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Trevellian und der Mann, der den Henker betrog

2020 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und der Mann, der den Henker betrog

Copyright

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Trevellian und der Mann, der den Henker betrog

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

»Mein Sohn«, sagte der Reverend, »sei zuversichtlich…«

Der Höllenlärm in der Death Row schnitt ihm das Wort ab. In dem Moment, in dem Adam Wilenberg mit dem Geistlichen und den Aufsehern den langen Korridor betrat, begannen sie in den Todeszellen zu brüllen und zu schlagen.

Sie schrien sich die Angst aus dem Leib, und sie schlugen mit allem los, was sie hatten - mit Stuhlbeinen oder Gürtelschnallen, gegen Stahlgitter oder Wände.

Sie alle waren irgendwann an der Reihe. Sie alle würden den Weg beschreiten, den jetzt Wilenberg nahm.

Er tat es grinsend.

Und in der Mitte des Korridors handelte Adam. Er, der bis zuletzt friedliche Bursche, sprang den Pfarrer an. Ein raubtierhafter Satz. Zu schnell für die Aufseher.

Adam Wilenberg stülpte dem Mann im Talar die Arme über und preßte ihm das Stahlgelenk der Handschellen gegen den Kehlkopf. Der Pfarrer gurgelte. Seine Bibel fiel klatschend auf den Fliesenfußboden.

»Gleich weißt du, wie es in der Hölle aussieht!« fauchte Wilenberg. Er riß den Reverend herum, so daß er die Uniformierten ansehen konnte.

Sie waren zu viert. Zwei hatten die Smith & Wessons schon aus dem Leder. Doch sie wagten nicht, die Revolver in Anschlag zu bringen.

Der Lärm in der Death Row versiegte. Nur wenige sahen die Szene direkt. Die meisten anderen hatten sich Spiegel beschafft, um Wilenberg auf seinem Weg zur Hinrichtung beobachten zu können. Jetzt sahen sie, wie er es ihnen zeigte. In letzter Minute. Unbändige Freude und vibrierende Spannung erfüllte die Männer in den Todeszellen.

Der Reverend gurgelte noch immer. Wilenberg hielt ihn senkrecht. Der Geistliche streckte die Arme vom Körper weg, und seine Hände schlossen und öffneten sich wie im Krampf. Sein Gesicht war wachsbleich. Dann nahm es einen bläulichen Ton an.

Die vier Aufseher standen wie versteinert. Hinter ihnen verharrten der Gefängnisdirektor und seine beiden Stellvertreter. Keiner von ihnen hatte die Schrecksekunde schon überwunden. Keiner schaffte es, sich aus der Erstarrung zu lösen, wegzurennen und Alarm zu geben.

»Na los!« schrie Wilenberg. Der Kopf des Geistlichen, mit hervorquellenden Augen, war unmittelbar unter seinem Kinn. »Worauf wartet ihr, verdammt noch mal? Ich mache ihn fertig, den Prediger! Hölle und Teufel, seht ihr das nicht? Schießt doch! Schießt! Vor euren Augen bringe ich einen um, und ihr schießt nicht?« Er lachte schrill.

»Mach ihn kalt, Adam!« flüsterte einer der Gefangenen in unmittelbarer Nähe.

»Tu ich, tu ich!« Wilenberg kicherte. »Jetzt haben sie eine Nuß zu knacken, diese Beamtenhirne! Seht sie euch an, dann seht ihr, wie es unter ihrer Schädeldecke rotiert! Ein Killer auf dem Weg zur Hinrichtung bringt schnell noch einen um. Ändert ja nichts für ihn, oder? Bloß - erschießt man den Burschen, findet die Hinrichtung nicht statt. Erschießt man ihn nicht, gibt’s trotzdem einen Toten!« Er stimmte schallendes Gelächter an.

Die Gefangenen stimmten mit ein. Erneut wurde der Lärm ohrenbetäubend.

Der Reverend gab keinen Ton mehr von sich. Seine Kraft begann nachzulassen. Er war der Bewußtlosigkeit nahe.

Der Beamte, der nur zwei Schritte entfernt stand, faßte einen Entschluß. Er ließ den Revolver hochrucken. Beidhandanschlag.

»Wilenberg!« brüllte er. »Dies ist Notwehr! Ich töte dich mit der ersten Kugel!«

Der schlanke, schwarzhaarige Mann in der grauen Delinquentenkluft zuckte zusammen. Er sah den sich krümmenden Zeigefinger des Uniformierten und stieß die Handgelenke mit den Stahlschellen von sich weg.

Der Reverend fiel aus dem sich öffnenden Kreis der Arme. Vor Wilenbergs Füßen sank er in sich zusammen.

Der Todeskandidat kicherte wieder, als die Aufseher ihn packten. Der Direktor und seine Stellvertreter kümmerten sich um den Röchelnden am Boden. Ein Beamter rannte los, um den Gefängnisarzt zu alarmieren, der sich schon im Hinrichtungsraum aufhielt. Wieder setzte in den Todeszellen der Lärm ein.

Die Aufseher hatten ihre Dienstrevolver in die Gürtelholster versenkt und hielten Wilenberg an den Oberarmen. Er sah sie nacheinander kopfschüttelnd an.

»Schöner Schreck, was? Stellt euch bloß mal vor, ich hätte ernst gemacht! Was wäre dann passiert? Zurück, marsch, marsch? Neues Verfahren? Mord an Gefängnisgeistlichem? Neues Todesurteil? Oder was? Mehr als einmal komme ich ja wohl nicht auf den Stuhl, oder?«

Die Gesichter der Aufseher hatten harte Furchen. Sie antworteten nicht. Doch ihre Wut war erkennbar. Und diese Wut würde noch eine Weile kochen. Überhaupt würden auch alle anderen fassungslos darüber sein, was sich der Himmelhund Wilenberg in seinen letzten Minuten noch geleistet hatte.

Sie würden nicht ganz bei der Sache sein.

Es läuft gut, dachte Wilenberg.

Trotzdem kroch das Unbehagen über seinen Rücken herauf. Denn es lag nicht in seiner Hand, wie es genau laufen würde. Würde er den Stromstoß noch spüren, obwohl man ihm versichert hatte, daß genau das nicht der Fall sein würde?

Während sich der Gefängnisarzt um den Reverend bemühte, blieb hinter Wilenberg der Lärm der Death Row zurück. Sie führten ihn ab. Der Korridor beschrieb einen rechtwinkligen Knick. Ganz hinten, in kaltem Neonlicht, glänzte der graue Lack einer Stahltür. Dahinter, so wußte man, stand irgendwo der Stuhl.

1 000 Volt, 2 000 Volt.

Adam Wilenberg spürte das Grauen wie eine eisige Hand, die sich um sein Herz krallte.

 

 

2

Wir fuhren mit offenen Seitenfenstern und hörten die Reifen schmatzen. Die Sonne mußte sich ernsthaft vorgenommen haben, den Asphalt an diesem Tag noch zum Kochen zu bringen.

Die Main Street von Mercerville war menschenleer. Wie zur Zeit der Siesta in südlicheren Breiten. Doch dies war New Jersey, Nachbarstaat von New York, und Milo und ich hatten den Vorort von Trenton über den US-Highway 130 erreicht.

Beiderseits der Fahrbahn schienen die schräg geparkten Limousinen und Pick-ups in der Sonne zu glühen. Die Fahrer hatten sich in die Klimaanlagenkälte von Coffee Shops und Restaurants zurückgezogen. Unser Zielpunkt war mit seinen zehn Stockwerken nicht zu übersehen. ‘ Die Gebäudefassade stammte aus den 30er Jahren. Ich konnte mir vorstellen, wie es dahinter aussah.

Als wir ausstiegen, hatte ich das Gefühl, als blieben meine Schuhe im Asphalt kleben. Es war wie eine Rettung, die träge quietschende Drehtür zu erreichen und in das Halbdunkel der Lobby gespuckt zu werden.

Milo stöhnte mitleiderregend. Man kriegte einen Hammerschlag vor den Kopf. Alte Teppiche und alte Wandtäfelungen rochen von der Hitze verstärkt nach Reinigungsmitteln. Der Clerk hinter dem Reception Desk sah so aus, wie der ganze Laden roch - frisch gereinigt und gebügelt, aber in 20 Jahre alten Klamotten.

Das Hotel mochte in den 50er Jahren zuletzt renoviert worden sein. Der Angestellte hatte seinen Anzug, das Hemd mit Stärkekragen upd die hawaiigemusterte Krawatte in den 60ern gekauft. Wenn die Politiker aus dem Bundesstaat im nahen Tr.enton .zusammenkamen, verirrten sich nur noch wenige zur Übernachtung ins Hotel ›Garden State Star‹ in Mercerville. Trenton, die Hauptstadt von New Jersey, hatte inzwischen selbst genug Hotels.

Milo und ich schoben unsere Silberadler vor die Nase des Clerks. Er hob den Kopf und sah uns aus staubgrauen Augen an. Keine Spur von Überraschung. Er war an die 60, und es gab in seinem Leben wohl nichts, was er noch nicht erlebt hatte. Die Brillantine in seinem Haar mochte aus einem Vorrat stammen, den er sich vor langer, langer Zeit angelegt hatte.

»Gentlemen?« sagte er geistesabwesend. Sein Blick wollte zu seinem Kreuzworträtsel zurückkehren.

Ich erklärte ihm, wer wir waren und was wir vorhatten.

»Zimmer 834«, fügte ich hinzu. »Der Mann ist doch da?«

Der Clerk drehte sich kurz um und spähte zu den Schlüsselfächern. »Ja, Sir. Es ist sowieso seine übliche Geschäftszeit. Mr. Marshal empfängt den ganzen Tag über Kunden, bis abends um sechs.«

»In Ordnung«, sagte ich und steckte meine ID-Card mit dem FBI-Adler ein. »Mein Kollege bleibt bei Ihnen und sieht Ihnen auf die Finger.«

Der Angestellte blieb unbeeindruckt. In einem zehn Stockwerke hohen Hotel mußte er auch diese Verhaltensweise von Ermittlungsbeamten schon des öfteren erlebt haben.

»Fragen Sie mich was!« schlug Milo vor. »Mal sehen, ob ich’s weiß.«

»Was?«

Milo tippte vor seinen blinzelnden Augen auf das Kreuzworträtsel. »Das, Mister. Fragen Sie mich, wenn Sie etwas nicht wissen!«

Ich stand schon vor dem rumpelnden Fahrstuhl und überlegte, ob ich mich dem Ding anvertrauen sollte. Der Clerk wurde wacher und fragte meinen Freund begeistert nach einem großen europäischen Fluß mit fünf Buchstaben. Mir fielen gleich drei ein, während ich den nach jahrzehntealtem Staub riechenden Fahrstuhl betrat.

Milos Rätselerfolg bekam ich nicht mehr mit, denn die Falttür schloß sich scheppernd. In dem engen Kasten war die Hitze noch unerträglicher als in der Lobby. Bis in den 8. Stock schien es eine Ewigkeit zu dauern. Der Kasten rumpelte und krachte in seiner Aufhängung, und ich dachte darüber nach, wie hoch die Lebensdauer von Stahlseilen angesetzt wird.

Oben in einem Korridor mit altem, aber blitzblank gebohnertem Linoleum herrschte Rekordhitze. Ich war überzeugt, daß ich es nur ein paar Sekunden lang durchhalten würde, hier zu atmen.

Zimmer 834 lag ganz hinten am Ende des Korridors.

Es gab eine von diesen Drehklingeln aus Messing. Ich bewegte den schmetterlingförmigen Griff, und das Ding gab ein häßliches Schnarren von sich. Unter meinem Jackett fing alles an zu kleben - das Hemd und die Lederriemen der Schulterholster. Nach einem Schlurfen verdunkelte sich der Spion.

»Wer ist da?« sickerte die Stimme durch das Türholz.

»Calvin«, brummte ich. »John Calvin. Hab’ heute morgen angerufen.«

Er war vorsichtig, öffnete nur einen Spalt breit und ließ sich meinen Führerschein zeigen. Vielleicht wußte er nicht, daß die FBI-Requisitenkammer alles vorrätig hat, was man für kleine Alltagstricks braucht. Möglich, daß es ihm bei der Hitze zu anstrengend war, noch mehr Mißtrauen an den Tag zu legen.

Ich durfte eintreten. Wieder hatte ich das Gefühl, einen Hammer vor den Kopf zu kriegen. Joe Marshal war einen halben Kopf kleiner als ich. Eine Zigarette hing zwischen seinen Wulstlippen, und die Daumen hatte er hinter seine Hosenträger gehakt. Unter seinem Bauch stand der oberste Hosenknopf offen.

Jalousien verdunkelten das Zimmer. Früher mochte es zu den besseren Suiten gehört haben. Neben dem Vorhang, der die Garderobennische abteilte, gab es eine Tür zu einem weiteren Raum.

Heute verpestete Joe Marshal die Luft zwischen den vier Wänden, indem er eine Zigarette nach der anderen qualmte und Luncheonette-Tüten mit ausströmendem Frittengeruch auf dem Nachttisch stehen ließ. Ein nierenförmiger Couchtisch und dünnbeinige Sessel aus der Musikbox-Ära dienten Marshal als Büromobiliar und Sprechstundenausrüstung in einem.

Er wies mir den Besucherplatz an, schnaufte, als er mir gegenüber in seinem Sessel landete, und riß eine Dose Bier auf. Er hielt sie mir einladend hin. Ich schüttelte den Kopf. Er schlürfte selbst, stellte die Dose zwischen Schnellhefterberge, nuckelte seine Zigarette bis zum Filter auf und wischte sich mit einem Handtuch die Halbglatze und das schweißnasse Rundgesicht trocken.

»Allright«, sagte er, legte die Hände ineinander und sah mich einen Moment lang grinsend an. Seine Miene war die eines Mannes, der schon alles über mich weiß. »Und nun suchen wir die letzte Chance, wie?« Er steckte sich eine neue Zigarette an und ließ sich Dosenbier in den Hals laufen.

Ich versuchte, seinen Gesichtsausdruck nachzuahmen. »Haben Sie Ihre schon gehabt?«

Er nickte und stellte die Bierdose weg. »Ohne Erfolg. Die Frau, die es mit mir aushält, hat es nicht gegeben und wird es auch nicht geben. Ich bin kein wandelndes Beispiel dafür, daß meine Vermittlungen funktionieren.«

Ich zog die Stirn kraus und tat, als müßte ich über seine Worte nachdenken. Umständlich zog ich den Ausschnitt der New York Daily News mit seiner kleinen einspaltigen Anzeige aus der Jackentasche.

Letzte Chance gesucht? Hoffnung über 609-7382121.

Ich las den Text wie jemand, der ihn noch nicht richtig verstanden hat, und stopfte das zerknitterte Papier zurück in die Tasche. »Ehrlich gesagt, Mr. Marshal, als ich anrief… da… da hab’ ich was vorgetäuscht. Ich meine, ich hab’ so getan, als ob ich was gegen meine einsamen Tage tun will.«

Er pumpte Rauch aus seinem Glimmstengel und war kein bißchen überrascht. Mit der freien Hand klatschte er auf einen Stapel Schnellhefter. Staub puffte ringförmig weg wie bei einer kleinen Explosion.

»Das hier, Mr. Calvin… alles einsame Herzen. Nichts, was sich den großen Agenturen anvertraut. Bei mir zählt der persönliche Kontakt, wissen Sie. Die Ladys, die mehrere Enttäuschungen hinter sich haben, wollen nicht mehr mit einer roten Rose in den Coffee Shop und all diesen Quatsch. Sie verstehen? Bei mir können sie darauf bauen, daß ich mit Fingerspitzengefühl den richtigen aussuche.«

Er war der wandelnde Widerspruch zu seiner Behauptung.

»Begriffen«, sagte ich. »Deshalb haben Sie kein festes Büro. Sie gehen dahin, wo das Geschäft zu machen ist.«

Er lachte mit kratziger Stimme und stampfte seinen Zigarettenrest in den Kippenberg im Aschenbecher. »Ich kann Ihnen folgen, Mr. Calvin, ich kann Ihnen folgen. Sie haben angefangen, anzudeuten, daß Sie nicht der holden Weiblichkeit auf der Spur sind. Das haben Sie vorgeschoben, um sich an mich heranzutasten. Gewissermaßen. Richtig?«

»Wir kommen uns näher«, grinste ich. »Ich meine, es gibt ja auch andere Situationen, in denen man eine letzte Chance sutfht.«

»Das haben Sie fein ausgedrückt«, entgegnete Marshal und steckte sich seine nächste Zigarette an. »Jetzt wollen Sie leise weinend rauskriegen, was ich sonst noch so vermittle. Von der Steuerfahndung sind Sie nicht, was?« Er lachte schallend.

Ich lachte mit. Sein Mißtrauen war nicht unangebracht. Ich hatte bei der zuständigen Finanzbehörde nachgefragt. Sein Gewerbe war als Heiratsvermittlung angemeldet. Nichts weiter. Der Gewerbeschein auf seinen Namen galt für die Bundesstaaten New York und New Jersey. Ein Reisender im Dienst einsamer Herzen.

Ich wußte, daß das Wortgeplänkel mit ihm noch Stunden dauern konnte. Bevor er wirklich zur Sache kam, würde er mir mit trickreichen Fragen auf den Zahn fühlen, die sich in seinem Job bewährt hatten.

»Sie können mir einen privaten Teck auf den Hals hetzen«, sagte ich. »Tankstelleninhaber, ledig, keine Vorstrafen. In dem Punkt habe ich Ihnen nichts vorgeflunkert.«

Er nickte. »Okay, Calvin. Was ist es? Steht Ihnen das Wasser bis zum Hals? Finanziell? Suchen Sie den Partner mit Geld, der Ihnen die letzte Chance gibt?«

»Zum Glück nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Man muß ja nicht unbedingt für sich selbst suchen, oder?«

»Muß man nicht, muß man überhaupt nicht.« Marshal lehnte sich zurück, daß der dünnbeinige Sessel knackte. Sein Gesicht verschloß sich. Es sah so aus, als ob er eine längere Denkpause brauche.

 

 

3

Die beiden Aufseher ließen Wilenberg jetzt nicht mehr los. Die eine schlechte Erfahrung mit ihm sollte sich nicht wiederholen.

Ein dritter trat vor und drückte auf einen Knopf neben der graulackierten Stahltür.

Geöffnet wurde von innen. Es gab ein saugendes Geräusch.

Wilenberg glaubte einen eisigen Hauch zu spüren, der ihm aus den unbekannten Räumen hinter der Tür entgegenschlug. Wurde da drinnen nicht geheizt? Unsinn. Es war Sommer. Vielleicht funktionierte die Klimaanlage zu gut.

Er hätte sich selbst in den Hintern treten können für seine verrückten Gedanken. Das waren die Nerven, völlig klar.

Die Nerven spielten ihm einen Streich. Wer würde an seiner Stelle nicht anfangen, innerlich zu rotieren?

Dabei brauchte er sich nun wirklich keine Sorgen zu machen.

Oder doch?

Die Aufseher, die seine Oberarme hielten, schöben ihn vorwärts. Der Korridor auf der anderen Seite der Tür war gekachelt.

Wie in einem Schlachthof, dachte er. Dabei fließt doch hier kein Blut. Es geht alles ganz unblutig zu. Er versuchte, zu grinsen, doch er begann zu zittern. Die verdammte Kälte ging ihm mehr an die Nieren, als er gedacht hatte.

Schnellere Schritte näherten sich von hinten. Im Griff der Uniformierten wandte Wilenberg den Kopf. Der Reverend, nicht mehr ganz so blaß, die Bibel wieder in der Hand. Und der Gefängnisarzt, der später den Tod des Delinquenten festzustellen hatte.

Die Aufseher blieben stehen. Der Arzt schob sich mit einem flüchtigen Nicken vorbei.

Dann trat der Geistliche vor Wilenberg hin. »Akzeptierst du mich noch als deinen Seelsorger, mein Sohn?«

Der zum Tode Verurteilte blinzelte. Dann grinste er. »Okay, okay. Gegen dich persönlich hab’ ich nie was gehabt, Priester. Kannst du mir sagen, warum es hier so elend kalt ist?«

»Ja«, antwortete der Reverend. »Es ist deine Angst.«

Wilenberg zuckte zusammen. Es war wie ein Hieb. Er fühlte sich bloßgestellt. Angst? Er und Angst! Ein bißchen nervös… okay, das konnte schon sein, war ja verständlich. Aber Angst? Dazu hatte er schließlich überhaupt keinen Grund. Es würde alles laufen wie geschmiert.

Der Reverend drehte ihm den Rücken zu und ging voraus.

Wilenbergs Gedanken versiegten. Er fühlte sich abgeschnitten, alleingelassen. Verdammt noch mal, wozu war der Pfaffe da, wenn nicht, um ihm Beistand zu leisten! Er wollte den Schwarzgekleideten anbrüllen, ihn zusammenstauchen - der Kerl konnte sich doch jetzt nicht rächen, indem er ihn durch Nichtbeachten strafte!

Der Korridor endete, und Adam Wilenberg vergaß alles, was er eben noch im Sinn gehabt hatte.

Ein Vorraum. Die Fliesen jetzt in lächerlicher Cremefarbe. Und noch eine Tür, diesmal mit einer dunkel getönten Glasscheibe im oberen Drittel. Für Zuschauer? Würden noch welche von hier draußen reinlinsen? Nichtangemeldete, die ihn aus purer Neugier auf dem Stuhl zappeln sehen wollten?

Er kam nicht zum Weiterdenken. Abermals war ein Knopfdruck des Aufsehers erforderlich, um die Tür öffnen zu lassen.

Wilenberg verspürte plötzlich ein Kribbeln von den Fußsohlen bis zu den Haarwurzeln - so, als ob ihn der erste Stromstoß schon durchliefe. Er sträubte sich, durch die Tür zu treten, obwohl er sich gar nicht sträuben wollte. Er war wütend auf sich. Wegen seines Verhaltens, das er nicht unter Kontrolle hatte. Verdammt, er hatte doch vor diesen Beamtenseelen keine Schwäche zeigen wollen!

Sie zerrten ihn vorwärts über die Schwelle.

Der Schreck durchstieß ihn.

Er hatte diese Alpträume oft genug gehabt. Ein großes, anfangs noch schützendes Haus, in das seine Feinde von allen Seiten vordrangen. Und dann plötzlich hatten sie ihn so weit, daß er hinaus mußte, durch die Tür ins Freie. Eine sonnendurchglühte Fläche empfing ihn, endlos und leer. Er stolperte hinaus und war verwundbar wie ein Kind nach der Geburt.

Es war dieses Bild, diese Wirklichkeit. Er mußte Visionen gehabt haben.

Ein riesengroßer Raum, kalkig weiß, Halogenscheinwerfer oben in allen vier Ecken, wie eine Flutlichtanlage auf einem Baseballplatz.

Erst auf den zweiten Blick sah er die Kabine.

Ein Glaskasten in dem riesigen Raum.

Wie ein Wintergarten an der jenseitigen Wand. Und der Stuhl hinter dem Glas!' Ein klobiges Ding aus dunklem Holz, mit all diesen Riemen und Schellen und Schnallen.

Wilenberg sträubte sich heftiger. Er fing an zu schreien. Die Zuschauer beachtete er nicht. Seine Schreie waren wilde Laute, die fast nichts Menschliches mehr hatten.

Vier Aufseher mußten ihn halten. Er zappelte wie ein Kind. O Himmel, warum mußten sie ihn in diese Kabine stecken? Davon hatte keiner etwas gesagt. Niemand. Warum hatte kein Mensch gewußt, daß der Stuhl in so einem Glaskasten stand? Panzerglas? Hölle und Teufel, er konnte alle Hoffnung vergessen.

Er schrie und schrie. Er stemmte sich mit den Füßen auf die Fliesen und fand keinen Halt. Die Aufseher keuchten, aber sie schafften es zu viert. Wilenbergs Stimme war nur noch ein heiseres Krächzen, als sie ihn in die Kabine stießen. Sie rissen ihn herum, um ihn rücklings auf den Stuhl zu zerren.

Sein Gesicht war schweißüberströmt von der Anstrengung. Durch das Glas sah er die Gesichter der Zuschauer. Starre Gesichter, denn sie gaben sich mächtige Mühe, keine Gefühlsregung zu zeigen. Die verfluchten Hunde taten gerade so, als ob im Bundesstaat New Jersey jeden Tag eine Hinrichtung stattfand!

Der Mann, dem er vertraute, war da. Wenigstens in dem Punkt hielt er sich an sein Wort. Aber das würde auch wohl alles sein. Adam Wilenberg hatte das elende, alles zerstörende Gefühl, daß schließlich doch alles umsonst gewesen war.

Zorn wuchs in ihm. Ein jäher, wilder Verdacht. Hatte der Misthund ihn reingelegt? Kassierte er erst und tat dann doch nichts? Nur zusehen, wie er zappelte? 500 - 1 000 - 2 000 Volt.

Wilenberg brüllte erneut. Er war fast auf dem Stuhl, da erwachten seine Kräfte. Er stemmte sich gegen das klobige Ding und schaffte es beinahe, sich von den acht Fäusten loszureißen. Sie rammten ihn wütend auf die Sitzfläche und legten ihm in fliegender Hast den ersten Riemen um.

Wilenbergs Gebrüll ging in Schluchzen über. Er fühlte sich wieder wie ein Kind. Und auf einmal wußte er, daß er nach seiner Mutter rufen würde.

Und draußen in den Zuschauerreihen saß der Misthund und grinste.

 

 

4

»Red Cloud«, sagte Milo Tucker.

Der Clerk hob den Kopf, und die Brillantine verursachte einen huschenden Schimmer. »Was? Wo?«

Milo tippte auf eine Stelle auf dem ganzseitigen Kreuzworträtsel. »Da. Senkrecht. Berühmter Häuptling der Oglala-Sioux. Red Cloud. Nie gehört?«

»Hm«, brummte der Clerk und trug es ein. »Kann schon sein. Hab’ mit Westernfilmen nie viel im Sinn gehabt.«

Das Telefon summte, und er griff nach dem Hörer. Er lehnte sich zurück, meldete sich mit »Rezeption« und blickte den G-man aus der Tiefe seines Platzes mit einem angedeuteten Grinsen an.

Milo zündete sich eine Zigarette an.

Der Clerk hörte zu, antwortete mit einem »Ja« und ließ eine Serie davon folgen, zwischendurch ein eingestreutes »Nein«.

Etwas an dem Blick des Mannes begann Milo zu stören. Möglich, daß dieses kaum erkennbare Grinsen gar nicht beabsichtigt war. Unmöglich auch, daß dieses Telefongespräch etwas mit Joe Marshal in Zimmer 834 zu tun hatte.

Unmöglich?

Der Clerk legte auf und grinste deutlicher. Er nahm den Kugelschreiber und wollte sich über das Blatt beugen.

Milo klemmte die Zigarette zwischen die Zähne, packte den Mann an den gutgebügelten Revers und zog ihn von seinem Platz hoch.

»He, he, he!« fauchte der Clerk, wand sich und wollte sich .losreißen. »Ich glaube…«

Milo zog ihn noch ein Stück höher, näher zu sich heran. »Wer hat angerufen? Sagen Sie es schnell, sonst…«

»Sonst noch was?« keuchte der Rezeptionsmensch dazwischen. »Sie können mich nicht mit Gewalt zu irgendwas zwingen. Und wenn Sie zehnmal G-man sind!«

»Ich kann Sie festnehmen«, sagte Milo kalt. »Wegen vorsätzlicher Behinderung von Ermittlungen.«

Die staubgrauen Augen unter der Brillantinehaube wurden groß. »Sie bluffen.«

»Überhaupt nicht. Verlassen Sie sich darauf! Sagen Sie, wer angerufen hat, und Sie sind aus dem Schneider.«

Der Clerk ächzte wie in einer Folterkammer. Seine inneren Qualen schienen schlimmer zu sein als der harte Griff des FBI-Beamten. »Zanthia«, quetschte er schließlich hervor.

»Wer ist Zanthia?«

»Marshals Superweib.«

Milo brauchte nur eine Sekunde, um sich einen Reim zu machen. Der Summton des Telefons hatte angezeigt, daß es sich um ein Hausgespräch gehandelt hatte.

Milo ließ den Clerk auf seinen Stuhl sacken. Mit vier langen Sätzen war er beim Fahrstuhl.

 

 

5

Ein Krachen dröhnte durch die Stille, die Joe Marshal zum Nachdenken brauchte.

Ich schnellte hoch, und er schmunzelte. Ich wirbelte herum, und er lachte.

Die Tür nach nebenan war so lautstark aufgeflogen.

Meine Muskeln waren wie schockgefrostet.

Die Frau hielt eine Colt Government im Beidhandanschlag. Aber es war nicht allein die schwere Automatik, die meine Starre hervorrief. Die Frau selbst war zum Fürchten. Über 1,80 groß, muskulöse Schenkel und ausladende Hüften in einer hautengen Hose aus dünnem, schwarzem Leder. Man konnte ihr Muskelspiel beobachten.

Sie bebte vor Wut. Über dem Leder trug sie einen Hauch von einer schwarzen Bluse. Ihre großen Brüste, straff wie ihre Muskeln, spannten den zarten Stoff. Das schwarze Haar klebte wie eine gelackte Kappe auf ihrem Kopf. Ihr Gesicht war schmal und hätte durchaus weiblich sanft wirken können, wenn da nicht diese Linien von brutaler Härte gewesen wären.

»Das Schwein ist ein Bulle«, sagte sie mit einer Stimme, die so klang, als ob jemand zwei Stahlfeilen gegeneinander rieb. »Unten in der Lobby steht der zweite von der Sorte. Beides G-men.« Joe Marshal preßte ein »Verdammt!« hervor.

»Das hilft uns auch nicht weiter«, sagte das Riesenweib verächtlich. »Wir müssen den anderen irgendwie herauflocken. Wie es aussieht, werde ich mich wohl auch darum kümmern müssen.« Sie bedachte mich mit einer herrischen Kopfbewegung. »Los, an die Wand mit dir! Schräg dagegen lehnen, Hände über den Kopf! Dürfte dir nicht unbekannt sein, die Pose. Du durchsuchst ihn, Joe. Wirst du das schaffen?«

»Nein«, sagte Marshal bissig. »Dazu bin ich zu blöd.«

Es schien ein ausgesprochen herzliches Verhältnis zwischen den beiden zu bestehen. Joe, der Einsame-Herzen-Vermittler, konnte in dieser Zweierbeziehung unmöglich der überlegene Teil sein.

Ich hob folgsam die Hände, drehte mich langsam um und führte den Befehl der furchterregenden Lady aus.

Marshal erschien neben mir mit einer alten Beretta, an deren Lauf die Brünierung abgeschabt war. Er drückte mir die Mündung in die Seite und klopfte mich mit der freien Hand ab.

»Sieh mal einer an!« sagte er mit der Abgebrühtheit des Profis, den er zu mimen versuchte. Seine Atemmischung aus Bierdunst und Zigarettenrauch wehte mich an. »Was der sicherheitsbewußte Tankstelleninhaber so alles mit sich rumschleppt!« Er förderte meinen Smith & Wesspn, die ID-Card und die echten und die falschen Papiere zutage. Den Dienstrevolver steckte er in seine Jackentasche. Die Papiere warf er der Lederlady zu.

Ich hörte sie blättern. Sie setzte an, etwas zu sagen. Ich war sicher, daß sie meinen Namen und meinen Dienstrang vorlesen wollte.

Ein Wirbel von weißen Holzsplittern zuckte in den Raum. Die Eingangstür löste sich in ihre Bestandteile auf. Erst im zweiten Sekundenbruchteil war das berstende Krachen zu hören. Es füllte den Raum aus wie eine Explosion. Es lähmte uns für einen Atemzug. Ich sah, wie die Sicherungskette wegflog, als würde sie aus Butter gerupft.

Alte Burgen haben ihre Schwachstellen.

Ich wartete nicht, bis der sichtbar wurde, der den Rammstoß ausführte.

Ich ließ mich fallen. Noch im Ansatz der Bewegung hieb ich meine linke Handkante auf Joe Marshals Pistolenarm. Er schrie auf. Die Beretta polterte auf den Teppich.

Die Colt Government bellte. Schmerzhaft stach der Knall in die Trommelfelle. Ich spürte das Sengen des Geschosses über meinem Scheitel. Dann platzte ein faustgroßer Putzbrocken aus der Wand und berieselte mich beim Auseinanderfallen.

Ich schnellte schräg nach links und traf Joe Marshal mit angewinkeltem Unterarm. Er ging zu Boden und riß einen dünnbeinigen Sessel mit sich.

»Die Hände hoch!« ertönte eine schneidende, mir sehr gut bekannte Stimme.

Die Lederlady beging den Fehler, noch einmal auf mich zu feuern. Das Blei patschte vor mir in den umgekippten Sessel.

Milos 38er klang hart und trocken. Die Frau stieß einen heiseren Schrei aus. Etwas polterte.

»Stehenbleiben!« brüllte mein Freund.

Eine Tür knallte zu. Ich knirschte einen Fluch über die Zähne, weil ich mich um Joe Marshal kümmern mußte. Erstaunlich- behende kam er auf die Beine und wollte von neuem auf mich los. Mir reichte es. Ich versetzte ihm eine Ohrfeigenserie und einen Haken.

Milo stieß die Tür auf und stürmte nach nebenan.

Der Vermittler letzter Chancen wankte rückwärts mit den Armen rudernd und mit immer kleineren Schritten. Er verkrallte sich filmreif in einen langen Fenstervorhang, riß ihn ab und versank in einem großen Stoffknäuel.

Ich hatte Zeit, Milo zu unterstützen. Mir grauste bei dem Gedanken, ihn schutzlos dem Riesenweib ausgeliefert zu sehen.

Sekunden später erkannten wir die Tücke der Örtlichkeiten. Die früher wohl elegante Suite hatte insgesamt drei Räume und einen zweiten Ausgang zum Korridor.

Der Fahrstuhl ratterte in seinem Schacht.

»Ruf das Revier an!« rief Milo und rannte die Treppe hinunter, ohne eine Antwort abzuwarten.

Ich wußte, daß er es nicht schaffen würde. Bei acht Stockwerken war der Fahrstuhl schneller, trotz Altersschwäche, denn es ging abwärts. Ich eilte dennoch in Joe Marshals Bude, benutzte das Telefon und gab den Reviercops eine Beschreibung der Lederlady durch.

»So was kann man nicht übersehen«, behauptete der diensthabende Sergeant.

Er sollte sich täuschen.

Ich beförderte Joe Marshal in einen noch intakten Sessel und nutzte das Fortdauern seiner Bewußtlosigkeit, um das Aktenchaos auf dem Nierentisch zu sichten. Ich brauchte nur zwei Minuten, um festzustellen, daß es sich ausschließlich um den Papierkrieg seiner amtlich angemeldeten Berufstätigkeit handelte.

Milo kehrte nach weiteren fünf Minuten zurück. Seine Miene war düster.

»Zanthia hat sich unsichtbar gemacht«, knurrte er. »Wahrhaftig eine Kunst bei ihren Ausmaßen.«

»Zanthia? Hat sie sich dir noch vorgestellt? Im Weglaufen, meine ich.«

Joe Marshal verfolgte unser Gespräch mit traurigem Gesicht.

Milo berichtete mir, wie er rausgekriegt hatte, was sich während meiner Verhandlung mit Joe abgespielt hatte. Zanthia hatte vom Telefon im übernächsten Zimmer den Clerk angerufen und ihm nur Fragen gestellt. Daher hatte die Lederlady gewußt, daß es kein Tankstelleninhaber war, der mit ihrem Joe palaverte.

Milo war zu spät gekommen, um noch zu sehen, mit was für einem Wagen Zanthia davongejagt war. Die Cops hatten nur ihre Personenbeschreibung, und die Fahndung wurde auf einen 30-Meilen-Radius ausgeweitet. Der Clerk an der Rezeption schwor tausend Eide, daß er nicht wisse, welches A.utofabrikat Zanthia und Joe benutzten.

»Sagen Sie es uns, Mr. Marshal!« bat ich freundlich.

Er sah mich an, als hätte ich ihn ersucht, mir die Schuhe zu küssen. »Ebensogut könnte ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen«, entgegnete er mit dumpfer Stimme.

Milo und ich sahen uns an. Wir brauchten nichts zu sagen. Was Zanthia und Joe verbunden hatte, war keine rein freundschaftliche Beziehung gewesen.

Der Spürsinn unserer V-Leute hatte in die richtige Richtung gewiesen. Davon war ich jetzt überzeugt. Man müsse auf bestimmte Zeitungsanzeigen achten, hieß es in den einschlägigen New Yorker Kreisen. Wer einen Spezialisten für einen ganz besonderen Auftrag brauche, kriege auf diese Weise den richtigen Anschluß.

Wir hatten in den Daily News die Last-Chance-Anzeige mit der Nummer 609-7382121 aufgestöbert. 609 ist die Vorwahl von Trenton, der Hauptstadt New Jerseys. Für die Elektroniker von Bell Telephone war es eine Sache von Sekunden gewesen, den Anschlußinhaber in Mercerville herauszufinden.

»Allright, Joe«, sagte ich. »Versuchen wir es anders herum. Wer ist Zanthia?« Er hob den Kopf, dachte nach und zog dann die Schultern hoch. »Das ist kein Geheimnis. Vor zwei Jahren war sie mal fast so weit, ein Star zu werden. In irgendeinem B-Movie hat sie eine herrische Lady mit Peitsche gespielt. Und dann war sie noch in ein paar Video-Produktionen dabei.«

Von Art und Qualität dieser Produktionen konnten wir uns leicht eine Vorstellung machen. Auch davon, weshalb Zanthias Karriere vermutlich im Sande verlaufen war.

»Hat sie einen richtigen Namen?« erkundigte sich Milo.

»Auch das ist kein Geheimnis«, antwortete Marshal. »Die richtigen Videofans wissen Bescheid. Zanthia ist Samantha Smith.«

Wir wußten eben nicht Bescheid. Beide Namen waren für uns weniger beeindruckend als die nachhaltige Erinnerung an Zanthias Äußeres.

Ich zündete mir eine Zigarette an, nachdem ich Milo Feuer gegeben hatte. Durch die zerborstene Tür war genügend Frischluft hereingeströmt.

»Eins würde ich gern wissen«, sagte ich. »Wovon lebt Zanthia jetzt? Kriegt sie Provision für jedes vermittelte einsame Herz? Ist sie stille Teilhaberin? Oder was?«

»Kein Kommentar«, sagte Joe Marshal. »Und wenn ihr mich totschlagt, von mir kriegt ihr nichts. Keinen Ton von der Art, die ihr hören wollt.«

»Wir könnten uns also durchaus verstehen«, folgerte Milo.

»Könnten schon«, entgegnete Marshal. »Aber ich bin nicht lebensmüde. Ich glaube, das sagte ich schon mal. Es gibt kein sicheres Gefängnis in den Staaten.«

Ich zog die Brauen hoch. »Danke für das Stichwort, Joe. Passen Sie auf: Ich sage Ihnen, wie es läuft, und Sie brauchen nur zu nicken. Okay?«

»Nein.«

Ich versuchte es trotzdem. »Ihre Zeitungsanzeigen erfüllen einen zweifachen Zweck. Einmal werben sie für Ihr offizielles Geschäft. Richtig?«

Er starrte an mir vorbei, auf einen nicht erkennbaren Punkt in der Unendlichkeit. »Darf ich rauchen?« murmelte er, ohne, daß sich in seiner starren Miene eine Regung zeigte.

Milo und ich hatten nichts dagegen. »Also gut«, fuhr ich fort. »Zweck Nr. 2 der Anzeigen ist ein verschlüsselter. Vorbereitet wurde das ganze durch Mundpropaganda. Deshalb genügt diese rätselhafte Anzeige.«

Milo übernahm auf ein Augenzwinkern von mir. »Haben Sie mal überlegt, Joe, wie sich Eltern fühlen, die von ihrem Sohn zu seiner Hinrichtung eingeladen werden?«

Es nützte nichts. Da war nicht einmal ein Muskelzucken in seinem Gesicht. Er sog an seiner Zigarette, als müsse er die Glut möglichst schnell bis an den Filter treiben.

»Eltern, Geschwister, Ehefrauen, aber auch gute Freunde würden in vielen Fällen ihr letztes geben, um selbst da zu retten, wo nichts mehr zu retten ist«, spann ich den Faden weiter. »Aber natürlich kennen Durchschnittsbürger nicht die Mittel und Wege, um jemanden vom elektrischen Stuhl oder aus der Gaskammer zu befreien. Da braucht man einen Fachmann. Den besten, den es gibt Oder mehrere. Wie immer, dürfte das Geld ausschlaggebend sein.«

»Der Fachmann bietet sich nicht selbst an«, fuhr Milo fort. »Das wäre zu leichtsinnig. Er muß im Hintergrund bleiben, um wirksam arbeiten zu können. Was liegt also auf der Hand? Ein Vermittler. Und der treibt natürlich den Preis in die Höhe - zum Nutzen aller Beteiligten.«

Joe Marshal drückte die aufgerauchte Zigarette aus und zündete sich eine neue an. Mehr nicht.

»Viele Staaten vollstrecken wieder die Todesstrafe«, sagte ich. »Und die Death Rows sind überfüllt, weil die Zahl der Gewaltverbrechen immer noch zunimmt. Entsprechend steigt auch die Zahl der Todesurteile. Ein gewinnbringender Markt für jemanden, der weiß, wie man einen hoffnungslosen Fall in letzter Minute rauspaukt.«

»Dabei sind es nicht immer die Angehörigen, die das Geld haben«, fügte Milo hinzu. »Der ganz clevere Todeskandidat verkauft seine Geschichte an eine Illustrierte, an eine Zeitung oder sogar ans Fernsehen. Dabei springt genug heraus, um den Befreier und seinen Vermittler zu finanzieren.«

Joe Marshal tat, als existierten wir nicht.

»Sie sehen, Joe«, sagte ich lächelnd, »wir wissen schon eine Menge. Und den Rest kriegen wir auch ohne Sie.«

»Wenn wir Zanthia haben, sind wir ein Stück weiter«, ergänzte mein Freund und Kollege. »Ich denke, wir können davon ausgehen, daß sie vom Syndikat als Aufpasser abgestellt wurde, damit der leichtsinnige Joe keine Dummheiten macht - etwa der Art, daß er zu höhe Prozente einstreicht.«

Joe rauchte hastiger, so, als brauchte er statt der Luft den Tabakqualm zum Atmen.

Ich stand auf. Es hatte keinen Sinn. »Sie sind vorläufig festgenommen, Joe Marshal, wegen vorsätzlichen Angriffs auf FBI-Beamte im Ermittlungseinsatz. Den Haftbefehl kriegen wir morgen. Der Federal Attorney wird Sie wegen Beteiligung am organisierten Verbrechen anklagen.«

Marshal nahm es ohne ein Wimpernzucken hin. Seine Angst war begründet. Die Gangster, für die er vermutlich arbeitete, hatten alle Möglichkeiten, jemanden auch im bestbewachten Gefängnis zu töten.

Genauso, wie sie jemanden herausholten.

 

 

6

Totenstille.

Adam Wilenberg hätte bei dem Gedanken lachen können. Aber er saß stocksteif auf diesem elend harten Stuhl, der für Zwei-Zentner-Männer gemacht war. Seine Muskeln waren angespannt, und er preßte die Zähne fest aufeinander, daß sie nicht klapperten.

Wenigstens hatte er sich jetzt so weit in der Gewalt, daß er seine Angst nicht mehr hinausschrie. Wie das in ein paar Minuten werden würde, war eine andere Frage. Vielleicht jammerte er dann doch nach seiner Mutter.

Minuten? Hölle und Teufel, vielleicht blieben ihm nur noch Sekunden. Neuer Schreck sprang ihn an wie ein Raubtier.

Und der Kerl da draußen in den Zuschauerreihen? Er hockte da und tat, als hätte er überhaupt nichts zu tun. Wilenberg war nahe daran, durchzudrehen, das wußte er. Dabei konnte er nicht mehr toben und um sich schlagen. Keine Chance mehr, den Pfaffen doch noch in die Hölle zu schicken. Verdammt, warum hatte er es nicht getan? Eine Kugel wäre gnädiger gewesen als dies.

Die Aufseher hatten ihn in der Kabine alleingelassen. Statt dessen war dieser Kerl hereingekommen, der jetzt vor ihm kniete und am rechten Stuhlbein hantierte. Ein mürrischer, untersetzter Kerf mit grauem Anzug und Krawatte. Ein .Handwerker mit Krawatte!

Die Lederriemen gingen ihn nichts an. Natürlich nicht. Dafür waren die Aufseher zuständig gewesen. Wilenberg beschäftigte sich mit jeder Einzelheit, die um ihn herum geschah, damit er sich nicht mit der eigentlichen Sache beschäftigen mußte. Die Riemen saßen so fest, daß er sich nicht rühren konnte. Nur den Kopf, den linken Unterarm und den rechten Unterschenkel konnte er noch bewegen. Er hätte dem Kerl zu seinen Füßen einen Tritt verpassen können.

»Bist du der Henker?« fragte Wilenberg.

»Ja«, antwortete der Mann, ohne aufzublicken. »Und es tut mir nicht leid, ein Stück Dreck wie dich ins Jenseits zu befördern. Ehrlich gesagt, Mann, es wird mir Spaß machen, dich zappeln zu sehen.«

Es tat ihm nicht leid? Wilenberg war fassungslos. Angesichts des Todes eines Menschen mußte es doch jedem leid tun. Einen Menschen sterben zu sehen, war doch wohl das Schlimmste. Vergebung der Sünden und so. Davon hatte der Reverend doch dauernd gefaselt.

Und jetzt behauptete dieser Mistkerl, es tue ihm nicht ieid! Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Natürlich! Man mußte überlegen, ob man sich nicht beim Gefängnisdirektor beschwerte. So etwas brauchte man sich doch nicht gefallen zu lassen, so einen rücksichtslosen Kerl von einem Henker!

Der Henker richtete sich auf. Ein breites, glattrasiertes Gesicht mit unbeteiligt wirkenden Augen.

»Damit du Bescheid weißt«, sagte der Henker. »Ich habe die erste Metallplatte unten an deinem rechten Bein befestigt. Mit einer Manschette. Zwischen Metallplatte und Haut liegt ein angefeuchteter Schwamm, damit du nicht noch Verbrennungen kriegst, wenn ich den Strom einschalte. Das gleiche kriegst du jetzt an den linken Arm, und dann gibt’s noch einen feinen Kupferhelm.« Er trat an die linke Seite des Delinquenten.

»Reverend!« schrie Wilenberg. »Reverend, verdammt noch mal, ich will beten!«

Der Henker ließ ein amüsiertes Brummen hören, während er seine Arbeit fortsetzte.

Der Reverend saß in der Reihe der zwölf offiziellen Zeugen - Vertreter des Staates New Jersey, des Justizministeriums, ein Stellvertreter des Gouverneurs, der Gefängnisdirektor und andere, die wichtig waren oder sich dafür hielten. Von den fünf Personen seiner Wahl, die Wilenberg hatte einladen dürfen, war nur einer gekommen.

Und dieser eine tat noch immer nichts.

Abel Blossom.

Die vier anderen waren nicht aufgekreuzt. Da Wilenberg keine Verwandten hatte, hatte er lange nachdenken müssen, wen- er einladen sollte. Seine Mutter, Alkoholikerin, war gestorben, als er 20 gewesen war. Das war acht Jahre her, und trotzdem konnte er sich ihr Gesicht noch immer genau vorstellen. Aber selbst, wenn sie noch gelebt hätte, wäre sie wahrscheinlich zu dieser Tageszeit schon benebelt gewesen und hätte nichts von dem mitgekriegt, was sich um sie herum abspielte.

Adam Wilenberg hatte daher die ihm am meisten verhaßten Personen eingeladen. Den Vorsitzenden Richter, der ihn verurteilt hatte. Und die drei wichtigsten Geschworenen. Die Jury hatte ihn einstimmig für schuldig befunden. Jetzt hatten die vier feigen Hunde den Schwanz eingezogen und waren nicht gekommen.

Nur Abel Blossom.

Der Reverend sah den Gefängnisdirektor fragend an. Sie wechselten ein paar Worte. Dann stand der Geistliche auf. Der Henker kläpperte schon hinter Wilenbergs Rücken mit irgendwelchen neuen Gerätschaften. Mußte wohl der Kupferhelm sein. Der Reverend stand auf und ging auf die offene Tür der Kabine zu.

Abel Blossom griff in die Brusttasche seines Jacketts und klappte eine dunkle Brille auseinander. Die verfluchten Scheinwerfer waren auch verdammt hell.

»Normalerweise«, sagte der Reverend freundlich und trat auf den Stuhl zu, »beten wir erst, wenn der Mann seine Arbeit beendet hat.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Henker, der den Kupferhelm abwartend in der Hand hielt.

»Ist das so wichtig?« entgegnete Wilenberg knurrend. Er spürte, wie sein Herz raste.

»Nein, mein Sohn. Also werden wir beten.«

»Hilft es denn auch?«

Der Reverend starrte den Delinquenten entgeistert an. Wilenberg sah es und konnte sich nun doch ein Grinsen nicht verkneifen.

Abel Blossom hatte seine dunkle Brille aufgesetzt und schien sich die Nase schneuzen zu wollen. Seine Handbewegung war nebensächlich. Etwas rollte auf den Fliesenfußboden. Tischtennisballgroß.

Ein Blitz von greller Weiße.

Der Knall dazu wirkte fast unbedeutend.

Der Blitz blendete alle Anwesenden. Wilenberg sah nur noch eine schwarze Wand vor Augen. Abel Blossom, jubilierte eine Stimme in ihm, Abel Blossom, du verdammter, prachtvoller Himmelhund!

Dann hörte er die Maschinenpistole.

Hämmern und Schreie.

Die Schüsse ließen seine Trommelfelle schmerzen. Ein wohltuender Schmerz. Richtig angenehm.

Die MPi schien nicht aufhören zu wollen, ihr Blei aus dem Lauf zu hacken. Direkt hinter sich hörte Wilenberg etwas scheppern. Der Kupferhelm? Dann ein Gurgeln. Den Henker hatte es erwischt.

Und der Reverend betete. O Hölle, diese murmelnde Stimme, durch das MPi-Rattern kaum hörbar, war tatsächlich die des Reverends, dem nichts Besseres einfiel, als für sich selbst zu beten. Wilenberg hätte kichern können. Aber es störte ihn, daß er die Augen aufreißen konnte und trotzdem nichts sah.

Elende Blendgranate! Blossom, der Prachtkerl, hätte vorher sagen können, wie es laufen würde.

Statt dessen Schritte.

»Sie sind meine Geisel, Reverend«, sagte eine kalte Stimme. Gleichzeitig spürte Wilenberg Finger, die an den Riemen und an der Beinmanschette zupften. »Ich rate Ihnen, jeden meiner Befehle zu befolgen. Ich werde Sie sonst erschießen. Verstanden?«

»Ja«, antwortete der Geistliche, und es war nur wie ein Hauch. »Ja, ich habe verstanden.«

Ein letzter Ruck, und Wilenberg war frei. Nach wie vor fühlte er sich wie erblindet.

Details

Seiten
122
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942330
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v912268
Schlagworte
henker mann trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und der Mann, der den Henker betrog