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Sein blonder Traum heißt Claudia

2020 116 Seiten

Leseprobe

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Sein blonder Traum heißt Claudia

Copyright

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Sein blonder Traum heißt Claudia

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Mit Tränen in den Augen sah Claudia hinaus in den Klinikpark. Der Mann dort im Rollstuhl — er litt ihretwegen! Sie hatte den schweren Unfall verursacht, der Christoph Lohmeier an den Rollstuhl fesselte. Als der Chefarzt eintrat, rührte Claudia sich nicht. Wie gebannt sah sie weiterhin zu dem Schwerkranken hinunter, der eine merkwürdige Faszination auf sie ausübte.

„Sie sollten sich endlich ein Herz fassen und mit dem Herrn Lohmeier reden“, sagte Dr. Härtling eindringlich. „Ich bin sicher, nach einer Aussprache wird es Ihnen besser gehen, Claudia.“

Die junge Frau nickte zustimmend. Und ein paar Stunden später war es soweit! Hass und Ablehnung hatte sie erwartet, Vorwürfe und Anklagen. Doch er sagte nur: „Ich freue mich, Sie zu sehen, Claudia. Und ich hoffe, wir treffen uns noch oft.“ Was er empfand, verschloss der Mann tief in seinem Herzen, denn es waren nicht Zorn und Bitterkeit, die ihn erfüllten, sondern Zärtlichkeit und ein heißer, unerfüllbarer Wunsch ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Es regnete

„Ein Mistwetter ist das!“, knurrte Jakob Thielmann. „Man muss sich ja direkt dafür schämen.“

Beate Thielmann sah ihn lächelnd an.

„Aber Jakob, du kannst doch nichts für dieses Wetter.“

„Da lädt man einen Geschäftsfreund ein, damit er sich erholt — und dann macht einem das verdammte Wetter einen Strich durch die Rechnung.“

Jakob Thielmann war ein Mensch, der gern alles fest im Griff hatte. Er hasste es, abhängig zu sein, auf irgendetwas keinen Einfluss zu haben. Er, und nur er und sonst niemand, wusste, was für alle das Beste war: für seine Frau, für seine Tochter, für seine Firma, für seine Angestellten und natürlich auch für seine Geschäftsfreunde.

Deshalb hatte er auch sofort eine Entscheidung getroffen, als sein langjähriger französischer Geschäftsfreund Claude Bouvier ihm am Telefon erzählte, er müsse wegen eines Magengeschwürs voraussichtlich für drei Wochen ins Krankenhaus.

„Hinterher erholst du dich bei uns“, hatte er wie immer in einem Ton gesagt, der keinen Widerspruch duldete. „Wir haben ein Sommerhaus am Ammersee, wie du weißt. Beste Lage und ruhig, herrlich ruhig. Nur auf ’nem Friedhof ist es noch ruhiger.“

„Ich weiß dein Angebot zu schätzen, Jakob, aber ...“

„Kein aber, Claude! Wir rechnen ganz fest mit dir. Du rufst mich an, sobald du aus der Klinik bist, steigst in die nächste Maschine, kommst nach München, ich hole dich vom Flughafen ab, und im Handumdrehen liegst du am Ammersee in der Sonne.“

So hatte Jakob Thielmann es geplant, und nun spielte das Wetter nicht mit. Soeben raste ein schwerer Jet mit donnernden Düsen, einen riesigen Wasserschleier hinter sich herziehend, über die Startpiste, hob ab und verschwand im düsteren Grau des Himmels.

„Ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie sich diese gewaltigen Ungeheuer in die Lüfte erheben“, sagte Jakob Thielmann zu seiner Frau.

Er war ein großer Mann mit dichtem silbergrauem Haar, eine stattliche, gepflegte Erscheinung, stets elegant gekleidet und immer wie aus dem Ei gepellt. Achtundfünfzig war er kurz nach dem Jahreswechsel geworden, aber er fühlte sich noch nicht alt, war energisch und dynamisch wie eh und je und hatte keine Probleme damit, bald sechzig zu werden.

Er zeigte auf die große Anzeigetafel.

„Claudes Maschine befindet sich bereits im Anflug. Er wird sich wundern, in was für eine Suppe er hier kommt. In Paris hatte er bestimmt Sonnenschein.“

„Ärgere dich doch nicht, Jakob“, besänftigte ihn seine Frau. „Morgen wird mit Sicherheit auch bei uns wieder die Sonne scheinen.“

Beate Thielmann war zwei Jahre jünger als ihr Mann. Sie hielt sich figurmäßig sehr gut, ein Geschenk von Mutter Natur. Sie brauchte nicht viel dazu zu tun. Andere Frauen mussten sich mit schrecklichen Diäten kasteien, das hatte sie nicht nötig. Sie konnte essen, was ihr schmeckte, und blieb trotzdem schlank. Der flaschengrüne Hosenanzug, den sie anhatte, war sehr schick. Sie trug ihn gern, denn er war sehr leicht und bequem. Obwohl Beate Thielmann alles hatte, blickte sie auf kein besonders glückliches Leben zurück, denn es war nicht immer leicht, mit einer so dominierenden Persönlichkeit wie Jakob verheiratet zu sein. Immer hatte sie in seinem Schatten gestanden, immer hatte sie tun müssen, was er wollte, nie hatte sie eine eigene Meinung haben dürfen.

Jakob zeigte wieder auf die Anzeigetafel.

,,Da, Claudes Maschine ist gelandet. Komm, Beate! Wir wollen unserem französischen Freund einen herzlichen Empfang bereiten.“

 

 

2

Schwester Annegret, der gute Geist der Paracelsus-Klinik, schmunzelte.

„Habe ich eben richtig gehört, Chef? War das Ihr Magen, der geknurrt hat, oder haben wir einen unsichtbaren Patienten hier drinnen?“

„Nein, nein, das war schon mein Magen“, erwiderte Dr. Sören Härtling lächelnd.

,,Sind Sie hungrig?“

„Und wie“, gab der Chefarzt offen zu.

„Soll ich Ihnen irgendwas aus der Cafeteria holen?“

Dr. Härtling winkte ab.

„Die paar Minuten stehe ich schon noch durch, Annchen.“

Schwester Annegret musterte ihn prüfend.

„Sie wollen doch nicht etwa abnehmen?“

„Nein. Ich habe bloß Ottilie versprochen, mit einem großen Hunger nach Hause zu kommen. Es gibt heute Putenfilets mit Ananasringen und Folienkartoffeln. Ein ganz neues Rezept. Sollte es ein Volltreffer werden, womit Ottilie ganz sicher rechnet, will sie demnächst den Gaumen unserer Gäste damit verwöhnen.“ Sören Härtling warf einen Blick zum Fenster. Unaufhörlich prasselten Wassertropfen gegen das Glas. „Das gießt heute mal wieder wie aus Eimern. Ich hätte nichts dagegen, wenn der Regen etwas nachlassen würde, sobald ich die Klinik verlasse.“ Dann zeigt er auf die Tür. „Wie viele sind noch draußen?“

„Fräulein Boysen und Fräulein Thielmann“, antwortete Schwester Annegret. „Aber nur Fräulein Boysen will heute zu Ihnen. Fräulein Thielmann ist bloß als Begleitung mitgekommen.“

Sören Härtling nickte.

„Sie war ja erst vor zwei Wochen bei mir.“

„Wenn ich die jungen Damen richtig verstanden habe, hat Fräulein Thielmann ihre Freundin mit dem Wagen hergebracht, weil Fräulein Boysens Auto zur Inspektion musste.“

Dr. Härtlings Magen knurrte wieder vernehmlich.

„Bringen wir diese Sprechstunde hinter uns, Annchen“, sagte er lächelnd. „Es wird langsam Zeit, dass ich nach Hause komme“

Schwester Annegret bat Ursula Boysen herein. Die junge Patientin hatte sich für eine Kontrolluntersuchung angemeldet.

„Na, Fräulein Boysen“, sagte Sören Härtling. „Alles in Ordnung?“

„Ja, Herr Doktor. Alles bestens.“

„Irgendwelche Beschwerden?“, erkundigte sich Sören routinemäßig.

„Nicht die geringsten.“

Sören Härtling lächelte freundlich.

„Freut mich, das zu hören.“

Sobald die Patientin auf dem Untersuchungsstuhl lag, führte Dr. Härtling seine Untersuchung sorgfältig durch. Es war tatsächlich alles in Ordnung. Nachdem der Arzt einen Abstrich gemacht hatte, durfte die Patientin sich an ziehen.

„Sie wirken heute so aufgekratzt“, stellte der Chef der Paracelsus-Klinik fest. „Darf man fragen, warum?“

Ursula Boysen lachte.

„Natürlich darf man. Vor allem Sie. Schließlich sind Sie seit langem der Arzt meines Vertrauens, und vor seinem Doktor darf man keine Geheimnisse haben, nicht wahr?“

„Das ist richtig“, gab Sören schmunzelnd zurück.

Die dunkelhaarige Patientin mit den meergrünen Augen war ihm sehr sympathisch.

„Was sagen Sie zu diesem Wetter?“, fragte Ursula.

„Ich könnte mir vorstellen, dass die Bauern es lieben.“

„Da mein Freund und ich mit Landwirtschaft nichts am Hut haben, hauen wir ab und verbringen da einen dreiwöchigen Urlaub, wo Sonnenschein garantiert ist - auf den Malediven.“

„Wunderbar. Und wann geht es los?“

„Übermorgen.“ Ursula Boysen strahlte. „Ich hab’ mich noch nie so sehr auf einen Urlaub gefreut.“

„Er wird bestimmt sehr schön.“

Ursula nickte.

„Ja, davon bin ich überzeugt. Ich hab’ noch nie ’nen richtigen Tauchurlaub gemacht. Die Malediven sollen ein wahres Unterwasserparadies zu bieten haben, mit einer Fischvielfalt, wie man sie nirgendwo sonst vorfindet. Einige Fische fressen einem sogar aus der Hand. Man kann sie richtig füttern.“

Dr. Sören Härtling warf einen Blick auf die Karteikarte der Patientin.

„Mit einem kleinen Wermutstropfen müssen Sie auf den Malediven leider rechnen.“

„Mit welchem?“

„Sie werden genau in der Mitte der Ferien Ihre Monatsblutung bekommen“, sagte Sören.

Ursula Boysen schüttelte den Kopf.

„Keine Gefahr.“

„Ach, Sie rechnen damit, dass sich Ihre Tage durch Luftveränderung und Klimawechsel verschieben?“

Ursula schüttelte abermals den Kopf.

„Ich gebe meiner Menstruation von vornherein keine Chance, mir diesen Traumurlaub zu vermiesen. Heutzutage schafft man das ja problemlos. Ich nehme die Pille einfach etwas länger, so dass die Regel nicht in dieser Zeit kommen kann. Das mache ich immer, wenn mein Freund und ich am Wochenende etwas vorhaben.“

Dr. Härtling zog die Augenbrauen zusammen.

„Das höre ich aber gar nicht gern, Fräulein Boysen.“

„Aber warum denn nicht? Viele Frauen machen das doch.“

„In ihrer Unwissenheit, ja. Aber deswegen ist es, vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet, noch lange nicht richtig.“

Die junge Patientin sah den Chef der Paracelsus-Klinik irritiert an.

„Was ist denn so schlimm daran, wenn eine Frau gelegentlich ihren Zyklus verschiebt, Dr. Härtling?“

„Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Frau das mal macht. Aber so oft, wie Sie das tun, kann es Ihrer Gesundheit schaden, Fräulein Boysen.“

Ursula war überrascht.

„Wieso denn das?“

„Wenn eine Frau die Pille nimmt, ist das ein Eingriff in die komplizierten Abläufe des weiblichen Körpers“, klärte Sören Härtling die Patientin auf. „Man darf den regelmäßigen Zyklus nicht leichtfertig stören. Wenn Sie die Regel bei jeder Gelegenheit verschieben, kann Ihr hormonelles Steuerungssystem reichlich überstrapaziert werden.“

Ursula Boysen staunte.

„Ich dachte, die heutigen Pillen seien harmlos!“

„Das sind sie auch weitgehend, wenn man sie richtig anwendet“, sagte Sören Härtling. „Doch mit Ihrer eigenwilligen Manipulation bringen Sie nicht nur Ihren Hormonspiegel völlig durcheinander, auch die Sicherheit der Empfängnisverhütung ist dann auf Dauer nicht mehr gewährleistet. Und das ist ja wohl vordringlichster Sinn und Zweck der Pille.“

„Das — das wusste ich nicht“, sagte Ursula, nun ein wenig kleinlaut.

Dr. Härtling riet ihr, künftig nur in absoluten Notfällen die Regel zu verschieben, und sie versprach, dies zu beherzigen. Sören wünschte der Patientin einen erholsamen Urlaub, und sie verließ sein Sprechzimmer.

Als sie im Wartezimmer erschien, erhob sich Claudia Thielmann, blond, schlank, hübsch und sehr sexy. Sie trug ein weites Streifenshirt und hellgraue Baumwollleggings.

„He, Uschi, was sollen die Grübelfalten auf deiner Stirn?“, erkundigte sich Claudia. Sie war vierundzwanzig, genau wie ihre Freundin. „Hast du von Dr. Härtling etwas Unangenehmes erfahren?“

Sie verließen das leere Wartezimmer.

„Hast du gewusst, dass man seine Gesundheit aufs Spiel setzt, wenn man seine Tage immer wieder verschiebt?“, fragte Ursula Boysen.

„Gewusst nicht“, antwortete Claudia Thielmann, „aber geahnt habe ich, dass das nicht in Ordnung sein kann, deshalb habe ich es auch erst zweimal gemacht.“

Ursula erzählte der Freundin, was sie erfahren hatte.

„Und was tust du nun auf den Malediven?“, wollte Claudia wissen.

„Nichts. Entweder der Zyklus verschiebt sich durch den Ortswechsel, oder ich kriege eben in der Mitte des Urlaubs meine Tage.“

Als sie aus der Klinik in den rauschenden Regen traten, zogen sie die Köpfe ein und liefen zu Claudias Wagen. Im Fahrzeug sagte Claudia keuchend: „Meine Eltern holen einen Freund vom Flughafen ab. Claude Bouvier ist sein Name. Mein Vater - du kennst seinen forschen Kasernenhofton — hat ihn nach einer Magengeschwüroperation von Paris nach München befohlen. Er soll sich in unserem Haus am Ammersee erholen. Hoffentlich haben wir bald wieder besseres Wetter, sonst wird uns der Franzose trübsinnig.“

 

 

3

Jakob Thielmann hielt nach seinem französischen Geschäftsfreund Ausschau.

„Da ist er!“, rief er plötzlich erfreut. „Da ist er, Beate! Sieht ein bisschen blass um die Nase aus, und schmal ist er geworden, aber so bleibt er nicht. Wenn er nach Hause zurückkehrt, hat er fünf Pfund mehr und sieht wieder aus, als könne er Bäume ausreißen.“

Thielmann winkte mit beiden Händen, um sich bemerkbar zu machen. Ein Ausdruck des Erkennens erschien in den Augen des kleinen Franzosen, und seine Züge hellten sich auf.

Thielmann und seine Frau hießen Claude Bouvier herzlich willkommen.

„Du scheinst die Operation großartig überstanden zu haben, mein Junge“, sagte Thielmann überschwänglich. „Siehst blendend aus. Aber ein Wetter hast du mitgebracht.“ Er wiegte vorwurfsvoll den Kopf. „Hör mal, den Regen hättest du aber auch wirklich zu Hause lassen können.“

„In Paris hat es nicht geregnet“, erwiderte Claude Bouvier in ausgezeichnetem Deutsch. Er war zweisprachig aufgewachsen. Seine Mutter war Deutsche gewesen. Aus Hamburg.

„Ja, ja, ihr Franzosen habt alles schöner, größer und besser“, brummte Jakob Thielmann und übernahm den Kofferwagen des Freundes. „Ich hoffe, du hast viel Zeit in deinem Gepäck, denn wir haben vor, dich ziemlich lange hierzubehalten. Ist das nicht toll? Gestern noch im tristen Krankenhaus, und heute schon am wunderschönen Ammersee. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir in diesem Jahrhundert leben dürfen. Fühlst du dich einigermaßen wohl?“

Claude Bouvier nickte. „Ja, danke.“

„War der Flug nicht zu anstrengend für dich?“

„Ich habe ihn gut überstanden, wie du siehst“, lächelte der kleine Franzose. „Wie geht es Claudia?“

Jakob Thielmann schob den Kofferwagen durch die große Ankunftshalle.

„Gut. Sehr gut. Sie wird bald heiraten.“

Beate Thielmann schlug den Blick nieder.

„Diesen Anlageberater?“, fragte Claude Bouvier.

Jakob Thielmann schüttelte grimmig den Kopf.

„Das ist vorbei. Der war nichts. Das war ein durchtriebener Lump, der es nur auf unser Geld abgesehen hatte. Es ist mir unbegreiflich, wie Claudia auf diesen Windhund hereinfallen konnte. Sie ist doch so ein intelligentes Mädchen. Nach diesem Fiasko habe ich die Sache in die Hand genommen.“

„Und wie heißt nun der neue Mann in Claudias jungem Leben?“, wollte der Franzose wissen. Er kannte Claudia schon sehr lange und hatte immer Anteil an ihrem Leben genommen.

„Peter Boblath“, antwortete Thielmann. Es hörte sich stolz an.

„Boblath ... Boblath ...“

Jakob Thielmann nickte grinsend.

„Du kennst diesen Namen. Sein Vater und er leiten die ,Bay Pharma‘. Die Heirat wird zum Zusammenschluss von ,Bay Pharma‘ und ,Thielmann Pharmazeutika‘ führen. Die beiden Unternehmen werden zu einem gigantischen Marktriesen verschmelzen. Diese Fusion wird unsere Konkurrenz ganz schön alt aussehen lassen.“

„Welch glückliche Fügung des Schicksals, dass deine Tochter sich ausgerechnet in Herbert Boblaths Sohn verliebt hat, nicht wahr?“

Jakob Thielmann blies seinen Brustkorb auf.

„Nun, ein wenig nachhelfen musste ich da schon, und es ist auch nicht die ganz große, himmelstürmende Liebe, aber auf der lässt sich sowieso keine solide, dauerhafte Verbindung errichten. Wer nicht den Verstand, sondern das Herz entscheiden lässt, muss schon sehr bald erkennen, dass er auf Sand gebaut hat. Die Liebe ist unzuverlässig und wankelmütig. Nur die Vernunft hat Bestand.“

Sie verließen die Ankunftshalle.

„Wartet hier!“, sagte Thielmann. „Ich hole den Wagen.“ Er eilte davon.

„Du bist nicht einverstanden mit Jakobs Plänen“, sagte Claude Bouvier zu Beate Thielmann, als sie allein waren. „Das sehe ich dir an.“

„Hat sich Jakob schon jemals um die Meinung eines anderen Menschen gekümmert?“, seufzte die Frau. „Er weiß stets besser, was für uns gut ist. Ich habe mich im Laufe der Jahre an diese Bevormundung gewöhnt. Es hat keinen Zweck, sich dagegen aufzulehnen, gegen den Strom zu schwimmen. Das führt zu nichts. Jakob Thielmann ist einfach zu stark. Für alle. Ich hab’s begriffen und richte mich danach. Jakob meint es ja nicht schlecht mit uns, und solange alles nach seinem Kopf geht, kommen wir sehr gut mit ihm aus.“

„Und Claudia?“, fragte der kleine Franzose.

„Ich denke, sie hat ebenfalls resigniert.“

 

 

4

Sören Härtling freute sich auf das Mittagessen zu Hause. Die Villa der Härtlings war ja nicht weit von der Paracelsus-Klinik entfernt. Hoffentlich kommt kein Notfall dazwischen, dachte der Arzt, während er sich die Hände wusch, sonst kippe ich vor Hunger aus den Schuhen.

Er kam ungehindert aus der Klinik und schüttelte sich wenig später in der Diele seines Hauses wie ein begossener Pudel.

Jana gab ihm einen Begrüßungskuss auf die Wange.

„Schön, dass du’s geschafft hast. Das kann man bei einem Arzt leider nie mit Sicherheit wissen.“ „Sind die Kinder schon da?“, erkundigte sich Sören.

Seine Frau lächelte.

„Die ganze Mannschaft ist vollzählig im Speisezimmer versammelt und wartet ungeduldig auf ihren Kapitän.“

Sören legte seinen Arm um Janas Mitte.

„Na, dann wollen wir sie nicht länger warten lassen.“

„War viel los in der Klinik?“, erkundigte sich seine Frau, die früher Kinderärztin gewesen und heute nur noch Hausfrau und Ärztin für die eigenen Kinder war.

„Ich habe ausnahmsweise einen eher geruhsamen Vormittag hinter mir.“

„Diesen Tag solltest du rot in deinem Kalender anstreichen“, meinte Jana.

„Das werde ich. Aber nur, wenn mir Ottilies neues Gericht gut geschmeckt hat.“ Sören zog die Luft tief ein. „Riechen tut es ja schon fantastisch.“

„Du kannst davon ausgehen, dass es noch besser schmeckt, als es riecht.“

Sören betrat mit seiner Frau das Speisezimmer und begrüßte seine Kinder, die er alle gleich gern hatte — ob es nun die siebzehnjährigen Zwillinge Ben und Dana waren oder der fast dreizehnjährige Tom oder die neunjährige Josee.

Ottilie streckte den Kopf zur Tür herein und sah Jana fragend an.

„Ist der Herr Doktor schon da?“

„Soeben eingetroffen“, antwortete Jana.

„Kann ich servieren?“, fragte die alte Haushälterin.

Sören lächelte.

„Ob Sie’s können, wird sich gleich herausstellen. Dürfen tun Sie es.“

„Ach, Herr Doktor“, sagte Ottilie, ohne beleidigt zu sein. „Sie immer mit Ihren Spitzfindigkeiten!“

„Deutsche Sprache — schwere Sprache“, grinste Ben.

„Ja, das merkt man an deinen Aufsätzen“, gab Jana Härtling dem vorlauten Jungen sofort einen Dämpfer.

„Was macht Ihr Rheuma bei diesem Wetter, Ottilie?“, erkundigte sich Sören.

„Es macht mir zu schaffen“, antwortete die Haushälterin ächzend.

„Reiben Sie sich auch täglich mit dem Mittel ein, das ich Ihnen gegeben habe?“

Ottilie machte ein betretenes Gesicht.

„Ehrlich gesagt, ich vergesse es zumeist.“

„Wie wollen Sie denn da Ihre Beschwerden loswerden?“

Die Haushälterin zuckte die Schultern.

„Ach, in meinem Alter zwickt es und zwackt es eben mal hier, mal da. Da kann man nichts machen. Damit muss man einfach leben.“ Sie ging in die Küche und servierte das Essen.

Eine halbe Stunde später war die gesamte Familie Härtling der Auffassung, dass die neue köstliche Speise unbedingt in Ottilies umfangreiches Kochrepertoire aufgenommen werden müsse und die Haushälterin auf Grund besonderer Leistungen im kulinarischen Bereich in den Adelsstand erhoben gehöre.

Und dann gab es plötzlich große Aufregung im Hause Härtling. Zuerst ein dumpfer Schlag, dann ein klägliches Piepsen. Josee fuhr hoch, als wäre ein Stromstoß durch ihren Stuhl gesaust.

„Ein Vogel!“, rief sie aufgeregt. „Das war ein Vogel! Er ist gegen das Fenster geflogen! Hoffentlich hat er sich nicht verletzt, sich ein Flügelchen gebrochen oder so!“

Alle standen auf und eilten zum Fenster. Die Kinder zuerst.

„Kann einer von euch den armen Vogel sehen?“, fragte Dana.

„Macht doch mal das Fenster auf!“, verlangte Ben.

Kaum war das Fenster offen, hingen alle vier in den prasselnden Regen raus.

„Da ist er!“, rief Ben. „Da hüpft er!“

„Das ist ein Wellensittich!“, stellte Dana fest.

„Richtig“, bestätigte Ben. „Und ich weiß auch, wem der gehört.“

„Wem denn?“, fragte Josee, die wohl insgeheim gehofft hatte, den Vogel einfangen und behalten zu können,

„Den Sawatzkis“, antwortete Ben.

„Woher weißt du das?“, fragte Josee enttäuscht.

„Frau Sawatzki hat es mir gesagt“, gab Ben zurück. „Der Sittich ist ihnen vorgestern entflogen. Nur mal kurz stand die Terrassentür auf, und schon war er weg. Frau Sawatzki befürchtete, dass die frei lebenden Vögel ihren geliebten Sittich mit ihren Schnäbeln tothacken würden.“

„Leicht hatte es der kleine Kerl in der Freiheit bestimmt nicht“, meldete sich Jana Härtling zu Wort.

„Wie heißt er denn?“, fragte Tom.

„Pipsi“, antwortete Ben.

„Pipsi! Pipsi!“, rief Josee. „Komm zu uns!“

„Wir müssen raus und ihn einfangen“, sagte Tom.

„Okay“, nickte Ben. „Aber stürmt nicht wie ’ne wilde Horde auf den Kleinen los, sonst kriegt er’s mit der Angst zu tun und haut ab — und dann tun ihm vielleicht wirklich die anderen Vögel etwas an.“

Alle eilten hinaus in den strömenden Regen. Auch Jana und Sören Härtling. Nur Ottilie blieb im Haus. Die Jagd begann. War das ein Getue. Alle riefen „Pipsi! Pipsi!“ Jeder wollte derjenige sein, der den Wellensittich einfing. Pipsi war allem Anschein nach nicht verletzt, aber vom Zusammenstoß mit dem Fenster noch etwas benommen.

Die Familie Härtling kreiste ihn ein. Er flatterte hoch, landete aber gleich wieder und piepste unglücklich, was Josee veranlasste, zu rufen: „O du armer, armer Pipsi!“

Ben streckte beide Hände nach dem Vogel aus.

„Sei vorsichtig!“, ermahnte ihn Dana. „Nimm ihn nicht zu fest.“

„Wofür hältst du mich?“, gab Ben nervös zurück. „Denkst du, ich habe kein Gefühl für diesen kleinen Wicht?“ Er griff blitzschnell zu.

Pipsi nahm kreischend Reißaus.

„Passt auf!“, kreischte auch Josee. „Tretet nicht auf ihn!“

Pipsi sauste zwischen Toms Beinen hindurch. Tom stand stocksteif. Er rührte sich nicht von der Stelle, um den Wellensittich nur ja nicht zu verletzen.

Sören Härtling trat hinter seinen Sohn, und einen Augenblick später war Pipsis große Flucht zu Ende. Sören hielt den kleinen Ausreißer behutsam zwischen seinen Händen. Pipsi gab ein paar kleinlaute Töne von sich und war anscheinend ganz froh darüber, dass es wieder jemanden gab, der ihn behütete.

„Kommt schnell ins Haus!“, rief Jana Härtling. „Ihr seht alle aus wie gebadete Mäuse.“

„Du aber auch, Mutti“, kicherte Josee.

Ben organisierte einen Schuhkarton und stach Löcher in den Deckel.

„Darf ich Pipsi mal halten, Vati?“, fragte Josee.

„Ja“, sagte Sören, „aber Vorsicht! Ihn einmal einzufangen war schwierig genug.“

Josee nahm den Wellensittich gespannt in ihre Hände. Pipsis Federkleid war arg zerzaust und völlig durchnässt. Der Vogel zitterte.

„Kann Pipsi eine Lungenentzündung kriegen, Vati?“, fragte Tom.

„Wir wollen hoffen, dass sie ihm erspart bleibt“, sagte Sören.

Der Vogel ging wie ein Wanderpokal von einem zum anderen. Jeder wollte ihn mal kurz in seinen Händen halten.

„Gott, bist du niedlich“, sagte Dana, als sie an der Reihe war.

Ben legte ein altes T-Shirt in den Schuhkarton. Darauf wurde Pipsi von Dana gesetzt, und Ben schloss den Deckel, sobald seine Schwester die Hände zurücknahm.

„So, und nun sollten wir uns alle schleunigst umziehen“, meinte Jana Härtling. „Sonst kriegen wir noch einen bösen Schnupfen.“

„Dann brauchen wir wenigstens nicht zur Schule zu gehen“, grinste Tom.

„Was macht uns schon ein Schnupfen“, tönte Josee, „Vati ist doch Arzt.“

„Ihr zieht auf der Stelle trockene Sachen an!“, sagte Jana Härtling streng.

„Pipsi hat bestimmt Hunger“, meinte Josee.,,Wir müssen ihm etwas zu essen geben.“

„Später“, sagte Jana Härtling. „Er wird in den nächsten zehn Minuten bestimmt nicht verhungern.“

Ottilie musste solange auf den Wellensittich aufpassen. Eine ehrenvolle Aufgabe. Die Haushälterin erwies sich ihrer als würdig. Nachdem sich die Familie Härtling umgezogen hatte, bekam Pipsi eine Apfelspalte, und dann rief Jana Härtling bei den Sawatzkis an.

„Frau Sawatzki?“

„Ja“, kam es so laut durch die Leitung, dass alle es hören konnten.

„Hier ist Jana Härtling.“

„Oh, Frau Härtling. Was gibt’s denn?“, fragte Helene Sawatzki.

„Wir haben Ihren Pipsi.“

Kurze Pause. Dann, doppelt so laut und schrill vor Freude: „Was? Ist das wahr? Unser Wellensittich ist bei Ihnen? Ist er Ihnen zugeflogen?“

„So ungefähr.“

„Geht es ihm gut?“, wollte Helene Sawatzki wissen.

„Er ist ein bisschen verschreckt, aber, ja, ich würde sagen, dass er wohlauf ist.“

„Das arme dumme Kerlchen“, sagte Frau Sawatzki unendlich erleichtert, „fliegt einfach davon, weiß nichts von den vielen Gefahren der Freiheit, von Elstern, Meisen, Amseln, Tauben und Spatzen, die ihm das Futter streitig machen. Ganz zu schweigen von den Katzen, denen so ein unerfahrenes Vögelchen eine willkommene Beute ist. Mein Mann und ich fürchteten schon, wir würden unseren kleinen Liebling nicht wiedersehen. Sie ahnen ja nicht, wie uns unser gefiederter Freund ans Herz gewachsen ist.“

„Ich kann es mir sehr gut vorstellen“, sagte Jana.

„Nein, diese Freude, diese Freude! Ich kann’s noch gar nicht richtig fassen.“ Helene Sawatzki schluchzte glücklich. „Haben Sie vielen Dank, dass Sie sofort angerufen haben, Frau Härtling. Dürfen mein Mann und ich gleich mit dem Vogelkäfig rüber kommen?“

„Aber selbstverständlich.“

„In fünf Minuten sind wir da.“

„Sie brauchen sich nicht zu beeilen“, erwiderte Jana und legte auf.

„Schade, dass wir Pipsi in fünf Minuten schon wieder hergeben müssen“, sagte Josee traurig. Sie sprach aus, was auch ihre Geschwister dachten.

„Ich muss zurück in die Klinik“, sagte Sören Härtling. „Seht zu, dass euch der Geier nicht wieder entwischt!“

 

 

5

Das Haus am Ammersee hatte die allerbeste Lage. Claude Bouvier kannte es seit langem. Er hatte hier schon etliche verlängerte Wochenenden verbracht und bekam auch wieder „sein“ Zimmer.

Riesige Trauerweiden standen am flachen Seeufer. In der Sommerhitze spendeten sie wohltuenden Schatten. Es war sehr angenehm, sich unter ihren mächtigen Kronen aufzuhalten und das Treiben auf dem schönen See zu beobachten. Jetzt jedoch war alles ringsum grau in grau. Die Welt hatte ihre Farben verloren.

„Du möchtest sicher ein wenig ausruhen“, sagte Jakob Thielmann und stellte das Gepäck des Freundes ab. Er zeigte auf das Bett, „Leg dich hin, erhol dich ein bisschen! Wir sehen uns später.“ Er ließ den kleinen Franzosen allein.

Später tranken sie zusammen Kaffee, und kurz vor dem Abendessen traf Claudia ein. Sie umarmte Claude Bouvier vorsichtig und erkundigte sich nach seinem Befinden.

„Es geht mir den Umständen entsprechend gut“, antwortete der Gast. „Weißt du, dass du seit unserer letzten Begegnung noch hübscher geworden bist?“

„Charmeur.“ Claudia lachte.

„Im Ernst. Wie machst du das bloß?“

Claudia zuckte die Schultern.

„Ich weiß nicht. Es passiert einfach.“

„Wenn ich nicht zu alt für dich wäre, ich würde dir glatt einen Heiratsantrag machen.“

Ein Schatten huschte über Claudias apartes Gesicht. Heirat war ein Thema, das sie lieber mied. Sie wollte nicht daran erinnert werden, dass sie noch in diesem Jahr mit einem Mann vermählt werden würde, der ihr lediglich sympathisch war, den sie jedoch kein bisschen liebte, deshalb sprach sie rasch von etwas anderem.

„War’s eine schwierige Operation?“, erkundigte sie sich.

Claude Bouvier schüttelte den Kopf.

„Für die Ärzte war es bloß eine Routineoperation, wie sie mir sagten. Nichts Aufregendes. Solche Magengeschwüre haben sie fast jeden Tag auf dem Operationstisch.“

„Wenn man schon untern Messer muss, ist es wenigstens beruhigend, zu wissen, dass man sich in Händen erfahrener Chirurgen befindet, die etwas von ihrem Handwerk verstehen und so etwas nicht zum ersten Mal machen“, meinte Jakob Thielmann.

„Möchte jemand einen Aperitif?“, erkundigte sich Beate Thielmann.

„Ich nicht“, lächelte Claude Bouvier, der früher einem guten Tropfen niemals abgeneigt gewesen war. „Ich bin noch nicht soweit.“

„Entschuldige“, sagte Beate verlegen. „Wie gedankenlos von mir!“

„Aber ich bitte dich, Beate“, erwiderte der kleine Franzose, der eine entfernte Ähnlichkeit mit Charles Aznavour hatte, „unter Freunden braucht man sich wegen so was doch nicht zu entschuldigen.“

Während des Abendessens meinte Jakob Thielmann: „Ich glaube, der Regen lässt allmählich nach.“

„Morgen scheint bestimmt die Sonne“, sagte Beate Thielmann optimistisch.

„Dann sieht die Welt gleich viel freundlicher aus“, bemerkte Claudia.

Claude Bouvier aß wenig. Hinterher servierte Beate Thielmann Schonkaffee, von dem der Franzose eine halbe Tasse trank.

„Zigarren gibt es für dich vorläufig wohl auch nicht mehr“, sagte Jakob Thielmann.

„Das Rauchen habe ich mir schon vor der Operation abgewöhnt“, erklärte Claude Bouvier.

Thielmann staunte.

„Tatsächlich? Das wusste ich nicht. Stört es dich, wenn ich rauche?“

„Überhaupt nicht.“

Thielmann zündete sich eine dicke Havanna an. Das war eine kleine Prozedur, denn die Glutkrone musste rund und absolut regelmäßig sein.

„Nun haben wir dich also wieder einmal hier“, sagte Jakob dann zufrieden und schlug dem Freund aus Frankreich leicht aufs Knie. Claude Bouvier nickte lächelnd.

„Ich bin gern bei euch.“

„Das freut uns.“

Claude Bouvier seufzte.

„Ich habe eine ziemlich schwere Zeit hinter mir.“

„Gesundheitlich?“

„Allgemein. Zuerst hat meine Firma gewackelt, wie du weißt ...“

Thielmann blies den Zigarrenrauch zur Decke.

„Um diese Klippe bist du bravourös herumgekommen. Darauf kannst du stolz sein.“

„Es erforderte meinen totalen Einsatz.“

„Er hat sich gelohnt“, behauptete Thielmann.

Der Franzose kräuselte die Stirn.

„Im Nachhinein betrachtet bezweifle ich das. Meine Gesundheit wurde dadurch arg in Mitleidenschaft gezogen. Ich bekam Magengeschwüre, und meine Ehe mit Evelyn ging in die Brüche.“

Thielmann winkte ab, als wäre das Letztere nicht von Bedeutung.

„Die war ja lange schon marod. Eine Frau, die nicht zu ihrem Mann hält, wenn er in Schwierigkeiten ist, die kein Verständnis dafür aufbringt, dass er mit allem, was er zu bieten hat, gegen den drohenden Untergang ankämpft, sollte man nicht aufhalten, wenn sie gehen möchte. Ich hatte, um es offen zu sagen, nie etwas gegen Evelyn, das weißt du auch. Sie ist eine sehr attraktive, wunderschöne und auch intelligente Frau, aber sie hat mich doch sehr enttäuscht, als sie von dir die Scheidung verlangte, weil du dich nicht genügend um sie gekümmert hast.“

„Nach der Scheidung begannen mich die Magengeschwüre zu peinigen. Vor allem nachts setzten sie mir ziemlich zu“, erzählte Claude Bouvier. „Ich hörte zu rauchen auf, trank keinen Alkohol mehr, versuchte ein weniger stressiges Leben zu führen und stellte meine Ernährung um. Ich hoffte, um eine Operation herumzukommen. Manchmal kriegen einen die Ärzte auch mit Medikamenten wieder hin. Bei mir hatten sie damit leider keinen Erfolg. Also blieb mir das Messer nicht erspart.“

„Na ja, nun hast du’s hinter dir und wirst bald wieder der Alte sein“, sagte Jakob Thielmann zuversichtlich.

Der Regen hörte in der nächsten halben Stunde ganz auf. Claudia ging auf die Terrasse hinaus. Der Himmel klarte mehr und mehr auf. Sterne kamen zum Vorschein, und der große, fast volle Mond spiegelte sich im pechschwarzen Wasser des Sees. Claudia hörte Schritte hinter sich. Sie drehte sich halb um, erblickte den kleinen Franzosen und schenkte ihm ein freundliches Lächeln. „Ich liebe die Luft nach einem Regen“, sagte sie. „Sie ist so frisch und sauber.“

„Es ist wunderschön hier draußen“, sagte Claude Bouvier.

Claudia schaute eine Weile schweigend zu den Sternen hinauf. Schließlich sagte sie leise: „Darf ich dich etwas fragen?“

„Alles, was du willst.“

„Wie lange warst du mit Evelyn verheiratet?“, wollte Claudia wissen.

„Dreizehn Jahre“, antwortete der Franzose.

„Wie war eure Ehe?“

Claude Bouvier hob die Schultern.

„Nicht besonders aufregend. Sie plätscherte einfach so dahin. Es gab keine Höhen und keine Tiefen.“

„Warst du glücklich mit Evelyn?“

Bouvier schürzte nachdenklich die Lippen und wiegte den Kopf.

„Einigermaßen.“

„Hast du sie geliebt?“

Bouvier nickte.

„Am Anfang unserer Ehe schon.“

„Dann nicht mehr?“, fragte Claudia interessiert.

Der Franzose atmete schwer aus.

„Ich hatte einfach zu viel zu tun, weißt du? In meinem Leben war kein Platz für die Liebe. Ich war damit beschäftigt, eine Existenz für uns aufzubauen, und letztes Jahr musste ich diese Existenz retten. Da war wieder keine Zeit für verliebtes Geturtel.“

„Allem Anschein nach kann eine Ehe ohne Liebe nicht funktionieren“, zog Claudia daraus ihren Schluss.

„Das würde ich nicht sagen. Ich kenne einige Ehepaare, die aus reinen Vernunftgründen geheiratet haben und dennoch bereits zwanzig Jahre und mehr zusammen sind. Man achtet und schätzt einander. Man ist gut Freund, erfüllt regelmäßig seine ehelichen Pflichten, lässt sich gegenseitig reichlich Freiraum und tritt gemeinsam gegen alle Gefahren an, die die Ehe zum Scheitern bringen wollen.“

Claudia schwieg wieder. Sie nagte an ihrer Unterlippe.

Der Franzose betrachtete ihr hübsches Profil.

„Ich weiß von deines Vaters Plänen“, sagte er behutsam.

Claudia schluckte.

„Er will mich mit Peter Boblath verheiraten.“

„Ich kenne ihn. Ein netter, gut aussehender, sehr sympathischer junger Mann. Sehr geschäftstüchtig.“

„Aber ich liebe ihn nicht“, erwiderte Claudia mit belegter Stimme. „Meinem Vater ist das gleich, dem geht es nicht um mein Glück, sondern in erster Linie darum, ,Bay Pharma‘ mit ,Thielmann Pharmazeutika‘ zu verheiraten, um den pharmazeutischen Markt beherrschen und den Ton angeben zu können.“

„Wirst du tun, was er von dir erwartet?“

Claudia sah den Franzosen traurig an.

„Habe ich eine andere Wahl? Niemand kann sich Jakob Thielmanns starkem Willen widersetzen. Und da mein Vater ja seit jeher besser als ich selbst weiß, was für mich gut ist, muss ich wohl oder übel gehorchen. Ich werde Jakob Thielmann, den großen Strategen, nicht enttäuschen, obwohl ich heute schon ganz genau weiß, dass ich mit Peter Boblath nicht glücklich werden kann. Aber wer fragt schon nach einer solchen Nebensächlichkeit!“ Ihre Stimme klang bitter. „Wenn ich aufzumucken wage, hält Vater mir sofort das Fiasko mit Thomas vor.“

Claude Bouvier hob die rechte Augenbraue. „Thomas?“

„Thomas Mayen.“

Jetzt fiel bei Bouvier der Groschen.

„Ach, der Anlagenberater.“

Claudia nickte.

„Ich war ganz schrecklich verliebt in ihn. Richtig blind war ich vor Liebe, deshalb habe ich auch nicht gemerkt, dass Thomas ein falsches Spiel mit mir spielte.“

„Aber deinem Vater ist es aufgefallen.“

Claudia strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht.

„Sofort. Als ich ihm Thomas vorstellte, sagte er noch am selben Abend zu mir: ,Dieser Mann meint es nicht ehrlich mit dir.’ Ich wollte es natürlich nicht wahrhaben. Trotzig dachte ich, er würde gegen jeden jungen Mann etwas einzuwenden haben, den er nicht für mich ausgesucht hatte. Aber er hatte leider recht mit Thomas. Und seither hat er natürlich Oberwasser.“

„Soll ich versuchen, deinen Vater von seiner Idee abzubringen?“, fragte der Franzose.

Claudia lächelte matt.

„Lieb von dir, aber das würdest du nicht schaffen. Und Papa würde es dir übelnehmen. Es würde eure Freundschaft belasten, und das möchte ich nicht.“ Sie seufzte „Wer weiß, vielleicht geschieht ein Wunder, und ich brauche Peter Boblath nicht zu heiraten, weil es aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr in Papas Konzept passt.“

„Ich werd’ mich morgen mal in aller Ruhe mit Jakob über seine ehrgeizigen Pläne unterhalten“, sagte Bouvier.

Claudia fröstelte.

„Ist dir kalt?“, fragte der aufmerksame Bouvier.

„Ein bisschen.“

„Dann lass uns reingehen, damit du dich nicht erkältest.“

 

 

6

Frau Sawatzki stellte sich mit einem Kilo köstlichster Pralinen ein. Es war früher Morgen. Die Kinder waren noch nicht in der Schule, und Dr. Sören Härtling war nicht in der Paracelsus-Klinik.

„Für die Rettung meines Vogels“, sagte Helene Sawatzki und drückte Jana Härtling die schwere Pralinenschachtel in die Hände

„Aber Frau Sawatzki, das ist doch nicht nötig“, protestierte Jana.

„Ich bestehe darauf, dass Sie mein Geschenk annehmen, Frau Härtling. Ihre ganze Familie soll sich die Süßigkeiten gut schmecken lassen.“

„Meine ganze Familie wird sich damit den Magen verkleben“, lächelte Jana. „Sie hätten nicht so viel Geld ausgeben sollen. Frau Sawatzki.“

Helene Sawatzki winkte ab.

„Ich hab’ die Pralinen im Großhandel gekauft.“

„Trotzdem ...“

Frau Sawatzki legte Jana die Hand auf den Arm.

„Mein Mann und ich sind so glücklich, dass Pipsi wieder bei uns ist. Sie müssen uns erlauben, uns für Ihre große Hilfe erkenntlich zu zeigen.“

„Na schön“, erwiderte Jana Härtling, „dann bedanke ich mich im Namen meiner Familie für das süße Geschenk.“

Frau Sawatzki ging.

„Wow!“, stieß Josee begeistert hervor, als sie kurz darauf die Pralinen erblickte. „Gibst du mir ein paar davon in die Schule mit, Mutti? So zehn, zwanzig Stück?“

„Süßigkeiten sind schlecht für deine Zähne“, meinte Tom. „Wenn du naschst, musst du zum Zahnarzt, und du weißt doch, wie sehr du dich vor seinem Bohrer fürchtest. Besser, ich erspar’ dir das und esse deine Pralinen gleich mit.“

„Ist ein richtiges Opfer für dich, was ?“, grinste Ben.

„Du sagst es. Aber was tut man nicht alles, um seiner kleinen Schwester Unannehmlichkeiten zu ersparen“, gab Tom großspurig zurück.

„Meine Pralinen kriegst du ganz bestimmt nicht!“, tönte Josee.

„Und was ist mit dem Zahnarzt?“, fragte Tom.

„Ich werd’ mir nach jeder Praline gut die Zähne putzen“, kündigte Josee an.

„Wie viele Stücke gibt’s denn für jeden?“, erkundigte sich Tom.

„Ich werde den süßen Schatz gut verwalten und gerecht verteilen“, verkündete Jana Härtling.

Ben und Dana waren damit einverstanden, doch Tom war versucht, Bedenken anzumelden, ließ es dann aber sein. Es würde schon gerecht zugehen. Er würde schon nicht zu kurz kommen.

Dr. Sören Härtling fuhr in die Klinik, wo ihn, wie immer, sofort das Räderwerk des medizinischen Alltags erfasste und weiterbeförderte. Man brauchte ihn im Kreißsaal und auf der Säuglingsstation, im Operationssaal und auf der Internen. Es war einer von diesen Tagen, an denen nichts ohne den Chef laufen wollte.

„Kaffee, Herr Doktor?“, erkundigte sich seine Sekretärin, die aparte Moni Wolfram, als er endlich dazu kam, die Post zu sichten.

„Gute Idee“, antwortete Sören.

„Stark oder schwach?“

Sören Härtling schmunzelte.

„Stark, wenn Sie mich nicht bei meiner Frau verpetzen.“

Der Kaffee war rasch getrunken, die Post bald durchgesehen. Alle fälligen Antworten sprach Sören in ein Diktiergerät, und wenig später begann die Vormittagssprechstunde.

Schwester Annegret hatte eine Patientin mit starken Unterleibsschmerzen eingeschoben. Sören nahm die Frau als Erste dran. Ihr Name war Andrea Wolff. Sie sah elend aus, ihre Haut war wächsern, und man sah ihr an, dass sie Schmerzen hatte. Sobald sie auf dem Untersuchungsstuhl lag, suchte Sören behutsam und gewissenhaft nach der Ursache ihrer Beschwerden.

Nachdem er die Untersuchung beendet hatte, fragte die Patientin bange: „Haben Sie herausgefunden, was mir fehlt, Herr Doktor?“

Sören nickte.

„Ja, Frau Wolff, Sie leiden an einer fortgeschrittenen Endometritis.“

Andrea Wolff erschrak.

„Mein Gott, das hört sich ja schlimm an. Endo... Das, das klingt so nach Ende ...“

Sören beruhigte die Patientin mit einem sanften Lächeln.

„Keine Angst, eine Endometritis ist nichts weiter als eine Gebärmutterentzündung, Frau Wolff. Kommt öfter vor.“

„Und was können Sie dagegen tun?“, erkundigte sich die Patientin bange

„Wir werden Sie leider hierbehalten müssen.“

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942309
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v912259
Schlagworte
claudia sein traum

Autor

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Titel: Sein blonder Traum heißt Claudia