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Ein Mann wie Brazos McCord

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Mann wie Brazos McCord

Copyright

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Ein Mann wie Brazos McCord

Westernroman von R. S. Stone

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Der ehemalige Cowboy Brazos McCord tritt unter dem legendären Captain Leander McNelly in den Dienst der Texas-Ranger ein. Sein erster Auftrag erscheint zunächst recht einfach: Er soll den mehrfachen Mörder Cole Ketchum überführen und ihn nach Texas zurückbringen, damit ihm dort der Prozess gemacht werden kann. Doch dann wird das Schiff, auf dem McCord gemeinsam mit seinem Gefangenen die Rückreise antritt, überfallen. Die Mannschaft des Schiffes wird niedergemacht, der Gefangene befreit und zudem die Reisegruppe, eine reiche und verwöhnte Schar aus dem Osten, die zumeist aus jungen Frauen besteht, entführt. Nur McCord überlebt diesen mörderischen Anschlag, sowie die hübsche, arrogante Industriellentochter Marylee du Mauret,und auch der raubeinige Bootsmann Goodnight.

Gemeinsam macht sich das ungleiche Trio auf, um sich auf die Suche nach den Banditen zu machen. Dabei stoßen sie auf ein Nest von üblen Menschenhändlern, die Mädchen an einen reichen Bordellbesitzer verkaufen und Männer als Sklavenarbeiter in Silber- und Kupferminen einsetzen.

Die Stunde der Bewährung scheint für Brazos McCord gekommen. Denn unter den Anführern der Banditen befindet sich auch der Mörder Cole Ketchum. Und den will Brazos wiederhaben – um jeden Preis!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER EDWARD MARTIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1. Kapitel

Die Dämmerung senkte sich wie ein dunkelblaues Tuch über den Nueces-Streifen. Ein kühler Wind strich von Westen über die Plains und trug den unverkennbaren Duft der Brasada zu ihm heran.

Ruhig und friedlich war es. So, als könne kein Wässerchen diesen Landstrich trüben, der zwischen dem Nueces und dem Rio Grande lag. Dennoch war es eine tückische Ruhe. Denn in diesem Land ging es in jenen Tagen alles andere als friedlich und harmonisch zu. Es war ein Sammelbecken, in dem aufständische Comanchen und Banditen ständig für blutigen Aufruhr sorgten.

Brazos McCord wusste das und hatte den Platz seines Nachtlagers so gewählt, dass man ihn nur schwer entdecken konnte. Er hockte an einem kleinen Feuer, umgeben von zahllosen Felsen, dichtem Buschgestrüpp und völlig abseits des Weges, der durch das Buschland zum Rio Grande führte. Er war, wie die meisten Männer in Texas auch, von hochgewachsener Statur, und seine Figur war typisch für einen, der die meiste Zeit seines Lebens im Sattel verbrachte – breit in den Schultern, schmal in den Hüften. Er hatte ein scharf geschnittenes Gesicht, das von der Sonne und der ständigen Berührung im Freien tiefbraun gefärbt worden war. Dunkelblondes Haar lugte unter seinem Stetson hervor, das nötig wieder einmal in Form gebracht werden musste, so wie einige andere Dinge auch.

Scheinbar lässig kauerte er nach Cowboyart auf den Absätzen am Feuer, hielt den Blechbecher in beiden Händen und schlürfte bedächtig am heißen Kaffee – ein Mann, der nach außen hin einen völlig entspannten Eindruck machte. Aber wer ihn kannte, wusste, dass Brazos McCord alles andere als unbekümmert dort am Feuer hockte. Seine Sinne waren wachsam. Es war eine Mischung aus Instinkt und Vorsicht, die zu einem Bestandteil seines ruhelosen Lebens geworden war. Immer wieder ließ er seinen Blick der blass-blauen Augen in die Runde schweifen. Seine Ohren registrierten jedes Geräusch, schien dies auch noch so schwach und nichtig, denn gerade das scheinbar Unbedeutende konnte hier draußen entscheidend sein über Leben und Tod.

Er sah hinüber zu seinem Pferd. Der Schecke stand etwas abseits des Feuers, rupfte bedächtig am Grasbewuchs. Mann und Tier waren schon eine ganze Weile zusammen, und irgendwann hatte Brazos sein Pferd einfach Pedro getauft. Manchmal hob er den Kopf, schnupperte in den Wind und warf einen Blick in Richtung seines Herrn, um dann weiter am Gras zu rupfen. Plötzlich stellte Pedro die Ohren auf und ließ ein kurzes Schnauben ertönen. Mit dem Vorderhuf stampfte er unruhig auf den Boden und warf den Kopf nach oben, sodass seine Mähne flog.

Für Brazos McCord eine eindeutige Warnung.

Nur einen Augenblick später drang ferner Hufschlag an seine Ohren. Zunächst recht schwach, dann immer lauter werdend. Plötzlich krachten Schüsse.

Der Kaffeebecher landete auf dem sandigen Boden. Brazos McCord sprang vom Feuer auf. Seine Rechte griff nach dem Remington im Holster. Mit dem Stiefel scharrte er Sand über die Flammen, bis sie erloschen. Dann schob er sich durchs Buschgestrüpp, erklomm den seichten Anstieg einer Felsleiste und legte sich hinter einem Stein in Deckung. Von Osten her, aus der Richtung des Nueces, zog ein Reiter in wildem Galopp eine tüchtige Staubwolke hinter sich her. Für Brazos McCord zuerst nur als schemenhafte Gestalt erkennbar, hing er weit vornübergebeugt im Sattel und verlangte seinem Pferd alles ab.

Der Grund für das Tempo waren weitere Reiter, die ebenfalls in wilder Karriere zwischen den Hügeln auftauchten und hinter dem Mann her hetzten, wie der Teufel hinter der armen Seele. Vereinzelte Schüsse peitschten immer wieder auf. Allerdings erzielten diese noch keine Wirkung.

Noch nicht.

So sehr sich der Verfolgte bemühte, seinen Häschern zu entkommen, der Abstand zwischen ihm und den anderen verringerte sich immer mehr.

Vier Verfolger waren es, und sie hatten scheinbar die besseren Pferde.

Brazos McCord kniff die Lippen hart zusammen. Es würde gewiss nicht lange dauern und das Quartett hätte ihr Opfer bald eingeholt. Es sah nicht gut aus für den Mann.

Nun konnte ihn Brazos McCord bereits besser erkennen, denn der Mond war durch eine eine Wolkendecke gebrochen und warf sein silbriges Licht durch die Dämmerung. Das Gesicht des Mannes war bleich, und das sicher nicht allein vom Mondschein. Sein linker Arm baumelte nach unten herab, während seine Rechte krampfhaft die Zügel hielten. Er war verwundet und hielt sich nur mühsam im Sattel. Die Verfolger holten auf. Jetzt pfiffen ihre Geschosse haarscharf an ihrem Opfer vorbei. Dieser Bursche hatte keine Chance, zu entkommen. Und dann passierte es auch schon. Eine Kugel schlug dumpf in den Körper des Pferdes ein. Das Tier wieherte schrill auf, und knickte in den Vorderläufen ein. Der Reiter wurde über das zusammenbrechende Pferd hinweg katapultiert, überschlug sich in der Luft und landete krachend auf dem Boden.

Das war‘s!, ging es durch Brazos McCords Kopf. Jetzt haben sie ihn.

 

***

 

Texas-Ranger Owen Carrick spie Sand und Dreck aus dem Mund und richtete sich langsam vom Boden auf. Sein Schädel dröhnte. Die Verwundung in seinem Arm schmerzte höllisch. Er hatte Glück gehabt, sich beim halsbrecherischem Sturz nicht das Genick gebrochen zu haben.

Glück?

Zum Teufel damit!

Sie hatten ihn wie eine Ratte in der Falle. Ein Entkommen gab es nicht. Carricks Rechte berührte das Holster an seiner Seite.

Leer.

Die Waffe war ihm beim Sturz herausgefallen.

Aber was hätte die jetzt auch noch genutzt?

Er sah sie auf sich zukommen, langsam, ohne Hast, ohne Eile. Sie bildeten eine Reihe. Zwei von ihnen hielten Gewehre in den Händen, deren Mündungen drohend in Carricks Richtung zeigten. Dicht vor ihm verhielten sie ihre schnaufenden und keuchenden Tiere. Sie blickten mit unversöhnlichen, hasserfüllten Mienen auf Carrick herab.

Es gab kein Pardon. Carrick sah es in ihren kalten, harten Augen. Zunächst wurde nicht gesprochen. Nur das Klirren der Gebissketten und das Keuchen ihrer Gäule drang an seine Ohren. Einer der Reiter löste sich aus der Gruppe und lenkte sein Pferd dichter an ihn heran. Sein Name war Wade Haskin, ein großer, schwerer Mann, mit einem Gesicht, das wie aus Stein gemeißelt schien. Er hatte keine Waffe in der Hand. Aber das bedeutete nichts. Kalte, graue Augen blickten mitleidlos zu Carrick herab.

»Jetzt haben wir dich genau da, wo wir dich haben wollten, verdammter Ranger. Du dachtest wohl, du könntest uns entkommen, wie?« Ein kehliges Lachen folgte, das keineswegs freundlich klang.

Jedenfalls nicht in Owen Carricks Ohren. Er knirschte mit den Zähnen. Zum einen, weil er sich in dieser schier ausweglosen Lage sah, und zum anderen, weil ihm die Verwundung in seinem Arm höllische Schmerzen bereitete.

»Was soll nun werden, Haskin? Was habt ihr Hundesöhne vor?«

Die Antwort kam sofort. Es gab ein surrendes Geräusch, als die Lassoschlinge durch die Luft sauste und sich um Carricks Oberkörper zog. Ein heftiger Ruck folgte, und der Ranger fiel nach vorn aufs Gesicht.

Dann drangen Wade Haskins abfällige Worte an seine Ohren: »Dafür, dass du unseren Bruder erledigt hast, werden wir dich natürlich umlegen. Hängen wirst du. Aber vorher wird Jesse noch den Boden mit dir pflügen. Das wird mächtig spaßig werden, Ranger.«

Der Ranger versuchte verzweifelt sich aus der Schlinge zu befreien, er wand sich am Boden wie ein Aal. Sein verletzter Arm schlug dabei hart gegen einen Stein. Der jähe Schmerz entlockte ihm einen heiseren Schrei.

Jesse Haskin warf seinen Gaul herum. Das Lasso straffte sich. Mit größter Anstrengung versuchte Carrick, sich gegen das Lasso zu stemmen. Zwecklos. Er wusste genau, was diese Bande mit ihm vorhatte. Sie wollten ihn zu Tode schleifen. Und das, was dann noch von ihm übrig war, würden sie einfach an einem Ast knüpfen.

Wieder gab es einen tüchtigen Ruck, als der hämisch lachende Jesse sein Pferd antraben ließ und Carrick am Lasso hinter sich herzog.

In diesem Augenblick krachte ein Schuss. Das Geschoss riss Jesse Haskin den Hut vom Kopf. Jäh brachte er sein Pferd zum Stehen. Dann starrten sie alle staunend auf die Silhouette eines hochgewachsenen Mannes, der plötzlich wie durch Zauberei zwischen Felsen und Buschgestrüpp aufgetaucht war und eine rauchende Winchester in den Händen hielt.

Wade Haskin war der erste, der die Sprache wiederfand. In seinen Augen blitzte es zornig auf, und sein Gesicht verzog sich zu einer hasserfüllten Fratze.

»Brazos McCord!«, rief er, und es klang wie ein Fluch.

 

***

 

Brazos McCord sah, wie sich Wade Haskins Hand nach unten bewegte. Blitzschnell richtete er die Mündung der Winchester auf dessen imposante Brust.

»Wade, halt deine Rechte still. So ist‘s brav! Das gilt auch für euch, Jesse, Nat und Steve!«

»Wade, dieser Schweinehund hat meinen Hut durchlöchert! Dafür mache ich ihn kalt!«, hörte Brazos McCord Jesse schreien. Es klang wie das Kreischen einer hysterischen Frau.

Brazos McCord wusste, dass dieser Bursche verrückt war. Aber das machte ihn nicht minder gefährlich als Wade Haskin und seine anderen Brüder. Ganz im Gegenteil. Wade hob die Hand, ohne den Blick von Brazos McCord zu nehmen. »Halt‘s Maul, Jesse. Halt einfach nur dein verdammtes Maul.«

Brazos sah den wutentbrannten Zorn in Wade Haskins Augen. Für ihn war es schlimm genug, dass ihnen jemand tüchtig in die Suppe gespuckt hatte. Aber noch schlimmer war es, dass dieser jemand ausgerechnet Brazos McCord war. Denn sie waren alles andere als gute Freunde.

Nun, Brazos kannte diese Burschen gut genug und verabscheute, was sie mit dem Ranger vorhatten.

»Misch dich hier nicht ein, McCord. Das ist eine Familienangelegenheit. Hast du verstanden? Verpfeif dich, und wir wollen vergessen, dass wir dich zu Gesicht bekommen haben.«

Wade Haskin hatte schon immer ein loses Maul, und Brazos McCord ließen seine Worte völlig kalt. Mit einem Kopfnicken wies er auf Jesse. »Ich möchte nicht, dass du noch mehr Unfug mit dem Seil anrichtest, Jesse. Sei also so gut, und nimm dem Mann das Lasso ab. Okay?«

Er hatte freundlich gesprochen, aber auch der begriffsstutzigste Mensch auf Erden hätte deutlich die Warnung in seinen Worten erkannt. Brazos sah die Unentschlossenheit in Jesse Haskins stupidem Gesicht. Jesses Blicke wanderten zu Wade, dann zu den anderen beiden Brüdern. Die hielten ihre Gewehre zwar noch in den Händen, aber die Mündungen zeigten auf den Boden.

Noch …

Jesse entschloss sich zu ein mutiges Grinsen. »Und was ist, wenn ich‘s nicht tue?«

Brazos McCords Worte klangen weiterhin freundlich, der Inhalt jedoch war es nicht. »Nun, mein lieber Jesse, dann müsste ich dir deinen hässlichen Schädel vom Rumpf schießen.«

»Du bist allein. Wir sind vier!«, schrie plötzlich Wade Haskin und schnappte nach dem Colt. Aber er war nicht der Mann, den Brazos McCord zuerst bedienen musste. Denn im gleichen Augenblick wagten es die Brüder Nat und Steve. Jene, die noch ihre Gewehre in den Händen hielten. Die Läufe beider Waffen zuckten gleichzeitig hoch und in Brazos McCords Richtung.

Doch sie waren im Nachteil, merkten dies aber zu spät. Sie berechneten nicht das Tänzeln ihrer nervösen Pferde. Sie mussten neu zielen, und das kostete Zeit. Zeit, die sie nicht hatten und die entscheidend war für Leben und tot.

Noch während Brazos seine Winchester in ihre Richtung riss, raste der Abzugshebel rauf und wieder runter. Zweimal, und das in einer Geschwindigkeit, als hätte diese Bewegung nur ein einziges Mal stattgefunden. Aber zwei Männern brachte es den Tod. Fast gleichzeitig kippten Nat und Steve Haskin aus den Sätteln und schlugen hart am Boden auf.

Wade Haskin gelang es, seine Waffe zu ziehen. Aber auch sein Pferd verhielt sich alles andere als still. Im Moment, da sich der Lauf auf Brazos richtete, warf das Tier den Kopf in die Höhe und verhinderte ein genaues und rasches Zielen.

Brazos federte in die Knie. Wieder beschrieb die Winchester einen kurzen, flachen Bogen und spie Feuer. Wade Haskin wurde wie von einer unsichtbaren Faust aus dem Sattel geschleudert. Sein linker Fuß verfing sich im Steigbügel. Noch während er auf den Boden fiel, sprengte das erschreckte Tier nach vorn und schleifte Haskin hinter sich her. Er bekam genau die Behandlung, die dem Ranger zugedacht worden war. Nur spürte Wade Haskin sie nicht mehr. Er war bereits tot.

Und Jesse Haskin?

Noch während Brazos McCord Wade Haskin aus dem Sattel stürzen sah, warf er sich zu Jesse herum. Aber der saß nicht mehr im Sattel seines Pferdes. Stattdessen tauchte hinter Jesses Pferd die taumelnde Gestalt des Rangers auf. Brazos sah das verzerrte, bleiche Gesicht des Mannes und hörte ihn mit keuchender Stimme rufen: »He, Kumpel! Den letzten habe ich aus dem Sattel geholt.«

Bevor sich Brazos fragen konnte, wie dieser Bursche das vollbracht haben könnte, sackte der verwundete Mann auf die Knie und fiel mit dem Gesicht zuerst auf den Boden. Nun, auch Jesse lag am Boden. Als Brazos sich über ihn beugte, starrten dessen leblose Augen zu ihm empor. Er war vom Pferd gestürzt und hatte sich beim Sturz das Genick gebrochen.

Dafür gab es für Brazos nur eine Erklärung. Offensichtlich musste es diesem Ranger gelungen sein, ihn mit einem Ruck des Lassos vom Gaul zu holen, während er, Brazos McCord, mit den anderen Haskins beschäftigt gewesen war.

Brazos staunte nicht schlecht. Das hatte er dem verwundeten Ranger gar nicht zugetraut. Mit einem Mal wurde ihm jäh bewusst, dass es jetzt keine Haskins mehr gab. Allerdings war das kein großer Verlust für das Land – im Gegenteil.

 

***

 

»Ich bin kein Arzt, aber Ihre Wunde sieht verdammt übel aus. Die Kugel steckt noch drin und muss ganz schnell rausgeholt werden. Ein Andenken der Haskins, wie?«

Texas-Ranger Owen Carrick lehnte mit dem Rücken an einen Felsstein und sah mit bleichem Gesicht zu Brazos McCord auf.

»Ein Souvenir, genauso wie das verdammte Lasso, von dem Sie mich eben befreit hatten. Mann, wenn Sie nicht so plötzlich aufgetaucht wären, hätte mich diese dreckige Bande zu Tode geschleift. Sie … Sie haben auch schon Bekanntschaft mit denen gemacht, wie ich‘s herausgehört hatte, stimmt‘s?«

Brazos reichte ihm grinsend einen Blechbecher Kaffee, den Carrick dankbar in seine gesunde Hand nahm. Er versuchte sich etwas aufzurichten, unterließ es aber, weil heftige Schmerzen durch seinen Körper jagten. Der Mann sah alles andere als gesund aus. Seine Kleidung war zerrissen und blutverschmiert. Überall auf seiner Haut zeigten Abschürfungen, was vor wenigen Minuten mit ihm geschehen war.

»Ja, wir sind alte Bekannte. Besonders Wade und ich. Ich wundere mich nur, gerade hier auf diese Bande gestoßen zu sein. Die letzte Begegnung mit dem Pack fand oben am Red River statt. Schon ein Weilchen her, vielleicht ein Jahr.« Er zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Nun, egal wie. Um Wade Haskin und seine Brüder braucht man sich hierzulande keine Sorgen mehr machen.«

Carrick versuchte ein Lächeln, was eher zu einer schmerzverzerrten Grimasse wurde. »Die haben Sie aber erstaunlich fix aus den Sätteln gehoben. Alle Achtung. Was sind Sie? Ein Revolvermann oder sowas?«

Brazos lachte. »Wohl kaum. Würde mich eher als umhervagabundierenden Drifter bezeichnen – im Augenblick jedenfalls. Aber verraten Sie mir mal, wie es dazu kam, dass der verdammte Jesse so plötzlich aus dem Sattel geflogen ist? Möchte wissen, wie Sie das angestellt haben.«

»Konnte ja nicht tatenlos zusehen. Da habe ich mich während des Tumults nach hinten geworfen. Das Lasso spannte sich und riss den Dreckskerl aus dem Sattel. Dass der sich gleich beim Sturz das Genick bricht, hatte ich allerdings dabei nicht bedacht.«

»Aber böse sind Sie deswegen sicher nicht, was?«

Carrick schaffte ein zynisches Grinsen unter heftigen Schmerzen. »Sehen Sie mich an, McCord. Dann wissen Sie Bescheid, wie ich über die Sache denke.«

»Wieso waren die Haskins eigentlich so mächtig versessen auf Ihren Skalp?«

»Nun, ich wurde beauftragt, Rudd Haskin zu stellen und ihn wegen Mordes zu überführen. In Kingsville konnte ich ihn stellen. Die Sache war auch ganz einfach. Schließlich prahlte dieser Kerl damit, einen Mann auf offener Straße über den Haufen geschossen zu haben. Dieser Irre fand dass sogar richtig spaßig. Das Gesetz allerdings weniger.«

»Verstehe. Aber Rudd wollte sich nicht einfach so gefangennehmen lassen, wie?«

»Ganz recht. Er zog. Aber ich war schneller. Verdammt, ich hatte keine andere Wahl. Nun, seinen Brüdern war das völlig egal. Die machten Jagd auf mich. Na, den Rest kennen Sie ja.«

Brazos nickte, sah in das bleiche verschrammte Gesicht des Rangers. Der Mann hielt sich erstaunlich gut. Aber Brazos wusste, dass es ihm höllisch dreckig ging.

»Was meinen Sie, Carrick … die nächste Stadt ist Rosita, würde ich sagen. Vielleicht zehn Meilen von hier entfernt. Können Sie‘s auf einem Gaul schaffen?«

»Zur Hölle! Halten Sie mich etwa für ein Weichei, McCord?«

Brazos McCord lachte auf. Das war genau die Antwort, die er hören wollte. Eine andere hätte er von diesem Ranger auch gar nicht erwartet. Das war ein zäher Bursche, und Brazos kam nicht umhin, ihm seine Bewunderung zu zollen. Dieser Carrick war ein Mann nach seinem Geschmack und er war froh, zur rechten Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, um ihm das Leben zu retten.

 

 

2. Kapitel

In Rosita gab es keinen Arzt. Jedenfalls nicht mehr, als Brazos McCord mit dem verwundeten Owen Carrick die Stadt erreichte. Doc Atherlac sei vor zwei Tagen verstorben, wurde ihm erklärt und man wies dabei stumm auf den Friedhof vor der Stadt.

Aber es gab eine spanische Mission, nahe des Friedhofes, und die Padres dort verstanden sich recht gut auf die Versorgung von Wunden. Carricks Zustand hatte sich auf dem Weg drastisch verschlechtert. Er wurde von heftigen Fieberattacken geschüttelt, begann während des Ritts wirres, zusammenhangloses Zeug von sich zu geben. Brazos McCord war gezwungen gewesen, die Hände des Rangers ans Sattelhorn zu fesseln, damit er nicht vom Pferd fallen konnte.

Nun, die Padres nahmen sich des Verwundeten an und kümmerten sich sofort um ihn. Und als Padre LeFavre mit sorgenvoller Miene auf Brazos McCord zutrat, glaubte dieser schon, des Rangers letztes Stündlein hätte geschlagen.

Doch Fehlanzeige, wie ihm die folgenden Worte des Padres bewiesen.

»Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, Señor McCord. Wunder können wir nicht vollbringen. Das allein liegt in der Hand des Herrn. Aber es sieht gut aus.« Der pflichtbewusste Padre bekreuzigte sich, und Brazos McCord nickte.

»Ich danke Ihnen, Padre. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen und nach ihm sehen.«

»Tun Sie das, Señor. Ihr Freund wird sich gewiss sehr darüber freuen.«

Freund?

Darüber dachte Brazos McCord nach, als er Mission verließ und nach draußen in den mit prachtvoll blühenden Pflanzen angelegten Vorgarten trat, wo sich einige Gottesdiener liebevoll zu schaffen machten, wo sich einige Gottesdiener liebevoll zu schaffen machten. Er kannte diesen Owen Carrick kaum. Aber irgendwie nahm er seltsamen Anteil an dem Schicksal des Mannes, der nur knapp dem Tod durch seine Verfolger entgangen war. Ja, vielleicht war er ein Freund, zumindest empfand er Sympathie für diesen Mann und hoffte, die Padres würden Carrick am Leben erhalten. Ganz sicher würde er wieder nach ihm sehen. Das nahm er sich felsenfest vor, als er an seinen Schecken herantrat und dem Tier einem liebevollen Klaps verpasste. Der Schecke dankte es ihm mit einem wohlwollenden Schnauben, das er ausstieß, während er den Kopf in Richtung seines Herrn drehte.

Brazos glitt in den Sattel, warf einen Blick auf das Pferd, welches einst Wade Haskin gehörte und nun in Carricks Besitz übergegangen war. Das Tier sah ihn mit großen Augen an, schnaubte und wandte sich dann wieder ruhig dem Wassertrog zu. So, als würde es alles in bester Ordnung finden.

Ein gerechter Tausch, wie Brazos fand. Denn schließlich hatten die Haskins Carricks einstigen Gaul unter dessen Hintern weggeschossen. Außerdem brauchte Wade Haskin kein Pferd mehr.

Nun, hoffentlich trifft dies nicht bald auf Owen Carrick zu, dachte Brazos, während er den Schecken herumzog und auf die staubige Straße lenkte.

 

***

 

Wie Brazos es vermutete und erhofft hatte, erwies sich der Texas-Ranger als zäher Bursche. Kaum vierundzwanzig Stunden später erfuhr er von Padre LeFavre, dass es dem Patienten deutlich besser ginge. Allerdings, so räumte der Gottesmann mit mahnendem Zeigefinger ein, wäre der Patient noch weit davon entfernt, bald in den Sattel zu steigen, um seinen Dienst aufzunehmen.

Nach dieser Nachricht hätte Brazos also beruhigt in den Sattel seines Schecken gleiten und seines Weges ziehen können. Seltsamerweise tat er dies nicht. Einen Grund für sein Zögern konnte er dafür nicht nennen. Ihm fehlte ein greifbares Ziel, um weiter zu reiten. Das jedenfalls redete er sich ein. So wollte er er noch etwas in Rosita verweilen, dieser kleinen Stadt, deren Häuser aus dicken Mauern von Adobelehm bestanden. So, wie in vielen anderen auch im Gebiet des Nueces. Im Sommer waren sie hart wie Zement. In nassen Tagen schlüpfrig und klebrig wie Kleister.

Rosita war keine aufregende Stadt. Jedenfalls nicht für einen umtriebigen Mann wie Brazos McCord. Aber sie war erfüllt von einer eigenartigen Ruhe, die im starken Kontrast zu ihrem Umfeld stand, in einer Gegend, in der es ständig zu heftigen Unruhen kam.

Dass es sich in dem verschlafenen Rosita so ruhig verhielt, erklärte sich Brazos damit, dass es hier einfach nichts zu holen gab. Weder für umherstreifende Comanchenhorden, noch für Bandidos aller Art. Umso mehr wunderte er sich über jene dicken Adobemauern, von denen er wusste, dass man sie aus Schutzmaßnahmen vor Übergriffen errichtet hatte. Nun, diese Häuser und Mauern waren schon älter, und vielleicht war es in Rosita früher etwas wilder zugegangen.

Wie auch immer.

Brazos hatte nichts gegen ein paar Tage Ruhe. Warum auch nicht? Schließlich gab es ja noch genügend Bucks in seinen Taschen, die ihn davon abhielten, sich irgendwo in der Nähe nach Arbeit umzusehen. Seinen letzten Job hatte er als Trailman gehabt. Zusammen mit dem eisenharten Trailboss Nolan Harper und dessen Mannschaft hatte er eine 3000-köpfige Herde Longhorns von San Antonio rauf nach Kansas gebracht. Es war ein höllisch harter Trail gewesen. Die Anstrengungen steckten ihm noch jetzt tüchtig in den Knochen. Und dabei war Brazos McCord wahrhaftig alles andere, als ein zart besaiteter Mann.

Ein paar Tage Ruhe kamen ihm da schon ganz recht.

Der alte Sanchez Domingo betrieb eine kleine Bodega, mit ein paar Zimmern in der oberen Etage für Durchreisende Dort hatte sich Brazos McCord einquartiert. Es war nichts besonderes, aber für ihn reichte es vollkommen aus. Ein Mann, der ja gewohnt war, viele Nächte seines Lebens unter freiem Himmel zu verbringen, war nicht sonderlich anspruchsvoll. Ein richtiges Bett war für ihn Luxus genug. Außerdem gab es da noch etwas, das ihm den Schlaf mächtig versüßt hatte in der ersten Nacht.

Und dieses Etwas saß an einem Tisch, zusammen mit zwei anderen Mädchen, und legte ein sündhaft schönes Lächeln in ihr hübsches, wenngleich auch etwas grell geschminktes Gesicht, als Brazos in die Bodega kam und den Tresen ansteuerte. Brazos McCord, der Damenwelt zumeist sehr höflich zugetan, lüftete seinen Stetson und sah, wie Juana ihm einen freudigen Handkuss herüberwarf.

Er erinnerte sich wieder an die letzte Nacht, schmunzelte breit und trat an den Tresen heran, hinter dem Sanchez Domingo stand und fleißig sein Tuch über die Tresenplatte gleiten ließ. Ein breites Grinsen teilte seinen wuchtigen Schnurrbart, als er zu Brazos aufblickte. Es war das Grinsen eines Mannes, der gut beobachten und dabei eins und eins zusammenzählen konnte, sich aber beharrlich darüber auszuschweigen wusste. Er war ein freundlicher Mann, dieser Sanchez, wie Brazos McCord fand, gewiss auch mit allen Wassern gewaschen. Dem kleinen Burschen mit seinem Vollmondgesicht und den so schuldlos dreinblickenden Kulleraugen waren gewiss nicht die Blicke entgangen, die sich Juana und Brazos McCord zugeworfen hatten.

Was die Bedeutung jener Blicke anbelangte, so war er souverän genug, die Gedanken dabei für sich zu behalten, dieser kleine Bodegabesitzer.

So fragte er stattdessen: »Wie geht es Ihrem Compadre, Señor McCord? Sie haben ihn doch sicherlich gerade bei den Padres in der Mission besucht, richtig?«

»So ist es. Nun, ist ‘n zäher Bursche, meint der Padre. Aber er hat ausdrückliche Bettruhe verordnet bekommen«, antwortete Brazos McCord auf Sanchez‘ Frage und orderte sogleich ein großes Glas Ingwer-Bier.

»Si, Señor McCord. Ich bin überaus glücklich, das zu hören.« Sanchez griff eifrig ins Regal und angelte ein großes Bierglas hervor. Dies ließ er einmal gekonnt herumwirbeln und setzte es unter den Zapfhahn. Mit einer Geschwindigkeit, die selbst Brazos McCord überraschte.

»Möchten Sie nicht einen guten Schluck Tequila? Oh, Señor, ich habe hier den besten und feurigsten …«

Brazos lehnte mit einer resoluten Handbewegung ab. Er gehörte nicht zu den Männern, die am helllichten Tag schon starken Alkohol zu sich nehmen. Hinter sich vernahm er das Geräusch eines zurückgeschobenen Stuhles. Er brauchte sich nicht umzudrehen, sondern wusste auch so, dass Juana sich erhoben hatte und nun seine Richtung ansteuerte.

Und richtig, denn einen kurzen Augenblick später stand sie neben ihm am Tresen, legte ihre zarte Hand auf ihre Schulter und blickte mit ihren großen, dunklen Augen erwartungsvoll zu ihm auf. »Du wirst doch sicher noch etwas bleiben, nicht wahr?«

Brazos McCord ergriff sein Bierglas und wandte sich ihr zu. »Wüsste nicht, was dagegen sprechen sollte, du kleine schwarzhaarige Teufelin.«

So hatte er sie in der vergangenen Nacht auch genannt, und das nicht nur einmal. Juana lachte belustigt auf. Ihr Lachen gefiel ihm, wie so einiges an ihr. Es war ein kehliges Lachen, mit einem Timbre, das einen Mann mächtig ins Schwitzen bringen konnte. Sie war recht jung, diese hübsche Mexikanerin mit ihrem rabenschwarzen Haar und den ebensolchen Augen. Vielleicht gerade neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Wenn überhaupt. Aber sie hatte es schon jetzt verdammt faustdick hinter den Ohren.

Juana fuhr sich vielsagend mit der Zunge über die Lippen. »Das ist schön. Dann trink schnell das Bier aus und lass uns nach oben gehen.«

Prüde war sie nicht, das stand schon mal fest, und Zeitverschwendung war auch nicht ihre Sache. Juana war ein Mädchen, das wusste, was es wollte, oder besser: wen es wollte, und das am liebsten sofort. Brazos, der sich gerade einen herzhaften Schluck gönnte, verschluckte sich beinah an seinem Bier. Er äugte verstohlen nach hinten zum Tresen.

Sanchez hatte sich abgewandt, tat, als würde er sich mit dem Wischen des Tresens beschäftigen. Aber Brazos war sicher, dass diesem Burschen mächtig die Ohren klingelten. Denn es zeigte sich nur allzu deutlich ein verschmitztes Lächeln unter dem Schnurrbart des kleinen Bodegabesitzers.

 

***

 

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinem Schlaf. Benommen richtete er sich auf und rieb sich müde übers Gesicht. Draußen wurde es bereits dunkel, das fahle Licht der Straßenlampen fiel durch das geteilte Fenster. Juana lag neben ihm. Sie schlief noch und schnurrte dabei selig und süß wie ein Kätzchen.

Aber Brazos McCord hatte dafür gerade kein Auge. Der Störenfried draußen auf dem Flur ging ihm tüchtig auf die Nerven. Dann drang Sanchez Stimme zu ihm herein: »Señor McCord! Señor McCord! Machen Sie bitte auf!« Wieder klopfte es hart und eilig an der Tür.

Wenn dieser Bursche keinen triftigen Grund hat, mich aus den Träumen zu reißen, dann Gnade ihm Gott! Mit diesen grimmigen Gedanken schälte sich Brazos aus dem Bett. Nackt wie er war, schlich er über den alten Teppich. Auf dem Weg zur Tür langte er nach seinem Holster und zog den Remington heraus. Wahrscheinlich gab es dafür keinen triftigen Grund. Aber Brazos McCord war von Natur aus ein vorsichtiger Mann. Wieder hämmerte der Bodegabesitzer hämmerte gegen die Tür. Brazos legte mit dem Daumen den Abzugshahn nach hinten und zog die Tür einen Spalt auf.

Er musste für Sanchez einen komischen Eindruck gemacht haben, so wie er plötzlich in der Tür stand; nackt und mit dem Remington in der Faust, den Lauf dabei dabei nach oben zeigend. Jedenfalls stieß der Bodegabesitzer einen erschreckten Laut auf und bekreuzigte sich sofort.

»Señor McCord, um Gottes Willen, stecken Sie die Waffe weg. Ich bin‘s doch nur.«

Brazos McCord, der sich inzwischen davon überzeugt hatte, dass nur Sanchez allein im Flur stand, legte den Hahn zurück in die Ruhestellung.

»Zur Hölle, warum machst du hier so ‘nen verdammten Lärm, als wenn eine Horde Bandidos über deinen Laden herfallen will?«

»Señor, bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich hätte es gewiss nicht gewagt, Sie … aber unten in meinem Lokal ist ein Mann, der Sie ganz dringend sprechen will.«

Brazos runzelte die Stirn. »Mich sprechen? Wer?«

Sanchez trat von einem Bein auf andere, so, als könne er sein Wasser nicht mehr lange halten. »Capitano McNelly, Señor Brazos McCord. Er sagt, es sei wichtig. Ganz wichtig. Er ist unten und wartet. Ein ungeduldiger Mann, dieser Capitano.«

Brazos McCord kratzte sich mit dem Lauf des Remingtons über die unrasierte Wange.

Leander McNelly!

Was, in aller Welt, konnte ausgerechnet dieser Mann von ihm wollen?

»Okay, sag ihm, ich komme gleich runter.«

»Si, Señor McCord. Ich werd‘s ihm ausrichten. Und bitte, beeilen Sie sich. Der Capitano ist …«

Brazos McCord machte eine unwirsche Handbewegung. »Ja, ich weiß, er ist ein ungeduldiger Mann. Hau schon ab, Sanchez!«

Sprach‘s und schlug die Tür mit dem Fuß ins Schloss. Dabei hörte er, wie Sanchez Stiefel in rasender Geschwindigkeit über den Flur donnerten.

 

 

3. Kapitel

Captain Leander McNelly faltete die Hände zusammen und sah Brazos McCord aus seinen hellen Augen durchdringend an. Der Captain war ein Mann, der eine eingeschworene Einheit der Texas-Ranger befehligte, und dem bereits sein Ruf als Eisenfresser vorausgeeilt war.

McNelly und seine Truppe hatten schon so manch hartgesottenem Desperado im Nueces-Streifen die heilige Mannesfurcht beigebracht. Brazos McCord hatte bereits genug Geschichten über diesen Mann gehört, um zu wissen, mit wem er es jetzt zu tun hatte.

»Ich will es kurz machen. Meine Zeit ist knapp. Als ich hörte, was mit Sergeant Owen Carrick passierte, bin ich sofort hergekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Nun, ich bin heilfroh, dass sich der Sergeant langsam auf dem Weg der Besserung befindet. Aber weniger froh bin ich darüber, dass er noch für eine Weile ausfällt. Verdammt, McCord, meine Einheit der Ranger ist ohnehin schon unterbesetzt. Und noch einen Ausfall kann ich mir nicht erlauben. Ich habe jeden Mann eingesetzt, um für Ordnung in diesem Land zu sorgen. Und ich könnte noch hundert weitere gebrauchen, damit‘s hier endlich mal etwas ruhiger wird. Aber es gibt nicht genug geeignete Männer … Um es deutlich zu sagen.«

Brazos McCord steckte sich seine fertig gerollte Zigarette zwischen die Lippen. Er entfachte ein Streichholz an der Tischkante und führte es in der hohlen Hand an den Glimmstängel heran, um ihn anzuzünden. Er paffte ein paar Züge. Qualmwolken zogen wie Nebelschwaden zur Decke, durch die er McNellys durchdringende Blicke erwiderte.

Die ganze Haltung des Captains zeigte den unverkennbar militärischen Charakter. Sein bärtiges Gesicht wirkte wie das eines Aristokraten, was er nicht war. Aber diese Züge täuschten nicht über die Krankheit hinweg, die ihn belastete.

Leander McNelly litt bereits seit Jahren an Tuberkulose, und eine Heilung war nicht in Sicht.

»Sie benötigen also händeringend Männer für Ihre Einheit. Habe ich das richtig verstanden, Captain McNelly?«

McNelly nickte, wobei er sich durch seinen dunklen Bart strich. »Sie haben‘s erfasst. Und das am besten seit gestern. Nun, durch Ihren Einsatz ist es gelungen, einem meiner besten Männer das Leben zu retten. Das verdient einen Respekt, den man nicht in Worte fassen kann. Oh, lächeln Sie nicht. Ich meine es ernst.« Er beugte sich über die Tischplatte zu Brazos McCord vor, und beschwörender fuhr er fort: »McCord, ich habe über Sie nachgedacht. Einer wie Sie wäre genau der richtige Mann für unsere Truppe. Texas ist voll von zwielichtigen Elementen und bösartigem Abschaum. Dem muss ein Ende gesetzt werden. Und, zur Hölle, ich habe die besten Männer in meiner Truppe, die das auch vollbringen. All diese King Fishers, Cortunas, Fletchers oder Taylors haben meine Männer schon das Fürchten gelehrt. Ja, Typen wie diese werden bald Geschichte sein. Texas soll ein sauberes Land werden. Bei Gott, dafür stehen meine Leute ein. Ja, Männer wie Sie einer sind, werden dafür dringend gebraucht.«

Brazos fuhr sich unschlüssig übers unrasierte Kinn. »Hm, McNelly … ich weiß nicht so recht. Sie machen aus mir ‘nen Helden, der ich wahrhaftig nicht bin. Bislang habe ich auf verschiedenen Ranches gearbeitet, bin auf einigen Rindertrails dabei gewesen. Ich kenn‘ mich also prima mit Lasso, Rindern und Pferden aus. Aber das Viehzeug, das Sie jagen, sieht doch etwas anders aus.«

McNelly machte eine unwirsche Handbewegung: »Unsinn, Mann! Machen Sie mir doch nichts vor! Als ich Sergeant Carrick vorhin in der Missionarskirche besucht hatte, sprach er in den höchsten Tönen von Ihnen. Ich weiß Bescheid, wie Sie die verfluchten Haskins in die Hölle geschickt haben! Ganz bestimmt nicht mit einem Lasso!«

»Nein, das nicht gerade, aber …«

»Aber Sie sind jetzt im Augenblick ohne Job, nicht wahr?« McNelly beugte sich weiter zu Brazos vor und sah ihm eindringlich in die Augen. »Hören Sie, McCord! Ich biete Ihnen einen Job. Nicht nur das, sondern eine ehrenhafte Aufgabe! Treten Sie in den Dienst der Texas-Ranger. Ich brauche Sie. Nehmen Sie an. Von mir aus so lange, bis Carrick wieder dienstfähig ist. Hölle, ich beschwöre Sie, Mann.«

Dieser Captain war in höllischer Not, das konnte Brazos sehen und hörte es klar heraus. Brazos befand sich im Zwiespalt seiner Gefühle. Er verspürte augenblicklich keine Lust, sich an einen Job zu binden. Zum anderen aber mochte er den ehrgeizigen Captain McNelly nicht im Stich lassen, der das Kommando über ein Ranger-Bataillon hatte, das an akutem Personalmangel litt.

Was tun?, fragte er sich, während er einen tiefen Zug aus der Zigarette machte und sie anschließend im Aschenbecher auf dem Tisch versenkte.

Er sah zu McNelly herüber und traf eine Entscheidung. »Okay, Captain. Ich bin dabei. Wir können‘s versuchen. Zu mindestens so lange, bis Owen Carrick wieder im Sattel sitzt.«

McNelly hätte ein zufriedenes Gesicht machen sollen. Das tat er nicht. Denn er hätte sich gewünscht, Brazos McCord für länger als Texas-Ranger binden zu können.

So nickte er, stieß ein leichtes Seufzen des Bedauerns aus, und räumte schließlich ein: »Einverstanden, McCord. Vielleicht gelingt es mir, Sie zu einem späteren Zeitpunkt umzustimmen, Sie länger bei der Truppe halten zu können. So habe ich Sie jedenfalls für eine Weile im Sattel der Ranger-Kompanie. Und weil das so ist, habe ich auch gleich einen Auftrag, der dringend erfüllt werden muss.«

Und genau damit begann für Brazos McCord eine Geschichte, die ihn mächtig in Atem halten sollte. Denn schon recht früh am nächsten Morgen saß Brazos McCord im Sattel seines Schecken und ritt gemächlich über die menschenleere Hauptstraße von Rosita. Er passierte Sanchez Domingos kleine Bodega. Im ersten Stock war ein Fenster geöffnet, Juanas hübscher Kopf lugte heraus. Sie warf ihm einen Handkuss zu und rief zu ihm herunter: »Wenn du wieder in Rosita bist, komm mich besuchen. Es war schön mit dir, Caballo Brazos McCord. Ich warte auf dich.«

»Natürlich werde ich das, du schwarze Teufelin«, rief er zu ihr auf, hob winkend den Arm und drehte sich dann sich im Sattel nach vorn. Er stattete einen kurzen Besuch in der spanischen Mission ab. Da sich Owen Carrick aber noch in tiefsten Träumen befand, wie ihm Padre LeFavre versicherte, trug er dem Gottesmann ein paar Grüße an den Patienten auf und ließ Rosita hinter sich. Mit dem Anflug leichten Bedauerns, denn er wäre gern noch ein paar Tage geblieben, woran die schwarze Teufelin gewiss nicht ganz unschuldig war.

Er schmunzelte bei den Gedanken an das Mädchen. Die hatte es wahrhaftig faustdick hinter den Ohren. Ein Mädchen, feurig und leidenschaftlich und zugleich süß und bezaubernd. Ganz nach seinem Geschmack. Sogleich kam ihm seine neue Aufgabe in den Sinn, und das Schmunzeln zog sich aus seinem Gesicht. Mit zwei Fingern der Rechten langte er in die Brusttasche seines Flanellhemds und angelte einen Gegenstand heraus, den er jetzt zum ersten Mal so richtig bewusst betrachtete. Es war das Abzeichen der Texas-Ranger.

Er hatte in seinem Leben schon einiges hinter sich gebracht, kannte sich aus und hatte viel erlebt.

Aber Texas-Ranger?

Teufel, das fehlte noch in der Sammlung meiner Erfahrungen, stellte er fest. Obgleich er den Stern nur zögerlich angenommen hatte, bemerkte er nun, dass ihm die neue Aufgabe sogar gefiel. Eigentlich hatte er nur dem leidgeprüften Captain McNelly helfen wollen. Nun, er mochte den Captain und zollte ihm eine gehörige Portion Respekt. Männer wie Leander McNelly waren das Salz der Erde. Jedenfalls in Brazos McCords Augen, und es erfüllte ihn mit Stolz, unter McNelly dienen zu dürfen.

Aber ging es nicht nur um McNelly, gestand er sich ein. Denn da gab es noch Owen Carrick, dem er sich aus unerklärlichen Gründen sehr verbunden fühlte.

Freund, hatte Padre LeFavre gesagt.

Nun, fast schien es tatsächlich so. Wieder erhellte ein Schmunzeln sein unrasiertes Gesicht. »Wenn alle in dieser Ranger-Truppe so sind, wie diese beiden Heldenväter, wird’s bestimmt ‘ne spaßige Sache werden, was, Pedro?«

Der Schecke antwortete mit einem lauten Wiehern, als hätte er genau die Worte seines Herrn verstanden. Brazos strich über dessen Mähne hinweg, ließ das Abzeichen wieder in der Brusttasche verschwinden und lenkte Pedro nach Süden. In Richtung Louisiana.

 

 

4. Kapitel

Ausgerechnet in Brashear City hatte man ihn geschnappt und in Haft gesetzt. Cole Ketchum war wahrhaftig so dumm gewesen, sich bei einem Überfall auf einen Store schnappen zu lassen. Ausgerechnet am helllichtem Tag und von Deputy Marshal Tate Meeker, einem biederen Burschen, der in seinem bisherigen Leben kaum durch besondere Taten und Auffälligkeiten geglänzt hatte. Das wurde schlagartig anders, als sich nach der Verhaftung von Cole herausstellte, mit welch einem üblen Kaliber man es zu tun bekommen hatte. Coles Überfall auf den Store war das bislang harmloseste Delikt, was sich dieser bisher zu schulden kommen ließ. Ja, er war in Texas eine verdammt große Nummer. Sein Register reichte von Überfällen, Erpressung, Entführung, Waffenschmuggel bis hin zum kaltblütigen Mord an einem Siedlerehepaar in der Nähe von Carizo Springs, einer Stadt, die noch im Nueces-Streifen lag.

Nun sollte der schurkische Cole nach Texas überführt werden, damit ihm dort der Prozess gemacht werden konnte. Und genau darin bestand Brazos McCords erste Aufgabe als frischgebackener Texas-Ranger.

Als er an einem sonnigen Morgen über die Hauptstraße von Brashear City ritt, staunte er nicht schlecht über das rege Treiben dieser Stadt, und er fragte sich, wie jemand wie Cole Ketchum auf die Idee gekommen war, ausgerechnet in einer so geschäftigen Stadt mitten am helllichten Tag einen Store zu überfallen. Nun, Captain McNelly hatte ihn über Cole aufgeklärt. So wusste Brazos einigermaßen über den Burschen Bescheid. Aber diese Geschichte hier ließ ihn doch an dem Verstand des berüchtigten Kerls zweifeln. Brazos lenkte seinen Schecken Pedro an zahllosen Kutschen und Frachtwagen vorbei, bis er ein rotes Backsteingebäude erreichte, dessen Seitenwand mit einem einzigen vergitterten Fenster versehen war. Darauf hielt er zu.

Vor dem Gebäude lehnte eine Bohnenstange von einem Mann und rauchte eine Zigarre. Als er Brazos McCord kommen sah, stieß er sich von der Wand ab und betrachtete den Neuankömmling mit skeptischen Blicken. Er trug einen fadenscheinigen Anzug, in dem der Kerl aussah wie eine Vogelscheuche. Was er aber zweifelsfrei nicht sein konnte, denn auf der Brust leuchtete das blinkende Abzeichen eines Deputy-Marshals.

Brazos tippe lässig an die Krempe seines Stetsons. Er kam ohne Umschweife sofort zur Sache, wie es nun einmal seine Art war, und sagte: »Guten Tag. Ich bin Texas-Ranger Brazos McCord und habe die Order, einen Gefangenen namens Cole Ketchum nach Texas zu überführen. Sind Sie Town-Marshal Ambrose Hardesty?«

Ein anmaßender Zug glitt über das lange Gesicht der Bohnenstange. »Ich bin Deputy Tate Meeker. Der Mann, der diesen Dreckskerl auf frischer Tat erwischt und überwältigt hat.« Dann wies er mit dem Daumen nach hinten. »Marshal Hardesty ist im Büro. Sie werden bereits dringend erwartet, McCord.« Dabei lächelte er breit und entblößte eine Reihe großer, gelber Zähne.

Brazos zog die Brauen zusammen. Wie ein solch komischer Vogel es fertig gebracht hatte, Cole Ketchum zu schnappen, war ihm schleierhaft. Genauso schleierhaft wie der Überfall des Banditen auf den Store. Die ganze Sache kam ihm wahrhaftig sehr suspekt vor. Mit einem Nicken lenkte er den Schecken an die Haltestange heran. Behäbig glitt er aus dem Sattel, warf die Zügelenden lose über die Stange und stampfte einige Male mit den Füßen auf den Boden auf, um die Steifheit nach diesem langen Ritt aus seinen Gliedern zu verjagen. Dann trat er an den langen Deputy heran, der ihn die ganze Zeit aufmerksam beobachtet hatte und immer noch dieses dämliche Lächeln im Gesicht trug.

»Sind Sie der Mann, der Cole verhaftet hat?« Brazos wusste das zwar durch Captain McNellys Berichten, aber er wollte es aus dem Mund dieser Bohnenstange hören.

Meeker warf sich sofort in die Brust. »Jawohl, McCord. Der bin ich.«

Brazos McCord konnte es einfach nicht glauben. Aber er nickte und schlug Meeker mit gespielter Anerkennung auf die Schulter.

»Fein gemacht.«

Das blöde Grinsen wurde um eine Nuance breiter. Jeder andere hätte sofort erkannt, dass das Lob nicht frei von Zweifeln war. Meeker allerdings nicht. Er freute sich darüber wie ein Hündchen, welches man einen riesengroßen Knochen zugeworfen hatte. Und genauso trottete er hinter Brazos McCord drein, als dieser an ihm vorbei ins Office trat.

 

***

 

Vom Lüften hielt man nicht sehr viel. Von Sauberkeit schon gar nicht. Als Brazos McCord den Raum betrat, schlug ihm ein penetranter Geruch aus ungewaschener Kleidung und Schweiß entgegen, der ihn sofort die Nase rümpfen ließ. Der Holzfußboden sah aus, als hätte er dringend eine Reinigung nötig. Die Papierkörbe quollen über, an den Decken hingen überall Spinnfäden. Von einer dicken Staubschicht überzogen waren auch die Regale, die Brazos beim Eintreten in Augenschein nahm. Leicht hätte er mit den Fingern Buchstaben in die Schicht hätte malen können.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942293
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v912255
Schlagworte
brazos mann mccord

Autor

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Titel: Ein Mann wie Brazos McCord