Lade Inhalt...

Trevellian und das blutige Gold vom Meeresgrund

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und das blutige Gold vom Meeresgrund

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Trevellian und das blutige Gold vom Meeresgrund

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Sie fauchte wie ein Puma, entwand sich blitzschnell und geschickt meinen Händen und wehrte sich mit der Gewandtheit der Raubkatze. Ihre Karatehand jagte Schmerz vom Oberarm her durch meinen Brustkorb. Ihr hochzuckendes Knie hätte mich brüllen lassen, hätte es wie geplant getroffen. So fuhr es mir in den Unterleib, und ich klappte zusammen. »Dreckskerl!« Nur das eine verächtliche Wort spie sie auf mich herab.

Dann sah ich Cresta stöhnend aus der Froschperspektive, wie sie die steil ansteigende Straße hinaufschritt. Die riesige Scheibe des Vollmonds zeichnete ihre schlanke Silhouette mit dem bezaubernden Schwung der Hüften.

Härtere Schritte mischten sich in ihre, die schon verklangen. Ich warf mich herum und wollte hochkommen. Eine Stiefelspitze traf mich in die Nierengegend. Sie schien mich glühend zu durchbohren.

Kälte drückte gegen mein Kinn und stieß mich zurück auf den schmutzigen Asphalt. Ich riß die Augen weit auf. Der Doppellauf einer Schrotflinte wuchs vom Kinn her im mein Blickfeld wie ein eisigblau schimmernder, sich verjüngender Stahl-Highway aus einem Fantasyfilm.

Am Ende des Todes-Highways ein Gesicht wie eine Scheibe. Ein zweiter Mond, nur nicht so gutmütig. Kalte Augen blickten aus dem Rundgesicht, und er wußte, daß er mit dem Doppellauf alle Macht über mich hatte.

»Crofton«, sagte er knarrend, »jetzt hast du dir die Finger verbrannt. Bei der kleinen Melrose konntest du’s nicht wissen. Aber daß wir uns nicht verscheißern lassen, hättest du dir verdammt leicht ausrechnen…«

Ich wischte unter dem Druck des Stahls weg. Nach rechts. Er hatte nicht einmal gemerkt, daß ich die Muskeln anspannte. Der Kerl schien ein Schwafier zu sein. Das kostete ihn jetzt die Überlegenheit.

Hinter mir brüllte die Flinte. Ich war noch in der Rollbewegung. Staub, Dreck und Gesteinssplitter vom Schotterbett des Straßenrandes spritzten mir in den Nacken. Es war wie ein Schlag mit einem Handschuh aus Sandpapier.

Der mondgesichtige Mann schrie auf. Der Rückstoß! Eine Schrotladung mit 20 Zentimeter Mündungsabstand auf den Boden zu feuern, ist eine Sache, die man sich nicht mit lockeren Muskeln leisten sollte. Die ungeheure Wucht schlug ihm die Flinte aus den Händen. Er taumelte, rückwärts.

Ich schnellte hoch, war federnd auf den Füßen und erreichte ihn mit zwei Sätzen.

Er mühte sich ab, etwas aus dem Hosenbund zu zerren. Ich legte seine Muskelkraft durch einen trocken-harten Handkantenschlag auf den Unterarm lahm. Er schrie noch einmal.

Ich erledigte es schnell. Mit einem Wirbel von Fausthieben schaffte ich ihn.

Er landete im wuchernden Gebüsch aus riesenblättrigen Tropenpflanzen. Ein Rascheln entstand. Eine streunende Katze machte sich aus dem Staub.

Die Schrotflinte lag auf dem brüchigen Asphalt. Ich griff sie mir, tauchte in den Mondschatten des Wuchergebüschs und packte den Bewußtlosen mit der freien Hand. Er war schlaff und wehrlos, als ich ihn in die Einfahrt zum Hinterhofparkplatz schleifte.

Neben einer Veranda verharrte ich. Die Holzpfosten und Geländerstreben schimmerten grau und seidig im fahlen Licht. Ich horchte. Nichts rührte sich. Ein Schuß war nicht gerade das, was die Inselbewohner, die »Conchs«, sonderlich aufregte.

In der Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang regierten Kentucky-Bourbon und Kar.ibik-Rum. Dann machte schon mal einer seinem Übermut Luft. Bei den Touristen war es eher Angst, die sie veranlaßte, nicht sensationslüstern aus den Hotelbetten zu steigen. Nachts gehörte das Terrain den alkoholseligen Inselaffen und den paar Zugereisten, die an rauhe Sitten gewöhnt waren.

Das Polizeirevier am anderen Ende der Greene Street war weit genug entfernt. Die Key West Cops schlurften nicht im Dunkeln umher, um einen längst verschwundenen Schießer zu suchen. Das war hier so aussichtslos wie im dreckigsten Teil von Manhattan Midtown.

Ich steckte die Schrotflinte mit dem ' Lauf nach unten in eine Mülltonne und betrat die Kneipe durch den Hintereingang. Ein Laden, der vollgestopft war mit Fotos, Autogrammen und anderen Andenken an Hollywoodstars, berühmte Schriftsteller und Politiker, die hier schon mal ihren Drink gekippt hatten. Was jetzt mit alkoholsteinerner Miene an der Theke hing, war Einheimisches. Sie sahen mich an und grinsten schadenfroh. Immerhin kriegten sie noch mit, was sich abgespielt haben mußte.

Der Barkeeper, ein Zweizentnermann, legte mir mitfühlend seinen Speckarm auf die Schulter. »Ich hab’s dir gesagt, Joe. Die Kleine ist nicht so, wie sie tut. Du bist nicht der erste, der was von ihr auf die Finger kriegt.«

Ich grinste. Die Thekenhocker lachten. Für vier von ihnen war der Spaß willkommener Grund, die Gläser nachfüllen zu lassen. Der Keeper und die anderen beobachteten mich dabei mit Seitenblicken und suchten Spuren an mir, die davon zeugten, wo und wie Cresta mir auf die Finger geklopft hatte. Ich klemmte mir herausfordernd eine Zigarette zwischen die Zähne und schnappte mir ein Feuerzeug, das am Rand einer Schnapslache stand. Ich zeigte auf das Regalfach mit den Bourbonflaschen.

»Hank«, sagte ich durch eine Rauchwolke hindurch, »schieb eine Versiegelte rüber! Und zwei Gläser.« Ich zog zwei zerknitterte Geldscheine heraus und patschte sie in die Schnapslache.

Hank und seinen späten Kunden fiel das Schmunzeln aus dem Gesicht. Hank griff mit Zeitlupenbewegung in das Regal mit den fabrikfrischen Flaschen.

»Willst du damit sagen…?« Er schob die Versiegelte vor mich hin, langte nach den Gläsern und stopfte die halbnassen Scheine in eine Thekenschublade.

»Sie geniert sich«, nuschelte ich. »Denkst du, sie kommt noch mal hier rein, wo sie gerade erst vor mir weggerannt ist?«

»Mann, wie hast du sie rumgekriegt?« Hanks Augen lauerten. Bei den anderen war es die gleiche Gier auf eine heiße Geschichte.

»Hab’ ihr ein Geheimnis verraten«, behauptete ich. »Etwas, das sie noch nicht von mir kannte. Das hat sie überzeugt.« Brüllendes Gelächter begleitete mich auf dem Weg nach draußen. Der mondgesichtige Schrotschießer lag noch im Dunkeln vor den Verandastufen, wo ich ihn zurückgelassen hatte. Ich setzte mich zu ihm, stellte die Gläser auf die Stufe neben mir und brach das Fabriksiegel der Bourbonflasche auf. Ich schenkte ein. In das Gluckern der Flasche mischte sich sein Stöhnen und Schnaufen. Er kehrte in die Welt der Lebenden zurück.

»Ich bin bei dir, Buster«, sagte ich, als er vach genug war. »Dreh dich um und reg dich nicht auf!«

Ich ließ ihn in die Mündung meines 357er Ruger blicken, als er gehorchte. »Ich heiße nicht Buster, du Mistbock.« Mit der Linken packte ich ihn am Kragen, zog ihn zu mir heran und preßte ihm den Revolverlauf von unten gegen das Kinn. Es trieb ihm den runden Schädel weit in den Nacken, und er betrachtete den Sternenhimmel.

»Nicht solche Töne, Buster!« warnte ich ihn leise. »Fang nicht an, mir auf den Geist zu gehen! Eine Magnumkugel im Schädel ist mindestens so schlecht wie eine Schrotladung im Bauch.«

»Crofton«, ächzte er. »Wenn du das wagst, weißt du, was passiert. Dann verfüttern sie dich an die Haie. Darauf kannst du…«

»In deiner Lage hätte ich nicht so eine große Klappe.« Ich nahm den Ruger ein Stück zurück und schob ihm ein Glas hin. »Los, genehmigen wir uns einen! Schluß mit der Feindschaft! Werden wir Kumpels!«

Er stierte mich an, als hätte ich ihm einen Job als Präsidentenleibwächter angeboten.

»Ich glaube, mein…«

»Cheers!« Meine Stimme war ein peitschender Befehl. Ich hob mein Glas mit der Linken. Der Whisky schwappte schillernd im Mondlicht.

Busters Gesicht sah aus wie ein unbelegter Pizzateig. Darunter ruckte sein Adamsapfel auf und ab. Er kannte mich als Crofton. Und wenn Crofton so war, wie er sich in Key West aufspielte, dann mußte man ihn ernstnehmen. Er schluckte willig.

Ich nippte nur an meinem Glas, stellte es ab und schenkte seins sofort wieder voll. »Auf deine Gesundheit, Buster. Bist ein guter Saufkumpel.«

Ich nippte, stellte weg, schenkte nach und sah ihn schlucken. Immer mit dem Ruger im Anschlag. Nach einer Weile brauchte ich den Revolver nicht mehr. Er gehorchte auch so.

»W… weißt du w… was?« Seine Zunge formte die Konsonanten schwerfällig. Er beugte sich vor und legte mir die Linke schwer wie eine Bärenpranke auf die Schulter. »Ich h… heiße g… gar n… nicht B… Buster.« Sein Glas hielt er bereits freiwillig zum Nachfüllen hin.

»Wie denn?« grinste ich und ließ den Flascheninhalt pulsieren.

Er würgte ein gelalltes »Lester« hervor, und dann war es mit seiner Redseligkeit schlagartig vorbei. Der Bourbon gehörte zur Spitzenqualität. Er wirkte nachhaltiger als alle Handkanten und Fausthiebe, mit denen ich Buster hätte bedenken können. Als Lester konnte ich ihn mir einfach nicht vorstellen.

Ich halfterte meinen Ruger, warf mir den Schlummernden über die Schulter und setzte ihn behutsam auf den Beifahrersitz meines Pontiac. Den Sicherheitsgurt legte ich ihm um, damit er sich unterwegs nicht den Kopf stieß.

Zehn Minuten später stoppte ich an der Bordsteinkante vor dem Portal einer Villa an der Margaret Street. Mein stummer Beifahrer kannte den Bau besser als ich.

Ich löste seinen Gurt, beugte mich an ihm vorbei und stieß die Tür auf. Dann ließ ich ihn genau vor der Einfahrt in den Rinnstein rollen. Und gab Gas. Für kleine Überraschungen dieser Art war Joe Crofton immer gut.

 

 

2

Hoch oben auf dem Dach des umgebauten Fischkutters hatte der alte.Melrose einen zweiten Kommandostand eingerichtet, der bei gutem Wetter benutzt wurde. Wegen der besseren Rundumsicht. Milo Tucker lehnte mit den Ellenbogen auf der Brüstung und drehte an der Scharfeinstellung des Fernglases.

Das Sportboot lag vor der untergehenden Sonne. Ein flacher, schnittiger Schattenriß vor einem blutigen Rot, das sich zusehends dunkler färbte.

Auf dem Hauptdeck des Kutters Esperanza tuckerte der Diesel, der die Winde antrieb. Ken Melrose wartete unter dem stählernen Doppelbaum am Heck auf ein Zeichen aus der Tiefe. Die See war glatt wie ein Spiegel. Senkrecht gestrafft verlor sich das gefettete Drahtseil der Winsch weit unten in den smaragdgrünen Fluten.

Milo Tucker konnte bislang nur eine Gestalt auf dem Sportboot erkennen. Und dieser eine Kerl beäugte ihn gleichfalls mit einem Fernglas. Nur an den spiegelnden Linsen war es vor der roten Sonnenscheibe festzustellen.

Eine helle Frauenstimme übertönte das Brutzeln, und Zischen aus der offenen Kombüse, das seit einer halben Stunde den tuckernden Diesel begleitete.

»Abendessen in zehn Minuten! Und der Teufel soll euch holen, wenn ihr nicht pünktlich seid! Steaks kann ich nicht zweimal braten. Verstanden?«

»Verstanden«, antwortete Milo laut und deutlich, ohne das Glas abzusetzen. Alison Melrose, die Frau des Alten, war eine gute Seele. Jeder in der Company achtete sie — die Angestellten genauso wie die Familienangehörigen.

Mit einem Handzeichen gab Ken, ihr Mahn, zu verstehen, daß die Order bei ihm ebenfalls angekommen war. Er zeigte auf das Drahtseil und zog die Schultern hoch. Alison konnte die Geste von der Kombüse aus sehen. Ward würde seinen Tauchgang erst beenden, wenn er ihn für lohnend hielt.

Der Sportflitzer war das einzige Boot, das weit und breit übriggeblieben war. Alle anderen, die den Melrose-Kutter tagsüber begleitet hatten, waren schon vor Sonnenuntergang mit Kurs auf Key West aufgebrochen. Jeden Tag ging das so. Nach ein paar Stunden wurde es den Gaffern langweilig. Was die Mannschaften der Esperanza oder ihrer Schwesterschiffe von den Korallenbänken heraufholten, funkelte nicht nach Gold, Silber, Perlen oder Edelsteinen. Knapp vier Jahrhunderte hatten es überwuchert und mit einer häßlichen grauen Schicht versehen.

Ward Melrose löste das Klingelzeichen in der Tiefe aus. Ken stieß den rechten Daumen in die Luft, was besagen sollte, daß Alisons pünktliche Steaks gerettet waren. Er setzte die Winsch in Gang, und der Diesel erhöhte hämmernd seine Drehzahl.

Die anderen Bootsinsassen schienen sich auf der Liegefläche im Heck des Sportflitzers geaalt zu haben. Jetzt bewegten sie sich. Milo schwenkte das Glas. Den Girls wurde es um diese Zeit kühl um die blanken Brüste. Zeit für ein T-Shirt und flüssige Wärme von innen.

Der Diesel nagelte unter Vollast. Aus der Kombüse stieg der verführerische Duft gebratenen Fleisches.

Der Flitzer drehte sein Heck in die versinkende Sonnenglut.

Milo runzelte die Stirn.

Der Kutter schwankte plötzlich. Der Dieselmotor schien angestrengt zu keuchen. Ken Melrose begann zu brüllen, als ob sein Sohn ihn unter Wasser hören konnte.

»Verdammt noch mal, kannst du es denn nicht lassen? Das sind mindestens zwei Barren zuviel! Zum Teufel, wir haben doch keinen Schwerlastkran an Bord!«

Der G-man wandte den Kopf nach links und sah, daß der Alte recht hatte. Das Drahtseil war gespannt wie eine Bogensehne bei der Zerreißprobe. Wohlweislich benutzten die Melroses nur leere Limonadenkästen zum Bergen der Fundstücke. Ward mußte das Ding vollgepackt und einen Berg obendrauf getan haben.

Ken Melrose stieß einen Fluch aus, als sein Sohn auch auf ein Warnzeichen nicht reagierte, das er ihm durch den Draht hinunterschickte.

»O dieser hirnverbrannte Dickschädel!« knurrte der.Alte. »Eines Tages geht er an seinem verdammten Starrsinn zugrunde.« Doch er hielt die Winsch auch nicht an.

Lächelnd hob Milo Tucker wieder sein Fernglas. Vater und Sohn waren aus dem gleichen Holz geschnitzt. Und genau das warfen sie sich ständig gegenseitig vor. Ken hätte nicht anders gehandelt, wäre er da unten in der bizarren Korallenlandschaft am Werk gewesen. Man mußte eben immer ein bißchen mehr riskieren, als es die sogenannten vernünftigen Leute jemals taten. Und man mußte auch dann noch den Kurs halten, wenn einem längst alle Felle davongeschwommen waren. Diese Grundsätze waren es wohl, die Ken Melrose, seine Familie und seine Angestellten zum Erfolg geführt hatten.

Das schnittige Sportboot hatte immer noch den Bug auf den Kutter gerichtet. Doch jetzt hatte dieser Bug einen Schnurrbart aus weiß gischtendem Wasser.

Milos Mißtrauen war jäh wachgekitzelt und wuchs in Sekundenschnelle zum glühenden Verdacht. Nur noch zwei Atemzuge lang beobachtete er den Flitzer, der mit rasender Fahrt auf Kollisionskurs lag.

Wollte dieser Verrückte die Esperanza rammen?

Unsinn! Der Kunststoffrumpf des Boots würde an der Stahlhaut des Kutters zersplittern wie eine spröde Glasschale.

»Achtung, Ken!« rief Milo. »Boot von Backbord!« Er ließ das Glas fallen und schwang sich über die Brüstung auf den Niedergang. Federnd landete er auf den Decksplanken. Alison Melrose sah ihn verwirrt blinzelnd durch das Kombüsenfenster an.

Achtern tauchte rauschend eine rote Plastikkiste auf, die pendelnd in die Höhe schwebte. Wie erwartet. Ward hatte den Behälter überladen. Die Barren, die wie uralte verkrustete Brotlaibe aussahen, waren pyramidenförmig unter den vier spitz zulaufenden Seilenden gestapelt.

Ward erschien zwei Meter weiter achteraus an der Oberfläche, zog das Mundstück heraus und schob die Taucherbrille hoch. Er begann, auf das Heck der Esperanza zuzuschwimmen. Der Alte stoppte den Diesel, als die schwere Ladung über die Relinghöhe hinaus war. Erst jetzt wandte er sich nach Backbord.

Das Boot war nur noch 200 Meter entfernt.

»Deckung!« brüllte der G-man. Mit zwei Riesensätzen war er beim offenen Schott zur Kajüte. Aus den Augenwinkeln heraus sah er noch, daß Alison als erste gehorchte, j

Er tauchte in das Halbdunkel der Kajüte. Die Luft war stickig, zum Schneiden. In der aufklappbaren Sitzbank lag die Thompson Gun griffbereit. Milo stieß ein Trommelmagazin unter den Verschluß der Waffe und klemmte sich zwei weitere zur Reserve unter den Arm.

Er erreichte das Hauptdeck mit einem Sprung und sah, daß sich an Bord des Flitzers nicht ein einziges barbusiges Girl befand.

Vier Kerle!

Das Boot drehte sich elegant und verursachte dabei einen gischtenden Wasserschwall. Jetzt zeigte es dem Kutter seine Steuerbordseite, wie vorher, aber weiter entfernt.

Der G-man glaubte seinen Augen nicht zu trauen.

Ein mattschimmerndes schwarzes Ding glotzte einäugig herüber, auf Dreibeinlafette.

Der G-man ging hinter der Backbordverschanzung in die Waagerechte. Alison war zwischen ihren Küchengeräten verschwunden. Ken zögerte noch. Er schien sich nicht mit dem abzufinden, was seine Augen überdeutlich erfaßten.

»Runter!« zischte Milo. Blieb nur zu hoffen, daß auch Ward es begriffen hatte.

Die Kerle in dem Flitzer wickelten ihr Manöver in aller Ruhe ab. Kein blitzschneller Überraschungsangriff. Das hatten sie nicht nötig, denn sie waren die Überlegenen. Niemand hatte sich auf der Heckfläche des Bootes in der Sonne geaalt. Seelenruhig hatten sie auf dem Boden des Flitzers ihre Kanone zusammengesetzt. Die glotzende Mündung hatte das Kaliber 20 Millimeter. Mindestens!

Milo robbte über das genarbte Stahlblech des Decks an der Verschanzung entlang, bis er eins der Speigatten erreichte. Wenn die Kerle nicht mitgekriegt hatten, wo er sich befand, gab es vielleicht eine Chance. Andernfalls konnten sie ihn nach Belieben in Stücke schießen. Denn die stählerne Außenhaut des Kutters nützte ihm herzlich wenig.

Dumpf und trocken hackte es über die Wasseroberfläche.

Milo spähte durch den halb handbreiten Spalt des Speigatts. Die letzten zwei Mündungsblitze sah er noch.

Hart vor der Bordwand des Kutters schlugen die Geschosse ins Wasser. Hell knallend. Fontänen stiegen mehr als mannshoch auf.

Explosivgeschosse!

Dann stellte die Maschinenkanone ihr Feuer ein.

Vom Heck der Esperanza waren Wards klatschende Bewegungen im Wasser zu hören. Warum, zum Teufel, blieb er nicht, wo er war? Milo fluchte leise. Wenn der verdammte Dickschädel es sich in den Kopf gesetzt hatte, an Bord zu kommen, dann war ihm nicht mehr zu helfen. Wenn er nicht begriff, daß er im Wasser sicherer war, weil schlechter zu erkennen…

Er brachte den Gedanken nicht zu Ende.

Draußen brüllte der Bootsmotor auf. Der Flitzer rauschte näher heran und drehte sich im nächsten Atemzug erneut. Wieder zeigte er seine Steuerbordseite.

Die Blitze glühten hellrot vor der bis auf ein Viertel weggesunkenen scharlachfarbenen Sonnenscheibe. Die hackenden Abschußgeräusche waren erst im nächsten Sekundenbruchteil zu hören.

Ein schmetterndes Krachen setzte auf dem Kutter ein. Es schien nicht enden zu wollen. Es erschütterte den Rumpf und gihg dem G-man durch und durch. Er ruckte herum.

Sein Herzschlag stockte.

Grelle Blitze zuckten aus dem Doppelbaum der Winde. Die Explosivgeschosse zersägten die Streben buchstäblich. Und den Rest erledigte die schwere Last, die der alte Melrose am Haken hatte. Der Kerl an der Dreibeinlafette war alles andere als ein Anfänger in seinem Fach.

Milo schnellte hoch, trotz der immer noch hackenden Kanone.

Alles überschlug sich.

Ein Donnerschlag löschte jeden anderen Laut aus und schien den Kutter zu zertrümmern, als der Ladebaum auf die Heckreling krachte und sie wie ein Bastelmodell zusammenfaltete.

Das Drahtseil schlängelte zischend wie eine Peitsche empor. Die Zentnergewichte der Silberbarren rauschten abwärts. Ein Schrei gellte.

Es gab den Ausschlag. Milo Tucker zögerte keinen Atemzug lang, auch wenn er für den Mann an der Maschinenkanone eine prächtige Zielscheibe abgab. Der Bursche hatte den etwa armdicken Doppelbaum getroffen, also würde er auch ihn treffen können.

Die Mündungsblitze auf dem Flitzer begannen seitwärts zu wandern.

Milo hatte die Thompson bereits an der Schulter.

Es war das beklemmende Gefühl, als ließe er zu seiner Verteidigung einen Schwarm Mücken aufsteigen, während der Gegner eine Hornise nach der anderen auf die Reise schickte.

Aber die Chance lag in der rasenden Schußfolge der Maschinenpistole. Und die Distanz von 100 Metern war durchaus brauchbar.

Die Thompson hämmerte und rüttelte an der Schulter des FBI-Beamten. Nicht mehr als eine Zehntelsekunde war nötig, um die Geschoßgarbe ins Ziel zu fächern.

Drei Sprenggeschosse krachten unmittelbar vor Milo in die Bordwand der Esperanza.

Doch im nächsten Moment sirrten die Stahlhornissen dem Himmel entgegen.

Ein markerschütternder Schrei stach in das Hämmern der Thompson-MPi. Der Mann an der Lafette riß die Arme hoch. Er torkelte. Entweder hatte er sich an dem stählernen Ding festgebunden, oder seine Hände verkrallten sich in das Lafettengestänge. Mit bloßem Auge war es auf die Entfernung nicht zu erkennen.

Er segelte über Bord, die Kanone über sich, und sie rammte ihn auf der anderen Seite in die Tiefe. Nur das Aufgischten der Fluten war zu sehen.

Milo legte eine kurze Pause zwischen zwei Feuerstößen ein.

Systematisch begann er dann die Kugelgarben in den Kunststoffrumpf des Flitzers zu streuen. Ein gepunktetes Muster entstand in der Nähe des Hecks, wo das Gewicht des Innenborders am stärksten spürbar sein mußte.

Aber die Kerle begriffen, daß sie jäh in den Nachteil geraten waren. Einer versuchte, mit einer Automatik auf den Kutter zu schießen. Aber auf die Entfernung von 100 Metern hätte er auch mit einer Steinschleuder keine besseren Ergebnisse erzielen können.

Milo jagte ihm einen kurzen Feuerstoß über den Kopf hinweg, und der Mann lag flach.

Der Innenborder röhrte los. Das Boot hob seinen messerspitzen Bug. Die Hecksee schäumte, und der Flitzer jagte mit einem weiten Bogen nach Backbord davon. Er verschwand mit Kurs auf den letzten Rest der sinkenden Sonne.

Dort, wo der Mann mit der Kanone versunken war, beruhigte sich das Wasser bereits. Nichts tauchte auf. Nicht einmal eine Zigarettenschachtel oderein Plastikfeuerzeug. .

»Ward, mein Gott!« Ken Melroses Stimme war kaum mehr als ein ersticktes Schluchzen.

Milo wirbelte herum.

Der grauhaarige Mann stand vornübergebeugt zwischen dem verbogenen und geborstenen Gestänge. Sein stämmiger Körper hatte nichts Kräftiges mehr. Er wirkte schlaff und sah aus, als werde er jeden Moment in sich zusammensinken.

Milo ließ die Thompson fallen und rannte los. Hinter sich hörte er Alisons Schrei aus der Kombüse.

»Um Himmels willen, Ken, was ist geschehen?«

Bevor Melrose antworten konnte, war der G-man zur Stelle. Er erfaßte die Lage mit einem schnellen Blick. Ohne ein Wort spannte er .die Beinmuskeln und hechtete über die zertrümmerte Reling hinweg.

Wo er ins Wasser eintauchte, dicht hinter dem Achtersteven des Kutters, schillerte ein Blutfleck auf der Oberfläche.

Milo riß die Augen auf. Er achtete nicht auf das Brennen, das das Salzwasser in den Augen verursachte. Es war kristallklar, und in der grünlichen Färbung sah er das Blut wie rotgetönte Schwaden aus einer Army-Nebelkerze.

Mit kraftvollen Zügen stieß er senkrecht in die Tiefe. Er dachte nicht darüber nach, wie lange seine Luft reichen würde. Nur das eine wußte er: Wenn er Ward nicht sofort erwischte, war es aus mit ihm.

Seine Eltern würden daran zerbrechen. In der kurzen Zeit seines Aufenthalts auf Key West hatte Milo die Familie schätzen gelernt. Ihr Zusammenhalt war so beispielhaft wie ihre gemeinsame Freude über den Erfolg, den sie erzielt hatten.

Die Blutschwaden wurden dichter.

Groß und hilflos schwebte Ward Melrose mit ausgebreiteten Armen in die Tiefe. Ohne Bewußtsein. Milo erkannte es an dem starren Gesicht und den weit aufgerissenen Augen. Er stieß nach, bekam Ward am Arm zu fassen und begann, mit kräftigen Beinstößen nach oben zu streben. Denn sein Luftvorrat neigte sich langsam, aber sicher dem Ende zu.

Es war alles andere als eine leichte Übung. Melrose junior war ein Klotz von einem Kerl, ebenso groß wie Milo, ehemaliger High School-Athlet und später vorübergehend Football-Profi. Dann hatte er studiert, war Kraftfahrzeugingenieur geworden und hatte schließlich doch alles aufgegeben, um sich gemeinsam mit seinem Vater der Schatzsuche zu verschreiben.

Der Neoprene-Taucheranzug war über der rechten Schulter zerfetzt und blutverschmiert. Sollte jetzt, so unmittelbar nach dem Erfolg, für Ward alles vorbei sein?

Endlich, nach quälend langsam verstrichenen Sekunden, wurde das Türkis des Wassers heller.

Milo stieß über die Oberfläche hinaus und holte tief Luft. Doch er ließ sich nur wenig Zeit, nahm den Schwerverletzten in Rückenlage und zog ihn auf das Heck des Kutters zu.

Dann sah er Kens Gesicht über sich. Voller Besorgnis. Nach dem langen Tag waren die Brillengläser des grauhaarigen Mannes von Schweiß und Salzwasserspritzern verkrustet. Über ihm dehnte sich das blasser werdende Blau des Himmels in der Abenddämmerung.

Alison war neben ihrem Mann. Er brauchte ihr nicht zu sagen, daß sie mithelfen mußte. Die Ehefrau des Schatzsuchers war schlank, fast ein wenig zierlich wirkend, doch sie hatte stets gezeigt, daß sie kraftvoll zupacken konnte. Sie zupfte das Kopftuch zurecht, unter dem sie bei der Kombüsenarbeit das brünette Haar verbarg. Ken warf zwei Taue über Bord, und sie ergriff den einen Tampen, den er ihr in die Hand drückte.

Milo schlang den geflochtenen Kunststoff um Brustkorb und Oberschenkel des Bewußtlosen. Dann stieß er den Daumen in die Höhe. Ken und Alison reagierten sofort. Sie begannen zu hieven. Milo half nach, als er die Heckleiter erreichte. Von unten stemmte er sich unter den Rücken Wards.

Als sie ihn vor den Trümmern des Ladebaums auf das Deck betteten, war Alison bereits unterwegs, um den Erste Hilfe-Kasten zu holen.

Milo und der alte Melrose wechselten einen Blick. Worte waren überflüssig.

Milo zog den Reißverschluß auf. Gemeinsam schälten sie dem Reglosen die Neoprenejacke vom Oberkörper.

Gleich darauf war Alison zur Stelle.

»Ich habe einen Funkspruch abgesetzt«, sagte sie, während sie die Utensilien ausbreitete. »Sie schicken uns einen Rettungshubschrauber von Key West herüber. Die Polizei will außerdem ein Suchflugzeug einsetzen.«

Milo wußte, daß der Flugzeugeinsatz zwecklos war. Das Sportboot hatte keine sichtbaren Kennzeichen gehabt. Wahrscheinlich waren sie mit Folie überklebt worden. In den Gewässern um die Florida Keys wimmelte es von Jachten aller Art. Möglicherweise befanden sich die Gangster auch längst an Bord eines größeren Schiffs, das außer Sichtweite geankert hatte. Bei dem Flitzer konnte es sich durchaus um ein Beiboot gehandelt haben.

Alison reinigte Wards Wunde mit Jod.

Sein Vater und der G-man hielten ihn vorsorglich fest. Die Fleischwunde mußte entstanden sein, als Ward von der herabfallenden Zentnerlast getroffen worden war. Eine scharfkantige Ecke der Kunststoffkiste hatte sich in seine Schulter gebohrt.

Der dunkelhaarige Mann mit dem buschigen Schnauzbart bäumte sich auf, als seine Mutter die Wundränder noch mit jodgetränkter Watte betupfte.

»Ein gutes Zeichen«, murmelte Ken erleichtert. »Ein verdammt gutes Zeichen.«

Alison sah Ihn für einen Moment an und lächelte. Ward stöhnte und ächzte. Die beiden Männer hielten ihn mit hartem Griff fest, bis Alison ihm einen Notverband angelegt hatte. Seine Kraft ließ nach. Er blinzelte, und es gelang ihm, die Augen aufzuschlagen. Ein Knurrlaut war das erste, was er von sich gab. Milo und Ken halfen ihm, sich aufzusetzen. Sie zogen ihm mit dem Rücken gegen die Verschanzung.

»Keine Erklärungen!« sagte Ward rauh. An seinen abkippenden Augen war zu erkennen, daß er sich krarhpfhaft bemühte, nicht wieder in Bewußtlosigkeit zu versinken. »Ich weiß genau, was passiert ist. Hast du wenigstens einen von diesen Schweinehunden…?« Er richtete seinen Blick auf Milo und hielt schweratmend inne.

Der G-man nickte.

Alison mischte sich energisch ein. »Keine Gespräche! Du brauchst Ruhe, Ward. Ein Hubschrauber ist unterwegs, um dich ins Hospital zu bringen.«

Ward riß den Mund auf. »Ein was? Ein Hubschrauber? Was, zum Teufel, soll der Quatsch, Mom? Denkst du, ich…«

Sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. »Es ist kein Quatsch, und ich denke auch nicht irgend etwas. Ich weiß, daß sie dich im Hospital zusammenflicken müssen. Die Wunde muß mindestens genäht werden.«

Ward holte noch einmal Luft, aber ein scharfer Blick seiner Mutter genügte nun. Er wagte keinen Widerspruch mehr. Milo hob die Thompson auf, sicherte sie und brachte sie zurück an ihren Platz in der Kajüte. Ken folgte ihm und legte ihm schweigend die Hand auf die Schulter. Milo drehte sich um und winkte ab. Er nahm die Zigarette, die der Alte ihm anbot. Gemeinsam gingen sie an Deck.

Das Hubschraubergeräusch war bereits zu hören.

Alison versorgte Ward mit einem der Steaks, die sie gerade noch gerettet hatte. Das Handzeichen, mit dem sie ihren Mann und den FBI-Agenten in die Kombüse schickte, war unmißverständlich. Ein Mann braucht etwas Handfestes, wenn er körperliche Arbeit leistete. Den Grundsatz vertrat sie unnachgiebig. Natürlich galt es auch für Ward, der den langen Weg ins Hospital vor sich hatte und dort nicht ungestärkt eintreffen durfte.

Ken Melrose und sein Wachmann aßen schweigend. Offiziell war Milo bei der Firma unter dieser Bezeichnung eingestellt worden. Außer den Familienangehörigen wußte niemand, daß er Special Agent des FBI war.

Das Hauptquartier in Washington hatte Wert darauf gelegt, daß sich jemand um die .Melroses kümmerte. Man brauchte ortsfremde G-men für den Auftrag - Beamte, die nicht aus den Südstaaten stammen durften. Mit gutem Grund. Aus der Unterwelt waren Informationen durchgesickert. Es mußte damit gerechnet werden, daß Syndikatskreise ein gieriges Auge auf Ken geworfen hatten. Sein unglaublicher Erfolg war durch Presse, Funk und Fernsehen in aller Welt gegangen.

Der umgebaute Kutter hieß wie jenes Schiff, das im Jahr 1598 mit Mann und Maus untergegangen war: Genau 15 Jahre lang hatten Ken Melrose, seine Familie und seine Angestellten als berufsmäßige Schatzsucher nach der spanischen Galeone Esperanza geforscht. Plötzlich war der große Tag dagewesen. Innerhalb von 24 Stunden war die hochverschuldete Melrose Company zum milliardenschweren Unternehmen geworden.

Der heutige Wert der Schatzladung, mit der die Esperanza vor fast vier Jahrhunderten im Sturm gesunken war, betrug in der Tat mehr als eine Milliarde Dollar. Die zuständigen Stellen der Vereinigten Staaten hatten Ken Melrose alle Rechte an dem Schatzfund zugesprochen.

Damit war er für Hyänen und Geier in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.

Washington hatte sich für die New Yorker G-men Milo Tucker und Jesse Trevellian entschieden. Die Melroses wußten nur über Milo Bescheid. Sie waren mit dem Vorschlag des FBI-Hauptquartiers einverstanden gewesen. Nach außen hin wurde er als Freund der Familie dargestellt, als ein Expolizist aus Philadelphia, der sich gegen Gewinnbeteiligung als Leibwächter, Wachmann oder was auch immer verdingt hatte.

Die beiden Männer in der Kajüte zündeten sich Zigaretten an. Alison harrte bei ihrem Sohn aus. Das Hubschraubergeräusch war deutlicher zu vernehmen. Zwischen der Maschine und dem Kutter bestand mittlerweile Sichtkontakt.

Ken Melrose sah den G-man eindringlich an.

»Was hatten diese Bastarde vor, Milo?« fragte er leise. »Uns alle umzubringen?«

Milo schüttelte den Kopf, ohne nachzudenken. »Kaum. Das hätte sie nicht zum Ziel gebracht. Auch das mit Ward dürfte ein unbeabsichtigter Unfall gewesen sein. Das Ganze sollte ein erster Warnschuß vor den Bug sein. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Und bei dem ersten Warnschuß wird es nicht bleiben«, folgerte Ken dumpf.

Milo nickte nur. Er brauchte nichts mehr zu erklären. Von Anfang an hatte er den Melroses reinen Wein eingeschenkt. Sie hatten zwar gesagt, daß sie seine Erklärungen ernstnahmen. Aber richtig begriffen hatten sie es erst jetzt.

Man sah es deutlich an Kens Gesicht, in dem die Furchen wie versteinerte Linien waren.

Der mit Schwimmern ausgerüstete Rettungshubschrauber setzte auf der glatten See neben dem Kutter auf. Ward wurde mit einem Schlauchboot abgeholt. Die Maschine startete sofort wieder.

Ken hatte unterdessen das Drahtseil des zertrümmerten Ladebaums gekappt und das Gestänge mit einem Vorschlaghammer so weit zurechtgebogen, daß keine Verletzungsgefahr bestand. Eine begründete Vorsichtsmaßnahme, wie Milo wußte. An Deck mußte stets ein Mindestmaß an Sicherheit eingehalten werden. Stürme brachen in diesen Breiten überraschend schnell aus, fast ohne Ankündigung. Das hatten schon die Spanier vor 400 Jahren lernen müssen. Viele ihrer mit Gold und Silber vollgepackten Galeonen hatten das alte Europa nie erreicht. Die alte Esperanza war eins dieser Schiffe gewesen.

Ein zweiter Hubschrauber landete zehn Minuten später auf dickbauchigen weißen Schwimmkörpern. Taucher verließen den Passagierraum der Maschine, die von der Coast Guard Station Key West stammten. Mit Schlauchbooten begannen sie die Suche nach dem Schießer mit der Maschinenkanone.

Ein Lieutenant der Metropolitan Police von Key West notierte sich Einzelheiten über den Sachverhalt, den Alison in Stichworten bereits über Funk geschildert hatte. Ken erhielt Erlaubnis, mit der Esperanza in den Heimathafen zurückzukehren. Dort auf der Insel würde die Polizei dann die Aussagen zu Protokoll nehmen.

 

 

3

Die Blondine verfolgte mich.

Es wurde mir klar, als ich ihr zum zweiten Mal begegnete. Hatte ich beim ersten Mal ihr Lächeln erwidert? Vermutlich. Jetzt hatte sie mich erneut im Gewühl entdeckt, mich ins Visier genommen, sich mit zwei Cuba Libre ausgerüstet. Strahlend steuerte sie auf mich zu und deutete mir mit Blicken an, um Himmels willen nicht einfach zu verschwinden.

Am Strand, auf dem Pier und im Pier House Inn wimmelte es von Menschen. Nackte Haut überwog — noch mit den Sonnenölresten des Tages oder schon mit dem aggressiven Moschusduft für den Abend ausgestattet.

Die Sonne sank, und Key West erwachte zu prallem Leben. Mehr als eine Attraktion für Urlaubsgäste., Es gehörte zur Lebensauffassung der Einheimischen, der Conchs, abends und nachts erst richtig munter zu werden. Deshalb feierten sie jeden Abend den Sonnenuntergang.

Die Blondine hatte sich bis in meine Nähe vorgearbeitet. Eine beachtenswerte Erscheinung mit langen Beinen, Bikinihöschen, T-Shirt und seidigem Haar bis weit auf den Rücken. Ich schob mein leeres Bierglas durch das Gedränge vor einer der vielen Strandbars. In dem Stimmengewirr konnte ich nicht verstehen, was das blonde Girl zu mir sagte.

Von der Wasserseite her fetzten Bossa Nova-Rhythmen eines Trios herüber. Weiter entfernt sang jemand Spanisches zur Gitarre. Das Girl sprach mit ungewohntem Akzent. Eine Touristin, soviel stand fest. Ich nahm ihr den Drink ab, Proteste ihr zu und erwiderte ihr Lächeln.

Joe Crofton war gut für ein Abenteuer.

Sah ich so aus?

Vermutlich. Windermeere, unser Maskenbildner in New York, hatte mich mit einfachen und natürlichen Mitteln so zurechtgemacht, wie seiner Meinung nach der typische Playboy und' Salongangster in einer Person aussah. Es schien ihm gelungen zu sein. Bislang hatte ich nur auf Cresta Melrose abstoßend gewirkt.

Mein gepflegter Vollbart war echt. Bei der etwas dunkleren, fast schwarzen Haarfarbe hatte Windermeere ein wenig nachgeholfen. Ich trug einen hellen Seidenanzug und hatte die Jackenärmel lässig aufgekrempelt. Die richtige Ausrüstung für eine Nacht in den Bars und Kneipen von Key West.

Das Girl hieß Angela und stammte aus Schweden. So kühl wie blond war sie ganz und gar nicht. Sie verschwendete keine Zeit. Noch bevor wir die Gläser geleert hatten, war sie hautnah. Nun, als sie mir ins Ohr flüsterte, verstand ich auch ihr akzentbeladenes Englisch.

»Du kommst mir unheimlich bekannt vor«, hauchte sie. »Ich bin sicher, dich schon mal gesehen zu haben.«

»Bestimmt im Kino«, antwortete ich.

»Du meinst…?«

»Auf der Leinwand«, nickte ich.

Sie schmiegte sich enger an mich, und ich spürte den Druck ihrer straffen Beine durch die Seide meines Anzugs. Aus seeblauen Augen blickte sie zu mir auf. Das blonde Haar rahmte in Wogen ihre Schultern. Sie war mehr als eine Sünde wert.

»Das habe ich mir gedacht«, sagte Angela, und ihre Stimme vibrierte in plötzlicher Aufregung. »Nick Pertini, stimmt’s? Du hast den Mafia-Capo in ,Todesengel gespielt. Richtig?«

Ich hatte Windermeere ohnehin in Verdacht, daß er sich manchmal an Filmplakaten orientierte. Hatte er mir tatsächlich das Äußere eines Leinwandhelden verpaßt? Ich mußte grinsen.

»Sehe ich aus wie Pertini, muß ich Pertini sein«, murmelte ich. »Die Wahrheit hat Zeit, Baby, bis…«

Ich vergaß, was ich noch hatte sagen wollen.

In dem lachend, singend, hüpfend, tanzend vorbeiflutenden Geschiebe und Ge-. dränge stach mir etwas ins Auge. Dunkle Haare, ein klassisch römisches Profil, die vollendete Weiblichkeit. Cresta Melrose!

In der nächsten Sekunde verschwand sie, während ich noch nach ihr starrte. Nach links entwischte sie aus meinem Blickfeld. Zwischen ihr und mir war der ganze lärmende Frohsinn der Sonnenuntergangsfeierer von Key West.

Mein blonder Schwedenengel spürte, daß ich abgelenkt war und rief sich anschmiegsam in Erinnerung.

»In dieser Nacht gibt es nur eine Wahrheit«, flüsterte sie in mein Ohr, »und das ist…«

Worin Angelas nächtliche Wahrheit bestand, sollte für mich ein Rätsel bleiben. Denn ich drückte ihr mein Cuba Libre-Glas in die Hand und verschwand.

Lachend und tanzend bahnte ich mir einen Weg durch das heitere Getümmel. Girls, die ich schon kannte, schmatzten mir im Vorbeihüpfen Küsse auf. Ich antwortete jedesmal mit einem munteren Klaps auf die Kehrseite. Joe Crofton war eine Frohnatur, und als solche hatte ich mir auf Key West schon den Namen gemacht, den ich brauchte.

Im Dämmerungsschatten des Pier House Inn sah ich Cresta wieder. Zwei Männer hatten sie in die Mitte genommen und strebten mit ihr auf den Promenadenweg zu, der zur Duval Street führte. Als sie einen Bogen um einen Stand mit frischen Shrimps schlagen mußten, sah ich für einen huschenden Moment Crestas Gesicht.

Bleich.

Todernst und verkrampft, wie ich sie nie erlebt hatte.

Die beiden Kerle hatten sich bei ihr untergehakt. Sie lachten und redeten laut und gaben sich ganz wie erfolgreiche Abschlepper. Immerhin kannte ich Cresta ein bißchen, wenn auch von der unangenehmen Seite. Mit zwei Typen auf einmal loszuziehen, wäre wohl das letzte gewesen, was sie sich geleistet hätte.

Ich blieb dran.

Die Promenade war etwas weniger belebt als der Strand und die Pier. Deshalb konnte ich den Abstand vergrößern und auf Nummer Sicher gehen. Die Kerle, ein Breitschultriger mit krausem rotem Haar und ein dunkelhaariger Drahtiger, brachten Cresta zu einem Toyota Landcruiser. Das wuchtige gelbe Off-Road-Fahrzeug parkte unter den Fächern einer hohen Palme an der Duval Street.

Der Rotkopf schob sich neben Cresta auf die hintere Sitzbank. Er hatte keine Mühe dabei. Irgendwie mußten sie ihr beigebracht haben, daß es sinnlos war, sich zu wehren. Kein Kunststück. Gegen eine Übermacht konnte auch die kratzbürstige Tochter des alten Melrose nichts ausrichten.

Ich beobachtete noch, wie der Drahtige sich hinter das Lenkrad zwängte. Dann marschierte ich im Eilschritt weiter. Mein Wagen parkte einen Block weiter in einer Querstraße. Ich konnte den Toyota gerade noch zu Fuß überholen, als er anrollte. Da er kaum zum Strand wollte, gab es für ihn nur die Fahrtrichtung landeinwärts.

Mein Flitzer für Key West war ein roter Pontiac Firebird, Fünflitermaschine, 206 satte Pferdestärken unter der langen Haube. Gegen meinen Jaguar konnte der Feuervogel nicht antreten, aber ein Waisenknabe war er auch nicht gerade.

Ich hatte den Toyota wieder, gleich nachdem ich auf die Duval Street eingebogen war. Das Gelb und der hohe Kastenaufbau des Geländewagens waren nicht zu übersehen. Er hatte drei Blocks Vorsprung, aber jedesmal, wenn er an einer Ampel halten mußte, holte ich ein Stück auf.

Der abendliche Verkehr in den palmenumsäumten Straßen war beträchtlich. Nirgendwo gab es Stillstand. Alles, was Beine umd Räder hatte, schien unterwegs zu sein. In die unwirkliche Mischung aus versiegendem Tageslicht und gerade aufgeflammten Straßenlampen stießen die Reklameleuchten der Bars zuckend ihre grellen Farben.

Angela, der blonde Schwedenengel, tat mir leid. Sollte ich ihr später noch einmal begegnen, wenn alles vorbei war, würde ich mich für mein rüdes Verhalten entschuldigen.

Das Risiko, entdeckt zu werden, war in dem Straßengewühl gering. Der Rotkopf mußte aufpassen, daß Cresta ihm nicht entwischte, und dem anderen war garantiert nicht daran gelegen, ausgerechnet jetzt einen Blechschaden zu bauen. Einmal, bei einem Ampelstopp, sah ich durch die Toyota-Heckscheibe Crestas Haar im rötlichen Schimmer einer Leuchtreklame.

Cresta war eine ungewöhnliche junge Frau. Körperliche Schönheit und überragende Intelligenz vereinten sich in ihr zu einem traumhaften Gesamtbild. Mit ihren 26 Jahren hatte sie bereits ein Jurastudium hinter sich und arbeitete seit kurzem als Assistentin in einem angesehenen Anwaltsbüro in Miami. In ihrer Freizeit schrieb sie an ihrer Doktorarbeit.'

So oft sie nur konnte, besuchte sie ihre Familie auf Key West. Zur Zeit hatte sie zwei Wochen Urlaub.

Das hatte sie mir erzählt, als wir uns in Slobby Joe’s Bar kennengelernt hatten. Und daß sie schon oft mit dem Gedanken gespielt hatte, Studium und Beruf an den Nagel zu hängen und auch Schatzsucherin zu werden. Alison, ihre Mutter, hatte sie darin bestärkt weiterzumachen. Auch wenn ich sie noch nicht persönlich kennengelernt hatte, wußte ich, daß diese Alison Melrose eine erfahrene Frau sein mußte.

Cresta war die geborene Juristin. Keine Schreibtischtäterin, weiß Gott nicht. Sie liebte es, sich in der Halbweltatmosphäre zu tummeln und sich einen Hauch von Verruchtheit zu geben.

Bei mir, Joe Crofton, hätte sie damit fast Schiffbruch erlitten. Denn ich hatte ihr den Ungestümen Vorspielen müssen, der es gleich in der ersten Nacht wissen wollte. Sie war gezwungen gewesen, die Halbweltmaske fallen zu lassen.

Der Toyota bog in die Margaret Street ein.

Es überraschte mich nicht. Ich verlangsamte das Tempo und ging auf größeren Abstand.

Das Wohnviertel war eine gewaltige karibische Parklandschaft. Die meisten Villen standen versteckt inmitten von üppig wucherndem Pflanzenmeer. Im vergangenen Jahrhundert hatten hier noch die »Wreckers« gewohnt, die steinreichen Anführer der Wrackplündererbanden. Denn Schiffe waren erst dann vor den Riffs um Key West sicher gewesen, als Leuchtfeuer und andere Fahrwassermarkierungen eingeführt worden waren.

Der gelbe Geländewagen hielt vor einem Portal, das zu einer restaurierten viktorianischen Villa gehöre, wie ich wußte. Ein kostbares Überbleibsel aus der Wrecker-Zeit.

Der Mann, der die Villa jetzt gemietet hatte, war kein Deut besser als die Wrackräuber vergangener Zeiten.

Ein Schmarotzer und Verbrecher.

 

 

4

Ich ließ den Pontiac in einer buschumrahmten Parkbucht zurück. In einer Grünanlage auf der gegenüberliegenden Straßenseite fand ich Deckung, weniger als 100 Meter von der Villeneinfahrt entfernt. Ich sah noch, wie die Schlußleuchten hinter dem Portal verglühten.

Keine Menschenseele ließ sich blicken. Das kunstvoll geschmiedete Tor schloß sich selbsttätig. Auf den Zaunpfeilern befanden sich Pilzleuchten in Zehnmeter-Abständen. Überall war die-Grundstücksgrenze in Licht getaucht — Voraussetzung dafür, daß die Videokameras brauchbare Bilder lieferten. Außerdem gab es Radaräugen in den Zaunpfeilern. Wer die Videokontrolle unbemerkt durchschlüpfte, verfing sich garantiert in den Radarschranken.

Die Alarmanlage der Villa war nicht zu überwinden. Eine Probe aufs Exempel konnte ich mir getrost schenken. Ich war kein Hauptdarsteller in einem Fernsehkrimi. In der Wirklichkeit lassen sich elektronische Sicherheitseinrichtungen nicht lässig mit einem geheimnisvollen Fantasiewerkzeug austricksen. -Ich kam nicht einmal auf zwei Meter an das Anwesen heran, ohne daß drinnen ein ganzes Konzert von Warnsignalen ausgelöst wurde. Und dann hockten die Bodyguards in ihrem Wachraum und überlegten beim Anblick meines Monitorbildes, ob sie mich mit einer Selbstschußanlage beseitigen, ob sie mich von Bluthunden zerreißen ließen, oder ob sie sich eigenhändig um mich kümmern sollten.

Wie auch immer, ich war bei ihnen alles andere als ein gern gesehener Gast. Ich fand einen Baumstumpf, auf dem ich mich niederlassen konnte, ohne von außerhalb der Grünanlage zu sehen zu sein. Es hatte keinen Sinn, etwas übers Knie zu brechen. Ich mußte abwarten und hatte berechtigte Hoffnung, daß sich das Warten lohnen werde.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942019
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v907468
Schlagworte
gold meeresgrund trevellian

Autor

Zurück

Titel: Trevellian und das blutige Gold vom Meeresgrund