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Trevellian zog das Todeslos

2020 124 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian zog das Todeslos

Copyright

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Trevellian zog das Todeslos

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Der Supermarkt war in eisiges Neonlicht getaucht. Gordon Hilmar hob die Hände wie ein Mundharmonikaspieler und hauchte gegen seine kalten Fingerspitzen. Dann tauchte er wieder hinab in das Tütengewühl von tiefgefrorenen Chips, Krabben und Erbsen.

»Kann ich Ihnen helfen, junger Mann?«

Hilmar blickte auf. Die ältere Frau beobachtete ihn mitfühlend von der anderen Seite der Kühltruhe her.

»Weiß nicht«, sagte Hilmar unbeholfen. »Ich suche die verdammten Calamari.« Die Frau blinzelte erstaunt, als der junge Mann auf einmal schwieg. Er starrte sie nur noch an und kippte langsam vornüber, mit dem Gesicht zuerst in das Tiefgefrorene. Die kalten Tüten und Schachteln raschelten.

Erst nach Sekunden schrie die Frau gellend. Frostige kleine Nebelfahnen stiegen rings um den blutigen Hinterkopf des Mannes auf.

Die 43rd Street gehört normalerweise zu den finsteren Gegenden der Westside von Manhattan. Nicht so an diesem Abend.

Halogenstrahler, auf Dreibeinen montiert, rissen staubgraue Häuserfassaden aus der Dunkelheit. Zur Eigth und zur Ninth Avenue hin hatten die Cops den gesamten Straßenzug abgesperrt. Streifenwagen und neutrale Dienstlimousinen standen in Pulks. Auf einigen Wagendächern kreisten noch die Rotlichter.

Mein Jaguar ist vielen Kollegen von der City Police bekannt, vor allem im Stadtteil Manhattan.

Der Sergeant an der Absperrung Ninth Avenue war einer von ihnen. Mit dem Lichtfinger seiner schweren Stablampe punktete er nur kurz auf das Nummernschild meines Flitzers. Dann winkte er mich durch.

Milo und ich waren ohnehin über Funk angekündigt.' Ich fädelte meinen roten Flitzer durch eine Lücke zwischen zwei Barrieren, die die Cops hinter uns sofort wieder schlossen. Das Heer von Neugierigen starrte uns nach — uns, die wir den Vorzug hatten, zum Brennpunkt des Geschehens Vordringen zu dürfen.

Vorzug?

»Eins möchte ich wirklich gern wissen«, sagte Milo und wedelte mit der rechten Hand in Richtung auf die vor uns liegende Straße. »Warum in aller Welt, können die Kollegen vom Department so was nicht selbst erledigen?«

Ich zog die Augenbrauen hoch und musterte Milo mit einem Seitenblick. Seine Miene war verkniffen. Wenn er vom Department sprach, hieß das nichts anderes, als daß er sich über die Kollegen von der City Police mokierte. New York City Police Department lautet die vollständige Bezeichnung für die Dienststelle unserer uniformierten Kollegen.

»Sie haben es nicht nötig«, erwiderte ich. »Und das meine ich so, wie ich es sage. Dies ist eindeutig ein FBI-Fall, Alter. Willst du dir Vorhalten lassen, daß die City Police die Dreckarbeit erledigt, damit die Gentlemen vom FBI sich nicht die Finger schmutzig zu machen brauchen?« Ich parkte den Jaguar hinter einer Batterie von Halogenstrahlern.

»Hör auf!« knurrte Milo. »Auf dem alten Vorurteil braucht man auch nicht dauernd herumzureiten. Jeder Sechsjährige weiß heute, daß das FBI sich nicht mehr als Elite versteht.«

»Meinst du, die Cops wissen das nicht?«

»Jesse, du weißt genau, was ich sagen will. Sie brauchen es doch nicht zu übertreiben und bei jeder Kleinigkeit anzurufen, die nach FBI-Zuständigkeit riecht.« Wir stiegen aus. Ich zeigte auf das Gebäude im Zentrum der Halogenlichtkegel.

»Nennst du das eine Kleinigkeit? 20 Geiseln in der Gewalt eines Durchgedrehten?«

»Ganz und gar nicht. Du weißt genau, was ich meine. Es geht nicht um das Ausmaß des Falles. Zusammenhänge mit einem Bandenverbrechen kann ich immer und überall konstruieren. Das führt dann dazu, daß wir bald bei jedem Banküberfall und womöglich noch bei Autodiebstählen gerufen werden.«

Wir gingen auf dem leeren Bürgersteig auf einen grauen Kastenwagen zu. Die Einsatzzentrale!

Ich stieß meinem Kollegen freundschaftlich den Ellbogen in die Seite. »Was ist los? Bist du heute mit dem linken Bein zuerst aufgestanden? Oder hat dich irgend eine Klimaanlage geärgert?«

»Angesichts der späten Stunde dürfte keins von beidem noch eine Rolle spielen.« Milo grinste.

»Dann halt dich besser zurück und überlaß mir das Heden! Du bringst sonst den ganzen FBI in Verruf. Wenn die Kollegen dich hören, müssen sie glauben, gute Zusammenarbeit wäre für uns ein Fremdwort.«

»Und auf dir lastet die schwere Aufgabe, unter gutes Image wieder herzustellen.«

»Du kannst es drehen und wenden, wie du willst«, sagte ich daher schroff, »Walsh ist ein FBI-Fall. Sämtliches Aktenmaterial über ihn sagt klar und deutlich, daß er auf Schofields Lohnliste steht. Daß Schofield in den Bereich ›organisiertes Verbrechen‹ eingeordnet werden muß, willst du doch wohl nicht bestreiten, oder?«

Milo hatte keine Gelegenheit mehr für eine bissige Antwort. Ein Patrolman der City Police löste sich von der zum Bürgersteig gewandten Seite des Kastenwagens.

»Mr. Trevellian und Mr. Tucker vom FBI?« fragte er.

Wir nickten und zeigten ihm unsere Dienstmarken. In den Hauseingängen der Umgebung waren undeutlich die Umrisse von Beamten zu sehen, die mit Maschinenpistolen und Schnellfeuergewehren bewaffnet waren. Ich war sicher, daß sie Scharfschützen in den oberen Stockwerken und auf den Dächern aufgestellt hatten.

Milo und ich stiegen in den Kastenwagen, in dem Stromaggregat, Geräte und Neonlampen summten. Die Belüftungsanlage kämpfte vergebens gegen zum Schneiden dicken Zigarettenrauch. Zwei Beamte saßen mit übergestülpten Kopfhörern vor ihren Funk- und Tonbandgeräten. Der Bau drüben war längst mit Richtmikrofonen und Wanzen angezapft worden. Fast alles, was drin gesprochen wurde oder sonstwie zu hören war, wurde mitgeschnitten.

Der Einsatzleiter, Lieutenant Taylor, wies uns zwei winzige Drehstühle zu. Ich reichte meine Zigarettenschachtel herum, und gleich darauf verdichteten sich die Rauchschwaden.

»Lage unverändert?« fragte ich.

Taylor nickte. Er rollte seine Zigarette zwischen Daumen und Mittelfinger hin und her. »Er läßt sich hinhalten. Jedenfalls hat er es geschluckt, daß das FBI von nun an alle Entscheidungen trifft. Darauf wartet er jetzt. Sie können ihm mitteilen, daß Sie hier sind.« Taylor deutete auf einen Telefonapparat. »Es liegt an Ihnen, wann Sie das tun wollen.«

Ich zog die Schultern hoch und wechselte einen Blick mit Milo. Das Telefon vor uns war durch ein Behelfskabel mit dem nächsten Verteilerkasten draußen auf der Straße verbunden. Telefontechniker hatten den direkten Draht zum Geiselnehmer im Handumdrehen hergestellt.

Wir wollten die Sache nicht endlos hinauszögern. Darin war ich mir mit Milo einig.

Warum, zum Teufel, hatte sich Walsh ausgerechnet in einem Bordell festgesetzt? Weil er sich dort zu Hause fühlte?

Irgend etwas an der Sache war rätselhaft. Ich mußte es herauskriegen. Mit Samthandschuhen oder harten Bandagen. Egal wie.

»Geben Sie mir die Verbindung!« sagte ich kurzentschlossen und nahm den Hörer ab.

Lieutenant Taylor stieß einen seiner Beamten an und gab ihm ein Zeichen. Der Mann tippte auf ein paar Tasten. In meinem Hörer schepperte und rumorte es. Dann das Rufzeichen. Zweimal, dreimal.

Eine Männerstimme meldete sich, gehetzt und atemlos. »Ja, zum Teufel! Damit wir uns klar verstehen: Ich hab’ langsam keine Lust mehr! Ich will jetzt endlich Nägel mit Köpfen sehen. Ist das klar? Oder muß ich erst…«

»Walsh«, unterbrach ich ihn behutsam. »Spreche ich mit Eddie Walsh?«

»Hä?«

»Hier Jesse Trevellian vom FBI. Sie haben das FBI verlangt, Walsh.«

»Stimmt. Mmh…« Ein schabendes Geräusch. Er kratzte sich am Hinterkopf, in Telefonhörernähe. »Sind Sie wirklich Trevellian? Oder nur irgend ein Mistbulle, der sich Trevellian nennt?«

»Ich beweise es«, antwortete ich reaktionsschnell. »Ich komme zu Ihnen, wenn Sie wollen.«

»Langsam, langsam!« brüllte er in jäher Alarmstimmung. »Ich will hier keinen von euch sehen, bevor wir ein paar Kleinigkeiten geklärt haben.«

»Und die wären?« fragte ich ruhig. »Was könnte das wohl sein?« fauchte er giftig. »Ich will Sicherheiten, ‘Mann. Erstens, daß ich nicht abgeknipät werde, wenn ich den Bau verlasse. Zweitens, daß ich ab sofort rund um die Uhr bewacht werde.«

»Vor wem haben Sie Angst, Walsh?«

»Das sage ich euch, wenn ihr meine Bedingungen erfüllt habt.« Er lachte kurz und meckernd. »Ihr werdet staunen, Trevellian, darauf können Sie Gift nehmen. An der Westside rollen ein paar Köpfe, das steht fest. Aber meinen will ich gern da behalten, wo er jetzt sitzt. Kapiert?«

»Verständlicher Wunsch«, entgegnete ich. »Hören Sie zu! Ich kann Ihnen ein gepanzertes Fahrzeug besorgen, besetzt mit G-men, die Sie in Empfang nehmen. Sagen Sie, vor welcher Tür der Wagen halten soll! Sie werden dann auf schnellstem Weg ins FBI-Gebäude an der Federal Plaza gebracht. Ich kenne keinen Ort in Manhattan, der sicherer wäre.«

Sekundenlang rauschte es nur im Hörer.

»Hm. Klingt nicht schlecht. Und wie soll ich wissen, daß das auch klappt?«

»Ich komme zu Ihnen, Walsh. Erst veranlasse ich das mit dem Panzerfahrzeug, und dann bin ich Ihre Geisel Nummer 21.«

»Mann!« schrie er. »Das ist doch ein fauler Trick! Was soll das dauernd — Ihr Gefasel vom Rüberkommen? Die Sache geht doch auch so, oder?«

»Im Grunde ja«, sagte ich vorsichtig. »Aber wir möchten natürlich, daß den Geiseln nichts passiert. Deshalb…«

»Nutten«, knurrte er verächtlich. »20 lausige Nutten! Na und? Die Kunden hab ich nach Hause geschickt. Bin doch kein Witwenmacher. Das müßt ihr mir doch hoch anrechnen, was?«

Ich mußte mich beherrschen, um nicht die Geduld zu verlieren. »Sie haben 20 Menschen in Ihrer Gewalt«, sagte ich. Und damit er es ganz deutlich kriegte: »Damit haben Sie alle Hebel in der Hand, Walsh. Ich komme unbewaffnet, und Sie geben die Kommandos. Etwas anderes könnte ich mir gar nicht leisten.«

»Wenn Sie das wenigstens einsehen«, knurrte er. »Okay, ich bin einverstanden. Die gepanzerte Kiste will ich auf den Hinterhof haben. Durch den Torweg rechts neben dem Haus! Zwei G-men sitzen vorn, der Beifahrer mit MPi. Wir beide steigen hinten ein. Zwei Streifenwagen sollen uns auf der Fahrt zur Federal Plaza begleiten.«

Mich wunderte, daß er nicht noch eine Motorradeskorte verlangte.

»Geht in Ordnung«, sagte ich und wiederholte, was er gefordert hatte.

»Na, dann setz dich mal in Marsch, G-man.«

Ich ließ den Telefonhörer in die Gabel sinken. Vor meinem geistigen Auge konnte ich Walshs Gesicht sehen, das verzerrt war vor Todesangst. Wer auch immer Eddie Walsh bedrohte, er hatte ihn auf den Nerv getroffen.

 

 

2

Ich drückte Milo die Schulterhalfter mit dem 38er in die Hand und streifte mein Jackett wieder über.

»Du bist verrückt«, sagte er und blies die Luft durch die Nase.

»Walsh auch«, entgegnete ich. »Und damit liegen wir auf einer Linie.«

»Sehr treffend. Trotzdem würde es reichen, ihm das Fahrzeug zu liefern und ihn abzutransportieren. Schließlich verlangt er keine Million Dollar.«

Ich drückte meine Zigarette im Aschenbecher aus. »Milo«, sagte ich eindringlich und beugte mich vor, »der Mann ist bewaffnet, mit den Nerven am Ende und hat 20 Geiseln. Die kleinste Kleinigkeit genügt, um ihn endgültig durchdrehen zu lassen. Ich muß gehen.«

»Okay. Ich kümmere mich um das Fahrzeug.«

Ich nickte dem Lieutenant zu, der unseren Wortwechsel mit großen Augen verfolgt hatte. Er griff zum Funkmikro, um alle Einsatzbeteiligten über meine Aktion zu informieren. Ich stieg aus dem Kastenwagen und überquerte die leere Straße im grellen Halogenlicht'. Mein Schatten bewegte sich riesenhaft auf der staubgrauen Hauswand. Die roten Leuchtbuchstaben über dem Eingang waren noch immer eingeschaltet.

Lido Club - tags und nachts.

Mehr Reklame gab es nicht. Mehr war auch nicht nötig. Die Fenster des fünfstöckigen Gebäudes leuchteten mit dunkelroten Samtvorhängen.

Ich betätigte die Klingel, über der ein Schildchen großspurig behauptete: Nur für Mitglieder. Es dauerte nur Sekunden, bis sich etwas tat. Trotz des trüben Rotlichts sah ich eine Bewegung in der Optik des Spions. Ich hielt das Lederetui hoch, und der Silberadler funkelte rötlich.

Die Tür schwang auf. Das Girl, das mich ansah, war bleich. Blondes Haar bis auf die Schultern. Große, angsterfüllte blaue Augen. Ein Hauch von einem Trikotanzug, der keine Fragen über ihre Figur offenließ.

»Er zielt mit der Waffe auf mich«, flüsterte sie im Schummerlicht. »Bitte tun Sie alles, was er verlangt! Sie sind doch Mr. Trevellian?«

»Ja. Ich bin allein und unbewaffnet.« Erstaunt hörte ich meine eigene Stimme, die seltsam heiser klang.

»Er hat gesagt, ich soll Sie eintreten lassen und drei Schritte Abstand halten. Bitte!« Es war wie ein Flehen.

Ich versuchte, sie mit meinem Lächeln zu beruhigen. Ob es mir gelang, konnte ich nicht feststellen.

Ich faltete die Hände über dem Hinterkopf und betrat den schmalen Korridor, dessen Wände mit rotem Samt ausgekleidet waren. Hinter mir drückte das blonde Girl die Tür ins Schloß. Das metallische Schnappen klang überlaut.

Die Halle sah aus wie eine plüschige Hotel-Lobby im französischen Viertel von New Orleans um die Jahrhundertwende.

Mittendrin saß Eddie Walsh. Er hockte auf einer kleinen Bar und hatte die Füße auf zwei Hocker gestützt. Von da oben hielt er alles unter Kontrolle. Eine klobige Colt Government, mit dem Griffstück auf sein rechtes Knie gestützt, schwenkte nach rechts und zielte auf die Schar der Girls — wie vermutlich die ganze Zeit vorher.

Wie folgsame Schulmädchen kauerten sie im Halbkreis vor ihm auf den Sofas. Nur ihre spärliche Bekleidung ließ ahnen, daß sie unter normalen Umständen alles andere als schüchterne kleine Mädchen waren.

»Kommen Sie her, G-man!« sagte Walsh und zeigte mit der freien Hand auf den rosefarbenen Teppichboden vor seinen Barhockern. Die Finger dieser Hand zitterten. Es war nicht zu übersehen. Eddie hatte die Hemdsärmel hochgekrempelt. Die Jacke lag neben ihm. Der Bauch quoll wulstig über seinen Hosenbund. Er war ein schwammiger Typ, knapp 40 Jahre alt und verfressen.

Ich gehorchte, die Hände immer noch über den Haarwurzeln gefaltet. In den Spiegeln der Ba'rregale sah ich Eddies breiten Rücken, von Flaschenbatterien umgeben. Das blonde Trikotgirl kehrte auf ihren Platz zurück und wurde von einer schwarzhaarigen Kollegin in den Arm genommen.

»Der gepanzerte Wagen wird gleich da sein«, sagte ich und deutete mit einer Kopfbewegung auf das Telefon, das zwischen zwei Longdrinkgläsern auf der Theke stand. »Meine Kollegen benachrichtigen Sie sofort, Walsh.«

»Ziehen Sie Ihre Jacke aus!« sagte er und tat, als interessiere ihn meine Mitteilung überhaupt nicht. »Ich will sehen, ob Sie mich nicht verschaukeln, Trevellian. Und vergessen Sie nicht: Wenn irgend etwas nicht so läuft, wie ich es will, muß eine von den Puppen es ausbaden. Klar?«

Ich nickte, ließ die Hände langsam sinken und streifte das Jackett von den Schultern. Walsh behielt ich dabei im Auge wie er mich. In den Spiegeln sah sein Rücken eindrucksvoll breit aus. Etwas bewegte sich rechts neben seiner Wulsthüfte, über dem Hals einer Flasche Malt Whisky.

Ich schnellte aus dem Stand nach vorn, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil lang zu überlegen. Walsh erschrak. Er glaubte an einen Trick von mir und riß die Automatic herum. Sein Gesicht verzerrte sich. Ich erwischte ihn, bevor er abdrücken konnte.

Mit einem Schlag schmetterte ich ihm die Waffe aus der Hand. Und riß seine Beine hoch, daß er hintenüber zwischen Bar und Regale kippte.

Im selben Moment hämmerte es los. Die Geschoßgarbe hackte in die Spiegelregale, und ein Regengemisch aus Scherben und teuren Getränken ergoß sich über Walsh, der vor Entsetzen brüllte wie ein Stier.

Im nächsten Atemzug gellten die Schreie der Mädchen durch die Halle.

Ich lag längst flach und robbte auf die Automatic zu, die vor einem Barhocker lag.

Der MPi-Schießer jagte noch eine zweite Salve in die zertrümmerte Bar. Dann erst schien er zu begreifen, daß der Zug für ihn Vorbeigefahren war.

Ich erwischte die Pistole, packte sie mit beiden Händen und rollte mich nach links ab, weg von der Bar. In der Drehbewegung sah ich, daß die Girls sich zwischen den Plüschsofas in Deckung geworfen hatten.

Ich federte hoch. Blitzartig entsicherte ich und lud durch. Dann hatte ich die schwere 45er im Beidhandanschlag.

Der MPi-Schießer stand breitbeinig in einer offenen Tapetentür unter der Treppe. Seine Waffe, eine Thompson, zielte noch auf die Gegend der Bar. Dort rechnete er mit Walsh. Oder mit mir. Der Teufel mochte wissen, was hier überhaupt gespielt wurde.

»Die Waffe weg!« brüllte ich.

Er hatte mich im selben Moment erfaßt und zog schon durch, als er die Thompson herumschwenkte.

Die Geschoßgarbe raste von rechts auf mich zu. Sie hämmerte in Holztäfelungen und samtene Wandbespannungen.

Ich warf mich nach vorn und feuerte im Fallen. Zweimal kurz hintereinander wummerte die Colt Government gegen das ohrenbetäubende Krachen der Maschinenpistole an.

Ein Schrei! Die Geschoßkette wanderte zur Decke hoch, stanzte eine Serie von faustgroßen Löchern in den Stuck, und kalkig-weiß rieselte es auf die fast nackte Haut der Girls herab.

Plötzlich war Stille.

Ich sprang auf, die Automatic immer noch mit beiden Händen im Griff.

Der Mann in der Tapetentür lag verkrümmt. Eine Blutlache breitete sich auf dem Teppichboden aus. Ich stieß die Thompson mit dem Fuß von ihm weg. Hier gab es keine Hilfe mehr.

Ich blickte an dem Toten vorbei und sah eine schwach erleuchtete Kellertreppe. Es mußte eine Verbindung zu den Kellern der Nebenhäuser geben. Daraus konnte man den Kollegen von der City Police keinen Vorwurf machen. Eddie Walsh hatte sich schießlich nicht klar darüber ausgesprochen, weshalb er beschlossen hatte, 20 käufliche Girls in seine Gewalt zu bringen und ein gepanzertes Fahrzeug für freien Abzug zu verlangen.

Ich wandte mich nach rechts. Ich suchte mir einen schnellen Weg vorbei an Sofas und kauernden Mädchen auf die Bar zu. Im Magen spürte ich etwas wie einen Bleiklumpen. Ich hatte den Mann in Notwehr erschossen. Also brauchte ich mir nicht den geringsten Vorwurf zu machen. Trotzdem blieb das Unbehagen, das sich auch durch Berufserfahrung nicht auslöschen ließ.

Eddie Walsh streckte mir abwehrend die Hände entgegen, als ich hinter die Theke blickte. Seine Augen flackerten. »Nein!« schrie er. »Nein, nicht…«

Ich versetzte ihm eine Ohrfeige, und sein Geschrei erstickte in einem Schnaufen. Ich schob die Colt-Pistole unter den Hosenbund, packte Walsh am Kragen und stellte ihn auf die Beine. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Wangenmuskeln zuckten wie unter Krämpfen. Er schien nicht zu begreifen, wer ich war. Die Last der Angst war zu groß für seine Nerven.

»Es ist vorbei«, herrschte ich ihn an. »Keine Gefahr mehr, Walsh! Reißen Sie sich zusammen!«

Er brachte noch immer keinen Laut heraus. Er starrte mich nur an, als ich den Telefonhörer abnahm. Die Verbindung mit Lieutenant Taylor kam automatisch zustande. Ich erfuhr, daß Milo Tucker und ein Kollege von der Fahrbereitschaft mit einer gepanzerten Limousine im Hinterhof warteten. In Stichworten klärte ich Taylor über die Lage auf.

Als ich Walsh zum Hinterausgang brachte, waren die Kollegen von der City Police bereits zur Stelle. Ein Girl hatte die Tür geöffnet. Die Ermittlungen begannen.

Milo übernahm es, Eddie Walsh zum FBI-Gebäude zu bringen. Ich ging durch den Torweg hinaus auf die Straße und klemmte mich hinter das Lenkrad meines Jaguars.

 

 

3

»He, sagt mal…!« Monty Reardon reckte den linken Arm aus dem Sofa hoch und wedelte mit dem Stückchen Papier. Mit der rechten Hand drehte er die Havanna zwischen geschürzten Lippen und ließ sich von Loella Feuer geben. »Sagt mal, soll ich den Lappen einrahmen lassen? 1,7 Millionen Bucks als Wandschmuck! Nicht schlecht, was?« Grölend lachte er los und krümmte sich gleich darauf in einem Hustenanfall, als ihm der ungewohnte Zigarrenrauch den Rachen reizte.

Loella, die Blondine, schob sich ein Stück näher an ihn heran und klopfte ihm wohlmeinend auf den Rücken. Sayre, der sie genau im Blickfeld hatte, stierte aüf ihre Brüste, die bei dieser Bewegung üppig quellend die ausgeschnittene Bluse zu sprengen drohten.

»Das haut dich aus den Stiefeln, was?« Loella kicherte grell. »Nicht zu hastig rauchen, Darling! Schön langsam!«

»Hast ihm hoffentlich die Hosen unten zugebunden.« Daley schob die Unterarme auf den wackligen Tisch, stützte sein Kinn auf die Faust und grinste wie ein satter Wolf.

Sayre lachte glucksend los und zwirbelte seinen blassen Schnurrbart.

Monty Reardon beruhigte sich, richtete sich auf und benutzte die handspannenlange Havanna als Zeigestock, mit dem er vorwurfsvoll auf seine beiden Verbündeten wies. »Euch bringe ich noch Respekt bei, verlaßt euch drauf!« Er knallte das Stück Papier neben sich auf den Beistelltisch. »Ich bin jetzt ein paar Nummern größer als ihr! Schreibt euch das endlich hinter die Ohren! Würdet ihr mit Schofield so reden wie mit mir? He, würdet ihr das? Nein, dazu fällt euch nichts mehr ein, was?« Er lehnte sich zurück und nuckelte an der Zigarre, diesmal ohne Zwischenfall. »Eins müßt ihr euch 'merken, Freunde: Ich bin jetzt eine Auto… Auti…«

»Autorität«, sprang Loella helfend ein.

»Richtig«, nickte Monty. »Und so was muß gewürdigt werden. Nicht daß ich den großen Macker spielen will. Aber in unserem neuen Laden bin ich nun mal der Geldgeber. Und dafür kann man ja wohl Respekt verlangen, oder?«

Minutenlang wurde es still in der schäbigen Etagenwohnung an der Eigth Avenue. Die beiden Männer am Tisch stierten in ihre Biergläser und zündeten sich neue Zigaretten an. Loella Fremont nippte an ihrem Longdrink und Monty Reardon hob noch einmal das Stückchen Papier auf, das sein ganzes Leben verändert hatte.

Allein die Adresse war schon irgendwie geschäftsmäßig, so richtig bedeutungsvoll.

Mr. Harold Montgomery Reardon 632 Eighth Avenue New York City, N. Y. 10018 Monty erinnerte sich, bei Schofield solche Briefe gesehen zu haben. Sie kamen von seinen Geschäftspartnern. In gehobenen Kreisen redete man sich eben würdevoll an, vor allem auch schriftlich. Die Stromrechnungen und die Zahlungsaufforderungen für die Müllabfuhrgebühren trugen nie so eine Anrede. Und etwas anderes hatte Monty Reardon nie mit der Post gekriegt. Bis letzte Woche nicht.

Er wußte noch genau, wie der Brief an- . gekommen war. Per Einschreiben. Loella war in ihrer Neugier mal wieder nicht zu bremsen gewesen und war splitterfasernackt aus dem Bett gehüpft, um dem Briefträger zu öffnen. Der arme Kerl mußte für den Rest des Tages zittrige Finger gehabt haben. Und dann hatte Loella, die Gute, vor dem Bett gestanden und über ihren freischwebenden Brüsten das knisternde Papier auseinandergefaltet.

Sehr geehrter Mr. Reardon, nach notariell beglaubigtem Abschluß der Monatsziehung darf ich Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen…

Monty hatte schlagartig senkrecht im Bett gestanden. Sein Versuch, Loella den Brief zu entreißen, war fehlgeschlagen. Kichernd und mit wippendem Busen war sie vor ihm kreuz und quer durch die Bude geflohen und hatte dabei unentwegt weiter gelesen.

… Mitteilung machen, daß der Hauptgewinn von 1,7 Millionen Dollar auf das Los Nummer 868341 gefallen ist. Aus unseren Unterlagen entnehmen wir, daß Sie Inhaber dieses Loses sind. Sie werden daher gebeten, sehr geehrter Mr. Reardon, uns das Originallos möglichst umgehend zuzusenden oder zu überbringen. Die Auszahlung bzw. Überweisung Ihres Gewinnes wird dann unverzüglich vorgenommen. Ich darf Sie herzlichst beglückwünschen und verbleibe mit freundlichen Grüßen Ihr Howard C. Johnson, Managing Director, New York Municipal Lottery.

Der Rest des besagten Tages verlief für Monty und Loella wie in einem Taumel. Erst am Abend nach einer regelrechten Orgie wurde ihm so nach und nach klar, was das Glückslos für ihn bedeutete. Mehr als Reichtum. Selbständigkeit und Überlegenheit! Die treten dürfen, vor denen er bisher gebuckelt hatte!

Verdammt, ja, das war der Punkt! Am Tag nach dem Eintreffen des Briefes begann Monty sein Ziel kühl und nüchtern in die Tat umzusetzen. Die Mitstreiter, die er dazu brauchte, zog er schnell auf seine Seite. Alles prima Jungs, die von der Dreckarbeit genauso die Nase voll hatten wie er. Zuverlässige Burschen wie Daley und Sayre.

Er richtete ein Konto bei der Chase Manhattan Bank, Filiale Midtown, ein. Für einen Topmann in der Branche sah es schließlich komisch aus, wenn er seine Überweisungen von einer lumpigen Sparkasse erledigen ließ.

Er legte den Brief wieder weg und paffte an seiner Havanna. »Also, nehmt’s mir nicht krumm, Freunde, aber wir brauchen eine richtige Organisation!« Er ließ seine Stimme versöhnlicher klingen. »Das muß bei uns genauso gut klappen wie bei Schofield. Wer was zu sagen hat, muß genau festgelegt werden. Das heißt, ihr braucht nicht wegen jeder Kleinigkeit bei mir angekleckert zu kommen. Aber wenn’s um die wirklich wichtigen Sachen geht, dann entscheidet der Boß höchstpersönlich.« Er klopfte sich mit der flachen linken Hand auf die Brust. »Ist doch wohl klar, oder?«

Jeff Daley, der Bodybuilding-Athlet, fuhr sich mit der Hand über sein kurzgeschorenes dunkles Haar und nickte. »Hundertprozentig, Monty. Wer die Kohlen hat, gibt den Ton an. Das ist schon immer so gewesen.«

»Hast du fein gesagt«, grinste Monty. »Stimmt ja auch.« Daley sah seinen Nebenmann an. »Oder?«

»Klar«, sagte Burt Sayre und legte sein kantiges Gesicht in listige Falten. »Bloß sind wir jetzt nicht mehr die Fußabtreter. Wir sind für Monty die wichtigsten Nummern. Bodyguards und persönliche Berater. Geschäftsführer klingt noch besser. Stimmt’s, Monty?«

Monty Reardon nickte gnädig und klemmte sich die Havanna großspurig zwischen die Zähne.

»Haargenau, Burt. Ohne euch und die anderen bin ich aufgeschmissen. Ganz klar. Hat ja auch kein Mensch gesagt, daß ich euch rumkommandieren will. Dann könnt ihr genausogut bei Schofield bleiben. Habe ich recht?«

Daley und Sayre brummten zustimmend im Chor.

»Aber einer muß sagen, wo’s langgeht«, fuhr Monty fort. »Und das ist immer der, der auf dem Pott mit dem Zaster sitzt.« Er wandte sich nach rechts und blickte schmunzelnd seine Freundin an. »Alles, was gesagt wurde, gilt natürlich auch für dich, Baby. Glaub nicht, daß du den guten alten Monty um den Finger wickeln kannst — jetzt wo er nicht mehr jeden Dollar umzudrehen braucht!«

»Um den Finger habe ich dich immer gewickelt. Du hast es bloß nicht gemerkt.« Loella kicherte. Im nächsten Moment sprang sie fluchtartig auf. Doch sie konnte Montys Klaps auf ihr beeindruckendes Hinterteil nicht mehr entgehen. Mit einem Quieken floh sie in die andere Ecke des Zimmers — doch nur, um sich am offenen Schrank mit einem neuen Bourbon Soda zu versorgen.

Monty Reardon wandte sich seinen beiden Komplicen zu. »Nun mal ernsthaft! Was schätzt ihr, wie lange dauert es noch, bis unser Verein auf gesunden Füßen steht? Ich meine, bis wir die handfesten Gewinne einstreichen für das, was ich investiere?«

Jeff Daley antwortete ohne Zögern. »Noch zwei, drei Wochen, und das Geschäft läuft voll an.«

»Und du, Burt, was meinst du?« Monty sah den Rotblonden mit dem kantigen Gesicht fragend an.

Sayre zog die Schultern hoch und legte den Kopf schief. »Wenn alles klappt, stimmt es, was Jeff sagt. Aber die Probleme fangen erst an, meine ich. Schof ield wird sich nicht einfach alles durch die Lappen gehen lassen, was er angeleiert hat. Da kriegen wir noch Schwierigkeiten, sage ich.«

Monty Reardon runzelte unwillig die Stirn. »Dann wird Schofield uns eben kennenlernen. Aber ich glaube nicht, daß er sich groß aufbläst. Wir leben in einem freien Land, das sagt er selbst immer. Wenn ich also unseren Geschäftspartnern die besseren Bedingungen biete… was kann er dagegen haben?«

Loella setzte sich wieder neben ihn und schmiegte sich an ihn. »Eine Menge«, sagte sie säuselnd. »Jeder hat was dagegen, wenn ihm andere was von seinen Einnahmen abzwacken.«

»Na und? Wenn ein anderer Racketboß anfinge, ihm Konkurrenz zu machen, müßte er auch damit fertigwerden.«

»Trotzdem lebst du gefährlich, Darling. Klingt zwar hart sowas, aber du solltest wirklich daran denken, dein Testament zu machen.«

Monty zog die Augen zu Schlitzen zusammen. »Fang nicht so an, Baby! Du brauchst nicht zu denken, daß irgendein Fremder meine Bucks in die Finger kriegt, wenn wirklich mal was passieren sollte. Ich weiß selber, worum ich mich zu kümmern habe. Aber darüber wird nicht geredet. Klar? Kümmere du dich um deinen 'eigenen Kram, und das ist unser neues Penthouse! Spätestens in einer Woche will ich aus dieser lausigen Bude raus sein.«

Loella war nicht sicher, wie sie seine galligen Worte zu verstehen hatte. Aber sie wußte, daß sie ihn auf diesen Punkt nicht mehr ansprechen durfte.

 

 

4

Ich zuckelte hinter der schweren Limousine her, in der Eddie Walsh wie ein Staatsoberhaupt durch Manhattan kutschiert wurde.

Wir hatten den Schauplatz des abendlichen Dramas eben verlassen, als das Lämpchen meines Funkgeräts aufflackerte. Ich klinkte das Mikro aus, ohne den Blick von der Fahrbahn zu wenden.

»Jesse«, sagte der Kollege in der FBI-Funkzentrale, »bist du noch in der Nähe der West 43rd Street?«

»Noch in Sichtweite«, antwortete ich. Es stimmte. Im Außenspiegel konnte ich die Traube der Gaffer erkennen, die sich vor der Absperrung drängten. »Was gibt es?«

»Eine zweite Meldung von der City Police. Der Name ist Gordon Hilmar. Ein FBI-Fall, wie es heißt. Tatort Port Authority Bus Terminal. Einsatzleiter ist Captain Dennison.«

Ich konnte einen Seufzer nicht unterdrücken. »Okay«, sagte ich, »da der Bus Terminal ganz in der Nähe ist, kümmere ich mich um die Sache.«

»Das wollte ich vorschlagen, Jesse. Bevor ich einen Kollegen loshetze, der erst eine halbe Stunde fahren müßte…«

»Vergiß es!« unterbrach ich ihn. »Tu mir nur einen Gefallen und verständige Milo! Er soll Walshs Vernehmung möglichst nicht beenden, bevor ich da bin.« Zwei Minuten später brachte ich den Jaguar vor dem zentralen Busbahnhof Manhattans an der Eighth Avenue zum Stehen. Bis auf zwei Streifenwagen, die quer auf dem breiten Bürgersteig standen, gab es hier nichts Aufregendes zu sehen. Den geschlossenen Kastenwagen des Erkennungsdienstes sah ich ordnungsgemäß in einer Parkbucht stehen. Da der Einsatz von Streifenwagen zum alltäglichen Anblick für jeden New Yorker gehört, gab es vor dem Bus Terminal auch keinen Menschenauflauf. Wer New Yorker neugierig machen will, muß schon schwerere Geschütze auf fahren. Wie etwa durch eine Geiselnahme…

Ich verscheuchte die Gedanken an das Geschehen im Bordell. Meinen Smith and Wesson trug ich wieder im gewohnten Leder. Eddie Walshs Colt Government befand sich in Milos Gewahrsam.

Von einem einsamen Cop unter dem Portal des riesigen Gebäudes erfuhr ich, daß ich mich zum Supermarkt in der großen Halle begeben solle. Ich kannte den Laden, der in erster Linie für Fahrgäste der Greyhounds gedacht ist. Rund um die Uhr kann man hier einkaufen. Aber auch Leute aus der Nachbarschaft nutzen die Gelegenheit, sich zu später Stunde noch mit Lebensmitteln zu versorgen.

Ich durchquerte die belebte Halle. Der Geruch von Benzin und Dieselöl wehte aus den Schwingtüren, die zu den Bussteigen führten. Das Röhren der mächtigen Greyhoundmotoren war nur gedämpft zu hören.

Der Supermarkt war ausnahmsweise geschlossen. Cops sperrten beide Eingänge ab. Einem Patrolman zeigte ich meine Dienstmarke. Ich erfuhr, daß Captain Dennison sich im Büro des Geschäfts aufhielt. Die Leiche, so sagte der Beamte,' sei bereits abtransportiert worden, und die Spurensicherer hätten ihre Arbeit so gut wie beendet.

Captain Charles Dennison, Leiter der Mordkommission I, ist ein alter Bekannter. Durch die Glaswand des Büros winkte er mich herein. Ich schob mich durch den Vorraum, in dem Beamte in Zivil und Supermarktangestellte in hektische Vernehmungen verstrickt waren.

»Das genügt für’s erste, Madam«, sagte Dennison zu der Frau, die vor dem Schreibtisch saß, an dem normalerweise der Manager regierte. »Falls sich noch Fragen ergeben sollten, werde ich mich mit Ihnen in Verbindung setzen. Vielen Dank für Ihre Mühe.«

»Ich tue nur meine Pflicht, Sir.« Die Frau stand auf und nahm ihre Einkaufstasche. Sie mochte annähernd 70 Jahre alt sein. »Ich war Zeugin eines Verbrechens. Da muß ich doch wohl alles tun, was in meinen Kräften steht, damit diese scheußliche Tat aufgeklärt wird. Das verlangt das Gesetz, nicht wahr, Sir?«

Dennison stand auf und begleitete sie hinaus. Im Vorbeigehen streifte mich die Frau mit einem Blick aus großen, unsicheren Augen.

»Sie haben recht, Madam«, sagte der Captain. »Aber es ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. Nicht jeder Bürger ist so pflichtbewußt wie Sie.«

Als er zurückkehrte, erfuhr ich, daß die Frau ins Hospital gebracht wurde, damit sie von einem Arzt betreut wurde. Allem Anschein nach stand sie unter Schock.

Ich hielt Dennison meine Zigarettenschachtel hin. Er bediente sich und gab mir Feuer.

»Kommen Sie, Jesse!« sagte er und ging voraus. »Am besten läßt es sich an Ort und Stelle erklären.« Über eine Stahltreppe erreichten wir vom vorderen Büro aus eine Art Kontrollzentrum. Ein Glaskasten über den Offices. Von hier aus konnte man den gesamten Supermarkt überblicken. Zusätzlich gab es eine Reihe von Monitoren für die Ecken und Winkel, die nicht im Blickfeld lagen.

Der Captain zeigte mir das noch offene Fenster, das von den Spurensicherern mit Fettstift-Markierungen versehen worden war. Die Entfernung bis zu der Kühltruhe unten im Verkaufsraum betrug etwas mehr als 30 Meter. Die Fachleute vom Erkennungsdienst hatten die Flugbahn des Geschosses rekonstruiert und waren zu dem Ergebnis gekommen, daß der Mörder hier oben am Fenster gestanden und gefeuert hatte.

»Niemand hat einen Schuß gehört«, sagte Captain Dennison. »Wir vermuten, daß der Killer ein Zielfernrohrgewehr mit Schalldämpfer benutzte.«

Ich nickte und schaute zur Zimmerdecke. Dort gab es eine Reihe von Oberlichtern, die sich zu Lüftungszwecken öffnen ließen. Eine der kleinen gläsernen Kuppeln war mit einer Nummerntafel der Spurensicherer markiert.

»Wenn er auf dem Weg gekommen und wieder verschwunden ist«, sagte ich, »muß er einen Komplicen unter dem Personal gehabt haben. Außerdem mußte der Killer wissen, daß sich zu dem von ihm geplanten Zeitpunkt niemand hier oben aufhielt.«

»Richtig«, entgegnete Dennison. »Bislang will es natürlich keiner gewesen sein. Aber die Vernehmungen sind noch nicht beendet.«

Ich sah ihn zweifelnd an. »Setzen Sie große Hoffnungen darauf, Charles?«

»Ehrlich gesagt, nein. Der Killer ist ein Profi. Keine Fingerabdrücke, keine zurückgelassene Patronenhülse. Profis arbeiten im allgemeinen für Syndikate. Und mit einem Syndikat legt sich nur jemand an, der lebensmüde ist. Nein, Jesse, ich fürchte, wir werden keine vernünftige Zeugenaussage bekommen.«

»Und der Tote?« fragte ich. »Ist schon bekannt, ob er regelmäßig um diese Zeit im Supermarkt aufkreuzte?«

»Ob regelmäßig oder nicht, der Killer muß seine Gewohnheiten ausbaldowert haben. Hilmar war übrigens 26 Jahre alt, unverheiratet und Bagman bei Schofield. Darüber gibt es zuverlässige Informationen. Sonst hätte ich auch nicht beim .FBI angerufen.«

Bagman - Taschenmann ist eine Bezeichnung, die die Syndikate aus dem Sprachgebrauch der Mafia übernommen haben. Ein Bagman ist eine Art Kassierer. In Hilmars Fall bedeutete das, daß er Nacht für Nacht in Schofields Auftrag die illegalen Spielsalons und die als Bars getarnten Bordelle abkassierte.

Aber warum, um Himmels willen, fing Schofield jetzt an, seine eigenen Leute umbringen zu lassen?

Ich erzählte dem Captain, was sich kurz zuvor an der 43rd Street abgespielt hatte. Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Wenn das nur der Anfang sein sollte…«

Ich wußte, was er meinte. Die Anzeichen sahen nach einem Bandenkrieg aus, nach blutigen Machtkämpfen in der Unterwelt. In New York City hatte es so etwas seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben.

 

 

5

Unsere Vernehmungszimmer im Keller des District-Office sehen tatsächlich so aus, wie sie in Fernseh- und Kino-Krimis gezeigt werden. Kahle, weiße Wände, einfacher Tisch, einfache Stühle und eine grelle Lampe. Mehr Ungemütlichkeit, als man sich vorstellen kann.

Eddie Walsh wirkte so klein und häßlich wie ein zerknirschter Filmgangster. Das Haar klebte naß an seinem runden Kopf. Er trug Jeans und Armyhemd, beides eine Nummer zu groß. Vor ihm auf dem Tisch standen ein Pappteller mit Sandwiches, ein Pappbecher mit dampfendem Kaffee und ein Aschenbecher aus folienbeschichteter Pappe. Die Zigarettenschachtel war noch automatenfrisch.

»Er hat geduscht«, erklärte Milo. »Wir wollten gerade anfangen.«

Richtig. Nach dem Scherbenregen in der Bordellbar hatte Walsh wie ein wandelnder Schnapsladen gestunken. Von der Tür aus gab ich Milo ein Zeichen. Er nickte, stand auf und bedeutete Walsh mit einer knappen Geste, sich erst einmal zu stärken. Im Korridor schilderte ich Milo, was im Supermarkt des Bus Terminals passiert war.

»Wieso wissen wir nichts davon?« murmelte Milo mit gefurchter Stirn.

Eine berechtigte Frage. Normalerweise halten uns unsere V-Leute über alles auf dem laufenden, was in der Unterwelt an Gerüchten kocht. Wenn es tatsächlich einen Machtkampf gab, bei dem Schofield die eine der gegnerischen Parteien darstellte, dann konnte das unseren Informanten nicht verborgen bleiben.

Ich vergrub die Hände in den Hosentaschen und zog die Schultern hoch. »V-Leute sind auch nur Menschen«, sagte ich.

Wir wissen, daß wir von unseren Verbindungs-Leuten nicht verlangen können, über den eigenen Schatten zu springen. Sie haben ihre Grenzen, selbstgesetzt oder von anderen gezogen. Polizei und FBI mit Informationen zu versorgen, ist eine Sache. Wie weit man damit geht, eine andere.

In unserem Fall waren die Grenzen klar abgesteckt. Schofields Machtbereich umfaßte das Gebiet zwischen Eighth Avenue, Hudson River, 42nd Street und Central Park South. Wer in diesem Gebiet überleben wollte, hütete sich besser, die Dinge so weit zu treiben, daß er Schofield persönlich ans Leder ging. Die Fälle Hilmar und Walsh bewiesen es deutlich. Schofield kontrollierte in seinem Bezirk das illegale Glücksspiel und die ebenfalls ungesetzliche Prostitution. Gegenüber den großen Bossen behaupete er sich seit Jahren. Ja, er war ihnen ebenbürtig geworden. Sogar die Mafia ließ ihn in Frieden und kümmerte sich an der Westside nur um das Rauschgiftgeschäft.

Schofield war im Laufe der Jahre selbst einer der ganz Großen geworden. Ein »Unantastbarer«, dem Polizei, FBI und Staatsanwaltschaft nichts anhaben konnten. Denn die Beweisketten schlossen sich niemals so weit, daß es ihn selbst erwischte. Das garantierte seine komplizierte Organisation. Jeder wußte genau, was er zu tun hatte. Doch keiner wußte genug über den anderen, um ihn ans Messer liefern zu können.

An Burschen wie Schofield kann man sich die Zähne ausbeißen. Das ändert sich erst dann, wenn sie anfangen, sich gegenseitig den Frieden aufzukündigen.

»Siehst du jetzt wenigstens ein, daß wir es tatsächlich mit FBI-Fällen zu tun haben?« erkundigte ich mich.

»Keine Frage«, antwortete Milo und lächelte. »Übrigens haben die Girls im Lido-Club dem MPi-Schießer identifiziert Eindeutig ein Schofield-Mann.«

Also hatte sich meine Ahnung bestätigt. Schofield ließ in seinen eigenen Reihen aufräumen. Denn ich hatte mir von Anfang an nicht vorstellen können, daß ein Konkurrent in seinen Bereich vorgedrungen war.

Der Gangster mit der MPi, so berichtete Milo weiter, war durch eine Kellerverbindung vom Nachbarhaus eingedrungen. Unmittelbar nach Walshs Geiselnahme mußte er dort schon gelauert haben, noch bevor die Polizei eingetroffen war.

Wir gingen zurück ins Vernehmungszimmer. Eddie Walsh hatte seinen Sandwich-Berg bereits verzehrt. Er schlürfte Kaffee und inhalierte dazu Zigarettenrauch.

»Bei euch könnte man sich fast wohl fühlen«, teilte er uns grinsend mit. »Wenn nur das Drumherum nicht wäre.«

Wir setzten uns ihm gegenüber.

»Die wenigsten haben hier unten gute Laune«, sagte ich. »Erfreulich, daß das bei Ihnen anders ist, Eddie.«

»Galgenhumor«, knurrte er und blies die Luft durch die Nase. »Keine gute Laune, G-man.«

Ich lehnte mich zurück und nickte verständnisvoll. Milo griff in seine Jackentasche, und wir leisteten Eddie beim Zigarettenrauchen Gesellschaft.

»Okay«, sagte ich, »die wichtigste Frage zuerst, Eddie: Warum mußten Sie sich im Lido-Club als Geiselnehmer aufspielen?«

»Warum ich den Geiselnehmer gespielt habe?« wiederholte er. Er nahm einen Schluck Kaffee, dann einen tiefen Zug aus der Zigarette. Er rieb sich das Kinn und zupfte anschließend an dem Hemd, das wie die Hose aus FBI-Beständen stammte. »Ja, wie soll ich sagen…«

Ich blickte Walsh mit einem freundlichen Lächeln an. »Wir haben Zeit, Eddie. Allerdings zögert sich dann auch der persönliche Schutz für Sie immer mehr hinaus.«

Unschlüssig bewegte er die Schultern hin und her. Dann leerte er den Kaffeebecher mit einem Ruck und quälte die Zigarette bis zum Filteransatz. »Ehrlich gesagt, G-man, vielleicht habe ich das alles ein bißchen übertrieben. Kann sein, daß ich den Schutz gar nicht mehr brauche.« Er drückte den Glutrest aus und zündete sich mit fahrigen Bewegungen eine neue Zigarette an. Meinem Blick wich er aus. »Für die Sache mit den Geiseln muß ich natürlich geradestehen. Ich will ja auch nichts beschönigen, G-man. Aber vielleicht war das nur so’n Kurzschluß von mir.«

Ich nickte geduldig. »Trotzdem würden wir gern den Grund dafür erfahren.« Walsh wand sich auf seinem Stuhl. »Hab’ plötzlich die Nerven verloren, denke ich.«

»Würde mir auch so gehen«, sagte Milo, »wenn mir jemand mit einer Maschinenpistole zu nahe kommt.«

Eddie Walsh schüttelte heftig den Kopf und wedelte mit der freien Hand. »So war das nicht, G-man. Der mit der MPi kreuzte ja erst auf, als ich schon den Mist gebaut hatte. Ich hab’ im Lido den dicken Mann markiert, und als sie mich rausschmeißen wollten, hatte ich die Schnapsidee mit den Geiseln. Wenn ich Eigentümer des Lido wäre, hätte ich auch einen mit ’ner Kanone losgeschickt.«

»Sehr mitfühlend«, sagte ich und lächelte kalt. »Wem gehört denn der feine Laden?«

Eddie zog die Schultern hoch, 'daß sie fast die Ohrläppchen erreichten.

»Schofield«, teilte ich ihm mit.

»Hm. Schon oft gehört, den Namen. Dem sollen ja viele dieser Schuppen gehören.«

Milo und ich wechselten den Blick. Eddie spielte den Ahnungslosen, aber nicht gerade überzeugend. Jeder Farmerssohn aus Nebraska entfaltet in seinem Laienspielclub mehr Talent.

Wir mußten Eddie Walsh wieder an die Leine kriegen. Er stand nicht mehr unter dem Druck der unmittelbaren Bedrohung, und schon entwickelte sich wieder seine Großspurigkeit. Er besaß ein flatterhaftes Gemüt, soviel stand fest. In unseren Akten befanden sich Informationen von V-Leuten, die besagten, daß Eddie in Schofields Syndikat als .Runner’ tätig war, als .Läufer’. Was bedeutete, daß er innerhalb der Organisation Nachrichten zu übermitteln hatte - Befehle beispielsweise, von denen später niemand mehr wußte, wer sie erteilt hatte.

»Warum lassen wir ihn nicht einfach laufen?« sagte Milo, zu mir gewandt. »Als Lockvogel.«

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Eddies Augen kreisrund wurden und seine Wangenmuskeln zu zucken begannen. Ich ging auf Milos Spielvorschlag ein. »Du weißt, das müßten wir auf unsere eigene Kappe nehmen«, nuschelte ich. »Der Attorney würde dabei garantiert nicht einverstanden sein. Weiß er schon, daß wir ihn haben?« Mit einer Kopfbewegung deutete ich auf Eddie, ohne ihn zu beachten.

Milo brachte die Antwort nicht mehr heraus.

»He, he, he!« schrie unser Gesprächspartner aufgebracht. »Da spiele ich aber nicht mit. Ihr könnt doch nicht einfach machen, was ihr wollt! Bevor ihr so was abzieht, verlange ich einen Anwalt! Ihr seid wohl…«

»Walsh«, schnitt ich ihm das Wort ab und wandte mich ihm wieder zu. »Welchen Anwalt können Sie bezahlen, der nicht von Schofield gekauft werden würde?«

»Außerdem sagen Sie selbst, daß Sie alles ein bißchen übertrieben haben«, fügte Milo hinzu. »Dann dürften Sie ja auch nicht in allzugroßer Gefahr schweben. Aus unseren Akten geht hervor, daß Sie einen festen Wohnsitz haben. Fluchtgefahr besteht also nicht. Ich denke, auch der Attorney wird nichts dagegen haben, Sie bis zur Gerichtsverhandlung auf freien Fuß zu setzen.«

Eddie Walshs Gesichtsfarbe wechselte vom kalkigen Weiß zum Aschgrau. Ich schlug mit flacher Hand auf den Tisch. Das Klatschen ließ ihn zusammenzucken.

»Schluß mit dem Theater!« herrschte ich ihn an. »Sie sind kein Einzelfall, Walsh, schreiben Sie sich das hinter die Ohren! Es wird Sie interessieren, weshalb ich später gekommen bin. Im Busbahnhof wurde ein gewisser Gordon Hilmar erschossen. Und jetzt kommen Sie mir nicht damit, daß Sie den Mann nicht kennen!«

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942347
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v912694
Schlagworte
todeslos trevellian

Autor

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Titel: Trevellian zog das Todeslos