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Der Baron #19: Grand Hotel – 4. Stock

2020 126 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #19: Grand Hotel – 4. Stock

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

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5

6

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Der Baron #19: Grand Hotel – 4. Stock

Krimi von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Die junge Journalistin Helen Teflin ist nicht nur hübsch, sondern auch klug und besonders hartnäckig. Sie ist an einem brisanten Fall dran, der den Deburo Werken erheblichen Schaden zufügen kann, wenn ihre Zeitung das publik macht. Der Chef dieses Konzerns Mr. Zlanabitnik sorgt daraufhin dafür, dass Helen für geisteskrank erklärt wird und in eine Heilanstalt eingewiesen wird.

Henry Wallace, der Vorgesetzte von Helen Teflin, bittet den Baron und seine Freunde, die junge Kollegin dort herauszuholen und in Sicherheit zu bringen.

Der Plan, der zuerst ziemlich einfach aussieht, entwickelt sich für alle Beteiligten brandgefährlich ...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

 

Prolog

Völlig normale Journalistin von Amtsarzt als verrückt erklärt

Oaks (eig. Meld.) Die bekannte Reporterin Helen Teflin wurde von zwei Amtsärzten für verrückt erklärt und in die staatliche Anstalt für Geisteskranke eingewiesen. Proteste halfen nichts. Auch der Anstaltsleiter Dr. Hamilton behauptete, die Frau sei geistesgestört und müsse sogar in der geschlossenen Abteilung „verwahrt“ werden. Wie wir erfuhren, hat sich die Journalistin, die bisher mehrere Geschichten aufgeklärt hat, die das Tageslicht scheuen, mit einer Sache befasst, die sich um den Tod des mexikanischen Arbeiters Zamrico dreht, der von einer Blechpresse erschlagen wurde. Wie es heißt, sollen an diesem Fabrikat der Presse schwere Konstruktionsmängel nachzuweisen sein. Henry Wallace, der Vorgesetzte von Helen Teflin, behauptet, man habe seine junge Kollegin mundtot machen wollen. Die Einweisung in eine Heilanstalt gleiche einem Begräbnis. Er aber werde Mittel und Wege finden, sie dort herauszuholen ...

 

1

Es begann an Charlys Arbeitsplatz und endete dicht vor der Hölle. Aber für Charly, den olivfarbenen Einwanderer aus Mexiko, waren es nur noch ein paar Sekunden, die er an allem teilnahm. Und er ahnte nichts.

Niemand in der Fabrikhalle ahnte etwas. Sie schoben mattsilbern blinkende Bleche unter die riesigen Pressen, zweiundzwanzig Stück in fünf Minuten war der genormte Akkord. Mindestleistung nannten das die REFA-Experten und -Zeitnehmer. Charly schaffte bis zu sechsundzwanzig. Aber damit war er auch nicht über einen gebrauchten Chevrolet, eine gemietete Bruchbude in Oaks und einen auf Raten laufenden Farbfernseher hinausgekommen. Schulden hatte er nach wie vor mehr, als er verkraften konnte.

Charly fühlte sich, gegen seinen früheren „Wohlstand“ in Mexiko, hier als Fürst. Und Charly schuftete wie besessen. Vor ihm die fast haushohe Deburo Presse, die aus einem glatten Stück Blech zweiundzwanzig bis sechsundzwanzig mal alle fünf Minuten eine Motorhaube für den Harrison-Traktor machte. Ein Zischen, ein sanftes Fauchen, fertig. Dreißig Tonnen Gewicht standen darüber, Bleche von einem Millimeter und mehr formten sich in der Presse wie Nudelteig.

Rechts von Charly gab es eine ganze Straße solcher Pressen, die vollautomatisch arbeiteten und bis zu neunhundert verarbeitete Bleche pro Stunde ausstießen. Charly aber hatte nun vier Monate an dieser Einzelpresse gearbeitet, in die bestimmte Stückteile von Hand eingelegt werden mussten. Ein von ihm beim Vorbeugen durchbrochener Lichtstrahl sorgte dafür und sollte dafür sorgen, dass die Presse sich nicht senken konnte, wenn der Arbeiter gerade unter ihr mit Kopf und Oberkörper war, um das Blech einzurichten. Vier Monate lang hatte das so geklappt. Tausende und Abertausende von Malen. Und es würde noch genau drei Sekunden lang so sein.

Das Blech flog auf der anderen Seite auf dem Schlitten weg, die Presse ging zischend hoch, Charly schob das flache, ungeprägte Blech vor, rechts in die Passer, links in die Passer und ...

Da geschah es! Obgleich der Lichtstrahl unterbrochen und die Presse davon gestoppt sein musste, klickte es oben, wie es immer der Fall war, bevor sie sich senkte.

Aber der Lärm in der Halle überdeckte dieses Geräusch, und Charly hörte es nicht. Er hatte bloß plötzlich das Gefühl, etwas könnte nicht in Ordnung sein. Er hielt inne, wandte sich um, aber da war es schon zu spät. Es kam viel zu schnell, und er konnte nichts dagegen tun. Und er spürte kaum noch etwas.

Als sich die Presse wieder gehoben hatte und sie ihn fanden, war das, was von ihm übrig war, grauenhaft anzusehen. Der Vorarbeiter Higgins bekam einen Nervenschock. Der hinzugeeilte Ingenieur Kurtz musste sich übergeben und war nicht mehr imstande, seinen Dienst fortzusetzen.

Die beiden Werkssanitäter, die später geholt wurden, konnten ebensowenig helfen wie Dr. Fitzsimmons, der Betriebsarzt.

Drei Stunden später, als Männer des Werkschutzes den Toten bereits in den Zinksarg gebracht hatten und die Pressen der Automatic-Straße längst wieder arbeiteten, erschien Inspektor Wyan von der Polizei, brachte zwei weitere Beamte mit und klebte nach kurzer Untersuchung und Zeugenbefragung das Dienstsiegel an die Presse, womit sie als behördlich stillgelegt galt. Anschließend aufgeregte Debatte im Büro des Chefingenieurs, dann beim Betriebsleiter und schließlich die Verkündung des Untersuchungsresultates durch Inspektor Wyan: „Meine Herren, ich habe von einem anderen und ähnlichen Fall bei Dodge gehört. Ich verständige den staatlichen Untersuchungsausschuss und erkläre die Presse bis zum Abschluss und zur Entscheidung des Ausschusses als stillgelegt.“

„Aber das kostet uns täglich Tausende von Dollars. Diese Maschine gibt es hier nur einmal, Inspektor“, protestierte Betriebsleiter Seeger.

„Keine Debatte, Sir“, sagte Wyan. „Der Untersuchungsausschuss wird entscheiden. Bis dahin gilt meine Anweisung. Sollten Sie die Presse dennoch in Betrieb setzen, kennen Sie ja die Folgen. Unter zwei Jahren Gefängnis kommen Sie oder derjenige, der das verantwortet, nicht weg. Guten Tag, meine Herren!“

 

 

2

Oaks war keine Großstadt mit seinen siebzigtausend Einwohnern, aber groß genug, um hier das Büro der „Time“ einzurichten. Es war allerdings nur ein „Ein-Mann-Betrieb“ oder, noch besser gesagt: Ein Ein-Frau-Betrieb, in dem Miss Helen Teflin nicht nur die Artikel und Meldungen schrieb, sondern sie auch durch den Fernschreiber an die Zentrale meldete, die Korrespondenz führte, als lokale Reporterin fungierte und sich hier in der Provinz die Sporen verdienen sollte.

Helen Teflin hatte dafür zwei wesentliche Voraussetzungen mitgebracht, dazu sogar noch eine dritte, die allerdings nicht in den Personalpapieren vermerkt war, trotzdem mitunter eine ziemlich große Rolle spielte, Voraussetzung eins: sie war sehr intelligent und gut gebildet. Voraussetzung zwei: sie war eine passionierte Journalistin und hatte bei der New York Times volontiert, dazu noch unter Michel de Coboulier, einem der aggressivsten Journalisten im politischen Fach, Spezialgebiet Innenpolitik und Rechtsfragen. Auch Helen hatte Jura studiert. Die dritte, nicht vermerkte Voraussetzung war: Helen war hübsch, und das war sie von solcher Ausstrahlung, dass der bullbeißige Inspektor Wyan, dem sie gerade gegenübersaß, wie Schnee in der Sonne schmolz, als sie ihn nur scharf ansah. Scharf ansehen, das war vielleicht der falsche Begriff. Sie machte Augen, die wie ein Versprechen wirkten, auf den, der sie ansah. Und Wyan sah sehr genau hin.

„Also, Inspektor, wie war das denn nun?“, fragte sie, und dabei lächelte sie. „Hat er nun einen Fehler in der Bedienung gemacht oder liegt es an der Maschine? Dass Sie die Maschine stillgelegt haben und die Betriebsleitung dagegen eine einstweilige Verfügung beim Gericht beantragt hat, beweist mir eigentlich, dass es kein menschliches Versagen gewesen sein kann. Oder irre ich mich?“

Wyan, den so viel Schönheit ein wenig verwirrt hat, meinte spontan: „Stimmt.“ Er lächelte entschuldigend und fügte ergänzend hinzu: „Ich meine, es stimmt, dass menschliches Versagen auszuschließen ist. Weil…“ Er sah sie forschend an und fragte: „Kennen Sie die technischen Zusammenhänge?“

Er unterschätzte Helen Teflin bei weitem. Dieses sechsundzwanzigjährige blonde Wesen war nicht nur wegen des Zahltages Journalistin geworden. An ihr hätte ein Staatsanwalt — oder ein Kriminalbeamter — einiges absehen können. Wyan zwar nicht, der war selbst sehr gründlich. Und darum ging es. Helen Teflin hatte sich indessen mit diesen Pressen und wie sie funktionierten so befasst, dass sie in der Lage gewesen wäre, mit sachverständigen Ingenieuren darüber zu diskutieren.

„Ich weiß Bescheid“, sagte sie. „Die Presse fährt hoch, der hydraulische Doppelkeil blockiert sie, die Druckhydraulik der Kolben wird durch das Ventil abgeleitet, und alles geschieht, solange der Lichtstrahl, der auf die Photozelle fällt und sonst quer über die Zugangsfläche zum Pressenboden fällt, unterbrochen wird. Der Arbeiter, der da umgekommen ist, hat sich vorgebeugt, wie die Zeugen sagen, damit den Lichtstrahl unterbrochen.“

„Ja, aber nun sagt die Betriebsleitung“, erklärte Wyan, „dass dieser Charly, wie sie den Mexikaner Zamrico genannt haben, die Blockierung ausgeschaltet haben könnte. Nach unseren Feststellungen war das nicht der Fall, aber bei diesem Maschinentyp ist das immerhin möglich, obgleich es unzulässig ist, diese Sache überhaupt einzubauen.“

„Was geschieht dann?“

„Ist das Ventil, das den Ölstrom ableitet, so geschaltet, dass es geschlossen bleibt, fällt die Presse ungeachtet der Photozellensignale nach drei Sekunden wieder nach unten. Sie sagen im Werk, dass Akkordarbeiter wider die Bestimmungen so handeln, weil es um eine Sekunde schneller geht, bis die Presse kommt als sonst. So könnten sie schneller schaffen.“

„Glauben Sie das?“, wollte Helen wissen, und sie sah Wyan forschend an.

Wyan, der wie ein ledergesichtiger Seemann aussah, schüttelte den Kopf.

„Nein. Denn das erfordert eine reine Bergsteigerarbeit bis hinauf zum Kopf der neun Meter hohen Presse. Dort oben sitzt das Ventil des Ableitungsschlauches. Niemand kann bestätigen, dass es nach dem Unfall jemand geöffnet hätte. Also war es immer offen. Ich kenne da einen Fall in der Lastwagenfabrik für Fahrerhäuser, die kürzlich Dodge angeschlossen wurde. Da steht die gleiche Presse, und dort ist dasselbe vor einiger Zeit passiert. Deshalb meine Meldung an den staatlichen Untersuchungsausschuss.“

„Danke. Und was sagt der Hersteller der Pressen, der Deburo-Konzern? Immerhin ein weltweites Unternehmen, das riesige Pressenstraßen gebaut hat.“

Wyan zuckte die Schultern.

„Es kann mir gleich sein, ob die viele oder wenige Pressen gebaut haben. Für mich ist das Resultat wichtig. Dieser Pressentyp ist gefährlich. Weiter nichts.“

„Haben Sie von anderen Vorfällen mit diesem Typ gehört, außer der Sache bei Dodge?“

„Noch nicht“, erwiderte Wyan.

„Nun, da kann ich Ihnen helfen. Ich weiß von noch drei Fällen, allerdings nicht tödlich. Einem Mann wurden die Arme abgequetscht, einem anderen die Hände, der dritte verlor die Finger einer Hand.“

„Und woher haben Sie diese Kunde, Sie Tausendsassa?“, fragte Wyan überrascht.

Sie lächelte.

„Da sind Sie baff, was? Hätten Sie von einer Frau nicht erwartet, nicht wahr? — Nun, so etwas durfte die staunende Mitwelt vor einigen Monaten einem Bericht des staatlichen Sicherheitskommissars entnehmen, allerdings gab es dazu nur die spärliche Auflage von zehntausend Exemplaren. Doch bereits ein Ingenieur der Harrison Traktoren Werke konnte mir davon berichten und mir ein Heft beschaffen. Und da diese Zeitschrift, die der Sicherheitskommissar alle halben Jahre herausgibt, auch von der Betriebsleitung gehalten wird, dürfte zumindest sicher sein, dass man dort davon Kenntnis haben konnte. Ich sagte: konnte, nicht muss.“

„Ja, aber das ist gut, dass Sie es sagen. Danke.“ Wyan notierte. „Und wer ist der Ingenieur?“

„Patterson, ein sehr hilfsbereiter Mensch.“

„Behalten Sie es für sich, meine Liebe, sonst ist er morgen gekündigt! — Noch Fragen?“

„Wann kommt die Kommission?“

„Morgen.“

„Da bin ich aber gespannt!“, meinte Helen und lächelte Wyan an, dass ihm ganz warm unter dem Hemd wurde.

 

 

3

„Mein Name ist Helen Teflin, ich komme von der ,Time‘, Mr. Zlanabitnik. Ihr Pressechef war so freundlich, mir dieses Interview mit Ihnen zu arrangieren.“

Helen sah den großen, an Gregory Peck erinnernden Generalmanager des Deburo-Konzerns mit so viel Schmelz an, dass der gleich ein freundlicheres Gesicht machte, dann sogar sein „Say-Cheese-Lächeln“ zeigte und fragte: „Möchten Sie eine Cola, Kaffee oder so etwas? Warum nehmen Sie nicht Platz? Ich wusste gar nicht, dass es solch charmante Reporterinnen gibt!“

„Sie sind sehr freundlich. Sicher kennen Sie den Grund meines Besuches.“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach so, nach dieser Geschichte in Oaks fragen Sie? Dumme Sache. Armer Kerl. Aber sie machen immer wieder solche Sachen ...“

„Was für Sachen?“, unterbrach sie ihn. „Dass sie sich totschlagen lassen?“

„Nein“, erklärte er mit dem Unterton erzwungener Nachsicht einem solch blutigen Laien — wie er glaubte — in Sachen Technik gegenüber. „Nein, dazu müsste ich Ihnen schon einmal erläutern, wie es zu so einem Unfall kommen kann. Um es vorwegzunehmen, liebe Miss ... ah, mir ist der Name ganz entfallen ...“

„Teflin. Aber Sie wollen mir doch nicht erklären, dass Zamrico bis hinauf zum Kopf des Pressengestells geklettert, dort den Ventilhebel der Abdruckleitung geschlossen hat und dass nach seinem Tod, als ein paar hundert Zeugen herumstanden, jemand hinaufgeklettert ist, um ihn wieder zu öffnen?“

Zlanabitnik wurde es im schönen dunkelgrauen Anzug heiß. Die Frau, die er eben noch etwas nachsichtig und von oben herab wie eine kleine, wenn auch bildhübsche Idiotin abqualifizieren wollte, wurde ihm mit einem Male unheimlich. Aber dann beruhigte er sich mit dem Gedanken, dass es eingetrichtertes Gerede war, was sie da von sich gab. Natürlich, dachte er, irgendwer hat ihr diese Sache eingebleut. Wie komme ich nur darauf, dass es anders sein könnte? Und er sagte mit gespieltem Spott: „Na, Sie hoffen doch nicht, dass ich auf so etwas eingehe?“

„Doch“, sagte sie, „das erhoffe ich schon. Denn es gibt praktisch keine andere Möglichkeit, um die Blockierung, die vom Fotowiderstand in dem Moment ausgelöst wird, da man den Lichtstrahl unterbricht, zu lösen oder zu umgehen. Und kein einziger Zeuge von denen, die nach dem Unfall dort waren, hat gesehen, dass dieses bewusste Ventil von irgendwem wieder geöffnet worden ist.“

„Und wer sagt Ihnen, dass es offen war, als die Sache passierte?“, fragte er längst nicht mehr so höflich, sondern ziemlich gereizt.

„Die Polizei hat das festgestellt, lieber Mr. Zlanabitnik. — Merkwürdiger Name übrigens den Sie haben? Ist das nicht slowenisch?“

Diese Frau nahm ihm fast die Luft. Er hatte seine Selbstsicherheit nahezu verloren. Wieso sprach sie auf einmal von seiner Herkunft? Das hörte sich ja an, als hätte sie sich über ihn erkundigt.

„Wir sprechen von dem Unfall, denke ich“, fauchte er sie an.

„Ja, und wie ich sehe, hat es Ihnen ziemlich die Argumente verschlagen. Oder haben Sie noch eine Erklärung parat? Womöglich können Sie mir stattdessen sagen, wie es in den nachfolgenden Fällen zu ähnlichen Unfällen kommen konnte. Hier, sehen Sie sich einmal diese Liste an. Das sind alles Pressen dieses Typs, Pressen, die von Ihnen gebaut wurden und bei denen ganz unmotiviert auf einmal die Blockierung versagte, wo sich die Presse auf den Arbeiter stürzte und ihn erschlug, oder ihm Arme, Hände oder Finger abquetschte. Sehen Sie sich die Liste in aller Ruhe an! In allen Fällen war das Ventil offen.“

Zlanabitnik sah überhaupt nicht auf die Liste. Er starrte Helen an wie etwas, das geradewegs aus der Hölle gekommen zu sein schien.

„Woher“, keuchte er, „haben Sie die Liste? Woher, zum Teufel? Reden Sie!“ Er streckte die Hand nach ihr aus,

„Unruhig geworden?“, fragte sie lächelnd. „Es gibt noch viele Kopien dieser Liste. Mr. Zlanabitnik. Hier, nehmen Sie nur!“

Er riss sie ihr aus der Hand, starrte kurz darauf, warf sie hinter sich auf den Schreibtisch und schloss einen Augenblick die Augen. Sein Gesicht glättete sich, als hätte er sich soweit unter Gewalt, einen Wutausbruch zu verhindern. Gefasst sagte er: „Dreitausend!“

„Dreitausend was?“, fragte sie und sah ihn verständnislos an.

„Dreitausend Dollar. Für Sie!“

„Für mich?“ Sie tat ahnungslos, obgleich sie alles begriff.

„Natürlich für Sie.“ Er lächelte konziliant, aber es war ein öliges, unechtes Lächeln. „Dreitausend Dollar ist doch eine Stange Geld für jemanden, der wie Sie in einer so kleinen Lokalredaktion ...“

Sie lachte plötzlich, lachte herzhaft und sagte, während bei ihm wieder die Zornesader anzuschwellen begann: „Ich danke Ihnen, Sir, ich danke Ihnen sehr für die Unterhaltung. Guten Tag, Sir!“ Und dann ging sie.

Er lief ihr bis zum Lift nach.

„Fünftausend!“, keuchte er.

„Machen Sie sich nicht lächerlich, Mr. Zlanabitnik!“, erwiderte sie und stieg in den Lift.

Er kam ihr nach.

„Sechstausend!“, hechelte er.

Sie lachte ihn aus. Der Lift fuhr an. Zlanabitnik packte Helen an den Schultern und schrie sie an: „Davon haben Sie nichts! Ich warne Sie! Sie kleine miese Schnüfflerin!“ Er holte mit der Rechten aus, um sie zu schlagen, während sein Gesicht rot wie eine Tomate wurde.

Aber er kannte Helen nicht, noch nicht mal im Mindesten. Er hatte die Hand noch zum Schlag erhoben, da packte Helen seinen Arm, drehte sich selbst um, zog mit einem Ruck seinen Arm unter der Schulter durch, drückte mit ihrer Rechten seinen Arm über ihren linken Unterarm im Hebel, dass Zlanabitnik vor Schmerz aufbrüllte. Während er abgelenkt war, krümmte sich Helen, riss ihn über ihren Rücken hinweg, so dass er mit voller Wucht an die Wand des Lifts schlug und am Boden liegenblieb, sie völlig verdattert anstarrte und mit den Augen rollte.

Der Lift hielt, Helen stieg aus und sagte zu einem jüngeren Mann, der erst auf sie und dann völlig verwirrt auf seinen obersten Chef blickte: „Erklären Sie diesem Gentleman bitte, dass ich seine Art, einer Frau zu nahe zu treten, sehr missbillige! Guten Tag!“ Und so ging sie. Niemand hielt sie auf. Erst als sie schon mit ihrem geliehenen kleinen Flitzer aus dem Werkstor fuhr, begannen sich die beiden Werkschutzleute zu regen, weil ein aufgeregtes Telefon schellte. Vielleicht, dachte Helen, gilt es mir, und sie gab Gas.

Niemand folgte ihr. Sie gab am Flughafen ihr Auto ab. bestieg eine Stunde später die Maschine nach San Francisco und schwebte in den Lüften, als Mr. Zlanabitnik den Stab der engsten Mitarbeiter um sich versammelte.

Hätte sie sehen und hören können, was diese Konferenz für sie selbst bedeutete, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Aber natürlich konnte sie nicht hellsehen, und so ballte sich über einem einzelnen Menschen die ganze Macht eines großen Konzerns zusammen, wo man entschlossen war, diese Frau wie ein quälendes Insekt zu vernichten, zu zertreten, aus der Welt zu schaffen. Mord kam dafür nicht in Frage. Der Deburo-Konzern wendete feinere und sichere Methoden an, wenn ihm jemand lästig zu werden drohte. Aber, wie gesagt, Helen Teflin ahnte davon nichts, sie hielt Gewaltanwendungsversuche für wahrscheinlich, aber gerade das gehörte nicht zu den Praktiken des Konzerns.

Als sie drei Stunden später in ihre Wohnung kam, war die zwar immer noch peinlich aufgeräumt, aber Helen hatte ein viel zu gutes Gedächtnis, um nicht zu sehen, dass Besuch im Apartment gewesen war und sich bis in die hintersten Winkel der Schubladen umgesehen hatte. Sie merkte das bereits beim Eintreten. Ein Hauch eines süßlichen Parfüms hing in der Luft, der schon deshalb nicht normal war, weil sie gerade diese Art von Parfümen hasste. Das war Kaufhaus-Parfüm der Billigklasse, und ihrer Schätzung nach war der Besucher also eine Frau gewesen, dazu eine mit dem Geschmack einer Prostituierten.

Sie rief Inspektor Wyan an, berichtete ihm, und er hörte sich das erst bis zu Ende an, dann sagte er: „Wollen Sie einen Tipp von mir?“

„Ich dachte, Sie klären so etwas auf.“

Unbeirrt sagte er: „Mein Tipp lautet: Nehmen Sie die Finger von der Sache! Im Harrison-Werk hat sich jetzt ein Mann gemeldet, der behauptet, er hätte das Ventil nach dem Unfall wieder geöffnet. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich damit sage. Die anderen, sagt dieser Mensch, hätten ihn nicht beobachtet, weil sie alle um den Toten gestanden hätten. Der Mensch, von dem ich rede, heißt McCook, ist Hilfsarbeiter und hat seit heute Morgen Urlaub. Seine Aussage hat er vor einem Notar abgegeben, ist ins Flugzeug gestiegen, um irgendwo — kein Aas weiß, wo — Urlaub zu machen. Wir können ihn nicht verhören. Die Kommission, die morgen kommt, kann das auch nicht. Basta! Und deshalb weiß ich jetzt, wie der Hase läuft. Lassen Sie die Finger heraus, damit Sie so hübsch bleiben, wie Sie sind! Das ist eine schmutzige Geschichte, wie ich meine, und für schöne Frauen wie Sie ist das reines Gift.“

„Danke für das Kompliment, aber dann hätte ich Mannequin werden müssen. Wo hat dieser McCook sein Zuhause?“

„Ledigenwohnheim der Harrison Werke, das liegt hinter dem Kraftwerk. Die Leute hier nennen es nur Bullenkloster.“

„Vielen Dank, Inspektor. Sie hören von mir.“

„Lieber wäre mir, Sie würden die Finger davon lassen. Ich habe ein feines Gefühl für Sachen, die von Minute zu Minute immer dreckiger werden.“

„Keine Sorge, ich passe schon auf mich auf. Alles Gute!“, wünschte sie Wyan, und das hatte er nötig.

 

 

4

„Hören Sie, Inspektor“, sagte McGowan, Ex-Colonel und Chef der Polizei von Oaks. Ein weißhaariger, schlanker SpencerTracyTyp, ein Bilderbuchmann fürs heile Amerika. „Also, Wyan, ich will ja so eine Anzeige nicht weiter tragisch nehmen“, fuhr er fort und sah Wyan aus seinen glasklaren Augen an, „Nur sie besteht, und wir haben da bestimmte Gesetze. Die beiden Leute haben ihre Namen genannt, ich habe sie schon richterlich verhören lassen, also sie würden sogar einen Eid leisten.”

„Einen Meineid, wollten Sie sagen, Colonel“,verbesserte ihn Wyan gelassen. „Solche Anzeigen wegen Erpressung kennen wir doch. Immer, wenn irgendwo mal was besonders scharf Stinkendes ausgegraben wird von uns, da kommen solche Anzeigen. Was weiter, Sir?“

McGowan verzog das Gesicht, und sein berufsmäßiges Politikerlächeln schmolz dahin. Als Polizeiboss war er wählbar. Er war in seiner Politikerlaufbahn schon alles mögliche in der Stadtregierung gewesen, auch einmal lange Jahre Bürgermeister, aber nun hatten sie dort einen jüngeren Mann, der liberaler dachte, was schon wegen der Farbigen erwünscht war. Für den konservativen, leicht radikalen McGowan war dann der Sessel des Polizeichefs gerade richtig. McGowan war nicht scharf auf spektakuläre Erfolge, er wollte nur keine Zwischenfälle, keine Pannen, keine Skandale. Er wollte überhaupt nicht auffallen. Das bedeutete in Oaks die absolute Wiederwahl für dieses Amt, Und das Amt gefiel ihm. Alles lief ohne sein Zutun. Die Beamten waren eingearbeitet. Er konnte sich damit abfinden, da und dort ein paar passende und noch öfter ein paar belanglose, nichtssagende Worte von sich zu geben.

„Ich möchte, dass Sie die längst fälligen Urlaubstage nehmen, Inspektor“, sagte McGowan.

„Aha.“. '

„Ja“, fuhr McGowan fort, „denn diese Anzeige ist ja immerhin ärgerlich. Ich weiß auch, dass man Sie irgendwo wegziehen möchte. - Was bearbeiten Sie gerade?“

Wyan lachte geringschätzig.

„Ich bearbeite zur Zeit siebenundachtzig Fälle. Welchen, Sir, könnten Sie erwähnt wissen wollen?“

McGowan wand sich wie ein Wurm.

„Aber da muss doch einer sein, ich meine, irgendwo stecken doch mächtige Leute dahinter? Zwei Meineide sind doch nicht billig!“

„Eben, und meist fallen diese Meineid-Experten vor Gericht um, wenn man sie gut herannimmt. Und der neue Staatsanwalt, den wir haben, der legt sie aufs Kreuz. Es wäre doch gut, wenn wir sie bis zum Schwur bringen.“

Genau das wollte McGowan nicht. Das würde womöglich Skandal, Presseaufmerksamkeit, Unruhe bedeuten. Dinge, die er nicht brauchen konnte. Er wollte lautloses Wirken.

„Denken Sie mal an die Wahlen!“

„Ein Erfolg für Sie, wenn wir Ihnen die Hintermänner dieser zwei kleinen Schweinehunde auf den Tisch legen. Vielleicht irgendein riesiger Konzern. Zum Beispiel so etwas wie die Deburo Werke.“ Er sah McGowan forschend an. als wollte er keine Regung seines Chefs versäumen.

McGowan zuckte beim Namen Deburo Werke zusammen, als wäre er von der Tarantel gebissen worden.

„Was sagen Sie? Haben Sie etwa einen Fall, wo solche Leute betroffen sind?“

„Ja, das haben wir.“

McGowan schnappte nach Luft.

„Aber, Wyan, ich meine, das können wir ... Also ich bin dafür, dass Sie Ihren Urlaub nehmen. Ich gebe Ihnen noch zwei Wochen für die viele Arbeit, die Sie in letzter Zeit bewältigt haben, zusätzlich. Bezahlt natürlich.“

Wyan wusste alles. McGowan kniff. Seine Partei bekam von den Deburo Werken sehr viel Geld zur Wahl. Das war in ganz Amerika bekannt.

„Sie sind sehr freundlich, Sir“, sagte Wyan mit spöttischem Lächeln. „Das wird die Ganoven riesig freuen. Meine Frau freut sich übrigens auch. — Und wer wird mich vertreten, Sir?“, erkundigte sich Wyan lauernd, denn ihm waren die Personalprobleme seiner Abteilung hinreichend geläufig.

„Hmm, darüber werde ich nachdenken. Vielleicht Hanson.“

„Aha, das hatte ich mir gedacht, Sir. Also, dann kann ich ja wohl gehen, nicht wahr?“

„Ja, ja, und machen Sie sich keine Gedanken über die Anzeige, die wird ganz sicher wieder zurückgezogen, wenn man hört, dass Sie Urlaub haben.“

Es war unverhüllt, was hier geschah. Hanson war die größte Niete, die im Department frei herumlief. Der Sohn eines Parteifunktionärs. Kam es bei der Wahl zum Umschwung, war Hanson der Erste, den man feuern würde. Aber noch regierten die Demokraten in Oaks.

Wyan dachte an Helen Teflin und war sich klar, in welch großer Gefahr sie schwebte, wo man es sogar auf ihn als dem bearbeitenden Beamten abgesehen hatte. Das waren die alten Tricks. Anzeigen, Meineide, Entlastung vom Amt, ein Nachfolger, der nichts konnte und nichts tat, wurde eingesetzt, der Fall schlief ein, Ende. Zeugen tauchten auf, die das glatte Gegenteil der Wahrheit berichteten, die sogar für entsprechende Bezahlung den hanebüchensten Meineid ablegten, und wenn nichts wirkte, wurde mit Gewalt nachgeholfen.

Ohne Ambitionen auf Ruhm und den Dank der Bürger seiner Stadt nahm Wyan seine Aktentasche, stopfte noch einige persönliche Papiere aus der Schreibtischschublade hinein, verabschiedete sich von seinen Kollegen und ging, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Dass ihm Urlaubsgeld, womöglich sogar eine Prämie gezahlt wurde von der Verwaltung, darauf konnte er sich fest verlassen. Niemand fuhr unter Colonel McGowan besser als einer, der genau das tat, was McGowan wollte. Das Wohl der Bürger interessierte McGowan höchstens, wenn es wahltaktisch nützlich war.

Nun saß Anthony Hanson an Wyans Schreibtisch, strahlte die Kollegen an, die ihn mit hämischem Grinsen beobachteten, und die Akten zum Fall des verunglückten Mexikaners Zamrico wurden fein säuberlich eingepackt und komplett an die Untersuchungskommission des Staates geschickt, damit auch ja nicht die geringste Notiz wie eine abgezogene Handgranate im Büro zurückblieb. McGowan war die Sache los. Die Kommission hatte den Schwarzen Peter.

 

 

5

Helen Teflin hatte zwar jenes ominöse Ledigenheim gefunden, nicht aber nur einen Menschen, der ihr etwas über den plötzlich aufgetauchten Zeugen und dessen Verbleib hätte sagen können. Dieser McCook hatte seine Aussage vor einem Notar und Friedensrichter abgelegt, sie sogar dort beschworen, was nach amerikanischem Recht möglich war, und dann hatte er sich abgesetzt, um nicht etwa ins Kreuzfeuer einer Gerichtsverhandlung zu geraten. Denn jedes Gericht in den USA würde diese Aussage vor dem Notar und Friedensrichter so werten, als hätte McCook diese Aussage vor jedem ordentlichen Gericht gemacht. Und das zählte.

Als Helen Teflin vor dem Büro ankam, das Time in der John-Kennedy-Street unterhielt, stand dort ein Polizeifahrzeug hinter einem Krankenwagen. Zwei Polizisten lehnten an ihrem Fahrzeug und unterhielten sich. Als Helen auftauchte und hinter dem Polizeiwagen parkte, reagierten sie gar nicht. Helen stieg aus, schloss ab und ging ins Haus zum Lift. Da stand auch ein Polizist und reinigte sich mit einem Taschenmesser sehr angelegentlich die Fingernägel.

„Ist hier was passiert?“, fragte Helen in berufsmäßiger Neugier.

Der Polizist sah sie an, grinste und meinte: „Nee, was soll passieren? Wir holen einen Kranken ab. Übergeschnappt oder so. Die bringen den im Lift. Wenn Sie Angst haben, nehmen Sie die Treppe!“, fügte er hinzu und grinste sie an, musterte sie dann recht begehrlich, und sie machte, dass sie weiterkam. Der Lift, den sie trotzdem nehmen wollte, kam sofort, und sie fuhr bis zum Büro hinauf in den dritten Stock. Als sie ausstieg und zu ihrem Büro gehen wollte, rief jemand hinter ihr, den sie gar nicht gesehen hatte:

„Miss Teflin?“

Sie drehte sich um. Ein Polizist kam auf sie zu. Ein großer, stämmiger Polizist. Und er sagte lächelnd: „Nur eine Routinesache, wenn Sie uns da bitte keine Schwierigkeiten machen wollen ...“

„Was reden Sie?“

Die Tür ihres Büros wurde von innen geöffnet. Der Polizist gab Helen plötzlich einen Stoß, dass sie, die damit überhaupt nicht gerechnet hatte, ins Zimmer flog. Dort fing sie jemand auf, der einen weißen Kittel trug, und eine stämmige Walküre in Schwesterntracht packte sie, wirbelte sie herum, sie bekam einen Schlag ins Gesicht, und als sie sich zur Wehr setzen wollte, hatte man eine Decke um sie geschlungen. Dann pikte sie etwas in den Unterarm. Sie sah dicht vor sich einen Mann im weißen Kittel, der sich über sie beugte, und seine Stimme sagte sonor: „Nur ruhig, dann ist alles ganz einfach.“

Sie roch noch seinen nach Knoblauch stinkenden Atem, dann wurde ihr auf einmal so merkwürdig, als sei sie betrunken. Es störte sie nun gar nicht mehr, dass man sie auf einer Trage festband, dass man sie aufhob und dann wegtrug. Bevor man mit ihr im Lift ankam, war sie eingeschlafen. Unten verlud man die Bahre ins Krankenauto und fuhr damit weg. In direkter Fahrt ging es zum staatlichen Krankenhaus für Neurologie und Psychiatrie. Der Wagen hielt in der Tordurchfahrt beim Pförtner. Ein Hüne von Mensch saß dort und fragte: „Was ist es?“

„Verdacht auf schwere Psychose und Einweisung in die geschlossene Abteilung. — Hier ist der amtsärztliche Beschluss.“ Der Beifahrer des Krankenwagens reichte einen Zettel zum Pförtner, der las ihn, stempelte ihn ab und steckte ihn in eine Mappe.

„Okay, Block 3, ihr wisst ja Bescheid!“

 

 

6

„Wenn sie sich beruhigt hat, werden wir ein EEG machen“, sagte Dr. Hamilton zu seinen beiden Mitarbeitern. Er streifte sich seinen weißen Kittel ab und wandte sich an die Sekretärin, die schon darauf wartete, von ihm ein Diktat zu hören. Mit Bleistift und Block saß sie, die schönen langen Beine gewinkelt, auf ihrem Hocker.

Die Assistenten Dr. Hamiltons, beides jüngere Ärzte, warfen dem verhinderten Pinup-Girl einen fantasiegeschwängerten Blick zu, dann waren sie draußen.

Dr. Hamilton, klein, agil und sensibel, marschierte vor seiner Sekretärin auf und ab. Er galt unter Fachleuten als Koryphäe, aber es gab auch Leute, die ihn für so verrückt hielten wie die meisten seiner Patienten.

„Haben Sie die Papiere von der amtsärztlichen Stelle angefordert?“, fragte er hastig.

„Ja, ist alles da. Verdacht auf schwere Gemüts- und Geistesstörung.“

„Hmm. Der Einweisungsbeschluss ist dabei?“

„Ja, von den beiden Amtsärzten unterschrieben. Der Chef des Gesundheitsamtes ist in Urlaub, aber die Vertreter genügen für die Unterschriften.“

„Also dann. Notieren Sie für die Abteilung! — Zwei Tage geben wir ihr Ruhe. Wir geben ihr heute einen milden Tranquilizer, morgen knappe Kost, wenig zu trinken, keine Gewürze. Am Nachmittag wird das EEG gemacht. Ich möchte auch eine Aufnahme von vorn und seitlich vom Schädel, im Übrigen fehlt mir noch die histologische Aufzeichnung der Patientin. — Sie ist Journalistin?“

„Ja, so steht es in den Papieren.“

„Welches Blatt?“

„Time, Sir, und von New York ist schon hier angerufen worden. Vor ein paar Minuten. Ich habe keine Auskunft gegeben.“

„Sehr gut. Wir geben auch weiterhin keine. Wer etwas wissen will, muss sich schon ans staatliche Gesundheitsamt wenden. So, die weitere Untersuchung führe ich dann in drei Tagen durch. Bis zu meiner Entscheidung bleibt sie in diesem Einzelzimmer der Einweisungsabteilung. Sollte sie Schwierigkeiten machen, und sie sieht so aus, als fiele ihr da etwas ein, kommt sie in der Zwangsjacke aufs Bett. — Alles klar?“

„Wenn ein Rechtsanwalt mit ihr reden will? Ich meine, das hat man aus New York schon angekündigt.“

„Kein Besuch!“

„Aber ein Anwalt muss von ihr die Vollmacht unterschrieben haben“, sagte die Sekretärin.

„Nicht vor drei Tagen. Erst muss ich die Untersuchung abschließen.“

Dr. Hamilton lächelte wie auf Kommando, drehte sich um und marschierte zur Tür. Dort sagte er, während er sie öffnete: „Ich möchte jetzt nicht gestört werden. Mindestens bis zum Tee ...“

 

 

7

Sie waren zu zweit, Gentlemen in dunklen Anzügen, mit silbernen Krawatten, mit tadellosen schmalen Aktenköfferchen, mit Goldrandbrillen und dem Gesicht, das auf Wallstreet in New York so häufig vorkam, dass man sie gar nicht mehr auseinanderhalten konnte, diese Bankclerks, Abteilungsleiter, Substituten, Buchhalter. Aber hier war nicht New York. Und die beiden waren mit einem stattlichen Lincoln gekommen, mit Chauffeur versteht sich. Hier in Oaks stufte man sie höher ein. Auch Dr. Hamilton tat das, als sie sich wie nach altenglischer Sitte mit Visitenkarte und äußerst distinguierter Art vorgestellt hatten. Trotzdem war auch Dr. Hamilton nicht so naiv, dass er Namen und Herkunft der beiden geglaubt hätte. Auch wenn das schön säuberlich in geschwungener Schrift auf den Visitenkärtchen stand.

„Doktor“, sagte der eine und lächelte wie auf einer Zahnpastareklame, „Mr. Zlanabitnik lässt Sie grüßen.“

„Aha, so ist das! Ich bedanke mich. Und worum geht es?“

„Teflin, Helen Teflin lautet der Name“, sagte der mit dem ausdruckslosen Gesicht wieder. Dann lächelte er, und der andere lächelte wie eine Stereoausgabe mit.

„Aha. Und?“

Der Mann machte das eine Köfferchen auf.

„Ein Geschenk von Mr. Zlanabitnik. Es sind Vorzugsaktien. Sie liegen sehr hoch im Kurs, und das wird auch weiter so sein, wenn Sie Mr. Zlanabitnik helfen, eine Unruhestifterin an ihren ruchlosen Reden zu hindern. - Die Aktien hier sind also nicht gerade wertlos, Doktor. Ich beneide Sie um diesen Besitz. Wenn man sie verkauft, zum Beispiel könnte man sich davon einiges leisten. Ein kleines Haus, oder eine sehr, sehr schöne Reise um die Welt. Aber nur ein Narr würde diese Aktien verkaufen. Deburo ist im Kommen. In vier Jahren bauen Sie von diesen Aktien eine halbe Klinik. — Ich hoffe, es macht Ihnen Freude.“

„Und wenn ich ablehne?“, fragte Dr. Hamilton.

Beide zeigten wieder ihr Stereo-Zahnpastalächeln. Und der Sprecher erwiderte beinahe flüsternd: „Sie armer, armer Doktor. Haben Sie denn ganz vergessen, wie dieser Febus Carrel gestorben ist, der in Ihre Klinik gebracht wurde, mit einem Schädelbruch, und den sie nach Hause in seine Wohnung schaffen ließen, wo er seinen ,verdammten Säuferrausch‘ ausschlafen sollte. Er ist zu Hause auch eingeschlafen, für immer. Und der Staatsanwalt hat das alles nie erfahren. Schade, wenn er es nun noch erführe. Verjährt ist das nämlich noch nicht. War ja erst vor einem Jahr, nicht wahr? — Tja, Doktor, nun haben wir leider keine Zeit mehr. Soll ich den Koffer hier stehenlassen, oder ...“

Hamilton biss die Zähne zusammen.

„Schon gut, ich habe verstanden. Lassen Sie ihn hier!“

Wieder das Lächeln, ein verbindliches Nicken, dann waren sie, die beiden Anthrazitschurwollzwillinge, wieder draußen.

Dr. Hamilton zählte die Aktien. Und weil er etwas von Aktien verstand, wusste er bald, dass er ein Vermögen auf dem Schoß hielt. Ein Vermögen für einen Bericht, in dem Helen Teflin für geisteskrank erklärt werden sollte, damit sie für lange Zeit hinter den Mauern und Gittern der Heilanstalt verschwinden sollte. Ein Vermögen für das Begräbnis eines Lebendigen.

 

 

8

Der Baron zog an seiner Zigarre, lehnte sich zurück und sah Henry Wallace an, der breit, nicht sehr groß, glatzköpfig und etwas rot im breiten Gesicht vor ihm saß. Henry Wallace, Chef der Redaktion Inland, in der halben Welt ein Begriff bei Zeitungsleuten, in Amerika auch als Rundfunk- und Fernsehkommentator bekannt. Er hatte etwas von einem Seehund, wie der Baron schon früher festgestellt hatte. Irgendwie ähnelte er einer Robbe, aber in ihm hatte Baron Strehlitz schon immer einen goldanständigen Menschen erkannt.

„Wissen Sie, Alexander, wir haben es natürlich auf dem Rechtswege versucht, aber die Anwälte in Oaks kneifen den Arsch zusammen, so fürchten sie sich. Und dieses Urteil, das dieser Hamilton mit seinem Gutachten praktisch über Helen gefällt hat, ist natürlich ein Bombending. Da rütteln die anderen Mediziner auch nicht dran. Erstens haben sie gar keine Möglichkeit, die Patientin zu untersuchen, weil Hamilton wie ein Sultan darauf sieht, dass keiner, an Helen herankommt. Auf Grund dieses Gutachtens ist auch der Gerichtsbeschluss so gut wie endgültig. Zwei Amtsärzte, ein bedeutender Klinikdirektor, dagegen kommen wir nicht an.“

„Man hat sie also auf eine ganz moderne Art aus dem Verkehr gezogen. Und was sagt die Untersuchungskommission zum Fall Zamrico?“

„Auch faul. Eigenes Verschulden. Zamrico hat das Ventil geschlossen. Die Aussage des Zeugen McCook, der es angeblich wieder geöffnet hatte, scheint das zu beweisen. Helen hat eine Menge andere Aussagen zusammengeschleppt, aber die sind aus dem Büro gestohlen worden. Bleibt Helen selbst, und die sitzt fester als in einem Zuchthaus. Wenn wir etwas machen wollen, müssen wir Helen haben.“

„Es gibt Leute, die einen Menschen hineinbringen, muss es auch welche geben“, sagte Baron Strehlitz, „die wieder einen herausschaffen.“

„Sie meinen bezahlte Männer, die ...“

„Hören Sie, Alexander, diese Anstalt ist bewacht.“

„Das ist klar.“

„Ich bin deshalb zu Ihnen gekommen, Alexander. Wir kennen uns, und wir kennen uns seit Jahren. Ich weiß von der Sache, die Sie in Peking gemacht haben, als Sie die beiden Amerikaner befreiten. Oder die Geschichte in Korea. Und der Fall in Rio.“

„Hmm. Und jetzt?“

„Bringen Sie uns Helen wieder! Uns und der Welt. Weil sie die Wahrheit herausgefunden hat. Und nicht nur das. Mit Helen kommt nicht nur die Wahrheit an den Tag, mit Helen wird die Gerechtigkeit, wird auch das Bild Amerikas wieder gerade gerückt. Mir ist völlig klar, was ist. Sie hat es mir am Telefon erzählt, als sie von ihrem Besuch in den Deburo Werken wiedergekommen war. Die Geschichte mit dieser Presse ist stinkfaul. Sie hat es aufgedeckt. Aber nun wird es dem Konzern so peinlich, dass er sie aus dem Verkehr gezogen hat. Sicherlich wird man die Presse in Zukunft nicht mehr so bauen, wird vielleicht sogar mit den gebauten eine Veränderung vornehmen. Aber mehrmals wurden die Geschädigten betrogen, beziehungsweise deren Angehörige. Und nur, um das Renommee eines Konzerns und seinen Aktienstand nicht zu gefährden. — Ich will Ihnen etwas sagen, Alexander: Wenn wir solche Praktiken einmal aufdecken, wird das manchem anderen das Handwerk legen, der im Augenblick gar nicht angesprochen ist. Und die Medizin! Da sind Tausende von guten und anständigen Ärzten, die ein Recht darauf haben, dass man Kollegen wie jene, die für Helens Inhaftierung verantwortlich sind, aus dem Beruf nimmt.“

„Sie vermuten aber nur, wissen jedoch sicherlich nichts“, sagte Alexander von Strehlitz.

„Richtig“, gab Wallace zu. „Aber ich habe ein paar clevere Experten auf die Amtsärzte angesetzt, und auch auf Hamilton, den Anwaltsarzt. Ihre Aufgabe ist nur, Helen herauszuholen. Und dazu Folgendes: Man wird Sie nicht einfach abziehen lassen, wenn Sie Helen haben. Man wird Sie und Helen verfolgen. Wir haben in Vancouver ein paar Zimmer vorbestellt. Im Grand Hotel. Dort wohnt bereits ein Mädchen, das wie Helen aussieht. Wir werden Helen gegen sie austauschen. Die etwaigen Verfolger ...“

„Haben Sie schon meine Zusage?“, fragte Alexander spöttisch.

Details

Seiten
126
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942316
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v912263
Schlagworte
baron grand hotel stock

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Titel: Der Baron #19: Grand Hotel – 4. Stock