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Trevellian und Ruby, der Millionen-Macher

2020 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und Ruby, der Millionen-Macher

Copyright

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Trevellian und Ruby, der Millionen-Macher

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Wasser glitzerte im späten Sonnenlicht. Behäbig glitt das Segelschiff heran. Eine spanische Galeone aus dem 16. Jahrhundert. Henry Alcorn ging am Ufer des Sees in die Hocke, um die Einzelheiten besser betrachten zu können. Vielleicht war der Segler aus dem Ruder gelaufen. Oder der Eigentümer kam mit der Fernsteuerung noch nicht klar.

Alcorn kannte fast alles, was sich nach Feierabend auf dem See bewegte. Die Galeone aber sah er zum erstenmal.

Ein Surren war jetzt zu hören. Überrascht zog Alcorn die Brauen zusammen. Mit elegantem Schwung legte sich das gut anderthalb Meter lange Schiffsmodell längsseits ans Ufer. Ein Elektromotor trieb es an!

Alcorn schüttelte den Kopf über diesen für ihn ungeheuerlichen Stilbruch. Er beugte sich nach vorn, um die Takelage zu begutachten. Bronzefarben schimmerten die Rohre der Modellkanonen. Eine davon mußte Übergewicht nach hinten gekriegt haben. Senkrecht zeigte sie nach oben. Alcorn sah die Mündung zwischen den bauchigen Segeln und wunderte sich über das plötzliche Zischen und Funkensprühen. Den dumpfen Knall hörte er schon nicht mehr. Er starb, ohne begriffen zu haben, wie und warum.

 

 

2

Kein Tag ohne Verabredungen!

Ein FBI-Agent, der das behauptet, prahlt nicht. Aber so wie im Kino oder im Fernsehen läuft es selten. Meistens haben wir es nicht mit drallen Blondinen zu tun, die schon durch einen Augenaufschlag jeden Männerpulsschlag auf Tempo bringen. Und noch viel weniger spielen sich unsere Verabredungen in finsteren Hinterhöfen ab, wo man uns auflauert und unversehens den Schädel weichklopft.

Nichts dergleichen erwarteten Milo und ich bei Ferdinand Morton. Dazu war sein Beruf viel zu trocken, der Treffpunkt viel zu normal.

Im Verlauf der 145th Street gibt es eine Überführung über den Henry Hudson Parkway. In luftiger Höhe genossen wir den Ausblick auf den Fluß. Dann zog ich den Jaguar in die Rechtskurve und fand gleich darauf die richtige Abzweigung in eine Uferstraße am Hudson River. Ein Jachtklub neben dem anderen. Dazwischen ein paar Privatgrundstücke.

Morton besaß ein Wochenendhaus mit eigenem Anleger.

»Freut mich, Sie zu sehen, Gentlemen«, sagte er zur Begrüßung. Seine Miene drückte das Gegenteil aus. Er war einen halben Kopf kleiner als ich und hatte schwarzes, wie geklebt anliegendes Haar. Er mußte zu Milo und mir aufblicken. Vielleicht ärgerte ihn das. Sein grüner Jogginganzug und die Seglerschuhe sahen lässig aus, aber die Feierabend-Freizeit hatte ihn noch nicht aufgemuntert.

»Wir sind unter uns, Mr. Morton.« Ich winkte ab und grinste. »Sie brauchen uns nichts vorzumachen. Wir sind Ihnen aufs Auge gedrückt worden. Einen roten Teppich haben wir also nicht erwartet.«

»Im übrigen sind wir auch auf dienstliche Anweisung hier«, fügte Milo hinzu. »Wir haben uns den Job nicht ausgesucht.«

Mortons Gesicht erhellte sich ein wenig. Er deutete auf das schnittige Kajütboot, das am Ufer lag. »Gehen wir an Bord, Gentlemen! Es ist der abhörsicherste Ort, den ich kenne.«

»Ein Elektroniker wie Sie kann Wanzen wahrscheinlich wittern«, sagte ich.

»So ungefähr«, antwortete er.

Wir schlenderten auf das Boot zu, und Morton schmunzelte nun sogar ein bißchen. Vielleicht hatte er gemerkt, daß wir nicht die kaltschnäuzigen Ermittlertypen waren, die ihn mit Fangfragen in die Enge treiben wollten. Ein schlechtes Gewissen brauchte er sowieso nicht zu haben. Für das, was in seiner Abteilung passiert war, trug er keine Verantwortung. Aber die Neider unter seinen Kollegen würden versuchen, ihm die Schuld in die Schuhe zu schieben.

In der gemütlichen Kajüte arbeitete eine Klimaanlage mit leisem Summen. Durch die Fenster sahen wir die Wasseroberfläche des Hudson knapp unter Augenhöhe. Ein schönes Bild. Rotgolden glühte die Sonne über Edgewater und Palisade, New Jersey. Auf dem Fluß kreuzten Segler, Motorflitzer und Windsurfer durch die funkelnde Glut.

»Hat die Firma Sie beurlaubt?« fragte Milo.

Morton lachte leise und bitter. »Sie haben einen geschulten Blick, Sir. Alle Achtung!«

»Und Ihnen wäre wohler«, sagte ich, »wenn Sie bei den Nachforschungen dabei sein könnten.«

»Würde es Ihnen anders gehen?« Er sah mich durchdringend an. »Stellen Sie sich das vor, Sir! Jemand schädigt die AMCO um eine Dreiviertelmillion Dollar, zusammengesetzt aus vielen Kleinbeträgen. Erreicht hat dieser Jemand das dadurch, daß er heimlich in unser Buchungsprogramm eingestiegen ist und uns munter angezapft hat. Wem anders als dem Chefprogrammierer sollte man das anlasten?«

Ich nickte verständnisvoll. Seine Niedergeschlagenheit war mehr als berechtigt. AMCO, die American Metal Corporation, war einer der größten Importeure von Zinn und anderen Metallen. Die Umsätze erreichten jedes Jahr Milliardenhöhen. Als Leiter der Elektronischen Datenverarbeitung bei AMCO stand Ferdinand Morton unter Beschuß. Wenn jemand von außen sein Programm knackte, dann ging das nicht ohne sein Wissen. Oder?

Die Manager des Unternehmens hatten das FBI verständigt und Morton dazu verdonnert, daß er sich mit den Special Agents verabredete. John D. McKee, unser Distriktchef, hatte Milo und mich für diesen Job ausgesucht. Wir hatten nämlich erst vor ein paar Wochen an einem von diesen neuen Elektronik-Lehrgängen teilgenommen. Seitdem wußten wir ein bißchen darüber, wie man mit einem Bildschirmgerät umgeht und was man alles damit anstellen kann, wenn man ein Computer-Fuchs ist.

Früher wurden FBI-Agenten zu Steuer- und Buchhaltungsexperten ausgebildet, und dann legten sie Leute wie Al Capone aufs Kreuz. Heutzutage muß unsereiner Basic lernen, die Programmiersprache. Und selbst dann bleibt es noch ein Buch mit sieben Siegeln, was sich zwischen Keyboard und Diskettenstation abspielt.

»Reden Sie sich nichts ein, Mr. Morton!« sagte ich. »Man kann Sie höchstens verdächtigen, Paßwörter verraten zu haben. Für die technischen Mängel der AMCO-Anlage können Sie nichts.«

»Wie alt ist die Anlage?« fragte Milo. »Zwei Jahre.« Morton musterte meinen Kollegen und mich überrascht. »Sie sind keine Laien, wie ich höre.«

»Wir tun nur so, als ob wir mitreden könnten«, antwortete ich lächelnd. Dann wurde ich ernst und berichtete von unserem Lehrgang in der FBI-Akademie in Quantico. »Mit einem Informatiker von der Hochschule können wir uns jedenfalls nicht vergleichen.«

Ferdinand Morton blies die Luft durch die Nase. »Auch wir werden von den technischen Fortschritten überrollt. Es fällt schwer mitzuhalten. Bei der AMCO haben wir es mit einem Top-Hacker zu tun, soviel ist mir inzwischen klar. Nachdem der Bursche unseren Code herausgefunden hat, muß er uns schon vor Wochen ein trojanisches Pferd eingebaut haben. Die Falschbuchungen erstrecken sich nämlich über einen Zeitraum von 20 Tagen.«

»Das heißt, der Hacker hat sich schon vorher eingeschlichen«, folgerte Milo.

»Und als er sicher war, daß das trojanische Pferd nicht bemerkt wurde, hat er losgeschlagen.«

»Entscheidend ist die Arbeitsweise des Hackers«, sagte ich. »Sie wissen, deshalb sind wir hier.«

Morton nickte. Er schien froh zu sein, daß er nicht zu fachlichen Erläuterungen ausholen mußte. Hacker nennt man die pfiffigen Burschen, die schon überall in der Welt in ihren Buden hocken und mit Home Computer und Akustikkoppler über die Telefonleitung in fremde Programme eindringen. Die Codewörter, die man dazu braucht, werden in Hacker-Kreisen schwunghaft gehandelt. Und trojanische Pferde sind nichts anderes als heimliche Anweisungen, die man in fremde Programme einbaut und dann arbeiten läßt.

Im Falle AMCO waren auf diese Weise jede Menge kleinere Beträge auf die Bankkonten von Scheinfirmen überwiesen worden. Die weitere Spur des Geldes ließ sich nicht mehr verfolgen. Durch ein Gewirr von Anschlußüberweisungen und Barabhebungen hatten die Elektronikgangster es geschafft, das Geld auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen.

»Natürlich ist unsere Anlage bereits veraltet«, sagte der Chefprogrammierer der AMCO. »Mittlerweile ist die Industrie in der Lage, Rechner zu liefern, die man nicht mehr anzapfen kann.«

»Behauptet die Industrie in ihrer Werbung«, entgegnete Milo. »Die Hacker brüsten sich lauthals mit dem Gegenteil. Kein System ist vor ihnen sicher, sagen sie.«

»Ich w?iß, ich weiß.« Morton rieb sich das Kinn. »Aber wir kommen ihnen auf die Schliche. Beispielsweise kann unsere Zusammenarbeit dazu beitragen, Gentlemen. Ich liefere Ihnen die Anhaltspunkte, und Sie vergleichen mit anderen Fällen. Nach und nach kreisen Sie den Burschen ein.«

»Anfangs wirkten Sie weniger begeistert«, sagte ich.

»Ich habe Sie für ahnungslose Engel gehal…«

Die letzte Silbe brachte er nicht mehr heraus. Denn ich packte ihn blitzschnell am Kragen und zog ihn auf mich zu. Gemeinsam gingen wir zu Boden.

Hämmernd zersägte es die Kajütenfenster. Glas prasselte in Krümeln auf uns herab. Milo hatte genauso schnell reagiert wie ich. Zu dritt lagen wir auf dem Teppichboden.

Ich wartete nicht, bis das Krachen der Geschoßgarbe abbrach. Ohne zu zögern, schob ich mich von Morton weg und robbte auf das offene Schott der Kajüte zu. Erst in diesem Moment wurde es still. Statt der Schüsse war das Aufbrüllen eines Bootsmotors zu hören.

Ich erreichte das kleine Achterdeck, zog den 38er und richtete mich halb auf.

Ein flacher Motorflitzer jagte nach waghalsiger Wende mit Kurs auf die Flußmitte davon. Zwei Kerle waren an Bord. Noch bevor ich eine weitere Überlegung anstellen konnte, nahm der Mann am Ruder plötzlich Gas weg. Der Bug des Flitzers senkte sich in die Wogen, und dann beschrieb das Boot eine geruhsamere Wende.

Der Kerl neben dem Rudergänger hantierte mit seiner Waffe, einer stummelartigen Maschinenpistole. Die israelische Uzi kommt neuerdings immer mehr in Mode. Das muß wohl an ihrer Handlichkeit liegen.

Ich schob den 38er im Beidhandanschlag auf die flache Reling. Entfernung 50 Meter. Nicht zuviel für den kurzläufigen Smith & Wesson. Anvisieren und Durchziehen waren eine Sache von zwei Sekunden.

Der 38er bellte und ruckte in meinen Fäusten. Drüben hatte der Motorflitzer sein Manöver noch nicht beendet. Meine Kugel jagte schräg von der Seite her durch die Windschutzscheibe. Deutlich sah ich, wie die beiden Kerle zusammenzuckten und in Deckung gingen. Ich schickte ihnen eine zweite Kugel flach über die Ruderanlage hinweg.

Trotzdem gaben sie ihr Vorhaben nicht auf. Jetzt mußten sie den zweiten Angriff erst recht durchziehen. Wer auch immer sie beauftragt hatte — sie mußten ihm eine Erfolgsmeldung liefern. Auftraggeber dieser Sorte reagieren auf Fehlschläge ziemlich sauer.

Das Boot nahm erneut Fahrt auf. Wieder mit Kurs auf Mortons schwimmende Freizeitzuflucht. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Milo. Geduckt hastete er zum Kommandostand. Ich nickte ihm zu.

Der Uzi-Schießer schnellte plötzlich in dem flachen Flitzer hoch, noch 40 Meter entfernt.

Ich hatte ihn sofort im Visier. Die besseren Voraussetzungen waren sowieso auf meiner Seite. Mortons Kajütboot lag ruhig am Anleger. Die Nußschale der Gangster schwankte dagegen im selbst verursachten Wellengang.

Der Bursche mit der Uzi schaffte noch einen kurzen Feuerstoß. Die Kugeln lagen allerdings viel zu tief und störten schlimmstenfalls die Fische im Hudson River. Ein paar kleine Fontänen stiegen weit vor mir aus der schmutziggrauen Brühe.

Ich jagte die dritte Kugel aus dem Zwei-Inch-Lauf.

Der Uzi-Mann schickte seine nächste Garbe in den Himmel. Er warf die Arme hoch und kippte hintenüber ins Boot. Seine Stummel-MPi torkelte über Bord.

Unter meinen Schuhsohlen begann es zu rumoren. Milo hatte den Innenborder des Kajütboots gestartet. Die Maschine begann zu dröhnen.

Der Kerl, der den Flitzer steuerte, war wieder in der Versenkung verschwunden. Ich ließ den 38er erneut bellen.

Knapp unter der Reling riß die Kugel ein faustgroßes Loch in den Kunststoffrumpf. Aber der Gangster war nicht mehr zu bremsen. Brüllend wedelte sein Flitzer auf Gegenkurs und gewann Abstand.

Ich halfterte den Revolver und turnte nach vorn, um die Bugleine zu lösen. Sekunden später zog ich auch die Heckleine ein. Milo lockerte der Maschine die Zügel. Zügig nahmen wir die Verfolgung auf. Richtung Flußmitte, stromabwärts.

Durch die von Glaskrümeln Ubersäte Kajüte strich der Fahrtwind, als ich mich um Morton kümmerte. Er war blaß. Aber er hatte nicht einmal einen Kratzer abbekommen.

»Begreifen Sie das?« fragte er mit immer noch schreckgeweiteten Augen.

»Was sollte daran schwer zu begreifen sein?« entgegnete ich, während ich den Auswerfer meines Dienstrevolvers betätigte und die leergeschossenen Patronenhülsen gegen fabrikfrische ersetzte. »Jemand befürchtet, daß Ihre Aussage ihm gefährlich werden könnte. Also muß er Sie aus dem Weg schaffen, wenn er weiter absahnen will.«

Ferdinand Morton konnte mich nur noch anstarren. Erst jetzt schien ihm zu dämmern, daß wir es nicht etwa mit einem Computerfreak zu tun hatten, der seine Hackerei nur als reinen Denksport betrieb. Der Auftraggeber der Schießer wollte verhindern, daß man seinem Programmstöberer auf die Schliche kam. Mit allen Mitteln! Für Milo und mich wurde dadurch klar, welche Bedeutung Leute mit Mortons technischen Fähigkeiten hatten. Sie allein waren vermutlich in der Lage, den elektronischen Winkelzügen des Hackers auf die Spur zu kommen.

Mit einem Handzeichen gab ich Morton zu verstehen, daß er in Deckung bleiben solle. Dann begab ich mich zu Milo in den Kommandostand.

»Entwischen kann er uns nicht«, sagte mein Kollege. Ohne den Kopf zur Seite zu wenden, erhöhte er die Drehzahl der Maschine. »Zum Glück ist unser Schiff ausgezeichnet motorisiert.«

Die Lage war schnell zu überblicken. Wir hatten inzwischen die Mitte des Flusses erreicht. Der flache Flitzer der Schießer war etwa 150 Meter entfernt, aber der Abstand vergrößerte sich nicht. Der Kerl am Steuerruder mußte von Panik gepackt sein. Zwei Windsurfer, die auf Parallelkurs dahinglitten, entgingen dem rasenden Boot nur um Haaresbreite. Der Außenborder quirlte das Heckwasser zu einer weißen Schaumspur, und der hochgereckte Bug ratterte über das Waschbrettmuster des Wellengangs.

Ich sah, wie der Gangster sich mehrmals umdrehte. Mit Hilfe von Mortons gummiummanteltem Fernglas konnte ich auch den Uzi-Mann erkennen. Er lag zusammengekrümmt vor der Hecksitzbank des Bootes. Aber er bewegte sich. Meine Kugel mußte ihn irgendwo in der Schultergegend erwischt haben.

»Wie steht es mit Unterstützung?« fragte ich.

Milo deutete auf das eingebaute Funkgerät des Kajütbootes. Morton hatte sich für die Küstenfahrt ausgerüstet. »Die Flußpolizei weiß Bescheid. Die zuständigen Reviere an der Wasserfront von Manhattan und Jersey City auch.«

In den wenigen Sekunden hatte sich der Vorsprung des Fliehenden verringert. Über das Steuerruder geduckt, blickte er sich erneut um. Spätestens in diesem Moment mußte er erkannt haben, daß er mit seinem Außenborder kein Land gewinnen konnte.

In rasender Fahrt verließen wir das Revier der Sportboote in der Gegend von Manhattan Uptown. Mit den schwächer werdenden Sonnenstrahlen verdüsterte sich die Szenerie. An Backbord die verfallenen Pieranlagen der Westside, wo stinkende Schleppkähne zum Abtransport von Müll bereitlagen. An Steuerbord die Hafenanlagen von Weehawken, Hoboken und Jersey City. Vor dem Hintergrund qualmender Industrieschlote an Land wurden Frachtschiffe gelöscht, beladen oder auf Werften repariert. Über allem das heisere Geschrei der Möwen.

Der Vorsprung des Sportboots war inzwischen auf 100 Meter zusammengeschrumpft.

»In der Upper Bay müßten wir ihn erwischen«, rief Milo gegen den Maschinenlärm an. »Klar zum Entern, Alter?«

Ich stieß ein grimmiges Lachen aus. »Sollte ich dich nicht eher am Ruder ablösen?«

Der Fliehende verringerte seine Fahrt und wischte plötzlich nach rechts durch eine Reihe von Dückdalben. Die Schuppen des angrenzenden Hafenbeckens wurden von den Aufbauten zweier Überseefrachter überragt. Was sich dahinter befand, war nicht zu erkennen.

Milo meisterte seine Aufgabe so geschickt, als stünde er jeden Tag am Ruder eines Kajütkreuzers. Mit rauschender Fahrt blieben wir auf Kurs. Im richtigen Moment drosselte er die Maschine und legte Mortons Freizeitschiff in einem eleganten Bogen nach Steuerbord. Beiderseits huschten die algenbewachsenen Dückdalben an uns vorbei, und das Hafenbecken öffnete sich vor uns.

Fast die Hälfte der Wasserfläche wurde von Binnenschiffen eingenommen. Nirgendwo gab es noch ein freies Stück Pier oder Kaimauer.

Die Schraube des Außenborders drehte sich nur noch müde in der dunklen Hudson-Brühe. Wir sahen, wie der Verfolger den Hals reckte und nach einer Möglichkeit spähte, an Land zu gelangen. Er saß in der Falle. Zurück auf den Fluß konnte er nicht. Rechter Hand gab es ebenfalls keine Chance. Die beiden Frachter, mit Hammer und Sichel am Schornstein, beanspruchten die gesamte Länge des Piers und schlugen sich mit Hilfe von Elevatoren den Bauch voll.

Der Gangster erkannte, daß es für ihn nur noch den einen Ausweg gab — die dicht an dicht vertäuten Kähne zur Linken, die noch nicht gelöscht waren. Durch das Fernglas konnte ich sehen, wie er seinen Entschluß faßte. Zügig manövrierte er sein Boot an das erstbeste schwarzleibige Schiff heran.

Milo ging mit gedrosselter Fahrt auf Verfolgerkurs. Prüfend tastete ich nach meinem 38er und vergewisserte mich, daß er fest genug in der Schulterhalfter saß.

Das Sportboot schabte an der Bordwand des Frachtkahns entlang. Der Außenborder schlug jetzt keinen Schaum mehr. Hastig verließ der Gangster seinen Platz am Ruder. Ohne sich um seinen verwundeten Komplicen zu kümmern, turnte er zur Backbordseite des Bootes und schwang sich empor. Mit knapper Not schaffte er es, sich an der flachen Bordkante des Kahns festzuklammern. Sein Klimmzug wirkte ebenfalls mühselig. Unter ihm trieb das Boot ab. Irgendwie gelang es ihm, das linke Bein hochzubringen. Er zog sich hoch und richtete sich auf.

Behutsam bugsierte Milo das Kajütboot in Höhe des Achterdecks an das Binnenschiff heran. Ich kletterte auf die Bugplattform und wartete mit angespannten Muskeln auf den richtigen Augenblick. Es gab nur einen leisen, dumpfen Laut, als Bordwand gegen Bordwand schlug. Sofort federte ich hoch. Ich hatte den Vorteil, daß Mortons Boot wesentlich höher aus dem Wasser ragte als der Flitzer der Gangster.

Ich landete neben einer Taurolle. Unmittelbar vor mir gähnten die offenen Laderäume mit gelbgefüllte.m Schlund: Getreide.

Den Gangster sah ich in Steinwurfweite. Schwankend hatte er sich in Bewegung gesetzt. Erst nach sekundenlanger Verzögerung schien er mitgekriegt zu haben, was sich hinter ihm abspielte. Auf dem schmalen Gang zwischen Laderaum und Außenbordwand ruckte er herum. Sein Gesicht verzerrte sich vor Schreck, als er mich erblickte.

Schräg hinter mir hörte ich aufgeregte Stimmen. Besatzungsmitglieder tauchten im offenen Schott der Kajüte auf. Ich riß meine Dienstmarke aus der Tasche und hielt sie ihnen entgegen. Mit der Rechten zog ich im selben Moment den 38er. »FBI-Einsatz!« rief ich schneidend. »Bleiben Sie unter Deck!«

Die Stimmen verstummten.

Ich sprintete zum Vorschiff.

Der Gangster rannte ebenfalls. Ein schlanker Mann, Jeans, Lederblouson, flachsblondes Haar fast bis auf die Schultern. Der Teufel mochte wissen, welchen Fluchtpunkt er sich in den Kopf gesetzt hatte. Von Frachtkahn zu Frachtkahn springen und dann an Land?

»Stehenbleiben!« brüllte ich. Schon in der ersten Sekunde hatte ich ein paar Meter aufgeholt.

Er verharrte jäh, doch nicht, um meiner Aufforderung zu folgen. Wieder schwankte er, als er herumkreiselte. Beinahe verlor er das Gleichgewicht, konnte sich aber gerade noch mit der Linken abstützen. In seiner Rechten schimmerte brüniertes Metall.

Ich ließ mich fallen und schlitterte der Länge nach über den mit Rostschutz gestrichenen Schiffsstahl.

Seine Automatik blaffte. Doch die Kugel lag viel zu hoch.

Er mußte es in der nächsten Sekunde begreifen. Aus dem Liegendanschlag jagte ich ihm einen Warnschuß über den Kopf hinweg.

Wut und Enttäuschung machten ihn mutlos. Er wollte nichts mehr riskieren und warf sich herum, um die Flucht fortzusetzen. Irgendwie geriet er mit dem linken Fuß an die Kante des Laderaums. Er verlor die Balance so plötzlich, daß er nicht einmal dazu kam, mit den Armen zu rudern.

Kopfüber stürzte er in den Laderaum. Sein Schrei erstickte schlagartig, als er in die gelbe Körnermasse tauchte. Weizen vermutlich, unser Getreideexportschlager.

Mir stockte der Atem. Ich federte hoch. Nach drei Schritten sah ich es.

Der Oberkörper des Gangsters hatte sich fast bis zur Gürtellinie ins Getreide gegraben. Seine Beine zappelten wie eigenständige Wesen in der Luft. Mit jeder Bewegung sackte er ein Stück tiefer in die staubig gelbe Masse. Innerhalb von Sekunden würde er ersticken.

Ich halfterte den Revolver und winkte den Binnenschiffern zu, die wieder im offenen Kajütenschott aufgetaucht waren. Dann schwang ich mich über die Kante des Laderaums, hielt mich mit beiden Händen fest und ließ mich langsam abwärts sinken. Die Weizenladung war dicht unter meinen Füßen. Ich ließ mich fallen und sank sofort bis ZU den Knöcheln ein.

Ich drehte mich um und stakste los. Es war, als müßte ich mich bei jedem Schritt aus einem zähflüssigen Sirup befreien.

Die Beinbewegungen des Versinkenden waren schwächer geworden. Eine Polizeisirene mischte sich in die Hafengeräusche. Die Kollegen waren im Anmarsch.

»Hier, Sir! Nehmen Sie das!« erscholl eine Stimme hinter mir.

Ein dickes Tau flog neben mir ins Korn. Sie hatten bereits eine Schlinge geknüpft. Ich bückte mich und packte den Tampen. Dabei sackte ich gleich um eine Handbreite tiefer. Ungewollt machte ich einen zu schnellen Schritt. Heftiger zerrten die Weizenkörner an meinen Beinen. Bis zu den Knien war ich jetzt schon eingesunken.

Nur noch ein paar Schritte! Ich rüttelte all meine Kraftreserven wach und stapfte weiter. Dann war ich endlich dicht genug dran, um die Schlinge zu werfen. Die Männer oben an der Landeraumkante brüllten Beifall, als ich es auf Anhieb schaffte. Sofort zogen sie das Tau straff, und die Schlinge schloß sich um beide Fußgelenke des Gangsters.

Zwei Sekunden später kam er frei. Sein Körper war schlaff. Das Gesicht wirkte in der beginnenden Abenddämmerung grauweiß. Zweifel packten mich. War ich zu spät gekommen?

Das Sirenengeheul näherte sich jetzt aus verschiedenen Richtungen. Die Männer aus der Schiffscrew zogen auch mich wieder an Deck, nachdem sie den Gangster nach achtern gebracht hatten. Ich erfuhr, daß der Mann nur das Bewußtsein verloren hatte. Mein Sprung in den Laderaum war also doch nicht umsonst gewesen.

Der Polizeikreuzer Talkowsky rauschte in das Hafenbecken und ging bei Mortons Kajütboot längsseits. Über die benachbarten Binnenschiffe näherten sich Cops in der Uniform der New Jersey State Police. Gleich darauf schwirrte eine Riesenlibelle mit dickbauchigen Schwimmern vom Hudson River herüber. Der Polizeihubschrauber wasserte in der Mitte des Hafenbeckens. Mit dem Beiboot der Talkowsky wurden erst der Verletzte aus dem Sportboot und dann der immer noch bewußtlose Flüchtling in die Maschine verfrachtet.

Der Hubschrauber schwebte mit klatschenden Rotorblättern nach Manhattan davon. Milo und ich bedankten uns bei den Kollegen aus Jersey City. Dann rauschten wir im Kielwasser des Polizeikreuzers uptown. Ferdinand Morton hockte die ganze Zeit über kreidebleich und stumm in seiner zerschossenen Kajüte.

 

 

3

Im Bereitschaftsraum des FBI-Distriktgebäudes wurden wir aufgehalten.

Lieutenant Harry Easton atmete auf, als er uns erblickte. Neben ihm auf dem harten Stuhl saß ein Jüngling in Parka, Jeans und Baseballschuhen. Zwischen seinen Beinen klemmte ein kantiger Aluminiumkoffer mit Tragegurten aus Leder.

»Cleary persönlich?« sagte ich mit einem erstaunten Stirnrunzeln. »Es muß einen kleinen Weltuntergang gegeben haben, wenn du dir die Zeit nimmst, hier auf uns zu lauern.« In der Tat behaupteten Eastons Kollegen von der City Police, daß er immer in Eile war, sich keine ruhige Minute gönnte und nur deshalb so hohe Aufklärungsquoten verzeichnen konnte.

»Ich muß euch sprechen«, sagte Easton und fuhr sich mit der flachen Hand über den blonden Bürstenhaarschnitt. Er streifte Morton mit einem flüchtigen Blick und deutete dann mit dem Daumen über die Schulter. »Es dreht sich um das Bürschchen da. Zeuge in einer Mordsache.«

Ich sah Milo an und verständigte mich mit ihm ohne Worte. Mein Kollege verschwand mit Ferdinand Morton in ein Vernehmungszimmer. Nebenan schnurrten die Fernschreiber.

Ich begab mich mit Cleary und seinem verstört aussehenden Begleiter in die Kantine, wo wir uns mit Kaffee versorgten. Ich holte mir zusätzlich einen Sandwich, der zwar schon pappig war, aber immerhin meinen knurrenden Magen besänftigte.

»Dann mal los!« sagte ich, nachdem ich mich mit den ersten Bissen gestärkt hatte. Zuhörer gab es nicht. Nach Dienstschluß gähnte die Kantine meist vor Leere.

Harry Easton faltete die Hände unter dem Kinn und blickte mich an.

»Eigentlich müßte ich vor Wut platzen, Jesse. Unser Freund hier…« Er deutete mit einer Kopfbewegung zur Seite. »… weigert sich nämlich, vor der City Police auszusagen. Er hat zu viele Schauermärchen über Bestechlichkeit gehört und glaubt anscheinend, daß wir alle mit den Syndikaten unter einer Decke stecken.«

Ich sah mir den Jüngling genauer an, während ich den Rest meines Sandwichs vertilgte. Er hatte krauses dunkles Haar und hellwache blaue Augen im schmalen Gesicht. Sein Alter ließ sich nicht genauer schätzen als irgendwo zwischen 16 und 20.

»Name und Beruf?« fragte ich.

»Lester Flatt. Arbeitslos.«

»Was für einen Job haben Sie verloren? Und wann?« Ich zündete mir eine Zigarette an.

»Kameraassistent bei NBC-TV. Das war vor zehn Monaten, Sir.«

Ich wandte mich an Cleary. »Will er nur vor dem FBI aussagen?«

Der Lieutenant nickte. »So ist es. Es sieht übrigens so aus, als ob die bewußte Mordsache sowieso in eure Zuständigkeit fällt.«

»Laß hören!« forderte ich.

Harry Easton schilderte mit knappen Worten, was sich am frühen Abend an jenem Gewässer im Central Park abgespielt hatte, das schlicht und einfach The Lake heißt.

Der Mann, der von einer 44er-Bleikugel aus einer Modellkanone getötet worden war, hieß Henry Alcorn und hatte als leitender Programmierer bei INSACO gearbeitet. Die Abkürzung stand für Investment & Savings Company, eine der größten Maklerfirmen an der Ostküste, die sich mit dem Wertpapiergeschäft für Privatanleger befaßte.

Ich fühlte mich plötzlich wie elektrisiert. »Was haben Sie damit zu tun?« fragte ich atemlos, indem ich Flatt ansah.

»Er behauptet, den Kerl fotografiert zu haben, der das Schiffsmodell gesteuert hat«, antwortete Cleary anstelle des Jünglings.

»Ihre Kameraausrüstung ist da drin?« sagte ich und zeigte auf den Aluminiumkoffer.

»Ja, Sir. Ich habe die Aufnahmen in Schwarz-Weiß geschossen. Hin und wieder verkaufe ich was bei Zeitungen. Stimmungsbilder für die Wochenendausgaben beispielsweise. Die Schiffsmodelle auf dem Lake schienen mir dafür bestens ge…«

»Entwickeln Sie den Film!« unterbrach ich seinen Redefluß. »In unserer Dunkelkammer. Ich bringe Sie hin.«

Drei Minuten später war ich zurück. Durch den Rauch seiner Zigarette blickte Cleary zu mir auf. »Beim Stichwort Programmierer bist du hellwach geworden.«

Ich nickte, setzte mich und berichtete, was sich nach unserem Besuch bei Ferdinand Morton abgespielt hatte.

Der Lieutenant stieß einen leisen Pfiff aus. »Ich weiß, daß sich der ‘FBI neuerdings um Computer-Kriminalität kümmert. Aber daß ihr so hart am Ball seid, war mir noch nicht bekannt.«

»Hoffen wir, daß es denen genauso geht, die sich mit ihren Home Computern heimlich in fremde Programme einschleichen.« Ich lehnte mich zurück. »Wie, in aller Welt ist es möglich, jemand mit einer Modellkanone zu erschießen?«

Easton blies die Luft durch die Nase und stieß einen grimmigen Knurrlaut aus. »Das habe ich mich zuerst auch gefragt. Aber für unsere Waffenexperten war es ganz und gar nicht rätselhaft. Wenn du ein Vorderladerfan bist, kannst du nämlich Kanonenrohre für alle möglichen Modellafetten kaufen. Die Rohre sind meistens im Kaliber 44 vorgefertigt und durch amtlichen Beschuß geprüft. Die Dinger werden geladen wie eine Vorderladerpistole.«

»Mit Schwarzpulver also«, folgerte ich. »In diesem Fall müßte das geladene Rohr dann durch eine Lunte gezündet werden.«

»Richtig«, sagte Cleary und nickte. »Die glimmende Lunte war an einem Federdraht befestigt, der sich durch elektrisch ausgelösten Kontakt an das Zündloch drückte. Das Kanonenrohr hatte der Killer in der Holzlafette übrigens senkrecht festgeklemmt.«

»Dann brauchte er nur auf den richtigen Moment zu warten, in dem sich Alcorn über das Modell beugte. Wie kam der Mörder auf diese verrückte Methode? War Alcorn regelmäßig am Lake?«

»Fast jeden Tag nach Feierabend, wenn es nicht gerade regnete. Er war Junggeselle. Es hat ihm wohl Spaß gemacht, den Leuten mit ihren Modellschiffen zuzusehen. Er selbst besaß allerdings keins. Vielleicht war er zu geizig. Oder ihm genügte das Zuschauen.«

»Zwei Programmierer an einem Abend!« sagte ich kopfschüttelnd. »Das heißt, daß wir uns mit den Rechenzentren von AMCO und INSACO gründlich befassen müssen. Daß es Morton nicht auch erwischt hat, war reiner Zufall.«

»Nicht ganz«, widersprach Cleary lächelnd. » Milo und du, ihr laßt euch nicht zufällig austricksen.«

 

 

4

Lester Flatt legte uns ein halbes Dutzend Vergrößerungen auf den Tisch. Den Aluminiumkoffer klemmte er wieder beschützend zwischen die Beine. In New York City gehen einem manche Angewohnheiten in Fleisch und Blut über. Ich konnte mir vorstellen, daß Flatt für seine Kameraausrüstung einige Tausender hingeblättert hatte.

Cleary und ich griffen nach den Fotos. Die Wasseroberfläche aus der Froschperspektive und Trauerweiden waren das, was als erstes ins Auge stach. Flatts vorhin begonnene Redseligkeit setzte sich unvermittelt fort. Stolz klang aus seinen Worten.

»Alle Aufnahmen habe ich mit dem 500er Tele geschossen, natürlich nicht ohne Skylight-Filter. Es ging mir ja darum, zwei Bestandteile im Bild zusammenzuziehen. Seefahrerromantik, Freiheit, endlose Weite — dargestellt durch Wasser und Schiffsmodelle in Übergröße. Enge an Land, Überbevölkerung, Zwänge — dargestellt durch die Wolkenkratzer von Manhattan. Dabei ist mir dann zufällig die Galeone in den Sucher geraten. Das Schiff sah so schön aus, daß ich einfach draufgedrückt habe. Das war noch zu dem Zeitpunkt, als der Bursche es gerade startklar gemacht hat.«

Ich beendete seinen Wortschwall mit einer dämpfenden Handbewegung. »Und Alcorn, der Ermordete? Ist der Ihnen aufgefallen?«

»Nein, Sir. Erst später natürlich, als es geknallt hatte. Der arme Kerl befand sich am selben Ufer wie ich, höchstens 100 Meter entfernt.«

»Und der hier?« Ich tippte auf das Foto, das ich in der Hand hielt.

»Ostufer, Entfernung vom Kamerastandort 420 Meter«, antwortete Harry Easton, der alle Ergebnisse der Spurensicherung wie üblich auswendig kannte. »Wir haben ein paar Fußabdrücke gesichert. Der Mann hat das Modell zu Wasser gelassen und sich dann in die Büsche geschlagen. Von der anderen Seite konnte ihn keiner mehr sehen, als es passierte.« Ich blickte Flatt an. »Dann sind Sie wohl ein Glücksfall für uns.«

»Danke, Sir.« Er strahlte.

Ich klatschte das Foto mit der flachen Hand auf den Tisch. Flatts Freude war wie weggewischt.

»Warum, zum Teufel, haben Sie nicht gleich geredet!« sagte ich grob. »Wir hätten eine Menge Zeit sparen können. Wenn wir die Fahndung jetzt auslösen, ist der Mann vielleicht längst von der Bildfläche verschwunden.«

Die Haltung des jungen Fotografen versteifte sich zum Trotz. »Sir, ich verstehe Ihren Ärger. Aber ich bitte Sie, auch meine Seite zu verstehen. Ich brauche Ihnen bestimmt nicht zu sagen, wie schwer Sie es normalerweise haben, überhaupt einen Zeugen zu finden. Und woran liegt das? Die Leute haben kein Vertrauen in die Cops. Schon gar nicht, wenn die großen Syndikate im Spiel sind. Wie oft ist es vorgekommen, daß Zeugen zum Schweigen gebracht wurden — auch dann noch, wenn sie angeblich bei der Polizei in Sicherheit waren! Und wie kommt so was? Einfach dadurch, daß die großen Bosse mit ihrem dreckigen Geld alles bezahlen können. Auch den kleinen Cop, der sein Gehalt aufbessern will. Deshalb…«

Lieutenant Easton hieb die Faust auf den Tisch. »Jetzt reicht es«, sagte er wütend.

Ich ergriff seinen Unterarm. »Sie lesen zu viele Revolverblätter, Mr. Flatt«, sagte ich ruhig. »Vielleicht hat es den einen oder anderen bestechlichen Cop gegeben. Aber erstens ist das lange her, und zweitens waren es Einzelfälle. Schwarze Schafe kann es überall geben.«

»Kann auch sein, daß unser Freund sich einfach nur wichtig machen wollte«, knurrte Cleary.

»Das ist nicht wahr!« rief Flatt empört. »Ich hätte mich ja überhaupt nicht als Zeuge zu melden brauchen. Dann wäre die Rechnung des Mörders aufgegangen. Kein Mensch wüßte…«

»Schon gut«, besänftigte ich ihn.

»Ich bin eben vorsichtig«, brauste er noch einmal auf. »Nach allem, was man hört und liest, ist das doch kein Wunder. Daraus können Sie mir keinen Strick drehen.«

»Werden wir auch nicht«, entgegnete ich. »Wir versuchen jetzt, das Beste aus der Geschichte zu machen.«

Flatt war begeistert, als er uns in den Raum begleiten durfte, in dem die Fernschreiber, Bildfunkgeräte, Fernkopierer und Bildschirmterminals untergebracht sind. Ich schaltete einen Bildschirm ein, fütterte das Laufwerk mit der Programmdiskette und tastete die entsprechenden Kommandos ein. In der nächsten Sekunde war das Gerät bereit, mit dem Zentralärchiv in Washington über Standleitung in Verbindung zu treten.

Harry Easton, der seine Dienststelle angerufen hatte, schmetterte erfreut den Hörer auf die Gabel. »Sie haben einen Fußabdruck und ein paar brauchbare Prints von dem Schiffsmodell!« Er schob mir den Zettel zu, auf dem er Schuhgröße und Printcode notiert hatte.

»Fein«, sagte ich, »mehr kann man kaum verlangen.«

Flatt linste mir über die Schulter, während ich die Codierung für Washington eingab und dann meinen persönlichen Code folgen ließ, der mich als berechtigten Archivbenutzer auswies. Gemeinsam stellten Cleary, Flatt und ich die Personenbeschreibung anhand der Fotos zusammen: etwa 1,75 Meter groß, kräftige Gestalt, dunkles Haar, schmales Gesicht. Diesen Angaben ließ ich noch die Schuhgröße und den Printcode folgen. Dann forderte ich den Zentralrechner auf, nach dem beschriebenen Mann zu suchen.

WAIT! ordnete der Bildschirm in Großbuchstaben an — warten.

Es dauerte keine Sekunde. Dann flackerte das WAIT auf, verschwand, und eine enttäuschende Auskunft leuchtete uns grellgrün entgegen:

NO FILE!

Keine Akte. Ich schüttelte ungläubig den Kopf und tastete kurzentschlossen REPEAT — wiederholen. Der Ablauf blieb der gleiche. Hartnäckig stand das NO FILE vor unseren Augen. Cleary und ich konnten es nicht fassen. Ich drehte mich auf dem Stuhl um und sah ihn an.

»Versuch es bei NYSIS!« schlug Easton vor. Es klang wenig hoffnungsvoll.

Ich wußte, was er dachte. NYSIS heißt New York State Intelligence System. Es ist das Zentralarchiv der Polizei im Bundesstaat New York. Dort sind alle Gesetzesbrecher registriert, die irgendwann nur im Staat New York aktenkundig wurden. Aber diese Akteninformationen gehen auch an das FBI-Zentralarchiv. Wen auch immer wir suchten, er mußte in Washington identifiziert werden können. Es sei denn, er war überhaupt noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Das war höchst unwahrscheinlich, denn ein unbeschriebenes Blatt pflegt keine Mordaufträge zu erhalten.

Ich trennte die Verbindung mit Washington, suchte die Codierungen für NYSIS aus einem Schnellhefter neben dem Bildschirm und stieg in das Programm ein.

Der Computer des Bundesstaates New York war noch einen Ton höflicher: SORRY, NO FILE!

»Das gibt es nicht«, murmelte Harry Easton entgeistert. »Wir können es doch nicht mit einem Amateur zu tun haben.«

»Es gibt noch eine Möglichkeit«, sagte ich und trennte die Verbindung mit dem New Yorker Archiv. »Die Army.«

Cleary brummte zustimmend. Ich klappte wieder den Schnellhefter auf und nahm erneut Verbindung mit Washington D. C. auf — diesmal mit der zentralen Datenerfassung des Verteidigungsministeriums. Die Personalien aller ehemaligen und jetzigen Soldaten befinden sich dort in den elektronischen Akten.

Auch der Army-Computer forderte mich auf, zu warten. Dann schleuderte er mir ein giftgrünes NO FILE entgegen und fügte hinzu: PLEASE CHECK YOUR DATA — Bitte prüfen Sie Ihre Angaben!

»Computer können also auch spöttisch sein«, stellte Lester Flatt fest. Harry Easton knurrte einen Fluch.

Ich tippte auf die KILL-Taste, und der Bildschirm war leer, bis auf den blinkenden Punkt.

»Irgend etwas stimmt an der Geschichte nicht«, sagte ich, indem ich mich zu Easton umdrehte.

Der Lieutenant nickte beipflichtend. »Vielleicht ist der Mann wirklich nicht erfaßt«, sagte Flatt. »Sie haben doch keinen Beweis für das Gegenteil, oder?«

»Auf die Elektronik ist auch kein Verlaß«, murmelte Harry Easton verbittert. »Was können wir denn jetzt noch tun? Etwa die Personenbeschreibung in der Presse veröffentlichen — wie früher?« Ich schüttelte den Kopf. »Wir brauchen etwas, das besser ist als ein Computer.«

»Gibt’s das?«

»Das menschliche Gehirn«, nickte ich. »Jesse, fang nicht an, uns auf den Arm zu nehmen!«

»Das tue ich nicht«, entgegnete ich. »Ich meine ein bestimmtes Gehirn. Nämlich das von Old Neville.«

Eastons Miene glättete sich. Er lächelte. »Wenn er deine Worte eben mitgekriegt hätte, würde er dir glatt um den Hals fallen.«

 

 

5

Wir hatten Glück. Neville war zu Hause. Er strahlte vor Stolz wie ein Spanier, weil ihn ein Streifenwagen der City Police abgeholt hatte.

Der alte Haudegen schlug Cleary und mir auf die Schulter, daß es krachte. Flatt schüttelte er anerkennend die Hand, nachdem er erfahren hatte, daß sich der Junge freiwillig als Zeuge gemeldet hatte.

»Okay«, sagte Neville dröhnend und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Aus welcher Klemme soll ich euch helfen?« Den Terminal mit dem eingeschalteten Bildschirm würdigte er keines Blickes.

Als dienstältester G-man im FBI-District New York hatte er für die moderne Computertechnik nie etwas übrig gehabt. Neville hatte sich bei seiner Arbeit als Archivleiter stets auf sein erstaunliches Gedächtnis verlassen.

Ich sagte ihm in Stichworten, was wir wußten, zeigte ihm die Fotos und beichtete, daß uns der Bildschirm mit seinem NO FILE genervt hatte.

Mit einem triumphierenden Schmunzeln betrachtete Old Neville die Fotos. Dann überflog er den Zettel mit den persönlichen Daten. »Der Kerl kommt mir bekannt vor«, sagte er. »Irgendwo habe ich den garantiert schon mal gesehen. Wartet einen Moment!« Er schnappte sich Fotos und Zettel und verschwand.

»Was ist das für ein alter Wunderknabe?« fragte Lester Flatt staunend und zeigte mit dem Daumen zur Tür.

Cleary und ich wechselten einen Blick.

»Einer aus der Zeit«, antwortete ich, »in der man seinen Grips noch angestrengt hat.«

»Und heute überläßt man das Denken den Mikrochips«, sagte Flatt gallig. »Ein verdammtes Vorurteil, an den Haaren herbeigezogen. Die Leute, die so was sagen, haben nämlich selbst nur Angst, sich mit der neuen Technologie auseinanderzusetzen.«

»Sieht Mr. Trevellian sehr ängstlich aus?« fragte Harry Easton in schroffem Ton.

Nach weniger als einer Viertelstunde war Old Neville wieder zur Stelle. Schon an seinem Gesichtsausdruck erkannte ich, daß er uns weiterhelfen würde. Sein Triumph über das Versagen unseres Computers war nichts gewesen, verglichen mit dem jetzigen siegesbewußten Funkeln seiner Augen.

Er knallte eine Akte auf den Tisch, daß der Staub nach allen Seiten davonpufftc »Wesley Wright«, sagte er. »Der Bursche stand vor zehn Jahren zum erstenmal vor Gericht, damals noch als Jugendlicher. Raubüberfall auf eine Tankstelle, mitten in Manhattan und am hellichten Tag. Wright hat damals den Tankwart angeschossen. Mit einer durchgebohrten Schreckschußpistole. Später scheint er vorsichtiger geworden zu sein. Jedenfalls ist er nicht wieder aufgefallen.« Neville schlug mit der flachen Hand auf die Akte, und noch einmal staubte es. »Lest euch die Einzelheiten durch! Ihr findet hier alles schwarz auf weiß, nicht auf so einer flackernden Glasröhre.« Er deutete mit einer verächtlichen Handbewegung auf den Terminal.

Ich stand auf und bedankte mich bei dem alten Haudegen mit einem Lächeln. »Neville«, sagte ich feierlich, »du weißt, was du uns wert bist. Und du hast gemerkt, daß unsereiner das nicht vergißt.«

»Sicher«, antwortete er schmunzelnd, und an seinem Augenzwinkern war zu merken, daß er gerührt war. »Aber was ist mit all den Neuen, die frisch von der FBI-Akademie kommen? Die haben im Kopf doch nur noch gedruckte Schaltungen.«

Wir mußten lachen. Dann jedoch wurde es ernst. Wir kümmerten uns um Wesley Wright, den Neville im immer noch vorhandenen papiernen Archiv des FBI-Districts New York aufgestöbert hatte. Wie es aussah, war die Mehrheit der Kollegen und vor allem auch John D. McKee dafür, dieses Papierarchiv noch lange nicht einstampfen zu lassen. Neville blieb noch ein Weilchen, beschaffte sich einen Kaffee und genoß es, die abendliche Dienstatmosphäre zu schnuppern.

Wir wußten jetzt, wer der Fernsteuerer gewesen war, der Henry Alcorn durch einen Kopfschuß aus der Modellkanone getötet hatte. Aber es gab einen Wermutstropfen in der Geschichte.

Wir hatten Wesley Wright im alten Archiv.

Folglich mußte es eigentlich in der elektronischen Datenkartei auch etwas über ihn geben. Natürlich sind bei einem Computer alle erdenklichen Pannen möglich. Aber haargenau der gleiche Fehler konnte nicht in drei verschiedenen Rechnern zur selben Zeit Vorkommen!

Ich grübelte noch darüber nach, als Milo auftauchte und mitteilte, daß er Morton nach Hause geschickt habe. Cops würden den Mann rund um die Uhr bewachen. Cleary und Neville verabschiedeten sich und nahmen unseren Zeugen mit dem Kamerakoffer mit. Morton war zu keiner brauchbaren Aussage mehr fähig gewesen. Entweder stand er tatsächlich so sehr unter Schock, daß es ihm die Sprache verschlagen hatte, oder er hatte die Hosen voll.

Ich gab Milo die Fotos und die staubige Akte aus dem alten Archiv. Kurz und bündig berichtete ich. Er überlegte nicht lange, griff sich das nächstbeste Telefon und begann unser Netz nach Wesley Wright auszulegen. Damit war ich wieder beim Anfang meiner Grübelei.

Meine Gedanken wanderten zu Ferdinand Morton und seinem Computerprogramm, das von einem unbekannten Hacker angezapft worden war. Dieser Bursche hatte es geschafft, die AMCO um eine Dreiviertelmillion Dollar zu erleichtern. Angenommen, er arbeitete für ein Syndikat — sollte es ihm da nicht auch gelingen…

Ich dachte nicht zu Ende, schnappte mir einen Telefonhörer und wählte die Nummer des FBI-Hauptquartiers in Washington. Die Telefonistin gab mir die Privatnummer von John Duenweg, einem der leitenden Beamten in der elektronischen Datenverarbeitung im Hoover-Building. Ich kannte Duenweg seit dem Computerseminar in Quantico. Aus dem Hintergrund waren Musik und Gelächter zu hören, als er sich meldete.

»Scheint so, als ob ich störe«, sagte ich und nannte meinen Namen. »Aber ich erinnere mich genau: ,Rufen Sie an, wenn Sie ein elektronisches Problem haben, zu jeder Tages- und Nachtzeit!«

»Stimmt, Jesse. Genau das waren meine Worte. Und keine Sorge, hier läuft nur eine ganz normale Gartenparty. Da kann ich ruhig mal zehn Minuten fehlen. Wie sieht Ihr Problem aus?«

Ich erklärte es ihm.

John Duenweg antwortete nicht sofort. Ich ahnte seine Betroffenheit.

»Warten Sie einen Moment!« sagte er. »Ich gehe in ein Zimmer, wo ich ungestört sprechen kann.« Nach Sekunden meldete er sich wieder. Jetzt fehlten die Hintergrundgeräusche. »Es bestätigt meine schlimmsten Ahnungen, Jesse. Seit die Leute die Möglichkeit haben, mit ihrem Home Computer herumzuspielen, habe ich so etwas befürchtet. Es wundert mich nur, daß die Syndikate nicht schon viel früher auf so eine Idee gekommen sind.«

»Die Computerseminare für FBI-Agenten gibt es auch erst seit kurzem.«

»Richtig.« Duenweg hielt einen Moment inne, ehe er weitersprach. »Ein bestimmter Punkt erscheint mir wichtig, Jesse. Wenn Ihr Hacker tatsächlich in unseren Programmen rumpfuschte, dann hat er es nicht erst gestern getan. Vor vier Wochen haben wir nämlich Falltüren eingebaut.«

»Falltüren«, wiederholte ich. »Eindringlinge ins Programm werden damit sofort aufgespürt, ehe sie Schaden anrichten können.«

»So ist es. Aber je mehr ich über Ihre Meldung nachdenke, desto unruhiger werde ich. Wie, sagten Sie, heißt der Mann?«

»Wesley Wright.«

»Okay. Jesse, ich fahre sofort ins Office und checke den Rechner durch. Sind Sie in einer Stunde noch im Office?«

Details

Seiten
125
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942422
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v913056
Schlagworte
millionen-macher ruby trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und Ruby, der Millionen-Macher