr wißt es besser als wir: Da drüben lebt man verdammt gefährlich. Ehe man es sich versieht, geht einem eine Bombe unter dem Hintern hoch. Euren Eltern kann das natürlich auch jederzeit passieren, das wißt ihr. Anschließend gibt’s einen anonymen Anruf bei der Zeitung, und dann weiß alle Welt mal wieder, daß Britenfreunde und Verräter in Nordirland des Todes sind.«

»Aber unsere Eltern haben mit Politik überhaupt nichts zu tun«, entgegnete Rhonda verzweifelt. »Sie haben sich immer aus allem herausgehalten.«

Der Schnauzbärtige gluckste, und auch die Schläger auf der anderen Seite des Wagens kicherten. »Das weißt du, Kleines. Aber außer dir und deinem Bruderherz weiß es wahrscheinlich kein Mensch. Begriffen? Wenn man in Belfast jemand ins Jenseits befördert, dann glaubt man zunächst, daß es aus politischen Gründen geschieht. Aber zur Sache!«

Diesmal legte er beide Hände auf ihre Oberschenkel. Seine Stimme senkte sich zu kalter Eindringlichkeit. »Ihr beiden Hübschen werdet genau das tun, was wir euch sagen, Und ihr werdet kein Sterbenswörtchen darüber verlieren. Auch nicht darüber, daß wir dieses nette kleine Gespräch hatten. Denkt dran, wie schnell in Belfast eine Bombe hochgehen kann!«

Rhonda und Floyd sahen fortwährend nur ihre Eltern vor sich, während der Fremde seine Anordnungen gab.

 

 

4

John D. McKee klappte den dünnen Schnellhefter zusammen und legte seine Künstlerhände übereinander. Sein silbergraues Haar hatte diesen sanften Schimmer, wie er stets vom Licht der Schreibtischlampe hervorgerufen wurde. Jemand, der den Chef des FBI-Distrikts New York nicht kennt, wird ihn vielleicht für einen Musiker oder Schriftsteller halten. Daß er sein Leben ausschließlich und unwiderruflich dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet hat, wissen nur die wenigen, die miterleben mußten, wie Gangster seine nächsten Angehörigen umbrachten.

Milo und ich gehörten zu den Menschen, denen John D. McKees persönliches Schicksal bekannt ist.

Eindringlich sah er uns an. »Wir werden Schwierigkeiten bekommen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß bestimmte Journalisten ihre besonderen Geschichten aus Smithsons Tod machen werden.«

In der Tat nicht. Smithson, so hatte die Obduktion ergeben, war den inneren Verletzungen erlegen, die er beim Sturz erlitten hatte. Die beiden Geschosse aus unseren Dienstrevolvern wären in keinem Fall tödlich gewesen. Das hatte das Pathologenteam in seinem ersten Gutachten ausdrücklich bescheinigt. Andererseits konnten wir uns alles Mögliche bescheinigen lassen — es würde bestimmte Journalisten garantiert nicht daran hindern, die Geschichte so zusammenzubasteln, wie sie ihnen am besten gefiel.

»Versuchen wir doch, das Pferd anders herum aufzuzäumen!« schlug ich vor. »Warum Ikey Smithson in die Discothek marschierte wissen wir nicht. Daß er es tat, wissen wir von einem V-Mann. Und Ikey hatte nicht die leiseste Ahnung, daß er oder seine Auftraggeber irgendwann belauscht wurden. Deshalb drehte er durch, als er uns sah. Er verlor völlig den Verstand und beging in seiner Angst eine tödliche Dummheit.«

»Wir haben ihn bei einer versuchten Vergewaltigung erwischt«, warf Milo ein.

Ich blickte ihn an und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es so war. Und daß Ikey kein Handtaschenluchs ist, wissen wir ebenfalls. Es bleibt also alles an der einen Frage hängen: Weshalb taucht ein hochkarätiger Gangster nachmittags in einer Nobeldiscothek auf, in der gerade eine Musikprobe läuft?«

»Möglichkeiten gibt es genug«, sagte der Chef. »Smithson kann einert geeigneten Platz für eine Bombe gesucht haben. Oder er hat sich nach einem Platz für einen Scharfschützen umgesehen. Prominentendiscos sind für Attentäter nicht die schlechteste Ausgangsbasis. Wir werden das Abilene auf jeden Fall von jetzt an überwachen. Aber ich fürchte, das hilft uns nicht weiter.«

Ich stand auf. »Ich kümmere mich um Rhonda Dailey, Sir. Sie müßte inzwischen vernehmungsfähig sein.«

»Einverstanden«, sagte der Chef und nickte. Dann wandte er sich Milo zu. »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich mit der Presseverlautbarung befassen und anschließend die Pressekonferenz leiten.«

Gemeinsam verließen wir das Büro des Chefs.

»Ich ziehe den Papierkrieg an wie ein Magnet«, seufzte mein Freund mit unüberhörbarem Vorwurf. »Warum zum Teufel meldest du dich nicht freiwillig für die Pressekonferenz?«

»Mit den Sensationsgeiern wirst du besser fertig«, behauptete ich. »Keiner läßt diese Typen so eiskalt abfahren wie du.«

Ich spürte, wie er mich forschend von der Seite ansah. Ich nickte bekräftigend. Meine Bemerkung war durchaus ernst gemeint, auch wenn sie nicht ganz so klang. Milo verstand es in der Tat hervorragend, im Umgang mit Reportern beherrscht zu bleiben.

 

 

5

Bremsleuchten glühten funkelnd rot auf gelben Taxikarosserien. Ein ganzer Pulk davon hielt vor mir an der Kreuzung West Broadway und Canal Street. Manchmal kommt es einem vor, als ob halb New York in Taxis unterwegs ist. Vor allem abends, wenn die Leute befürchten müssen, daß der eigene Wagen aufgebrochen und ausgeplündert wird, sobald sie ihn irgendwo unbeaufsichtigt abstellen.

Die Ampel sprang auf Grün um, und ich folgte dem Teil des Taxischwarms, der nach links in die Canal Street einbog. Passantenscharen wogten auf den Bürgerstiegen hin und her. Greenwich Village war nur einen Katzensprung entfernt, und wer nach Little Italy oder Chinatown will, muß die Canal Street benutzen. Touristen genossen wie an jedem Abend den Reiz der fremdländischen Atmosphäre. Hochkonjunktur für Langfinger!

Die Hausnummer, die Floyd Dailey mir genannt hatte, gehörte zu einem alten Backsteingebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die Fassade war grau vom Straßenstaub. Im Erdgeschoß befand sich ein Maklerbüro, dessen Fenster vergittert und zusätzlich mit heruntergelassenen Rolläden gesichert waren.

Ich stellte meinen Jaguar in eine Halteverbotszone. An die heruntergeklappte Sonnenblende klemmte ich das Schild Police mit dem amtlichen FBI-Siegel.

Im Hausflur lag der Geruch von erkalteten Essensdünsten dieses Tages. Kinder balgten sich lärmend im Schein der Notbeleuchtung vor der Hintertür. Ich bahnte mir meinen Weg durch einen knöchelhohen Fußbodenbelag aus Limonadendosen, Zigarettenschachteln, Kekskartons und Styroporverpackungen, an denen noch der Ketchup von Hamburgern klebte.

Die Wohnung der Geschwister Dailey befand sich im 3. Stock, nur erreichbar über eine schmutzstarrende Treppe. Das Pappschild, das den Fahrstuhl als Außer Betrieb auswies, war bereits vergilbt.

Rhonda öffnete mir die Tür. Mit meinem Gesicht wußte sie nichts anzufangen. Sie hatte das Geschehen in der Discothek aus ihrem Bewußtsein verdrängt.

Nach dem Gespräch mit Mr. McKee hatte ich Dr. Coates angerufen, den Notarzt. Er berichtete mir, daß Rhonda von ihrem Bruder abgeholt worden war. Dr. Coates machte mir wenig Hoffnung, daß ich von Rhonda etwas Brauchbares erfahren würde. Sie war »ruhiggestellt« worden, wie die Mediziner sagen. Vielleicht sah sie selbst die schlimmsten Erinnerungen in rosaroten Farben.

Ich hielt ihr das aufgeklappte Lederetui hin und ließ ihr Zeit, den Silberadler zu betrachten und den Text der ID-Card zu studieren.

»Trevellian«, sagte ich. »Wir sind uns im Abilene begegnet, Miss Dailey. Heute nachmittag.«

Ihre Augen erhellten sich. »Oh, jetzt weiß ich. Bitte kommen Sie herein! Sie wollen mich vernehmen? Ich glaube, ich war ziemlich durcheinander, als… als…« Sie suchte nach Worten.

»Das kann Ihnen niemand übelnehmen«, sagte ich lächelnd und folgte ihr in die Wohnung. Die Einrichtung war adrett und geschmackvoll. Ein krasser Gegensatz zu dem heruntergekommenen Treppenhaus.

Floyd Dailey saß im Living-room auf einem flachen, cordbespannten Sitz. Erstaunt blickte er zu mir auf. Zwischen den steilen Falten seiner Stirn las ich ein unwilliges Sie schon wieder?. Ich kam mir vor wie einer dieser aufdringlichen Detektive im Fernsehen, die die Verdächtigen durch ständiges Aufkreuzen nerven und schließlich zur Verzweiflung treiben.

Mein Erstaunen war nicht minder groß. Die Schrammen und Beulen in Floyds Gesicht waren nicht zu übersehen. Auf seiner Kinnspitze prangte ein Heftpflaster.

»Schwierigkeiten gehabt?« erkundigte ich mich und setzte mich ihm gegenüber.

Rhonda schenkte mit mechanischen Bewegungen dampfenden Kaffee ein und schob mir einen Becher zu. Ich bedankte mich mit einem Nicken.

»Nichts Besonderes«, sagte ihr Bruder nuschelnd.

»Das ist alles?« entgegnete ich, als ich merkte, daß er nicht weiterreden wollte.

»Was wollen Sie denn noch hören?« Er zog die Brauen zusammen. »Bin ich Ihnen einen lückenlosen Bericht über meinen Tagesablauf schuldig?«

»Floyd«, sagte ich kopfschüttelnd, »im Abilene hatte ich den Eindruck, daß man vernünftig mit Ihnen sprechen kann. Was ist dazwischen gekommen, daß sich das jetzt ändern muß?« Ich beobachtete Rhonda aus den Augenwinkeln. Ihre Finger krampften sich um den Kaffeebecher, den sie mit beiden Händen hielt. Sie vermied es, mich anzusehen.

»Es ist nichts dazwischengekommen, und es hat sich nichts geändert«, brummte Floyd. »Was ich weiß, habe ich Ihnen gesagt. Wenn ich ein paar Strolche auf frischer Tat dabei ertappe, wie sie unsere Wohnungstür aufbrechen wollen, dann lassen Sie sich gesagt sein, daß das in dieser Gegend wirklich nichts Besonderes ist!«

»Haben Sie Anzeige erstattet?« fragte ich geduldig. Ich konnte an seiner Nasenspitze sehen, daß er log.

»Zwecklos.« Er winkte ab. »Die Tür ist noch nicht mal beschädigt. Ich könnte auch keine Personenbeschreibung von den Kerlen abgeben, so schnell sind die verschwunden. Außerdem…« Sein Blick wurde herausfordernd. »Seit wann sollte die New Yorker Polizei etwa in der Lage sein, die Bürger vor der Alltagskriminalität zu schützen?«

»Die City Police leistet hervorragende Arbeit«, sagte ich scharf. »Ich halte nichts davon, wenn Vorurteile zu Tatsachen hochgespielt werden. Aber weichen wir nicht vom Thema ab! Sie bleiben bei Ihrer Darstellung vom Einbruchsversuch?«

»Was denn sonst?« Er brauste auf. »Bin ich etwa wegen irgend etwas verdächtig? Meine Schwester wird überfallen und fast vergewaltigt, und Sie kommen her und tun so, als ob ich ein gottverdammter Halunke wäre!«

»Welchen Eindruck Sie haben, ist Ihre Sache.« Ich zündete mir eine Zigarette an. Es hatte keinen Sinn, sich in die Schlägerei zu verbeißen, in die er offensichtlich verwickelt gewesen war. Er begriff nicht, daß er mir durch sein Schweigen nur um so deutlicher machte, wieviel an der ganzen Sache rätselhaft war.

Ich wandte mich seiner Schwester zu. »Rhonda, ich muß Ihnen ein paar Fragen stellen. Dr. Coates meinte, daß er Sie einigermaßen aufgepäppelt hat.«

Sie lachte. Es klang übertrieben. »Aber ja, Mr. Trevellian. Ich fühle mich so wohl, daß Floyd schon meinte, ich würde süchtig nach den Beruhigungspillen, die ich geschluckt habe.«

Ich spürte, daß sie abzulenken versuchte. Deshalb ging ich sofort auf den Kernpunkt los. »Der Mann, der Sie in der Discothek überfallen hat — was wollte er von Ihnen?«

Sie blickte mich mit großen, staunenden Augen an, als hätte ich sie gefragt, wieviel zwei und zwei ist.

»Aber… Aber was ist daran denn noch unklar? Er wollte mich vergewaltigen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht bei Ihnen bedankt. Wenn Sie nicht eingegriffen hätten, würde ich jetzt wohl nicht hier sitzen. Dieser gemeine Kerl war wie ein… wie ein Tier!« Ich spürte, wie sie sich in die Vorstellung hineinsteigerte. Sie war so weit, daß sie vermutlich selbst an die Version von der Vergewaltigung glaubte.

»Rhonda«, sagte ich rauh, »es tut mir leid, aber ich kann Ihnen das einfach nicht abnehmen. Smithson ist mit einer festen Absicht in die Discothek eingedrungen. Ich werde herausfinden, was für eine Absicht es war. Und wenn Sie auch nur die leiseste Ahnung haben, tun Sie besser daran, es mir jetzt zu sagen.« Rhondas Augen nahmen einen flehentlichen Ausdruck an. »Mr. Trevellian, ich bitte Sie, drohen Sie mir nicht! Was immer dieser Verbrecher vorgehabt hat, er hat mir nichts davon verraten. Mein Pech war es einfach, daß ich ihm zufällig über den Weg gelaufen bin.«

Ich nickte grimmig. Dann sah ich Floyd an. Sein Gesicht war wie gemeißelt. Also hatten sie sich auf eine gemeinsame Aussage geeinigt. Ich konnte beim besten Willen nicht begreifen, was sie vor mir verbergen wollten.

»Gut«, sagte ich und schob meine Karte mit der dienstlichen Telefonnummer auf den Tisch. »Falls Ihnen zu irgendeinem Zeitpunkt der Sinn danach stehen sollte, mir mehr zu erzählen, dann rufen Sie mich an!«

»Es gibt nicht mehr zu erzählen«, sagte Rhonda. Diesmal klang ihre Stimme beinahe trotzig. »Glauben Sie mir, ich bin froh, daß ich diesen Alptraum mit halbwegs heiler Haut überstanden habe.«

»Dann wünsche ich Ihnen, daß der Alptraum wirklich zu Ende ist.« Aus meiner Verständnislosigkeit machte ich kein Hehl.

Rhonda nagte auf ihrer Unterlippe. Sie senkte den Kopf und sagte nichts mehr.

»Sonst noch was?« fragte ihr Bruder angriffslustig.

»Nichts Besonderes«, entgegnete ich mit frostigem Lächeln. »Nur ein bißchen persönlichen Hintergrund brauche ich noch von Ihnen beiden.«

Floyd schickte einen entnervten Blick zur Zimmerdecke. Dann gab er seiner Schwester einen auffordernden Wink.

»Fang schon an, Rhonda! Sag deinen Lebenslauf auf!« Er sah wieder mich an. »Und dann werden wir Vorgeladen und müssen den ganzen Kram noch mal von vorn runterbeten, stimmt’s? So sieht und liest man’s ja dauernd.«

Ich nahm einen Schluck von dem Kaffee, der hervorragend war. »Bevor Sie sich an Vorurteilen hochziehen, Floyd, sollten Sie sich mit der Wirklichkeit besser vertraut machen. Mit der Polizei hatten Sie bislang jedenfalls noch nichts zu tun. Nicht hier in den Staaten.«

Diesmal sahen sie mich beide staunend an.

»Woher wissen Sie…?« setzte Rhonda an.

»Ich habe oft genug mit Iren zu tun gehabt, um ihren Akzent zu erkennen«, antwortete ich. »Bei Ihnen beiden tippe ich auf Nordirland, Belfast oder Londonderry.«

»Belfast«, sagte Floyd, und der Stolz auf seine Herkunft ließ ihn ein wenig auftauen.

»Sind Sie eingewandert?« erkundigte ich mich. »Wenn ja, wann und warum?«

»Das war vor fünf Jahren«, antwortete Rhonda. Ihre Stimme klang nach wie vor gepreßt. Die Erinnerung an ihre nordirische Heimat schien ihr weniger Freude zu bereiten als ihrem Bruder. »Inzwischen haben wir die US-Staatsbürgerschaft. Nordirland haben wir verlassen, weil es dort keine Zukunft für uns gab. Wir studieren beide Musik, müssen Sie wissen. Mein Fach ist Konzertgitarre. Floyd hat sich auf Klavier und Harfe festgelegt. Ich gebe nebenbei Unterricht in Abendkursen und Privatstunden. Floyd ist viel aktiver. Er spielt in der Gruppe mit, die Sie heute gehört haben — Equalizer. Außerdem spielt er Football und geht einmal die Woche zum Bodybuilding.«

Ich nickte anerkennend, »Muß man als Pianist und Harfenist nicht höllisch auf seine Hände aufpassen?« sagte ich und warf einen bezeichnenden Blick auf Floyds Schrammen im Gesicht.

Seine Miene verdüsterte sich wieder. »Was ich in meiner Freizeit anstelle, ist wohl meine Privatsache, oder? Und um meine Hände brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

»Ich sage es ihm auch immer«, versuchte Rhonda die Anspannung zu mildern. »Aber er hört einfach nicht auf mich. Immer mit dem Kopf durch die Wand!«

Ich sah Rhonda an. Sie wich meinem Blick aus. Zwecklos. Redselig wurde sie nur dann, wenn es um eine Nebensache ging. Den Schutzschild, den sie um sich aufgebaut hatte, konnte ich nicht durchdringen. Bei Floyd funktionierte das noch viel weniger.

Ich ließ die beiden allein. Aber sie würden mich nicht das letzte Mal gesehen haben. Vielleicht brauchten sie Abstand von den Dingen, soviel mußte ich ihnen zugestehen.

Als ich aus dem schmuddligen Hauseingang trat, hatte ich dieses Gefühl, daß mich jemand durchdringend musterte. Ich verharrte und blickte nach beiden Seiten. Der Strom der Fußgänger war noch nicht dünner geworden. Möglich, daß einer an einem parkenden Wagen gelehnt und den Hauseingang beobachtet hatte. Jetzt war jedenfalls nichts mehr zu sehen.

Ich ging zu meinem Jaguar, ließ mich hinter das Lenkrad sinken, sc Hob mir eine Zigarette zwischen die Zähne, rauchte und blickte auf die lange Motorhaube, ohne sie wahrzunehmen. Ikey Smithson war kein kleiner Fisch gewesen. Diese Erkenntnis war für mich nicht neu.

Naheliegend, daß seine Auftraggeber herauszufinden versuchten, wieviel wir wußten. Oder galt das Interesse ausschließlich den Geschwistern Dailey?

Ich rief den Chef über Funk und informierte ihn in Stich worten über das ergebnislose Gespräch. »Ich möchte die beiden beschatten lassen«, fügte ich hinzu. »Damit wir vorankommen… und zu ihrem eigenen Schutz.«

»Nichts dagegen einzuwenden, Jesse. Nur werde ich für diese Nacht keine Kollegen mehr loseisen können. Morgen bei Dienstbeginn läßt es sich dann einrichten.«

»In Ordnung, Sir. Ich übernehme die erste Überwachung selbst.«

Ich fuhr einmal um den Block und stellte meinen roten Flitzer dann auf einen Parkplatz schräg gegenüber dem Backsteinhaus.

In der Wohnung von Rhonda und Floyd brannte noch Licht. Dabei blieb es während der nächsten Stunden.

Milo kreuzte sehr bald mit einem Taxi auf, schwang sich neben mir auf den Beifahrersitz und ordnete an, daß ich mir eine Mütze voll Schlaf zu gönnen habe.

Auf diese Weise wechselten wir uns während der nächsten Stunden ab. Gegen 2 Uhr morgens erlosch in der Wohnung das Licht. Noch vor Tagesanbruch beendeten wir die Beobachtung. Keine auffällige Gestalt hatte sich für das Haus oder die Wohnung interessiert.

Ich fuhr nach Hause und nahm ein Bad.

 

 

6

Reuben Jackson gefiel den Geschwistern auf Anhieb. Ganz und gar nicht der Typ des zerstreuten Professors, der ständig belehrend auf einen einredete und sonst nie ganz richtig bei der Sache war. Nein, in Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen wirkte Jackson mit seinen 52 Jahren überaus sportlich. Er war mittelgroß und durchtrainiert und hatte aschgraues Haar. Sein Alter hatten Rhonda und Floyd von der Agentur erfahren. Es war wichtig, die persönlichen Daten des Auftraggebers zu kennen, wenn man mit ihm zurechtkommen wollte.

Floyd deutete mit einer verlegenen Kopfbewegung auf den Mercedes, den er draußen vor dem Gartentor hatte stehen lassen. »Entschuldigen Sie, Sir, aber die Rostlaube ist hier wohl völlig fehl am Platze. Hoffentlich haben Sie eine freie Garage, in der ich den Wagen verstecken kann.«

Reuben Jackson winkte lachend ab und führte die Geschwister durch den weitläufigen Garten auf das Haus zu. Eine Villa, eingeschossig, mit verwinkelten Trakten. Kein Prunkbau im üblichen Sinn. Auch waren die Pflanzen im Garten in weiten Teilen ungehindert und wild gewachsen. Ökologiefans hätten ihre helle Freude daran gehabt.

Der Hausherr machte Rhonda und Floyd mit seiner Ehefrau bekannt. Meryl Jackson war eine schlanke, fast zierliche Frau, die das dunkle Haar zu einem strengen Knoten gebunden hatte. Als ehemalige Tänzerin an der Metropolitan Opera hatte sie im Gesellschaftsleben einen Namen. Diesem Ruf verdankte sie es, daß ihre private Ballettschule für Kinder reicher Eltern bestens florierte. Einer der Gebäudetrakte war für diesen Zweck eingerichtet — Ballettsaal, Umkleideräume, Duschen, Aufenthaltsraum.

Rhonda und Floyd sahen sich den Rest des Haues an und ließen sich dann von Reuben Jackson zurück zum Gartentor begleiten.

»Dann sind wir uns also einig?« fragte er, nachdem er den beiden die Hand gegeben hatte. »Sie treten Ihren' Dienst gleich morgen früh um 7 Uhr an. In Ordnung?«

Rhonda und Floyd wechselten einen Blick.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942439
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v913057
Schlagworte
haus trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und der Tod im Haus