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Der Baron #20: Satan mit blonden Haaren

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #20: Satan mit blonden Haaren

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

1

2

3

4

5

6

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8

9

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Der Baron #20: Satan mit blonden Haaren

Krimi von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Der Baron tut einem Freund einen Gefallen. Mit Le Beau startet er einen Werbeflug um die Welt mit der zweimotorigen Cessna 414. In Wien landen sie zwischen und beobachten durch Zufall einen Banküberfall.

Die hübsche blonde Monika gibt sich als Reporterin aus und schafft es, dass die beiden sie auf ihren Flug mitzunehmen. Doch plötzlich wird sie krank …

Alexander und Le Beau fliegen nach der für sie vorgegeben Route weiter. Als sie über der syrischen Wüste sind, passiert es – mit Hilfe eines Panzers holt man die Cessna vom Himmel ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissabonner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

Prolog

Cessna-414 – Für Männer von heute und morgen!

Heute, um 14.30 Uhr, landet unser Zweimotorer auf dem Wiener Zentralflughafen. Dieses einzigartige Flugzeug — der billigste Zweimotorige der Welt! — befindet sich auf einem Flug um den ganzen Erdball. Es wird von Wien aus nach Athen, Bagdad, Gwadar, Bombay, Ceylon, Sumatra und Australien weiterfliegen.

Sind Sie ein Geschäftsmann und ständig in Eile?

Dann nehmen Sie heute Nachmittag die Gelegenheit zu einer Besichtigung wahr. Überzeugen Sie sich davon, dass ein Zweimotorer mit Druckkabine und 2x 310 PS nicht teuer sein muss! 4-5 Personen haben in der Cessna-414 Platz.

Unser Flug um die Welt wird Sie überzeugen: Das ist das Flugzeug für Sie! — Das passt in jedes Budget!

Nähere Informationen und Prospekte bekommen Sie heute von 14.30—15.30 Uhr von unseren Piloten.

 

 

1

Vier Männer mit leicht dunkel getönter Haut, schwarzhaarig, schmale Bärtchen über den Lippen, saßen im Flughafen-Restaurant und blickten hinaus auf die Rollbahnen. Einer von ihnen warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

„Noch fünf Minuten“, sagte er.

Ihre Blicke suchten den strahlend blauen Himmel im Nordwesten ab, von wo das Flugzeug kommen musste.

Draußen heulten die Motoren einer Iljuschin auf, und der betagte Oldtimer russischer Bauart, der vor dem Hangar stand, begann zu zittern und zu ächzen.

„Und das klappt bestimmt?“, fragte einer der durchweg jüngeren Männer an den gewandt, der dem Fenster am nächsten saß.

Der Gefragte war größer als die anderen, sehr breit in den Schultern, und er hatte kalt blickende Augen unter buschigen Brauen, jedoch nicht älter als höchstens achtundzwanzig Jahre.

„Habt ihr auf einmal Angst um euer Leben?“

„Wir tun alles für Palästina“, sagte einer der anderen. „Das weißt du doch genau, Efram!“

„Die Cessna fliegt haargenau über unser Gebiet. Das haben die Amis auf Tausenden von Karten aufgemalt. Und ihr werdet sehen, die beiden Kerle aus der Maschine verlassen das Gelände durch das Gebäude des Sportflughafens. Da gibt es keine Kontrollen und wird es auch morgen keine geben.“

„Und Monika? — Ist sie unbedingt zuverlässig?“

Efram Asis grinste die anderen an.

„Alle meine Weiber sind zuverlässig. Sie wissen, dass sich was anderes nicht auszahlt. — Da kommt sie ja!“

Die drei anderen Männer schauten sich um und sahen ein großes schlankes Mädchen im leichten Minikleid ins Restaurant kommen und ihren Tisch ansteuern.

Monika Lohmann, fünfundzwanzig Jahre alt, hatte langes blondes Haar und steingraue Augen. Als sie am Tisch stehenblieb, lächelte sie Efram Asis gewinnend an, setzte sich und stellte eine schwarze Fototasche auf den Tisch. Efram Asis zog die Tasche zu sich und öffnete sie.

„Ist sie groß genug?“, fragte das Mädchen mit heller Stimme.

„Da geht ’ne Menge ’rein.“ Asis schloss die Tasche wieder und stellte sie neben den Tisch. „Hast du alles behalten?"

„Ja, Efram. Ich sage, ich sei Reporterin der Frankfurter Rundschau und hierher geschickt worden. Meine Zeitung bat von der Werbeabteilung der Cessna Werke die Erlaubnis erhalten, mich an dem Flug teilnehmen zu lassen.“

„In Ordnung, Monika.“ Efram Asis grinste zufrieden. „Und dafür zahlt das Kapitalistenpack dir noch ein Honorar, vergiss das nicht! Das geht den beiden wie Öl ein!“

„Meinst du?“, fragte das Mädchen unsicher.

„Der ganze Flug ist nichts weiter als ein Werbefeldzug. Ein billiges Flugzeug, das sich schlecht verkauft, soll besser ins Geschäft gebracht werden. - Narren sind die Amis! Sollen sie das Ding doch teurer machen, dann verkauft es sich von selbst. - Du lässt die beiden nach Möglichkeit nicht aus den Augen, Monika. Weder unterwegs noch in Athen. Wenn ihr über unser Gebiet kommt, findest du vor der Oase einen roten Teppich. Damit dir kein Fehler unterläuft. Dann hältst du den Kerlen die Pistole vor die Nase. Und noch eins: Pass auf die Tasche auf!“

„Und wenn sie sich weigern, zu landen?“

„Dann erschießt du einen von ihnen.“

„Und wenn der andere sich trotzdem weigert?“

Efram Asis grinste wieder verächtlich.

„Das sind Konsummenschen, Monika! Die hängen an dem Kram, den sie sich zusammenraffen. Und natürlich noch mehr an ihrem Leben, denn was sollen sie sonst mit dem Kram.“

„Ich glaube, sie kommt, Efram“, sagte einer der Männer.

Efram Asis schaute hinauf.

Von Nordwesten schwebte ein kleiner Tiefdecker zu der am weitesten südlich gelegenen Landebahn herunter. Das kleine Flugzeug war weiß und orange gespritzt. Die beiden Motoren waren infolge des anhaltenden Lärms der Illjuschin14 nicht zu hören. Das Dreibeinfahrwerk war bereits ausgefahren. Mit Leichtigkeit, wie es aussah, schwebte die kleine Maschine heran, setzte auf das Rollfeld, machte noch einen Sprung und rollte daran über die Bahn.

„,Cessna 414 — Rund um die Welt“, stand auf dem Rumpf der Maschine.

Efram Asis und die anderen waren aufgestanden und schauten hinüber zu der ausrollenden Maschine.

„Um die kümmert sich kein Mensch“, brummte Efram Asis.

Das Flugzeug rollte wieder an, beschrieb einen Bogen und fuhr zur Halle des Sportflughafens hinüber.

Sie setzten sich wieder.

„Die Konsummenschen sollen zwei Abenteurer sein“, erklärte das Mädchen. „Ein deutscher Baron und ein junger französischer Don Juan. Wenn sie nun in Amerika zurückfragen?“

„Du gehst jetzt hinüber zum Sportflughafen und erzählst deine Geschichte“, bestimmte Asis. „Daran kommst du zurück. Wenn du am Abend wieder zu ihm kommst, wirst du wissen, dass er nicht zurückgefragt hat.“

„Und wenn sie es doch tun sollten?“

„Dann bleibst du die Reporterin und hast dich für eine tolle Story einschleichen wollen. Daran ist überhaupt nichts außergewöhnlich. Aber du wirst sehen, die rufen nicht in Amerika an.“

„Und wenn hier jemand auf sie wartet? Von ihrem Werk?“

„Hier wartet niemand. Die Anzeigenkampagne ist von den Staaten aus gesteuert. — Los, geh jetzt! — Hier, die Tasche!“ Efram hob die Tasche auf und warf sie über den Tisch.

Das Mädchen fing die Fototasche auf und hing sie sich am langen Riemen über die Schulter. „Wann wollt ihr die Barak überfallen?“

Efram stieß ein Zischen aus und blickte sich um.

„Bist du verrückt?“, schimpfte einer der anderen.

„Sobald alles Geld in der Kasse ist“, sagte Efram Asis dann. „Und um 20 Uhr geht unsere Maschine. Wir sind also lange vor dir zu Hause.“

„Zu Hause?“, fragte das Mädchen.

„Es wird dir bei uns gefallen, Monika. Wenigstens für die paar Tage, die wir uns dort aufhalten werden. Dann ist unser Auftrag erledigt, und wir kommen mit einem ganzen Teil des Geldes zurück. Für immer!“

Die Augen des Mädchens verengten sich etwas und blickten abschätzend auf die Männer. Dann wandte Monika Lohmann sich ab und lief durch das Restaurant. Als sie an der Tür war, lächelte sie wieder, selbstsicher und überlegen, und sagte leise: „Ihr Narren müsst doch denken, ich wäre auf den Kopf gefallen!“

 

 

2

Baron Alexander von Strehlitz strich sich über die angegrauten Schläfen und musterte das blonde Mädchen, dessen Presseausweis er nur mit einem uninteressierten Blick beachtete.

„Das passt mir aber gar nicht“, sagte er.

Ihre schön geschwungenen Lippen verzogen sich schmollend und ihre Augen lockten ihn so sehr, dass er spürte, wie es ihm warm unter der Haut wurde. Er lehnte sich gegen das Bugfahrwerk der Cessna und schob die Hände in die Taschen des weißen Overalls, mit dem er zur Feier des Werbefluges behängt worden war. „Sie sind auch selbst stark daran interessiert, was?“

„Als Reporter muss man sich die Sporen verdienen, Baron. Es ist vielleicht meine einzige Chance auf Jahre.“

Michel Dupont, der junge, sportliche Franzose, bückte sich unter der Tragfläche hinweg.

„So, die paar Gucker sind wir los. Da kauft sowieso keiner so einen Vogel. — Was ist denn nun, nehmen wir sie mit?“

„Was sollen wir denn weiter machen? Befehl von oben. Das passt denen doch haargenau ins Konzept, eine Story über die Kiste, die noch nicht mal was kostet.“

„Ich habe noch ein Honorar bekommen“, sagte das Mädchen.

„Auch noch.“ Alexander stieß sich vom Fahrwerk ab. „Also dann bis morgen früh zehn Uhr. Bis Athen haben wir sechs bis sieben Stunden zu kurbeln. Richten Sie sich darauf ein!“

„Ich möchte Sie heute Abend noch ein wenig kennenlernen, Baron. Damit ich über Sie schreiben kann. Ich komme in Ihr Hotel.“

„Das kennen Sie doch gar nicht.“

„Das finde ich schon heraus. Also dann!“ Das Mädchen wandte sich ab und lief zu dem kleinen, angenagten Gebäude des Sportflughafens.

„Die hat Beine wie ein Reh“, brummte Le Beau und kratzte sich am Kinn. „Aber sie sieht nur dich, Alexander. Hoffentlich ändert sich das noch.“ Das Mädchen schaute noch einmal zurück und winkte. Le Beau winkte zurück. „Tschüs, Süße! Verdammt, das verspricht doch noch etwas unterhaltender zu werden.“

„Dann hast du mich offensichtlich zu früh dafür verflucht, einem alten Freund einen Gefallen zu tun. Wir wollen uns darum kümmern, dass der Kahn in die Halle kommt.“

Le Beau blickte auf seine Uhr.

„Du, ich muss mir noch Geld holen, wenn wir mit der süßen Kleinen einen Bummel durch das verträumte Wien machen wollen. Wie lange haben die Banken denn hier auf?“

„So lange noch, dass du alle deine Schecks loswerden kannst. — Gehen wir!“

 

 

3

Alexander bezahlte das Taxi, stieg aus und blickte die breite Straße mit den alten, grau und unansehnlich gewordenen Gemäuern aus dem letzten Jahrhundert hinunter. Unmassen von Autos quälten sich zusammen mit zwei Straßenbahnzügen durch die Stadt. Passanten stießen Alexander auf dem zu eng gewordenen Bürgersteig an.

Le Beau schob sich durch die Menge, erreichte die große Glastür der Bank, ein hoher Betonklotz, der nicht in die übrige Umgebung passte, und erreichte die riesige Schalterhalle, in der jedoch nur noch ein paar letzte Kunden standen.

Alexander war Le Beau gefolgt, lehnte sich an einen Marmortisch und blickte durch die hohen Glaswände auf die schreibenden Frauen und Männer an den in Reih und Glied stehenden Tischen.

Eine Stahltür hinter dem Sicherheitsglas öffnete sich. Ein Mann mit erhobenen Händen kam bleich zum Vorschein, gefolgt von einem weiteren Mann, der einen schwarzen Trainingsanzug trug, eine Maschinenpistole im Anschlag hatte und von einem über den Kopf gezogenen Damenstrumpf unkenntlich gemacht wurde.

Alexander stand mit einem Ruck gerade und legte die Hand dort auf die karierte Jacke seines Anzugs, wo er die Pistole darunter trug.

„Alles aufstehen, Hände hoch! Weg von dem Knopf, sonst fällt der Chef tot um!“, schrie der Maskierte.

„Hände hoch!“, kommandierte in der nächsten Sekunde eine Stimme hinter Le Beau.

Er blickte über die Schulter, während er wie automatisch die Hände hob.

Zwei Männer in Straßenanzügen, mit Hüten auf den Köpfen, standen an der Tür. Ihre angeschlagenen Maschinenpistolen konnten von draußen unmöglich gesehen werden. Jemand wollte herein. Die Männer traten blitzartig auseinander, und der eine schleuderte den alten Mann, der noch gekommen war, an sich vorbei. Der Mann stürzte mit einem erschrockenen Ruf zu Boden, sprang jedoch wieder auf und hob die Hände.

Alexander blickte wieder durch die Glasbarriere und sah, dass noch ein maskierter Mann aufgetaucht war, Er hatte eine große braune Tasche, die er auf einen Schreibtisch stellte.

„Los, alles rein!“

Ein Kassierer tastete sich am Schalter entlang, aber der weißhaarige Bankier rief: „Um Himmels willen, nicht auf den Knopf drücken! Die erschießen mich!“

Der Mann ging sofort zurück.

„Gebt ihnen das Geld!“, rief der weißhaarige Mahn. „Um Gottes willen, gebt Ihnen das Geld!“

Hastig packten die Kassierer alles greifbare Geld in die braune Tasche, bis es aus ihr herausquoll.

Draußen heulte ein Martinshorn auf.

Alexander blickte wieder hinaus und sah einen Polizeiwagen mit rotierendem Blaulicht halten.

Die Gangster kümmerten sich nicht darum. Hinter dem Schalter schnappte der eine die Tasche, während der andere einen Feuerstoß aus der Maschinenpistole abgab. Putz flog aus den Wänden.

Schreiend warfen sich die Menschen hinter der Glaswand zu Boden. Die beiden Gangster verließen rückwärts gehend den Raum hinter der Schalterwand, die Tür flog zu und ein Schlüssel ratschte.

Draußen blieben ein paar Menschen stehen.

„Hinlegen!“, kommandierte der eine an der Tür.

Die Leute warfen sich sofort zu Boden. Alexander ging hinter dem Marmortisch in Deckung. Er spähte unter der Platte hindurch, sah die beiden noch ein paar Sekunden verharren und dann zurückgehen. Als die Tür aufschwang, wurde draußen geschossen. Menschen schrien. Die beiden hasteten zu dem Polizeiwagen, dessen Sirene aufheulte.

Alexander sprang auf und rannte auf die Tür zu. Die gestikulierende Menge versperrte ihm den Weg. Er kämpfte sich durch, hörte das Dröhnen eines Motors und das Pfeifen von Reifen. Schrill heulte das Martinshorn, der dichtgedrängte Verkehr stockte und das Polizeifahrzeug raste in Schlangenlinie durch die verstopfte Straße.

Le Beau langte keuchend bei Alexander an, starrte hinter dem weißen Auto her und rief: „Mensch, wie kommen die denn noch durch, ohne hängenzubleiben.“

Ein Polizist pfiff auf der anderen Seite.

„Überfall — Überfall!“, rief ein Mann, der aus der Bank gekommen war.

Der konfuse Polizist hastete herüber.

„Die Bank ist überfallen worden!“, schrie der Mann. „Da, das Polizeiauto! Das sind die Gangster!“

Der Polizist stieß wieder in seine Trillerpfeife und wollte den wieder zäh in Fluss kommenden Verkehr stoppen. Da war schon das nächste Martinshorn zu hören. Die Autos wichen bis auf die Bürgersteige aus. Unübersehbare Menschenmassen hatten sich angesammelt. Das erste Polizeiauto tauchte auf. Alexander lief hinüber mitten auf die Straße.

„Ich habe es gesehen“, sagte er. „Sie sind da hinter.“

„Steigen Sie ein!“, kommandierte einer der Beamten. „Sie gehen in die Bank und nehmen alles auf.“

Ein Beamter verließ das Auto, Alexander stieg ein, das Martinshorn gellte auf und das Auto jagte fast so schnell wie das der Gangster durch die mit gepresstem Blech verstopfte Straße.

„Da müssen sie abgebogen sein“, rief Alexander kurz vor einer Ecke. „Nach rechts!“

Der Wagen pfiff um die Ecke und wurde schneller. Ununterbrochen lief das Horn und die blauen Leuchtsignale zuckten durch die Gasse.

Alexander sah drei Polizisten um sich, die verbissen in die Gasse blickten.

„Die können doch nur Sekunden vor uns sein“, sagte einer der Männer, „Wir sind doch gleich los, als der Alarm kam. Nun drücken Sie doch mal ’n bisschen drauf, Ritzelhuber!“

Das Auto wurde noch schneller und schoss förmlich durch die Gasse, die einen scharfen Bogen beschrieb.

Menschen pressten sich an die Wände der schäbiger und niedriger werdenden Häuser. Dann kam der nächste Bogen, und dahinter führte die Straße breiter werdend zu einer Eisenbahnbrücke. Kahles Wiesengelände lag vor der Brücke, und auf deren Rampe fuhr der weiße Wagen.

„Das ist er“, sagte Alexander.

„Geben Sie durch, weißer Ford mit schwarzer Aufschrift: Gendarmerie, Kennzeichen noch nicht auszumachen, fährt in der Hölderlingasse Richtung Nord, passiert gerade Brücke Nordbahnhof!“, befahl der Mann im Fond, neben dem Alexander saß.

Der Polizist auf dem Beifahrersitz nahm den Telefonhörer ab und gab die Meldung weiter.

Alexander sah, wie der Tacho hinter dem Lenkrad auf einhundertfünfzig stieg. Sie kamen dem weißen Ford näher. Aber als der auf der Brücke war, schob sich der Lauf einer Maschinenpistole durch ein Seitenfenster. Feuerstöße zuckten aus dem Lauf. Klatschend traf ein Geschoss die Karosserie. Der Wagen mit den Gangstern verschwand auf der hinteren Rampe, und im gleichen Moment pfiff ein Zug, rollte ratternd unter die Brücke, und eine weißgraue Rauchwolke quoll über das Geländer und die Straße.

Fluchend bremste der Fahrer den Polizeiwagen ab, kam aber nicht schnell genug von der hohen Geschwindigkeit. Die Nadel stand noch über hundert, als der Wagen in die weiße, undurchsichtige Wand hineinschoss, die er eine Sekunde später auf der anderen Seite schon wieder verließ.

Der Vorsprung des anderen Auto hatte sich wieder vergrößert.

Noch einmal wurde aus der Maschinenpistole geschossen. Peitschend trafen Geschosse das Brückengeländer. Vor dem ersten Wagen tauchten erneut Häuser auf. Ein entgegenkommendes Auto wich auf den Fußweg aus und prallte gegen eine Mauer. Der Wagen der Gangster jagte vorbei, schlenkerte einmal kräftig, ein Rad prallte an die Bordkante, dann bog der Wagen in eine abbiegende Straße.

Als Alexander in die Straße blicken konnte, war der Wagen verschwunden, Aber nur wenig vor ihnen befand sich eine Gasse. Sie jagten darauf zu, bogen hinein, sahen den Wagen aber nicht.

Der Fahrer bremste so scharf, dass Alexander und der Polizist neben ihm gegen die Vordersitze geworfen wurden.

„Weiter!“, kommandierte der Mann neben Alexander.

Der Wagen ruckte jäh wieder an. Sie kamen an schmalen Gassen vorbei, hörten eine Polizeisirene und sahen einen zweiten weißen Wagen vor sich auftauchen.

„Halt!“

Abermals hielt der Wagen. Die Männer zerrten ihre Pistolen aus den Halftern. Vor ihnen kam der andere Polizeiwagen zum Stehen, und sie erkannten uniformiert Polizisten.

„Die sind uns durch die Lappen gegangen“, sagte der Fahrer.

Der Mann neben Alexander stieg aus und steckte seine Pistole weg.

Ein paar Fenster wurden in der Umgebung geöffnet.

Alexander stieg ebenfalls aus, als er sah, dass auch die Polizisten im zweiten Wagen, einem Ford Escort englischer Bauart, ihr Fahrzeug verließen. Er blickte über die Backsteinhäuser und die Menschen hinweg, die sich ansammelten. Der Polizist fragte nach einem weißen Ford der Gendarmerie, aber die Leute schüttelten die Köpfe.

„Was für ein Ford?“, fragte ein älterer Mann keifend. „Es gibt viele Ford!“

„Taunus, 20 M“, erwiderte der Polizist mit neu erwachter Hoffnung.

Der Mann schüttelte den Kopf, „War nicht hier.“

„Los, zurück!“ Der Polizist stieg ein.

Alexander musste sich beeilen. Als er auf den Sitz fiel, ruckte der Wagen bereits an und jagte rückwärts durch die Gasse. Die Sirene des anderen Wagens heulte auf, als der sich ebenfalls in Bewegung setzte. Sie hielten an der nächsten Gasse.

„Ja, hier hinein!“, kommandierte der Mann neben Alexander.

Ruckartig fuhr der Wagen wieder los. Hinter ein paar zweistöckigen Häusern kam eine lange, hohe Fabrik mit geschwärzter Wand und undurchsichtigen Fenstern in dicken Eisenrahmen. Es war längst Feierabend, und so war hier kein Mensch zu sehen. Die Fabrik hatte ein hohes, dickes Stahltor, das geschlossen war. Dahinter kam eine unansehnliche Mauer, etwa sechs Meter hoch, die oben mit Beton begossen war, in dem Glasscherben steckten. Danach kam ein zweites Fabrikgebäude. Die großen Fenster waren zum größten Teil zerschlagen, das Tor fehlte, und durch eine zwanzig Meter lange Einfahrt war ein verwahrloster Hof mit Müllhallen zu sehen.

Der Wagen hielt vor dem Tor an.

„Los, ’rein!“

Der Wagen setzte zurück und fuhr durch die lange Einfahrt. Draußen heulte das Martinshorn des zweiten Wagens. Sie fuhren um den ersten Müllhaufen herum und sahen den weißen Taunus dahinter. Jäh stoppte das Auto, die Türen flogen auf und die Polizisten und Alexander sprangen hinaus. Alexander sah schon, dass der Taunus verlassen war. Die Türen standen alle vier offen, ein Hut lag rechts des Wagens.

Der zweite Polizeiwagen kam mit heulender Sirene herein.

„Wenn die nur das Ding endlich abstellen wollten“, schimpfte der hagere Polizist, der das Kommando führte. „Ritzelhuber, geben Sie unseren Standort durch! Das ganze Viertel soll sofort abgeriegelt werden!“

„Zu Befehl!“

Der zweite Wagen hielt und die Polizisten stiegen mit schussbereiten Pistolen aus. Sie drehten sich im Kreise, blickten über die hohen Fabrikgemäuer hinweg, die den Hof einschlossen, sahen aber nirgendwo etwas Verdächtiges.

„Hier wird seit fünf Jahren nicht mehr gearbeitet“, sagte einer der Männer.

„Wir suchen alles ab!“

Alexander ging zu dem verlassenen Wagen hinüber, schaute hinein und sah die große braune Tasche, in die die Kassierer der Bank das Geld gesteckt hatten. Im Rücksitz klemmte ein Geldschein. Alexander zog ihn heraus und sah, dass es eine Zehndollarnote war. Er hatte den Schein zwischen zwei Fingern, als er sich umwandte und den Wortführer der Polizisten auf sich zukommen sah.

„Die haben beim Umladen was verloren.“

Der Polizist nahm dem Schein und schaute selbst in den verlassenen Ford.

Alexander ging um den Wagen herum. Der Boden war hier so locker, dass sich die Spuren von Reifen eingeprägt hatten, ganz frische Spuren, aber an einer Stelle, an der der weiße Ford nicht gewesen sein konnte. Alexander bückte sich und erkannte an den scharfen Eindrücken, dass hier ein Wagen mit Michelin X-Reifen gefahren war. Er schaute zu dem weißen Taunus hinüber und erkannte trotz der Entfernung, dass der mit gewöhnlichen Sommerreifen der Firma Fulda bestückt war. Er winkte den Polizisten heran und trat zurück.

„Jetzt müssen Sie die Spurensicherung bemühen“, sagte Alexander. „Hier scheint die Bande in einen anderen Wagen umgestiegen zu sein.“

„Mussten wir in die falsche Straße fahren!“, schimpfte der Mann.

Alexander ging weiter, kam zu einem zweiten Müllhaufen, sah einen eingestürzten Schornstein, der sicher einmal alle Gebäude überragt hatte, ein verfallenes Heizhaus an der Mauer und ein offen stehendes Tor. Er ging darauf zu, erkannte hier und da die Eindrücke der Michelin X-Reifen im sandigen Erdboden. Dann stand er an dem Tor und sah eine Straße mit Kopfsteinpflaster. Auf der einen Seite stand die lange Fabrikmauer, auf der anderen war ein Trümmergrundstück zu sehen. Dahinter kam unbebautes Land. Ein paar Stapel rostenden Eisens lagen herum und ein paar riesige Peitschenlaternen führten links der Straße ein verlassenes Dasein.

„Die sind ausgeflogen“, sagte Alexander, als der Polizist bei ihm anlangte. „Mit einer schönen, bunten Beute!“

„Bunte Beute?“ Der Mann legte die Stirn in Falten.

„Mit Geld aus allen möglichen Ländern, das heute in der Bank umgetauscht worden ist. Im Sommer ist das in einer großen Metropole eben so.“

„Wer sind Sie überhaupt?“, knurrte der hagere Mann, dessen kalte Augen Alexander plötzlich forschend musterten.

Alexander zog lächelnd seinen Pass aus der Tasche und gab ihn dem Polizisten.

Da war wieder das Heulen eines Martinshorns zu hören. Ein Polizei-Porsche bog hinter den verlassenen Peitschenmasten um eine Ecke und jagte mit funkelndem Blaulicht heran.

Der hagere Polizist gab den Pass zurück.

„Sie halten sich noch zu meiner Verfügung, Herr von Strehlitz!" Er lief hinaus.

Der Porsche wirbelte Straßenstaub auf und kam mit quietschenden Bremsen zum Stehen. Zwei Polizisten stiegen aus.

„Ist Ihnen ein Wagen entgegengekommen?“, fragte der hagere Mann.

„Kein weißer Ford, Herr Bezirksinspektor."

„Irgendein Wagen!“

Die beiden blickten sich ratlos an.

Der Bezirksinspektor wandte sich ab, rannte in den Hof und rief: „Ritzelhuber! — Geben Sie durch, dass die Bande den Wagen gewechselt hat! Alle Ausfallstraßen, die Bahnhöfe und den Flughafen absperren. — Ach, warten Sie, das mache ich selbst!“

 

 

4

Alexander von Strehlitz schob die Gardine zur Seite und blickte hinunter auf die breite Straße, durch die sich die Lichtpunkte der Autos in endlosen Schlangen schoben.

„Und wieviel hat die Bande nun erbeutet?“, fragte Le Beau hinter ihm.

Alexander wandte sich um. Es war dunkel in dem großen Zimmer, so dass er Le Beaus Gesicht nur wie ein Schatten sehen konnte.

„In der hiesigen Währung über vier Millionen. In deutschem Geld 720 000 Mark. Vielleicht bedeutend weniger, als die Bande dachte.“

„Wieso? Das ist doch ein Haufen Geld!“

Alexander lehnte sich gegen das Fensterbrett.

„Der Polizeiwagen ist gestohlen worden. Das heißt, man hat die beiden Streifenbeamten am Stadtrand in einem Wald erschossen gefunden. Und dann das Risiko in der Bank, in der belebten Straße. Selbst ein Polizeiwagen kann in dem Gewimmel steckenbleiben. Das ist reichlich viel riskiert. Andererseits ist die Bande leicht in der Lage, das Geld wieder auszugeben.“

„Sind die Scheine nicht notiert?“

„Nach Auskunft des Bankdirektors soll fast die Hälfte des Geldes in ausländischen Währungen bestanden haben: Mark, Lire, Dollar, Pfund, alles was im Sommer in so einer Stadt umgetauscht wird. Da ist nichts notiert.“

„Dann werden die Banken trotzdem aufpassen, wo eine größere Menge auftaucht.“

„Die Banken in Wien“, schränkte Alexander ein. „Weil die Polizei sicher ist, dass die Bande die Stadt mit der Beute noch nicht verlassen haben kann. Aber zum Beispiel in Deutschland dürfte es kein Problem sein, das ganze Geld in sieben bis zehn Banken zu schaffen und in jedes beliebige Land zu transferieren.“

„Willst du damit sagen, es wären keine Österreicher gewesen?“

„Nein. Ich wollte nur sagen, dass die Gangster sich ziemlich sicher fühlen können. Die Polizei hat bis jetzt keine Spur. Aber das soll nicht unser Bier sein. — Was machen wir denn mit dem angebrochenen Abend?“

„Na, ich denke, wir trinken einen Whisky.“ Le Beau grinste durch das Dunkel.

Es klopfte an der Tür. Le Beau wandte sich um.

„Wer ist da?"

„Monika Lohmann!“, schallte es durch die Tür.

Le Beau knipste das Licht an. Die Leuchtstoffröhren hinter der hoch angebrachten Gardinenstange gaben zuckendes Licht von sich und tauchten den Raum dann in grell wirkende Helligkeit. Le Beau öffnete die Tür und trat zur Seite.

Alexander sah das strahlende Mädchen mit den langen blonden Locken hereinkommen. Monika trug einen leichten, kurzen Sommermantel und hatte eine kleine schwarze Tasche mit großer Silberspange in der Hand. Sie lächelte Alexander strahlend an und blickte sich in dem großen Zimmer um. Der Raum hatte dunkle, antiquierte Tapeten, war mit schweren Orientteppichen ausgelegt, und seine knapp vier Meter hohe Decke war mit verschnörkelten Stückarbeiten versehen. Die Einrichtung passte dazu. Das Bett war hoch, hatte breite, dunkle Holzgiebel und kunstvoll gedrehte Eckpfosten. Der Sekretär, die Kommode und der hohe Schrank sahen genauso aus.

„Hotel Prinz Eugen“, sagte das Mädchen. „Ist hier die Zeit stehengeblieben?“

„Es scheint so.“ Alexander ging zu dem Tisch am Kamin, zog einen der schweren Sessel weg und zeigte darauf. Das Mädchen setzte sich und streckte die langen schlanken Beine aus.

„Und wie haben Sie uns gefunden?“, fragte Le Beau.

Sie strahlte ihn an.

„Das war furchtbar einfach. Ich habe im Sportflughafen gefragt. Niemand lässt da draußen ein Flugzeug stehen, ohne zu sagen, wo er zu finden ist.“

„Wie reizend“, meinte Le Beau. „Wie finden wir denn so eine hübsche Person, der es offenbar nicht an Intelligenz mangelt, Alexander?“

„Sehr nett“, sagte Alexander. „Haben Sie Lust zu einem Bummel, Monika?“

„O ja, natürlich!“ Das Mädchen sprang lebhaft auf. „Das ist eine gute Idee, Baron!“

„Nun schenken Sie sich den Baron endlich. Ich heiße Alexander.“

„Gemacht, Alexander.“ Monika lachte, kam auf ihn zu und hing sich an seinen Arm. „Also, worauf warten wir noch?“

Le Beau grinste sauer.

„Also, wenn ihr nichts dagegen habt, suche ich mir eine andere Bar als ihr.“

„Aber warum denn?“, rief das Mädchen.

„Ich suche mir bestimmt eine andere Bar. — Also bis morgen, Alexander!“ Le Beau ging hinaus.

„Ist er böse?“, fragte das Mädchen schmollend.

„Nein, keine Spur. — Ich muss was anderes anziehen.“ Alexander ging zum Schrank, nahm einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd heraus und wollte zum Bad. Aber Monika hielt ihn fest, strahlte ihn an und sagte: „Wir können auch hier bleiben. Vielleicht finden wir irgendwo ein Radio und können ein wenig tanzen. Der Zimmerkellner bringt uns bestimmt Sekt herauf. Die Leute sind doch nicht so verstaubt, wie das Hotel aussieht, Alexander.“

Das Locken in ihren steingrauen Augen ließ es ihm wieder warm unter der Haut werden. Er warf Anzug und Hemd aufs Bett.

„Wir können es ja versuchen.“ Er ging zum Sekretär, nahm den Telefonhörer von der vernickelten, kunstvoll geschwungenen Gabel und rief in der Halle an.

Indessen zog Monika Lohmann den Mantel aus und warf ihn über den Sessel, in dem sie gesessen hatte.

„Haben Sie von dem Banküberfall in der Königinstraße gehört, Alexander?“

„Gehört ist gut. Le Beau und ich waren in der Bank, als die Kerle kamen.“

Das Mädchen wandte sich jäh um und starrte ihn erschrocken an. Rote Flecken brannten ihm auf den Wangen und die steingrauen Augen blickten dunkler als vorher. „Tatsächlich?“

„Ja.“

„Und ... Ich meine, haben Sie jemanden erkannt?“

„Wieso?“ Er ging zu ihr und griff nach ihrem Arm, der zu zittern schien. „Ich kenne doch hier niemanden.“

Sie fing sich und lächelte schüchtern.

„Sie haben mir vielleicht eben einen Schreck eingejagt, Alexander.“

„Aber warum denn?“

„Die sollen aus Maschinenpistolen geschossen haben. Ich habe es im Fernsehen gehört.“

„Es ist kein Mensch verletzt worden.“ Alexander ließ den Arm des Mädchens los. „Das heißt, die Bande hat zwei Polizisten erschossen, als sie den Streifenwagen an sich brachte.“

Das Mädchen wandte sich ab, ging zu dem hohen Fenster und schob die Gardine zur Seite.

„Die Stadt tut so, als hätte sie den Überfall nicht zur Kenntnis genommen, nicht wahr?“

„Sagen wir, sie hat ihn schon wieder fast vergessen.“

Das Mädchen wandte sich um und lächelte wieder strahlend wie vorher.

„Reden wir nicht mehr davon, Alexander. Bekommen wir ein Radio?“

„Ja.“

Der Etagenkellner kam ein paar Minuten später und fuhr einen Servierwagen herein, der so antiquiert aussah wie die Möbel und das ganze, altehrwürdige Gemäuer. In einem Kühler stand Sekt, eine Flasche Whisky, daneben eine Schale mit Eiswürfeln und ein flaches Radio, in das rechts und links Lautsprecher eingebaut waren.

„Wünschen die Herrschaften noch Sodawasser?“, fragte der Mann mit einem scheelen Blick auf das Mädchen, das die Haare in den Nacken warf.

„Nein, danke.“ Alexander gab dem Mann einen Geldschein. „Und wenn jemand nach mir fragen sollte, ich habe das Hotel verlassen.“

„Sehr wohl, mein Herr!“ Der Kellner verneigte sich, ging hinaus und schloss die Tür.

Das Mädchen lachte leise und tanzte summend durch das Zimmer. Es nahm das Radio, stellte es auf den Sekretär und schloss es ans Stromnetz an. Dann drückte es auf eine Taste. Musik drang aus den beiden Lautsprechern und ging wie ein Windhauch durch das hohe Zimmer. Das Mädchen tanzte weiter, stolperte bei den übereinanderliegenden Teppichen mit seinen hochhackigen, klobigen Schuhen, lachte, und schleuderte die Schuhe so heftig von den Füßen, dass sie bis aufs Bett flogen. Monika lachte wieder und tanzt weiter. Sie kam zurück, hing sich an Alexander und sagte: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich mich freue, Alexander. Ich bin aus dem deutschsprachigen Raum praktisch noch nicht hinausgekommen. — Und nun gleich um die ganze Welt!“

„Nur noch über Australien und einen Teil von Asien nach Amerika“, schränkte der Baron ein.

Eine monoton klingende Stimme sprach im Radio. Plötzlich machte sich das Mädchen frei und lauschte.

„... von den Tätern fehlt bis zur Stunde jede Spur“, sagte der Sprecher. „Die Gendarmerie riegelt noch immer alle Zufahrtsstraßen zu unserer Hauptstadt ab und kontrolliert sämtliche Bahnhöfe und den Zentralflughafen.“

Monika ging zum Fenster und öffnete es. Sie warf einen Blick auf ihre kleine Uhr, schaute auf die Straße hinunter und dann zum Himmel. Alexander folgte ihr, hörte den anschwellenden Lärm von Düsentriebwerken und sah das näherkommende Blitzen der Navigationslichter einer großen Passagiermaschine. Das Düsenflugzeug stieg noch, ging mit Donnergetöse über die Häuser hinweg und verschwand im Süden.

„Wollen wir tanzen?“, fragte die einschmeichelnde Stimme des Mädchens.

„Ja, warum nicht.“

 

 

5

Alexander spürte, dass er ein bisschen viel von dem Whisky getrunken hatte. Er war etwas benommen und meinte zunehmend schwerer werdendes Blei in den Beinen zu haben. Er tanzte mit dem Mädchen über die dicken Teppiche, spürte die Wärme ihres biegsamen Körpers und sah das immer stärker werdende Locken ihrer steingrauen Augen und ihrer schön geschwungenen, feuchten Lippen. Sie presste sich manchmal an ihn, dass er ihre Brüste spürte und schließlich dem Verlangen, sie zu küssen, nicht mehr widerstehen konnte. Sie führte ihn fast unmerklich, bog sich am Bett zurück und ließ sich fallen. Da sie ihn festhielt, stürzte er mit ihr in die nachgebenden Federn.

Monika lachte und presste die Arme um ihn.

Es kam ihm fast wie Gier vor, was ihn packte. Er rollte sich über sie hinweg, stand auf, zog sie vom Bett und riss ihr die Bluse herunter. Sie strahlte ihn an, küsste ihn und knöpfte sein Hemd auf. Und während er es aus der Hose zog, tanzte sie lachend, ein wenig trunken, durch das große Zimmer, knöpfte den Rock auf und ließ ihn fallen, kam zurück, hing sich an Alexander und küsste ihn wild und leidenschaftlich. Sie ließ ihn lachend los, tanzte mit schwingenden Armbewegungen weiter durch das Zimmer und drehte an der Tür den innen steckenden Schlüssel um.

Alexander wischte sich den Schweiß vom Hals.

Das Mädchen tanzte lachend und summend weiter, knipste die Stehlampe an und schaltete das Deckenlicht aus. Die Leuchtstoffröhren hinter der Gardinenleiste verglommen, und plötzlich beherrschte fahles Dunkel den großen Raum, denn die schwache Birne in der Stehlampe hatte offenbar Mühe, sich selbst genug Licht zu machen.

Monika blieb am Bettgiebel stehen, zog die Strumpfhose aus und warf sie Alexander zu. Aber er griff nicht danach. Sie flatterte gegen ihn und fiel auf den Boden. Das Mädchen sprang auf das Bett und bewegte sich auf der dicken Daunendecke weiter. Sie lachte und lockte Alexander, und sie bewegte sich mit dem Geschick und der feurigen Anmut einer Schönheitstänzerin in einem Nachtlokal. Das diffuse Licht ließ ihre sehr helle Haut schimmern und brach sich reflektierend auf ihrem roten Höschen, das mit schwarzer Borte besetzt war, genau wie auf dem gleichfarbenen Büstenhalter, den sie trug.

Alexander zog sich fast ohne Nachdenken aus und ließ seine Sachen achtlos fallen. Es kam ihm im Zimmer so heiß vor, als wären sie schon in Afrika. Er wollte zu ihr gehen und sie vom Bett herunterreißen, aber er widerstand der gierigen Versuchung und sah ihr weiter zu, wie sie sich mit der gleichen feurigen Anmut, die seine Begierde immer mehr anstachelte, weiter auszog, wie sie das Höschen fallen ließ, auf den Zehen balancierte, wie sie sich drehte, den Büstenhalter öffnete und neben das Bett fallen ließ.

Sie tanzte auf der Stelle weiter, bewegte wiegend die Hüften, und ihre Brüste machten winzige, hüpfende Sprünge. Dann ließ sie sich jäh auf das Bett fallen.

„Komm, Alexander!“ Ihre Hände und Augen lockten ihn, und ihre Lippen schimmerten feucht im trüben Licht.

Es rauschte ihm in den Ohren, und er wusste, dass es nicht nur der Whisky war, der ihn so benommen gemacht hatte.

„Komm, Alexander!“ Sie winkte ihn mit der Hand zu sich, und er folgte der Bewegung.

Dann lag er dicht neben ihr und spürte die Hitze ihres Körpers und die Wärme ihrer Lippen auf seiner Haut. Als sich ihr Kopf zurückbog, schien das Feuer in ihren Augen ihn verbrennen zu wollen. Er packte sie an den Schultern, schob sich etwas in die Höhe, und sie glitt mit der Gewandtheit einer Katze unter ihn. Das Feuer ihrer Augen verzehrte ihn und ihre Küsse brannten immer heftiger auf seiner Haut, und sie wand sich unter ihm fast wie ein Aal.

„Alexander!“, flüsterte sie heiser und keuchend dicht an seinem Ohr. Sie schlang die Arme um ihn und presste sich mit solcher Gewalt gegen seinen Körper, dass er in dieser Minute glaubte, nie mehr von ihr loszukommen, was ihm gleichgültig war, was er sogar wünschte. Dann schaute er wieder in das wilde Feuer, das aus ihren Augen sprang, und all sein Denken, alles, was sonst sein Leben ausmachte, versank in dem wilden Rauschen, das ihn durchströmte und das ihn mit sich riss wie ein tosender Fluss.

 

 

6

„Hier, halten Sie!“, rief das Mädchen und trommelte gegen die Glaswand des Taxis.

Der Wagen kam am Rand des Fußweges zum Stehen.

Alexander und Le Beau, die das Mädchen auf dem Rücksitz zwischen sich hatten, blickten auf die graue Mauer und die Tür des drittklassigen Hotels.

„Was, hier wohnst du?“, fragte Alexander.

„Denkst du vielleicht, eine Reporterin kann sich den Prinz Eugen leisten?“ Monika lachte schrill. „Da müsste erst eine Gesellschaft erfunden werden, in der die Arbeit mehr zählt. — Es dauert nicht lange.“

Alexander öffnete die Tür, stieg aus und half dem Mädchen. Monika lächelte ihn strahlend an, küsste ihn und sagte: „Zwei Minuten, Alexander.“

Er nickte und stieg wieder ein. Le Beau schaute dem Mädchen nach.

„Ich habe um zwei an dein Zimmer geklopft“, sagte der junge Franzose grinsend.

„Da hab’ ich sicher fest geschlafen.“

„So klang es gar nicht. Weißt du eigentlich, dass die Betten im Prinz Eugen ziemlich laute Geräusche von sich geben?“

„Nein, keine Ahnung.“ Alexander blickte auf die nachschwingende Hoteltür. „Hast du gesagt, um zwei?“

„Ja.“

„Ich erkenne dich nicht wieder, Le Beau. Seit wann kommst du so zeitig in dein Bett?“

„Du hast offenbar vergessen, dass ich gestern keinen Scheck mehr losgeworden bin. — Übrigens, die haben die Bande immer noch nicht.“

„So?“ Alexander blickte immer noch auf die Tür.

Auf der anderen Seite rauschte der Verkehr am Taxi vorbei. Monika kam schneller als erwartet zurück. Sie hatte die große schwarze Tasche mit Umhängeriemen bei sich, die sie am Tage zuvor schon gesehen hatten, außerdem einen kleinen Reisekoffer und eine Spiegelreflexkamera mit einem etwa dreißig Zentimeter langen Zoom, dessen Brennweite nach Alexanders Schätzung bis mindestens sechshundert Millimeter ging. Alexander öffnete und stieg aus.

„So, da bin ich schon wieder.“ Das Mädchen lachte. „Können wir das nicht in den Kofferraum tun, Chauffeur?“ Der Fahrer war ein beleibter Mann, der umständlich ausstieg und den Deckel des Kofferraums öffnete. Monika stellte die Tasche hinein und warf den kleinen Koffer fast achtlos hinterher. Die Kamera behielt sie in der Hand, ließ sich von Alexander in den Wagen schieben und strahlte Le Beau an. Er zwinkerte ihr etwas unsicher zu und blickte auf die Kamera.

Alexander und der Fahrer stiegen ein, die Türen klappten zu und das Taxi setzte sich in Bewegung. Ein paar Sekunden lang drangen die schnatternden Geräusche des noch beschleunigenden Dieselmotors herein, dann waren nur noch die Reifen zu hören.

Der Mercedes 220 D rollte die breite Straße hinunter, an einer ganzen Allee von Ampeln vorbei und schließlich hinaus aus der schattigen Häuserschlucht, in helles, sommerliches Sonnenlicht hinein.

„Etwas schneller, wenn es geht!“, sagte Le Beau in den Schlitz, der eigentlich für das Fahrgeld gedacht war.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942286
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v912247
Schlagworte
baron haaren satan

Autor

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Titel: Der Baron #20: Satan mit blonden Haaren