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Trevellian und Debbies Flucht

2020 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und Debbies Flucht

Copyright

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Trevellian und Debbies Flucht

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Die Lichter von Shinnecock Bay, Long Island, waren weit, unerreichbar weit. Hinter mir ein rabenschwarzer Schlund. Es stank etwa so, wie man sich eine Hexenküche vorstellt. Ich glaubte sogar, es in der Tiefe brodeln zu hören.

Die Kerle strahlten mich mit den aufgeblendeten Scheinwerfern ihres Wagens an. Ich stand am Abgrund und wußte, daß es keine Chance mehr gab. Ich konnte nicht weg. Meine Füße steckten schon fast bis zu den Knöcheln im stinkenden Morast.

Einer der Kerle schob sich ins Licht. Mit einer Holzplanke. Er mußte sie irgendwo neben dem Wagen gefunden haben, und er hielt sie wie ein Ritter die Lanze.

Klar, sowie er sich an mich herantraute, saß er selbst im Dreck fest. Deshalb der Abstand.

Ich duckte mich und konzentrierte mich auf den Stoß, der mich in die mörderische Tiefe stürzen sollte.

Ich hatte die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen, doch es half mir nicht gegen die gleißende Helligkeit. Den Gangster mit der klobigen hölzernen Lanze konnte ich nur als Schattenriß erkennen - breitschultrig, lauernd, angriffsbereit. Die beiden anderen harrten irgendwo neben dem Wagen aus. Zu dritt hatten sie mich in die Enge getrieben. Jetzt wollten sie sich einen Spaß daraus machen, mir den Todesstoß zu versetzen.

Der Breitschultrige bewegte sich um einen langsamen Schritt vorwärts. Die Plankenlanze hielt er in der rechten Armbeuge. Mit der linken Hand gab er der riesigen Stoßwaffe die sichere Lage, waagerecht, einen Meter über dem Erdboden. So, kalkulierte er, mußte er mich erwischen, denn seitwärts konnte ich kaum ausweichen. Wegen des Schlamms, der mich festhielt.

Ich spannte die Musklen. Mein Plan stand fest. Nur das Überraschungsmoment konnte mir helfen.

»Laß das Katz-und-Maus-Spiel, Dave!« sagte einer der aus der Dunkelheit hinter den Scheinwerfern. »Gib’s ihm und dann Feierabend! Daddy sehnt sich nach einem feinen Budweiser.«

»Nur nach einem?« gluckste die zweite Stimme im Dunkeln.

Danach lachten sie beide.

»Ruhe!« knurrte Dave. Seine Haltung spannte sich noch mehr an.

Ich sah es an der kaum merklichen Veränderung der Schattenlinien. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen.

Eine Kugel wollten sie mir nicht verpassen, obwohl es für sie viel einfacher gewesen wäre. Aber sie glaubten, die große Erkenntnis in Sachen Spurensicherung gewonnen zu haben. Meinten, eine Leiche ohne Bleigehalt werde nicht als Mordopfer eingestuft.

Ein Ruck ging durch den Schatten des Lanzenmannes. Jäh schnellte er vor.

Ich reagierte im selben Sekundenbruchteil. Ich krümmte mich, obwohl der Stoß mich noch gar nicht getroffen hatte. Und packte zu.

Ich erwischte die Planke, drückte sie zur Seite weg und ließ sofort wieder los.

Der Gangster wurde ein Opfer seines eigenen Schwungs. Es riß ihn nach vorn, und samt Planke landete er im Dreck. Er schrie vor Wut.

Ich hatte mein Gleichgewicht gehalten und bückte mich, um das verdammte Ding außer Reichweite zu befördern. Wenn ich es schaffte, aus dem Scheinwerferlicht zu gelangen, hatte ich vielleicht eine Chance.

Die Planke glitt unter meinen Händen weg, als ich danach greifen wollte. Die Erkenntnis dessen, was geschehen war, nützte mir nichts mehr.

Einer der beiden anderen war vorgeschnellt und hatte das klobige Holz gepackt.

Es traf mich knapp unter dem rechten Rippenbogen. Der Schmerz explodierte in mir. Einen Atemzug lang hatte ich das Gefühl, mir würde die Bauchdecke zerrissen. Deshalb wurde mir nicht sofort bewußt, daß ich rückwärts getrieben wurde und das Gleichgewicht verlor. Ich ruderte mit den Armen.

Leere umgab mich, nichts als finstere Leere.

Und der Gestank schien mich verschlingen zu wollen. Ich glaubte, das Hohnlachen der Kerle zu hören. Aber das war ein Trugschluß. Sie waren stumm dort oben am Rand der Grube, wo sie meinen Sturz verfolgten.

Freier Fall. Eine Ewigkeit schien zu vergehen.

Der Aufschlag meines Körpers war wie Donner. Von allen Seiten drang das Dröhnen auf mich ein. Feuchtigkeit suchte sich ihren Weg in meine Kleidung. Der Boden unter mir war weich. Und der Gestank legte sich wie eine Zentnerlast auf meine Brust.

Ein kalkiger Finger stieß von oben herab, bewegte sich tastend um mich herum und kreuz und quer über mich hinweg. Ich rührte mich nicht. Ich wartete, bis sie die Stablampe ausgeknipst hatten. Wenig später war ein Automotor zu hören, der sich entfernte. Ich konnte kaum glauben, daß ich bei Bewußtsein geblieben war.

Kein Grund zur Hoffnung.

Der Gestank biß sich in meinen Atemwegen fest. Eine betäubende Mischung aus allen nur erdenklichen Chemikalien. Ich rief meine Willenskraft wach, denn ich wußte, daß ich in meiner jetzigen Lage auf keinen Fall ausharren durfte, wenn ich am Leben bleiben wollte.

Die verfluchte giftige Brühe würde mich umbringen.

Darauf bauten die Gangster. Sie nahmen an, daß ich durch den Sturz in 30 Meter Tiefe schon so schwer verletzt war, daß ich mich nicht mehr rühren konnte. Entweder mußte ich also in'der schillernden Pest ertrinken oder mir durch nach und nach einsetzende Vergiftungserscheinungen den Rest geben lassen.

Ich prüfte meine Muskeln und meine Knochen. Arme und Beine funktionierten problemlos. Bis auf die an- und abschwellenden Schmerzen im Oberkörper hatte ich nichts Ernsthaftes davongetragen. Der Boden der Giftgrube war weicher, als die Gangster angenommen hatten. Allein dieser Tatsache verdankte ich es, daß ich noch am Leben war.

Schwacher Trost!

Natürlich hatten sie .auch die letztere Möglichkeit einkalkuliert. Die Lehmwände der Grube waren zwar leicht angeschrägt, doch immer noch so steil, daß man sie unmöglich erklimmen konnte. Ich sollte in dieser finsteren, stinkenden Tiefe elend zugrunde gehen.

Langsam richtete ich mich auf. Übelriechender Schlamm klebte an meiner Kleidung. Die Nässe schien mir durch die Haut zu dringen. Ich dachte daran, welche Giftstoffe mir womöglich durch die Poren drangen. Ein Schauer lief mir über den Rücken.

Keine Aussicht, jemals gefunden zu werden.

Das Deponiegelände war vor einer Woche stillgelegt worden. Umweltschützer hatten dafür gesorgt. Sie behaupteten, stichhaltige Beweise dafür zu haben, daß hochgiftige Stoffe auf diesem Gelände an der Shinnecock Bay unerlaubt eingelagert worden seien. Der Gouverneur hatte eine sofortige Schließung der Deponie angeordnet. Eine Untersuchung wurde eingeleitet.

Die schwarze Brühe reichte mir bis zur Mitte der Waden. Ich stapfte durch den Schlamm chemischer Abfälle auf eine der Grubenwände zu. Eigentlich durfte es diese Brühe und diesen Schlamm gar nicht geben. Jahrelang waren hier nur Fässer eingelagert worden, angeblich so zuverlässig dicht, daß selbst auf lange Sicht keine Lecks entstehen konnten.

Irrtum!

Grundstückseigentümer war das Department of Sanitation, New York State. Bewacht wurde die Deponie von einer privaten Firma für Anlagensicherungen. Eine einzelne Figur war dafür eingeteilt. Diese Tatsache paßte zu dem schleppenden Lauf des Untersuchungsverfahrens. Praktisch war so gut wie nichts geschehen. Die Umweltschützervereinigungen liefen Sturm, aber die Behörden verschanzten sich hinter Gutachtern, die angeblich für ihre Arbeit noch Zeit brauchten.

Der Vorwurf, daß Dienststellen des Bundesstaats New York von der Mafia unter Druck gesetzt wurden, blieb nicht aus.

Ich erreichte die Lehmwand und betastete sie.

Glitschig. Feucht.

Meine Stimmung sank unter den Nullpunkt. Ich verharrte und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Die Schmerzen konnte ich immerhin unterdrücken.

Ohne Hilfsmittel konnte ich diese 30 Meter hohe Grubenwand niemals bezwingen.

Hilfsmittel…

Das Wort hallte mir durch den Kopf.

Die Gangster hatten mir alles abgenommen. Meinen Dienstrevolver und mein Walkie-talkie war ich ebenso losgeworden wie meine ID-Card, die sonstigen Papiere, die Handschellen und sogar die Brieftasche. Ich würde nicht einmal Zeit haben, meine Kreditkarten sperren zu lassen.

Das FBI ermittelte seit Wochen gegen das Ranson-Syndikat, allerdings noch ohne den offiziellen Segen des Federal Attorney. Wir hatten einfach zu wenig in der Hand, um die Sache schon jetzt an die große Glocke zu hängen. Unsere Kollegen von der Steuerfahndung hatten gewisse Querverbindungen zwischen dem Syndikat und großen Industrieunternehmen aufgespürt. Verbindungen, die seltsamerweise mit Warenlieferungen zu tun hatten.

Weshalb schaltete ein Hersteller von Synthesekautschuk beispielsweise für 50 Tonnen Rudopol, einen künstlichen Kautschuk, plötzlich einen Zwischenhändler ein, obwohl sämtliche sonstigen Lieferungen derselben Fabrik immer direkt an die Endabnehmer im Inland und in Übersee gingen?

Die Schlußfolgerung, daß es sich um Giftmüll handelte, den das organisierte Verbrechen der Industrie zu günstigen Tarifen abnahm, war nicht besonders schwer gewesen.

Ich war dem Hinweis eines V-Mannes nachgegangen. Auf der Deponie für Sondermüll, gelegen an der Shinnecock Bay, Long Island, sollte es frisch angelieferte Fässer geben, durch die man eine heiße Spur zurückverfolgen konnte. Ich hatte dem Wachmann vertraut und nicht damit gerechnet, daß er mir die Gangster auf den Hals schicken würde, während ich noch mit meinem Handscheinwerfer durch die stinkende Mondlandschaft der Deponie streifte.

Ich hatte der Zentrale über Funk gemeldet, daß ich das Gelände absuchte. Die Kollegen vom Bereitschaftsdienst nahmen an, daß ich das noch immer tat.

Milo, Steve und Blackfeather waren zu einem anderen Einsatz gerufen worden, als ich noch mit dem V-Mann in einer Kneipe an der Eighth Avenue verhandelt hatte. Dumme Zufälle häufen sich manchmal.

Der Einfall schoß mir so plötzlich durch den Kopf, daß ich von fieberhafter Erregung gepackt wurde.

Steiglöcher!

Ich mußte Steiglöcher in die Lehmwand graben, um mit Händen und Füßen Halt zu finden. Eine Mordsarbeit, die endlose Stunden dauern konnte. Nichts jedoch gegen einen qualvollen Tod in einem sogenannten Polder, in den Leckstoffe aus den bereits mit Erde ausgefüllten Nachbarpoldern sickerten.

Zum Graben hatte ich nur meine Hände.

Ich versuchte es und mußte sehr schnell feststellen, daß ich bestenfalls kleine Furchen in den Lehm ziehen konnte. Immerhin hatte man diesen Ort für Sondermüll gewählt, weil der Lehmboden angeblich eine 100prozentige Abdichtung gegenüber den umliegenden Grundwasserzonen war.

Ich brauchte ein Werkzeug.

Und wenn es nur ein Stein war, konnte ich damit schon etwas ausrichten. Ich überlegte nicht lange. Wenn ich etwas fand, dann auf dem Boden der Grube. Ich mußte es in Kauf nehmen, in der stinkenden Brühe und im Morast zu suchen. Ich tat es systematisch, indem ich mich bückte und mit herabhängenden Armen suchte. Dabei kämpfte ich gegen ein ständig von neuem aufwallendes Schwindelgefühl an. Es war, als ob der Gestank durch die Atemwege mit ätzender Gewalt in meinen gesamten Körper vordrang.

Endlose Minuten waren vergangen, als ich auf etwas Hartes stieß. Ich packte es, zog es hoch. Und hätte einen Freudenschrei ausstoßen mögen.

Ein Stück Stahlblech, scharfkantig, gezackt, rostig.

Es war etwa doppelt handtellergroß und mußte von einem zerborstenen Faß stammen. Ich probierte es an der Lehmwand aus. Es funktionierte. In ein paar Minuten hatte ich mein erstes Steigloch gegraben. Ich hielt inne und horchte.

Irgendwo ließ ein Küstenfrachter sein heiseres Typhon erschallen. Sonst war nichts zu hören.

 

 

2

Im Wald klang das Motorgeräusch dumpfer und hohler. Debbie Miles schaltete herunter und ließ den Jeep Cherokee im zweiten Gang über den unebenen Weg rumpeln. In den 23 Jahren ihres Lebens hatte es immer wieder Pläne gegeben, hier eine richtige Straße zu bauen. Aber für die paar Farmen in der bergigen Einöde lohnte es sich wahrscheinlich nicht.

Debbie kurbelte das Fenster herunter. Der schwache Fahrtwind griff herein und spielte mit ihrem Haar. Sie blickte zur Uhr. Gute fünf Minuten Zeitvorsprung hatte sie herausgeschunden. Himmel, sie konnte es sich leisten, drüben am Waldrand eine Pause einzulegen. Die Sonne war mild, wie sie durch die Baumreihen fächerte. Ein Tag, um sich von Stimmungen davontragen zu lassen.

Der Weg beschrieb eine scharfe Kurve, und Debbie hatte die streifige Sonne von vorn. Sie kniff die Augen zusammen und klappte die Blende herunter. Der rasch wechselnde Unterschied von hell und dunkel strengte an.

Deshalb sah sie den Wagen erst, als sie nur noch 20 Meter davon entfernt war.

Rechts, am Wegesrand, mit hochgeklappter Motorhaube.

Debbie trat vor Schreck auf die Bremse. Ihr Herzschlag verdoppelte sein Tempo. Sie umklammerte das Lenkrad. Gib Gas! schrie ihre innere Stimmme. Aber eine andere Stimme mahnte, daß der Mann, der die Panne vortäuschte, mit eben jener Möglichkeit bestimmt rechnete. Vielleicht hatte er Nägel gestreut oder so etwas.

All die Schreckensvisionen, die ihr Vater ihr immer vor Augen gehalten hatte, wurden wach. Bevor sie volljährig geworden war, hatte sie nie allein nach Powder River fahren dürfen. Und selbst dann hatte sie es sich erkämpfen müssen.

Ihre Gedanken überschlugen sich, während der Motor im Leerlauf brummte. Der Mann, der ihr gesagt hatte, daß sie eine hübsche junge Frau geworden war, schlank und mit allen Rundungen an den richtigen Stellen — dieser Mann war ihr Vater gewesen. Und er hatte ihr Über das blonde Haar gestrichen und sie regelrecht angefleht, niemals zu einem dieser überdrehten Friseure zu gehen und sich aufdonnern zu lassen.

Irgendwann lauern dir die Kerle aus der Stadt auf. Sie wissen, welchen Weg du fährst. Sie warten bloß auf die richtige Gelegenheit. Und wenn du dich zurechtmachst, so richtig aufreizend, dann stachelst du sie nur dazu an.

Debbie blickte an sich hinab. Aufreizend war sie nicht. Das graue Sweatshirt und die Jeans-Latzhose trug sie, weil so etwas bei der Farmarbeit bequem war.

Vorn rührte sich etwas hinter der hochgeklappten Motorhaube.

Debbie begann zu zittern. Sie beschloß, nun doch Gas zu geben und den Kerl einfach über den Haufen zu fahren, wenn es sein mußte.

Sie erkannte ihn in dem Moment, in dem er auf den Weg hinaustrat. Und sie schalt sich eine Närrin, daß sie den Wagen, einen Dodge-Lieferwagen, nicht auch sofort erkannt hatte.

»Cass Molloy«, murmelte sie kopfschüttelnd. »Du verdammter Kerl!« Sie lachte und ließ den Cherokee langsam anrollen. Sie empfand unendliche Erleichterung.

Cass gestikulierte vor ihr auf der Mitte des Weges. Er war ein großer Junge von kräftiger Statur. Sein froschgrüner Overall hatte Ölflecken. Mit flehenden Bewegungen, händeringend, näherte er sich ihrem Wagen. Dann kniete er bittend vor der Motorhaube des Cherokee nieder.

Debbie schwang sich ins Freie. Sie lachte. »Cass, um Himmels willen, was soll der Unsinn?«

Er hob die wie zum Gebet gefalteten Hände unter das Kinn. Die braunen Augen sprühten Funken unter seinem schwarzen Haarschopf.

»Ich brauche Ihre Hilfe, bezaubernde Lady«, sagte er in klagendem Ton. »Ohne Sie bin ich in dieser, Einöde verloren!«

Sie runzelte die Stirn, schob die Hände in die Gesäßtaschen ihrer Latzhose und betrachtete Molloy forschend.

»Sag mal, höre ich da irgendeinen Hintersinn heraus?«

Seine bettelnde Miene schlug in ein Grinsen um. Es war jungenhaft wie alles an ihm. Er rappelte sich auf und klopfte sich nicht vorhandenen Staub von den Ölflecken.

»Die Panne habe ich vorgetäuscht«, sagte er, trat zwei zögernde Schritte auf sie zu und lehnte sich an den Kotflügel des geländegängigen Wagens. »Ich wußte nicht, wie ich dich sonst mal erwischen sollte. Dich einmal im Jahr beim Ball der Farmers Association zu sehen, ist mir einfach zu wenig. Und wenn ich dich zufällig mal im Wagen zu sehen kriege, dann jagst du an einem vorbei, als ob dir der Teufel im Nacken säße.«

»Nicht der Teufel. Mein Vater.«

»Kannst du ihm nicht endlich sagen, daß du mündig und erwachsen bist?«

»Ich habe es oft genug versucht, Cass. Et will es nicht begreifen. Ich lebe in seinem Haus, also muß ich mich an seine Regeln halten. So einfach ist das.«

»Und unsereins muß eine Panne vortäuschen, um dich überhaupt mal zum Anhalten zu bringen. Debbie, ich komme mir vor wie ein Wegelagerer.«

Sie senkte den Kopf. »Gib mir eine Zigarette!« murmelte sie.

Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. »Was? So viel Zeit hast du? Weißt du, daß du mit so einem Glimmstengel zehn Minuten beschäftigt sein kannst?«

»Mach dich nur über mich lustig!« entgegnete sie und bediente sich, als er ihr ein zerknautschtes Päckchen hinhielt. »Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.«

Einen Moment lang nahm er ihre Hand, bevor er ihr Feuer gab und sich dann selbst eine Zigarette anzündete. »Sei nicht böse! Und vor allem… nicht so empfindlich! Sonst hast du immer einen kleinen Spaß verstanden.«

Sie nickte und rauchte hastig. »Ich glaube, es wird immer schlimmer. Bestimmt drehe ich in ein paar Jahren völlig durch. So was soll es ja schon gegeben haben - bornierte Väter, die ihre einzige Tochter in den Wahnsinn treiben.«

Cass kam näher und legte seine Hand auf ihre Schulter. »Warum läßt du dir nicht von mir helfen? Warum können wir deine Probleme nicht gemeinsam in den Griff kriegen?«

Debbie schluckte. Sie versuchte abzulenken. »Du wirst es kaum glauben, aber… gerade bevor ich deinen Wagen sah, habe ich daran gedacht, einfach anzuhalten. Nur so. Einfach eine Pause einzulegen und die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. Ich habe nämlich fünf Minuten herausgeschunden, weißt du. Fünf Minuten von der Zeit, die ich normalerweise brauche. Dad hat das genau berechnet. Heute war im Supermarkt wenig los und…«

»Debbie«, sagte Cass Molloy eindringlich. »Du brauchst mir nichts vorzumachen. Was ich für dich empfinde, habe ich dir gesagt. Wenn ich nur einmal Zeit hätte, mit dir zu sprechen! Stundenlang!« Sein Blick strich wie liebkosend über ihr blondes Haar. »Ich könnte dir so vieles erklären. Ich könnte dir zuhören. Wir würden beide alles voneinander erfahren. Und ich würde mit deinem Vater sprechen.«

Sie nahm einen letzten Zug aus der Zigarette, ließ sie fallen und trat sie aus. »Ich danke dir, Cass.« Nur flüchtig, als fürchte sie eine Reaktion, drückte sie seine Hand. »Vielleicht werden wir es irgendwann schaffen. Mir würde es auch gut gefallen, einmal stundenlang mit jemand zu sprechen, der nicht zu meiner Familie gehört.«

Sein erstaunter Blick bohrte sich in ihr Unterbewußtsein. Sie sah diesen Blick noch, als sie schon wieder im Wagen saß und den Wald verlassen hatte. Warum hatte sie gesagt »mit jemand«? Warum hatte sie so unpersönlich sein müssen? Hätte sie ihm nicht sagen können, daß sie Wert auf das Gespräch mit ihm legte?

Doch da schob sich etwas in den Vordergrund ihrer Gedanken, was schon immer dagewesen war. Cass Molloy war ein Pfundskerl, der netteste von allen in und um Powder River, der Kleinstadt am gleichnamigen Fluß. Seine Nähe war wohltuend, aber sie fühlte sich nicht zu ihm hingezogen. Wie oft hatte sie sich danach gesehnt, aus dem Bannkreis ihres tyrannischen Vaters auszubrechen! Einfach zu fliehen. Doch Cass Molloy und seine Einödfarm waren nicht der Fluchtpunkt, den sie sich vorstellte. Dort würden die äußeren Umstände ihres Lebens so sein wie bisher. Nur ein bißchen mehr Freiheit würde sie vielleicht haben. Oder auch nicht.

Die Sonne war ein blutroter Feuerball geworden und berührte schon die fernen Kämme der Rocky Mountains. Das Tageslicht färbte sich ins Bläßliche. Debbie verspürte ein Gefühl des Bedauerns. Der Tag ging zu Ende, und die kleine Beschwingtheit in ihr war so rasch verflogen, wie Cass Molloys Pannenvortäuschung ihre Wirkung als Scherz verloren hatte. Ein Tag ohne Hoffnung reihte sich an den anderen. Debbie empfand die Eintönigkeit ihres Lebens mehr denn je als eine Last.

Sie dachte an die Fluchtideen, die sie vor ihrer Volljährigkeit gehabt hatte. Die Ostküste, das Traumziel. Nicht Kalifornien, wovon alle schwärmten. Sonne und schöne Landschaft gab es in Wyoming auch. Nein, brodelndes Großstadtleben, das war es, wovon sie geträumt hatte. Von der glitzernden Pracht der High Society bis zur Verruchtheit der Halbwelt. New York City etwa. Dort war jetzt schon später Abend, Atlantic Standard Time. Dort hatte sich die Sonne längst zurückgezogen, und die Pflanzen der Nacht bestimmten das Geschehen.

Vielleicht war dies immer noch das Traumziel.

Aber sie hatte den Mut verloren, allein dorthin zu fliehen. Und den Märchenprinzen, der kommen würde, um sie abzuholen, gab es wohl doch nicht. Mußte sie die Dinge nicht selber in die Hand nehmen? War nicht Cass Molloy doch der einzige Weg? Vielleicht hatte auch er die Einöde im Vorland der Rockys satt. Sie hatte nur nie mit ihm darüber gesprochen.

Andererseits… nein, sie durfte ihn nicht einfach als Mittel zum Zweck benutzen.

»Was du brauchst«, sagte sie laut in das Motorengedröhn hinein, »ist ein klarer Kopf, Deborah Miles!«

Sie war entschlossen.

Sie würde über ihre Zukunft Klarheit gewinnen.

 

 

3

Es wurde kühler. Die Nähe des Atlantiks machte sich bemerkbar. Trotzdem lief mir der Schweiß aus allen Poren. Die Feuchtigkeit meiner Kleidung umgab mich wie eine eisige zweite Haut. Aber der Gestank, so schien es, hatte nachgelassen. Er verursachte nicht mehr dieses Würgen in der Kehle.

Ich hatte ein schönes Stück Höhe gewonnen.

Mein angerostetes Fundstück war ein hervorragendes Werkzeug. Es schnitt in den Lehm wie ein Messer, und ich konnte das losgelöste Stück jeweils mit den Fingern herausnehmen - wie einen Ziegelstein vor dem Brennen. Ich grub die Steiglöcher so tief, daß mein ganzer Fuß hineinpaßte. Und ich gab ihnen eine leichte Neigung nach innen, damit ich nicht abrutschen konnte.

Ich hielt inne. Sofort ergriff mich die Kälte mit Macht und schüttelte mich durch. Ich wandte den Kopf und blickte nach unten. In der Tat. Ich war dem Gestank dort in der Tiefe der Grube schon ein gutes Stück entronnen. Zehn, zwölf Meter mußte ich geschafft haben. Und den Rest würde ich auch noch bewältigen. In einem Zug. Ohne Pause.

Ich horchte einen Moment lang.

Noch immer rührte si’ch auf dem Deponiegelände nichts. Gelegentlich gab ein Küstenschiff Laut, und über den Polder rauschte der Wind hinweg, der sich in den letzten Minuten hörbar verstärkt hatte. Ich konnte mich voll und ganz auf mein Lehmstechen konzentrieren. Die Gangster mußten überzeugt sein, daß ich am Ende war. Vor allem wollten sie es nach einem Unfall aussehen lassen. Sicherlich hatten sie ihre Spuren beseitigt. Möglich, daß sie auch meinen Jaguar beseitigt hatten.

So schnell würde niemand auf die Idee kommen, einen Blick in die Giftpolder zu werfen. Der Platz war stillgelegt. Die Wachmänner hatten kein anderes Interesse, als ihre Zeit abzureißen. Probleme wollten sie bei dem lausigen Job nicht auch noch.

 

 

4

Der Lieferwagen klapperte auf der felsigen Zufahrt, die am Rand eines Hangs in das Tal hinabführte. Weiter unten, wo der Boden fruchtbar wurde, hatten die Molloys den Weg schon im letzten Jahrhundert befestigt. Granitschotter hatten sie dazu verwendet. Teile davon kamen jetzt wieder durch.

Cass nahm sich zum hundertsten Mal vor, die Asphaltdecke nun aber schleunigst erneuern zu lassen.

Die Farmgebäude duckten sich wuchtig und schutzspendend an den Fuß des Hangs, nutzten die Nähe eines kristallklaren Creek, wie schon vor 150 Jahren, als Cass’ Urgroßvater dieses Tal erblickt und beschlossen hatte, es für sich zu beanspruchen. Cass bedauerte, daß es die Nachfahren jener Indianer nicht mehr gab, denen die Molloys von damals dieses Land abgetrotzt hatten. Rothäutige Menschen waren gestorben, damit er, Cass Molloy, heute ein stumpfsinniges, nutzloses Leben in dieser Einsamkeit führen konnte. Bestimmt hatte sein Urgroßvater sich so etwas nicht vorgestellt.

Auf dem Farmhof stand ein riesiger Cadillac Fleetwood.

Cass trat vor Überraschung auf die Bremse. Zwischen den offenen Torflügeln des Zauns blieb er stehen und starrte durch die Windschutzscheibe.

Eine nachtblaue Limousine. Die Farbe des Lacks hatte in der beginnenden Dämmerung etwas Düsteres.

Cass Molloy sog die Einzelheiten in sich auf wie den Anblick eines seltenen Naturereignisses. Die Scheiben der schweren Limousine waren getönt und ließen keinen Blick ins Innere zu. Das Kennzeichen… ein New Yorker Kennzeichen. Cass zog die Brauen hoch. Er erinnerte sich an Fernsehbilder von Managern des Big Busineß, die in ihren schweren Schlitten Tausende von Meilen abrissen, unterwegs telefonierten und regelrecht Büroarbeit erledigten.

Cass kannte niemand aus jener Welt, die ihm nur das Fernsehen vermittelte.

Trotzdem glaubte er nicht daran, daß sich dieser Riesenschlitten durch einen Zufall auf sein Farmgrundstück verirrt hatte. Er ließ den Lieferwagen wieder anrollen und fuhr ihn in die Wagenremise neben Traktor und Anhänger. Der Cadillac brauchte den Hof, um zu rangieren, wenn er wieder abfuhr. Irgendwie hatte Cass Respekt vor dem Luxuswagen.

Er ging darauf zu. In seinem grünen Overall mit den Ölflecken fühlte er sich auf einmal wie ein Tramp.

Als er das ausladende Heck der Limousine erreichte, wurden die Türen an Fahrer- und Beifahrerseite geöffnet. Die beiden Männer, die ausstiegen und im Türwinkel stehenblieben, sahen aus wie Zwillinge. Aber das lag an ihrer Kleidung. Dunkelblaue Anzüge, weißes Hemd, weinrote Krawatte. Beide schwarzhaarig. Nur die Gesichtszüge waren unterschiedlich. Der an der Fahrerseite deutete mit einer Kopfbewegung auf dgn Eingang des Farmhauses. Der andere starrte mit ausdrucksloser Miene über das nachtblaue Wagendach hinweg.

Kein Gruß. Kein Wort.

Cass lag eine passende Bemerkung auf der Zunge. Selbst wenn die Kerle sich als Wer-Weiß-Was fühlten, brauchten sie nicht zu glauben, mit ihrer schnoddrigen New Yorker Art hier in Wyoming landen zu können. Doch er sagte nichts. Diese beiden Männer hatten etwas, das ihn- unsicher, fast hilflos machte. Sie beherrschten die Lage, das sagte ihr Auftreten aus. Er, Cass Molloy, hatte in ihrer Gegenwart nicht das Recht, sich als Hauseigentümer zu fühlen. Klein und häßlich war er, mehr nicht.

Er verabscheute sich selbst dafür, daß er folgsam auf den Hauseingang zuging.

Der Besucher hatte es sich in seinem Living-room gemütlich gemacht.

Es war ein schlanker, elegant gekleideter Mann. Noch etwas eleganter als die beiden draußen im Wagen. Er hatte dunkles Haar mit silbergrauen Schläfen, und die dunklen Augen blickten spürbar spöttisch. Der schwere Büffelledersessel, in dem Cass abends gern die Beine lang machte, war dem Fremden gerade gut genug.

Hauptsache, Sie haben es bequem! wollte er sagen. Aber er bekam keine Silbe heraus. Stand einfach nur da, wie eine lächerliche Figur im Türrahmen. Unglaublich! Allein durch ihr selbstsicheres Auftreten brachten es diese Leute fertig, ihm ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit zu geben. So, als gehörte ab sofort nicht ihm, sondern ihnen diese Farm.

»Mr. Molloy«, sagte der Fremde mit einer glatten Stimme, die so geschmeidig klang, daß sie sich selbst durch die schwierigsten Gesprächsklippen mühelos hindurchschlängeln konnte. »Sie sind Cass Molloy.« Es klang nicht wie eine Frage, sondern war eine Feststellung. Und der Fremde dachte nicht daran, sich selbst vorzustellen.

»Ja.« Cass hörte seine Stimme als Krächzen. Er fühlte sich wie ein Rekrut vor dem erbarmungslosen Sergeant. Himmel, das Einsiedlerleben mußte ihn weltfremd gemacht haben! Er wußte bestenfalls noch, wie man mit Dorftrotteln umging, nicht aber, wie man gelackte Typen mit Überlegenheit abfertigte.

»Schließen Sie die Tür, Mr. Molloy! Setzen Sie sich!« Der Elegante sagte es in höflichem aber bestimmten Befehlston, und er wies dabei auf den freien Sessel.

Cass fühlte sich endgültig als Gast im eigenen Haus. Er gehorchte und verspürte das seltsame Ohnmachtsgefühl, sich mit dieser Rolle abfinden zu müssen.

»Was wollen Sie von mir?« fragte er und empfand es gleichzeitig als die dümmste Frage, die man nur stellen konnte.

Der Besucher setzte ein Lächeln auf, das den Spott in seinen Augen verstärkte. »Kurze Frage, kurze Antwort, Mr. Molloy. Ich will ein Geschäft mit Ihnen abschließen. Ein Freund langer Reden bin ich nicht.«

Cass runzelte die Stirn. Er hatte von Landaufkäufern gehört, die mit den absonderlichsten Ideen kamen. Manche Farmer träumten davon, daß ihr Ackerland plötzlich nicht mehr 100 Cents, sondern 100 Dollar pro Quadratmeter wert war.

Cass Molloy raffte seine Widerstandskraft zusammen. »Für ein Kernkraftwerk gebe ich mein Land nicht her. Ich gebe mein Land überhaupt nicht her.«

Der Fremde blies amüsiert die Luft durch die Nase. »Ihr Land können Sie sich an den Hut stecken, mein Junge. Meine Firma möchte eine Dienstleistung von Ihnen. Wir zahlen gut. Sie übernehmen eine Ware von uns und bringen sie an ihren Bestimmungsort. Sie haben da einen hübschen See in Ihrem Tal, der uns ausgezeichnet gefällt.« Mit drei, vier Sätzen erklärte der Elegante, was er meinte.

Cass sah ihn entgeistert.an. Er war fassungslos. »Niemals!« stieß er hervor. »Für kein Geld der Welt würde ich so etwas tun!«

Wieder blies der andere amüsiert die Atemluft aus. Er griff in die Innentasche seines Jacketts und klatschte ein Foto auf den Tisch. »Manchmal, Mr. Molloy, sind Worte nicht überzeugend genug. Ich denke, das wird Sie beeindrucken.«

Cass stierte auf das Bild und begriff nicht. Die Farbaufnahme, mit einem Teleobjektiv geschossen, zeigte Debbie Miles beim Wäscheaufhängen - an einem sonnigen Tag, auf der Wiese oberhalb ihres Elternhauses. Die Farmgebäude waren in 100 Meter Entfernung im Hintergrund zu erkennen. Der Fotograf mußte in dem Waldstück gelauert haben, das sich auf der Hügelkuppe an die Wiese anschloß.

»Was soll das?« knurrte Cass.

»Ein gutgemeinter Hinweis, Junge. Sie haben Debbie gern. Sie sehen, wie verwundbar sie da draußen auf der Farm ist. Wenn einer sie sich schnappen will, hat er leichtes Spiel. Ich nehme an, Sie möchten nicht, daß ihr etwas zustößt.«

Cass öffnete den Mund weit. Er ließ das Foto fallen und ballte die Hände zu Fäusten. Eine Sekunde lang war er versucht, dem Kerl an die Gurgel zu gehen.

Doch im selben Atemzug wußte er, mit welcher Sorte er es zu tun hatte. Dagegen war er ein lächerlicher kleiner Wurm. Sie erreichten ihr Ziel in jedem Fall. Und ein Menschenleben bedeutete ihnen nicht viel, wenn sie dadurch ein Hindernis beseitigen konnten. Cass machte sich nichts vor, denn er war nicht weltfremd genug, um nicht zu wissen, was für eine Firma dieser freundlich überhebliche Mensch vertrat.

»Ich muß es also tun«, sagte Cass tonlos.

»Sie fangen an, mir sympathisch zu werden«, entgegnete der Elegante mit einem Grinsen.

 

 

5

Die Steiglöcher schienen wie aus Gummi geformt, glitschig und höchst unzuverlässig. Ein falscher Eindruck, wie ich nach einer Ewigkeit feststellen konnte.

Ich näherte mich dem Rand der Grube. Noch zwei Löcher, schätzte ich, dann hatte ich es geschafft. Wieviel Zeit verstrichen war, vermochte ich nicht zu sagen. Es spielte keine Rolle für mich. Wichtig war das Gefühl, bald aufatmen zu können. Der Chemikaliengestank kam mir nun schon bedeutungslos vor. Denn ich roch diesen unvergleichlich erfrischenden Hauch von Seeluft. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein. Denn ich erinnerte mich, daß ich zuvor, oben, schon gemeint hatte, von nichts als Gestank umgeben zu sein.

Aber da hatte ich den Abgrund des Polders noch nicht gekannt.

Ich stach das letzte Steigloch aus dem Lehm. Trotzdem warf ich das Blechwerkzeug, das sich bewährt hatte, nicht weg. Vielleicht verschätzte ich mich. Ich sah den Polderrand als graue Linie. Wahrscheinlich waren es die fernen Lichter von Shinnecock Bay, die Umrisse erkennbar machten. Ich behielt mein rostiges Werkzeug wie einen kostbaren Schatz, den ich für alle nur erdenklichen Notsituationen noch gebrauchen konnte.

Langsam zog ich das rechte Bein an und fand mit dem Fuß Halt in der nächsten gummiartigen Einbuchtung. Der Grubenrand war nun schon zum Greifen nahe. Aber ich wußte, ich würde keinen Halt finden, um einen Klimmzug wagen zu können. Dazu war alles zu lehmig und zu feucht. Ich brauchte die letzten Steiglöcher, um mich über den Rand zu rollen.

Ich zog das linke Bein nach. Meine Aufstiegstechnik funktionierte einwandfrei. Kühler Wind, von See her, wühlte jetzt in meinem Haar und ließ den Schweiß auf meiner Gesichtshaut zu einer kalten Maske erstarren. Die giftwassergetränkte Kleidung glich einem Eispanzer.

Das Grabeblech in der Linken, erfaßte ich den Grubenrand. Er war glitschig, wie erwartet. Aber die Zahl der Steiglöcher reichte aus. Zügig schob ich mich höher in den Seewind hinaus. Nun konnte ich weit voraus auf ebenes Gelände tasten und hatte den Rand in Hüfthöhe.

Grelles Licht traf mich wie ein Keulenhieb.

Jäh spannten sich meine Muskeln. Ich kniff die Augen zusammen und warf das Blech beiseite.

Ein Fuß zuckte aus dem Licht heraus, riesengroß, auf mich zu.

Schwarzer Stiefel, schwarze Uniformhose.

Ich wich aus. Der Stiefel zischte an meinem rechten Ohr vorbei. Der Kerl hatte die Blendwirkung seiner Lampe überschätzt.

Ich packte in dem Moment zu, in dem er den Fuß zurückzog und Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu halten. Ich kriegte ihn zu fassen. Er schrie vor Schreck. Der Lichtkegel tanzte von mir weg, wedelte einen Sekundenbruchteil lang in den Nachthimmel und fiel in den Dreck.

Der Mann stürzte und begrub die Lampe unter sich. Er zog und ruckte. Ich lockerte meinen Griff um keinen Millimeter. Denn ich wußte, wenn er freikam, hatte ich keine Chance mehr. Doch meine Position war zu unsicher. Denn auf dem Boden liegend versuchte er jetzt, mich trotzdem in die Tiefe zu stoßen. Er hatte den besseren Halt.

Er riskierte es, sich ein Stück näher an die Grube zu schieben, um ausholen zu können. Sofort verstärkte ich meinen Griff. Sein Stoß trieb mich vom Grubenrand weg. Aber der eigene Kraftaufwand wurde dem Mann zum Verhängnis. Der Boden unter ihm war glatt genug. Ich hatte kaum Mühe, ihn mit mir zu ziehen.

Zum zweiten Mal an diesem Abend stürzte ich ins Leere.

Der Schwarzgekleidete, den ich jetzt losließ, schrie gellend.

Ich entspannte meine Muskeln. Mehr konnte ich nicht tun. Den Aufschlag des anderen hörte ich dicht neben mir. Die stinkende Brühe spritzte nach allen Seiten weg. Sein Schrei ging in ein Gurgeln über und verstummte.

Ich rollte mich nach rechts durch Schlamm und Giftwasser. Im nächsten Moment kam ich .hoch. Ich stemmte mich dabei wie gegen Zentnerlasten an, mit denen Wasser und Schlamm an mir zerrten.

Finger schrammten mir über den Rücken. Der Stoff meiner Jacke riß. Der andere war verteufelt schnell gewesen. Er hatte versucht, sich auf mich zu werfen. Er landete an der Stelle im Dreck, an der ich mich eben noch befunden hatte.

Doch nun hatte ich alle Vorteile auf meiner Seite. Und ich dachte nicht daran, dem heimtückischen Kerl auch nur einen Hauch von Rücksicht zu gönnen. Ich drehte mich um und fühlte mich dabei tapsig wie ein Bär auf dem unsicheren Untergrund. Der andere war im Begriff, sich aufzurappeln. Er keuchte und prustete, und ich konnte hören, wie er einen Schwall von Giftwasser ausspie.

Ich schnappte ihn mir. An seiner schwarzen Kleidung blitzte Silbernes. Die Uniform der Bewachungsgesellschaft. Ich hatte es mit dem sauberen Guard zu tun, der ein zweites Mal versucht hatte, mich aufs Kreuz zu legen.

Ich schleuderte ihn mit zwei Fausthieben zurück in die Brühe. Noch einmal wollte er hochkommen. Er war hart im Nehmen. Ich verpaßte ihm eine Handkante, die 100prozentig wirkte.

Damit er nicht in der Giftbrühe ertrank, setzte ich den Bewußtlosen mit dem Rücken an die Grubenwand, ein gutes Stück von meinen Steiglöchern entfernt. Ich klopfte den Mann ab und fand seinen Revolver in einem Gürtelholster. Ein Smith and Wesson mit zehn Zentimeter langem Lauf, stellte ich tastend fest. Ich schob die Waffe unter meinen Hosenbund und begann den zweiten Aufstieg.

Diesmal schaffte ich es.

Der kalte Seewind, der um meine nasse Kleidung strich, ließ mich frösteln. Meine Zähne fingen an zu klappern. An die Dunkelheit hatten sich meine Augen so weit gewöhnt, daß ich die ausgefurchten Wege der Deponie erkennen konnte.

Ich lief zum Wachgebäude beim Haupttor, wo ich auch meinen Jaguar abgestellt hatte. Der rote Flitzer war, wie erwartet, verschwunden. Der barackenartige Bau war unverschlossen.

Sogar das Licht brannte noch im Dienstraum. Das Telefon funktionierte. Es war an das Netz von Bell Telephone angeschlossen. Kein Hausapparat des Bewachungsunternehmens. .

Ich wählte die Nummer des District Office an der Federal Plaza. Myrna, unsere Telefonistin mit der unvergleichlich rauchigen Altstimme, meldete sich.

»Bitte, verständigen Sie schleunigst Milo!« sagte ich kurzangebunden. Und dann sah ich vor meinem geistigen Auge, wie Myrna tadelnd die Stirn runzelte.

»Sie waren schon freundlicher zu mir, Jesse - vor allem dann, wenn ich Spätdienst hatte. Ein paar aufmunternde Worte hatten Sie immer für mich.«

»Im Moment könnte eher ich ein bißchen Aufmunterung gebrauchen«, entgegnete ich und erklärte ihr, wo ich war.

Myrna wurde sofort ernst, wiederholte meine Angaben und sagte mir, daß Milo Tucker und sämtliche Kollegen der Nachtbereitschaft einen Großeinsatz in der Bronx angeleiert hätten. Die G-men hatten ihre Fahrzeuge verlassen. Über Walkie-talkie würde man sie nur mit Glück erreichen. Ich sagte Myrna, daß es reiche, wenn mich jemand von der Fahrbereitschaft abholte. Sie konnte Milo verständigen, sobald er sich nach seinem Einsatz meldete.

Die Wachbude hatte eine Gasheizung, die ich voll aufdrehte. In einem Nebenraum gab es einen Herd, einen Kühlschrank und ein Regal. Ich setzte Wasser auf.

Auch Duschen waren vorhanden. Ich zog das stinkende Zeug aus. Den erbeuteten Revolver legte ich in Reichweite, während ich mich von Kopf bis Fuß abschrubbte. Gleich nebenan, in dem Mannschaftsraum mit einer Reihe von Blechspinden, fand ich trockene Reserveuniformen, sogar Unterwäsche. Anscheinend kam es öfter vor, daß hier jemand verdreckte.

Ich kehrte in den Wachraum zurück, brühte Tee auf und erhitzte mir zwei Hot Dogs aus den Firmenvorräten. Ich fühlte mich wie in der Behaglichkeit einer winterlichen Skihütte.

Mit dem Unterschied, daß die Landschaft draußen nicht weiß war, sondern so grau und schwarz, daß es einen grausen konnte.

 

 

6

Joe Kronberg hatte in einem ausgebrannten Wohnblock Stellung bezogen, sechs Stockwerke hoch, ausgestattet mit einem Nachtsichtgerät und einer Infrarotkamera mit 500-Millimeter-Teleobjektiv. G-man Floyd Winter befand sich hinter der leeren Fensterhöhle neben Joes Platz. Floyd gehörte zu den Scharfschützen. Seine Waffe war das beim FBI übliche Remington-Gewehr, Kaliber 7,65 Millimeter, ausgerüstet mit Zielfernrohr und Restlichtverstärker.

Ähnlich wie Joe und Floyd waren insgesamt zehn Special Agents rings um das Betriebsgelände der Hudson Trucking Company verteilt. Milo Tucker, Steve Tardelli und Blackfeather hatten zu ebener Erde Stellung bezogen, in einem Hausflur, der Einfahrt der Spedition gegenüber.

Noch war das Tor drüben geschlossen.

Die Einsatzstellungen der G-men befanden sich in einem Kreis um den Einmündungsbereich Wallace Street und Burke Avenue. Das Speditionsgrundstück lag im Winkel dieser Einmündung. Zusätzlich zu dem geräumigen Gelände mit Fahrzeughallen und Lagerschuppen wurden brachliegende Nachbar flächen zum Abstellen von Trucks genutzt. Trümmergrundstücke nach dem Abbruch alter Häuser, wie sie es überall in der Bronx gab, auch hier im nördlichen Gebiet.

Milo, Steve'und Blacky befanden sich in einem alten Kasten, der auf dem Papier unbewohnt war. Die Baubehörde wußte jedoch ebenso wie die Cops vom zuständigen Revier, daß die Bude in Wahrheit von Tramps und Junkies überquoll. Man konnte hier ebensowenig etwas dagegen tun wie in den vielen ähnlichen Fällen in New York City. Trieb man sie vorn hinaus, drangen sie hinten wieder ein.

In dem modrig riechenden Hausflur, den die drei G-men als Einsatzzentrale ausgewählt hatten, herrschte Ruhe. Kein Laut war aus den Höhlen zu hören, die einmal Wohnungen gewesen waren. Die Leute in den Höhlen hatten begriffen, daß der Einsatz nicht ihnen galt. Doch ihr Instinkt sagte ihnen, daß es besser war, sich nicht zu rühren.

Drüben bei der Hudson Transport Company hatten sie das Tor nur kurz geöffnet und sofort wieder geschlossen. Das war vor einer Stunde gewesen. Nacheinander waren ein dunkelblauer Chrysler LeBaron und ein grauer Mercury Sable auf den Hof gerollt und in einer Fahrzeughalle verschwunden.

Nach den gleichlautenden Hinweisen von drei V-Leuten sollte an diesem Abend an diesem Ort die Übergabe einer brandheißen Lieferung stattfinden. Weil es sich um einen neuen Lieferanten handelte, sollten angeblich auch Spitzenmänner des Syndikats anwesend sein. Bislang waren jedoch die großen Limousinen aus den Häusern Mercedes und Cadillac ausgeblieben. Möglich, daß die Gentlemen aus den Führungsgremien erst in letzter Minute aufkreuzten.

Die Übergabe der Ware gegen Bezahlung in bar sollte Zug um zug stattfinden, und zwar so schnell wie möglich. Das Lieferfahrzeug würde im Höchstfall fünf Minuten auf dem Speditionshof bleiben. Es war einer dieser verdammt seltenen Fälle, in denen der Lieferant einer Ware dafür bezahlte, daß man sie ihm abnahm…

Seit einer Stunde, als die beiden Wagen vorgefahren waren, brannte im Office der Transport Company Licht. Joe Kronberg hatte die Einzelheiten bereits gemeldet. Konferenzzimmer und Empfangsraum waren erleuchtet, außerdem die Teeküche, in der dauernd jemand hantierte.

Joe hatte sie nach unterschiedlichen Figuren soritert, da sie durch die Fenstervorhänge nur schemenhaft zu erkennen waren. Insgesamt fünf Mann. Einer hatte sich schon vorher im Office aufgehalten, um die vier anderen zu empfangen.

Milo Tucker hatte den Platz hinter der halb zersplitterten Bleiglasscheibe der Hautür eingenommen. Blacky trat auf ihn zu, um ihn abzulösen. Milo klopfte ihm auf die Schulter und zog sich in den Winkel des Flurs zurück, wo Steve bei dem leistungsstarken transportablen Funkgerät ausharrte.

Milo bot dem blonden Kollegen mit dem italienischen Namen eine Zigarette an und bediente sich selbst aus der zerknautschten Packung. Steve gab ihm hinter hohler Hand Feuer.

»Sollte mich nicht wundern, wenn die Jungs sich da drüben zu einer heimlichen Pokerpartie getroffen haben.«

»Geduld war sonst immer deine Stärke.« Milos Grinsen war im Schein der Zigarettenglut zu sehen.

»Mir fehlt der Anblick der großen Nummern. Du weißt, wie sie sind, Milo. Geschäftliche Premieren feiern sie gern. In der Beziehung haben sie ein kindliches Gemüt, auch wenn sie in der nächsten Minute wieder über Leichen gehen.«

»Richtig.« Milo nickte. »Sie haben aber auch hochempfindliche Nerven. Ich bin sicher, das Geschäft ist ihnen noch zu frisch. Ihnen fehlen die hieb- und stichfesten Erfahrungswerte. Wahrscheinlich feiern sie erst, wenn sie fest im Sattel sitzen.«

Ein rotes Lämpchen am Funkgerät flackerte auf.

Steve meldete sich. »Hier Center Alpha. Over.«

»Beta für Alpha«, ertönte Joe Kronbergs gedämpfte Stimme. »Einzelner 55 auf der 10 aus Richtung Zero. Dürfte also über 331 hereingekommen sein.«

Sämtliche Gespräch liefen zusätzlich über Zerhacker. Abhören brachte also keinem etwas. Joes Meldung besagte, daß ein einzelner Truck auf der Bruke Avenue aus Richtung Norden heranrollte, also über Yonkers hereingekommen sein dürfte.

Steve Tardelli bestätigte und wiederholte die codierte Meldung.

Und dann ging es Schlag auf Schlag.

Hyram Wolfe und Les Morell, gleichfalls als Scharfschützen eingesetzt, hatten zusätzliche die Aufgabe, etwaigen Funkverkehr im CB-Netz abzuhören. Sie waren dazu mit einem Spezialgerät ausgestattet.

Les meldete, daß ein gewisser »Bronco Buster« über CB mit der Hudson Transport Verbindung aufgenommen habe. Der »Bronco Buster« habe Chappaqua im Staat New York als seinen Abfahrtsort angegeben.

Milo gab eine Blitzanfrage an die State Police durch: »Was für Industriebetriebe gibt es in Chappaqua, New York State?«

Der Beamte in der Zentrale der State Police versprach, seinen Computer scharfzumachen und schleunigst wieder von sich hören zu lassen.

Erneut meldete sich Beta für Alpha. Joe Kronberg teilte mit, daß die Eingangstür des Speditionsbüros geöffnet wurde. Vier Personen traten unter das Vordach. Nr. 5 blieb im Gebäude. Wahrscheinlich, um CB-Funk und Telefon zu bedienen.

Auf der Starße wurde ein tiefes Dröhnen laut. Ein Caterpillar-Motor, mehr als 400 PS stark, unverkennbar im Klang. Solche Motoren wurden in Kenworth Trucks eingebaut.

Details

Seiten
123
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738942002
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v907466
Schlagworte
debbies flucht trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und Debbies Flucht